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Textdaten
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Autor: Melchior Meyr
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Titel: Ein Gang durch das Ries
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 653, 654–655
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 23
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[653]
Die Gartenlaube (1866) b 653.jpg

Im Riesgau.
Nach einer Originalzeichnung von Carl von Enhuber.

[654]
Land und Leute.
Nr. 23. Ein Gang durch das Ries.
Mit Abbildung.


Auch mitten im letzten Kriege hat es, oft in der Nachbarschaft der Kampfstätten selbst, von allem Waffenlärm unberührte friedliche Oasen gegeben, in denen äußerlich das Leben seinen altgewohnten Gang ging, als fluthe ein Ocean zwischen ihrer idyllischen Ruhe und dem Weltbrand draußen. Nach einer solchen friedlichen Oase, in der ich mich auf ein paar Tage von der fieberhaften Aufregung erholen wollte, wie sie damals, ehe vor Königgrätz die Entscheidung gefallen war, die widersprechendsten Berichte von dem großen Kriegsschauplätze in Böhmen über die Gemüther brachten, bitte ich den Leser mich zu begleiten. Es ist überdies ein so charakteristisches Stück deutscher Erde, wohin ich ihn führe, daß ihn sicher der Gang nicht reuen wird. –

Der Juni neigte sich dem Ende zu. Durch das hochgewachsene Korn, das zu beiden Seiten der Straße seine schweren Halme im Winde beugte, schritt ich der alten Reichsstadt Nördlingen zu, deren hoher altersgrauer Thurm mir schon von ferne freundlich entgegenleuchtete. Dann tauchten Gärten auf, Mauern, Zwinger, stattliche Gebäude und Alleen, die sich im klaren sommerlichen Dufte zu einem prächtigen Bilde vereinten. Aber ich ging nicht allein durch die gesegnete Landschaft, überall wogte es von fröhlichen Menschen, die zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen mit mir demselben Ziele zustrebten: der Nördlinger Messe, welche vierzehn Tage lang andauert und ein Fest ist für das ganze Ries.

Welch’ buntes, mannigfaltiges Getreibe entwickelt sich da vor unsern Augen, gleichsam überwacht von dem alten Thurme der gothischen St. Georgskirche, der auf die vielen Menschen herabschaut, die sich von nah und fern hier vereinigt haben! Da liegen Tuchstoffe, Spielwaaren von Nürnberg, vielerlei Hausgeräth, Töpfergeschirr und all’ die Siebensachen, deren eine sorgsame Hausfrau bedarf. Mehr als die aufgestapelten Waaren und ihre meist israelitischen Verkäufer interessiren uns jedoch die Käufer. Städtische und ländliche Moden wogen da durcheinander; aber unser Auge bleibt immer und immer wieder auf den ländlichen Schönheiten hangen, die in ihrer kleidsamen Tracht mit ihren oft zierlichen und feinen Gestalten den städtischen Damen den Rang streitig machen.

Es war der zweite Meßsonntag, der sogenannte Bauerntag, an welchem von nah und fern alle ledigen Dorfleute nach Nördlingen geströmt waren. Drum sah man sie auch in ihren besten Kleidern und zwischen den schmucken Mädeln die strammen Burschen umherschäkernd. In der dunkelblauen Tuchjacke mit silbernen Knöpfen, schwarzen, knapp anliegenden Hosen vom schönsten Hirschleder und hohen über die Kniee gezogenen Stiefeln, die Kappe von Fischotter auf’s rechte Ohr gesetzt und den silberbeschlagenen Ulmer Pfeifenkopf im Munde, stolzirten die jungen Männer muthig einher und freuten sich des Tanzes, der da kommen sollte, denn außer der Kirchweih bietet nur noch die Nördlinger Messe der Dorfjugend eine Tanzgelegenheit.

Aber hier, wo die Stadtluft auf dem Landmanne liegt, können wir seine Bekanntschaft nicht machen, wir müssen mit ihm wieder hinaus vor die Thore der Stadt in sein Ries, diese besondere kleine Welt mit ihren Eigenthümlichkeiten und Gegensätzen. Denn dieser Gau, der sich wenige Stunden nördlich von der Donau längs der bairisch-würtembergischen Grenze hin erstreckt, wird von zerstreut durcheinander lebenden Protestanten und Katholiken bewohnt, die im nordöstlichen Theile (bei Oettingen) zum fränkischen, im südwestlichen jedoch zum schwäbischen Stamme zählen und theils Baiern’s, theils Würtemberg’s Staatsangehörige sind.

Am besten überschaut man den ganzen Gau von dem grauen Felsen des Fleckens Wallerstein, der einst das alte Schloß und jetzt die fürstliche Brauerei trägt, in welcher wir uns einen guten Trunk aus dem gepichten Bauche der hölzernen „Bitsch“ wohlschmecken lassen. Zu unseren Füßen liegt der Marktflecken mit dem fürstlichen Palais und dem Parke. Im Norden schaut Schloß Baldern in’s Ries herein; im Westen schweift der Blick bis zum Nipf, der sich bei Bopfingen, dem Abdera der Rieser, erhebt. Eine Stunde entfernt, nach Süden zu, sehen wir die mauerumkränzte Stadt Nördlingen; weiterhin die Ruine Hochaus, die ehemalige Benedictiner-Abtei Deggingen, sowie eine Menge stattlicher Dörfer, Kirchthürme und Klöster. Und zwischen diese Sitze der Menschen drängen sich gesegnete Felder, üppige Wiesen und grüne Wälder, in ihrer Gesammtheit eine fröhliche Landschaft bildend, deren bester Schmuck die arbeitsamen, gewerbthätigen und gemüthlichen Menschen sind. Haben die Rieser Bauern auch durch den Alles nivellirenden Strom der neuen Zeit vieles Alterthümliche in Sitten und Gebräuchen eingebüßt, so ist doch noch gar manches Eigenartige bei ihnen übrig.

Der Rieser ist ein echter freier Bauer, kein Pächter eines großen Herrn; er sorgt für seinen eigenen Hof und bestellt mit den Knechten und Mägden (den „Ehehalten“) den ererbten Grund und Boden. Er ist Pflüger, Schnitter und „Mahder“ (Mäher) im Sommer, drischt im Herbste sein Getreide aus, während die Frauen und Mädchen daheim spinnen, und fährt im Winter in die Waldungen, um Holz zu holen, oder er bringt das Korn zum Verkaufe in die Stadt, wo er feilscht und marktet. Unter der „Stadt“ vorzugsweise ist im Ries aber immer Nördlingen zu verstehen.

Eine Abwechselung ist es ihm dann, wenn eine Hochzeit im Dorfe stattfindet, die nach alter Sitte mit Essen und Trinken, Spiel und Tanz im Wirthshause gefeiert wird. Nach überliefertem Brauche gehört der Tanzboden von Mittag bis Abend den Hochzeitgästen. Hat aber nach der Abendmahlzeit und nach Abgabe der Hochzeitsgeschenke der Schulmeister eine Dankrede in Versen gehalten und mit seinen Zöglingen ein geistliches Lied gesungen, dann kündigt ein weltlich Lied, das ein kecker Bursche sich anzustimmen erlaubt, die Herrschaft der jungen Leute des Dorfes an. Das Brautpaar läßt sich von den Musikanten noch heimblasen und erst in der Stube des Brautpaares wird der Kehraus getanzt. So mischten sich Weltliches und Geistliches in der Ordnung des Festes, doch ist in den letzten Jahrzehnten Manches anders geworden, der die hochwürdige Geistlichkeit das Absingen der Choräle und die wohlweise Polizei das Heimblasen anstößig fand.

Der Inbegriff aller Fröhlichkeit und aller Genüsse des Dorfes, das Hauptfest im ganzen Jahre, ist aber die Kirchweih. Zur Zeit des alten deutschen Reiches erhielt die Rieser Kirchweih außer der kirchlichen noch eine gerichtliche Sanction. Der Amtsknecht der betreffenden Behörde verkündete feierlich das „Friedbot“ und tanzte beim „Platzaufführen“ die ersten Reihen allein. Die Stelle des Büttels übernimmt jetzt – oder wenigstens war dies noch vor etlichen Jahren der Fall – ein Bursche aus dem Dorfe, der sich durch einen geputzten dreieckigen Hut auszeichnet und das Fest auf dem Platze unter der Linde durch dreimaliges Alleintanzen einleitet. Früher tanzte man im Ries Walzer, [654] Dreher und Schweinauer, daran reihten sich allerlei Specialtänze, wie der Hans Adam, Hansel im Saustall und Gretel auf dem Mist. Zu diesen sinnigen Erfindungen hat dann die Neuzeit noch Française, Varsovienne, Mazurka und andere Tänze gebracht. Sobald sich die Musikanten unter der Linde aufgestellt haben, zieht der Platzmeister seinen Säbel und tanzt unter Absingung eines alten Liedes dreimal allein um die Linde. Dann erst beginnt der Tanz der Paare und wir haben Gelegenheit, die Rieser Mädchen in ihrer Schönheit und Gewandtheit zu beobachten. Noch erscheinen sie in ihrer kleidsamen Nationaltracht, aber bereits greift das französische Costum um sich und wirkt verändernd aus die Kleidung der Landleute ein, die vor noch nicht gar langer Zeit spöttisch auf die „langrocketen“ Städter herabschauten.

In der neuern Zeit hat das Ries in Melchior Meyr seinen eigenen Dichter gefunden; besser als er hat uns Niemand die Menschen darin geschildert; er hängt mit begreiflicher Liebe an diesem fruchtbaren Gau, denn er ist dort geboren und hat in ihm seine schönste Jugendzeit verlebt. Als Gymnasiast und Student lebte er das fröhliche Rieser Leben mit und nahm, wie er selbst sagt, mit nie versiechender Freude dessen Eigenthümlichkeiten in sich auf. Schon im Jahre 1835 beschrieb er uns in dem ländlichen Gedichte „Wilhelm und Rosine“ seine Heimath; dann erschien 1852 seine erste Erzählung aus dem Ries „Ludwig und Annemarie“, welche so viel Anklang fand, daß der Verfasser eine Anzahl anderer Dorfgeschichten aus dem Rieser Leben folgen ließ. Sie alle geben ein dichterisch-treues Abbild des Rieses und seiner Menschen, eines Völkchens von eigenthümlicher Art und Sitte, das, durch seinen Beschreiber aus der Dunkelheit herausgerissen, überall im deutschen Vaterlande durch ihn sich Freunde erworben hat. Unsere Abbildung, welche uns Bauer und Bäuerin des Riesgaues in ihrer kleidsamen Tracht mit photographischer Treue darstellt, veranschaulicht eine Scene aus einer dieser vortrefflichen Meyr’schen Erzählungen, aus seiner „Lehrersbraut“, in welcher der Verfasser ein liebendes Paar geschildert hat, das nach mancherlei Schicksalen doch endlich sich glücklich zusammenfindet. Die schöne Christine hatte die an ihrem Vetter Hans begangene Untreue dadurch abgebüßt, daß sie als Magd bei einem groben und rohen Bauer in Dienste trat. Dort flammte heimlich, aber mächtig, die alte Leidenschaft zu dem verstoßenen treuen Hans wieder in ihr auf, der unterdessen Christinens Mutter redlich die Wirthschaft führte. Als er erfuhr, wie das Mädchen ihm wieder zugethan sei, beschloß er, ohne der Alten etwas davon zu sagen, Christine als seine „Hochzeiterin“ heimzuholen und ihr Alles zu verzeihen. Eines Sonntags spannt er sein Wägelchen an und bringt unerwartet die Geliebte unter das mütterliche Dach zurück. Im Hofe angekommen steigt der Bursche ab, die Mutter eilt aus dem Hause ihn zu begrüßen. Sie hat auf dem „Gefährt“ bei einem flüchtigen Blick durch’s Fenster neben Hans ein Mädchen gesehen und angenommen, es sei die erwählte Braut, die er gleich zum Besuch mitbringe. Mit schwerem, zagendem Herzen schaut sie auf den Wagen – und erkennt ihre eigene Tochter!

Die Illustration ist übrigens nur ein Blatt aus einem ganzen Cyklus von fünfzehn Compositionen, mit welchen Carl von Enhuber Meyr’s Erzählungen aus dem Ries theils schon illustrirt hat, theils noch zu illustriren gedenkt. Dreizehn dieser Bilder waren bereits im letzten Frühjahre im Kunstverein zu München ausgestellt und hatten sich eines außerordentlichen Erfolgs zu erfreuen. Sie sind zum Zweck photographischer Vervielfältigung grau in Grau gemalt, und der Künstler hofft, die ganze Reihe in nicht zu langer Zeit vorlegen zu können. Bis jetzt sind nur die zu der „Lehrersbraut“ gehörenden drei Zeichnungen veröffentlicht.