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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1878
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1878) 489.jpg
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[489]
Aufg’setzt.
Eine baierische Bauerngeschichte.
Von Herman von Schmid.
(Fortsetzung)
Nachdruck und Dramatisirung verboten.
Uebersetzungsrecht vorbehalten.

Das Stück nahm fortan seinen ruhigen Verlauf. Mit jedem Abschnitt, ja mit jeder Scene wuchs die Wirkung. Lautes Schluchzen begleitete das Gespräch, als die unglückliche Dulderin im Walde durch die rührende Kraft ihrer Bitten das Herz der Mörder zu erweichen suchte; ein Ruf der Bewunderung begrüßte und begleitete den Auftritt, als Genoveva später erschien, auf dem Schooß den kleinen Schmerzensreich haltend, einen lieblichen Krauskopf, den das dunkle Thierfell allerliebst kleidete, zu ihren Füßen die Hirschkuh geschmiegt, welche zu ihr empor sah, als ob sie verstünde, was um sie vorgehe. Als nun vollends Genoveva’s Unschuld entdeckt war und der betrogene Gatte die Todtgeglaubte mit dem Sohne wiederfand, als Siegfried ihren Arm faßte, um sie auf sein Schloß zurückzuführen, und als der Knappe Kaspar den Knaben auf der Hirschkuh reiten ließ und Beide hinterher führte, da war die Bewegung allgemein. Es ist nicht üblich, in solchen Komödien Beifall zu äußern; man hält es für eine Entweihung der Sache, in laute Zeichen des Gefallens auszubrechen, aber die zurückgedrängte Empfindung haftet dafür um so tiefer und begleitet die Beschauer nach Hause, um noch nach Jahren in ihnen lebendig zu sein wie am ersten Tage.

In wenigen Augenblicken hatte sich die aufgestaute Fluth auf den Platz zwischen Theater und Wirthshaus entleert und diesen wie früher gefüllt. Alles athmete auf, froh, aus dem engen Gebäude in den freien Himmelsraum, aus dem Dunkel zum Licht, aus der dumpfigen, eingeschlossenen Atmosphäre in die frische, lebendige Abendluft entronnen zu sein, die von der tief stehenden Sonne erfrischend daher strömte, wie ein letzter Gruß von dieser, ihren nahen Untergang zu verkünden.

Die Spieler waren natürlich die Letzten, welche das Gebäude verließen. Sie brauchten Zeit, ihre verschiedenen Gewänder abzulegen und in die des gewöhnlichen Lebens und Tages zu schlüpfen.

Der Oberforstrath mit seiner Familie hatte seinen Platz unter dem Nußbaum wieder aufgesucht und Gertl zu sich gerufen, als sie in dem jetzt überfüllten Garten flink und sicher zwischen Gästen und Tischen sich hinwand, in jeder Hand mehrere Krüge voll schäumenden Bieres, in der halb aufgeschlagenen Schürze eine Menge von Broden tragend, die sie nach allen Seiten vertheilte. Sie hatte allen Theaterputz ab- und die gewöhnliche, dort übliche Landestracht wieder angelegt.

Aber auch in dieser trat die Anmuth ihres Wesens unverändert hervor. Ein niedriger, weit ausgeschnittener Spenser aus hellblauem Tuch mit kurzen, wenig über die Ellenbogen reichenden Aermeln umgab den schlanken Leib, der vorn durch ein knappes, mit Silberketten umschnürtes Mieder zusammen gehalten war. An dasselbe – bis an den Hals aufsteigend – schloß sich ein fein obgenähter Goller von rother Seide, über welchem wieder ein leicht geschlungenes Halstuch aus schwarzem Flor mit einer Silberfiligranschnalle herunterfiel. Ein dunkler Rock mit weißer Schürze darüber, Beinlinge oder Wadenstrümpfe, breit ausgeschnittene Schuhe mit Bandrosen darauf vollendeten den Anzug, welchen die eigenthümliche Kopfbedeckung zu einem so anmuthigen Ganzen abrundete, daß wohl zu bedauern ist, daß die ebenso eigenthümliche wie kleidsame Tracht seit jenen Tagen vollkommen verschwunden und beinahe zur Sage geworden ist, wie die Spitze und die Steinböcke. Der Kopfputz bestand in einem kleinen runden Käppchen aus schwarzem Sammt, das fest am Kopfe anlag und unter seiner dunklen Pelzverbrämung die Haare zu beiden Seiten in reichen Windungen hervorsehen ließ.

Der alte Waldner sowie Lina verfehlten nicht, Gertl über ihr Spiel die freundlichsten Dinge zu sagen, und der Gymnasiast, so viel er auch an der Bauernkomödie auszusetzen fand, stand verlegen bei Seite und sah mit halb fragendem, halb staunendem Blick auf das ungelehrte Bauernmädchen, dem es ohne Wissen und Kennen gelungen war, auch ihn vergessen zu machen, daß es nicht die Künstler des Münchener Hoftheaters waren, die ihn zu ergreifen vermocht hatten.

In der Nähe hatte auch Gori, der gewesene Golo, sich seinen Platz gewählt, aber obwohl Gertl nicht umhin konnte, auch ihn zu bedienen, that sie es so gleichmütig, daß wohl Niemand erraten hätte, wie nahe die Beiden erst vor kurzer Zeit vor und hinter der Bühne einander gestanden hatten.

Die allgemeine Freude über das Gelingen der ersten Komödie hatte auch den Wirth so weit milder gestimmt, daß er dem Tiroler Stummerl nicht wehrte, sich ebenfalls im Garten niederzukauern, und daß er sogar der Gertl befahl, auch ihm einen Krug zu reichen, den ihr dieser, wie zuvor an der Zaunlücke liegend, ungestüm aus der Hand riß und an den Mund setzte, als gälte es den Durst von Wochen zu stillen. Sein finsteres Auge funkelte dabei über den Krug hinweg und traf Gertl so unabänderlich, daß sie, unheimlich davon berührt, zurücktrat und in sich hineinmurmelte: „Ein unguter Ding, der! Was er nur

[490] mit mir hat? Wenn er mir allein begegnen thät’, dem thät’ ich ausweichen.“

Die Auszeichnung, welche Gertl allenthalben errang, veranlaßte den Wirth auch, ein Auge zuzudrücken, als sie von seinen vornehmsten Gästen in ein Gespräch verwickelt wurde – war es doch auch ihm, dem Hause wie dem Dorfe eine Ehre, daß sie das Mädchen mit solcher Freundlichkeit behandelten. Die Fremden luden sie ein, den Rest des Abends im Gespräch bei ihnen zuzubringen, aber sie weigerte sich so entschieden, daß sie bald einsehen mußten, daß eine Erfüllung ihres Wunsches von dem willensstarken Mädchen nicht zu hoffen war.

„Ich will meine Schuldigkeit thun,“ sagte Gertl, „und aushelfen, wie ich es dem Wirth versprochen hab’, damit er mich nicht umsonst zahlt! Dann geh’ ich heim; es ist ja nicht weit; in einer halbe Stunde bin ich dort, und beim Vollmond ist ganz gut gehen. Ich hab’ es meiner Mutter versprochen, heim zu kommen; morgen in aller Früh muß ich wieder bei der Arbeit sein. Oben hinter dem verfallenen Schloß, wo das Bauerngütl des italienischen Grafen liegt, dem der Falkenstein gehört, muß das Grummet am Schloßberg und an den Hängen gemäht werden. Die Mutter ist gar scharf; ich bekäm’ drei Tage kein gutes Gesicht, wenn ich nicht zur rechten Zeit da wäre.“

Immer tiefer sank der Abend in’s Thal, und kühle Dämmerung legte sich über den bald leer gewordenen Garten; das Rollen der abfahrenden Wagen verstummte allmählich, und auch die Stimmen der Fußgänger verklangen in immer wachsender Entfernung. Als der Mond durch die Krone des Nußbaumes schien, brachen auch die Fremden, von den Ereignissen des Tages ermüdet, auf, um ihr Nachtlager zu suchen. Die Thür des Wirthshauses schlug krachend zu, und über dem ganzen, erst kurz vorher noch so lebensvollen Dorfe breitete sich die Stille der Nacht.

Gertl hatte sich unbemerkt auf den Weg gemacht und schritt auf der ebenfalls schon menschenleeren Straße dahin, um in einiger Entfernung vom Orte einen Wiesenpfad einzuschlagen, der um eine bedeutende Strecke näher an ihre Heimath führte.

Heiliges Schweigen war um sie her.

Nur hie und da war der Schrei eines Käuzleins zu vernehmen, das von den Bergen her seinen Nachtflug begann, oder aus den fernen Tümpeln der Inn-Auen herauf schmetterte der Ruf eines Wasservogels. Rings war kein menschliches Wesen, kein Laut eines solchen zu gewahren. Die einzige Spur menschlichen Daseins verrieth seitwärts vom Wege ein schwacher, aber klarer Lichtschein, der in ziemlicher Entfernung aus einer Gruppe von Bäumen hervorschimmerte, als erbiete er sich, der einsamen Wanderin zum Wegweiser zu dienen.

Die Herrlichkeit der Nacht verfehlte ihre Wirkung nicht auf das durch die Begebenheiten des Tages vielfach erregte Gemüth des Mädchens. Ihr Schritt ward allmählich langsamer – dann stand sie still und blickte tief aufathmend um sich her in die balsamische Nacht. Das Licht kam von dem einsam gelegenen Forsthause, und wie von ihm geweckt, stieg ihr die Erinnerung an die Tage der Kindheit auf und gemahnte sie, wie oft sie diesen Weg gemacht, als sie noch von ihrer Heimath nach Flintsbach in die Schule ging oder von derselben heimkehrte. Am Wege stand ein niedriges steinernes Feldkreuz, wie sie oft in den Fluren angetroffen werden, ein Zeichen, daß an diesem Orte eine Blutschuld haftete und durch Aufstellen des Kreuzes gesühnt werden wollte. Ohne ermüdet zu sein, setzte sie sich auf den Steinarm des Kreuzes und dachte daran, daß damals gar oft, ja fast immer, wenn sie zur Schule kam, an diesem Kreuz ein hübscher, kraushaariger Bube gesessen hatte, der Sohn des Jagdgehülfen, der ihrer wartete, um sie von und nach der Schule zu geleiten. Eines Morgens dann hatte der Knabe gefehlt und war nicht wiedergekommen, weil er mit den Eltern in eine andere Gegend gezogen war. Ein eigenes Gefühl, fast wie Wehmuth, beschlich ihr die Seele; sie versank immer tiefer in Gedanken, sodaß sie beinahe die Heimkehr vergaß und nicht beachtete, daß der Glockenschlag vom entfernten Kirchthurm schon die zehnte Stunde verkündete. –

Plötzlich fuhr sie erschrocken empor, denn an dem Grasrain hinter dem Kreuz regte sich etwas, und im nächsten Augenblicke stand Gori vor ihr; der volle Strahl des Mondes, der ihm in’s Gesicht fiel, ließ den Hohn, den Grimm und all die Leidenschaft erkennen, die sich in den verzerrten Züge ausdrückte.

„Du da?“ rief sie überrascht, während es sie zugleich wie plötzliche Furcht überrieselte und ihr den Athem benahm. „Was willst Du, daß Du mir um die Zeit in den Weg kommst?“

„Wie kannst so fragen?“ entgegnete er lachend. „Die Antwort kannst Du Dir selber geben. Ich hab’ ja schon heut Nachmittag mit Dir davon geredt. Da waren zu viel Leut’ um uns herum; jetzt sind wir allein; jetzt will ich Dir unter vier Augen nochmal sagen, was ich gesagt hab’. Ich denke mir, Du hast Dir’s vielleicht auch besser überlegt seitdem und hast jetzt vielleicht eine andere Antwort für mich.“

„Du plagst Dich und mich umsonst,“ sagte sie, all ihren Muth zusammenraffend, dennoch aber außer Stande, die Furcht vor dem unheimlichen Burschen ganz zu verbergen. „Ich denk’, ich hab’ Dir die Antwort deutlich genug gesagt, daß Du wissen kannst, woran Du bist.“

„Als wenn man mit Euch Weibsleuten jemals wüßte, woran man ist,“ entgegnete Gori. „Ihr seid alle über einen Leisten geschlagen und spreizt Euch gerade da am meisten, wo Ihr am liebsten Ja sagen möchtet. Drum geht man am sichersten, wenn man nicht lang’ fragt und gleich zulangt. Ihr wißt halt, daß man um eine schwarze Kirsche noch ’mal so hoch steigt, als um eine andere. Jetzt sind wir allein, weit und breit sieht und hört uns kein Mensch – –“

Gertl kam nicht dazu, etwas zu erwidern; schon im nächsten Augenblicke hatte er sie gefaßt und preßte sie mit wilder Leidenschaft an sich. Es war unmöglich, der Kraft des Armes zu widerstehen, welcher Stand gehalten hatte, um sich an dem Seile der Ueberfuhr schwebend bis über den Innstrom zu halten. Aber auch die Kraft des Mädchens wuchs mit der Entrüstung über den schändlichen Hinterhalt, und keuchend rang sie mit dem Burschen; aber als sie eben ihre Kraft erlahmen fühlte, fand sie sich plötzlich befreit und sprang aufathmend zur Seite.

Am Boden neben ihr kollerte Gori den Abhang des Rains hinunter, nachdem er zuvor im Zusammensturz an die Kante des Steinkreuzes angeschlagen, daß ihm das Blut vom Kopfe schoß. Ueber ihm stand eine hoch aufgerichtete Männergestalt, die in der Nähe versteckt gewesen sein mußte und eben recht kam, des Mädchens Erretterin zu werden.

Es war der Tiroler Stummerl.

Vergebens suchte Gori sich des Ueberfalls zu erwehren und den Angreifer, auf den er wie ein wildes Thier losstürzte, niederzuringen. Der Blödsinnige war ihm offenbar überlegen und deckte ihn wie einen schwanken Zweig zu Boden; vielleicht machte auch der Schmerz der Wunde und das strömende Blut seine Vertheidigung schwächer.

„Verfluchter Fex!“ rief er, „was thust? Was willst Du da? Wie kommst Du jetzt daher?“

Der Stummerl lachte thierisch auf und deutete ihm mit dem ausgestreckten Arm gegen den Inn, daß er sich entfernen solle. Und trotz aller Keckheit schien es dem Burschen gerathen, dem Winke zu folgen.

„Das denk’ ich Dir, Du Troddel!“ rief er, sich vollends aufraffend. „Wenn Du mir wieder in den Weg kommst, mach’ Dich gefaßt, dann ist’s Dein Letztes! Dir aber, Madel, Du Teufel von einem Weib, Dir drück’ ich’s in ein Wächsel, was Du mir gethan hast. Du willst nichts von mir wissen? Gut, mir steht die Nase gerade so hoch als Dir. Jetzt werd’ ich auch mit keinem Gedanken mehr an Dich denken, aber eintränken will ich Dir den heutigen Tag. Jetzt, wenn Du mir auf den Knieen nachrutschen und mit aufgehobenen Händen mich bitten wolltest, daß ich Dich nähm’ – jetzt thät’ ich Dich mit den Füßen zurückstoßen. B’hüt Gott! Schöne Genoveva. Du sollst mir an den heutigen Tag denken und verlaß Dich drauf, ich will’s pfiffiger anfangen als der dumme Golo.“

Er sprang den Rand der Straße hinauf, eilte quer über diese hinweg und verschwand jenseits in den Gebüschen, die sich nach den Auen des Inns hinunterzogen.

Gertl hatte sich aufgerafft und stand verwundert vor dem blöden Krüppel, der ihr nicht gebückt wie sonst, sondern aufrecht gegenüberstand, und den der Stelzfuß in seiner Bewegung und im Steigen nicht im Mindesten behindert zu haben schien.

„Fürcht’ Dich nicht, Madel!“ sagte er; „ich laß’ Dir nichts thun. Der Stummerl hat aufgepaßt und wird schon sorgen, daß Dir nichts geschieht.“

[491] „Geh’ mir aus dem Weg, Du garstiger Ding,“ sagte sie mit abwehrender Bewegung; „ich will nichts wissen von Dir – ich hätt’ mir wohl selber geholfen. Was ist das für eine Art, daß Du mir nachschleichst, und wie schauest Du mich an bei jeder Gelegenheit, als wenn Du mich erstechen wolltest! – Und wie ist denn das?“ setzte sie bedächtiger hinzu: „Du kannst ja auf einmal viel besser reden, als wie heute Nachmittag? – Und Du bist auch gar nimmer so krumm? Geh’ mir aus dem Weg, sag’ ich noch einmal, Du kommst mir verdächtig vor. …“

Der Krüppel unterbrach sie durch dasselbe unverständliche Lallen, das sie früher von ihm gehört; er knickte wieder zusammen und stieß nur mühsam einzelne Worte heraus. „Stummerl brav – Stummerl nit bös – Dich begleiten – er könnt’ nochmal kommen –“

„Der kommt wohl sobald nicht wieder,“ lachte Gertel, sich zum Gehen anschickend. Nach den ersten Schritten hielt sie jedoch an und kehrte zu dem Krüppel zurück. „Es ist nicht recht von mir, daß ich Dich so angefahren hab’,“ sagte sie, sich selbst begütigend, in freundlichem Tone. „Du meinst es ja gut mit mir und bist ja doch ein armes Leut. – Ich dank Dir also recht schön, daß Du mir so beigestanden bist, und wenn Dich der Weg an meiner Heimath vorüberführt, dann kehr’ ein! Ich will Dir was schenken. Deine Begleitung brauch’ ich aber nicht; auf dem Katzensprung geschieht mir wohl nichts mehr. – Und dann,“ setzte sie, aufathmend und wie nach dem überstandenen Schrecken in den gewohnten Frohmuth übergehend, hinzu, „dann wär’s doch nicht recht rathsam, mich von Dir heimführen zu lassen; die Leut’ sind einmal gar zu bös; ich könnt’ leicht in’s Gerede kommen mit Dir.“

Lachend eilte sie hinweg und gewahrte es in der Eile nicht, daß der Krüppel ihr kurze Zeit nachsah, dann aber seitwärts auf einem Nebenweg über Flur und Hecken ihr wie ein Schatten folgte, – so schnell, ja schneller, als nach seiner körperlichen Beschaffenheit möglich schien. –

Der Entflohene hatte seinen Weg nur so weit verfolgt, bis es möglich war, aus einem Versteck zu übersehen, was in der Gegend vorging. Nach längerem Umherspähen eilte er auf dem Pfade dahin, der ihn am schnellsten zu seiner Wohnung führte.

Unweit des Gestades lag eine Hütte, die schon längst bis auf die Spur verschwunden ist, ärmlichen und selbst bedenklichen Aussehens und häufig trotz der kleinen Anhöhe, auf der sie stand, bei hohem Wasserstand gleich einer Insel, vom übrigen Lande abgeschnitten und unzugänglich. Die Hütte war vor Jahren aus Anlaß eines Wasserbaues errichtet worden, als aber der Bau beendet war, stehen geblieben, weil ein Zimmerer sich darin eingerichtet hatte, ein wackerer Mann, dem man es seiner Tüchtigkeit wegen wohlwollend nachsah, daß er darin wohnen blieb, die Hütte allmählich als sein Eigenthum betrachtete und mit Geschick zu einer ständigen Wohnung einrichtete. Man ließ es sogar geschehen, daß er ein Weib hineinführte, und übertrug ihm nur die Verpflichtung gewisser Uferarbeiten, sowie der Aufsicht in den Inn-Auen.

Einige Jahre ging das ganz gut. Es ergab sich keinerlei Anstand; dann aber kam das Unglück über den erst unscheinbaren, allmählich behäbiger gewordenen Bau. Der wackere Zimmergeselle war auch ein der Schifffahrt wohl kundiger Mann. Die Schifffahrt auf dem Inn aber war damals noch höchst lebhaft, wenn sie jetzt auch fast bis auf die Erinnerung verschwunden ist, das gleiche Loos erlebend, wie die Steinböcke, die Spitze und die schönen kleidsamen Trachten des Volkes. Damals ging jeden Tag eine Reihe großer Lastschiffe auf dem Innstrome, in der Raufahrt (das heißt dem Strome nach) bis in die Donau, oder aufwärts in der Gegenfahrt mit Pferden, deren oft sieben nach einander angespannt waren und an einem langen Seile die Schiffe stromaufwärts schleppten. Der Mann wurde oft gerufen, auszuhelfen, wenn es galt, einen tüchtigen Vorderstangenreiter zu finden, dessen Aufgabe es war, den Hufschlag (so hieß der Saumweg) am Ufer entlang einzuhalten und dafür zu sorgen, daß das Seil durch nichts gehindert werde. Es gehörte zu diesem Geschäfte so viel Geschicklichkeit wie Muth, denn nicht selten kam es vor, daß das Seil riß oder durch irgend ein Hinderniß in gefährliches Schwanken gerieth. In einem solchen Falle geschah es dann nur zu oft, daß Roß und Mann in den Strom geschleudert wurden.

Auch dem wackeren Zimmermann war dieses Loos beschieden. Als er einmal wieder abgestiegen, um einen Aufenthalt zu beseitigen, faßte ihn unvermuthet das Seil und schnellte ihn mit Riesenwucht weit in den Strom hinab, sodaß ihn derselbe trotz der zugeworfenen Stricke und Haken erst weit unten, aber ganz in der Nähe seines Heims, als Leiche an’s Ufer warf. Man brachte ihn der halbverzweifelnden Wittwe ins Haus und es mochte ihr ein schlimmer Trost sein, als ihr die Schiffsleute versicherten, daß er den Ehrentod im Berufe gestorben sei: das könne Jedem geschehen, sagten sie, „von dem Seile geschnackelt zu werden, aber er sei untergegangen wie ein Mann und habe nicht einmal nur Hülfe geschrieen …“ Mit ihm war das Glück und auch der kleine Wohlstand aus der Hütte verschwunden. Die Wittwe mußte nun darauf bedacht sein, selbst durch kleinen Erwerb das dürftigste Brod für sich und Gori, der damals kaum aus den Kinderjahren getreten, zu schaffen und um diesem Erwerbe nachgehen zu können, mußte sie fast immerwährend von Hause fort sein und den Knaben sich selbst überlassen.

Er kam natürlich selten zur Schule, aber er verwilderte nicht: der tüchtige Kern seines Vaters schien in ihm zu stecken. Er hatte nur ein trotziges und scheues Wesen, vermöge dessen er sich von Allen, auch seinen Altersgenossen, zurückzog und jede Annäherung zurückwies, bis man ihm allseitig den Willen that und ihn sich selbst überließ. Das Einzige, woran er mit einer Art Leidenschaft hing, war seine Mutter, und als mit der Kraft auch die Möglichkeit des Selbstverdienens gekommen, war es seine Lust und sein einziger Stolz, für sie zu sorgen und durch Arbeit ihren Zustand erträglich zu machen.

Das Alles sollte sich eines Tages ändern.

Es war der Tag, an dem er ein hübsches Mädchen kennen lernte, an das er sich, ungestüm wie er war, sogleich mit ganzer Gemüthskraft hing. Das Andenken des Vaters und auch die Mutter waren jetzt vergessen; er arbeitete wohl noch, ja angestrengter als bisher, aber nicht mehr für diese, sondern für das Mädchen, um ihr schenken und selbst so vor ihr erscheinen zu können, daß er mit den anderen Bewerbern, deren kein Mangel war, in die Reihe treten konnte. Wie durch einen Blitz, welcher gezündet hat, war ihm mit Einem Schlage der Unterschied zwischen seiner Stellung und jener der anderen, reicheren Bursche klar geworden, und der Trieb nach Besitz und Reichthum loderte grell in ihm auf. Der naheliegende Gewinn durch Schwärzerei trat verführerisch vor seine Seele. Er sah das Beispiel an Anderen, von denen man wußte, daß sie heimlich dasselbe Geschäft betrieben und sich dabei in Reichthum und Wohlleben befanden, und er folgte dem Beispiel. Der Erfolg blieb nicht aus. Er erwarb bald einen kleinen Schatz und sah mit zitternder Begierde den Tag immer näher kommen, an welchem er auch den Schatz seines Herzens in die mit Sorgfalt ausgebesserte und geschmückte Hütte als Frau einzuführen vermögen würde.

Die Mutter legte ihm nichts in den Weg. Seit dem Tode ihres Mannes war sie immer stiller und zuletzt tiefsinnig geworden und ließ Alles um sich her gleichgültig und theilnahmslos geschehen. Auch die Liebe des Sohnes schien sie nicht tiefer zu berühren, jetzt aber, da sich dieser von ihr abgewendet, vermißte sie dessen Zuneigung schwer und trachtete um so eifersüchtiger nach Zeichen derselben, als sie früher sich gleichgültig dagegen erwiesen hatte. Diese Gemüthsverstimmung war immer mehr gewachsen und zuletzt in einen an Stumpfsinn grenzenden Zustand übergegangen.

Da griff ein finsteres Schicksal zum zweiten Male in Gori’s Leben. Es kamen verhängnißvolle Tage, mit welchen die Nachricht durch die Dörfer lief, das Mädchen, das in wenig Wochen seine Frau werden sollte, sei Nachts von einem der vielen geländerlosen Stege, die in der Gegend über die Altwasser des Inn führen, hinunter gestürzt und als Leiche gefunden worden – nicht weit von der Stelle, an der einst der wackere Stangenreiter gelegen, und in gleichem Zustande, wie er.

Der Vorfall machte in der ganzen Gegend gewaltiges Aufsehen, und mit dem Gerücht flog der Argwohn durch das Land, als ob es bei diesem plötzlichen und unerwarteten Todesfall nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen sei. Aber mit dem Argwohn machten auch alle die Erwägungen die Runde, welche die Grundlosigkeit des Verdachtes unwiderleglich darthaten.

[492] Das Mädchen war am Morgen desselben Tages mit ihrem Bräutigam und dessen Mutter in’s Kaiserliche gegangen, um einige für den neuen Haushalt zu kaufende und drüben besser und billiger zu habende Gegenstände zu erwerben. Sie waren bald zurück und eben zur letzten Ueberfuhr über den Inn rechtgekommen, von wo dann der Weg abwechselnd durch buschige Niederungen, kleine Gehölze und über mehrere Nebenbäche und Altwasser führt, deren schmale, hohe Stege einen Wanderer voraussetzen, der die schwachen Bretter mit schwindelfreiem Auge zu betrachten und zu betreten vermag. Der Gedanke, daß das Mädchen nicht hinunter gefallen, sondern gestoßen worden, tauchte hier und da auf, aber es fehlte jeder Anhalt zur Begründung. Das Paar hatte sich sehr lieb; bei vielen Anlässen hatten Alle Gelegenheit gehabt, sich davon zu überzeugen. Sie waren schon im Pfarrhofe gewesen, um das Stuhlfest (Verlobung) zu machen, und sollte demselben in wenig Wochen die Hochzeit folgen. Selbst das Gericht hatte Erhebungen eingeleitet, ließ sie aber beruhen, als sich ein Zeuge fand, der den Vorgang mit angesehen und umständlich darüber berichtete, wie das Unglück sich zugetragen.

Nach dieser Aussage war der Zeuge noch am jenseitigen Ufer gestanden; es war Vollmond gewesen, derselbe hatte so hell geschienen, daß weithin Alles zu sehen und ganz genau zu erkennen war, wie am lichten Tage. Gori war voran auf dem Steg gegangen, weil der Vorsicht wegen immer nur Eine Person die dünnen Bretter betreten konnte – in beträchtlicher Entfernung hinter ihm folgte das Mädchen, schon von Anfang an ängstlich und unsicheren Schrittes. Als sie aber in die Mitte gekommen, stieß sie plötzlich einen Schrei aus, wankte – und taumelte im Nu in den Strom hinunter, gerade wo er mit besonderer Tiefe und Schnelligkeit dahinschoß. Die Unglückliche hob nur noch einmal einen Arm empor und versank dann ohne jede Möglichkeit, ihr zu Hülfe zu kommen. Hätte noch irgend ein Zweifel zu bestehen vermocht, so wurde er durch Gori’s Schmerz beseitigt, der anfangs zu so hohem Grade gestiegen war, daß man fürchtete, er werde sich ein Leid anthun.

Der Zeuge aber, der so entschieden aufgetreten, war Gori’s Mutter.

Nach einigen Wochen war das Ereigniß vergessen.

Gori benahm sich von nun an gesetzt und gelassen und war, wie um seinen Kummer zu vertreiben, noch arbeitsamer als vorher; es kam bald so weit, daß man den Burschen eher mit Mitleid, als mit Bedenken betrachtete und, als die Zeit des Spiels herbeigekommen war, keinen Anstand genommen hatte, ihn daran Theil nehmen zu lassen.

(Fortsetzung folgt.)




Aus Robert Blum’s Leben.
7. Wachsender Einfluß. Die deutsch-katholische Bewegung. (1840 bis 1845.)

Dem aufmerksamen Leser dieser biographischen Mittheilungen kann ein wesentlicher Unterschied zwischen den ersten und den letzten bisher veröffentlichten Abschnitten „Aus Robert Blum’s Leben“ nicht entgangen sein. Kindheit, Jugend und erste Mannesjahre dieses Lebens konnten dem Leser fast vollständig vorgeführt werden. Hier war vorwiegend von persönlichen Lebensschicksalen zu berichten, da die ganze Thätigkeit Robert Blum’s auf ein persönliches Emporkommen in materieller und geistiger Hinsicht gerichtet war. Je mehr er aber in das öffentliche Leben eintrat, je vielseitiger und umfassender sein Wirken wurde, je mehr Bekanntes dem Leser zu erzählen war, um so skizzenhafter mußten naturgemäß die Andeutungen dieses Gesammtwirkens sich gestalten. Wenn dagegen schon bisher die den Mann persönlich am meisten kennzeichnenden Züge seines Lebens und Wirkens hervorgehoben wurden, so soll dies auch in diesem und den folgenden Capiteln geschehen; denn in der „Gartenlaube“ können nur Einzelbilder gegeben werden. Wen aber eine vollständige Geschichte von Robert Blum’s Leben und seiner Zeit interessirt, der wird vielleicht gern vernehmen, daß eine solche noch in diesem Herbste im Verlage von Ernst Keil in Leipzig als billiges Volksbuch erscheinen wird.

Was zunächst das ökonomische Wachsthum Robert Blum’s in den Jahren 1840 bis 1845 anlangt, so ist dieses wohl dadurch am besten ausgedrückt, daß Blum sich schon 1843 in Leipzig ein eigenes Hausgrundstück (Nr. 8 der Eisenbahnstraße, an der Leipzig-Dresdener Bahn gelegen) erwerben konnte. Der dazu gehörige große Garten bot Blum reiche Gelegenheit, selbst zu graben und zu pflanzen, was er so gern that. Auch seiner Liebhaberei für die Züchtung edler Tauben konnte er hier behaglich obliegen. Hier wurde ihm sein drittes Söhnchen geboren, das jedoch kaum ein Jahr alt der tückischen Bräune erlag; weiterhin noch eine Tochter und ein Sohn.

Mehr und mehr bildete die Theilnahme und Mitwirkung an allen öffentlichen Interessen das vornehmste Bedürfniß seiner Seele. Selten wohl hat Jemand mit mehr Geschick als Robert Blum und mit größerer Ausdauer als er die verschiedensten Kreise und Persönlichkeiten, auf die er einzuwirken vermochte, dienstbar zu machen gewußt den Zwecken, welche das höchste Streben seines Lebens ausmachten. Dieses Streben aber war die Erziehung seines Volkes zu der großen politischen Arbeit, welche damals kaum noch begonnen war: zur Einheit und Freiheit unseres Vaterlandes. Alles nimmt unter seiner Hand das Gepräge dieses Strebens an.

Schon früher, am Schlusse des fünften dieser Artikel, wurde angedeutet, wie es ihm gelang, den Leipziger Schiller-Verein in diesem Sinne zu gründen und ganz mit diesem Geiste zu erfüllen. Man braucht nur Blum’s zum Schillerfeste gehaltene Reden[1] nachzulesen, um den Hauch dieses Geistes zu spüren. Schon in der ersten Rede, die in diesem Verein gehalten wurde, erklärt Blum: „Die in der neuesten Zeit vorzugsweise erkannte Seite von Schiller’s Wesen, die ihn mit tausend Liebesbanden festkettet an die Herzen seiner Nation und ihn zum Muster und Vorbilde macht für die edelsten Bestrebungen der Vergangenheit, der Gegenwart und Zukunft, ist seine historisch-prophetische Bedeutung, sein Kampf für Wahrheit, Völkerwohl und Freiheit.“ Sofort wird natürlich der Schiller-Verein zu Leipzig in den reactionären Organen des Bundestages, Hannovers etc. verdächtigt, ein politischer Verein zu sein und Götzendienst zu treiben mit Schiller. Darauf antwortet Blum sehr scharf in seiner Rede zum Schillerfest 1842. Er wirft die Frage auf: „Was feiern wir am Schiller-Feste?“ und antwortet: „Seit dem halben Jahrhundert, wo Schiller gelebt und gewirkt, haben wir einen weiten Raum durchlaufen: das Vaterland ward zerrissen und zerstückelt durch den Eigennutz derer, die es zunächst hätten hüten sollen, und wir trugen das schmachvolle Joch der Fremdherrschaft; wir rüttelten wieder an unseren Ketten, zersprengten sie und setzten Gut und Blut an unsere Befreiung, an unsere Freiheit; wir empfanden schnöden Undank und grobe Täuschung; die schon entkeimende Frucht unseres Blutes wurde abgestreift vom Sturm der Willkür, der Gedanke und das Wort gefesselt und die begeisterte Vaterlandsliebe geächtet. Schiller hat uns begleitet auf dem ganzen weiten Wege, hat Jubel und Freude, Schmerz und Entrüstung, Muth und Ausdauer, Duldung und Ergebung, Kraft und Begeisterung, Mäßigung und Klugheit in unsere Seelen gehaucht. ... Der schwierige Weg ist zurückgelegt; vor uns liegt eine offene, eine ebene Bahn. Nicht weil unsere gerechten Forderungen befriedigt, die Güter uns gewährt sind, die wir prompt vorausbezahlten, sondern weil die Gesinnung, die sie erstrebt, so stark geworden im Vaterlande, daß sie unwiderstehlich ist. Was vor einem Jahrzehnt noch leiser Wunsch und tiefe Sehnsucht einzelner Herzen war, was ausgesprochen als Hochverrath galt, um deßwillen Hunderte in den Kerkern schmachteten, Hunderte dem Vaterlande den Rücken kehren mußten – es ist heute der ausgesprochene Wunsch, die laute Forderung jedes Ehrenmannes; es erschallt aus allen Gauen, aus jedem Herzen, aus jedem Munde; es erschallt selbst von den Festtafeln der Fürsten. ‚Ein einiges, großes, starkes Vaterland! Fest wie seine Berge.‘[2] Die Idee hat gesiegt; sie ist Fleisch und Blut, ist allmächtig geworden trotz aller Verfolgung

[493]
Die Gartenlaube (1878) b 493.jpg

„Hab’ ich Dich?“
Originalzeichnung von R. Lorenz.

[494] und Unterdrückung; sie wird verwirklicht werden trotz aller Schranken und Widerstrebungen.“

Um die volle Wirkung solcher Reden auf die Zeitgenossen zu würdigen, muß man sich versetzen in die Tage, da sie gehalten wurden. Aber nicht minder kühn, schneidig und klar führte Robert Blum den Kampf um die höchsten Güter der Nation in der Presse. Zunächst bediente er sich dazu der seiner Richtung verwandten Tagesblätter, vor Allem der schon genannten „Sächsischen Vaterlandsblätter“, die vornehmlich durch Blum’s Mitarbeiterschaft, unter der Redaction seines Schwagers Georg Günther, weit über Leipzig und Sachsen hinaus das Organ des nationalen Liberalismus jener Tage geworden sind. In diesem Blatte hat er unermüdlich die Forderungen, die Schwächen und Fehler der Zeit, namentlich die furchtbaren Mißgriffe und Sünden des damaligen geheimen und schriftlichen Strafverfahrens, den Fluch der Censur, die Rechte der Landtage gegenüber den Regierungen etc. zur Sprache gebracht. Man lebte damals in Sachsen in den segensreichen Tagen des Ministeriums Lindenau, und manches Wort, das freimüthig in den „Vaterlandsblättern“ niedergelegt wurde, fand in Dresden an hoher Stelle gute Statt.

Von der Wirkung, welche die den Zeitgenossen mundgerechtesten Artikel Blum’s übten, können wir uns heute kaum mehr eine Vorstellung machen. Einige derselben, wie seine Abhandlung über den Tod des Pfarrers Weidig, wurden in mehr als zehntausend Abdrücken verbreitet. Deutlich erkennbar für Jeden war der intime Zusammenhang der journalistischen Arbeit Blum’s mit dem Auftreten der liberalen Opposition im sächsischen Landtage. Die „Vaterlandsblätter“ warfen in die Massen dieselben Schlagworte der Partei, welche später im „Landhause“ zu Dresden von der Linken aus erhoben wurden. So sehen wir denn namentlich den vierten sächsischen Landtag (vom 20. November bis 24. August 1843) genau dieselben Ziele verfolgen, für welche die „Vaterlandsblätter“ plaidirt hatten. Der auf der Inquisitionsmaxime beruhende Entwurf einer Strafproceßordnung, den die Regierung dem Landtag vorlegte, wurde fast einstimmig von der zweiten Kammer abgelehnt und statt dessen im Strafverfahren Oeffentlichkeit und Mündlichkeit, Geschworene als Richter gefordert; auch die Censurfreiheit für Schriften über zwanzig Bogen wurde nur als ungenügende Abschlagszahlung auf die Forderung der Preßfreiheit bezeichnet. Dem alten Regime zu Dresden stiegen die Haare zu Berge vor solcher Kühnheit, und da damals wie heute in den kleidsamen Formen der Verfassung in Sachsen doch eigentlich nur die Aristokratie Hof, Regierung und Land beherrschte, so fiel es nicht schwer, den wohlmeinenden König zu überzeugen, daß der liberale Minister Lindenau die schwere Noth der allgemeinen Unzufriedenheit in den treuen Sachsenherzen heraufbeschworen und verschuldet habe, und so erhielt der tüchtigste und freisinnigste Minister, den Sachsen je besessen, am 1. September 1843 seinen Abschied, um dem reactionären Ministerium von Könneritz Platz zu machen. Dieses ging keinen Schritt hinaus über die im Jahre 1831 gegebene Verfassung, dagegen mehr als einen über die unter Lindenau übliche milde Praxis zurück, indem es mit drakonischer Strenge die liberale Presse verfolgte und mißliebige Schriftsteller, die das Unglück hatten, nicht innerhalb der grün-weißen Grenzpfähle geboren zu sein, einfach ausweisen ließ oder, unter der Abforderung eines bündigen Versprechens für künftiges Wohlverhalten, mit sofortiger Ausweisung bedrohte. Die letztere unwürdige Zwangsmaßregel wurde z. B. gegen Blum’s treuen Mitkämpfer Friedrich Steger angewendet.[3]

Sofort wurde auch Robert Blum vom reich verdienten Zorn der Reaction betroffen. Ein zu Anfang Januar 1843 in den „Vaterlandsblättern“ erschienener Leitartikel aus seiner Feder, welcher in bester Ueberzeugung aber thatsächlich in der Hauptsache unrichtig, eine Strafuntersuchung gegen ein armes Dienstmädchen darstellte, um daran die entschiedene Forderung nach Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Strafverfahrens zu knüpfen, wurde sofort, nachdem die Reaction das Staatsruder ergriffen, noch im September 1843 zum Gegenstand einer Strafuntersuchung gegen „den Theatersecretär Robert Blum und Consorten“ gemacht. Er wurde am 22. Februar 1844 von dem Appellationsgericht Leipzig in erster Instanz zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt. Das königliche Oberappellationsgericht bestätigte, indem dasselbe sich unter Anderem auf die Decision neunundachtzig vom Jahre vom Jahre – 1661! und auf Leyser’s Meditationen berief, diese Strafe. In den Gründen der höchsten Instanz findet sich eine sehr bemerkenswerthe Stelle, welche besser als lange Abhandlungen beweist, welches Maß von Denkfreiheit dem beschränkten Unterthanenverstande damals zugebilligt wurde, wenn der Inhaber dieses Verstandes nicht Gefahr laufen wollte, in’s Gefängniß zu kommen. „An sich,“ heißt es da, „können Angriffe gegen das schriftliche und geheime Strafverfahren nicht nur als ein erlaubtes und keineswegs strafbares Unternehmen, sondern auch, nach Beschaffenheit der Umstände (!) und unter den erforderlichen (!) Voraussetzungen (einer gewissenhaften und unparteiischen (!) Darstellung und Erwägung der dafür (!) und dagegen streitenden Gründe, unter Beziehung auf wahre Thatsachen und von einer dazu gehörig qualificirten Person (!), selbst als ein nützliches (!) und preiswürdiges Unternehmen angesehen werden. Eine solche, Beifall verdienende Tendenz aber kann dem in Frage stehenden Aufsatze und dem Verfasser desselben nicht beigelegt werden.“

Die Volltreckung der langen Gefängnißstrafe wäre für Blum leicht zur Vernichtung seiner ganzen bürgerlichen Existenz geworden. Denn am 15. Mai 1844 war Ringelhardt’s Pachtzeit in Leipzig abgelaufen, und Dr. med. Schmidt, ein geistvoller edler Mann, der das Höchste auf der Schaubühne anstrebte, zugleich in seinem Fache durch Begründung einer noch heute bestehenden gelehrten, medicinischen Zeitschrift berühmt, hatte das Theater in Leipzig übernommen und war eben Blum’s Principal geworden, als dieser seine Strafe antreten sollte. Blum bat daher um Strafverwandlung in Geldbuße. Das Vereinigte Criminalamt befürwortete die Strafverwandlung. Das Gesammtministerium, unter Könneritz’ Vorsitz, verwandelte die Strafe zur Hälfte in eine Geldstrafe von zwanzig Thalern. Die übrigen vier Wochen mußte Blum absitzen. Er fing am 26. October damit an, kam aber erst am 8. December damit zu Ende, weil er alle Augenblicke, unter allen möglichen Vorwänden, herausgelassen zu werden verlangte. Blum schreibt aus diesem fidelen Gefängniß am 23. November 1844 an seine Schwester Margaretha Selbach: „Arbeit habe ich genug; an Unterhaltung fehlt mir’s nicht, und meine Freunde besuchen mich schaarenweise. Da kommt tagtäglich ein Theil derselben, bringt mir ein anständiges Frühstück mit Weinen aller Art, und wir essen, trinken, lachen und singen ein paar Stunden zusammen. Abends kommt meine Frau von fünf bis acht Uhr, oft die Kinder, und so geht ein Tag nach dem andern hin. Ich habe am Schillerfeste an der Tafel von etwa vierhundert Theilnehmern den Vorsitz geführt, und man hat mir zugejubelt, wie’s selten Jemand geschehen ist. Es hat Niemand nur die Wimper gezuckt oder sich ein Wort erlaubt. Und sonst waren die Wörter ‚Gefängnis‘ und besonders ‚Criminal‘ entsetzliche Dinge.“ Am 8. December wurde er „nach vorgängiger Verwarnung vor Rückfall“ aus dem Arrest entlassen.

In gleich energischer Weise, wie durch die Tagespresse, suchte Blum aber auch durch billige politische Schriften zu wirken. Von 1840 ab gab er mit Steger den „Verfassungsfreund“ heraus, ein Lieferungswerk, durch welches das Volk über wichtige Zeitfragen des Staatslebens aufgeklärt werden sollte. Als 1843 das erste Heft aus Blum’s Feder, über das Wesen der Presse, erscheinen sollte, wurde das Unternehmen durch die Censur unterdrückt. Rasch wurde derselbe Plan unter anderem Namen und in anderer noch glücklicherer Form verfolgt. Von 1843 an ließ Blum mit Steger das Taschenbuch „Vorwärts“ erscheinen, das von großem Einfluß auf die Zeitgenossen gewesen ist. Alle bedeutenderen politischen Schriftsteller und Dichter der Zeit haben dafür Beiträge geliefert, von den Politikern Joh. Jacoby, Heinrich Simon und Andere, von den Dichtern Mosen, Herwegh, Fallersleben, Freiligrath, selbst Ludwig Uhland, von dem die schönen „Gedichte des armen Gauls“ herrühren sollen. Vor das Volk trat das Taschenbuch[4] mit der vollen Siegeszuversicht und dem vollen Vertrauen in die gute Sache, die Blum stets in sich getragen. „Wir bringen unser Tagebuch im Frühling, in der Zeit der am reichsten prangenden Natur. ... Wohl behaupten manche kleinmüthige Seelen, es sei Herbst im Vaterlande [495] und der Winter nahe, weil die Stürme brausen und es finster wird am Horizont. Laßt es stürmen ... Was in schweren und drangvollen Zeiten gesäet wurde in die Herzen des Volkes, was gedüngt wurde mit dem Blute von Tausenden, was entkeimte in dem milden Thaue eines langen Friedens und an der Sonne der allmächtig fortschreitenden Bildung eines kräftigen sittlichen Volkes – das vernichtet kein Sturm; dagegen ist das finstere Unwetter einer augenblicklich mächtigen Reaction wirkungslos. – Gewährt (Ihr Herrschenden) keine von allen Forderungen der Gegenwart und müht Euch ab Tag und Nacht, das Rad der Geschichte zurück zu drehen, den Geist der Zeit zwingt Ihr nicht!

Eine so kühne und entschlossene Mannesseele gehörte dazu, um kaum ein Jahr später mit der unscheinbaren Kraft eines schlichten deutschen Bürgers den Kampf aufzunehmen, den in unseren Tagen das ganze deutsche Reich mit seiner gewaltigen Staatsmacht seit seinem Bestehen kämpft: den Kampf gegen Rom. Als im Jahre 1844 Bischof Arnoldi von Trier es wagte, ein altes Stück Tuch unter dem Namen des heiligen Rockes auszuhängen und eine große Wallfahrt dorthin zu arrangiren, um einen großen Ablaß als Gegenleistung zu bieten – da ging ein Schrei der Entrüstung durch die ganze gebildete Welt, denn die Nerven waren damals für derlei Wunderdinge noch nicht so abgestumpft wie heute nach all den Wunderblutungen, Kirschbaum- und Höhlenmadonnen-Erscheinungen etc. Und am 15. October 1844 erschien in den „Sächsischen Vaterlandsblättern“ ein „Offenes Sendschreiben an den Bischof Arnoldi von Trier“, unterzeichnet von einem unbekannten katholischen Priester Johannes Ronge, in welchem die Ausstellung des heiligen Rockes ein den Aberglauben und Fanatismus beförderndes Götzenfest genannt wurde.

Zu gleicher Zeit erfuhr man, daß schon am 22. August der Caplan Czerski zu Schneidemühl in Posen mit einem Theile seiner Gemeinde aus der katholischen Kirche ausgeschieden war. Schon am 19. October vereinigten sich die Ausgetretenen zu einer christlich-apostolisch-katholischen Gemeinde. Am 15. December folgte in Breslau unter Führung des Professor Regenbrecht, der ordentlicher Professor des canonischen Rechtes war, ein Massenaustritt und am 4. Februar 1845 daselbst die Constituirung einer deutsch-katholischen Gemeinde, die schon im März 1845 zwölfhundert Mitglieder zählte und die Ronge, der natürlich inzwischen mit allen Kirchenstrafen belegt worden war und bei dem edeln Grafen Reichenbach eine Freistätte gefunden hatte, als Seelsorger berief.

Robert Blum, in dessen Organ zuerst dem Bischofe von Trier der Krieg verkündet worden war, sorgte dafür, daß der Herd dieser gährenden Bewegung nicht auf Schlesien beschränkt bleibe. In Wort und Schrift, durch öffentliche Reden im ganzen Lande, durch Flugblätter, Broschüren und Zeitungsartikel ist er unablässig thätig gewesen, um überall eine Massenlossagung von Rom, die Bildung deutsch-katholischer Gemeinden zu erzielen. Sehr Vieles von dem, was er damals gesprochen und geschrieben, ist nicht blos interessant als eine für den Mann charakteristische Aeußerung, sondern heute, nach dreiunddreißig Jahren, noch so treffend, als sei es heute geschrieben. So wenig hat Rom, die alte Erbfeindin unseres Volkes, sich seitdem geändert. Mit köstlicher Ironie z. B. schildert ein Artikel Blum’s in den „Vaterlandsblättern“ „die Wunder des heiligen Rockes“ – nicht etwa in jenem frivol-lustigen Tone des bekannten Studentenliedes:

Freifrau von Droste-Vischering
Zum heiligen Rock wallfahrten ging,

sondern im Tone der heiligsten, den Feind niederschmetternden, siegesfreudigsten Ueberzeugung: „Das wahre Wunder, welches der heilige Rock zu Trier gewirkt, ist, daß er endlich auch die verblendetsten Geister aufgescheucht aus der Ruhe des Nichtsthuns, daß er auch dem Befangensten den Schleier gerissen vom getrübten Auge und dem schlichten Worte der Wahrheit einen jubelnden Einzug bereitet hat in Millionen Herzen. ... Wollen wir länger diese Knechtschaft tragen? Rom duldet die gegenwärtige staatliche Gestaltung nur gezwungen und hat die ganze Grundlage unseres Staatslebens nicht anerkannt, ja zum Theil ausdrücklich verdammt. ... Erheben wir einstimmig, ein Beispiel dem ganzen Vaterlande, den Ruf: Trennung von Rom! Aufhebung der Ohrenbeichte und des Cölibats! Eine deutsch-katholische Kirche! O, daß es – das größte Wunder des heiligen Rocks – bald geschehe! Amen.“

Dieses Ziel wurde in Leipzig durch die Bildung einer deutsch-katholischen Gemeinde, 12. Februar 1845 erreicht. Blum hielt die Eröffnungsrede. Anonyme Drohbriefe von ultramontanen Handlangern höher stehender Gesellen hatte er schon vorher in Fülle erhalten. Jetzt suchte man die erste Feier der jungen Gemeinde durch brutalen Skandal zu entweihen. Als Blum reden wollte, stürzte eine Rotte angestifteter erwachsener Buben auf ihn los, um ihn niederzuschlagen, und zerriß ihm Kleidung und Wäsche. Er hatte indeß den Fall vorhergesehen und für starke Polizeibedeckung gesorgt. Mit um so größerer Begeisterung hing die Gemeinde dann an den Lippen ihres Vorstandes. –

Auch die Einberufung der ersten Gesammtvertretung der neuen Glaubensgemeinden zu dem deutsch-katholischen Concil nach Leipzig (23. bis 26. März 1845), die Theilnahme der principiellen Gegner Czerski und Ronge an diesem Concil und das größte Resultat, das überhaupt die deutsch-katholische Bewegung zu verzeichnen hat, das allgemeine Glaubensbekenntniß, das hier in Leipzig festgestellt wurde – während die ersten Sitzungen die dringende Befürchtung erregten, man werde resultatlos und hadernd auseinandergehen – das Alles ist hauptsächlich Robert Blum’s Verdienst.

Die Gründe zu untersuchen, warum gleichwohl die deutsch-katholische Bewegung so rasch im Sande verlief, liegt außerhalb der Grenzen dieser Darstellung. Robert Blum hat sehr bald erkannt, daß er sich über die Kraft und Tiefe der Bewegung getäuscht. Aber über die Gründe dieser Täuschung ist er sich nie klar geworden. Noch im Jahre 1848, in seinem „Staatslexicon“, sprach er sich in dem von ihm selbst unterzeichneten Artikel „Deutsch-Katholiken“ dahin aus, daß der Fehler der Deutsch-Katholiken, den er „selbst anklagend bekenne“ mitverschuldet zu haben, darin bestanden habe, überhaupt ein Glaubensbekenntniß aufgestellt, überhaupt eine Kirche begründet zu haben. Klarer konnte Robert Blum, wenigstens für seine Person, die reine Weltlichkeit seiner Strebungen bei dieser Gründung, das Bekenntniß rein politischer Agitationszwecke, die Freiheit von jeder religiösen Begeisterung, die ihn geleitet hätte, ein Führer des Deutsch-Katholicismus zu werden, nicht aussprechen. Hatte doch er, der alle seine Kinder protestantisch taufen ließ, vor Beginn der Bewegung kaum je daran gedacht, daß er von Haus aus katholisch sei.

Aber es war charakteristisch für die trotz alledem völlig weltliche, völlig politische Zeitrichtung, daß Niemand ihm diesen inneren Widerspruch verargte, daß seine Betheiligung an der deutsch-katholischen Bewegung ihn bekannt und populär machte in ganz Deutschland und verhaßt in allen Zwingburgen Roms bis in die heiligen Säle des Vaticans. Selbst hinter seine arme alte Mutter und ihren kindlichen Glauben steckten sich die Schwarzen: daß sie den Sohn von dem breiten Pfad der großen Sünde ableite. Aber das alte treue Mutterherz fand nur folgende Worte an den Sohn: „Hier redet man viel über Dich, ich aber bethe für Dich, ist Deine sache gerecht so bitte ich gott um seinen beistand für Dich, ist es aber unrecht so möge gott Dir Deinen verstand erleuchten und Dich zurückführen ich kann nicht darüber urteilen ich kann nur wünschen und bethen.“

Das reactionäre Ministerium von Könneritz versagte den Deutsch-Katholiken jegliche duldende Anerkennung. Die neuen Gemeinden durften nicht öffentlich Gottesdienst halten. Keine Handlung ihrer Geistlichen hatte bürgerliche Wirksamkeit. Eine noch feindseligere Behandlung erfuhren die protestantischen Reformbewegungen der „Lichtfreunde“ etc. unter Uhlich, Wislicenus und Anderen. Sie durften nicht einmal Versammlungen abhalten. In auffallendem Gegensatze zu dieser Ungunst gegen jede fortschreitende Richtung im protestantischen und katholischen Lager stand die rührende Duldsamkeit des Ministeriums Könneritz-Falkenstein gegen die Propaganda der Jesuiten in Sachsen. Schon durch die Sächsische Verfassungsurkunde war die Aufnahme der Jesuiten und jedes anderen geistlichen Ordens in Sachsen verboten. Nun ertönte plötzlich in der durchaus protestantischen Bevölkerung der Schreckensruf: „Jesuiten in Sachsen!“ Auf dem Landtag von 1842 schon waren drastische Beispiele ultramontaner Proselytenmacherei zur Sprache gebracht worden. Nun erlebte man täglich neue hinzu.

[496] Seit dem Uebertritte des sächsischen Regentenhauses, das so lange der rühmlichste Vorkämpfer der deutschen Reformation gewesen, zum katholischen Glauben, um der unseligen Krone Polens willen, machte das rege Mißtrauen des protestantischen Volkes stets den katholischen Hof in erster Linie verantwortlich für solche Mißgriffe der Regierung. So auch im Jahre 1845. Unbegreiflicher Weise bezeichnete damals die öffentliche Stimme in erster Linie den Prinzen (späteren König) Johann von Sachsen, den Brüder des Königs Friedrich August, als Förderer der jesuitischen Umtriebe. Der Prinz hatte die reichste, humanste Bildung genossen. Als ganz jungen Mann hatte Jean Paul ihn kennen gelernt und ihm begeistertes Lob gespendet. Seine literarischen Neigungen und Studien waren weltbekannt. Von seinem ersten Auftreten an in der sächsischen Ersten Kammer hatte er sich als scharfsinniger Jurist, als wohlwollender und aufgeklärter Menschenfreund erwiesen. Seine ganze spätere Thätigkeit als Prinz, als König hat niemals den Schatten des Verdachtes aufkommen lassen, als sei er ein religiöser Fanatiker, für eine streitbare, von Grund auf unsittliche Ordensgewalt thätig. Aber wann wird jemals die Vernunft erfolgreich rechten mit vorgefaßten Meinungen des Volksglaubens? Genug, daß der Prinz im Jahre 1845 allgemein als Träger der ultramontanen Bestrebungen in Sachsen galt. Es fehlte nur der äußere Anlaß, um dieser Mißstimmung in grellen Dissonanzen Ausdruck zu verschaffen. Dieser Anlaß sollte sich leider finden.

Hans Blum.





Die Maffia auf Sicilien.

Es war wenige Tage nach Schluß des Carnevals 1876, als mir der Eigenthümer des rühmlichst bekannten „Albergo della Trinacria“ in Palermo mittheilte, daß ich an der Table d’hôte einen soeben angelangten Landsmann zum Nachbarn haben werde; in der That redete mich denn auch, nachdem ich kaum meinen Platz an der Tafel eingenommen, ein kleiner ältlicher Herr in deutscher Sprache mit der etwas seltsamen Wendung an: „Entschuldigen Sie, mein Herr – ich bin Hamburger.“ Nachdem ich ihm bemerkt, daß dieser Umstand in meinen Augen einer „Entschuldigung“ nicht eigentlich bedürfe, erwiderte mir mein Tischgenosse, welcher den wenig hamburgisch klingenden Namen „Cafetier“ führte, daß diese Form der Anrede ihm auf den weiten Reisen, welche er gemacht, stets ein höfliches Entgegenkommen gesichert habe, weil „Hamburg in der ganzen Welt eines guten Rufes sich erfreue“, hier aber gefalle es ihm durchaus nicht, weshalb er Stadt und Insel bereits am folgenden Tage wieder verlassen werde, wenn er auch von der „ganzen Herrlichkeit“ Nichts zu sehen bekommen sollte. Natürlich sprach ich mein Erstaunen über diesen mir seltsam erscheinenden Entschluß aus und erfuhr nun, daß ein im Laufe des Vormittags unmittelbar in der Nähe des Gasthofes stattgehabter Mordanfall den kleinen Mann derartig erschreckt habe, daß er in dieser Stadt, „in welcher man seines Lebens nicht sicher“, keine ruhige Stunde mehr genießen könne. Vergebens wurde ihm von den verschiedensten Seiten versichert, daß jener Mordanfall lediglich durch Privatrache verursacht sei, daß sonst gar kein Grund zu Besorgnissen vorliege, und namentlich ein Fremder durchaus unangefochten und unbehelligt bleiben werde; der weitgereiste Hamburger glaubte in jedem dunkelfarbigen Sicilianer einen „Briganten“ zu sehen, wollte bereits von Einigen derselben auf einem Spaziergange in höchst auffälliger und verdächtiger Weise fixirt worden sein; redete in geheimnißvoll-schauerlichem Tone von der blutigen „Maffia“ und reiste in der That am folgenden Tage, ohne Palermos Schönheiten nur eines Blickes gewürdigt zu haben, mit dem Dampfer nach Neapel ab, woselbst er hoffentlich nicht in die Hände der nicht minder blutigen „Camorra“ gefallen sein wird.

Meinem kleinen Hamburger hatten wohl die kommenden Ereignisse schwarze Schatten voraus in die Seele geworfen; denn zu jener Zeit befand man sich noch, wenigstens als Fremder, nicht nur in der Stadt selbst, sondern auch bei Ausflügen in die Umgegend vollkommen sicher; mir ist während eines mehr als halbjährigen Aufenthaltes auch nicht ein Fall zur Kenntniß gekommen, in welchem ein Fremder Gegenstand eines gewaltsamen Anfalles geworden wäre; nur von den Landbewohnern der Umgebung liefen zu Zeiten Klagen über freche Raubanfälle ein, welche in einzelnen Fällen bis in die Nähe der Stadtthore sich ausdehnten. Im Laufe des folgenden Winters erreichte das Brigantenwesen jedoch eine solche Höhe und trat auch in der Stadt selbst in solchem Umfange auf, daß die sonst überfüllten Gasthöfe fast völlig leer standen, und die so zahlreiche Fremdencolonie, welche das milde Klima während des Winters regelmäßig zu bilden pflegt, auf wenige Personen zusammenschmolz.

Während nach dem Erlöschen des sogenannten „politischen Brigantaggio“ das Räuberwesen im ganzen Königreiche Italien in verhältnißmäßig enge Grenzen zurückgedämmt worden ist, trieben eigenartige Verhältnisse in Neapel und einigen Provinzen Siciliens diesen Zweig des Verbrecherthums zu einer Blüthe, welche an Ueppigkeit Nichts zu wünschen übrig ließ. Neapel mit seiner „Camorra“ bei Seite lassend, beschränke ich meine Darstellung auf dasjenige Brigantenwesen, welches unter Beihülfe und Führung der „Maffia“ in der Provinz Palermo in eigenthümlicher Weise sich ausgebildet hat. Die Frage, was die Maffia eigentlich sei, welche Organisation sie besitze und wie sie sich gebildet habe, ist oft gestellt und niemals erschöpfend beantwortet worden. Dies gilt namentlich von der Organisation und den Führern; hier herrscht ein tiefes Dunkel und erst die Aufhellung desselben würde Aussicht auf eine endgültige Vernichtung des gefährlichen Geheimbundes gewähren, welcher gleich dem Aetna, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben, jahrelang zu schlafen scheint, um plötzlich in aller Kraft wieder zu erwachen.

Nach den Versicherungen der Sicilianer ist die Maffia eine sehr alte Institution, welche zur Zeit der spanischen Herrschaft gegründet wurde, die besten Patrioten zu den Ihrigen zählte, aus den verschiedensten Gesellschaftsclassen sich zusammensetzte, in erster Linie politische Zwecke im Sinne der Selbstständigkeit der Insel verfolgte, zugleich aber schon in jenen fernen Zeiten sich die augenscheinlich leicht auf Abwege führende Aufgabe gestellt hatte, die Interessen ihrer Mitglieder zu fördern und dieselben gegen die fremden Herrscher und deren Beamte zu schützen.

Zur Erreichung dieses Zweckes waren die Mitglieder, welche an bestimmten Zeichen einander erkannten, zu gegenseitiger Hülfeleistung und zur Ausführung der von den Oberen ertheilten Aufträge und Befehle verpflichtet. Ich muß dahingestellt sein lassen, wie lange und in wie weit der politische Zweck das für die Art der Thätigkeit des Bundes ausschlaggebende Moment gewesen ist; die heutige Maffia entbehrt des politischen Charakters durchaus, umfaßt dagegen, wie in früherer Zeit, die verschiedensten Gesellschaftsclassen und schützt auch heute noch die Interessen ihrer Mitglieder vornehmlich gegen die Staatsgewalt, wobei nur zu bemerken ist, daß es sich nicht sowohl um legitime, gesetzmäßige, als vielmehr um diejenigen Interessen handelt, welche wegen ihrer gesetzwidrigen oder doch nicht gesetzmäßigen Natur einer Hülfe und eines Schutzes gegen die Repräsentanten des Gesetzes, die Gerichtshöfe und die Obrigkeit bedürfen.

So hat der Dieb, der Räuber gewiß ein, wenn auch sehr ungesetzliches Interesse daran, durch Verbrechen in erster Linie einen Gewinn zu machen, in zweiter Linie in Besitze desselben und drittens mit Strafe verschont zu bleiben. Indem die Maffia diese Interessen ihrer Mitglieder schützt, tritt sie nach der Verschiedenheit der Fälle bald als Auskundschafterin, bez. Auftraggeberin in Bezug auf ein Gewinn versprechendes Verbrechen, bald als Vermittlerin zwischen dem Verbrecher und dem Verletzten, bald als Beschafferin von Entlastungszeugen auf; bald sucht sie auf die erkennenden Richter zu Gunsten ihres angeklagten Mitgliedes einen Druck zu üben; bald bereitet sie einem verurtheilten Mitgliede die Wege zur Flucht. Erwägt man nun, daß dieser Geheimbund, der sein Geheimniß vornehmlich dadurch bewahrt, daß die Mitglieder nur den Oberen, nicht aber als solche einander selbst bekannt sind, aus allen denkbaren Gesellschaftsclassen, aus Fürsten und Grafen, Richtern, Advocaten und Verwaltungsbeamten, Kaufleuten, Grundbesitzern aller Art, Bauern und Tagelöhnern sich zusammensetzt; daß die Mitglieder den Oberen zur unbedingtem Gehorsam verpflichtet [497] sind, der durch die Furcht vor grausamer Strafe aufrecht erhalten wird: so ist leicht einzusehen, welche mächtige Unterstützung der Bund seinen Mitgliedern zu gewähren im Stande ist, so begreift man, wie unter seinem Schutze das durch besondere Verhältnisse begünstigte Räuberwesen zu einer Macht anwachsen konnte, gegen welche der Staat nach jahrelangem, vergeblichem Kampfe durch ungeheuere Anstrengungen und mit Hülfe von Ausnahmegesetzen schließlich doch nur einen Erfolg errungen hat, dessen Dauerhaftigkeit von Niemandem verbürgt werden kann.

Neben der Maffia, vielleicht unter der Oberleitung derselben, finden sich auch geheime Verbindungen verschiedener Art, die ausschließlich aus praktischen Verbrechern bestehen; in der unweit Palermos gelegenen Bergstadt Monreale allein wurden deren mehrere entdeckt, welche in ihren Aufnahmebestimmungen sogar für den Fall Sorge getragen hatten, daß ein bereits im Gefängniß Befindlicher um Aufnahme nachsuchen sollte. Die Tendenz dieser kleineren Verbände ist im Allgemeinen derjenigen der Maffia gleich und hat im Wesentlichen die Ausführung von Verbrechen auf gemeinschaftliche Rechnung und die gegenseitige Hülfeleistung bei und nach Verübung des Verbrechens, namentlich die Sicherung gegen eine Verurtheilung und die Vollstreckung der etwa erkannten Strafe zum Zweck.

Natürlich ist die Thätigkeit der ausführenden Räuber eine verschiedenartige; es giebt deren, welche nur auf eigene Hand arbeiten; andere, welche zum Zwecke eines bestimmten Verbrechens mit mehreren Genossen, jedoch lediglich „ad hoc“, und endlich solche, welche in der Zahl von fünf bis zwanzig zu festorganisirten Banden unter dem Oberbefehl eines Räuberhauptmanns sich vereinigen. Eine nicht minder große Verschiedenheit herrscht in der Art und Weise der Betreibung des eigentlichen Räuberhandwerkes; jedoch mögen hier nur die drei Hauptarten erwähnt werden: der Raub in freiem Felde oder auf offener Straße („rapina“); der in einem bewohnten Hause ausgeübte Raub („grassazione“) und endlich die eigenthümlichste Art, der „ricatto“. Die beiden ersten Verbrechensarten unterscheiden sich nicht von dem auch in anderen Ländern Geübten; nur die Frechheit, mit welcher die Sache betrieben wird, hat eine beispiellose Höhe erreicht. So wurde z. B. ein Eisenbahnbeamter, welcher in Begleitung von acht bis zehn Personen mittelst einer durch ein Trittwerk in Bewegung gesetzten Maschine zum Zwecke der Auszahlung von Arbeitslöhnen auf der Verbindungsbahn vom Hafen noch dem Bahnhofe fuhr, während der Vormittagstunden mitten in der Stadt von einer mit Revolvern bewaffneten Bande angehalten und zur Auslieferung der Casse gezwungen. Auf den üblichen Ruf: „A basso!“ (Nieder!) legte der Beamte nebst seinen Begleitern sich mit dem Gesichte auf die Erde, und sie wagten sich erst wieder zu erheben, nachdem die Bande mit der Casse verschwunden war.

Weit eigenthümlicher und gefährlicher gestaltet sich der sogenannte „ricatto“, das heißt die schon so viel (auch in früheren Jahrgängen der „Gartenlaube“, vergl. Jahrgang 1866, Seite 137 ff.; 1875, Seite 723 ff.) besprochene Gefangennehmung und Entführung einer Person zum Zwecke der Gelderpressung in Form einer möglichst hoch gestellten Lösegeldforderung. Die Gefangennehmung selbst wird in der frechsten Weise, meist durch Androhung von Gewalt, durch eine mit Schießgewehr bewaffnete Bande, häufig am hellen Tage, auf offener Straße, ohne Rücksicht auf die Zahl der Begleitung des Opfers, nicht selten unter Zuhülfenahme einer Equipage oder von Pferden, auch wohl durch falsche Bestellung ausgeführt; hierauf wird das Opfer in irgend einen unzugänglichen Schlupfwinkel der Bande, eine Felsenhöhle, einen Wald, vielleicht auch ein abgelegenes Haus geführt. Droht Gefahr, so wechselt man den Aufbewahrungsort des Gefangenen, welcher letztere oft schwer genug an Unbilden der Witterung, Hunger und Durst und den wechselnden Launen seines Gefangenwärters zu tragen hat. Ist der Gefangene im Besitze eigenen Vermögens, so muß er entweder selbst eine Anweisung oder einen Wechsel auf die festgesetzte Lösegeldsumme ausstellen, oder er wird, wie stets bei demjenigen geschieht, der über eigenes Vermögen nicht zu gebieten hat, angehalten, wegen der Zahlung an reiche Verwandte oder Freunde sich zu wenden. Die Einziehung des Lösegeldes erfolgt durch Mitglieder der Maffia, welche auch die Unterhandlung über die Höhe der zu leistenden Zahlung führen.

Wenn die Räuber, was auch nicht selten geschieht, nach der bewirkten Entführung nichts von sich hören lassen, so wird der ängstlich forschenden Familie über kurz oder lang ein Wink gegeben, daß sie sich behufs Befreiung ihres Verwandten an die oder jene namhaft gemachten Persönlichkeiten zu wenden habe, welche dann sofort die Unterhandlungen beginnen. Fast niemals ist es vorgekommen, daß die Familien zum Zweck der Befreiung ihres Angehörigen sich an die Behörden gewandt haben, weil die Einschlagung dieses Weges nicht nur für erfolglos, sondern auch als das Leben des Gefangenen gefährdend angesehen wird. Ja, die Familie eines in Palermo als Geschäftsmann lebenden Engländers, Namens Rose, dessen Gefangennahme durch die Briganten namentlich in Folge der Einmischung der englischen Regierung in die Sache seiner Zeit großes Aufsehen erregte, hat nicht nur während der Dauer der Gefangenhaltung des Rose den Behörden jede Auskunft über das Schicksal ihres Verwandten verweigert, sondern der gedachte Rose selbst hat nach seiner Freilassung sich nicht zu einer Zeugenaussage bereit finden lassen, dieselbe vielmehr unter dem Bemerken abgelehnt, daß die Behörden, wenn er über seine Gefangenhaltung, über den Ort derselben, die mitwirkenden Personen etc. eine Aussage mache, nicht im Stande sein würden, ihn vor der für den Fall solcher Zeugenaussage angedrohten Rache der Briganten zu schützen.

Der „ricatto“ ist nicht selten mit den rohesten Grausamkeiten verbunden; um einen Druck auf die Familie auszuüben, hat man dieser wohl ein dem Gefangenen abgeschnittenes Ohr, als Mahnung zur Beschleunigung der Zahlung das zweite Ohr übersandt; ja, wenn die Zahlung sich zu lange verzögerte oder gar verweigert wurde, so wurde unerbittlich mit der Ermordung des Gefangenen vorgegangen – eine Grausamkeit, welche von den Briganten durch ihre Nothwendigkeit gerechtfertigt zu werden pflegt, weil nur durch die Gewißheit der bei mangelnder Zahlung erfolgenden Tödtung die für Bestand und Gedeihen des Geschäftes erforderliche Furcht erzeugt werde.

Zu Zeiten entwickeln die Briganten sogar einen gewissen Humor. Der berühmteste unter den sicilianischen Briganten, der Räuberhauptmann Leone, erbat sich, als er nach Berichtigung des Lösegeldes von einem Gefangenen Abschied nahm, von diesem einen Kuß, als Zeichen seiner Zufriedenheit mit der Haltung des Gefangenen. Dieser Leone hat auch einmal der Polizei einen Streich gespielt, der vielen Anlaß zum Gelächter gegeben. Kurz noch der Freilassung des schon erwähnten Engländers Rose, also noch unter dem unmittelbaren Eindrucke der von der italienischen Regierung sehr übel aufgenommenen englischen Einmischung, ließ ein englischer Reisender die Polizei um Gewährung einer sicheren Escorte zum Schutze seiner Person und seines Reisegepäckes gegen den Räuberhauptmann Leone, der zu jener Zeit Palermos Umgebung unsicher machte, ersuchen. Die Polizei ging bereitwillig auf die Gewährung der gestellten Bitte ein; man soll jedoch auf dem Polizeibureau sich sehr unangenehm berührt gefühlt haben, als wenige Tage nachher ein Schreiben einlief, in welchem der Räuberhauptmann Leone der Polizei seinen warmen Dank dafür aussprach, daß sie ihn und seine zusammengeraubten Schätze sicher durch die Palermos Umgebung wegen Ergreifung des Leone durchstreifenden Patrouillen der Soldaten und Carabinieri (Gensd’armen) geleitet habe.

Als später zur Unterdrückung des Räuberwesens nach Palermo ein neuer Präfect mit ausgedehnten Vollmachten gesandt wurde, hatte Leone die Insel mit einem beträchtlichen Vermögen, der Frucht seiner Räuberlaufbahn, bereits verlassen; der Ruf der Energie jedoch, welcher dem neuen Präfecten voranging, die vielfach ausgesprochene Ueberzeugung, daß derselbe der Räuber Meister werden würde, weckten den Ehrgeiz des kühnen Briganten; er kehrte noch Sicilien zurück, übersandte dem Präfecten seine Visitenkarte und fand sich bald wieder an der Spitze einer neuen Bande. Aber das Glück verließ ihn; seine Leute wurden bis auf den letzten Mann niedergemacht, und schließlich wurde er selbst in einem heldenmüthigen Kampfe gegen eine Patrouille erschossen. Ueber seinen Tod herrschte großer Jubel; seine vielberühmte Büchse, ein Repetirgewehr, aus welchem fünfzehn Schuß hinter einander abgegeben werden konnten, wurde von dem damaligen Minister Nicotera dem König Victor Emanuel zur Aufnahme in die berühmte königliche Waffensammlung in Turin angeboten; der König lehnte jedoch die Annahme der Waffe ob. Vielleicht hat er es nicht als passend betrachtet, daß das Räubergewehr an [498] der Seite jener Waffen einen Platz finde, die einst seine Vorfahren geführt.

Der Beihülfe, welche die Maffia den Räubern zur Erzielung des Lösegeldes gewährt, ist es namentlich zuzuschreiben, daß die Entdeckung der Verbrecher, ja schon die Einleitung einer Untersuchung gegen dieselben zu den Ausnahmen gehört. Aber selbst wenn diese Einleitung erfolgt war, selbst wenn der Untersuchungsrichter der Maffia nicht angehörte, auch keine falschen Zeugen erschienen, vielmehr der Angeklagte durch die zwingendsten Beweise überführt und endlich vor die Geschworenen gestellt wurde, dann gaben diese trotzdem regelmäßig einen freisprechenden Wahrspruch ab, weil sie überzeugt waren, daß der Ausspruch des „Schuldig“ sie unfehlbar der Rache der Maffia überliefern werde; um ihr eigenes Leben zu sichern, sicherten sie durch ihr Verdict Leben und Freiheit des Verbrechers. Die Rache der Maffia hat sich in zahlreichen Fällen als unerbittlich und grausam im höchsten Grade erwiesen; ich brauche in dieser Beziehung nur des schrecklichen Endes zu gedenken, welches der Bund einem in der Nähe Palermos fungirenden Prätor (Richter erster Instanz) bereitet hat, weil derselbe einen besonderen Eifer in der Verfolgung des Räuberwesens gezeigt. Nachdem Bestechungs- und Einschüchterungsversuche gescheitert, ließ die Maffia eines Nachts das Wohnhaus des Prätors durch Pulverminen in die Luft sprengen.

Trotz der großartigen Beförderung, welche die Maffia dem Räuberwesen zu Theil werden ließ, würde das letztere dennoch kaum den Umfang erreicht haben, den dasselbe thatsächlich gewonnen hatte, wenn nicht die eigenthümlichen Verhältnisse der Insel selbst die Bildung und Entwickelung des Räuberwesens in hohem Grade befördert hätten. Ich übergehe die gedrückte wirthschaftliche Lage zahlreicher Bevölkerungsclassen, den Mangel an Bildung und gesetzlichem Sinn in denselben, die Tradition des Brigantenthums und jene gewisse Achtung, welche in weiten Kreisen des Volkes dem kühnen Räuber gezollt wird. Wie mächtig fördernd diese Verhältnisse gewirkt, liegt klar am Tage; die Hauptursache ist aber in dem Umstande zu suchen, daß in der Provinz Palermo und in einigen anderen Provinzen der Insel die Landbevölkerung nicht in Dörfer gesammelt, sondern in Einzelhöfe und Gutssitze verstreut lebt, daß zwischen den einzelnen Wohnsitzen der Landbewohner und denen ihrer nächsten Nachbarn oft eine stundenweite, fast regelmäßig eine mindestens halbstündige Entfernung liegt und daß in Folge dessen die Landbevölkerung einer gut bewaffneten Bande von nur wenigen energischen Personen fast schutzlos gegenübergestellt ist, während andererseits eben wegen dieser Dünnheit der Landbevölkerung den Banden einsame Schlupfwinkel zahlreich zur Verfügung stehen.

Sobald nun eine Bande in einer Gegend sich niedergelassen hatte, pflegte sie der benachbarten Landbevölkerung folgende Alternative zu stellen: Entweder Unterstützung der Bande durch Lieferung von Lebensmitteln, Munition und Nachricht über Bewegungen sowohl der Reisenden wie der Polizeimannschaften, und dafür Sicherheit von Eigenthum und Leben, oder im Weigerungsfalle Krieg bis auf’s Messer. Da der Staat die Leute nicht zu schützen vermochte, die Rache der Briganten, einmal angedroht, gewiß war, so willigte die Mehrzahl in den seitens der Räuber vorgeschlagenen Vertrag ein. Gutsbesitzer und Bauern waren die Helfershelfer der Räuber; in manchen Fällen, aber doch nur ausnahmsweise, auch Theilnehmer am Gewinn des Räubergewerbes.

So befanden sich die Banden in einer fast uneinnehmbaren Position; im Einverständnisse mit der Bevölkerung, vor jeder drohenden Gefahr rechtzeitig gewarnt, gegen Verrath gesichert, vermochten sie den Anstrengungen der Staatsgewalt zu spotten, so lange diese letztere auf dem bisher befolgten Wege verharrte und ihre Angriffe unmittelbar gegen die Räuber selbst richtete; von einem drohenden Angriffe vorher benachrichtigt zogen die Banden in geheime und entlegene Schlupfwinkel sich zurück, woselbst sie, mit Lebensmitteln versehen sich ruhig hielten bis die gegen sie ausgesandten Streifcorps abgezogen waren.

Aber diese günstige Lage machte die Verbrecher immer übermüthiger; hatten sie bisher die Städte als zu gefährlich für ihr Handwerk vermieden, so trugen sie schließlich das Verbrechen selbst in die Straßen der Hauptstadt, in welchen sie gegen die sich zur Wehr setzende Bevölkerung und die Polizeimannschaft förmliche Gefechte bestanden; die Unsicherheit wurde immer größer und immer lauter der Ruf nach wirksamem Einschreiten der Regierung. Die letztere konnte gegen diesen Ruf nicht dauernd taub bleiben; es wurde in der Person des Präfecten Malusardi ein energischer Mann mit umfassenden Vollmachten nach Palermo gesandt; der Insel fremde, frische Kräfte an Polizeimannschaften und Truppen trafen ein, und bald eröffnete man den Kampf – gegen die „manutengoli“, das heißt gegen die mit den Räubern (meist zwangsweise) verbündete Landbevölkerung. Richtig hatte man erkannt, daß die Räuber, sobald ihre Verbindung mit der Bevölkerung unterbrochen sein würde, in eine äußerst schwierige, verzweifelte Lage kommen müßten.

Der Erfolg hat den gehegten Erwartungen durchaus entsprochen; freilich nur durch Anwendung eines hochbedenklichen Gesetzes, welches durch die Schwierigkeit der Situation in Italien vielleicht entschuldigt werden mag, immer aber einen der schwersten Verstöße gegen den allgemein anerkannten Grundsatz der Gerechtigkeit enthält, nach welchem nur aus Beweise der Schuld die Verhängung der Strafe sich stützen kann. Das Gesetz über das sogenannte „domicilo coatto“ (Zwangsdomicil) ist geradezu gegen den Brigantaggio gemünzt und bestimmt im Wesentlichen das Folgende: Wenn zwei gut beleumundete Personen vor dem Prätor die Erklärung abgeben, sie seien des Glaubens, daß ein bestimmter Dritter seinen Erwerb aus der Betheiligung an verbrecherischen Unternehmungen beziehe, so kann der Prätor dem verdächtigen Individuum eine Verwarnung („ammonizione“) ertheilen, und wenn der Verwarnte in kurzer Zeit sich nicht „bessert“, das heißt eine rechtliche Erwerbsquelle nicht nachweist, so wird er vom Prätor verurteilt, seinen Wohnsitz an einem bestimmten anderen Orte, in der Regel auf einer der kleinen Mittelmeerinseln, zu nehmen; diese Verurtheilung kann für viele Jahre lauten und wird mindestens auf die Dauer von zwei Jahren ausgesprochen. Die grundsätzlichen Bedenken, welche diesen Bestimmungen entgegenstehen, liegen auf der Hand; was die Ausführung betrifft, so brauche ich nur darauf hinzuweisen, daß das Gesetz der Befriedigung persönlichen Grolles und des politischen Parteihasses Thor und Thür öffnet. Aber das muß zugegeben werden: die Anwendung des Gesetzes gegen das Räuberwesen zeigte sich sofort wirksam. Die Staatsgewalt schritt nach Maßgabe des Gesetzes in einzelnen Gemeinden ein; nach kurzer Frist konnte schon die Verurteilung einer nicht unbedeutenden Zahl sogenannter „manutengoli“ erfolgen. Die Bevölkerung mußte nun einsehen, daß die Fortsetzung der Unterstützung der Banden ihr ein schweres Uebel, die Abführung in das Exil, mit Sicherheit in Aussicht stelle; da auf der andern Seite die Staatsgewalt eine ansehnliche Macht an Soldaten und Gensd’armen entfaltete und wirksamen Schutz gegen die etwaigen Racheversuche der Räuber verhieß, so entschloß man sich, der Behörde über Stärke und Schlupfwinkel der Banden Auskunft zu geben; in Folge dessen gelang es zu wiederholten Malen, die Räuber zu überraschen; es fanden zwischen diesen und der bewaffneten Macht blutige Kämpfe statt, in welchen die Räuber jedes Mal eine mehr oder minder beträchtliche Anzahl von Kämpfern durch den Tod verloren; das heute unterbrochene Gefecht wurde mit dem gleichen Resultate am folgenden Tage wieder aufgenommen; die Stärke der Banden ward auf diese Weise wesentlich geschwächt; die Furcht der Bevölkerung vor ihrer Rache minderte und die Anzeigen gegen verdächtige Personen und Orte vermehrten sich. Gefangene wurden in diese Kämpfen fast niemals gemacht, weil die bewaffnete Macht die entschiedene Weisung erhalten hatte, nur sicher treffende Schüsse abzugeben und der Bande schließlich lieber den Rückzug zu gestatten, als den Rest derselben gefangen zu nehmen. Dieser Befehl war ertheilt worden, weil man, wie oben gezeigt nicht ohne Grund, eine Freisprechung der Gefangenen durch die Geschworenen befürchtete, während bezüglich der Entkommenen immer Aussicht und Hoffnung auf Tödtung in einem folgenden Gefechte vorhanden war.

Nun sollte sich aber die Richtigkeit des Vorgehens zuerst gegen die „manutengoli“ in schlagender Weise zeigen. Die Theilnehmer der verfolgten Banden fingen an, sich selbst der Behörde auszuliefern. Der Verfolgung und den Kugeln der bewaffneten Macht hätten sie getrotzt, aber sie unterlagen dem Hunger. Seitdem die Furcht vor ihnen durch die Furcht vor dem Zwangsdomicil überwunden war, hörte die Bevölkerung auf, ihnen Lebensmittel zu liefern; ob auch im Besitze von Geldmitteln, waren sie in ihren einsamen Schlupfwinkeln doch den äußersten [499] Entbehrungen preisgegeben; auch die Munition, durch Nachlieferungen nicht ergänzt, fing an zu mangeln. Von ihren ehemaligen Verbündeten im Stich gelassen, an Geist und Körper ermattet, wie wilde Thiere von den verfolgenden Truppen gehetzt, lieferten sie sich schließlich selbst in die Hand der Obrigkeit. In vielen Fällen scheinen unter den Räubern selbst blutige Kämpfe stattgefunden zu haben; wenigstens hat man zu verschiedenen Malen die verstümmelten Leichen bekannter Räuber in Feldern und an einsamen Waldstellen gefunden.

Nach etwa halbjährigen Kämpfen konnte die Regierungsgewalt erklären, daß in der Provinz Palermo kein Räuber mehr auf freiem Fuße sich befinde. Kaum aber war der Schrecken von der Brust der Bewohner genommen, als auch schon die heftigsten Angriffe gegen den energischen Präfecten und den Minister des Innern sich erhoben, weil dieselben in zahlreichen Fällen gegen Unschuldige das Zwangsdomicil verhängt. Daß bei Ausnahmezuständen, wie die geschilderten, Versehen leicht vorkommen können, ist gewiß; gewiß nicht minder, daß die der Regierung eingeräumte Befugniß in manchen Fällen der Privatrache der Denuncianten gedient hat; endlich scheinen leider auch Fälle des Mißbrauchs zu politischen Zwecken vorgekommen zu sein.

Vorläufig aber ist das Ziel erreicht; das Räuberwesen hat auch in Sicilien aufgehört, eine regelmäßige Erscheinung zu sein; der Einheimische wie der Fremde können ohne Furcht die Schönheiten der gesegneten Insel genießen, aber die unheimliche Gesellschaft der Maffia, diese große Beförderin des Verbrechens, hat aus dem Sturme, der über sie ergangen, die Existenz gerettet; scheint sie gegenwärtig todt, so liegt sie in Wahrheit doch nur im Schlafe, aus welchem sie bei passender Gelegenheit zu neuer verderblicher Thätigkeit erwachen wird, wenn es nicht gelingt, durch Erhöhung des Bildungsstandes und Ausbesserung der wirthschaftlichen Verhältnisse geistige und leibliche Armuth zu beseitigen und damit dem Räuberwesen die eigentlichen Wurzeln seiner Existenz für immer abzuschneiden.

Wie weit man in der That noch von der Berechtigung entfernt ist, das Uebel des Räuberwesens als mit der Wurzel ausgerottet ansehen zu dürfen, davon zeugt am unzweideutigsten eine Nachricht, welche während der letzten Wochen durch die Zeitungen lief. Darnach sollte in der Provinz Palermo eine neue Räuberbande sich gebildet haben, welche bereits mehrere sogenannte „ricatti“ ausgeführt, und – was im hohen Grade bezeichnend – an der Spitze der Bande soll als Räuberhauptmann ein Wachtmeister der Gensd’armerie stehen, welcher bei Unterdrückung der im Obigen bereits erwähnten Leone’schen Bande sich besonders ausgezeichnet, jetzt aber gleichwohl selbst an die Spitze von Räubern sich gestellt hätte, weil ihm die Regierung die auf Beseitigung des Leone seiner Zeit ausgesetzte Belohnung nur theilweise und unter beträchtlichen, sehr ungerechten Abzügen ausgezahlt habe. Hoffentlich gelingt es der Regierung, dieser neuen verbrecherischen Verbindung auch Meister zu werden; an dem erforderlichen Willen und dem erwünschten Selbstvertrauen scheint es wenigstens nicht zu fehlen, da im Anschluß an jene Nachricht mitgetheilt wird, die Polizei verhindere mit allen Kräften das Zustandebringen von Privatabkommen zwischen den Räubern und den Familien der Entführten – ein Verhalten, aus welchem jedenfalls zu schließen ist, daß die Behörden sich stark genug glauben, die Befreiung der Gefangenen durch Anwendung der gesetzlichen Maßregeln von den Räubern zu erzwingen.

Fl. Korell.




Um hohen Preis.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten und Uebersetzungsrecht vorbehalten.

Die Gräfin Selteneck stand ungefähr in dem gleichen Alter wie die Baronin, sah aber bedeutend jünger aus als diese, vielleicht gerade deshalb, weil sie sich nicht so ängstlich Mühe gab, noch die jugendliche Frau herauszukehren. Ohne schön zu sein, fesselte sie doch durch eine angenehme Erscheinung und ein klares bestimmtes Wesen. Beide Damen waren schon in voller Abendtoilette.

„Ich begreife es,“ sagte die Gräfin, „wie sehr Du unter dem Zwange der Verhältnisse im Hause Deines Schwagers leidest, Mathilde, aber was thut man nicht um seines Kindes willen! Gabrielens ganze Zukunft liegt doch nun einmal in seinen Händen, und sie wird als seine Erbin dereinst über ein beinahe fürstliches Vermögen verfügen. Dein Schwager hat Dir doch bestimmte Versprechungen in dieser Hinsicht gegeben?“

„Jawohl,“ versetzte die Baronin. „Es geschah schon bei meiner Ankunft in seinem Hause, aber ich fürchte, dieser unglückselige Zwischenfall mit dem Assessor Winterfeld stellt das alles wieder in Frage.“

„Der Assessor,“ meinte die Gräfin abbrechend, „ist übrigens eine überaus gewinnende Erscheinung. Ich sagte Dir ja, daß ich ihn vor einigen Wochen auf einer Soirée kennen lernte, wo er, die Wahrheit zu sagen, den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses bildete.“

„Der Assessor Winterfeld?“ fragte die Baronin, halb ungläubig, halb verächtlich.

„Allerdings. Er ist ja gewissermaßen eine Berühmtheit geworden und wird im Ministerium außerordentlich protegirt. Man zieht ihn in die besten Kreise und begegnet ihm überall mit Auszeichnung.“

„Aber das ist ja unerhört,“ rief Frau von Harder. „Man ist doch verpflichtet, die Beleidigung des Gouverneurs von R. zu strafen, und kann unmöglich den Beleidiger auszeichnen.“

„Es geschieht aber dennoch – und wie ich fürchte, absichtlich, aus Opposition gegen den Freiherrn. – Ich sehe überhaupt nicht ein, Mathilde, weshalb Dir und Deinem Schwager der Antrag des Assessors so unerhört erschien. Statt ihn abzuweisen und ihn dadurch zu diesem verzweifelten Schritte zu treiben, hättet Ihr ihm Hoffnung geben sollen.“

„Hoffnung geben?“ wiederholte die Baronin. „Ich bitte Dich, Therese – er ist ja bürgerlich.“

„Das ist kein unübersteigliches Hinderniß,“ erklärte die Gräfin, die sich als weltkluge, praktische Frau sehr wenig von Standesvorurtheilen beeinflussen ließ und offenbar ganz von der Persönlichkeit Georg’s eingenommen war. „Wozu giebt es denn Adelsdiplome? Raven war auch bürgerlich, als Deine Schwester sich mit ihm verlobte.“

„Das war ein Ausnahmefall, und Assessor Winterfeld –“

„Wird eine ganz ähnliche Carrière machen. Sieh mich nicht so erstaunt an! Ich spreche nur die allgemeine Annahme aus. Nach jenem allerdings sehr kühnen Schritte, der die Augen des ganzen Landes auf ihn gerichtet hat, darf er nicht mehr fürchten, übersehen zu werden. Hätte er sich nun vollends noch mit einer altaristokratischen Familie, wie es die Deinige ist, verbunden, so fehlte ihm nichts mehr auf dem Wege zu einer Höhe, wie Freiherr von Raven sie erreichte.“

Frau von Harder war sehr nachdenkend geworden. Sie war gewohnt, sich dem Urtheil der ihr geistig überlegenen Freundin unterzuordnen, und nach deren Schilderung erschien ihr Winterfeld in einem ganz anderen Lichte. Es fehlte nicht viel, so regte sich wieder die Vorliebe, die sie im Anfange der Bekanntschaft für Georg hegte.

Der Eintritt des Grafen Selteneck machte dem Gespräch ein Ende. Er wollte die Damen nach der Oper begleiten, hatte aber noch einen Besuch gemacht, von dem er jetzt erst zurückkehrte. Man begrüßte sich und tauschte einige gleichgültige Fragen und Erwiderungen aus. Die Gräfin meinte, daß es nun wohl Zeit sein dürfte, aufzubrechen, und wollte nach dem Wagen klingeln, aber ihr Gemahl hielt sie zurück.

„Einen Augenblick, Therese!“ sagte er leichthin. „Ich möchte vorher noch eine Kleinigkeit mit Dir besprechen. Die Frau Baronin entschuldigt uns wohl auf einige Minuten.“

Die Baronin bat, sich ihretwegen nicht stören zu lassen, und der Graf trat mit seiner Frau in das Nebenzimmer.

„Was ist denn vorgefallen?“ fragte diese unruhig.

„Ich habe Nachrichten erhalten,“ entgegnete der Graf halblaut,

[500]
Die Gartenlaube (1878) b 500.jpg

Antikes Stiergefecht. Nach dem Oelgemälde von A. Wagner auf Holz übertragen.

[501]  WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [502] „die Frau von Harder sehr peinlich berühren werden. Sie betreffen ihren Schwager, den Freiherrn von Raven.“

Er hatte die Thür nach dem Salon geschlossen, aber das Zimmer hatte noch einen zweiten Ausgang, der nur durch eine Portière verdeckt war. Die Sprechenden blieben in unmittelbarer Nähe desselben stehen, gerade in dem Augenblicke, wo Gabriele eintreten wollte, um sich nach dem Salon zu begeben. Sie vernahm die letzten Worte und den Namen des Freiherrn, und das war genug, sie unbeweglich an den Platz zu fesseln, wo sie stand. Hinter der Portière verborgen, lauschte sie athemlos.

„Der Gouverneur hat doch nicht etwa seine Entlassung genommen?“ fragte die Gräfin.

„Davon ist jetzt nicht mehr die Rede,“ sagte Selteneck. „Wäre dem so, nun, so theilte er das Schicksal mancher hohen Staatsbeamten, die nur zeitweise vom Schauplatz abtreten. Was ich soeben bei meinem Bruder hörte, ist so ernster Natur, daß, wenn es sich bestätigt – und es stammt direct aus dem Ministerium – der Freiherr ein für alle Mal unmöglich geworden ist.“

Die Gräfin sah ihren Gemahl erschrocken an; er fuhr in gedämpftem, aber für Gabriele deutlich vernehmbaren Tone fort:

„Die erste Zeitung von R. hat einen Artikel gebracht, der eine geradezu vernichtende Anklage gegen den Gouverneur enthält. Man sprach wohl hin und wieder davon, daß auch Raven nicht ganz unbetheiligt an der früheren revolutionären Bewegung gewesen sei, aber wie Viele haben sich damals nicht fortreißen lassen! Das sind Jugendextravaganzen, auf die man kein Gewicht legt, wenn sie bloße Ideen bleiben. In jenem Artikel wird aber behauptet, der Freiherr sei ein Mitglied, ja einer der Führer jener Verbindung gewesen, deren Haupt man in dem Doctor Brunnow – demselben, dessen Wiederverhaftung kürzlich so großes Aufsehen machte – verurtheilt zu haben glaubte. Es wird behauptet, Raven habe in der ehrlosesten Weise seine Freunde verrathen und die sämmtlichen Papiere und Beweismittel ausgeliefert; seine Anstellung im Ministerium sei der Preis dieser Infamie gewesen. Die Beschuldigung ist mit einer Bestimmtheit und Rücksichtslosigkeit ausgesprochen worden, die kaum noch daran zweifeln läßt, und man beruft sich auf das Zeugniß Brunnow’s selbst.“

„Und was hat Raven geantwortet?“ fiel die Gräfin hastig ein.

„Er erklärte Alles für Lüge – das gebietet ihm einfach die Pflicht der Selbsterhaltung, von Gegenbeweisen aber verlautet noch nichts. Gelingt es ihm nicht, die Sache aufzuklären und sich von dem Verdachte zu reinigen, so ist seine Rolle ausgespielt.“

„Die arme Mathilde!“ rief die Gräfin.

Der Graf zuckte die Achseln. „Wollen wir ihr die Vorgänge einstweilen noch verschweigen?“

„Nein,“ erwiderte die Gräfin, sie erfährt sie morgen durch die Zeitungen. „Man muß ihr Alles sagen.“

Beide kamen überein, die beabsichtigte Fahrt nach der Oper aufzugeben und kehrten in den Salon zurück. Gabrielens Antlitz war geisterbleich, als sie ihren Platz verließ und in ihr Zimmer zurückkehrte. Sie täuschte sich keinen Augenblick über die wahre Bedeutung des eben Gehörten. Der Instinct der Liebe lehrte sie den Charakter Raven’s besser beurtheilen, als es der erfahrenste Menschenkenner vermocht hätte. Sie wußte, daß der Freiherr jedem Kampfe, jedem Schicksalsschlage gewachsen war, nur dem Einen nicht, das sich Schande und Demüthigung nannte, und gerade dieses Eine hatte man jetzt über ihn heraufbeschworen.

Während die Gräfin Selteneck der Baronin die peinliche Neuigkeit mittheilte, warf das junge Mädchen am Schreibtische mit fieberhafter Eile einige Zeilen auf das Papier. Es waren nur wenige Worte, und die Adresse lautete an den Assessor Winterfeld. Der Brief fand ihn sicher im Ministerium. Er enthielt nichts weiter, als die Nachricht von ihrem Hiersein, die Bitte, sie morgen im Selteneck’schen Hause aufzusuchen – kein Wort weiter. – –

Am Nachmittage des nächsten Tages trat Georg Winterfeld in den Salon der Gräfin. Gabriele trat auch schon nach wenigen Minuten ein, und Georg eilte ihr mit stürmischer Freude entgegen.

„Gabriele, meine Gabriele, endlich sehen wir uns wieder.“

Er fühlte in seinem Entzücken gar nicht, daß ihre Hand regungslos in der seinigen lag, ohne deren Druck zu erwidern, und daß die ganze Antwort auf seine zärtliche Begrüßung nur in einem matten, traurigen Lächeln bestand. Er fuhr in derselben freudigen Erregung fort:

„Aber was bedeutet das Alles? Ich glaubte Dich noch in R. und erfahre jetzt erst, daß Du hier in der Residenz, in meiner Nähe, weilst. Und wie soll ich mir den Brief erklären, der mich zu Dir ruft? Weiß Deine Mutter von dieser Einladung?“

„Nein,“ sagte Gabriele mit ungewohnter Entschiedenheit. „Sie ist mit der Gräfin Selteneck ausgefahren. Bei ihrer Rückkehr werde ich ihr aber mittheilen, daß und warum ich Dich hergerufen habe. Sie würde diese Unterredung nicht gestattet haben, und ich mußte Dich sprechen.“

Georg sah sie ein wenig erstaunt an. Ein solcher entschlossener Schritt war sonst Gabrielens Sache nicht.

„Auch ich sehnte mich unendlich, Dich zu sprechen,“ erwiderte er. „Es war mir nicht möglich, Dir Nachricht zu geben. Ich kann und darf keine Beziehungen mit dem Hause des Gouverneurs unterhalten, am wenigsten gegen seinen Willen. Du weißt ja, wie ich ihm jetzt gegenüberstehe.“

„Ich habe es von – Anderen hören müssen. Du gingst von mir mit dunklen Andeutungen, die ich kaum verstand. Du ließest die Wahrheit ganz unvorbereitet über mich hereinbrechen.“

Georg verstand den Vorwurf. „Verzeih!“ bat er innig. „Es geschah einzig und allein um Deinetwillen. Ich durfte Dich nicht zur Mitwisserin eines Vorhabens machen, das gegen den Mann gerichtet war, in dessen Hause, unter dessen Schutze Du lebst. Zürnst Du mir deswegen? Du ahnst nicht, wie viele Kämpfe ich mit mir selbst zu bestehen hatte, ehe ich mich zu diesem Schritte entschloß.“

„Er hat Dir ja Glück gebracht –“ die Stimme des jungen Mädchens hatte einen seltsamen, beinahe hohnvollen Klang – er hob Dich mit einem Schlage aus der Verborgenheit empor: „Dein Name wird jetzt überall genannt.“

Das schöne, ernste Antlitz Winterfeld’s verdüsterte sich. „Es drückt mich schwer genug, daß es durch eine solche Veranlassung geschieht. Ich hatte auf diesen Erfolg am wenigsten gerechnet. Oder zweifelst Du an dem, was ich Dir bei unserer Trennung sagte? Zweifelst Du daran, Gabriele, daß kein persönliches Rachegefühl gegen den Freiherrn mich antrieb und daß jene Schrift entstand, ehe wir uns kannten? Ich war darauf gefaßt, daß sie mir verhängnißvoll werden würde, denn ich kannte den Gegner, den ich reizte. Meine Stellung, meine ganze Zukunft vielleicht standen auf dem Spiele, aber es galt, die tyrannische Macht eines Mannes zu brechen, an den sich Niemand wagte. Ich wagte es und war bereit, die Folgen zu tragen, doch wenn je eine Sache eine unerwartete Wendung nahm, so war es diese. Ich wurde von allen Seiten gedeckt und gestützt, und der Gouverneur wurde preisgegeben. Ich hatte keine Ahnung davon, welche mächtige Strömung gerade in den Kreisen, die ich am meisten fürchtete, mein Auftreten begünstigte.“

Er hatte klar und ruhig gesprochen, aber in seinem Auge lag eine unruhige und schmerzliche Frage, welche die Lippen verschwiegen. Er konnte sich in das Wesen der Geliebten nicht finden; sie stand ihm so fremd, so kalt gegenüber, ohne ein Zeichen der Theilnahme. Kein Wort der Zärtlichkeit fiel bei diesem Wiedersehen nach wochenlanger Trennung; statt dessen wurden Dinge erörtert, die Gabrielen einst unendlich fern lagen und jetzt ihr alleiniges Interesse zu fesseln schienen. Was war mit ihr vorgegangen?

„Noch eine Frage, Georg!“ nahm sie wieder das Wort. „Jener letzte Angriff, jene schändliche Verleumdung, welche die Zeitungen brachten – hast Du irgend einen Antheil daran.“

„Nein, die plötzliche Enthüllung überraschte mich nicht weniger als Andere, und ich weiß nicht, von wem sie stammt. Ich kämpfe nicht mit anonymen Beschuldigungen, die sich an eine längst entschwundene Vergangenheit heften. Wenn ich jene Thatsache für meine Schrift hätte verwerten wollen, so wäre der Sturz des Gouverneurs längst entschieden, denn ich kannte sie schon seit Monaten.“

„Die Thatsache?“ fuhr Gabriele auf. „Es ist eine Lüge. Wie kannst Du nur einen Augenblick daran zweifeln?“

„Es ist eine Thatsache,“ sagte der junge Mann ernst. „Ich weiß sie aus dem Munde eines Mannes, dem es schwer genug wurde, als Ankläger gegen seinen einstigen Freund aufzutreten. Es ist der Vater Max Brunnow’s.“

[503] „Und ich sage Dir dennoch: es ist Verleumdung,“ rief Gabriele mit flammenden Augen. „Arno kann keine Ehrlosigkeit begehen und hat sie nicht begangen. Er erklärt es für eine Lüge; folglich ist es eine Lüge, und wenn die ganze Welt ihn anklagt, ich glaube ihm allein.“

„Arno? – Du glaubst ihm allein?“ wiederholte Georg langsam. „Was – was soll das heißen?“

„Alles verläßt ihn jetzt,“ fuhr Gabriele in ausbrechender Leidenschaft fort, „Alles stürmt auf ihn ein. So lange er hoch und mächtig dastand, wagte es Niemand, ihn anzurühren, aber seit Du das Signal zum Angriff gegeben hast, wird er von allen Seiten verfolgt und zum Untergange gehetzt. Und wenn er trotz alledem Stand hält, so greift man zu dem letzten Mittel und verwundet ihn tödtlich an seiner Ehre. O, ich weiß nur zu gut, weshalb er mich fortsandte. Er ahnte, was bevorstand; er wollte allein sein in seinem Sturze.“

Georg war todtenbleich gewordenen; seine Augen hafteten starr und angstvoll auf dem Gesicht des glühend erregten Mädchens. Diese Heftigkeit verrieth zu viel, und das Herz des jungen Mannes zog sich krampfhaft zusammen. Er ahnte den Tod seines Glückes.

„Was ist zwischen Dir und dem Freiherrn vorgegangen?“ fragte er. „So vertheidigt man nicht einen Vormund, einen Verwandten; so hättest Du von mir sprechen müssen, wenn mich eine Gefahr bedrohte. Was ist geschehen während unserer Trennung? Gabriele – nein, es ist unmöglich – Du kannst diesen Raven nicht lieben.“

Sie gab keine Antwort, aber sie sank auf den Sessel und brach, das Gesicht in den Händen verbergend, in lautes Weinen aus. Einige Minuten lang herrschte ein banges Schweigen, das nur von dem Schluchzen Gabrielens unterbrochen wurde. Georg stand regungslos da; er bedurfte keiner anderen Antwort, aber die Entdeckung kam zu jäh, zu unerwartet.

„Du liebst ihn also,“ sagte er endlich tonlos. „Und er – jetzt begreife ich seinen Haß gegen mich, seine wilde Gereiztheit, als er meine Liebe entdeckte. Darum also riß er uns so unerbittlich von einander; darum nahm er mir jede Hoffnung auf Deinen Besitz. Daß er mir auch Deine Liebe nehmen würde, das – habe ich nicht geglaubt.“

Gabriele trocknete ihre Thränen und richtete sich empor. „Verzeih’ mir, Georg! Ich fühle die ganze Schwere meines Unrechtes gegen Dich, aber ich kann nicht anders. Ich habe die Liebe nicht gekannt, als ich Dir mein Wort gab; ich lernte sie erst kennen, als Arno mir entgegentrat, und jetzt wäre es Verrath gegen Dich, wollte ich Dir noch länger die Wahrheit verschweigen. Ich habe gekämpft, so lange der Kampf überhaupt möglich war; noch gestern schwankte und zweifelte ich, da kam jene Nachricht, und da war es vorbei mit jedem Zweifel. Ich weiß jetzt, wo allein mein Platz ist, und werde ihn behaupten, aber zuvor mußtest Du Alles wissen. Gieb mir mein Wort zurück! Ich bitte Dich – ich kann es Dir nicht halten.“

Der junge Mann stand im heftigsten Kampfe da.

„Hast Du mich gerufen, um mir das zu sagen?“ fragte er.

„Ja,“ war die kaum hörbare Antwort.

„Du bist frei in dem Augenblicke, wo Du frei sein willst,“ sagte Georg mit tiefster Bitterkeit. „Ich gelobte Dir, daß nichts auf der Welt mich bewegen werde, auf Deine Hand zu verzichten, ich müßte denn aus Deinem eigenen Munde hören, daß Du mich aufgiebst. Ich habe es gehört – lebe wohl!“

Er wandte sich ab und schritt nach der Thür. Gabriele eilte ihm nach und legte die Hand auf seinen Arm.

„Geh’ nicht so von mir, Georg! Sage, daß Du mir verzeihst! Reiße Dich nicht in Haß und Bitterkeit von mir los! Ich ertrage es nicht, wenn Du mir zürnst.“

Das war wieder der alte süße Ton, der so oft seine bestrickende Macht geübt hatte, er hemmte auch jetzt den Schritt des jungen Mannes, und als das holde thränenfeuchte Antlitz sich so angstvoll stehend zu ihm emporhob, da wollte auch sein tief verletzter Stolz nicht mehr Stand halten. Er umfing die noch immer so leidenschaftlich Geliebte.

„Muß ich Dich denn verlieren?“ fragte er in bebendem Tone. „Besinne Dich, Gabriele! Opfere nicht so schnell unser Glück und unsere Liebe! Die Leidenschaft Raven’s hat Dich berückt, geblendet; er versteht es, mit dämonischer Gewalt die Herzen an sich zu ketten, aber er wird nie und nimmermehr ein Weib beglücken können. Du mit Deiner klaren, sonnigen Natur wirst vergehen an der Seite dieses Mannes. Du kennst ihn noch nicht; er verdient Deine Liebe nicht.“

Gabriele machte sich sanft aus seinen Armen los. „Suche ich denn Glück an Arno’s Seite? Ich will ja nur bei ihm sein, wenn Alles ihn verläßt. Ich will sein Schicksal theilen, will mit ihm untergehen, wenn es sein muß. Das ist das einzige Glück, das ich erwarte, und dies eine wenigstens will ich mir nicht nehmen lassen.“

Es lag eine hingebende Zärtlichkeit in diesen Worten, und Georg’s Blick ruhte mit düsterem Schmerze auf dem jugendlichen Wesen, das so schnell die volle aufopfernde Hingebung des Weibes gelernt hatte. So, gerade so hatte er sich seine Gabriele geträumt, als er das frohe, übermüthige Kind zum Ideale seines Lebens erhob, freilich nur geträumt; er hoffte ja nie, daß sie sich zu jener Höhe emporschwingen werde. Jetzt stand dieses Ideal verkörpert vor ihm, und in demselben Augenblicke erfuhr er, daß es ihm auf immer verloren sei.

„So laß uns scheiden!“ sagte er, seine ganze Fassung zusammenraffend. „Du hast Recht, mit dieser Alles überfluthenden Leidenschaft für einen Anderen im Herzen kannst Du nicht die Meine werden. Auch ohne Deine Bitte hätte ich Dich freigegeben nach diesem Geständniß. Weine nicht, Gabriele! Ich habe ja keinen Haß, keinen Vorwurf gegen Dich, nur gegen ihn, der Dich mir raubte. Du warst das Glück, der Inhalt meines Lebens. Wie ich es tragen werde, wenn Du darin fehlst, weiß ich nicht. Leb’ wohl!“

Er zog sie noch einmal an sich, drückte noch einmal seine Lippen auf die ihrigen und eilte dann fort aus dem Hause, das er mit so frohen Hoffnungen betreten hatte und nun mit einem vernichteten Lebensglücke verließ. Gabriele blieb allein zurück, sie weinte nicht mehr, aber es war ein unnennbares Weh, das jetzt ihr Inneres durchzuckte. Sie fühlte, daß mit der Liebe Georg’s das Beste und Edelste aus ihrem Leben geschieden war.

(Fortsetzung folgt.)



Blätter und Blüthen.

Die Feste in Weimar. Unter freiem Himmel, mitten im strahlenden Grün des Weimarischen Parkes und der riesigen Bäume seiner berühmten „Stern-Allee“, ist in der Morgenfrische des 9. Juli der Erinnerung an die vor hundert Jahren erfolgte Gründung jener lieblichen und denkwürdigen Parkschöpfung eine ernste und weihevolle Feier gewidmet worden. Unser geschätzter Mitarbeiter, Robert Keil, welchem unsere Leser die bereits in Nr. 27 der „Gartenlaube“ veröffentlichten Mittheilungen zur Geschichte des Parkes verdanken, hielt bei der erwähnten Feier eine schwung- und gehaltvolle, mit ergreifenden Rückblicken in eine große Vergangenheit durchwebte Ansprache an das überaus zahlreich herbeigeströmte Publicum. Gesang und Instrumentalmusik hatten diese fesselnde Rede eingeleitet, und wahrhaft erhebend war der Moment, als nach Beendigung derselben die hohe Gestalt Franz Liszt’s auf die Tribüne trat. Der Meister ergriff den Tactirstock, und nun wogten die mächtigen Klänge seines Goethe-Marsches über die Köpfe der versammelten Tausende hinweg in die goldige Luft des thaufrischen Sommermorgens. Kein Anwesender, der die Bedeutung der classischen Stätte zu empfinden vermag, wird den eigenthümlich poetischen Eindruck des einfach und sinnig gestalteten Actes wieder vergessen, und doch bildete derselbe nur einen zufälligen Nebenpunkt in der Reihe der großartigen Festlichkeiten, von denen das weimarische Ländchen in jenen Tagen der zweiten Juliwoche bewegt wurde.

In Augenblicken, wie es der jetzige ist, wo verhängnißschwere Weltfragen und politische Erschütterungen im Inneren des eigenen Vaterlandes weithin die Gemüther bestürmen und in Spannung versetzen, pflegen die bloßen Familienereignisse einzelner Bezirke und kleiner Territorien außerhalb ihrer Grenzen nicht sonderlich beachtet zu werden. Für Deutschland hat seit lange in dieser Hinsicht nur immer Weimar eine Ausnahme gemacht. Was in der kleinen und stillen Residenzstadt Karl August’s, auf der einstmaligen Wohnstätte Goethe’s und Schiller’s, Herder’s und Wieland’s Bemerkenswertes sich ereignet, das hat noch jederzeit draußen in der großen Welt, unter den Gebildeten unserer Nation eine aufmerksame Gemeinde und eine so warme Theilnahme gefunden, wie sie jetzt wiederum bei dem fünfundzwanzigjährigen Regierungsjubiläum des Großherzogs Karl Alexander aller Orte im weiten Vaterlande sich geäußert hat. Die stille Hochachtung und Anerkennung, derer dieser Regent in allen deutschen Ländern sich erfreut, ist auch ohne Zweifel eine wohlverdiente. Weiß man doch überall zur Genüge, daß er das Erbe seines großen Ahnen bisher im Geiste desselben verwaltet hat und mit seinem Verständniß

[504] und sorgsamer Pietät die Traditionen der großen Blüthe- und Ruhmeszeit Weimars den Erinnerungen der Nachwelt, dem Anrecht der gesammten Nation nach Möglichkeit zu erhalten sucht. Während es jetzt in Deutschland regierende Nachkommen giebt, welche gegen die herrlichsten, einst für das Wohl des Volkes hergestellten Schöpfungen hochgeachteter Vorfahren, z. B. wider ihre großartigen öffentlichen Gartenanlagen, aus Rücksichten der Geldersparniß einen erstaunlichen Vandalismus ausüben, findet sich in Weimar keine ehrwürdige Spur ehemaligen idealen Wirkens, der man nicht ansähe, daß sie von dem Bewußtsein einer hohen Pflicht und dem Auge einer zartsinnigen Liebe bewacht und gehütet wird.

Aber nicht blos auf diese Pflege eines poesievollen Todtencultus erstreckt sich die Sorgfalt. Die ganzen fünfundzwanzig Jahre her ist Karl Alexander ein bescheidener und volksliebender Fürst gewesen, der seine Regierung streng verfassungsmäßig und ohne jeden ernsteren Conflict mit dem Lande und seiner Vertretung geführt hat. Die Verhältnisse des Landes sind im Sinne freier Selbstverwaltung wohlgeordnet, das Schul- und Bildungswesen ist durch vortreffliche Leitung und emsigste Aufmerksamkeit zu einer musterhaft gedeihlichen und erfolgreichen Entwickelung gebracht, und besonders erfreulich ist in der Schule wie in der Kirche, im Staate wie in der bürgerlichen Gemeinde ein Geist milden Freisinns und duldsamer Versöhnlichkeit, sodaß schroffe confessionelle Differenzen auf diesem Boden Herder’s und Röhr’s auch ferner zu irgend einer störenden Geltung niemals gelangen konnten. Dazu kommt ein thätiger Drang zur Forderung hochidealer, namentlich künstlerischer Zwecke im Sinne der weimarischen Ueberlieferungen. Das nach künstlerischen Intentionen geleitete Hoftheater gehört seit einer Reihe von Jahren zu den besten Deutschlands und die Abonnementspreise sind für die Einwohner so billig gestellt, daß auch der Unbemittelte sich diesen Genuß nicht zu versagen braucht. Zu den Bauten, welche unter dieser Regierung ausgeführt wurden, gehört neben der umfassenden und prächtigen Restaurirung der Wartburg besonders das in monumentalem Stile errichtete Museum, ein Schmuck der überhaupt vielfach verschönerten Residenz. Außerdem aber sind vom Großherzoge auch wirksame Anstalten begründet worden, wie die blühende Kunst- und Malerschule und das gleichfalls bereits zu Ruf gelangte Institut zur Ausbildung tüchtiger Orchesterspieler.

Daß alle diese Bestrebungen, verbunden mit der deutsch-nationalen Gesinnung und der patriotischen Reichstreue dieses Fürsten, nicht ohne sichtlich veredelnden Einfluß auf die Gesittung des Volkes geblieben sind, ist natürlich. Um zu sehen, was in dieser Hinsicht durch das Beispiel und Wirken von oben her gethan und verhindert werden kann, braucht man nur die Zustände z. B. in Mecklenburg und das todte Wesen, die stumpfe und dumpfe Geistesöde in manchen unserer Kleinstaaten und ihren Residenzen mit den Verhältnissen in Baden, Weimar etc. zu vergleichen. Auch für solche Zeichen der Liebe und Dankbarkeit, wie sie jetzt Karl Alexander freiwillig aus dem Herzen seines Volkes entgegengebracht wurden, ließe sich in vielen der anderen kleinen Länder wohl kaum noch der nöthige Schwung und Antrieb, kaum noch eine so imposante Kraft poetischen Ausdrucks und überraschenden Schönheitssinnes finden, wie sie das kleine Weimar in den eben gefeierten Bürger- und Künstlerfesten gezeigt hat. Das heitere weimarische Festidyll, inmitten einer Zeit düsterer Stürme, verdiente die Aufmerksamkeit der deutschen Nation als ein trostreiches und erquickliches, weit über den engen Localrahmen hinausragendes Culturfest.

A. Fr.



Ein Festtag des Colosseums. (Mit Abbildung S. 500 und 501.) Wenn es ein würdiger Vorwurf für die bildende Kunst ist, den Menschen in einem Augenblicke höchster Erregung des Leibes und der Seele darzustellen, so hat der Münchener Meister A. Wagner in seinem Bilde einer Scene im Circus wohl den Gegenstand gefunden, welcher in der bezeichneten Richtung das Mögliche bietet. Hier das Ringen von Roß und Mann um das Leben, dort das sichere Beschauen der Zerfleischung von Mensch und Thier – wer sucht noch schärfere, noch empörendere Contraste? Fesselt unsere Theilnahme zunächst die Kampfgruppe im Vordergrunde um den Stier und im Hintergrunde die um den herandrängenden Elephanten, so bleibt unser Auge doch schließlich auf der Zuschauergruppe haften, die wir aus dem Pulvinar, der Prachtloge des Staatsoberhauptes und seiner Familie und Umgebung, versammelt sehen. Dort hat der Künstler sich offenbar die kühnste Aufgabe gestellt: im Antlitz schöner Frauen die Wirkung wiederzugeben, welche in demselben der Anblick eines so blutigen Schauspiels hervorbringt. Hier schreibt die Farbe ein Capitel römischer Geschichte, zu welchem ein Juvenal, der zürnende Dichter, die Unterschrift geliefert hat: „Panem et Circenses! – Brod und Spiele!“. Denn so weit war das römische Volk durch die Eroberung und Ausbeutung des größten Theils der damals bekannten Erde herabgekommen, daß es, im Ueberfluß arbeitsscheu und in der Genußsucht unfrei geworden, wie Juvenal so bitter klagt, bei seinen Machthabern nur noch um „Brod und Spiele“ bettelte. Und prüfen wir nun den Eindruck der blutigen Scenen auf die schönen Frauen, die Mitträgerinnen der höchsten Macht und Bildung des Staates jener Zeit, so finden wir so wenig Tröstliches, daß wir Juvenal’s Klage zu deutsch in das Urtheil übersetzen können, welches die Geschichte über jene Zeit und jene Feste gesprochen hat: Im Circus ging Rom zu Grunde.

A. Wagner’s Bild ist als Kunstwerk so berühmt und vielbesprochen, daß wir über den künstlerischen Werth desselben schweigen und dafür die hohe Bedeutung desselben als eine Lehre der Geschichte hervorheben konnten. Auch die Völker der Gegenwart dürfen auf die Lehre hören. Im Jagen nur nach „Panis et Circenses“, in dem faulen Genügen an der Befriedigung der rohesten Bedürfnisse hat allezeit das größte Hinderniß nationalen Aufschwungs bestanden. Möchten wir auf unserer Hut sein und möchte unser Volk immer tiefer hinab sich am Ringen nach jenen großen geistigen Zielen betheiligen, die unsrer Nation gesteckt sind; dann, und nur dann wird jenes Verlangen bei uns auch nie zum lechzenden Rufe einer fieberkranken Nation werden, welche dem Verderben geweiht ist.



„Instinct oder Ueberlegung?“ Zu der unter diesem Titel in Nr. 26 der „Gartenlaube“ berichteten kleinen Schwalbengeschichte bin ich in der Lage, in Folgendem ein noch interessanteres Gegenstück bringen zu können.

Vor einigen Jahren bemerkte ich, daß ein Schwalbenpaar die Absicht hatte, sich an eines der oberen Fenster meines zweistöckigen Hauses anzubauen. Um die in Aussicht stehende Beschmutzung meines Hauses zu verhindern, ließ ich mit einer Bohnenstange die angefangene Arbeit zerstören. Sofort wurde von den Thieren eine andere Baustelle im zweiten Fenster in Angriff genommen und, da jedes Mal von meiner Seite die Zerstörung folgte, später in fieberhafter Hast bald das eine, bald das andere der fünf Fenster attakirt. Als die Schwalben einsahen, daß alle Arbeit vergebens war, zogen sie endlich ab und, wie ich glaubte, auf Nimmerwiedersehen. Aber ich hatte mich gründlich geirrt. Nach kurzer Zeit wurden sämmtliche fünf Fenster gleichzeitig von einem großen Schwarm von Schwalben, wahrscheinlich sämmtlichen des ganzen Städtchens, mit einer solchen Energie in Angriff genommen, daß die Zerstörung nicht gleichen Schritt halten konnte. Endlich, nach vergeblichem Widerstande, ließ ich alle oberen Festerflügel nach außen öffnen, wodurch die Mauerecke verdeckt wurden. Ich saß mit meiner Familie auf der Freitreppe vor dem Hause in Erwartung dessen, was nun kommen würde. Da geschah denn auch das Sonderbarste von der ganzen Geschichte. Die Schwalben, in gedrängten Haufen hin und her fliegend, schienen sich zu berathen. Plötzlich erhoben alle ein großes Geschrei und flogen während mehrerer Minuten hin und her und so dicht an unseren Köpfen vorbei, als ob sie uns hätten attakiren wollen, sodaß wir oft abwehrend mit den Händen das Gesicht decken mußten. Dann zogen sie plötzlich wie auf Commando ab, ohne uns weiter zu belästigen.

     Enger. Regierungsbezirk Minden.

F. Smitt.



Neue Erfahrung bezüglich der Nesselcultur. Die Verfasserin des mit so vielem Interesse aufgenommenen Artikels „Ein Dornröschen der Cultur“ ersucht uns, mitzutheilen, daß neueren Beobachtungen zufolge nicht, wie bisher angenommen wurde, die Blüthezeit der Nessel, sondern die Zeit der Samenreife die zur Ernte günstigste Periode bildet, da alsdann die Faser fester und dauerhafter ist. Demnach würde nicht Ende Juli oder Anfang August, sondern Ende September oder Anfang October mit der Ernte vorzugehen sein.

D. Red.




Für die Hinterlassenen der verunglückten Seeleute vom „Großen Kurfürsten“

gingen ferner ein: Ergebniß einer von der Staatsgemeindebehörde der großherzoglich badischen Amtsstadt Meßkirch veranstaltete Sammlung M. 190; vom Kegelclub des „Grünen Gewölbes“ in Nordhausen M. 11; Johannes Goetzger in Wien 10 Gulden = M. 17.40; A v. P. in Staitz M. 6; Ertrag eines Concertes, veranstaltet von den Gesangvereinen „Cäcilien-Verein“ und „Liederkranz“ zu Frankenthal in der Pfalz, M. 300; Franz Rahner, Oberkellner in Form’s Hôtel in Oppeln, M. 15; Straßburg, königl. Cataster-Controlleur in Pletschen, M. 3; Sammlung bei einer Abendunterhaltung des Gesangvereins „Eintracht“ in Bad Ems M. 34; Jeanette Claassen in Potsdam M. 4; Ertrag einer theatralisch-musikalischen Vorstellung des Liebhabertheaters in Oberkirch in Baden unter Mitwirkung der Frau Telle und des Herrn Lohmann von Straßburg durch W. Braun, Notar, M. 85; Hr. und Frl. R. Werben M. 6; Ertrag des von den Gesangvereinen „Gemüthlichkeit“, „Rhenania“, „Frohsinn“, „Phönix“, „Amicitia“ und „Harmonie“ zu Ruhrort am 30. Juni veranstaltete Concertes durch Herrn Bürgermeister Weinhagen M. 259; ein Abonnent der „Gartenlaube“ in Cainsdorf M. 1; vom Casino der deutschen Beamten zu Stetmarin-Wesserling im Elsaß m. 18.50; Heyermann, O. F., in Kötzschenbroda M. 10; Leonhardt und Toelle in Niederschlema i. S. M. 50; Busch, Barnewitz und Comp. in Wolfenbüttel M. 20; Marner Casino durch die Expedition der Marner Zeitung in Marne (Holstein) M. 30; Sammlung der Redaction des Frankenberger Tageblattes M. 58.63; E. S. in Schweinfurt M. 10; G K. in B. M. 3; W. Sonne, Stud. rer. natur. in Würzburg M. 5; durch Hôtelier Hermann May in Neustadt in O.-Schl. gesammelt von einer fröhlichen Gesellschaft M. 5.50; ein paar arme Teufel in Breslau M. 1.80; Ertrag eines Concertes der Neisser Brumme zu Neisse M. 100; Dr. Petruschky in Waldenburg in Schlesien M. 10; Klein, Postagent Wrotzk, Ueberschuß eines Waldvergnügens M. 10.50; Ferdinand Jung in Frankfurt am Main M. 10; drei Hopfenbauer in Spalt M. 10; von einigen Mitgliedern der Montagsgesellschaft zu Mehltheuer im Vogtlande gesammelt M. 7.50; Frm. L. C., Ertrag einer Sammlung M. 60.30; W. Thost in Chemnitz M. 3; Ertrag einer Darstellung von lebenden Bildern vom Vorstand des musikalischen Kränzchen zu Freyburg an der Unstrut m. 56.75; Ertrag eines Concertes des Dilettanten-Clubs zu Straßburg im Elsaß M. 350; K. S. St. und W. in Z. M. 4.50; von dem Gesangverein des Dorfes Einberg bei Coburg, Betrag für ein Faß Bier, welches den Sängern gespendet war und auf dessen Genuß dieselben zum Besten der armen Hinterbliebenen verzichteten, M. 6; H. B. Triest 1 Gulden ö. W. = M. 1.70; W. Schl. in Frankfurt am Main M. 10; Familie Sallandt in Burgsteinfurt in Westfalen M. 30; „Die Spieler des Würfelspiels, sie gaben diese Spenden“, aus Stendal M. 6.50; Ertrag eines Concertes des „Liedertafel“ zu Hoya an der Weser durch Carl Meyer M. 45.30; F. W. in Hamburg M. 3; bei Anlaß des Jubiläumsfestes des fünfzigjährigen Bestehens des königl. sächsischen Polytechnicums zu Dresden von den Studirenden dieser Hochschule gesammelt M. 640; Vom Gesangverein „Liederkranz“ zu Iserlohn, Ertrag eines Concertes, M. 60.75.

Die Redaction.

  1. Gesammelt in dem „Gedenkbuch an Friedrich Schiller“, das 1855 der Schiller-Verein bei Theodor Thomas in Leipzig herausgegeben.
  2. Anspielung auf den bekannten Toast des Erzherzogs Johann von Oesterreich.
  3. Fr. Steger kehrte später nach Leipzig zurück und ist, nachdem er dreizehn Jahre die Wochenschrift „Europa“ redigirt hatte, den 30. December 1874 gestorben.
    Anmerk. d. Red.
  4. Das 1843, 1845, 1846, 1847 ausgegeben wurde. 1844 erlag es der frischen, fröhlichen Reaction.