Die Gartenlaube (1883)/Heft 2

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1883
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[21]

No. 2.   1883.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt.Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis Bogen. 0 Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.


Gebannt und erlöst.

Von E. Werner.
(Fortsetzung.)


Der Dampfer hatte jetzt die Küsten hinter sich gelassen und steuerte in die offene See hinaus. Es lag in der That etwas Märchenhaftes in dieser nächtlichen Meeresfahrt. Ringsum nichts als die schweigende mondbeglänzte Weite, die, leise wogend und schimmernd, sich endlos auszudehnen schien, darüber der Himmel mit seinen mattfunkelnden Sternbildern und beides überfluthet von dem bleichen klaren Lichte, das alle Formen und Farben in weichen Nebelduft auflöste und auch die ganze Wirklichkeit zu lösen schien in weiches, süßes Träumen. Nur dort drüben, in weiter Ferne, ruhte es noch wie ein großer flammender Stern auf den dunklen Wogen, aber auch dieser begann jetzt zu versinken; in wenigen Minuten mußte er erloschen sein.

„Da entschwindet uns Venedig!“ sagte Paul hinüberdeutend. „Wer weiß, wann ich es wiedersehe!“

„Lieben Sie den Ort so sehr?“ fragte Frau von Hertenstein.

„Unbeschreiblich! Ich sah Venedig zum ersten Male, wie überhaupt ganz Italien, und für mich sinkt dort vor uns ein Jahr voll Glück und Sonnenschein mit der herrlichen Dogenstadt hinab.“

„Ich war schon einmal dort - vor Jahren.“ sagte die junge Frau langsam. „Und auch damals tauchte es in die mondbestrahlten Wogen nieder, wie in diesem Augenblick.“

So ruhig die Worte auch gesprochen wurden, sie hatten einen eigenthümlich schweren Klang, und in dem Blick, der unverwandt auf jenem schwindenden Lichtkreise haftete, lag es wie ein düsterer Schatten. Vielleicht war auch Frau von Hertenstein damals ein Jahr voll Glück und Sonnenschein versunken!

Paul verstand jenen Ton nicht; er war überhaupt kein tieferer Beobachter, und seine heitere Natur hielt elegische Stimmungen nie lange fest; auch jetzt wußte er sie rasch abzuschütteln.

„Nun, wenigstens entschwindet es unseren Blicken als ein Stern,“ sagte er scherzend. „Ich will das als ein glückverkündendes Zeichen nehmen und hoffen, daß der Jugendtraum, den ich dort geträumt, dereinst zu Wahrheit wird. Seinen Sternen muß man vertrauen!“

Die Worte waren vielleicht nicht ohne eine gewisse Beziehung, aber nur im Tone leichten Scherzes gesprochen, dennoch schienen sie die junge Frau eigenthümlich zu berühren. Sie schauerte leise zusammen, wie von einem kühlen Nachthauch angeweht, und zog den Schleier dichter über die Schultern. Wieder traf jener räthselhafte Blick den Reisegefährten, jenes seltsame Forschen in seinen Zügen, obgleich diese heiteren offenen Züge nicht gemacht waren, irgend etwas zu verschleiern, und dann wandten die dunklen Augen sich hinüber zu jenem Lichtschein, der noch einen Moment lang aufzuflammen schien und dann verschwand, als sei er in der Fluth selbst erloschen.

„Sterne versinken!“ sagte die junge Frau leise, aber mit einem unendlich herben Ausdruck. „Und Jugendträume auch. Das Leben ist überhaupt nicht zum Träumen geschaffen; man muß ihm klar und voll in das Auge sehen und Niemand vertrauen als sich selbst. Gute Nacht, Herr von Werdenfels!“

Sie wandte sich um und schritt nach der Kajütentreppe, in der sie gleich darauf verschwand. Paul blickte ihr befremdet und bestürzt nach. Was sollte das heißen? Galten diese Worte ihm? Sein harmloser Scherz hatte diese herbe Zurückweisung sicher nicht herausgefordert oder verdient. So mächtig die Anziehungskraft auch war, welche die schöne Frau auf ihn ausübte, in diesem Augenblick fühlte er sich doch bis in das Innerste hinein erkältet; es legte sich wie ein Reiffrost auf seine jugendlich warme Empfindung.

„Eine räthselhafte Frau!“ sagte er halblaut. „Will sie vielleicht erkälten und abstoßen, um mich von ihrer Spur abzuschrecken? Es war entschieden Absicht, daß sie jedem Gespräch über ihre Heimath und ihr Reiseziel auswich, und dennoch, dieser seltsame Blick, der unzweifelhaft ein tieferes Interesse kundgiebt! Freilich, ich habe dabei ein Gefühl, als sei ich es gar nicht, den sie ansieht, als suche dieser Blick etwas ganz Anderes, das weit hinter mir liegt. Gleichviel - mag sie sich noch so sehr in Räthsel und Geheimniß hüllen, ich werde es erfahren, wohin sie sich wendet!“

Er erhob sich mit einer raschen Bewegung und verließ gleichfalls das Verdeck. Der Nachtwind, der sich jetzt erhob, strich mit leisem Wehen darüber hin; die See wogte stärker, und leise rauschten und flüsterten die Wellen am Kiel des Schiffes, das sie hinübertrug zu der deutschen Küste.




„Das ist ja ein halsbrechender Weg! Immer aufwärts und immer am Abgrunde entlang, und dabei geht es fortwährend durch Nebel und Wolken! Ich habe mir die Sache doch nicht so schlimm gedacht, Herr Paul; ich will Gott danken, wenn wir erst glücklich droben sind!“

Mit diesen Worten machte der alte Arnold all der Noth und Angst Luft, die er bei der ungewohnten Bergfahrt ausstand. Er saß seinem jungen Herrn gegenüber - hatte er doch ein- für allemal das Privilegium mit im Wagen sitzen zu dürfen - und blickte [22] entsetzt in die Tiefe, die sich zur Rechten des Weges aufthat, während zur Linken die Felswand emporstieg. Die Fahrstraße war zwar in einem vorzüglichen Zustande und die kleinen, aber kräftigen Bergpferde trabten munter und sicher dahin; trotzdem gehörte die Fahrt an diesem düsteren und nebelumschleierten Herbsttage nicht zu den angenehmen, und auch Paul Werdenfels, welcher in der Ecke des Wagens lehnte, schien sehr übler Laune zu sein.

„Wenn das so fort geht, werden wir wohl endlich bei den Schneegipfeln da oben anlangen,“ sagte er ärgerlich. „Hatte ich nicht Recht, mich gegen die Fahrt nach dem verwünschten Felseneck zu sträuben? Wir müssen in unmittelbarer Nähe sein, und noch sieht man nicht das Geringste davon; so dicht ist das Schloß von den Wolken umlagert.“

„Und der Herr Onkel sitzen immer da oben in den Wolken?“ fragte Arnold. „Ein curioser Geschmack!“

„Du fandest es ja so nothwendig, daß ich wieder zu vernünftigen Menschen käme,“ spottete Paul. „Hältst Du es für so sehr vernünftig, sich auf diesem Felsen anzusiedeln, wenn man das schöne Werdenfels und noch drei oder vier andere Schlösser zur Verfügung hat? Gieb Acht, Arnold, wenn Dir da oben erst die Fledermäuse um den Kopf schwirren und die alten Raubritter der ehemaligen Burg Nachts in voller Gespensterrüstung umgehen, dann wirst Du noch die ‚gottlose‘ italienische Zeit und sogar den Signor Bernardo zurückwünschen!“

„Den gewiß nicht!“ sagte Arnold feierlich. „Denn der ist ärger als der ärgste Raubritter. Aber wenn es da oben auch noch so schlimm aussieht, Herr Paul, hinauf müssen wir doch. Der gnädige Herr Onkel haben es befohlen, und wir müssen ihn bei guter Laune erhalten; denn wir haben trotz all seiner Geldsendungen so viel Schulden gemacht, daß ihm die Haare zu Berge stehen werden.“

Paul stieß einen Seufzer aus.

„Wenn ich nur wüßte, wo das Geld eigentlich geblieben ist! Ich habe nie geglaubt, daß die Summen so riesig anwachsen würden. Die verwünschten Wucherzinsen!“

„Und der Signor Bernardo!“ ergänzte Arnold. „Der hat uns allein auf dem Gewissen. Wie oft habe ich nicht gewarnt und gebeten, aber der gottlose Mensch lachte mir in’s Gesicht, und Sie waren sein gelehriger Schüler. Sie –“

„Um Gotteswillen, fange nicht schon wieder an zu predigen!“ unterbrach ihn Paul. „Du weißt, es hilft doch nichts.“

„Aus meinem Munde freilich nicht, aber der Herr Onkel wird hoffentlich eine Predigt halten, die man nicht so ohne Weiteres in den Wind schlägt, und wenn er mich fragt, so werde ich ihm reinen Wein einschenken über unsere italienische Reise und über unsere sogenannten Freunde. Dann giebt es sicher einen Sturm, aber das geschieht Ihnen recht, Herr Paul, ganz recht; vielleicht hilft es auf eine Weile.“

„Ich glaube, Du bist im Stande, Dich darüber zu freuen,“ rief der junge Mann ärgerlich. „Untersteh’ Dich nicht, den Onkel noch mehr gegen mich aufzubringen! Es ist übrigens sehr die Frage, ob Du ihn zu Gesichte bekommst. So viel ich weiß, liebt er nicht den Verkehr mit Fremden.“

Arnold sah aus, als traue er seinen Ohren nicht. Er, der seit vierzig Jahren in den Diensten des Werdenfels’schen Hauses war und sich vollständig als ein Mitglied desselben betrachtete, der den jungen Herrn „erzogen“ hatte und jetzt gewissermaßen Vaterstelle bei ihm vertrat, er sollte den eigentlichen Chef des Hauses gar nicht zu Gesichte bekommen, sollte nicht wegen seiner Fürsorge und Umsicht belobt und in seinen Privilegien feierlich bestätigt werden! Das war unerhört, unmöglich! Welch ein Sonderling der Freiherr von Werdenfels auch sein mochte, einer solchen Mißachtung aller Tradition konnte er sich unmöglich schuldig machen.

Paul hatte inzwischen das Wagenfenster niedergelassen und sah hinaus, er erblickte aber freilich nichts anderes, als was er bereits seit zwei Stunden sah, nämlich dunkle Tannen und wogenden Nebel; auf einmal zeigten sich jedoch mitten in diesem Nebel die Umrisse eines Schlosses, das freilich nur einen Moment lang sichtbar war und dann in der Biegung des Weges wieder verschwand.

„Da ist ja das alte Eulennest!“ sagte der junge Mann. „Ich glaubte schon, wir würden es nie erreichen. Wenn es nur wenigstens bewohnbar ist! Es ist keine angenehme Aussicht, bei solchem Wetter zwischen triefenden Mauern mit Moos und Grasbüscheln zu wohnen, und die freundschaftlichen Besuche der Molche und Kröten zu empfangen.“

„Um Gotteswillen, glauben Sie das wirklich?“ rief Arnold erschrocken. „Das wäre ja schrecklich!“

„Aber originell!“ versetzte Paul kaltblütig, „und mein Onkel liebt nun einmal die Originalität über Alles. Da er selbst als Einsiedler lebt, so wird er wohl auch seine geehrten Gäste zu einem solchen Leben verurtheilen. Ich wenigstens mache mich auf Alles gefaßt. Wenn wir da oben auf einem Lager von Tannenzapfen schlafen und zum Diner nur Waldbeeren und Gletscherwasser erhalten, so – Ah! Das ist also Felseneck!“

Der letzte Ausruf verrieth eine so lebhafte Ueberraschung, daß Arnold schleunigst dem Beispiel seines jungen Herrn folgte und den Kopf auf der anderen Seite hinaussteckte. Der Wagen hatte soeben die letzte Windung der Bergstraße hinter sich gelassen, und unmittelbar vor ihnen lag nun das Reiseziel, das allerdings den gehegten Befürchtungen nicht entsprach.

Aus dem Nebel tauchte eine mächtige Burg auf, in mittelalterlichem Stile erbaut, aber offenbar neueren Datums, mit Thürmen und Zinnen, mit blinkenden Fenstern und einem hochgewölbten Eingangsthor. Sie hob sich ungemein wirkungsvoll ab von dem Hintergrunde der Felsen und Tannen, ein einsamer, aber jedenfalls ein stolzer Wohnsitz.

„Gott sei Dank, das sieht ja ganz menschlich aus!“ sagte Arnold aufathmend.

„Ein prachtvolles Bauwerk!“ rief Paul enthusiastisch. „Was hat Raimund aus dieser alten, halbverfallenen Ruine geschaffen! Ich war einmal als Knabe mit meinem Vater hier oben und erinnere mich noch deutlich des öden alten Gemäuers. Aber welch eine Riesensumme muß ein derartiger Bau gekostet haben – das ist ja mehr als großartig!“

Im Schlosse mußte die Ankunft des Erwarteten bereits bemerkt worden sein; denn die schweren Thorflügel waren weit geöffnet. Der Wagen rollte in den Schloßhof, der mit seinen vorspringenden Pfeilern und Erkern, seinen steinernen Gallerien und Treppen einen nicht minder imposanten Eindruck machte. Auch die Empfangsanstalten erwiesen sich als „menschlich“, wie Arnold sich ausdrückte. Zwei Diener in voller Livrée warteten am Fuße der Treppe, und auf derselben erschien ein alter Herr mit weißen Haaren in tadellos schwarzem Anzuge, der sich als Haushofmeister vorstellte und respektvoll den jungen Verwandten seines Herrn empfing. Er führte ihn sofort nach den bereit gehaltenen Zimmern, die in der Hauptfront des Schlosses lagen. Es waren zwei große, reich ausgestattete Räume, denen sich ein kleines Gemach für Arnold anschloß. Es fehlte nichts darin, was zur Bequemlichkeit des Bewohners dienen konnte, aber man sah und fühlte es, daß sie überhaupt zum ersten Male bewohnt wurden. Die Diener, welche das Reisegepäck heraufbrachten, kamen und gingen fast lautlos, und der Haushofmeister sprach so leise und gedämpft, daß Paul Mühe hatte ihn zu verstehen, als er nach den Befehlen des Herrn Baron fragte.

„Ich will vor allen Dingen zu meinem Onkel,“ entgegnete der junge Mann. „Ich habe ihm Tag und Stunde meiner Ankunft angezeigt; er erwartet mich also jedenfalls. Führen Sie mich zu ihm!“

„Das ist für jetzt nicht möglich,“ war die leise, höfliche Antwort. „Der gnädige Herr schläft noch.“

„Jetzt um die Mittagszeit?“ Paul warf einen Blick auf die Kaminuhr, die gerade die zwölfte Stunde zeigte. „Er ist doch nicht etwa krank?“

„Das nicht! Der Herr schläft stets bis in die Nachmittagsstunden hinein, da er gewöhnlich die Nächte hindurch wacht.“

„Das wußte ich in der That nicht,“ sagte Paul, etwas erstaunt über diese Eröffnung. „So werde ich ihn also erst bei Tische sehen.“

„Ich bedaure sehr – der Herr pflegt stets allein zu speisen.“

„Auch jetzt, wo er einen Gast eingeladen hat?“

Der Hausmeister zuckte die Achseln.

„Ich habe Befehl, dem Herrn Baron allein zu serviren.“

„So? Nun, dann bitte ich wenigstens, meine Ankunft dem Freiherrn zu melden – wenn er erwacht.“

Es lag ein unverkennbarer Spott in den letzten Worten, aber in dem Gesicht des Haushofmeisters veränderte sich keine Miene.

[23] „Ich bitte um Verzeihung, aber die Meldung kann nicht eher gemacht werden, bis der Herr selbst sie verlangt. Es darf Niemand ungerufen sein Zimmer betreten.“

„Auch Sie nicht?“ fragte Paul, indem er den alten weißhaarigen Mann ansah, der mindestens so lange in den Diensten seines Onkels war, wie Arnold in den seinigen.

„Auch ich nicht, der Befehl gilt für Alle ohne Ausnahme. Darf ich jetzt das Frühstück serviren lassen?“

„Serviren Sie!“ sagte Paul resignirt, und der Haushofmeister verschwand. Kaum aber hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen, so warf sich der junge Mann in einen Sessel und brach in ein lautes Gelächter aus.

„Das wird ja recht unterhaltend werden! Ich bin also bei sämmtlichen Mahlzeiten ausschließlich auf meine eigene Gesellschaft angewiesen und bin bescheiden genug, das sehr langweilig zu finden. Arnold, was machst Du für ein Gesicht! Habe ich es Dir nicht gesagt, daß wir uns hier auf alles gefaßt machen müssen?“

Arnold stand noch immer da, mit einer Reisetasche in der Hand, jetzt aber kam er langsam näher und sagte mit sehr bedenklichem Kopfschütteln:

„Also der gnädige Herr Onkel schlafen den ganzen Tag hindurch?“

„Ja, und das werde ich in Zukunft auch thun,“ erklärte Paul. „Es ist jedenfalls das einzige Vergnügen, was Felseneck bietet. Man scheint hier vollständig zum Murmelthier zu werden.“

„Herr Paul, man spricht nicht in solchem Tone von dem Chef der Familie,“ ermahnte Arnold.

„Der Chef der Familie ist wirklich mit allen möglichen Uhu- Eigenthümlichkeiten behaftet!“ rief Paul, ganz unbekümmert um die Zurechtweisung. „Aber jetzt trage die Reisetasche in das Schlafzimmer und sieh zu, daß Du gleichfalls ein Frühstuck erhältst! Auf Waldbeeren werden wir wohl nicht zu rechnen brauchen, aber es wird dennoch eine trübselige Mahlzeit werden.“

Die beiden Voraussetzungen erwiesen sich als richtig. Der Haushofmeister erschien auf’s Neue, lautlos, feierlich und ernst mit einem Diener, der das Frühstück servirte, und lautlos, feierlich und ernst ging der Act vorüber. Paul aß vorzüglich, langweilte sich entsetzlich und berechnete dabei, wie viel Stunden und Minuten diese Woche enthielt, die er anstandshalber hier zubringen mußte. Siebenundsechszig Minuten waren schon vorüber – Gott sei Dank!

Die nächsten Stunden vergingen mit der Orientirung in dem neuen Aufenthalt. Paul durchwanderte die sämmtlichen Räume des Schlosses, dessen Besichtigung der Haushofmeister zuvorkommend anbot, aber es wurde dem jungen Manne mit jeder Minute unheimlicher in der Oede und Einsamkeit all dieser Zimmer und Säle und bei diesem schweigsamen Führer, der jede Thür öffnete, jede Frage beantwortete, aber nicht ein Wort mehr sprach, als unbedingt nöthig war.

Da waren ganze Reihen von Gemächern, deren Einrichtung, streng im Stile des Schlosses gehalten, ebenso viel Pracht wie künstlerischen Geschmack verrieth. Sie schienen nur der Bewohner zu harren, aber sie wurden nicht bewohnt, und man merkte es ihnen an, daß sie monatelang gar nicht betreten wurden.

Da gab es einen vorzüglich ausgestatteten Marstall, mit den edelsten Pferden und ein halbes Dutzend Reitknechte, deren Aufgabe darin bestand, die edlen Thiere, welche nie benutzt wurden, spazieren zu führen. Da zeigte sich eine zahlreiche Dienerschaft, die Niemand bediente, sondern nur für das Schloß und dessen Räume da war – kurz, es war ein Haushalt in großem Stile und auf wahrhaft verschwenderischem Fuße zum Dienste eines Einzigen eingerichtet – aber dieser Einzige machte keinen Gebrauch davon.

Freiherr von Werdenfels wohnte drüben in dem alten noch erhaltenen Theile der ehemaligen Burg, den er hatte restauriren lassen, und betrat nie das neue Schloß. Wenn er überhaupt ausritt, so benutzte er stets ein und dasselbe Lieblingspferd, das zu seinem ausschließlichen Dienste bestimmt war. Seine Dienerschaft sah er gar nicht, da es ihr streng verboten war, seine Zimmer zu betreten, und er selbst blieb größtentheils unsichtbar für sie. Das erfuhr Paul nach und nach auf seine Fragen, und als er endlich in sein Zimmer zurückkehrte, war er zu dem Resultate gekommen, daß ganz Felseneck verhext sei, der unsichtbare Herr desselben gleichfalls, und daß man so schleunig wie möglich diesen verfänglichen Ort fliehen müsse, um nicht demselben Schicksal zu verfallen.

Die unbehagliche Stimmung des jungen Mannes steigerte sich mit jeder Minute. Jetzt, wo es darauf ankam, dem Onkel selbst gegenüber zu treten, wollte es ihm nicht mehr gelingen, dessen Eigenthümlichkeiten, wie bisher, von der komischen Seite zu nehmen, und eine peinliche Empfindung gewann in ihm immer mehr die Oberhand. Welch ein Empfang wartete seiner bei diesem offenbaren Menschenfeinde, der nicht einmal mit seiner nächsten Umgebung verkehrte! Er bemühte sich vergebens, in seiner Erinnerung ein klares Bild des Mannes herzustellen, den er nur ein einziges Mal gesehen hatte, und das war vor zehn Jahren gewesen, an der Leiche seines Vaters, als der Schmerz des Verlustes jede andere Empfindung in den Hintergrund drängte.

Damals war Raimund von Werdenfels allerdings erschienen, um die Vormundschaft über den verwaisten Sohn seines Verwandten zu übernehmen und der Wittwe, die ganz mittellos dastand, seinen Beistand zu sichern. Er hatte sein Versprechen auch in vollstem Maße gehalten, dabei aber jeden persönlichen Verkehr vermieden. Seine Vormundschaft über Paul existirte nur dem Namen nach; dieser wurde gänzlich von seiner Mutter erzogen, der Werdenfels eine sehr reiche Rente ausgesetzt hatte. Nach ihrem Tode ging diese Rente unverkürzt auf den Sohn über, nicht gerade zum Vortheil des jungen Mannes, der sich dadurch gewöhnte, über sehr bedeutende Mittel zu verfügen, während er selbst vermögenslos war und gänzlich von der Großmuth des Onkels abhing.

Er machte unbedenklich von dieser Großmuth Gebrauch, hatte sich aber bisher stets in den ihm gezogenen Grenzen gehalten. Erst der Aufenthalt in Italien und die lockere Gesellschaft dort verleiteten ihn zu einer Verschwendung, die er jetzt bitter bereute. Er erschrak selbst, wenn er an die Höhe der Summen dachte, die doch nothwendig gedeckt werden mußten, und in solchen Momenten war er sogar geneigt, seinen Freund Bernardo und dessen Einfluß auf ihn mit sehr kritischen Blicken zu betrachten. So leichtsinnig Paul auch sein mochte, er empfand doch tief das Peinliche eines derartigen Bekenntnisses vor dem Mann, dem er Alles verdankte, und er hätte viel darum gegeben, wenn die nächsten Stunden erst vorüber gewesen wären.

Endlich, gegen drei Uhr, kam die Botschaft, daß Freiherr von Werdenfels seinen jungen Anverwandten zu sehen wünsche. Diesmal war es der Kammerdiener des Freiherrn, der die Nachricht brachte, ein Mann gleichfalls in höheren Jahren, der dem Haushofmeister seine einsilbige Höflichkeit abgelernt zu haben schien. Er ersuchte den jungen Baron, ihm zu folgen, und ging voran, um den Weg zu zeigen, der ziemlich lang war. Sie schritten durch hallende Gänge, stiegen Treppen hinauf und hinunter und passirten endlich die Gallerie, die den neuerbauten Theil des Schlosses mit den noch erhaltenen Resten der alten Burg verband. Hier ging es wieder eine enge gewundene Treppe hinauf, dann durch ein kleineres Vorzimmer; endlich öffnete der Diener eine Thür und ließ den jungen Mann eintreten, während er selbst zurückblieb.

Paul sah sich mit einem Gemisch von Neugierde und Beklemmung in dem Raume um, wo er augenblicklich noch allein war; wenn er aber erwartet hatte, irgend etwas Ungewöhnliches zu finden, so täuschte er sich darin, wie in seinen übrigen Voraussetzungen. Es war ein ziemlich großes, halbrundes Gemach, dessen Fenster zu beiden Seiten den vollen Ausblick auf das Gebirge gewährten. während die Thür zwischen ihnen auf einen Altan führte, von dem aus man eine noch unbeschränktere Aussicht genoß. Die Einrichtung erschien auf den ersten Blick viel einfacher, als in den übrigen Zimmern des Schlosses, obgleich sie in Wirklichkeit einen weit höheren Werth hatte; denn hier bildete jeder Gegenstand ein Kunstwerk für sich. Erst bei näherer Betrachtung gewahrte man, welch eine Fülle der kostbarsten Schnitzereien an diesen Möbeln verschwendet war, wie reich und schwer die Gewebe all dieser Vorhänge, Decken und Teppiche waren. Die tiefdunklen Farben, die überall vorherrschten, ließen die Pracht der Ausstattung gar nicht zur Geltung kommen und liehen ihr den Charakter einer düsteren Einfachheit. Das Tageslicht vermochte nur gedämpft hereinzudringen; denn die Fenster wie die Thür lagen so tief in den Mauernischen, daß sie eigene kleine Räume für sich bildeten, und das schwere Eichengetäfel der Wände gab dem Raume vollends etwas Bedrückendes, den der trübe Nebeltag da draußen schon jetzt in dämmernde Schatten zu hüllen begann.

[24] Die Thür, durch welche Paul eingetreten war, hatte sich geräuschlos wieder hinter ihm geschlossen; jetzt öffnete sich ebenso geräuschlos eine andere Thür, welche in die inneren Gemächer führte, und der Herr des Schlosses trat ein. Der junge Mann ging ihm rasch, aber doch mit einer gewissen Befangenheit entgegen, und während er sich verneigte, haftete sein Blick mit verzeihlicher Neugierde auf dem Vielbesprochenen.

Vor ihm stand ein hoher, schlanker Mann, dessen Aeußeres in keiner Weise den Sonderling verrieth. Was an diesem Aeußeren zunächst auffiel, war eine unverkennbare Aehnlichkeit mit dem jungen Verwandten. Es waren offenbar Familienzüge, die sich bei Beiden wiederholten, aber sie hatten eben nur diese regelmäßigen edlen Linien gemein, während sich in allem Uebrigen die größte Verschiedenheit kundgab.

Bei dem Freiherrn waren Haar und Augen dunkler, und in seinem Antlitze lag jenes Etwas, das man bei Paul vermißte, ein tiefdurchgeistigter Ausdruck. Freilich gruben sich auch scharfe Linien in dieses Antlitz, das in seiner auffallenden, krankhaften Blässe den vollsten Gegensatz zu dem blühend heiteren Gesicht des jungen Mannes bildete. In das dunkelblonde Haar und den vollen Bart mischten sich schon hier und da einzelne Silberfäden, und die Augen waren von jener stahlgrauen Farbe, die bisweilen schwarz erscheint, während sie in anderen Augenblicken einen leuchtend hellen Schimmer zeigt. Es waren seltsame Augen: tief, träumerisch und räthselvoll, schienen sie das Innere eher zu verschleiern, als zu offenbaren. Sie mußten sehr schön gewesen sein, als sie einst in der Schwärmerei der Jugend aufflammten; jetzt lag nur tiefe Ermüdung darin, und wenn der Blick sich für einen Moment belebte, war es nur der Widerschein erloschener Gluthen.

„Ich freue mich, Dich zu sehen, Paul,“ sagte der Freiherr, indem er seinem Neffen die Hand reichte. „Sei willkommen!“

Der junge Mann hatte Mühe, seine Betroffenheit zu verbergen; er hatte sich die Persönlichkeit und den Empfang des Onkels so ganz anders gedacht. Diese einfach vornehme Erscheinung mit dem ruhigen Ernste in Haltung und Sprache paßte durchaus nicht zu dem excentrischen Bilde, welches seine Phantasie entworfen hatte. Er sprach etwas von seiner Freude, dem Onkel endlich persönlich nahen zu dürfen, und von dem längst gehegten sehnlichen Wunsche, ihm mündlich für all seine Großmuth zu danken, aber Werdenfels schien weder auf diese Freude noch auf die Dankbarkeit besonderes Gewicht zu legen. Er erwiderte keine Silbe darauf, sondern lud den jungen Mann[WS 1] nur mit einer Handbewegung zum Sitzen ein, während er sich gleichfalls niederließ.

„Du bist vermuthlich überrascht, Felseneck in dieser Gestalt wiederzusehen,“ begann er die Unterhaltung. „Du kennst es ja wohl nur als Ruine?“

„Ich bewundere immer von Neuem, was Du aus diesen alten Steintrümmern geschaffen hast,“ entgegnete Paul, diesmal mit voller Aufrichtigkeit. „Du hast ja die ehemalige Burg in ihrer ganzen Pracht wieder erstehen lassen.“

„So weit das nach den vorhandenen Plänen und Rissen möglich war, allerdings; der Bau hat freilich jahrelang gedauert; er ist erst im vergangenen Herbste vollendet worden.“

„Und trotzdem wohnst Du hier in dem alten Thurme, der allein noch von den früheren Resten erhalten ist?“

„Ja, und ich denke auch hier zu bleiben.“

„Aber weshalb bautest Du denn das Schloß, wenn weder Du noch Andere es bewohnen?“ fragte Paul verwundert.

„Weshalb?“ wiederholte der Freiherr ruhig. „Nun, zur Unterhaltung! Man muß doch irgend etwas zu thun haben. Es ist nur schade, daß mit der Vollendung eines solchen Baues auch das Interesse daran aufhört. Seit Felseneck fertig dasteht, ist es mir sehr gleichgültig geworden.“

Der junge Mann sah in sprachloser Ueberraschung auf seinen Verwandten, der nur „zur Unterhaltung“ Hunderttausende an ein derartiges Bauwerk verschwendete und dann jedes Interesse an seiner vollendeten Schöpfung verlor.

„Es ist jedenfalls ein stolzer Wohnsitz, den Du Dir mitten in der Einsamkeit des Hochgebirges geschaffen hast,“ sagte er nach einer Pause. „Du bist vermuthlich ein geübter Bergsteiger, Onkel Raimund?“

„Nein, meine Gesundheit verbietet mir gänzlich dergleichen Anstrengungen.“

„Dann treibst Du wohl die Jagd mit Leidenschaft in diesen Bergwäldern?“

„Ich jage nie.“

„Oder Du betreibst in ungestörtester Ruhe Deine wissenschaftlichen Studien? Das ist ja wohl von jeher Deine Lieblingsneigung gewesen?“

Werdenfels schüttelte den Kopf.

„Das war in früheren Jahren; jetzt studire ich sehr wenig. Für den Laien hat das auf die Dauer doch keinen Reiz.“

„Aber mein Gott, was fesselt Dich dann hier oben?“ rief Paul, „und was liebst Du eigentlich an diesem Aufenthalte, der Dich so weit von den Menschen entfernt?“

„Die Berge!“ sagte der Freiherr langsam. „Und die Einsamkeit!“

Er erhob sich und trat an die weit geöffnete Thür, die auf den Altan hinausführte.

„Willst Du die Aussicht einmal genießen? Deine Zimmer haben den Blick nach der Ebene hinaus; nur von hier aus sieht man das Hochgebirge.“

(Fortsetzung folgt.)


Das türkische Derwischthum in seiner heutigen Gestalt und Bedeutung.

Von L. von Hirschfeld.

„Vier Wanderer, ein Türke, ein Araber, ein Perser und ein Grieche, trafen einst auf der Landstraße vor einem Khan[1] zusammen. Ihre Reisebaarschaft war auf wenige Para zusammengeschmolzen; sie reichte noch gerade zu einem frugalen Mahl, und die Reisenden beschlossen, dasselbe gemeinschaftlich einzunehmen. Man berieth nun, was dafür einzukaufen sei. ‚Uzum‘, schlug der Türke vor; ‚Ineb‘, verlangte der Araber; ‚Inghur‘, rief der Perser dagegen, während der Grieche auf ‚Stafilion‘ bestand. Da Keiner nachgeben wollte, kam es zu heftigem Wortwechsel, ja, der Streit drohte in Thätlichkeiten auszuarten, als der Wirth, der alle vier Sprachen kannte, noch rechtzeitig einen Korb mit Trauben auf den Tisch stellte. Sofort waren Alle beruhigt; denn Jeder hatte nun, was er wünschte.“

Dieser sinnigen Parabel, die uns von einem persischen Sufy des zwölften Jahrhunderts überliefert wird, mußte ich unwillkürlich gedenken, als ich unlängst dem seltsamen Gottesdienste der „heulenden“ Derwische in Scutari beiwohnte. Der Philosoph hat in jener Erzählung die innere Gleichartigkeit der vier sich damals auf’s Heftigste bekämpfenden Religionsgenossenschaften veranschaulichen wollen. Mir erscheint sie noch heute auf manche äußere Erscheinung des religiösen Lebens anwendbar.

Denn wie der tief in der menschlichen Natur begründete Drang nach dem Uebersinnlichen den Ausgangspunkt aller Religionssysteme bildete, so sind auch schwärmerische Ausschreitungen bei der Ausübung des Gottesdienstes allen Völkern gemeinsam. Am häufigsten sehen wir in den Gemüthern der Gläubigen die Neigung für allerlei heilige Geheimlehren und Bußübungen auftauchen, und diese findet ihren Ausdruck, je nach der Verschiedenheit des nationalen Charakters, des Klimas und der Lebensweise, bald in unthätigem Nachsinnen über religiöse Fragen und stumpfer Weltentsagung, bald in ekstatischer Selbstvernichtung oder geheimnißvoller Schwärmerei. Sind nicht der indische Büßer, der ägyptische Säulenheilige, der christliche Einsiedler im Grunde eine und dieselbe Figur? Lassen sich nicht manche Parallelen ziehen zwischen Springprocessionen und Derwischtänzen, zwischen Heiligen- und Prophetencultus, zwischen Marienwundern und geheimnißvollen Heilungen erleuchteter Scheikhs?

Wer je Constantinopel berührte, kennt die „heulenden“ und „drehenden“ Derwische. Der Besuch ihrer Tekés (Klöster) bildet bekanntlich eine der Hauptnummern in dem Programm jedes gewissenhaften Touristen. Gewöhnlich aber hat der aufgeklärte Europäer nur ein mitleidiges Lächeln, nicht selten sogar ein Wort des Spottes für dieses fremdartige Schauspiel. Der Ursprung

[25]
Die Gartenlaube (1883) b 025.jpg

Wunderkräftige Heilung im Kloster der heulenden Derwische zu Skutari.
Nach einer Skizze von L. von Hirschfeld auf Holz gezeichnet von G[.] Broling.

[26] und die Bedeutung des Ceremoniells sind ihm unbekannt, und jene geistlichen Uebungen erscheinen ihm daher widersinnig, lächerlich, oft schauerlich oder geradezu widerwärtig. Selbst diejenigen Orientreisenden, welche zu Anderer Nutz und Frommen ihre Beobachtungen aufzeichneten und veröffentlichten (wie Gautier, Hackländer, Pietsch, Wanberg etc.), haben sich meistens begnügt, in sehr grellen, stark aufgetragenen Farben und fast immer in humoristischem Ton die seltsame Außenseite des islamitischen Cultus zu schildern. Ihre Darstellungen lassen ein Eingehen auf die symbolische Bedeutung der Ceremonien durchaus vermissen.

So kommt es, daß der Fremde, dem zu selbstständigen Studien Zeit, Gelegenheit, namentlich aber die Hülfsmittel fehlen, nicht selten ein völlig verzeichnetes Bild von dem Wesen und der Bedeutung des heutigen Derwischthums mit nach Hause nimmt, ja daß schon der Ankömmling, wenn er, mit dem ersten besten Reiseführer ausgerüstet, den orientalischen Boden betritt, eine unrichtige oder doch unklare Vorstellung darüber mitbringt.

Die nachstehenden Notizen mögen denn als ein Versuch angesehen werden, jene humoristischen, übrigens sehr lebendigen Schilderungen früherer Beobachter nach der culturgeschichtlichen Seite hin zu ergänzen. Sie mögen dazu dienen, einer in weiteren Kreisen verbreiteten irrigen Auffassung zu begegnen, welche in dem orientalischen Derwischthum die islamitische Form des katholischen Mönchswesens erblicken will. Diese Auffassung trifft keineswegs das Richtige, so sehr auch manche den beiden Instituten gemeinsame Einrichtungen, wie das Zusammenleben in Klöstern, die geistlichen Uebungen, die Ordenstracht etc., zu einem solchen Vergleich auffordern mögen.

Ebenso unrichtig ist es, von jenen dem Europäer so anstößigen äußeren Gebräuchen einzelner Orden sofort auf einen niederen Bildungsgrad, auf blinden Aberglauben und stumpfen Fanatismus ihrer Mitglieder zu schließen. Mancher Fremde, der mit Achselzucken und spöttischem Lächeln das Teké der „drehenden Derwische“ verläßt, würde erstaunen, wüßte er nur, daß mancher General, Gouverneur, Minister und Botschafter – Mitglied dieses Ordens ist.

Schon hieraus ergiebt sich, daß die Derwischorden mehr den Charakter von Freigemeinden tragen. Ihre ursprünglich scharf abgegrenzte, auf dogmatischen Sätzen beruhende Lehre hat sich sogar im Laufe der Jahrhunderte zu einer Art schwärmerischen Freimaurerthums verflüchtigt und ist neuerdings mehr Trägerin eines politischen Princips als einer religiösen Anschauung.

Ursprünglich vertrat das Derwischthum im Islam die freigeisterische Richtung. Es stand – und steht in den meisten Punkten noch heute – in schroffem Gegensatz zur orthodoxen Lehre, und der Derwisch ist der geschworene Feind des mohamedanischen Clerikers, des Ulema. Das schließt aber bei ihm den Fanatismus gegen den „Ungläubigen“ keineswegs aus. Im Gegentheil! Die politische Bedeutung des Derwischthums beruht gerade auf dem tiefeingewurzelten Haß gegen Rajahs[2] und Franken, auf dem systematischen Sichabschließen gegen alle abendländische Cultur und auf dem energischen Widerstand gegen alle und jede Reform des Staatswesens. Die Regierung weiß das sehr wohl. Sie unterschätzt durchaus nicht den Einfluß, den die Vertheidiger solcher Grundsätze auf die starke alttürkische Partei, namentlich aber auf die niederen bigotten Volksclassen, ausüben, und erkennt mit Recht in dem Derwischthum einen Factor, mit dem sie bei jedem Reformproject zu rechnen hat.

Jenes wunderliche Gemisch von Freidenkerthum und Fanatismus wird nur durch einen Rückblick auf die geschichtliche Entwickelung des orientalischen Sectenwesens erklärlich, der hier natürlich nur in gedrängter Form geboten werden kann:

Seiner heutigen äußeren Gestaltung nach stammt das türkische Derwischthum aus Persien. Seine Lehre aber deckt sich mit dem im Morgenlande weit verbreiteten Sufismus, nach welchem Alles in der Welt von Gott stammt und zur Wiedervereinigung mit demselben zurückstrebt, und ist weit älter als der Islam selbst.

Hervorgegangen aus den buddhistischen Ideen Indiens trat der Sufismus fast gleichzeitig an den entgegengesetzten Grenzen des Khalifats, in Persien und in Aegypten, auf. In Aegypten und bald darauf im nahen Arabien entwickelte er sich, namentlich unter dem Einflusse des eben erstarkenden Christenthums, zu jenem der Welt entsagenden Einsiedlerthum, welches die Wiege christlichen Mönchs- und Klausnerwesens wurde. Strengste Bußübung, düstere Weltentsagung, gänzliche Abtödtung der Sinne waren die ersten rohen Grundlagen dieser Lehre. Allmählich mischten sich derselben dann später mystische Elemente bei, und nun schwebte der Zustand des Gläubigen beständig zwischen schwärmerischer Verzückung und empfindungsloser Gleichgültigkeit gegen die Außenwelt, die nicht selten in thierische Stumpfheit überging.

Wie Bremer berichtet, gab es schon im sechsten Jahrhundert nach Christo auf dem Berge Athos eine christliche Mönchsgemeinschaft, deren Mitglieder, Tag für Tag in dunkler Zelle eingeschlossen, den Kopf auf die Brust gesenkt, ihren Blick unverwandt auf die Nabelgegend richteten. Dadurch geriethen sie zuerst in einen betäubten, nach und nach aber in einen verzückten Zustand, in welchem sie ein Licht um den Nabel erblickten, „dessen Schauen sie mit unaussprechlicher Seligkeit erfüllte und das sie für einen unmittelbaren Ausfluß der Gottheit erklärten“.

Wenn griechische Mönche bereits solche Resultate erzielten, wie viel stärker mußten solche asketische Uebungen auf das leicht erregbare nervöse Temperament und die lebhafte Phantasie des Arabers wirken, den schon die Abgeschiedenheit des Wüstenlebens, die dürftige Nahrung und die langen Nachtwachen ohnehin für Aberglauben und seelische Verzückungen besonders empfindlich machen!

Die Zahl der Illuminaten (Hellsehenden) wuchs denn auch in gewaltigen Verhältnissen. Sie durchziehen das Land als Bettelmönche oder hausen als Eremiten in den Felsenklüften der kleinasiatischen Küste, und wie in Europa der Berg Athos zum classischen Boden griechischen Mönchswesens wird, so sind bald am jenseitigen Ufer die Abhänge des Olymp mit den Einsiedeleien sufischer Einsiedler bedeckt. Das neue Religionssystem Mohammed’s ward der Secte nicht gefährlich; es sog dieselbe gewissermaßen auf. Als harmlose phantastische Schwärmer, als Prediger einer strengen Moral durften die Sufys auch ferner ihren absonderlichen Gebräuchen nachgehen. Ja, manche ihrer Ideen gingen schon damals unmerklich auf den Islam über.

Anders entwickelte sich der Sufismus in Persien. Dem Charakter des indogermanischen Volksstammes sagte mehr die weltgottgläubige Seite der neuen Lehre zu. Von ganz besonderem Einflusse aber war dabei das Bekanntwerden der Schriften griechischer Philosophen, von denen gerade um diese Zeit die ersten Uebersetzungen nach dem Oriente drangen. Die Sufys, als Vorkämpfer der freieren Richtung, versenkten sich ganz in das Studium der classischen Naturphilosophie; ihr Streben galt nichts Geringerem als einer Ausgleichung der wissenschaftlichen Forschung mit den religiösen Satzungen, einer Vermittelung neuplatonischer Ideen mit dem Dogma des unaufhaltsam um sich greifenden Islam. Aber trotz der Abneigung der Perser gegen die neue Religion wurde die Absicht der Sufys, dieselbe ganz nach ihren Principien umzuformen, nicht erreicht. Die willkürliche Behandlung des Korans und der Tradition verletzte die Gläubigen und führte zum offenen Bruche zwischen Philosophie und Dogmatik. Andererseits reichten die Kenntnisse Derer, welche der freien Forschung zulieb den Boden des naiven Glaubens verlassen hatten, zum gedankenmäßigen Aufbau eines neuen Systems nicht aus.

Allein unter der Einwirkung dieser Bestrebungen mußte der dem Sufismus ursprünglich innewohnende asketische Grundzug fast gänzlich verloren gehen. Der Name „Derwisch“, welchen die persischen Sufys angenommen hatten, bezeichnete zwar gleich dem arabischen „Fakir“ (arm) einen Bettler (der Thier, wisch liegend); allein das Gelübde freiwilliger Armuth und Weltentsagung war bald nur noch eine leere Formel.

Waren die Principien des Sufismus auch früher schon von einzelnen Secten und Geheimbünden aufgestellt, so lebten die Bekenner dieser Lehre doch nur in äußerlich losem Verbande. Eigentliche Orden bestanden bis dahin nicht. Die Gründung der ersten auch nach außen hin durch Tracht, Ritus und Lebensweise sich abschließenden Gemeinschaften fällt erst in die Mitte des zwölften Jahrhunderts nach Christo. Die meisten noch heute bestehenden sind im dreizehnten Jahrhundert gestiftet worden.

Diese Entstehung religiöser Orden, – so sehr sie auch mit dem ausdrücklichen Befehl Mohammed’s: „Im Islam giebt es kein Mönchthum“ im Widerspruch stand, – war doch die nothwendige Folge der nun schon Jahrhunderte lang im Schooß des Islam gepflegten sufischen Ideen. Unter dem unmerklichen Einflusse [27] derselben war das streng und deutlich abgeschlossene Religionssystem Mohammed’s unklar, schwärmerisch-unfaßbar geworden; es schlug zu einer Art „Gefühlsschwindel“ um, wie Ghazzaly es sehr treffend bezeichnet. Wie immer in Zeiten religiöser Schwärmerei, so machte sich auch jetzt hier eine exaltirte Richtung geltend, welche bald zu mönchisch-düsterem Fanatismus führte, bald in verzückten, durch künstliche Reizmittel erregten Seelenzuständen gipfelte, oft aber auch in fessellose Genußsucht ausartete, wie sie uns in ihrer heitersten und anmuthigsten Form in den Gesängen des Hafis, des Dschelaled[d]in Rumi und anderer persischer Dichterfürsten entgegentritt.

Die Poeten jener Zeit waren gewöhnlich Sufys, und – was der Literatur weniger förderlich war – jeder Sufy wollte Poet sein. Wer nur halbwegs correcte Verse machte, hielt sich für einen Erleuchteten und stand bald im Geruch der Heiligkeit. Die wahnsinnigsten Phantastereien fanden willig Glauben, und Betrug und Heuchelei begannen die Leichtgläubigkeit des Volkes zu eigennützigen Zwecken auszubeuten. Die Illuminaten gaben vor, Zusammenkünfte mit Engeln, Geistern, ja selbst mit dem höchsten Wesen zu haben. Derartige spiritualistische Extravaganzen, – ähnlich denen, welche die jüngste Gegenwart aufzuweisen hat, – waren übrigens wiederum die Veranlassung, daß die wenigen wahrhaft aufgeklärten Köpfe dem Sufismus, und mit ihm dem Derwischthum, entfremdet wurden. Sie entlocken Hafis die zornigen Worte:

„Komm, Sofy, komm, und laß uns aus der Heuchler
Befleckt Gewand ziehn,
Laß über ihre freche Lügentafel
Die nasse Hand ziehn!

Laß, öder Zelle Dunkelheit verfluchend,
Den Weinpokal uns
Aufstecken als Panier und also jauchzend
Durch’s weite Land ziehn!

Wir wollen nichts als gute Thaten üben;
Laß zwischen sie uns
Und nachtgeborne Fanatismen endlich
Die scharfe Wand ziehn!“[3]

Und doch war Hafis selbst in der schrankenlosesten Epoche seines späten Dichterfrühlings, als ihn sein Weg „weitab von der Moschee und allen Bonzen fern“ zur Schenke führte – doch war auch er keineswegs der liebenswürdige Schlemmer, der ewig Verliebte, der dithyrambische Sänger, als den wir ihn kennen. Er hat sein und seiner Freunde Glaubensbekenntniß niedergelegt in folgenden Strophen, die für jene ganze Bewegung charakteristisch sind:

„Wir, Vater Schemseddin und seine Kinder,
Wir, Scheich Hafis und seine frommen Mönche,
Wir sind ein eignes wunderliches Volk,
Von Gram gebeugt und ew’ger Klage voll,
Ohn’ Unterlaß in unserm Trauerjoch
Des feuchten Auges heiße Perle streuend,
Und ewig hell und ewig heiter doch;
Der Kerze gleich hinschmelzend und vergehend,
Und doch, wie sie, in lichter Wonne lachend; –

Versunken in ein Meer von Schuld und Sünde,
Ganz unbekannt mit dem Gefühl der Reue,
Und fromm zugleich und frei von allem Argen,
Des Lichtes Söhne, nicht der Finsterniß,
Und so der Menge unbegreiflich.“

Jene Mischung von äußerem Fanatismus und innerlich lockerer Moral ward bald ein charakteristisches Merkmal des Derwischthums. Für die strengen Ordensregeln, für die Büßungen und Kasteiungen des Tages suchte man sich des Nachts durch Ausschweifungen aller Art zu entschädigen. Die Tekés[4] wurden, wie so manche christliche Mönchsklöster, der Schauplatz raffinirtester Orgien. Aehnlichen Erscheinungen begegnen wir übrigens noch heutigen Tages selbst beim orthodoxen Islam. Die Fastenregeln des Korans werden während des Ramazân mit größter Strenge innegehalten. Der Gläubige darf am Tage nichts genießen, auch nicht rauchen, ja nicht einmal Wasser trinken. Die orientalische Spitzfindigkeit hat aber zum Ersatz dafür die Nacht zur Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse freigegeben, und mit dem Kanonenschuß, welcher den Sonnenuntergang verkündet, beginnt ein lustiges, lockeres Carnevalsleben. Es ist dies die Zeit geselliger Vergnügungen, großartiger Gastereien; die Reichen halten während der ganzen Nacht offenes Haus und freie Tafel für ihre Freunde und Schmarotzer; die Theater und Concertsäle in Pera und Galata sind überfüllt und werden oft erst mit dem ersten Sonnenstrahl geschlossen.

Die Zahl der gegründeten und wieder verschwundenen Derwischorden ist ungeheuer; denn der Orientale knüpft die Geschichte mehr an Personen und Namen, als an Gedanken und inneren Zusammenhang. Daher die Menge der Secten und Brüderschaften, welche oft nur durch die Namen ihrer Stifter, nicht aber durch innere Meinungsverschiedenheit von einander gesondert sind. Mohammed selbst soll gesagt haben: „Meine Gemeinde wird sich in dreiundsiebenzig Secten spalten; eine einzige davon wird selig, die anderen gehen zu Grunde.“

Der erste Theil dieser Prophezeiung war bald erfüllt. Noch zu d’Onori’s Zeit – Mitte des achtzehnten Jahrhunderts – bestanden im osmanischen Reich sechsunddreißig geschlossene Derwischorden, die er einzeln namhaft macht. Der Leser wird mir die Aufzählung derselben gewiß gern erlassen, um so mehr, als mehrere davon inzwischen untergegangen, andere nur noch in den fernen halb barbarischen Grenzlanden im inneren Asien anzutreffen sind.

Uns interessiren natürlich diejenigen am meisten, die noch heute im türkischen Staat moralischen Einfluß und politische Bedeutung haben. Dies sind folgende sechs Orden:

1) Mewlewi oder der Orden der sogenannten „drehenden“ Derwische. Ihr Stifter war der durch Rückert’s Uebersetzungen in weiteren Kreisen bekannt gewordene mystische Dichter Mewlana Dschelaleddin Rumi (gestorben 1276 n. Chr.). Seine lyrischen und didaktischen Lieder athmen verzückte Gottesliebe; man glaubt in den mystischen kirchlichen Gebräuchen, welche durch die Einführung der orchestralen Musik in directem Widerspruch zu den Bestimmungen des Koran standen, eine Neubelebung, wenn nicht gar eine Fortsetzung des alten Cybele-Cultus[5] annehmen zu dürfen. In der That ist Koniah, das alte Ikonium, noch jetzt der Sitz des Ordensgenerals. Auch der Stifter stammt aus diesem Ort, und die phrygische Flöte, welche bei den griechischen Mysterien eine so bedeutende Rolle spielte, ist noch heute das Lieblingsinstrument der Mewlewi.

Vielleicht ließe sich auch der Tanz, jenes gleichmäßige um sich selbst und im Kreise Drehen, auf die Ceremonien der Cybele-Priester zurückführen.

Der heutigen Erklärung nach ist es eine symbolische Handlung, welche andeuten soll, daß man Gott überall und unaufhörlich zu suchen habe. Die eine nach oben gewendete Hand empfängt die himmlischen Gaben, die andere herabgeneigte theilt sie der Erde mit. Die Annahme einer Kasteiung oder eines Reizmittels zur Erregung exotischer Zustände ist durchaus irrig.

Eine gehobene religiöse Stimmung mag wohl bei diesem Tanze angestrebt und erreicht werden; von einer Kasteiung kann aber um so weniger die Rede sein, als die Tänzer in Folge der jahrelangen Uebung völlig schwindelfrei werden und im Stande sind, nach fast halbstündigem Drehen sicheren Schrittes geradeaus zu gehen. Auch hat der Stifter selbst die symbolische Bedeutung des Tanzes in unzähligen Ghaselen (einer Art arabischer Gedichte) hervorgehoben. Ich entnehme der reichen Auswahl nur einige Beispiele:

„Tritt an zum Tanz; wir schweben in dem Reih’n der Liebe;
Wir schweben in der Lust und in der Pein der Liebe.

Ich sage dir, warum das Weltmeer schließt die Wogen:
Es tanzt im Glanze vom Weltedelstein der Liebe.

Ich kann die Räthsel alle dir der Schöpfung sagen;
Denn aller Räthsel Lösungswort ist Liebe.“

Die Liebe zu einem Alles durchdringenden Geist, der, wie Schlegel sagt, „im Stein schläft, im Thier träumt und im Menschen wacht“, ist der einzig wahre Mittelpunkt, um den sich unser ganzes Sein und Fühlen drehen soll. Sie ruft der gläubige Mewlewi an mit den Strophen:

„Ich bin die Reb’ – o komm, und sei der Rebe
Die Ulm’, um die ich meine Ranken webe!

Ich bin der Epheu –; sei mein Stamm, o Ceder,
Daß ich nicht dumpf am feuchten Boden klebe!

Ich bin der Vogel – komm und sei mein Flügel,
Daß ich empor zu deinem Himmel schwebe!

Ich bin das Roß – o komm und sei mein Sporen,
Daß ich zum Ziel auf deiner Rennbahn strebe!“

[28] 2) Die Rufayis, ein Orden, welcher von Seid Ahmed Rufayi (gestorben 1205 n. Chr.) gestiftet wurde und der bekannt ist unter dem Namen „heulende Derwische“. Ihr Ceremoniell besteht namentlich im Hersagen langer Gebete, welche mit einer convulsivischen Bewegung des Körpers verbunden und zum Theil mit einem stoßweise hervorgebrachten rauhen Geheul begleitet werden. Der widrige Eindruck, den diese Uebungen machen, ist schon vielfach beschrieben worden. Die früher am Schluß jeder Uebung ausgeführten Taschenspielerkünste mit glühenden Eisen und Marterwerkzeugen sind neuerdings von der Polizei verboten worden, sollen aber noch bisweilen in einem „geschlossenen Kreise“ zur Ausübung gelangen. Dagegen findet die Ceremonie der wunderkräftigen Heilung, wie sie die anseitige, an Ort und Stelle aufgenommene Skizze darstellt, noch statt. Kranke jeden Alters und Standes, selbst Beamte und höhere Officiere, meistens jedoch Greise und Kinder, werden der Länge nach auf einem der bunten vor der Gebetsnische liegenden Thierfelle ausgestreckt hingelegt. Der Scheikh, von einigen Gehülfen unterstützt, betritt dieses lebende Piedestal und verharrt darauf stehend einige Secunden lang. Gleichzeitig wird Wasser in offenen Glasflaschen vor den in voller Thätigkeit begriffenen „Heulern“ vorbeigetragen und in dem Glauben, daß es durch die Einwirkung dieses heiligen Dunstkreises heilkräftig geworden, den Patienten zum Trunk gereicht.

Wie man sieht, ist der Orden der Rufayis die ganz besondere Heimstätte des Aberglaubens und religiösen Humbugs. Die Mitglieder finden aber noch heutzutage ihre Rechnung dabei und unterziehen sich willig den angreifenden Uebungen, obwohl viele von ihnen dieselben mit ihrer Gesundheit bezahlen müssen.

(Schluß folgt.)




Deutschlands große Industrie-Werkstätten.

Nr. 16. Die Rabenauer Möbelindustrie.

Was nicht alles in dem gewerbreichen Sachsen aus einem alten finstern, am Felsen hangenden Raubritternest werden kann! Eine freundliche, ausgedehnte Möbelfabrik ist aus einer solchen Ritterburg in Rabenau entstanden, eine Möbelfabrik, die innerhalb der deutschen Reichsgrenzen einzig in ihrer Art ist, wenn wir von einigen nur sehr kleinen Firmen in Sachsen und Baiern absehen. Die Sächsische Holzindustrie-Gesellschaft, die Besitzerin des Etablissements, hat hier einen blühenden Wiener Industriezweig, die Fabrikation gebogener Möbel, eingeführt, betreibt denselben neben der Handfabrikation mit vollem großindustriellem Hochdruck und hat ihn in kurzer Zeit zu hoher Blüthe gebracht.

Diese merkwürdige Wandelung steht in Sachsen nicht einzig da. In der stolzen Albrechtsburg wurde bekanntlich über hundert Jahre lang Porcellanerde geknetet, und in dem alten Jagdschlosse Kaiser Karl’s des Vierten zu Mylau wird noch immer flott Kattun gedruckt. Doch wie dort ist auch in Rabenau die Romantik dabei ein wenig in’s Gedränge gekommen; die modernen fabrikmäßigen Zubauten sind dem alten malerischen, tannenumrauschten Gemäuer hoch über den Kopf gewachsen, aber die Leser werden am Ende des Artikels doch mit der Wandelung zufrieden sein, und wenn sie noch so romantisch veranlagt wären.

Die Möbelfabrikation zu Rabenau, einem Bergstädtchen unfern Tharandt im rührigen Erzgebirge, mag schon im frühesten Mittelalter aufgekeimt sein, und als erste und vornehmste Ursache dazu ist der Wald anzusehen, der sich von hier in unabsehbaren Beständen bis auf den Kamm des Gebirges hinaufzog und der noch heute die Gegend zu einer der holzreichsten in ganz Sachsen macht.

Die Ansiedler zu Füßen des Raubnestes genossen volle Holzfreiheit. Das wollte nun nicht viel mehr bedeuten wie „freies Herdfeuer“; denn gegen ein Verfrachten der Hölzer legten die tiefen schluchtartigen Felsenthäler, die noch heute bei den Fuhrleuten in üblem Ansehen stehen, Protest ein. Die betriebsamen Wäldler wußten diese Schwierigkeit auf sehr praktische Weise zu beheben; sie begannen die Hölzer durch Arbeit zu veredeln und machten sie auf diese Weise frachtfähiger; sie bauten zunächst Truhen, Schemel, massige breite Tische mit Kreuzfüßen, wie man sie noch heute in Bauerstuben antreffen kann; sodann bildeten sie Reffs, Hitschen und größere Haus- und Küchengeräthe, leicht herzustellende und leicht verkäufliche Objecte. So entwickelte sich hier ein sehr bedeutender Industriezweig mit Hunderten von kleinen Werkstätten, in denen die Sägen kreischten, die Hobel zischten und die Drehspähne aufsprühten, daß es eine Lust war.

Diese Hausindustrie überstand die Raubritterperiode; sie überlebte auch mehrere Rittergeschlechter droben in der Burg, die das Gewerbe ihrer Vorsassen nicht fortbetrieben; sie überstand den Dreißigjährigen Krieg; ja selbst die Einziehung der Holzfreiheit konnte nicht die Grundvesten ihrer Existenz erschüttern – aber eines ging ihr doch beinahe an’s Leben: der Geist der neuen Zeit mit seinen erhöhten Anforderungen an Stil, Geschmack und Solidität.

Die Rabenauer Stuhlbauer- und Tischlerbevölkerung – die ganze Stadt führt den Hobel – konnte sich von den alten traditionellen Formen, deren Pappschemas schon von Urväterzeiten her über den Werkbänken hingen, nicht losreißen; nur die Füße der Schemel und die Platten der Tische waren mit dem Wachsen der Holzpreise und der Gesellenlöhne dünner und dünner geworden, dabei wurden aber auch die Abnehmer dünner und dünner und der Vertrieb mit jedem Tage schwieriger.

Der sonst gering geschätzten „Fabrikwaare“ blieb es vorbehalten, die ausgedehnte Hausindustrie, die noch immer 112 selbstständige Meister mit über 1000 Gesellen und mehreren Tausend Rohrflechterinnen aufweist, zu regeneriren und in die alten soliden Bahnen wieder hinein zu lootsen. Der Fabrikwaare ist es lediglich zu danken, daß heute die Rabenauer Stuhlbeine, Tischplatten und Schrankthüren nicht nur wieder kräftiger und stämmiger aussehen, sondern auch gefälligere Formen angenommen haben. Hierdurch stiegen auch die Preise in die Höhe, die vordem ganz erbärmlich niedrig waren.

In der Zeit des Niedergangs der Industrie tauchte in Rabenau ein wirthschaftliches Talent Namens Reuter auf; längst war er schon Meister und litt, wie alle seine Genossen, unter dem Drucke des Verfalls, der den Gewerkzweig ergriffen. Da raffte er sich auf und ging als vierzigjähriger Mann in die Fremde, um in den großen Werkstätten der österreichischen Metropole der neuen Zeit an den Puls zu fühlen. Wir können hier nicht seiner Mühsale und selbst der Gefahren, welchen er ausgesetzt war, gedenken; erwähnt sei mir, daß ihn die böhmischen Arbeiter einer Wiener Möbelfabrik um eines Modells willen todtschlagen wollten – kurz, der Mann kam zurück und begründete in der alten Raubritterburg eine Möbelfabrik auf modernen Grundlagen, mit neuen geschmackvollen Modellen und uralter Solidität. So ist diese alte finstere Burg ein heller Segen der weiten Umgebung geworden; sie giebt innerhalb ihrer Mauern 560 Arbeitern Lohn und Brod, und gegen 2000 Rohrflechterinnen finden außerhalb einen sehr willkommenen Nebenverdienst.

Die wirkliche Bedeutung der Fabrik werden wir jedoch erst beim Besuch derselben kennen lernen. Machen wir uns also auf den Weg! Unfern von Tharandt, dem allerliebsten Thalnest, auf Station Hainsberg, verlassen wir die Eisenbahn und dringen entweder neben der neuen Rabenauer Secundärbahn in den wildromantischen Felsklüften des Rabenauer Grundes vor oder streben über den Berg direct auf das Städtchen los.

Im ersteren Falle zeigt sich uns die Fabrik mehr im Reiz ihrer Historie; sie trotzt noch genau so romantisch von ihrer Felshöhe herab, wie einst die Ritterburg; nur wollen sich die Schaaren fröhlicher Tischlergesellen, welche den Burgpfad hinauf zur Arbeit eilen, gar nicht recht in das feudal-mittelalterliche Bild einfügen. Von der Höhe des Berges gesehen, liegt dagegen das Etablissement in voller Ausdehnung vor unseren Blicken, freilich auf Kosten des malerischen Effectes.

Auf große Holzlager darf man in einer Möbelfabrik schon gefaßt sein, doch gewiß nicht auf so großartige, wie sie sich hier im Burghof aufthürmen. Vor Allem sind es silbergraue Buchen- und dunkle Eichenstämme, und darunter finden sich Exemplare, unter denen schon die Heerhaufen des Dreißigjährigen Krieges [29] gelagert haben könnten. Uebrigens scheint die Sehnsucht von der Palme und der Fichte, wie sie Heine so wunderbar einfach und stimmungsvoll besingt, sich an diesem Orte erfüllt zu haben; denn im Tode vereint lagern hier tropische Hölzer in stiller, friedsamer Geselligkeit neben den nordischen Kindern – bis die gefräßigen Sägen dem träumerischen Stillleben ein jähes Ende bereiten.

Es ist ganz erstaunlich, was dieses Heer von Gatter-, Cirkel, Band- und Handsägen mit ihren Haifischzähnen in Jahr und Tag aufzehren, und man möchte dem Schöpfer danken, daß die schönen Zeiten des Freiholzes in sagenhafte Fernen gerückt sind. Diese einzige Fabrik hätte sicher in nicht zu langer Frist ganz Sachsen kahl gefressen. Jetzt betheiligen sich, dank den Eisenbahnen, weite Länder daran, den Rabenauer Holzbedarf zu decken. Nur die weichen Hölzer liefert ausschließlich noch immer Sachsen; die Eichen schafft hauptsächlich Oesterreich-Ungarn herbei, und den Hauptbedarf decken, die grünen Buchenwälder im nördlichen Deutschland. Auf der rothen Erde besitzt die Fabrik einen eigenen Forst mit einer Schneidemühle, welche gleich die zugeschnittenen Stuhlbeine und ähnlichen Massenbedarf nach Rabenau abliefert.

Die Gartenlaube (1883) b 029.jpg

Die Rabenauer Möbelfabrik.
Nach einer Skizze von A. Flamant.

Besonders sehenswerth ist die fabrikmäßige Herstellung des Rabenauer Hauptartikels, der sogenannten gebogenen Möbel, die ja aller Welt bekannt sind. Vielleicht sitzt so mancher Leser auf einem Rabenauer Kaffeehausstuhl Nr. 14 oder liegt hingegossen auf einem Schaukelstuhl Nr. 19 b, wenn er diesen Artikel zu Gesicht bekommt. Für diesen Fall möchte der Verfasser bitten, der Beschreibung durch die Anschauung zu Hülfe zu kommen.

Das zierlich verschlungene Holzwerk eines solchen Möbelstückes, welches sich in graziösen Schwingungen und Windungen so gefällig an einander schmiegt und in einander verläuft, unterscheidet sich in rohem Zustande kaum von einer gewöhnlichen Zimmermannslatte. Einige Dutzend Rundhobelmaschinen bearbeiten zunächst diese vierkantigen Holzstäbe, die in vielen Tausenden der Veredlung harren, und geben ihnen die feineren Nuancen in der Stärke, die Verjüngungen und Anschwellungen, welche ein Element der Arabeske bilden.

Auf diese Weise schafft man sich ganz bedeutende Vorräthe von kurzen und langen, dünnen und dicken Stuhl-, Tisch- und Sophabeinen, Sitzen und Lehnen, die zunächst nur harte Stäbe darstellen. Aber man schichtet sie in großen Dampfretorten eng zusammen, setzt sie unter einen Dampfdruck von vier Atmosphären [30] und macht sie dadurch buchstäblich windelweich. Mit Befremden gewahrt man, wie sich nunmehr die strammsten Reckstangen gleich einem spanischen Rohr über jede Form legen lassen. Hier ist das Holz nicht mehr Holz, sondern eine Masse, von welcher man nicht mehr weiß, was man denken soll.

Freilich, lange währt diese Gefügigkeit auch nicht, und die Arbeiter müssen sehr rasch an’s Werk gehen, wenn sie diesen charakterlosen Zustand für ihre Zwecke ausnützen wollen: denn mit dem Erkalten kehrt auch die alte Zähigkeit und Festigkeit der Hölzer wieder zurück. In den Biegeräumen brütet aus diesem Grunde eine Wärme von circa 40° R., und die Leute sind gezwungen in dieser schier unerträglichen Temperatur auch noch mit großer Hast zu arbeiten. Ueberhaupt machen diese Räume einen höchst unheimlichen Eindruck. Man denke sich einige Dutzend halbnackte Männer, geschwärzte Wände, heiße Oefen und dazu eine Unzahl von eisernen Formen, daumschraubenähnlichen Zwingen und Marterbänken – und die Folterkammer ist fertig. Kein Wunder, daß sich das Holz hier so gefügig erweist; mir däucht, der Mensch wird hier in kurzer Zeit ebenso willenlos wie ein ausgekochtes Stuhlbein oder wie eine Stuhllehne, die sich cravattenähnlich um ihre Form wickeln läßt.

Die Trockenräume bilden nur eine weitere Instanz in dem hochnothpeinlichen Proceß. Die Hölzer müssen innerhalb der Formen wieder getrocket werden, und zwar bei einer Temperatur von 60 bis 70° R. Auch in dieser Gluth müssen noch Arbeiter thätig sein; denn sie speichern die feuchten Möbeltheile auf und tragen die getrockneten wieder ab. Anders als splitternackt können sie es hier nicht aushalten, auch währt die Schicht nur 30 Minuten. Auffälliger Weise sind diese Leute recht gesund; sie haben zwar kaum ein Loth Fett an sich, dafür sind sie aber muskulös; beim sie befinden sich eben in einer Art von Training, wie ihn die englischen Reitknechte zuweilen in Gesellschaft ihrer Pferde, sicher nicht zu ihrem Schaden, durchmachen.

Von den Trockenräumen wandern die Möbeltheile, wenn sie nicht auf’s Lager gehen, in die Raspelei und dann in die Montirsäle. Strenge Arbeitstheilung vereinfacht hier den Proceß des Zusammensetzens ungemein. Da steht ein Dutzend Männer, die jahraus jahrein nur Schrauben zwischen Sitz und Stuhlbein anbringen, dort dreht ein anderes Dutzend dieselbe Sorte Schrauben zwischen Rücklehne und Füllung hindurch, und wieder ein anderes bohrt ununterbrochen Löcher etc. Selbstverständlich helfen auch Maschinen. Abgesehen von anderen Möbelstücken verlassen täglich 500 Stühle diese Montirsäle, und das Rohrgeflecht dieser Stühle erfordert allein über 95,000 Bohrlöcher per Tag, die sämmtlich einzeln, wenn auch von Maschinen, gebohrt werden müssen.

Nach der Montage beginnt die eigentliche Toilette. Man beizt die rohen Holzflächen entweder nußbraun, mahagonibraun oder ebenholzschwarz und giebt ihnen hierauf in den Polirsälen die Politur. Kräftige Mädchen, zumeist aus dem nahen Böhmerland gebürtig, führen hier das Polirtuch mit großer Energie und Gewandtheit, ohne den Spiritus, der massenweise zur Verwendung gelangt, anders als nach Vorschrift zu gebrauchen. Die männlichen Polirer dagegen sollen nicht immer den Sprit in’s Polirtuch gießen – natürlich nur aus Versehen.

Verlassen wir die Polirsäle, wo man schon vom Dunst der vielgenannten Flüssigkeit angeheitert werden könnte, so thuen sich die Rohrflechtersäle vor uns auf, in denen abermals die weiblichen Arbeitskräfte in der Ueberzahl sind. Man darf diese Arbeit als bekannt voraussetzen; sie wird auch nur zum kleinsten Theil in der Fabrik selbst betrieben und ist in der Hauptsache noch immer Hausindustrie. Aus Ortschaften, drei bis vier Stunden weit von Rabenau entfernt, holen sich die Frauen eine Last Stuhlsitze oder Rücklehnen und fertigen das Geflecht je nach Zeit und Gelegenheit neben ihren häuslichen Beschäftigungen an. Der Verdienst ist leider nur ein sehr mäßiger.

Neben dieser Fabrikation gebogener Möbel blüht noch eine ausgedehnte Hausindustrie mit über 150 wohlgelernten „zünftigen“ Tischlergesellen innerhalb der Fabrikräume. Dieselbe verdiente eine eigene kunstgewerbliche Abhandlung, doch wir müssen uns leider mit der dürftigen Angabe begnügen, daß die anmuthigcn überaus formenschönen Rabenauer Renaissancemöbel gleich den gebogenen auf den Weltausstellungen die höchsten Auszeichnungen erlangt haben.

Die Lager der Rabenauer Fabrik sind schon allein durch ihre erstaunlichen Waarenmassen interessant. Man will auf jeden Fall gerüstet sein, und wird irgendwo ein neues Hôtel ausstaffirt, ein Bazar, ein Wiener Café eröffnet, läuft ein neues Auswandererschiff von Stapel, etablirt sich ein Theater, ein großes Gartenrestaurant oder kommen ein halbes Dutzend Brautpaare zu gleicher Zeit angefahren – sie alle können sofort befriedigt werden.

In den Verpackungsräumen wüßte ich nicht, was den Leser interessiren könnte, wenn es nicht die für den Export bestimmten Möbelstücke vermögen. Man zerlegt sie wieder in einzelne Theile und reiht sie in großen Kisten eng und gleichmäßig an einander, wie Kieler Sprotten.

So hätten wir die lärm- und menschenerfüllte Fabrik mit ihren vielfenstrigen, hellen Werkstätten, ihren Hobelspähngebirgen und ihren kreischenden und schreienden Maschinen hinter uns; es bleibt nur noch ein neuangelegter Trockenraum für Hölzer zu erwähnen, der vielleicht für die ganze nutzholzconsumirende Menschheit von Tragweite werden kann. Harte Hölzer trocknen nämlich in der Luft überaus schwer, und erst nach zwei bis drei Jahren geben sie einige Garantie, daß sich die daraus gefertigten Möbelstücke nicht mehr werfen und ihre Flächen nicht mehr zerspringen. Dadurch werden für den Möbelfabrikanten große Holzlager nothwendig, die wiederum große Capitalien bedingen und Zins- und Zeitverluste fordern. Man hat zwar mit der künstlichen Wärme Versuche angestellt, aber sie wollten bis jetzt nicht recht glücken. Die neue Trockenanlage der Rabenauer Fabrik bezweckt nun, die künstliche Wärme doch heranzuziehen, ohne ihre Schattenseiten mit in den Kauf nehmen zu müssen. Die Einrichtung selbst ist noch Geheimniß; nur so viel sei verrathen: die Hölzer spüren’s gar nicht, wie sanft sie trocknen.

Im Jahre 1881 verließen 129,984 Möbelstücke die Fabrik. Mit etwa zwanzig solcher Stücke läßt sich ein großer Salon schon überreich ausstatten, und mag der Leser an dieser Bemerkung ermessen, wie weit verbreitet die Rabenauer Möbel sind. Sechseinhalbtausend Salons könnten ja mit einer einzigen Jahresproduction dieser Fabrik complet möblirt werden.

Große Gewinne haben trotzdem weder die Fabrik noch die Rabenauer Hausindustrie zu verzeichnen, aber die Arbeit ist eine constante, und die Löhne sind auskömmlich. Die Beschäftigung ist eine gesunde, und so trifft man hier auf einen heiteren Menschenschlag, der in freundlichen, höchst behaglichen Wohnungen haust, der sich eines gesicherten Brodes erfreut, kurz, der trotz bescheidener Existenzgrundlagen ein glücklicher genannt werden kann.

Gewiß, auch die romantischen Naturen werden, wie ich Eingangs hoffte, mit der Wandlung einer Raubritterburg in eine Möbelfabrik nicht unzufrieden sein. Lassen wir die Romantik in Frieden fahren! Dafür weht uns der Hauch einer gesünderen Poesie entgegen; es ist die Poesie der Arbeit, die aus den hellen Fensterreihen der „Sächsischen Holzindustriegesellschaft“ und aus den blanken Rabenauer Tischlerwohnstätten frohmüthig herauslacht.

Th. G.


Friedrich Koenig, der Erfinder der „Schnellpresse“.

Am 17. Januar 1833 starb zu Oberzell bei Würzburg Johann Friedrich Gottlob Koenig, der Erfinder der Buchdruckschnellpresse, nachdem er ein echtes Erfinderleben gelebt, reich an Sorgen und Enttäuschungen – zwar von Erfolg gekrönt durch das über Erwarten großartige Gelingen seiner Erfindung, aber des so schwer verdienten Genusses dieses Erfolgs viel zu früh durch den Tod beraubt.

Die Verdienste, welche Friedrich Koenig sich durch die Erfindung der „Schnellpresse“ um das geistige, gesellschaftliche und geschäftliche Leben der ganzen civilisirten Welt erworben hat, sind jedoch bis jetzt nur in dem Kreise der Drucker gewürdigt worden, während dem größten Theil unseres Volks die eigentliche Bedeutung und Tragweite dieser Erfindung noch völlig unbekannt geblieben ist. Man weiß nicht, wie schwerfällig vorher die Herstellung [31] eines Druckes war, wie wenig die fleißigsten Arbeiter an einem Tage vollenden konnten, wie theuer deshalb die Bücher und Zeitungen waren und wie sehr dies ihrer Verbreitung und damit der ganzen Bildungs- und Geschäftsförderung im Wege stand. Jetzt aber, wo man gewöhnt ist, seine sauber gedruckten Bücher für Schule und Haus, seine Unterhaltungsliteratur und Prachtwerke billig zu kaufen, sein Geschäfts- oder politisches Blatt mit unfehlbarer Regelmäßigkeit auf dem Frühstückstische liegen zu sehen, vergißt man darnach zu fragen, wem man denn eigentlich all diese Wohlthaten und Annehmlichkeiten verdankt.

Das Herannahen des halbhundertjährigen Todestages desjenigen, dessen Erfindung der Grundstein und Pfeiler eines nicht geringen Theils der Entwickelung der Neuzeit geworden ist, bietet demnach eine geeignete Gelegenheit, der gegenwärtigen Generation Leben und Wirken dieses Wohlthäters der Menschheit wieder in’s Gedächtniß zu rufen.

Friedrich Koenig wurde am 17. April 1774 zu Eisleben, der Geburtsstadt des großen Reformators, als der Sohn des dasigen Ackerbürgers Johann Christoph Koenig geboren. Mit seinem achten Jahr wurde er in das Gymnasium daselbst aufgenommen, und er verließ es 1790, um in die Buchdruckerei von J. G. J. Breitkopf in Leipzig in die Lehre zu treten. 1794 zum Gehülfen ernannt, hat er während der nächsten Jahre, über welche bestimmte Nachrichten fehlen, wohl als solcher an verschiedenen Orten gearbeitet, auch einen Onkel, Buchdruckereibesitzer zu Greifswald, besucht und sich bei ihm noch die Kenntniß des Buchhandels angeeignet; er hospitirte auch während dieser Zeit an der Universität Leipzig, und der berühmte Emst Platner war es hier namentlich, dessen Vorträge ihn fesselten. Den größten Theil des Tages aber mußte er dem Broderwerb in Buchdruckereien oder der Anfertigung niedrig bezahlter Uebersetzungen für Buchhändler zuwenden, und nur die Nächte gehörten ganz seinen Studien, von denen er mit Vorliebe Mathematik und Mechanik trieb.

Im Jahre 1802 finden wir ihn zu Eisleben, wo er einen Vertrag mit einem gewissen Riedel behufs Errichtung einer Buchhandlung schloß; dieselbe sollte wieder mit einer Buchdruckerei verbunden werden, und Koenig’s Compagnon erbot sich, hierzu die nöthigen Mittel zu liefern. Doch wurde der Plan bald aufgegeben; 1803 ist Koenig in Suhl mit dem Bau einer verbesserten Buchdruckpresse beschäftigt, und Riedel’s Einschüsse dienten mit dessen Genehmigung zu ihrer Fertigstellung. In seiner praktischen Thätigkeit an der alten, seit Gutenberg’s Tagen fast unverändert gebliebenen hölzernen Handpresse hatte er deren Mängel empfunden; die großen politischen Ereignisse jener Tage ließen aber einen vollkommeneren Druckmechanismus zur beschleunigteren Verbreitung der Tagesnachrichten dringend geboten erscheinen, und Koenig hatte sich die Aufgabe gestellt, ihn zu schaffen.

Suhl, damals schon ein bedeutender Eisenfabrikort, erschien ihm als der geeignetste Platz hierfür. Seine neue Presse sollte durch einen besonderen Mechanismus in Bewegung gesetzt werden, sodaß sie alle Manipulationen des Druckens, mit alleiniger Ausnahme des Einlegens und Auslegens der Druckbogen, vollkommen selbstthätig ausführte, wofür namentlich das Farbwerk eine ganz neue, von der bisherigen Methode des Einschwärzens der Druckformen mittelst Lederballen abweichende und eigenartige Construction erhalten hatte: die Ballen waren durch mit Leder überzogene Walzen ersetzt, denen außer der drehenden auch eine seitliche Bewegung gegeben war zur Erzielung einer vollständigen Vertheilung und Verreibung aller Farbetheilchen, eine Einrichtung, die sich so trefflich bewährt hat, daß sie selbst heute noch in fast allen Schnellpressensystemen beibehalten worden ist.

Mit dem Fortschreiten der Presse Koenig’s hielt aber auch die Erschöpfung seiner Mittel gleichen Schritt. Als der Antriebsmechanismus in Angriff genommen werden sollte, konnte sein Compagnon Riedel, der contractlich 5000 Thaler zugesagt, aber im Ganzen nicht volle 3000 eingezahlt hatte, nichts mehr senden, und so blieb derselbe unausgeführt, für den Erfinder aber begann eine Periode bitterer Enttäuschungen. Vergeblich suchte er, die bairische Regierung, die Behörden in Wien und namhafte Privatpersonen für seine Pläne zu gewinnen. Vergeblich blieb auch seine Reise nach Petersburg.

In England, dem Mutterlande der Technik, sollte er endlich die so lange und mühevoll gesuchte Unterstützung finden, und zwar in den Kreisen, die den Werth seines Strebens am besten zu würdigen verstanden: unter Geschäftsgenossen, Nachdem er zuvörderst zur Erlangung seines Unterhalts in Druckereien gearbeitet, schloß er am 31. März 1807 mit dem Londoner Buchdrucker Thomas Bensley einen Vertrag zur Ausführung seiner Erfindung, welchem, als die Versuche immer größere Summen beanspruchten, 1809 noch zwei andere Londoner Drucker, George Woodfall und Richard Taylor, beitraten.

Um diese Zeit trat Friedrich Koenig auch zu dem am 18. August 1783 zu Stuttgart geborenen Optiker und Mechaniker Andreas Friedrich Bauer, der 1805 zu seiner Ausbildung nach England gegangen war, in nähere Beziehungen, und es entspann sich hieraus jene Freundschaft, welche diese beiden Männer ihr ganzes Leben lang im gleichen Streben vereinigte und die nicht wenig beigetragen hat zur glücklichen Durchführung der Koenig’schen Pläne. Mit Bauer’s technischer Hülfe und mit der pecuniären der drei Londoner Drucker gelang es, die erste Druckmaschine, auf welche am 29. März 1810 ein Patent genommen wurde, zu vollenden, der Probedruck konnte aber, in Folge einer schweren Krankheit des Erfinders, erst im April 1811 vor sich gehen. Die Maschine war ganz nach den ersten von ihm aufgestellten Principien erbaut, nur war an Stelle des plumpen Holzgerüstes ein Gestell aus Eisen getreten, und statt einer Walze zum Auftragen der Farbe hatte Koenig deren zwei gesetzt zum Zwecke der Erreichung einer vollständigen Einschwärzung. Die Maschine erfüllte, was ihr Erfinder sich von ihr versprochen: sie druckte gut und ersparte die Arbeit eines Mannes, aber sie genügte doch nicht allen seinen Wünschen, und namentlich erreichte ihre Arbeitsleistung nicht den Grad der Schnelligkeit, welcher gerade das Hauptziel seiner Erfindung war.

Koenig erkannte somit, daß auf dem Wege des Flachdruckes die Quantität der Arbeit seiner Maschine stets eine relativ beschränkte bleiben müsse. Er hatte nämlich von der alten Gutenbergischen Presse die Einrichtung beibehalten, daß jeder Bogen flach auf die geschwärzte Druckform zu liegen kam; dies verursachte noch viel Zeitverlust, der nur verringert werden konnte, wenn der zu bedruckende Bogen auf einer großen Walze über die Druckform hinlief. Dieser Gedanke führte ihn zu Versuchen mit dem Cylinderdrucke, die über Erwarten gelangen. Unverweilt ging er jetzt an den Bau einer Maschine mit verändertem Druckprincipe; schon am 30. October 1811 konnte diese patentirt werden, und im December erfolgten die ersten Druckversuche. Ihnen wohnte Master John Walter, der Besitzer der „Times“, bei, der selbst verschiedene Männer, welche Druckmaschinen hatten bauen wollen, mit beträchtlichen Summen unterstützt hatte, ohne ein befriedigendes Resultat zu erlangen; die Koenig’schen Erfolge entsprachen indeß so vollkommen seinen Wünschen, daß er sofort zwei nach dem gleichen Principe zu construirende Doppelmaschinen in Auftrag gab. Mit höchster Anspannung aller Kräfte gelang es Koenig und seinem Freunde Bauer, dieselben bereits im November 1814 zu vollenden, und am 29. November konnte die „Times“ der Welt verkünden, daß sie zum ersten Male auf Druckmaschinen mit einer Schnelligkeit von 1100 Drucken in der Stunde (vorher eine Tagesarbeit!) hergestellt worden sei. Bei Bau und Aufstellung derselben aber hatte mit größter Heimlichkeit vorgegangen werden müssen, um Gewaltthätigkeiten seitens der Drucker, die sich in ihrer Existenz bedroht sahen, zu verhüten.

Koenig’s Erfolge reizten indeß auch zur Concurrenz an, die bald zu unehrlichen Mitteln griff. Zwei der Concurrenten Koenig’s, Edward Cowper und Augustus Applegath, suchten Thomas Bensley in ihr Interesse zu ziehen und in dessen Druckerei Eingang zu erlangen, was ihnen schließlich nur zu gut gelang. Dieser Letztere hatte Koenig’s Pläne und Arbeiten nur vom egoistischen Standpunkte, um aus denselben den thunlichst größten Vortheil zu ziehen, gefördert; als der Erfinder aber auf seine Absicht, nur eine beschränkte Anzahl von Maschinen für Zeitungen zu bauen, den Druckern von Werken jedoch keine zu überlassen, da er nur allein sie hierfür benutzen wollte, nicht einging, da lieh Bensley jenen Schleichern und Nachahmern offenes Ohr.

Koenig hatte inzwischen seine Erfindung noch erweitert und vervollkommnet; denn wenn nach seiner ersten Einrichtung jeder Druckbogen erst auf einer Seite (technisch „Schöndruck“ genannt) und dann auf einer zweiten Schnellpresse auf der anderen Seite („Wiederdruck“) bedruckt werden konnte, so baute Koenig nun eine Complet- oder Schön- und Wiederdruckmaschine, bei welcher der

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Die Gartenlaube (1883) b 032.jpg

Jüdische Hochzeit in Galizien. [Nach] dem Oelgemälde von W. Stryowski.




Bogen, nachdem er durch einen Cylinder den ersten Druck empfangen, sofort auf einen zweiten Cylinder überging, um auch auf der anderen Seite bedruckt zu werden und dann, fertig gedruckt, die Maschine zu verlassen. Diese große Vervollkommnung ermöglichte, im Vergleich mit der einfachen Maschine, eine doppelte Druckleistung und namentlich auch ein exactes Register (das genaue Aufeinandertreffen der Vorder- und Rückseiten); sie wurde Koenig am 24. December 1814 patentiert – auf die in den „Times“-Maschinen verkörperten Verbesserungen hatte er am 23. Juli 1813 sein drittes Patent genommen – und mit ihr erachtete er seine Erfindung der Druckmaschine als vollendet.

Aber alle diese Patente konnten ihn nicht schützen in seinem Eigenthum. Bensley’s intimer Verkehr mit den Nachahmern seiner Erfindung war ihm nicht entgangen; durch einen neuen Gesellschaftsvertrag, abgeschlossen am 25. November 1816, hoffte er ihn festzuhalten und dem Treiben der Plagiatoren einen Riegel vorzuschieben. In diesem Vertrage war gesagt, daß Koenig und Bauer nach Deutschland zurückkehren und dort eine Fabrik gründen sollten behufs Erbauung von Druckmaschinen zur Lieferung an Bensley und Taylor, die sich bei hoher Buße verpflichteten, innerhalb zwölf Jahren solche weder von Anderen zu kaufen, noch selbst bauen zu lassen; zur selben Zeit jedoch, als Bensley den Vertrag unterschrieb, stand dieser ungetreue Compagnon auch schon in den intimsten Beziehungen zu Cowper und Applegath, und [33] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt.




die Unterzeichnung war ihm somit nur noch ein Mittel, den seine ganze Perfidie nicht ahnenden Koenig desto sicherer zu täuschen.

Mit schlauer Berechnung hatte er sich auch das Uebergewicht über seine Mitgesellschafter zu verschaffen gewußt durch Ankauf des Antheils Woodfall’s, als dieser 1814 aus dem Gesellschaftsverband ausgetreten war; er vereinigte jetzt 9/16 Antheile in seiner Hand, während Koenig nur 4/16 und Taylor 3/16 besaßen; die Stimmen aber waren nach Maßgabe dieser Sechszehntel vertheilt. Und dieses Uebergewicht brachte er sehr bald zur Geltung; als nämlich die Patentverletzungen der Nachahmer immer augenscheinlicher und offenkundiger wurden und Koenig und Taylor den Schutz des Gesetzes gegen sie anrufen wollten, da verweigerte er seine Einwilligung hierzu.

Doch auch den Erfinderruhm Koenig’s suchte man in England in Frage zu stellen. Ein längst vergessenes Patent, das ein gewisser Nicholson auf einige gänzlich unverarbeitete, lose Ideen bezüglich einer Cylindermaschine genommen hatte, wurde von Cowper und Genossen wieder hervorgesucht, um daraufhin Koenig nur als Nachahmer Nicholson’s darzustellen; Nicholson’s Patent war das Schild, hinter das man sich verkroch zum Schutze gegen Koenig und das Gesetz.

Unter Verkennung der Thatsache, daß nur die ausgeführte Idee eine Erfindung genannt werden könne, pries man den [34] als Erfinder, welcher nur einige Gedanken zu Papier gebracht, die indeß niemals das Stadium des Projects verlassen hatten. War es doch Nicholson selbst gar nicht in den Sinn gekommen, Ansprüche auf die Erfindung der Druckmaschine zu erheben, da dieselbe als aus Koenig’s Geiste hervorgegangen durch die „Times“ der Welt verkündet wurde zu einer Zeit, wo Nicholson noch am Leben und als Patentagent thätig war, als welcher er sogar dem mit Erlangung seines vierten Patents beschäftigten Koenig seine Dienste angeboten hatte. Der wirkliche Erfinder aber wurde selbst von Bensley verleugnet, dem Manne, der während eines vollen Jahrzehnts täglich Gelegenheit gehabt hatte, das Entstehen und die Entwickelung des großen Werkes Koenig’s zu beobachten. Damit war indeß das Maß Bensley’scher Niedertracht noch nicht gefüllt. Als Koenig, empört durch solche Treulosigkeit und Undankbarkeit, auf eine Auseinandersetzung mit seinen beiden Gesellschaftern und auf eine Entschädigung für seinen Patentantheil drang, da antwortete ihm dieser in einem höhnischen Briefe, daß man jetzt seiner Dienste nicht mehr bedürfe. Koenig’s gerechten, contractlich begründeten Ansprüchen aber ist er niemals durch Zahlung auch nur des geringsten Betrages nachgekommen! –

Am 10. August 1817 verließ der betrogene und tief gekränkte Erfinder das undankbare England: eine Monatsgage von zehn Pfund Sterling, die er während der Dauer des Baues seiner Maschinen aus den Gesellschaftsmitteln bezogen hatte, sein aus dem Preise der beiden Timesmaschinen ihm zugekommener Antheil, sowie die geringfügige von Taylor gezahlte Summe von dreihundert Pfund Sterling für Patentbenutzung, die aber zur Hälfte Bauer zufiel, das war Alles, was ihm seine Erfindung in England eingebracht hatte; ein trübseliger Lohn in der That für das mit dem Aufwande seiner geistigen und körperlichen Kräfte geschaffene, im Laufe so vieler Jahre vollendete Werk! Sein Freund Bauer verblieb noch in London, um eine für Taylor angefangene Maschine, die fünfte und letzte der daselbst von Koenig gebauten, zu vollenden; im Mai des Jahres 1818 konnte auch er England verlassen.

Beide Freunde hatten nun als Schauplatz ihrer Thätigkeit die 1803 säcularisirte Prämonstratenserabtei Oberzell bei Würzburg erwählt; sie war Koenig von der baierischen Regierung unter sehr günstigen Bedingungen käuflich überlassen worden, da letztere wünschte, die neue Maschinenindustrie in ihrem Lande heimisch zu machen. Die erste Arbeit, welche Koenig und Bauer in ihrem neuen Heim ausführten, war eine Vervollkommnung der Timesmaschinen behufs Erzielung größerer Druckschnelligkeit; sodann aber ging man an die Ausführung eines vom Besitzer der Haude- und Spenerschen Zeitung in Berlin und von dem Oberhofbuchdrucker Georg Decker daselbst erhaltenen, zuerst auf zwei einfache, nach Decker’s Tode jedoch auf vier Completmaschinen erweiterten Auftrags, der nach unsäglichen Mühen im November 1822 zu Ende geführt wurde.

Das Zusammentreffen einer Menge ungünstiger Umstände machte die Lösung dieser Aufgabe zu einer in der Gegenwart fast unbegreiflich schwierigen; vor Allem war der Stand der Maschinenindustrie in Deutschland damals noch ein so niedriger, daß Koenig und Bauer, nachdem sie sich ein Jahr lang mit einer Anzahl Handwerksgesellen gemüht, zu dem Radicalmittel greifen mußten, Eisenarbeiter aus den Bauern und Weingärtnern der umliegenden Dörfer heranzubilden, ein Unternehmen, das zwar schließlich zum Ziele führte, aber selbst Koenig’s Energie und Bauer’s Geduld und Ausdauer mehr als einmal zu erschöpfen drohte. Dazu kam der gänzliche Mangel an vollkommenen Werkzeugen und zweckmäßigen Hülfsmaschinen in Deutschland, die entweder zu Oberzell selbst gebaut oder aus England bezogen werden mußten; ferner das Nichtvorhandensein von Etablissements, deren Mitarbeiterschaft man hätte heranziehen können zur Erleichterung des eigenen Betriebes. Die nächste Eisengießerei war acht Meilen entfernt, und für die eigene Gießerei, die man sodann einrichtete, mußte man den Coak aus England kommen lassen.

In einem Punkte trafen aber fast alle diese verschiedenartigen Uebelstände zusammen: sie verursachten schwere Unkosten und nahmen weit bedeutendere Summen in Anspruch, als Koenig dafür in seinen mit großer Regelmäßigkeit ausgestellten Budgets angesetzt hatte. Die Beschaffung der Mittel für Einrichtung und Betrieb war trotz der von den Berliner Bestellern bereitwillig gezahlten Vorschüsse ein nie versiegender Quell der Sorge für ihn, den selbst ein anderer unverzinslicher Vorschuß von 20,000 Gulden, welchen die baierischc Regierung im Jahre 1821 auf fünf Jahre gewährte, nur unvollkommen zu heben vermochte, da dessen Gewährung zugleich die Ausführung eines weiteren Planes Koenig’s, die Anlage einer Papierfabrik mit den damals noch neuen Maschinen zur Herstellung von Papier ohne Ende einschloß.

Nach der durch Bauer erfolgten Aufstellung und Inbetriebsetzung der nach Berlin gelieferten vier Maschinen reiste Koenig im Sommer 1823 nach England, um sich daselbst über alle in der Papierfabrikation gemachten Fortschritte zu unterrichten; die seiner Rückkehr folgenden Monate aber gehörten zur trübsten Zeit seines Lebens; denn nicht nur blieben die aus Deutschland erhofften Bestellungen auf Druckmaschinen aus, sondern es fehlte auch an Mitteln zur Fortsetzung der weiteren Einrichtungen von Oberzell und namentlich zur Inangriffnahme der Papierfabrik, sodaß eine tiefe Niedergeschlagenheit sich des in allen seinen Plänen eingeengten und gehemmten Erfinders bemächtigt hatte. Erst als Freiherr von Cotta, beeinflußt durch den Kronprinzen von Baiern, den nachmaligen König Ludwig den Ersten, für die Augsburger „Allgemeine Zeitung“ eine Maschine bestellte und in der Folge auch Koenig und Bauer’s Compagnon für die Errichtung der Papierfabrik wurde, faßte ersterer neuen Lebensmuth und entschloß sich jetzt auch zu einem Schritte, der ihm das lange vermißte und ersehnte traute Familienheim gründen sollte: er verheirathete sich, und zwar als einundfünfzigjähriger Mann, mit einem siebenzehnjährigen Mädchen. Trotz der Ungleichheit der Jahre der beiden Gatten wurde diese Ehe eine der glücklichsten, nicht minder durch die trefflichen Eigenschaften des Herzens und Gemüths der jungen Frau, wie durch den geraden, liebenswürdigen und um die Seinen – die Ehe war von zwei Knaben und einer Tochter gesegnet – liebend besorgten Gatten.

Zur Erhöhung seines Wohlbehagens trug es auch bei, daß die Buchdrucker, namentlich die von Zeitungen, endlich ihre Vorurtheile gegen die Schnellpressen aufzugeben begannen und zu deren Anschaffung schritten, sowie daß ihre Einführung in Frankreich mit besserem Erfolg gelungen war, sodaß sich in den so lange nur dürftig benutzten weiten Sälen der Abtei Oberzell jetzt das regste Leben entwickelte, und die Arbeiterzahl auf 120 stieg. Neben Paris und anderen bedeutenden Städten Frankreichs erhielten nun auch fast alle größeren deutschen Städte Koenig’sche Schnellpressen, und sogar Kopenhagen und Petersburg sahen Erzeugnisse ihrer Thätigkeit.

Da kam die französische Julirevolutron, freudig begrüßt von dem allem Fortschritt huldigenden Koenig, der in ihr auch eine bessere Zeit erblicken zu sollen meinte für die Buch- und Zeitungsdrucker. Die Arbeiter in Paris benutzten jedoch die neue Freiheit, um in verblendetem Wahne die Druckmaschinen, sowohl die Koenig’schen, wie die aus England gekommenen, zu zerschlagen, und daß nicht auch in Leipzig Gleiches geschah, verdankte man nur der Ruhe und Geistesgegenwart des Chefs der Firma F. A. Brockhaus, Herrn Friedrich Brockhaus, welcher damals der einzige Besitzer von Schnellpressen in der Metropole des deutschen Buchhandels war.

Damit war der Aufschwung, den die Druckmaschinenfabrikation in Deutschland genommen, mit einem Schlage vernichtet; Niemand wollte noch fernerhin ein Werkzeug anschaffen, hinsichtlich dessen man in Bezug auf den von ihm gewährten Vortheil noch nicht alle Zweifel überwunden hatte, dessen Besitz jedoch zu Collisionen mit aufgeregten Arbeitermassen führen konnte. Die Bestellungen blieben in Oberzell aus, und Koenig blieb, fast am Schlusse seiner Laufbahn, der schwere Kummer nicht erspart, von seinen 120 Arbeitern schließlich nur noch einen Stamm von 14 erhalten zu können.

Der lebendige Unternehmungsgeist des Erfinders rastete indeß selbst in dieser schweren Prüfungsperiode nicht. Koenig hatte auf weitere Vervollkommnung seines Werkes gesonnen und diese in einer Schnellpresse für gleichzeitigen Druck von zwei Farben gefunden; ja er wollte sogar eine Maschine zum Druck von Rollen- oder sogenannten endlosem Papier (die jetzt in der großen Presse herrschende Rotationsmaschine) bauen, wenn dafür ein Bedürfniß vorhanden wäre. Aber wenn auch Koenig’s Geist mit voller Frische fortschuf an seinem Werke, den in Folge des Darniederliegens des Geschäfts auf ihn abermals hereinbrechenden Sorgen war sein durch Mühen und Anstrengungen erschöpfter Körper nicht mehr gewachsen. Am 15. Januar 1833 brach ein Schlagfluß die erschöpften und überreizten Kräfte, und am 17. Januar verstarb, ohne nochmals die Besinnung erlangt zu haben, der Erfinder der Schnellpresse.

[35] Das war das Loos des Mannes, dessen schöpferischem Geiste and nimmer erlahmender Energie die Welt eine Erfindung von weittragender Bedeutung verdankt, die in ihren Folgen eine der bedeutungsvollsten Schöpfungen geworden ist, welche je die Triumphe des menschlichen Wissens gebildet haben. A. F. Bauer, der auf Koenig’s Ideen einzugehen verstand und mit kunstfertiger Hand vollendete, was dessen Geist ersonnen hatte, führte nach des Freundes Heimgange dessen Werk weiter, unterstützt von der jungen, thatkräftigen und umsichtigen Wittwe desselben, bis endlich die beim Tode des Vaters noch im zartesten Kindesalter stehenden beiden Söhne Wilhelm und Friedrich herangewachsen waren und, in dessen Fußstapfen tretend, die Fabrik zu Kloster Oberzell auf den großartigen und blühenden Standpunkt erheben konnten, auf welchem sie sich unter ihrer Leitung heute befindet.

In nur flüchtiger Skizze haben wir hier unseren Lesern ein Lebensbild Friedrich Koenig’s zu geben versucht. Gebührt ihm, dem Erfinder, eine hervorragende Stelle in den deutschen Ruhmesannalen, so verdient er nicht minder ein ehrenvolles Andenken als Mensch. Unbeugsame, gerade Rechtlichkeit war Koenig’s erstes Princip in seinen geschäftlichen Beziehungen, an denen er selbst da festhielt, wo ihm schwerer materieller Schaden daraus erwuchs; seinen Arbeitern gegenüber war er im Geschäft der strenge, nach englischen Grundsätzen geschulte Fabrikherr, außerhalb desselben aber der oft über die eigenen Kräfte helfende Freund, dem namentlich auch ihre geistige Hebung am Herzen lag. Ein edles Herz war somit einem scharfen, forschenden Geiste, einem klaren, durchdringenden Verstande in dem Manne geeint, der vor fünfzig Jahren im Tode die Ruhe fand, die ihm ein bewegtes Leben verweigert.

Wird jetzt die Stadt Eisleben ihres zweiten großen Sohnes, wird die deutsche Nation des Vollenders der Erfindung Gutenberg’s gedenken und ihn ehren durch ein Denkmal,[6] das er vor vielen Anderen verdient hat?

Stuttgart.
Theod. Goebel.     
  1. Orientalische Herberge.
  2. Rajahs (arabisch raijah, weidendes Vieh) bedeutet zinspflichtige Unterthanen, die sich nicht zur mohamedanischen Religion bekennen.
  3. Nach der Uebersetzung von Daumer.
  4. Klöster.
  5. Cybele, Landesgottheit der Phryger, die in vielen Städten Kleinasiens durch Orgien gefeiert wurde.
  6. Die Familie Koenig hat beschlossen, das Andenken ihres Ahnherrn damit zu ehren, daß sie eine ausführliche imd authentische Biographie, verbunden mit einer Geschichte der Erfindung der Schnellpresse, verfassen ließ, die demnächst bei Gebrüder Kröner in Stuttgart im Druck erscheinen wird, das geeignetste Denkmal – neben dem zu Oberzell schon vor vielen Jahren errichteten Grabmonument –, welches kindliche Liebe und Pietät zu schaffen vermag.




Lizzie’s Schwur.
Eine New Yorker Novellette von Rosenthal-Bonin.

Miß Castor war schon durch mehrere Saisons die stolzeste Schönheit von New-York, nicht nur ihrer äußeren Erscheinung wegen, obwohl sie mit ihrer hohen, vollen Gestalt, den großen schwarzen, siegfesten Augen, der edlen weißen Stirn, dem weichen dunklen Haare und dem charakteristischen rothen Munde in dem blassen Gesichte völlig diese Bezeichnung verdiente; sie verdankte diesen Ruf hauptsächlich ihrer kalten, unnahbaren Gemüthsart, dem stolzen, ablehnenden Wesen, welches sie besonders der Herrenwelt gegenüber zur Schau trug.

Während Lizzie Castor gegen die Frauen die Liebenswürdigkeit selbst war und sich sanft und gutherzig zeigte, hatte sie für die Männer und vorzüglich für die jungen, die sie mit Huldigungen überhäuften, nichts als ironisches Lächeln und spöttische, kühle, kurze Worte. Sie reichte ihren glühendsten Verehrern kaum die Fingerspitzen und behandelte sie, als ob sie Luft wären – und doch waren unter diesen jungen Leuten viele ernsthafte Freier, reiche, schöne, gescheidte Männer, die jedes andere Mädchen als „vortreffliche Partie“ mit Vergnügen angenommen hätte – und Lizzie Castor war doch schon dreiundzwanzig Jahre alt.

Allerdings konnte Miß Castor stolz sein. Ihr Vater gebot über Millionen; er gehörte als politische Person zu den ersten der Stadt; er führte ein fürstliches Haus und „herrschte“ als Industrieller über mehrere Tausende von Arbeitern und Angestellten aller Art. Lizzie selbst hatte eine ausgezeichnete Erziehung genossen: sie sprach die vier Weltsprachen und war eine talentvolle Dilettantin in fast allen Künsten; denn die Natur hatte sie an Geist und Körper in gleich hervorragender Weise begabt. Jedoch das allein konnte – wie man sich ganz richtig sagte – nicht die Ursache dieser ablehnenden Kälte gegen die Herrenwelt sein; sie widersprach zu sehr allen übrigen Eigenschaften dieses Mädchens. Man schloß deshalb, daß Lizzie tief in ihrem stolzen Herzen eine unglückliche Liebe trüge, daß Derjenige, welchen sie wollte, sie nicht möchte, und ihr Herz deshalb für alle Anderen gänzlich todt wäre. Das Gerücht brachte ihr Herz in Verbindung mit John Dobson, einem eigenthümlichen Manne, der früher ein überaus häufiger Gast im Hause Castor gewesen war, aus dem man jedoch nie recht klug wurde, ob er wirklich zu den Verehrern des Fräuleins gehört hatte. Dobson war durch Speculationen in Silberbergwerksactien sehr reich geworden; er hatte den Ruf eines unglaublich glücklichen Geschäftsmannes; er war die Ruhe selbst; nichts brachte ihn in Aufregung; er sprach wenig und handelte bedächtig und sicher. Der Erfolg heftete sich an seine Sohlen, und was er in seiner ruhigen, entschlossenen Manier in die Hand nahm, gelang und schlug zu seinem Glücke aus.

John Dobson war kein ganz junger Mann mehr; er mochte schon in der Mitte der Dreißiger sein – er tanzte nicht, rauchte nicht, spielte nicht, trank nicht und sah keine Dame so an, daß sie je an seinen Blick Hoffnungen irgend welcher Art knüpfen konnte. Er begegnete allen gleich höflich; seine Unterhaltung war stets ernst, und seine Bemerkungen zeugten von einem durchdringenden scharfen Verstande und überraschend feinen Beobachtungsvermögen und seltsamer Weise von viel Phantasie. Wer von allen Damen konnte sich aber rühmen, mit ihm mehr als fünf Minuten gesprochen zu haben? Lizzie allein. Diese würdigte er in seiner gemessenen Manier seiner stets still und wenig laut geführten Unterhaltung – und Lizzie hörte ihm zu mit weitgeöffneten glänzenden Augen: sie bevorzugte ihn, soweit ihr Stolz dies zuließ, sichtbar: Dobson zeichnete sie in seiner Art vor allen übrigen weiblichen Wesen aus – und dennoch erschien er plötzlich nicht mehr an den Gesellschaftsabenden im Hause Castor, und man sah ihn fortan nirgends, wo Lizzie zugegen war.

Es muß etwas zwischen ihnen gegeben haben – sprach man in der Gesellschaft – und das Gerücht hatte Recht: es hatte etwas gegeben.

Eines Tages war Dobson zu einer ungewöhnlichen Zeit, am Vormittag, bei Lizzie erschienen; er hatte ihr gerade und fest in die Augen gesehen und dann gesprochen:

„Fräulein Lizzie, Sie müßten kein Weib sein, wenn Sie nicht wüßten, wie es mit mir stände. Ich glaube bemerkt zu haben, daß Sie mehr Antheil an mir nehmen, als an den anderen Männern, welche Sie umschwärmen. Ich biete Ihnen Hand, Herz und Vermögen – können Sie sich entschließen, mein Haus zu Heilen?“

Zornsprühend hatte ihn darauf Lizzie angesehen. Sie ergriff die Hand nicht, die er ihr bot; sie trat einen Schritt zurück, und geisterbleichen Gesichts, mit glühenden Augen und bebenden Lippen rief sie ihm entgegen:

„Nein – nie, nie!“

Dobson sagte nichts: er schaute sie nur verwundert und etwas blässer als sonst, im Uebrigen so ruhig, sicher und klar wie immer an.

Lizzie wurde noch blässer: ihr Athem flog.

„Zehntausend Fuß unter der Erde will ich Ihr Weib werden,“ rief sie höhnisch lachend. „Ja, wenn wir uns zehntausend Fuß unter der Erde wiederfinden, dann wiederholen Sie Ihren Antrag“ – fuhr sie zornbebend fort – „dort bieten Sie mir Ihre Hand, und ich werde sie dann nehmen, John Dobson,“ schloß Lizzie mit vor Ingrimm und Spott funkelnden Augen.

Ueber Dobson’s ruhige Züge huschte jetzt etwas wie Licht, und um seinen feinen Mund spielte ein fast humoristisches Lächeln. Nur eine Secunde! Er war wieder so ruhig, bedächtig und sicher wie immer.

„Sie sprechen im Ernst, Fräulein Castor?“ fragte er höflich.

„Ja – zehntausend Fuß unter der Erde – das schwöre ich!“ antwortete Lizzie mit fast wildem Blicke und mit zuckendem Munde. [36] „Ich habe Ihr Wort,“ erwiederte daraus freundlich John Dobson und entfernte sich mit einer tiefen und höflichen Verbeugung.

Als er fort war, eilte Lizzie in ihr Zimmer, warf sich auf ihr Bett und preßte das Gesicht in die Kissen, um ihr heftiges Schluchzen und Weinen zu ersticken; denn sie hatte Dobson geliebt, heiß , wild, leidenschaftlich, wie sie nur lieben konnte, und liebte ihn noch. Sie hatte ihn angewiesen, weil seine Ruhe und würdige Männlichkeit sie tief beleidigte.

Sie hatte gehofft, ihn als Liebhaber zu ihren Füßen zu sehen, wie ihre anderen Anbeter, und was sie bei jenen verachtete, ja haßte, das ersehnte sie mit der ganzen Kraft ihres heißblütigen, stolzen Herzens von diesem Manne. Sie hätte sich ihm mit jubelndem Herzen in die Arme geworfen, wenn er ihr nur ein wenig die Cour gemacht, sie bewundert, ihr ein schmeichelndes Wort gesagt haben würde, nur einmal, nur auf eine Stunde den Anbeter, den Liebhaber ihr gegenüber gezeigt hätte; sie hätte ihr Leben gegeben für einen schwärmerischen Aufblick aus seinen Augen, für einen Handkuß, für eine Minute Schmachtens, für ein Zeichen, daß seine ruhige, stolze, in sich gefaßte Männlichkeit besiegt sei durch ihren Zauber. Nur ein Atom von dem seinerseits, womit sie überschüttet wurde von Anderen – aber nichts von dem gewann sie ihm ab. – Er hatte keinen Blick für ihr heißes Wünschen, für ihr Sehnen, welches schon monatelang ihr Inneres verzehrte.

Gegenüber ihrer heißen Liebe – so sah Lizzie dies an – behielt er seine empörende Gleichgültigkeit und zeigte eine Sicherheit, wie ein Basilisk, der einen kleinen Vogel gebannt hat und ihn verschlingt, wenn es ihm gutdünkt. Dieses Vögelchen wollte sie nicht sein; er sollte sich in seiner unfehlbaren Sicherheit doch getäuscht haben, und als er nun ohne weiter vorhergegangene Annäherungen – in Lizzie’s Sinn – so mir nichts dir nichts mit seiner Werbung kam, da explodirte der seit Langem angehäufte Zündstoff der Leidenschaft und des Verdrusses bei Lizzie in der Art, wie wir das gesehen haben.

Lizzie war nach diesem verhängnißvollen Vormittag noch bleicher als sonst, ihr Mund fester geschlossen und ihre Haltung noch stolzer und ablehnender als früher.

Dobson schien Lizzie nie näher gekannt zu haben.

In der Gesellschaft jedoch hieß es von der Zeit an: Miß Castor habe eine unglückliche Leidenschaft für John Dobson, und das sei die Ursache ihrer Gleichgültigkeit und Kälte gegen alle anderen Männer.

Herr Castor, der Vater, hätte John Dobson sehr gern als seinen Schwiegersohn gesehen. Er sprach sich nach der Katastrophe, von der er nichts Näheres, weder von seiner Tochter noch von Dobson, erfahren, gegen Lizzie deshalb aus.

„Dobson kommt nicht mehr in unser Haus,“ begann Herr Castor diplomatisch. „Ihr müßt Euch gezankt haben.“

„Wir haben uns gezankt,“ erwiderte daraus eiskalt Lizzie.

„Er ist ein ehrenhafter, reicher, nobler Mann, den ich vor Allen gern als Deinen Gatten gesehen hätte,“ fuhr Herr Castor mit mehr Gefühl, als er sonst merken zu lassen pflegte, fort.

„Er hat einen Leberfleck an der linken Wange,“ warf Lizzie scheinbar frivol und spöttisch leicht hin.

„Es ist nicht der Leberfleck, der Euch trennt,“ sprach darauf ernst Herr Castor und richtete seinen klugen, scharfen Augen auf seine Tochter: „das ist nicht Deine Art, um eines Leberfleckes willen einen Mann wie Dobson zurückzuweisen; es ist die Eitelkeit und der Hochmut Deines Herzens, der auch diesen edlen Mann verwirft. Du machst Dich sehr unglücklich,“ schloß darauf der kluge, starre Geschäftsmann auffallend weich. „Es ist mir leid um Dich, wie um Dobson.“

Darauf sprachen Vater und Tochter nicht mehr über diesen Gegenstand.

Herr Castor jedoch verkehrte jetzt mehr mit dem abgewiesenen Freier seiner Tochter als früher, stets jedoch außer seinem Hause, und Dobson lebte so ruhig und dem Anschein nach mit sich und der Welt durchaus zufrieden, wie bisher.

Und Lizzie?

Wer in ihr Herz hätte blicken können, der würde unter ihrem Stolz und ihrer Kälte eine heiße Gluth entdeckt haben, deren Gewalt noch geschürt wurde durch Reue und Verzweiflung darüber, einen Mann wie Dobson , den sie jetzt ganz zu erkennen anfing, dessen so ruhige, männliche Entsagung und Treue – denn er näherte sich keiner anderen Frau – ihr immer mehr imponirte, immer mächtiger ihre Achtung gewann und ihr eine immer tiefere Leidenschaft einflößte, von sich gestoßen zu haben.

So vergingen zwei Jahre.

In dieser Zeit näherte sich Dobson Fräulein Castor nicht; jedoch fiel es scharfen Beobachtern – und solche giebt es in der Gesellschaft immer – auf, daß der Mann, welchen eine schon halb verklungene Sage mit der stolzen Schönheit in Verbindung gebracht, diese sozusagen umkreise, allerdings in einem sehr weiten Kreise und so vorsichtig, zurückhaltend und unmerklich, daß nur wenige dies wahrnahmen; denn andere, gleichfalls feine und geschickte Beobachter des vornehmen New-Yorker Lebens bestritten das entschieden.

Da reiste Dobson plötzlich nach der alten Welt; er unternahm Vergnügungstour, und wenige Wochen später hieß es, daß auch Herr Castor eine Tour nach Europa machen wollte.

Das Gerücht log nicht.

Eines Tages eröffnete Herr Castor Lizzie seine Absichten.

„Ich mache eine Sommertour nach London, Paris, Neapel so weiter,“ begann er ziemlich kurz und geschäftsmäßig beim Diner zu Lizzie. „Ich will und kann Dir nicht verhehlen,“ fuhr Herr Castor fort, „daß Dobson schon drüben ist und mich eingeladen, ihm zu folgen: ich sage nicht, daß ich mich ihm anschließen werde für die ganze Reise – ein Zusammentreffen mit ihm ist jedoch sicher und unvermeidlich, und ich frage Dich deshalb, ob Du mit willst.“

Lizzie wurde blaß, und dann flog eine flüchtige Röthe über ihr Gesicht – jedoch ohne einen Moment sich zu besinnen, antwortete sie:

„Ich werde Dich begleiten, Pa! Europa ist groß; wir werden nicht immer beisammen sein, und eine Begegnung mit Dobson fürchte ich nicht –“

In Herrn Castor’s unbeweglichem, hartem Gesicht leuchtete etwas wie Befriedigung, ja fast wie verhaltene Freude.

Lizzie merke dies nicht; denn sie schaute beharrlich zu den großen, grellen, weißen Wolken draußen am Himmel auf und suchte mit aller Macht ihre Erregung und das heftige Klopfen ihres Herzens niederzukämpfen.

Als sie in ihrem Boudoir war, seufzte sie aus tiefster Seele, und in ihre starrblickenden leidenschaftlichen Augen kam ein Ausdruck von Schmerz, und dann wurde deren Feuer milde; um den festen Mund zuckte es verrätherisch, und die stolze Schönheit weinte lautlos und heiß.

„Ich liebe ihn heut wie vor Jahren,“ sprach es in ihrem Herzen; „aber ich werde ihm nie angehören können – ich Thörin! Es steht ein Schwur zwischen ihm und mir, und ich werde mich nie so demüthigen können, ihm zu zeigen, daß ich wünschte, jene hohen Worte damals nicht ausgesprochen zu haben. Er hat es auch so ernsthaft genommen, wie es ihm entgegengeschleudert wurde – diese zwei Jahre haben mir bewiesen, daß er fest an meinen Worten hält; sonst hätte er doch versucht, sich mir wieder zu nähern. Gelegenheiten boten sich ja in Fülle. Ich habe, grausam gegen mich selbst, aus Thorheit, Eitelkeit, Laune mein Lebensglück verscherzt, aber ich werde ihn wiedersehen, vielleicht sprechen, in seiner Nähe weilen – und schon das erscheint mir ein Glück, wenn es auch ein sehr schmerzliches sein dürfte.“

So sprach Reue, Gram und resignirte Hoffnung in dem Herzen des leidenschaftlichen Mädchens.

Dem schnellen Entschluß des Herrn Castor folgte amerikanisch rasch die That, und drei Wochen später waren Herr Castor und Fräulein Tochter schon in Paris und trafen alsbald Dobson. Die Männer sprachen sich öfter, und auch Lizzie traf mit Dobson zusammen.

Die Begegnung war jedoch flüchtig; sie wanderten einige Mittagsstunden durch den Louvre. Er war so ruhig , höflich, freundschaftlich und leidenschaftslos wie immer, und Lizzie, deren Brust fast zu zerspringen drohte vom Uebermaß sich widersprechender Empfindungen, benahm sich, ein Raub dieses inneren Kampfes, ganz gegen ihren Willen steif und theilnahmlos.

Dobson verließ Paris und reiste gen Süden; auch Castor fand bald die Metropole Frankreichs nicht mehr interessant genug, um ihn noch ferner zu fesseln, und wandte sich der Schweiz zu.

In Luzern trafen Dobson und Castors sich wieder, und man wohnte zufälliger Weise sogar in dem gleichen Hotel. Lizzie und

[37]
Die Gartenlaube (1883) b 037.jpg

Die vier Temperamente. Nach dem Oelgemälde von E. Stieler.

[38] Dobson saßen bei der Mittagstafel neben einander, und Lizzie barst fast das Herz von der ruhigen Freundlichkeit und der stets sich gleichbleibenden, unstörbaren Sicherheit des geliebten Mannes. Herr Dobson erklärte, daß er auf der neueröffneten Gotthardbahn nach Mailand reise – morgen schon.

Herr Castor freute sich, daß er dieselbe Tour am nächsten Tage auch anzutreten gedenke und sie dann wahrscheinlich zusammen reisen würden.

Herr Dobson verbeugte sich artig und sprach schlicht und einfach und ohne jede Erregung aus, daß ihm das sehr angenehm sei.

Lizzie saß still und schaute auf ihren Teller nieder; sie kämpfte bei dem so heiteren Tone der Worte ihres Nachbars mit Thränen.

Am nächsten Morgen traf man sich auf dem Dampfschiffe und in Fluelen bestieg man die Eisenbahn.

Der Zug war sehr besetzt. Die drei Reisegefährten konnten nicht bei einander sitzen. Dobson mußte seinen Platz am Ende des Waggons suchen.

Er ließ sich dort ruhig nieder und beschäftigte sich mit seinem Feldstecher und seinem Reisebuch.

Der Zug stieg in die Höhe, über Wiesen, durch Wald und Felsen, an Wasserstürzen vorbei, über Brücken und Viaducte: der mächtige Koloß, der Gotthard, mit seinen Gletschern trat näher, und Göschenen war erreicht.

Hier hielt der Zug, die Maschine wurde gewechselt; die Lampen im Wagen wurden angezündet, ein langgezogener Pfiff, das Läuten verschiedener elektrischer kleiner und großer Glocken, und hinein fuhr der Zug in den gigantischen Erdwall, der, zehntausend Fuß hoch bis an die Wolken seine ewig eisbekränzten Gipsel erhebend, Italien vom germanischen Lande trennt. Die Erregung der Passagiere war stark; die Temperatur im Wagen stieg, und die zuerst hellbrennenden Lampen bekamen nun röthliches Licht: das gab dem Inneren der Wagen einen feierlichen, fast düsteren Charakter.

Die Fahrt sollte vierzig Minuten dauern. Zwanzig Minuten waren schon unter dem erwartungsvollen Schweigen der Reisenden verflossen, seitdem man in dem Berge war, und weiter brauste das Dampfroß und dröhnten dumpf die rollenden Wagen.

Da ereignete sich etwas Seltsames.

Ein bisher still auf seinem Platze sitzender Herr hatte sich erhoben und schritt durch den Wagen, bis dahin, wo Herr Castor und, stark verschleiert, die junge Dame, seine Tochter saß.

Es war Herr Dobson, der seinen Platz verlassen.

Er stellte sich hochaufgerichtet vor Fräulein Lizzie hin und sprach mit lauter Stimme:

„Fräulein, wir sind zehntausend Fuß unter der Erde. Ich erinnere Sie an Ihr Wort. Ich biete Ihnen meine Hand, mein Herz, mein Vermögen – wollen Sie mein Weib werden?“

Eine seltsame Pause trat ein; die Wagen rollten; rothes Fackellicht fiel von draußen schwankend in den Wagen und beleuchtete den großen Mann, der da stand. Er hatte Englisch gesprochen; es waren Engländer im Zuge, auch die andern Passagiere mußten ihn verstanden haben; denn Alle hatten sich jetzt von den Sitzen erhoben und starrten verwundert nach dem seltsamen Fremden und der jungen Dame hin, der seine Anrede galt. Athemlos lauschte man den Dingen, die sich da entwickeln würden.

Man bekam nicht viel zu hören, und die Scene fand einen so schnellen Abschluß, wie sie plötzlich und überraschend begonnen.

Die junge Dame erhob sich hastig von ihrem Platze, schlang die Arme um den vor ihr stehenden Mann und flüsterte ihm mit bebender Stimme in’s Ohr:

„Ich will Dich tausend – zehntausendmal will ich Dich!“

Plötzlich ertönte ein langgezogener Pfiff; das Tageslicht begann zu leuchten; die sonderbare Scene war vergessen; alle Passagiere stürzten an die Fenster, um den Ausgang des Riesentunnels zu sehen.

Der Zug hielt, und bevor die neugierigen Reisenden sich wieder des Abenteuers, dessen Zeugen sie eben gewesen, erinnern und nach den handelnden Personen dieses originellen Dramas ausschauen konnten, hatten diese eiligst den Wagen verlassen und ihre Plätze waren leer.

Man sah aber noch den blauen Schleier der Miß hinter dem Gerüst von der Alberga di San Gotardo in Airolo verschwinden.

Der Zug fuhr ab, weiter in’s italische Land hinein, zu Cypressen und Oelbäumen.

Herr Castor mit seiner Tochter und Herr Dobson machten einen kleinen Spaziergang.

Lizzie ging am Arme Dobson’s etwas voraus, indeß Herr Castor eifrig die Gesteinsarten hier zu untersuchen schien.

„Und Du hast die ganzen zwei Jahre daran gedacht?“ hören wir jetzt Lizzie ganz glückselig fragen.

„Von dem Moment an, als Du von den zehntausend Fuß unter der Erde sprachst, setzte ich meine Hoffnung auf diesen Augenblick und habe sehnsüchtig auf die Eröffnung der Bahnlinie gewartet.“

„Und bautest so felsenfest auf mein Wort?“ frug Lizzie weiter.

„Ich kenne Deinen Charakter und baute auf Dein Wort, weil ich fest glaubte, daß Du mich nur aus Stolz und Laune abgewiesen, da ich fast ein Wenig zu hinterwäldlerisch vorging. Das konnte Dich beleidigt haben – so überlegte ich bei mir – weil ich aber sah und fühlte, daß Du mich liebtest, so schien es mir unmöglich, daß Du mir ewig zürnen könntest – und die zwei Jahre, in welchen Du alle Freier abwiesest, haben mich in meiner Ansicht, in meinem Glauben, in meinem Vertrauen bestärkt.“

„Und so hast Du mich in meiner Pein gelassen und zwei Jahre lang aus diesen Moment gelauert?“ sprach daraus schmollend, wie jedes andere zärtliche Mädchen, Lizzie.

„Nicht gelauert – aber gewartet,“ erwiderte Dobson. „Ich glaubte bestimmt, daß, wenn ich mich Dir wieder genähert, Du mich zum zweiten Mal abgewiesen hättest, und dann wäre ich ein einsamer Mann geblieben. So hatte ich schon Dein Wort und konnte Dich beim Wort nehmen, ich wußte, daß Dein Stolz wiederum es nicht zulassen würde Dein Wort zu brechen. In der Secunde, als Du das Spottwort von den zehntausend Fuß aussprachst, stieg bei mir die Idee auf, daß dies das Mittel wäre, Dich Dir selbst abzutrotzen.“

„Du bist ein schrecklicher Mensch,“ sagte Lizzie, einen innigen Gluthblick in die Augen des neben ihr dahinschreitenden großen Mannes werfend.

„Nicht schrecklicher als Du, Mädchen. Du hast zwei Jahre mit keiner Wimper gezuckt und fortgeblickt, wenn Du mich gesehen – darauf habe ich ruhig die paar Jährchen abgewartet und Dich schmollen lassen. Du hast in der Zeit Dein Herz kennen gelernt, und ich eine Million Dollars gewonnen, sodaß wir jetzt ohne Geschäft leben können, wo wir wollen, wenn es Dir gefällt, aus Dankbarkeit gegen den Vater Gotthard, unseren zweiten Schwiegervater, sogar hier in Airolo“ – schloß Dobson mit dem ihm oft eigenen ironisch drolligen Humor.

„Nun, zuerst setzen mir doch unsere Reise nach Mailand fort,“ mischte sich jetzt Herr Castor, der mittlerweile das Paar eingeholt und die letzten Worte gehört hatte, in das Gespräch. „Ich möchte doch nicht als Dritter im Bunde diesen ganzen Sommer hier sentimental mit Euch spazieren gehen – das heißt Steine betrachten,“ fügte Herr Castor sehr heiter gestimmt hinzu.

„Natürlich, Pa,“ antworteten darauf die beiden Glücklichen lachend.

„Weißt Du übrigens,“ warf jetzt Lizzie mit ernster Miene ein, „daß dreitausend Fuß an den zehntausend fehlen. Göschenen und der Tunnel liegen gegen dreitausend Fuß über dem Meere, wie ich mich erinnere im Reisebuch gelesen zu haben. Ich habe also dreitausend Fuß noch zu gut und, wenn Du Dich nicht gut beträgst, kann ich diese als Scheidungsgrund geltend machen.“

„O, Deine Rechnung stimmt nicht,“ gab darauf lachend Dobson zurück, „ich wußte sehr wohl, daß diese dreitausend Fuß noch fehlen, aber als alter gewiegter Kaufmann habe ich sie verdienen wollen – der Handel ist abgeschlossen und unsere Rechnung quitt.“

Die amerikanische Colonie in Rom, wohin die Familie Castor mit Dobson als Verlobtem des Fräulein Lizzie einige Wochen später kam, war nicht wenig überrascht durch das fast gleichzeitige Eintreffen der Verlobungsanzeige im „Herald“ und der beiden „unglücklichen“ Liebenden, an deren Zusammenfinden sich höchst seltsame Legenden knüpften.

Was wir davon erlauscht, haben wir unsern Lesern hier mitgeteilt.



[39]

Blätter und Blüthen.

Die goldenen Fahnenringe an den sächsischen Fahnen. Auf Befehl des Königs von Sachsen wurden im Jahre 1873 die Fahnen einiger sächsischen Bataillone mit goldenen Ringen versehen, durch welche das Andenken an die bei Führung dieser Fahnen im deutsch-französischen Feldzuge 1870 auf 1871 Gefallenen und tödtlich Verwundeten verewigt werden sollte. Dieselben tragen nebst dem königlichen Namenszuge und der Jahreszahl 1873 die nachstehenden Inschriften:

1) an der Fahne des 3. Bataillons vom 2. Grenadier-Regimente Nr. 101:

„Es wurde mit dieser Fahne in der Hand am 30. August 1870 schwer verwundet und starb in Folge dessen:
Sergeant Kutzsche;“

2) an der Fahne des 2. Bataillona vom 5. Infanterie-Regimente Nr. 104:

„Es wurde mit dieser Fahne in der Hand am 18. August 1870 schwer verwundet und starb in Folge dessen:
Sergeant Böhm;“

3) an der Fahne des 1. Bataillons vom 7. Infanterie-Regimente Nr. 106:

„Es starb mit dieser Fahne in der Hand am 18. August 1870 den Heldentod:
Unterofficier Albert;“

4) an der Fahne des 1. Bataillons vom 8. Infanterie-Regimente Nr. 107:

„Beim Sturm auf St. Privat la Montagne am 18. August 1870 fielen mit dieser Fahne in der Hand:

Fahnenträger Thümmel, schwer verwundet,
Feldwebel Schumann †,
Secondelieutenant Hahn, schwer verwundet.
Hauptmann Wichmann †,
Adjutant von Götz †,
Soldat Manig, schwer verwundet,
Gefreiter Hofmann, trug sie bis in das Dorf; † 25. Oktober 1870.

Ihr Andenken sei uns heilig!
„In der Schlacht bei Sedan am 1. September 1870 wurde an dieser Fahne schwer verwundet:
Unterofficier Thörmer der 4. Comp.“

5) an der Fahne des 2. Bataillons des 8. Infanterie-Regiments Nr. 107, welche wegen Verletzungen, die der Fahnenstock im Gefecht erlitten, zwei Ringe erhalten mußte:

a. der obere Ring:
„Mit dieser Fahne in der Hand fielen am 18. August 1870 in der Schlacht bei St. Privat:
Hauptmann von Pape,
ein unermittelt gebliebener Soldat;
wurden verwundet:

Sergeant (Fahnenträger) Donner der 6. Comp.,
Feldwebel Thaßler der 5. Comp.,

b. der untere Ring:
Schlacht bei St. Privat

den 18. August 1870."

So erzählen diese Fahnenringe, bemerkt hierzu Max Dittrich, dessen vor Kurzem erschienener interessanter Broschüre „Die Feldzeichen des königlich sächsischen (zwölften) Armeecorps“ wir die obigen Inschriften entlehnt haben, in Lapidarschrift von der blutigen Feuertaufe, welche die Regimenter des zwölften Armeecorps des deutschen Heeres am 18. August 1870 in so ruhmvoller Weise, Schulter an Schulter mit der preußischen Garde, beim Sturme auf St, Privat bestanden; sie berichten weiter von dem glorreichen Ehrentage des heutigen Sachsenkönigs und damaligen Oberbefehlshabers der Maasarmee, von dem Tage von Beaumont, welcher den Kaiserfang von Sedan am 1. September vorbereitete, bei welchem nicht minder theures Blut floß um die sächsischen Feldzeichen.

Mögen dieselben allezeit ebenso hoch gehalten, ebenso tapfer und furchtlos dem Feinde entgegen getragen werden, wie vor St. Privat, Beaumont, Sedan und Paris!


Jüdische Hochzeit in Galizien. (Mit Abbildung auf S. 32 u. 33.) Das lebensvolle und figurenreiche Bild des Danziger Malers Stryowski, welches wir heute in Holzschnittreproduction unsern Lesern vorführen, bedarf wohl einiger erklärender Worte. Liegen uns doch zu fern die Sitten und die Gebräuche, in welche der Maler kühn und glücklich hineingegriffen, um ein fesselndes Gemälde zu schaffen. Es ist der religiöse Trauungsort eines galizisch-jüdischen Brautpaares, den wir vor uns haben. Als Hauptfigur des Bildes tritt uns der Bräutigam entgegen, der, entsprechend den socialen Verhältnissen seiner Landsleute, noch in sehr jugendlichem Alter sich befindet. Er wird von seinem Vater und seinem zukünftigen Schwiegervater begleitet, die nach frommer Sitte „ihr Kind“ zum Trauhimmel (Cuppah) führen. Rechts von dieser Gruppe sehen wir die Braut, welche mit dem den Jungfrauen gebührenden Schleier ihr Antlitz verhüllt. Auch sie wird, der oben erwähnten Sitte gemäß, von ihrer Mutter und von ihrer zukünftigen Schwiegermutter geführt. Für Bräutigam und Braut ist auch der Trauhimmei, ein Baldachin, bestimmt, unter dem jedes jüdische Brautpaar nach den gebräuchlichen Gesetzen getraut werden soll. Links von dem Bräutigam steht der Rabbiner mit den Ehepacten (Ketubah) in der Hand. Er führt dem jungen Paare die heiligen Pflichten, die es nun zu übernehmen hat, vor die Seele, ertheilt die von alter Zeit her gebräuchliche Einsegnung und spricht die Worte vor, welche der Bräutigam bei Ueberreichung des Trauringes an seine Braut nachsagen muß. In der Nähe der Braut streut eine behäbig aussehende Verwandte derselben Mandeln und Rosinen unter die müßig zuschauende Kinderschaar. Das ist ein symbolisches Vorzeichen des Segens, der für das junge Paar vom Himmel herab gefleht wird.

Einen Schalk sehen wir noch neben dem Rabbiner: seine Rolle wird erst bei dem Gastmahle beginnen, bei welchem der Marschelek – so wird dieser Possenreißer genannt – für die heitere Stimmung der Gäste Sorge zu tragen hat. Hierin wird er nach Kräften von den Musikanten unterstützt werden, welche im Hintergrunde des Bildes auftauchen. Doch, ist es eine offene Straße, wo diese Trauung abgehalten wird? Mit Nichten! Es ist der Vorhof der Synagoge einer kleinen galizischen Stadt, und bemerken wir noch zum Schluß, daß die Trauung darum unter offenem Himmel vollzogen wird, damit sich der biblische Spruch erfülle: „Ich will dich zahlreich machen, wie die Sterne am Himmel.“


Das Ende der „Vaucanson’schen Ente“. Von einem Freunde unseres Blattes erhalten wir aus Charkow in Rußland folgende Zuschrift: „Soeben lese ich im Jahrg. 1882, Nr. 46 Ihres Blattes (in dem Artikel über die Universität Helmstädt) eine Bemerkung über die berühmte Vaucanson’sche Ente, die sich einstmals auch in dem Besitze des Professors Beireis besunden hat. Vielleicht interessirt es Sie und die Leser Ihrer ‚Blätter und Blüthen‘, das dramatische Ende dieses alten, vielbewunderten Automaten zu erfahren.

Es war, wenn ich nicht irre, im Sommer 1879, als das Curiositätencabinet des Herrn Gaßner aus Petersburg nach Charkow übergesiedelt war und sich hier auf einem freien Platze in einer großen Bretterbude den stromartig hinwallenden Schaulustigen öffnete. Neben einer Menge von Wachsfiguren und wirklich interessanten Antiquitäten, figurirten dort der eben erfundene Phonograph und – die alte Vaucanson’sche Ente. Meine Frau und ich gingen eines Tages auch hin und hatten nun den Spaß, das alte Kunstwerk in Thätigkeit zu sehen. Die Ente stand frei auf einem Kasten, der den ganzen bewegenden Mechanismus enthielt, dessen Zugdrähte allein durch die Beine des Thieres in den Körper gelangten. Sobald der Mechanismus aufgezogen war, richtete sich die Ente auf, schlug mit den Flügeln, schnatterte, fraß Körner und trank eine Untertasse Wasser aus, schien sich auch einer gesunden Verdauung zu erfreuen; kurz, das Thierchen machte uns viel Spaß, und wir hatten durch die Freundlichkeit des Besitzers auch die Gelegenheit, die innere Einrichtung des höchst complicirten, sinnreichen Mechanismus zu bewundern.

Einige Tage darauf befanden wir uns in unserem Garten, als plötzlich meine Frau, die mit sehr feinem Geruchssin begabt ist, behauptete, es rieche in der Luft nach Spiritus und brennendem Wachse: am Ende brenne das Gaßner’sche Museum. Gleich darauf hörten wir Feuerlärm und bekamen die Nachricht, daß wirklich das ganze Gaßner’sche Raritätencabinet abgebrannt sei.

Eine Gasflamme hatte den baumwollenen Schnee einer Winterscenerie mit Wachsfiguren in Brand gesetzt und nur die in der Bude anwesenden zahlreichen Schaulustigen hatten sich retten können. Alles Andere war verbrannt. Als ich am Nachmittag die Brandstätte besuchte, fand ich nur die mit Asche und Kohlen bedeckte Erde vor. Auf dem Platze, den die Ente eingenommen hatte, lagen ein paar verbogene Zahnräder, die armseligen Ueberbleibsel ihres ruhmreichen Erdenwallens.“


Die vier Temperamente. (Mit Abbitdung S. 37.) So verschiedenartig auch die körperlichen und geistigen Eigenschaften der einzelnen Menschen erscheinen mögen, sie lassen sich doch in einige Gruppen eintheilen, welche durch eine Zahl besonderer Kennzeichen ein für sich abgeschlossenes Ganzes bilden. Schon seit uralten Zeiten versuchte man derartige Formen der menschlichen Charaktere näher zu bestimmen, und auf diese Weise entstand die Lehre von den Temperamenten. Der berühmte griechische Arzt Hippokrates theilte dieselben in vier Hauptordnungen ein, indem er das Vorhandensein des sanguinischen, cholerischen, melancholischen und phlegmatischen Temperamentes annahm. Dem Geiste der damaligen Naturkenntniß entsprechend, sollten diese vier Temperamente in dem seelischen Leben des Menschen ähnliche Grundformen darstellen, wie sie in der leblosen Natur durch die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer vertreten waren. Wir wissen heute, daß die Zahl der Elemente viel größer ist, als die Alten dachten, und selbst eine flüchtige Beobachtung der menschlichen Charaktere reicht hin, um den Glauben an die Richtigkeit der Viertheilung derselben zu erschüttern. So kam es auch, daß die Nachfolger Hippokrates’ neue Temperamente aufstellten und die Zahl derselben bedeutend erweiterten. Trotzdem blieb die alte Lehre bestehen, und heute noch spricht man im Allgemeinen von dem Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker.

Begegnen wir einem Menschen, der sich durch schlanken, zarten Körperbau auszeichnet, der eine leicht erröthende weiche Haut besitzt und dessen Nervensystem besonders erregbar ist, so nennen wir ihn einen Sanguiniker. Wir wissen, daß er bei der leisesten Einwirkung aufzubrausen pflegt, und daß diese plötzlich entstandene Erregung bei ihm ebenso rasch verschwindet. Es ist uns bekannt, daß ein solcher Charakter für Freude und Lust stets offenes Herz hat, daß er aber selbst geringfügige Widerwärtigkeiten des Lebens sehr tragisch aufnimmt und leicht [40] in Verzweiflung gerathen kann. Sanguinisch ist in der Regel das Temperament des Jugendalters.

Es gient auch Menschen, welche ebenso leicht wie die Sanguiniker in Erregung gerathen, bei denen aber die Erregung nicht so rasch vergeht, sondern andauert, bis der einmal gefaßte Vorsatz ausgeführt ist. Man nennt sie Choleriker. Solche Naturen entschließen sich schnell und handeln energisch. Großen Staatsmännern hat man oft ein cholerisches Temperament beigelegt. Die äußere Erscheinung der Choleriker zeichnet sich in der Regel durch kräftig entwickelte Musculatur aus, und körperlich schwache Menschen mit cholerischem Temperament gehören zu selteneren Ausnahmen.

Wer kennt nicht ferner eine andere Art Menschen, welche von des Lebens Freuden nur wenig angezogen werden und fast mit Vorliebe düsteren Gedanken nachhängen, Menschen, die mit der Welt und sich selbst in Zwiespalt leben, muthlos und ängstlich den Kampf aufnehmen, zu dem uns Alle das Leben herausfordert. Sie gehören in die große Classe der Melancholiker, die, ebenfalls leicht erregbar, nicht der Freude, wie die Sauguiniker, und nicht der That, wie die Choleriker, sondern der Unlust und der Grübelei sich zuwenden. An der hageren Gestalt und der blassen Gesichtsfarbe pflegt man sie äußerlich zu erkennen.

Und schließlich müssen noch jene ruhigen, kaltblütigen Menschen an die Reihe, die man in das vierte Temperament, das phlegmatische, unterzubringen pflegt. Die Eindrücke der Welt rufen in ihnen keine stürmische Erregung hervor; gemessen ertragen sie Freud und Leid, im Sturme der Erscheinungen verlieren sie nicht die innere Ruhe des Geistes, und ohne zu jauchzen und ohne zu klagen, wissen sie ruhig über das Geschehene nachzudenken. Was der Sanguiniker im Sturm erringt, was der Choleriker durch die Energie erkämpft, das erzielt der Phlegmatiker durch langsames, aber wohlüberlegtes und zielbewußtes Handeln.

Diese vier charakeristischen Typen des menschlichen Charakters hat der Maler unserer heutigen Abbildung vereint wiedergegeben. Im entscheidenden Wendepunkt des Spieles, hei dem sie sich zusammengefunden, verrathen die vier Personen deutlich ihre Natur und es wird dem Leser leicht sein, mit Zuhülfenahme des Obengesagten, das Temperament jedes einzelnen Spielers zu erkennen. Wie lebenslustig und vergnügt deckt der Sanguiniker seine Karten auf, als ob er sagen wollte: „Ich habe das Spiel gewonnen!“; wie rasch folgt auf diese Wahrnehmung die durch die erhobene Rechte angedeutete That bei dem nicht minder leicht erregbaren Choleriker, wie ruhig aber geht diese stürmische Scene an dem phlegmatischen Herrn mit der Schürze vorüber, dem der Gewinn seines Gegenüber, der hoffentlich auch sein Gewinn ist, nur ein flüchtiges Lächeln entlockt, und wie tragisch endlich nimmt das melancholische, mit der Schildmütze bedeckte Haupt des vierten Partners den Verlust auf. Da haben wir sie, wie sie im Buche stehen – die vier Temperamente!


Leon Gambetta todt! Noch wenige Tage vor der Mitternacht des 31. December erregte der Name dieses Mannes in Deutschland bei den Meisten, welche ihn nannten oder nennen hörten, ein sehr gemischtes Gefühl: es war halb Zufriedenheit mit der Kampfunfähigkeit unseres gefährlichsten Feindes, halb Neugierde, die das Dunkel zu durchdringen suchte, in welches der Ursprung seines Leidens gehüllt war, und vielleicht hier und da sogar ein Anflug von Mitleid mit dem in der blühendsten Kraft vor den Scheideweg gestellten Mann. Unser Urtheil war von seinen politischen Mißgriffen der letzten Zeit so beeinflußt, daß die lächerlichen Bilder, welche seine politischen Gegner von ihm verbreiteten, selbst in diesen seinen Leidenstagen nicht ganz für unsere Augen verblaßt waren.

Ein einziger Augenblick, ein rasch vollbrachtes, aber ewiges Augenschließen – und die gehässigen, spottenden Blätter versinken vor dem einen Bilde, das in der Ruhmeshalle von Frankreich seine Stelle gefunden hat und behaupten wird. Der Mann der Geschichte steht plötzlich wieder da, wie er in Frankreichs schlimmster Stunde den Gedanken an die Befreiung seines Vaterlandes von der siegreichen Uebermacht zu fassen vermochte und zu nicht geringer Gefahr für unsere Heere in’s Leben rief. Man hat Gambetta diese kriegerischen Rettungsversuche zum Vorwurf gemacht, weil sie mißlungen sind. In die Hand der Erfolganbeter soll aber die Geschichte kein Richteramt legen. Erinnern wir uns vor dem Grabhügel, der ihn nun bedeckt, des Urtheils, das ein berufener Gegner über Gambetta’s Thätigkeit gesprochen: Prinz Friedrich Karl. Bewunderungswürdig nannte er die Schnelligkeit und Sicherheit, mit welcher Gambetta immer neue Armeen zu schaffen vermocht, und ebenso anerkennend sprach er sich über die Feldherren aus, die der Dictator an die Spitze derselben gestellt, ja, er äußerte sogar: „Hätte man den Mann Gambetta in eine Generalsuniform gesteckt, er würde ohne Zweifel sie noch weit übertroffen haben.“ Und ein andermal, als in seiner Gegenwart geringschätzig über den Rachemann geurtheilt wurde, entgegnete er: „Wir dürfen Gott danken, daß die Franzosen nur den einen Gambetta hatten, zwei solche hätten leicht zu viel für uns werden können.“

Diese Ehrenerklärung waren wir unserem Feinde schuldig, dem übrigens die „Gartenlaube“ längst die Beachtung gewidmet, die er bei seiner zeitgenössischen Bedeutung beanspruchte; man vergl. Jahrg. 1877, S. 15; 1878, S. 15 („Der Bannerträger der französischen Republik“) mit Gambetta’s Bildniß; 1880, S. 566.

Was Gambetta für Frankreich gethan, wird auch dort seine Anerkennung finden, wenn die Zeit ruhiger Prüfung seiner Leistungen gekommen sein wird. Voran steht sein Kampf gegen das Napoleonische Kaiserthum. Noch als armer Advocat und Kaffeehausredner begann er denselben und setzte ihn in einem Augenblicke fort, wo er dadurch Das, was einem französischen Politiker am höchsten zu stehen pflegt, seine Popularität, auf das Spiel setzte: er war neben dem alten Thiers der Einzige, der in jener stürmischen Kammersitzung vom 15. Juli 1870 gegen den Krieg gesprochen und gestimmt hat, aber nicht etwa in dem Sinne des erfahrenen, das Kriegsunglück vorahnenden Thiers, sondern weil er gerade vom Gegentheil überzeugt war. In ihm stieg nicht der geringste Zweifel auf, daß der ganze Krieg nur ein Siegeslauf von Schlacht zu Schlacht, ein Triumphspaziergang nach Berlin sein werde. Das aber war es ja eben, was dieses Kaiserthum nicht erleben durfte. Wie sollte „Napoleon der Kleine“, wie er ihn nannte, beseitigt werden, wenn derselbe als Sieger, als „der Große“, nach Paris zurückkehrte? Würde ein solcher Siegereinzug nicht die letzte Hoffnung der freisinnigen Männer und vor Allem der Republikaner zu Grabe tragen?

Welcher Zwiespalt muß in dem heißen Herzen dieses Mannes getobt haben, als mit jeder Schlacht, mit jedem Tag die Waffenehre Frankreichs tiefer darniedergedrückt wurde und doch wieder mit diesen empörenden Niederlagen die Hoffnung stieg, das Kaiserreich zu verderben! Erst die Entscheidung bei Sedan erlöste ihn: er war Sieger geblieben und führte den Triumphzug der Republik von den Tuilerien zum Stadthaus an.

Da Gambetta in dem eingeschlossenen Paris nicht leben konnte, während Frankreich nur noch von seinen vom Feinde unbetretenen Provinzen aus zu retten war, so unternahm er ein Wagniß, das als eine Heldenthat zu achten ist: seine Luftballonfahrt am 7. October, die ihn ebenso rasch in den Tod stürzen, wie in deutsche Gefangenschaft bringen konnte. Das Glück war mit dem Muthigen; der Vater der Republik wurde zugleich der Vater der „nationalen Vertheidigung“; er entfaltete den Geist der Männer der großen Revolution von 1792; daß zu unserem Glück ihm ein Carnot mit seiner Feldherrenschaar fehlte, haben wir bereits ausgesprochen.

Gambetta war, gleich den Bonapartes, ein italienischer Franzose, das leidenschaftliche Blut, das den ersten Napoleon beherrschte, rollte auch in Gambetta’s Adern, der, trotz alles Hasses gegen den letzten Napoleon, alle Ruhm- und Herrschbegierde des ersten in sich trug. Und wie bei diesem ist es bei ihm geschehen, daß manche seiner Bestrebungen dem Volke zu Gute gekommen sind. An seinen gehaßtesten Feinden hatte er erkannt, daß die Tüchtigkeit einer Armee festere Zukunft nur durch bessere Volksbildung, durch gute Schulen gewinne, und so hat der Revanche-Eifer gegen die Deutschen wenigstens gute Früchte für die Nation getragen.

Wohin Gambetta’s Ehrgeiz noch geführt hätte, wenn ihm ein längeres Leben vergönnt gewesen wäre, kann nunmehr eine müßige Frage bleiben. Das Eine ist sicher: daß mit dem Manne nicht sein Geist gestorben ist, daß Gambetta’s Tod nicht unsere Friedenssicherheit bedeutet, sondern daß wir leider nach wie vor darauf angewiesen sind, unser Pulver alle Zeit trocken zu halten.

Ein wunderliches Mißgeschick ist dem Manne allzu treu geblieben: eine abbrechende Degenklinge brachte ihn um ein Auge und eine verirrte Kugel um’s Leben.

So ist wieder einer von den seltenen Männern dahingegangen, deren Geist eine ganze Nation leitete, von dessen Willen das Schicksal von Millionen abhing und der, als die hohen Wogen der Zeit fielen, allein darnach rang, oben zu bleiben. Er erlebte es nicht. Ob sein Beispiel Nachstrebenden zur Lehre dienen wird? Schwerlich! Weder Völker noch Einzelne lernen aus der Geschichte, und so wiederholen sich in Einigkeit die alten Erfahrungen.


Signal-Luftballons. Vielleicht erinnert sich noch mancher Leser der „Gartenlaube“ eines Artikels aus dem Jahrgange 1876 (Nr. 12), in welchem aus einander gesetzt wurde, wie man aus kurzen und längeren Lichtsignalen leicht ein Alphabet zusammensetzen kann, dem Strich-Punkt-Alphabet des Morse-Telegraphen vergleichbar, und wie man sich dessen im Kriege bedienen könnte, um über den Kopf der Feinde hinweg, mit den in einer Festung Eingeschlossenen sich zu verständigen. Ein sehr einfaches Hülfsmittel für diese Lichttelegraphie bietet nun eine in einen Luftballon eingeschlossene elektrische Glühlampe nach dem bekannten Edison’schen System dar, die man von jedem beliebigen Punkte aus hoch genug steigen lassen kann, um die Lichtsignale sehr weithin sichtbar zu machen. Der französische Ingenieur Mangin hat vor einiger Zeit Versuche mit einem solchen kleinen Ballon angestellt, der hundert Cubikfuß Wasserstoffgas enthielt und inmitten seiner helldurchscheinenden Wandung die am oberen Polende aufgehängte Glühlampe enthielt, welche den gesammten Ballon in einen weitsichtbaren Feuerball verwandelte. Die Schnur, an welcher der Ballon gehalten wird, ist mit zwei dünnen isolirten Kupferdrähten durchflochten und auf diese Weise kann der Ballon in dem erforderlichen Tempo zum Aufleuchten gebracht werden, um jede beliebige Nachricht in Chiffreschrift auf weite Entfernungen zu übermitteln.


Kleiner Briefkasten.

B. L. Man hat vor Kurzem die Versuche, den chinesischen Theestrauch in Europa zu acclimatisiren, wieder aufgenommen. In dem französischen Departement Loire-Inférieure haben die Pflanzen, welche man auf Camelien gepfropft hatte, selbst unter offenem Himmel einem geringen Froste widerstanden. In Sicilien, unweit von Messina, gedeihen ferner gegen 120 Theesträucher und tragen sogar Samen. Ob diese Culturen einen guten Thee liefern werden, bleibt noch abzuwarten. Kaffeebäume gedeihen bekanntlich unter Umständen sogar im südlichen Deutschland, aber die dort gewonnenen Kaffeebohnen haben herzlich wenig Werth.

A. H. in Berlin. Nicht geeignet! Verfügen Sie gefälligst über Ihr Manuscript!

P. W. in Strelitz. Sie finden die gesuchte Erzahlung im Jahrgang 1878.

G. K. in Nürnberg. Nach einer uns vorliegenden statistischen Zusammenstellung werden in der Welt jährlich gegen 950 Millionen Kilogramm Papier fabricirt. Die Druckereien verbrauchen gegen 475 Millionen Kilogramm, wovon auf die Zeitungen allein gegen 300 Millionen Kilogramm entfallen. Die Regierungen sollen ferner 100 Millionen Kilogramm Papier jährlich verbrauchen, die Schulen 90 Millionen, die Handelsleute 120 Millionen und die Privatleute gegen 90 Millionen Kilogramm. Die gesammte Papierindustrie beschäftigt im Ganzen gegen 200,000 Arbeiter.

Am. Klpr. Die von Ihnen in Vorschlag gebrachte Biographie gehört nicht in ein Volksblatt.


Redacteur: Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Manu