Die Gartenlaube (1882)/Heft 20

Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1882
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1882) 321.jpg
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[321]

No. 20.   1882.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.


Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Recht und Liebe.
Novelle von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)


In diesem Augenblicke traten die beiden jungen Herren Sergius und Damian in’s Zimmer – Fräulein Dora war schon vor einer Weile hinausgeschlüpft und hatte sie mit der Nachricht von dem, was sie gehört, bei einem tiefsinnigen Versenktsein in ein geistreiches „Sechsundsechszig“ aufgestört.

Benning ließ sich durch ihre stürmisch vorgebrachten Fragen nicht aus seinem Gedankengange bringen; er fuhr ruhig fort:

„Aber was thut der Mensch nicht, wenn es sich um solche Dinge handelt, wie hier für Fräulein Regine … und dann auch noch solche Leutchen sich hinter sie stellen, wie diese Klingholt, diese Rasse von Biedermännern …“

Hier trat Dora aufhorchend näher heran – sie dachte wohl, daß Einer aus dieser „Rasse“ sicherlich keinen Grund habe, sich hinter Fräulein Regine zu stellen.

„Und,“ setzte Benning hinzu, „wir haben uns eben verrechnet – das Fräulein Regine ist da, und wenn sie da ist, kommt sie natürlich auch, um ihr Recht zu wahren und zu behaupten. Der Doctor hat ihr gesagt: ‚mit dem alten Herrn kann’s zu Ende gehen, und geht’s zu Ende, so kommt alles darauf an, daß Sie da sind, um sofort Besitz zu ergreifen – Sie dürfen sich Niemand in der Besitzergreifung zuvorkommen lassen‘ – darauf legen die Herren Juristen einen ganz erschrecklichen Werth.“

„Gott steh uns bei!“ sagte die Generalin, indem sie ihren Ellenbogen in die linke Hand stemmte, um mit der rechten das spitze Kinn zu stützen. „Gott steh uns bei! Das ist ja zum Tollwerden – rein zum Tollwerden –“

„Um die Kränk’ zu kriegen!“ übersetzte Frau von Ramsfeld dies in’s Süddeutsche.

„Ah bah,“ sagte hier Sergius, der schon lange ein den Nagel auf den Kopf treffendes geniales Wort gesucht hatte, „der Rentmeister will Euch bange machen, Mutter. Wenn da einmal von den Horstmar’schen gültig verzichtet ist, so ist verzichtet –“

„Und das Besitzergreifen könnt’ man ihr schon legen,“ fiel hier mürrisch Damian ein. „Man jagt sie halt fort.“

„Versuchen Sie’s lieber nicht!“ warf der Rentmeister achselzuckend ein.

„Aber was ist denn zu machen, was wäre denn zu versuchen?“ fragte die Generalin. „Sie werden doch einen Rath haben, was geschehen kann?“

Der Rentmeister zuckte wieder mit einer empörenden Ruhe die Schultern.

„Ich sehe nicht ab, was geschehen könnte. Es sei denn,“ setzte er mit einer sehr wenig ehrerbietigen, spöttischen Miene hinzu, „es sei denn, einer der beiden jungen Herren wüßte über das liebenswürdige Fräulein Horstmar so viel Einfluß zu gewinnen, um sie zu bewegen, die Verzichtleistung der Mutter für sich zu wiederholen und zu bestätigen –“

„Dummer Schnack!“ sagte Damian, während Sergius die Augen aufriß und den Rentmeister wie plötzlich traumverloren anstarrte.

„Wenn sie’s wiederholt,“ rief die Generalin aus, „wenn sie die Verzichtleistung bestätigt, dann ist sie gültig?“

„Wenn sie ihr Recht fortgiebt, so hat sie keines mehr – natürlich!“ entgegnete Benning.

„Na, da wär’ uns ja geholfen,“ fuhr die Generalin aus. „so muß sie ihrer Mutter Verzichtleistung bestätigen!“

„Wird sie das?“

„Sie wird, sie muß – man wird keine Umstände mit ihr machen – mit solch einer Person, die sich hier als Krankenpflegerin einschleicht –“

„Solch einer heimtückischen Creatur,“ fiel Frau von Ramsfeld, diesmal wunderbar schnell einer und derselben Meinung mit der Generalin, ein, „die sich unter fremdem Namen vor uns versteckt, um sich dann wie die Herrin im Hause zu betragen – solch einer bürgerlichen Mamsell, die so schlecht ist, auf den Augenblick zu speculiren, wo unser armer Vetter die Augen schließt, um dann … was lachen Sie, Benning?“

„Es geht ja über die Puppen!“ kam die Generalin der Antwort Benning’s auf diese Frage der Frau von Ramsfeld zuvor – „über die Puppen! – Nur muß überlegt werden, wie ihr am besten zu imponiren ist. Wenn Sie einverstanden sind, Frau Cousine, gehen wir Alle insgesammt zu ihr, und Benning begleitet uns – wir erklären ihr energisch, daß sie nach ihrer Mutter Verzichtleistung hier nichts zu suchen hat, daß sie abziehen kann, daß wir vorher nur das alte Actenstück auch von ihr unterzeichnet zu sehen wünschen …“

„Ist die Verzichtleistung der Mutter in Ihrem Besitz?“ fragte Sergius den Rentmeister.

„Die wird im Archiv zu finden sein.“

„Nun wohl, so suchen Sie dieselbe! Noch heute schaffen Sie uns das Schriftstück!“ befahl die Generalin.

Benning nickte nur. Er hatte seine Bedenken bei dieser Art vorzugehen, die von den Damen so hitzig adoptirt wurde, aber er fand es nicht nöthig, sich zu widersetzen, da er leider keinen anderen [322] Rath zu geben wußte. Es war ja auch immerhin möglich, daß solch ein hülfloses, allein stehendes bürgerliches Fräulein sich von so siegestrunkenen adligen Damen imponiren und einschüchtern ließ … mochten sie es versuchen, ihm war es recht. Beim gnädigen Herrn fand sie schwerlich Schutz und Beistand – so viel war sicher … von den Klingholt’s, die ja auch nicht das mindeste Recht hatten, sich hineinzumischen, war keiner zur Hand … und so schwieg er, bis die Generalin ihn anrief:

„Weshalb schweigen Sie denn ganz, Benning? Sind Sie nicht einverstanden … wollen Sie feig aus dem Spiele bleiben?“

„Wenn Sie das Commando übernehmen, Frau Generalin – in Reih und Glied will ich schon eintreten. Ich werde zunächst gehen und im Archiv das nötige Document suchen – vielleicht ist es jedoch nicht gleich auf der Stelle gefunden, und bis dahin, bis wir es in Händen haben und Sie vorgehen können, empfiehlt sich allseitige Vorsicht; wenn Fräulein Horstmar eine Ahnung davon bekäme, welcher Sturm sich über ihrem Haupte sammelt, könnte sie die Flucht ergreifen … oder auch in diesen Klingholt’s sich Hülfstruppen heranziehen, die Ihnen unangenehm würden. Ich möchte also unmaßgeblichst rathen, daß die gnädigen Damen sich mit jeder Aeußerung, welche das Dienstvolk etwa aufgreifen könnte, in Acht nehmen und –“

„Na, das versteht sich,“ fiel die Generalin ein, „meine liebe Cousine wird sich ja auch zusammennehmen können, wenn es durchaus sein muß …“

„Wollen Sie damit etwa andeuten, daß mir das ‚Zusammennehmen‘ schwerer würde als – anderen Leuten?“ antwortete Frau von Ramsfeld erhitzt.

„Herrgott, zankt doch darüber nicht!“ fiel hier Damian ein; „man kann ja die Zugbrücken aufziehen, dann ist der Besorgniß der Flucht ein Ende gemacht – sie kann dann nicht hinaus, und Hülfstruppen für sie können nicht herein …“

„Wie albern, der Einfall!“ murmelte achselzuckend Sergius, aber Frau von Ramsfeld fuhr mit dem Ausruf dazwischen:

„Albern ist das gar nicht; im Gegentheil, es wird dieser kleinen Mamsell ganz gehörig imponiren …“

„Als ob es dazu solcher Anstrengungen bedürfte!“ sagte verachtungsvoll die Generalin.

Sergius aber, der einen Moment mit einem eigenthümlich leeren Blick seine Mutter anstarrte, sprang jetzt plötzlich auf, als ob irgend eine im Mechanismus seines Innern aufschnellende Feder ihn belebe.

„Es ist wahr, Damian hat Recht; es ist nebenbei ein hübscher Sport – die Zugbrücken auf!“ rief er, „das wollen wir besorgen – wie, Damian?“

„Famos feudal!“ lachte Damian.

„Aber,“ sagte hier schüchtern und wie erschrocken Dora, die bisher sich ruhig zuhörend verhalten, „aber dann kann ja auch Niemand von uns weder hinaus noch herein.“

„Ist auch nicht nöthig,“ fiel Sergius eifrig ein, „wenn Sie einen Abendspaziergang im Mondschein vorhatten, Cousine, so müssen Sie darauf verzichten.“

„Wir haben jetzt gar keinen Mondschein,“ entgegnete, die Lippen aufwerfend, Dora, „woher sollte jetzt Mondschein kommen?“

In der That, Dora wußte das sehr genau – Mondschein hatten die letzten Abende nicht mehr gebracht – so wenig wie Nachtigallenschlag!




11.

Es war Nacht geworden. Der alte Herr hatte sich mit Andreas’ Hülfe zu Bett begeben und noch lange über seinen Adoptionsplan, der eine so wunderliche und ihm ganz unerklärbare Aufnahme gefunden, nachgesonnen; dann war ihm störend die nebelhafte Gestalt des Kaisers Heinrich des Vierten dazwischen getreten, und Fräulein Bertram hatte als Mathilde von Tuscien sich aus dem Söller von Canossa vorgebeugt, um in den Burghof niederzuschauen, wo eben der büßende Kaiser sich müde an die Wand lehnte und – langsam einschlief. Er war auch eingeschlafen, der alte Herr.

Mit desto wacheren Sinnen weilte Regine in ihrem Zimmer. Sie dachte nicht an Ruhe; rastlos wandelte sie in dem ihr zum Wohnzimmer dienenden ehemaligen Spielcabinet hin und her; die Kerzen auf den alterthümlichen Porcellanleuchtern, welche zwischen den japanischen Kistchen und Schachfiguren auf dem Kaminsims standen, brannten noch immer an dieser Stelle vor dem hohen Spiegel, und in diesem tauchte von Zeit zu Zeit immer wieder das bleiche Bild des ruhelosen jungen Mädchens auf.

Sie kam sich jetzt in der still und stiller werdenden Nacht, in ihrer einsamen Verlassenheit, wie ein innerlich gebrochenes Wesen vor. Es war ihr, als ob alle die Energie, all der elastische Lebensmuth, deren sie sich bisher mit einem gewissen frohen und stolzen Selbstgefühl bewußt gewesen, dahin sei – kraftlos, morsch und in verglimmende Asche aus einander gefallen, wie die Asche eines Strohfeuers. Ihr Leben schien ihr zu Ende mit diesem schweren Schlage, mit der bitteren Erkenntniß, die heute über sie gekommen – und dazu hätte sie verzweifeln, sie hätte vor zorniger Verzweiflung aufschreien mögen, daß sie so empfinden, daß sie sich diese Empfindung mit klarster Bestimmtheit aussprechen mußte. War es denn wirklich so entsetzlich, unerhört und vernichtend, was sie erlebt? War es nicht das Loos von Tausenden von Frauen, daß ihnen Liebe gelogen wird um ihres Vermögens willen? War es nicht ein Glück, daß sie früh genug zur Erkenntniß gekommen, um frei zu bleiben? Und war es nicht verächtlich, die Demüthigung ihrer Eitelkeit, welche in dieser Entdeckung lag – freilich eine gallenbittere Demüthigung – nicht mit dem ganz wenigen Seelenstolz, der dazu gehörte, verwinden zu können? Was machte sie so grenzenlos unglücklich, was vernichtete ihr so den Lebensmuth und das Leben, was zerbrach ihr so das Herz in der Brust? Die Entdeckung, daß er, daß der Mann, den sie über alle Männer in der Welt gestellt, schlecht, gemein wie alle, daß Keinem, keinem Einzigen mehr Treu und Glauben zu schenken sei?

Nein, das war es nicht, das nicht allein! Was sie innerlich zerbrach, war die unglückselige Macht einer Leidenschaft, welche sie selber bisher in sich nicht gekannt, welche wie eine dämonische Offenbarung ihr aufging in dem Augenblicke, wo sie den Gegenstand derselben verloren – es war die Ueberzeugung, daß sie diesen doch nie, niemals werde mit ihren Gedanken verlassen, ihn nie werde vergessen und aus ihrem Lebensbuche streichen können, daß sie rettungslos, hoffnungslos sich selber verloren sei – daß ihr für immer die Zukunft vergiftet und verdorben sein werde.

Diese Leidenschaft, das Bewußtsein dieser dämonischen Macht, gegen die keine Empörung der Vernunft fruchtete, und des inneren Elends, welchem sie damit auf immer verfallen, war es, was Regine hätte Rufe zornigen Schmerzes ausstoßen lassen mögen in der lautlosen Stille, welche sie umfing.

Wie lange sie so, von Zeit zu Zeit ihre Hände ringend, dann wieder stehen bleibend, um diese heißen Hände an ihre Schläfen, auf ihre Stirn zu drücken, auf- und abgegangen – sie wußte es nicht. Sie trat jetzt an das Fenster, um die fiebernde Stirn an die kühlen Scheiben zu drücken und zu den Sternen aufzublicken, zu denen seit Jahrtausenden so viele arme verzweifelnde Menschenkinder fragend aufgeblickt haben, ohne daß die Sterne eine Antwort gaben.

Als dadurch das Geräusch ihrer eigenen Schritte verstummt war, vernahm sie andere wie langsam auf- und abwandelnde. Ueberrascht horchte sie auf. In der That, in dem Raume vor ihrem Gemache, in dem großen melancholischen Saal war es. Und schwere langsam hin- und widergehende Männerschritte ließen sich dort deutlich vernehmen. Es war seltsam – wer konnte um diese Stunde in dem Raume, der am Tage nur selten durchschritten wurde, umher gehen? War es Andreas? Oder gab es Gespenster auf Dortenbach?

Beunruhigt lauschte Regine eine Weile – dann, als das Geräusch sich gleichmäßig fortsetzte, ergriff sie einen der Leuchter auf dem Kaminsimse und schritt der Thür, die in den Saal führte, zu, um diese zu öffnen und hinaus zu leuchten.

Als sie auf die Schwelle trat, sah sie eine Männergestalt, die, sich wendend, in diesem Augenblicke ihr das Gesicht zukehrte. Auf dem Tische in der Mitte des Saales brannte ein Wachslicht in einem silbernen Handleuchter, aber es erhellte den großen Raum nur so unvollkommen und dämmernd, daß es des Lichts der von Regine jetzt hochgehobenen Kerze bedurfte, um sie erkennen zu lassen, wer es war, der sich so rasch ihr zugewandt hatte und jetzt auf sie zuschritt.

Es war Sergius von Sander.

„Verzeihen Sie, Fräulein Regine!“ sagte er mit ängstlich beklommener Stimme, „ich fürchte, mein Erscheinen erschreckt [323] Sie – es ist so spät – ich hatte auch deshalb nicht den Muth, bei Ihnen einzudringen; da ich Sie auf- und abgehen hörte, dachte ich, Sie würden mich, wenn ich hier auch auf- und abginge, schon hören und dann herauskommen –“

„Aber ich bitte Sie, Herr von Sander,“ fiel ihm Regine erstaunt in’s Wort, „was wollen Sie denn? Was wollen Sie in aller Welt hier um diese Stunde?“

„Ihnen eine Mittheilung machen – etwas ganz Unaufschiebbares – ganz Dringendes Ihnen sagen –“

„Mir? Jetzt?“

„Ihnen und jetzt, ehe noch der Morgen da ist –“

„Vorausgesetzt, daß ich Ihre unaufschiebbaren Mittheilungen anhören will.“

„Sie werden sie anhören! Sie trauen mir nicht zu, daß ich eine solche Stunde gewählt hätte, Ihnen Eröffnungen zu machen, hätte ich nicht die allerdringendsten Gründe.“

Regine sah ihn zweifelnd an, dann sagte sie:

„Nun, dann sprechen Sie rasch! Was ist es?“

„Rasch? Es wird so rasch nicht gehen, denn was ich Ihnen zu sagen habe, ist etwas – etwas sehr Wichtiges, Entscheidendes – vielleicht für unser Leben, unser Beider Leben, Entscheidendes –“

Regine trat erschrocken einen Schritt zurück.

Was sagte er, dieser Sergius? Hatte sie recht gehört? Der Leuchter in ihrer Hand zitterte so, daß sie ihn auf den Tisch neben den andern stellen mußte, aber sie zwang sich, einen festen, fast herausfordernden Ton in ihre Stimme zu legen, als sie antwortete:

„Wenn Sie nicht mit wenig Worten sagen, was Sie wollen, werde ich gehen und Sie hier stehen lassen.“

„Wie ungnädig Sie sind, Fräulein – Cousine,“ antwortete Sergius mit einem halb herablassenden, halb verlegenen Lächeln. „Nun denn mit wenig Worten: ich weiß, daß Sie nicht Regine Bertram heißen, sondern –“

„Ach,“ fiel ihm Regine auf’s Aeußerste erschrocken in’s Wort, „das wissen Sie, Sie?“

Sergius nickte überlegen lächelnd. Der zornige Schrecken, mit dem Regine das ausgerufen, gab ihm seinen ganzen Muth wieder. Daß Benning sich nicht getäuscht, sah er ja!

„Ich weiß es nicht erst seit heute, Cousine, wie die Andern; nein …“

„Also – die Andern – Ihre Verwandten,“ fiel in höchster Bitterkeit Regine ein, „wissen es ebenfalls bereits? Nun, ich sah es ja voraus; es war das, was unvermeidlich kommen mußte.“

„Seit heute wissen sie es,“ fuhr Sergius fort, „ich wußte es früher; mir sagte es ein Etwas, ein innerer Sinn schon früher; mir sagte es mein Herz, nachdem ich Sie gesehen, nachdem ich den Klang Ihrer Stimme gehört; ich sah den Adel auf Ihre Stirn geschrieben, sah den Adel aus Ihren Augen leuchten – Cousine; Sie können nicht anders, Sie müssen es wahrgenommen haben, welchen Eindruck Ihre Erscheinung auf mich gemacht hat, in welchem Bann Sie mich befangen gehalten, wenn Sie auch nicht wissen und nicht ahnen können, wie leidenschaftlicher Art die Gefühle sind, welche mich zu Ihnen ziehen.“

Regine hatte ihn angestarrt; sie hatte dann nach ihrem Leuchter gegriffen, um Sergius den Rücken zu wenden – aber es war doch zu ungeheuerlich, zu verwegen, was dieser Mensch ihr gegenüber – in dieser Stunde – wagte; sie suchte nach einem zerschmetternden Worte, um ihn fühlen zu lassen, wie empört sie war. Unterdeß hatte er, den Arm ausstreckend, um den Leuchter aus ihrem Bereich zu schieben und ihr Forteilen zu verhindern, schon weiter gesprochen:

„Sie zürnen mir, Cousine, und haben Recht, mir zu zürnen, daß ich Sie mit meiner Erklärung in dieser Weise erschrecke – aber ich durfte diese nicht aufschieben; ich war es Ihrer Sicherheit schuldig, so zu Ihnen zu sprechen und Ihnen den Weg der Rettung zu öffnen; denn Ihre Sicherheit hier ist auf’s Aeußerste bedroht; man hat sich verbündet, Sie zu überfallen, und so lange zu bedrängen, zu mißhandeln, wenn es sein muß, bis Sie den Verzicht Ihrer Mutter auf Ihre Erbrechte unterschreiben, wiederholen und auf diese Weise für immer zu entsagen schwören. Schon hat man dafür gesorgt, daß Sie sich dem nicht durch die Flucht entziehen können.“

„Ach,“ fiel hier Regine tief aufathmend ein, „man hat wohl deshalb die Zugbrücken … nein, es ist unglaublich, es ist – es wäre entsetzlich, abscheulich, wenn es nicht,“ setzte sie mit einem gezwungenen Auflachen unsäglichster Verachtung hinzu, „wenn es nicht so gründlich wahnwitzig, wenn es nicht so komisch wäre …“

„Komisch nennen Sie es? Glauben Sie mir, Sie sind im bittersten Ernste dem Aeußersten und Unerhörtesten ausgesetzt, und es giebt nur einen Weg für Sie, für uns, ihm vorzubeugen. Geben Sie mir eine Hoffnung, Cousine, ein gütiges Wort, welches mir die Erhörung meiner Leidenschaft für Sie verheißt – ich bin zufrieden mit einem einzigen gütigen, freundlichen Wort – und ich schwöre es Ihnen, kein Haar Ihres Hauptes soll Ihnen gekrümmt werden, kein beleidigender Blick nur sich zu Ihnen erheben – keine Stimme laut werden, die in Ihnen nicht die Herrin von Dortenbach verehrte.“

„Und Sie glauben – ich – ich wollte die Herrin von Dortenbach werden – um es mit meiner Hand Ihnen – um es Ihnen zu übertragen?“ rief Regine mit demselben harten Auflachen aus.

Sie hatte dem Absurden und Lächerlichen von Sergius’ Unterfangen gegenüber ihre ganze Sicherheit und ihren vollen Muth wieder gefunden, und sich kurz abwendend, ging sie dem Klingelzuge neben der Eingangsthür zu.

„Was wollen Sie thun?“ rief Sergius erschrocken, indem er von der andern Seite um den Tisch herumflog, ihr in den Weg zu treten.

„Ich will dem Bedienten läuten, damit er Ihnen leuchtet, Herr von Sander,“ versetzte sie ironisch.

„Sie werden das nicht thun – Sie werden nicht!“ rief er den Arm ausstreckend, „um’s Himmels willen nicht! Es darf Niemand ahnen –“

„Daß Sie so Ihren eigenen Kriegsplan – hinter der ‚Anderen‘ Rücken gemacht – ich kann mir’s denken, aber ich will nun einmal Andreas zu meiner Sicherheit hier haben – berühren Sie mich nicht, Herr von Sander, oder –“

Sergius hatte dennoch ihren Arm ergriffen, um sie zurückzuhalten, während er außer sich rief:

„Aber, mein Gott, so hören Sie doch – hab’ ich Ihnen denn nicht Alles gesagt? Haben Sie denn gar kein Herz, um eine Sprache zu verstehen –?“

Regine war kräftig genug, um sich frei zu machen, und nun auf’s heftigste an dem Klingelzuge zu reißen. Sergius stieß einen Fluch aus.

„Nun, so komme, was folgt, über Sie! Nun sind Sie verloren, weil Sie’s nicht anders wollen.“

Damit ergriff er hastig seinen Leuchter und stürzte davon; in der sich eben rasch öffnenden Flügelthür prallte er auf Andreas, der herbeigeeilt kam.

Dieser schaute ihm in höchster Bestürzung nach, wie er in der Dunkelheit des Corridors verschwand.

„Um Gottes willen, Fräulein Bertram,“ rief Andreas, die Nachtmütze von seinem weißen Mähnenhaar reißend, „was ist denn geschehen – was geht hier vor?“

„Es gehen sehr unwürdige Dinge vor – hier auf Dortenbach, Andreas. Aber mir geschieht Recht – weshalb bin ich hierher gekommen – hierher, wohin ich nicht gehörte, wohin ich niemals in meinem Leben den Fuß setzen wollte?! Das ist die Strafe – die verdiente Strafe. Sehen Sie zu, ob das Schloß meiner Thür sich wohl versichern läßt und zuverlässig schließt!“

Andreas sah sie höchst verwundert an, und als sie selbst sich der Thür, die zu ihrem Zimmer führte, zuwendete, folgte er ihr und untersuchte das Schloß.

„Das Schloß ist sicher – auch ein Riegel daruner angebracht,“ sagte er dann, und mit seinem halb verwunderten, halb kummervollen Gesichte zu ihr aufblickend, setzte er hinzu: „Wie bleich und verstört Sie aussehen, Fräulein Bertram!“

„Thut Fräulein Bertram das?“ erwiderte sie bitter auflachend. „Gehen Sie jetzt, Andreas! Ich hoffe, ich kann mich wenigstens auf Sie so weit verlassen, daß Sie sich meiner Sicherheit in dieser Nacht und bis ich abreisen kann, annehmen – kann ich das?“

Andreas schüttelte voll Erstaunen den Kopf.

„Abreisen?! – Aber, Fräulein, Sie werden doch nicht …“

„Es ist gut, gut – gehen Sie jetzt nur!“

Sie wandte sich von ihm, trat in ihr Wohnzimmer und schloß es ab.

Andreas stülpte sich die Schlafmütze wieder über den jetzt [324] ganz wirr gewordenen Kopf und suchte in hülfloser Bestürzung seine nahe gelegene Kammer auf.

„So mußte es kommen,“ sagte sich unterdeß Regine in ihrem Wohnzimmer wieder allein. „Diese thörichten Menschen! Spielen vielleicht auch sie eine Rolle im Plane der Intrigue? Soll, da ich die Adoption so schnöde von der Hand gewiesen, jetzt anders auf mich gewirkt werden? Will man meinen Willen, meinen Oppositionsgeist, meine Widerstandskraft aufstacheln, damit ich mich dagegen empöre, dem Zwange zu gewähren, was ich bisher frei gewollt? Mich widersetze, wo man mit Gewalt droht? Es wäre möglich – wenn es nur nicht so thöricht wäre!“

Regine war außer sich. Wie auf dem Kriegsfuße mit aller Welt fühlte sie sich. Es hatte fast etwas Erleichterndes für sie; der furchtbare Druck, der auf ihr gelastet, der tiefe Seelenschmerz bekam einen Zusatz so zorniger Empörung, daß ein gut Theil davon unterging in der unbeugsamsten Entschlossenheit.

Sie wollte gehen – fort von Dortenbach, das sie nie hätte betreten dürfen – die Menschen, unter welche sie hier gerathen, zeigten ihr ja, wie Recht sie gehabt, es nie betreten zu wollen; sie wollte fort, sobald sie vermochte – am morgigen Tage.

Und Leonhard? Leonhard wollte sie nie in ihrem Leben wiedersehen.




12.

Regine hatte die Nacht schlaflos zugebracht. Erst gegen Morgen war sie in einen unruhigen Schlummer verfallen, der, als die Sonne emporgestiegen, tiefer und fester geworden, sodaß sie erst sehr spät erwachte. Sie blickte durch’s Fenster in einen grau verhangenen Nebeltag – der Wind, der die nahen Tannen leise bog, schien zu ohnmächtig, die trübe Blässe von den Wangen der Natur zu scheuchen – er konnte wie guter Wille, der helfen möchte wider allgemeine Trübsal, nichts, als einzelnes nur noch mehr plagen.

Regine war mit ihren ersten erwachenden Gedanken sich ihres Entschlusses bewußt. Als sie sich angekleidet hatte, begann sie sofort ihre Vorbereitungen zur Abreise. Dabei wuchs ihre Erregung so, daß sie von Zeit zu Zeit sich setzen mußte, um dem Andrang ihrer Gedanken nachzugeben, den Sturm sich beschwichtigen zu lassen, der in ihrem Innern tobte. Sie setzte sich dann an’s Fenster und starrte hinaus, starrte – sie wußte nicht auf was, noch wie lange. So entfloh die Zeit. Sie vernahm ein lautes Pochen an der Thür des vorderen Raumes, ihres Wohnzimmers. Sie ging, zu öffnen.

Es war Andreas, der besorgt eintrat.

„Fräulein Bertram, ich war besorgt um Sie,“ sagte er. „Sie erscheinen gar nicht, obwohl der Morgen vorgerückt ist. … Ich habe Ihr Frühstück längst auf den Tisch im Saale gestellt. Aber Sie haben gewiß nicht gehört, daß ich dabei anpochte. Jetzt, wo ich es wegräumen will, seh’ ich, daß es ganz kalt geworden. Soll ich frisches bestellen?“

„Lassen Sie das, Andreas! Auch das kalte genügt mir. Und – ich will, wenn ich etwas zu mir genommen, abreisen, Andreas –“

„Sie wollen abreisen – wollen wirklich gehen – für immer?! Unmöglich!“

„Ich will fort – noch am Vormittage, Andreas. Ich habe gepackt und bin entschlossen. Sie werden mir einen Wagen besorgen – sobald wie möglich! Einen Wagen bis zur nächsten Station der Eisenbahn.“

Andreas schlug die Hände zusammen.

„Das jagt mir einen Schrecken in die Glieder – ich kann es Ihnen gar nicht sagen: wie! Meinem alten Herrn melde ich das nicht. Das thu ich ihm nicht an. Dazu bringen mich nicht vier Pferde. Denn das müssen Sie wissen – die Alteration, die er davon haben wird –“

„Ich verlange nicht, daß Sie es ihm sagen, Andreas,“ unterbrach ihn Regine. „Ich werde ihm selber sagen, weshalb ich gehe. Besorgen Sie mir eiligst den Wagen! Sobald wie möglich!“

Andreas sah sie noch einen Augenblick mit einem Ausdruck rührenden Flehens an; dann schlich er gedrückt und in seinen Bart murmelnd davon.

„Treue, alte Seele!“ flüsterte Regine vor sich hin, „der beste Mensch in diesem Hause ist der niedrigste, der Lakai.“

Sie trat in den Saal und setzte sich, um ein wenig Nahrung zu sich zu nehmen, aber kaum hatte sie damit geendet, als behutsam die Flügelthür vom Corridor her geöffnet wurde.

Es war Dora’s Kopf, der ein wenig ängstlich, ein wenig bleich hereinschaute und dem mit schüchterner Langsamkeit Dora’s schlanke kleine Gestalt folgte.

„Fräulein Regine – Fräulein Cousine …“ sagte sie furchtsam aufathmend, „darf ich? Ich möchte Ihnen so gern, so sehr gern einige Worte sagen.“

„Sie, Fräulein Dora … mir?“

„Ja, sehen Sie, Fräulein Regine; es hängt so viel, so grausam viel von … von meinem ganzen Lebensglück davon ab …“

„Daß Sie mir einige Worte sagen? So kommen Sie mit mir in mein Zimmer!“

Sie ging vorauf; Dora folgte ihr.


(Fortsetzung folgt.)




Die Gotthardbahn.

In wenigen Tagen wird die Gotthardbahn, jenes Riesenunternehmen, an welchem nahezu ein volles Jahrzehnt gearbeitet worden, dem Verkehr übergeben werden. Im Norden wie im Süden der Alpen ist schon Alles gerüstet, um den bisher durch natürliche Schranken gehemmten directen Verkehr sofort in diese Bahnlinie einzulenken, welche wie kaum irgend eine andere die Bezeichnung einer internationalen verdient. Ostfrankreich und Westdeutschland, Luxemburg, Belgien, Holland und auch England warten nur auf den Augenblick, wo die ersten Güterzüge von Luzern aus unter dem Schnee der Alpen hinweg nach der sonnigen Po-Ebene dampfen werden, um ihre Handelsartikel, ihre Kohlen, ihr Eisen, ihre Industrieproducte zu versenden; denn durch den St. Gotthard hindurch führt die directeste Straße nach Italien, dem Mittelmeer und der Levante. In das viele Hunderttausende von Meilen umfassende Schienennetz der Erde ist somit ein neues wichtiges Glied eingefügt, dessen Mangel bisher schwer genug empfunden worden; was aus der Thatkraft der Unternehmer, dem Schweiße und Blute der Arbeiter in jahrzehntelanger mühsamer Arbeit geschaffen, wird zum Gewinn für ganz Europa.

Vor etwa zehn Jahren war es, als das Unternehmen in Angriff genommen wurde. Langwierige Verhandlungen unter den dabei interessirten Staaten waren vorhergegangen; bereits 1841 war in der Schweiz der Gedanke an eine Ueberschienung der Alpen aufgetaucht, aber Sonderinteressen ließen die Cantone zu einem einmüthigen Vorgehen nicht kommen, und so mußten sie es mit ansehen, wie die Eisenbahn über den Brennerpaß ausgebaut und später auch eine solche über den Mont Cenis in Angriff genommen wurde. Dadurch wurden die ihrer Mehrzahl nach nördlich der Alpen liegenden schweizerischen Cantone immer mehr und mehr geschädigt; denn wenn auch hier eine große Zahl fahrbarer und gut unterhaltener Straßen über die Alpenkämme führten, so wurde der internationale Verkehr doch immer mehr und mehr nach rechts und links hin abgelenkt.

Die Transporte durchgehender Güter hatten bereits mit dem Jahre 1867, wo die Brennerbahn fertig geworden war, erheblich abgenommen und mußten noch weiter zurückgehen, sobald die Mont-Cenisbahn dem Verkehr übergeben war, was mit dem Jahre 1872 zu erwarten stand. Aber auch über noch weiter abgelegene Bahnen fand der durchgehende Verkehr bereits seinen Weg; die alten Alpenstraßen wurden verlassen, und einzelne Cantone, welche bisher mitten inne im Verkehr gelegen, lagen nun abseits und verloren von Jahr zu Jahr an Bedeutung.

Unter dem Drucke dieser Verhältnisse machte sich deshalb in der Schweiz eine Stimmung fühlbar, welche jede Alpenüberschienung willkommen hieß, wenn nur deren Ausführung in nahe Aussicht gestellt werden konnte. Unzählige Projecte waren inzwischen im Laufe der Jahrzehnte für die Ueberschreitung der Alpen mittelst eines Schienenwegs ausgearbeitet worden. Außer dem Gotthardpaß

[325]
Die Gartenlaube (1882) b 325.jpg

Ansichten von der Gotthardbahn: Uebersetzung des Rohrbachs bei Wattingen.
Originalzeichnung von J. Nieriker.

[326] waren dazu namentlich der Splügen, der Septimer, der Simplon und der Lukmanier in Aussicht genommen worden, aber alle diese Pässe lagen nicht günstig genug, um auch in vollem Maße das internationale Interesse zu befriedigen. Für dieses kam es darauf an, einen Paß zu wählen, welcher namentlich die noch mangelnde directe Verbindung der westlichen Theile Deutschlands mit Italien ermöglichte, der also etwa in der Luftlinie zwischen dem Rheinthale und Mailand lag. Dazu konnte sich schlechterdings keine andere Linie als diejenige über den St. Gotthard eignen. Eine damals zusammenberufene italienische Sachverständigencommission hatte sich einhellig für den St. Gotthard entschieden, und dies wurde auch für Deutschland oder vielmehr für den Norddeutschen Bund, Baden und Württemberg (denn diese Verhandlungen stammen noch aus den Jahren vor 1871) entscheidend. Eine von diesen Staaten unter gleichzeitiger Betheiligung von Italien und der Schweiz im Juli 1869 zu Luzern abgehaltene Conferenz ging über alle anderen vorgelegten Projecte hinweg und wählte das Eisenbahnnetz, welches die Gotthardlinie zur Stammlinie hatte, setzte auch sogleich die Kosten für den Ausbau desselben auf 187 Millionen Franken fest, normirte die Subventionen und entwarf die Statuten für die zu gründende Gotthardbahngesellschaft. Um die Integrität der Schweiz zu wahren, hielt man es nämlich für ausgeschlossen, eine internationale Bauverwaltung einzusetzen, sondern beschloß, die Subventionen der betheiligten Staaten, die insgesammt auf 85 Millionen Franken bemessen wurden, einer Actiengesellschaft zu überlassen, welche unter die Aufsicht des schweizerischen Bundesrathes gestellt würde.

Diese Stammlinie des Gotthardbahnnetzes ist 175 Kilometer lang; sie beginnt in Immensee am Zugersee, geht von hier aus am Fuße des Rigi entlang nach Goldau, alsdann über Seewen am Lowerzersee nach Brunnen, weiter dicht am Ufer des Vierwaldstättersees entlang nach Flüelen, wo sie in das Thal der Reuß einmündet, verfolgt dieses nunmehr beharrlich bis Göschenen und durchbohrt hier den St. Gotthard, um im Süden desselben, bei Airolo, im Thale des Tessin zu münden, welches sie bis Bellinzona nicht verläßt. Hier schließen sich an die Stammlinie zwei Linien an: die Monte-Cenere-Linie, welche, den transalpinen Canton Tessin in dessen größter Längenausdehnung durchschneidend, über Lugano nach der Grenzstation Chiasso geht und sich hier mit der von Como nach Mailand führenden Bahn vereinigt, und ferner die Linie über Magadino nach den italienischen Grenzbahnen hin, welche Anschluß mit Genua haben. Im Norden mündet bei Immensee eine Zweiglinie, die von Luzern, bei Goldau eine solche, die von Zug kommt.

Dies sind die Eisenbahnlinien, welche man unter dem Namen „Gotthardbahnnetz“ zusammenzufassen pflegt. Die eigentliche internationale Linie ist die Strecke Luzern-Mailand, durch welche die großen Industriegebiete des nordwestlichen Deutschlands auf dem kürzesten Wege mit der Po-Ebene verbunden werden. In dieser Strecke liegt auch der große Tunnel. Zieht man eine gerade Linie zwischen Luzern und Mailand, so geht dieselbe genau über den St. Gotthard; von dieser Luftlinie weicht die Eisenbahnstrecke allerdings bedeutend ab; denn während erstere hundertneunzig Kilometer lang ist, beträgt die Länge der letzteren zweihundertsiebenzig Kilometer.

Von großem Einfluß auf die Wahl des St. Gotthard war neben der geographischen Lage zu den betheiligten Ländern auch die natürliche Beschaffenheit des Alpenpasses; von allen Pässen ist er der einfachste und großartigste natürlichste Durchschnitt der Alpen, gleichsam eine von Brunnen aus ununterbrochene, tiefe Furche, die eine große Anzahl von Längsketten kräftig durchschneidet, sich fast in gerader Linie vorwärts zieht und das Alpengebirge in zwei unverbundene Hälften theilt. Strahlenförmig gehen von ihm mächtige Thäler aus, die dicht bis an seinen Stock herantreten.

Wie bereits erwähnt, sind es die Thäler der Reuß und des Tessin, welchen die Bahnlinie folgt. Dieselbe wechselt nur in der Wahl des Ufers; bald befindet sie sich rechts, bald links vom Flusse, hier über ihm, dort unter ihm; bald tritt sie in die Thalränder ein und klimmt in kunstvollen Aufwickelungen hinan, sodaß an manchen Stellen die einzelnen Bahnstrecken in drei verschiedenen Höhen über einander liegen.

Drei Stellen sind es namentlich, welche in dieser Beziehung das höchste Interesse jedes Reisenden erregen müssen; sie liegen bei Wasen, einer Ortschaft nördlich des Tunnels, sowie bei Prato und Giornico südlich desselben. An diesen drei Punkten ist das Gefälle der Thäler ein allzu starkes, als daß ihm die Bahnlinie mit dem ihrigen auf bisher gebräuchliche Arten folgen könnte. Sonst suchte der Erbauer von Gebirgsbahnen sich in ähnlichem Terrain dadurch zu helfen, daß er die Linie ein Seitenthal einschlagen, hier allmählich in die Höhe steigen und erst alsdann wieder in das Hauptthal zurückkehren ließ. Aber derartige Seitenthäler sind hier nicht vorhanden; senkrecht steht hier der Fels an den Flußufern und die hier einmündenden Bäche stürzen als Wasserfälle in die Thäler der Reuß und des Tessin hinab. Da kam man auf den genialen Ausweg, in diese Wände selbst hineinzudringen und mittelst kreisrund angelegter Tunnels sich in die Höhe zu winden. Somit tritt die Bahnlinie fast an demselben Punkte des Thales wieder aus dem Bergesinnern heraus, wo sie hineingetreten ist, nur hoch über der alten Höhenlage. Drei solche „Kehrtunnel“, wie derartige Anlagen genannt werden, vermitteln den Aufstieg in der Thalstufe der Reuß bei Wasen; am Pfaffensprung, kurz nach Verlassen des hier liegenden Bahnhofes, bohrt sich die Linie mittelst eines Tunnels rechts in die Thalwand ein, beschreibt einen Kreis, indem sie zugleich stark ansteigt, und tritt über dem Mundloche des Tunnels wieder an’s Licht. Jetzt verfolgt sie eine kurze Strecke das linke Ufer des Flusses, überschreitet denselben im Dorfe Wasen selbst und bohrt sich wieder in die Felswände des rechten Ufers ein, einen zweiten Kehrtunnel passirend. Am Austritte liegt der Bahnhof Wasen, eine kurze horizontale Strecke, ein Ruhepunkt für neues Steigen! Denn nachdem die Linie mittelst einer Brücke wiederum das linke Ufer des Flusses gewonnen, läuft sie hier immer der jenseitigen Strecke parallel in dem Thale weit zurück, hierbei fortwährend stark ansteigend, und tritt endlich in einen dritten Kehrtunnel ein.

Nachdem sie diesen verlassen, verfolgt sie noch einmal die schon zweimal eingeschlagene Thalrichtung, sodaß hier, wenige hundert Meter von einander entfernt, drei scheinbar von einander unabhängige Bahnstrecken neben einander herlaufen. Auf diese Weise gelang es jedoch den Erbauern der Bahn, auf einer Strecke von nur etwa drei Kilometer hundertzwanzig Meter zu steigen, wozu sie sonst bei dem durchschnittlichen Gefälle der Hochgebirgstheile der Gotthardbahn von 1:40 eine Thalentwickelung von nahezu der doppelten Länge gebraucht haben würden.

Aehnlich liegt die Sache bei den beiden Kehrtunnelanlagen südlich des Gotthard. Auch der Tessin zeigt als Unterbrechungen seines im Allgemeinen gleichmäßigen Gefälles zwei Thalstufen, das heißt Stellen, wo das Gefälle ein außerordentlich großes ist und der Fluß sich in eine Folge von Wasserfällen auflöst. Auch diese Thalstufen, welche, wie bereits erwähnt, bei Prato und Giornico liegen, sind mit Hülfe von Kehrtunnels durch die hier in starkem Gefälle abwärts eilende Bahnstrecke überwunden worden; hier sind jedoch in beiden Fällen nur je zwei Kehrtunnels vorhanden, und zwar liegen dieselben bei Prato verhältnißmäßig weit von einander ab, bei Giornico dagegen folgen sie einander auf dem Fuße, sodaß man vier Tunnelmundlöcher auf einem und demselben, nämlich dem linken, Ufer des Tessin über und dicht neben einander erblicken kann, wenn man den Weg auf der alten Poststraße nimmt.

Fast möchte man überhaupt allen Reisenden, welche die Gotthardbahn als Sehenswürdigkeit in Augenschein nehmen wollen, rathen, dieselbe nicht zu benutzen, sondern die alte Poststraße einzuschlagen. Im Allgemeinen verfolgen beide denselben Weg; stets hat man von dem Wagen aus die Bahnstrecke neben sich, manchmal in schwindelnder Höhe über sich, manchmal wieder in kaum erreichbarer Tiefe unter sich. Nicht von dem Eisenbahnwagen, sondern erst von der Landstraße aus tritt dem Reisenden in unzerstücktem Bilde die ganze Kühnheit der Erbauer vor Augen. Anscheinend dünne und zerbrechliche Pfeiler steht man aus schäumendem Gebirgswasser sich erheben; zierliches Eisenwerk überspannt weite Thalöffnungen; wie Spielzeug erscheint dies Alles in dieser Welt des Riesenhaften, aber unbeirrt sieht man zugleich die Strecke ihren Weg immer höher und höher hinauf verfolgen, dort eine Schlucht überspringend, hier einem trotzig vorspringenden Felsen sich biegsam um den Nacken schmiegend, plötzlich in dunkler Bergestiefe verschwindend, oder irgendwo anders, darüber oder darunter, siegreich wieder heraustretend. Gewiß, so reizvoll das Bild jener beiden Thäler bisher war – durch die Gotthardbahn ist es nur noch reizvoller geworden.

Unsere diesen Artikel begleitenden Abbildungen, welche die Uebersetzung des Rohrbachs bei Wattingen (unweit der erwähnten Kehrtunnelentwickelung bei Station Wasen), die Eisenbahnbrücke über [327] die Göschener Reuß und die Uebersetzung der Bahn über den Ticino darstellen, geben eine Ahnung von dem Reiz, welchen die schöpferische Hand der Erbauer der Gotthardbahn den Thälern der Reuß und des Tessin hinzugefügt hat.

Einen weiteren Anziehungspunkt der Strecke bildet der St. Gotthardtunnel selbst, der „große Tunnel“, wie er während der langen Bauzeit immer genannt wurde. Er bildet die Krönung dieses Meisterwerkes einer Bahnstrecke. Die ganze, geradezu raffinirt geschickte Entwickelung der letzteren, die geistreichen Vorkehrungen gegen Ueberschwemmungen, Verschneeungen und Lawinenstürze, wie sie aller Orten getroffen wurden – all dies mag meisterhaft erdacht und ausgeführt sein, wirklich einzig aber steht bis jetzt die erfolgreiche, fast durchweg programmmäßig vollzogene Bohrung des Gotthardtunnels da.

(Schluß folgt.)




Die Allgemeine deutsche Ausstellung für Gesundheitspflege und Rettungswesen in Berlin 1882.
Nr. 1. Zur Eröffnung.

Alphons Oppenheim, jener hervorragende Chemiker, von dem die Hygiene noch viel erwarten durfte, als er ihr in der Blüthe der Jahre durch eine jähe Katastrophe entrissen wurde, machte bei seiner Besprechung der internationalen Ausstellung für Gesundheitspflege und Rettungswesen zu Brüssel mit Recht darauf aufmerksam, daß fünfundzwanzig Jahre, nachdem die Idee der internationalen Ausstellung in London sich die Welt erobert hatte, nach und nach dem damaligen Enthusiasmus eine sehr kühle und skeptische Auffassung gefolgt war. Die finanziellen Resultate der allgemeinen Weltausstellungen sanken von einer zur andern, ebenso die Hoffnungen der Aussteller, sowie die Zahl der Besucher und leider auch die Genügsamkeit der letzteren. Unerhörte Anstrengungen brachten 1867 in Paris, 1873 in Wien und 1876 in Philadelphia nur halbe Erfolge, und auch der zweiten allgemeinen Ausstellung in Paris kann man trotz ihres Glanzes nachsagen, daß sie zu früh kam.

Mit gesättigter Befriedigung legte man in den weitesten Kreisen die Idee der allgemeinen Ausstellungen fast zu den Todten und wenn auch jetzt wiederum eine solche für Rom in Aussicht genommen ist, so spricht doch gerade der Zweifel, welcher diesem Plane entgegentritt, von Neuem für die Richtigkeit der von Oppenheim vertretenen Auffassung.

Indessen gerade England, von welchem die ganze Bewegung ausgegangen war, eröffnete durch eine folgenreiche Abänderung der Idee der Ausstellungen für diese eine neue Bahn, indem es statt der universellen partielle Ausstellungen einführte: Durch die internationale Ausstellung wissenschaftlicher Instrumente in London hat sich England auf diesem Gebiete einen neuen Ruhmeskranz erworben und gleichzeitig, ohne es zu wollen, Deutschland Gelegenheit gegeben, einen fast unbestrittenen Sieg gerade auf demjenigen Felde der Industrie zu erringen, auf welchem Wissenschaft und Technik in gemeinsamer Arbeit ihre größten Triumphe feiern. War schon diese Ausstellung idealen Interessen dienstbar gemacht worden, wie unser großer Chemiker A. W. Hofmann in seinem Berichte so überzeugend darlegt, so galt dies in noch viel höherem Grade von der internationalen Ausstellung für Gesundheitspflege und Rettungswesen zu Brüssel.

„Alles zusammenzustellen, was zur Errettung aus Gefahr, zur Erhaltung und Verlängerung des Lebens beiträgt,“ sagt Oppenheim, „war eine durchaus neue humane Bestrebung, auf diesem Gebiete zum internationalen Wettkampf aufzufordern, eine Beförderung der edelsten menschlichen Triebe.“ Und die Hoffnungen der Gründer dieser Ausstellungen wurden nicht getäuscht. Allerdings überschritten die Ausgaben etwas die Einnahmen; „aber“ – so hob General Renard, der verdienstvolle Präses des Comités, hervor – „für den Preis eines kleinen Deficits hat die Ausstellungsgesellschaft vollbracht, was unser König eine gute That genannt hat und was die fremden Besucher als ein Werk ansehen, das nicht untergehen, sondern der menschlichen Gesellschaft neue Bahnen eröffnen wird.“ Schwerlich hat General Renard geahnt, daß fünf Jahre nach seiner Rede in Deutschland eine denselben idealen Zwecken gewidmete Ausstellung in überraschender Schnelle erstehen werde, gewiß eine der schönsten Früchte ihrer Vorgängerin in Brüssel.

Viele Momente trafen zusammen, um den Gedanken einer Ausstellung für Gesundheitspflege und Rettungswesen auf deutschem Boden, sofort, nachdem er in engeren Kreisen zur Erörterung gekommen war, immer festere Wurzeln fassen zu lassen. Die Zeit des Milliardensegens mit ihren schwindelhaften Unternehmungen war endlich vorüber; verhängnißvolle Katastrophen begleiteten ihren Abschluß, und nun der Rausch vergangen, wurden die Folgen dieser unheilvollen Periode immer deutlicher. Als solche charakterisirten einsichtsvolle Kenner unserer Verhältnisse die Abwendung des arbeitenden Volkes und vor Allem der Industrie von der soliden Arbeit, auf die Deutschland mit Recht einst so stolz war. Aber auch der ideale Zug, welcher unser Volk immer ausgezeichnet hat, schien verschwunden zu sein; die überhastende Jagd nach dem Glück hatte keine Zeit für eine Thätigkeit, deren Früchte nicht sofort gepflückt werden konnten. Es dauerte aber nicht lange, dis „das deutsche Volk bei der Arbeit“ sich wieder auf sich selbst besann. Reuleaux rief von jenseit des Oceans, aus Philadelphia, das scharfe Wort herüber: „billig und schlecht“, das wie ein Blitzstrahl die Situation beleuchtete.

Die zum Theil leidenschaftliche Opposition gegen die allgemeine Berechtigung dieser Verurteilung erwies zum Glück, daß während der Jahre des Schwindels ein unzerstörbarer Kern geblieben war, verdeckt durch allerlei schimmernde Nichtigkeiten, aber jetzt, Dank der schneidenden Kritik eines der erfahrensten Sachkenner, sich neu und kräftig entfaltend.

Die schon erwähnte Ausstellung von wissenschaftlichen Instrumenten in South Kensington hatte die Bewunderung der deutschen Leistungen selbst den fremden Concurrenten abgezwungen. Zahlreiche locale Ausstellungen wurden alsdann in verschiedenen Staaten und Provinzen des deutschen Reichs zusammen in’s Leben gerufen und hatten fast ausnahmslos einen äußeren, durchweg aber einen inneren Erfolg. Fast ohne Unterstützung des Staates, mit Unglauben empfangen, bewies die Berliner Gewerbe-Ausstellung eine so große Blüthe der Industrie, der Technik und des Kunstgewerbes, daß für die Reichshauptstadt das Reuleaux’sche Wort keine Geltung mehr besaß. Ganz im Sinne der von England überkommenen partiellen internationalen Ausstellungen schloß sich als dritte derselben die Fischerei-Ausstellung an, deren glänzender Erfolg noch in unser Aller Erinnerung ist.

Wenn auch ohne einen internationalen Charakter, so doch an Bedeutung den drei Vorgängerinnen nicht nachstehend, tritt nunmehr eine allgemeine deutsche Ausstellung, die das ganze Gebiet der Hygiene und des Rettungswesens umfaßt, in’s Leben.

Zweifellos sind auf den Plan dieser Ausstellung zu nicht geringem Theile die Resultate materieller und idealer Natur, deren sich die letztgenannten beiden Ausstellungen rühmen durften, von Einfluß gewesen, aber zur Erkenntniß ihrer Entstehung ist es nothwendig, noch ein wenig zurückzugehen und der Entwickelung der öffentlichen Gesundheitspflege in Deutschlabd während der letzten Jahre kurz zu gedenken.

Wie schon Finkelnburg hervorhob, richteten sich seit dem Erwachen des öffentlichen Interesses für die Pflege der Volksgesundheit die Blicke nicht nur der Sachverständigen, sondern auch der für die vorhandenen Aufgaben begeisterten Laien vornehmlich auf England, als dasjenige Land, in welchem sich die öffentliche Gesundheitspflege der vorgeschrittensten Fürsorge und der nachweisbarsten Erfolge rühmen durfte.

Seit dieser Zeit ist eine Wandlung unverkennbar. Wohl fehlte es den schönen Keimen von 1848, die trotz der Stürme der Revolution eine gesunde Entwickelung versprachen, in den Jahren einer ideenlosen Reaction bei uns an Luft und Licht, sobald aber die Zeit eintrat, in der die Staatslenker vorschauend und klug genug waren, die wirklichen Errungenschaften jener Tage in ihre Politik aufzunehmen, begann auch für die Gesundheitspflege im deutschen Lande eine neue Periode unablässigen Schaffens. Es war ein Glück für die noch junge Disciplin, daß die deutsche Wissenschaft ihr mit

[328] einer Energie und einer Einsicht vorgearbeitet hatte, wie kein anderes Land sich solcher rühmen kann. Ohne zahlreichen anderen Forschern zu nahe zu treten, unter denen an erster Stelle auch wieder Rudolf Virchow zu nennen ist, muß vor allem verwiesen werden auf die Münchener Schule, die durch den gefeierten Namen Max von Pettenkofer’s bezeichnet wird. Wie es oft anderwärts geschah, so hat auch hier eine große Weltseuche, wenn auch nicht die Veranlassung zu diesen Studien, so doch die dauernde Anregung zu ihrer immer größeren Vertiefung gegeben.

Nicht anders war es in England, wo die Cholera ebenfalls durch die zahllosen Opfer, die sie forderte, die Vorurteile, welche der Gesundheitspflege noch entgegenstanden, besiegen half. Das ganze englische Volk nahm Theil an dieser Bewegung und zwang von Etappe zu Etappe die regierenden Classen, den Forderungen der Hygiene gerecht zu werden. Nicht so leicht gestalteten sich die Dinge in Deutschland. Der maßgebende Einfluß des Volkes selbst und seiner Vertreter fehlte, und die Zersplitterung Deutschlands machte ein Vorgehen nach einheitlichem Plane unmöglich. Als sich aber im Laufe der Zeit die politischen Verhältnisse änderten, die Allweisheit der Bureaukratie aufgehört hatte, allein Recht zu behalten, und die Sorge für die Gesundheit besonders auch um deswillen immer mehr als eine der wichtigsten Aufgaben des Staates anerkannt wurde, weil durch die Fortschritte der Industrie mit ihren Anhäufungen von Arbeitern in großen Centren auch die sanitären Nachtheile immer mehr in Sicht kamen, da mußten die Regierungen Hand anlegen, um diese Zustände zu bessern. Da fanden sie aber – zur Ehre der deutschen Wissenschaft sei es gesagt – den Boden ihrer Thätigkeit durch eine Fülle der mühsamsten und zum Theil genialsten Untersuchungen bereit, wie in keinem anderen Lande. Daraufhin konnten die Staatsbehörden, wie vor Allem die großen Communen die Arbeiten beginnen und durchführen, welche die Reinheit der Luft und des Bodens bezwecken.

Bei dieser Arbeit, die sich zum Theil, wie die gewaltigen Canalisations- und Wasserwerke unserer Städte, denen des alten Rom an die Seite stellen kann, standen neben wissenschaftlichen Förderern zahlreiche, auf dem Gebiete der Gesundheitspflege erfahrene Sachverständige, unter ihnen vor Allem die Aerzte, den Behörden zur Seite. Die altehrwürdige Vereinigung der deutschen Naturforscher und Aerzte nahm, wenn auch nicht ohne Widerstreben, die Hygiene in einer besonderen Section in sich auf, von welcher weithin reichende Anregungen abgegangen sind. Jemehr indeß die wirkliche Einsicht auf dem Gebiete der Gesundheitspflege wuchs, umsomehr erkannte man, daß die Förderung derselben unmöglich sei, wenn nicht neben den Naturwissenschaften und der Medicin auch die Technik und die Verwaltungskunst sich an dem Werke beteiligten. Auf solche Erwägungen hin bildete sich der „deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege“, der bei seinem Entstehen sogleich in den Besitz eines vortrefflichen Organes kam, das von dem hochverdienten, unermüdlichen Frankfurter Arzt Georg Varrentrap unter dem Titel „Deutsche Vierteljahrschrift für öffentliche Gesundheitspflege“ in’s Leben gerufen war. Jahr für Jahr hat der deutsche Verein in seinen Versammlungen die wichtigsten Fragen der Gesundheitspflege discutirt und einen merkbaren Einfluß auf die regierenden Kreise, einen viel größeren aber auf die Klärung der allgemeinen Meinung ausgeübt.

Neben ihm entstand vor wenigen Jahren der „Deutsche Verein für Gesundheitstechnik“, nach der Ansicht des Verfassers dieser Zeilen mehr durch äußere Veranlassung und äußere Gründe als in Folge einer inneren Nothwendigkeit. Die Gesundheitstechnik ist nur einer, wenn auch einer der wichtigsten Zweige der Hygiene überhaupt, und so war es natürlich, daß beide Vereine sofort durch gleichzeitiges Tagen ihre Zusammengehörigkeit erwiesen.

Es geschah dies im Jahre 1880 in Hamburg, und es wurde damals in dem Vereine für Gesundheitstechnik die Frage angeregt, ob es nicht zweckmäßig erscheine, eine Ausstellung für das gesammte Gebiet der Hygiene in’s Leben zu rufen, und wohl mehr in dem Sinne bejahend entschieden, daß man wesentlich an eine Ausstellung dessen dachte, was die deutsche Technik auf dem Gebiete der Gesundheitspflege geleistet habe. Der Verein setzte sich sofort mit dem gleichzeitig in Hamburg tagenden Vereine für öffentliche Gesundheitspflege in Verbindung, durch dessen Mitwirkung der Plan von Anfang an erweitert und vertieft wurde, indem an der Seite der Gesundheitstechnik auch die, wenn man will, idealere Seite der Gesundheitspflege einen nicht minder maßgebenden Einfluß erlangte.

Zur weiteren Durchführung des Planes wählte jeder der beiden Vereine zehn von seinen in Berlin wohnenden Mitgliedern, und diese traten zu einem provisorischen Comité zusammen, aus dem sich alsdann nach und nach die ganze Organisation entwickelte. Die Männer des provisorischen Comités waren sich wohl bewußt, wie schwierig die ihnen gestellte Aufgabe, wie groß ihre eigene Verantwortlichkeit sei, wenn auch die internationale Ausstellung in Brüssel bewiesen hatte, daß Deutschland mit seinem Wissen und Können auf dem Gebiete der Gesundheitspflege und des Rettungswesens schon damals in erster Linie stand; ihm wurde dort nämlich die relativ größte Zahl der Preise erteilt.[1] Das provisorische Comité konnte daher in seinem Programm mit Recht darauf hinweisen, daß besonders auch die Leistungen der Gesundheitstechniker auf der Brüsseler Ausstellung von der von ihnen erreichten hohen Stufe Kunde gaben, und daß viele deutsche Privatindustrien in keiner Beziehung den Vergleich mit denen Englands, Frankreichs, Belgiens etc. scheuen durften.

Andererseits aber machten sich manche Bedenken geltend. Erst eine verhältnißmäßig kurze Zeit war nach dem Glanz vergangen, der die Brüsseler Ausstellung noch umstrahlte. Sodann war man sich bald klar darüber, daß der geplanten Ausstellung der Charakter einer internationalen nicht zu geben sei. Weder die localen Verhältnisse, welche Brüssel darbot, noch specielle Vorzüge der zur Ausstellung kommenden Gebiete, wie sie die allgemeine Fischerei-Ausstellung auszeichneten, waren vorhanden. Vor Allem aber fehlte die Zeit, deren die so überaus schwierigen Vorbereitungen zu einer internationalen Ausstellung bedürfen, während von der Majorität der Interessenten der dringende Wunsch ausgesprochen war, das Inslebentreten der Ausstellung nicht zu verzögern. Man verzichtete mit diesem Entschluß auf Vieles, was die Brüsseler Ausstellung so anziehend gestaltete, andererseits aber bedachte man, daß in Brüssel noch keineswegs eine auch nur annähernde Vollständigkeit der deutschen Leistungen erreicht worden war, daß Deutschland noch Vieles zu bieten hatte, was dort vermißt wurde.

Um so klarer war man sich im Gegensatz dazu sofort darüber, daß das Rettungswesen in Krieg und Frieden auf der Ausstellung vertreten sein müsse, solle dieselbe nicht von vornherein den Stempel der Unvollständigkeit tragen. Abgesehen von diesem inneren Grunde, war das Rettungswesen in den letzten Decennien gerade in Deutschland, zum Theil durch unsere großen Kriege veranlaßt, mehr als je in den Vordergrund des allgemeinen Interesses getreten und durch immer stärkere Bande mit der öffentlichen Gesundheitspflege überhaupt verknüpft worden. Längst hatte das rothe Kreuz aufgehört, ein Symbol der Humanität nur für die Zeit des Krieges zu sein; die unablässige Arbeit seiner Vereine im Frieden, die in’s Leben gerufen zu haben ein Verdienst der deutschen Kaiserin ist, hat ihnen eine Richtung auf dieselben Ziele gegeben, welche auch die Hygiene verfolgt.

So war für das Comité denn kein Zweifel vorhanden, daß der Schutz gegen Gefahren, die Hülfeleistung bei Verunglückten und Verletzten, der Transport und die Pflege der Verwundeten und Kranken im Kriege, mit einem Worte: das gesammte Rettungswesen organisch einzufügen sei in das Programm gerade einer deutschen hygienischen Ausstellung.

Die Bezeichnung „Allgemeine deutsche Ausstellung“ hat anfänglich Befremden erregt, sie bedeutet aber, daß diejenigen Länder, welche ohnehin in den beiden deutschen Vereinen, dem für Gesundheitspflege und dem für Gesundheitstechnik, von Anfang an vertreten waren, nämlich Oesterreich und die Schweiz, an der Ausstellung jedenfalls teilnehmen sollten. Außerdem aber sind von vornherein die Leistungen des Auslandes keineswegs ausgeschlossen worden; nur eine Gruppirung nach Nationen, wie in Brüssel, gestattete der Charakter unserer Ausstellung nicht. Mit Befriedigung kann man nunmehr darauf hinweisen, daß außer Oesterreich und der Schweiz auch andere Länder, vor Allem Italien, alsdann das Nationalgesundheitsamt und die Medicinalabtheilung des Kriegsministeriums der Vereinigten Staaten, wichtige Objecte gesendet haben und daß auch andere Länder nicht ganz unvertreten geblieben sind.

Eine der ersten Pflichten des provisorischen Comités, welches [329] in der Person des früheren Ministers, Wirklichen Geheimen Raths Hobrecht, einen vortrefflichen Vorsitzenden gewonnen hatte, war es gewesen, eine Reihe von hervorragenden Männern aller Stände, die theils durch ihren Beruf, theils durch persönliche Neigung mit der Gesundheitspflege oder dem Rettungswesen in Beziehung standen, aufzufordern, dem Unternehmen ihre Mitarbeit zu gewähren. Der Erfolg des Aufrufes war ein außerordentlich günstiger; von Woche zu Woche mußte die Liste der Männer, welche dem Comité beitraten, vergrößert werden, und es fehlt ihr jetzt keiner der hervorragenderen Hygieniker Deutschlands.

So konnte denn bald eine Generalversammlung des Centralcomités abgehalten werden, in welcher die bisherigen Schritte des provisorischen Comités sowie seine weiteren Vorschläge einstimmig Billigung fanden und dann für die eigentliche Arbeit ein Vorstand und für die Geschäftsführung ein Ausschuß, unter denen die beiden andern Vorsitzenden Generalarzt Roth und Ingenieur Rietschel und die Schriftführer R. Henneberg und der Verfasser genannt werden mögen, gewählt wurde.

An Vorstand und Ausschuß schließt sich eine Reihe von Commissionen, von denen als die wichtigsten die Terrain- und Baucommission, die Finanzcommission und die Preßcommission zu erwähnen sind.

Die Gartenlaube (1882) b 329.jpg

Das Hauptgebäude der Allgemeinen deutschen Ausstellung für Hygiene und Rettungswesen in Berlin 1882.
Nach einer Photographie.

In zahlreichen Sitzungen, besonders des Ausschusses und der Commissionen, nahm der Plan der Ausstellung nunmehr eine festere Gestaltung an, die finanzielle Grundlegung wurde erreicht, ein passender Bauplatz gesichert und die Zollfreiheit der aus dem Auslande einzuführenden Objecte und Transportermäßigungen erreicht, wie sich auch für die Sache das lebhafteste Interesse, besonders aller Behörden, zeigte und durch die Localcomités immer weitere Kreise zur Mitarbeit herangezogen wurden.

Besonders günstig war auch für das Gedeihen der Ausstellung die Uebernahme des Protectorats durch die deutsche Kaiserin, welche den Kronprinzen des deutschen Reiches mit ihrer Vertretung beauftragte. Die Wirkungen dieses Protectorats machten sich über alle Erwartungen sofort geltend. Sowohl die Annahmemeldungen für die Ausstellung, wie die Zeichnungen für den Garantiefonds gingen in steigender Zahl ein, und bald stellte es sich heraus, daß diese Ausstellung, welcher gerade von den Mitgliedern des Ausschusses nicht ohne Zweifel entgegengesehen wurde, an Dimensionen und innerem Werthe ein hervorragendes Bild des im deutschen Reiche auf dem Gebiete der Gesundheitspflege und des Rettungswesens Geleisteten bieten werde.

Es ist nicht thunlich, in alle Einzelheiten der Organisationsarbeiten hier einzugehen, darauf aber muß hingewiesen werden, daß, dem ernsten Charakter der Ausstellung entsprechend, in der Gruppeneintheilung ein neues Princip durchgeführt worden ist.

Man hat es im Gegensatz zu den meisten bisherigen Ausstellungen unternommen, die Gegenstände nicht nach der Gemeinsamkeit ihres Fabrikationsursprungs zu gruppiren, sondern dieselben an demjenigen Orte und in demjenigen Zusammenhange zur Anschauung zu bringen, wo und wie sie in der Wirklichkeit angewendet werden, wodurch es dem nicht speciell mit dem bestimmten Zweige der Technik vertrauten Besucher möglich wird, sich über Zweck und Eigenschaften der ausgestellten Gegenstände klar zu werden.

Die Erfahrung hat es bei fast jeder Ausstellung gelehrt, daß im Beginne die Meldungen verhältnißmäßig spärlich einlaufen, daß aber, wenn der letzte Termin naht, sie sich in wahrhaft besorgnißerregender Weise häufen, ja daß sie über denselben hinaus noch zahlreich eintreffen. Auch bei dieser Ausstellung ist das Gleiche geschehen, sodaß immer mehr Erweiterungen der Baulichkeiten eintreten und dennoch viele äußerst interessante Objecte schließlich zurückgewiesen werden mußten. Demungeachtet zeigt eine Durchsicht des Katalogs eine überraschend große Fülle von Ausstellungsgegenständen. Die Ministerien fast aller deutschen Staaten, viele Hochschulen, zahlreiche Communen, wie Berlin, Wien, Budapest, die hervorragendsten technischen Etablissements, unter denen nur die beiden Siemens und Aird genannt werden mögen, finden sich mit ihren besten Erzeugnissen vertreten. Alles was zum Rettungswesen gehört, einschließlich der Instrumente und Apparate für die Chirurgie und für das Verbandwesen, wird die Bewunderung der Besucher erregen.

Specielle Berichterstatter werden über die einzelnen Gruppen der Ausstellung reichliches Material für die „Gartenlaube“ liefern; hier, wo es sich mehr um die allgemeine Einführung handelt, mag es nur noch gestattet sein, dem Platze sowohl wie den Gebäuden in einer kurzen Darstellung gerecht zu werden. Zwei Männer haben sich besonders um den Bau und den Platz verdient gemacht, der Baurath Kyllmann, Mitglied der berühmten Firma Kyllmann und Heiden, dem Berlin schon so viele Prachtbauten verdankt, und der Gartendirector Mächtig, welch Letzterem das Arrangement des parkähnlichen Gartens oblag, der auf Anordnung der Commune Berlin, deren Munificenz sich auch diesmal wieder glänzend bewies, hergestellt worden. Dieser Garten bildet mit Recht ein Ausstellungsobject der Stadt, und wahrlich keines der schlechtestem.

Das Ausstellungsgebäude befindet sich auf dem von der Straße Alt-Moabit, Ulanen- und Invalidenstraße und der Lehrter Bahn umschlossenen Terrain, welches diesmal seitens des Fiscus [330] in entgegenkommender Weise unentgeltlich hergegeben ist. Die Größe des Terrains beträgt rund 62,000 Quadratmeter oder 24 Morgen, eine Ausdehnung, die anfangs die hier vorhandenen Bedürfnisse bei Weitem zu übertreffen schien, schließlich aber doch kaum zur Verwirklichung des Planes hinreichten. Drei Eingänge führen in den Bereich des Ausstellungsgebiets selbst. Das Terrain der Ausstellung wird durch den Stadtbahnviaduct in zwei Abschnitte getheilt, von denen der vordere das Hauptgebäude mit seinem großen Vorgarten, der weiter zurückliegende die parkartigen Anlagen mit den Einzelbauten enthält. Die 28 Stadtbahnbögen, die demnach innerhalb des Ausstellungsterrains liegen, sind für die Zwecke der Ausstellung in Anspruch genommen, als seien sie von vornherein dazu bestimmt, abgesehen von denen, welche die Communication innerhalb des von der Stadtbahn durchschnittenen Terrains vermitteln.

Das Hauptgebäude bedeckt einen Raum von circa 12,000 Quadratmeter, daran schließen sich die Stadtbahnbögen mit 5000 Quadratmeter, die Einzelbauten mit 2800 Quadratmeter, die Restaurationshalle mit 2200 Quadratmeter an. Der Architekt der Ausstellung hat bei dieser Gelegenheit wiederum die schon in der Fischerei-Ausstellung bewunderte Findigkeit in der Benutzung des gegebenen Materials in höchst interessanter Weise gezeigt; denn war es aus Sparsamkeitsrücksichten nothwendig, die Baulichkeiten der vorjährigen Gewerbe-Ausstellung in Halle zu benutzen, so ist es Herrn Kyllmann doch gelungen, durch eine veränderte Gruppirung der Körper, durch Erhöhung der Hauptkuppel, durch Neuanlage von Portalen und Thürmen, die der Situation vollkommen entsprechen, die Anschauung des Gebäudes wesentlich und in der vortheilhaftesten Weise zu verändern. Die weithin sichtbare Kuppel hebt den Mißstand, daß das Terrain gegen die Straße Alt-Moabit liegt und daß der Körper der Stadtbahn das Gebäude gegen die Invalidenstraße gewissermaßen deckt, in vortrefflich vermittelnder Weise auf. Die Thürme, welche die Kuppel und die Portale flankiren, geben der ganzen Anlage eine freundliche Silhouette und dienen dazu, die durch strenge Sparsamkeit gebotene schlichte Anordnung der äußeren Architektur anziehend zu unterbrechen.

Die Gebäude selbst gruppiren sich um drei Höfe, die schließlich zum Theil noch haben bebaut werden müssen, um den immer steigenden Anforderungen der Aussteller zu genügen. Auf dem größeren der Höfe befindet sich als ein ganz abgeschlossener Bau das Normalwohnhaus, welches einer Collectiv-Ausstellung der beim Wohnhausbau betheiligten Gewerbe- und Industriezweige seine Entstehung verdankt. Einen schönen Abschluß des Bildes der Ausstellung repräsentirt das durch Professor Wilberg hergestellte Panorama der Thermen des Caracalla. Eine halbkreisförmige Säulenhalle gestattet einen Einblick in diese Thermenanlage und ihren großen Mittelsaal und sodann einen Blick über den nach den Sabiner und Albaner Bergen hin gelegenen Theil der alten Stadt Rom, sowie ihren von den Wasserleitungen der Appischen Straße etc. durchzogenen Umgebungen.

Inmitten der Parkanlagen endlich befindet sich eine Wasserfläche von 3000 Quadratmeter, um welche sich die von schönen Bäumen und Boskets, die jetzt schon im vollen Schmucke des Frühlings prangen, bepflanzten Wege ziehen.

Auch für die materielleren Bedürfnisse der Besucher ist reichlich Sorge getragen. In der Ecke der Ulanen- und Invalidenstraße liegt das Hauptgebäude der Restauration, ein oblonger Saal, an den sich Hallen für den Bierausschank längst der Straße schließen und eine stattliche Anzahl von Einzelbauten und Pavillons umsäumt die Gartenanlagen, unter denen als die hervorragendsten zu nennen sind: das Taucherbassin, die Musikhalle, die meteorologische Station, das Volksbad, das indisch-chinesische Theehaus, mehrere Pavillons, die Militärküche, die Filter der Stadt Berlin, eine Coulisse für die Feuerwehr, das große und das kleine Kesselhaus und der Siemens’sche Leichenverbrennungs-Apparat.

In der am 30. April stattgehabten Generalversammlung wurde der bemerkenswerte Entschluß gefaßt, eine Prämiirung nicht eintreten zu lassen. Männer wie Werner Siemens, Geheime Rath Hirsch, Baurath Blankenstein und Andere mehr, die das Unwesen dieser bisher so beliebten Prämien- und Diplom-Ertheilung zur Genüge kennen gelernt hatten, geißelten es scharf, und so wird denn diese Ausstellung auch in der Beziehung hervorragend sein, daß sie als die erste mit dieser schlechten Gewohnheit der Vergangenheit bricht. Dagegen hat die Kaiserin sich vorbehalten, zwanzig goldene Medaillen zu gewähren, und es werden in einem wissenschaftlichen Berichte nach Schluß der Ausstellung, welcher so bald wie möglich erscheinen soll, die Verdienste der Aussteller in vollem Maße zur Würdigung gelangen.

Eine Zeit schwerer, oft aufreibender Arbeit ist mit der Eröffnung beendet. Wenn man erwägt, daß kaum ein Jahr dazu gehört hat, eine Ausstellung in das Leben zu rufen, bei der die Vorbereitungen besonders wichtig waren, und daß nunmehr, wenn diese Blätter erscheinen, das ganze Werk vollendet sein wird, so wird man den Betheiligten das Lob unermüdlicher Hingebung an die ihnen gestellte Aufgabe nicht versagen können.

Die Presse hat das Unternehmen in dankenswerthester Weise unterstützt. Möge sie ihm auch ferner mit Rath und That zur Seite stehen! Möge sie besonders immer wieder darauf hinweisen, daß der Charakter einer der Hygiene und dem Rettungswesen gewidmeten Ausstellung ein ernster ist und daß, wenn irgendwo, hier vor Allem Gelegenheit gegeben sein soll, zu lernen. Wir hoffen von unserer Ausstellung, daß sie, wie einst ihre Vorgängerin in Brüssel, mächtig dazu beitragen werde, die öffentliche Gesundheitspflege in Deutschland und Oesterreich zu fördern. Wir haben ja nicht vergeblich auf die Mitarbeit der drei Berufsclassen: der Aerzte, der Gesundheitstechniker und der Communal- und Staatsbehörden, gezählt, auf die für die Gesundheitspflege in erster Reihe gerechnet werden mußte.

Der deutsche Reichskanzler hat bekanntlich einst in einem amtlichen Documente ausgesprochen, daß die höchste Leistung der medicinischen Wissenschaft nicht allein in der Heilung, sondern vielmehr zugleich, und in höherem Maße, in der Verhütung von Krankheiten bestehe. Aber das Wort des großen Staatsmannes gilt nicht nur für die Medicin; es gilt ebenso für die Socialpolitik, die der öffentlichen Gesundheitspflege gar nicht entbehren kann. Auch in ihr heißt es ja vor Allem, vorbeugen, damit eingreifende Heilversuche, wenn das Leiden einmal da ist, vermieden werden können. Ein großer Theil der berechtigten Forderungen der Socialpolitik wird aber erfüllt, wenn man in Staat und Gemeinde tüchtige Gesundheitspflege treibt. Welche Mittel aber dafür vorhanden sind, zeigt die Ausstellung, und daß Deutschland sich ihrer nicht schämen darf, kann schon jetzt behauptet werden; die Besucher werden sich überzeugen, daß auch die deutschen Gesundheitstechniker mit Einsicht und Thatkraft die Waffen geschmiedet und geschärft haben, deren die Gesundheitspflege bedarf, um „aus Gefahren zu retten und das menschliche Leben zu erhalten und zu verlängern“.[2]

Paul Börner.




Zwei Lieder.
Von Karl Stieler.[3]


l. Feldein.

Kahles Feld und ödes Land
Und der Wald im gelben Laube –
Schweigend streicht am Waldesrand
Ueber’s Feld die wilde Taube.

5
Wie der Weg so einsam wird

Und so stumm die kühle Erde!
Reglos steht im Feld der Hirt,
Reglos steht um ihn die Heerde.

[331]

Und im Nebel zieht der Wind

10
Durch dies Laub, dies müde, gelbe. –

Denkst Du mein noch, holdes Kind?
Ist das noch das Feld, dasselbe,

Wo dereinst auf grünem Pfad
Rother Mund das Küssen lernte?

15
Minne sät so süße Saat –

Aber Kummer ist die Ernte!


2. Mädchenlied.

Nun bist Du fort – der Winterschnee
Liegt über dem weiten Lande;
Ich bin daheim – ich komm’ und geh’ –
Mein Thun vergeht im Sande.

5
Ich nehm’ die Spindel wohl zur Hand

Früh in der Morgensonnen,
Doch wenn der Mittag kommt in’s Land,
Dann hab ich nichts gesponnen!

Ich bin vor meinem alten Buch

10
Zur Dämmerzeit gesessen,

Doch hab ich auch den besten Spruch
Am Abend schon vergessen!

Nun bist Du fort – so weit, so weit –
Wie hart ich Dich verliere! – –

15
Dann setz’ ich mich zur Schlafenszeit

Zum heißen Herd – und friere.




Im Münchener Hofgarten.
Von Karl Albert Regnet.

Berlin hat seinen Hofjäger, Dresden sein Café Belvedere, Leipzig sein Café français, Wien seinen Cursalon und München seinen Hofgarten mit den Cafés Tambosi und Lutz.

Im Münchener Hofgarten fehlt allerdings der Blick auf die mächtigen Eichen des Berliner Thiergartens, auf den majestätischen Elbstrom mit seinen Dampf- und Segelbooten und auf dessen volkreiche Brücken und Quais, nicht minder auf die reizenden Rebengelände von Lößnitz, Loschwitz und Pillnitz; da fehlt auch der Blick auf den imposanten, vom Neuen Theater und städtischen Museum begrenzten Leipziger Augustus-Platz; da fehlt endlich die wagenreiche Ringstraße der alten Kaiserstadt an der „blauen“ Donau.

Aber auch der Münchener Hofgarten hat seine eigenthümlichen Schönheiten. Da sind die nach der Schnur gepflanzten Linden und wilden Kastanien, die zum Theil ehrwürdigen Alters sind und an die Tage des Kurfürsten Karl Theodor erinnern, der eine Zeit lang sich mit dem Gedanken trug, durch unentgeltlich zugängige Feste à la Vauxhall die Bewohner seiner neuen Residenz den rauchigen Bierschenken zu entfremden. Da ist die Facade des Festsaalbaues der königlichen Residenz, eine der imponirendsten in ganz Europa, bis man auf einen Theil des Prachtbaues den neuen geheimnißvollen Wintergarten setzte, dessen Reifengewölbe an Häßlichkeit in der weiten Welt ihres Gleichen sucht. Da sind in den Arcaden die Wandgemälde aus der baierischen Geschichte und die Deckengemälde über den weltberühmten Rottmann’schen italienischen Landschaften mit den nicht minder berühmten Distichen weiland König Ludwig’s. Wer das Glück hatte, die stillen Straßen Pompejis zu durchwandern, dem werden diese Wandgemälde Erinnerungen an jene einst so lebensfrohe Stadt des classischen Alterthums erwecken, wobei er freilich schließlich zur Ueberzeugung gelangen wird, daß die Wandgemälde Pompejis heute noch um ein Bedeutendes weniger schadhaft sind, als die bezeichneten historischen und Decorationsmalereien. Und was Rottmann’s wunderherrliche Fresken aus dem schönen Lande Italia betrifft, so kann sich Jedermann stündlich überzeugen, daß ihr völliger Untergang nur eine Frage der (nächsten) Zeit ist.

Leider bringt die Besichtigung der Scenen aus dem griechischen Befreiungskampfe, der mit der Thronbesteigung eines Wittelsbachers endigte, einige Gefahr mit sich. Vordem riskirte der Beschauer der in ungebührlicher Höhe angebrachten Peter von Heß’schen Bilder nur sich den Nacken zu verstauchen; jetzt muß er seinem Gotte danken, wenn er über seinem Kunstsinn nicht einen Fuß oder ein Bein bricht, wozu Hunderte von Löchern im Asphaltpflaster der Arcaden die schönste Gelegenheit bieten.

Und dazu stimmt harmonisch die ehrwürdige Tempelruine in der Mitte des Hofgartens, wenn sie sich auch mit dem Stil des letzteren nicht in Einklang bringen läßt.

Wer sich über Frühlings Anfang aus dem Kalender unterrichten will, ist übel genug daran; die Kalendermacher setzen selben bekanntlich mit der größten Ausdauer auf den 20. oder 21. März und scheeren sich den Teufel drum, wenn es sechs Wochen später noch schneestöbert, daß man die Hand vor der Nase nicht mehr sieht. Da sind wir Münchener besser dran; wir haben zwei ganz untrügliche Zeichen, daß es Frühling geworden.

Das eine ist: wenn Monsieur „Harmlos“ am Eingang in den Englischen Garten, der Bretterhülle entledigt, wieder die schöne Nacktheit seiner Glieder zeigt. Das andere: wenn vor den Cafés Tambosi und Lutz die nach langem Winterschlaf wieder hervorgeholten Tische und Stühle in langen Reihen aufgepflanzt werden.

Ja, dann sind sie in’s Land gekommen, die schönen Tage, von denen der Dichter singt:

„Die linden Lüfte sind erwacht;
Sie säuseln und weben Tag und Nacht
Und schaffen an allen Enden.“

Dann mag ein armer Teufel getrost seinen Paletot in’s Pfandhaus schicken und ein eleganter Kleiderkünstler seine weißen Beinkleider zurecht legen –

„Es muß sich alles, alles wenden.“

Es schwellen und platzen die braunglänzenden Knospen der Roßkastanien, und kleine junge Blätter gucken neugierig daraus hervor und in die Welt hinein. Und ihre Welt ist der Hofgarten mit den schönen und – unschönen Frauen, die sich auf den Stühlen vor den langgestreckten Arcaden niedergelassen haben und für ihre Gatten, Kinder und Kindeskinder unendliche Strümpfe und Söckchen stricken, Bretzchen und Hörnchen in den Kaffee tauchen, Kuchen essen und plaudern.

An Stoff dazu gebricht es selbstverständlich nie. Ist das hochwichtige Capitel vom Haushalte und den Anmaßungen und Ausschreitungen der Mägde glücklich abgethan, auch eine mehr oder minder scharfe Theaterkritik geübt, so bleiben noch immer eingehende Betrachtungen über den lieben Nächsten übrig, welche ein paar Stündchen in Anspruch nehmen.

Allerdings werden Tambosi (Dengler) und Lutz nicht, wie man nach Vorstehendem vielleicht glauben möchte, blos von dem schönen Geschlechte besucht, aber an den gewöhnlichen Wochentagen bleibt das starke daselbst entschieden in der Minderheit. Abgesehen von den Fremden, welche sich zur Sommerszeit, namentlich im ersteren Café, ein Stelldichein zu geben pflegen, fehlt es nicht an Stammgästen, die sich mit der Regelmäßigkeit einer Uhr zur bestimmten Stunde am bestimmten Tische einfinden, wie denn einer der letzteren nach den „bösen Zungen“ genannt zu werden pflegt.

Im Allgemeinen ist die Zusammensetzung der Gesellschaft eine ziemlich bunte. Es liegt das im süddeutschen Volkscharakter, der jeder Exclusivität abgeneigt ist.

Wer sich für Bevölkerungsstatistik interessirt, findet im Hofgarten gute Gelegenheit zu Studien: ein namhafter Theil der jungen Münchener beider Geschlechter wird im Hofgarten in die Welt eingeführt oder richtiger eingetragen und eingefahren, und mancher künftige Don Juan fühlt sich hier schon in hinten offenen Höschen zum ersten Mal von dem Ewig-Weiblichen angezogen.

Die eigentliche Hofgartensaison aber fällt in den Sommer. Dann stecken die Kastanien ihre weißen Blüthenbündel auf und streuen die blühenden Linden ihre berauschenden Düfte in die Luft, sie mit denen des Kaffees und der Cigarren vermischend, und die Herren Dengler und Lutz schauen schmunzelnd über den Plan. Und ist es vollends ein Mittwochnachmittag, dann sind die Tische schon um drei Uhr besetzt, und wer etwas spät eintrifft, der mag zusehen, wie er sich einen Stuhl erobere; denn am Mittwochnachmittag concertiren im Hofgarten dicht an den Cafés

[332]
Die Gartenlaube (1882) b 332.jpg

Im Münchener Hofgarten. Originalzeichnung von W. Grögler.

zwei Militärmusikcapellen unter den Linden und Kastanien, umgeben von Tausenden, welche lustwandelnd den lockenden Tönen lauschen.

Da sind alle Stände und Lebensstellungen vertreten. Hier schlürft die Frau Staatsministerin ihre Tasse Kaffee, wie zwei Schritte davon die Frau Kanzelistin oder Gerichtsschreiberin auch. General und Gemeiner folgen demselben Zuge des Schönen, und ein paar hochwürdige Herren gehen die nämlichen Pfade, wie die schmucke Handschuhnäherin, die heute früher Feierabend macht, oder wie auch das elegante Kindermädchen, das den Aeltesten ihrer Herrschaft an der Hand, den Jüngsten auf dem Arme spazieren führt. Junge Lieutenants verwerthen ihre strategischen Kenntnisse so glücklich, [333] daß sie der Flamme ihres Herzens bei jedem Rundgange um den Kreis der musicirenden Spielleute begegnen, mag auch die vorsichtige Frau Mama bald links, bald rechts abschwenken, und der Bruder Studio mit dem bunten Käppchen auf dem Krauskopfe versteht es, das hübsche Dämchen an seiner Seite so lustig zu unterhalten, daß es gar nicht aus dem Lachen herauskommt.

Zwischen den Tischen aber eilen im Schweiße ihres Angesichts dort schwarzbefrackte Kellner, hier elegant gekleidete junge Mädchen, blanke Kaffeekannen und Kuchenplatten in den Händen, und sind doch kaum im Stande, den stets sich erneuernden Anforderungen der Menge zu genügen.

Blumenmädchen, in nichts an ihre schönen Schwestern in [334] der herrlichen Arnostadt[WS 1] erinnernd, schleichen trübseligen Blickes von Tisch zu Tisch, und es gelingt ihnen nur selten, von ihrer duftenden Waare etwas abzusetzen; denn der Münchener liebt mehr das Substantielle.

Durch das Hofgartenthor aber rasselt, einen Piqueur vorauf, eine vierspännige geschlossene Karosse, aus deren Fenster eine imposante Gestalt dankend grüßt: es ist König Ludwig, der seine Spazierfahrt durch den Englischen Garten macht.


Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.
Von C. Michael.
17. Was heißt liebenswürdig?

Was heißt liebenswürdig?

Nichts scheint einfacher als die Beantwortung dieser Frage.

„Liebenswürdig“ heißt: würdig sein, geliebt zu werden, sollte man meinen. Aber der Sprachgebrauch ist gar wunderlich in seinen Launen; er versteht unter seinen Ausdrücken oft mehr, oft weniger, häufig sogar das Gegentheil von dem, was sie besagen. Ist nicht z. B. ein „alter“ Herr noch älter als ein „älterer“? eine „junge“ Dame noch jünger als eine „jüngere“ Dame? Die Steigerung des Ausdruckes drückt hier geradezu eine Verminderung der Eigenschaft aus. Und fragen wir: „Ist nur eine liebenswürdige Person würdig, geliebt zu werden?“, so wird ein vielstimmiges „Nein“ die Antwort sein.

Wer denkt nicht an die strengen eisenharten Feldherren alter und neuer Zeit; nicht einen Schatten von dem, was man „liebenswürdig“ nennt, haben sie zumeist besessen, und doch sind ihre Krieger aus begeisterter Liebe ihnen gefolgt in Schlacht und Tod – sie waren gewiß „würdig“ „geliebt“ zu werden.

Wie leidenschaftlich wird oft eine kalte, stolze Schöne geliebt von ihrem Verehrer, wie innig und aufopfernd dort ein launischer griesgrämiger Alter von seinen Kindern, hier ein kränklicher tief verstimmter Gatte von der Gattin, ein strenger ernster Gelehrter von seinen Schülern und Anhängern! Sie Alle sind der Liebe würdig, die man ihnen weiht, wenn sie auch gänzlich jener „Liebenswürdigkeit“ entbehren, die unser Sprachgebrauch diesem Wort beilegt. Wir müssen also vor Allem bekennen, daß der Ausdruck „Liebenswürdig“ viel zu hoch gegriffen ist für das, was wir darunter verstehen. Die Franzosen legen nicht so viel in ihr „aimable“, die Engländer in ihr „lovely“, sie bezeichnen mit diesen Worten präciser die Eigenschaften, die wir fälschlich liebens-würdig nennen, während wir damit nur die Begriffe: lieblich, freundlich, zuvorkommend in einem Worte zusammenfassen wollen, und dieses Wort vielleicht richtiger „gewinnend“ oder „einnehmend“ heißen müßte.

Der Ausdruck: „Liebenswürdig“ ist nun aber einmal da; er ist zu Fleisch und Blut geworden im Empfinden der Deutschen, und man muß ihn so beibehalten, wie der Sprachgebrauch ihn eingebürgert hat. Mit Vorliebe wenden wir das Wort auf unser weibliches Geschlecht an; dem Mann wird das Prädicat „liebenswürdig“ nur so nebenbei gegeben, während es vielleicht als die schönste und ehrendste Auszeichnung der Frau, insonderheit der weiblichen Jugend, gilt.

Worin aber nun diese vielgepriesene, mächtig bestrickende Eigenschaft unseres Geschlechtes besteht, das zu ergründen ist nicht so leicht. Die Liebenswürdigkeit kann mit Schönheit, oder mindestens mit Anmuth gepaart sein, doch kann sie unter Umständen auch recht gut diese Verbindung entbehren.

Auch eine alte und häßliche Frau kann sehr liebenswürdig sein, ja häufig hört man geradezu die Gegensätzlichkeit beider Begriffe betonen: „Sie ist nicht hübsch, aber sehr liebenswürdig.“ Die Schönheit also thut es nicht, thut’s vielleicht der Verstand, die Herzensgüte, thut’s feines gesellschaftliches Benehmen?

Mit einem Theilchen müssen unbedingt alle diese Eigenschaften vertreten sein, wenn es sich darum handelt, den Begriff der Liebenswürdigkeit zusammenzustellen; denn eine liebenswürdige Frau kann wohl häßlich, sie darf aber weder dumm, noch boshaft, noch plump und unbeholfen sein. –

Gut, da haben wir eine brave, verständige Hausfrau, die ihre Kinder stramm zur Ordnung anhält, Armen gern Gutes thut, wenn sie darum gebeten wird, und auch nicht der üblichen gesellschaftlichen Formen entbehrt. Es ist kein Tadel zu finden an ihr und ihrem Hause; Alles geht darin wie am Schnürchen; man hört kein böses, kaum ein lautes Wort, aber auch selten ein fröhliches Lachen. Bereits jahrelang verkehrst du auf freundschaftlichstem Fuße mit dieser Familie und stehst ihr doch heute genau so fremd gegenüber wie am ersten Tage der Bekanntschaft. Ein gewisses leises Frösteln kannst du nie los werden im Verkehr mit der Frau vom Hause, und obgleich die Conversation mit ihr nie in’s Stocken geräth, weißt du doch nicht zu sagen, wovon du mit ihr gesprochen hast, wenn du ihr Haus verläßt. Ihre Freunde werden diese Frau sehr hoch achten und schätzen, keinem aber wird es beikommen, sie für „liebenswürdig“ zu erklären; dazu fehlt ihr bei aller Güte und Vernunft noch ein unbestimmbares „Etwas“.

Ist dieses fehlende „Etwas“ vielleicht sprudelnder Witz? Ist es ein Funken von jenem tändelnden und doch stets schlagfertigen „esprit“ der Franzosen, für welche wir armen schwerfälligen Deutschen nicht einmal das bezeichnende Wort besitzen, geschweige denn die Gabe selbst? –

Möglich, daß dem so ist; dann wäre jenes geistsprühende, lebhafte, hochgebildete Fräulein, zu dessen Tischnachbar dich heute ein gütiges Geschick gemacht hat, das vollendete Bild der Liebenswürdigkeit. Vereint sie doch mit einem guten Theile jenes vielbewunderten „esprit“ sogar die vortheilhafteste äußere Erscheinung; sie strahlt gleich dem blendenden Sonnengestirn im vollen Bewußtsein ihrer körperlichen und geistigen Vorzüge.

Im Gespräch mit ihr mußt du sehr aus deiner Hut sein; es ist ein beständiges Raketenfeuer; jedes Wort, das diesen rosigen Lippen entquillt, ist entweder ein scharfer Hieb oder eine kleine Bosheit, und jeder Blick dieser strahlenden Augen spricht die stumme Frage aus:

„Bin ich nicht reizend?“

O gewiß! Reizend ist die Dame, pikant, interessant, Alles, was du willst, nur nicht – liebenswürdig. Diesen Eindruck hast du nie ihr gegenüber, während es, vielleicht dir selber unbewußt, auf deine Lippen tritt in Bezug auf jene andere Frau dort, bei welcher du doch – im einzelnen analysirend – kaum irgend eines der Elemente, aus denen sich die Liebenswürdigkeit zusammensetzen soll, in hervorragender Weise vertreten findest.

Diese andere Frau, bei welcher wir jetzt zusammen eintreten wollen, ist weder durch Geist noch durch Schönheit ausgezeichnet, auch nicht überreich mit Talenten begabt, und was ihren Charakter im Allgemeinen betrifft, so findet man gar nicht erst Zeit, darüber nachzugrübeln, von welcher Art er wohl sein möchte. Sie selbst hat dazu noch viel weniger Zeit gehabt; denn sie hat in jedem Augenblick ihres geschäftig thätigen Lebens so viel an Andere zu denken, daß sie noch nicht zum Studium ihres eigenen Selbst gekommen ist, obgleich das „Erkenne Dich selbst!“ uns von so vielen Moralisten als höchstes Ziel allen Strebens hingestellt wird. Auch jetzt, im Augenblick, wo sie uns begrüßt, hat sie nicht einmal einen flüchtigen Nebengedanken an sich selbst. Ihre ganze Seele ist nur von uns, von den eben eintretenden lieben Gästen erfüllt. Ob wir sie in der dringendsten Arbeit störten oder eben, zum Ausgehen gerüstet, an der Hausthür treffen, stets ist der Empfang, den sie uns bereitet, gleich freundlich, gleich unbefangen, gleich warm und herzlich. Ohne daran zu denken, welchen Eindruck wohl sie selbst oder ihr Haus machen wird, ist sie einzig darauf bedacht, daß wir, die Gäste, uns bei ihr wohl fühlen möchten.

Unbehaglich für uns aber wäre jede Art der Entschuldigung, die sie ausspräche, jede Verlegenheit, die sie zeigte; das fühlt die „liebenswürdige“ Frau genau, und gar genau ist ihr auch bekannt, welchen Platz ihrer Wohnung sie uns zum Ausruhen bieten muß, damit wir uns recht behaglich fühlen.

Einzig von diesem Wunsche beseelt, denkt sie nicht daran, uns in das beste Zimmer des Hauses zu nöthigen – sie führt uns in das behaglichste. Sie nimmt uns gegenüber Platz und läßt uns erzählen und berichten; sie hat ein warmes Wort der Theilnahme für jedes unserer Erlebnisse, während sie von sich selbst und ihren

[335] Angelegenheiten nur auf wiederholte Aufforderung spricht; sie nöthigt nicht sehr zu längerem Verweilen, wenn wir aufbrechen wollen; denn sie weiß, daß wir gern bleiben, so lange es unsere Zeit gestattet. Sieht diese Frau größere Gesellschaft bei sich, so weiß sie das allgemeine Gespräch so zu lenken, daß jeder ihrer Gäste Gelegenheit hat, sich vor den Uebrigen in vortheilhaftem Lichte zu zeigen, und geschickt weiß sie ein Thema zu vermeiden oder rasch zu erledigen, wenn es einen der Anwesenden unangenehm zu berühren scheint. Sie selbst spricht nur so viel wie nöthig ist, um die Gäste zum Sprechen anzuregen, und nur wo es entschieden gewünscht wird, läßt sie sich auch selbst zu längeren Erzählungen, Musikproduction oder dergleichen herbei. Thut sie dies aber, so geschieht es ohne langes Zieren, einfach und freundlich, in dem Bestreben, den Gästen immer und überall das Beste zu bieten, was sie eben zu bieten hat.

Kein Opfer dünkt dieser Frau zu groß für ihre Freunde; sie weiß klugen Rath in jeder Verlegenheit und ertheilt ihn in einer Weise, die – ja, wie soll man diese Weise bezeichnen? Nun, Jung und Alt, Männer und Frauen nennen sie eben – liebenswürdig, obgleich man dieser Frau einzelne gute Eigenschaften nicht gerade viel nachrühmen hört. Wenn man das Wesen dieser Frau zu verstehen sucht und sich fragt: warum ist sie liebenswürdig, welche Eigenschaften machen sie dazu, ja, was ist überhaupt liebenswürdig? so kommt man zu dem wunderlichen Resultat, daß glänzende Eigenschaften des Geistes, des Gemüthes und des Körpers die Liebenswürdigkeit wohl steigern und erhöhen können, daß aber ihre[WS 2] Grundbedingung Bescheidenheit und ein hoher Grad von Selbstlosigkeit ist. Nur wer da völlig aufzugehen vermag in der Sorge, Freude und Theilnahme für Andere, nur der kann wahrhaft liebenswürdig sein.

Schon der erste Hauch von Eitelkeit, Prahlerei oder Selbstliebe, der dieses duftig-zarte Gebäude streift, wirft es unrettbar zusammen. Schön, interessant, ja bezaubernd kann auch ein gefallsüchtiges Weib sein, liebenswürdig nur ein selbstlos bescheidenes, und weil solch völliges Selbstvergessen fast nie bei Männern zu finden ist, so gebührt das schöne Prädicat der Liebenswürdigkeit vorzugsweise dem weiblichen Geschlecht. Mögen unsere Emancipationsbeflissenen auch anders darüber denken, es wird doch ewig wahr bleiben, daß innige Hingabe und Aufgehen in den Interessen Anderer ein Vorzug – nicht eine Schwäche! – der Frau ist. So soll es sein, und es ist gut so. Laßt uns die Herren der Schöpfung ehren und ihre Rechte anerkennen, indem wir eifersüchtig über dem unsrigen, dem schönen Rechte vollendeter Liebenswürdigkeit, wachen, auf daß nicht etwa einst eine Zeit komme, wo man von energischen Weibern und liebenswürdigen Männern spricht. Das gäbe einen argen Mißton in der großen Harmonie der Schöpfung.

Nicht ohne Vorbedacht haben wir das liebenswürdige Weib zuerst der Gesellschaft im Allgemeinen gegenüber gestellt. Wo aber die Blume der Liebenswürdigkeit echt und unverkümmert blüht, da entfaltet sie ihren ganzen Zauber erst recht im Kreise der Häuslichkeit; denn hier ist das wahre große, unbestrittene Reich der liebenswürdigen Frau, der liebenswürdigen Tochter des Hauses. Jede frohe und heitere Stunde würzt sie den Ihrigen doppelt durch die Art, wie sie sich zu freuen weiß, und kommen Prüfungszeiten – welches Unglück wäre so schwer, daß die hingebende Theilnahme eines liebenswürdigen Weibes es nicht zu lindern vermöchte? Die schwarzen Gespenster von Leid und Kummer können wohl – wie Smiles so hübsch sagt – zur Thür eines Hauses hereinschauen, in welchem ein solches Wesen waltet, aber eintreten und ihre Wohnstätte darin aufschlagen, das dürfen sie nimmermehr.

Liebenswürdigkeit wirkt auch ansteckend, wie sie meistens erblich zu sein scheint. Es wird sich selten nur ein liebenswürdiges Wesen in einer Familie finden: „Man fühlt sich wohl dort – es ist ein liebenswürdiges Haus,“ hören wir sagen.

Ja, nicht nur Frau und Mann, auch die Kinder, selbst die Dienerschaft solchen Hauses ist zuvorkommend und in herzlicher Weise gefällig; das sind die Strahlen, die vom Stern des Hauses ausgehen, von der liebenswürdigen Mutter und ihren Töchtern.

Wollt Ihr Eure Kinder zu liebenswürdigen Menschen erziehen, was nahezu gleichbedeutend ist mit „glücklichen Menschen“, so laßt vor Allem Bescheidenheit, Nächstenliebe und aufrichtiges Wohlwollen in ihren kleinen Herzen einziehen, haltet aber Alles nach Möglichkeit fern, was die frohe unschuldige Heiterkeit des kindlichen Gemüthes trüben könnte!

Mißtrauen gegen unsere Nebenmenschen, Mißgunst oder gar Schadenfreude, das sind die Klippen, an denen die Liebenswürdigkeit unrettbar scheitert; darum sucht das Lebensschifflein Eurer Kinder ja davon fern zu halten! Das warme Mitgefühl im eigenen Herzen aber mag das Leuchtfeuer bilden, Euch und ihnen den rechten Weg zu zeigen für glückliche Fahrt!




Das fünfzigjährige Jubiläum des Hambacher Festes.
(Zum 27. Mai.)

Wie der Tag seine Herolde hat, welche judelnd das Herannahen des lichtbringenden, allnährenden Gestirns verkünden, wie der Frühling seine Vorboten sendet, deren frohe Verkündungen einer schöneren Zeit leider häufig von Frost und Sturm zerstört werden, also giebt es auch im Staatsleben Epochen der Verheißung, wo unterdrückten Völkern in der Stunde der Verzweiflung die Lichtgestalt des Ideals erscheint.

Wenn nun solch ein weihevoller Aufschwung, in welchem hochstehende Männer den Schwur leisten, für die politische Wiedergeburt ihres Vaterlandes das Leben einzusetzen, in welchem auch in den weiten Schichten des Volkes die Ueberzeugung einer bessern Zukunft zu wurzeln beginnt – wenn solch ein Aufschwung im Leben der Völker nicht selten durch Rückschläge der herrschenden Gewalten zeitweise niedergedrückt wird, so bricht doch trotz wiederholter Reaction bei thatkräftigen Stämmen immer wieder die Ueberzeugung von den Lebensinteressen des Volkes durch und gelangt endlich unaufhaltsam zum Siege, sobald einmal günstige Umstände den rechten Zeitpunkt zum entscheidenden Handeln herbeigeführt haben.

Vor dem Glanze des Erfolges erbleicht nicht selten das Andenken jener Märtyrer, welche durch ihr Beispiel und ihre Aufopferung die Grundlagen der neuen Entwickelung vorbereiten halfen, allein das kann ihren Werth nicht schmälern; denn wie das Samenkorn quantitav zwar dem Baume nachsteht, welcher aus ihm entsprießt, letzterer in Wirklichkeit aber doch sein mächtiges, schattenspendendes Dasein jenem kleinen Keime verdankt, so sind es auch die Säemänner der Reformideen, auf welche vor Allen der geschichtliche Fortschritt zurückzuführen ist, und ihnen gebührt ebenso sehr der Dank der Völker, wie dem Monarchen, dem Feldherrn oder Staatsmanne, welche die vorgefundenen Wünsche und Reformpläne aufgegriffen und codificirt haben.

Nachdem die während des Befreiungskrieges von den deutschen Fürsten gegebenen Verfassungsversprechungen nicht in Erfüllung gegangen, sind im Leben des deutschen Volkes drei solcher Anläufe zur politischen Wiedergeburt zu verzeichnen.

Den ersten nahm die akademische Jugend, welche theils selbst in den Befreiungsschlachten mitgeblutet, theils an den Hoffnungen ihrer Brüder, an den Reden Fichte’s und den Lehren des Tugendbundes sich entzündet. Die Burschenschaft, deren Bestrebungen in der Wartburgfeier 1817 ihren symbolischen Ausdruck fand, hat sich ein unvergängliches Verdienst um die Erweckung des deutschen Nationalgeistes erworben, und die grausame Behandlung, welche ihren hervorragenden Mitgliedern von den damals herrschenden Gewalten widerfuhr, die jahrelange Haft der jungen Freiheitshelden in den Casematten der Festungen diente nur dazu, das gepflanzte Reis zu düngen, sodaß die Bewegung nach der Julirevolution in Paris schon weite Kreise des Volkes ergriff, um ihren höchsten Ausdruck im Hambacher Fest zu finden, dessen halbhundertjährige Gedächtnißfeier in der nächsten Woche in der Rheinpfalz begangen werden soll.

Obgleich nach der darauffolgenden sechszehnjährigen Rückschrittsperiode auch die Bewegung des Jahres 1848 auf’s Neue der Reaction erlag, so ließ sich doch an der Massenhaftigkeit dieser Erscheinung, welche fast ganz Europa ergriff, erkennen, wie der [336] gestreute Samen sich allmählich ausgebreitet hatte, traten doch die Reformideen bei jedem neuen Anlauf mit tausendfältig verstärkter Gewalt auf, sodaß zuletzt nur der Schnitter seines Amtes zu walten hatte.

Es ist eine Pflicht historischer Gerechtigkeit, die wir heute, angesichts der bevorstehenden Gedächtnißfeier, erfüllen, indem wir des Hambacher Festes gedenken, in welchem die Reformbewegung der achtzehnhundertdreißiger Jahre zum höchsten Ausdruck gelangt war. In unserer Zeit, wo wir durch Volksversammlungen, Congresse und Volksfeste längst an Zusammenkünfte vieler Menschen gewöhnt sind, kann man sich kaum eine Vorstellung machen von dem großen Eindrucke, den das Hambacher Fest, welches bekanntlich auf einer eine Stunde von Neustadt an der Hardt gelegenen Burgruine abgehalten wurde, in den weitesten Kreisen hervorrief, war es doch die erste Volksversammlung, welche nach Jahrhunderten in deutschen Gauen wieder zusammentrat. Seit den großen Kaiserwahlen, seit den Festen Friedrich Barbarossa’s hatte sich in der Rheinebene keine solche Menge begeisterter Volksgenossen zusammengefunden.

Es galt Protest einzulegen gegen die Regierung, welche ein Verbot gegen die Versammlung erlassen und schon vorher die in der Verfassung garantirte Preßfreiheit unterdrückt hatte, – es galt Zeugniß abzulegen für das Recht des deutschen Volkes auf die Wiederherstellung der Freiheit und Einheit des Reiches.

Die Bewegung war in einer für den damaligen unentwickelten Stand des parlamentarischen Lebens und der Presse ungewöhnlich feurigen Weise vorbereitet worden. Sie hatte sogar mit Gewaltthaten begonnen, indem in Braunschweig der Herzog vertrieben und in Kassel der Kurfürst zur Erlassung einer freisinnigen Verfassung gezwungen worden war. Allein außer diesen vereinzelten Ausbrüchen war die Entwickelung jener Tage eine friedlich vorbereitende, reformatorische. Zu allererst hatte sich die Agitation in den Landtagen geäußert. Rotteck und Welcker gaben in Baden ein hervorragendes Beispiel, das in den übrigen mittel- und süddeutschen Staaten rasch Wiederhall fand und Kampfgenossen, wie Jordan in Kurhessen, Behr, Eisenmann, Friedrich Schüler, Siebenpfeiffer, Johann Georg August Wirth in Baiern, Todt in Sachsen und in Württemberg Römer und Paul Pfister erweckte, welcher letztere schon damals öffentlich die Ueberzeugung verkündete, daß die Wiederherstellung des deutschen Reiches nur mit Hülfe Preußens erfolgreich durchgeführt werden könne. Ein Umstand eigener Art hatte dazu beigetragen, der Bewegung einen besonders lebhaften Ausdruck in der Rheinpfalz zu verleihen. Der Reformkampf für eine einheitlichere verfassungsmäßige Gestaltung Deutschlands, für Preßfreiheit und Schwurgerichte war hauptsächlich von Dr. Siebenpfeiffer im „Westboten“ in der Rheinpfalz und von Dr. Wirth in der „Deutschen Tribüne“ in München geführt worden.

Gestützt auf den Umstand, daß in der baierischen Verfassung die Preßfreiheit garantirt und die Bundesversammlung zu der nachträglichen Aufhebung dieses Rechtes nicht befugt war, hatte sich Wirth gegen solchen Verfassungsbruch erhoben, und da er einen mannhaften Drucker fand, sich geweigert, seine Zeitung der Zensur zu unterwerfen, indem er die von dem Censor gestrichenen Artikel dennoch abdrucken ließ. Diese Kühnheit in einer Zeil, wo Börne von Paris aus über den Bedientengeist der Deutschen spottete, wo er ihren knechtigen Sinn mit den Worten geißelte: „wenn zwölf Deutsche beisammen stehen und von einem Einzelnen angegriffen werden, so schreien sie nach der Polizei,“ und wo, abgesehen von diesen Uebertreibungen, das Mißtrauen in die eigene Kraft und die Furcht vor der Obrigkeit einen geradezu epidemischen Charakter angenommen hatten – diese Kühnheit hatte ein Beispiel gegeben, an welchem der Muth der ganzen Generation sich aufrichtete. Die baierischen Behörden waren darüber so verblüfft, daß sie sich anfangs gar nicht zu rathen wußten; denn auf Confiscationen und Postverbote sowie auf die schönen Erfindungen der preußischen Polizei, auf Concessionsentziehungen und Ausweisungen war man damals noch nicht gekommen. Auch mochte die Behörde nicht so besorgt sein, die verwegene That eines einzelnen Mannes tragisch zu nehmen, weil dieser unter den loyalen Bürgern Münchens keinen Anhang fand. Diese Erwägung


Die Gartenlaube (1882) b 336.jpg

Ansichten von der Gotthardbahn: Uebersetzung des Ficino bei Stalvedro.
Originalzeichnung von J. Nieriker.

[337] und der Blick auf die freiere Gesetzgebung des linken Rheinufers, wo auch die politischen Processe unter der Aegide des Schwurgerichtes standen, hatten Wirth bewogen, mit seiner „Deutschen Tribüne“ in die baierische Rheinpfalz überzusiedeln (wegen günstiger Postverbindung nach Homburg bei Zweibrücken) und von da den Kampf um die Volksrechte mit erhöhtem Eifer wieder aufzugreifen. Auf’s Neue begann die Rauferei mit dem Censor; auf’s Neue ließ der Herausgeber der „Deutschen Tribüne“ seine gestrichenen Artikel abdrucken und verbreiten. Dieselben wurden mit jedem Tage kühner, feuriger, zündender, in ihrer Verwegenheit origineller, sodaß das Blatt eine für die Zeit und die Localität geradezu unbegreifliche Verbreitung gewann, schon in wenigen Wochen seine Abonnenten nach Tausenden zählte und in ganz Europa das größte Aufsehen erregte.

Das lebhafte rheinfränkische Volk gerieth in einen Taumel der Begeisterung; Freiheitslieder wurden gedichtet oder den neuen Führern angepaßt und auf allen Straßen gesungen, und weder Siebenpfeiffer noch Wirth konnten ihr Haus verlassen, ohne sofort von der stürmischen Jugend umjubelt und von Hochrufen begleitet zu werden, wie Könige.

Neben der Agitation auf der Straße und in der Presse, in den Ständesälen und in Gesellschaften bediente sich die Propaganda auch der Bankette, zu denen die damalige Sitte, Volksführer durch Ehrengeschenke auszuzeichnen, häufig Anlaß bot. War es ja die Epoche der silbernen Ehrenbecher, welche neuerdings durch die Schützenbecher noch mehr in Mißcredit gerathen sind. Eine besondere Gelegenheit zu volksthümlichen Ovationen gab Anfangs des Jahres 1832 die Verbannung so vieler Polen, welche damals in Schaaren von Tausenden auf Leiterwagen durch Süddeutschland zogen, um in Frankreich ein Asyl zu finden.

Um die flüchtigen Patrioten, welche über Nacht in Bürgerhäusern einquartiert wurden, sammelte sich jeden Abend Alt und Jung, um mit andächtiger Sympathie ihren Erzählungen von den Freiheitsschlachten, von der Wiederherstellung Polens und von ihren verblutenden Heldenbrüdern zu lauschen. Damals schwärmte man ja in Deutschland noch von der Verbrüderung der Völker und konnte manche bittere Enttäuschung nicht ahnen, welche man später von vielen Volksgenossen jener gefeierten Freiheitshelden zu erfahren hatte. Glich ja damals die Begeisterung gleichsam einem Rausche, in welchem der Himmel voll Baßgeigen hing, wo Alles sich brüderlich umarmte, ohne vorher Herz und Nieren zu prüfen, und wo man, nur das ferne, hohe Ziel im Auge, die Thäler und Schluchten, Ströme und andere Hindernisse übersah, welche dessen Erreichung noch im Wege standen.

In Betreff der Presse sollte die Herrlichkeit nur von kurzer Dauer sein. Die deutsche Bundesversammlung unter dem Einflusse Metternich’s war zwar eine langsam arbeitende Maschine, aber im Punkte der Unterdrückung selbstständiger Aeußerungen des Volkes besaß sie eine Energie, welche einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Sie ließ sich nicht verblüffen, wie die baierische Regierung, welche indessen froh war, sich bei Repressivmaßregeln mit der höheren Autorität zu decken und dem ohnehin verhaßten Sündenbock von Bundestag auch dieses Odium überlassen zu können.

So wurde schon nach sechs Wochen des Erscheinens in der Pfalz der „Deutschen Tribüne“ das Postdedit entzogen. Rasch suchte Wirth dem Schlage zu begegnen, indem er es unternahm, ein Botennetz zu organisiren und das Blatt für weitere Entfernungen unter Siegel zu versenden. Um die Mittel zu dieser Organisation zu schaffen, gründete er den „Deutschen Preßverein“ mittelst eines Aufrufes, welcher unter dem Titel „Deutschlands Pflichten“ in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet wurde und gewaltiges Aufsehen erregte – der Plan gelang glücklich. Als die Behörde wahrzunehmen glaubte, daß der Zweck der Postdebitentziehung im Begriffe war vereitelt zu werden, schritt sie zu weiteren Gewaltmaßregeln und ließ die Druckerei der „Tribüne“ versiegeln. Da nun Wirth fast gleichzeitig wegen Preßvergehen verhaftet wurde, so hatte das historisch merkwürdige Preßorgan sein Dasein gleich einem Meteor beendigt. Als der tapfere Mann nach vierwöchentlicher Haft in Zweibrücken durch Richterspruch wieder freigelassen worden war, wurde er, nach Homburg zu Pferde heimkehrend, durch eine wahrhaft rühreude Ovation der Bevölkerung empfangen, bei der unter dem brausenden Jubel des


Die Gartenlaube (1882) b 337.jpg

Ansichten von der Gotthardbahn: Eisenbahnbrücke über die Göschener Reuß.
Originalzeichnung von J. Nieriker.

[338] Volkes junge Mädchen, vor ihm hergehend, Blumen auf seinen Pfad streuten.

Bereits hatten die Vorbereitungen zu der durch Siebenpfeiffer angeregten großen Volksversammlung begonnen, welche unter dem Namen des bereits erwähnten Hambacher Festes historische Bedeutung erlangen sollte. Der Enthusiasmus der Bevölkerung hatte einen so hohen Grad erreicht, daß das polizeiliche Verbot der Versammlung nur Oel in’s Feuer goß und daß, nachdem die Festordner den Beschluß gefaßt hatten, die Versammlung dennoch abzuhalten, die Theilnehmer aus allen Theilen der Pfalz und der Rheingegend schaarenweise zusammenströmten, als gälte es, die alten Nationalversammlungen der Rheinfranken zu erneuern.

Zahlreiche Leiterwagen, mit Eichenlaub und Fichtenzweigen mit schwarz-roth-goldenen Fahnen geschmückt, bedeckten die Landstraßen der Rheinpfalz. Unter Böllerschüssen und Musikfanfaren, Freiheitslieder anstimmend, zogen die begeisterten Schaaren gleich Wallfahrern in Neustadt an der Hardt ein, Wirth an der Spitze seiner Homburger auf einem Goldfuchs reitend.

Am Vorabend des Festes setzte es scharfe Debatten über die zu beobachtende Haltung; denn wie überall, so gab es auch hier eine Reformpartei und Anhänger der unmittelbaren revolutionären That. Diese Vorberathung machte aber auf den gerade anwesenden Ludwig Börne, der etwas ängstlicher Natur war, einen solchen Eindruck, daß er schon am nächsten Morgen nach Paris abreiste, ohne den Verlauf des Festes abzuwarten. Alle Gasthöfe und Bürgerhäuser waren von den Zugezogenen überfüllt. Als sich am andern Morgen der aus ungefähr 30,000 Personen beiderlei Geschlechts bestehende Festzug in Bewegung setzte, dauerte es drei Stunden, bis er zur vollen Entfaltung gelangte, und die Spitze hatte bereits die eine halbe Meile entfernte Schloßruine erreicht, als das Ende des Zuges die Stadt verließ. Nachdem der Fahnenträger, einer der stattlichsten Männer der Feststadt, welcher unter dem Spitznamen des „Rothen Abresch“ noch Jahrzehnte lang an dem Ruhme jener Tage zehrte, die riesige schwarz-roth-goldene Standarte auf dem Lug-in’s-Land der Burgruine aufgepflanzt hatte, gruppirten sich die Zehnttausende um den Bergkegel, den begeisterten Reden ihrer Führer zu lauschen.

Obgleich ein paar losgebrochene Steine den falschen Alarm veranlaßt hatten, die Burgruine sei unterminirt, sodaß auf der einen Seite ein großes Gedränge entstand, war doch nicht der geringste Unfall zu beklagen und das Fest verlief in schönster Harmonie.

Unter den Rednern müssen als besonders beachtenswert hervorgehoben werden: Brüggemann, gegenwärtiger Redacteur der „Kölnischen Zeitung“, der im Namen einer Deputation der Heidelberger Studenten das Wort ergriff, Siebenpfeiffer und Wirth. Der Inhalt ihrer Reden, deren Charakter, trotz mancher Wendungen von äußerster Schärfe, doch nur ein akademischer war und nicht die unmittelbare Ausführung des empfohlenen Programmes forderte, concentrirte sich in der gemeinsamen Forderung der Gewährung bürgerlicher Freiheit und einer festeren, einheitlicheren Staatsform Deutschlands, sowie in dem Wunsche nach einer Verbrüderung der europäischen Völker. Obgleich insbesondere Wirth Aussprüche gethan, die bis dahin unerhört gewesen, sogar den Fluch über die deutschen Rheinbundsfürsten ausgesprochen und seine Rede mit dem unverhohlenen republikanischen Glaubensbekenntniß geendigt hatte: „Hoch leben die vereinigten Freistaaten Deutschlands, dreimal hoch lebe das conföderirte republikanische Europa!“, so wurden die bald darauf wegen ihrer Reden verhafteten und des Hochverraths angeklagten Patrioten dennoch vom Schwurgericht in Landau freigesprochen, weil ihre Aeußerungen mehr als fromme Wünsche, denn als „Aufforderung zu den Waffen“ angesehen wurden.

Auch war eine Erklärung Wirth’s trotz der unerhörten Heftigkeit seiner übrigen Angriffe von so actuell patriotischer Bedeutung, daß er sich durch dieselbe sogar die Achtung der Gegner sicherte. Die linksrheinischen Provinzen waren nämlich aller Vortheile und weniger Nachtheile der französischen Revolution und der aus ihr hervorgegangenen und auf diese Provinzen übertragenen bürgerlichen Gesetzgebung theilhaftig geworden. Die Sympathien für Frankreich waren dort daher so groß, daß es fast schien, als erinnerten sich die Rheinfranken ihrer alten Stammesverwandten, der Gründer Frankreichs. Ja, es bestand sogar eine starke Partei in der Rheinpfalz, welche sich mit dem Gedanken ausgesöhnt hatte, daß Deutschland seine Freiheit und Einheit nur mit der Hülfe Frankreichs erringen köntte, welches mit einem Trinkgelde in Gestalt des linken Rheinufers belohnt werden möchte.

Die Zeitgenossen erinnern sich noch recht wohl, daß es damals mit der deutschen Gesinnung in der Rheinpfalz nicht viel anders aussah als heute in Elsaß-Lothringen. Diese Partei trat so unverhohlen auf und hatte einen so starken Anhang, daß sowohl physischer wie moralischer Muth dazu gehörte, sich ihr in einer Volksversammlung entgegen zu stellen, weil man fürchten mußte, entweder körperlich mißhandelt oder als ein Spion der Regierung verschrieen zu werden. Dieser Richtung glaubte J. G. A. Wirth von vornherein mit aller Entschiedenheit entgegentreten zu müssen. Er erklärte daher in seiner Rede in feierlicher Weise:

„Die deutschen Patrioten dürfen auf die Hülfe Frankreichs nicht allein keine Hoffnung setzen, sondern sie müssen auch die Pläne Frankreichs aufmerksam beobachten, vor Allem in ihr politisches Glaubensbekenntniß den Satz anfnehmen:

‚Selbst die Freiheit darf auf Kosten der Integrität unseres Gebietes nicht erkauft werden; der Kampf um unser Vaterland und unsere Freiheit muß ohne fremde Einmischung durch unsere eigene Kraft von innen heraus geführt werden, und die Patrioten müssen in dem Augenblicke, wo fremde Einmischung stattfindet, die Opposition gegen die innern Bedränger suspendiren und das Gesammtvolk gegen den äußern Feind zu den Waffen rufen.‘“

Diese Erklärung stieß anfangs auf heftigen Widerspruch unter einem Theile der Zuhörer, aber derselbe wurde von Seiten einer Schaar rechtsrheinischer Deutschen, welche die Rednertribüne stürmisch umdrängten, durch jubelnden Beifall niedergedonnert. In diesem feierlichen Augenblick trat eine Deputation Frankfurter Bürger vor, welche dem Redner als Ehrengeschenk ein Schwert überreichte.

Mit diesem symbolischen Ehrenzeichen umgürtet ritt der Volkstribun nach Hause, und die Erinnerung an dieses Sinnbild der That sollte den bald durch herbe Drangsale schwer Geprüften in der Stunde der Noth aufrichten. Denn bald brach jene lange Reactionszeit herein, in welcher die edelsten Patrioten im Kerker verschmachteten oder in der Fremde bekümmerten. Der gestreute Samen aber wucherte unter der Oberfläche fort, um später tausendfältig und herrlich aufzugehen und endlich zum Ziel zu führen. *[4]

Max Wirth.



Blätter und Blüthen.

Vermißte. (Fortsetzung von Nr. 16.)

17) Ein in Berlin verschwundener Gymnasiast! Karl Knetter, am 8. März 1866 zu Czattkau bei Danzig geboren, wohnte seit 1876 bei seinen Eltern in Berlin, besuchte das Friedrich Werder’sche Gymnasium und zählte zu den ersten Schülern seiner Classe. Am 1. März 1881 hat derselbe sich wie gewöhnlich zur Schule begeben, ist nach Schluß derselben noch mit mehreren Mitschülern bis zum Königsplatz gegangen – und von da an ist keine Spur mehr von ihm zu finden. Der Vater des Vermißten, Karl Knetter, ist Portier bei der badischen Gesandtschaft in Berlin, Behrenstraße 70. Der Vermißte war an jenem 1. März mit einem grauen sogenannten Kaisermantel, blauem Rock und dunkler Hose bekleidet und trug einen runden grauen Hut und Schaftstiefel, welche an den Spitzen mit Eisenblech beschlagen waren. Größe etwa 1,53 Meter, Wuchs etwas schmächtig, Haare dunkelblond, Augen blau, Gesichtsfarbe blaß. – Eltern, Behörden, Private und Tagespresse haben seit einem Jahr das Mögliche zur Erspürung des Verschwundenen gethan.

18) Am 29. December 1877 nahm die Wittwe Johanna Louise Heinze geborene Kirchheim aus Stadt-Ilm, welche zum Besuche aus Kiew gekommen war, die beiden Mädchen Anna Bartholomaeus, geboren den 25. Mai 1863, und deren Freundin, Ida Stief, geboren den 18. December 1861, mit nach Kiew, woselbst sie bei dem Schwiegersohn [339] der Heinze, Herrn Karl Bouillon, Fleischwaarenhandlung und Wurstfabrik in Kiew im Hause Ritscheff auf Kritschatik, in Dienst gingen. Seit Ende des Jahres 1880 sind beide Mädchen aus diesem Dienste ausgetreten. Nach den letzten, Ende vorigen Jahres eingegangenen Nachrichten befanden sich beide Mädchen noch in Kiew, und zwar die Anna Bartholomaeus im Dienste bei Petschärski und Esplonatna, Straße Nukolska, Haus Urbanski, obere Etage. Seitdem sind keinerlei Nachrichten von den beiden Mädchen an ihre Angehörigen gelangt. Ein am 25. April vorigen Jahres an die Anna Bartholomaeus abgesandter Brief kam als unbestellbar zurück. Jede Auskunft über die Vermißten würde die Angehörigen derselben zum größten Danke verpflichten.

19) Die etwa 20 Jahre alte Constanze Auerswald aus Leipzig, welche 1878 ihre Heimath verließ, als Erzieherin bei einer englischen (?) Familie 1879 in Palermo verweilte und dann nach Paris gegangen sein soll, wird von ihrer Mutter um Nachricht und Heimkehr gebeten.

20) In einer Maurerfamilie in einem Dorfe bei Leipzig ist ein Kind in Pflege gegeben, das am 23. August 1878 zu Buttelstädt im Weimarischen das Licht der Welt erblickte. Der Pfleger desselben bittet die Mutter, Hedwig Marie Hertzer aus Heidelberg (deren es 7 giebt), und ebenso deren ehemaligen Dienstherrn, Herrn Dr. von Breda, der von Buttelstädt nach London gezogen sein soll, um freundliche Mittheilung ihrer dermaligen Adressen.

21) Seit October 1879 befindet sich der jetzt 26 Jahre alte Glasergeselle Johann Heinrich Karl Dommrich aus Nordhausen auf der Wanderschaft, ohne daß seine in schwerer Angst und Sorge um ihn lebenden Eltern bis jetzt eine Kunde von ihm oder über ihn erlangt haben. Er hatte damals die Richtung über Hannover nach Hamburg eingeschlagen.

22) Albin Feodor Engelmann, aus Nebra an der Unstrut, geboren den 8. Februar 1848, ging im Juni 1864 von Blankenese auf dem Schooner „Doranna“, Capitain Bener, nach Rio Grande, soll aber auf dem Rio Plata im Staate Corrientes vom Schiffe desertirt sein. Erst 1869 kam von ihm die Nachricht, daß Briefe ihn unter der Adresse: „Signor Don Guillamo Jolé, Bucco, s. Montevideo“ treffen würden. Seitdem ist auf keinen Brief eine Antwort und trotz aller Bemühungen unserer Consuln keine Kunde mehr über ihn zu den Seinen gekommen.

23) Ein alter Vater ruft hiermit seinen nunmehr neunundzwanzigjährigen Sohn, der ihm die Freuden der Wanderschaft zu lange genießt, während er ihm eine Stütze in Haus und Werkstatt sein könnte, an den heimischen Herd zurück. Dieser Sohn ist der Schmiedegeselle Johann Gottfried Greubel aus Kissingen, der am 15. August 1876 seine Wanderschaft antrat, sich nach alter guter Handwerksburschensitte im In- und Auslande, in Baiern, in der Schweiz und in Italien umsah und arbeitete und zuletzt im September 1878 aus Saarbrücken heimschrieb. Vielleicht treffen ihn diese Zeilen und mahnen ihn als ein Gruß aus dem alten Kissinger Vaterhause.

24) Eine 74 Jahre alte Mutter in Ungarn, die Wittwe Katharina Gutter zu Szegszard im Tolnaer Comitat, sucht ihre letzte Stütze im Alter, ihren einzigen Sohn, August Gutter. Derselbe weilt seit 1865 in Südamerika, wurde 1875 vom k. k. Consulat im Staate Buenos Ayres, auf einer Farm bei der Stadt Carmen de las Flores, aufgefunden und stand nun mit seiner Mutter in Briefwechsel bis 1878, wo er ihr einen längeren Brief versprach. Seitdem wartet die arme Frau vergeblich auf eine Nachricht.

25) Der jetzt 30 Jahre alte Seemann Georg Ludwig Hermann ging am 20. Januar 1872 von Glückstadt aus einem amerikanischen Vollschiff nach Valparaiso in Chile und schrieb gleich nach seiner Ankunft; ein zweiter Brief, datirt Coronel den 13. März 1874, kam am 24. Juni in die Hände der Seinen, und seitdem hörte man nichts mehr von ihm. Die Eltern wohnen in Salzwedel.

26) Der Zimmergeselle Ernst Eckarius aus Ernstroda bei Friedrichroda in Thüringen hat vor drei Jahren das elterliche Haus verlassen, im (wir dürfen gestehen: gerechten) Zorn über seinen Vater. Von Naumburg an der Saale aus schrieb er damals den Seinen, sie möchten seine Kleider und Habseligkeiten verkaufen, da er nicht wieder nach Hause kommen werde. Ein Arbeiter aus Brotterode sah ihn später in Leipzig und vermuthete, daß er nach Hamburg und von da vielleicht nach Amerika gegangen sei. Ihn, ihren einzigen Sohn, bittet seine arme Mutter nun, wo sein Vater gestorben und ihm selbst ein kleines Erbtheil zugefallen, dringend, zu ihr zurückzukehren und die Freude und der Schutz ihres Alters zu sein.

27) Der Uhrmacher Karl Ludwig Krauth, geboren am 12. März 1825 in Dresden, in der französischen Schweiz in seinem Beruf ausgebildet, hat acht Tage vor Weihnachten 1880 auf der Polizei zu Dresden nach der Adresse seiner Mutter geforscht, ohne diese selbst zu finden. Die 81jährige Greisin möchte so nahe vor ihrem Ende den so lange Vermißten noch einmal wiedersehen. Ihre Adresse ist: Fr. Johanna Sophie Praßer, Dresden, Webergasse 28, II, im Hintergebäude A.

28) Eine Erbschaft von etwa 800 Mark steht für zwei Geschwister bereit, die bisher obrigkeitlich vergebens gesucht wurden. Es sind die ledige Pauline Lamm, geboren zu Grottkau am 15. Juni 1850, und der Gärtnergehülfe Adolf Lamm, geboren ebendaselbst am 27. Mai 1952, Beide Kinder eines Kutschers. Der nach ihnen sucht, ist der zum Erbschaftspfleger bestellte Seilermeister F. Berger in Neufalz a. d. Oder.

29) Wieder eine alte, achtzigjährige Mutter, eine arme Wittwe in Trebur (Provinz Starkenburg im Großherzogthum Hessen), welche ihren einzigen Sohn sucht: Peter Lösch, der sich in seiner englischen Adresse Losh schreibt. In seinem letzten Briefe vom 11. Februar 1865 nennt er seinen Wohnsitz „Kyamba bei Jareutta“ in Neu-Süd-Wales. Die unrichtigen Adressen spielen eine starke Rolle in unserem Vermißtenwesen; so sind auch die Briefe unter dieser Adresse ohne Antwort geblieben. Da aber Peter Lösch ein braver, gutherziger Sohn war, der seine Mutter stets nach Kräften unterstützt und ihr auch mit dem letzten Brief wieder zehn Pfund Sterling geschickt und dazu versprochen, nun bald, gleich seinem Freund Fz. Kinz aus Mainz, nach Deutschland zurückzukehren, so ist hier böswilliges und trotziges Schweigen nicht vorauszusetzen. Lösch ist 1835 geboren, lernte als Schneider in Darmstadt und ging 1857 nach Australien, wo er zuerst Schäfer, dann Koch bei einem Mr. John Smith wurde, in welcher Stellung er sich 1865 noch befand.

30) Noch einmal derselbe Fall! Die Wittwe Meyer in Minden hat einen Sohn, Gustav Meyer, der, jetzt neunundzwanzig Jahre alt, seit November 1875 bei Adelaide in Süd-Australien lebt. Sie nennt seinen Aufenthaltsort: „Gentia“. Seit zwei Jahren sind drei Briefe mit dieser Adresse ohne Antwort geblieben. Es müßte ein Wunder von Zufall sein, der uns diesen Verschollenen finden ließe. Dennoch erfüllen wir den Wunsch der alten Mutter; es ist ja ihr letzter Trost.

31) Karl Meyer, geboren am 12. Juli 1848 zu Eppinghafen bei Mülheim an der Ruhr, jüdischer Confession, gelernter Kaufmann, Statur: groß, schlank; Haare: schwarz, kraus; Augen: groß, braun; er trug eine Brille. Am 1. September 1866 reiste er nach Amerika und am 21. December 1867 von New-York nach Brasilien. An diesem Tage gingen von New-York zwei Schiffe ab mit Namen: „the Red Republican“ und „the Guiding Star“; es war nicht zu ermitteln, mit welchem er abgereist; beide Schiffe sind glücklich in Brasilien angekommen, aber seit dieser Zeit ist kein Lebenszeichen von K. Meyer zu den Seinen gedrungen.



Zur Goethe-Literatur. Wenn Goethe’s Werke zugleich die Offenbarung seines ganzen innern Wesens und äußern Wirkens in so hohem Maße sind, wie dies bei keinem zweiten Dichter der Welt der Fall gewesen, indem der „Olympier“ nichts geschaffen, was nicht als ein „Erlebtes“ durch seine Seele gegangen, nicht aus seinem „eigenen Innern hervorbrach“, so gewinnen wir umgekehrt aus dem tiefern Einblick in sein Leben ein volleres Verständniß für seine Werke, und jeder neue Beitrag zur Kenntniß des Menschen Goethe wirft nothwendig auch ein neues rückstrahlendes Licht auf den Dichter. Bei der unermeßlichen Goethe-Literatur und den vielfach damit verzweigten Correspondenzen zwischen dem Altmeister und seinen Zeitgenossen sollte es nun fast scheinen, als ob gewissermaßen die Quellen zu den Studien über sein Leben erschöpft sein müßten.

Um so mehr überraschte uns vor Kurzem die Veröffentlichung eines zwar wenig umfangreichen, aber bedeutsamen Buches, das den Titel führt: „Goethe, Weimar und Jena im Jahre 1806. Nach Goethe’s Privatacten. Am fünfzigjährigen Todestage Goethe’s herausgegeben von Richard und Robert Keil.“ Ohne noch einen Blick in das Buch gethan zu haben, muß der Leser durch die Worte: „Nach Goethe’s Privatacten“ um so lebhafter angeregt werden, den Inhalt kennen zu lernen, als dieselben nach dem vollständigen Buchtitel die furchtbaren Ereignisse des 14. Octobers im Jahre 1806 betreffen. Diese verhängnißvolle Unglückszeit hat bekanntlich der Klatsch- und Parteisucht kleiner und scheinbar großer Geister einen willkommenen Anlaß zu schweren Verdächtigungen des Dichters geboten; die moralische und politische Kleinmeisterei, die ihm gegenüber noch immer nicht verstummt ist, gipfelte schon seiner Zeit in dem Vorwurf, daß er für sein Volk kein Herz gehabt und nicht im patriotischen Sinne gewirkt und gedichtet habe. Auf diesen Vorwurf hat Niemand treffender geantwortet als Goethe selbst, der noch kurz vor seinem Tode die in seinen Gesprächen mit Eckermann enthaltenen, leider zu wenig beachteten goldenen Worte sprach:

„Was heißt denn: sein Vaterland lieben? und was heißt denn: patriotisch wirken? Wenn ein Dichter lebenslänglich bemüht war, schädliche Vorurtheile zu bekämpfen, engherzige Ansichten zu beseitigen, den Geist seines Volkes aufzuklären, dessen Geschmack zu reinigen und dessen Gesinnungs- und Denkweise zu veredeln, was soll er denn da noch Besseres thun? Und wie soll er denn da patriotischer wirken?“

Den rechten Maßstab zur Beurtheilung eines Unsterblichen trägt selbstverständlich nicht Jedermann in der Tasche, und von diesem Standpunkt aus erklärte Goethe die Heftigkeit seiner Ankläger in den freundlich-ironischen Versen:

„Hätten sie mich beurtheilen können,
So wär’ ich nicht, was ich bin.“

In den jetzt veröffentlichten Mittheilungen aus den Privatacten des Dichters kommt vor Allem seine aufrichtige, herzliche Menschenliebe zum vollsten Ausdruck. Eben deshalb bilden diese Acten eine Bereicherung der Goethe-Literatur; denn fast jedes Blatt legt davon Zeugniß ab, daß der Dichter in den Tagen der Schmach, auch wenn er keine Kriegslieder geschrieben, die nicht sein Element waren, darum doch auf das Eifrigste für das gemeine Wohl gewirkt und auf diese Weise seinen patriotischen Sinn lebendig bethätigt hat. Mit Recht sagte Herder von ihm, er habe sich bei jedem Schritte seines Lebens als ein ganzer Mann gezeigt. Was war es denn auch sonst als die Macht des Persönlichen, die Napoleon bei dem ersten Anblicke von Goethe zu dem Ausrufe brachte: „Voilà un homme!“ Reichen Stoff zu moralischen Beschwerden lieferte der Dichter den schönen Seelen durch seine unter dem Donner der Kanonen erfolgte Vermählung mit Christiane Vulpius. Diese eigenthümliche, in ihren Detailzügen mit großer Lebendigkeit wiedergegebene Vermählungsfeier erregt nicht nur ein historisches, sondern auch ein echt dramatisches Interesse, indem das einfache, durch seine gesunde herzliche Naivetät so anziehende Mädchen in dem Augenblicke zur Heldin emporwächst, als Goethe von ernster Lebensgefahr bedroht wird. Der Dichter hätte in der That ein Anderer sein müssen, als er war, wenn ihn diese rasche Entschlossenheit, diese völlige Nichtachtung des eigenen Lebens, mit welcher Christiane seine theure Person vertheidigte, nicht im Innersten ergriffen haben würde. Das ganze hier vor uns aufgerollte Gemälde enthält für den berufenen Dramatiker einen Geschichtsstoff, wie er zur Gestaltung wirksamer Theaterscenen nicht besser zu wünschen ist. Hoffentlich findet sich einmal der richtige Mann, um den hier verborgenen Bühnenschatz zu heben. Wem der Sinn für das Dramatische innewohnt, der wird überhaupt die erste Hälfte dieses Goethe-Buches mit erhöhtem Interesse lesen. Auf dem dunkeln Hintergrunde der grauenvollen Tage von Weimar – welch’ eine

[340] leuchtende Gestalt ist nicht die edle, heroische Herzogin Louise, deren Zusammentreffen mit Napoleon vollkommen dramatisch wirkt und zugleich jedem Patrioten aus den Tagen der Erniedrigung das erhebende Idealbild einer echt fürstlichen Frauengröße in voller Wahrheit zur Anschauung bringt! Welcher klare, scharfe Geist spricht aus jedem Worte der heldenmüthigen Herzogin, wie wächst ihre Erscheinung in den Augen Napoleon’s höher und immer höher, bis er, der mächtigste Feind der Deutschen, hingerissen von Bewunderung in die Worte ausbricht:

„Madame, Sie sind wahrhaftig eine der achtungswürdigsten Frauen, die ich jemals kennen gelernt. Sie haben Ihren Gemahl gerettet.“

Der Herzog Karl August, von dem Goethe so schön gesagt, es wäre ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein, wenn jeder Fürst ihm gliche, tritt in dem Keil’schen Buche weniger hervor. Der Verfasser konnte uns das Bild des damals nicht in Weimar anwesenden Herzogs gewissermaßen nur aus der Ferne zeigen, doch fällt immer noch ein heller Schimmer darauf zurück.

In der zweiten Hälfte steigt das Keil’sche Werk von seiner Höhe herunter. Es verliert den Charakter der historischen Poesie und führt uns öfter in das flache Gebiet einer etwas öden Briefliteratur, deren Werth durch die ereignißvolle Zeit, in welcher sie entstanden, nicht gehoben werden kann.

Wie ein unvermuthet schöner Ausblick erfreut uns aber der köstliche Brief Knebel’s an Goethe vom 24. October, in welchem sich ein freier großer Geist ausspricht, ein Geist, dessen bitterer Schmerz über die Zerfahrenheit der damaligen Zeitzustände in dem Bewußtsein der eigenen deutschen Mannhaftigkeit wurzelte. Knebel fühlte aber auch die Machtlosigkeit des Einzelnen, und nur die Klugheit und der ihm angeborene Humor konnten dem kerndeutschen Mann über die traurige Zeit, so weit es möglich war, hinweghelfen. Da die Franzosen vor den Männern der Wissenschaft eine Art Respect hatten, so staffirte sich der Major als deutscher Professor heraus, und Goethe war der Erste, der ihm zu dem heitern Uebergang aus dem Wehrstand in den Lehrstand gratulirte. Dieser ausführliche, von tiefem Gemüth getragene und dabei mit so vielen treffenden Bemerkungen in unbefangenster Weise durchwebte Brief nebst der Goethe’schen Antwort hat in der That einen literarischen und culturhistorischen Werth. Ganz anders verhält es sich mit der „Abhandlung Goethe’s über Jena und Weimar“, deren Echtheit Robert Keil mit großem Eifer zu vertreten sucht. Ob diese Abhandlung aber von Goethe oder Riemer, das ist wirklich gleichgültig; denn sie besteht lediglich aus einer katalogischen Zusammenstellung der verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften, Anstalten, Privatinstitute, Zeichenschulen, Vereine von Kunstfreunden etc., eine an sich ganz verdienstliche Zusammenstellung, die aber ihres Gegenstandes wegen eine besondere Auffassung und Darstellung überhaupt nicht zuläßt. Wenn nun der Herausgeber trotzdem dieser bisher unbekannten Abhandlung angemerkt hat, sie sei „offenbar ein Dictat Goethe’s an Riemer“, dessen Handschrift sie an sich trägt, so übertrifft er beinahe noch jene allzu eifrigen Goethomanen, von welchen die geistreiche Frau von Staël behauptete, sie verstünden selbst in einer Goethe’schen Briefadresse sein Genie zu finden.

Man sieht, wir müssen Manches mit in den Kauf nehmen, wodurch wir weder eine Anregung noch eine Belehrung zum volleren Verständniß des Dichters empfangen. Das Werk ist eben die Hervorbringung von zwei Brüdern, deren Geist in einer verschiedenen Darstellungsweise zum Ausdruck kommt. In dem einen Theil waltet bei aller historischen Wahrheit in den Schilderungen der Zeit eine dichterisch angelegte Natur, aus dem andern Theil dagegen spricht vornehmlich ein geschichtlicher Sammel- und Forschergeist. Ungeachtet dieser mangelnden Harmonie im Darstellungsstil ist das Werk eine historisch und literarisch nicht zu übersehende Erscheinung, schon wegen jener Urkunden, in denen der universellste deutsche Dichter, der wie Apollo in dem Reiche des Lichtes stand, uns Vieles mittheilt, wodurch unsere Liebe zu ihm als Menschen nur noch mehr gefestigt wird.

Wilhelm Buchholz.




„Der österreichische Touristenclub“, welcher seinen Sitz in Wien und in der „Oesterreichischen Touristen-Zeitung“ (Redaction: Emerich Reichel) sein Organ hat, erstrebt bekanntlich dieselben Zwecke, wie der „Deutsche und österreichische Alpen-Verein“. Das Verdienst einer Section desselben, der Section Eisenkappel, ist namentlich auch die Anlegung von dem in Nr. 13 unseres Blattes erwähnten „Fernsprecher im Dienste der Alpinen Sache“, über welche uns folgende nähere Beleuchtung zugeht:

„Die im Jahre 1878 gegründete Section Eisenkappel,“ so berichtet uns die Redaction der „Oesterreichischen Touristen-Zeitung“, „zählt dermalen 59 Mitglieder, und hat – außer sehr zahlreichen Wegmarkirungen und Weganlagen im Gebiete der hochromantischen Sannthaler Alpen (Grintovc 2559 Meter) und Karawanken (Hochobir 2140 Meter) – als hauptsächlichste Leistungen die Erwerbung der Werksgebäude aus dem Hochobir, dicht unter der Spitze, zu einer im Sommer und Winter bewirthschafteten Touristen-Unterkunft, die Erbauung des Frischauf-Hauses am Grintovc (circa 1500 Meter) und die Errichtung einer Touristen-Unterkunft im Berghause auf der Petzen (circa 2114 Meter), in circa 1400 Meter Höhe zu verzeichnen.

Die Häuser auf dem Hochobir und Grintovc wurden später von der Centrale in’s Eigenthum übernommen, respective der Section abgekauft.

Von ganz besonderer Wichtigkeit ist ferner die dem ‚Österreichischen Touristen-Club‘ gehörige und von ihm erhaltene meteorologische Beobachtungsstation auf dem Obir (2044 Meter), dermalen die höchste derartige Station in Oesterreich-Ungarn.

Dieselbe erhielt die Ausrüstung einer Station erster Ordnung mit registrirenden Apparaten für Luftdruck, Temperatur, Feuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und Windrichtung, darunter von der kaiserlich königlichen Centralanstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus in Wien einen Thermohydrograph von Hottinger und ein Anemometer etc. Das Anemometer wird auf dem Gipfel des Berges (2140 M.) selbst aufgestellt werden, auf einer eisernen Pyramide, deren Kosten und Aufstellung vom deutschen und österreichischen Alpenverein freundlich übernommen wurden.

Es wird dies die erste Gipfelstation mit registrirenden, meteorologischen Apparaten im Alpengebiete sein und die zweite in Europa überhaupt. (Frankreich besitzt eine solche auf dem Gipfel des Puy de Dôme in nur 1467 M. Höhe.)“ [Jahresbericht der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, vom 30. Mai 1881.]

Aus Vorstehendem erhellt die Bedeutung und Wichtigkeit einer directen Telephonverbindung mit der Telegraphenstation Eisenkappel, nicht nur für die Touristik, sondern noch mehr für die Wissenschaft.

Die Station ist eine permanente, und finden die Beobachtungen durch einen angestellten Beobachter statt. Die Wichtigkeit dieser Station ergiebt sich aus den Unterstützungen, die derselben durch Beistellung von Instrumenten und durch Subventionen von Seite der kaiserlich königlichen Centralanstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus in Wien, der Börsendeputation in Triest, der Centrale und der Section Klagenfurt des deutschen und österreichischen Alpenvereins etc. zu Theil werden.

Eine zweite meteorologische Beobachtungsstation besitzt der Club im Baumgartnerhause auf dem Schneeberge in Nieder-Oesterreich in einer Seehöhe von 1389 M.




Zur Errichtung eines Denkmals für Joh. Heinrich Voß. Am 21. Juli dieses Jahres vollendet sich ein Jahrhundert seit dem Tage, wo der gefeierte Sänger der „Luise“ und der berühmte Uebersetzer der „Odyssee“ in Eutin einzog, um zwanzig Jahre lang der dortigen Schule als Rector vorzustehen. Die Eutinische Thätigkeit von Voß gehört ihrem Hauptinhalte nach dem gesammten Vaterlande; schuf er doch hier seine berühmtesten dichterischen Werke und seine hervorragendsten Arbeiten kritischen Inhaltes, welche für die deutsche Sprache, für Uebersetzungskunst und Poesie, sowie für die bildende Kunst und die gesammte Wissenschaft von bahnbrechender Bedeutung und nachhaltiger Wirkung waren. In richtiger Würdigung dieser Verdienste hat man beschlossen, den oben bezeichneten Erinnerungstag in Eutin in festlicher Weise zu begehen und an demselben ein Voß-Denkmal auf dem Platze vor dem Eutiner Gymnasium zu errichten. Das zu diesem Zwecke eingesetzte Comité wendet sich nun an alle Freunde und Verehrer unseres Voß mit der Bitte, es freundlichst durch recht bald einzusendende Beiträge zu unterstützen. Wir treten für dieses Gesuch des Comités auf’s Wärmste ein und bemerken nur noch, daß Geldsendungen an den Cassirer des „Comité zur Errichtung eines Denkmals für Joh. Heinrich Voß“, Herrn Amtsrichter Muus in Eutin, zu richten sind.




Der Suezcanal – eine Wanderstraße der Seethiere. Der Suezcanal, eines der größten Werke unseres Jahrhunderts, dient gegenwärtig nicht allein dem regen Handelsverkehr der Culturvölker. Außer den großen Dampfern und Segelschiffen aller Nationen benutzen ihn noch einige Thierarten der angrenzenden Meere als Wanderstraße. Ein deutscher Naturforscher, Dr. Keller, hat diese Erscheinung am Timsahsee, einem der Bitterseen, durch welche bekanntlich der Canal geführt worden, genauer studirt und die Ergebnisse seiner Forschungen vor Kurzem veröffentlicht. Unsere Leser dürfte vor Allem die Erwähnung der Thatsache interessiren, daß auch die echte Perlmuschel vom Rothen Meere in den Canal eingewandert ist, sich dort ganz heimisch fühlt, ja sogar Perlen erzeugt. Auf Grund dieser Thatsache darf man wohl hoffen, daß diese werthvolle Muschelart auch in das Mittelmeer eindringen wird und daß uns einst die Gelegenheit geboten werden wird, an den südlichen Küsten von Europa Perlfischerei zu treiben. Freilich müssen sich, die dies hoffen, auf geduldiges Warten gefaßt machen, da noch Jahrzehnte vergehen werden, bis die Perlmuschel in größerer Anzahl im Mittelmeere erscheinen wird. Jedenfalls würde unsere Damenwelt diese Invasion der europäischen Küsten mit besonderer Genugthuung begrüßen.




Zum Besten der Blinden. Ein guter Gedanke ist es offenbar, den uns ein Herr M. M. brieflich mittheilt. (Unserm Herrn Correspondenten soll deshalb seine Anonymität ausnahmsweise verziehen sein.) Von der Annahme ausgehend, daß jeder gute Mensch in den Augenblicken, in welchen er sich durch den Gebrauch seiner Sehkraft am höchsten beglückt fühlt, auch am geeignetsten sein müsse, so recht mit dem Herzen zu ermessen, wie viel von der Herrlichkeit der Natur und des Lebens dem Blinden entzogen, wie entsetzlich arm er ist neben dem Sehenden – von dieser Annahme ausgehend, macht Herr M. M. den Vorschlag, nicht nur auf den unzähligen, vielbesuchten Aussichtspunkten in der Schweiz, in Tirol, im Salzkammergut, in Steiermark und Kärnthen, im Thüringer- und Schwarzwald, im Riesengebirge und im Harz, in der sächsischen und fränkischen Schweiz, im Rheinthale etc., sondern auch in den Bildergallerien, Museen und Theatern – und wir fügen hinzu: auch auf Volksfesten und in Ballsälen, wo die Lust des Auges so groß ist – Sammelbüchsen aufzustellen für die armen Blinden. Die Organisation dieser Unternehmung, welche allerdings zu einem riesigen Umfang sich ausbreiten könnte, soll und kann jetzt hier nicht erörtert werden, aber der Wunsch, der diesen guten Gedanken erzeugt hat, sei so laut wie möglich ausgesprochen: die Sehenden sollten im Gefühl des Glückes das Mögliche thun, damit der Blinde nicht auch noch vom Fluch der Armuth ganz zu Boden gedrückt, sondern daß ihm durch möglichste Ausbildung seiner übrigen Sinne so viel Genuß des Lebens gerettet werde, als eben möglich ist.




Kleiner Briefkasten.


Fritz Vieider. Der Jahrgang 1854 ist bei der Verlagshandlung nicht mehr vorräthig. Antiquarisch wird derselbe zu beschaffen sein.

A. M. in Berlin. Wenden Sie sich gütigst an den „Centralverein für Handelsgeographie und zur Förderung deutscher Interessen im Auslande“ in Berlin!




Redacteur: Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Die Zahl der Aussteller überhaupt betrug in Brüssel 1842, von denen Deutschland 308 angehörten. Letztere erhielten von den Auszeichnungen im Allgemeinen 20,4 Procent, während sie nur 17 Procent der ausgestellten Gegenstände geliefert hatten. Von den 50 Ehrendiplomen und goldenen Medaillen, die zur Vertheilung kamen, erhielt Deutschland aber nicht weniger als 20.
  2. Wir wollen an dieser Stelle nicht unterlassen, dem Verfasser des obigen Artikels, Herrn Oberstabsarzt Dr. Börner, unsere dankbare Anerkennung sowohl in Betreff des obigen Artikels wie auch ganz besonders bezüglich der umsichtigen Unterstützung auszusprechen, welche er uns beim Arrangement der hiermit eröffneten Artikel-Serie über die „Hygiene-Ausstellung“ hat zu Theil werden lassen. Als Redacteur der „Deutschen Medicinischen Wochenschrift“ in Berlin, als zweiter Vorsitzender der „Deutschen Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege“ wie als Schriftführer der Commission der „Hygiene-Ausstellung“ war Herr Dr. Börner vor Anderen in der Lage, uns mit Rath und That in besonders ausgiebiger und maßgebender Weise zur Seite zu stehen. D. Red.
  3. Aus dem binnen Kurzem erscheinenden Bändchen „Wanderzeit“, auf welche neue Liedergabe des talent- und gemüthvollen baierischen Dichters wir hiermit warm hinweisen. D. Red.
  4. * Wir müssen unsere Leser an dieser Stelle auf zwei frühere Artikel unseres Blattes über diesen Gegenstand hinweisen. Im Jahrgange 1871 (S. 418) schilderte ein alter Freund und Gesinnungsgenosse der „Gartenlaube“ eine Stunde der Erinnerung an jenes erste große deutsche Nationalfest und an die „Pioniere der deutschen Einheit“, die er am Tage der Eröffnung des ersten „deutschen Reichstages“ und am Vortage des ersten deutschen „Kaisergeburtstages“ auf dem Hambacher Schlosse (jetzt Marburg genannt) feierte. Dieser Artikel preist in würdigster Weise unsere „Pioniere“ und darf schon deshalb nicht vergessen werden. – Der andere brachte die berüchtigte Jahresfeier des Hambacher Festes „Nach vierzig Jahren“ wieder in Erinnerung, und es geschah dies damals (im Jahrgang 1872, S. 362), wie es auch heute geschieht, nicht in der Absicht, den Zorn über die erlittene Unbill wieder aufzurühren, sondern mit der beruhigenden Zuversicht, daß Tage solcher Machtverirrungen im deutschen Vaterlande nunmehr für immer unmöglich geworden sind. D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Arnostadt: die Stadt am Fluss Arno, gemeint ist Florenz
  2. Vorlage: abe rihre