Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung/Ursprung der Märchen

Übersicht Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung (1913)
von Antti Aarne
Die Veränderungen in den Märchen
[1]
I. Ursprung der Märchen.

Die Frage nach dem Ursprung der Märchen hat den Märchenforschern viel Anlass zum Nachdenken gegeben. Was sind die Märchen, wo und wann sind sie entstanden, woher rührt das Vorkommen ähnlicher Märchen in verschiedenen Ländern?

Die Beantwortung dieser Fragen erschien denen besonders schwierig, die als die ersten die Märchen wissenschaftlich zu erforschen begannen, den deutschen Brüdern Grimm. Ihre ausführliche Kenntnis der Literatur und ihr tief- und weitgehender Blick erzeugten bei ihnen ganz andere Gedanken über die Märchen als diejenigen, die zu damaliger Zeit gang und gäbe waren und heute noch in dem Publikum vorherrschen, das der Entwicklung der wissenschaftlichen Forschungsarbeit nicht folgt, den von ihr gewonnenen Ergebnissen fernsteht. Man hielt die Märchen „für wunderliche Erzählungen, wie sie sich Mütter und Wärterinnen erdenken, um damit die Kinder zu unterhalten. Es sind leichte, regellose Machwerke einer spielenden Einbildungskraft. Ein jeder kann dergleichen machen, welcher diese Kraft besitzt. Wenn sie aber gut erzählt werden, so können wohl auch Erwachsene daran Gefallen finden“. Mit diesen Worten hat im Jahre 1864 der Österreicher J. G. von Hahn[1] die populäre Auffassung geschildert.

Den Grund zur Märchenforschung legten die Brüder Grimm durch ihre bekannte Märchensammlung „Kinder- und [2] Hausmärchen“, die im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts erschien. Ihre Gedanken über den Ursprung der Märchen haben sie teils in den an die Sammlung anknüpfenden „Anmerkungen“, teils anderswo dargestellt.

Die grimmsche Märchensammlung unterscheidet sich von den früheren ähnlichen Sammlungen dadurch, dass darin die Volkserzählungen in der Form, wie sie aus dem Munde des Volkes gekommen waren, ohne absichtliche Veränderungen beibehalten werden sollten. Das Bestreben der Brüder Grimm, die Märchen in der volkstümlichen Form zu erhalten, fliesst aus der Auffassung her, die sie von den Märchen hatten. Sie setzten nämlich die Märchen in Zusammenhang mit den alten Mythen. Sie sind, sagten sie, das letzte Echo der alten arischen Mythen und leiten auf diese Weise ihren ersten Anfang aus dem gemeinsamen Urheim der arischen Völker her. Als die Mythen sich bei den verschiedenen Völkern mit der Zeit veränderten und umformten und zuletzt ganz verfielen, entstanden aus den Überresten derselben die Volksmärchen. Die Brüder Grimm schreiben also die Märchen zunächst den arischen Völkern als Eigentum zu, weshalb man die von ihnen vertretene Gedankenrichtung die arische Theorie nennen kann. Über die gemeinsamen äusseren Grenzen der Märchen und ihre Verwandtschaft äussert Wilhelm Grimm u. a.:[2] „Die Grenze wird bezeichnet durch den grossen Volksstamm, den man den indogermanischen zu benennen pflegt und die Verwandtschaft zieht sich in immer engern Ringen um die Wohnsitze der Deutschen, etwa in demselben Verhältnis, in welchem wir in den Sprachen der einzelnen, dazu gehörigen Völker Gemeinsames und Besonderes entdecken.“ Die Wanderung der Märchen von einem Lande zum anderen leugnen die Brüder Grimm jedoch nicht gänzlich, sie halten es sogar in einzelnen Fällen für wahrscheinlich, dass [3] ein Märchen von einem Volke zum andern übergegangen und dann auf dem fremden Boden fest gewurzelt sei.[3]

Um den Wert der Volksmärchen in den Augen derjenigen zu erhöhen, die ihnen wissenschaftliche Bedeutung nicht zuerkennen wollten, findet es Jacob Grimm angezeigt, die wissenschaftliche Behandlung der Märchen zu verteidigen. In der Einleitung zu Felix Liebrecht’s deutscher Übersetzung des Pentamerone äussert er nämlich:[4] „Gegenwärtig bedarf es keiner Entschuldigung dafür, dass diesen merkwürdigen Überlieferungen aller Ernst und alle Genauigkeit des Forschens und Untersuchens zugewandt werde, die wir der Sprache und den Liedern des Volks endlich überhaupt wieder angedeihen lassen. Sie mögen fortfahren, wie sie es lange Zeit hindurch unvermerkt im stillen getan haben, zu erheitern und zu unterhalten; allein sie dürfen jetzt zugleich wissenschaftlichen Wert in Anspruch nehmen, der ihnen viel weitere und allgemeinere Anerkennung sichert.“

Die grimmschen Ansichten über den Ursprung der Märchen gewannen allgemeine Anerkennung. Einer ihrer Anhänger war der schon erwähnte Österreicher J. G. v. Hahn, der nach grimmscher Auffassung das erste Märchentypensystem bildete[5], ferner der bekannte Orientalist Max Müller, der Italiener Angelo de Gubernatis und mit ihnen viele andere, die von dem Standpunkt der Naturerscheinungen das Entstehen der Mythen und der Märchen zu erklären versuchten. Von der Beschaffenheit der letzterwähnten Gedankenrichtung gibt die folgende Deutung André Lefèvre’s über das Rotkäppchenmärchen eine Vorstellung:[6][4] „Die rote Kappe ist das Rot der Morgenröte, und Rotkäppchen selbst ist die Morgenröte. Der Kuchen und der Topf Butter, die sie bringt, weisen vielleicht auf die Opferbrote und die als Opfer dargebrachte Butter. Die Grossmutter ist eine Personifikation der alten Morgenröte, dem sich jede neue anschliesst. Der Wolf ist entweder die verzehrende Sonne oder die Wolke und die Nacht.“ In solchem Phantasiespiel ging man so weit, dass der wissenschaftliche Ernst gänzlich zu verschwinden begann.

Es verging eine lange Zeit, ehe die grimmschen Ansichten auf ernsteren Widerstand stiessen. Im Jahre 1859 stellte der göttinger Sanskritforscher Theodor Benfey in der Einleitung zu der deutschen Übersetzung des Pantschatantra über den Ursprung der Märchen eine neue Auffassung auf, die die Märchen von der ihnen von den Brüdern Grimm gegebenen geheimnisvollen mythischen Hülle befreite und sie mit der Literatur verband. Nach Benfey stammen beinahe alle Märchen aus Indien, wo der Buddhismus sie geschaffen hat – davon der Name indische Theorie – und von dort sind sie hauptsächlich durch die Vermittlung der Literatur über die ganze Welt gewandert. Nur die Tiermärchen, die in den äsopischen Fabeln ältere Vertreter haben als in den indischen, haben sich in entgegengesetzter Richtung bewegt, von Griechenland nach Indien. In ihrer Art waren die indischen Märchen so vorzüglich, dass sie bald die bei den verschiedenen Völkern möglicherweise bekannten ähnlichen Erzählungen verdrängten und leicht nationalisiert wurden. Benfey meint, die Verbreitung der Märchen sei vom 10. Jahrhundert an geschehen, als die islamitischen Völker sich immer mehr mit Indien bekannt zu machen begannen und die indischen Erzählungssammlungen sich durch Übersetzungen in den islamitischen Reichen in Asien, Afrika und Europa und durch sie in dem christlichen Okzident verbreiteten. Nach den Gebieten im Osten und Norden hatten die indischen Märchen schon früher mit der [5] buddhistischen Literatur zu wandern begonnen. Die literarische Verbreitung vermittelten in erster Linie das persische Tuti-Nameh und die arabischen und höchst wahrscheinlich die jüdischen Schriften.[7]

Ähnliche Ansichten scheinen schon früher unter den Forschern bekannt gewesen zu sein. Das beweisen folgende von Jacob Grimm in der Einleitung zu Felix Liebrecht’s Übersetzung des Pentamerone 1846 geäusserte Worte:[8] „Man lasse fahren den Wahn, die Märchen seien an irgendeiner begünstigten Stelle aufgewachsen, und von da auf äusserlich nachweisbarem Weg oder Pfad in die Ferne getragen worden. Das ist jetzt schon durch sorgfältige Sammlungen widerlegt.“

Benfey’s Auffassung gewann leicht an Boden, besonders unter den eigentlichen Märchenforschern, die schon aufzutauchen begannen. Die bemerkenswertesten seiner Anhänger sind Reinhold Köhler und Em. Cosquin. Der erstere betonte die Wichtigkeit der Behandlungsweise, die die einzelnen Märchen in der Zeit so weit als möglich zurückverfolgen wollte, und dachte, dass man auf diese Weise immer nach Indien komme. Der letztere ging so weit, dass er schon die Existenz der modernen indischen Parallellen für genügend hielt, den indischen Ursprung zu beweisen.

Gegen die benfeysche Auffassung vom Entstehen der Märchen in historischer Zeit erhob sich unter den Anthropologen eine andere, die ihren Ursprung in die frühesten Zeiten der Völker verlegte. Die Hauptvertreter dieser sog. anthropologischen Theorie sind die englischen Gelehrten E. B. Tylor und besonders Andrew Lang. Tylor war in seinen Forschungen auf dem Gebiete der menschlichen Sitte und des menschlichen Glaubens zu der Erfahrung gelangt, dass die ältesten religiösen Grundsätze, z. B. die Auffassungen von dem gegenseitigen Verhältnis des Körpers und [6] der Seele, von den Geistern u. a. bei allen Völkern die gleichen waren, ohne dass man von dem Einfluss eines Volkes auf das andere sprechen konnte. Nach diesen Gründen schliessen die Anthropologen: da die ursprüngliche Denkart, der Glaube und die Phantasie bei allen Völkern sehr ähnlich sind, folgt daraus, dass in verschiedenen Gegenden selbständig ähnliche Märchen entstanden sind. Die gleichen seelischen Voraussetzungen erzeugen ja gleiche Produkte. Die Übereinstimmung der Märchen bei den verschiedenen Völkern braucht also nicht auf eine gegenseitige Abhängigkeit oder Entlehnung hinzudeuten, sondern sie ist ein Ergebnis des mehrmaligen Entstehens der Märchen.

Es zeugt von dem Fernblick der Brüder Grimm, dass sie schon in ihrer Zeit die Möglichkeit auch derartiger Ansichten bemerkten. Wir wollen mit dem Vorangehenden folgende aus dem dritten Bande der „Kinder- und Hausmärchen“ entnommene Worte vergleichen:[9] „Es giebt aber Zustände, die so einfach und natürlich sind, dass sie überall wiederkehren, wie es Gedanken giebt, die sich wie von selbst einfinden, es konnten sich daher in den verschiedensten Ländern dieselben oder doch sehr ähnliche Märchen unabhängig von einander erzeugen: sie sind den einzelnen Wörtern vergleichbar, welche auch nicht verwandte Sprachen durch Nachahmung der Naturlaute mit geringer Abweichung oder auch ganz übereinstimmend hervorbringen.“ Neben der Hauptauffassung der Brüder Grimm wurden diese ihre Gedanken jedoch weniger beachtet.

Von diesen drei für die Erklärung des Ursprungs der Märchen eingetretenen Hauptrichtungen hat die grimmsche heute nur wenig Bedeutung mehr, zu der benfeyschen bekennen sich noch einzelne Forscher, obgleich die Einseitigkeit der Ansichten Benfeys stark gemildert werden [7] musste, die neueste, englische dagegen hat noch viele Anhänger.

Gegen alle diese Theorien sind Einwände erhoben worden.

Was zuerst die grimmschen Ansichten betrifft, reicht die von ihnen dargestellte Herleitung der Märchen von ihrem ersten Ursprung aus der Urheimat der arischen Völker keineswegs hin, die Übereinstimmung zu erklären, die zwischen den Märchen der verschiedenen Länder besteht. Wenn diese Übereinstimmung in dieser Weise entstanden wäre, würde sie sich in keinem Falle weiter als auf den Grundgedanken oder die Hauptzüge der Erzählung erstrecken. Jetzt bemerkt man jedoch oft auch in den unbedeutendsten Nebenumständen Ähnlichkeiten, und die Zusammenstellung langer, komplizierter Erzählungen ist in verschiedenen Ländern dieselbe.

Die grimmsche Ansicht, dass die Märchen besonders den indogermanischen Völkern zugehören, kann in unserer Zeit keinen Glauben mehr finden. Die enorm angewachsenen volkstümlichen Märchenvorräte und die vorgeschrittene Forschung haben unwiderleglich bewiesen, dass die Märchen nicht nur den indogermanischen Völkern zugehören, sondern dass man dieselben Märchen bei den verschiedensten Völkern antreffen kann. Wenn die Brüder Grimm die Forschungsmittel unserer Zeit zur Verfügung gehabt hätten, wäre ihr Gedanke von dem Indogermanismus der Märchen nie entstanden. Sie bezweifelten auch selbst teilweise die Dauerhaftigkeit dieser Ansicht, wie wir aus folgenden Worten Wilhelm Grimm’s entnehmen können:[10] „So gewiss für jetzt die angegebene Grenze gilt, so ergiebt sich vielleicht, wenn noch andere Quellen sich aufthun, die Notwendigkeit einer Erweiterung, denn mit Erstaunen erblickt man in den Märchen, die von den Negern in Bornu und den Betschuanen, [8] einem Wandervolk in Südafrika, bekannt geworden sind, einen nicht wegzuleugnenden Zusammenhang mit deutschen, während ihre eigentümliche Auffassung sie wiederum von ihnen trennt.“

Die benfeysche Theorie zeigt einen grossen Fortschritt darin, dass sie die Übereinstimmung der Märchen in den verschiedenen Ländern auf gegenseitige Entlehnung zurückführt. Nach ihr haben die Märchen einen bestimmten Geburtsort, von dem sie sich anderswohin verbreitet haben. Ein offenbarer Irrtum aber ist es, die Heimat beinahe aller Märchen nach Indien zu verlegen. Der Umstand, dass in Indien in alten Zeiten viele Märchen bekannt und beliebt waren, berechtigt nicht zu dieser Annahme. Warum sollten wir bei anderen Völkern die Fähigkeit der Märchenschöpfung leugnen? Die Sache wurde umso bedenklicher, als Benfey den Tiermärchen eine Ausnahmestellung zuwies, indem er sie aus Griechenland herleitete. Hiergegen hat man mit Recht bemerkt, dass es widersinnig sei, den Griechen die Schöpfung der einen Märchenart zuzuerkennen, sie ihnen aber auf anderen Gebieten abzusprechen. Die benfeysche Ansicht über den indischen Ursprung der Märchen hat alle ihre Bedeutung verloren, nachdem die Forschung erwiesen hat, dass viele Märchen anderswo als in Indien entstanden sind.

Unrichtig ist bei Benfey auch die zu grosse Bewertung der Literatur bei der Verbreitung der Märchen. Dazu verleitete ihn wahrscheinlich die Reichlichkeit der alten indischen Märchenliteratur, als deren Gegengewicht man das volkstümliche Märchenmaterial zu seiner Zeit noch ziemlich wenig kannte. Es ist eine sehr natürliche Bemerkung, dass die ältere literarische Existenz der indischen Märchen noch nicht bedeutet, dass diese schriftlichen Bearbeitungen die Urquelle der Märchen wären, welche in anderen Ländern als volkstümliche Erzählungen bekannt sind. Die letzteren haben, wer weiss wie lange, in dem Munde des Volkes [9] gelebt. Und ausserdem hat die Forschung über die einzelnen Märchen festgestellt, dass das volkstümliche Märchen gewöhnlich eine ältere Märchenform repräsentiert als die indischen oder beliebige andere literarische Bearbeitungen und dass der Forscher darum sein besonderes Augenmerk auf das volkstümliche Märchen zu richten hat.

Was wiederum die anthropologische Theorie anbelangt, enthält sie unbestreitbar viel Anregendes und theoretisch wohl Durchdachtes, und auf bestimmten Forschungsgebieten hat sie ohne Zweifel eine grosse Bedeutung, aber die Frage nach dem Ursprung der Märchen ist sie nur in sehr geringem Masse imstande zu beleuchten. Es ist zwar möglich, dass bei den Völkern, die im Naturzustande leben, ähnliche Gedanken und Phantasiebilder entstehen. Das Gefühl von dem Unterschied zwischen dem Menschen und dem Tiere ist z. B. so unbestimmt, dass man den Menschen selbständig in verschiedenen Gegenden in einen näheren Zusammenhang mit dem Tiere, ja sogar mit einem leblosen Gegenstand setzen kann, er wählt ein Tier zu seiner Gemahlin, man denkt sich den Übergang der Seele aus dem Menschen irgendwohin usw., aber von hier ist es noch ein weiter Weg zu den Märchen. Die Märchen sind keine primitiven Vorstellungen und Phantasiebilder, und die Übereinstimmungen zwischen den Märchen der verschiedenen Länder beschränken sich nicht auf einen solchen Zug allgemeiner Art, sondern erstrecken sich, wie in der Besprechung der grimmschen Ansichten schon erwähnt wurde, einerseits auf Einzelheiten der Erzählung, bisweilen sogar auf den Ausdruck und andererseits auf das Ganze der Erzählung. Eine derartige Übereinstimmung kann nicht so entstanden sein, wie sie die anthropologische Ansicht erklärt. Nehmen wir einige Beispiele. Wie wäre es möglich, dass aus der ähnlichen primitiven Denkart und Phantasie der Naturvölker folgte, dass z. B. in dem Zauberringmärchen sowohl in Indien als in Finland die zu tötenden Tiere, Katze und Hund, [10] mit Geld freigekauft werden, die gerettete Schlange ihren Retter zu ihrem Vater geleitet, damit er die Belohnung, den Stein (Ring), bekomme, dass die Maus (Ratte) als Mithelferin der Katze und des Hundes ihren Schwanz in den Mund des Entwenders des Rings steckt, um ihn den Ring auf den Boden ausspucken zu lassen, dass die Katze bei dem Überschwimmen des Wassers auf dem Hunde sitzt usw. Und wie könnte die Zusammenstellung einer so komplizierten Erzählung sich mehrmals in gleicher Weise bilden. Und ebenso schwer lässt es sich denken, dass auch kürzere Geschichten wie das Fischen des Bären mit dem Schwanze oder das Erbeuten der Fische durch den Fuchs mit allen ihren übereinstimmenden Einzelheiten mehr als ein Mal entstanden wären.

Neben diesen Hauptrichtungen erwähne ich besonders die Ansichten Kaarle Krohn’s, zu denen er durch seine Tiermärchenforschungen[11] gelangt ist. Krohn stellt sich auf den benfeyschen Standpunkt darin, dass die Märchen erst Ergebnisse der historischen Zeit sind, aber er widersetzt sich ihrer Verbreitung hauptsächlich durch die Vermittlung der Literatur und betont dagegen die grosse Bedeutung der volkstümlichen Märchen und deren ältere Existenz neben den literarischen Bearbeitungen. Was das Schaffen der Märchen anbelangt, räumt er den verschiededen Völkern ihren Anteil daran ein. „Ebenso wenig wie unsere Kultur“, äussert er darüber in der Vorrede zu dem Werke „Mann und Fuchs“[12], „ausschliesslich einer Nation und einer Rasse zu verdanken ist, sind die Volksmärchen aus der genialen Tätigkeit eines einzigen Volkes entstanden. Sie sind vielmehr das durch vereinte Arbeit erworbene gemeinsame Eigentum der ganzen mehr oder weniger civilisirten [11] Welt und somit ein Gegenstand der internationalen Wissenschaft.“

Die auf ein reiches Material gegründeten Forschungen Krohns und die von ihm entwickelte Forschungsmethode haben das richtige Verständnis der Märchen wesentlich geklärt.

Noch manche anderen Gedanken sind vorgebracht worden über den Ursprung der Märchen und über die unlöslich damit verbundene Frage, wie die Übereinstimmung zwischen den Märchen der verschiedenen Länder zu begreifen ist. Insbesondere in den späteren Zeiten, als der Märchenforschung eine grössere Aufmerksamheit zuteil wurde, sind diese Fragen oft berührt worden. Meines Erachtens haben die Forscher jedoch selten etwas Neues vorgebracht, zumeist haben sie nur verschiedene Seiten der schon erwähnten Hauptauffassungen entwickelt und vervollständigt. Auf eine eingehende Wiedergabe der Ansichten verzichte ich deswegen hier und werde meine Aufmerksamkeit nur einigen, öfters hervorgetretenen Gedanken zuwenden.

Bei der Ermittlung des Ursprungs der Märchen geht man mitunter von der Auffassung aus, dass die Märchen nicht immer so gewesen sind, wie sie heutzutage vorkommen, sondern dass ursprünglich im fernen Altertum nur einzelne Märchenzüge, sog. Märchenmotive existiert haben, die sich dann durch ziemlich willkürliche Mischung und Verbindung zu Ganzen, zu Märchen geformt haben. Diese Ansicht spiegelt sich in der von A. Rittershaus in ihrer als Einleitung zu der Sammlung „Die neuisländischen Volksmärchen“ gegebenen Untersuchung wieder.

Dergleichen Ansichten leiten sich von mangelhaftem Vertrautsein mit den Märchen her. Wenn man von der Voraussetzung ausginge, dass anfangs nur Erzählungsmotive existiert hätten, die dann willkürlich miteinander verbunden wurden, welche Verwirrung wäre die Folge davon? Zu den Märchen, wie wir sie jetzt kennen, gelangten wir auf diese Weise nicht. Oberflächlich gesehen können [12] die Märchen wie eine Strähne verwirrten Garnes erscheinen, durch welche zu dringen unmöglich ist, aber der ernste Forscher erkennt sie bald als stehende Erzählungen, die in dem Munde des Volkes nebeneinander leben. Sie beeinflussen sich zwar gegenseitig, vermischen und verwickeln sich, bald verengern sie die vollständige Form, bald erweitern sie sich wieder usw., aber eine Eigentümlichkeit der Märchen ist es, dass sie in ihren einzelnen Zügen und Teilen Schwankungen zeigen, während der Stamm der Erzählung derselbe bleibt. Dies kommt daher, dass sie von Anfang an in ihrer Komposition bestimmte Erzählungen gewesen sind, deren ursprüngliche Form man ausfindig machen kann. Und dass die Sache sich so verhält, hat die auf zahlreiche volkstümliche und ältere literarische Varianten gegründete vergleichende Forschung unwiderleglich festgestellt.

Beispiele davon, wie in den Märchen, von den in ihren einzelnen Teilen geschehenen Formveränderungen abgesehen, der Stamm der Erzählung sich doch erhält, ergibt uns jedwede vergleichende Märchenforschung. Das Märchen lebt ein Jahrhundert nach dem anderen in seinen Hauptzügen unverändert. Es kommt z. B. niemand in den Sinn zu bezweifeln, dass das im persischen Tuti-Nameh von Nachschebi befindliche, aus der volkstümlichen Überlieferung sich herleitende Zaubervogelmärchen dasselbe ist wie das in den verschiedenen Teilen von Europa und Asien gegenwärtig im Munde des Volkes lebende gleiche Märchen. Nachschebi’s Tuti-Nameh stammt aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts n. Chr. Also hat das 600-jährige Leben im Munde des Volkes das Märchen in seinen Grundteilen nicht verändert.

Jedes Märchen ist also ursprünglich eine feste Erzählung, die nur einmal an bestimmter Stelle und zu bestimmter Zeit entstanden ist. Dieser Gedanke ist einer der Grundgedanken der Märchenforschung. Unter denjenigen, die ihn leugnen, ist man bisweilen dahin gekommen, die Möglichkeit [13] aller Märchenforschung zu bezweifeln, wenigstens wo sie sich bestrebt, die Ursprungsschicksale des Märchens zu bestimmen. Zu diesem Standpunkt ist u. a. A. Rittershaus gelangt. In der erwähnten Untersuchung über den Ursprung der Märchen äussert sie u. a.:[13] „Wann und wo diese Märchen entstanden, ist dann eine Frage, die wir wohl nie werden beantworten können, da ihre Entstehungszeit oft in eine Zeit zurückreichen mag, in die der Menschengeist nicht vordringen kann. Speziell die Märchen mit all ihren wunderbaren Geschehnissen reichen vielleicht noch in die Zeit, da die junge Menschheit sich noch im ersten Kindheitszustande befand und von ihr alle Naturobjekte als beseelte und belebte Wesen aufgefasst wurden und wo die Märchen, wie heute noch für unsere Kinder, die erste Form der Erzählungen waren.“

Was die Zurückführung der Märchen in die primitivsten Zeiten der Völker betrifft, ist sie offenbar falsch. Der ganze Bau der Märchen beweist, dass sie sich nicht in allerprimitivsten Verhältnissen gebildet haben, sondern Erzeugnisse der geschichtlichen Zeit sind. Es seien z. B. viele in ihnen vorkommende spätere Begriffe, kulturelle Tiere u. a. bemerkt. Ich meine natürlich die der Erzählung ursprünglich angehörenden Züge und nicht die später hinzugekommenen oder durch Modernisierung eines alten Begriffes oder Gegenstandes entstandenen Bildungen, die hier keine Bedeutung haben können. Den späteren Ursprung der Märchen beweist auch der Umstand, dass man sie nicht bei den auf einem niedrigeren Standpunkt stehenden Völkern als autochthon antrifft, sondern als anderswoher gekommen. Die finnisch-ugrischen Völker in Russland z. B. haben ihre Märchen von den Russen. Die Märchen unterscheiden sich in dieser Beziehung von den Sagen. Die Sagen sind älter [14] als die Märchen und alle, auch die niedrigsten Völker, haben sie geschaffen. „Die Sagen sind alles in allem viel altertümlicher als die Märchen; die Sagen sind nämlich kunstlos und einfach“, sagt Friedrich v. d. Leyen.[14]

Wenn sich die Märchen aber ursprünglich aus der geschichtlichen Zeit herleiten, wie sind dann die in die Urzeiten der Völker hindeutenden Denkweisen zu verstehen, deren Vorkommen in den Märchen niemand leugnen kann?

Friedrich v. d. Leyen äussert folgende, zutreffende Worte:[15] „Wir müssen in unserer Untersuchung streng unterscheiden zwischen Märchenmotiv und Märchen. So seltsam das klingt, so vergassen und vergessen noch die Forscher nichts öfter, als gerade diese einfachste der Tatsachen. Hätte man sich immer an sie erinnert, so wäre eine ganze Reihe von Theorien und wissenschaftlichen Fehden gar nicht entstanden; denn diese beruhten zum grössten Teil auf der Verwechslung von Märchenmotiv und Märchen.“

Es ist unleugbar, dass jene uralten „Märchenmotive“ das richtige Verständnis der Märchen ganz wesentlich erschwert haben. Daraus, dass sie Reste aus sehr alten Zeiten sind, folgt nicht, dass es so auch mit den Märchen sei. Zu diesen uralten Motiven gehören nämlich nur einige Einzelzüge der Märchen, viele andere und zwar der grösste Teil von ihnen weisen auf spätere Zeiten hin. Die Sache verhält sich einfach so, dass die Märchen selbst aus der geschichtlichen Zeit stammen, aber bei ihrer Zusammensetzung wurden auch aus alten Zeiten ererbte Begriffe und Sitten in Anwendung gebracht. Es ist kaum glaublich, dass der Verfasser des Märchens diese altertümlichen Vorstellungen auch nur für wahr gehalten oder es mit seiner Erzählung immer ernst gemeint habe. Die Märchen sind wahrscheinlich schon von Anfang an zum [15] grössten Teil mit der Absicht Vergnügen zu bereiten abgefasst worden, und die Auffassung ist falsch, dass man sie in den alten Zeiten anfangs ernst genommen habe, wie es heutzutage unter den Kindern der Fall ist, und sie erst später Vergnügens halber zu erzählen begonnen hätte.

Einige von den Freunden der anthropologischen Auffassung, die zwar der Wanderung der Märchen von einem Volke zum anderen eine grössere Bedeutung zuerkennen als die Gründer der Schule, versuchen den Wert der Entlehnung durch die Behauptung zu vermindern, dass viele Ähnlichkeiten, in welchen die Forscher Entlehnungen vorausgesetzt haben, ihr Entstehen dem Zufall verdanken. In diesem Sinn äussert sich u. a. A. Forke in seinem Werke „Die indischen Märchen“ (1911). Im Leben kommen viele Übereinstimmungen vor, erklärt er, die auf Zufall beruhen. Es gibt Fälle, wo die Denker, ohne von einander zu wissen, gleiche Konzeptionen gehabt haben, ein chinesischer Philosoph und ein indischer Weiser haben z. B. über das menschliche Leben solche Anschauungen ausgesprochen, dass der grösste Teil des Lebens von der Kindheit, dem Alter und dem Schlafe ausgefüllt wird und den Rest noch Schmerz, Krankheit und Sorge stören. Ebenso sind in den Märchen viele Ähnlichkeiten entstanden; so z. B. die Übereinstimmung in der äsopischen Fabel vom Fuchs, der, nachdem er das Herz des getöteten Hirsches gefressen, zum Löwen sagt, der Hirsch habe gar kein Herz gehabt, und in dem Märchen vom Drachentöter, wo der als Retter der Königstochter auftretende Marschall behauptet, die Drachen hätten überhaupt keine Zunge – er hat die Zungen herausgeschnitten und mitgenommen – entstammt dem Zufall. Es ist wahr, dass man in den Märchen bisweilen auch zufällige Ähnlichkeiten trifft, und Forke’s Folgerungen können theoretisch betrachtet zutreffend erscheinen, aber in Wirklichkeit verschwindet ihre Bedeutung fast gänzlich. Es ist nämlich zu bemerken, dass der erfahrene Forscher ziemlich leicht [16] die zufälligen Ähnlichkeiten von den aus Entlehnungen herfliessenden unterscheidet. Einzelne Fälle, in denen dem Forscher die Beschaffenheit der Ähnlichkeit nicht bewusst wird, beeinflussen die Hauptsache sehr wenig. Und ausserdem ist immer zu bedenken, was schon klargelegt wurde, dass die Märchen ganze Erzählungen sind, und wenn von Ähnlichkeiten die Rede ist, sind sie als Erzählungen zu behandeln und nicht als einzelne Züge oder Episoden. Jeder Zug und jede Episode hat ursprünglich ihren Platz in einem bestimmten Märchen, aus dem sie sich bisweilen gelöst haben können, und in diesem Sinn ist von ihnen zu sprechen. Und von der in den ganzen Erzählungen sich bemerkbar machenden Ähnlichkeit sagt auch Forke: „Dann ist an einem Zusammenhang kaum zu zweifeln“.

Wo und wann die Märchen entstanden[WS 1] sind, hat in jedem einzelnen Falle die Spezialuntersuchung zu ermitteln. Bei der Kritik der benfeyschen Ansichten sahen wir, dass Indien nicht die Heimat aller Märchen sein kann, und ebenso wenig ist es ein anderes einzelnes Land. Märchen sind offenbar in verschiedenen Gegenden entstanden. Dass einige von ihnen aus Indien stammen, möchten auch die eifrigsten Gegner der indischen Theorie nicht leugnen. Eine bewiesene Sache ist auch, dass Märchen in Europa entstanden sind. Der Entstehungsort von Märchen, die ausschliesslich in Europa angetroffen werden, z. B. der Märchen „die Tiere im Nachtquartier“, „die drei Zaubergegenstände und die wunderbaren Früchte“, „Titeliture“ (Mt. 500) u. a. ist gewiss in unserem Erdteile zu suchen. Die einzelnen ausserhalb Europas, z. B. in Amerika, begegnenden Varianten, sind deutlich in späterer Zeit von Europa herübergekommen. Einige Abenteuer des dummen Bären und des schlauen Fuchses, z. B. das Fischen mit dem Schwanze, sind ihrem Ursprung nach als nordeuropäisch erwiesen worden.

Obgleich aber Märchen in verschiedenen Gegenden [17] verfasst worden sind, ist es doch nicht wahrscheinlich, dass sie überall entstanden seien. Ich glaube, dass sie zum grössten Teil an bestimmten Orten zustandegekommen sind. Einige Völker und Gegenden haben besondere Voraussetzungen für das Schaffen von Märchen gehabt. Einen solchen für die Entstehung der Märchen günstigen Erdboden hat der Orient und vor allem das vielbesprochene Indien gehabt. Meine Auffassung ist, dass Indien, dem einige für die Entstehung der Märchen beinahe alle Bedeutung haben absprechen wollen, doch einen bemerkenswerten Anteil an ihrer Schöpfung hat. Die Reichhaltigkeit der alten indischen Märchenliteratur zeigt, dass die Märchen in Indien sehr beliebt waren. Im Hinblick darauf scheint es sehr natürlich, dass die Indier Märchen auch verfasst haben. Es ist falsch, sie in Benfey’s Art aus der buddhistischen Literatur herzuleiten, aber die volkstümlichen Vorbilder, auf welche sich die schriftlichen Bearbeitungen gründen, können die ursprünglichen Formen der Erzählungen vertreten. Es sei jedoch hervorgehoben, dass eine solche Frage nicht auf einmal definitiv entschieden werden kann. Der Anteil der verschiedenen Völker an der Märchenschöpfung wird sich erst dann aufklären, wenn zuerst die Schicksale und der Entstehungsort jedes einzelnen Märchens durch Spezialuntersuchungen bestimmt worden sind. Reinhold Köhler und andere, die mit ihm die einzelne Märchen betreffende Behandlungsart betonten, haben die künftige Forschung auf den richtigen Weg hingewiesen.

Die Vorzüglichkeit der morgenländischen Märchen wird auch daraus ersichtlich, dass nach ihnen und durch Stoffanleihen bei denselben in Europa, wie es scheint, neue Märchen zusammengesetzt worden sind, die den hiesigen Verhältnissen besser entsprechen. Ein solches ist das Märchen „die Tiere im Nachtquartier“, dessen Vorbild das morgenländische Märchen von den auf der Reise befindlichen Hausgeräten gewesen ist, und ebenso das europäische [18] Fortunatusmärchen. Sowohl die Haupthandlung als einige einzelne Züge des letztgenannten kommen in den alten morgenländischen Märchen vor.[16]

Ebenso wie einige Völker grössere Voraussetzungen für das Schaffen von Märchen gehabt haben, so hat es sich augenscheinlich mit einigen Zeitepochen verhalten. In Indien hat es wahrscheinlich in älteren Zeiten besondere märchenerzeugende Epochen gegeben. In Europa scheint das Mittelalter eine solche gewesen zu sein. Die künftige Forschung wird wahrscheinlich viele von den in Europa entstandenen Märchen als mittelalterlich erweisen. Der abergläubische Geist des Mittelalters, das Geheimnisvolle und der Mystizismus desselben sind geeignet gewesen, das Entstehen der an die Wirklichkeit sich wenig kehrenden Märchen zu begünstigen.

Die einzelnen Märchen können also ihrem Alter nach sehr verschieden sein. Ein ägyptischer Papyrusfund beweist, dass das Märchen von 2 Brüdern und deren Abenteuern (Mt. 303) in Ägypten schon um 1300 v. Chr. bekannt war, und der Grieche Herodotos erzählt das bekannte Rampsinitmärchen (Mt. 950) schon im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Andere Märchen wieder stammen aus verhältnismässig späteren Zeiten. Die meisten neuen Märchen sind Schwänke.

Die weitere Verbreitung eines Märchens von seinem Entstehungsorte aus konnte durch die mündliche Erzählung und durch die Vermittlung der Literatur stattfinden. Dass die Märchen sich mündlich verbreiten, beweist unleugbar die Tatsache, dass die Märchenvorräte zweier Nachbarvölker einander mehr gleichen als diejenigen solcher Völker, die weiter voneinander wohnen. Die mündliche Verbreitung der Märchen leugnet kaum jemand mehr. Leicht bemerkt man auch in ihrer Verbreitung den Einfluss der Literatur. [19] So haben solche in vielen Sprachen veröffentlichte, allgemein benutzte Bücher wie „Tausend und eine Nacht“ und die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm die Verbreitung und Verallgemeinerung einiger Märchen augenscheinlich befördert. Eine grössere Bedeutung aber hat die Literatur für die Verbreitung der Märchen nicht gehabt. Vor der Erfindung der Buchdruckerkunst muss deren Einfluss sehr unbedeutend gewesen sein. Man erinnere sich, dass die Bücher in den älteren Zeiten sehr selten waren, und dass auch lange nach der Erfindung des Buchdrucks die Kunst des Lesens wenig verbreitet war. Inbezug auf einzelne Märchen hat die Forschung nachgewiesen, dass man in dem volkstümlichen Märchen nichts oder sehr wenig von einem Einfluss der älteren literarischen Varianten merkt. In der neuesten Zeit sind die Voraussetzungen für die literarische Verbreitung der Märchen viel grösser gewesen, und eine solche ist auch in grösserem Masse erfolgt als früher, obgleich nicht in dem Grad wie manche erwarten möchten. Der Schwede A. Ahlström ist durch seine Forschungen zu der Überzeugung gekommen, dass in den schwedischen Märchen bis in das letzte Jahrhundert kaum der geringste literarische Einfluss zu bemerken ist. Als Hyltén-Cavallius und Stephens um 1840 ihre grosse Märchensammelarbeit ausführten, war von der schwedischen Volksbücher-Literatur fast keine Spur in dem volkstümlichen Märchenschatz zu finden. Aus den allerletzten Zeiten hat er öfters Aufzeichnungen bemerkt, die sich unmittelbar oder mittelbar aus Büchern herleiten.[17] Hauptsächlich zu demselben Ergebnis, glaube ich, kommt die Forschung auch anderswo.

Die Verbreitung der Märchen hat durch Jahrhunderte hindurch stattgefunden und geschieht noch jetzt in erster Linie auf mündlichem Wege. Die Märchen wandern im [20] Volke so leicht, und sie hängen nicht von der Verschiedenheit der Sprachen ab. Die Sprachgrenze bringt das Wandern der metrischen Erzeugnisse des Volksgeistes zum Stehen oder erschwert es wenigstens sehr, aber das Wandern des ungebundenen Märchens hindert sie kaum. Für die Verbreitung der Märchen bedarf es nur des gegenseitigen Verkehrs der Individuen und der Völker. Ebenso wie sie in einunddemselben Volke von einer Persönlichkeit zur anderen übergehen, ebenso bringt der nähere Verkehr zwischen den Völkern sie von einem Volke zum anderen. Was das verschieden häufige Vorkommen einzelner Märchen und ihr weiteres oder engeres Verbreitungsgebiet betrifft, hängt dies teils von dem Alter des Märchens, von seiner Wanderungszeit, aber auch viel von seiner eigenen Beschaffenheit ab. Weil die Märchen als Mittel zur Erheiterung gebraucht werden, ist es natürlich, dass die unterhaltenden Märchen, von denen die Hörer mehr angezogen werden, sich schneller als die trockenen verbreiten. Das Märchen „die Tiere im Nachtquartier“ ist offenbar durch seinen fröhlichen Ton in den verschiedenen Ländern Europas so allgemein geworden, während das verwandte Märchen von den auf der Reise befindlichen Hausgeräten sich mit einer viel unbedeutenderen Verbreitung zufrieden geben musste. Die Anziehungskraft des Inhalts hat auch die Märchen von dem Manne, der sagte, er komme aus dem Paradies (Paris) (Mt. 1540), von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten u. a. zu den häufigsten Märchen Europas gemacht.

Gegen die mündliche Verbreitung der Märchen ist mitunter die Behauptung aufgestellt worden, dass dasselbe Märchen bei zwei weiter voneinander lebenden Völkern vorkommen, hingegen bei dem zwischen ihnen wohnenden Volke fehlen kann. Diese Erscheinung beweist jedoch nichts in Bezug auf die Verbreitung der Märchen, denn sie beruht fast immer auf dem Mangel an Sammlungen und ist [21] mit dem Fortschritt der Sammelarbeit immer seltener geworden. Möglich ist in einzelnen Fällen auch, dass das Märchen bei dem zwischenwohnenden Volke in Vergessenheit geraten ist.

Wenn man von der Verbreitung der Märchen spricht, werden oft die geschichtlichen Völkerwanderungen als Zeugnisse genommen. Eine grosse Bedeutung pflegt man z. B. dem bekannten Einfall der Mongolen in Russland zuzuschreiben, wo sie für längere Zeit wohnen blieben. Es ist natürlich, dass derartige Ereignisse die Übertragung der Märchen von Volk zu Volk vermitteln konnten. Wenn man aber andererseits die grosse Leichtigkeit in der Wanderung der Märchen in Betracht zieht, sind die Wanderungen der Völker meines Erachtens mit Vorsicht als Zeugnisse anzuwenden. So verhält es sich besonders, wenn sie in den älteren Zeiten vor sich gegangen sind, denn die Märchen haben Zeit gehabt, im Laufe der Jahrhunderte weite Wege von Mund zu Mund selbst zu wandern, und ausserdem fällt es dem Forscher gewöhnlich schwer zu ermitteln, was für Märchen das in jedem Fall in Frage kommende Volk beim Antritt seiner Wanderung gekannt hat, was doch notwendig ist, ehe die Übersiedlung Beweiskraft haben kann. Mehr Bedeutung haben die späteren ähnlichen Erscheinungen. So hat man inbezug auf die finnischen Märchen Zeitbestimmungen gewonnen durch die um 1600 geschehene Übersiedlung von Savolaxern nach Schweden, vor allem nach der Landschaft Wermland, wo sie sesshaft blieben.

Die Märchen bilden eine Schicht von Erzählungen, die von einem Orte zum anderen wandernd, in der Erinnerung des Volkes fortlebt. Sie wird von den an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten entstandenen einzelnen Erzählungen gebildet, die in ihrer Art mit der Literatur vergleichbare Erzeugnisse sind. Ursprünglich gehören die Märchen augenscheinlich alle dem alten Kontinent an, [22] obgleich sie durch Übertragung teils auch ausserhalb desselben bekannt werden konnten. Ihre leichte Wanderung leitet sich aus ihrer von Ort und Zeit unabhängigen Beschaffenheit her, die sie überall anpassungsfähig und willkommen macht. Neue Märchen können auch noch entstehen, obgleich die Phantasie des Volkes im allgemeinen beschränkt ist, sie schafft in unserer Zeit sehr selten etwas vollständig Neues.

Die Märchen haben ihren eigenen Inhalt, der von dem der anderen Volkspoesie durchaus verschieden ist. Selten haben sie und die anderen Erzeugnisse der Volkspoesie sich miteinander vermischt. Es gibt einzelne Fälle, in denen ein Märchenmotiv als eine örtlich und zeitlich gebundene Sage oder als Lied in gebundener Form erscheint. Ein Märchenerzähler kann bisweilen seine Erzählung mit einem Spruche verschönern. Es ist auch nicht unmöglich, einem Rätsel mit dem Märchen verbunden zu begegnen. In einigen Märchen bildet das Erraten des Rätsels einen wesentlichen Teil der Erzählung. Alles dies sind jedoch Ausnahmefälle. Mehr Aufmerksamkeit verdient in der Erforschung der Märchen nur das Vorkommen der Märchenmotive in den alten Volksepen.

Man hat oft die Märchenforschung als Nebensache mit irgendeinem anderen Forschungsgebiet vereinigen wollen. Das hat man von der ersten Zeit der Forschung an getan und tut es noch heute. Die Freunde der grimmschen Schule sind meistens Mythologen und Linguisten, die der benfeyschen Schule Literaturhistoriker und die der englischen Schule Anthropologen gewesen. Daher haben sich viele von den Einseitigkeiten und Irrtümern hergeleitet, welche in der Forschung der Märchen vorgekommen sind. Die Märchen bilden ein besonderes Forschungsgebiet mit eigenem Inhalt und eigenen Forschungsmethoden, und sie müssen selbständig untersucht werden, wobei natürlich die Beziehungen des Forschungsgebiets zu einigen anderen nahestehenden Wissenschaftszweigen in Betracht zu ziehen ist.


  1. Hahn v., J. G., Griechische und albanesische Märchen I (1864), Einleitung S. 1.
  2. Grimm, KHM (Reclam) III S. 435.
  3. Grimm, KHM (Reklam) III S. 428.
  4. Liebrecht, Pent. (1846) I S. VIII; in H. Floerkes neuer Bearbeitung (1909) S. IX.
  5. Hahn v., J. G., Griechische und albanesische Märchen I (1864), Einleitung.
  6. Martens, Charles, L’origine des contes populaires (1894) S. 27 u. Forke, A., Die indischen Märchen (1911) S. 24.
  7. Benfey, Th., Pantschatantra I (1859), Vorrede XXI ff.
  8. Liebrecht, Pent. (1846) I S. IX; in H. Floerkes neuer Bearbeitung (1909) S. X.
  9. Grimm, KHM (Reclam) III S. 427.
  10. Grimm, KHM (Reclam) III S. 435.
  11. Krohn, K., Bär (Wolf) und Fuchs, eine nordische Tiermärchenkette (Journal de la Société Finno-ougrienne VI 1889), und Mann und Fuchs (1891).
  12. Krohn, K., Mann und Fuchs S. 10.
  13. Rittershaus, A., Die neuisländischen Volksmärchen (1902) S. XLIII.
  14. Leyen, F. v. d., Das Märchen (1911) S. 75.
  15. Ders. S. 27.
  16. Mémoires de la Société Finno-ougrienne XXV S. 140–142.
  17. Ahlström, A., Om folksagorna (1895) S. 32, 33.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: enstanden


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