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Autor: S.
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Titel: Ein Jubelfest im Norden
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, 32, S. 517–519, 535–537
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein Jubelfest im Norden.

Mit gehobenem Muthe und frischer Kraft haben wir Deutschen die von dem aufgezwungenen Waffentanze unterbrochene Culturarbeit wieder aufgenommen, und darum wird der Jubeltag eines Geistesheroen, welcher der Welt in wenigen Wochen, am 15. August, bevorsteht, nicht gleich dem vorjährigen Beethoven’s unbeachtet verloren sein inmitten der Sorgen und Nöthe einer schweren Zeit, sondern lauten und freudigen Widerhall wecken überall, wo gebildete Menschen leben. Zwar mögen wir den zu feiernden Genius nicht auf eine Linie stellen mit unserm unvergleichlichen Meister Ludwig, auch ein Deutscher ist er nicht, ein Sohn vielmehr des uns weitabgelegenen Schottland, aber er ist ein Dichter recht von Gottes Gnaden, welchen als solchen nicht blos sein kleines nordisches Heimathsland, auch nicht Großbritannien allein, nein, den die gesammte Menschheit den Ihren nennen darf, wie sie ein Anrecht hat auf Homer und Sophokles, auf Dante und Ariost, auf Shakespeare und Cervantes, auf Goethe und Schiler. Der Poet, welchen wir meinen, trägt einen Namen unverbleichenden Glanzes – es ist Walter Scott, der noch heute unübertroffene Novellist, der eigentliche Vater des lange Zeit die Lesewelt beherrschenden historischen Romans, das Vorbild unsers Hauff, Spindler, Alexis, Storch und Anderer und der König aller Erzähler. Noch ehe sie niedergeschrieben, ja, ehe sie nur erdacht waren, legten schottische und englische Buchhändler zu Preisen, die dem deutschen Federhelden auch heute noch wie golkondische Märchen erscheinen, Beschlag auf seine Werke, und kaum hatten die Originale in Edinburgh oder London ihre Pressen verlassen, so stürzte, sich das

Die Gartenlaube (1871) b 517.jpg

Abbotsford, der Wohnsitz Walter Scott’s.

Corps der Uebersetzer in Deutschland, Frankreich, Italien, Holland um die Wette über sie her, sie ihren Völkern zu dolmetschen. Kein Autor, weder vor- noch nachher, ist so heißhungrig verschlungen worden, wie unser schottischer Dichter vor fünfzig Jahren, welcher lange blos „der große Unbekannte“ hieß, weil er bis über den Höhepunkt seines Ruhmes hinaus die Urheberschaft seiner Romane in geheimnißvolles Dunkel zu hüllen beflissen war. – Wie sich die Gunst der Lesewelt im Allgemeinen vom geschichtlichen Romane abgewandt hat, so sehen wir heute freilich auch die Scott’schen Dichtungen von unseren Tischen verdrängt; unsere vielbeschäftigte, hetzende und abgehetzte Zeit findet keine Ruhe und Sammlung mehr, sich der epischen Breite und Behaglichkeit hinzugeben, welche Walter Scott kennzeichnen. Unser blasirter Geschmack begehrt die pikanteren Reizmittel, mit denen uns bisher überrheinische Hypercultur und Londoner Sensations-Novellistik in unerschöpflicher Fülle versorgt haben. Andererseits sucht man im Romane mehr und mehr das psychologische Interesse, den Spiegel der eigenen Gegenwart und ihres inhaltschweren Lebens. Die Geistes- und Herzensconflicte, die Fragen und Tendenzen, die Menschen und Erscheinungen unserer Tage will man dargelegt, verkörpert, geschildert sehen, nicht Begebnisse und Persönlichkeiten, Denken und Empfinden längst verrauschter Jahrhunderte. Die Romantik und ihre Schule, der auch Scott angehört, zählt zu den vielen im Laufe der Zeit überwundenen Standpunkten, wir von der älteren Generation aber gedenken in süßer Rückerinnerung der genußvollen Stunden, welche uns der [518] schottische Erzähler bereitet hat, und die Gestalten einer Jeanie Deans, eines Waverley, eines Rob Roy, einer Meg Merrilis, eines Ivanhoe, einer Rebekka – sie sind uns nicht blos Gebilde der Dichterphantasie, sie sind uns Menschen von Fleisch und Blut gewesen, die wir geliebt oder gehaßt, verehrt oder verabscheut haben je nach ihrem Thun und Trachten, deren Lust und Leid, deren Sehnen und Hoffen, deren Bangen und Härmen uns die Herzen schlagen machte, als entquöllen Freude und Weh unserer eigenen Brust. Gewiß, verdient irgend ein Dichter aus dem Staube der Bücherschränke in die Hände der Leser zurückgeführt zu werden, so ist es Walter Scott, und wir sind überzeugt, daß das unser wartende Jubel- und Gedenkfest, zu welchem seine Landsleute seit Monaten schon umfassende Vorbereitungen treffen, zu dieser seiner Rehabilitirung beitragen wird.

Mit nur wenigen Ausnahmen ist das schottische Heimathland der locale Boden von Scott’s vollendetsten Dichtungen. Er ist es gewesen, der uns das alte Caledonien erst erschlossen hat. Denn was wußten wir vor ihm von dem Lande hinter den fernen „grauen Nebelbergen“, nach welchen unser Schiller seine Marie Stuart sich sehnen läßt? Mythisch und schemenhaft wie Ossian selbst und seine gaelischen Helden blieb, was er uns von schottischer Sitte und Scenerie gesungen hat. Erst der große Edinburgher Poet hat uns Land und Leute seiner Heimath in lebensvollen und greifbaren Bildern veranschaulicht. Er ist für uns gleichsam der Columbus Schottlands gewesen.

Auch bei den Engländern selbst hat Walter Scott sein Geburtsland erst in Aufnahme und Mode gebracht. Bisher eine halbe Terra incognita, höchstens vom birkhuhnjagenden Nimrod oder vom Lachs- und Forellenangler durchstreift, ward es fortan ein beliebtes und hochfashionables Lustreiseziel. Alles wollte die Oertlichkeiten der Jungfrau vom See, der Marmion, der Chronik von Canongate, der „Erzählungen meines Wirthes“ und zumal das normannisch-gothische Schlößchen, jenes lauschige Abbotsford, schauen, welches sich der Dichter im „Grenzlande“ – dem „Border“ – an den Ufern des Tweed erbaut und wo er im Kreise der Seinen, mit seinen Pferden und Hunden und Dienern das patriarchalisch-aristokratische Leben eines alten schottischen „Laird“ geführt hat.

Es ist bekannt, daß auf den in Edinburgh Ankommenden Lage, landschaftliche und architektonische Scenerie gleich überwältigend eindringen, mag er, wie ich es that, auf dem großen nordenglischen Schienenwege oder über Leith und Granton, die beiden Haupthäfen der mit sauberen Ortschaften und weißblinkenden Villen wie mit einer Perlenschnur eingefaßten Meeresbucht, sich dem imposanten Edinburgh nahen.

Dasselbe besteht eigentlich aus zwei abgesonderten Städten von durchaus verschiedenem Gepräge, einer Neustadt mit geradlinigen breiten und regelmäßigen Straßen und Plätzen, die noch kein volles Jahrhundert durchlebt hat, und einer Altstadt, welche schon unter Maria Stuart nicht mehr jung war. Letztere umschließt, wie viele monumentale Bauten, so natürlich auch manches ganz respectable Quartier, namentlich an ihrem Süd- und Westende. In einem der letzteren, auf dem mit weitschattenden alten Bäumen und umfänglichen Gärten geschmücktem „Georges’ Square“ wurde dem Sachwalter Scott am 15. August 1771 sein nachmals so hochgefeierter Sohn geboren. Es war ein milder Strandabend im September, als ich zum ersten Male den stillen Platz betrat und vor dem Hause stand, aus dem der Welt ein so reicher Genius aufgehen sollte – ein Bild friedlicherer und traulicherer Abgeschiedenheit inmitten einer volksbelebten Großstadt läßt sich kaum denken. Georges’ Square ist so recht ein Poetenwinkel. Unser Dichter aber hat ihn nur als Kind bewohnt.

Scott’s Vater war einer der renommirtesten Sachwalter Edinburghs. Ein Mann von makelloser, nicht selten freilich an das Starre streifender Ehrenhaftigkeit, genoß er der allgemeinen Achtung seiner Mitbürger und ward, selbst einem alten vornehmen Geschlechte Schottlands entstammend, namentlich von dem umwohnenden Adel mit Vorliebe zum Rechtsbeistande gewählt. Diesem wackern Manne, der sich, wenn man von den nationalen und localen Verschiedenheiten absieht, in mancher Beziehung mit dem Rath Goethe in Frankfurt am Main vergleichen läßt, wurde Walter als das neunte von zwölf Kindern geboren. In den schon erwähnten Lebensnachrichten bezeichnet er sich selber als „ein ungewöhnlich gesundes Kind“, – bis er – anderthalb Jahr alt, nach einem jähen Fieberanfalle plötzlich am rechten Beine erlahmte, um den Gebrauch desselben nie wieder zu erlangen. Ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß die beiden großen Zeit-, Landes- und Dichtergenossen, Walter Scott und Lord Byron, verdammt waren, durch Welt und Leben zu hinken!

Um das Gebrechen zu bekämpfen und den seit dem räthselhaften Unfalle fortwährend kränkelnden Knaben zu kräftigen, sandte man ihn, auf den Vorschlag seines Großvaters von mütterlicher Seite, eines der ersten Aerzte und Universitätsprofessoren Edinburghs, zu nahen Verwandten auf’s Land, die in Kelso, einer kleinen, nahe der englischen Grenze gelegenen Stadt, angesessen waren. Während des Aufenthaltes an diesem lieblichen Orte, welchen der Dichter lange nachher noch als den „schönsten und romantischest gelegenen von ganz Schottland“ preist, empfing Scott’s Geisteseigenthümlichkeit zuerst die ihr angemessene Nahrung. An Stadt und Landschaft knüpfen sich zahlreiche Reminiscenzen aus der schottischen Vorzeit, und buchstäblich kaum den Kinderschuhen entwachsen, brachte Walter diesen Ueberlieferungen schon eine begeisterte Theilnahme entgegen. Die Thaten und Kämpfe der alten schottischen Häuptlinge erregten ihm ein Interesse, das weit über seine Jahre hinausging, und die Balladen und Romanzen, welche diese Begebnisse verherrlichten, wurden die Lieblingslectüre des Knaben. Mit einem wunderbaren Gedächtnisse begabt, wußte derselbe schon in Kelso Hunderte solcher Volksdichtungen auswendig und recitirte sie mit einer dramatischen Lebendigkeit, welche Alles in Erstaunen setzte und darthat, wie sehr sein Gemüth davon ergriffen war.

„Der kleine Walter Scott,“ schreibt eine Dame aus jenen Tagen, „ist das merkwürdigste Genie von einem Knaben, das mir jemals vorgekommen. Als ich neulich in seinem Hause zum Besuche war, trug er den Seinigen eben ein Gedicht vor; es war die Schilderung eines Schiffbruchs. Seine Begeisterung stieg mit dem Unwetter. Er erhob Augen und Hände. ‚Da ist der Mast verloren. Sie werden Alle untergehen!‘ In dieser Aufregung wandte er sich zu mir. ‚Das ist zu traurig!‘ sprach er. ‚Ich werde Ihnen lieber etwas Unterhaltendes vortragen.‘ – Nun, für wie alt halten Sie den Knaben? – Er ist soeben sechs Jahre alt geworden! Nicht wahr, das ist kein gewöhnliches Gewächs?“

Eine seiner Tanten theilte und förderte seine Geistesrichtung. Mit einer bei Frauen seltenen Kenntniß der Specialgeschichte ihres Heimathlandes schwelgte sie förmlich in den Erinnerungen an die alten Clan- und Grenzfehden und saß oftmals Tage lang am Lager des nach ärztlicher Vorschrift in das warme Fell eines frisch geschlachteten Thieres eingehüllten kleinen Patienten, ihm von diesen wilden Kriegszügen zu erzählen. Ein begüterter Laird der Nachbarschaft besaß eine wohlversehene Bibliothek, und unermüdlich schleppte daraus die gute Dame Buch auf Buch, Poesie, Geschichte, Reisebeschreibungen, Märchen, für ihren Pflegling herbei, der, sowie er nur die Schwierigkeiten des ABC bemeistert hatte, von einer unersättlichen Lesegier verzehrt wurde. Im Hemde am Kaminfeuer sitzend, las er beim Lichte desselben manchmal bis in die Nacht hinein und schlüpfte erst dann in sein Bett, wenn ihm das Rücken der Stühle in dem unter seinem Schlafgemache gelegenen Speisezimmer verkündete, daß die Seinigen sich von der Abendtafel erhoben, um sich zur Ruhe zu begeben. „Ich glaube, kein Mensch in der Welt hat schon als Kind so viel buntes Zeug zusammengelesen, wie ich,“ sagt Scott an einer anderen Stelle seiner lebensgeschichtlichen Notizen, und wir haben keinen Grund, diesem Zeugnisse den mindesten Zweifel entgegenzusetzen.

Schon damals auch erwachte seine Lust am Sammeln der verschiedenartigsten vaterländischen Alterthümlichkeiten und Reliquien, um sich allmählich zu einer Leidenschaft zu steigern, die ihm später oft ernste Ungelegenheiten bereitete, allein bis zum letzten Hauche seines Odems im Vordergrunde seiner Gedanken und Bestrebungen stand. Gewiß ist es in hohem Grade charakteristisch für die Eigenart Walter Scott’s, daß derselbe schon als zehnjähriges Kind sich Bände voll alter handschriftlicher Balladen und Volkslieder gesammelt hatte.

Der Knabe ist der Vater des Mannes. Bei wenigen Menschen bewahrheitet sich dies in so ausgezeichneter Weise wie bei Scott. Nach der Aeußerung eines seiner frühesten und vertrautesten Freunde documentirte der Erstere bereits in den Kindertagen alle die besonderen Eigenthümlichkeiten, die nachmals das Wesen des großen Dichters ausmachten. Schon in jener Zeit that es ihm [519] Niemand gleich im Geschichtenerzählen, wie er schon damals in den Alterthümern seiner Heimath sich ein so ausgebreitetes Wissen angeeignet hatte, daß ihn der kundigste Antiquar um dasselbe hätte beneiden können. Selbst den oberflächlichen Beobachter ließ Scott der Knabe deutlich erkennen, wo die Neigungen und Leistungen Scott’s des Mannes zu suchen sein würden. Deshalb meinten wir auch, bei dieser Jugendperiode des Dichters etwas eingehender verweilen zu müssen, als es für die Harmonie unserer Skizze vielleicht statthaft erscheint.

Wir überschlagen jetzt eine Reihe von Jahren. Scott ist, nach wiederholtem Aufenthalte in Kelso, zur Stadt heimgekehrt, hat die High School, ein noch heute blühendes und auf dem Calton Hill prachtvoll gelegenes Gymnasium, durchlaufen, einige Collegien an der Edinburgher Universität gehört, eine förmliche Lehrzeit als Schreiber bei seinem Vater bestanden und ist schließlich zur höheren juristischen Laufbahn übergetreten, nachdem er von Neuem akademische Studien gemacht hat. Im Juli 1792 sehen wir denn auch den nun einundzwanzigjährigen Jüngling nach üblicher feierlicher Sitte mit Talar und Lockenperrücke des plaidirenden Advocaten geschmückt und damit an der Schwelle zu den höheren und höchsten Richterstellen des Landes angelangt. Der Lahmfuß ist er freilich geblieben. Das aber hat weder seinen jederzeit von den drolligsten Schwänken, Einfällen und Anekdoten überfließenden Humor beeinträchtigt, noch verhindern können, daß er in allen ritterlichen Künsten unter den Ersten glänzte. Wie er im Fußwandern eine überraschende Ausdauer entwickelt und die weitesten und beschwerlichsten Wege nicht scheut, wo es irgendwo ein altes verfallenes Schloß, eine durch Sage und Geschichte geweihte Ruine, einen Denkstein, einen geheimnißvollen Grabhügel und dergleichen zu beschauen giebt, so bringt er es auch in der Kunst der Rossebändigung zu einer bei stubenhockenden Federhelden nicht allzu häufigen Meisterschaft und ist Zeit seines Lebens wacker über Berg und Thal gekleppert. Bis in’s hohe Alter waren ihm die edlen Geschlechter der Pferde und Hunde nicht blos liebe Hausgenossen, vielmehr Unentbehrlichkeiten des Lebens wie Licht und Luft. Welcher deutsche Dichter hat sich jemals einer solchen „Nothdurft“ rühmen können?

Geschrieben, was man in diesem Sinne schreiben nennt, hatte der junge Anwalt noch nichts. Die mannigfaltigen Jugendreimereien, denen er sich gleich allen von einer leidlichen Phantasie bewegten Sterblichen zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Jahren schuldig gemacht, sowie unterschiedliche Abhandlungen, welche er als Mitglied eines Juristenclubs statutenmäßig liefern mußte, kommen hierbei natürlich nicht in Betracht. Wohl keiner seiner Freunde besaß eine Ahnung von dem Dichtergenius, der in dem lustigen Cumpan mit dem gemüthlichen runden Gesicht und dem trockenen Witze schlummerte; seine geistige Ueberlegenheit erkannten indessen Alle an.

„Walter mochte erscheinen, wann und wo er wollte,“ berichtet einer jener Genossen, „immer übte er eine Herrschaft über uns aus, ohne daß er selbst daran dachte, das Scepter schwingen zu wollen. Instinctiv fühlten wir uns alle von der Gelassenheit und Festigkeit seines Charakters dominirt, während seine milde äußere Form Jedweden bezauberte.“

Noch bis zur heutigen Stunde ist Schottland ein Land, wo auch in der besseren Gesellschaft Trunk und Trunksucht keine kleine Rolle spielen. Vor siebenzig Jahren aber ward dort in einer Weise gezecht, daß unsere germanischen Vorväter ihre Freude daran gehabt haben würden. Punsch- und Weingelage, wie sie uns Hogarth malt, waren bei Jung und Alt allnächtliche Ordnung, und der Kreis, in welchem Scott verkehrte, bildete keine Ausnahme von der allgemeinen Regel. Unser junger Advocat zählte zwar zu den mäßigsten seiner Genossen, scheint aber doch Gott Bacchus ziemlich reichliche Libationen dargebracht zu haben. Wenigstens müssen wir dies daraus schließen, daß er dem aus dem Vaterhause zu seinem Reiterregimente abgehenden ältesten Sohne sich selbst als abschreckendes Beispiel eines allzu großen Durstes aufstellte. Auch bei dem wildesten Convivium behauptete er jedoch stets sein geistiges Uebergewicht. „Ein paar Worte von Walter Scott waren hinreichend, die leicht in Zwist gerathenden jungen Hitzköpfe wieder zu beruhigen.“

In all diesem stürmischen Treiben verlor aber unser Poet nie den Ernst des Lebens aus den Augen, nie das Ziel, dem er, vielleicht unbewußt noch, zustrebte. Wie er wacker trank, ebenso energisch konnte er auch arbeiten und studiren.

„War ich einmal im Geschirr,“ schreibt er selbst, „so zog kein Mensch braver als ich. Auf Einem Sitze habe ich einmal hundertundzwanzig Folioseiten geschrieben, ohne mir eine Minute Ruhe zu gönnen und einen Bissen über die Lippen zu bringen.“

Gesundheit der Seele und, bis auf den dienstuntauglichen Fuß, auch Gesundheit des Leibes, das war der solche Grund, auf dem sich die nun bald ihren Anfang nehmende unerschöpfliche Dichter- und Schriftstellerthätigkeit Walter Scott’s aufbaute. Wie wenig ihm sein Gebrechen die freie Körperbewegung verkümmerte, erhellt unter Anderem auch aus der Thatsache, daß er mehrere Jahre hindurch als Officier einem Corps von freiwilligen Reitern angehörte, welches man Anfangs des Jahres 1797 in’s Leben gerufen hatte, als die Angst vor einem feindlichen Einfalle der Franzosen ganz Großbritannien in Athem hielt. Scott war es, der bei den stundenlangen ermüdenden Exercitien alle seine Cameraden durch seinen Eifer mit fortriß.

Um dieselbe Zeit erschien das erste Erzeugniß seiner Feder schwarz auf weiß gedruckt, und wir dürfen es uns schon zur Ehre anrechnen, daß die deutsche Literatur es gewesen ist, die seine Dichterschwingen entfaltete. Deutsch zu lernen begann damals in England Mode zu werden. Auch Scott gab sich diesem fashionablen neuen Studium hin, welches rasch seine Seele gefangen nahm. Unter der Anleitung einer hochgebildeten und poetisch empfänglichen Deutschen, einer Gräfin Brühl, die einen seiner Verwandten geheirathet hatte, las er Goethe und Schiller – Werther, Götz, Don Carlos – ja, er wagte sich sogar an Kant heran. Vor Allem gefesselt aber fühlte er sich von Bürger. Das war eine ihm verwandte poetische Natur. Der Volkston, welchen dieser in seinen Balladen so voll und rein angeschlagen hat, wie kaum Jemand vor und nach ihm, traf die gleichschwingende Saite im Herzen Walter Scott’s. Allein nicht blos empfangen wollte er, er wollte wiedergeben, Anderen mittheilen, was ihn so gewaltig gepackt hatte, und so übersetzte er, mit Beihülfe seiner deutschen Freundin, die „Leonore“ und den „wilden Jäger“, denen später noch eine vollständige Uebertragung von Goethe’s Götz von Berlichingen folgte.

Scott’s Arbeit hatte nichts gemein mit einer dilettantischen Erstlingsleistung. Sie überschritt weit das gewöhnliche Uebertragungsniveau – was er gab, war eine wirkliche Nachdichtung, der Wurf eines Löwen und als seine Lehrmeisterin die beiden Balladen ohne sein Vorwissen veröffentlichte, fand das Entzücken seiner mitstrebenden Freunde keine Grenze. Der Dichter war fertig, und zum ersten Male scheint sich Scott selbst jetzt klar bewußt geworden zu sein, worin der Beruf lag, welchen ihm die Götter in die Wiege eingebunden hatten.

Das Eis war nun gebrochen, und fast ohne Unterlaß sehen wir dem geöffneten Quell Dichtung um Dichtung entsprudeln. Von Anfang bis zu Ende war die Poetenlaufbahn Walter Scott’s ein ununterbrochener Triumphzug, dem wir mit raschen Strichen folgen können. Zuvor aber wollen wir noch einen Blick in sein Privatleben werfen.

Dieses hatte mittlerweile eine entscheidende Wandlung erfahren. Mit einigen seiner Freunde auf einem Ausfluge nach den romantischen Seen Westmorelands begriffen, hatte er in einem kleinen Landorte eine junge Dame kennen gelernt. Sie war eine geborene Französin, aus Lyon, lebte aber, mit Mutter und Bruder vor den Schrecken der Revolution geflüchtet, schon seit Jahren in England unter dem Schutze eines vornehmen Edelmannes. Eine reizende Erscheinung von südländischem Anhauch, doch englischer Haltung, machte sie auf den leicht erregten jungen Mann einen mächtigen Eindruck. Auch sie fühlte sich von Geist und Wesen ihres Verehrers sympathisch berührt, und am Christheiligenabend 1797 wurde Charlotte Charpentier – so hieß die vom Dichter Erkorene – Scott’s Gattin, um, wie er selbst der vor ihm Scheidenden nachruft, „ihm treue Gefährtin zu sein in Gut und Böse“.

[535] Anfangs lebte Scott mit seiner jungen Frau im Hause seiner Eltern, schon im nächsten Sommer jedoch richtete er sich sein eigenes kleines Nest ein, einige Stunden von Edinburgh zu Laßwade am Esk. Wohl selten ist einem Dichter ein lauschigeres Asyl bescheert worden, und poetisch und geistig beschwingt war auch das Leben, welches hier den beiden Glücklichen ausging, wiewohl neben dem Dichter und Schriftsteller auch dem Cavalier und Weltmann die Rechte nicht geschmälert wurden. Mit eigenen Händen baute Scott sich Haus und Garten aus und that sich vielleicht mehr zu Gute auf die Laube, die er sich im Schweiße seines Angesichts zusammengezimmert, als auf das erste große Dichterwerk, welches er von seinem süßen Tusculum am Esk in die Welt sandte. Denn hier in dem grünen bergumsäumten und wellenumspülten Laßwade reisten die Schöpfungen ihrer Vollendung entgegen, die seinen Namen zuerst in die Öffentlichkeit trugen.

Den Reigen führte ein im Stillen schon lange vorbereitetes Werk an, eine Sammlung alter Balladen seines geliebten Grenzlandes unter dem Titel „Border Minstrelsy“. Ihm folgte „das Lied des letzten Minstrel“, dann „Marmion“ und zuletzt „die Jungfrau vom See“. Obwohl allen diesen Epen Walter Scott noch nicht den Preis der Unsterblichkeit verdankt, so war doch ihr Erfolg ein ungeheurer. Binnen wenigen Tagen (bei der „Jungfrau vom See“ schon in den ersten vierundzwanzig Stunden) erschöpften sich die in Tausenden von Exemplaren abgezogenen ersten Prachtausgaben, und ohne eine Zeile davon gesehen zu haben, wetteiferten schottische und englische Verleger, dem Poeten enorme Honorare für jedes neue Werk anzubieten. Keines derselben wurde indeß mit einem solchen Enthusiasmus aufgenommen, wie „die Jungfrau vom See“.

Scott selbst sagt in der Einleitung zur letzten von seiner eigenen Hand herrührenden Ausgabe dieses Buchs: „Der Erfolg meiner Jungfrau war ein so merkwürdiger, daß ich fast wähnte, das rollende Rad Fortuna’s jetzt festgehalten zu haben; der Ruhm, der mir wurde, ein so großer, daß ich unmöglich noch größeren erhoffen durfte, vielmehr einen Rückschlag befürchten mußte.“

Und dennoch sollte er seinen eigentlichen und eigensten Ruhm erst noch ernten!

Schon Marmion war nicht mehr in dem reizenden Poetenwinkel am Esk gedichtet worden. Durch die Gunst seines Clanchefs, des Herzogs von Buccleugh, eines der reichsten Grundherren Schottlands, hatte Scott das ehrenvolle und einträgliche Amt eines Sheriffs der Grafschaft Selkirk erhalten, welches ihm volle Muße ließ, seinem Dichterberufe zu leben. Da es ihm aber doch wünschenswerth erschien, inmitten seiner Pflegebefohlenen zu wohnen, so ließ er sich zuerst auf einem von den Erben eines Onkels erpachteten Landsitze nieder. Allein schon wenige Jahre darauf, einige Monate nach der Veröffentlichung seiner „Jungfrau vom See“, kaufte Scott das unweit der pittoreskesten aller schottischen Ruinen, des Klosters Melrose, gelegene Abbotsford und erbaute sich hier ein Schlößchen, welches von den Grundmauern bis zu der geringfügigsten Zimmerdecoration als das eigenste Werk des Poeten bezeichnet werden muß, eine köstliche Dichtung in Stein und Mörtel, jedenfalls nicht die schlechteste Schöpfung des Meisters.

Noch heute ist Abbotsford, obschon nicht mehr im Besitze eines Scott, voller Reliquien des unsterblichen Dichters, die mit andachtsvoller Verehrung gehütet werden. Da steht noch der hohe gothische Lehnstuhl, in welchem der unermüdliche Schriftsteller gesessen; da hängen noch die alten schottischen Schwerter und Schilde, die hochländischen Taschen und Dolche, die er gesammelt hat; da erblicken wir noch die Bilder und Portraits aus der schottischen Geschichte, auf welchen sein Auge zu ruhen pflegte, während er sann; da ist fast jeder Baum der ausgedehnten Forsten ringsum von dem Poeten gepflanzt oder doch an seinen Platz gewiesen; da rauscht vor den Fenstern noch der raschströmende breite Tweed, der Grenzfluß zwischen den beiden Schwesterreichen, dessen Wellengesang Scott so sehr geliebt hat; da ist weit umher jeder Zoll breit Erde durch seinen Fuß zu classischem Boden geweiht.

Ehe Scott sein Domicil auf dieser neuen Scholle aufschlug, was im Mai des Jahres 1812 geschah, bekleidete er neben seinem Sheriffthume länger schon noch ein zweites öffentliches Amt. Er war zum Secretär am höchsten Gerichtshofe des Landes, zum sogenannten Clerk of Session ernannt worden und sah sich durch diesen hochangesehenen Posten alljährlich mehrere Monate an die Hauptstadt gefesselt. Dafür bezog er das stattliche Gehalt von dreizehnhundert Pfund Sterling – beinahe neuntausend Thaler – und konnte die übrige Zeit ganz nach seinem Gefallen verwenden. Rechnen wir zu diesen amtlichen Einnahmen den reichen Gewinn, der ihm aus seiner schriftstellerischen Thätigkeit erwuchs, so dürfen wir Scott wohl einen auch äußerlich vom Glücke in ungewöhnlichem Maße begünstigten Poeten nennen. Leider sollte jedoch auch an ihm der Spruch in Erfüllung gehen, daß „mit des Geschickes Mächten ist kein ew’ger Bund zu flechten!“

Die Uebersiedelung nach Abbotsford selbst trug ein so eigenthümliches Gepräge, daß wir ihrer mit ein paar Worten erwähnen zu müssen glauben. Vierundzwanzig Wagen, die mit dem absonderlichsten Gepäcke beladen waren, mit Schwertern, Bogen, [536] Spießen und Schilden, mit allen Helmen, in welchen man den mitumziehenden Hühnern ein provisorisches Lager bereitet hatte, führten den Dichter mit seiner Frau und seinen vier Kindern nach Abbotsford hinüber, während neben der seltsamen Karawane eine Schaar von Bauerjungen mit Lachsspeeren, mit Fischnetzen und Angelruthen einhertrottete und Ponies und Hundemeuten geleitete und sogar das Rindvieh mit hochländischen Bannern und Waffen aufgeputzt war. Mit einer solchen Masse von Curiositäten und Alterthümlichkeiten hatte die rastlose Sammellust den Dichter bereits umgeben!

Walter Scott war ein eifriger Freund jedweden nationalen Sports und namentlich der Kunst der Fischerei in ihren mannigfaltigen Gestalten ergeben. Einst wollte er zu einer Angelpartie ausziehen und suchte in einem längere Zeit nicht geöffneten Pulte nach einer passenden Schnur. Diese fand er nicht, wohl aber etwas weit Wichtigeres, was ihm seit Jahren aus den Augen und völlig aus dem Gedächtnisse gekommen war, – das schon 1805 begonnene Manuscript einer Erzählung, die er hatte liegen lassen, weil er sie der Fortsetzung nicht für werth hielt. Als sei sie das Werk eines Fremden, so vertiefte er sich sofort in die Handschrift und fand sich jetzt von der Lectüre derselben so angezogen, daß „er Lust bekam, das Ding zu vollenden“. Ohne Verzug setzte er sich an die Arbeit, und „in weniger als drei Wochen waren die beiden letzten Bände des Romanes geschrieben“. Im Juli 1814 erschien derselbe und hatte einen solchen Erfolg, daß sogar die Aufnahme, welche die „Jungfrau vom See“ gefunden, dadurch in den Schatten gestellt wurde.

Die Erzählung war – die Leser haben es schon errathen – der berühmte Roman „Waverley“, das erste einer langen Reihe von Meisterwerken, welche Walter Scott’s Weltruhm begründeten und seinem Namen die Unsterblichkeit sichern. Alle diese Erzählungen sind anonym veröffentlicht worden, und der Dichter legte einen solchen Werth darauf, sein Incognito zu bewahren, daß die Manuscripte sämmtlicher dieser Romane – die „Romane vom Verfasser des Waverley“, wie sie auf dem Titel genannt wurden – von der eigenen Hand des Verlegers copirt werden mußten, damit auch das Druckereipersonal über die Autorschaft in Ungewißheit blieb. Nur eine kleine Zahl der nächsten Freunde Scott’s war in das Geheimniß gezogen worden, und von ihnen hat keiner je den Schleier desselben gelüftet. Wer freilich zu dem Poeten in genaueren Beziehungen stand, der konnte keinen Augenblick im Unklaren sein, daß sich hinter dem „großen Unbekannten“ – so hieß man jetzt den Dichter der Waverley-Romane, wie man früher dem Verfasser der famosen „Juniusbriefe“ diesen Namen gegeben hatte – kein Anderer verbarg als Walter Scott. Sind doch alle seine Romane voller Anekdoten, Einfälle und Einzelheiten, die man, und meist ganz in der nämlichen Fassung, von den eigenen Lippen des unvergleichlichen Erzählers vernommen oder diesem wohl gar erst selber hinterbracht hatte. Erst lange danach, bei einem im Februar 1827 in Edinburgh veranstalteten Festessen, bekannte sich Walter Scott zur Autorschaft der berühmten Werke und erklärte zugleich, um den in dieser Hinsicht umlaufenden Gerüchten zu begegnen, daß er allein ihr Verfasser sei. „Vielleicht war es eine bloße Laune, was mich zu meinem Incognito bewog,“ sprach er bei dieser Gelegenheit. „Jetzt habe ich nur zu bemerken, daß alles Gute und Schlechte, was in diesen Schriften ist, ausschließlich mir allein zur Last fällt. – – Jene ausdrücklich als Citate aus anderen Werken bezeichneten Stellen ausgenommen, steht in diesen Erzählungen kein Wort, das nicht meiner Erfindung oder meinen Studien entstammte.“

Natürlich lief dies literarhistorisch so bedeutsame Geständniß alsbald durch die gesammte Presse des In- und Auslandes und brachte den Namen „Walter Scott“ von Neuem in Aller Mund. Der „große Unbekannte“ stand jetzt erkannt vor den Augen der ganzen civilisirten Welt, welche seine Feder so lange schon entzückt hatte.

„Waverley“ ist vielleicht die populärste aller Scott’schen Schöpfungen, womit indeß nicht gesagt sein soll, daß die dieser ersten mit einer fast fabelhaften Schnelligkeit folgenden vielen anderen historischen Erzählungen hinter ihr zurückbleiben. Im Gegentheil ist das stoffliche und dramatische Interesse in mehreren der übrigen Romane Walter Scott’s ein größeres, und manche sind mindestens der Theilnahme des deutschen Lesers noch näher gerückt als der während der letzten schottischen Erhebung spielende „Waverley“, wenn auch die darin entworfene Zeichnung des gälischen Hochlandlebens als Charakter- und Sittenbild in der Literatur keiner Nation übertroffen, vielleicht auch in keiner nur erreicht ist. Was wir schon im Allgemeinen als Kennzeichen der Scott’schen Poesie hervorhoben, die gleichmäßige Vollendung aller ihrer Erzeugnisse ohne eine stufenmäßige Entwickelung vom Anfängerthume zur Meisterschaft, das gilt ganz besonders von den Romanen Walter Scotts: „Waverley“ ist nach Composition und Ausführung, in Erfindung wie in Gestaltung, in der Darstellung der Charaktere wie in der Naturmalerei, in Form wie Diction so vollendet wie „Kenilworth“ oder „Quentin Durward“ etc. Mit Einem Worte: jede dieser Erzählungen, welche theils hochtragischer, theils heiterer und launiger Natur sind, theils reiner Fiction entstammen, theils sich an historischen Hintergrund lehnen, trägt den Stempel der Vollendung an sich, und wir glauben nicht zu viel zu behaupten, wenn wir Walter Scott, wo nicht als den ersten aller Romandichter, so doch als den König der Erzähler bezeichnen, der sich Cervantes zur Seite stellen kann und im Fache des historischen Romans seinen Meister noch nicht gefunden hat. Mangelt ihm auch das höchste Pathos, das nur einem tief leidenschaftlichen Gemüthe entspringt, so entzückt er uns dafür durch den unerschöpflich sprudelnden Born seiner Erfindung und eine Kunst der Darstellung ohne Gleichen. Finden wir an ihm etwas zu mäkeln, so ist es seine oft allzu große epische Breite, die zumal in der Exposition einiger seiner Romane die Geduld des nach schneller Entwickelung drängenden Lesers einigermaßen auf die Probe stellt. Auch die Detailmalerei möchte man bei nebensächlichen Dingen und Personen, Localitäten, Geräthschaften, Trachten etc. wohl etwas weniger minutiös wünschen, obgleich diese Einzelschilderungen überall die vollendete Meisterhand verrathen und durch ihre Anschaulichkeit wesentlich dazu beitragen, daß wir die Scott’schen Erzählungen nicht zu lesen, sondern ihren Inhalt, ihre Bilder und Scenen zu sehen und zu erleben glauben. –

Es würde um Vieles die Grenzen dieser Skizze überschreiten, sollte der Leser Scott’s Schriftstellerlaufbahn von Roman zu Roman begleiten. Auch die einzelnen Namen derselben sollen nicht aufgezählt werden; ihr Katalog ist ein allzu umfangreicher und würde hier zur bloßen Nomenclatur herabsinken müssen. Nur bemerken wollen wir noch, daß der Dichter sich auch nicht ein einziges Mal selbst wiederholt hat. Bei einer so bändereichen Literatur muß dies sicher als ein eigenthümlicher Vorzug anerkannt werden, den sich nicht alle Novellisten beimessen dürfen, am allerwenigsten unsere Novellistinnen, in deren Erzählungen wir so häufig denselben Helden und Heldinnen, nur mit andern Titeln und Kleidern, wieder zu begegnen pflegen. Scott’s Phantasie war buchstäblich ein unerschöpfliches Füllhorn, und nur seine zwei oder drei letzten Romane bekunden, daß langwieriges Körper- und Seelenleiden, verbunden mit einer durch viele Jahre fortgesetzten übermenschlichen Thätigkeit, endlich die Schöpferkraft des Dichters gelähmt hatte.

„Waverley“ war in drei Wochen vollendet worden. Am Weihnachtstage desselben Jahres 1814 schreibt Scott, der inzwischen eine neue epische Dichtung, „der Lord der Inseln“, verfaßt und täglich durchschnittlich achtzig bis hundert Verse auf’s Papier geworfen hatte, an seinen Edinburgher Verleger und Drucker: „Jetzt fahre ich nach Abbotsford, um meine Maschine wieder aufzufrischen,“ d. h. er setzte sich von Neuem an’s Pult, und noch war kein voller Monat in’s Land gegangen, so lagen die beiden ersten Bände eines neuen Romans, „Guy Mannering“ oder „der Astrolog“, nicht blos im Manuscript, sondern im Druck fertig da! Und abermals war die englische Literatur um ein classisches Werk reicher. Dergestalt arbeitete und – erholte sich Walter Scott! Wer vermöchte auch hierin es ihm gleich zu thun? Um dem an dergleichen Ziffern auch heute noch nicht gewöhnten Leser eine Vorstellung zu geben, welche hohen Honorare die englischen Verleger ihren Autoren schon vor länger als einem halben Jahrhundert zahlten, erwähnen wir, daß „Guy Mannering“ mit einem Ehrensolde von mehr als vierzehntausend Thalern belohnt wurde. Ein Gewinn von vierzehntausend Thalern innerhalb sechs Wochen – denn am 24. Februar ward der Roman versandt – bietet uns von Neuem einen Maßstab dar, das Einkommen abzuschätzen, welches Walter Scott aus seiner Feder zog. Wie sein Schwiegersohn Lockhart in seiner ausführlichen Lebensbeschreibung Walter Scott’s, einem neunbändigen Werke, berichtet, [537] beliefen sich die Einnahmen, welche dem Dichter jährlich aus seinen Schriften zuflossen, nie unter siebenzigtausend Thalern; oftmals stiegen sie noch beträchtlich höher. Denn jeder seiner nun folgenden Romane – „Rob Roy“, „der Kerker von Edinburgh“, „die Braut von Lammermoor“, „Ivanhoe“, „das Kloster“, „der Abt“, „Kenilworth“, von denen die vier letzteren im Laufe eines einzigen Jahres entstanden – wurde immer noch höher honorirt, als der vorhergehende, und manche schon bezahlt, ehe der Dichter selbst noch einen Buchstaben daran geschrieben, ja ehe er noch eine Scene derselben ersonnen hatte. So schloß er, nach der Veröffentlichung von „Nigel’s Schicksalen“, wovon in einigen Vormittagsstunden allein siebentausend Exemplare abgesetzt wurden, mit einem Edinburgher Buchhändler den Contract ab, binnen zwei Jahren vier weitere große Romane zu schreiben, und empfing dafür im Voraus eine Summe von mehr als vierzigtausend Thalern. Der Vertrag ward getreulich erfüllt, und die gelieferten Erzählungen waren wiederum Meisterwerke, darunter die beiden an spannendem Interesse so reichen „Quentin Durward“ und „St. Ronan’s Brunnen“.

Das äußere Glück des Poeten stand auf seinem Gipfel, nachdem demselben von seinem hohen Gönner König Georg dem Vierten noch die Würde eines englischen Baronets verliehen worden war, die dem Taufnamen ihres Trägers bekanntlich das „Sir“ vorsetzt und seine Gattin zur „Lady“ erhebt. Schon lange nagte jedoch der Wurm, das Glücksgebäude zu zerstören, und es währte nicht mehr lange, so brach dieses jäh und schrecklich zusammen. Walter Scott hatte sich nämlich als stiller Theilhaber mit seinem Drucker und Verleger, einem seiner ältesten Jugendfreunde, verbunden, und als dieser in Folge der allgemeinen Geldkrisis Anfang des Jahres 1826 stürzte, war Scott selbst finanziell vollständig zu Grunde gerichtet und für eine Schuldenlast von achtmalhunderttausend Thalern mit haftbar.

Nun aber zeigte sich die ganze Seelengröße des Mannes. Er berechnete, daß, wenn er fortfahre, mit dem unermüdlichen Fleiße zu schaffen wie bisher, es ihm möglich sein werde, noch diese ganze ungeheure Summe zu tilgen. Die Gläubiger waren in der Mehrzahl hochherzig genug, Scott’s desfällige Vorschläge anzunehmen, und bis zu seinem letzten Athemzuge hat der edle Dichter kein anderes irdisches Ziel mehr im Auge gehabt, wenn es auch völlig zu erreichen ihm nicht vergönnt war. Beispiellos ist die Thätigkeit, die er fortan entwickelt. Vom Morgen bis zur Nacht schreibt er ohne Unterbrechung, in vier Tagen einmal den halben Band eines Romans; wie ein Sclave arbeitet er, seine Gläubiger zu befriedigen, obschon ihm diese nicht blos alle nur erdenkliche Rücksicht zu Theil werden lassen, sondern rührende Beweise ihrer Hochachtung und Bewunderung geben. Und wie ergreifend ist die Resignation, mit welcher der an allen Luxus des Lebens gewöhnte Dichter sein Loos ertrug! Sein schönes Haus in Edinburgh verkaufte er und miethete sich, wenn er während der Gerichtssitzungen in der Hauptstadt weilen mußte, ein einfaches, ja ärmliches Zimmer, doch auch hier war jede freie Minute der Ausführung seines ehrenhaften Vorsatzes gewidmet. Dabei lag Scott’s Gattin auf ihrem Sterbebette und siechte sein Enkel dem Tode entgegen! Das brach dem Manne das Herz, der mit so unendlicher Liebe an all den Seinigen hing, den Verlust seines Reichthums trug er mit bewundernswerther Gelassenheit.

„Die Eiche kann ihre welken Blätter nicht mit größerem Gleichmuthe fallen sehen, als ich mich von dem getrennt habe, was man wohl großen Wohlstand nennen konnte,“ zeichnet er in sein Tagebuch ein. Und trotz diesem Ueberschwange von Leid weisen die währenddem geschaffenen Werke kaum eine Spur auf von dem Seelenschmerze des Dichters. Die „Erzählungen eines Großvaters aus der schottischen Geschichte“, welche unter Anderem in dieser traurigen Periode entstanden, sind unbedingt dem Vorzüglichsten beizurechnen, womit uns seine rastlose Feder beschenkt hat. Das Buch, ein Volksbuch im besten Sinne des Wortes, fand auch eine selbst für ein Kind der Scott’schen Muse ungewöhnliche Aufnahme, und noch ehe zwei Jahre seit der Katastrophe abgelaufen waren, hatten bereits mehr als dreimalhunderttausend Thaler von der Schuld des Poeten abgetragen werden können, so daß die Gläubiger sich veranlaßt sahen, Scott ihren Dank auszusprechen für seinen ihrem Interesse gewidmeten Eifer. Wie unermüdlich Walter Scott arbeitete, aber auch wie außerordentlich groß seine Arbeitskraft war, mag den in dergleichen Dingen Erfahrenen die Thatsache bezeugen, daß er manchen Morgen schon bis zum Mittagsessen vierzig Druckseiten niederschrieb. So brachte er die herrliche Erzählung „das schöne Mädchen von Perth“, welche Goethe in seinen Gesprächen mit Eckermann für einen der vortrefflichsten Romane erklärt, den er jemals gelesen, in den beiden ersten Monaten des Jahres 1828 zu Stande. Und neben all diesen schöpferischen Arbeiten redigirte er noch eine Gesammtausgabe seiner Werke, voll welchen im Durchschnitt monatlich fünfunddreißigtausend Bände verkauft wurden!

Auf die Dauer freilich ließ sich eine solche übermäßige Anstrengung nicht aushalten, und so sehen wir unsern Dichter in den letzten achtzehn Monaten seines Lebens körperlich und leider auch geistig zusammenbrechen, nachdem ein schmerzhaftes Magenübel schon früher seine Gesundheit geschwächt hatte. Eine auf den Rath der Aerzte unternommene Reise nach Italien vermochte keine Heilung mehr zu bringen; ein Sterbender kehrte der Kranke nach England heim, und am einundzwanzigsten September 1832 schloß er seine müden Augen im Beisein aller seiner Kinder, von denen die zweite, unvermählt gebliebene Tochter Anna seine treue Pflegerin gewesen war. Mit ihm verlor die Erde einen der edelsten Bürger, welchen sie jemals getragen hat. Die ganze gebildete Welt klagte um ihren unvergeßlichen Walter Scott, und als man seine sterblichen Ueberreste an einem milden Herbstnachmittage zur letzten Ruhestatt in der Abtei von Dryburgh trug, der Erbgruft der Scott, wo fünf Jahre früher schon seine Gattin ihren Schlummerplatz gefunden hatte, folgten ein unabsehbarer Wagenzug und Tausende von Menschen der Leiche, und in den Ortschaften, durch die sich das Trauergeleite bewegte, stand Alt und Jung mit entblößtem Haupte vor den Thüren der Häuser, dem geliebten Sheriff die letzten Ehren zu erweisen. Alle waren von Schmerz ergriffen, Viele schluchzten laut, denn der Verstorbene war nicht blos ein großer, er war auch ein guter Mensch gewesen ein treuer Freund des Volkes, wenn auch kein Demokrat in der modernen Bedeutung des Wortes, sondern Royalist vom Scheitel bis zur Zehe und unerschütterlicher Tory.

Die äußere Gestalt des unsterblichen Dichters ist uns durch verschiedene Bildnisse und Büsten erhalten. Das vorzüglichste Portrait, welches wir von ihm besitzen, verdanken wir dem berühmten englischen Maler Sir Thomas Lawrence. Es zeigt uns ein frisches rundliches Gesicht – eher das Gesicht eines behäbigen Landjunkers als eines genialen Dichters – mit röthlichem Backenbart, während in auffälligem Contrast damit den Kopf schon graues Haar umkränzt; die Beweglichkeit seiner Züge aber, welche auch die leiseste Empfindung, die seine Brust erregte, mit der unverkennbarsten Wahrheit widerspiegelten, den wunderbaren Glanz seiner Augen und das hinreißende Lächeln, welches seine vollen Lippen umspielte, wenn er einer Rede lauschte, die sein Interesse in Anspruch nahm, oder eine der Hunderte von Anekdoten erzählte, „von denen er beständig überströmte“ – das hat auch der Pinsel eines Lawrence nicht wiederzugeben vermocht, viel weniger noch das Marmorstandbild in der Princes’ Street zu Edinburgh, welches der Mittelpunkt sein wird für das in wenigen Wochen heraufziehende große „Jubelfest im Norden“, zu dem diese Mittheilungen ihr bescheidenes Scherflein beisteuern wollen – denn Walter Scott war auch „unser“.
S.