Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1878
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[143]
Um hohen Preis.
Von E. Werner.
Nachdruck verboten und Uebersetzungsrecht vorbehalten.


Heller Sonnenschein lag auf der Landschaft ringsum; der Spiegel des Sees dehnte sich weit und glänzend aus und warf das Bild der Stadt zurück, die sich in ihrer ganzen malerischen Schönheit am Ufer erhob, während das fern aufsteigende Gebirge, mit seinen zackigen Gipfeln und seinen Schneehäuptern sich in voller Klarheit zeigte.

Inmitten der villen- und gartenreichen Vorstadt, die sich am Ufer hinzog, lag eine kleine Besitzung von bescheidenem Ansehen. Das einstöckige Wohnhaus bot weder viel Raum, noch schien es besonderen Luxus zu bergen. Eine offene, weinumrankte Veranda bildete fast den einzigen Schmuck desselben; dennoch machte es mit seinen hellen Mauern und grünen Jalousien einen äußerst freundlichen Eindruck, und der nicht große, aber sorgfältig gepflegte Garten, der sich bis an den Rand des Sees erstreckte, gab dem kleinen Landsitze noch einen besonderen Reiz.

In der Veranda, die vollen Schutz gegen die Sonnengluth und selbst einige Kühlung gewährte, gingen zwei Herren, im Gespräch begriffen, auf und nieder. Der Aeltere der beiden war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, aber das Alter schien ihm früh genaht zu sein, denn die Gestalt war gebeugt und das Haar bereits vollständig ergraut. Das tief durchfurchte Gesicht verrieth, daß Kämpfe und vielleicht Leiden mancher Art darin gewühlt hatten, und der scharfe bittere Zug um die schmalen Lippen gab dem Antlitz ein beinahe feindseliges Gepräge. Nur in dem Auge blitzte noch ein Feuer, das weder Jahre noch Erfahrungen hatten dämpfen können und das einen seltsamen Contrast zu den grauen Haaren und der gebeugten Haltung bildete.

Sein Gefährte war um vieles jünger, eine schlanke mittelgroße Gestalt mit keineswegs regelmäßigen, aber im höchsten Grade anziehenden Zügen und ernsten blauen Augen. Das hellbraune Haar fiel auf eine schöne klare Stirn; die Gesichtsfarbe zeigte jene leichte Blässe, die, ohne krankhaft zu sein, doch auf angestrengte geistige Thätigkeit deutet, und der vorherrschende Ausdruck war der einer ruhigen Festigkeit, wie man sie bei einem Alter von sieben- oder achtundzwanzig Jahren nur selten ausgeprägt findet. Es konnte kaum einen schärferen Gegensatz geben als diese beiden Männergestalten.

„Also Sie wollen uns wirklich schon jetzt verlassen, Georg?“ fragte der Aeltere im Tone des Bedauerns.

Der junge Mann lächelte. „Schon jetzt? Ich dächte, Herr Doctor, ich hätte Ihre Gastfreundschaft lange genug in Anspruch genommen. Meine Absicht war es nicht, wochenlang zu bleiben, aber Sie nahmen den Fremden, der nichts weiter als eine Universitätsfreundschaft mit Ihrem Sohne geltend machen konnte, so herzlich auf, wie einen nahen, lieben Verwandten. Ich werde nie –“

„Nur keinen Dank für das, was mir eine Freude gewesen ist!“ unterbrach ihn der Doctor. „Ich fürchte nur, Sie werden die genossene Gastfreundschaft daheim büßen müssen. Man verzeiht dem Assessor Winterfeld schwerlich den Aufenthalt in meinem Hause. Ich habe Ihnen nie verhehlt, daß Ihr Besuch bei uns ein Wagniß ist und Ihre ganze Stellung gefährden kann.“

Der ironische Ton dieser Warnung rief eine flüchtige Röthe auf die Stirn des jungen Winterfeld und verschuldete jedenfalls die Lebhaftigkeit, mit der er antwortete: „Ich denke Ihnen bewiesen zu haben, daß ich meine Selbstständigkeit unter allen Umständen zu wahren weiß. Meine Stellung legt mir hoffentlich nicht die Verpflichtung auf, Freundschaftsbeziehungen zu meiden, die rein privater Natur sind.“

„Nicht? Ich bin vom Gegentheil überzeugt. Es wird sich bei Ihrer Rückkehr ja zeigen. Vergessen Sie nicht, Georg, daß Sie unter dem Regimente eines Raven stehen!“

„Ich glaube nicht, daß mein Chef sich so eingehend um die Ferienreisen seiner Beamten kümmert,“ sagte Georg ruhig. „Er ist allerdings von einer eisernen Strenge in allem, was den Dienst betrifft, mischt sich aber niemals in Privatverhältnisse. Die Gerechtigkeit muß ich ihm widerfahren lassen, wenn ich auch sonst keineswegs zu seinen Freunden gehöre. Sie wissen ja, ich bin ein entschiedener Gegner der Richtung, die er vertritt, also auch der seinige, wenn ich als sein Untergebener auch vorläufig noch zum Schweigen und Gehorchen verurtheilt bin.“

„Vorläufig?“ wiederholte der Doctor in schneidendem Tone. „Ich sage Ihnen, er wird Sie dauernd Schweigen und Gehorsam lehren, und wenn Sie sich nicht gelehrig zeigen, wird er Sie erdrücken und verderben. Das ist so seine Art, wie die all dieser verächtlichen Emporkömmlinge.“

Georg schüttelte ernst den Kopf. „Sie gehen zu weit. Der Freiherr hat viele Feinde, und ich glaube, daß im Geheimen sehr viel Haß und Bitterkeit gegen ihn genährt wird – Verachtung aber hat ihm noch Niemand zu bieten gewagt.“

„Nun wohl, so thue ich es,“ rief der Doctor mit ausbrechender Heftigkeit. „Und ich habe wahrlich Grund dazu.“

Der junge Mann sah ihn schweigend an; dann, nach einer secundenlangen Pause, legte er die Hand auf seinen Arm.

„Herr Doctor Brunnow, verzeihen Sie eine vielleicht indiscrete Frage. Was liegt eigentlich zwischen Ihnen und meinem [144] Chef? So oft sein Name genannt wird, verrathen Sie eine Bitterkeit, die unmöglich nur der politischen Gegnerschaft entstammen kann. Sie scheinen ihn genau zu kennen.“

Brunnow’s Lippen zuckten. „Wir waren einst Jugendfreunde,“ entgegnete er dumpf.

„Unmöglich!“ rief Georg. „Sie und –“

„Freiherr Arno von Raven Excellenz, Gouverneur der -schen Provinz und intimer Freund und Günstling der jetzigen Machthaber,“ vollendete der Doctor, einen scharfen, hohnvollen Nachdruck auf jedes einzelne Wort legend. „Das befremdet Sie, nicht wahr?“

„Allerdings; ich ahnte nichts von einer solchen Beziehung.“

„Es liegt auch fast ein halbes Menschenalter dazwischen. Damals hieß er freilich noch einfach Arno Raven und war arm und unbekannt wie ich selber. Wir lernten uns in einer stürmischen, mächtig bewegten Zeit, inmitten der Partei kennen, der wir Beide angehörten. Raven mit seinen glänzenden Geistesgaben, seiner rastlosen Energie hatte sich bald genug zu unser Aller Führer aufgeworfen. Wir folgten ihm mit blindem Vertrauen, ich vor Allem, denn ich liebte ihn, wie ich nichts wieder auf der Welt geliebt habe, nicht einmal mein Weib und Kind. Ihm galt die ganze Schwärmerei meiner Jugend; er war mein Vorbild, zu dem ich mit glühender Bewunderung aufblickte, mein Ideal, mein Alles – bis zu dem Tage, wo er mich und uns Alle verrieth und verließ, wo er die Ehre seinem Ehrgeize opferte und sich mit Leib und Seele unseren Feinden verkaufte, indem er uns dem Verderben preisgab. – Menschenfeindlich nennen mich die klugen Leute, die nie eine Enttäuschung erfahren, nie eine Verzweiflungsstunde durchlebt haben. Wenn ich es bin, so bin ich es an dem Tage geworden, wo ich mit dem Freunde auch den Glauben an die Menschheit verlor.“

Er wandte sich in stürmischer Bewegung ab. Man sah es, wie die Erinnerung noch jetzt das ganze Wesen des Mannes in all seinen Tiefen aufwühlte.

„Also ist doch etwas an jenen Gerüchten, die von irgend einem dunklen Punkte in der Vergangenheit des Freiherrn sprechen,“ bemerkte Georg leise. „Ich vernahm wohl hin und wieder Andeutungen, aber Niemand wußte etwas Gewisses darüber. Die Sache ist jedenfalls nie in die Oeffentlichkeit gelangt, denn man kennt Raven nur als den energischen, rücksichtslosen Vertreter der Regierung.“

„Die Renegaten sind immer die schlimmsten Verfolger des verlassenen Glaubens,“ sagte Brunnow finster. „Und in Arno Raven lag von jeher ein verhängnißvolles Element, ein glühender, verzehrender Ehrgeiz. Das war die eigentliche Triebfeder seines Charakters, und das hat ihn auch schließlich zu Falle gebracht. Er träumte immer nur von Macht und Größe; er wollte herrschen, gebieten um jeden Preis, und das ist ihm nun ja auch geworden. Seine Carrière ist geradezu beispiellos. Aus Armuth und Dunkelheit stieg er empor, von Stufe zu Stufe, von Auszeichnung zu Auszeichnung. Er wurde der Schwiegersohn des Ministers, dessen bevorzugter Günstling er stets gewesen, ließ sich in den Freiherrnstand erheben und ist jetzt der fast allmächtige Gouverneur einer der ersten Provinzen des Landes. Er steht auf der einst nur geträumten Höhe, aber ich, den er in Kerker und Verbannung gejagt, der auf ein Leben voll der herbsten Enttäuschungen zurückblickt und an der Schwelle des Greisenalters noch mit Existenzsorgen ringen muß – ich tausche nicht mit dieser Höhe. Sie hat ihm seine Ehre gekostet.“

Der Sprechende war furchtbar erregt; er brach ab und ging einige Male auf und nieder, um seiner Erregung Herr zu werden. Endlich trat er wieder zu Georg, der schweigend vor sich niedersah.

„Ich habe seit Jahren diesen Punkt nicht berührt,“ begann er von Neuem. „Aber Ihnen war ich Offenheit schudig. Sie sind keines von jenen blinden, gefügigen Werkzeugen, wie Raven sie braucht, wie er sie allein um sich duldet, und ich fürchte, es wird eine Stunde kommen, wo Sie gezwungen sein werden, ihm den Gehorsam zu verweigern, wenn Sie anders Ihre Ueberzeugung und Ihre Mannesehre retten wollen. Was dann aus Ihnen wird, ist freilich eine andere Frage. Stehen Sie fest, Georg! Durch das Gefühl der Abneigung und Gegnerschaft, das Sie für ihn hegen, klingt etwas wie Bewunderung dieses Mannes, und ich begreife das nur zu gut. Er übte von jeher eine fast dämonische Macht über Alles, was mit ihm in Berührung kam. Auch Sie können sich ihr nicht ganz entziehen, und darum mußte ich Sie über diesen Raven aufklären. Sie wissen jetzt, was an ihm ist.“

„Dachte ich es doch; da stecken sie schon wieder mitten in der Politik oder in sonstigen unerquicklichen Debatten!“ sagte eine Stimme hinter den Beiden. „Ich suche Dich im ganzen Hause, Georg. – Guten, Tag, Papa!“

Der Sprechende, der jetzt gleichfalls in die Veranda trat, war einige Jahre jünger als Georg, aber größer und stärker gebaut, eine frische, kräftige Erscheinung mit offenen Gesichtszügen, klaren Augen und dichtem, blondem Haar. Er warf einen prüfenden Blick auf das noch immer dunkel geröthete Antlitz seines Vaters und fuhr dann fort:

„Du solltest Dich beim Gespräche nicht so aufregen, Papa. Du weißt doch, wie nachtheilig das stets auf Dich wirkt, und überdies hast Du heute schon angestrengt gearbeitet, wie ich sehe.“

Damit trat er zu einem mit Büchern und Papieren bedeckten Tische, der in der Veranda stand, und begann in den Schriften zu blättern.

„Laß das liegen, Max!“ sagte der Doctor ungeduldig. „Du bringst mir Unordnung in die Manuscripte, und Du giebst Dich ja doch nicht mit tieferen wissenschaftlichen Studien ab.“

„Weil mir die Zeit dazu fehlt,“ erwiderte Max, die Papiere ruhig wieder hinlegend. „Ein junger Assistenzarzt im Hospital kann nicht tagelang über den Büchern sitzen. Du weißt ja, daß ich alle Hände voll zu thun habe.“

„Die Zeit würde sich schon finden,“ warf Brunnow ein.

„Was Dir fehlt, ist die Lust.“

„Meinetwegen auch die Lust! Mein Studium ist die Praxis, und ich denke damit ebenso weit zu kommen.“

„So weit Dein Ehrgeiz reicht, allerdings,“ in dem Tone des Vaters verrieth sich eine unverkennbare Geringschätzung. „Du wirst Dir jedenfalls eine ausgebreitete Praxis gründen und Deinen Beruf als ein einträgliches Handwerk betrachten. Ich zweifle durchaus nicht daran.“

Max kämpfte augenscheinlich mit einer aufsteigenden Gereiztheit; dennoch entgegnete er mit ziemlicher Ruhe: „Ich werde mir allerdings so bald wie möglich eine eigene Praxis gründen. Du hättest das schon vor zwanzig Jahren gekonnt, zogst es aber vor, medicinische Werke zu schreiben, die Dir neben dem geringen Honorare höchstens die Anerkennung einzelner Fachgenossen eintragen. Der Geschmack ist verschieden.“

„So verschieden wie unsere Auffassung des Lebens überhaupt. Du weißt freilich nicht, was es heißt, für die Wissenschaft zu leben und sich ihr zu opfern.“

„Ich opfere mich für Niemand,“ sagte Max trotzig. „Ich fülle meinen Platz im Leben gewissenhaft aus und denke damit genug zu thun. Du liebst die nutzlosen Aufopferungen, Papa – ich nicht.“

„Lassen Sie doch den unverbesserlichen Realisten, Herr Doctor!“ mischte sich Georg ein, den der gereizte Ton der Beiden eine Scene fürchten ließ, wie sie zwischen Vater und Sohn nicht eben selten war. „Ich habe es längst aufgegeben, ihn zu bekehren. Jetzt aber wollen wir Beide Sie nicht länger stören. Max versprach mir schon heute Morgen, mich nach seiner Rückkehr auf einem Spaziergange nach dem Wäldchen zu begleiten.“

„Jetzt um die Mittagsstunde?“ fragte der Doctor befremdend.

„Weshalb nicht später?“

In dem Gesichte des jungen Winterfeld zeigte sich eine leichte Verlegenheit, die er jedoch rasch bemeisterte. „Ich habe später noch mit den Vorbereitungen zur Abreise zu thun und möchte gern noch einmal den Blick auf den See und die Berge genießen. Das Scheiden wird mir schwer genug.“

„Das glaube ich,“ sagte Max mit einer eigenthümlichen, fast boshaften Betonung, brach aber ab, als er dem halb unwilligen, halb bittenden Blicken seines Freundes begegnete.

Brunnow schien der Sache keine Wichtigkeit weiter beizulegen; er winkte einen flüchtigen Abschiedsgruß und trat wieder an seinen Arbeitstisch, während die beiden jungen Männer durch den Garten schritten und, nachdem Max die Gitterthür desselben geöffnet hatte, einen Fußweg einschlugen, der dicht am See entlang führte. Eine Zeitlang schritten sie schweigend vorwärts. [145] Georg schien sehr ernst und nachdenklich, und der junge Arzt war offenbar übler Laune, an der das eben geführte Gespräch mit dem Vater und die nahe Abreise des Freundes gleichen Antheil haben mochten.

„Das wäre nun also der letzte Tag Deines Hierseins,“ begann er endlich, „und was habe ich eigentlich davon, wie überhaupt von Deinem Besuche hier? Den halben Tag lang declamirst Du mit meinem Papa gegen die Zustände in unserm geliebten Vaterlande im Allgemeinen und gegen die Raven’sche Dictatorwirthschaft im Besonderen, und wenn ich Dich endlich glücklich von der Politik entfernt habe, mißbrauchst Du meine Freundschaft in der unverantwortlichsten Weise, indem Du mich bei vierundzwanzig Grad Réaumur in der Mittagsstunde Schildwach’ stehen läßt. Ein höchst angenehmer Posten!“

„Welch ein Ausdruck!“ sagte Georg unwillig. „Ich habe Dich nur gebeten –“

„Dafür zu sorgen, daß Du bei Deinem, natürlich ganz zufälligen Zusammentreffen mit Fräulein von Harder ungestört bleibst. Man nennt das auf Deutsch ‚Schildwache stehen‘. Wie viele solcher Zufälligkeiten habt Ihr eigentlich schon mit oder ohne meine Statistenmitwirkung in Scene gesetzt? Nehmt Euch in Acht, daß die Frau Mama nicht hinter diese gemeinsamen Spaziergänge kommt!“

„Du weißt ja, daß mein Urlaub zu Ende ist und daß ich morgen fort muß,“ war die etwas kurze Antwort.

Max seufzte leise vor sich hin. „Und deshalb wird es vermuthlich heut’ sehr lange dauern. Nimm es mir nicht übel, Georg – für Euch mag es sehr interessant sein, wenn Ihr Euch bei Sonne, Mond und Sternen ewige Treue schwört, aber für den Unbetheiligten ist das äußerst langweilig, noch dazu bei einer Temperatur wie die heutige. Es ist das heißeste Freundschaftsstück, das ich je einem Menschen geleistet habe.“

Sie hatten inzwischen das nahgelegene „Wäldchen“ erreicht, eine Gruppe von Kastanienbäumen, die einen Wiesengrund am Ufer des Sees beschattete. Es war ein vielbesuchter und beliebter Spaziergang der Stadtbewohner, denn man genoß von hier aus eine prachtvolle Rundsicht, bei der sich der See und das Gebirge in ihrer ganzen Schönheit zeigten. Jetzt, um die Mittagsstunde, war der Ort freilich ganz einsam und verlassen. Georg, der vorausgeeilt war, blieb stehen und spähte erwartungsvoll, aber vergebens, umher. Max schlenderte langsam nach, und da er gleichfalls Niemand gewahrte, ließ er sich unter einem der mächtigen Kastanienbäume nieder, wo eine Rasenbank gerade an dem schönsten Aussichtspunkte einen natürlichen Ruhesitz bildete. Er lehnte sich in bequemster Stellung zurück und beobachtete mit einem Gemisch von Spott und Mitleiden seinen Freund, dessen fieberhafte Unruhe sich deutlich verrieth.

„Sag’ einmal, Georg, was soll denn nun eigentlich aus Deinem Liebesroman werden?“ begann er nach längerem Schweigen von Neuem.

Der Gefragte runzelte die Stirn. „Ich habe Dich schon öfter gebeten, nicht in solchem Tone davon zu sprechen.“

„Ist das etwa nicht zart genug ausgedrückt? Ich dächte, Romantik genug wäre in Deiner Liebe. Ein junger bürgerlicher Beamter ohne Vermögen – und eine hochgeborene Baroneß und dereinstige Erbin – heimliche Zusammenkünfte – voraussichtlicher Widerstand der ganzen Familie – Kämpfe und Aufregungen ohne Ende – ich gratulire Dir zu all den schönen Dingen. Mir wäre die Geschichte viel zu unbequem.“

„Das glaube ich,“ sagte Georg mit leisem Spott. „Aber, lieber Max, in solchen Dingen fehlt Dir wirklich die Berechtigung, mitzusprechen.“

„Weil ich eine durch und durch prosaische Natur bin,“ ergänzte Max in größter Gemüthsruhe. „Das ist mir nun gerade nichts Neues mehr. Mein Vater läßt mich oft genug anhören, daß mir die ‚ideale Richtung‘ fehlt. Er hat sich von jeher die redlichste Mühe gegeben, mir den Idealismus beizubringen, es ging aber leider nicht. Ich gehöre nun einmal nicht zu den ‚höher organisirten Naturen‘, wie Du zum Beispiel. Du bist weit mehr nach Papas Geschmack, und ich glaube, er würde sich nicht einen Augenblick bedenken, Dich als Sohn einzutauschen.“

Georg lächelte flüchtig. „Wenn Du damit einverstanden bist – ich hätte nichts dagegen.“

„Probire es erst einmal!“ sagte Max trocken. „Gegen Dich ist Papa allerdings ausnahmsweise liebenswürdig, weil er eine ganz besondere Vorliebe für Dich gefaßt hat, im Uebrigen fehlt ihm aber nicht viel zum Menschenfeinde. Nichts genügt ihm; Alles faßt er mit der Gereiztheit und Verbitterung auf, die er für unbefriedigten Idealismus hält, und das ist der Grund zum ewigen Kriege zwischen uns. Er vergiebt es mir nicht, daß ich mich in dieser nichtsnutzigen Welt ganz wohl befinde, während er nie damit fertig werden kann. Unser Verhältniß zu einander wird von Tag zu Tage unleidlicher.“

„Du thust Deinem Vater Unrecht,“ begütigte Georg. „Wer wie er Heimath, Lebensstellung und Freiheit dem geopfert hat, was ihm Ideal hieß, der hat auch das Recht, einen höheren Maßstab an Welt und Menschen zu legen.“

„Ich bin aber für diesen höheren Maßstab zu kurz gerathen,“ erklärte der junge Arzt ärgerlich. „Du entsprichst ihm weit eher; das hat Papa auch schleunigst herausgefunden; er hat Dich ganz für sich in Beschlag genommen. Du würdest freilich bedeutend in seiner Achtung sinken, wenn er ahnte, daß Du gleich in den ersten Tagen Deines Hierseins den grenzenlosen Unsinn begangen hast, Dich zu verlieben.“

„Max, ich bitte Dich,“ unterbrach ihn der Freund in gereiztem Tone, aber Max war einmal im Zuge mit seinem Aerger, und ließ sich durchaus nicht darin stören.

„Ich bleibe dabei, es ist ein Unsinn,“ sagte er kurz und bündig. „Du mit Deinen tiefernsten Lebensansichten. Deinem rastlosen Arbeiten. Deinen idealen Zielen – im Grunde höchst überflüssige Dinge, aber Du hast sie doch nun einmal – und diese verwöhnte, übermüthige Gabriele von Harder, in Reichthum und Ueberfluß aufgewachsen, in allen nur möglichen aristokratischen Vorurtheilen erzogen! Glaubst Du denn wirklich, daß sie jemals auch nur das leiseste Verständniß für Deine Interessen haben wird? Ich sage Dir, sie giebt Dich auf, sobald der Ernst dieser Reiseidylle an sie herantritt und der Einfluß der Familie sich geltend macht. Du wirst Dein Alles an diese Liebe setzen und Deine besten Kräfte im Kampfe mit den Verwandten verschwenden, um schließlich irgend einem Grafen oder Baron geopfert zu werden, der eine standesgemäße Partie für die junge Baroneß ist.“

„Nein, nein!“ rief Georg mit aufwallender Heftigkeit.

„Du kennst Gabriele ja kaum; Du hast sie stets nur flüchtig gesehen, ich dagegen –“ er hielt plötzlich inne und seine Stimme sank, als er fortfuhr: „Ich weiß es ja, daß noch eine ganz andere Kluft zwischen uns liegt, als die der äußeren Verhältnisse, aber sie ist noch so jung, das Leben hat ihr bisher nur seine Sonnenseite gezeigt – und ich liebe sie grenzenlos.“

Max zuckte die Achseln mit einem Ausdrucke, der deutlich verrieth, daß dieser letzte Grund ihm höchst ungenügend erschien.

„Jeder Mensch hat sein Vergnügen.“ sagte er phlegmatisch, „das meinige wäre diese grenzenlose Liebe nun gerade nicht, und es kommt auch gar nichts dabei heraus. Uebrigens,“ er stand auf, „ist es nun wohl Zeit, daß ich meinen Wachposten beziehe, denn ich sehe da hinter den Fliederhecken ein helles Kleid auftauchen und Dich aufflammen, als ob alle sieben Himmel sich vor Dir öffneten. – Georg, thu’ mir den einzigen Gefallen und vergiß nicht ganz, daß es so etwas wie eine Mittagsstunde in der Welt giebt, und daß gewöhnliche Menschen alsdann zu essen pflegen! Eine höchst unpraktische Idee, dies Rendezvous gerade auf die Mittagszeit zu verlegen! Ich hoffe, Du wirst mich zum Danke für meine aufopfernde Freundschaft nicht ganz hungern lassen.“

Damit zog sich Max Brunnow zurück. Der junge Winterfeld hörte kaum auf ihn; seine ganze Aufmerksamkeit war der hellen, schlanken Gestalt zugewendet, die jetzt am Ausgange des Wäldchens erschien. Sie flog leicht und graziös über den Rasen hin und stand nach wenigen Minuten an seiner Seite.

„Da bin ich, Georg. Hast Du lange gewartet? Es war heute gar nicht möglich, unbemerkt fort zu kommen, und beinahe hätte ich es ganz aufgegeben. Aber es wäre doch gar zu grausam gewesen, meinen Ritter umsonst harren zu lassen. Ich glaube, Du würdest es mir nun und nimmermehr verzeihen, wenn ich Dich ohne feierlichen Abschied abreisen ließe.“

Georg hielt die kleine Hand fest, die sich nach flüchtigem [146] Drucke ihm wieder entziehen wollte, und in seiner Stimme lag ein leiser Vorwurf, als er sagte: „So leicht wird Dir die Trennung, Gabriele? Hast Du kein anderes Lebewohl für mich, als Scherze und Neckereien?“

Die junge Dame blickte ein wenig erstaunt auf. „Trennung? Aber wir sehen uns ja in vier Wochen wieder.“

„In vier Wochen! Scheint Dir das eine so kurze Zeit?“

Gabriele lachte. „Es sind gerade viermal sieben Tage. Du wirst sie wohl ertragen müssen. Dann aber kommen wir gleichfalls nach R. Du verkehrst doch öfter mit meinem Vormunde?“

„Mit dem Freiherrn von Raven? Allerdings. Ich gehöre, wie Du weißt, zu seiner Kanzlei und habe ihm bisweilen Vortrag zu halten.“

„Ich kenne ihn kaum,“ sagte Gabriele gleichgültig. „Ich sah ihn immer nur sehr flüchtig, wenn er auf kurze Zeit nach der Residenz kam, das letzte Mal vor drei Jahren. Damals geruhten Excellenz noch gar keine Notiz von mir zu nehmen, und mich noch ganz und gar als Kind zu behandeln, obgleich ich schon volle vierzehn Jahr alt war. Ich war durchaus nicht entzückt von der Aussicht, künftig in seinem Hause zu leben, bis ich,“ sie lächelte schelmisch, „einen gewissen Georg Winterfeld kennen lernte und von ihm erfuhr, daß er das Glück habe, einer der Beamten meines Herrn Vormundes zu sein.“

Ueber Georg’s Züge glitt ein Ausdruck, als sei er über dieses „Glück“ anderer Meinung. „Du täuschest Dich, wenn Du daran irgend eine Hoffnung knüpfst,“ entgegnete er ernst. „Ich verkehre nur amtlich mit meinem Chef, und er versteht es, seinen Untergebenen die Grenzen des Verkehrs möglichst eng zu ziehen; im Uebrigen stehe ich ihm vollständig fern. Ein junger, bürgerlicher Beamter in vorläufig noch untergeordneter Stellung hat keinen Zutritt zu den Kreisen des Gouverneurs und darf es schwerlich wagen, eine nähere Bekanntschaft mit der Baroneß Harder geltend zu machen. Wir werden uns fern genug sein, auch wenn ich täglich das Haus betrete, in dem Du weilst. Hier, in der Freiheit des Reiselebens, durften wir uns kennen und lieben lernen –“

„Das verdankst Du doch im Grunde nur unserem Boote, das zu rechter Zeit auf die Sandbank fuhr,“ unterbrach ihn Gabriele. „Denkst Du noch an unsere erste Begegnung, Georg? Mama bildet sich noch heutigen Tages ein, damals in Lebensgefahr geschwebt zu haben, und hält Dich für ihren Retter, weil Du uns glücklich durch das seichte Wasser an’s Land brachtest. Sonst hätte sie Dir mit Deinem einfach bürgerlichen Namen auch schwerlich die öfteren Besuche gestattet, aber der Lebensretter war natürlich eine Ausnahme. Wenn sie wüßte, daß er mir bereits eine Liebeserklärung gemacht hat!“

Der offenbare Triumph, der in den letzten Worten lag, schien den jungen Mann zu verletzen; seine Augen hefteten sich forschend und unruhig auf ihr Antlitz.

„Und wenn die Baronin es nun früher oder später erführe, was würdest Du thun?“

„Dich ihr in aller Form als meinen künftigen Herrn und Gemahl präsentiren,“ erklärte Gabriele mit komischer Feierlichkeit. „Das würde natürlich eine Explosion geben – Thränen, Vorwürfe, Nervenzufälle – darin ist Mama besonders stark, aber es thut nichts; sie giebt schließlich doch nach, und ich setze immer meinen Willen durch.“

Sie warf das alles lachend und muthwillig hin. Es war augenscheinlich, daß der Gedanke an eine Katastrophe, die jedes andere Mädchen erschreckt haben würde, die junge Baroneß Harder höchlich amüsirte. Sie hatte sich auf den Rasensitz niedergelassen und ihren Strohhut abgenommen. Die Sonnenstrahlen, die hier und da durch das dichte Blätterdach der Kastanien drangen, spielten auf dem reichen blonden Haar und dem rosigen Antlitze, aus dem ein Paar große braune Augen lachend und glückselig in die Welt schauten. Das Gesicht mit seinen zarten, lieblichen Formen war ohne Frage von einem bestrickenden Reiz, aber es fehlte ihm jenes Seelenvolle, das dem Menschenantlitz erst seinen höchsten Zauber leiht. Man würde sich vergebens bemüht haben, hinter all diesem neckischen Uebermuth und dieser strahlenden Heiterkeit irgend einen Zug zu entdecken, der auf ernstere, tiefere Empfindungen schließen ließ. Aber das minderte nicht den Reiz dieser jugendlichen Erscheinung, an der Alles frisches, blühendes Leben und rosige Jugend athmete. Sie erschien wie ein Abglanz der Landschaft da draußen, ebenso sonnig und licht.

Georg blickte mit einem eigenthümlichen Gemisch von Unwillen und Zärtlichkeit auf sie nieder. „Gabriele, Du behandelst das alles nur wie ein Spiel und hast keine Ahnung von den Kämpfen, die uns bevorstehen,“ sagte er.

„Fürchtest Du diese Kämpfe?“

„Ich?“ Die Stirn des jungen Mannes begann sich zu röthen. „Ich bin bereit es mit Allen aufzunehmen, wenn Du mir nur fest zur Seite stehst. Aber Du bist im Irrthum, wenn Du auf die gewohnte Nachgiebigkeit Deiner Mutter rechnest, hier, wo alle ihre Vorurtheile, alle Traditionen ihrer Familie in’s Spiel kommen. Und wenn es Dir selbst gelänge, sie zu gewinnen – Deinen Vormund wird nichts umstimmen. Ich kenne ihn; er wird nie seine Einwilligung geben.“

Gabriele lehnte das blonde Köpfchen an den Stamm des Baumes und zerpflückte spielend einige Grashalme. „Ich frage gar nichts nach seiner Einwilligung,“ erklärte sie. „Ich lasse mir von ihm nichts befehlen oder verbieten. Er soll es einmal versuchen, mich zu zwingen!“

(Fortsetzung folgt.)


Gedichte von Alfred Friedmann.


Der Sonnenstrahl.

Der Sonnenstrahl findet den Weg zum Palast;
Er hält auch vor der Hütte nicht Rast;
Gern streift er den Mädchenkopf, blumenumrankt,
Der wie eine Blume am Fenster schwankt.

Er küßt wohl den Kelch vom heiligen Gral,
Doch schleicht er zur Armuth, streicht durch’s Spital.
Er fällt in die Pfütze, und – kläret sie fast.

Er wandelt zum Grab wie zur Kirche und Rose.

Doch was er beleuchtet und was er bestrahlt,
Und wenn er die Schande selbst golden bemalt –
Ein Sonnenstrahl bleibt er, ein himmlischer Gast.

Und so ist der Dichter, wohin er auch geht.
Ein Sonnenstrahl bleibt der echte Poet.
Im Schildern verklärt er, was er erfaßt;
Er ist ein veredelnder, himmlischer Gast.



Kaum Einem!

Ein Pflug zerreißt das braune Land,
Und Furchen folgen seinem Pfad;
Ein Säemann geht zur Zeit der Saat
Und streut das Korn mit voller Hand. –

Dann sproßt der gold’ne Weizen auf;
Gleichförmig steht der Halm zu Hauf,
Wie öder Tage Zahl gereiht.

Doch mitten d’rin blüht eine seltene Blume.

Das macht: Ein fremdes Samenkorn
War in der Saat. Und Blatt und Dorn
Und selt’ner Blüthenkelch gedeiht.

Die Zeit zerfurcht des Lebens Land –
Wir folgen, wählend eig’nen Pfad;
Kaum Einem mengt in seine Saat
Ein Liebeskorn die Gotteshand.

[147]

„Aennchen, bist Du’s?“
Ein Rococobild von J. Watter in München.

[148]

Courbet und die Vendôme-Säule.

Die gußeiserne Cigarre mit dem Männchen im römischen Triumphatormantel steht wieder mitten auf dem für sie bestimmten Platze, und jener Mann, der an derselben rüttelte, liegt unter der kühlen Erde eines poetischen schweizer Friedhofes am Leman-See. Wie der Maler Courbet, der oft genannte Vertreter der äußersten Linken in der realistischen Kunstrichtung, dazu kam, gegen die Säule einen solchen Haß zu fassen, ist vom doppelten Standpunkt, vom politischen wie vom künstlerischen, erklärlich. Politisch wurde Courbet durch die Lobeserhebungen, welche seine Weigerung, das Kreuz der Ehrenlegion anzunehmen (1870) hervorrief, berauscht und fühlte sich berufen, seinen Republikanismus durch eine Thatsache zu bekräftigen. Aesthetisch machte ihn die unliebsame Säule nervös dadurch, daß er sie beständig vor Augen hatte, denn nach dem 4. September 1870 wurde Courbet mit der Oberaufsicht der Museen betraut und thronte in dem reichgeschmückten Cabinet im Louvre-Palais.

Trat er nun nach beendigter Arbeit (?) oder nach einer erhitzten ästhetischen Debatte an’s Fenster seines Cabinets, so traf sein Blick die Vendôme-Säule, jene im Jahre 1807 zur Verherrlichung der Thaten der „großen Armee“ errichtete bronzene Cigarre, die sehr ungraziös den circusförmigen Vendôme-Platz verunstaltete. Sowohl das unästhetische Denkmal, wie das Standbild Napoleon’s des Ersten machten den Künstler Tag für Tag nervöser; er wurde als Nachbar der persönliche Feind der Vendôme-Säule. Sein Unmuth äußerte sich bereits am 14. September in einem Briefe an die Nationalregierung, in dem er sich anheischig machte, die betreffende Säule zu stürzen. Die Nationalregierung ließ diesen Antrag ohne allen Bescheid, aber in den Augen der gegen den Bonapartismus aufgebrachten Menge stieg noch die Popularität Courbet’s. Es war sehr bescheiden von ihm, wenn er nicht einen directen Antheil an der Regierung forderte und sich mit Huldigungen begnügte, die ihm gelegentlich einiger „Vorlesungen“ in reichlichem Maße zu Theil wurden. Nun erhitzte der Maler sich immer gewaltiger; er erließ einen Aufruf „an die deutschen Künstler“; das gab einer Kanone seinen Namen etc. etc. So nahte der für Courbet verhängnißvolle Zeitpunkt der Commune.

Als die Commune ausbrach, gehörte es keineswegs zu den zwölf Herculesarbeiten, sich einen Sitz in dieser dictatorischen Versammlung zu verschaffen. Es genügte, zu der rothen Fahne zu schwören und sich der Empfehlung eines der patentirten Volkstribunen zu erfreuen. In der Eile wurden ja sogar Fremde gewählt, und da die von Panik ergriffenen conservativen Elemente sich nicht aufzuraffen wagten, so siegten die meisten der Erwählten allein, ohne Kampf und ohne Gegner. Man erklärt sich’s also leicht, wie Gustav Courbet, der in den Augen der aufrührerischen Pariser von einem doppelten Heiligenschein umgeben war, nämlich von dem seiner Weigerung der Ehrenlegion gegenüber und von dem seines Antrages bezüglich der Vendôme-Säule, in das Stadthaus gelangte. In dem revolutionärem Convetikel war die Zerstörung der Vendôme-Säule stets sein letztes Wort. Er hatte durchaus keine Ruhe, bis die Commune ein förmliches Decret erließ, welches dem heißesten Wunsche Courbet’s gesetzliche Kraft verlieh. Courbet selbst wurde beauftragt, die Arbeiten zu leiten, und er entledigte sich seiner Aufgabe mit jener Gewissenhaftigkeit, die man gewöhnlich auf Arbeiten verwendet, bei welchen das Herz ist. In der That, während draußen Tag und Nacht aus Hunderten von Kanonen der Grimmbaß kriegerischer Musik ertönte, sah man eines Morgens des wahrhaft wunderschönen Monat Mai 1871 eine Abtheilung Arbeiter – mit dem damals unvermeidlichen Nationalgarde-Käppi auf dem Kopfe – vom Vendôme-Platz Besitz ergreifen und ein hölzernes Gerüst errichten, welches nach und nach bis hoch hinauf ragte zur Lorbeerkrone des in Erz gegossenen Cäsar’s. Mit jedem Tage schritt die Arbeit vorwärts, und bald ertönten hinter den hölzernen Verhauen bedeutsame Hammerschläge und das beständige Geräusch der Säge, die tief in die metallene Kruste und dann in die Gypsmasse biß. Die ganze Säule sollte in „Portionen“, querdurch, von oben nach unten, ungefähr wie ein Baumkuchen geschnitten werden; darauf sollte der untere Theil vom Postament radical losgesägt werden – drauf ein mächtiger Ruck, und die in Scherben zersplitterte Säule sollte der Länge nach auf das Pflaster der Rue de la Paix fallen.

In der Stadt hatte man geglaubt, die Commune werde sich begnügen, das verherrlichende Denkmal des Kaisers theoretisch in den Bann zu thun – der alte chauvinistische Geist lehnte sich selbst bei vielen Revolutionärgesinnten gegen die Zerstörung dieses Zeugnisses französischen Ruhmes auf; als jedoch kein Zweifel mehr gestattet war, da wälzte sich alles dem Vendôme-Platz zu. Es begann eine förmliche Procession Neugieriger, welche sich mit eigenen Augen von dem überzeugen wollten, das ihnen unglaublich erschienen war. Meister Courbet verfehlte nicht, alle Nachmittage seinen Verdauungsspaziergang nach genossenem Frühstück in der Richtung nach der Rue de la Paix einzuschlagen. Die Hände hinter dem breiten Rücken und auf dem Kopfe ebenfalls die Nationalgarde-Kappe, besichtigte er die Arbeit und fand Wohlgefallen an seinem Werke.

Der Hauseigenthümer der Rue de la Paix, einer der reichsten Straßen von Paris, hatte sich indessen eine gelinde Panik bemächtigt. Man besorgte das Aergste von dem gewaltsamen Fall der ungeheuren Erz- und Steinmasse. Die schönen Häuser alle, insofern sie nicht schon ohnedies von ihren Bewohnern (der Geburts- oder der Geld-Aristokratie angehörend) verlassen worden waren, standen öde. Demjenigen, der in ruhigen Tagen die doppelte Fronte der bis spät in den Abend hinein illuminirten Prachtläden der Straße mit ihren Schätzen an Schmuck-, Kunst- und theuersten Toilettengegenständen in den Auslagekästen gesehen hatte, der sich der langen Reihen von Equipagen erinnerte, die vor jedem Thore auf ihre Gebieter harrten, dem mußten die hermetisch geschlossenen Läden, die vor den bogenförmigen Fenstern überall herabgelassenen Jalousien desto unheimlicher vorkommen. So nahte der für die „Execution“ der Vendôme-Säule festgestellte Tag heran. Es war der 15. Mai – gut, daß die Herren von der Commune sich beeilten, denn wenige Tage darauf war die ganze Tragi-Posse der Commune im Blute erstickt und die Rothhosen campirten auf dem Platze.

Die Aufregung hatte in Paris ihren Siedepunkt erreicht; alle Gemüther waren in Wallung, und der Pulsschlag überstieg um das Dreifache das normale Maß. Der Kampf unmittelbar vor den Thoren wüthete wachsend von Stunde zu Stunde. Gewisse Quartiere waren mit Bomben, Granaten und Shrapnells hageldicht überschüttet. – Durch die Straßen bewegten sich endlose Leichenzüge, und gerade am Tage vor dem Umsturz der Säule hatte die Sprengung einer Munitionsfabrik in der Nähe des Invalidenhauses allgemeine Panik verbreitet. Unter solchen Umständen und bei dieser Musik, zu der sich noch die Banden zweier Nationalgarde-Bataillone gesellte, wurde das Decret zur Wahrheit.

Die Sache ging nicht ohne Störung von Statten. Bereits um ein Uhr hatten sich die mittelst specieller Karten zu dem Feste Geladenen eingefunden; fast sämmtliche Mitglieder der Commune, die insurrectionelle Generalität etc. hatten auf dem Balcon der Commandantur von Paris – das Gebäude steht am Vendôme-Platze – Posto gefaßt, und erst um halb sechs Uhr Nachmittags gelang es, nachdem zwei Kabelstricke gerissen waren, das ungeheuere Monument zum Falle zu bringen. Der Platz und die Rue de la Paix waren mit einer dichten Strohschicht, darunter als Grundlage ein Portion Dünger, besäet; auf diesem sonderbaren Bette zerstückelte sich in hundert Bestandtheile die der französischen „Gloire“ errichtete Säule. – Die Statue des Imperators wurde durch den Sturz enthauptet, aber der Rumpf blieb völlig unversehrt. Die einzelnen Bestandteile der Säule wurden so sorgfältig zusammengelesen, daß ein Jahr darauf, als zur Wiederherstellung des Denkmals geschritten wurde, kein einziges Stück fehlte.

Nachdem das Zertrümmerungswerk vollendet worden war, spielten die Musikbanden die Marseillaise, Volkstribunen, an welchen man damals keinen Mangel litt, bestiegen das Postament und redeten das Volk an; noch in der Nacht wurden die Trümmer aus Erz und Stein vom Boden aufgelesen; das Auge erfreute sich einer freien Aussicht über den ganzen Vendôme-Platz bis zu den grünen Anlagen des Tuilerien-Gartens.

[149] Acht Tage später war Paris in der Gewalt der Versailler Truppen, und massenhafte Erschießungen vor dem Postament der Säule sollten den Act vorläufig - sühnen. Vierzehn Tage darauf war der Urheber des Säulenumsturzes verhaftet. Er wagte es nicht, wie Felix Pyat, wie Jules Valle und Andere, verkleidet entkommen zu wollen; er zog ein, wie er hoffte, unverletzliches Versteck bei einer Freundin vor. Aber die Spionage war in dem mit stürmender Hand genommenen Paris noch hundertmal wachsamer als in der ärgsten Periode des alten Venedig. Verrath oder Mangel an Vorsicht brachten die geheimen Unterkünfte zur Kenntniß der Behörde. Diese, fest überzeugt, daß der Vogel im Nest sei, hielt eine so gründliche Hausdurchsuchung, daß Courbet, der sich in einem absichtlich gegrabenen Loche in der Mauer verborgen hielt, entdeckt wurde. Zum Märtyrer war derjenige, den die republikanischen Blätter bei Gelegenheit der Eidesverweigerung mit allen republikanischen Tugenden ausgeschmückt hatten, nicht geschaffen. An allen Gliedmaßen schlotternd, leichenblaß wurde Courbet dem Militärgefängniß in Versailles eingeliefert, wo er in eine Krankheit verfiel, welche durch die betrübende Meldung des Todes seiner alten Mutter und einer in seiner Vaterstadt Ornans gegen ihn gerichteten Demonstration bedeutend verschlimmert wurde.

Nach zweimonatlicher Untersuchungshaft, die er theils in einer finsteren Zelle (er portraitirte sich selbst darin ab), theils in dem Lazareth des Gefängnisses zubrachte, hatte sich Courbet vor dem Kriegsgerichtshof in Versailles zu verantworten. Die Sitzungen dieser rothhosigen, unbarmherzigen Vehme fand in der Reitschule der Cavalleriecaserne statt, einem ungeheueren, sehr hohen Raum, von dem kaum ein Drittheil durch das Tribunal, die Angeklagten, die Advocaten, die Vertreter sämmtlicher Journale und einige hundert Zuschauer in Anspruch genommen wurde. Die zwei übrigen Drittheile des Locals blieben frei, und es hätten sich wie gewöhnlich Pferde und Reiter darin tummeln können. Die Angeklagten - es gab deren elf, sämmtlich Mitglieder der Commune - hatten neben ihren Sachwaltern auf einer Estrade Platz genommen, die sich schräg gegenüber den Reporterbänken befand. Ich hatte daher alle Muße, während der langwierigen Verhandlungen die Physiognomien der verschiedenen Angeklagten zu studiren. Courbet saß in der zweiten Reihe; seine körperliche Beleibtheit hatte eher zu- als abgenommen, aber sein Gesicht trug die Spuren arger Strapazen und einer tiefen Erregung.

Im Ganzen befleißigte er sich einer gleichgültigen Haltung und blickte drein, als wäre er der ganzen Verhandlung, bei der es sich doch um seinen Kopf handelte, fremd. In seiner Kleidung hatte er eine Sorgfalt affectirt, die ihm sonst nicht angeboren war; ein sehr behäbig aussehender schwarzer Tuchrock mit schwarzer Hose bildete seinen Anzug; das Haar war - bei dem Chef der Realisten ein Unicum - gekämmt und der Bart beinahe gepflegt.

Der Präsident des Gerichtshofes war Oberst Merlin vom Geniecorps, ein Officier mit offenen, beinahe sympathischen Zügen, und mehr eine gelehrte Erscheinung in Uniform als ein rauher Kriegsmann. Oberst Merlin war dazu ein Kunstliebhaber und hatte Sympathie gerade für die von Courbet vertretene Richtung. Der Advocat des Malers und einige Freunde hatten dies herausgefunden – der Genieoberst wurde von dem Augenblicke dieser Entdeckung an förmlich bestürmt mit Bittschriften, Briefen, voll von Erörterungen über das Maß der Verantwortlichkeit und Zurechnungsfähigkeit eines Künstlers, von Hinweisen auf den großen Revolutionsmaler David, der, obwohl der Freund Robespierre’s und mit diesem arg compromittirt, nichts destoweniger von allen Verfolgungen verschont blieb, weil man dem Lande ein Talent erhalten wollte. Oberst Merlin war offenbar als Liebhaber und Parteigänger der realistischen Richtung von diesem Standpunkte frappirt; man erkannte dies schon an der höflichen Behandlung des Angeklagten, auf dessen Haupte nicht weniger als drei inhaltsschwere Anklagepunkte lasteten. Er war bezichtigt:

1) der Theilnahme an einem Anschlage, dessen Zweck die Aenderung der Regierungsform und die Aufreizung der Bürger zum Kampfe gegen einander;

2) der Usurpirung öffentlicher Aemter;

3) der Mitschuld an der Zerstörung der Vendôme-Säule, eines von der Regierung errichteten öffentlichen Denkmals.

Der Präsident Merlin bittet: „Monsieur Courbet, stehen Sie gütigst auf! Zu welcher Zeit sind Sie der Commune beigetreten?“

Courbet antwortet: „Am 27. April.“

Präsident: „Sie mußten doch über die Vorgänge in dieser Versammlung genügend unterrichtet sein?“

Courbet: „Ich hielt es für meine Aufgabe, die Pflicht zu erfüllen, die ich mir auferlegt hatte, Frieden zu stiften.“

Präsident: „Und was haben Sie in diesem Sinne gethan?“

Courbet: „Alles, was ich thun konnte.“

Präsident: „Die Thatsachen sind da.“

Courbet: „Ja, als ich in die Commune trat, war das Unheil schon geschehen.“

Präsident: „Aber Sie hätten der Commune nicht beitreten sollen.“

Courbet: „Ich glaubte, daß Aussicht vorhanden wäre, Paris als kriegführende Macht anzuerkennen.“

Präsident: „Eine verrückte Aussicht!“

Courbet giebt nun einige Auskünfte über die von ihm getroffenen Schutzmaßregeln zu Gunsten der Hauptstadt in den öffentlichen Palais und Museen. Er will auch bei der Zerstörung des Palastes des Herrn Thiers nur anwesend gewesen sein, um jene Gegenstände, die für Herrn Thiers besonderen Werth hatten, zu retten. Der Oberst Merlin ertheilt dem Maler eine beinahe väterliche Lection. „Sehen Sie,“ sagt er, „was daraus werden kann, wenn einmal die Gesetzlichkeit überschritten wird; es ist unmöglich, das aufgelehnte Volk in seinem Wahne aufzuhalten.“

„Es giebt Dinge, die man nicht verhindern kann,“ antwortet Courbet stumpf.

Dann berührt der Präsident die Angelegenheit der Säule.

„Schon am 14. September hatten Sie die Zerstörung dieses Denkmals beantragt. Es war Ihnen besonders unangenehm, wie?“

Courbet: „Nach dem 4. September hatte man alle an das Empire erinnernde Gegenstände entfernt. Die Statue mit dem kleinen Hut war in die Seine geworfen worden; man hatte den ‚Napoleon den Dritten als Cäsar‘ bei der Brücke der Saints Pères, die ‚N‘ und andere Abzeichen an den öffentlichen Gebäuden weggenommen. Die Säule verdunkelte den Vendôme-Platz und hatte keinen künstlerischen Werth.“

Präsident: „Die Säule war zur Verherrlichung des Ruhmes unserer Waffen errichtet worden.“

Courbet: „Von diesem Standpunkte aus hatte ich nichts daran auszusetzen aber es fehlte dem ganzen Monument an den richtigen Verhältnissen, an Perspective.“

Der Präsident unterbricht diese ästhetische Erörterung, indem er an Courbet einige neue Fragen über dessen politische Rolle während der Commune richtet, aus welchen hervorgeht, daß sich der Angeklagte um dasjenige, was um ihn herum vorging, sehr wenig kümmerte. Das Zeugenverhör, welches nun folgte, war im Ganzen dem Maler günstig; nur eine einzige unbedeutende Persönlichkeit wollte Courbet am Tage der Zerstörung der Vendôme-Säule auf dem Platze gesehen haben. Der wundeste Punkt, die Betheiligung an der Zerstörung des Hauses Thiers’, wurde so ziemlich bei Seite geschoben, und Meister Lachaud, der melodramatische Vertheidiger, zu dem alle Raubmörder, Giftmischer und ärgsten Schurken ihre Zuflucht nehmen, bewegte sich auf einem wohlvorbereiteten Boden. Der Komödiant in der Toga war noch pathetischer als sonst, fuchtelte mit seinen Armen wie mit ein paar Windmühlen in der Leere und weinte bitterlich. Er warf den 4. September und alles damit Zusammenhängende über Bord und sonderte seinen Clienten von den übrigen Angeklagten ab. Er behauptete die vollständige Unzurechnungsfähigkeit desselben, und um ihn zu retten, bezeichnete er ihn als einen völlständigen Tölpel. Courbet ließ es geschehen, der Ehrgeizige, was sonst Keiner duldete. Aber er dachte sehr klug: besser als Schwachkopf in Freiheit, denn als routinirter Politiker im neucaledonischen Carcer.

Ein Intermezzo bezeichnete das Plaidoyer Meister Lachaud’s. Der Advocat, um die Weigerung besonders zu rechtfertigen, behauptete, Courbet habe es für gerecht gehalten, daß nur die Militärs mit dem Zeichen der Ehre geschmückt würden, und an diese seltsame Auslegung knüpfte Meister Lachaud eine höchst bombastische Verherrlichung der Officiere, die allein würdig [150] wären, einen Orden zu tragen. Oberst Merlin, die Beisitzer, das Publicum, Alles lächelte. Lachaud wird dessen gewahr; er sieht seinen Effect zerstört und wirft scheue Blicke um – und glücklicher Weise auch auf sich. Da merkt er endlich auf dem schwarzen Tuch seiner Toga den glitzernden Stern der Legion d’honneur, eine Gunstbezeugung Napoleon’s des Dritten, der für den anerkannten Vertreter aller Schinderhannes eine gewisse Schwäche hegte. Welch ein Widerspruch zwischen den eben ausgedrückten Theorien und der Thatsache dieses Ordens auf einer nicht militärischen Brust! Doch schnell besinnt sich Meister Lachaud; er wird noch pathetischer, als sonst.

„O! meine Herren,“ ruft er aus, „Courbet hat damals Unrecht gethan, den Orden zu verweigern – denn wenn unsere Dienste auch nicht so ersprießlich und weittragend sind, wie die Ihrige, so steht es uns schlecht an, die Anerkennung derselben zu verweigern.“

Man lächelte über die schlaue Redewendung. Zwei Tage darauf wurde das Urtheil verkündet. Die Sentenz lautete für mehrere der Angeklagten auf den Tod, für die meisten auf lebenslängliche Deportation. Courbet kam mit sechs Monaten Gefängniß davon. Die Theorie der Unverfänglichkeit der „großen Kinder“ und der Humanität für den Künstler hatte den Sieg davongetragen. Sein halbes Jahr saß Courbet in St. Pelagie ab, wo er recht emsig arbeitete und unter Anderem, ein neues Fach der Malerei betretend, einen Haufen Aepfel malte, keine Conventionalfrüchte, sondern wirklich ähnliche normannische Aepfel, aus welchen der herbe und kräftige Cider gepreßt wird.

Mit dieser geringen Strafe war jedoch die Rechnung des Malers mit dem Staate nicht abgeschlossen. Die wüthende Reaction hätte den „Maitre d’Ornans“, den Zerstörer der Vendôme-Säule, so gern nach dem fernen Cayenne spedirt, wo der Pfeffer wächst. Man konnte aber das souveraine Urtheil des Gerichtshofes von Versailles nicht verschärfen; es gab indessen noch Mittel, wenn nicht der Person, wenigstens dem Beutel des so milde Verurtheilten beizukommen. Zuerst mußte er die gesammten Proceßkosten vergüten, da sämmtliche Angeklagte solidarisch in dieselben verurtheilt wurden und Courbet der Einzige bei Cassa war. Dann verfolgte der Fiscus mit einer seltenen Gier die Eintreibung der Wiederherstellungskosten der Vendôme-Säule – die Bilder, das Baargeld des Malers, die von ihm auf der Bank deponirten Werthpapiere, Alles wurde mit Beschlag belegt. Courbet, der wohl mit Recht an seinem Erwerbe festhielt, transportirte seine Person und sein Atelier nach der Schweiz; er hoffte, daß die Geier des französischen Fiscus ihre Krallen nicht bis dahin ausstrecken würden.

Im Laufe des Sommers 1876 traf ich den Chef der realistischen Schule auf dem Schützenfeste in Lausanne. Der Zufall führte uns gegenüber bei dem Festessen unter der landesüblichen Cantine. Der „Maitre d’Ornans“ war höchst verwahrlost und sehr gealtert. Er war von Enthusiasmus erfüllt für die republikanischen Einrichtungen der Schweiz, für die nationalen Feste – leider aber auch für den heimtückischen schweizer weißen Wein. Er, an starke Getränke gewöhnt, absorbirte davon ungeheure Massen – bis zum Tode. Die Geldverluste, welche er erleiden mußte, nahm er sich vielleicht mehr als nothwendig zu Herzen, denn es wäre ihm wohl ein Leichtes gewesen, mittelst seines Pinsels sich ein bedeutendes neues Vermögen zu erwerben. Aber seine Malerkraft war gebrochen und als ihn der Tod in seinem Atelier in Latoux de Palzeralte traf, glich er bereits einem geistig Gestorbenen.

Paul d’Abrest.





Lothar Bucher.
Ein Lebensbild von Moritz Busch.

Nicht oft geschieht es, daß auf Männer, die aus politischen Gründen dem Lande ihrer Geburt und ihrer bisherigen Wirksamkeit den Rücken zu kehren genöthigt sind, langer Aufenthalt in der Fremde günstigen Einfluß übt. Nur sehr solide Naturen bewahren dort, was tüchtig an ihnen ist, entwickeln und klären es und legen die Täuschung ab, die sie aus den oder jenen Gründen in den Tagen, die hinter ihnen liegen, befangen und auf falsche Wege geführt hat. In der Regel verliert der Flüchtling sehr bald die rechte Fühlung mit dem Leben in der Heimath. Unbekümmert um die Alles ändernde Zeit, ohne Verständniß für neue Mächte, Bedürfnisse und Bestrebungen, bewahrt er das Bild in sich, das jenes Leben darbot, als er über die Grenze ging. Verbittert, verbissen beschränkt er sich, da er drüben nicht mit schaffen kann, auf eine Kritik, die alles besser weiß, obwohl sie in Wahrheit nichts Ordentliches mehr weiß. Einige verkommen auf diese Weise geistig einsam in einer Welt voll Illusionen. Die Mehrzahl schließt sich Coterien an, deren Mitgliedern es ebenso ergangen ist wie ihnen, cultivirt mit ihnen die von Hause her mitgebrachten Phrase und gefällt sich mit ihnen in ohnmächtigen Verschwörungen. Viele werden dabei völlig untauglich zu gerechtem und fruchtbringendem politischem Denken und Thun. Manche verkümmern in kosmopolitischer Phantasterei. Andere vergessen die Heimath und schließen sich einem neuen Volkswesen an, das ihnen nun weit über dem des Vaterlandes steht; wieder Andere kehren zwar, wenn der Zwang, in der Verbannung zu leben, beseitigt ist, heim, sehen aber die Welt, die sich inzwischen hier gestaltet hat, mit Siebenschläferaugen an, die nicht begreifen und deshalb sich nicht freuen können, daß es anders und ohne das von ihnen verehrte Ideal besser geworden ist.

Indeß finden sich, wie gesagt, Ausnahmen, und mit solchen begeben sich dann zuweilen wunderbare Dinge. Sie haben außer einem warmen Herzen einen im Grunde klaren und scharfen Verstand, einen gute Vorrath von Wissen und einen selbstständigen Charakter mitgenommen, und das kommt ihnen nunmehr zu Gute. Unfreiwillige Muße giebt Zeit zum Ueberlegen der Vergangenheit, zum Prüfen und Vergleichen des Auslandes mit dem Vaterlande, zur Erkenntniß der Vorzüge und der Mängel des einen und des anderen und so zu stufenweise sich vollendender Läuterung des Urtheils in den verschiedensten Richtungen. Mancher hat auf diesem Wege in der Fremde zwar allerlei Gutes, das Ideal aber, das er dort verwirklicht glaubte, nicht gefunden. Mancher erst dort das Vaterland ganz und voll ehren gelernt und den rechte Weg ihm zu dienen erkannt. Zwei Beispiele von solchen Männern stehen mir, während ich dies schreibe, neben vielen anderen vom Gegentheil vor Augen. Beide sind zu Anfang radicale Demokraten vom Scheitel bis zur Ferse, Beide, vom Leben erzogen, zuletzt Realpolitiker, die beim Erstreben bürgerlicher Freiheit Maß und Möglichkeit kennen und achten, vor allen Dingen aber sich in den Dienst derjenigen Freiheit stellen, welche in der durch Einigung der Nation erreichten Sicherheit und Unabhängigkeit gegenüber der Macht und dem Herrschergelüst des Auslandes besteht.

Ein solcher Mann war Karl Mathy, der radicale Journalist, der Schulmeister von Gränchen, der Freund Mazzini’s, der eifrige Patriot in der Paulskirche, der mit allen Kräften der deutschen Einheit zustrebende badische Minister, und ein zweiter solcher Mann ist der Gegenstand dieser Charakterzeichnung.

Adolf Lothar Bucher, von der Presse nicht ganz zutreffend als die „rechte Hand Bismarck’s“ bezeichnet (ich will hiermit nicht sagen, daß irgend Jemand anderes dieses Prädicat zukäme – nicht entfernt!), sicher aber der geschickteste, tiefste und gesinnungsvollste unter seinen Gehülfen und derjenige, welcher ihm am ergebensten ist und sich seines Vertrauens im höchsten Maße erfreut, ist 25. October 1817 geboren, also gegenwärtig ein angehender Sechsziger und etwa dritthalb Jahre jünger als der Reichskanzler. Seine Geburtsstadt ist Neu-Stettin. Aber schon als zweijähriges Kind kam er nach Cöslin in Hinterpommern, wo sein Vater, ein tüchtiger Philolog und Geograph und, was zu beachten, ein Freund Ludwig Jahn’s, Professor und Prorector am Gymnasium geworden war und wo der Knabe nun den ersten Unterricht und die ersten bewußten Eindrücke vom Leben und der Welt empfing. In einem Märchen so schalkhaft anmuthig und so voll von poetischer Wehmuth zugleich, wie wohl Mancher es dem ernsten, nüchternen, schweigsamen Manne nicht zutrauet, hat er sein weiteres Leben bis zu Anfang der sechsziger Jahre unserer Rechnung angedeutet, und obwohl sich der Aufsatz –

[151] er stand im Feuilleton der „Nationalzeitung“ vom 24. und 25. December 1861 - „Nur ein Märchen“ nennt, soll er uns im Folgenden begleiten, um mit einigen Zügen, die mir der Wirklichkeit entnommen zu sein scheinen, das aus andern Quellen Geschöpfte zu ergänzen.

Zu jenen ersten Eindrücken, die dauernd auf sein Wesen einwirkten, gehörten die Empfindungen, die sich aus dem Umstande ergaben, daß er zu Cöslin, in einem der Orte im Küstenlande zwischen Oder und Weichsel aufwuchs, „die man deutsche Pfropfstädte nennen sollte. Der Deutsche hat sie nicht gegründet, auch nicht erobert, sondern ein Reis in einen slavischen Stamm gesetzt, davon allmählich der ganze Stamm deutsch geworden ist.“ Cöslin liegt, wie alle diese Städte, in der Krümmung eines Flusses und am westlichen Ufer desselben, damit dieser ein natürlicher Graben, eine Schutzwehr gegen die von Osten drohenden Feinde sei, und auch sonst ist die östliche Seite besonders gut verwahrt; „denn es war eine unangenehme Gesellschaft, die Nationalitäten die weiter nach Asien zu wohnten“. (Sic!) „Die Häuser kehrender Straße die schmale Seite, den spitz zulaufenden Giebel, zu, und sehen bei Nacht wie eine Reihe von Landsknechten aus, Schulter fest an Schulter gedrückt“.

Frühzeitig scheint sich bei unserm Knaben die Beobachtung der Dinge und das Nachdenken über sie geregt zu haben. Auch die Phantasie wird bald erwacht und lebhaft thätig gewesen sein. Besonderen Eindruck machte auf ihn die Campe’sche Erzählung von der Eroberung Perus durch Pizarro, die er einst als Weihnachtsgeschenk erhielt. Weniger Gefallen scheint er an dessen Robinson gefunden zu haben. Jenes Buch verwahrte er noch 1861 als Andenken an Empfindungen der Kindheit.

„Nur vertraute Freunde bekamen es zu sehen, und dabei in der Regel folgende Betrachtung zu hören. Die lange Reihe von Bänden, zu denen dieser gehört, erzählt die Verrichtungen und Abenteuer von Spaniern, Portugiesen, Engländern, Franzosen und Russen; nur der erste beschäftigt sich mit einem Deutschen, Robinson Crusoe. Und was thut dieses Hamburger Kind? Es hat allerdings den Wandertrieb, der die Germanen nach Europa geführt, und der immer in ihnen fortlebt, wo sie an großen Wassern wohnen, aber er muß heimlich davonlaufen; denn Mutter warnte ihn: ‚Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!‘, und der Vater sagte: ‚Wenn Du in die Fremde gehen willst, mußt Du erst sehr, sehr viel lernen‘. Und was richtet er draußen aus? Er erobert kein Reich, gründet keine Stadt, erwirbt keinen Reichthum. Er läuft wie ein Hasenfuß vor den Fußstapfen der Wilden davon, schließt eine Freundschaft, die stark nach Monsieur Jean Jacques Rousseau schmeckt, stolpert über einen Goldklumpen, verliert ihn aber auf dem Heimwege und bringt für sich und sein Vaterland nichts mit, als eine Kindergeschichte. Er lebt, wie es scheint, in Hamburg als Chambregarnist und geht jeden Abend in die Kneipe.“

Lothar Bucher.
Nach einer Photographie.

Kehren wir von Pizarro und Robinson zum eigentlichen Gegenstande unserer Betrachtung zurück, und beeilen wir uns, mit Bucher’s Knabenjahren zu Ende zu kommen. Unter dem, was die Schule bot, fiel ihm nichts so leicht, als Mathematik und Naturwissenschaften. In freien Stunden schnitzelte und drechselte er, wenn er nicht im Walde umherlief. Als die Eltern es endlich für passend hielten, ihn zu fragen, was er werden wolle, wollte er erst Seemannn, dann, als die Mutter dagegen war, Baumeister werden. Auch darauf gingen die Eltern nicht ein. Er sollte studiren, und als er nun unter den vier Facultäten zu wählen hatte, entschloß er sich für die Jurisprudenz, „bei der man Referendarius wurde und alle hübschen Mädchen betanzte, und später Justizrath, Ressourcendirector, Ritter des rothen Adlerordens, Wolfsjäger und überhaupt ein großer Mann.“

Bucher verließ das Gymnasium an der Zeit der heftigsten Verfolgung der Burschenschaft. Viele seiner ehemaligen Mitschüler waren in die Umtriebe dieser studentischen Verbindungen verwickelt; einer hatte sich am Frankfurter Attentat betheiligt; in den kleinen Universitätsstädten war die mißliebige Verbindung noch immer nicht ganz ausgerottet, und so mußte der Abiturient gegen seinen Wunsch die Berliner Hochschule beziehen. Er kam hier mitten in den Streit hinein, der sich damals zwischen der historischen und philosophischen Schule der Juristen, Savigny und Gans, entsponnen hatte. Wenn ich nicht irre, schloß er sich zunächst den Philosophen an und studirte fleißig seinen Hegel. Später verlor er die Lust an der Philosophie und vergaß sie auf lange Zeit über der Rechtswissenschaft, die er ernstlich zu treiben und dann auszuüben hatte. Von 1838 an war er am Oberlandesgerichte in Cöslin thätig, und fünf Jahre nachher wurde er Assessor am Land- und Stadtgerichte zu Stolp. Hier verwaltete er gleichzeitig einige Patrimonialgerichte, was ihm Kenntniß von den ländlichen Zuständen verschaffte. In Stolp begann das Amt ihn nach einiger Zeit zu langweilen, weil der Richter damals mit einer Menge von Geschäften nicht juristischer Natur beladen war. Um etwas Anderes zu haben, las er, wie damals viele gute und in ihrer Art gescheidte Leute, Rotteck und Welcker, deren Ansichten von Geschichte und Politik er sich mit der ihm eigenen Gründlichkeit und Energie zu eigen machte. Eben war er damit fertig geworden, als die Berliner Märztage kamen und bald nachher die preußische Nationalversammlung zusammentrat.

Bucher erhielt von den Wählern Stolps 1848 ein Mandat für letztere, und das Jahr darauf sandte ihn dieselbe Stadt als ihren Vertreter in das inzwischen geschaffene Abgeordnetenhaus. Bis 1846 hatte in Preußen alles öffentliche Leben gemangelt; der neue Abgeordnete aus Hinterpommern war Jurist mit wesentlich privatrechtlicher Bildung; es fehlte ihm alle und jede Erfahrung in Staatsgeschäften. Zählen wir dazu noch den Einfluß der Rotteck- und Welckenschen Anschauung von den politischen und historischen Dingen und erinnern wir uns, daß Bucher ein junger Mann von energischem Verstand und Willen war, so werden wir uns nicht nur nicht wundern, sondern es natürlich, fast nothwendig finden, wenn er sich den Radicalen in der Kammer anschloß – allerdings nicht denen, die sich über gute Formen hinwegsetzten, und ebenso wenig denen, welche sich in der pathetischen Phrase gefielen.

„Ich habe nie Jemand,“ so heißt es in einem Bruchstücke [152] der Denkwürdigkeiten des Generals von Brandt (Juniheft der „Deutschen Rundschau“ vom vorigen Jahre), „mit mehr Talent und Mäßigung sprechen hören, als Bucher bei dieser Gelegenheit“ – den Berathungen der Commission, welche die sogenannte Habeas-Corpus-Acte, Waldeck’s Lieblingskind, zu begutachten hatte. „Sein blondes Haar, seine leidenschaftslose Haltung erinnerten mich lebhaft an Bilder, die ich von Saint Just gesehen. Bucher war ein rücksichtsloser Nivellirer alles Bestehenden, aller Stände und aller Vermögen, eines der consequentesten Mitglieder der Nationalversammlung und zu jedem Schritte entschlossen, welcher seinem Ziele: Tugend in den Principien und Bruderliebe in den Einrichtungen, entgegenzuführen schien. Ohne Kenntniß der Gesellschaft, sterilen, juridischen Abstractionen hingegeben, war er der vollkommensten Ueberzeugung, daß das Heil der Welt nur aus einer plötzlichen, energischen und kraftvollen Zertrümmerung des Bestehenden hervorgehen könne. Er half den öffentlichen Widerstand organisiren und verbreitete vorzugsweise den Gedanken dafür – es war besonders sein Gedanke – die ehrgeizige und turbulente Fraction in der Nationalversammlung zur Ergreifung einer Dictatur zu stacheln. Die ironische Geringschätzung, mit der er die bestehende Gewalt behandelte, mit der er offen seinen Haß gegen die alte Staatsverfassung darthat, und sein Dogma von der Souveränität des Volkes, durch dessen radicale Chimären er dieses selbst berauschte und zugleich seine Fähigkeiten für die Rolle eines Demagogen entwickelte, würden ihn bei einer längeren Dauer alle seine Anhänger in seinen streng logischen Bestrebungen haben überflügeln lassen.“

Im Abgeordnetenhause war Bucher für das Zustandekommen organisatorischer Gesetze in hervorragender Weise thätig, und unter Anderem war er Referent über den in dieser Zeit in Berlin herrschenden Belagerungszustand, dessen Ungesetzlichkeit nachzuweisen ihm nicht schwer fiel. Die Folge der hierdurch veranlaßten Verhandlung war die Auflösung des Abgeordnetenhauses, der am 4. Februar 1850 der sogenannte Steuerverweigerungsproceß folgte, welcher erst am 21. seinen Abschluß fand. Das Ministerium Brandenburg-Manteuffel hatte gegen einige vierzig Mitglieder der Nationalversammlung, die den am 15. November gefaßten Beschluß, daß die Regierung nicht berechtigt sei, über Staatsgelder zu verfügen und Steuern zu erheben, so lange die Nationalversammlung nicht ungestört ihre Berathungen in Berlin fortsetzen könne, sowie eine Proklamation vom 18. November, welche diesem Beschlusse im Lande Folge zu schaffen bestimmt war, verbreitet hatten, die Anklage wegen versuchten Aufruhrs erheben lassen. Der Proceß war ein Stück Cabinetsjustiz. Daß das Criminalgericht in Berlin nicht competent, war so sonnenklar, daß der Vorsitzende sich nicht anders zu helfen wußte, als damit, daß er den Angeklagten und ihren Verteidigern das Plaidiren über die Competenz verbot. Die besondere Verhaßtheit Bucher’s in den oberen Sphären, die bei diesem Processe zu Tage trat, hatte wohl in seinem obenerwähnten Referate über die Ungesetzlichkeit des über Berlin verhängten Belagerungszustandes ihren Grund. Die Verhandlungen endigten mit der Freisprechung der meisten Angeklagten. Dagegen wurden Bucher, der Bürgermeister Plathe aus Leba, der Müller Kabus aus Schwademühl und der Hausbesitzer Rennstiel aus Peiskretscham für schuldig erklärt und Bucher und Plathe zu fünfzehnmonatlicher Gefängnißhaft und dem üblichen angenehmen Zubehör von Verlust der Nationalcocarde, Amtsentsetzung u. dgl. verurtheilt.

Diese Verurtheilung veranlaßte Bucher, in’s Ausland und zuletzt nach London zu gehen. Er wird sich bewußt gewesen sein, daß man ihn nach Verbüßung der fünfzehn Monate Festung doch durch Polizeischerereien vertrieben hätte. In London lebte er in der ersten Zeit vorwiegend volkswirtschaftlichen und politischen Studien, der Beobachtung englischer Zustände und Eigenthümlichkeiten und der Betrachtung und Zergliederung der parlamentarischen Einrichtungen und Charaktere Englands - eine Beschäftigung, bei der er an vielen Stellen hochgepriesener Dinge und Menschen auf Heuchelei, Täuschung und Fäulniß stieß, welche ihn für alle Zeit mit Zorn, Widerwillen und Verachtung erfüllten. Unter den Bekanntschaften, die er hier machte, war Urquart, mit dem er später aus einander kam. Erst in den letzten Jahren seines Aufenthalts zu London lernte er durch gesellschaftliche englische Verbindungen andere politische Flüchtlinge von Namen wie Mazzini, Ledru Rollin und Herzen kennen. Dieselben trugen weiter zu seiner Abklärung in Sachen der Politik bei, das heißt, er erkannte, wie alle diese Herren vermittelst des Nationalitätsprincips Riemen aus dem Felle des biedern deutschen Bären schneiden wollten oder, um deutlicher zu sein, für ihre Nation auf ein Stück Deutschland, z. B. die Rheingrenze, den Höhenzug der Alpen oder das Polen von 1772 speculirten. Auch liberale deutsche Blätter beschädigten sich aus Ehrfurcht vor dem „Princip“, das heißt einer Vocabel, lebhaft damit, wie ein chemisch reines Deutschland zu construiren wäre. Die „Volkszeitung“ zum Exempel verlangte, daß Posen „herausgegeben“ werde, ohne freilich zu sagen, an welchen Berechtigten. Gegen solchen faselnden Unfug regte sich in Bucher der gesunde Menschenverstand und die patriotische Ader, die bei ihm niemals zu schlagen aufgehört hatte.

Während seines Verweilens in England war Bucher für verschiedene deutsche Zeitungen thätig. Namentlich schrieb er für die Nationalzeitung jahrelang unter dem Zeichen ❒ gehaltreiche Berichte und gedankenvolle politische Betrachtungen, die durch tiefe und ungewöhnliche Auffassung der Dinge allgemeine Aufmercksamkeit erregten. Unter Anderen lieferte er eine treffliche Schilderung der ersten Weltindustrieausstellung, Mittheilungen über englische Hauseinrichtungen und Sitten, über Ventilation, türkische Bäder, die er auf einer Reise nach Constantinopel kennen gelernt, und über andere praktische Dinge. Namentlich aber erwarb er sich ein hohes Verdienst um die Aufklärung der liberalen deutschen Politiker durch seine Briefe über den englischen Parlamentarismus. Sie haben dem Aberglauben, daß man die deutschen Parlamente in allen Stücken nach der Einrichtung des englischen aufzubauen und zu möbliren habe, mit zwingenden Beweisen ein Ende gemacht und überzeugend dargethan, daß die verfassungsmäßigen Einrichtungen und Bräuche nicht überall dieselben sein können, sondern dem Charakter, der geschichtlichen Entwickelung und den Hülfsquellen des jeweiligen Landes und Volkes angepaßt sein müssen. Eine fernere sehr dankenswerthe Folge dieser Parlamentsbriefe ist die seitdem allgemein gewordene Erkenntniß, daß die englische Regierungskunst nach außen hin eine reine Handelspolitik ohne große historische Gesichtspunkte und ohne irgend welche ideale Antriebe und Zwecke sei. Auf Palmerston, Gladstone, den „doctor supranaturalis“, Cobden und die ganze heuchlerisch egoistische Apostelschaft der englischen Freihändler fielen dabei Schlaglichter, die ihre Blößen wie bei elektrischem Feuer erkennen ließen. Es war eine Entlarvung, wie sie bisher kaum irgendwo erlebt worden.

Diese und einige andere Arbeiten der glänzenden Feder Bucher’s stimmten bisweilen mit dem Credo des Blattes, in dem sie erschienen, nicht recht überein, und in Betreff des Evangeliums der Manchesterleute, die dort ihr Wesen trieben, sowie in Bezug auf die Lösung der deutschen Frage war der ❒-Correspondent entschieden ketzerisch gesinnt.

Des Schreibens für Zeitungen vermuthlich müde und überdrüssig geworden, dachte Bucher um das Jahr 1860 an eine gründliche Veränderung. Wie das „Märchen“ andeutet, und wie ich trotz aller Wunderlichkeit des Planes für sicher halte, wollte er im tropischen Amerika unter Palmen und Mangrovebüschen sich eine neue Heimath gründen und - Kaffeepflanzer werden – eine Poesie mit praktischem, vielleicht auch unpraktischem Anflug, die – Gott sei Dank, sagen wir, vermuthlich mit ihm selbst – bald verflogen zu sein scheint. Er gehörte nach Deutschland zurück, und die Amnestie von 1860 öffnete ihm die Grenze zur Heimkehr. Wieder in Berlin eingetroffen, fand er die Agitation für die preußische Spitze vor. Aber die Herren, die sie betrieben, wollten keinen „Bruderkrieg“. „Moralisch“ sollte gekämpft, gesiegt und erobert werden, wie man sich (vielleicht mit einigen Kopfschütteln, vielleicht mit Schlimmerem) erinnert. Auch Bucher wünschte eine festere Einigung Deutschlands gegenüber den Gelüsten der Fremden, konnte aber trotz des großen Wortes des Herrn von Beust, nach welchem „auch das Lied eine Macht“ war, nicht glauben, daß Oesterreich aus Deutschland hinausgesungen werden würde und daß es möglich sei, die „Mittelreiche“ und Kleinstaaten durch Turner- und Schützenfeste, Tinte, Druckerschwärze und Resolutionen von wohlgesinnten Volksversammlungen unter einen Hut und die besagte preußische Spitze [153] zu bringen. Ohne Krieg, das sah er deutlich und sprach er ebenso deutlich in Wort und Schrift aus, waren nur drei Hüte denkbar, war mit anderen Ausdrücken nur etwas Derartiges wie eine Trias zu erreichen, und der Vorwurf, Bucher habe durch seine Annahme einer Stellung unter Bismarck seine Ueberzeugung verleugnet, ist völlig grundlos. Er steht Leuten sehr übel zu Gesicht, die keinen Groschen bewilligen wollten, auch wenn die Kroaten vor Berlin stünden, und die sich für die augustenburgische Farce noch in ihrem vorletzten Acte begeistern konnten. Es ist überaus ergötzlich, die Liste der Herren durchzusehen, die im preußischen Abgeordnetenhause für den famosen Passus der Immediatadresse gestimmt haben, daß die preußische Politik unter diesem Ministerium nur die Folge haben könne, die Herzogthümer wieder den Dänen zu überliefern. Während des Redekampfes gegen Bismarck war Bucher schon in fruchtbarer Thätigkeit. Damals wurde er von vielen Leuten bedauert, daß er so falsch habe handeln können; jetzt wird er von vielen gehaßt, weil sie sich sagen müssen, daß er richtig gehandelt.

Bei dem Anschluß Bucher’s an die Politik Bismarck’s ging es folgendermaßen zu. Eine Zeit lang nach seiner Rückkehr nach Berlin war er noch für die Nationalzeitung thätig. Dann löste sich das Verhältniß, wie er auch mit der Partei des Blattes immer weniger übereinstimmte, und er arbeitete einige Monate im Wolff’schen Telegraphenbureau. Der sehr geringe Gehalt, den er hier bezog, und ohne Zweifel auch Ueberdruß an solcher Beschäftigung ließen ihn daran denken, sich wieder der Jurisprudenz zuzuwenden und Advocat zu werden. Er besprach diesen Plan mit einem Bekannten Bismarck’s, der ihm abrieth. Bald darauf that der Minister, der ihn hatte zu sich kommen lassen, desgleichen, indem er ihm sagte, daß er ihm anderweit Gelegenheit geben könnte, nützlich zu sein. So trat 1864 Bucher, erst diätarisch, dann als Legationsrath fest, in das Auswärtige Amt ein. Im Jahre darauf schon bekam er eine bedeutende Aufgabe zu lösen, die Verwaltung Lauenburgs, das nach der Convention von Gastein an Preußen gefallen war und welches Bucher unter seinem Chef bis 1867 zu säubern und zu ordnen hatte. Das kleine Herzogthum war eine juristische Curiosität; es repräsentirte den Rechtszustand des siebenzehnten Jahrhunderts in Versteinerung; es gehörte in’s Germanische Museum. Das Ländchen besaß gar keine codificirte Gesetzgebung, und es galt in ihm nur gemeines Recht. Erst hatte es in den letzten Jahren vor 1865 unter der Verwaltung des deutschen Bundes, dann unter der von preußisch-österreichischen Commissarien gestanden. Die Tagesordnung war die Benutzung der zahlreichen fetten Beamtenstellen durch einige „schöne Familien“ (beiläufig ganz wie in Schleswig-Holstein und Hannover in der „guten alten Zeit“ unserer Particularisten), welche auch die ungeheuren Domänen unter sich zu verpachten pflegten. Bucher hatte das Alles aus dem Groben herauszuarbeiten, glücklicherweise unter der Leitung des Ministers, der indeß gerade in dieser Periode längere Zeit schwerkrank in Putbus verweilte, sodaß sein Rath in die Verlegenheit kam, regieren zu sollen und doch keine Vollmacht zu haben.

Ueber die weitere Thätigkeit Bucher’s muß ich kurz sein. Meist in der unmittelbaren Umgebung des Kanzlers, wurde er von denselben wiederholt zur Vorbereitung und Bearbeitung der wichtigsten Angelegenheiten verwendet. 1869 und 1870 (im Frühling) war er mit ihm in Barzin, wo er den Verkehr der Bundesbehörden und der preußischen mit ihrem Chef vermittelte. 1870 in den letzten Tagen des September wurde er in das Große Hauptquartier berufen, wo er mit dem Kanzler bis zum Ende des Krieges verblieb. 1871 war er mit bei den Friedensverhandlungen in Frankfurt. Auch in den nächsten Jahren folgte er dem Fürsten, wenn er sich nach Barzin zurückzog, als unentbehrlich bald nach. Die Hofluft scheint er zu scheuen.

Ich bin fertig mit meinem Bilde, und wenn ich’s überblicke, kommt mir’s vor, als hätte ich trotz hoher Achtung vor dem Originale nicht gerade mit Rosenfarben gemalt, sondern mit den ehrlichen Farben der Wahrheit. Und wenn ich ihm jetzt ein großes Lob zur Unterschrift gebe, so kommt es aus anderen Munde. „Eine wahre Perle!“ sagte der Reichskanzler von Bucher, als ich mich 1873 von ihm verabschiedete.






Streifzüge eines deutschen Komödianten.[1]
Von Alois Wohlmuth.

Es war im Frühjahr 1876, als Hans Makart in Wien zu Ehren eines ihm befreundeten jungen Schauspielers eine große Abendgesellschaft gab. Der neue Gast hies Alois Wohlmuth und war an dem jüngsten aller deutschen Hoftheater, in Straßburg, engagirt. Er declamirte bei Makart eine Reihe von Gedichten und packte durch die dramatische Anschaulichkeit seines Vortrags so unmittelbar, daß selbst Diejenigen, die sich durch die grellen Farben der Schilderung etwas zu stark angepackt wähnten, in das allgemeine Lob einstimmten.

Einige Tage später hielt Wohlmuth öffentlich einen ähnlichen Vortragsabend und erzielte hier auf das größere und aufmerksamere Publicum einen noch weit tieferen Eindruck.

Die Neugierde, einen Declamator von so auffallender dramatischer Begabung auch auf der Bühne zu sehen, wurde natürlich rege. Leider ermöglichten die damaligen Repertoireverhältnisse der Wiener Bühnen nur die rasche Aufführung von zwei Stücken, in denen Wohlmuth sich zeigen konnte. Anzengruber’s „Pfarrer von Kirchfeld“ und das einactige Schauspiel „Im Vorzimmer Seiner Exceellenz“. Wohlmuth gab die rührende Gestalt des alten Bittstellers ebenso wahr und ergreifend wie Tags vorher den wüsten, mit Gott und Menschen zerfallenen „Wurzelsepp“.

Nach dem Theater fand sich ein kleiner Freundeskreis zusammen, in den auch Wohlmuth eintrat. Das Gespräch über die Leistung des Gastes nahm bald eine biographische Wendung. Wohlmuth erzählte uns, wie er zum Theater gekommen. Schon als Knabe von unbändiger Theaterleidenschaft getrieben, war er heimlich gegen den Willen der Eltern Schauspieler geworden und hatte sich lange als fahrender Komödiant bei kleinen Wandertruppen durchschlagen müssen. Aus diesem abenteuernden Leben schilderte er uns nun verschiedene köstliche Erlebnisse. Schauspieler pflegen meistens gute Erzähler zu sein; in dieser Eigenschaft, wie in dem ganzen Stoffgebiet seiner Schilderungen erinnerte uns Wohlmuth unwillkürlich an unsern Holtei, den Homer der „Vagabunden“. Neugierig lauschten wir den so anspruchslos und treuherzig vorgebrachten Erzählungen Wohlmuth’s. Mit besonderen Antheil nahm ich wahr, daß dieser inmitten des kläglichsten Komödiantentreibens sich zwei kostbare Güter bewahrt hatte: den Idealismus und den Humor. Das prosaische Kunsthandwerkerthum, das ihn umgab und von Ort zu Ort vertrieb, ließ ihn nie die hohen Ideale seines Strebens vergessen, nie an dem Beruf, an der Würde des Schauspielers verzweifeln. Er sieht auch in der Pfütze noch den leuchtenden Widerschein des Sternes. Ebenso treu folgt ihm auf allen Schritten der Humor und läßt ihn in all dem miterlebten Komödiantenelend überall die heitere Seite, das anheimelnd Gemüthliche und unsterblich Komische wahrnehmen. Im allerschlimmsten Drangsal, das Andere zu verzweifelnder Resignation herabdrücken würde, bewahrt sich Wohlmuth ein frisches, helles Auge und ein warmes Herz. –

Auf das Lebhafteste angeregt von Wohlmuth’s Erlebnissen, drangen die Freunde in ihn, das Erzählte niederzuschreiben und zu veröffentlichen. Der Erzähler wehrte sich gegen diesen Vorschlag mit ungekünstelter Bescheidenheit – er sei kein Schriftsteller und habe nur ohne jegliche Ausschmückung erzählt, was

[154] er wirklich erlebte. Gerade deshalb, meinten wir, müßten diese theils heiteren, theils rührenden, stets aber buchstäblich wahren Erlebnisse einen größeren Leserkreis lebhaft und in ganz anderer Weise anziehen, als ähnliche Erfindungen eines Schriftstellers von Fach. Noch erwiderte Wohlmuth ablehnend, aber es müssen ihm doch fern von Wien Andere in gleicher Weise und mit besserem Erfolge zugesprochen haben, denn – was er damals in Wien erzählte, liegt jetzt als schmuckes Büchlein vor uns. Der ausdrückliche Wunsch des Verfassers, ich möchte in einem einführenden Vorwort ihn den Lesern vorstellen, versetzte mich in einige Verlegenheit, wußte ich doch recht gut, daß Wohlmuth nur zuzugreifen brauche, um für sein Erstgeborenes einen vornehmeren und gewichtigere Pathen zu finden. Seiner Entgegnung jedoch, daß er wenigstens keine aufrichtigeren und herzlicheren zu finden wüßte, fügte ich mich willig und erfüllte somit seinen Wunsch, indem ich wahrheitsgetreu die Entstehung des Büchleins erzählte, das, wie ich glaube, eines empfehlenden Vorwortes gar nicht bedarf, um überall Freunde zu finden.

     Wien, im Frühjahr 1878. Eduard Hanslick.




Schiller in der Uckermark.

Endlich nach einer langen, engagementlosen, schrecklichen Zeit folgte ich, etwa Mitte Juli 1865, einem Rufe nach Soldin. Ich kam in dem kleinen brandenburgischen Städtchen am Abend an und ging direct ins Theatergasthaus, denn sowie die Magnetnadel ewig nach Norden, so strebt des Schauspielers Sinn ewig nach der Theaterkneipe. Im Gespräche mit meinen Collegen ließ ich die Bemerkung fallen, daß ich noch kein Zimmer gemietet habe. Freundlich erhob sich einer der anwesenden Gäste und bot mir unentgeltlich Logis an – es war der Polizeilieutenant.

„Sie haben kein Unterkommen?“ sprach der gastfreie Mann, „und wahrscheinlich auch keine Legitimationen. Also folgen Sie mir!“

„Hier ist mein Paß,“ rief ich und hielt dem für das Wohl des Staates ängstlich Besorgten meine Papiere unter die Nase.

„Aber er ist nicht richtig visirt,“ entgegnete ruhig lächelnd die eherne Stütze der preußischen Hermandad.

Dem Director nur, der sich kühn zwischen Hammer und Ambos, Regierung und Untertan warf, verdanke ich, daß ich nicht in’s „Kittchen“ gesteckt wurde. Director S. zog hier nur seine Gesellschaft zusammen, um an einem anderen Orte der Nerv und Mittelpunkt unseres künstlerischen Ensembles zu werden, und wir spielten hier vorläufig nur „auf Theilung“. Auf Theilung ließ Director S. nur an solchen Orten spielen, wo außer der Rollenvertheilung selten etwas anderes zu verteilen übrig blieb; über zwei und einen halben bis drei Groschen setzte es selten für einen Ferdinand oder Wilhelm, für eine Luise oder Lenore. Täglich mußten zwei von uns einladen gehen. Einmal steckte mir bei dieser Gelegenheit eine dicke, kunstentflammte Bäckersfrau einige Semmeln in die Tasche, doch der Ausdruck ihrer Kunstbegeisterung war etwas altbacken.

Ein tiefer Schleier deckte das Geheimniß unserer zukünftigen Kunststätte. Selbst uns wurden von oben herab nach den verschiedensten Richtungen liegende Orte genannt, denn Director S., dieser schlaue Talleyrand, wollte durch falsche Gerüchte seine Gläubiger irre führen. Endlich - es war eine sternlose, schwarze Nacht; ein geheimnißvolles Rauschen durchzog die Natur und unsere gläubigen Gläubiger träumten vielleicht von jenem bessern Jenseits, in welchem kein Verrath mehr herrschen soll - da wanderten wir mit unsern Reisetaschen vor’s Thor. Denn hier erst - weil Vorsicht die Mutter der Weisheit ist - harrte unser der mit Decorationen beladene Wagen und nahm uns zu dem andern Komödiantenplunder auf. Erst als in Letschin, einem großen, reichen Dorfe der Uckermark, der Wagen hielt, erfuhren wir, daß unser Bestimmungsort erreicht sei.

Hier gingen die Geschäfte glänzend und unser alter, kleiner, kugliger Director, dessen Antlitz ungefähr den Ausdruck eines Schneemannes hatte, dem Buben ein paar Kohlen als Augen in’s Gesicht gesteckt haben, schritt in dem Garten, in welchem die „Arena“ erbaut war, stolz einher, wie der bekannte Despot auf dem Miste. Ich sehe es noch vor mir, das drollige, „nun längst selig ausgestreckte“ Kerlchen, wie es in Zwillichrock und Zwillichhose, in seinen gestickten Pantoffeln, ohne Weste und Cravatte, das weiße Haupt mit einem breiten Strohhute bedeckt, eine – ewige Butterstulle kauend, mit spanischer Grandezza daher schritt. S. ließ mich eines Tages, da er eben dabei war seinen Mitgliedern die kürzlich bezahlte Gage wieder in „Sechsundsechszig“ abzugewinnen, in’s Wirthshaus kommen. Da machte er mir, mit der einen Hand seinen Bauch, mit der anderen meine Backe streichelnd, den Antrag, das Amt eines Requisiteurs, inclusive der Zettelbesorgung, gegen eine tägliche Entschädigung von fünf Silbergroschen zu übernehmen. „Den Franz Moor spielen,“ meinte er, „das kann jeder Ochse, aber die Requisiten gehörig besorgen, darin liegt was. Dadrinnen zeigt sich das Genie vor die Kunst.“

Da ich meine Rollen ohnehin auf dem sehr verwahrlosten Friedhofe studiren mußte, weil in meiner Stube, die einer Nußschale glich, zum Studiren nicht genug Raum vorhanden war, so schlug ich ein.

Früh morgens schon klebte ich nun mit derselben Begeisterung, mit der einst Luther seine Thesen zu Wittenberg anschlug, die Theaterzettel an; den Tag über glich ich einem ambulanten Trödelladen. Ob sich die Schleußen des Himmels öffneten und unendlichen Regen herabschickten, ob die heiße Sonne, durstig wie die Kehle eines Musikanten, wieder alles gierig einsog; kurz, bei jeder Witterung mußte ich in Letschin und in der Umgebung des Dorfes allerlei Utensilien, wie Spaten, Hacken, Flinten, Töpfe etc., zusammenborgen und dazu am Abend große Rollen, die ich Tags über en passant studirt hatte, vor das Publicum tragen. Doch, wem Gott ein Amt giebt, denn giebt er auch – Beine, könnte ich sagen. Trotz aller Anstrengung überlebte ich doch mein Amt.

Freilich war ich sehr beliebt, und Jeder borgte mir gern auf Treu und Glauben, um was ich bat. Selbst der Pfarrer lieh mir einmal seinen schwarze Rock für den allerdings sehr frommen Pastor Bürger in „Lenore“ und gab mir manchmal Auskunft, wo ich die nöthigen Requisiten am besten borgen konnte; kurz, die Kunst harmonirte mit der Kirche in der Uckermark so innig, wie in den besten Zeiten eines Raphael oder Tizian in Italien. Die Frau Pastorin war eine liebenswürdige alte Dame und hatte schöne Birnen und Aepfel im Garten. Sie rief mir manchmal, wenn ich ganz echauffirt, mit Requisiten schwer beladen über den großen Platz rannte, zu:

„Herr Wohlmuth! Etwas Obst? Sie essen es ja so gerne,“ und damit gab sie mir eine große Schüssel, mit Obst gefüllt, und jedesmal lag tief auf dem Grunde, wie der Nibelungenschatz auf dem Grunde des Rheins, ein Zehngroschenstück oder gar ein Thaler.

Der Director war mit mir sehr zufrieden und nickte mir täglich anerkennnend zu, wie ein Pagode, den man antippt. Aber die Ausnahme bestätigt die Regel. So kam es denn auch einmal vor, daß sich mein kugelrundes Despötchen erzürnte und zwar bei einer Aufführung der „Räuber“.

Du lieber Gott, ich hatte den Franz Moor und, damit ich nicht zu kurz käme, noch einen Räuber dazu zu spielen und war am Abend von den vielen Geschäften des Tages ermüdet. Einige Stunden vor der Vorstellung beriethen wir noch im Gasthause, wie die Bühne bei den Räuberscenen am besten zu füllen wäre. Mit der Tradition, ausgestopfte Ritterstiefeln, müde Gliedmaßen schlaftrunkener Räuber darstellend, aus den Coulissen hervorschauen und sie bei den Worten Karl’s: „Auf, auf! ihr trägen Schläfer!“ durch Vermittelung des Inspicienten erschreckt aufspringen und hinter den Coulissen sich zerstreuen zu lassen, mit dieser veralteten Tradition hatte S. längst gebrochen, ich weiß nicht, ob aus künstlerischen Scrupeln oder aus Mangel an Stiefeln. Da kam über einen würdigen Collegen, der bereits an die siebenzig Jahre der Kunst treue Handwerkerdienste leistete, der Geist der Erleuchtung, und mit gehobenem Tone, wie von einer Inspiration getrieben, rieth er, die unbeschäftigten weiblichen Mitglieder als Räubergattinnen auf der Bühne mitmachen zu lassen. Die Idee war originell und fand allgemeinen Beifall. Plötzlich rief Karl, der Hauptmann:

„Wissen Sie was, Director? Lassen Sie einige Hunde auf die Bühne bringen!“

Wir sahen unsern Collegen halb entsetzt, halb mitleidsvoll an, denn wir dachten, er habe an dem Studium seines Karl sein Bischen Verstand gänzlich verbraucht. Nach einer Pause fragte der Director behutsam:

[155]

General Gurko.
Originalzeichnung von Professor W. Camphausen in Düsseldorf.

[156] „Zu welcher Nuance brauchen Sie denn heute Abend Hunde?“

„Lieber Director, Sie wissen doch, daß ich im zweiten Acte zu sagen habe: ‚Auch müssen alle Hunde los und in ihre Glieder gehetzt werden.‘ Da uns Menschen fehlen, so sehe ich nicht ein, warum wir, da es ja doch die Intention des Dichters ist, nicht mit einigen Hunden die Bühne füllen sollen.“

Diese Aeußerung belehrte uns, daß unser College vollständig bei klarem Verstande sei. Director S. war principiell nur gegen solche Dinge, die Geld kosteten, und stimmte also dem Hundeprotector bei. Es entstand nun die Frage, wo man passende Hunde requiriren könnte. Man machte verschiedene Vorschläge. Endlich aber rief Karl:

„Ach, was! Das ist Sache des Requisiteurs. Wohlmuth soll die Hunde besorgen; Hunde sind Requisiten.“

Ich schrie empört: „Ein Hund ist eine servile, lebende Bestie und kein Requisit! Wenn das so fortgeht, muß ich schließlich noch erste Heldendarsteller und so weiter besorgen.“

Es entspann sich nun eine lebhafte Debatte darüber, ob ein lebendiges Wesen, so es nicht dem höheren Viehstand angehört, ein Requisit sei. Da kam, unerwartet, wie ein Meteor vom Himmel fällt, die gewünschte Bestie zu uns. Ein Gutsbesitzer (so ließen sich die reichen Bauern der Umgebung am liebsten tituliren) trat nämlich wie ein Deus ex machina mit einem gewaltigen Hunde, Ulmer Race, in die Gaststube und überließ uns den Riesenköter zur dramatischen Verwendung. Somit war die Hundefrage gelöst.

Am Abend zeigte der vierfüßige Genosse, den ich hinten an die griechische Säulencoulisse band, mehr Kunstverständniß als das Publicum, denn er heulte und winselte kläglich.

Noch in der letzten Stunde, schon halb zum Franz Moor verpuppt, nur einen langen, ehrbaren Rock über mein geliebtes Scheusal gezogen, mußte ich von dem Gensd’arm des Dorfes für die zweiundsiebenzig unter Karl stehenden Räuber einen Säbel zur Niederwerfung der Kaiserlichen borgen. Karl hatte heute seinen guten Tag; er war „disponirt“ und riß die Leidenschaften in Fetzen, „in rechte Lumpen“; bei einzelnen Attituden und Gesten hatte man begründete Ursache zu fürchten, er könnte einige Coulissen und Deckstücke mitnehmen.

Als im zweiten Acte die Scene nahte, wo er seine Hand an einen Ast zu binden hat und der Tumult losgeht, steckte ich kurz vorher einen eben im Garten abgebrochenen Baumast dicht an einer griechischen Säulencoulisse (die vielleicht der plastischen Einfachheit halber bei jeder Decoration beibehalten wurde) auf die Bühne. Der realistische Künstler band seinen Arm aber, in seiner Begeisterung, in allem Ernst an den Baumast, und zog mich, seinen tückischen Bruder Franz, der in seinem Doppelberuf den Ast krampfhaft festhalten mußte, fast auf die Bühne. Endlich läßt Franz, ein Schwächling von Natur, los, und der Baumast baumelt am Heldenarme Karl’s. In diesem Moment erblickt der Ulmer Debutant, den ich kurz zuvor hatte auftreten lassen und einem Räuberweibchen mit der Weisung, die Bestie fest am Stricke zu halten, übergeben hatte, seinen Herrn im Publicum. Jetzt erst fühlt er ganz und tief die Schmach, die ihm angethan wurde, indem man ihn aus seiner bürgerlichen Stellung unter Komödianten geschleudert hatte. Sein innerster Hundestolz bäumt sich empört auf; er reißt sich, der Gewohnheit treuer als der Kunst, los, rennt dem unglücklichen, mit seinem Baumast kämpfenden Karl zwischen die Beine und springt, nachdem er so die Heldennatur Karl’s zu Falle gebracht, über das Brett, welches das Räubervolk von denn Publicum trennte. Welch eine ergreifende Scene! Das treue Thier zu Füßen seines Herrn und – Karl auf dem Rücken! Das Hurrah des Publicums wollte kein Ende nehmen. Der Director aber sagte: „Laßt gut sein, Kinder! Nächstens machen wir mit dem Stück ein volles Haus.“

Tags darauf war „Fünfzigjähriges Jubiläum“ des Directors. Diesen seltenen Tag feierte S. seit vielen Jahren an jedem Orte und zwar nicht ohne Erfolg. Der „Jubiläumsabend“, der mit großer Reclame angekündigt wurde, hatte oft einen Cassenerfolg von fünfundzwanzig bis dreißig Thalern aufzuweisen und verursachte gar keine Kosten, denn die dazu nöthigen Requisiten wie Lorbeerkranz, Adresse des Personals, waren schon längst inclusive der Anrede, die ein Schauspieler zu halten hatte, und der obligaten Rührung des Directors dem Theaterfundus einverleibt. Während meines Engagements bei S. ward mir die Ehre zu Theil, dem Jubilar die Rede, die dessen Verdienste um die deutsche Kunst hervorhob, zu halten. Bei dieser Gelegenheit fing S. an, präcise auf’s Stichwort seine Thränen zu bekämpfen und seiner Rührung mühsam Herr zu werden. In Ermangelung anderer Jungfrauen überreichten zwei von meinen Colleginnen dem Director den Lorbeerkranz, dieser ruhte auf einem mit dem Sammet einer verewigten Pluderhose überzogenen Sophakissen. Seine Blätter krümmten sich bereits - ich glaube der Trockenheit halber – sehr bedenklich. S. wurde weich; sein Auge, dank- und thränenerfüllt, coquettirte mit dem Himmel; die Fettmassen seines Gesichtes zuckten wehmüthig; die einzelnen Theile desselben gingen im Ganzen auf – das Gesicht verschwamm. College W. hatte die Rolle aus dem Repertoire, des Jubelgreises Würdenschädel mit dem Lorbeer zu schmücken. Er mußte wenigstens so thun, denn der erschütterte Greis lehnte jedesmal – bescheidener als mancher deutsche Schweinsrüssel – diese Ehre ab und zwar mit derselben Würde, mit der Cäsar einst die dargebrachte Krone zurückwies. Darauf stammelte S. den Kranz in der Hand behaltend, einige Worte des Dankes, verschwand von der Bühne, vertauschte den Lorbeer mit einer belegten Butterbemme – und die Feierlichkeit hatte ihr Ende gefunden. –

Wir verließen Letschin, um nunmehr in Straußberg der Kunst zu fröhnen. Aber Straußberg ist nicht Paris, und es gefiel mir nicht in Straußberg. Eines Tages sagte ich dem Director bei der Probe: „Herr Director! Heute gehe ich Ihnen durch.“ Er klopfte mir die Wangen und lachte – am Abend aber lachte er nicht.




Lenau als Geiger.
Aus der ungedruckten Selbstbiographie: „Reflexe“ von Dr. August Schmidt.

Man würde jetzt in Wien vergebens einen Club junger Poeten suchen, wie dort vor vierzig Jahrenn einige bestanden. Zumal die Species der Lyriker ist, wie die Steinböcke im Hochgebirge, beinahe ganz ausgestorben. Nur eine verschwindend kleine Zahl jüngerer Schriftsteller, wenn sie einmal von einer ganz absonderlichen Gefühlsstimmung übermannt werden, machen ihren gepreßten Herzen in einem lyrischen Gedichte Luft. Einige Dichter der älteren Schule treten bisweilen nach längerem, verdrossenem Schweigen mit vereinzelten Gedichten wieder hervor, mehr um dem inneren Schaffensdrange zu genügen, als einen nach dichterischen Genüssen lüsternen Leserkreis zu befriedigen; denn die realistische Zeit hat bekanntlich nur ein geringes Verständniß für die Gefühlsausflüsse lyrischer Poesie.

Was jedoch den jungen Literatennachwuchs betrifft, so fühlt dieser keineswegs das Bedürfniß nach Vereinigung zur wechselweisen Aneiferung oder nach einem Austausche der Meinungen und Anschauungen, durch welchen das junge Talent, wie der Stahl an dem Stahle, erst den erhöhten Glanz und Schliff erhält.

Anders verhielt es sich damals. Die Censur, welche der Polizeipräsident Graf Sedlnitzky und die ihm untergebenen Organe in ängstlicher Besorgniß vor jeden freiheitlichen Luftzuge mit drakonischer Strenge handhabten, hielt das politische Feld in unnahbarer Abgeschlossenheit für die Literatur und drängte mitunter auch Talente, die vielleicht gerade in dieser Richtung eine einflußreiche Stellung einzunehmen berufen gewesen wären, in die Bahn belletristischer Thätigkeit.

Das Lesepublicum aber, das gewohnt war, in den für die österreichischen Abonnenten eigens zubereiteten politischen Artikeln der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ den Ausdruck der freisinnigsten Anschauungen zu verehren, fühlte bei dieser jahrelang systematisch ausgeübten Bevormundung von Seiten der Regierung überhaupt gar nicht das Bedürfniß nach einem tieferen Einblicke in die Verhältnisse innerer und äußerer Politik. Man brachte

[157] daher das ungetheilte Interesse den belletristischen Tagesblättern entgegen, welche das Gros der Journalliteratur in Wien bildeten; denn außer der officiellen „Wiener Zeitung“ und dem „Beobachter“, dessen Artikel aus dem Bureau des Staatskanzlers hervorgingen, gab es in Wien nur belletristische Zeitungen und eine verschwindend kleine Zahl von Fachblättern.

Mit Geringschätzung schauen wir jetzt in eine Zeit zurück, in welcher kaum ein Dutzend belletristischer Journale vollständig ausreichte, um unsern Wissensdurst zu löschen, und die Bühnenneuigkeiten der „Theaterzeitung“ hinlänglich Stoff boten, um einen so zahlreichen Leserkreis zu befriedigen, wie ihn jetzt nur die größeren politischen Blätter aufzuweisen haben.

Diese Beschränkung der Journalliteratur brachte bei den vielen dunklen Schatten, welche sie auf unser geistiges Leben warf, den verhältnißmäßig allerdings nur geringen Vortheil einer erhöhten und allgemeineren Theilnahme an der Poesie. Die Dichtkunst war die einzige literarische Thätigkeit, welche die Censur, nebst der sorgfältig überwachten Fachliteratur, wenn auch zu beschränken, doch nicht gänzlich lahm zu legen vermochte, und die auch in der ruhigen politischen, dem künstlerischen Schaffen vorzugsweise günstigen Atmosphäre, die damals in Oesterreich herrschte, vor Allen gedieh.

Wo Kauflustige sich einfinden, da fehlt es auch nicht an Krämern; es ist daher begreiflich, daß die jungen Poeten wie Pilze aus der Erde schossen, die den Markt mit allen Erzeugnissen schöngeistiger Literatur überfüllten. Es machte sich ein lebhafter Wetteifer unter den Literaten bemerkbar, der sich besonders darin äußerte, daß sich jüngere Talente um Schriftsteller von Ruf schaarten, um sich an ihnen heranzubilden und durch den Einfluß derselben ihren geistigen Producten einen würdigen Platz in der Oeffentlichkeit zu verschaffen. Die Folie dieser künstlerischen Bestrebungen war jedoch einzig die Begeisterung für die Sache selbst, und der materielle Gewinn, das Honorar für diese literarischen Erzeugnisse, kam nur so nebenbei in Betracht.

Es fanden damals in Wien an mehreren Orten regelmäßige Zusammenkünfte von Schriftstellern statt. Unter diesen aber nahm die im Neuner’schen sogenannten „silbernen“ Kaffeehause, weil dort auf silbernen Tassen servirt wurde, im ersten Stock des Eckhauses der Spiegelgasse die hervorragendste Stelle ein. Dort fand sich die Schriftsteller-Elite von Wien zusammen. Es glänzten Namen auf dieser Ständetafel, welche zugleich mit den Besten in Deutschland genannt, mit den Kämpfen um die Unabhängigkeit der vaterländische Poesie in die engste Beziehung gebracht wurde, erprobte Streiter aus dem literarischen Felde.

Zu den regelmäßigen Besuchern des Neuner’schen Kaffeehauses zählten in verschiedenen Zeitläuften, so weit ich mich erinnere: Graf Auersperg (Anast. Grün), Bauernfeld, Bauernschmid, Alex. Baumann, Bernard, Graf Bolza, Braun von Braunenthal, Castelli, Deinhardstein, Dräxler-Manfred, Duller, Enck, Gust. von Frank, L. A. Frankl, Grillparzer, von Holtei, E. Hock, E. W. Huber, Uffo Horn, C. Kunt, Graf Laurencin, von Levitschnigg, Littrow, Nimbsch von Strehlenau (Lenau), Pannasch , Fd. Raimund, Baron Schlechta, A. Jul. Schindler (Julius von der Traun), Ritter von Schrökinger, Straube, Schurz, Schumacher, J. N. Vogl, Ferd. Weigl, Witthauer, Graf Württemberg, Baron Zedlitz und Andere.

Mein Freund, der Dichter J. N. Vogl, führte mich in diesen Literatenkreis ein. War es mir, dem jungen Schriftsteller, schon sehr erwünscht, mit so berühmten Persönlichkeiten in Verkehr zu treten, so hatte überdies die Aussicht auf das Zusammentreffen mit Lenau, für welchen ich besondere Sympathien hegte und der ein täglicher Gast bei Neuner war, für mich noch eine besondere Anziehungskraft.

Bald zählte ich auch zu den regelmäßigen Besuchern des silbernen Kaffeehauses und war so glücklich, mich in dem kleinen Kreise der näheren Bekanntschaft Lenau’s zu bewegen.

Wie bei Beethoven, weicht auch bei Lenau meine Schilderung seiner äußeren Erscheinung wesentlich von der Vorstellung ab, welche sich Viele von ihm machen, indem sie in dem Dichter des „Faust“ und „Savonarola“ sich einen verschlossenen und für die Eindrücke geselligen Verkehrs unempfänglichen und unnahbaren Charakter denken, in dessen dumpfem Hinbrüten sie schon Anzeichen einer langsam sich vorbereitende Geistesstörung erkennen wollen. Von allen diesen war im Umgange mit Lenau kaum eine Spur zu finden. Ich hatte Gelegenheit, mit ihm öfter und selbst auch in jener Periode, zu verkehren, welche der unglücklichen Katastrophe vom 11. October 1844 voranging; allein niemals ist jener Trübsinn oder jene Gereiztheit, die Viele in seinem Benehmen zu bemerken glaubten, störend zwischen unsere mitunter lebhaft geführte Conversation getreten. Lenau’s Benehmen war allerdings mehr, als dies bei den meisten Menschen der Fall, von der momentanen Stimmung abhängig, was jedoch bei seinem heftigen Temperamente und bei der leichten Erregbarkeit seines Gemüthes erklärlich ist.

Oft, wenn er, längere Zeit hindurch sinnend und vor sich hinstarrend, abseits an einem Tische gesessen und nur der aufwirbelnde Rauch, den er aus dem langen Pfeisenrohre gesogen, Zeugniß von seinem wachen Zustande gab, sprang er mit einmal auf und warf sich mitten in den Strom der lebhaftesten Unterhaltung seiner Freunde, ja er gab sich nicht selten der ausgelassensten Heiterkeit hin und brach dann gewöhnlich in jenes schallende Gelächter aus, das auch Beethoven zum Ausdrucke einer besonders heiteren Stimmung diente.

Mit leidenschaftlicher Hingebung huldigte Lenau dem Billardspiele, in welchem er es zu einer großen Kunstfertigkeit gebracht hatte. Auch Vogl war ein ausgezeichneter Billardspieler. Es ereignete sich nun nicht selten, daß sich Beide gegenseitig zu einem Wettkampfe herausforderten, der dann immer die Theilnahme der Anwesenden in hohem Grade hervorrief - Vogl, mit dem kalten Ernste in Blick und Miene den Stoß seines Gegners scharf beobachtend, aber zugleich sicher seines eigenen, Lenau, wild hineinstürmend im Drange seiner Lust und weniger seiner Kunst, als dem glücklichen Zufalle vertrauend.

Mit besonderer Vorliebe debattirte Lenau mit mir über Musik. Der Ausspruch Berlioz’s, daß in der Regel die großen Dichter schlechte Vertheiler der Musik wären, war auf ihn keineswegs anzuwenden, denn sein musikalisches Urteil zeigte von tiefer eingehender Fachkenntnis und entschieden künstlerischem Verständnisse. Für Beethoven hatte er eine Vorliebe, die den genialen Tondichter hoch über Alle stellte; nächst diesem zollte er dem Genie des gewaltigen Händel die größte Verehrung. Für Mendelssohn, der damals im Zenith bewundernder Anerkennung der Musikwelt stand, konnte er sich nicht erwärmen, und es entspann sich über die Verschiedenheit der gegenseitigen Meinungen zwischen ihm und dem Musikkritiker Dr. Becher so manche heftige Controverse.

Für das damals in üppigster Blüthe stehende Virtuosenthum hatte er geringe Sympathien; nur die Erscheinung des Knaben A. Rubinstein zog ihn besonders an, und er prophezeite dem kleinen Virtuosen ein große Zukunft.

Es war an einem trüben Herbstabende, als ich Lenau nach Hause begleitete. Am Thore seines Wohnhauses angelangt, das sich in einer der Seitengassen der Kärnthnerstraße befand, lud er mich ein, ihm in seine Wohnung zu folgen. Wir betraten bald ein Zimmer, in welchem sich die geniale Unordnung bemerkbar machte, welche meistens die Behausung eines Junggesellen kennzeichnet, besonders wenn diese Dichter sind. Bei unserer Ankunft hatte wir gerade über die Nationalmusik der Ungarn gesprochen, und ich erwähnte, daß mir einige ungarische volkstümliche Weisen bekannt seien. Lenau ersuchte mich, ihm dieselben vorzuspielen, und nahm zu diesem Zwecke ein zierliches Instrumentenkästchen hervor, das er öffnete; er reichte mir die Violine. Ein flüchtiger Blick, den ich auf dieselbe warf, ließ mich ihre Abkunft aus einer alten italienischen Meisterfamilie erkennen.

Schon längst ersehnte ich den Moment, der mir Gelegenheit verschaffen sollte, den Dichter einmal geigen zu hören, der nach dem Urtheile competenter Freunde das edle Instrument nicht nur vollständig zu beherrschen, sondern seinem Vortrage auch einen ganz eigenthümlichen Zauber in Ton und Spielweise zu verleihen wisse. Der Moment schien mir besonders günstig, und ich bat Lenau, mir das Vergnügen, ihn spielen zu hören, nicht vorzuenthalten. Er schlug es mir jedoch kurzweg ab, und als ich weiter in ihn drang, machte er Miene, die Geige wieder in das Futteral zurückzulegen. Dies bemerkend, nahm ich ihm dieselbe wieder aus der Hand und spielte einige Verbunkos, die mir noch aus der Zeit der Studenten-Majalis im Gedächtnisse waren. Als ich meinen Vortrag jedoch beendet hatte [158] und das Instrument aus der Hand legen wollte, rief mir Lenau, der meinem Spiele, in den Stuhl gelehnt, den gesenkten Kopf in die Hand gestützt, aufmerksam zugehorcht hatte, mit lauter, herausfordernder Stimme die Worte zu: „még egyzer, még egyzer“! (noch einmal.) Es war ein Aufruf, welchem ich nicht anstand bereitwillig zu entsprechen. Kaum aber hatte ich die verlangte Wiederholung beendet, als Lenau aufstand, mir schweigend die Geige aus der Hand nahm und nun selbst zu spielen begann. Was ich vergebens von ihm zu erbitten gesucht, er that es nunmehr freiwillig. Die vaterländischen Anklänge schienen ihn in eine Stimmung versetzt zu haben, welche die Schranken der Schüchternheit durchbrach, die er um die Kundgebung seiner musikalischen Leistungsfähigkeit gezogen hatte.

Es fiele mir in der That schwer, ein musikalisch-kritisches Urtheil über seinen Vortrag abzugeben. Derselbe ließe sich überhaupt kaum in eine bestimmte Kategorie rangiren, allein, daß mich sein Spiel tief ergriffen und die Töne, die er angeschlagen, mir das Herz schneller schlagen machten, dies muß ich zugestehen. Was er spielte, war keine ungarische Nationalmelodie, es war eine tiefe Melancholie, welche in Tönen Ausdruck fand, welche er den Weisen der Magyaren abgeborgt hatte.

Auf den Stuhl hingesunken, horchte ich den magischen Klängen, die aus dem nächtlichen Dunkel – es war mittlerweile im Zimmer ganz finster geworden – heraustönten, so zauberhaft und dabei so wehmüthig und tiefergreifend. Schien es doch, als wäre er unbewußt zum Seher des traurigen Geschickes geworden, das ihn ja nur zu bald ereilen sollte. In jedem Tone lag der Ausdruck des Schmerzes, der in den langgezogenen Tönen des Lassan seine Qualen aushauchte, so erschütternd und rührend zugleich. Noch aber hatten die letzten Töne desselben nicht ausgezittert, als mit einmal der gespensterhafte Wirbeltanz eines wilden, rasenden Frissen wie ein Wettersturm hereinbrach, mit schneidendem, immer gesteigertem Crescendo die geängstigte Seele wie in einer Parforcejagd bis in die höchsten Lagen der Applicatur verfolgend, und mit höhnisch zerstörendem Humor die Bande der Melodie und des Rhythmus sprengend. –

Ich weiß nicht, wie lange Lenau gespielt, plötzlich aber verstummten die Klänge und die Ruhe gänzlicher Erschöpfung trat ein. Ich suchte tastend die Thür und kam tief erschüttert auf die Straße.

Die Töne, welche ich soeben vernommen hatte, brachten auf mich einen schmerzlichen Eindruck hervor, aber sie haben bleibende Spuren in meinem Gedächtnisse hinterlassen.


Blätter und Blüthen.


General Gurko. (Mit Abbildung, S 155.) Eine kecke That ist das beste Mittel, mit einem Schlage ein berühmter Mann zu werden. In dem Kriege, aus welchen wir jetzt schon, obwohl noch alle durch ihn geschlagenen Wunden bluten, als aus etwas hinter uns Liegendes, Abgetanes zurückblicken, ist mancher bis dahin dunkle Name an das Licht gehoben worden, und zwar auf türkischer wie auf russischer Seite; – im heutzutage ungewohnten Glanze ritterlicher Romantik schimmerte aber keiner so, wie der Name desjenigen Generals, welcher Mitte Juli 1877 den die ganze Welt überraschenden russischen Reiterflug über den Balkan führte. Unsere Abbildung zeigt ihn auf diesem seinem Ruhmespfade.

Joseph Wladimirowitsch Gurko steht jetzt im fünfzigsten Jahre, hat also die Laufbahn vom Zöglinge des Pagencorps bis zu den höchsten militärischen Ehren ziemlich rasch durchmessen. Er begann mit achtzehn Jahren den Dienst im Leibgarde-Husarenregiment, machte dann die Generalstabsschule durch und kam aus dem Krimkriege als Rittmeister zurück. Von da an rasch eine Staffel um die andere ersteigend, nahm er am polnischen Feldzuge von 1863 bereits als Oberst Theil, commandirte zehn Jahre später eine Brigade der zweiten Garde-Cavalleriedivision und drei Jahre später diese selbst als Generallieutenant.

Die Division blieb in Petersburg zurück, während für General Gurko aus einer Schützenbrigade, der bulgarischen Legion und vier Cavalleriebrigaden, ein Avantgardecorps gebildet wurde, dessen Aufgabe es war, der Hauptarmee überall kühn voran zu gehen. Die bodenlose Nachlässigkeit der türkischen Heerführer vor und nach dem Uebergange über die Donau lockte von selbst zu immer größeren Wagnissen. Nur zehn Tage waren vergangen, seitdem Gurko das bulgarische Ufer betreten, und schon stand er mit seiner Avantgarde in Tirnowa, der Residenz der alten Bulgaren-Könige, - und sieben Tage später hat er den Balkan überstiegen. Bulgaren waren es, die ihm verriethen, daß sie selbst den Chainkioipaß unbesetzt gefunden; sie führten die Russen, die auf diese Weise am 13. Juli in das Tundschathal vordrangen, wo ein türkisches Bataillon stand, das überrumpelt und zerstreut wurde. Gurko rückte sofort mit seiner Hauptmacht, in fortwährendem Kampfe mit den Truppen des Reuf Pascha, gegen Kazanlik los, das er am 17. Juli diesem entriß und besetzte.

So war über die lachende Rosenstadt mit ihren friedlichen und schönen Menschen, zu deren blühendem und duftendem Erntesegen wir unsere Leser zu Anfang dieses Krieges („Gartenlaube“ 1877, Seite 88) geführt haben, alle Schreckniß und Gräuel der Verwüstung gekommen. Das Glück so vieler Menschen und die entzückende Herrlichkeit all der Rosengefilde sind einen Weg gegangen - ins Elend und Verderben.

Von Kazanlik wandte General Gurko sich gegen Norden, säuberte auch die Pässe von Schipka und Trajvna von den schwachen türkischen Besatzungen und hatte somit in kürzester Zeit drei Balkanpässe für die russischen Armeecorps geöffnet. Sein Kaiser erhob ihn dafür zum Generaladjutanten. Die nächsten Folgen dieser kühnen That waren eine allgemeine Flucht der türkischen Bewohner nach Adrianopel und Constantinopel, die Befreiung Montenegros von den Armeen Suleiman Paschas und eine neue Ministerkrisis beim Pfortenregiment. Da kam der Rückschlag als Strafe für den moskowitischen Uebermuth. Die drei Schlachten vor Plewna schleuderten die Panik in’s russische Hauptquartier, und der Schrecken stieg über den Balkan. General Gurko’s Avantgardecorps wurde aufgelöst und mußte, an andere Truppenkörper vertheilt und von feindlicher Uebermacht gedrängt, sich in den Schipkapaß zurückziehen, während der General selbst nach St. Petersburg eilte, um seine Gardecavalleriedivision eiligst nach Bulgarien zu führen.

Hier kam er an, nachdem General Totleben die fachmännische Leitung der Einschließung von Plewna übernommen und damit der bisherigen Dilettanten-Kriegführung mit menschenschlachtenden Stürmereien und unaufhörlichem Schießen hier ein Ende gemacht hatte. General Gurko überkam die ihm besonders zusagende Aufgaben die Cernirung gegen äußere Angriffe zu schützen, und da die gefährlichsten aus der Richtung von Sofia her drohten, wo Chefket Pascha eine befestigte Stellung bei Gornji Dubniak einnahm, so stürmte Gurko dieses Lager und setzte sich selbst darin fest. Nachdem er es durch eine Besatzung gesichert, bemächtigte er sich des festen Telisch, brachte die Brücke bei Radomirze wieder in russische Gewalt und nahm dann Aufstellung gegen Orkhanie. Das kaiserliche Hauptquartier war um diese Zeit der völligen Einschließung Osman Paschas, Anfangs November, in Poradim, das des Großfürsten Nikolaus in Bogot, bis der Ausfall und die Ergebung Osman Paschas am 10. December Festung und Heer nach hundertdreiundvierzigtägiger Belagerung und heldenmüthiger Vertheidigung den Russen überlieferte.

Der Krieg drang nun abermals über den Balkan, und abermals fiel dem General Gurko, der gegen Sofia operirte, eine schwierige Aufgabe zu. In drei Colonnen begann er am 23. December den Marsch über das Gebirge. Nach unsäglichen Schwierigkeiten gelang es ihm, sämmtliche Colonnen am letzten Tage des Jahres südlich des Balkans zu vereinigen; der Weg nach Sofia stand offen, und schon am 4. Januar hielt Gurko seinen Einzug in die alte bulgarische Hauptstadt. Der Erfolg dieses Zuges glich jenem seines ersten Balkanrittes. Die russischen Corps drangen nun durch drei Pässe zugleich über den Balkan, und schon am 4. Januar fiel die ganze türkische Schipkaarmee in Gefangenschaft. General Gurko setzte seinen Siegeslauf gegen Adrianopel fort, das die Russen bekanntlich von Vertheidigern entblößt fanden. Die Reihe der Großthaten dieses Krieges ist nunmehr wohl auch für General Gurko abgeschlossen.



Joseph Watter (siehe S. 147) ist unter den Münchener Malern der Gegenwart neben Moritz von Schwind und Andern als ein verdienstvoller Vertreter des deutschen Märchens und der deutschen Sage bekannt. Mehr noch fanden seine Leistungen auf einem völlig entgegengesetzten Gebiete, seine Bilder in der Richtung der modernen Münchener Realisten, allgemeine Anerkennung, und das mit Recht; denn was frische und kecke Erfindungsgabe, frappante und packende Situationsmalerei und humorvolle, oft auch sarkastische Wiedergabe des Lebens betrifft, stellt er sich den besten Meistern seiner Schule würdig an die Seite. Als einen Beleg für die letzterwähnte Seite seines Talentes brauchen wir den Lesern nur die humoristische Scene: „In einem bairischen Stellwagen“ in’s Gedächtniß zu rufen, welche wir im Jahrgang 1870 (Nr. 12) wiedergaben. Der „göttliche Funke“ des Humors ist es auch, der den Künstler inspirirte, als er das Bild schuf, mit dem wir unsere heutige Nummer schmücken. Wie alle Schöpfungen Watter’s aus der jüngsten Zeit - wir verweisen nur auf die anmuthige Idylle „Am Waldesrand“ (Nr. 15 von 1877) - ist auch unser neckisches Paar der Zeit des Rococo entnommen. Das Bild spottet in der Anschaulichkeit und Lebendigkeit seiner Darstellung jedes Commentars. Man könnte als lustige Arabesken zu diesen zwei frischen, fröhlichen Gestalten wohl einen kleinen Liebesroman erfinden - aber wozu? Der lachende Mund unserer Schönen, die schelmischen Augen unter dem koketten Hütchen, erzählen sie nicht besser, als Worte es vermöchten, eine Geschichte von Jugend und Liebe, voll lachender Heiterkeit und übersprudelnder Lebenslust?


Erklärung. Die Mittheilung im Briefkasten unserer Nr. 7, soweit sie Anfragen medicinischen Inhalts betrifft, ist leider vielfach mißverstanden worden. Wir halten uns durchaus nicht für verpflichtet, jede nach dieser oder einer anderen Seite hin an uns gerichtete Frage zu beantworten, und haben nur nicht unterlassen wollen, solche Fragesteller, welche in schnell zu erledigenden sanitären Angelegenheiten unsere Ansicht hören wollen, darauf hinzuweisen, daß in solchen Fällen der Weg einer directen schriftlichen Antwort uns ermöglicht werden muß, weshalb die volle Adresse anzugeben ist. Anonyme Anfragen, was auch immer ihr Inhalt sei, werden wir von jetzt ab der Regel nach nicht mehr berücksichtigen und alle ohne Namensangabe eingehenden Manuscripte dem Papierkorb einverleiben. Nur so glauben wir den wachsenden Sturm der Einsendungen von unberufener Seite abwenden zu können.
Die Red.

  1. Unter diesem Titel erscheint demnächst bei Joh. Amb. Barth in Leipzig eine Reihe von Skizzen aus dem Leben des Verfassers, und hat uns die Verlagshandlung den Abdruck des zehnten Capitels sowie des Vorwortes von E. Hanslick aus den Aushängebogen gütigst gestattet. Ueber die schauspielerischen Leistungen des jungen Künstlers, der bisher in seiner Vaterstadt Brünn, in Schwerin, in Meiningen, in Danzig und Straßburg engagirt war, urtheilt die Presse, unter Andern L. Speidel in der „Neuen Freien Presse“ überaus günstig. Für Wohlmuth’s schriftstellerische Laufbahn dürfte sein hier von uns citirtes Erstlingswerk, zu dem Ed. Grützner neun Illustrationen geliefert hat, die besten Hoffnungen erwecken.
    D. Red.