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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1878
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1878) 473.jpg
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[473]
Aufg’setzt.
Eine baierische Bauerngeschichte.
Von Herman von Schmid.
(Fortsetzung)
Nachdruck und Dramatisirung verboten,
Uebersetzungsrecht vorbehalten.


In der einfachen, bequem und freundlich eingerichteten Stube hatte sich indessen zwischen den beiden Mädchen ein Gespräch völlig anderer Art angesponnen. Die gewaltsame, durch den festen Willen nicht schwach zu erscheinen, aufrecht erhaltene Kraft Lina’s hatte gerade bis über die Schwelle gereichte dort spannten sich die erregten Nerven plötzlich ab wie zurückschnellende Saiten, und ohne Gertl’s freundliche Hülfe wäre die zweite Anwandlung von Ohnmacht wohl eine stärkere geworden, als die erste; sie geleitete Lina nach dem unscheinbaren und alterthümlichen, aber bequemen Ruhebett, das damals die Stelle eines Sophas oder Divans vertrat; sie schob ihr ein Bettkissen unter das matte Haupt und befeuchtete ihr Stirn und Schläfe mit dem schon bereit stehenden Wasser. Lina ließ es ruhig geschehen; sie hielt die Augen geschlossen; ein tiefer, lang anhaltender Seufzer entlastete die gepreßte Brust, während Gertl, am Geländer des Ruhebetts übergebeugt, ihr das schöne Haar streichelte und tätschelte, etwa wie man ein leidendes Kind zu beruhigen sucht. Das Fräulein hatte gleich anfangs durch seine Freundlichkeit, sein leidendes Aussehen, sowie durch seine Geschicklichkeit das Mitleid und die Theilnahme des schlichten Mädchens erworben – seit der Begegnung mit dem Maler und deren Folgen hatte sie vollends Gertl’s Herz gewonnen; das einfache unverdorbene Gemüth war verständig genug, den Zusammenhang zu ahnen, der wohl all den fragenden und lärmenden Zuschauern verborgen geblieben war.

„Arme Fräul’n,“ sagte sie leise und zärtlich, „Du thust mir recht leid – ich glaub’ alleweil, jetzt kenn’ ich das Wetter, das das liebe Blüm’l so niedergeregnet hat. Aber sei nur ruhig! Du bist noch jung; da kann Alles noch recht werden.“

Das Mädchen war Lina vor wenig Stunden noch völlig fremd gewesen, aber in ihrer ungesuchten Zutraulichkeit, ihrer natürlichen kinderhaften Güte lag etwas so still Gewinnendes, daß auch die feine Städterin ihr Herz dem unbekannten Bauernkinde zuneigte und zwischen beiden ein unausgesprochenes Verständniß entstanden war. Als daher Gera allmählich neben dem Ruhebett in die Kniee glitt und ihre Tröstungen wiederholte, senkte Lina ihr Haupt wie unwillkürlich auf Gertl’s Schulter und Brust wie an die der ältesten und vertrautesten Freundin, und ein Strom von Thränen fand endlich Luft, das so schwere Herz zu erleichtern.

„Du meinst es gut,“ flüsterte sie, „aber ich habe keine Hoffnung; ich bin zum Unglück geboren.“

„So mußt nit reden, Fräul’n,“ erwiderte Gertl sanft. „So mußt nit reden – das ist ein Aberglaube. Die Leut’ sagen wohl diemal’ so: mir geht nichts hinaus, mir ist es so aufg’setzt, daß ich kein Glück haben soll, aber das ist unrecht und ein gar trauriger Gedanken. Wofür wäre denn nachher unser Herrgott da? Für was thäten wir denn zu ihm beten, wenn uns was aufg’setzt wär’, wenn er’s nit ändern könnte?“

Der Schall von Schritten, welche sich von der Treppe her dem Zimmer näherten, unterbrach das Gespräch und scheuchte Lina rasch von ihrem Lager auf. „Papa kommt,“ flüsterte sie Gertl zu, indem sie ihr herzlich die Hand drückte und sich anschickte, vor dem Spiegel ihr Haar zu ordnen und, so gut es anging, die Spuren der Thränen zu vertilgen. Als der Oberforstrath anpochte, öffnete sie ihm bereits die Thür und trat ihm mit erhelltem Angesicht und freundlichem Lächeln entgegen. – „Beunruhige Dich nicht, Papa!“ sagte sie, ihm beide Hände bietend, „Dein unfolgsames Kind ist wieder ganz wohl und wird in Zukunft gewiß dafür sorgen, daß es den Uebergang von der Hitze zur Kälte besser zu vertragen weiß.“

„Das wünsche und hoffe ich, mein Kind,“ sagte er mit bedeutsamem Ernst; „ich wünsche es um meiner und Deiner eigenen Ruhe willen … Jetzt aber – wenn Du Dich wieder wohl fühlst und der Komödie beiwohnen kannst, so folge mir! Nach der Bewegung im Volke zu schließen, wird der Anfang der Komödie nicht mehr lange auf sich warten lassen.“

Die Klänge heranziehender Musik bestätigten die Vermuthung. „Ist schon so,“ rief Gertl, die an’s Fenster geeilt war. „Jetzt machen die Musikanten ihren Umzug durch’s Dorf, und wenn sie wieder zum Komödienhaus zurück gekommen sind, geht’s an. Da kommt auch schon der Maler-Anderl auf’s Haus zu … wissen S’, das ist der, der das Stück gemacht hat und das Theater malt, den Wald und den Kerker … Der will gewiß die Hirschkuh – da muß ich helfen.“

Lachend eilte sie hinunter auf den Vorplatz, wo bereits der Bühnenkünstler, zu großem Ergötzen Karl’s, im vollen Costüm seiner Rolle erschienen war. Er hatte den Diener oder Leibknappen des Pfalzgrafen zu spielen, einen alten biederen Kauz, der zugleich die Stelle des Kasperl oder Lustigmachers vertrat, der in keinem, auch nicht dem ernsthaftesten Stück fehlen durfte. Dazu paßte er vollkommen mit dem gutmüthigen, immer lachenden rothen Angesicht, den weißen Augenbrauenbüscheln und der plumpen Kupfernase. Das lederne Knappen-Koller und die hohen Stulpstiefeln

[474] und der kurze Sarras am Gürtel schienen nur überflüssige Nebendinge zur Abrundung der ganzen Figur zu sein. Das Volk, namentlich die Jugend, umdrängte und umjubelte den wohlbekannten Alten, der sie aber scheltend zurückwies und dem Wirthe zurief, er solle das Haus schließen; wenn all das Volk mit herein komme, werde die Hirschkuh scheu, und es sei keine Möglichkeit, sie in das Theater hinüber zu bringen. Vergebens versuchte der Wirth den Auftrag zu vollziehen – der Schwall war zu groß; er wollte theils nicht weichen, theils konnte er es nicht, weil er sich selbst hinderten was indessen dem Schelten des Wirthes nicht gelang, sollte das Zureden und Bitten des alten Leibknappen Kaspar zu Stande bringen. „Seid doch gescheid, Leuteln!“ rief er, „und nehmt Eure fünf Sinne zusammen, wenn Ihr sie wirklich habt! Seid gescheid und verderbt Euch selber die Gaudi nicht! Heut wird nach achtzehn Jahr’ zum ersten Male wieder gespielt in Flintsbach; zum ersten Male spielen wir die Genoveva und zum ersten Male mit einer lebendigen Hirschkuh. Es ist gerad’ wie ein Wunder, daß so ein Hallunk von Wilddieb eine Hirschkuh angeschossen hat, daß man sie gefunden und curirt und abgericht’t hat, daß sie’s im Hoftheater zu München droben nicht schöner machen, oder das Thier hat keinen Verstand und schreckt sich, wenn Ihr so druckt und plärrt – nachdem vergißt’s seine ganze Rolle und Ihr könnt Euch eine Hirschkuh malen. Also müßt Ihr den Verstand haben für das Vieh oder Ihr seid selber von seiner Freundschaft.“

Der Trumpf wirkte; lachend wich das Volk; die Thür schloß sich hinter ihm, und die wenigen Anwesenden zogen in den Garten. Hier hatte indessen bereits der Spitz dafür gesorgt, daß Anderl’s Bemühungen dennoch vereitelt waren; aufgeregt durch das Geschrei war er herumgerannt und hatte glücklich den Verschlag und die Hirschkuh in ihm wieder aufgestöbert, die er nun durch Bellen und Aufspringen an den Brettern so sehr beunruhigte, daß sie wie toll hin und wider rannte.

Der Jammer des Alten war unbeschreiblich. „Alle Haar’ könnt’ ich mir ausreißen, wenn ich nur noch ein’ hätt’,“ rief er, „jetzt geht die Komödie doch noch zu Schar’n.[1] Das muß mir aufg’setzt sein, ich glaub’s nit anders. Was fangen wir nun an, damit das Thier wieder ruhig wird? schickt’s um den Förster, der muß ja umgeh’n können damit.“

Inzwischen war das Mittel, nach dem er rief, bereits gefunden: Gertl war behutsam in die Umzäunung eingetreten, hatte eine Handvoll Gras gepflückt und sich lockend dem Thiere genähert. „Komm, Liesel, komm!“ sagte sie, dazwischen mit dem Munde schnalzend. „Ich bin’s – komm, Liesel! Kennst mich denn nicht?“ Das Thier blieb bei dem Rufe zuerst stutzend stehen; dann trippelte es näher, beroch Gertl, nahm das Futter von ihr und leckte ihr wie dankbar zutraulich die Hand.

„Mirakel!“ schrie Anderl ebenso entzückt, wie er vorhin betrübt gewesen war. „So was hab’ ich meiner Lebtag nit geseh’n. Du mußt hexen können, Madel.“

„Weder hexen noch Mirakel wirken,“ lachte Gertl. „Die Liesel kennt mich halt, weil ich ihr ein paar Mal zu fressen gegeben un geschmeichelt hab’. Das kennen und spüren die Thierl’n gar gut, wenn man sie gern hat, und merken sich’s. – Gebt mir jetzt die Halfter her, thut den Hund weg und geht nur voraus! Ich führ’ die Liesel allein am besten hinüber.“

Ohne Widerrede wurde die Weisung befolgt, und der vergnügte Knappe stiefelte Allen voran.

Aber das Maß seiner Leiden war noch nicht voll. Unheil verkündend donnerten ferne Schläge an die geschlossene Hausthür. Verwundert rief der Wirth, seine Schritte beschleunigend, was das wohl zu bedeuten haben möge, Anderl aber beschwichtigte ihn, das könne nur der Müller vom Busch sein, dessen Tochter die Genoveva spiele. Er habe sich schon gewundert, daß sie noch nicht da sei, aber sie und ihr Vater setzten überall etwas darein, zu spät zu kommen, damit fein Alles auf sie warten müsse; ohne Zweifel werde es der Müller sein, der ihm seine und seiner Tochter Ankunft anzeigen wolle.

Der Müller war es auch – aber ohne Nandl.

Seine Anzeige bestand in wenig Worten, daß die Nandl zu Hause im Bette liege, über und über voll rother Flecken, zugedeckt und im Schweiße gebadet – daß sie also nicht kommen und noch weniger die Genoveva spielen könne; der Maler-Anderl solle nur den Leuten sagen, die Komödie werde schon an einem andern Tag sein.

„Weiter nichts!“ stammelte der Alte, der auf dem Gipfel der Verzweiflung angelangt war, wo man entweder in ein Gelächter ausbricht oder in einen Fluch. Er wählte das Erstere, glücklicher Weise erwischte er noch eine Bank, ehe ihm die Kniee brachen, und platzte darauf mit hellem Lachen nieder. „Weiter nichts!“ wiederholte er. „Hinüber geh’n? Absagen? Einen Buckel voll Schläg’ und Schand’ und Spott holen von den Leut? Das kannst selber besorgen, Buschmüller, wenn Du Lust hast – ich nicht! Mit mir ist’s aus, und wenn mir noch wer einen Gefallen thun will, so schickt’s nur den Herrn Pfarrer, daß er mir die letzte Oelung giebt, oder weißt Du, was wir anfangen sollen?“ fuhr er, zu Gertl gewendet, fort, die lächelnd daneben stand und die an sie geschmiegte Hirschkuh streichelte. „Weißt Du einen Ausweg, weil Du so pfiffig dreinschaust?“

„Warum denn nit?“ erwiderte sie ruhig. „Ich mein’, das giebt sich da von selber – ich thät mich halt um eine andere Genoveva umschau’n.“

Der Alte lachte noch stärker, aber das Lachen lautete nun grimmiger als zuvor. „O Du Siebengescheidte,“ rief er, „mit dem guten Rath hättst zu Haus bleiben können. Eine andere Genoveva hernehmen in der Geschwindigkeit! Als wenn die Genoveven nur so auf den Bäumen wachsen thäten, wie die Kirschen. Oder weißt Du Eine? Kannst Du eine aus dem Aermel schütteln?“

„Ja!“

„Und die wär’?“

„Ich selber.“

„Du?“ rief er und wollte wieder in Lachen ausbrechen, es blieb ihm aber im Munde stecken, den ein Blick auf das Mädchen sagte ihm, daß sich hier allerdings die Möglichkeit einer Hülfe ihm darbot; er wunderte sich beinahe, daß ihm der Gedanke nicht selber in den Sinn gekommen.

So entschieden Gertl aufgetreten war, kam sie doch, da sie das Wort ausgesprochen hatte, in Verlegenheit und erröthete. „Wundert Dich das, Maler-Anderl?“ sagte sie, wie um sich zu entschuldigen. „Ich bin ja bei allen den Proben dabei gewesen; ich hab’ Alles so und so oft mit angehört und kann die Genoveva und das ganze Stück auswendig; ich hab’ geseh’n, wie Alles gemacht wird – warum sollt’ ich die Genovevo nicht auch zuweg’ bringen?“

„Warum?“ rief der Maler mit strahlendem Gesicht. „Warum solltest Du die Genoveva nicht zuweg’ bringen? Und ich sag’, Du mußt sie zuweg’ bringen, und ich könnt mir selber eine Ohrfeigen geben, daß es mir nicht gleich eingefallen ist, daß ich mich wegen der geschmerzten Müller-Nandl nur einen Augenblick geängstigt hab’. Vorwärts mit Dir, hinüber in die Komödi und hinein in’s Genoveva-G’wand, und wenn’s gut hinausgeht, Madel, im Feuer laß ich Dich vergolden!“

Der Zug setzte sich in Bewegung und schritt bei der Schwelle an Waldner und seiner Familie vorüber. Gertl lächelte Lina an und rief ihr halblaut zu: „Siehst, Fräul’n, daß es nichts ist mit dem Aufg’setzt sein? Ich hab’ doch fest geglaubt, ich muß die Ritterin spielen, und jetzt bin ich auf einmal die Genoveva worden. Alles kann noch recht werden. Wenn ich nur keine Dalkerei mach’! Halt mir ja den Daumen fest!“


2.

Die schmetternden Töne der Musik, die ihre Umzug vollendete, kamen dem Schauplatze näher. Wie Wind über Wasser, ging eine starke Bewegung über die Menschenmenge, die in dem Gebäude so eng zusammengedrängt war, daß das Sprüchwort zur buchstäblichen Wahrheit geworden: es hätte kein Apfel vermocht, auf den Boden zu gelangen. Die Glücklichen, welche noch Platz auf den Sitzbänken des ansteigenden Zuschauerraumes gefunden hatten, waren noch am besten daran; sie waren gewissermaßen wie in einem Hafen der Ruhe gelandet, aber die daneben an der Seite zum Stehen Verurtheilten wogten durch einander, wieder wie Wasser, das, überall anprallend und brausend, nicht zur Ruhe zu kommen vermag. Vollends auf der ringsherum laufenden Empore war das Gewühl um so bedenklicher, als der dürftige Schein der überall aufgesteckten Kerzen bis dahin nicht [475] zu dringen vermochte und daher Balken und Bretter und Menschenköpfe und Menschenarme in ungeheuerlichem Dunkel begrub, aus welchem nicht selten der schmerzliche Aufschrei eines Vordermannes ertönte, dem die Last seines sich auf ihn lehnenden Hintermannes zu schwer zu werden begann. Schon drohte das Gesumme und Gedränge über dieses Ufer zu branden, als an der Seite des Eingangs der Thürvorhang emporflog, der prachtvolle Sonnentag von draußen in die Nacht hineinwehte und den früheren Lärm in dem Gemurmel untergehen machte: „Jetzt kommen sie; jetzt geht das G’spiel an.“

Und das G’spiel ging an.

Die Musikanten nahmen ihre Plätze vor der Bühne ein und zündeten die Kerzen an; der Vorhang, auf welchem Anker, Kreuz und darüber ein brennendes Herz, als Sinnbilder von Glaube, Liebe und Hoffnung, mit einem Strahlenkranze umgeben gemalt waren, fing an, sich geheimnißvoll zu bewegen. Nach kurzer Einleitungsmusik, die sich wie ein Kirchenlied anhörte, ging er in die Höhe, und mitten unter Wolken erschien eine Art Genius, welcher bei solchen Anlässen nie fehlen darf und der „Schutzengel“ genannt wird. Mit mächtigen Flügeln an den Schultern, einem goldenen Diadem um die Stirn und einem Palmenzweig in der Hand schritt er feierlich auf dem Vordergrunde der Bühne hin und wieder, um nach einer etwas einförmige Einleitung den Inhalt des Stückes abzusingen, dann aber in den Wolken und mit denselben zu verschwinden und den Schauplatz dem Pfalzgrafen Siegfried und seiner Genoveva zu überlassen. In vertrauter Häuslichkeit saß das Paar beim Abendimbiß zusammen, einen Zweigesang über das Glück seiner Liebe anstimmend. Aber nur zu bald erschien als Störenfried der alte Knappe Kaspar, bei dessen bloßem Anblick die ganze Zuhörerschaft in schallendes Gelächter ausbrach, sodaß er nur mit Mühe und Noth, unter allerlei lustigen Geberden und Wortverdrehungen sich des Auftrags entledigen konnte, es sei Botschaft gekommen, der Pfalzgraf müsse sofort aufbrechen und in den Krieg ziehen zu den Türken nach dem Mohrenlande. Wieder ging eine starke Bewegung durch die Zuschauer; bei den schmerzlichen Abschiedsworten Genovevas begannen schon Thränen zu fließen, während die derben Späße des Kasperl dazwischen hinein wieder laute Heiterkeit hervorriefen. Wie sollten die einfachen Gemüther nicht lachen, wenn ihn der Pfalzgraf fragte, ob er mit wolle in den Krieg, und er darauf erwiderte, er wolle lieber bei dem Kruge bleiben, und wenn vollends auf die Anfrage, ob es ihn denn nicht auch gelüste, tapfer auf die Türken einzuhauen, der zwerchfellerschütternde Bescheid folgte: zum Einhauen sei er allerdings bereit, aber nur in die Schüssel. Als dann der biedere Drako mit dem bösen Golo erschien, und dem sich bückenden und schmiegenden Heuchler die Obhut der Burg übertragen ward, begann unter den Zuschauern zur Rührung sich schon der Schrecken zu gesellen, den auf der Stirn und dem Angesicht desselben war deutlich zu lesen, daß mit ihm das Unheil heranziehe wie ein Gewitter am fernen Horizont.

Wie zuvor der Sturm, lagerte jetzt athemlose Stille über der Versammlung, und angehaltenen Odems lauschte dieselbe zum zweiten Male dem Schutzengel, der den Inhalt des nächsten Abschnittes vorhersang. Nur hier und da stieß einer seinen Nachbar mit dem Ellenbogen und flüsterte ihm nickend zu, wie der Genoveva das Gewand als Pfalzgräfin so schön angestanden, wie sie ihre Sache so wunderbar schön gemacht habe, als wenn sie immer beim Spielen gewesen wäre. Es war auch in der That nicht, als wenn sie Komödie spielte, sondern als wenn es ihr wirklich so um’s Herz wäre, wie sie sagte und sich anstellte.

Besonders trat dies hervor, als die Scene kam, wo der verräterische Golo sie mit seinen schändlichen Liebesanträgen bestürmte. Gori, der Darsteller desselben, zeigte sich ganz so, wie der Grenzer in seiner Erzählung ihn bezeichnet hatte. Gewandt in Bewegung und Rede, wie von einem Bauernburschen nicht zu erwarten war, sah er mit seinem rothen Bart und Haar wohl wild und unheimlich aus, aber durchaus nicht unschön, und er wußte seine starke Stimme zu so einschmeichelnden Klängen zu mildern, daß die schnöden Worte, die er zu sagen hatte, wirklich etwas Verführerisches bekamen. Noch natürlicher aber stellte Gertl den Abscheu vor den glatten Worten Golo’s dar und wies seine Versuche, sich ihr zu nähern, so natürlich und wahr zurück, daß auch Gori davon wirklich betroffen und verwirrt wurde und das Ganze sich nicht wie ein Spiel ansah, sondern wie wirkliches Erlebniß. Als er, seiner Rolle gemäß, ihr den Arm um den Leib schlingen wollte, versetzte sie ihm den vorgeschriebenen Schlag in’s Gesicht mit solcher Kraft und zugleich mit solcher Würde, daß er nicht scheinbar, sondern wirklich zurücktaumelte, und als sie dann Drako gerufen und ihm den Befehl ertheilt hatte, Golo nie wieder vor ihr Angesicht zu lassen, blieb er in einer Aufregung zurück, welche die daran geknüpften Gedanken und Pläne seiner Rache als eine ganz natürliche Folge erscheinen ließ.

Genoveva war hinter die Coulissen geeilt, um in einem kleinen dort angebrachten Verschlage den Anzug der Pfalzgräfin mit dem weißen Gewande zu vertauschen, mit welchem sie dann im Kerker zu erscheinen hatte – auch wollte sie die rührende Klage und das Gebet noch einmal überlesen, das sie in einer der folgenden Scenen zu sagen hatte. Das Urtheil, das die Landleute im Zuschauerraume über ihre Schönheit geäußert, war wohlbegründet.

Das jetzige weiße, weite Gewand aber ließ sie noch reizender erscheinen. Ihre Gestalt wurde durch die wallende Falte und den umschließenden Gürtel noch mehr in ihrer schönen Regelmäßigkeit gehoben und der volle Nacken, über den jetzt das gelöste blonde Haar reich herunterwallte, machte es wohl erklärlich, weshalb Gori ihr gefolgt war und sie mit lüsternen Blicke betrachtete, als sie aus dem Dunkel ihres Ankleidegemachs in’s Helle getreten war, um ihre Rolle besser lesen zu können.

„Aber Du kannst Dich schiech anstellen, Madel,“ sagte er, „indem er unvermuthet hinter sie trat und wieder ihr den Arm um die Hüfte zu legen versuchte. Man könnt’ wahrhaftig glauben, es wär’ Dein Ernst. Ich muß Dir schon sagen –“

Er konnte seine Rede nicht vollenden, denn wie zuvor taumelte er, von einem noch stärkeren Stoße getroffen, zurück, daß er beinahe zwischen die Coulissen auf die Bühne hinausfiel.

„Was fällt Dir ein, Du Wildling?“ rief sie. „Wie kannst Dich unterstehen und mich anrühren?“

„Oho!“ entgegnete Gori, „Du bist doch nicht wirklich eine Heilige, daß man Dich nicht einmal anrühren darf? Wir steh’n jetzt nicht draußen vor den Leuten, wo Du so hast thun müssen; jetzt sieht uns ja Niemand. Du glaubst nicht, wie schön Du bist, viel schöner als in dem vorigen fürstlichen G’wand! Dein Hals ist g’rad’ zum Hineinbeißen.“

Er erneuerte den Versuch einer Annäherung, aber eine abwehrende Bewegung Gertl’s ließ ihn nicht in Zweifel, welches Schicksal er zu erwarten hätte, wenn er auf dem Vorsatze beharrte.

„Komm’ mir nicht zu nah!“ rief sie. „Was willst von mir, Du ausgeschämter Mensch?“

„Was ich will? Dumm’s Ding!“ war Gori’s freche Antwort. „Was werd’ ich wollen? Verschossen bin ich in Dich; wie man nur in ein Madel verschossen sein kann – ich mein’, ich hätt’s Dir wohl gezeigt, so oft wir uns begegnet sind. Hast es nicht gemerkt?“

„Ich hab’ kein Merk auf Dich,“ war des Mädchens ruhige Antwort. „Ich hab’ nichts mit Dir zu schaffen.“

„Ach was! Du bist und bleibst halt ein gespreiztes Ding,“ lachte Gori. „Aber was braucht’s da viel Umschneiden? Ich sag Dir’s jetzt g’rad heraus: ich hab’ Dich gern und möcht’ Dich zum Schatz; Du brauchst einen Mann, also steh’n wir alle zwei in denselben Schuhen. Wie lang willst Du Dich mit Deiner Mutter noch fortfretten in Eurer Hütten? Sag’ Ja, dann heirathen wir einander vom Fleck weg. Wir werden schon gut hausen, und bei allen Zweien wird die Notherei ein End’ haben.“

Näher tretend, faßte er ihre herabhängenden Hände; Gertl aber riß sie mit einem Abscheu los wie bei der unvermutheten Berührung einer Natter.

„Ich Dich heirathen?“ sagte sie mit einem Erröthen des Unwillens. „Ich weiß mich keiner solchen Todsünd’ schuldig, daß ich eine solche Strafe verdient hätte.“

„Mach’s nit gar so kräftig!“ lachte der Bursche höhnend und gereizt hinwieder. „Man möchte glauben, Du hättest es mit dem bösen Feind zu thun. Und ich sag’ Dir’s noch ’mal, Du mußt Ja sagen; ich laß Dich nicht aus; ich hab’ mir’s einmal in den Kopf gesetzt, und bild’ Dir nur nichts ein, daß ich Dich etwa gar einem Andern laß’!“

Gertl, anfangs von dem unerwarteten Gespräche befangen, [476] hatte rasch ihren früheren Gleichmuth wieder gefunden. „Strapazir’ Dich nicht,“ sagte sie, „und laß mich in Ruh’! Ich sag’ Dir’s noch ’mal: ich hab’ mir’s dagegen in den Kopf gesetzt, daß ich Dich nicht haben will.“

„Und warum?“ fragte er, mit den Zähnen knirschend. „Was hast gegen mich? Bin ich Dir zu schiech oder zu schlecht?“

„Was ich gegen Dich hab’?“ sagte Gertl bedächtig. „Nichts, als daß ich Dir Deine Lieb’ nicht glaub’. Denkst Du nimmer an die arme Kathel, Deinen Schatz, der so elend hat zu Grund’ gehen müssen, zu der Du auch so gesagt und g’rad so gethan hast, wie jetzt zu mir? Sie ist noch kaum verfault drunten im Freithof, und Du bist jetzt schon so hitzig in eine Andere verschossen? Wenn Du sie so geschwind vergessen kannst – ich kann’s nicht. Sie ist ein gutes Madel gewesen und hat den einzigen Fehler g’habt, daß sie sich an Dich gehängt … Sonst ist’s der Brauch, wenn von einem Paar Eins stirbt, daß das Andere wenigstens das Pfnotjahr (Trauerjahr) aushält, und ich denk’, es wird am besten sein, Du machst es auch so.“

„Das sind lauter Narretheien!“ erwiderte Gori, ohne daß es ihm jedoch gelang, völlig die Befangenheit zu verbergen, mit welcher die Erinnerung an die frühere Geliebte ihn sichtbar ergriffen hatte. „Das sind Ausreden, mit denen Du keine Katz’ hinter dem Ofen hervorlockst. Was todt ist, ist todt – ich hab’ nichts mehr zu schaffen damit. Du aber bist lebendig; Du bist schön, tausend Mal schöner als die Kathel; Dich muß ich haben. Du mußt mein gehören.“

Ein heller Klingelton bezeichnete den Anfang des nächsten Actes. Gertl wendete sich zur Bühne. „Und ich sag Dir’s zum letzten Mal,“ rief sie, „das geschieht nie.“

„Weißt’s ganz gewiß?“ höhnte sie Gori.

Sie aber trat ihm ein paar Schritte näher und flüsterte ihm in’s Ohr: „Ja, das weiß ich gewiß, weil ich jedenfalls zuvor freiwillig in den Inn springen thät.“

Sie enteilte. Gori blieb betroffen zurück, als ob er einen plötzlichen Schlag vor die Stirn erhalten hätte. „Freiwillig?“ knurrte er in sich hinein, „was will sie damit sagen? Sollte sie etwas wissen? – Dummheit!“ ermunterte er sich dann selbst im nächsten Augenblick, sie weiß nichts; „sie kann ja nichts wissen,“ und laut lachend folgte er dem Einsager, der ihn auf die Scene rief.

(Fortsetzung folgt.)




Federzeichnung vom Congreß.[2]

Paris hat seine Ausstellung von Rohproducten, von Kunst- und Industriegegenständen, Berlin seine Ausstellung von europäischen Staatsmännern. Dort ist das dem Mars, das heißt den Uebungen des Krieges gewidmete Feld zum Terrain des Friedens geworden. Wird hier, auf dem friedlichen Terrain in der Wilhelmsstraße der blutige Krieg da unten im Südosten Europas sich erneuern? Das ist die Frage, mit welcher Deutschland, Europa, ja die Welt auf jene beiden Genien blicken, welche im Giebelfelde des neuen Reichskanzlergebäudes über dem Wappen des deutschen Reiches die Palmen des Friedens halten. Hoch über ihnen flattert die deutsche Fahne, das schwarz eingefaßte Kreuz mit weißem Grunde, in seiner Mitte der schwarze preußische Adler auf rundem Schilde, in der Ecke links oben am Flaggenstab drei Streifen: oben schwarz, dann weiß und roth, und auf allen drei Streifen ein kleines eisernes Kreuz. Das ist die deutsche Staatsflagge. Der Ostwind hebt sie in die Lüfte, und was die Gedanken der hier unter diesem Banner versammelten Männer bewegt, kam auch aus Osten – die orientalische Frage.

Noch ehe auf unsern Kaiser Wilhelm die Mordwaffe des ersten Attentats gezückt war, hatte er seinen Thronerben, den Kronprinzen, nach England geschickt; dort sollte dieser im Interesse des Friedens bei der Königin, seiner Schwiegermutter, und deren leitendem Minister thätig sein. Dann empfing der Kaiser in Berlin die Abgesandten, die Kaiser Alexander zu wiederholten Malen nach Berlin geschickt hatte, und vermittelte durch sie nach St. Petersburg hin bei seinem Neffen im nämlichen Sinne, wie er in England vermitteln ließ. Gleichzeitig suchte er Oesterreich von unbedachten Schritten zurückzuhalten. Sein Kanzler, als politischer Pfadfinder so oft und so glänzend bewährt, stand ihm bei diesem Friedenswerke hülfreich und fördernd zur Seite. Und so nahmen denn sämmtliche europäische Mächte den Vorschlag des deutschen Kaisers, sich in Berlin am 13. Juni 1878 zu einem Congresse zu versammeln, um hier die schwebenden Fragen zu discutiren und ihre Streitigkeiten zu begleichen, dankbar und einstimmig an. Als die Bevollmächtigten der großen europäischen Cabinete in Berlin eintrafen, konnte sie der Kaiser nicht empfangen, konnte nicht durch die milde Macht seiner Persönlichkeit das Werk fördern, das er mit so hohem innerem Eifer begonnen. Die Unthat eines Ruchlosen hatte die Hand gelähmt, welche für Europa zu diesem Friedenswerke so dringend nöthig war!

Die Gartenlaube (1878) b 476.jpg

Fürst Bismarck inspicirt den Congreßsaal.
Originalzeichnung von H. Lüders.

Von seinem Krankenlager aus sah er seine Gala-Equipagen vorüberfahren, welche die Bevollmächtigten zu Hofe brachten, wo der Kronprinz sie als sein Stellvertreter empfing. In feierlichem Schritte, als wollten sie die Gewichtigkeit ihrer Insassen andeuten, fuhren die dunkelbraunen, reich mit Silber verzierten, im Innern mit weißer Seide ausgeschlagenen Gala-Equipagen in den Hof des königlichen Schlosses ein. Hoch vom dunkelroth-sammtnen, mit dem massiv-silbernen preußischen Wappen, mit Quasten und Schnüren geschmückten Sitze lenkte der Hofkutscher in seiner dunkeln, über und über mit silbernen Wappengalons bedeckten Livrée die edlen Braunen, deren Mähnen mit rothseidenen Schnüren eingeflochten waren, und deren Geschirre vom hellsten Silberglanze den Schein der Junisonne widerspiegelten. Auf dem Trittbrette standen zwei Lakaien in der großen Livrée und rosaseidenen Strümpfen, auf dem Kopfe jene schwarzsammtne, den Jockeymützen ähnliche Kopfbedeckung tragend, das Zeichen der höchsten Gala.

Der Erste, der in dieser Weise auffuhr, war der Bevollmächtigte der französischen Republik, der Minister der auswärtigen Angelegenheiten William Henry Waddington. Auf dem Rücksitze saß der Vice-Oberceremonienmeister von Roeder,

[477] dessen Amt es ist, die Gesandten bei Hofe einzuführen. Wenn nicht Fürst Bismarck, in seiner Beantwortung der Interpellation im Reichstage über seine auswärtige Politik, die Eigenschaft eines ehrlichen Maklers sich selbst zugeeignet hätte, so hätte man sie wohl diesem französischen Sohne eines englischen Vaters zutheilen können. Einem Manne mit diesem frischen Gesichte und so hellen Augen voll offenen Ausdruckes, mit dem graublonden Cotelettenbarte begegnet man zu jeder Stunde in der City von London oder auf dem Jungfernstieg in Hamburg. Wenn der Mann nicht die breiten Stufen in dem monumentalen Baue der Wendeltreppe des Berliner Kaiserschlosses hinaufstiege, wenn er nicht über der dunkeln, goldgestickten Uniform das breite amarantrothe, gewässerte Band des belgischen Leopoldordens trüge, würde man den Ort seiner Thätigkeit eher in einem Kaufmannscomptoir als im Ministerhôtel am Quai d’Orsay in Paris suchen. Plaudernd und ab und zu einen Blick nach der vornehmen Pracht der großen Treppe werfend, ging der Minister des großen Nachbarstaates die Stufen hinan, bis zur zweiten Etage des Schlosses, wo die Empfangsgemächer und Festräume liegen.

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St. Vallier und Waddington vor dem französischem Botschaftshôtel.
Originalzeichnung von H. Lüders.

Man kann wohl, ohne paradox zu erscheinen, eine Charakteristik der Menschen nach der Art und Weise geben, wie sie die Treppen hinansteigen – in solchem Augenblicke namentlich. Wie ganz anders geschah das von dem Träger der englischen Politik ! Der alte Benjamin Earl Beaconsfield erschien hier wie ein Schauspieler auf der Scene; man sah es diesem feierlich-bedächtigen Gange der hagern Mittelgestalt an, daß er das beabsichtigte, was man „eine Miene aufsetzen“ nennt. An gewissen Bewegungen ließ der englische Premier erkennen, daß seine Art der Bewegung eine andere ist, wenn er den weiten Paletot und die zimmtbraunen Beinkleider trägt, als hier, wo er in der dunkeln, übrigens sehr bescheiden mit Gold geflickten englischen Ministeruniform erschien. Er machte vor allen übrigen Bevollmächtigten eine Ausnahme dadurch, daß er kein Ordensband trug; auch sein englischer College nicht, der Minister der auswärtigen Angelegenheiten Marquis von Salisbury. Er ging hinter dem Premier wie ein Famulus hinter seinem Meister. Salisbury mag ungefähr dreiundvierzig Jahre alt sein; sein ganzes Aussehen hat etwas Akademisches, und wäre er unser Landsmann, so würden wir hinzufügen: etwas Doctrinär-Nationalliberales. Eine zähe Energie drückt sich in dem Gesichte des Premiers aus, dieselbe, die Shylock auf seinen Schein bestehen läßt, und dieser Schein

Die Gartenlaube (1878) b 477 2.jpg

Auf dem Gartenbalcon des Reichskanzlerpalais: Beaconsfield, Gortschakoff, Bismarck, Andrassy.
Originalzeichnung von H. Lüders.

[478] ist die Politik Englands, der hier auf dem Congresse Geltung verschafft werden sollte. Man hätte denken sollen, der Romanschriftsteller Disraeli würde hier in dem Schlosse des preußischen Königshauses von so Manchem interessirt, was ihm neu und eigenthümlich erscheinen möchte. Aber der Mann vertrat hier die Politik des Inselreiches und hatte sich, wie man aus Allem sah, vorgenommen, nicht rechts noch links zu sehen, sondern nur auf sein Ziel loszusteuern. Man fühlte aus Allem heraus, daß er den Eintritt in dieses Schloß wie ein Recht betrachtete. Sein Nachfolger dagegen, der italienische Minister des Auswärtigen, Graf Corti, schien die Ermächtigung, den Fuß auf das Parquet des Schlosses zu Berlin zu setzen, wie eine Gunst – eine Artigkeit anzusehen, die man ihm erwies. Der kleine Mann mit der etwas plattgedrückten Nase und den zwei großen Bändern um die Schultern konnte eine gewisse Verlegenheit über den feierlichen Apparat, mit dem er hier empfangen wurde, nicht verbergen. Er deutete in seinem ganzen Behaben die zweite Rolle an, die er auf dem Congresse spielen würde, wie man Disraeli die erste anmerkte.

Voll erregten Interesses dagegen an Allem, was sich hier in der Erscheinung des Schlosses ihm darbot, betrat Graf Andrassy den stolzen Königsbau. Er sprang wie ein Bräutigam, der zur Trauung fährt, aus dem Wagen. Seine Miene war heiter belebt, und das Selbstbewußtsein des österreichisch-ungarischen dirigirenden Ministers verewigte sich mit der nationalen graziösen Lebendigkeit. Er war die glänzendste Erscheinung von Allen, die da vorhin in die Gemächer eingetreten waren. Zu dem gebräunten, vom schwarzen Bart umsäumten Gesichte stand vortrefflich die rothe und goldene Husarenuniform, der weiße mit goldenen Schnüre besetzte Dolman und unter diesem das orangene Band des schwarzen Adlerordens über dem rothen Attila. So erschien er als ein Repräsentant der zur Action auf eigene Faust drängenden Politik, zu der seine Landsleute ihn fortreißen wollten, während der neben ihm erschienene zweite Bevollmächtigte, Baron Haymerle, in seiner unscheinbaren, fast farblosen Persönlichkeit, in seinem leisen, vorsichtigen Auftreten der Ausdruck der Haltung war, welche Oesterreich-Ungarn, in die Mitte zwischen England und Rußland gestellt, vorwärts gedrängt durch die Nothwendigkeit eigener Bestimmung und durch die deutsche Politik in Zügel gehalten, den an seinen Grenze tobenden Kämpfen gegenüber in der Wirklichkeit eingenommen hat.

Wer den Nestor der europäischen Politik noch vor mehreren Jahre in Waidbad und Baden-Baden sah, der mußte an diesem Juninachmittage den Fürsten Alexander Michaelowitsch Gortschakoff sehr verändert finden. Wie frisch war da noch sein Aussehen, wie elastisch waren seine Bewegungen, wie heiter glänzten diese kleinen dunklen Augen unter der goldene Brille hervor, wenn sie einen Ruhepunkt in einer schönen Frauengestalt gefunden hatten, wenn ihm zarte jugendliche Lippen Complimente über sein Aussehen machten! Und nun saß er, ein müder, kranker Mann, wie zusammengekauert in der Ecke des Wagens, und trüb und glanzlos starrten die Augen hinaus über den leeren Schloßplatz. Aus seiner Wohnung in St. Petersburg, aus jenem gewaltigen Gebäude der Reichskanzlei, dem Winterpalais gegenüber, hatte man ihn krank in den Eisenbahnwaggon gebracht und krank kam er in Berlin an, um hier die Sache Rußlands und seines Kaisers zu führen, an welcher er vom Beginn an geistig keinen Theil hatte und auch wenig Freude. Für die Ersteigung der Stufe reichte seine Kraft nicht aus. Der Wagen fuhr an der Stelle vor, wo ein Aufzug in die zweite Etage des Schlosses geht, und dieser übernahm die Weiterbeförderung. Um so flinker war Gortschakoff’s junger College und Adlatus, vielleicht auch später sein Nachfolger, Graf Andreas Schuwalow. Er nahm zwei Stufen auf einmal, um dem Fürsten nachzukommen. Obwohl bereits in der Mitte der Fünfziger stehend, hat sich der Generaladjutant und Botschafter in London, der persönliche Freund seines Souverains, in den Bewegungen seiner eleganten Gestalt die Elasticität der Jugend erhalten. Die kleidsame Uniform der russischen Generaladjutanten, die er trug, der kurze, dunkelgrüne Waffenrock mit den Auszeichnungen in Gold, darüber das gelbe, weißgeränderte Band des rothen Adlerordens, hob die Frische jener zweiten Jugend, die sich der früher so mächtige Chef der bekannten „dritten Abtheilung“ der Sicherheitspolizei des ganzen russischen Reiches trotz seines grauen Haares und grauen Schnurrbartes erhalten hat. Die vorhergegangenen Bevollmächtigten waren mehr ober minder Fremdlinge in dem Königshause: Graf Schuwalow erschien hier, als ob er zu Hause wäre. Er kam wie ein alter Hausfreud, der eines freundlichen Empfanges gewiß ist, und den Russen ward auch der längste Empfang zu Theil.

Die türkischen Bevollmächtigten kamen erst zwei Tage später, „durch widrige Winde verschlagen“. Karatheodory Bey, einer griechische Familie aus dem Phanar entstammend, welcher der Leib der Sultane zum Curire anvertraut war, und der Magdeburger Mehemed Ali Pascha gaben in ihrem Aeußeren gerade nicht das Bild von Persönlichkeiten ab, denen das Unglück ihres Vaterlandes am Herzen genagt hatte. Sie zeigten sich darin als echte Orientalen, die das Geschick in seiner ganzen Unerbittlichkeit mit fatalistischer Ruhe hinnahmen. „Die Türken sind darum die vornehmsten Leute,“ pflegte der alte Graf Prokesch zu sagen, und die Wahrheit des Gesagten erwies sich auch in dem Behaben dieser Abgesandten.

Oben an der Treppe wurden die Vertreter der Großmächte vom Grafen Perponcher, als dem Marschall des Palastes, empfangen, weiter vom Ober-Haus- und Hofmarschall, Grafen Pückler. Im Vorzimmer standen die General- und Flügeladjutanten, der Adjutant des Kronprinzen, und dann führte Graf Stillfried, in seiner Eigenschaft als Einführer der Botschafter, die Bevollmächagten in einen Saal, der im alten Theile des Schlosses liegt und mit rothsammtnen goldgestickten alten Turiner Tapete bekleidet ist. Hier stand der Kronprinz in Stellvertretung seines kaiserlichen Vaters und nahm die Anrede der Bevollmächtigten in französischer Sprache entgegen, die auch während der Debatten des Congresses gebraucht wird. Es war gewissermaßen, trotz der entfalteten Pracht, ein Privatempfang, und darum war auch Fürst Bismarck, wie das sonst dem Minister der Auswärtigen Angelegenheiten zukam, nicht zugegen.

Der große Empfang sämmtlicher Bevollmächtigter mit dem ganzen Generalstabe, den sie mitgebracht hatte, erfolgte erst am anderen Tage im Rittersaale des königlichen Schlosses vor dem Galadiner, welches ihnen zu Ehre der Kaiser gab. Hier war der Fürst-Reichskanzler an seinem Platze. Man mußte sich aus dieser Hünengestalt, die zwar die bekannte Kürassieruniform trug, aber an Leibesumfang bedeutend zugenommen hatte, auf diesem mit einem schneeweißen Vollbart umrahmten Gesichte die historische Bismarck-Erscheinung erst heraussuchen, so sehr hatte sich das Aeußere des Fürsten verändert. Jede Spur von Krankheit aber war verschwunden; der Fürst schien an körperlicher Frische zugenommen zu haben und zeigte im Verkehr mit den ministerpräsidentlichen Collegen seine ganze Liebenswürdigkeit; er hatte an diesem Tage, wie die Franzosen sagen, la bouche d’or. Man hatte bei dieser Gelegenheit allen Glanz des Hofes herausgekehrt. Am Fuße der Wendeltreppe stand eine Ehrencompagnie; die Garde du Corps und die Krongarde gaben in den Sälen die Wache; das große neue Silberzeug des königlichen Hauses war aufgestellt; die Nationalfarben der verschiedenen Großmächte waren durch natürliche Blumen in großen silbernen Schalen hergestellt. Aber es wollte in der ganzen großen Gesellschaft, die da unter den Krystallkronleuchtern des Weißen Saales in goldgestickten Uniformen und Ordenssternen saß, keine rechte festliche Stimmung Platz greifen. Der Gedanke an den Kaiser war in allen Gemüthern lebendig. Man hatte ihn an der Seite der Kaiserin so oft in diesem Saale sitzen sehen im ganzen Glanze seiner Würde, in der Weihe seines begnadigten Greisenalters. Der Platz, den er sonst einzunehmen pflegte, war durch sein lebensgroßes Bild ausgefüllt, aber auch ohne dieses wäre er Allen im Geiste gegenwärtig gewesen, und Jeder empfand einen Theil der Schmerzen, die er in seinem einsamen Krankenzimmer litt – der Kronprinz und die Kronprinzessin voran. Die Großherzogin von Baden zeigte unverkennbar, daß sie lieber zu Hause geblieben wäre. Den Kindern schwebte gegenüber diesem Kaiserbilde die gebrochene Kaisergestalt vor, die sie noch vor einer Stunde gesehen hatten, und als vom Orchester die Töne der Musik erklangen, sah man es der Tochter an, wie dieselben den Schmerz der Seele lösten und wie ihre Augen sich mit Thränen füllten.

Eine Macht war noch in diesem Saale vertreten, von der [479] bisher nicht die Rede gewesen, und die auch keine officielle Einladung zum Congresse erhalten hatte. Ich meine nicht Griechenland in seinem Ministerpräsidenten, nicht die Minister Rumäniens, Serbiens und Montenegros, die das Schauspiel von Leuten abgeben, welche vor einer geschlossenen Thür stehen und durch das Schlüsselloch um Einlaß rufen. Nein – die Großmacht, von der ich spreche, tritt stolzer und bewußter auf. Es waren Abgesandte der öffentlichen Meinung Europas, die Vertreter der europäischen Presse. Was wären die Diplomaten unserer Tage, was die Politik ohne die Oeffentlichkeit! Es war aus allen Richtungen der Windrose die leicht mit Feder oder Crayon gewappnete Schaar gekommen, die mit jenen heiligen vierundzwanzig Zeichen des Alphabets wie Puck einen Zauberkreis um den ganzen Erdkreis zieht und unseren Antipoden auf der anderen Hemisphäre verkündet, was zwölf Stunden vorher, während sie in süßem Schlaf begraben waren, Bismarck oder Beaconsfield, Gortschakoff oder Andrassy in der Wilhelmsstraße gesprochen, vorgeschlagen, discutirt haben über die schwebenden Fragen – Alles bis auf das, was die Regierer Europas am Büffet genossen haben. Das Büffet darf in unserer Zeit bei einer derartigen Verhandlung nie fehlen. Alle Details, bis auf die Prisen, die Einer aus der Dose des Anderen genommen hat, und wie oft sie geniest haben – das Publicum will das Alles wissen, wie das Große so das Kleine; es will den Wein wie das Gefäß kennen. Vom Hofe kam man diesen nicht-officiellen Vertretern in der ehrendsten Weise entgegen. Ein Hofbeamter in Uniform führte die Herren in höherem Auftrag die große Wendeltreppe hinan, durch sämmtliche Festsäle des Schlosses, und geleitete sie auf ihre Plätze, von denen sie die volle Uebersicht über die Festlichkeit des Hofes hatten und über manchen Collegen, der durch die schwarze Kunst des Schreibens und Druckens da unten auf die vornehmen Plätze gerückt war.

Da ist in der Wilhelmstraße, dicht neben dem Hause, in dem der Fürst-Reichskanzler bisher gewohnt hatte, und gegenüber dem alten Johanniterhause, jetzigem Palais des Prinzen Karl, ein großes, vornehmes Gebäude gelegen, mit einem zurückliegenden, zwei Etagen hohen Mittelbau. Von diesem springen zwei einstöckige Seitenflügel auf, die einen Vorhof bilden, der nach der Straße zu durch ein eisernes Gitter abgeschlossen ist. Es ist ein Palais, wie man deren im vorigen Jahrhundert baute, im Raum sich breit auslegend, prunklos und darum so aristokratisch. Von der anderen Seite stößt an dieses Haus ein prächtiger Park mit Jahrhunderte alten Bäumen, wie man ihn mitten in Berlin nimmer suchen würde. Fast ein Säculum lang war dieses Haus im Besitz der fürstlichen Familie von Radziwill. Bis zum Tode der beiden Brüder Boguslaw und Wilhelm wohnten deren beide, zahlreiche Familien einträchtig beisammen und führten gemeinsame Wirthschaft, bis das Haus vor wenigen Jahren um den Preis von sechs Millionen Mark in den Besitz des deutschen Reiches überging, um zur Wohnung des Reichskanzlers eingerichtet zu werden. In der Mitte des Corps de logis markirt sich ein pavillonartiger Ausbau, drei hohe Fenster zwischen vier Pilastern, die von einem Giebelfelde mit dem Wappen des deutschen Reiches gekrönt werden.

Das ist der Saal, in welchem das deutsche Reich den europäischen Staaten Hausrecht angeboten und eingeräumt hat. Hier finden die Sitzungen an einem in Hufeisenform aufgestellten Tische statt. Die Mitte desselben nimmt der Fürst-Reichskanzler als Vorsitzender des Congresses ein, an ihn reihen sich rechts und links die Bevollmächtigten der europäischen Großmächte, die Türkei mit eingeschlossen.

Zu den schon genannten Bevollmächtigten kommen für das deutsche Reich der deutsche Botschafter in Paris Fürst von Hohenlohe-Schillingsfürst und der Staatsminister von Bülow, für Oesterreich – die Staaten folgen nach dem französischen Alphabet – der österreichisch-ungarische Botschafter in Berlin Graf von Carolyi, für Frankreich der französische Botschafter in Berlin Graf St. Vallier, für Großbritannien der englische Botschafter in Berlin Lord Odo Russell, für Italien der italienische Botschafter in Berlin Graf Launey, für Rußland der russische Botschafter in Berlin Graf von Oubril, für die Türkei der türkische Botschafter in Berlin Saadoullah Bey. Die beiden Enden des Tisches nehmen die beiden Secretäre, der älteste Sohn des Reichskanzlers Graf Herbert Bismarck und Graf Muy von der französischen Botschaft, ein; sie führen das Protokoll in französischer Sprache. Außer diesen nehmen an den Sitzungen noch Theil der deutsche Gesandte von Athen Herr von Radowitz und als Vorstand des Bureaus Geheimer Legationsrath Dr. Bucher.

Dieser Verein auserlesener geistiger Kräfte befindet sich gegenwärtig in voller Arbeit, um die Festsetzungen des Vertrags von San Stefano zu discutiren, die russischen Ansprüche zu mäßigen und England wie Rußland die Möglichkeit zu geben, mit Ehre abzurüsten, dabei den Bestand der Türkei zu erhalten, für Oesterreich die Besetzung von Bosnien und der Herzegowina in Erwägung zu ziehen und ebenso die Forderungen Rumäniens, Serbiens und Montenegros zu prüfen. Die Sitzungen finden von zwei zu zwei Tagen statt, gewöhnlich in den Nachmittagsstunden von zwei Uhr ab bis vier oder viereinhalb Uhr. Bei der ersten Sitzung waren die Bevollmächtigten in Uniform, bei den nachfolgenden erschienen sie im einfachen Civilanzuge.

Vor Beginn der Sitzung und während derselben belebt ein zahlreiches Publicum die Zugänge zu dem Reichskanzlerpalais, das heißt soweit das die Schutzleute erlauben. Mit Interesse folgt es den einzelnen der am Congreß theilnehmenden Bevollmächtigten; mit leicht erklärlicher Neugierde gehen die Blicke hinüber nach den Fenstern, wo niedergelassene gestickte Vorhänge die Geheimnisse der Verhandlungen verhüllen, und mit Sehnsucht richten sich, wie gesagt, Wünsche aufwärts, daß die im Giebelfelde zu beiden Seiten des Reichswappens schwebenden Genien mit den Friedenspalmen ihre friedenverheißende Bedeutung erfüllen möchten.

Georg Horn.




Literaturbriefe an eine Dame.
Von Rudolf von Gottschall.
XIX.

Nach der langen Unterbrechung dieser Correspondenz, verehrte Freundin, muß ich mich jetzt, da ich sie wieder aufnehme, kurz fassen, um der literarischen Bewegung bis heute nachzukommen. Ich beginne mit der Lyrik. Was haben uns nicht die letzten Weihnachtsfeste allein an lyrischen Erzeugnissen auf den Tisch gelegt! Welche zahlreiche Blüthenkränze und Perlenschnüre, welche Anthologien und Gedankenharmonien, wie viele Sendungen, in denen die Lyrik mit vereinten Kräften nach der Palme ringt, häufen sich auf dem deutschen Büchermarkte!

Leider! kann man sagen, die Lyrik gilt nur noch en masse; die einzelnen Dichter vermögen schwer auf dem Büchermarkte sich Anerkennung zu verschaffen. Dennoch erscheinen immer neue Sammlungen von Gedichten junger strebsamer Anfänger und bewährter Meister, und einige dieser Blüthensträuße, verehrte Freundin, will ich Ihnen in Ihre Vasen stecken.

Altmeister Emanuel Geibel hat wiederum sein Saitenspiel gestimmt und „Spätherbstblätter“ herausgegeben; es finden sich indeß darunter auch einige der allerersten ewiggrünen Blätter aus dem Lenze seines Lebens und seiner Dichtung. Der gemeinsame Zug der elegischen Spätherbstlyrik und jener Jugendgedichte ist der Adel der Form, der künstlerische Geist, der ernste Sinn. Die sprudelnde Genialität des kranken Dichters der Rue d’Amsterdam, sein oft frevelhafter Cynismus liegen Geibel gänzlich fern, der, wie Sie wissen, verehrte Freundin, auch ein kranker Dichter ist, aber an der deutschen Trave dichtet man keine Romanzen, wie an der französischen Seine; da weht selbst in den Krankenstuben eine gesunde Luft; geht doch der Blick hinaus auf die Giebel der alten, ruhmreichen Hansestadt, auf die grünen Wiesen, auf die Wimpel und Masten des schiffreichen Flusses.

Abendrothbeleuchtung: das ist das Colorit dieser Dichtungen, wehmüthiger Schimmer, über jenen Fernen schwebend, aus denen das Leben herkommt, den Fernen der Kindheit und der Jugend,

[480] und in der Nähe das volle, aber immer mehr verblassende Goldlicht, das um die Blätter des Spätherbstes spielt. Bisweilen freilich gewinnt es noch einen intensiven freudigen Glanz:

Im Spätherbstlaube steht mein Leben;
Zu Ende ging das frohe Spiel;
Die Sonn’ erblaßt; die Nebel weben,
Und bald, ich fühl’s, bin ich am Ziel.

Doch nicht in klagenden Accorden
Hinsterben soll mein Harfenschlag;
Zwei Freuden sind mir noch geworden,
Drum ich beglückt mich preisen mag:

Ich sah mit Augen noch die Siege
Des deutschen Volks und sah das Reich,
Und leg’ auf meines Enkels Wiege
Den frisch erkämpften Eichenzweig.

Die Sammlung ist reich an stimmungsvollen Naturbildern, wie „In der Frühe“, „Eine Sommernacht“, „Sonntagsmorgen im Walde“, das letztere ein Gedicht von echtem Waldduft durchweht und von warmer Empfindung durchdrungen. Die Ostseebilder sind kurzathmige Gedichte, ohne die Pointen der Heine’schen Nordseebilder, aber ungezwungen und klar gegliedert. Sehr zahlreich sind die Balladen der Sammlung; mehrere derselben sind in Schiller’schem Ton gehalten, besonders „Nausikaa“ mit ihrem Schmerz um den schönen Traum einer unerwiderten Liebe:

Ach, und als zu Nacht am Feuer
Seiner Rede Wohllaut floß,
Märchenhafter Abenteuer
Fremde Welt vor uns erschloß,
Wie berauscht an seinen Lippen
Hing mein Ohr, und froh und bang
Folgt’ ich ihm durch Schlacht und Klippen,
Sturmgeheul und Nixensang!

Tage dann in sel’gem Schweigen
Lebt’ ich, wie die Blume lebt,
Die, dem Helios zu eigen,
Nur zu ihm den Blick erhebt;
Wenn sein Lächeln mich getroffen,
Blühte stillbeglückt mein Sinn,
Und in heimlich süßem Hoffen
Schritt ich wie auf Wolken hin.

Auch Sinnsprüche und Epigramme fehlen in der Sammlung nicht; sie athmen den Zorn eines edelgesinnten Dichters über die modische Entweihung der Poesie und der Bühne, sie sind weniger scharf pointirt, als in dichterischem Lapidarstil gehalten.

Auch „Neue Gedichte“ (Stuttgart, Cotta) des verstorbenen Altmeisters Freiligrath sind erschienen, nicht eben mit dem Psychographen geschrieben, sondern eine Nachlese, meistens aus Gedichten bestehend, die das Familienleben feiern. Da giebt es keine Löwenritte, keine Wüstengespenster: da kehrt der Weltwanderer am häuslichen Herd ein und macht friedliche Hochzeits- und Kindtaufsgedichte, huldigt der Freundschaft und dem geselligen Leben mit heiterer Laune. Freilich, was Sie befremden wird, verehrte Freundin, diese „Neuen Gedichte“ enthalten sehr viele alte, und es ist nicht abzusehen, welches Princip bei der Auswahl tonangebend war; es finden sich dazwischen einige der wildesten und blutrothesten aus der Sturm- und Drangepoche des Dichters; da ertönt der Trauermarsch zum Sturmglockengeläute in der Hymne: „Die Todten an die Lebenden“; da berichtet der Dichter wiederum seine politische Bekehrung durch den nagelschuhigen Minnesänger Hoffmann von Fallersleben im „Riesen“ zu Coblenz; da werden uns wieder die Hübner’schen Genrebilder aus dem Harz und Riesengebirge vorgeführt; da fahren wir wieder auf dem Rheindampfer, dessen Heizer „das Proletariat von Gottes Zorn“ vertreten.

Diese Gedichte sind weder neu, noch passen sie in eine Sammlung, in welcher die neuen Gedichte uns den Poeten am häuslichen Herd, in der Stille des Familienglücks zeigen. Und doch sollte eine solche Sammlung nicht blos einen rechten Titel, sondern auch einen einheitlichen Ton, eine durchgängige Stimmung haben: wozu die bekannten Gedichte aus wildbewegter Zeit hier wiederholen?

In der That zeigt sich der Dichter in diesen häuslichen Gedichten von einer neuen Seite, der gemüthlichen, der humoristischen, und wenn auch hier und dort das Gelegenheitsgedicht, mit dem die Musen nur Halbpart machen, sich etwas zu wohlgefällig, zu banal giebt, so finden sich doch auch höchst anmuthige Bildchen darunter. So z. B. die Geburtstagsfeier der Mutter Freiligrath im December! Da redet der Dichter seine Kinder an:

Im Wintermond, und das ist wahr,
Da sind die Blumen gar zu rar,
Man sieht sie nirgends glänzen.
Wo nehmen wir die Blumen her
Und winden Kränze voll und schwer,
Die Mutter heut’ zu kränzen?

Wer hilft uns nun, wer giebt uns Rath?
– Ich, sagt der alte Freiligrath,
Und einen ganz famosen.
Habt ihr nicht Augen hell und klar?
Habt ihr nicht braun und blondes Haar,
Und Wangen wie die Rosen?

Der Himmel gab euch Licht und Thau,
Ihr seid auf dieser fremden Au
Wie Blumen frisch erwachsen.
So schlingt die Hände denn zum Tanz
Und tanzt, der allerschönste Kranz,
Um die Mama aus Sachsen.

Ebenso anmuthig ist das Gedicht, das er seiner Tochter Käthe zu ihrer Vermählung mit Eduard weiht, sowie das andere an Luise zu ihrer Vermählung mit Heinrich. Zu beiden leitet eine stimmungsvolle landschaftliche Scenerie die Verse ein, die dem häuslichen Ereignisse gewidmet sind. Seinen Enkeln, seinen Pathen dichtet er durchaus kindlich gehaltene Liederchen. Sehr rührend ist das Gedicht, welches er dem verstorbenen Bruder Otto in den Mund legt bei der Hochzeitsfeier Wolfgang’s. Heiter wechseln damit mehrere Carnevalsgedichte und schalkhafte gesellschaftliche Lieder ab. Auch der Kreis literarischer Freunde, an welche der Dichter poetische Episteln richtet, erweist sich als sehr ausgedehnt; es finden sich solche lyrische Briefe an Julius Mosen, an Hackländer, in Julius Rodenberg’s Album, an Karl Mayer’s dreiundachtzigstem Geburtstage. Scheffel’s fünfzigjähriger Geburtstag wird ebenfalls gefeiert; wie einst Grabbe wird Immermann verherrlicht; ebenso Hölderlin. Kurz, es ist ein gut Stück Literaturgeschichte, das sich in diesen Gedichten vor uns abspielt.

„Doch, ist denn dies auch der alte Freiligrath?“ werden Sie fragen, verehrte Freundin, „der Dichter mit dem bunten Farbentopf, den bizarren, fremdartigen Reimen, mit der ganzen Eigenart, die für ihn so charakteristisch ist?“ Natürlich kann er das fremdländische Colorit in solchen häuslichen Gedichten nicht verwenden; dennoch ist Ton und Stimmung bei ihm niemals alltäglich; verwaschene und abgetragene Reime vermeidet er; achten Sie nur auf Reime wie die folgenden in dem Gedichte bei Moritz Hartmann’s Abschied von Schwaben, wo es von diesem Lande heißt:

O du bist schön! Um deine Lauben
Die Blätter schimmern roth und falb.
Dein Neckar blitzt um deine Trauben,
Und kühn und hoch ragt deine Alb.
Rings deine Fülle, rings dein Segen,
Ringsum die Keltern, die du färbst;
Gesang und Lust auf allen Wegen
Verkünden weithin deinen Herbst.

Ein ganz anderer Dichterkopf ist Paul Heyse, der elegante feinsinnige Novellist und Dichter poetischer Erzählungen, der jetzt zum ersten Mal mit Liedern und Bildern als Lyriker vor das Publicum tritt. (Berlin, Verlag von Wilhelm Hertz.) Alle diese Gedichte sind von großer Anmuth der Form und bewegen sich mit Sicherheit in den verschiedenartigsten Metren. Alles Feuer der Leidenschaft, freilich damit auch alles Maßlose und Ueberschwängliche, liegt dem Dichter fern. Dagegen findet er für zarte Gefühle oft einen innigen und graziösen Ausdruck, und auch die größeren Erzählungen bewegen sich in künstlerisch gemessenem Schritte und feinem Tacte; das Packende, Gewaltige, dasjenige, was sich unauslöschlich dem Gedächtnisse einprägt, fehlt dieser Dichtermuse.

Als Liederdichter gehört Paul Heyse der Goethe’schen Schule an; einige der von ihm gewählten strophischen Formen erinnern unmittelbar an das Vorbild des Meisters. Sehr stimmungsvoll sind einzelne dieser Gedichte, z. B. das Lied am Kamin, wie man’s taufen möchte, dessen erste Strophe lautet:

Das sommermüde Jahr verklingt,
Im kahlen Wald kein Vogel singt,
Der Wind saust über die Haide.
Ein Feuerlein ist im Kamin entfacht,
Da singen wir sacht,
Mein Herz und die Flamme, wir beide.

[481] oder das folgende Lied, das in der That einen classischen Zauber athmet:

Sanft unter’m Fittig der Nacht
Schläft nun der hastige Wind.
Komm, laß uns schweigen und lauschen,
Wälder und Ströme, sie rauschen
Nur wie im Traum noch gelind.

Stürme im Busen entfacht,
Zitternd verathmet ihr Chor.
Ruhiger, ohne Gefährde
Brennen auf ewigem Herde
Flammen der Seele empor.

Folgend der himmlischen Macht,
Lodern sie herrlich in Eins.
Mild wie durch Opfergedüfte
Blicken die Sterne der Lüfte
Niederwärts segnenden Scheins.

Wo freilich die Stimmung weniger glücklich getroffen ist, da bleibt nur ein leeres, wenn auch nicht ungraziöses Spiel der Formen.

Auch die Sprüche erinnern an Goethe’s Aphorismen. Heyse ist kein scharfer Epigrammatiker, aber einzelne dieser aphoristischen Knüttelverse oder Vierzeiler geben einen sinnigen Gedanken in entsprechender Form; z. B.:

Mir ward ein Glück, das ich höher schätzte
Als alles Gold in Perus Ebne:
Ich hatte niemals Vorgesetzte
Und niemals Untergebne.

Heyse hat bekanntlich in seinem Gedicht „Salamander“, das Ihnen ja, verehrte Freundin, als ein kleiner gereimter Boccaccio wohl bekannt ist, den Terzinen, die man bisher nur als Karyatiden für ein umfassendes Weltepos wie Dante’s divina commedia ansah, die Zunge gelöst, daß diese steinernen plastischen Gestalten im modernsten Conversationston zu plaudern und zu schäkern anfingen. Auch in dieser Sammlung befindet sich ein Gedicht „Edwin“ und ein Sittenbild „der Cicisbeo“, in welchem sich diese Terzinen plauderhaft genug geberden und eine oft epigrammatische Haltung annehmen.

In den zwölf Dichterprofilen, wohlgegliederten Sonetten zum Preis der Hausgötter, die der Dichter in seinem Allerheiligsten aufgestellt hat, lernen wir den literarischen Cultus des Dichters kennen; es befinden sich unter diesen Penaten wohl Geibel und Lenau, aber auch die Stillen im Lande, außer Möricke Theodor Storm und Hermann Kurz. Die Mehrzahl dieser Dichter sind Stimmungspoeten von untergeordneter geistiger Bedeutung. Schiller und Shakespeare würden in dem Heyse’schen Literaturtempelchen wohl kaum einen Platz gefunden haben.

In den „Bildern und Geschichten“ findet sich eine bunte Schau; es sind die verschiedensten Töne angeschlagen, bald der isländische Sagenton, bald der serbische Romanzenton; bald rauscht eine Art von antikem Cymbelklang durch die Strophen, wie in dem Gedicht „die Mänade“. Am leidenschaftlichsten und bewegtesten ist die Ballade „der Pirat“. Was indeß den Gedichten fehlt, ist das große begeisterte Dichterwort; es ist der Augenaufschlag eines kleinen lyrischen Talentes. Daß Heyse auf andern Gebieten Vorzügliches geleistet, ist Ihnen, verehrte Freundin, ja wohl bekannt.

Auch Friedrich Bodenstedt ist mit neuen eigenen Dichtungen aufgetreten unter dem Titel: „Einkehr und Umschau“; ich hatte Ihnen zuletzt seine Uebersetzung des Hafis empfohlen. Hier erscheint Mirza Schaffy durchaus nicht in orientalischem Costüme; statt der Zaubergärten von Schiras besingt er die deutschen Pappelalleen, statt des Flusses Kur den vaterländischen Rheinstrom, und nicht aus den Waldungen des Kaukasus, sondern aus den thüringischen Wäldern schöpft er den frischen Hauch seiner Begeisterung.

Und dennoch, wenn uns Bodenstedt zu Gaste ladet, verehrte Freundin, nehmen wir stets auf dem westöstlichen Divan Platz. Nirgends fehlt bei ihm die orientalische Spruchweisheit, die nur in verschiedener Einkleidung erscheint. Die bunten Blätter und Sprüche sind auch hier als der eigentliche Kern der Sammlung zu betrachten; einige dieser Sprüche haben eine scharf epigrammatische Wendung; andere sind sinnige Gnomen, in denen echte Lebensweisheit gepredigt wird:

Sieh nichts, hör’ nichts, sei verschlossen
Und womöglich sei auch dumm!
Dann mit neidischen Genossen
Geht sich’s ganz erträglich um.

Wer etwas freudig will genießen,
Muß halb das Auge dabei schließen.
Wenn der Havanna reiner Brand
Dir würzig Zung’ und Nase prickelt,
So denk’ nicht an die schwarze Hand
Des Negers, der sie dir gewickelt!

Die Gedichte „Aus Thüringens Wäldern“ sind längere an einander gereihte Perlenschnüre von Sentenzen, und die Reflexionen lehnen sich meistens an irgend ein Naturbild an. Unter den „erzählenden Dichtungen“ finden sich Legenden und Ritterballaden, auch größere Geschichtsbilder. „Katharina die Zweite“ ist ein größerer Monolog; „Canossa“ hat eine modern tendenziöse Schlußwendung. Am farbenreichsten ist die poetische Glasmalerei in der „Legende vom heiligen Benedictus“. Die „Vorklänge“ sind am wenigsten didaktisch; hier ist am meisten lyrischer Zug und lyrische Stimmung. Als die Perle der Sammlung erscheint uns das allererste Gedicht:

Erst eben Donnergerolle
In flammender Wolkenschlacht,
Und nun die zaubervolle,
Selige Stille der Nacht.

Es flohen die Ruhestörer
Des Tages vor ihr hin,
Wie die besiegten Empörer
Vor ihrer Königin.

Hell schwimmt im Wasserspiegel
Der ganze Himmelsdom –
Es drückt sein Sternensiegel
Der Himmel auf den Strom.

Nur matt am Himmelssaume
Leuchtet’s noch ab und zu,
Wie sich der Geist im Traume
Noch regt in Schlafesruh’.

Einige Gelegenheitsgedichte, Prologe und ein Operntext dienen zur Füllung des stattlichen Bandes.

Einer unserer originellsten neueren Poeten, verehrte Freundin, ist Wilhelm Jensen; er ist sehr fleißig und productiv in Gedichten, Novellen und Romanen. Seiner Darstellungsweise nach könnte man ihn einen Romantiker nennen; er liebt die phantastische Beleuchtung, das Geheimnißvolle, das Grelle; doch seiner Gedankenrichtung nach gehört er zu den ganz modernen Poeten. Heute will ich Sie auf seine neuesten Gedichte „Aus wechselnden Tagen“ (Berlin, Stilke 1878) aufmerksam machen. Allerlei lyrische „Lichter und Schatten“ spielen in der Sammlung durch einander, in Bezug auf die Reinheit der Form ist nicht alles rein ausgegohren, manche Trübungen ziehen sich auch durch die kunstvoll gegliederten Sonette, durch die Liederpoesie, aber Reichthum an Phantasie und Empfindung tritt uns überall entgegen.

Das sangbare Lied ist nicht dasjenige, was Jensen vorzugsweise gelingt; gleichwohl ist das folgende „Trinklied“ ein ganz guter Wurf, der wohl einen Componisten einladen könnte, ihn in die Sprache der Töne zu übersetzen:

Wenn die Rebe blüht,
Gährt im Faß der Wein;
Wenn die Traube glüht,
Steigt der Durst am Rhein.

Grüß’ Dich Gott, mein Schatz!
Wollt’, Du wärst bei mir.
Wär’ zur Stund’ Dein Platz
Wohl bereitet hier!

Wo’s zu Berge strebt,
Wo’s zu Thale sinkt,
Wo’s sich fröhlich lebt,
Wo’s sich durstig trinkt.

In die Traube rann
Himmelslicht und Gluth,
Wieder himmelan
Trägt uns dann ihr Blut.

Im Gegensatz zu diesen leichtbeflügelten Liedern stehen die historischen Bilder, vor allen ein Nero, in Lebensgröße, in reimlosen Jamben hingemalt. Ich weiß nicht, verehrte Freundin, ob Sie diesen römischen Cäsar so interessant finden, wie unsere neuen Poeten, aber alle wollen dieses psychologische Ungeheuer [482] noch durch das Sonnenmikroskop ihrer Phantasie vergrößert auf die Leinwand werfen: er ist der Hauptheld in Hamerling’s „Ahasver“, in den Dramen von Gutzkow, Wilbrandt, Greif und Costa; Sallet hat ihm ein Gedicht geweiht, und jetzt folgt Jensen seinem Beispiel. Er beginnt mit einem Portrait des Tyrannen:

Ein graues Antlitz, jung und alt zugleich,
Nicht krank und nicht gesund, auch unschön nicht,
Doch schlaff die Lippe und das Auge müd’
Verschleiert; lang, nach Weiberart, das Haar
Mit Gold bestäubt, in wehendem Gelock
Den Nacken rührend, d’ran sich, tief durchdacht,
Kunstvoller Faltenwurf des Purpurs schließt.

Im Ganzen erinnert das Gedicht an den „Tod des Tiberius“ von Geibel; es könnte ebenso gut der Tod Nero’s heißen: doch Jensen läßt Nero und Seneca zugleich sterben, die beiden größten Männer Roms! Nero schlitzt zuerst dem Philosophen die Adern auf und stößt sich dann selbst den Dolch in’s Herz. Das ist eine historische Licenz, welche den Tod Nero’s doch in eine falsche Beleuchtung rückt. Der Tod des Tiberius in dem Geibel’schen Gedicht verträgt das Licht von Klio’s Fackel. „Columbus“ wird in einem größeren Balladencyklus verherrlicht. „Kaiser Heinrich der Siebente“ ist eine Ballade mit einer scharf für den Culturkampf zurechtgeschliffenen Tendenz; „Der Henker von Pesth“ erscheint in der grellen Beleuchtung wie die Erzählungen von Jókai, welche ihre Helden bisweilen in dieser Sphäre der Ausgestoßenen suchen. Ein Jugendidyll ist „Mnemosyne“: das Leben der Kindheit, die Spiele am Strande, die Fahrten durch’s Meer, die Erinnerung an die Liebe der Mutter bilden den Inhalt dieser nicht immer tadellosen, aber oft graziös sich einschmeichelnden Distichen.

Die epigrammatischen Sprüche und Einfälle fehlen auch in dieser Sammlung nicht. Sie sehen daraus, verehrte Freundin, unsere Zeit ist etwas altklug und liebt es, ihre Lebensweisheit an den Mann zu bringen. Unsere Dichter setzen sich alle gern auf den Divan des Brahmanen und lassen Weisheitsperlen durch ihre Hände gleiten. Jensen hat gute Gedanken; es sind mehr leichtgeflügelte Gnomen als Epigramme, doch bisweilen gelingt ihm auch ein Wurf des Bilderwitzes:

Nichts seltsamer, als wenn ein Mann
Wahrnimmt, daß sein Gewand zerfetzt.
Und einen neuen Rock sich dann
In seine alten Knöpfe setzt.

Der letzte Sonettenkranz ist ein Kranz von Betrachtungen über das Vaterland und den Tod für dasselbe: durch einige Mißklänge des Zweifels hindurch führt er zu einem harmonischen Schlußaccord.

Sie sehen, verehrte Freundin, Sie haben auf dem deutschen Parnaß die Wahl unter den verschiedenartigsten Charakterköpfen; Sie können den einen oder den anderen zu Ihrem Liebling erklären. Einige Gesichter sind uns sympathisch, andere nicht; so ist’s im Leben, in der Liebe, in der Poesie. Sympathie ist das Weltgeheimniß; sie liegt aller Kritik zu Grunde, mag sie noch so vornehm ihr Gesicht in ästhetische Runzeln legen. Wir wissen dies, verehrte Freundin, und darum gönnen wir Anderen gern den Genuß dessen, was uns widerstrebt, und freuen uns des Wahlspruches: leben und leben lassen!




Eine übertausendjährige Stiftung.

Die Ufer des Sees prangten in der Lichterpracht der festlichen Illumination. Vom Curhaus und anderen Gebäuden der Stadt, die dem Gestade entlang sich in schönem Bogen hinziehen, strahlten in den Wellen Lichtsäulen und bunte Lampenreihen in endlos gebrochenen flimmernden Linien wider, und von dunklen Booten auf der Mitte des Sees prasselte ein Feuerwerk auf, das die rings am Ufer wogende Menschenmenge doppelt entzückte durch die Wirkung all der Kunststücke von „treibendem und stillem Funken- und Flammenfeuer“ in der Luft und der herrlichen Täuschung des Widerscheins im Wasserspiegel. Wenn auch ein Regenschauer der Herrlichkeit noch vor ihrem Ende ein Ziel steckte, so war doch in allem Volke die festliche Stimmung gesichert und hielt unter Dach und Fach bei Trunk und Tanz aus bis zum Schluß.

Welches Ereigniß hatte alle Herzen der Stadt zu einer so gemeinsamen Freude zu erheben vermocht? Man feierte – es war 1875 – einen geschichtlichen Festtag der so echt deutschen Heimathsliebe: Salzungen, die sachsen-meiningische Landstadt, hat ein Zeugniß aufzuweisen, daß der Ort und das Salzwerk, welches dem Ort den Namen gegeben, schon über elfhundert Jahre bestehen.

Folgendermaßen sieht, photographisch verkleinert, dieses Zeugniß aus:

Die Gartenlaube (1878) b 482.jpg

Das königliche Archiv zu Marburg besitzt diese, am 5. Januar 775 auf der Reichspfalz Crecy ausgestellte Urkunde, in welcher „Karl, von Gottes Gnaden König der Franken und Longobarden“, dem Stifte Hersfeld („Haereulfisfeldi“) „um seines Seelenheiles willen“ den Zehnten an seinem Reichsgute Salzungen („Salsunga super fluuium Uuisera“) an Aeckern und Obstanlagen, Wässern und Wasserleitungen und an den Stätten, die zur Salzbereitung errichtet sind, als Schenkung vermachte.

[483] Des Lateinischen kundige Leser mögen mit dem Schriftstück nachfolgende Entzifferung eines in Stil und Orthographie wahrhaft barbarischen Wortlauts vergleichen, an welche wir die deutsche Uebersetzung schließen:

(C.) Carolus gratis. Dei rex Francorum et Langobardorum omnibus fidelibus nostris presentibus et futuris illud nobis ad eterna beatitudine retribuere confidemus quicquid ad loca sanctorum uel in stipendia seruorum dei conferimus igetur notum sit omnibus fidelibus nostris qualiter nos ob amore Christe et stabelitate regni nostri caedimus ad monastherio cuius uocabolum est Haereulfisfeldi quem sanctissimus uir Lullo episcopus in honore beatissimorum apostolorum Simonis et Thathei uel citerorum sanctorum cuius pignora ibidem uenerantur uisus est aedificasse cessumque in perpetuo mansurum esse uolemus hoc est decima parte de uilla nostra in pago Torrinziae que dicetur ad Salsunga super fluıuum Uuisera id est cum terris mansis campis pratis siluis pumiferis uuatriscapis aquis aquarumque decursebus gressis et ingressis communiis peruiis sessis salinariis ubi patellas ad sale facere ponuntur cum omnibus aisgenciis ibidem pertinentis quantumcumque ad ipsa decima parte de ipsa curte pertinet et Lullo episcopus antea in nostro beneficio habuit ad die presenti ad prefato loco sancto pro anime nostre remedium ut ipsi apostoli Christe pro nobis in die iudicii intercessores adsistant trademus donamus adque confirmamus perpetualiter ad possedendunı habendi tenendi domenandi commutandi uel quicquid exinde ipsi rectoris ipsius monastherii uel successoris eorum facere decreuirent pro oportunetate ipsius monastherii in omnebus in dei nomine perfruatur eis arbitrius propterea presentem preceptum ordinandum decreuimus quod nos propter nomen Domini et reuerencia loci illius et stabelitate monachorum in eodem monastherio ad sepe dicto monastherio deleganimus nec seua cupiditas nec nulla iudiciaria potestas nullum umquam tempore augeat uiolare sed ut Christo adiouante ad nos uel ad successoribus nostris progenieque nostrorum omnique tempore aelimosina nostra salua et inconuulsa stabelis permaniat manum propriam subter eam decreuimus adfirmari et de annulo nostro siggillare precipemus.

(C.) Hitherius recognoui et (subscripsi S. R.) Signum (Karolus) Caroli gloriosissimi Regis. (L. S.)

Dataui in anno VII regni nostri sub die nonas Ianoarias hactum ad Cariciaco palatii publici in Dei nomine feliciter.


(J. N. Chr.) Karl von Gottes Gnaden König der Franken und Longobarden allen unsern gegenwärtigen und zukünftigen Getreuen! Was wir für die Stätten der Heiligen und zum Unterhalt für die Diener Gottes beitragen, dies wird uns, wie wir vertrauen, zur ewigen Seligkeit verhelfen. Deswegen thun wir allen unsern Getreuen kund, welche Schenkung wir aus Christi Liebe und zur Wohlfahrt unseres Reiches an das Kloster Hersfeld machen, welches der allerheiligste Bischof Lullus zur Ehre der allerseligsten Apostel Simon und Thaddäus, sowie der übrigen Heiligen, deren Reliquien daselbst verehrt werden, mit großer Mühe erbaut hat; und wir wollen, daß die Schenkung für beständig demselben verbleiben soll: das heißt, der Zehnte von unserm Reichsorte Salzungen im Thüringer Lande am Flusse Werra; und zwar vom Grund und Boden, den Hufen, den Feldern, den Wiesen, den Wäldern, den Obstgärten, den Canälen, den Gewässern und Wasserläufen, den abhängigen und unabhängigen Gemeinden, den vorhandenen Salzstätten, wo Siedepfannen zum Salzmachen stehen, sammt allen daran haftenden Nutznießungen. Ueberhaupt Alles, was zum Zehnten des Herrenhofes selbst gehört, und der Bischof Lullus vorher von uns zu Lehn gehabt hat, übergeben wir, schenken wir und beurkunden wir am heutigen Tage der vorhergenannten heiligen Stätte unsers Seelenheiles wegen, damit die Apostel Christi selbst am Tage des Gerichts als Fürbitter uns beistehen, zum beständigen Besitz: es zu haben, zu behalten, zu verwalten, zu vertauschen, oder was auch später die Obern des Klosters selbst oder ihre Nachfolger zum Gedeihen ihres Klosters zu thun für gut befinden; in Allem mögen sie in Gottes Namen nach ihrem Gutdünken schalten. Deswegen haben wir gegenwärtige Urkunde auszustellen beschlossen, und überweisen dieselbe im Namen des Herrn, und aus Ehrfurcht vor jener Stätte und zur Wohlfahrt der Mönche in eben jenem Kloster an das oft genannte Kloster, und es soll weder böse Lust, noch irgend welche richterliche Gewalt es jemals wagen, sie zu verletzen, sondern, damit unser Gnadengeschenk mit Christi Hülfe bei uns sowie unsern Nachfolgern und unsern Nachkommen und für alle Zeiten unversehrt und unverrückt bestehen bleibe, haben wir beschlossen, unsere eigenhändige Unterschrift zum Zeugniß dessen herunterzusetzen, und befohlen, es mit unserm Ringe zu untersiegeln.

(J. N. Chr.) Beglaubigt (und des Königs Namenszug geschrieben): Hitherius. Namenszug (Karolus) des allerglorreichsten Königs Karl. (L. S.)

Gegeben im siebenten Jahre unserer Regierung am 5. Januar; vollzogen auf der Reichspfalz Crecy im Namen Gottes zum Glück und Heil.

In dem wunderlich aufgebauten Namenszuge des großen Kaisers rührt übrigens von dessen Hand, wie die Kundigen wissen, nur das mittlere Stück her, welches a, o und u zusammenfaßt; die übrigen Buchstaben fügte die Kanzlei hinzu. Es wird für nicht wenige unserer Leser von Interesse sein, diesen wenn auch nur kleinen Zug von der Hand des gewaltigen Mannes zu erblicken, den wir an den Anfang der deutschen Geschichte zu stellen gewohnt sind; und die Urkunde ist alt genug, wenn auch eine Anzahl noch älterer aus Karl’s Regierungszeit und selbst deren aus der Zeit Pipin’s und der Merowinger sich erhalten haben. Das Archiv auf dem alten Hessenschlosse zu Marburg (vergl. „Gartenlaube“, Jahrgang 1873 S. 395), welches das Document bewahrt, verdankt dem preußischen Regime seine Begründung als Sammelpunkt für die zahlreichen Urkundenreste namentlich der Klöster in und um Hessen.

Salzungen verdient indeß nicht blos seines Alters, sondern auch seiner Saline und Bade-Anstalt, der Sulzberger’schen Stiftung und der anmuthigen Umgebung wegen nähere Beachtung. Wir bemerken gleich hier, daß die von etwa vierthalbtausend Seelen bewohnte Stadt zwischen Meiningen und Eisenach an der Werrabahn, am linken Ufer der Werra und am Zusammenfluß der Silge und Armbach liegt; hier war die uralte Südgrenze Thüringens, hier stießen einst der fränkische, obersächsische und oberrheinische Reichskreis zusammen, und noch heute bildet das Salzunger Weichbild den Grenz- und Uebergangspunkt von fränkisch-hennebergischer und thüringischer Sprache und Volksart, gerade wie die Ausläufer des Thüringerwald- und des Rhöngebirgs sich hier über die Werra hinüber begrüßen.

Das Alter des Salzwerks und die Anfänge des Orts würden vielleicht noch um sieben Jahrhunderte weiter zurückzuführen sein, wenn der römische Geschichtsschreiber Tacitus (XII, 57) die Oertlichkeiten, wo er im Jahre 59 nach Christi Geburt die deutschen Völkerschaften der Katten und Hermunduren sich um die Salzquellen an ihrem Grenzflusse hart bekämpfen läßt, deutlicher bezeichnet hätte. Da aber Hessen-Allendorf und Kreuzburg an der Werra mit demselben Rechte jene Stelle des Tacitus auf sich beziehen können, so ist Salzungen mit seiner feststehenden elfhundertjährigen Ehre zufrieden. Dagegen ist bemerkenswerth und durch viele Ausgrabungen bewiesen, daß das Verfahren, das Salz dadurch zu gewinnen, daß die Soole über einen in Brand gesetzten Holzhaufen geschüttet und verdampft wird, genau wie Tacitus es beschreibt, in ältester Zeit in Salzungen stattfand.

Die Entwickelungsgeschichte des Salzunger Salinenwesens kann nicht Gegenstand dieses Artikels sein; im Allgemeinen lehrt sie uns, daß das starre Festhalten am Alten auch hier für jede Verbesserung, jeden Fortschritt einen harten Kampf nöthig machte, und daß auch hier der Lohn des Sieges den Besiegten zu Gute kam. Die Theilhaber an der Pfännerschaft wie die Arbeiter befanden sich so wohl, daß vor dem Dreißigjährigen Kriege Salzungen von seinen Nachbarn „das Silberstädtchen“ genannt werden konnte. Eine dreizehnmalige Plünderung und Verheerung während dieses deutschen Elends richtete Stadt und Salzwerke zu Grunde. Die Stadt hat erst jetzt, nach mehr als zweihundert Jahren, die vormalige Einwohnerzahl wieder erreicht; sie erholte sich hauptsächlich an den wiedererstandenen und mit jeder neuen Verbesserung bedachten Salinen, deren Erzeugniß in letzter Zeit bis auf zweihundertdreißigtausend Centner gestiegen war. Die Gründerzeit ging auch an dieser altehrwürdigen Pfännerei nicht ohne Einwirkung vorüber: seit 1872 ist die Saline im Besitze einer Actiengesellschaft.

Derselbe Widerstand, welcher sich so lange Zeit den Fortschritten des Salinenbetriebs entgegenstemmte, war auch bei der Anlegung der Badeanstalt zu überwinden. Erst im Jahre 1801 wagte es ein tapferer Mann, der bekannte weimarische General von Seebach, angelockt von der Schönheit der Gegend, sich Salzungen zum Ort einer Badecur zu wählen. Diesmal glückte es der einen Schwalbe, einen Sommer herbeizurufen, an welchem die Stadt sich noch heute erwärmt. Da aber Berichte über Bäder grundsätzlich aus dem Gebiete der „Gartenlaube“ ausgeschlossen sind, so verweisen wir unsere Leser hinsichtlich dieses Gegenstandes auf R. Hertel’s und Dr. Wagner’s Schriften über das „Soolbad Salzungen“. Die reizende Lage des Curhauses deutet unsere Illustration genügend an.

Wenn das Städtchen selbst auch nicht mit besonderen Sehenswürdigkeiten [484] aufwarten kann, so besaß es doch und besitzt noch Männer, deren Wirken und Wesen allgemeine Beachtung verdient.

Als ersten derselben nennen wir den Dr. Johann Christian Sulzberger. Der Mann hat das Seltene geleistet, ein von ihm erfundenes Geheimmittel nicht zu seinem, sondern zum Besten einer in ihrer dermaligen Entwickelung bedeutenden wohlthätigen Stiftung auszubeuten. Er war dreißig Jahre lang (seit 1773) Stadt- und Landphysikus in Salzungen. Seine Landpraxis mochte ihn in manchen einsamen Waldort geführt haben, wo er die Noth der Leute kennen lernte, die in Krankheitsfällen stundenweit nach Arzt und Apotheke schicken müssen. Hier war ein Bedürfniß zu befriedigen, welches in früher Zeit auch schon die Olitätenfabrikanten und Balsamsträger in’s Leben gerufen und den „Hoffmännischen Tropfen“ zur weiten Verbreitung geholfen hatte. Er erfand seine sogenannte „allgemeine Flußtinctur“, die als „Salzunger Tropfen“ noch jetzt zu den

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Der Hünische Hof in Salzungen.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von H. Heubner.

beliebten Hausmitteln gehört und, wie er selbst in seiner „Gebrauchs-Anweisung“ auseinandersetzt, „zur Erhaltung einer guten Gesundheit durch Beförderung der Verdauung, Absonderung und Abführung, sowie durch Verhütung und Heilung aller aus einer Störung derselben entspringenden Krankheiten“ bestimmt sind. Das Recept dieser Tropfen ist, als Geheimniß bis heute bewahrt, bei der Stadtbehörde niedergelegt und wird für die „Sulzberger’sche Stiftung“ verwerthet, ein Krankenhaus, in welchem einheimische und fremde Arme unentgeltlich Pflege und ärztliche Behandlung erhalten und mit welchem neuerdings eine Kleinkinderbewahranstalt verbunden worden ist. An der Straße nach Lengenfeld liegt das massive Gebäude mitten in einem Garten und zeugt von der einzig würdigen Benutzung eines Geheimmittels.

Auch für die Freunde der Tonkunst ist in der kleinen Stadt ein großer Genuß erwachsen: der „Salzunger Kirchenchor“ unter der Leitung des Musikdirectors Bernhard Müller, ein Seitenstück zu dem „Riedel’schen Verein“ in Leipzig (vergleiche „Gartenlaube“ 1869, S. 564 f.) und, wie dieser, durch die Aufführung der schwierigsten Stücke von der altitalienischen Schule bis zu den jüngsten deutschen Meistern der Kirchenmusik in weiter Ferne hoch gewürdigt. Der kunstsinnige Herzog von Meiningen gewährte seiner Zeit dem Begründer des Chors die Mittel, nicht nur alle hervorragenden musikalischen Kunstinstitute Deutschlands kennen zu lernen, sondern auch in Rom den Gesang der Sixtinischen Capelle zu studiren. Gleich dieser singt der Salzunger Kirchenchor nur a capella, das heißt ohne obligate Instrumentalbegleitung. Müller ist gegenwärtig auch mit der Oberleitung über alle Kirchenchöre des Landes betraut.

Sollen wir neben diesen beiden Männern, Sulzberger und Müller einen dritten verschweigen, weil nicht ragende Gebäude und bewunderte Töne für ihn sprechen? Hat doch die „Gartenlaube“ schon vor dreizehn Jahren ihn ihrem Leserkreise genannt und sein tragisches Schicksal erzählt. Noch lebt der „blinde Wegweiser, Sagenforscher und Dichter“, der einundsiebenzigjährige Ludwig Wucke, der, nun achtundvierzig Jahre lang blind, nachdem er vorher mit ganzer Seele in der Farbenwonne der Landschaftsmalerei geschwelgt, in seinem treuen Gedächtniß das Bild seiner Heimath noch heute so bestimmt in sich trägt, daß er für ihre Schönheit sich und Andere zu begeistern vermag. Unserem Artikel von 1865 (S. 496) über ihn haben wir nachzutragen, daß er seitdem seine Sagenforschung auch über das Rhöngebiet ausgedehnt hat. Auch diese ihm wildfremden Gegenden durchwanderte er meist ohne Führer, nur auf seinen langen Stab sich verlassend und freilich auch von manchem Abenteuer überrascht. Seine in Henneberger Mundart erschienenen Poesien sichern ihm einen hohen Rang unter den deutschen Dialektdichtern.

Folgen wir nun unserm „Wegweiser“ in die Umgebung der Stadt! Der schönste Schmuck derselben ist im Südosten der Burgsee. Man sieht es den Anlagen und Gärten, Villen und öffentlichen Gebäuden, welche die Ufer umrahmen, an, daß dieses „schönste lebengebende Auge der Stadt und Umgegend“ als ein Kleinod betrachtet wird. Der Wasserspiegel des Sees nimmt 10,5 Hektare ein; man umwandelt denselben binnen einer Viertelstunde auf einem Wege, welcher bei jeder Wendung ein neues reizendes Landschaftsbild vor uns entrollt, sowohl hinsichtlich der Formen, wie der Farben.

Eine eigenthümliche Erscheinung dieses „Burgsees“, der, nebenbei gesagt, nirgends die Tiefe von hundert Fuß erreicht und seine Entstehung einem gewaltigen Erdfall verdankt, ist sein sogenanntes „Kochen“ und „Blühen“. Jenes soll von Schwefelwasserstoffgas herrühren, ist besonders an der Westseite bemerkbar und zu allen Zeiten möglich, während das Blühen nur von Juni bis August stattfindet, wo eine Algenbildung die Seefläche mit einer grünen, dünnen Haut überdeckt. Mancherlei Vermuthungen über einen unterirdischen Zusammenhang des Sees mit dem Meer rief die Wahrnehmung hervor, daß derselbe an dem großen Erdbeben von Lissabon, am 1. November 1755, betheiligt gewesen zu sein schien. Wie die Quellen von Teplitz und der Mühlstädtersee in Kärnthen, gerieth auch der Salzunger Burgsee zur Zeit jenes Erdbebens in starke Bewegung. Das Wasser wurde nach der Mitte hin in einem trichterförmigen Wirbel so weit hinabgerissen, daß aus der Tiefe die Felsen des Grundes emporstarrten, und als es wieder heraufdrang, war es mit einem schwarzen Schaum bedeckt.

Niemand sieht es dem klaren Auge der im Sonnenlicht spielenden Wasserfläche an, daß so Seltsames mit ihr geschehen konnte. Wer aber eine Strecke südwärts vom See in der sogenannten „Grube“, einem in lauschige Anlagen umgewandelten ehemaligen Sandsteinbruch, ein kleines Seitenstück desselben, die Teufelskutte, und eine, halbe Stunde weiter, bei Wildprechtsrode, einen dritten Erdfall, den Buchensee, besucht und ihre unheimlichen dunklen Gewässer gesehen hat, den wird die Nachricht von geheimnißvollen unterirdischen Beziehungen ihres freundlicheren Nachbars nicht mehr befremden. Jetzt zeigt uns sein Friedensbild auf unserer Illustration zur Linken das Curhaus, rechts davon einige Villen, dann auf dem Plateau der steil zum Gestade abfallenden Felswand, der Stätte einer ehemaligen sehr starken Burg, der „Schnepfenburg“, gegen welche sogar deutsche Kaiser, wie Otto der Vierte und Adolph von Nassau, hart zu ringen [485] hatten, ein modernes, nun als Sitz oberer Behörden dienendes Schloß; dahinter die Stadtkirche. Wieder einige Villen und Häuser, dann der auch in besonderer Abbildung beigegebene sogenannte Hünische Hof. Zur Vertheidigung der Schnepfenburg waren in frühester Zeit vier Burgmänner (milites burgenses) bestellt, welche ihre Wohnsitze in Kemenaten neben der Burg hatten. Der Hünische Hof, die einzige noch stehende dieser Burgmännerheimstätten, hat seinen Namen von einem seiner Besitzer oder Erbauer erhalten; durch seine Bauart und die üppigste Epheuberankung fesselt er leicht den Blick. Vom Schloß bis hierher ist am Ufer die tiefste Stelle des Sees.

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Salzungen mit dem Burgsee.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von H. Heubner.

Durch die düsterromantische „Grube“ führt ein anmuthiger Weg zur heitersten Stätte Salzungens, zum Gesellschaftsgarten des „Seebergs“ hinan. Hier, zwischen reizenden Parkanlagen und unter dem Schatten breitästiger Kastanien rollt sich ein farbenreiches Landschaftsbild vor dem Beschauer auf, dessen Hauptschmuck See und Stadt, der Werragrund mit dem schimmernden Fluß und den fruchtbaren Hügeln und hohen langgestreckten Waldbergen hinter ihm bildet, sowie den Gruppen von Dörfern und Gehölzen auf dem grünen Plan der Thäler. Bedeutend weiter in die Runde und Ferne greifend wird die Aussicht, wenn man die höhere „Schanze“ (vom Dreißigjährigen Kriege her so genannt) ersteigt, aber den schönen Bildern des Mittelgrundes zu weit entrückt, bleibt sie an Anmuthigkeit immer hinter der des Seebergs zurück. Auch die Einsicht ist hier gut. Hier perlt der Gerstensaft aus den eisigen Felsenkellern der „Grube“; hier dampfen die Thüringer Rostbratwürste, und wenn das Musikcorps jenes Musiktalents (Mühlfeld’s), das sich vom einfachen Maurergesellen zum Director einer der besten Stadtcapellen aufschwang, das berühmte Echo des Sees erweckt, so gestehen die Gesunden und doppelt freudig die Genesenden aus der Heimath wie der Fremde dankbar ein, daß dieser anspruchslose Winkel Deutschlands zu denen gehört, die man ungern verläßt und immer gern wieder begrüßt.

Fr. Hofmann.



Um hohen Preis.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten und Uebersetzungsrecht vorbehalten.

Im Schlosse war es einsam und öde geworden. Die Baronin Harder war mit ihrer Tochter nach der Residenz abgereist, und wenn die Dame selbst mit ihren Launen, Ansprüchen und sonstigen wenig liebenswürdigen Eigenschaften von der Dienerschaft nicht vermißt wurde, so vermißte man um so mehr die junge Baroneß, der sich die Herzen Aller zugewendet hatten. Mit ihr war der Sonnenschein in das Haus gekommen. Sie hatte während der wenigen Monate, die sie dort verweilte, Licht und Leben in die düstere und todte Pracht jener Räume gebracht, selbst der Freiherr war in dieser Zeit um so Vieles milder und zugänglicher gewesen, daß man oft den strengen Gebieter gar nicht wiedererkannte. Jetzt war Gabriele fort, ihr Zimmer verschlossen, und Jeder, von dem alten Haushofmeister an bis zum letzten Diener herab, fühlte die Leere, die zurückgeblieben war.

[486] Freiherr von Raven allein schien die Abwesenden nicht zu vermissen, wenigstens äußerte er niemals etwas darüber, und man wußte ja auch, daß er jetzt nicht viel Zeit hatte, sich um Familienbeziehungen zu kümmern. Die Umgebung war es gewohnt, ihren Herrn stets ernst, verschlossen und unberührt von äußeren Ereignissen zu sehen, sie sah ihn auch jetzt nicht anders, und doch wußte Jeder, welche Wetterwolke sich über seinem Haupte zusammenzogen. Das war längst kein Geheimniß mehr.

Die Unruhen in der Stadt hatten sich auch im Lauf der nächsten Wochen nicht wiederholt, und der Polizeidirector mit seinen Beamten war vollständig Herr der einzelnen Ausbreitungen geblieben, die noch hin und wieder vorkamen. Die schlimmeren Elemente der Bevölkerung waren eingeschüchtert, die besseren zur Besinnung gekommen. Die letzten Ereignisse hatten Jedem gezeigt, daß es auf diesem Wege nicht weiter gehen konnte und durfte. Der Bürgermeister zumal bot seinen ganzen Einfluß auf, um die Wiederkehr solcher Scenen zu verhindern. Er hatte nicht umsonst die Erfahrung gemacht, daß in dem Conflicte, wo er als erster Gegner dem Freiherrn gegenüberstand, die Zügel seinen Händen entglitten und der Streit durch das Hereindrängen wüster und gefährlicher Elemente in eine förmliche Revolte ausartete. Man hatte allseitig eine Warnung erhalten, und sie hatte gefruchtet. Aufgegeben war der Kampf deswegen freilich noch nicht; er wurde im Gegentheil nur nachdrücklicher, wenn auch ruhiger geführt, und die Stadt R. hatte die Genugthuung, daß er einen Widerhall in der Residenz, ja im ganzen Lande fand. Die Flugschrift Winterfeld’s hatte in der That ein ungeheures Aufsehen erregt und ging in ihrer Wirkung weit über die ursprüngliche Absicht hinaus, denn sie fand in den maßgebenden Kreisen einen Boden, wie es Niemand, am wenigsten der Assessor selbst, vorausgesetzt hatte.

Freiherr von Raven war in jenen Kreisen nichts weniger als beliebt. Ein Mann, der, wie er, sich aus den einfachsten bürgerlichen Verhältnissen zu einem der höchsten Staatsämter emporgeschwungen, mußte naturgemäß den Neid und das Uebelwollen derer wachrufen, die er überholte und so weit hinter sich zurückließ, und sein stolzes, gebieterisches Wesen, die Verachtung, mit der er überall Unfähigkeit oder Erbärmlichkeit bei Seite schob, dienten nicht dazu, ihn beliebter zu machen. Es gab in jenen Kreisen nur Allzuviele, die seine glänzende Laufbahn und die hohe Stellung, welche er gegenwärtig einnahm, als einen Raub an ihren eigenen Standesprivilegien betrachteten, die ihm die Art, wie er den vornehmsten Persönlichkeiten gegenübertrat, nicht verzeihen konnten und nur auf eine Gelegenheit warteten, dem verhaßten Emporkömmling die verdiente Demüthigung zu bereiten. Bisher war das Alles noch unschädlich an dem Freiherrn abgeglitten. Die Regierung stützte ihn mit voller Macht, überhäufte ihn mit Ehren und Auszeichnungen und schwieg zu seinen Uebergriffen, die ihr keineswegs verborgen blieben. Sie bedurfte gerade für den Posten in R. eines Vertreters, der mit so rücksichtsloser Energie und eiserner Consequenz ihre Autorität geltend machte und die gährenden, gefährlichen Elemente der Provinz so unbedingt im Zaume zu halten wußte, wie Raven. Die Unentbehrlichkeit des Gouverneurs überwog all jene Einflüsse, welche sich gegen ihn geltend machten.

Aber die Zeiten hatten sich geändert. Schon seit Jahresfrist war ein Umschwung eingetreten, der für die Stützen der bisherigen Regierung verhängnißvoll zu werden drohte. Ein Theil derselben versuchten einzulenken und der neuen Zeitströmung zu folgen; ein anderer machte sich bereit, mit allen äußeren Ehren von dem Schauplatz abzutreten, auf dem die Rolle vorläufig ausgespielt war. Sie alle hatten Freunde und Verbindungen, die ihnen das ermöglichten – Arno Raven stand völlig allein da, und was er jemals an Haß und Feindschaft wach gerufen, das erhob jetzt drohend gegen ihn das Haupt.

Zu jeder andern Zeit wäre eine Schrift, wie die Winterfeld’s, unterdrückt worden und der Verfasser hätte sie mit dem Verluste seiner Stellung büßen müssen; jetzt bemächtigte man sich mit Eifer dieses Angriffes als einer Waffe gegen den längst Gehaßten, und der junge Beamte, der den willkommenen Anlaß gegeben, wurde förmlich auf den Schild gehoben. Georg’s Name, noch vor Kurzem ganz unbekannt und unbeachtet, war jetzt in Aller Munde; er selbst wurde aufgesucht, bevorzugt und bewundert wegen seines Muthes, das so kühn auszusprechen, was freilich Jeder gewußt hatte. Man fand, daß die Broschüre wahrhaft glänzend geschrieben sei, daß sie eine ungewöhnliche Fülle von Kenntnissen und Fähigkeiten verrathen und ein unbestechlich klares Urtheil voraussetze, und wirklich fehlte der Schrift alles, was sie zum Pamphlet hätte erniedrigen können. Die großen Eigenschaften des Gouverneurs wurden vollständig anerkannt; jedes Persönliche war auf das Strengste vermieden; die ganze Anklage stützte sich nur auf Thatsachen, aber diese Thatsachen wurden mit einer so unerbittlichen Klarheit und Schärfe beleuchtet und einer so vernichtenden Kritik unterzogen, daß eine Antwort darauf nothgedrungen erfolgen mußte.

Für die –sche Provinz und deren Hauptstadt war jene Flugschrift nun vollends, wie der Bürgermeister sich ausdrückte, der „Funke in’s Pulverfaß“ gewesen, denn hier gab sie der allgemeinen Stimmung einen Ausdruck, wie er nicht schärfer und treffender gefunden werden konnte. Die lähmende Furcht und Scheu vor der Allmacht des Gouverneurs war jetzt gebrochen; man sah, daß auch er angreifbar und verwundbar sei, wie andere Sterbliche, und nun brach die langgenährte Erbitterung gegen ihn in einer wahrhaft zügellosen Weise hervor. Niemand dachte mehr daran, was die Stadt und die Provinz trotz alledem der mächtigen Thatkraft des Freiherrn verdankten. Auch nicht eine Stimme erhob sich, die daran erinnerte; der Haß gegen das despotische Regiment, unter dem man so lange geseufzt, hatte jetzt allein das Wort, und wie es gewöhnlich im Leben zu gehen pflegt, waren auch hier diejenigen, welche aus persönlichen Interessen sich bisher zu den Anhängern des Gouverneurs bekannt hatten, die ersten, welche den Stein auf ihn warfen, als dies ungestraft geschehen konnte.

Ein Anderer würde wahrscheinlich gegangen sein und einen Platz verlassen haben, den zu behaupten kaum mehr möglich schien. In der That wurde es dem Freiherrn auch von der Residenz aus nahe gelegt, seine Entlassung zu nehmen, aber sein ganzer Stolz empörte sich dagegen, jetzt zu weichen, wo man ihn zum Weichen zwingen wollte, und vor all den Anklagen und Angriffen, die man gegen ihn schleuderte, die Flucht zu nehmen. Er wußte, daß sein Gehen in einem solchem Augenblicke ein Unterliegen war. Jenen Andeutungen aus der Residenz gegenüber hatte er nur die hochmüthige Antwort, er sei durchaus nicht gesonnen, dauernd zu bleiben, aber erst wolle er den Kampf ausfechten, seine Gegner niederwerfen und ihre Angriffe zum Schweigen bringen, wie damals beim Antritt seines Postens in R., wo sich ein ähnlicher Sturm gegen ihn entfesselte, dann werde er gehe – eher nicht! Vielleicht hätte der Freiherr weniger Starrsinn gezeigt, wenn nicht gerade der erste Angriff, das erste Signal zu dem allgemeinen Ansturm gegen ihn von Georg Winterfeld ausgegangen wäre. Der Gedanke, von dem Manne gestürzt zu werden, den er von allen Mensche am glühendsten haßte, weil er zwischen ihm und Gabriele stand, brachte Raven auf das Aeußerste und raubte ihm sogar seine sonst so klare Urtheilskraft.

Der Ausgang war freilich noch keineswegs entschieden. Noch stand der Freiherr fest und unerschütterlich selbst auf dem wankenden Boden. Er konnte sich darauf berufen, daß Alles, was er gethan hatte, offen vor aller Welt, daß es mit Vollmacht der Regierung geschehen war, und diese scheute sich doch, den Mann, der so lange in ihrem Namen gehandelt hatte, ohne Weiteres fallen zu lassen. Die von Raven so oft verurtheilte Schwäche und Halbheit zeigte sich auch hier. Man hatte den Angriff gegen ihn zugelassen, sogar begünstigt, und als er ihm unerwartet Stand hielt, wagte man es weder den Angegriffenen preiszugeben noch ihn zu stützen.

Jedenfalls nahm die Angelegenheit das allgemeine Interesse so vollständig in Anspruch, daß alles Andere davor in den Hintergrund trat. Dies war auch theilweise mit der Verhaftung des Doctor Brunnow, der sich noch immer im Stadtgefängnisse von R. befand, der Fall, obgleich sie nicht verfehlt hatte, ein peinliches Aufsehen zu erregen. Man wußte ja, daß das Gesetz die Ergreifung des zurückgekehrten Flüchtlings verlangte, aber man fand es trotzdem hart und grausam, daß ein Vater, der an das Krankenbett seines Sohnes geeilt war, das im Kerker büßen sollte, fand es um so härter, als jene Verurtheilung um so viele Jahre zurücklag.

Es war an einem Vormittage zu noch ziemlich früher Stunde, als der Polizeidirector selbst bei dem Verhafteten erschien. [487] Seine Haltung und Begrüßung hatten jedoch durchaus nichts Amtliches; sie waren höflich und zuvorkommend, als handele es sich um einen einfachen Besuch.

„Ich komme, Herr Doctor, um Ihnen den Besuch Ihres Sohnes anzukündigen,“ begann er. „Sie hatten ja regelmäßige Nachrichten über sein Befinden und wissen, daß er weit genug hergestellt ist, um ohne jede Gefahr den Ausgang unternehmen zu können. Er wird um zwölf Uhr bei Ihnen sein. Ich wollte es mir nicht versagen, Ihnen das selbst mitzutheilen.“

„Sie sind in der That sehr gütig,“ entgegnete Brunnow gleichfalls höflich, aber etwas einsilbig und mit offenbarer Zurückhaltung.

„Ich wünschte mich gleichzeitig zu überzeugen, ob meine Anordnungen auch in vollem Maße erfüllt worden sind,“ fuhr der Polizeidirector fort. „Es ist Ihnen doch jede Erleichterung gewährt worden, welche die Haft nur irgend zuließ? Oder haben Sie sich über irgend etwas zu beklagen?“

„Durchaus nicht! Es wäre mir im Gegentheil interessant, zu erfahren, wem ich die ganz ungewöhnliche Rücksicht und Schonung verdanke, die mir vom ersten Augenblicke meiner Gefangenschaft an zu Theil geworden ist.“

„Nun, doch wohl zunächst der eigenthümlichen Veranlassung zu Ihrer Rückkehr. Man ehrt die Sorge des Vaters um den Sohn.“

„Sollte das der alleinige Grund sein?“ fragte der Doctor, mit einem forschenden Blick. „Ich weiß von meinem früheren Aufenthalte in den Staatsgefängnissen her, wie wenig solche persönliche Rücksichten dort maßgebend sind. Ich hatte Gelegenheit, ganz andere und schlimmere Erfahrungen zu machen.“

„Das hat sich geändert,“ meinte der Polizeichef unbefangen, ohne den bitteren Ton bemerken zu wollen. „Es liegt eine ganze Reihe von Jahren zwischen dem Damals und dem Jetzt, und eben diese Jahre dürften auch eine günstige Rückwirkung auf Ihr Schicksal selbst äußern.“

„Ich wußte, was ich bei meiner Rückkehr wagte, und mache mir keine Illusionen über mein Schicksal,“ fiel Brunnow beinahe schroff ein. „Sie sind vermuthlich gekommen, um mir anzukündigen, daß ich mich zur Abführung nach der Festung bereit halten soll?“

„Sie irren, es ist noch nichts darüber bestimmt. Das befremdet Sie? Es ist allerdings auffallend, daß man so lange mit der Entscheidung zögert, ich halte es aber für ein günstiges Zeichen. Ich möchte Ihnen keine voreilige Hoffnungen erwecken, aber es wäre immerhin möglich, daß man mit Rücksicht auf die ganz besonderen Umstände Sie amnestirte.“

Brunnow richtete sich mit größter Lebhaftigkeit auf. „Sie meinen –?“

„Es ist das vorläufig nur meine persönliche Ansicht,“ beeilte sich der Andere hinzuzusetzen. „Ich glaube aber, daß an entscheidender Stelle die Stimmung für Sie eine durchaus günstige ist. Es käme vielleicht nur darauf an, daß Sie auch Ihrerseits die geeigneten Schritte thäten. Ich bin überzeugt, daß ein Begnadigungsgesuch nicht zurückgewiesen würde, wenn Sie sich dazu entschließen könnten.“

„Nein!“ sagte Brunnow mit vollkommener Festigkeit.

„Herr Doctor, bedenken Sie, es handelt sich um Ihre Freiheit. Sie hängt vielleicht an einem einzigen Worte Ihrerseits!“

„Gleichviel, ich bettele nicht um Gnade. Dieses Wort wäre das Eingeständniß einer Schuld, die ich nicht anerkenne, und selbst um meiner Freiheit willen opfere ich nicht die Grundsätze meines Lebens. Mag man mich begnadigen oder nicht, ich werde niemals darum bitten.“

Der Polizeidirector verwünschte innerlich den „hochmüthigen Starrkopf dieses alten Demagogen“. Ein Begnadigungsgesuch desselben wäre so unendlich gelegen gekommen für die Concession, die man nun einmal entschlossen war der öffentlichen Meinung zu machen, aber es war leider nicht zu erreichen. Der erste Theil der Mission war gescheitert, und der Herr Director ging nunmehr zu dem zweiten über. Er gab sich auch hier natürlich nicht die Miene, im Auftrage zu sprechen, sondern hielt den Ton eines ganz absichtslosen Privatgespräches fest.

„Das hängt allerdings von Ihnen allein ab,“ nahm er wieder das Wort. „Sie erschweren aber dadurch Ihren Freunden, für Sie thätig zu sein, und es werden doch ganz ungewöhnliche Anstrengungen zu Ihre Gunsten gemacht.“

„Von wem?“ fragte der Doctor auf das Aeußerste befremdet. „Ich habe keine Freunde, die in Regierungskreisen auch nur den mindesten Einfluß besitzen.“

„Vielleicht bessere, als Sie glauben. Sollten Sie es wirklich nicht wissen, daß der Gouverneur selbst Alles aufbietet, um Ihre Begnadigung zu erlangen?“

„Arno Raven – so?“ fragte Brunnow langsam.

„Ja, der Freiherr von Raven. Er war es auch, der mir, als ich ihm die Nachricht Ihrer Verhaftung brachte, die größte Rücksicht gegen Sie zur Pflicht machte.“

Brunnow schwieg. Der Polizeidirector, der vergebens auf eine Antwort wartete, fuhr nach einer kurzen Pause fort:

„Er scheint sich noch immer für Sie zu interessiren. Es ist freilich natürlich, daß ihm das Schicksal des einstigen Jugendfreundes nicht gleichgültig ist.“

Der Doctor blickte finster auf. „Weiß man das hier schon? Seine Excellenz der Gouverneur hat doch schwerlich davon gesprochen.“

„Er selbst allerdings nicht. Sie werden es wohl begreiflich finden, daß ein Mann in der Stellung des Freiherrn nicht öffentlich Jugendbeziehungen eingestehen kann, die einen so schroffen Gegensatz zu seiner eigenen Lebensrichtung bilden.“

„Zu seiner späteren Lebensrichtung, meinen Sie;“ die Stimme Brunnow’s klang scharf und hohnvoll. „Mit der früheren waren jene Beziehungen allerdings mehr im Einklange.“

„Sie wollen doch nicht etwa behaupten, Herr von Raven habe jene Bestrebungen gekannt, die Sie auf die Anklagebank führten?“ fragte der Polizeidirector mit einem Lächeln, das darauf berechnet war zu reizen, und diesen Zweck auch erreichte, denn Brunnow begann sichtlich erregt zu werden.

„Ich behaupte nicht allein, daß er sie gekannt, sondern daß er sie im vollsten Maße getheilt hat,“ entgegnete er heftig.

„Ja, ich erinnere mich, er wurde damals auch verdächtigt,“ warf der Andere mit demselben ungläubigen Lächeln hin. „Aber das war Verleumdung. Es gelang dem Freiherrn, sich vollständig von dem Verdachte zu reinigen, denn er wurde in Freiheit gesetzt und erhielt sogar eine Genugthuung für die unschuldig erlittene Haft, die Stelle als Secretär des Ministers.“

„Als Preis seines Verrathes!“ brach der Doctor aus, der keine Ahnung davon hatte, daß man ihn planmäßig in eine immer größere Gereiztheit und Erbitterung hineintrieb, und der es nicht vermochte, länger an sich zu halten. „Es war die erste Stufe jener Leiter, auf welcher er zu seiner jetzigen Höhe emporstieg. Er erkaufte sie mit dem Fall seiner Freunde, mit dem Verrath an seiner Ueberzeugung und seiner Ehre.“

„Herr Doctor, mäßigen Sie sich!“ ermahnte der Polizeichef mit entrüsteter Miene. „Das ist ja eine furchtbare Beschuldigung, die Sie gegen den Gouverneur schleudern. Es kann nur ein Irrthum oder eine Unwahrheit sein.“

„Eine Unwahrheit?“ rief Brunnow, in vollster Leidenschaft auflodernd. „Ich sage Ihnen, daß es die Wahrheit ist, aber Sie halten natürlich den Freiherrn von Raven dessen nicht fähig. Sie halten mich eher für einen Lügner, einen Verleumder.“

„Ich habe nichts dergleichen andeuten wollen, aber ich möchte doch ernstlich daran zweifeln, daß Sie es wagen würden, das eben Geäußerte vor Anderen zu wiederholen.“

„Ich würde es nöthigenfalls vor der ganzen Welt wiederholen. Ich würde es Raven selbst in’s Antlitz schleudern, wie ich das schon einmal that, als –“ Brunnow hielt plötzlich inne, die gar zu lebhafte Spannung auf dem Gesichte seines Zuhörers brachte ihn zur Besinnung. Er vollendete den Satz nicht, sondern wendete sich unmuthig ab.

„Sie wollten sagen –“ half der Polizeidirector ein.

„Nichts, gar nichts!“ war die störrische Antwort.

„Ich begreife Sie wirklich nicht. Wenn die Sache sich so verhält, so haben Sie doch nicht den mindesten Grund, den Gouverneur zu schonen.“

„Ich schone ihn nicht,“ sagte Brunnow finster, aber ich will an dem, den ich einst Freund genannt habe, nicht zum Denuncianten werden. Wenn ich diese Waffen überhaupt gegen ihn hätte brauchen wollen, so wäre es längst geschehen. Sie treffen sicherer und tödtlicher als der Angriff eines Winterfeld, [488] denn sie sind in Gift getaucht – aber eben deshalb ist es nicht meine Art sie zu führen.“

„Das ist ohne Zweifel sehr edel gedacht, außerordentlich edel, aber ich meine doch –“

„Ich bitte, berühren wir die Sache nicht weiter!“ unterbrach der Doctor den Sprechenden. „Wozu diese längstvergangenen Dinge an das Tageslicht ziehen? Mögen sie begraben bleiben!“

Dieses plötzliche Abbrechen war nun allerdings nicht nach dem Sinne des Polizeidirectors. Er hätte gern das Gespräch fortgesetzt, sah aber, daß man ihm nicht ferner Rede stehen werde. Die Hauptsache war jedoch erreicht, er wußte, was er wissen wollte, und deshalb kostete es ihn keine allzugroße Ueberwindung, auf andere Dinge überzugehen und sich alsdann zu verabschieden. Brunnow blickte ihm unruhig nach. „Kam er wirklich nur, um mich zu dem Begnadigungsgesuch zu veranlassen?“ sagte er halblaut, „oder fand das Verhör Raven’s wegen statt? Ich fürchte es beinahe, das gespannte Aufhorchen dieses Polizeimenschen war mir verdächtig. Ich wollte, ich hätte mich ihm gegenüber nicht so fortreißen lassen.“




In den Straßen der Residenz wogte trotz der Abendstunde und der unfreundlichen Herbstwitterung noch das unruhige, rastlose Treiben der Großstadt. Die Wagen rollten und jagten nach den verschiedensten Richtungen hin, die Fußgänger drängten sich auf den Trottoirs und an den hellerleuchteten Kaufläden und nur in den vornehmeren Stadtvierteln, die abseits von den eigentlichen Haupt- und Verkehrstraßen lagen, herrschte Ruhe und Stille.

In dem Zimmer, das sie gegenwärtig im Selteneck’schen Hause bewohnte, saß Gabriele Harder allem und ganz jenem trüben Nachdenken hingegeben, das ihr jetzt so oft nahte und aus dem übermüthigen, lebensprühenden Mädchen eine völlige Träumerin zu machen drohte. Sie war bereits in voller Toilette, da man heute Abend in die Oper fahren wollte, aber sie dachte offenbar nicht daran und zerdrückte, in einen Fauteuil geschmiegt, achtlos die Spitzen ihres Kleides.

Wenn irgend etwas Gabriele hätte zerstreuen können, so wäre es dieser Aufenthalt in der Residenz gewesen, wo sie und ihre Mutter mit großer Liebenswürdigkeit empfangen wurden. Die Gräfin Selteneck war eine intime Freundin der Baronin; sie hatten früher viel im Harder’schen Hause verkehrt und war auch nach dem Tode des Barons mit dessen Wittwe in stetem Briefwechsel geblieben. Das Wiedersehen war für beide Damen ein gleich großes Vergnügen, und die Gräfin, die selbst keine Kinder besaß, verwöhnte und verzog die reizende Tochter ihrer Freundin in jeder nur möglichen Art.

Die Baronin hatte erst hier von dem gegen Raven geschleuderten Angriffe erfahren, aber sie war viel zu oberflächlich, um den Ernst und die Bedeutung der Sache zu würdigen, die in ihren Augen eine vorübergehende Verdrießlichkeit war, wie etwa die Revolution in R. Es fiel ihr nicht im Entferntesten ein, daß die Stellung des Freiherrn dadurch bedroht werden könnte; seine Angelegenheiten interessirten sie überhaupt nur insofern, als ihre eigene Zukunft dabei in Frage kam. Frau von Harder hegte bekanntlich nicht die mindeste Sympathie für ihren Schwager, sie fürchtete ihn höchstens. Allerdings war sie empört über die „Unverschämtheit“ dieses Winterfeld, in dessen Benehmen sie nur einen Act persönlicher Rache für die empfangene Zurückweisung sah, aber sie zweifelte nicht daran, daß der Freiherr dem Verwegenen die verdiente Züchtigung werde zu Theil werden lassen. Im Uebrigen sah sie keine Veranlassung, sich mit diesen unerquicklichen Dingen zu plagen, die jedenfalls längst abgethan waren, wenn man nach Hause zurückkehrte. Die Herbstmoden, die Soiréen und Opernvorstellungen waren weit interessanter.

Daß ihre Tochter es nicht wagen würde, nach der Beleidigung, die Assessor Winterfeld dem Freiherrn zugefügt hatte, die Beziehungen zu dem Ersteren wieder anzuknüpfen, galt der Baronin als ausgemacht. Ihre Sorge richtete sich nur darauf, eine zufällige Begegnung zwischen den Beiden zu verhindern, was in der That nicht schwer war. Georg verkehrte nicht in den Selteneck’schen Kreisen, und Gabriele war sich hier in den fremden Umgebungen nie allein überlassen. Sie hatte auch wirklich keinen Versuch gemacht, dem jungen Manne Nachricht von ihrem Hiersein zu geben, bebte sie ja doch selbst vor diesem Wiedersehen zurück. Wie sollte sie Georg entgegen treten, mit der Liebe zu einem Andern im Herzen! Was sich auch in der letzten Zeit zwischen sie und Arno gedrängt hatte, selbst seine Härte und Ungerechtigkeit vermochten es nicht, sein Bild zu bannen, und der Gedanke an die Gefahr, die ihn bedrohte, hob dieses Bild nur immer deutlicher hervor. Gabriele konnte besser als ihre Mutter die ganze Tragweite jenes Angriffs ermessen; sie folgte schon seit Wochen mit fieberhaftem Interesse der Entwickelung. Sie, die sonst kaum einen Blick in die Zeitungen that, suchte jetzt nach jeder Notiz, haschte im Gespräch nach jeder Bemerkung, die den Freiherrn betraf.

Winterfeld’s Schrift mit ihren Anklagen entrollte auch dem jungen Mädchen das wahre Bild Raven’s, das sie in jedem Zuge anerkennen mußte, enthüllte ihr all die Schattenseiten seines Charakters, und dem gegenüber erhob sich Georg’s Gestalt, so rein, so fest und edel in der muthigen Aufopferung einer ganzen Zukunft für das, was ihm Pflicht und Gewissen hieß – aber was half das alles! Die ganze Seele Gabrielens flog dem finsteren, despotischen Manne zu, stand an seiner Seite im Kampfe, bangte und ängstigte sich um seinetwillen, und gegen Georg regte sich ein Gefühl der Erbitterung, denn er war es ja gewesen, der den Geliebten angegriffen und beleidigt hatte.

Der Schlag der Uhr auf dem Kamin weckte Gabriele aus ihren Träumereien und erinnerte sie daran, daß es Zeit sei, sich für die beabsichtigte Fahrt nach dem Theater fertig zu machen. Sie warf das Spitzentuch um, zog die Handschuhe an und ging nach dem Salon hinüber, wo sich ihre Mutter bereits mit der Gräfin Selteneck befand.

(Fortsetzung folgt.)



Blätter und Blüthen.

Die Wände bekommen Ohren. „Daß man in dieses verwünscht schalldichte Conferenzzimmer nur ein winziges Mikrophon, still und klein wie ein Mäuschen, einschmuggeln könnte!“ so klagte in den ersten, an Enttäuschungen reichen Tagen der Berliner Conferenz einer der vielen, dazumal beinahe ganz auf ihr inneres Ohr – die Phantasie – angewiesenen Zeitungscorrespondenten. In der That, so ein kleines, unter dem Hufeisen-Tische, hinter dem Spiegel an der Wand oder einem Oelgemälde verborgenes Mikrophon hätte vermittelst zweier unter der Tapete verborgener Drähte Alles nach außen vermelden können und kein „Hum! Hum!“ Gortschakoff’s, kein Seufzer der Türkei wäre der Publicität verloren gegangen. Vor zweihundert Jahren hat sich der Jesuitenpater Athanasius Kircher die erdenklichste Mühe gegeben, Einrichtungen auszuklügeln, durch welche man die Gespräche eines geheimen Empfangs- oder Conferenzzimmers in der Nachbarschaft belauschen könnte; heute ist die Zeit gekommen, solche Einrichtungen mit der größten Sicherheit aufzuführen, und es ist am besten, daß dies Jedermann erfährt, damit er auf seiner Hut sein kann.

Herr James Blyth hat am 3. Juni c. vor der königlichen Gesellschaft zu Edinburgh eine Arbeit gelesen, die beweist, daß nichts einfacher ist, als die Herstellung von Wänden, die „Ohren“ haben. Ein Einmacheglas oder eine kleine Holzschachtel, mit gröblich zerkleinerter Gaskohle gefüllt, können schon als solche dienen, wenn man die beiden Enden einer von einem elektrischen Strome durchflossenen Metallleitung einander gegenüber in diesen Kohlengrus einschiebt. Jedes Wort, welches in einem Zimmer gesprochen wird, in dem ein oder mehrere solcher Behälter aufgestellt oder aufgehängt werden, ist in einem fernen damit verbundenen Telephon deutlich verständlich, und das Mikrophon hat sogar vor einem Absendetelephon noch den Vortheil voraus, daß es auch die Zischlaute deutlich übermittelt. Man ersieht daraus, daß jedes Wort, welches wir sprechen überhaupt jedes Geräusch, alle in dem Zimmer befindlichen Gegenstände in völlig gleichartige Mitschwingungen versetzt. Alles nimmt Theil an unserer Unterhaltung.

Noch merkwürdiger war die fernere Beobachtung Blyth’s, daß einige größere Kohlenstückchen, mit Wasser übergossen, sodaß dasselbe leicht darüberstand, einem fernen Telephon die in der Nähe ausgestoßenen Töne selbst ohne einen den Leitungsdraht durchkreisenden elektrischen Strom übermittelten, also Ströme aus sich selber erzeugten. Ja, statt des Telephons konnte ein zweites primitives Mikrophon dieser Art als Empfänger dienen, und nicht nur jedes Wort, sondern auch die Stimme der einzelnen Personen konnten unterschieden werden. Mehrere Versuche – um dies nebenbei zu bemerken – lassen vermuthen, daß selbst schwerhörigen Personen hier Hoffnungen erblühen, die das Mikrophon zu einem Wohlthäter für dieselbe machen werden. Wenn aber Jemand annimmt, er sei gegen einen heimtückischen Lauscher sicher, wenn er nach Abnahme der Tapete die Abwesenheit einer Drahtleitung festgestellt hat, so irrt er; denn was wird er sagen, wenn man ihm heimlich in’s Zimmer eine in einem Kästchen verborgene Verbindung von Mikrophon und Phonograph brächte, die brühwarm Alles aufschriebe, was in einem solchen Zimmer zu einer bestimmten Zeit gesprochen würde? Und wenn nun gar ein schlechter Mensch solche Vorrichtungen in einem Beichtstuhle anbrächte? Ist da nicht ein Grund mehr, den Katholiken die Frage nochmals näher zu legen, ob die Ohrenbeichte ein absolutes Erforderniß für die Seligkeit ist?


  1. Zu Schar’n gehn – scheitern.
  2. Bei dem Interesse, welches die Berliner Conferenz in allen Kreisen der internationalen Leserwelt erweckt hat, dürfte obiger Artikel, dessen Abdruck durch die zeitraubende Herstellung unseres Blattes leider verzögert wurde, auch nach dem muthmaßlich inzwischen erfolgten Schluß jener Diplomatenversammlung unseren Lesern nicht unwillkommen sein.
    D. Red.