Textdaten
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Autor: R. D.
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Titel: Lebensmüde
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 647–648
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Willkommener Tod
Blätter und Blüthen
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[647] Lebensmüde.[1] Am Nachmittage des 20. Juni d. J. war es, als sich in der an der Kreuzkirche gelegenen Wohnung des Advocaten J. in Dresden ein kleiner Kreis von Freunden und Gesinnungsgenossen zusammengefunden hatte.

Seit zwei Tagen waren die Preußen in Dresden eingezogen, und statt sächsischer Soldaten hatte man preußische Krieger als Einquartierung; man war den am Abend des 18. Juni Einrückenden sehr freundlich entgegengekommen, und „sächsische Höflichkeit“ hatte – wie eine Dresdner Zeitung meldete – die preußischen Helmträger sogar mit grünem Laube und duftenden Blumensträußchen geziert. Allein trotz der guten Disciplin, welche die preußischen Truppen in Dresden beobachteten, herrschte bei der großen Masse der Dresdner Einwohnerschaft doch eine gedrückte und unbehagliche Stimmung, und das Dresden, in welchem der General Herwarth von Bittenfeld im Namen König Wilhelm’s des Ersten der Oberstcommandirende war, sah doch ganz anders aus, als das Dresden, in welchem Herr von Beust mit seinem freundlichen, einschmeichelnden Wesen als erster Minister des Königs Johann geherrscht hatte.

Dies und Aehnliches bildete in der, oben erwähnten Gesellschaft den Gegenstand des Gespräches, als sich ein preußischer Landwehrofficier, Herr E. B., als Einquartierung anmeldete. Der liebenswürdige Hauswirth hieß den Ankömmling auf die freundlichste Weise willkommen, während die Hausfrau mit emsiger Geschäftigkeit ein Zimmer für den octroyirten Gast in Ordnung zu bringen eilte. Der Officier, früher einmal Gerichtsassessor, ward sogleich durch mich und Herrn Fabrikbesitzer M., einen langjährigen Freund des Advocaten J., in die Unterhaltung hineingezogen, und es zeigte sich bald, daß derselbe kein gewöhnlicher Mensch sei. Namentlich gereichte es mir zur besonderen Freude, in ihm einen früheren Kämpfer für die Sache der nordamerikanischen Union gegen den sclavenhaltenden Süden begrüßen zu können. Er erzählte uns nämlich, daß er gegen Ende des Jahres 1862 nach Amerika gegangen sei und im Sommer des darauf folgenden Jahres eine Officiersstelle in der Unionsarmee erhalten und darin mehrere der bedeutendsten Schlachten mitgefochten habe.

Nachdem sich das Gespräch längere Zeit in dieser Weise fortgesponnen, wurde Frau D., die schon häufig unsere geselligen Zusammenkünfte durch Gesang gewürzt hatte, aufgefordert, auch heute ein Liedchen zu singen. Zwar weigerte sich die Dame anfänglich, der an sie gestellten Aufforderung Folge zu leisten, weil, wie sie – vielleicht nicht ohne allen Grund – meinte, die Zeit, in der „Geschütze rasseln und Rosseshufe dröhnen“, zu ernst und nicht recht dazu angethan sei, um Lieder zu singen; indeß auf wiederholtes und allseitiges Bitten, dem sich namentlich auch der preußische Artillerieofficier anschloß, gab sie endlich nach, und sang, unter der Begleitung des Piano, mit Ausdruck und Gefühl das von Friedrich Rückert gedichtete und von Robert Schumann componirte Lied „die Widmung“, dessen erster Vers bekanntlich also lautet:

„Du meine Seele, Du mein Herz,
Du meine Wonne, Du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe,
Mein Himmel Du, darin ich schwebe,
     O Du mein Grab,
     In das hinab
Ich ewig meinen Kummer gab!“

Wir Alle hatten schweigend und aufmerksam dem durch Inhalt und Composition gleich ausgezeichneten Liede zugehört; vornehmlich aber schien unser preußischer Officier davon vergriffen zu sein. Schon während des Gesange hatte ich bemerkt, wie seine Brust sich schwer und bang hob; als aber die letzten Töne der Composition verklungen waren, füllten die Thränen eines überquellenden Gefühls seine Augen. Er erhob sich und blickte schweigend aus dem Fenster in die Nacht, die bereits ihre Schatten auf die Stadt herniedergesenkt hatte. Indeß faßte er sich bald wieder und bat um die Erlaubniß, selbst etwas auf dem Clavier vortragen zu dürfen. Er setzte sich an das Instrument und spielte. Aber sein Spiel glich dem schwarzen Schleier der Nacht, der so viel namenloses Elend und so manchen unbeschreiblichen Jammer zudeckt; es klang fast wie ein Notturno von [648] Chopin. Der Spielende schien einen schweren Druck gewaltsam von seiner Seele abschütteln zu wollen, doch es gelang ihm nicht; seine Kraft versagte, und mit einer schreienden Dissonanz brach er ab und verließ eilig das Zimmer.

Dieser mehr als ungewöhnliche Auftritt setzte die zurückbleibende Gesellschaft nicht wenig in Erstaunen, und man suchte vergebens nach einer genügenden Erklärung für das auffallende Benehmen des Officiers und dessen leidenschaftliche Aufregung. Bereits war es spät geworden; vom Thurme der Kreuzkirche schlug es Zehn und die Gäste waren im Begriff, sich Herrn und Frau J. zu empfehlen, da trat der Preuße noch einmal wieder in das Zimmer. Eine fahle Blässe bedeckte seine Wangen und in den Zügen seines zwar etwas verwitterten, aber keineswegs unschönen Antlitzes lag tiefe Schwermuth. Er entschuldigte sich, wenn er etwa die Gesellschaft durch sein allerdings sonderbares Benehmen gestört habe; es sei indessen nun einmal so geschehen und er fühle sich verpflichtet, sein Betragen zu erklären, wenn auch nicht ganz zu rechtfertigen. Zu diesem Zweck schlug er vor, daß sich die Herren, unser Wirth, Herr Fabrikbesitzer M., meine Wenigkeit und er selbst, noch auf Stündchen nach einem von uns zu bestimmenden Locale begeben möchten, woselbst er bereit sei, bei einem Glase Wein die nöthige Aufklärung zu ertheilen.

Wir folgten seiner Aufforderung und schlugen den Weg nach dem an der Elbe gelegenen eleganten Locale des Herrn Helbig ein. Bald war daselbst ein passender Platz gefunden, und ein vortrefflicher Asmannshäuser perlte in unsern Gläsern. Die Gaslampen der Elbbrücke warfen ein magisches Licht in die Wellen des zu unsern Füßen rauschenden Flusses, und nur einzelne Sterne schienen mit mattem Glanze aus dem zum größten Theile mit dunkeln Wolken bedeckten Himmel.

„Ich will Sie nicht mit der Erzählung einer langen Geschichte ermüden, meine Herren,“ fuhr der Officier nach einigen einleitenden Bemerkungen fort. „Es war am 20. Juni des Jahres 1860, da ich meine liebe Melanie als Frau in meine bescheidene Häuslichkeit einführte. Wir lebten glücklich und zufrieden, und unserm häuslichen Glücke ward am 30. August 1861 durch die Geburt eines Sohnes noch die Krone aufgesetzt. Allein auch ich sollte nur zu bald erfahren, daß ‚mit des Geschickes Mächten ist kein ew’ger Bund zu flechten‘. Das Herbstlaub des letztgenannten Jahres fiel auf die Grabhügel meiner Frau und meines Sohnes, und das Glück meines Lebens war mit ihnen zu Grabe getragen und für immer vernichtet. Ich gab meine Stellung als Gerichtsassessor in M. auf und suchte durch Reisen mein tief verwundetes Gemüth wenigstens in Etwas zu heilen. Umsonst. Die mir geschlagene Doppelwunde blieb ewig frisch. Da beschloß ich, nach Amerika zu gehen und im Kampfe für die Union den mir willkommenen Tod, den einzigen Tröster meines Schmerzes, zu suchen. Wiederholt stürzte ich mich in den dichtesten Kugelregen, rechts und links von mir sah ich die Kämpfer der Freiheit fallen – nur mich traf keine erlösende Kugel!

Als die Rebellion der südlichen Sclavokratie zu Boden geworfen und der Friede wiederhergestellt war, kehrte ich über den Ocean in meine Heimath zurück. Aeußerlich zwar schien meine alte Wunde vernarbt, aber tief im Innern wühlte und brannte doch stets der alte, nie gelinderte und – so lange ich lebe – auch nie zu lindernde Schmerz.

Da brach der Krieg zwischen Preußen und Oesterreich aus. Auch hier stehen sich, wie in Nordamerika, der Norden und der Süden feindlich gegenüber, und wenn ich auch in manchen wesentlichen Punkten mit der preußischen Regierung nicht übereinstimmte, so hielt und halte ich doch das preußische Volk für geschichtlich berufen, im Frieden wie im Kriege den Bau der deutschen Einheit – wenn nicht zu vollenden – so doch zu beginnen. Ich ziehe jetzt abermals in den Krieg in der Hoffnung, daß derselbe Deutschland frei und einig machen, mich aber durch einen rühmlichen Tod von meinen Schmerzen befreien werde. Ich sage mit Robert Prutz:

‚Wohl hat der Krieg auch eine heil’ge Sendung,
Es wiegt kein Volk in ewig gleichen Gleisen
Sich sanft empor zum Gipfel der Vollendung.
Schon aus dem Mund der Alten hört’ ich preisen
Den Krieg als einen Vater aller Dinge,
Und was kein Balsam heilt, das heilt das Eisen.‘

Heute ist wieder der 20. Juni, mein Hochzeitstag. Das Lied, welches ich vorhin bei Ihnen, Herr Advocat, von Frau D. singen hörte, war das Lieblingslied meiner Frau. Sie sang es mir oft in seligen Stunden.

Hier, meine Herren, haben Sie die Erklärung meines heutigen Benehmens und – wenn Sie wollen – meine Entschuldigung.“

Der Officier schwieg und keiner der Anwesenden wagte durch eine übel angebrachte Bemerkung ihn zu trösten. Endlich brach Herr M. das Schweigen, indem er, das traurige Geschick des preußischen Gastes beklagend und dessen Schmerz durch einige warmes Mitgefühl verrathende Worte ehrend, das Gespräch auf den nahe bevorstehenden Zusammenstoß der Oesterreicher und Preußen brachte. Er kennzeichnete die kleinstaatliche Souverainetätsspielerei als ebenso verderblich wie lächerlich und meinte, daß der gegenwärtige Krieg, im Falle das Glück den preußischen Waffen günstig wäre, wenigstens dem engherzigen und verdammenswerthen Particularismus der verschiedenen deutschen Natiönchen einen starken, aber heilsamen Stoß verletzen würde.

Advocat J. sprach dieselbe Hoffnung aus, fügte jedoch noch den Wunsch hinzu, daß nach einem ruhmvoll beendeten Kriege Preußen sich auch der noch weit schwierigeren Aufgabe gewachsen zeigen möge, Deutschland durch Geisteswaffen seine Freiheit und Einheit erringen zu helfen, und zwar aus dem ureigenen Geiste des deutschen Volkes heraus, ohne jedwede Einmischung einer fremden Nationalität.

Hieran anschließend, erlaubte ich mit einen Toast auf eine baldige glückliche Beendigung des Krieges und eine politische Wiedergeburt eines freien und einigen deutschen Vaterlandes mit den Worten Fr. Rückert’s auszubringen:

„Was zusammen ward gelöthet
Von des Krieges Hammer,
Was zusammen ward genöthet
Unter Druck und Jammer;
Daß die Freiheit und der Friede
Stets es mehr zusammenschmiede,
Darauf, deutsche Zecher,
Leeret eure Becher!“

So war es nahezu Mitternacht geworden. Wir trennten uns in ernster Stimmung und beim Abschiede versprach mir noch unser preußischer Freund, wenn er – wie wahrscheinlich – Dresden bald wieder verlassen müsse, brieflich etwas von sich hören lassen zu wollen. Er hielt Wort. Schon den nächsten Tag, Donnerstag den 21. Juni, verließ General Herwarth von Bittenfeld mit dem größten Theil seiner Truppen die Stadt, um sich der Armee des Prinzen Friedrich Carl anzuschließen. Am 22. Juni rückte auch die Heeresabtheilung aus, zu welcher unser Freund E. B. gehörte, und am 23. Juni ging der Einmarsch der sogenannten Elbarmee in das Königreich Böhmen über Böhmisch-Leipa auf der rechten Seite der Elbe vor sich. Am 4. Juli erhielt ich einen mit Bleifeder geschriebenen Brief, aus dem ich das Nachstehende mittheile.

„Im Bivouac, 1. Juli, zehn Uhr Abends.

     Geehrter Herr Doctor!

Obschon ich bis zum Tode ermüdet bin, will ich doch mein Ihnen gegebenes Wort einlösen und einige Zeilen an Sie richten. Ich werde Sie nicht mit einer ausführlichen Schilderung der Strapazen, wie sie anstrengende Märsche in Feindesland allemal mit sich bringen, ermüden; Sie kennen ja dieselben aus eigener Erfahrung von Amerika her. Auch erlassen Sie mir wohl die herzzerreißenden Schilderungen von den blutigen Gefechten, die wir am 27. Juni bei Hünerwasser, am 28. Juni bei Münchengrätz und am 29. bei Gitschin zu bestehen hatten. Die officiellen Berichterstatter der Zeitungen, von denen ich wenigstens einige hier bemerkt zu haben glaube, werden dies Amt übernehmen.

Frühen Morgens, noch bevor der Tag graute, brachen wir am 28. Juni auf. Es mochte ungefähr fünf und ein halb Uhr sein, als wir auf den Feind stießen. Bei Jungbunzlau und Kloster, nahe bei Münchengrätz, war der Kampf sehr heftig. Unsere Artillerie bekam tüchtig zu thun, aber auch die Oesterreicher und Sachsen zeigten, daß sie mit ihren Geschützen umzugehen wissen. Dennoch drangen wir vor, häufig sogar mit klingendem Spiel. Bei und in Münchengrätz selbst kam es noch einmal zu einem erbitterten Kampfe; die Oesterreicher hatten eine entschiedene feste Stellung und vertheidigten dieselbe nicht ohne Tapferkeit. Allein wir stürmten das Nest und warfen den Feind auf der Straße nach Gitschin mit blutigem Verlust zurück. Hier in Gitschin ging der Tanz am Freitag den 29. Juni von Neuem los. Viele brave Streiter erlagen in dem blutigen Todesreigen; für mich aber hatte sich noch immer keine Kugel gefunden.

Jetzt, wie nahezu vor zweihundert und fünfzig Jahren, ist Böhmen der Grund und Boden, auf dem ‚um der Menschheit große Gegenstände, um Herrschaft und um Freiheit‘ gerungen wird; möge letztere bei dem künftigen Frieden nicht wieder zu kurz kommen. Für so viel Blut, wie bereits vergossen ist und voraussichtlich noch vergossen werden wird, darf der Preis kein geringer sein.

Die Masse des Volkes hier, lieber Doctor, ist von den Pfaffen bis auf’s Aeußerste fanatisirt. Wir haben in Amerika mit Recht die Gräuelthaten der südlichen Guerrillas verdammt, die Handlungen der Czechen übertreffen aber wo möglich noch die Schandthaten jener wilden amerikanischen Buschklepper. Es ist dies zweifelsohne ein neuer Beweis, daß politische und religiöse Unfreiheit dieselben bösen und fluchwürdigen Früchte tragen. Aber genug, lieber Doctor,“ schloß er, „ich fühle mich sehr müde und todesmatt; wenn nicht alle Anzeichen trügen, so werden wir bald eine Hauptschlacht haben. Wir haben uns bei Münchengrätz mit der Armee des Prinzen Friedrich Carl vereinigt und werden nun auch wohl – um einen gewaltigen Schlag auf Benedek zu führen – eine Vereinigung mit der Armee des Kronprinzen, in der sich der alte General Steinmetz so sehr ausgezeichnet hat, zu bewerkstelligen suchen.

Komme ich bei der nächsten Affaire gut durch, was ich von Herzen nicht wünsche, so schreibe ich sogleich wieder an Sie. Grüßen Sie Ihre Freunde in Dresden, und möge dieser blutige, brudermörderische Krieg Ihren Toast, den Sie an der Elbe bei Helbig ausbrachten, in nicht zu langer Zeit in Erfüllung gehen lassen! Ihr lebensmüder

E. B.“

Die Entscheidungsschlacht, auf welche der unglückliche Schreiber des vorstehenden Briefes hindeutete, wurde bekanntlich bei Königgrätz geschlagen. Einen zweiten Brief erhielt ich nicht, habe aber aus den in den Blättern veröffentlichten Verlustlisten später erfahren, daß B.’s Wunsch in Erfüllung gegangen ist und er mit so vielen andern tapfern Kriegern in dem ruhmwürdigen, aber mörderischen Kampfe bei Königgrätz durch eine Kanonenkugel einen schnellen Tod gefunden hat.

R. D.



  1. Der Hauptwerth dieser Erzählung besteht vielleicht nur darin, daß ihr Inhalt buchstäblich wahr ist.