Die Gartenlaube (1883)/Heft 1

Textdaten
>>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1883
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1883) 001.jpg
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[1]

No. 1.   1883.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt.Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis Bogen. 0 Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.


Gebannt und erlöst.

Von E. Werner.

Der Dampfer lag zur Abfahrt bereit. In einer Stunde sollte er den Hafen verlassen, um nach der nahen deutschen Küste zu steuern, die bei einer schnellen und günstigen Fahrt schon mit Tagesanbruch zu erreichen war.

Auf dem Meere draußen lag die tiefe, stille Ruhe der Mondnacht, im Hafen aber und am Ufer herrschte noch das regste Leben und Treiben. Blendender Lichtglanz strömte über die Piazzetta hin, und dichtes Menschengewoge erfüllte den weiten, beinahe tageshellen Raum. Das ganze Leben des Südens entfaltete sich an diesem Herbstabende, dessen weiche, beinahe schwüle Luft den heißen Sommerabenden des Nordens nichts nachgab. In immer neuen, wechselnden Bildern zog das bunte Gewühl vorüber, wie bewegt und getragen von den Klängen der Musik, und über diesem Meer von Licht, Glanz und Tönen ragten die mächtigen Kirchen und Paläste der Stadt empor, hell beschienen vom Mondlicht, das sie wie mit geisterhaftem Schimmer umfloß und jede Linie klar und deutlich hervortreten ließ gegen den sternfunkelnden Nachthimmel.

Die Zeit war schon ziemlich weit vorgerückt, als eine Gruppe von jungen Männern sich aus dem Gewühl löste und die Richtung nach dem Ufer einschlug. Sie gehörten offenbar verschiedenen Nationalitäten an; denn die sehr laute und lebhafte Unterhaltung wurde bald deutsch, bald italienisch geführt, verrieth aber die übermüthigste Stimmung. Die Neckereien flogen unaufhörlich hin und her, und jeder Einfall, jede Bemerkung wurde mit hellem Gelächter aufgenommen. Am Ufer, das die kleine Gesellschaft jetzt erreichte, harrte bereits eine Gondel mit verschiedenem Reisegepäck. Scharf und dunkel hoben sich die Umrisse des Dampfers ab, der in geringer Entfernung lag, während das Licht und die Musik von der Piazza her nur gedämpft herüberdrang.

„Jetzt heißt es, all dieser Schönheit Lebewohl sagen,“ rief einer der jungen Männer, indem er nach jenem Lichtkreise zurückblickte. „Wenn ich daran denke, daß ich fort muß, um für diese Sommertage und Mondesnächte die eisigen Herbstnebel und Winterstürme unserer deutschen Hochgebirge einzutauschen, dann möchte ich den Einfall meines Onkels verwünschen, der mich zurück ruft.“

Er war bei den letzten Worten stehen geblieben, und das Licht des Gascandelabers fiel hell auf seine Gestalt, eine schlanke elegante Gestalt im dunklen Reise-Anzuge. Die blonden Haare und blauen Augen des jungen Mannes verriethen den Nordländer, wenn auch seine ursprünglich helle Hautfarbe jetzt gebräunt erschien; seine Züge hätten nur etwas ausdrucksvoller sein müssen, um für wirklich schön zu gelten. Man suchte in diesen edel gezeichneten Linien unwillkürlich einen tieferen Ausdruck, der nicht vorhanden war, aber sie waren voll Jugend, Heiterkeit und Leben, dabei anziehend, wie die ganze Persönlichkeit.

„Warum gehst Du denn überhaupt?“ fragte einer der Begleiter, eine echt italienische Erscheinung mit südlichem Teint und dunklen, brennenden Augen. „Ich würde mich viel um die Einfälle eines alten Menschenfeindes kümmern, der auf seinem langweiligen Felsennest da oben mit sich und aller Welt im Kriege lebt. Ich würde ihm in aller Hochachtung melden, daß mir die Gesellschaft der Uhus und Fledermäuse nicht behagt – ich würde einfach hier bleiben. Ich habe Dir das schon vorgestern gerathen, Paul, als die Abberufungsordre eintraf, aber Du wolltest ja nichts davon hören.“

„Mein lieber Bernardo,“ sagte Paul lachend, „dieser weise Rathschlag beweist sonnenklar, daß Du nicht weißt, was es heißt, einen Verwandten zu besitzen, von dessen Wohlwollen Deine gegenwärtige Existenz und Deine ganze Zukunft abhängt – sonst würdest Du anders urtheilen.“

„Ich wollte, ich hätte ihn!“ rief Bernardo. „Solch ein alter Erbonkel, der mindestens eine Million hinterläßt, ist unter allen Umständen eine schätzenswerthe Sache, selbst wenn er mit verschiedenen Uhu-Eigenthümlichkeiten behaftet ist. Leider befindet sich in meiner ganzen Verwandtschaft kein derartiges kostbares Exemplar; Du hast eben darin Glück, wie in allen Dingen.“

„Was ist es denn eigentlich mit diesem Anverwandten, Herr von Werdenfels?“ mischte sich jetzt ein Dritter in das Gespräch. „Ich war, ehe ich Deutschland verließ, zufällig in seiner Heimath, wo die tollsten und abenteuerlichsten Gerüchte über ihn im Gange sind. Dieser Burgherr von Felseneck ist so recht eigentlich das Märchen der ganzen Umgegend. Ihnen gegenüber wird er doch seine sonstige Unzugänglichkeit und Unsichtbarkeit nicht festhalten.“

Der junge Werdenfels zuckte die Achseln.

„Ich kann Ihnen darüber keine Auskunft geben, lieber Osten; denn ich weiß nicht mehr als jeder Andere. Es ist ein Vetter meines verstorbenen Vaters, aber die Beiden standen sich stets fern, und ich selbst habe ihn überhaupt nur ein einziges Mal gesehen und gesprochen. Das war vor Jahren, als ich nach dem Tode des Vaters seiner Vormundschaft übergeben wurde. Seitdem beschränkt sich unser Verkehr auf die Briefe, in denen ich ihm regelmäßig von meinem Leben und Treiben Nachricht gebe, und auf die kurzen, flüchtigen Antworten, die er mir bisweilen zu Theil werden läßt. Ich habe übrigens kaum jemals erwartet,

[2] ihm nahe treten zu müssen, und begreife nicht, weshalb er mich jetzt aus einmal zu sich ruft“.

„Wahrscheinlich will er sein Testament machen!“ rief ein junger Officier, der gleichfalls zu der Gesellschaft gehörte. „Das märe wenigstens eine vernünftige Idee, und hoffentlich hast Du Aussicht, ihn bald zu beerben. Wir wollen Dir helfen, die Million etwas flüssiger zu machen; vorläufig laden wir uns allesammt bei Dir zur Gemsenjagd ein, wenn Du dort drüben erst Herr und Meister bist. Schlag’ ein, Paul, auf nächsten Sommer!“

Er hielt ihm übermüthig die Hand hin, aber Paul zog mit einer halb unwilligen Bewegung die seinige zurück.

„Nicht solche Scherze! Mein Onkel ist noch keineswegs so alt, wie Ihr glaubt, und trotz all seiner Sonderlingslaunen ist er doch gegen mich die Güte selbst gewesen. Er hatte immer eine offene Hand für mich und gewährte mir mit vollster Freigebigkeit Alles, was ich brauchte.“

„Und Du hast sehr viel gebraucht,“ warf Bernardo ein. „Dein Aufenthalt in Italien mag eine hübsche Summe gekostet haben.“

Paul warf ihm einen spöttischen Blick zu.

„Das mußt Du allerdings am besten wissen; denn Du hast mir redlich geholfen. Die Hälfte all meiner Ausgaben kommt auf Dein Conto, Bernardo.“

„Ja, ich habe mich Deiner nach Kräften angenommen,“ versicherte dieser. „Du verstandest überhaupt gar kein Geld auszugeben; Du hast das erst unter meiner vorzüglichen Leitung gelernt. Dein Herr Onkel scheint aber doch jetzt ernstlich für seine Casse besorgt zu werden und will sie vor weiteren Attentaten sicher stellen, wie es scheint.“

„Gleichviel aus welchem Grunde er mich zurückruft! Ich muß gehorchen, aber ich gehe mit schwerem Herzen.“

„Gilt dieser Seufzer dem schönen Venedig?“ neckte Osten, „oder gilt er der noch schöneren Landsmännin, die jetzt in unseren Mauern weilt? Leugnen Sie es nicht, Werdenfels! Sie sind ja der einzige Bevorzugte von uns Allen, dem es vergönnt war, ihr zu nahen.“

„Ja, das ist wieder Paul’s unerhörtes Glück!“ rief Bernardo dazwischen. „Was gäbe ich darum, dieses wundervolle goldbraune Haar und diese Augen auf der Leinwand festhalten zu dürfen! Es ist ja, als ob ein Bild eines unserer alten Meister aus dem Rahmen gestiegen wäre. Aber es war ja nicht möglich, die hartnäckige Zurückgezogenheit zu durchbrechen, in der diese stolze Schönheit sich gefällt. Konnte denn nicht ich die verlorene Brieftasche finden, die doch wohl von Werth gewesen sein muß; denn die ausgesetzte Belohnung war ziemlich hoch. Paul findet sie sofort; er überbringt natürlich den Fund persönlich, wird vorgelassen, bleibt eine volle Stunde dort und verliebt sich ebenso natürlich sterblich in seine schöne Landsmännin. Das Letztere finde ich übrigens durchaus begreiflich; denn ich habe nur fünf Minuten dazu gebraucht.“

„Ja, er kam ganz verklärt zurück,“ fiel der junge Officier ein. „Und seitdem schwebt er fortwährend in höheren Regionen und versteht es nicht einmal mehr, den Wein zu schätzen. Ich bin überzeugt, daß sich da Mondschein-Serenaden und allerlei sonstige zarte Beziehungen angesponnen haben, aus denen man uns leider ein Geheimniß macht.“

„Spottet nur!“ sagte Paul Werdenfels, halb belustigt, halb ärgerlich über die Neckereien. „Ihr wäret doch allesammt gern an meiner Stelle gewesen. Wenn mir aber Bernardo ein unerhörtes Glück zuspricht, so muß ich doch ernstlich dagegen protestiren. Nennt Ihr es vielleicht Glück, aus dem Bannkreise dieser Augen fortgerissen zu werden, wenn man nur ein einziges Mal hineingeschaut hat? Ich habe bei meinem heutigen Abschiedsbesuche Frau von Hertenstein nicht angetroffen; vielleicht ließ sie sich auch vor nur verleugnen; jedenfalls habe ich sie nicht wiedergesehen. Ich kenne kaum mehr von ihr als den Namen, weiß nur, daß sie Wittwe ist und noch Trauer um ihren Gatten trägt. Alles, was sonst ihre Person betrifft, ist mir fremd und geheimnißvoll – und so muß ich abreisen.“

Die letzten Worte wurden mit einer beinahe komischen Verzweiflung gesprochen, welche natürlich die Neckereien verdoppelte. Inzwischen aber war aus den, Dunkel, in welchem die Gondel lag, eine ziemlich kleine Gestalt aufgetaucht, ein alter Mann mit grauen Haaren, der einfach dunkle Livree trug und jetzt in mahnendem Tone sagte:

„Herr Paul, jetzt ist es aber die höchste Zeit. Der Dampfer fährt in einer halben Stunde ab.“

„Wir sind noch mit den Abschiedsfeierlichkeiten beschäftigt,“ erklärte Bernardo. „Stören Sie uns nicht darin, Arnold! Sie danken ja doch Gott und allen Heiligen, daß Sie Ihren jungen Herrn unserer verderblichen Gesellschaft entführen und nach Deutschland in Sicherheit bringen können.“

Er hatte Deutsch gesprochen, um von dem alten Diener verstanden zu werden, aber dieser ließ sich durch den Spott nicht beirren; er erwiderte trocken und gleichfalls in deutscher Sprache:

„Ja, es thut auch noth, daß er endlich wieder zu vernünftigen Menschen kommt.“

Die jungen Männer schienen diesen Ausfall sehr amüsant zu finden; denn sie brachen sämmtlich in ein lautes Gelächter aus, in welches auch Paul Werdenfels einstimmte.

„Bedankt Euch doch für das Compliment!“ rief er. „Es ist vollkommen ernst gemeint. Aber Du nimmst Dir wirklich etwas viel heraus, Arnold!“

„Ich thue mur meine Pflicht,“ lautete die nachdrückliche Antwort. „Als die selige Frau Baronin auf dem Sterbebette lag, hat sie mir feierlich den Junker Paul übergeben. ‚Arnold!‘ sagte sie zu mir –“

„Um des Himmel willen hören Sie auf!“ unterbrach ihn Osten. „Sie haben uns die Geschichte mindestens schon zwanzig Mal erzählt. Wir wissen es ja längst, daß Sie bei Herrn von Werdenfels Vater- und Mutterstelle vertreten und daß er einen ganz heillosen Respect vor Ihnen hat, wie wir übrigens Alle.“

„Vor allen Dingen ich!“ ergänzte Bernardo, „denn ich war von Euch allen am häufigsten Gegenstand seiner Predigten und fühle mich am tiefsten dadurch getroffen.“

Die Blicke des alten Dieners überflogen mit einem nichts weniger als freundlichen Ausdrucke den ganzen Kreis und blieben zuletzt auf dein übermüthigen Maler haften.

„Signor Bernardo,“ sagte er feierlich. „Die Freunde meines jungen Herrn sind allesammt schlimm, aber Sie sind der Schlimmste!“

Diese Erklärung rief einen neuen stürmischen Ausbruch der Heiterkeit hervor, aber urplötzlich verstummte dieser, und ebenso plötzlich wichen die jungen Herren rechts und links zur Seite, um einer kleinen Reisegesellschaft Platz zu machen, die gleichfalls nach dem Ufer schritt. Es war eine Dame in tiefer Trauerkleidung; sie hatte den Schleier herabgelassen. Das reiche Haar drängte sich unter dem Hute hervor, und als es beim Vorüberschreiten einen Moment lang von dem Strahl der Gasflamme getroffen wurde, schimmerte es auf diesen anscheinend dunklen Flechten wie in goldigem Glanze. An der Seite der Fremden ging eine ältere sehr einfach gekleidete Frau, offenbar eine Untergebene, und ein Hôteldiener mit mehreren Reise-Effecten folgte den Beiden. Paul Werdenfels grüßte tief und ehrerbietig; die Uebrigen folgten seinem Beispiel. Die Dame neigte leicht das Haupt zur Erwiderung und nahm dann mit ihrer Begleiterin in einer seitwärts liegenden Gondel Platz, die gleich darauf abstieß.

„Jetzt leugne es noch, daß Du ein Glückskind bist!“ raunte Bernardo seinem Freunde zu. „Da fährt sie hin, zu demselben Dampfer, auf dem Du die Ueberfahrt nach Deutschland machst.“

Paul’s Augen hingen längst an dem kleinen Fahrzeug, das jetzt aus dem Schatten des Ufers in das helle Mondlicht hinausglitt und in der That die Richtung nach dem Dampfer nahm.

„Wahrhaftig, sie geht an Bord!“ sagte er mit aufleuchtenden Blicken. „Ich hatte keine Ahnung davon; denn sie deutete auch nicht mit einer Silbe auf ihre Abreise hin. Aber Arnold hat Recht – es ist die höchste Zeit, daß ich aufbreche; also Lebewohl Euch Allen!“

Er wollte den Abschied möglichst kurz und hastig abmachen, aber das gelang ihm nicht; denn die sämmtlichen Herren wurden von einer ebenso plötzlichen wie rührenden Zärtlichkeit für den scheidenden Freund ergriffen und fühlten das dringende Bedürfniß, sich bis zum letzten Momente seiner Gegenwart zu erfreuen.

„Wozu uns jetzt schon trennen!“ rief Bernardo. „Es ist noch eine halbe Stunde bis zur Abfahrt, und die können wir gemeinschaftlich verleben. Ich begleite Dich an Bord.“

[3] „Ich gleichfalls,“ fiel Osten ein. „Es wäre unverantwortlich, wenn wir Ihnen nicht bis zum Dampfer das Geleite gäben.“

„Wir gehen Alle mit an Bord,“ entschied der Officier, ein Vorschlag, der mit stürmischer Acclamation aufgenommen wurde, aber Der, dem er galt, zeigte sich nichts weniger als dankbar dafür. Paul protestirte anfangs lachend, dann ernster und verbat sich zuletzt entschieden die beabsichtigte Begleitung. Einige der Herren machten bereits Miene, das übel zu nehmen, als Bernardo sich in das Mittel legte.

„Laßt ihn gehen!“ sagte er. „Ihr seht es ja, er steuert mit vollen Segeln in das Abenteuer hinein und gönnt uns nicht den geringsten Antheil daran. Wir sind ihm lästig bei diesem Rendezvous auf dem Dampfer; denn man wird uns doch nicht einreden wollen, daß diese gemeinschaftliche Abreise eine zufällige ist.“

Paul zog die Stirn kraus, und seine Stimme klang sehr scharf und bestimmt, als er erwiderte:

„Ich begreife nicht, wie Du dazu kommst, an meinen Worten zu zweifeln. Es ist hier weder von einem Abenteuer noch von einem Rendezvous die Rede, und ich bitte Dich ernstlich, mich und Frau von Hertenstein mit solchen Voraussetzungen zu verschonen.“

„Ich lege Euch Beiden meine allertiefste Hochachtung zu Füßen,“ spottete der unverbesserliche Bernardo. „Du scheinst die Sache von der sentimentalen Seite zu nehmen und vorläufig noch aus der Ferne anzubeten. Jedenfalls ist der Mondscheinroman, der Dich da auf dem Meere erwartet, von einer beneidenswerten Romantik. Ich wünsche Dir alles Glück dazu.“

Paul wandte sich in sichtbarer Verstimmung ab und zu den Anderen, welche ihn jetzt von allen Seiten umdrängten. Abschiedsworte und Händedrücke wurden gewechselt, Neckereien geflüstert,und man gab den Scheidenden nicht eher frei, als bis vom Dampfer das erste Glockenzeichen herübertönte. Jetzt endlich riß Paul sich los und sprang in die Gondel, von wo er den Zurückbleibenden noch einen letzten Gruß zuwinkte.

Er athmete unwillkürlich auf, als das Boot ihn hinaustrug und das ruhige Mondlicht ihn umfing. Um keinen Preis wäre er auf dem Dampfer in Begleitung der ausgelassenen Gesellschaft erschienen, in der er sich bisher so wohl befunden und die ihm heute zum ersten Male lästig geworden war. Er wußte, welcher Magnet sie dorthin zog, und empfand dieses Herandrängen als eine Tactlosigkeit, die er aus jeden Fall verhüten wollte.

Schon nach wenigen Minuten legte das Boot an der Schiffstreppe an, und der junge Mann stieg rasch und leicht hinauf, während der alte Diener langsamer folgte. Der größte Theil der Passagiere befand sich bereits an Bord, aber noch dachte Niemand daran, die heißen, dumpfigen Kajütenräume aufzusuchen; die herrliche Mondnacht hielt noch Alles aus dem Verdecke fest. Doch vergebens durchforschte Paul die plaudernden Gruppen, die einzelnen Gestalten, die sich hier und da niedergelassen hatten; vergebens stieg er selbst in den Salon der Kajüte hinab, der augenblicklich ganz leer war. Die eine Gestalt, welche er suchte, war und blieb unsichtbar; Frau von Hertenstein hatte sich jedenfalls schon zurückgezogen und kam vermuthlich erst morgen früh beim Landen wieder zum Vorschein.

Sehr verstimmt und mißmuthig begab sich der junge Mann endlich wieder auf das Verdeck und ließ sich dort auf einer Bank nieder. Soeben wurde das Zeichen zur Abfahrt gegeben; rasselnd lösten sich die Ketten; die Maschine begann zu arbeiten, und das Schiff glitt langsam an der Stadt vorüber. Noch einmal tauchte die Piazzetta auf mit ihrem strahlenden Lichtglanze und ihrem Menschengewoge; noch einmal grüßten die Thürme und Paläste im Mondenlichte herüber. Einige Minuten lang stand das Bild in voller Klarheit da; dann begann es allmählich zurückzuweichen, mährend der Dampfer zu schnellerer Fahrt einsetzte und seinen Cours nach Norden nahm.

Auf dem Verdecke wurde es nach und nach stiller und einsamer. Die Passagiere suchten, Einer nach dem Andern, die Schlafräume auf; auch Paul Werdenfels erhob sich jetzt in der gleichen Absicht, als er auf einmal dicht an der Kajütentreppe wie gefesselt stehen blieb. Nicht weit von ihm, im hinteren Theile des Schiffes, stand ganz allein eine Dame, die er auf den ersten Blick erkannte, obgleich sie ihm den Rücken zuwandte. Sie mußte erst im Momente der Abfahrt herauf gekommen sein und völlig unbemerkt jenen Platz aufgesucht haben. Der junge Mann machte eine rasche Bewegung dorthin, hielt aber plötzlich inne. So wenig die Schüchternheit sonst zu seinen Fehlern gehörte, hier empfand er doch eine gewisse Scheu, sich zu nahen. Es lag etwas Unnahbares in dieser hohen schwarzgekeideten Gestalt, die da so einsam an der Brüstung lehnte und in das Meer hinausblickte. Das Geräusch der Schritte hatte sie jedoch aufmerksam gemacht; sie wandte sich um, und das Mondlicht fiel voll und klar auf ihre Züge.

Es war ein Antlitz voll ungewöhnlicher Schönheit, das aus dem schwarzen, leicht um das Haupt geworfenen Schleier hervorblickte, aber es sprach ein eigentümlicher, fast strenger Ernst daraus, der in dem Gesichte einer so jungen Frau wohl befremden konnte. Vielleicht war es der Nachhall jenes schweren Verlustes, von dem die Trauerkleider erzählten, vielleicht auch der gewöhnliche Ausdruck dieser Züge, die bei aller Zartheit der Linien doch keine Weichheit zeigten. Auf der weißen Stirn und um die rosigen Lippen lag im Gegentheil ein Zug energischer Willenskraft, und so schön die braunen Augen auch waren, die sich unter den langen Wimpern aufschlugen, sie blickten so kühl und ernst, als könnten sie niemals in Leidenschaft aufflammen. Das Haar verschwand fast ganz unter dem Schleier, welcher Kopf und Schultern bedeckte, aber Paul kannte dieses wundervolle, leuchtende Goldbraun, das sich in den dunklen Falten barg; er hatte es im hellen Tageslichte bewundert.

In dem Gesichte der jungen Frau zeigte sich eine leichte Ueberraschung, als sie den Reisegefährten erblickte.

„Sie hier, Herr von Werdenfels?“ fragte sie. „Sie sind gleichfalls auf der Rückreise nach Deutschland?“

Paul verneigte sich bejahend.

„Ich ahnte nicht, daß mir auf dieser Fahrt das Glück beschieden würde, Ihr Reisegefährte zu sein, gnädige Frau. Es war mir nicht vergönnt, Sie noch einmal zu sehen. Sie waren ausgegangen – wie man mir sagte.“

Es lag eine gewisse Empfindlichkeit in den letzten Worten, Fran von Hertenstein nahm jedoch keine Notiz davon. Sie ließ das „wie man mir sagte!“ unerörtert und erwiderte ruhig:

„Ich habe Ihre Abschiedskarte erhalten, nahm aber an, daß Sie nach Rom gehen würden. Es war ja wohl Ihre Absicht, den Winter dort zuzubringen?“

„Ich hoffte es wenigstens, aber ich erhielt vor einigen Tagen Nachrichten aus der Heimath, die mich unerwartet zurückrufen.“

Paul von Werdenfels war inzwischen näher getreten und stand jetzt nebelt der jungen Frau. Sie befanden sich allein auf dem Verdecke, welches die letzten Passagiere soeben verlassen hatten. Ruhig, mit kaum sichtbarer Bewegung, glitt der Dampfer dahin; kein Windhauch regte sich, und aus dem Meere, das in tiefer Ruhe dalag, spann die Mondnacht ihren geheimnißvollen Zauber. Der Vollmond erfüllte Alles ringsum mit seinem geisterhaften Glanze und tauchte Himmel und Meer in eine weiße träumerische Lichtfluth. In seinen Strahlen flossen die Wellen wie leuchtende Silberströme dahin, und in den Furchen, die das Schiff zog, sprühten und tanzten Millionen von Silberfunken. Weiter hinaus woben Nebel und Mondesstrahlen ihre leichten duftigen Schleier um die Ferne, aber an dem dunklen Horizont stand noch deutlich erkennbar die Stadt, wie eine leuchtende Fata Morgana, die auf den Wellen zu schweben schien und langsam immer weiter und weiter zurück wich. Allmählich begannen sich die Züge dieses strahlenden Nachtgemäldes zu verwischen; die Linien wurden undeutlicher und nebelhafter, und die Hunderte von Lichtern flossen in einen engen Kreis zusammen, der mit jeder Minute enger ward.

„Ein echtes Märchenbild!“ sagte Paul halblaut. „Und wie ein Märchen entschwindet es auch den Blicken.“

„Der Anblick hat in der That etwas Märchenhaftes,“ stimmte Frau von Hertenstein bei. „Ich kenne nichts Aehnliches in unseren deutschen Städten.“

„Sie leben also in Deutschland, gnädige Frau?“ fragte der junge Mann, hastig den gebotenen Anknüpfungspunkt ergreifend. „Ich wußte allerdings schon bei unserer ersten Begegnung, daß ich eine Landsmännin begrüßte, aber Sie sprachen das Italienische mit so vollkommener Reinheit, daß ich auf einen jahrelangen Aufenthalt in Italien schloß.“

[4] Er hielt inne, wie um eine Antwort zu erwarten, und fuhr, als diese nicht erfolgte, rascher fort:

„Bei dieser ruhigen See werden wir voraussichtlich schon mit Sonnenaufgang landen und dann noch rechtzeitig den Courierzug nach W. erreichen. W. ist vermuthlich unser gemeinschaftliches Reiseziel.“

Er glaubte sehr geschickt zu manövriren, aber es glückte ihm trotzdem nicht, etwas über dieses gemeinschaftliche Reiseziel zu erfahren; denn statt der Antwort erfolgte die Gegenfrage:

„Sie reisen also dorthin, Herr von Werdenfels?“

„Nur auf einige Tage, dann kehre ich nach meinem eigentlichen Vaterlande zurück.“

Frau von Hertenstein schien eine Frage thun zu wollen, aber sie unterdrückte dieselbe. Ihre schon halb geöffneten Lippen preßten sich auf einmal mit einem beinahe herben Ausdrucke zusammen, während ihr Blick sich zugleich auf den jungen Reisegefährten richtete. Es war ein seltsamer langer Blick, der wie fragend und suchend wohl eine Minute lang auf seinen Zügen verweilte, und sich dann wieder in die Meeresweite verlor, aber Paul hatte ihn nur zu gut bemerkt, und seine Eitelkeit fühlte sich nicht wenig geschmeichelt durch diese Aufmerksamkeit der schönen Frau.

„Wir werden nur zu bald die sonnigen Küsten Italiens vermissen,“ hob er wieder an. „Zumal ich; denn mein Weg führt mich geradewegs in das Hochgebirge.“

Die junge Frau wendete sich mit einer jähen Bewegung um.

„In das Hochgebirge? Jetzt im Spätherbst?“

„Allerdings,“ entgegnete Paul, etwas befremdet über die Lebhaftigkeit der Frage. „Und vielleicht muß ich sogar einen Theil des Winters dort zubringen. Nicht wahr, es ist ein furchtbarer Gedanke, sich in solcher Jahreszeit in den Alpen zu vergraben, mitten unter Schnee und Eis? Es gehört eine Sonderlingsnatur wie die meines Onkels dazu, um daran Geschmack zu finden.“

Frau von Hertenstein hatte sich über die Brüstung gelehnt und verfolgte mit anscheinender Aufmerksamkeit die sprühenden Silberfunken im Kielwasser des Schiffes.

„Sie haben also Verwandte dort?“ fragte sie. „Verwandte – Ihres Namens?“

„Nur einen einzigen, meinen Onkel Raimund von Werdenfels, unter dessen Vormundschaft ich bis jetzt stand. Er ist gegenwärtig der alleinige Vertreter der älteren Linie unseres Hauses und Herr der sehr bedeutenden Güter, aber er hat sich längst von jedem Verkehr mit den Menschen zurückgezogen und ist nicht einmal zu bewegen, sein Stammschloß, das prachtvolle Werdenfels, zu bewohnen. Er lebt jahraus, jahrein mitten in dem Hochgebirge, auf seinem Lieblingsorte Felseneck, und dort soll ich ihn aufsuchen.“

Die junge Frau verfolgte noch immer das glitzernde Spiel der Wellen, das sie sehr zu fesseln schien; erst nach einer secundenlangen Pause sagte sie:

„Kennen Sie dieses Felseneck?“

„Nein, ich war niemals dort, aber der Beschreibung nach muß es ein düsteres unheimliches Felsennest sein, fast unzugänglich, abgeschieden von aller Welt, kurz ein echtes Spuk- und Gespensterschloß. Ich habe leider gar keinen Sinn für eine derartige Romantik und würde sie von Herzen gern mit den Salons unserer Residenz vertauschen, wenn ich denn doch einmal Italien verlassen muß.“

„Das scheint Ihnen schwer genug zu werden. Sie folgen wohl nur sehr ungern dem Rufe nach Deutschland?“

„O nein, jetzt nicht mehr!“ brach Paul mit leidenschaftlicher Wärme aus. Es war nicht schwer, dieses „jetzt“ zu deuten. Blick und Ton sprachen deutlich genug, aber Frau von Hertenstein verstand entweder nicht oder wollte nicht verstehen; denn sie erwiderte mit kühler Ruhe:

„Das läßt sich begreifen. Sobald man auf dem Wege nach dem Vaterlande ist, erwacht das Heimathsgefühl.“

So hatte es der junge Mann nun allerdings nicht gemeint, aber gegen diese Auffassung ließ sich schlechterdings nichts einwenden. Das Compliment über sein Heimathsgefühl verstimmte ihn aber doch einigermaßen, und es trat ein längeres Schweigen ein.

(Fortsetzung folgt.)




Franz Defregger.

Von Fr. Pecht

Wer könnte verkennen, daß die heutige deutsche Malerei es Schritt für Schritt zu einem Maße von Volksthümlichkeit gebracht hat, wie sie seit der Renaissance die Kunst keiner Nation mehr errungen? Am allerwenigsten war dies wohl in der ihr vorausgehenden romantischen Periode der Fall; denn diese suchte, angeekelt von den damals so erbärmlichen politischen und socialen Zuständen unserer Nation, das Ideal immer nur in zeitlicher oder räumlicher Ferne, und ihre Meister verlegten es bald in den christlichen Himmel wie Overbeck, bald in den Olymp wie Cornelius, oder in’s goldene Zeitalter wie Schick, Carstens und Genelli – kurz überallhin, nach allen vier Weltgegenden, nur in das eigene nationale Leben nie, es wäre denn in eine ziemlich willkürlich zurecht gemachte Vergangenheit desselben. Aber indem sie der gehaßten Gegenwart auswich, ging die romantische Schule regelmäßig auch der Wahrheit aus dem Wege, verflüchtigte alles gesunde Leben zu einem mehr oder weniger schönen Traum, ward conventionell und theatralisch, damit aber einförmig, wie alle Manierirtheit.

Ganz umgekehrt geht nun die heutige realistische Kunst zu Werke. Innig verknüpft mit dem gewaltigen Aufschwung unseres Volkes seit fünfzehn Jahren, und darum voll Freude an der Gegenwart, hat sie vor Allem einen durchaus nationalen Charakter: ihr eigentliches Ideal ist die Heimath, das eigene Volksleben; sie sucht das Gute, Schöne und Edle in nächster Nähe und macht die innere und äußere Wahrheit zur ersten Bedingung ihres Schaffens. Sie geht darum nur von bestimmten individuellen Gestalten aus, um diese zu ihrem eigenen Ideal zu erhöhen. Das Hohe und Göttliche sucht auch sie, aber die Himmelstochter Poesie kommt bei ihr wie bei Schiller auch zu armen Hirten, nicht blos zu Königen, versetzt sich mitten unter uns und erwählt die nächsten Zeitgenossen und Freunde, unsere nationalen Helden und Märtyrer zu ihren Trägern; sie sucht Seelengröße und Aufopferung, Geist und Schönheit, Unschuld und Tugend vor Allem bei unserem Volke, nicht bei fremden Nationen, leiht ihnen die wohlbekannten Züge unserer Frauen und Mädchen, unserer Bürger, Krieger und Entdecker.

Sie verfährt damit genau so, wie es jede wahrhaft gesunde Kunst von jeher gethan hat, am entschiedensten aber die classische der Renaissance von van Eyk, Mantegna, Leonardo und Raphael, Dürer und Holbein, bis Rubens und Murillo. Zeigen doch die idealsten Schöpfungen der christlichen Zeit, die Raphael’schen Madonnen, alle nicht nur die Züge der schönen umbrischen und römischen Landsmänninnen des Künstlers, sondern sogar ihre Tracht, genau wie bei Dürer oder Holbein die deutschen Züge vorwalten.

Diese Rückkehr in die Heimath und Gegenwart, die mit Menzel und Ludwig Richter begann, zog zuletzt, bald nach 1870, sogar die Architektur nach sich, die ja nunmehr allgemein auf die Formen des nationalen Baustils zurückgriff und unsere Wohnungen jetzt heimlicher und gemüthlicher, aber auch künstlerischer gestaltet, als sie seit zwei Jahrhunderten gewesen sind. Unter den Hauptträgern dieser so gewaltigen, mit der politischen Entwickelung im genauesten Zusammenhang befindlichen Bewegung, welche in der Malerei nach Menzel, Ludwig Richter und Schwind durch Knaus und Vautier, in der Historie am glänzendsten durch A. von Werner in Berlin und Janssen in Düsseldorf vertreten ward, nimmt als jüngster und eigenthümlichster Meister Franz Defregger einen ganz hervorragenden Platz ein; denn bei keinem anderen Meister war seit Menzel der specifisch nationale Charakter so auffallend rein, naiv und urwüchsig ausgesprochen, keiner vereinigt ihn zugleich mit einer so echten Poesie, solcher zarten Innigkeit und zugleich solcher männlichen Kraft wie eben Defregger. Das ist nun zu gutem Theil die Frucht der ganz ausnahmsweisen Umstände, unter denen sich dieses seltene naturwüchsige Talent bildete.

Franz Defregger ist als der einzige Sohn eines angesehenen Bauern und Bürgermeisters in einem einsam auf sonniger Höhe stehenden, zur Gemeinde Dölsach im Pusterthal gehörigen Hof am

[5]
Die Gartenlaube (1883) b 005.jpg

Franz Defregger.
Originalzeichnung von Adolf Neumann.


30. April 1835 geboren. Er hat also nie mit Armuth, Noth und Elend zu kämpfen gehabt; ihm trübte keine frühe Bitterkeit die arglos offene Seele, da dem bildschönen, begabten Knaben eines geachteten und wohlhabenden Vaters alle Welt dasselbe Wohlwollen entgegenbrachte wie er ihr. Er konnte überdies bei dem Hirtenleben, das seine Knabenjahre ausfüllte, in der herrlich erhabenen, Ernst mit Lieblichkeit wunderbar vereinigenden Natur, die ihn umgab, unter dem prächtigen Menschenschlag, mit dem er beständig verkehrte, Formen- und Farbensinn ganz ebenso entwickeln wie seiner Zeit der Florentiner Giotto.

Von frühester Jugend an beschäftigte er sich denn auch fortwährend mit Schnitzeln und Zeichnen. So formte er aus Kartoffeln und Rüben oder Brodteig allerhand Figuren, überdeckte alle Blätter von alten Büchern und alle Wände im Haus mit Zeichnungen. [6] Ja er machte sogar, als ihm der auf das Talent des Sohnes aufmerksam gewordene Vater Bleistifte anschaffte, im vierzehnten Jahre eine Banknote so täuschend nach, daß sie die Bauern nicht von den echten zu unterscheiden vermochten, was ihn beinahe in den Verdacht des Fälschens gebracht hätte[1] Dadurch ward er in der ganzen Nachbarschaft berühmt ob seiner Geschicklichkeit.

Groß und stark geworden, wurde aber der Jüngling zur Feldarbeit herangezogen und konnte nun seiner Neigung nur selten mehr nachhängen. Als er zweiundzwanzig Jahre zählte, starb der Vater plötzlich, und der schöne Hof fiel nun ihm zu. Da er indeß mit Handel und Verkehr viel weniger gut umzugehen wußte als mit den Bleistiften und überall, auf jedem Markt, zu kurz kam, so fühlte er sich bald sehr unglücklich in seinem Beruf und verkaufte endlich seinen Hof. Er wollte nun erst nach Amerika auswandern, bis es ihm eines schönen Tages wie ein Blitz durch den Kopf schoß, daß er ja Bildhauer werden könnte. Vom Pfarrer an einen solchen in Innsbruck empfohlen, wendet er sich dorthin und tritt vierundzwanzigjährig bei ihm in die Lehre. Der erklärte ihm aber schon nach kurzer Zeit, daß er doch noch besser zum Maler passe, und nahm ihn 1860 bei einer Reise nach München mit, wo er ihn dann zu Piloty in’s Atelier brachte, der gerade an seinem Nero malte. Vor dem riesigen Bilde ging dem jungen Defregger nun eine neue Welt auf, obwohl ihn Piloty zunächst nicht aufnehmen konnte, da ihm ja noch alle Vorkenntnisse fehlten.

Er besuchte also zuvörderst die Kunstgewerbeschule mit Auszeichnung, dann die Malclasse der Akademie, wo es ihm aber so wenig gefiel, daß er vorzog, nach Paris zu gehen. Dort taugte es dem der Sprache unkundigen Tiroler zwar auch ganz und gar nicht, aber er sah doch sehr viel und bildete seinen Geschmack aus. Nach einem Jahre kehrte er nach München zurück, traf aber den gerade in Karlsbad verweilenden Piloty nicht und ging nun den Sommer über auf eine Alpe seiner Heimath, wo er eine Unzahl Portraits und Studien malte und zugleich sein erstes Bild begann. Es stellte einen Wildschützen dar, der verwundet zu seiner Frau heimgebracht wird. Mit diesem Versuch kam er 1864 wiederum zu Piloty, der ihn nun, im höchsten Grade überrascht von seinem Talente, sofort in seine Schule aufnahm.

Wenn man das heute in der Stuttgarter Galerie hängende Gemälde sieht, so begreift man diese Ueberraschung wohl; denn hier ist bereits der Defregger fix und fertig, wie ihn bald die ganze Welt kennen und lieben lernen sollte. Die nächste Composition, die er jetzt im Piloty’schen Atelier malte, war jener Speckbacher, der seinen zwölfjährigen Buben unter den Landesschützen entdeckt, ein Bild, das bei seiner Ausstellung in ganz Deutschland Aufsehen erregte, da es schon vollständig jene merkwürdige Mischung von Naivetät, liebenswürdig schalkhaftem Humor und heroischem Pathos zeigt, deren Vereinigung mit einer unübertrefflichen Wahrheit des Ausdruckes und der Individualisirung der Gestalten Defregger vor allen seinen Nebenbuhlern auszeichnet.

Diesem bezaubernd frischen Jugendwerke folgte nun eine lange Reihe von Bildern, in denen der Künstler das Leben seiner Heimath, die sein Ideal war und blieb und an der sein Gemüth mit allen Fasern hing, mit immer gleich frappanter Wahrheit und Schönheit wie mit gleich drolligem Humor schilderte. So die „Brüder“, die „Ringer“ und andere mehr. Ueberall fühlt man da sofort, daß das Alles von dem Maler erlebt und gesehen worden ist, bevor er es aus die Leinwand brachte. Daher die ganz unbedingte Glaubwürdigkeit, die den Bildern anhaftet und ihnen einen so unsaglichen Reiz verleiht.

Bei seinem schlichten, anspruchslosen Wesen der eleganten Welt durchaus abgeneigt und blos auf inniges Familienleben gestellt, hatte Defregger sich bereits verheiratet und in Schwabing vor Münchens Thoren angekauft, als ihn das Unglück traf, durch einen heftigen Gelenkrheumatismus volle zwei Jahre an’s Krankenlager gefesselt zu werden und höchstens auf dem Sopha liegend malen zu können. Diese schwere Leidenszeit vertiefte aber unstreitig gleich sehr seinen Geist wie seinen Charakter. Er malte in derselben für die Kirche seiner Heimath ein Votivbild, eine Mutter der Gnaden mit dem Kinde auf dem Throne und dem heiligen Joseph zu ihren Füßen, wo er im Madonnenkopfe eine solche Schönheit und Reinheit des Ausdruckes erreichte, daß in dieser Beziehung das Bild direct an Gianbellin hinstreift und sicherlich in den letzten hundert Jahren seines Gleichen in Deutschland schwerlich gesehen hat; denn hier gelang es dem Meister, das Göttliche, Reine und Hohe mit dem menschlich Liebenswürdigen in einer ganz wunderbaren Weise zu verknüpfen. Alle Bedrängniß, die er damals durchzumachen hatte mit ihrer Aufregung und ihrem Gottvertrauen, malte sich in dem ebenso seelen- wie ahnungsvollen Ausdrucke der Gottesmutter mit so wunderbarem Zauber, daß man es noch immer bedauern muß, daß der Künstler diesen Weg nicht weiter verfolgte.

Indeß lohnte ihm die Heimath das schöne Geschenk mit der Genesung, die er erst unter ihrem milden Himmel wieder vollständig erlangte, zugleich aber auch mit der Anregung zu einigen köstlichen Bildern, die er dort im paradiesischen Bozen, beseligt von der wiedergewonnenen Gesundheit, rasch nach einander malte. Darunter befand sich auch der berühmte „Ball auf der Alm“, der ganz Deutschland entzückte. Noch mehr that das freilich jenes gleichzeitig entstandene, wahrhaft erschütternde „Letzte Aufgebot“, das uns wiederum die heroische Seite des Künstlers in der Darstellung des todesmuthigen Auszuges der Aeltesten unter den Vaterlandsvertheidigern zeigt. Hier ist eine Macht und Energie der Empfindung, eine ergreifende Wahrheit der Charaktere und der Stimmung, die das Bild zu einer so vollkommenen Tragödie stempeln, wie unsere Malerei bis jetzt kaum jemals eine von gleich packender Kraft geschaffen.

Nach München endlich zurückgekehrt, vollendete er erst eine Reihe liebenswürdiger Idyllen, so jenen „Citherspieler“, einen prächtigen Jägersmann, dessen Spiel zwei reizende Sennerinnen, die eine mit keimender Liebe, lauschen; dann den „Besuch“, wo eine junge Mutter zweien Freundinnen ihren Erstgeborenen mit mütterlichem Stolze zeigt, ein Bild, das auf der letzten Pariser internationalen Ausstellung die kunstsinnige Welt entzückte. Dann folgte 1876 „Die Rückkehr der Sieger“, in welcher der Maler offenbar die Eindrücke verwerthete, welche ihm die 1871 jubelnd in die Heimath zurückkehrenden Kämpfer des baierischen Hochlandes hinterlassen, und die deshalb auch einen ganz passenden Platz in der Berliner Nationalgallerie gefunden.

Dieser vielbewunderten Composition folgte dann „Der Todesgang Hofer’s“, gegen Gewohnheit des Malers in lebensgroßen Figuren ausgeführt und darum nicht in allen Theilen so vollkommen trefflich gelungen wie jenes vorher erwähnte Gemälde. Nichtsdestoweniger zeigt das Bild auch wiederum jene nur wahrhaft großen Künstlern verliehene Eigenschaft, daß ihre Gestalten sich unauslöschlich in unser Gedächtniß eingraben. Defregger’s Hofer ist so ganz ein schlichter tiroler Bauer und ein Held dazu – daß man sich den Sandwirth von jetzt an gar nichts mehr anders vorstellen kann. Unser Künstler hat den tiroler Helden noch einmal gemalt; das Bild stellt den Moment dar, wie Hofer in der Residenz zu Innsbruck das Danaergeschenk der kaiserlichen Bestallung als Obercommandant von Tirol erhält und sie mit der Vorahnung des daran für ihn geknüpften Verhängnisses aufnimmt.

Noch einen anderen Volkshelden verherrlichte er jetzt für die Münchener neue Pinakothek: den sagenhaften Schmied von Kochl, welcher an der Spitze jener in der Mordweihnacht von 1705 revoltirenden Oberländer das Isarthor in München bestürmt. Indeß ist ihm die Darstellung der baierischen Bauern unleugbar weniger geglückt als die seiner Tiroler. Jene können allerdings von Kochl oder Tölz sein, diese aber müssen nothwendig aus dem Pusterthal oder von Bozen herkommen, sind gar nirgend anderswo zu finden. Viel trug auch die mißliche Wahl des Momentes dazu bei, da Defregger sich nicht entschließen konnte, seine österreichischen Landsleute als Feinde und Bedrücker darzustellen, sodaß man auf dem Bilde die Gegner der Stürmenden nicht erblickt, sondern nur die Wirkung ihres Fellers sieht.

Seither hat sich der außerordentlich fruchtbare Künstler wieder ganz auf die Darstellung heiterer Scenen aus dem Bauernleben seiner Heimath geworfen. Das bedeutendste dieser neueren Bilder giebt der diese Nummer schmückende Holzschnitt wieder: den rasch berühmt gewordenen „Antritt zum Tanze“. Wie da die fröhlichen Mädchen, die man, wie die Männer, alle schon in Brixen oder Meran gesehen zu haben glaubt, sich in die Stube hereindrängen, jubelnd begrüßt von ihren sie erwartenden Burschen – das ist mit bezaubernder Frische und Wahrheit wiedergegeben, aber auch mit jener innerlichen Sauberkeit, jener natürlichen Abneigung gegen [7] allen physischen und moralischen Schmutz, die neben der stolzen Männlichkeit einen ganz hervorragenden Charakterzug unseres Künstlers bilden, auf dessen Bildern man darum alle möglichen komischen Figuren, aber nie einen eigentlich gemeinen und schlechten Charakter findet. Selbst die, über welche wir lachen müssen, daß uns die Thränen über die Backen rinnen, wie der dicke Liebhaber in der „Brautwerbung“ oder der „Salontiroler“ in Defregger’s neuestem Bilde, erscheinen nie verächtlich, sondern der Maler weiß uns sogar mit einem gewissen Wohlwollen für dieselben zu erfüllen.

Dadurch, daß er uns aber mit einer in der eigenen tiefen Anhänglichkeit an die schöne Heimath wurzelnden Vorliebe vor Allem das Tüchtige und Brave dieses ohnehin schon von der Natur ungewöhnlich begünstigten südtirolischen Menschenschlages zeigt, führt Defregger uns in eine Art von idealer Welt, deren Anblick uns um so mehr beglückt, als sie so schlagend wahr ist, daß uns an ihrer wirklichen Existenz auch nicht der geringste Zweifel auftaucht. In dieser Feinheit der Charakteristik, in ihrem so viel reicher und edler entwickelten Seelenleben übertreffen die Defregger’schen Bauern auch weitaus die ähnlichen Schilderungen der alten Niederländer, eines Teniers, Ostade und Brouwer. Speciell seine oft entzückend frischen und nie von Sentimentalität angekränkelten Frauen stehen an sittlichem Werthe hoch selbst über denen eines Rubens.

Damit berühren wir einen großen Vorzug, den unsere moderne deutsche Kunst nur mit der englischen theilt. Welcher Abgrund trennt die verlogenen und geschminkten Schäfer und Schäferinnen der deutschen Kunst des vorigen Jahrhunderts mit ihrer süßlichen Lüsternheit von diesen Defregger’schen Landleuten , Hirten und Jägern, denen so gesundes Blut in den Adern fließt! Defregger’s Mädchen sind alle nicht nur hübsch, sondern auch ehrbar, seine Bursche mindestens brave Kerle. Damit gewinnt man aber noch mehr als selbst in Gottfried Keller’s oder Fritz Reuter’s Schilderungen jenes freudige Vertrauen auf den gesunden Kern unseres Volksthums und damit das Vertrauen auf die menschliche Natur überhaupt wieder, welches Einem in den religiösen und socialen oder politischen Parteikämpfen unserer Tage oder bei nur zu vielen literarischen Erzeugnissen derselben so oft abhanden zu kommen droht. Und dieses Vertrauen wird um so fester, als man fühlt, daß der Künstler selber in all diesen so wahren wie biedern und tüchtigen Menschen im Grunde nur jene Lauterkeit und schöne Männlichkeit der eigenen Natur wiedergiebt, die seine Werke rasch zu Lieblingen der deutschen Nation, zum Stolz derselben gemacht haben.




Die Kautschuksammler am Amazonenstrom.

Von H. Breusing.0 Mit Originalzeichnungen von A. Göring.


Die Gartenlaube (1883) b 007.jpg

In deutschen Landen kennt Jedermann die Wolfsmilch und den Löwenzahn, Pflanzen, welche in ihren die Rinde und zum Theil das Mark durchziehenden Gefäßen einen milchartigen Saft führen. Sie bleiben bei uns unbeachtet, weil ihr Milchsaft werthlos ist. Ganz anders verhält es sich aber mit den unter den Tropen gedeihenden ähnlichen Pflanzen. Unter dem südlichen Himmel ist die Zahl solcher Gewächse viel bedeutender als bei uns, und auch die Eigenschaften ihres Milchsaftes sind viel mannigfaltiger. Der Saft dieser Tropenpflanzen ist in der Regel weiß, doch zuweilen auch leicht gefärbt, und enthält je nach der Gattung, welcher die Pflanze angehört, sehr verschiedene Bestandtheile. Bald ist er giftig, bald genießbar und selbst wohlschmeckend; ja Gift und Nahrung finden sich in ihm nicht selten auf’s engste vereint, wie in der Juca amarga, einer wildwachsenden Maniokart, deren Wurzeln zerstampft, ausgepreßt und gedörrt eine genießbare Tapiocca geben, während der ausgepreßte Saft dem Indianer zum Vergiften seiner Pfeile dient (vergl. Abbildung S. 8).

Die furchtbarsten Pflanzengifte, das Weorareo der Orinocoländer, das Upas-Radja Javas, entstammen dem Milchsaft dort wachsender Bäume. Dagegen wird der Saft der Tabayda dolce auf den canarischen Inseln, zu Gelée eingedickt, als Leckerbissen verspeist, und der Kuhbaum auf Ceylon, sowie die Hya-Hya im englischen Guyana liefern in ihrem Milchsafte ein erfrischendes, wohlschmeckendes und nahrhaftes Getränk, welches in seiner Zusammensetzung der Kuhmilch ähnlich ist.

Immer aber enthält der Milchsaft, sei er giftig oder genießbar, wenigstens Spuren eines harzigen Stoffes in Form mikroskopischer Kügelchen, die durch eine eiweißartige Umhüllung am Ineinanderfließen gehindert werden, wie z. B. die Butter in der Milch. Wenn frischer harzreicher Saft einige Zeit an der Luft steht, so wird er dick und kleberig, wie stark gezuckerte Milch. Streicht man ihn alsdann aus einander, so trocknet er rasch und sieht dann ungefähr wie ein Aufstrich von Fischleim aus. Die mattweiße Färbung geht aber bald in’s Gelbe und Braune über.

Bei längerem Stehen setzen sich die Harzkügelchen zum Theil auf dem Boden und an den Wänden des Gefäßes ab und bilden eine Haut, die sich mit dem Rahm der Milch vergleichen läßt. In der heißen Tagesluft der Tropen gerinnt der Saft nach fünf bis sechs Stunden zu einer schwammigen, schmutzig gelben Masse, in deren Höhlungen sich ein übelriechendes Wasser befindet, und nach einigen Tagen ist die Masse schwarz und die Flüssigkeit verdorbener Tinte ähnlich geworden – beides hat allen Werth verloren.

Ein solches Milchsaftharz ist nun das Kautschuk, welches sich in ganz besonders reichen Mengen in der Hevea, der Siphonia cahucha oder elastica der Botaniker (vergl. das Initial), findet, die namentlich im Gebiete des Amazonenstroms in ausgedehntestem Maße zu seiner Gewinnung ausgebeutet wird.

Die Hevea wächst vorzugsweise gern an Stellen, welche der Ueberschwemmung durch süßes Wasser ausgesetzt sind, und diese Bedingung findet sich in dem genannten Gebiete allenthalben erfüllt. Verdient doch der ganze untere Theil des Beckens des Amazonas nicht sowohl ein reichlich von Wasser durchzogenes Landgebiet, als vielmehr ein von häufigen Landerhebungen durchsetzter Süßwasserocean genannt zu werden; denn es erfolgt in jenem gewaltigen Stromgebiete jährlich ein regelmäßiges Steigen der Gewässer, das vier Monate anhält und den Wasserspiegel um zehn, ja sechszehn Meter emporstaut, sodaß nur die Kronen der Bäume darüber emporragen.

Dabei ist die ganze Gegend mit dem üppigsten Urwald bedeckt, in einer Ausdehnung, die auf 600 Meilen in der Länge geschätzt wird, bei einer wechselnden Breite von 100 bis 400 Meilen. Dies ist der Schauplatz, auf dem wir das Kautschuk in den ersten Stadien seines Werdens beobachten wollen.

[8] Dort begegnen wir unserem Kautschukbaume, der oft wahre Wälder im Urwalde bildet; er ist ein imposanter Baum von zwanzig bis fünfundzwanzig Meter Höhe und bis zu drei Meter Umfang; er hat einen geraden, glatten, meist astlosen Stamm mit stattlicher Krone und trägt eßbare, kastanienartige Früchte. Seringa nennen ihn die Eingeborenen, und Seringa heißt auch in ihrer Sprache der aus diesem Baume gewonnene Kautschuk. Die Vollkraft seiner Leistungsfähigkeit erreicht der Baum mit ungefähr fünfundzwanzig Jahren, aber auch schon Bäume von fünfzehn Jahren liefern reichliche Mengen Saft. Wie lange er dann weiter ertragsfähig bleibt, ist noch nicht festgestellt worden; das ist indessen auch für die nächsten Interessenten, die Kautschuksammler oder Seringueiros, nicht von Bedeutung, so lange nicht eine bedeutende Abnahme im Vorkommen der Hevea sie nöthigt, den einzelnen Baum bis zur äußersten Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu verfolgen.

Die Gartenlaube (1883) b 008 1.jpg

Juca amarga.

Die Seringueiros sind vorzugsweise Mestizen (Abkömmlinge von Weißen und Indianern), welche die halbwilde, nur zu geringem Theile seßhafte Bevölkerung der nördlichen Provinzen Brasiliens bilden. Sieben Monate des Jahres leben sie wie der Vogel im Walde; die übrigen fünf bringen sie an den Flüssen des unteren Amazonenstrombeckens zu, um Kautschuk zu sammeln und Feste zu feiern. Von Ende August bis Anfang Januar ist die Erntezeit; denn da fließt der Saft am ergiebigsten und gehaltreichsten.

Die Gartenlaube (1883) b 008 2.jpg

Flaschenbaum (Crescentia Cujete) und Geräthe aus den Fruchtschalen desselben.

Im Juli aber beginnt schon die Völkerwanderung; ist die Reise doch mitunter lang; Vorbereitungen müssen an Ort und Stelle getroffen werden, und der Mestize überarbeitet sich nicht gern. Die Ausrüstung für die Reise ist bald besorgt, und der Fahrplan braucht nicht studirt zu werden, um die kürzeste und bequemste Route aufzufinden. Das Canoe, der hohle Baumstamm, das kunstlose Floß, wird auf den nächsten Wasserlauf gesetzt, und da nicht zu befürchten ist, daß es stromauf gleite, so ist keine Gefahr, daß es seinen Weg verfehle. So reisen die Kautschuksammler mit Weib und Kind; all ihre Habe nehmen sie mit als Reisegepäck; nur die Hütte bleibt zurück. Trotzdem bedarf es nicht vieler Koffer: außer den Kleidern, die man am Leibe trägt, hat man etwa noch einige Bastkörbe voll Maniokmehl mitzunehmen; außerdem besteht die Habe aus einer Anzahl getrockneter Fische, wenn solche beim Aufbruche gerade vorräthig waren, aus einer Flinte, einem Angelzeuge, einigen Beilen, einem Feuerzeuge und dem kurzen Hirschfänger, Machete genannt, der als Waldmesser unentbehrlich ist, sowie aus den Fruchtschalen des Tutuma-Baumes (Crescentia Cujete). Man benutzt diese ausgehöhlten Schalen, welche bei einsam in der Wildniß wohnenden Eingeborenen oft fast das einzige Hausgeräth bilden, als Trinkgefäße, Schüsseln und Löffel. Auch zu musikalischen Zwecken werden die kleineren Exemplare derselben benutzt, indem man sie mit trockenen Maiskernen füllt, wie sie auch, wenn man sie hin- und herschwingt, die Stelle der Castagnetten vertreten. Ebenso findet man sie als kunstvoll geschnitzte und bemalte Ziergefäße. Zur Vervollständigung der Ausrüstung eines Kautschuksammlers gehört übrigens ferner noch eine bunte Sammlung von flachen Thon- und Holzgefäßen zum Auffangen des Saftes, und vor Allem eine Anzahl Hängematten. Die Kleidung der Leute ist höchst einfach: Hose und Kittel aus Baumwolle für den Mann, Rock und Jacke für die Frau – das ist Alles. Die Kinder kommen jahrelang ohne Kleidung aus; sie leben ja vorzugsweise im Wasser, und da würden die Kleider nur naß.

Als Wegzehrung dient der mitgenommene Vorrath, wenn es nöthig ist. Meist indessen genügt der Ertrag der unterwegs ausgeübten Jagd und Fischerei. Wo ein schattiges Plätzchen am Ufer winkt, wird gerastet, und drei- bis viermal täglich wird der müde Leib im Bade erfrischt, um zu neuen Leistungen im Essen und Trinken gestärkt zu werden; denn der Mestize ißt viel, sehr viel, wenn er es hat, und das Trinken ist ihm auch nicht zuwider. Allerdings findet er auf seinem Wege nicht so viele Schenken, wie an den belebteren Straßen unserer großen und kleinen Städte, aber ab und zu trifft er doch auf eine Niederlassung, wo ein guter „Táfia“ oder „Rou“ (Rum) zu haben ist, und die Gelegenheit wird stets benutzt, um gegen Wild- oder Wasserbeute einen kleinen Vorrath des köstlichen Getränkes einzutauschen.

So geht die Reise langsam weiter; bald mit dem Strome treibend, bald rudernd, bald mit einfachem Bastsegel segelnd, gelangt der Seringueiro endlich zum Schauplatz seiner Thätigkeit. Die erste Ausgabe ist jetzt, eine geeignete Stelle für die Hütte zu wählen, die zweite, letztere zu bauen. Für den ersten Punkt ist es wesentlich, daß eine ausreichende Zahl von Heveas bequem zur Hand stehe und daß weder zu dichtes Unterholz noch Wasser den Bau der Hütte und den Zugang zu den gewählten Bäumen erschwere. Die Nähe der [9] letzteren ist übrigens nicht blos eine Forderung der natürlichen Bequemlichkeit des Seringueiros, sondern auch eine Bedingung des lohnenden Betriebs. Wir sahen ja schon, daß die Seringa sehr empfindlich für den Einfluß der Luft ist und deshalb möglichst rasch verarbeitet werden muß.

Sehen wir uns zunächst den Bau der Hütte an! Auf einem Kreis von größerem oder kleinerem Durchmesser, je nach den Ansprüchen der Familie oder auch der Cameradschaft, die zusammen arbeiten will, werden die Bäume bis auf etwa einen Meter über dem Boden abgehauen. Der echte Mestize wird von vornherein möglichst Rücksicht darauf nehmen, daß er nicht zu harte und zu dicke Bäume umzuhauen braucht. Einige der stärkeren läßt man in ungefähr gleichen Zwischenräumen stehen als Stützen für das Dach. Auf den Stümpfen wird nun der Boden angebracht. Er muß meist erhöht werden wegen der Fluth, die sich bis weit in das Stromgebiet hinein bemerkbar macht, zuweilen wird aber auch im bleibenden Wasser gebaut, wenn irgend welche Vortheile die damit verbundenen Unbequemlichkeiten des Verkehrs ausgleichen. Das Bodengebälk liefern die gefällten Bäume, die Dielen aber werden aus der Rinde der Murutipalme hergestellt, die in langen Stücken vom Stamm geschält und in schmale Streifen gespalten wird. An den stehen gebliebenen Stämmen oder, wenn es sich gar nicht anders machen ließ, an besonders zu diesem Zwecke aufgerichteten Pfosten wird ein flachkegelförmiges Dach befestigt, wozu leichte, schlanke Stämme die Balken liefern, während die Bedeckung aus zähen Zweigen und Blättern beschafft wird; hundert große Palmblätter reichen aus für ein Dach, unter dem zwanzig Personen bequemes Unterkommen finden.

Die Gartenlaube (1883) b 009.jpg

Niederlassung der Kautschuksammler am Amazonas.

Ist zwischen Dach und Boden ringsum eine wagerechte Stange angebracht worden, damit man im Nothfall einige Bastmatten daran hängen könne, so sind die Wände dicht genug. Kälte braucht nicht abgehalten zu werden, und gegen einen tropischen Regenguß kann man sich mit den vorhandenen Mitteln überhaupt nicht schützen. Uebrigens trocknet die tropische Sonne auch den stärksten Regen sehr bald auf. Zimmereintheilung durch Binnenwände ist nicht dringendes Bedürfniß. Höchstens wird in der Mitte durch rundum aufgehängte, einige Fuß hohe Matten ein Damenzimmer hergestellt. Die Treppe ist schnell beschafft: entweder thürmt man einige Blöcke Rundholz über einander bis zur erforderlichen Höhe, oder man legt einen Stamm mit roh eingehauenen Stufen schräg gegen das Bodengebälk der Hütte.

Die erste Sorge gilt nun der Speisekammer. Am Fuße des nächsten Baumriesen wird ein Kreis von ein bis einundeinhalb Quadratmeter mit Pflöcken umzäunt und im Innern die Erde zwei bis drei Fuß ausgeworfen. Die nächste Fluth füllt den kleinen Teich mit Wasser, der nun aufnimmt, was jedes Familienglied an Fischen und Schildkröten fängt. Der Zaun läßt jede Fluth durch, sodaß das Wasser frisch bleibt, er setzt aber den Fluchtversuchen der armen Gefangenen ein gebieterisches Halt entgegen. Dies ist die nasse Speisekammer; für die trockene sorgt die Flinte; denn was man über den täglichen Bedarf hinaus an Wild erlegt, das wird an der Sonne gedörrt oder gesalzen und an schattigen Stellen aufbewahrt.

Inzwischen rückt die Zeit der Ernte heran. Für die letzten Tage vor ihrem Beginne steht die Vermehrung des mitgebrachten Vorraths an Gefäßen durch Muscheln und selbstgeformte Thonschalen auf der Tagesordnung; daneben wird zäher Thon zum Ankleben der Gefäße an die Stämme in Vorrath gesammelt. [10] Gleichzeitig muß ein erster Vorrath von den nußartigen Früchten eines gewissen Baumes beschafft werden, der so recht des Kautschuks wegen ebenso häufig wie die Hevea vorzukommen scheint; denn diese Früchte spielen, wie wir sehen werden, eine sehr wichtige Rolle bei der ersten Behandlung des Kautschuks.

Die Ernte selbst wird in verschiedener Weise ausgeübt, selbst innerhalb des einen Gebietes, welches wir zunächst und hauptsächlich im Auge haben, nämlich der brasilianischen Provinz Para. Der rationelle Sammler verfährt wie folgt: früh Morgens zwischen fünf und sechs Uhr zieht er aus, bewaffnet mit einem keinen Beil, dessen Schärfe etwa einen Zoll lang ist. Er macht bei seinen Bäumen die Runde und bringt jedem dritten in bequemer Höhe etwa zwanzig leichte Hiebe mit dem keinen Beil bei, die eben die Rinde durchdringen. Unter jeden Einschnitt befestigt er vermittels der zähen Thonerde eines der kleinen Gefäße, um den Milchsaft aufzufangen, der Tropfen um Tropfen herausquillt. Hat er mit Hülfe van Frau und Kindern dreißig bis vierzig Bäume auf diese Weise angezapft, was immerhin mehrere Stunden in Anspruch nimmt, so ist es Zeit zum zweiten Theil der Arbeit zu schreiten, zum Einsammeln. Nicht als ob die Schalen sobald überzulaufen drohten; aber einerseits haben sich die Wunden schon zum Theil mit angetrocknetem Safte zugesetzt; andererseits erfordert die Rücksicht auf die Güte des zu erzielenden Fabrikats diese Eile.

Diesmal wird statt des Beils ein keiner Holzeimer mitgenommen. Frau und Kinder nehmen die Schalen ab und entleeren sie in den Eimer; jede einzelne enthält vielleicht ein Liqueurglas voll Saft. Die Haut, welche sich etwa unter dem Einschnitt auf der Rinde des Baumes oder am Rande der Muschel angesetzt hat, streifen sie ab und kleben sie von außen gegen den Eimer. Inzwischen reinigt der Mann die Wunde und klebt ein neues Gefäß darunter für die zweite Ernte des Tages. Der gewonnene Saft aber wird sogleich zur Hütte gebracht und weiter verarbeitet.

Alsdann wird ein Feuer von Reisig angezündet und, wenn es recht lustig brennt, eine Anzahl der vorher erwähnten Nüsse darauf geworfen. Nun stülpt man über das Feuer ein trichterförmiges Gefäß von Thon, im Nothfall einen Topf, dessen Boden ein Loch hat, und die eigentliche Arbeit kann beginnen. Der Seringueiro setzt sich, den Eimer zur Seite, vor das Feuer, ergreift ein keulenförmiges, einem Waschholz ähnliches Holz, taucht es in den Kautschuksaft und dreht es geschickt in dem heißen Rauch hin und her, der aus dem Trichter quillt. In einer halben Minute hat sich der Saft in eine fette Haut von röthlicher Farbe verwandelt. Die Keule wird wieder eingetaucht und eine zweite Schicht über der ersten angetrocknet, und so geht es weiter, bis das Kautschuk eine gewisse Dicke erreicht hat; dann kommt ein zweites, drittes Holz an die Reihe, bis der Saft verarbeitet worden ist. Zu erwähnen ist hier, daß der Rauch jener Nüsse die Eigenschaft hat, das im Saft enthaltene Harz rasch zu trocknen und seine werthvollen Bestandtheile besonders kräftig zu entwickeln.

Wenn her ganze Vorrath so getrocknet ist, werden die Kautschukmassen auf den Hölzern aufgeschnitten, abgestreift und an freier Luft zum völligen Austrocknen aufgehängt, welches Austrocknen mehrere Tage in Anspruch nimmt. Dann ist die Verkaufswaare hergestellt, die der Händler dem Seringueiro je nach der augenblicklichen Nachfrage zu höherem oder niedrigerem Preise abkauft.

Nach Beendigung des eben beschriebenen Verfahrens wird die zweite Ernte eingesammelt und ebenso verarbeitet, unter besonders günstigen Verhältnissen vielleicht auch eine dritte.

Aber wir vergaßen die an den Eimer geklebten Häutchen. Sie werden um das Ende eines Stabes gelegt, das eine über das andere, und ebenso geräuchert, wie der frische Saft. Wenn ein Klumpen fertig ist, taucht man ihn ein- oder zweimal in Saft und setzt ihn so von neuem dem Rauche aus. Er gewinnt dadurch ungefähr das Aussehen der echten Waare und geht als solche voll einem Betrogenen zum anderen.

Am zweiten Tage kommt das zweite, am dritten das dritte Drittheil der Bäume an die Reihe, und am vierten kann man ohne Schaden für den Baum wieder von vorn anfangen. So treibt es der Sammler die Erntezeit hindurch. Versagt ein Baum, so sind andere in der Nähe, und im Nothfall zieht man weiter und siedelt sich an günstigerer Stelle von neuem an.

Diesem rationellen Sammler gegenüber steht der nicht rationelle, der leider vielleicht zahlreicher gefunden wird, als jener; er haut die jungen Bäume um und spaltet ihre Rinde nach allen Richtungen, um schnell viel Milch zu erzielen; er ruiniert die Bäume und erzielt stets ein minderwertiges Product.

An einigen Productionsorten soll der mühsamen Gewinnung des Kautschuk gegenüber nicht ohne Erfolg ein einfacheres Verfahren angewendet worden sein, bei dem man den Saft in flachen Gruben schichtenweise über einander zu großen flachen Kuchen trocknen läßt.

Aber kommen wir zu unserem Seringueiro zurück! Wir haben seine Arbeit kennen gelernt; wir wollen ihn jetzt auch beim Handel beobachten.

Kaum hat die Ernte begonnen, da erscheint eines Tags auf dem nahen Fluß oder Canal, oder zwischen den Bäumen auf dem übergetretenen Wasser ein seltsames Fahrzeug. Es ist zur Hälfte überdeckt, und unter dem Dach steht der Eigenthümer, vielleicht mit einem Gehülfen, und hat rings um sich her die bunteste Sammlung von Verkaufsgegenständen ausgebreitet. Wein, Champagner, Bier, Seidenwaaren, Schmucksachen, eingemachte Früchte und Gemüse, Werkzeuge, Baumwollstoffe, Raketen und andere Feuerwerskörper, Táfia, Nürnberger Spielwaaren, Kaffee, Thee, Kuchen, Pulver und Blei, Fischereigeräthe, Spiegel, Decken, fertige Damengarderobe, kurz alles, was dem leichtlebigen Mestizen nur aufgeschwatzt werden kann, findet man da neben einander aufgebaut. In der festen Truhe im Winkel aber liegt Gold und Silber in Münzen; denn während der Seringazeit will der Mestize auch spielen. Das Boot fährt von einer Hütte zur andern, und der Padron preist seine Waare an.

„Sieh, dieses seidene Tuch wird Deiner Frau gut stehen,“ meint er zum Seringueiro, „besonders mit dieser goldenen Kette.“

„Ja,“ sagt der Seringueiro, „das ist aber wohl theuer? Wie viel Seringa mußt Du dafür haben?“

„O, das ist nicht so schlimm; je nach dem Preis; geht er in die Höhe, so giebst Du wenig, fällt er, so giebst Du etwas mehr; sobald der Marktpreis festgestellt ist, komme ich zur Abrechnung, und Du bezahlst, was recht ist.“

So wird der Handel abgeschlossen. Der Seringueiro nimmt Besitz von einem Topf mit Conserven, einigen bunten Seidenzeugen für seine Frau etc.; der Händler schreibt seinen Namen in sein Buch und zieht weiter. Welchen Betrag er seinem Kunden zur Last schreibt, nun, das ist seine Sache. Der Seringueiro kümmert sich nicht viel darum, und Andere geht’s ja nichts an. Es sind so viele Bäume da; der Saft fließt gut – wozu sorgen? In einer Woche kann man viel Seringa machen.

So kommt ein Boot nach dem anderen; jeder Händler hat seine Weise, dem kindlichen Mestizen klar zu machen, was er haben muß. Die Hütten füllen sich mit Damengarderobestücken, die, zwischen den Pfosten aufgehängt, der Hütte das Ansehen einer öffentlichen Wasch- und Trockenanstalt geben. Der Boden um die Hütte bedeckt sich mit Blechbüchsen, Flaschen, Feuerwerksrückständen u. dergl. m.; denn für Feuerwerk und Illumination hat der Mestize eine ganz besondere Leidenschaft. Abends, nachdem des Tages Last und Hitze getragen sind, ladet bald Dieser, bald Jener Freunde und Nachbarn in seine mit bunten Lampions geschmückte Hütte, damit sie ihm an einem Abend in Leckerbissen und feinen Getränken verzehren helfen, was die Arbeit mehrerer Wochen eingebracht hat. Da geht es dann munter genug zu, aber vollständig ist die Freude nur, wenn es ringsum von Raketen und Schwärmern blitzt und knattert.

Der Händler berechnet immer die Seringa recht hoch, um Vertrauen zu erwecken, aber seine Waaren berechnet er natürlich noch viel höher. Und merkwürdig! Die so geschlossenen Geschäfte führen selten zu ernstlichen Zwistigkeiten. Einerseits unterstützen die Händler, die wie Raubvögel das ganze Gebiet durchstreichen, sich gegenseitig im Auffinden „fauler Kunden“, die sich etwa drücken möchten, und andererseits hat der Mestize meist nach eine unverdorbene Ehrlichkeit, die in ihm den Gedanken an Vertragsbruch nicht leicht aufkommen läßt.

Der Händler führt seine Seringa nach Belem, der Hauptstadt der Provinz, wo natürlich, was auf den ersten Blick wunderbar erscheinen könnte, der Preis niedriger steht als im Walde; denn da wird nicht mehr gegen einseitig abgeschätzte Waare, sondern gegen Geld mit bestimmtem Curs gehandelt. Von Belem geht das Kautschuk in alle Welt hinaus, um an den verschiedenen Fabrikationsorten zu jenen tausend und abertausend Gegenständen verarbeitet zu werden, die theils dem täglichen Leben, theils der Technik, theils der Wissenschaft dienen. Wir [11] begleiten es nicht auf seinem Wege zu diesem Ziel; unsere Betrachtung galt eben nur dem Kautschuk in seinen ursprünglichsten Formen; aber auf die mancherlei Verwendungen, die der frische Saft im Urwalde erfährt, wollen wir noch einen Blick werfen.

Der atmosphärische Niederschlag ist in jenen Gegenden während der vergleichsweise kühlen Nächte sehr bedeutend. Kleidungsstücke und Papiere, die Nachts der Luft ausgesetzt bleiben, sind Morgens wie durch Wasser gezogen; Beile, Flinten, Waldmesser bedecken sich in einer Nacht mit einer Rostschicht. Dagegen muß nun die Seringa helfen. Hat das Boot oder gar die Hütte ein Dach von Segeltuch, so ist dies gewiß mit Seringa getränkt. Ja der Reisende, dessen Berichten wir vorzugsweise die interessanten Einzelheiten des Bildes verdanken, welches wir hier zu entwerfen versuchen[2], fand einmal bei seiner Rückkehr von einem Streifzuge einen seiner einheimischen Diener damit beschäftigt, sich selbst wasserdicht zu machen. Ein Bein war schon kautschukisirt, und das andere schwenkte der Eingeborene noch über dem Feuer hin und her, um einen neuen Aufstrich antrocknen zu lassen. Nur mit Gewalt war er von der Ausführung seines Vorhabens abzuhalten. Hat der Seringueiro sich geschnitten, geschunden, gestoßen oder sonst wie verletzt, flugs überzieht er die verletzte Stelle mit Seringa. Hat er am Abend bei festlichem Schmauß mit nur wenigen Genossen einen Hirsch verzehrt und fühlt am Morgen, daß er seiner Natur zu viel zugemuthet hat, so trinkt er einen tüchtigen Schluck Seringa. Seringa ist seine Universalmedicin.

Ist die Erntezeit vorüber, so zerstreut sich das muntere Volk der Seringueiros wieder nach allen Richtungen landeinwärts. Ob sie ihre im Stich gelassene Hütte wiederfinden? Nun, es wäre mehr, als die glühendste Heimathsliebe erwarten lassen könnte, wollten sie sich abmühen, das Laubdach zu suchen, das sie vor fünf Monaten verlassen. Können sie doch an der ersten besten Stelle außerhalb des Bereichs der steigenden Gewässer in vielleicht weniger Stunden eine neue Hütte bauen, als sie Tage gebrauchen würden, um die alte zu erreichen, und bieten ihnen Wald und Fluß doch überall, was sie zum Lebensunterhalt bedürfen. Wo’s ihr gefällt, läßt die Familie sich nieder, und wenn im nächsten Jahre die Zeit der Ernte kommt, sucht auch sie wieder, dem Wasserlaufe folgend, die unteren Flußthäler auf, um Kautschuk zu sammeln und Feste zu feiern.


  1. P. K. Rosegger hat dieses Ereigniß in seiner in der „Gartenlaube“ (1882, S. 341) erschienenen Novelle „Der junge Geldmacher“ mit dem ganzen Glanz seiner volksthümlichen Feder geschildert.     D. Red.
  2. Emile Carrey, der monatelang zur Zeit der Ernte unter den Seringueiros gelebt hat und dessen Reisewerke, bei Michel Levy Frères erschienen, als sehr interessante Lectüre empfohlen werden können.




Schilf-Lottchen.

Von Schmidt-Weißenfels.

Am 9. August des Jahres 1831 erhielt der Gymnasialprofessor Gustav Schwab in Stuttgart den Besuch eines Fremden, der ihn bei Nennung seines Namens auf’s Lebhafteste interessirte, abgesehen davon, daß er sich durch einen mündlichen Gruß von Anastasius Grün bei ihm einführte.

Es war Herr Nicolaus Niembsch von Strehlenau aus Ungarn, ein eleganter Mann von neunundzwanzig Jahren, mittelgroß und von wohlgebildetem Körperbau, mit einem großen, starkstirnigen Kopf, den glattgestrichenes, dunkles, nach vorn in den Spitzen sich kräuselndes Haar bedeckte. Ein die Lippen zierender und die Wangen leicht einrahmender Bart verlieh seinem bleichen, etwas gebräunten Gesicht den Ausdruck energischer Männlichkeit. Große dunkle Augen sprachen geistvoll daraus, bald herrisch mit sprühendem Feuer, bald aber auch mit einer tiefgrundigen Melancholie. Obwohl Ungar, wenn auch nicht magyarenblütig, sprach er doch ein vortreffliches Deutsch. Er befand sich auf dem Wege nach Heidelberg, um dort seine mehrfach gewechselten und endlich der Medicin bestimmt gewidmeten Studien abzuschließen.

Herr von Niembsch hatte kurz vorher unter dem Namen Nicolaus Lenau mehrere Gedichte an den Professor Schwab gesandt, die er im Cotta’schen Morgenblatt veröffentlicht zu haben wünschte, deren Redaction Schwab angehörte. Sie waren so eigenartig, so tiefempfunden, so echt dichterischen Gehaltes, daß sie den feinen Kenner entzückt hatten.

Niembsch nahm auf Schwab’s Einladung bei diesem Wohnung. Nirgends konnte er besser aufgehoben sein; denn schnell mußte seine von Zweifeln, Verbitterungen und krankhaften Phantasien erfüllte Seele in der behaglichen Ruhe trauter Gastfreundlichkeit, wie sie ihm Schwab’s Familie bot, gesunden. Ehrgeiz und Zwiespalt mit sich selbst und seinem äußeren Lebensplan quälten den jungen Poeten, was Schwab bald erkannte und dem er abzuhelfen eifrig bestrebt war.

Nicht nur, daß er gleich nach Ankunft desselben die ihm gesandten Gedichte „Der Gefangene“ und dann „Die Waldcapelle“ im „Morgenblatt“ zum Abdruck bringen ließ und damit, bei dem hohen Ansehen dieser Zeitschrift, den Dichter Nicolaus Lenau erfolgreich in die deutsche Literatur einführte – er übernahm es auch, bei Cotta den Verlag einer Gedichtsammlung von Lenau zu vermitteln, und schon am 29. August wurde der Vertrag darüber abgeschlossen. Der Ehrgeiz des Herrn von Niembsch schwelgte in der Freude des Erreichten; denn er verspürte wohl, daß seit dem Erscheinen seines ersten Gedichtes im „Morgenblatt“ der Ruhm ihn umschmeichelte. Höher trug er jetzt sein Haupt; als berufener Dichter sah er die Pforten einer glänzenden Zukunft geöffnet und viele schmachtende Augen schon dem aufgegangenen Stern folgen.

Andererseits hatte Gustav Schwab die beste Gelegenheit, seinem edlen Ungar und herrlichen Poeten, wie er ihn nannte, die für diesen wohlthuendsten geselligen Kreise der württembergischen Residenz zu erschließen, diejenigen, wo geistiges Können geehrt wurde und der Dichter, umflossen von berückendem Glanze der Romantik, doch mehr galt, als ein gewöhnlicher Alltagsmensch. Gerade in Schwaben war das glückliche Zeitalter für deutsche Dichter aufgegangen. Während der deutsche Norden schon in Druckwerken seine Plänkeleien gegen den trostlosen Polizeistaat begann, spann sich der Süden gegenüber der Armseligkeit der politischen Zustände in eine eigene Welt der Romantik ein, wo die Sehnsucht unbefriedigter Herzen ihre Klagen ertönen ließ. Wurde Berlin die Hauptstadt der deutschen Intelligenz, so war das kleine, ländlich idyllisch von seinen Weinbergen umfriedete Stuttgart zu einem Mekka für die deutschen Poeten geworden, wo sie im Cotta’schen „Morgenblatt“ und Buchverlag die Verkörperung ihrer Ideale fanden. In Schwaben sang es von allen Zweigen, wetteifernd mit den Nachtigallen im österreichischen Dichterwalde; hier war man mit Deutschlands Metternichtigkeit zufrieden.

Schwab war der Mittelpunkt des schwäbischen Dichterkreises, der feinsinnige Vertreter desselben nach außen, sein literarischer Ministerpräsident, sein Chorführer auf der Bahn, welche Uhland mit manneskräftiger Poesie gebrochen. Justinus Kerner, der Oberamtsarzt in Weinsberg, Geisterseher und romantisirender Humorist, gehörte ihm in erster Reihe mit an, ferner: Karl Mayer, der heitere, in Epigrammen und Naturgedichten so glückliche Oberamtsrichter in Waiblingen, die trefflichen Brüder Pfitzer, von denen Gustav vor Allen das freisinnige Zeitelement in diesem Kreise vertrat, Graf Alexander von Württemberg, „wild und muthig, ritterlich und herzlich“, Hermann Kurz, in dem noch Sturm und Drang der alten Zeit gährte, Eduard Mörike, der Pfarrvicar, gelegentlich schon mit einer volksthümlichen Lyrik in plastischer Vollendung hervortretend.

Einer der Mittelpunkte dieses dichterischen Kreises war auch der greise Geheimrath August Hartmann, Vater von vier anmuthigen, musicirenden, singenden und malenden Töchtern, deren eine, Emilie, mit Professor Reinbeck verheirathet war und ihr Haus, wo auch ihr Vater wohnte, zu einem reizvollen Stelldichein der Stuttgarter Schöngeister jener Tage zu machen wußte.

Lenau wurde schnell ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit, besonderer Auszeichnung für alle diese Geister; er imponirte durch sein ganzes Auftreten; die Mädchen und jungen Frauen konnten sich dem magischen Eindrucke seiner Person nicht entziehen; es geisterte immer in seinem Gesicht, und die bleiche Melancholie stellte darin gluthäugig ihre stummen Fragen. Das gefiel ihm. Er wurde wieder lebensfroh, dampfte vergnügt seine lange Pfeife, die er auch in Gesellschaft nicht aus dem Munde nahm, und spielte die ihm liebsten Weisen auf seiner Geige, ohne die er nicht sein konnte.

[12]
Die Gartenlaube (1883) b 012.jpg

Antritt zum Tanze.0 Nach de[m Ge]mälde von Franz Defregger.

[13] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [14] Schon reiften die Trauben auf den Weinbergen, und köstliche Herbstnachmittage lockten die Stuttgarter hinaus in die früchteprangende Gartenlandschaft der Umgegend. Mit Schwab, seiner Frau und Tochter war Lenau an einem solchen Nachmittage spazieren gegangen. Da begegnete ihnen ein Mädchen von neunzehn Jahren, Lottchen Gmelin, eine Nichte des Professors, und schloß sich ihnen an. Ein „wohlgebildetes Mädchen“, dachte Lenau, der sich mit ihr während des Weges etwas unterhalten hatte, ging aber, seine Pfeife rauchend, in der Gesellschaft weiter, ohne sich mehr um sie zu bekümmern.

Sie folgte einer Einladung zu Schwab’s und ließ sich hier nicht lange nöthigen, auf dem Clavier zu spielen. Ein Mennet von Kreutzer wählte sie zuerst. Ihre Finger zitterten in jungfräulicher Bangigkeit über die Tasten. Lenau sah ihr zu und lauschte aufmerksam. Musik wirkte mächtig auf ihn; seelenvolles Spiel rief stets die Geister aus den Tiefen seiner Seele herauf. Hier, als Lottchen das schöne Tanzstück erklingen ließ, erwachten diese Geister in seiner Brust; denn sie spielte es bei aller Beklommenheit mit einem ihn bezaubernden Ausdruck.

Später sah er sie in dem kleinen Kreise der Familie noch öfter wieder. Sie hörte ihn seine neuen, für die Buchausgabe bestimmten schwermüthigen Gedichte vortragen, er wieder ihr Clavierspiel und ihren Gesang. Die Musen vermählten ihre Herzen. Die von ihr einmal schön gesungene Beethoven’sche „Adelaide“ eroberte ihn vollends. Seine Geister kamen herauf, die Dämonen, und ließen die Elmsfeuer der Leidenschaft in seiner Seele emporlodern. Lottchen war sein in schweigender Liebe; all sein Sinnen und Empfinden umschwebte sie jetzt.

In einem Briefe an seinen Schwager Schurz schilderte er Lottchen als ein Mädchen voll vollem, üppigem Körper, den ein reicher Geist beherrschte.

„Daher“, schreibt er, „ihr leichter Gang, die Anmuth all ihrer Bewegungen. Ein edles, deutsches und frommes Gesicht mit tiefen blauen Augen und unbeschreiblichem Liebreize der Brauen; zumal ist die Stirn von kindlich-unschuldsvollem, gütigem und doch so geistvollem Ausdrucke.“

Als die dritte Tochter des Hofadvocaten und späteren Oberjustizraths in Ulm, Christian Heinrich Gmelin, war sie in Bern 1812 geboren worden. Nach dem Tode desselben im Jahre 1824 hatte sich ihre Mutter, eine Tochter des ausgezeichneten Kupferstechers Johann Gotthard Müller, mit ihren vier halberwachsenen Kindern nach Stuttgart zu ihrem Vater begeben. Lenau ließ sich nun bei Gmelins einführen mit seinem Herzen voller Liebe für Lottchen, und bald war es den ihr Nahestehenden nicht mehr verborgen, welch ein geheimes Band die Beiden verknüpfte – ein geheimes insofern, als es zu keinerlei Erklärung von Lenau’s Seite kam. Er schwelgte in der Wonne der neuen Leidenschaft, nachdem er früher in Wien eine erste an eine Unwürdige verschwendet hatte und der Riß, den diese Enttäuschung in seinem überaus empfindlichen Gemüthe bewirkt, noch ungeheilt geblieben war. Aus der Verstimmung über seine unglückliche Wiener Liebe waren so schmerzlich-zornige Töne hervorgequollen, wie sie in dem Gedichte „Die Waldcapelle“ rhythmische Melodik gefunden:

„Was einmal tief und wahrhaft Dich gekränkt,
Das bleibt auf ewig Dir in’s Mark gesenkt.“

Lottchen war dazu geschaffen, diese Wunde heilen zu lassen. Sie verstand ihn und was die tiefsten Abgründe seiner Seele aufgerührt hatte. „Die Waldcapelle“ hatte es ihr gesagt, wie allen seinen Freunden in Stuttgart. War dieses Gedicht doch von der jungen Frau Reinbeck aus Theilnahme für Lenau zum Gegenstande eines stimmungsvollen Gemäldes ihrer Hand gemacht worden.

Aber Lenau’s unglückselige Zwiespaltnatur mischte schon mit der ersten Wonne wieder das Gift, das aus seiner Zweifelsucht erzeugt wurde. Er floh vor Lottchen, die ihn doch mit unwiderstehlichen Zauber anzog; er haderte mit sich über das, was ihn hätte für immer beglücken können. Das vielleicht unberechtigte Bewußtsein, die Mittel zur Bestreitung eines Haushaltes nicht erschwingen zu können, riß ihn von der Geliebten, der er mit seinen Augen und in glühenden Liedern zu sehr verrathen, wie theuer sie ihm sei. Die Funken im Herzen des armen Mädchens waren zu Flammen aufgelodert, welche es verzehrten. Still litt Lottchen, ein rührendes Bild jungfräulicher Resignation; er aber tobte und klagte über sein verhängnißvolles Geschick, eine empfindsame Seele zu haben.

So reiste er Anfangs November aus Stuttgart ab, um in Heidelberg seinen Doctor zu machen. Seine Briefe aus dieser Winterzeit charakterisiren seine Kämpfe und den Rückzug, den er aus ihnen zu nehmen sich entschloß.

„Ich werde,“ schrieb er an Schurz unterm 8. November 1831 aus Heidelberg, „diesem Mädchen entsagen; denn ich fühle so wenig Glück in mir, daß ich Anderen keins abgeben kann. Meine Lage ist auch zu beschränkt und ungewiß.“

Und unterm 12. Januar 1832 an denselben: „Meist liebes Lottchen! O, daß ich ihr nicht entsagen müßte! Ich habe sie wieder gesehen. So giebt es kein Mädchen mehr. Sie ist anbetungswürdig. Ich werde sie ewig lieben, wenn ich anders ewig lebe.“

Am 21. Januar aber an Mayer: „Niederkämpfen wird’ ich die Liebe nicht; das war nur eine eingebildete Pflicht der Melancholie ........ Nein, ich will diese Liebe bewahren; sie soll mir mein Leben verschönen für alle Zeit.“

In Liedern besang er sie und ließ er seine Klagen um das Grab seiner Hoffnung zittern. Damit wollte sein Egoismus die Arme entschädigen.

„Und sehn wir uns nicht wieder
In diesem Erdenleben,
Dich werden meine Lieder
Verherrlichend umschweben.“ (Waldgang.)

Ueberall noch fühlte er „ihrer Seele stille Allgewalt“; überall sah er ihr Bild. Durch Wald und Flur strich er in Gedanken an sie; an einsamen schilfsbestandenen Weihern tönte sein Sehnen und Entsagen schwermüthig sich aus:

„In mein stilles, tiefes Leiden
Strahlst du, Ferne! hell und mild,
Wie durch Binsen hier und Weiden
Strahlt des Abendsternes Bild.

Weinend muß mein Blick sich senken;
Durch die tiefste Seele geht
Mir ein süßes Deingedenken
Wie ein stilles Nachtgebet.“

Es waren seine wehmüthigen „Schilflieder“, die er vor dem Druck wohl an sie gelangen und in den befreundeten schwäbischen Kreisen lesen ließ; sie verschafften in diesen letzteren der so schmerzvoll Gefeierten die Benennung „Schilf-Lottchen“.

Von Heidelberg aus machte Lenau häufige Besuche in Stuttgart, wo man ihn in innigster Antheilnahme an seinen Grillen und Zweifeln, seinen krankhaften Ueberreizungen und den daraus entspringenden abenteuerlichen Plänen vernünftig zurechtzusetzen versuchte. Vor Allem Lottchen’s wegen kam er in die württembergische Residenz; es drängte ihn, sie wiederzusehen, sich und ihr den Stachel auf’s Neue in die Herzenswunde zu drücken.

Als es Frühling wurde, that er den Freunden als das Ergebniß längst gepflogener Erwägungen seinen Entschluß kund, nach Amerika zu gehen. Dort wollte er sich Land kaufen, ein Vermögen erwerben, wie er es für das Leben eines Cavaliers für nöthig hielt, und damit in die Heimath zurückkehren. Vegebens bot man Vorstellungen und Bedenken dagegen auf. Weder Schwab, noch Hartmann, weder Reinbeck und dessen Frau, noch Mayer und Kerner, konnten ihn davon abbringen. Ihm war, als rette er sich damit aus allen Zwiespälten – und vielleicht, wenn er nach einigen Jahren als wohlhabender Mann zurückkehre, vielleicht ließe sich dann noch senl Herzensbund durch die Heirath besiegeln. Er mochte auch mit Schilf-Lottchen darüber gesprochen haben.

„Ich brauche Amerika zu meiner Ausbildung,“ sagte er; „dort will ich meine Phantasie in die Schule – die Urwälder – schicken, mein Herz aber durch und durch in Schmerz maceriren, in Sehnsucht nach der Geliebten.“

Am meisten ließ sich Justinus Kerner mit seinem prächtigen Humor angelegen sein, ihm diesen bösen Geist auszutreiben, ohne sich vor den ungarischen Heftigkeiten und der über die Stirn sich schlängelten starken Zornesader des Herrn von Niembsch zu fürchten. Dieser hauste wochenlang bei ihm in Weinsberg, in dem kleinen Gartenhaus, das Kerner eigens zum Fremdenquartier hergerichtet hatte und wo sein Gast rauchen, geigen und mit sich hadern konnte nach allem Bedürfniß. (Vergl. „Garlenlaube“ 1866, S. 5.)

Aber Lenau blieb in seinem Vorsatze unerschütterlich Noch einmal eilte er nach Stuttgart, aber er durfte die Geliebte [15] nicht mehr sehen. Am 19. Mai schreibt er von dort: „Von meiner Lotte bin ich getrennt. Das Mädchen hat die Sache sehr ernst genommen, und da ich keine Aussichten auf Heirathen geben kann, jetzt gar nach Amerika gehe, ist die Mutter um die Gesundheit des sehr gefühlvollen Mädchens bekümmert und hält uns aus einander. Hilft aber nichts … Wir lieben uns doch und werden es immer thun, obgleich wir nie ein Wort davon gesprochen. Das ist ein ganz eigenes Verhältniß.“ – Er mußte sich begnügen, am Fenster Schilf-Lottchens vorüber zu gehen, und in dunkler Nacht stand er davor und träumte sie sich hinter den Scheiben, Thränen in den Augen, wie er: er blickte lange hinauf, wo sie schlief, und „schüttete ihr heimlich seine ganze Seele zum Fenster hinein“.

Wirklich trat er die große Reise im Juni an. Schilf-Lottchens Bild wich nicht von ihm; in dem Dunkel der Oceannächte wähnte er sie zu erblicken, und

„Als ein unergründlich Wonnemeer
Strahlte mir dein tiefer Seelenblick;
Scheiden mußt’ ich ohne Wiederkehr,
Und ich hatte scheidend all mein Glück
Still versenkt in dieses tiefe Meer.“

Lenau hatte Recht gehabt, als er geschrieben, Lottchen habe die Sache sehr ernst genommen. Ihre erste Liebe füllte ihr ganzes Herz aus, auch als sie hoffnungslos geworden. Still und bleich; von Kummer krank, blieb sie zurück. Wer dächte da nicht an Friederike Brion von Sessenheim, die einst Goethe verlassen? Auch dem Lottchen in Stuttgart, die einen Lenau so mächtig bewegt, schwebte ein Bild immer an den Wänden „von einem Menschen, welcher kam und ihr als Kind das Herze nahm“. Sie konnte ihn nicht vergessen. So reich war ihr Gemüth, daß ein ihr heiliges Gefühl auch in der Hoffnungslosigkeit nicht zu sterben vermochte.

Indeß erfuhr Lenau in Amerika so schnelle und gründliche Enttäuschung, daß er bereits nach einem Jahre wieder nach Europa zurückkehrte, an Vermögen ärmer als vorher, wohl aber durch die bei Cotta erschienene Gedichtsammlung ein gefeierter Liebling der Gesellschaft geworden. Zuerst suchte er wieder seine Freunde in Schwaben auf. Wollte er Lottchen wiedersehen? Drängte es ihn noch, in dunkler Nacht sich unter das Fenster ihres Zimmers zu stellen „und seine Seele da hinein zu schütten“? Er sah sie nicht mehr, auch war bei ihm keine Rede mehr von ihr. Er hatte diese Liebe ja in’s tiefe Meer gesenkt.

In Wien, wohin er sich dann begab, schlug ihn eine andere Neigung in Banden, hoffnungslos, weil sie einer verheiratheten Frau galt; er nannte Freundschaft, was sein Herz jetzt erfüllte. Immer wieder, alle Jahre, kam er nach Schwaben zurück. Dann blieb er bei Alexander von Württemberg, der unweit Eßlingens eine kleine Villa bewohnte, wochenlang als willkommener Gast, oder bei Justinus Kerner in Weinsberg, wo immer allerhand interessante Leute verkehrten, oder bei Mayer in Waiblingen, oder bei Reinbeck in Stuttgart. Da entwickelte er seine Ideen, arbeitete er seine großen Dichtungen aus, las sie in engerem Kreise vor und quälte seine Freunde nur zu oft mit seiner düsteren Melancholie. Schon schüttelte Mancher bedenklich den Kopf über sein Gebahren, und es flüsterte Einer wohl dem Andern zu, daß es mit Lenau einen unheilvollen Ausgang nehmen möchte.

Trug das Flüstern diese Besorgniß nicht auch zu Schilf-Lottchens Ohren? Gewiß! War auch Alles aus und vorbei mit ihr, so folgten ihre Gedanken doch dem theuren Manne, der in ihrer Nähe weilte.

Es waren Jahre dahingegangen, ihrer dreizehn schon, seitdem Lenau das erste Mal nach Stuttgart gekommen. Eine neue Leidenschaft für ein Mädchen, das er in Baden-Baden kennen gelernt, trieb ihn jetzt zur Heirath. In Frankfurt wollte er Hochzeit machen, aber auf der Reise dahin hielt er sich wieder bei Reinbeck in Stuttgart auf. Ach, es sollte die letzte Station seines freien Geisteslebens sein; denn hier, in Reinbeck’s Hause, begann die schreckliche Raserei des Unglücklichen, aus deren Nacht er nicht mehr befreit werden konnte. Entsetzensvoll und schmerzergriffen hörten die Freunde von seinem unseligen Geschick; vor dem ihnen längst gebangt. Es hatte ihn hier ereilt, wo er einst so innig geliebt hatte. Welch heiße Thränen weinten Lottchens Augen, als sie ihn fortbrachten in die Zelle des Irrenhauses von Winnenthal, den gebrochenen Mann mit dem zerrissenen Genius!

Keine Hoffnung mehr für ihn! Unheilbar, jammerwürdig, sargte man ihn bald darauf in die Anstalt zu Döbling bei Wien ein, wo sein langes Sterben sich abspielte. Die schwäbischen Freunde pilgerten noch einmal zu ihm, der liebe alte Mayer, Uhland, Gustav Pfitzer, Kerner; sie brachten auch Blumen und Kränze aus ihrer Heimath für ihn, welche liebevolle Theilnahme der Frauen ihnen mitgegeben, eines Mädchens Blumengruß dabei, weiße Rosen, Sinnbilder schweigender treuer Liebe. Er verstand nichts mehr davon.

Die Ueberzeugung seines rettungslosen Zustandes gab Lottchen dem Leben zurück. Entsagung lähmt; Trauer führt zur Erlösung, wie Thränen das Gemüth befreien. Sie hatte nur noch um einen Todten zu trauern, dessen Herzensbraut sie im Leben nunmehr fünfzehn Jahre gewesen. Jetzt war sie seine Herzenswittwe. Aber nach dem Winter der Trauer um den Geliebten kam naturgemäß neues Leben, neues Hoffen, ein anderer Mai. Wozu sie vorher sich nicht hatte entschließen können, darein willigte sie jetzt. Im Jahre 1846 reichte sie Dr. Ernst Hartmann ihre Hand, der Stadtarzt in Sindelfingen war und dann Oberamtsarzt in Böblingen wurde.[1] Im Jahre 1861 starb ihr Gatte, und sie übersiedelte darauf mit ihren Kindern nach Tübingen. Seit einiger Zeit aber hat sie sich, leider des Gehörs fast ganz beraubt, in das Frauenstift zu Schorndorf zurückgezogen.


  1. Ihre jüngere Schwester, Maria, hatte vorher schon geheirathet, und zwar den Oberamtsarzt Friedrich Hartmann in Reutlingen. Dieser Umstand hat zu Verwechselungen geführt, und irrthümlich ist Schilf-Lottchen entweder als nach Reutlingen oder nach Göppingen verheirathet bezeichnet worden.




Sylvesternacht.

Von Hans Hopfen.

0 Die Uhr tickt an. Nun kommt heran
0 Ganz nah zu meinem Herzen!
0 Wir zünden auf der Weihnachtstann’
0 Noch einmal an die Kerzen.
0 Gebt Acht, daß alle schön entbrannt,
0 Wenn nun die Uhr den Hammer spannt
0 Zu zwölf gemess’nen Schlägen!
0 Dann gehn wir fröhlich Hand in Hand
0 Dem neuen Jahr entgegen.

Hat es nicht eben Zwölf geschlagen? …
Noch nicht?! … Mir war, als kläng’s von draußen her.
Wie wird mir’s heuer seltsam schwer,
Dem alten Jahr Valet zu sagen.
’s war auch ein Jahr! nicht so wie andre mehr!
Und viel Besondres hat sich zugetragen.
Uns und manch Andren hat es Glück bescheert.
Doch wieder Andern all ihr Glück verheert!

Der Zeiger rückt … Noch etliche Minuten,
Und ob der Welt steht eine neue Zahl.
Mir ist dabei zu Muth, als wollte noch einmal,
Was ich des Schlimmen und des Guten
In diesem Jahr erfuhr, auf mich zusammenfluthen,
Gleich einem Strom, der durch geborstne Dämme quillt.
Dann festet sich die Fluth zu einem Bild,
Und es ersteht ein armer, armer Mann
Vor meines Geistes Aug’ und sieht mich an
So voller Gram und bitterstem Verdruß,
Daß ich bei solchem Anblick weinen muß.

Kennst du den Gau? Kein andrer ist ihm gleich
In Deutschland nicht und nicht in Oesterreich.
An Schönheit ist und Fruchtbarkeit kein Land
So wundervoll, so überreich.
Zwei große Völker reichen sich die Hand,
Und zwei Naturen werden hier verwandt;
Der Gletscher Eis, der Fluren Ueppigkeit
Die haben hier den alten Streit vergessen;
Des Nordens Tann’ und Eiche messen
Sich mit des Südens Feigen und Cypressen.
Oel, Obst, Getreid und Weinbau weit und breit!
Vom Brenner ziehn und von der Walserhaide
Eisack und Etsch ein Paradies entlang.
Am Rebgelände steht die Vogelweide,
Wo einst Herr Walther seine Lieder sang.
Noch klingt und singt es dort. Du kennst ihn wohl,
An Deutschlands Kleid den goldnen Saum: Tirol!

Es war im Herbste dieses Jahr, da kehrte
Ein Mann aus Grigno heim von seiner Reise,
Die schon den langen Sommer über währte.
Er war nach der Tiroler Weise
Weit in der Welt herumgewesen.
Heim wollt er sein, wenn sie die Trauben lesen.
Im Elsaß hat mit Bildern er gehandelt.
Beladen nun mit mäßigem Gewinn
Kommt fröhlich er in’s Valsugan gewandelt.
Die Sehnsucht malt vor seinen Sinn
Das Gütchen und den Weinberg lockend hin,
Sein liebes Weib, die lieben Kleinen.
O Wonne, nach der Trennung lang und bang
Am eignen Herd zu rasten bei den Seinen!

[16]

Die Hoffnung zog mit ihm den Weg entlang.
Doch immer schlimmer ward der Weg. Das Wasser drang
Aus hundert Bächen hin und wieder;
Geröll und Stämme führt es nieder.
Es wälzt den Stein, zerbricht den Stamm;
Sumpf wird das Feld, die Wiese Schlamm,
Und wo ein Mensch zu sehen war,
Der jammert: welch entsetzlich Jahr!

So unter Mühsal und Bedrängniß,
Blei in den Füßen und im Herzen Bängniß,
War jener Mann bis Pergine gekommen.
Dort hat vom Ersten, den er angesprochen,
Die Schreckensbotschaft er vernommen:
Die große Schleuse bei Santangel sei durchbrochen,
Es wälze sich der Wildbach Fersina
Ein unbarmherz’ger Katarakt zu Thale;
Der Stadt Trient sei schon das Unheil nah.

O Heimath, mußt du in so bittrer Schale
Das süße Wiedersehen mir kredenzen!
Von Festen träumt ich und von Winzertänzen,
Als mir die Liebste schrieb zum letzten Male,
Daß bis Ala, bis an die Landesgrenzen
Sich unter ihrer Ueberlast von Trauben
Krumm bögen unsre vollen Rebenlauben!
Und nun! Von Bozen bis zur Ebene
Der Venetianer ist das Land ein See,
Darin des reichen Sommers Gottesgaben
Mit allen unsren Hoffnungen begraben.

So denkt der Mann und macht auf’s Neu’ sich fort.
Und in der Angst spricht Hoffnung noch ihr Wort:
Es sei sein Dorf, sein Gut mit seinen Lieben
In all der Noth doch wohl verschont geblieben!
Doch kaum in Borgo, klagt man ihm die Noth:
Aus ihren Ufern sei die Brenta schon getreten,
Die Ortschaft Grigno just zumeist bedroht.
Die Hände faltet er zu stillem Beten,
Dann stürmt er fort, das arme Herz voll Bangen;
Nun muß er zu den Seinigen gelangen
Rechtzeitig, um zu helfen und zu retten.
Er eilt dahin. An seine Füße ketten
Sich Angst und Sorge, doch er eilt dahin,

Schweiß auf der Stirne, Bitterniß im Munde.
Da wälzt auf einmal gegen ihn –
Er war kaum eine halbe Stunde
Von Grigno mehr entfernt – sich eine schlamm’ge Masse,
Wildschäumend, ein Gebräu von Fluthen und Gerölle;
Als ob aus allen Ritzen Wasser schwölle,
So überströmt’s in einem Nu die Gasse.
Und auf den tollgewordnen Wellen kommen –
Vier Särge nach einander hergeschwommen.
Die Fluth hat ihre Deckel abgethan.
Wie schwarze Schifflein schwimmen sie heran.
Er reißt die Augen auf. Er sieht genau:
Was ihm vorüberschwimmt … die Leiche seiner Frau!
Er wußte nicht einmal, daß sie gestorben!

Den Friedhof hat das Wasser unterwühlt,
Und was es nicht zertrümmert und verdorben,
Mit fortgerissen und zu Thal gespült.
O bittre Schale! Bittrer noch der Trank!

Sein klein Besitzthum war ein Trümmerhaufen,
Der mehr und mehr in Schlamm und Wasser sank.
Nichts mehr zu retten, nichts mehr zu verkaufen,
Die Wiesen und die Felder weggeschwemmt!
Die Kinder waren in den Wald gelaufen,
Das nackte Leben und das bloße Hemd –
Sie hatten weiter nichts gerettet
Und unter Moos und altem Blätterfall
Wie müdgehetzte Thiere sich gebettet,
Derweil die Fluth, die überall
Durch die geborstnen Wände brauste,
Breit in den eingestürzten Hütten hauste …

Und denken müssen, daß dieselbe Noth
Im Westen wie im Süden uns bedroht,
Daß auch am Neckar und am Main und Rhein
Die Flüsse sich zu Seeen weiten
Und hier wie dort dieselbe Noth verbreiten …
Hart wahrlich waren diese letzten Zeiten!
Gott geb’s, daß sie zu Ende sei’n!

Die Uhr tickt an; der Zeiger, sieh’, bewegt
Sich nah’ an Zwölf. Doch, eh’ es schlägt,
Macht Euch den Vorsatz fest und klar:
Wir wollen in dem neuen Jahr
Was man entbehren kann, verschenken
Und niemals uns bedenken,
Um unter dieser Erde Kindern,
Was an uns ist, die Noth zu lindern.

Nicht wahr, das gilt? Drauf stoßet an
Und rücket dicht an mich heran,
Ganz nah zu meinem Herzen!
Wie glühn so hübsch im Weihnachtstann
Die Stümpfchen noch der Kerzen!
Wenn draußen Sturm die Welt verheert,
Schätzt man noch eins so hoch den Herd.
Bleibt alle mir erhalten –
Deß soll der Herrgott walten!

Hört Ihr: die Uhr hebt rasselnd aus
Zu zwölf gemess’nen Schlägen.
Ein Klingen geht durch’s ganze Haus,
Ein Jubel und ein Segen.
Nun hurtig, schenkt die Gläser voll!
Ihr Jungen schreit mir nicht so toll!
Die Glocke schlägt; aus rinnt der Sand,
Wir wollen fröhlich Hand in Hand
Dem neuen Jahr begegnen,
Das soll uns Gott gesegnen!

Und nun, ihr Wilden, seid fein still
Und schleicht mir auf den Zehen!
Der Vater mit der Mutter will
Auch nach den Kleinen sehen.
Sie schlafen in den Bettchett fein
Getrost in’s neue Jahr hinein …
Prost Neujahr, Schätzchen! und so guck’
Mich an! Ein Küßchen und ein Schluck!
Prost Neujahr, liebe Seele mein!
Und jetzt schlaf ruhig wieder ein!

Wir aber gehn zum Saal zurück
Und singen uns ein altes Stück,
Das Gott für uns geschrieben:
Es lebe, was wir lieben!
Glückauf für heut und immerdar!
Ein recht glückselig neues Jahr!




Unsere Jagdhunde.

Von O. von Riesenthal.

Die Bezeichnung „Jagdhund“ wird im Allgemeinen auf so verschiedenartige Hunde angewandt, daß eine kurze Charakterisirung dieser Zweige des großen Stammes „Hund“, des treuesten Freundes des Menschen, nicht unwillkommen sein dürfte.

Wenn wir unter „Jagdhund“ alle Hunde verstehen, welche der Jäger für seine Zwecke verwendet, so ist allerdings der Vorstehehund ebenso ein Jagdhund, wie der Teckel oder Dachshund, der Schweißhund, der Windhund, der Finder und der Packer; denn sie alle werden zur Jagd gebraucht; so verschieden aber ihre Gestalt unter einander ist, ebenso weichen auch ihre Eigenschaften und die Art ihrer Verwendung von einander ab.

Halten wir kurz die verschiedenen Jagdmethoden, so weit es angeht, aus einander, so gruppiren sich danach auch die Hunde; streng sondern lassen sie sich nicht.

Die verbreitetste und üblichste Jagd – wenigstens bei uns – ist die Suche mit dem Vorstehhunde nach Hasen, Hühnern, Schnepfen und ähnlichem kleinen Wilde, Enten nicht zu vergessen; hier kommt es darauf an, daß der Hund vermöge seiner vorzüglichen Nase (Witterungsvermögen) dieses Wild findet, in kurzer Entfernung vor ihm stehen bleibt (daher Vorstehhund) und nur auf Geheiß des Jägers dasselbe aufjagt, sodaß es dieser durch den Schuß erlegen kann; da das bei dieser Jagd häufigste Wild die Feld- oder Rebhühner sind, so wird dieser Hund auch häufig „Hühnerhund“ genannt.

Es wird nach dem Gesagten auch dem Laien sogleich klar sein, daß ein Vorstehhund das Wild nicht jagen darf; thut er es, so kommt der Jäger nicht zu Schuß, wie es freilich manchem Sonntagsjäger mit seinem Flambeau oder Perdrix geht, der solchen Jagdausflug als eine Vergnügungspartie nicht für seinen Herrn, sondern für sich ansieht und, statt vor Huhn und Hase zu stehen, sie jagt, soweit der Himmel blau ist, dem Herrn sein eigenes Jagdvergnügen anheimstellend. Der geschulte Vorstehhund ist mithin kein Jagdhund.

Unter einem solchen versteht der Jäger einen Hund, welcher das gesunde, also nicht angeschossene Wild, auf dessen Spur, auch ohne es zu sehen, so lange jagt, bis er es in des Jägers Gewalt gebracht hat, der es entweder schießt oder mit einer Handwaffe tödtet; daß hier nur Säugethier-, oder wie der Jäger sagt, „Haar“-Wild gemeint sein kann, versteht sich von selbst.

Will man z. B. einen Hasen jagen, so nimmt man einen oder zwei Jagdhunde, läßt sie den gefundenen Hasen jagen, was sie laut und eifrig thun, und bleibt da, wo die Jagd anfing, das heißt der Hase herausfuhr, etwas versteckt stehen, weil dieser nach einiger Zeit dahin zurückkehrt und dabei geschossen werden kann; oder aber, will man eine große, dem Menschen schwer zugängliche Dickung, ein Röhricht oder ähnliche Oertlichkeit abjagen, so umstellt man dastelbe mit Schützen und läßt die Hunde hinein, wozu allerdings, je nach Verhältnissen, mehrere nothwendig sind, und schießt das von den Hunden gejagte, bei den Schützen vorbeikommende Wild. Zu dieser Jagd eingeübte Hunde nennt man ausschließlich Jagdhunde oder Bracken, solche Jagd: „Brackenjagd“, und eignen sich dazu verschiedene Hunde, wenn sie nur gute Nase haben und dauernd auf der einmal angenommenen Fährte jagen. So unbrauchbar ein jagender Hühnerhund ist, so untauglich ist eine nicht anhaltend jagende oder die Spur verlierende Bracke.

Da die Bracken beim Jagen sich selbst überlassen sind und häufig, besonders im Walde, vereinzelt jagen, so legt man auf ihre äußerliche Zusammengehörigkeit auch wenig Gewicht. Diese Hunde vermitteln die Jagd mit dem Schießgewehr.

Soll das Wild aber nicht geschossen, sondern durch Ermüdung anderweitig erlegt werden, wobei der Jäger den schnellen Hunden

[17]
Die Gartenlaube (1883) b 017.jpg

Am Rendez-vous.0 Nach dem Oelgemälde von J. Gélibert.

[18] nur zu Pferde folgen kann, so nennt man diese Jagdart: Parforcejagd und die dazu gebrauchten Hunde: Parforcehunde. Sie sind den Bracken nahe verwandt, eigentlich gleich, da aber eine Parforcejagd nur Vergnügungssache ist, wobei das Reiten eine Hauptrolle spielt, so ist bei derselben ein gewisser Luxus selbstverständlich, der sich in der Zusammenstellung vieler, möglichst gleichfarbiger und gleichgroßer Hunde äußert, die eine Meute genannt werden.

Damit man diese Hunde, wenn sie z. B. ausgeführt werden, also nicht jagen, besser zusammenhalten kann, werden sie zu zweien durch einen Riemen an den Halsbändern verknüpft und bilden dann eine „Koppel“; sind bei einer Parforcejagd z. B. zwanzig Koppeln Hunde gebraucht worden, so waren ihrer vierzig in Thätigkeit. Diese Hunde sind die eigentlichen Jagdhunde des Jägers; wie die Hühnerhunde arbeiten sie mit der Nase, dem Geruchssinn.

Das Jagen mit Windhunden (meist auf Hasen oder Füchse) nennt man nicht jagen, sondern hetzen; mithin gehört der Windhund nicht zu den „Jagdhunden“. Seine Thätigkeit wird lediglich vom Auge geleitet; er hetzt nur so lange, wie er das Wild sieht; erreicht dieses eine Deckung, so ist es für ihn in Folge seiner schlechten Nase verloren. Hetzen kann also nur auf freiem Gelände Erfolg haben. Gewöhnlich benutzt man drei Windhunde, die man einen „Strick“ nennt; ist einer allein befähigt und geübt, ein Wild zu fangen, so heißt er Solofänger und hat einen hohen Werth, der noch gesteigert wird, wenn er den gewürgten Hasen oder Fuchs apportirt, was im Allgemeinen die wenig gelehrigen Windhunde nicht zu thun pflegen. Auch sollen die Windhunde das gefangene Thier abwürgen, was bei der Jagd mit den vorher genannten Hunden nicht bezweckt wird.

Der Schweißhund hat den besonderen Zweck, ein angeschossenes größeres Wild, welches nach dem Schusse noch weit flüchtig geworden ist, auf der Fährte zu verfolgen, das gefundene zu stellen, das heißt nicht fortzulassen, und das todt gefundene zu verbellen, um den Jäger an dasselbe gleichsam heranzurufen. Der Jäger führt den Schweißhund meistens am Riemen, es kommen aber Fälle vor, wo er ihn frei arbeiten lassen muß; würde der Schweißhund ein gesundes Wild verfolgen, so würde er jagen, was sein Zweck nicht ist; auch soll er das eingeholte Wild nicht niederreißen, sondern so lange oder so oft stellen, bis der Jäger herangekommen ist.

Finder und Packer oder Saurüden spielen nur bei der Jagd auf Wildschweine eine Rolle, aber eine um so bedeutsamere, als die Jagd auf dieses wehrhafte Wild hauptsächlich auf ihrer Bravheit beruht. Das Amt des Finders ist, das Wildschwein zu finden und durch unablässiges Beunruhigen zu beschäftigen, respective an der Flucht zu verhindern, wenn es aber doch flüchtig wird, so lange zu verfolgen, bis es sich stellt.

Jeder Hund, welcher das Schwein mit Passion jagt, eignet sich zum Finder, daher dieser keiner besonderen Rasse angehört; gleichwohl wählt, respective züchtet man für diesen Zweck am liebsten Hunde unter Mittelgröße mit rauhem, nicht kurzem Haar, weil vor kleinen Hunden das Schwein zwar sich bald stellt, aber nicht halten läßt und von diesen schwer eingeholt wird, vor großen aber sich fürchtet und nicht gern stellt; glatthaarige Hunde werden außerdem leichter geschlagen, als rauhhaarige; der Finder muß daher dem Schlagen des Schweins gewandt ausweichen und darf sich niemals zum Anfassen verleiten lassen.

Der Packer oder Saurüde verfolgt das Schwein, packt es in der Flucht am Gehör (den Ohren) und muß nun fest an ihm hängen bleiben; werden, wie gewöhnlich, mehrere Rüden gehetzt und packen sie das Schwein, so sagt man: sie decken es: das Schwein steht alsdann wie angenagelt fest und wird vom Jäger mit dem Fangmesser abgefangen, das heißt in’s Herz gestochen; um es ganz ungefährlich zu machen, wird es dabei meist ausgehoben, das heißt ein anderer Jäger oder Gehülfe hebt ihm den einen oder auch beide Hinterläufe in die Höhe, sodaß es sich gar nicht rühren kann. Wird das Schwein par force gejagt, wie von der Meute des Prinzen Karl von Preußen in den Forsten bei Berlin, so dienen die Parforcehunde zugleich als Rüden; dann wird das zu jagende Schwein aber rasirt, das heißt: es werden ihm die Hauzähne abgesägt, um die kostbaren Hunde vor tödtlichen Schlägen möglichst zu bewahren.

Die Sauhatzen, wo die Wildschweine gegen schwere, hinter Schirmen aufgestellte Hatzhunde getrieben und von diesen gepackt wurden, gehören der Geschichte an.

Wir dürfen auch den kleinsten, aber tapfersten und wehrhaftesten aller Jagdhunde, den Dachshund oder Teckel, nicht vergessen, welcher den ihm an Stärke überlegenen Dachs oder Fuchs im eigenen unterirdischen Bau angreift, aber auch die Rolle des Schweißhundes, der Bracke und des Saufinders übernimmt; „Männe“ ist eben ein Ritter ohne Furcht und Tadel.

Die meisten Jäger werden wohl einräumen, daß eine Waldjagd mit Bracken das Jägerblut aufwallen macht, wie kaum eine andere. Still haben die Schützen ihre Stände eingenommen – da klingen die weichen Töne des Waldhorns durch die klare Morgenluft als Signal der beginnenden Jagd; die Hunde werden losgekoppelt: „such, such, hetz, hetz!“ hört man rufen; zuerst bleibt Alles still; nur hier und da vernimmt man ein leises Winseln der Hunde; da ertönt ein helles „jif, jif“ einer Hündin, in das sofort ein dumpfes „juch, juch“ eines Brackenveteranen einstimmt; nun haben auch die anderen frische Fährte gefunden, und den Wald erfüllt das fröhliche Geläut (Gebell) der jagenden Hunde.

Regungslos, doch wachsamen Auges stehen die Schützen da; vor uns liegt ein Röhricht; die gelben Halme sind, vom Winde geknickt, zusammengeschoben und bilden fast undurchdringliche Dickichte; die buschigen Rispen sind niedergebeugt und wehen im Winde hin und her; die Bracken scheinen manchmal von der Spur abgekommen zu sein, da erschallt aber wieder ihr volles Geläut, doch haben sie sich, wie man deutlich hört, getheilt – daher doppelte Aufmerksamkeit und Spannung! – Krach! dröhnt der erste Schuß in die helle Morgenluft; ihm folgt ein zweiter, dritter, und immer wilder jagen die Hunde; da bewegt sich das Rohr, und vorsichtig streckt Reineke den rothen Kopf hervor; es scheint ihm nicht richtig; doch er kann vor den heranstürmenden Hunden nicht zurück; mit wilden Sätzen jagt er vorbei; da kracht das Gewehr, und er überschlägt sich, um nie wieder aufzustehen. Nun ertönt wieder ein Hornsignal – „Hahn in Ruh!“ Die Hunde sammeln sich nach und nach und werden gekoppelt, um sich etwas auszuruhen. Es geht zum Rendezvous.

Wer vorstehenden Schilderungen mit einigem Interesse folgte, wird einer Erklärung des höchst ansprechenden, nebenstehenden Bildes kaum bedürfen; da stehen und hocken vier Koppeln prächtiger Bracken und mustern mit ihren klugen Gesichtern das vor ihnen niedergelegte Jagdzeug; sie haben ihre Schuldigkeit gethan und erwarten den wohlverdienten Lohn, welchen der große Jagdranzen im Vordergrunde birgt. Begehrlichkeit und gute Dressur kämpfen in ihnen offenbar mit einander beim Anblick der ersehnten Erfrischung, und daß dies in dem Bilde so augenfällig und schön zur Darstellung kommt, ist eben das Verdienst des Künstlers.




Die „Ritter von der Straße“.

Aus dem Vagabondenleben der Vereinigten Staaten.

Landstreicher giebt es allenthalben auf der Welt, und selbst wenn sie von verschiedener Nationalität sind, gleichen sie in ihren Eigenschaften und Gewohnheiten einander so sehr, daß man sie beinahe als eine besondere Art der Gattung Mensch, bezeichnen könnte. Und doch unterscheidet sich der amerikanische Vagabond wesentlich von seinem überseeischen Cameraden; er ist kosmopolitischer, vielseitiger, unternehmender; er hat, als typische Gestalt genommen, eine reichere Vergangenheit und eine wechselvollere Gegenwart. Vor dem Secessionskriege war das Stromerthum in den Vereinigten Staaten eine ganz vereinzelte Erscheinung; in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren hat es sich zu einer wahren Landplage entwickelt. Während früher das Wort „tramps“ in dieser Bedeutung überhaupt nicht in unserem amerikanischen Vocabularium stand, ist jetzt der Tramp oder Strolch zu einer socialen Figur geworden.

Auch unter den Landstreichern in Deutschland kommen hin und wieder Personen vor, die sich einst in besseren, ja in glänzenden Verhältnissen befanden und die durch Unglück oder durch Selbstverschuldung, [19] meist durch beides zugleich, Schiffbruch gelitten haben. Bei unserer Brüderschaft der „fahrenden Leute“ jedoch sind nicht nur alle civilisirten Nationen, sondern auch alle Stände, selbst die geachtetsten, in einem Maße vertreten, wie nirgendwo anders auf Erden. Zum Theil hat dies seinen Grund darin, daß uns Europa so gern seinen Ueberschuß an verfehlten Existenzen aller Art herüberschickt, die entweder gar nichts oder etwas, das ihnen hier nichts nützt, gelernt haben. Ferner gehen in Amerika Stellung, Reichthum und Ruf gerade so schnell, wie sie gewonnen worden, und viel, viel leichter verloren als in der alten Welt, und dieser Umstand trägt ebenfalls dazu bei, die Armee der Tramps zu recrutiren.

„Im Sommer das Land, im Winter die Stadt“ lautet die Parole unserer Ritter von der Straße. Sobald der erste Frost das bunte, in den wundervollsten Farben prangende Laub des Indianersommers bleicht und von den Bäumen schüttelt, ziehen sie an, diese Bassermann’schen Gestalten. Ich sehe sie immer wieder, die zerlumpten, schleichenden, schlotternden Menschen, die jeden Vorübergehenden mit prüfenden Blicken betrachten und abschätzen, ob es sich der Mühe lohnt, ihn anzusprechen. Der ehemalige Adjutant Kossuth’s mit den hohen Wasserstiefeln und dem uralten Calabreser muß wohl schon zu seinen Kriegscameraden in die Walhalla der Ewigkeit abcommandirt worden sein; denn seit Jahren vermisse ich ihn, und der stämmige Baron X., der einst als Gesandtschaftsattaché in den Salons der Exkaiserin Eugenie tanzte, hier aber längere Zeit hindurch des Morgens die übernächtigen Bierreste aus den geleerten Fässern schöpfte, die der Kneipwirth vor die Thür gesetzt hatte, und sich eine Brodkruste aus der Abfalltonne hervorzerrte, ist merkwürdiger Weise wieder ein anständiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft geworden. Aber er ist wieder da, der „Gerichtsdirector“, mit dem qualmenden Nasenwärmer in dem runzligen, struppbärtigen Gesicht und der verschossenen, flachen Mütze auf dem Kahlkopf. Auch der blaubrillige Lump hat es nicht vergessen sich einzufinden, der mich immer anruft: „Sprechen Sie deutsch, mein Herr?“ und, da er nie eine Antwort erhält, stets fein: „Parlez-vous français, Monsieur?“ folgen läßt, dann jedoch, wenn man ihn auch bei dieser Frage unbeachtet läßt, wie ein Rohrsperling schimpft.

Der bekannte Wohlthätigkeitssinn und die Gutmüthigkeit der Amerikaner läßt auch diese socialen Schmarotzer nicht verhungern. Der „professional tramp“, der Vagabund von Beruf, weiß genau, wo er mit Erfolg anklopfen, wo er sich amüsiren und wo er ungestört schlafen kann. Barmherzige Vereine in der City sorgen für Asyle und warme Suppen, und als letzter Zufluchtsort winkt ihm die Polizeistation, die er jedoch nur im äußersten Nothfalle aufsucht. Es giebt in New-York eine Menge Herbergen, in denen er gegen Erlegung von fünf Cents ein Nachtquartier, sogar ein – Bett erhält; in den Tagesstunden geht er seinem „Geschäfte“ nach oder treibt sich müßig auf der Straße umher, und macht ihm schlechtes Wetter den Aufenthalt im Freien unbehaglich, so flüchtet er in das Lesezimmer des „Cooper Institute“ und liest oder schläft bei einer Zeitung ein, obwohl der hochehrwürdige Pater Cooper, der über neunzig Jahre zählende Patriarch unter den amerikanischen Philanthropen, diese seine großartige Stiftung keineswegs für die Bequemlichkeit der Strolche geschaffen hat.

Pittsburg, die „Smoky City“, die „Rauchstadt“, besitzt sogar ein „Home“, ein von den Bürgern gegründetes Obdach für die Landstreicher, das auch der „Gerichtsdirector“ – wenigstens giebt er sich für einen solchen aus – auf seiner Tour regelmäßig besucht. Richter zum Mindesten ist er in seiner transatlantischen Heimath gewesen und hat, wegen irgend welchen Vergehens seines Amtes entsetzt, die Thorheit begangen, als Mann in den Fünfzigern auszuwandern. Durch einen engen, von Schnaps, Kautabak und Schmutz duftenden Corridor schreitet er an ein kleines Bureau im „Home“, wo ein Mann durch ein sogenanntes „pigeon hole“, Taubenschlagloch, mit den Kunden verhandelt, welche ihr Nationale in ein großes Buch eintragen müssen und dafür eine Speisemarke empfangen. Zugleich wird den Leuten erklärt, daß sich die Gastfreundschaft des „Home“ für sie auf drei Tage ausdehne, dann aber müssen sie für Logis und Kost bezahlen. Die Anstalt scheidet sich nämlich in zwei Departements, in das „Hôtel“, welches nach den nämlichen Grundsätzen geführt wird wie ein Gasthof niederen Ranges, und in „Bummers Hall“, (Bummlerhalle), wo die Gentlemen von Habenichts diniren und nächtigen; letzteres wird von den Erträgnissen des ersteren unterhalten.

In dem großen mit Dampf geheizten, mit langen Tischen und Bänken ausgestatteten Saale findet unser Freund an vierhundert Collegen bereits versammelt. Jede Nation, jeder Stand, jeder Grad der Verkommenheit hat dort seine Vertreter. Arbeiter und Handwerker, die zeitweise brach liegen, gesellen sich zu gescheiterten Geistlichen, Professoren, Kaufleuten, Literaten, Künstlern, deutschen und österreichischen Garde-Officieren. Hierhin rettet sich auf drei Tage der bürgerliche und adlige Auswurf Europas, und mit ungläubigem Staunen würde man jenseits des Oceans zuhören, wenn man diese Fremdenliste vorläse. Doch ein ständiger Gast fehlt: er hat als Tramp die ganzen Vereinigten Staaten durchwandert und arbeitete zuletzt als Kohlenschaufler in einem Orte Pennsylvaniens. Da starb in diesem Sommer sein Onkel, und er ging nach England, dem Lande seiner Ahnen, zurück – als Earl von Effemere mit einem jährlichen Einkommen von 10,000 Pfund Sterling.

Das Diner, welches der bunt zusammengewürfelten Schaar von Strolchen servirt wird, besteht aus einem ebenso mosaikartigen Gericht, den im Hexenkessel der Proletariatsküche zu einem seltsamen Gebräu gemischten Speiseresten des „Hôtels“. Nach der Mahlzeit stellt man Bänke und Tische an die Wand, um Raum zum Schlafen zu schaffen, doch tritt vorher ein geistlicher Herr durch eine Seitenthür ein, vertheilt volksthümliche Lieder unter die Anwesenden und hält eine feierliche Andacht ab, ohne die der Abend so wenig denkbar wäre, wie Brod ohne Salz.

Wenn der Sommer einzieht, tritt die gesammte ungeheure Armee der amerikanischen Tramps ihre Wanderung aus den Winterquartieren an: sie kehrt dem „Pinch“ in Memphis, dem „Under the Hill“ in Natchez, dem „Elephant Johnnie’s“ in New Orleans und wie die unter der nomadisirenden Gilde berühmten Herbergen alle sonst heißen mögen, den Rücken. Vor diesen Wandervögeln breitet sich nun ein unermeßliches, an klimatischen, nationalen und socialen Mannigfaltigkeiten und Gegensätzen überaus reiches Gebiet als Tummelplatz aus, nach allen Richtungen von Eisenbahnen durchschnitten, welche die erwünschtesten Fahrgelegenheiten bieten: denn Fußtouren liebt der amerikanische Tramp nicht und bedient sich dieser Reisemethode nur, wenn er muß oder gerade Lust dazu hat. Auch versäumt er es nicht, sich die ihm unentbehrlichen „Kriegskarten“ zu beschaffen, das sind die Eisenbahnpläne, sowohl diejenigen für die Passagiere, wie die für das Beamtenpersonal; sie geben ihm genau an, wie die Züge laufen, wo sie halten und wo er am besten unentdeckt auf einen derselben springen kann. Der altgediente Vagabond hat neben seinem Spiel Karten, mit welchen er schon in allen Staaten und Territorien der Union das schöne Spiel „cut-throat old-sledge“ um einen Schluck Whisky aus der gemeinsamen Flasche gespielt hat, stets die Fahrpläne aller Bahnen in der Tasche.

Er verschmäht keinen Zug, der ihn in der eingeschlagenen Richtung weiter bringt, doch wählt er am liebsten einen leeren Güterwaggon, in welchem er sich so verbirgt, daß er der Aufmerksamkeit der Bahnbediensteten entgeht; denn diese sind streng angewiesen, mit den „blinden“ Passagieren kurzen Proceß zu machen. Manche Linien haben sogar ihren berufsmäßigen Hinauswerfer, der gewöhnlich zugleich Bremser ist und die Pflicht hat, die Tramps erforderlichen Falls mit Gewalt an die Luft zu setzen. Ist die Reise in einem solchen Waggon wegen der Wachsamkeit des Bahnpersonals nicht mögllch, so nimmt der Stromer auf den Verkuppelungen zwischen den Waggons Stellung. Das ist eine sehr gefährliche Position, die große Erfahrung und Vorsicht verlangt; denn gerade hier ist das Schütteln und Stoßen besonders fühlbar; ein Ausgleiten des Fußes, und Alles ist vorbei.

Dann erklärt das vom amtlichen Leichenbeschauer zusammenberufene Geschwornengericht: der Mann sei ein Tramp gewesen und durch Ueberfahren um’s Leben gekommen. Wer er war, das weiß Niemand: vielleicht führte er einst seine Compagnie durch Kampf zum Siege, oder herrschte über ein Heer von Buchhaltern, oder entzückte die vornehme Welt durch seine chevalereske Liebenswürdigkeit. Wer vermöchte es zu sagen? Er hat nichts an sich, was zu seiner Identificirung führen könnte.

Auch der „Gerichtsdirector“ hat sich wiederum dieser Völkerwanderung angeschlossen. Sein unzertrennlicher Begleiter ist der „Evangelist“, ein um zehn Jahre jüngerer, heruntergekommener amerikanischer Geistlicher. Der geneigte Leser wundert sich vielleicht darüber, wie es für einen „Mann Gottes“ möglich ist, so tief zu sinken, und doch ist das so auffallend nicht. Bei uns [20] giebt es keine Staatsreligion; Jeder kann nach seiner Façon selig werden, und alles Kirchliche ist durchaus privater Natur. Jede Gemeinde wählt sich ihren Seelsorger nach ihrem Geschmack; jene zieht einen studirten vor; diese verschmäht den Theologen von Fach und wählt sich einen Laien, den sie wieder absetzt, wenn er ihr nicht mehr gefällt. In Amerika kann Schneider Fips oder Meister Pechdraht Pastor werden, und ich kenne auch wirklich einen deutschen Schuster, der den Knieriemen in den Kehricht schleuderte, sich mit seinen Leisten den Ofen heizte und jetzt auf der Kanzel sein Licht leuchten läßt. Bei derartigen Verhältnissen erklärt es sich, daß geistliche Strolche oder strolchende Geistliche keineswegs so ganz seltene Erscheinungen sind. Der „Evangelist“ ist übrigens Pfarrer von Beruf gewesen, und auch jetzt noch übernimmt er der Abwechselung halber, wenn seine frommen Auftraggeber ihn gut bezahlen, eine Predigertour und hält in einem „camp meeting“ den andächtigen Zuhörern eine donnernde Philippica über ihre Sünden.

Die Karawane der Tramps folgt dem Gang der Ernte von Süd nach Nord; sind sie bei den Farmern doch gern gesehene Gäste; denn es giebt vollauf zu thun, und Arbeiter sind rar. Die Obstzucht wird hier in ungeheurem Maße betrieben, und da heißt es dann: Erdbeeren sammeln, Pfirsichen pflücken und Brombeeren lesen. Später beginnt die Hopfenernte im Staat New-York und nachher in Wisconsin, und das Einheimsen des Weizens in Minnesota bildet den Schluß. Das ist die goldene Reisezeit für den Stromer, die ihn viele Hunderte von Meilen weit führt, seine Sommerfrische, die sich tief hineinerstreckt in unsern wunderschönen Herbst, die ihn stärkt und kräftigt. Sie vertritt bei ihm die Saison der Vergnügungen; denn die Arbeit ist leicht, und es fällt ihm gar nicht ein, sich zu plagen. Auch verdingt er sich nicht etwa bei dem Bauer, um Geld für den Winter zu sparen oder um mit dem Erworbenen ein neues thätiges Leben anzufangen. Nein, nach dem Feierabend wird gezecht und getanzt; denn Frauenzimmer sind genug da, und die Whiskeyflsche macht so lange die Runde, bis der letzte Cent aus der Tasche ist. Gefällt es ihm nicht mehr an dem einen Orte, so wandert er der nächsten Bahn zu, die ihn weiter nördlich oder nordwestlich trägt.

Ist die Ernte vorüber, so wälzt sich das Corps der Landstreicher aufgelöst und trümmerweise, wie ein zerschlagenes und gesprengtes Heer, wieder südwärts. Der „Gerichtsdirector“ und der „Evangelist“ sind auf dem Schienenwege endlich nach St. Louis gelangt. Sie wollen eine klimatische Cur genießen und den sonnenheißen Regionen zupilgern, wo die Orange glüht und der Spottvogel pfeift. Des anstrengenden und gefahrvollen Eisenbahnfahrens müde, beabsichtigen sie auf dem Rücken des „Vaters der Ströme“ nach dem blauen Spiegel des Golfs von Mexico zu schwimmen. Zunächst reinigen sie sich gründlich durch ein Bad und lassen ihren Kleidern, oder vielmehr ihren Lumpen, die ihnen so nothwendige trockene Wäsche zukommen. Sie breiten dieselben sorgsam über eine Ameisencolonie aus und überlassen es den fleißigen Thierchen, die lästigen Parasiten als willkommene Jagdbeute in ihren Bau zu schleppen.

Dort liegt der stattliche Mississippidampfer vor Anker; noch heute soll er lichten. Die schwarzen Frachtverläder sind damit beschäftigt, die letzten Getreidesäcke zu förmlichen Bergen aufzuthürmen. Die beiden Freunde brauchen sich durchaus nicht zu geniren; ungehindert begeben sie sich an Bord und treffen auf dem Deck schon eine ganze Menge von ihren Schicksalsgenossen an, die gleich ihnen die Fahrt machen wollen. Auf Balken, Kisten und Tonnen sitzen sie oder sie umringen den Ofen, sich Kartoffeln und Maiskolben röstend, welche sie aus den hier aufgestapelten Säcken gestohlen haben. Sie bewegen sich zwanglos und frei; denn von dem Schiffsclerk ist vorläufig nichts zu befürchten. Der hat noch lange keine Muße, sich mit ihnen zu beschäftigen; die große Razzia, die Ausmusterung, nimmt er erst am folgenden Tage vor, sobald Cairo passirt ist. Dann werden die Deckpassagiere, welche ihr Billet gelöst haben, von den blinden Fahrgästen gesondert und letztere am nächsten Landungsplatze ausgesetzt. Es geschieht dies in aller Freundlichkeit und Nächstenliebe; denn man betrachtet auf den Flußdampfern des Westens die Tramps als ein nothwendiges Uebel, mit dem man rechnen muß. Die Procedur des Entfernens kümmert die Stromer indessen wenig; bei ihnen ist Zeit nicht Geld; sie haben von diesem Artikel übergenug auf Lager und sind darum in keiner Eile. Sie warten geduldig auf den nächsten Dampfer und reisen auf ihm weiter, werden nach Zurücklegung einer ganz hübschen Strecke abermals an das Ufer befördert und vollenden die Tour stückweise, aber sicher.

So ist denn unser Tramp eine Art Rentier, der den Winter in behaglicher Muße in einer Großstadt verlebt und den Sommer auf Reisen verbringt. Die vielfachen Gefahren, denen er tagtäglich sich aussetzt, sind für ihn ein Sport, den er nicht fürchtet; sie würzen ihm ein Dasein, welches ihm sonst vielleicht unerträglich würde. Mit seinen Cameraden befindet er sich in bestem Einvernehmen und vollkommenster Harmonie; gleiche Interessen verbinden alle Mitglieder der fahrenden Gilde und schaffen unter ihnen eine gewisse Solidarität. Sie helfen einander, wo sie nur können, und bilden oft Banden, die durch unverschämte Frechheit, durch Androhung von Gewalt nicht nur einsam wohnenden Farmern gefährlich werden, sondern sogar ganzen Ortschaften so lästig fallen, daß diese sich genöthigt sehen, Front gegen sie zu machen und sie zu verjagen. So harmlos sind die Burschen nicht, zumal in Horden vereint; denn es giebt unter ihnen immer genug entlassene oder entlaufene Sträflinge und Zuchthäusler, welche die Führerschaft übernehmen. Nicht selten ereignet es sich, daß eine Stadt, der Schmarotzer überdrüssig, sie nicht in das Arbeitshaus steckt, was zu viel kosten würde, sondern ihnen Fahrbillets für einen im nächsten Staat belegenen Ort kauft und sie fortspedirt.

Es ist ein eigenartiges Leben, das Leben des amerikanischen „Ritters von der Straße“, eine Erscheinung, die nur auf dem Boden der neuen Welt möglich ist und mit deren oben entworfenem Bilde wir dem europäischen Leser etwas wohl nicht ganz Uninteressantes geboten haben.

Max Lortzing.     




Blätter und Blüthen.

Zur Heilung des Schreibekrampfes. Vor Kurzem hat Professor von Nußbaum in München eine kleine Broschüre unter dem Titel „Einfache und erfolgreiche Behandlung des Schreibekrampfes“ veröffentlicht. Die günstige Aufnahme, welche ihr in den medicinischen Kreisen zu Theil wurde, veranlaßt uns heute, die Grundidee des Nußbaum’schen Heilverfahrens auch unseren Lesern bekannt zu geben. Wir folgen dabei den Ausführungen des Professor Dr. Friedrich Busch, welcher in seinem soeben erschienenen, trefflichen Werke „Allgemeine Orthopädie, Gymnastik und Massage“ (Leipzig, F. C. W. Vogel) auch dieses Thema behandelt.

Der Gedanke, welcher Nußbaum leitete, war folgender: da das Schreiben fast ausschließlich durch die Thätigkeit der Flexoren und Adductoren der Finger (das heißt derjenigen Muskeln, welche die Finger beugen und an einander drücken) zu Stande kommt und diese sich bei der genannten Krankheit krampfhaft zusammenziehen, so konnte man hoffen, daß eine Methode des Schreibens heilsam wirken würde, bei welcher die Extensoren und Abductoren der Finger (das heißt diejenigen Muskeln, welche die Finger strecken und aus einander spreizen) angespannt werden. Nußbaum construirte zu diesem Zweck einen aus Hartgummi hergestellten ovalen Reifen, welcher an seiner oberen Fläche den Federhalter mit einer Schraube eingeklemmt trägt. Dieser Reifen ist etwas breiter als die Hand und muß daher, wenn er über die Finger hinübergeschoben wird, durch Spreizung der ausgestreckt gehaltenen Finger festgehalten werden. Das Schreiben wird jetzt durch die Bewegungen der ganzen Hand bewerkstelligt. Sowie der Patient in der Thätigkeit seiner Abductoren nachläßt, löst sich der Reifen von den Fingern los, wodurch das Schreiben aufhört. Der Patient ist daher gezwungen, die ganze Nervenreizung, die er früher auf seine Flexoren und Adductoren übertrug, jetzt auf die Extensoren und die Abductoren einwirken zu lassen. Durch diese Anspannung der entgegengesetzt wirkenden Muskeln waren viele Patienten mit Zuhülfenahme des Reifens sehr wohl im Stande, anhaltend zu schreiben, die vorher kaum noch einen einzelnen Buchstaben hatten schreiben können. Nußbaum hofft aber noch einen anderen Erfolg, der sich freilich erst nach längerer Zeit herausstellen kann, zu erzielen. Er hofft, daß, wenn ein Patient eine gewisse Zeit mit Hülfe des Reifens geschrieben und dadurch seine Abductoren und Extensoren stark angespannt haben wird, während die Flexoren und Adductoren in Ruhe verharren, er dann auch wieder zur gewöhnlichen Federhaltung wird zurückkehren können, ohne durch den Krampf belästigt zu sein. Sollte sich diese Hoffnung bewähren, so würde die Nußbaum’sche Methode eine der glänzendsten Entdeckungen auf dem Gebiete der Nervenkrankheiten sein, welche, wie das bei großen Entdeckungen so oft der Fall ist, durch die Einfachheit des ihr zu Grunde liegenden Gedankenganges imponirt. Aber selbst wenn diese Hoffuung sich nicht erfüllt, so bleibt der Nußbaum’sche Reifen eine sehr wesentliche Bereicherung auf diesem der heilenden Thätigkeit des Arztes bisher so schwer zugänglichen Gebiete.





Redacteur: Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.