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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1878
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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Die Gartenlaube (1878) 505.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[505]
Aufg’setzt.
Eine baierische Bauerngeschichte.
Von Herman von Schmid.
(Fortsetzung)
Nachdruck und Dramatisirung verboten.
Uebersetzungsrecht vorbehalten.

In kurzer Zeit hatte Gori seine Hütte erreicht, und nur ein kleiner Tümpel trennte ihn noch von ihr, der durch Hochwasser gebildet war und über welchen ein schwankes, leicht gelegtes Brett den Zugang bildete. Forschend, fast unsicher betrat er dasselbe; denn in der kurzen Zeit hatte der Charakter der Nacht sich rasch und völlig geändert. Unerwartet hatte ein starker Wind sich aufgemacht. der unheimlich durch die Erlen des Gebüsches fuhr und dichte Wolken heraufjagte, sodaß der Mond fast ganz von ihnen verdeckt und tiefe Finsterniß auf die vorige Klarheit gefolgt war; nur manchmal, plötzlich, mit einem Windstoß, blitzte oder zuckte die Helle wieder hervor. Als Gori die Mitte erreicht hatte, trat ein solcher Augenblick ein; der Mond brach rasch und so bestimmt hervor, daß sein volles Bild auf der Oberfläche des Tümpels stand, wie ein blasses Antlitz, das aus der Tiefe aufgetaucht war. Gori zuckte zusammen, wie vor einer Erscheinung; er schwankte und beflügelte seine Schritte, um ungefährdet Ufer und Hütte zu erreichen.

„Die dummen Gedanken!“ murmelte er unwillig. „Wenn es nur ‚was gäb‘, um die dummen Gedanken los zu werden! Dann wollt’ ich es mit dem Teufel aufnehmen.“

Aus der Hütte drang ihm schwacher Lichtschein entgegen; er schien bereits erwartet zu werden. Als er an die Thür trat, ging diese auf und die Mutter, das hochgehaltene Oellämpchen in der Hand, stand auf der Schwelle. Es war ein trauriges Menschenbild, das ihm mit dem grinsenden Behagen des Blödsinns entgegenlachte, nicht sowohl nach der körperlichen Erscheinung: denn wenn der Anzug auch im höchsten Grade armselig erschien, war doch etwas an ihm, was an frühere Ordnung und Reinlichkeit erinnerte – desto trübseliger aber war der Ausdruck der Verstörung und Verlorenheit in den zuckenden Zügen und den unheimlich starrenden Augen.

„Grüß’ Gott, Gori,“ sagte sie, die Thür hinter dem Eingetretenen zuziehend und mit der Holzklappe verschließend. „Weil Du nur da bist – ich hab’ schon lang auf Dich gewartet; der Vater ist auch schon zwei Mal dagewesen und hat nach Dir gefragt.“

Es war ein in ihr feststehender Wahn, daß ihr Mann nicht todt, sondern auf einem Schiffszuge abwesend sei, von welchem er von Zeit zu Zeit nach Hause komme und nachfrage.

Gori erwiderte nichts und warf einige blanke Kronenthaler auf den Tisch, den kleinen Lohn des Spiels, der aus der Einnahme zu einiger Entschädigung für Zeitversäumniß und Mühe gegeben wurde. „Da, nehm’ die Mutter!“ sagte er. „Für ein paar Wochen wird’s reichen bis ich wiederkomm’ – wenn ich wiederkomme,“ setzte er hinzu, indem er auf die schlechte Holzbank an der Wand niedersaß. Zugleich schob er den Laib Brod, den die Mutter mit einem Stück geselchten Fleisches und dem gefüllten Schnapsglase vor ihn hingestellt hatte, zurück und griff nach einem auf dem Sims liegenden Tuch, um sich das noch immer aus der Stirnwunde quellende Blut abzuwischen.

„Willst denn schon wieder fort?“ sagte sie Alte traurig, indem sie sich neben ihm auf einen kleinen Schemel niederhockte. „Bist ja kaum zur Thür herein und denkst schon wieder ans Fortgehen. – Kannst ja gar nicht, bist ja voll Blut.“

„Ich muß,“ erwiderte er finster; „ich hab’ ein wichtiges Geschäft und hab’ eher keine Ruh, bis das gethan ist. Das bissel Bluten stillt sich von selbst.“

„Was kann das für ein Geschäft sein? Und gar in der Nacht?“ fragte die Mutter, deren geistiger Zustand dem Spiele der Wellen glich; wie von diesen die eine auftaucht, um im nächsten Augenblicke vor einer anderen zu versinken, so wallten in ihrer Seele Gedanken und Gebilde hin und wieder, daß sie bald wie vernünftig, bald geistesabwesend erschien.

„Das kümmert die Mutter nichts. Ich will jetzt ausrasten,“ sagte Gori und wollte sich erheben, seine Lagerstätte zu suchen.

„Wohl, wohl kümmert mich das!“ rief sie, ihn festhaltend, indem ein Strahl des Lichts aus ihrem Auge zuckte. „Ich seh’ Dir’s an: es ist nichts Gutes, was Du im Sinne hast. Du mußt mir’s sagen; ich laß Dich nicht eher fort! – Hörst Du,“ fuhr sie sich rasch wieder verlierend auf, als der Wind am Fensterladen rüttelte, „hörst Du, der Vater ist schon wieder da.“

Gori lachte auf, konnte sich aber doch eines Schauders nicht erwehren. „Ha, was werd’ ich thun?“ sagte er, sich von ihr losmachend. Was kann ich thun? Alles, was ich anfang’, schlägt mir fehl; das hab’ ich vorige Nacht wieder gesehen. Schon hatt’ ich die Waare beinah’ am Gestade; Alles war auf’s Beste hergerichtet und der Platz vorgesehen, die Waare zu verstecken, wo am andern Tag der Kaufmann, der sie bestellt hat, sie hätt’ holen können, daß kein Hahn darnach gekräht hätte; nur noch eine Viertelstund’, und ich wär’ um hundert Gulden reicher gewesen; da, im allerletzten Augenblick, muß mich Alles im Stich lassen. Ich muß es darauf ankommen lassen, zu ersaufen

[506] oder wieder so elend zu werden, wie zuvor – elend und arm wie eine gebadete Maus. Was bleibt mir sonst übrig? Ich muß schauen, daß ich die Mutter im Gemeindehaus unterbring’, und muß in die weite Welt gehen; ich will’s einmal draußen probiren, daheim ist es ja doch, als wenn mir lauter Unglück aufg’setzt wäre.“

„Und giebt’s denn gar nix, was sich machen könnt’, daß Du bleibst und ich nit in’s Hirtenhaus muß?“ fragte die unglückliche Alte.

„Nichts,“ sagte Gori mit traurigem Kopfschütteln und mehr in sich hinein als zu der Fragenden. „Eins hätt’s gegeben. Das wär’ das Einzige gewesen! Das, wenn’s mir hinaus’gangen wär’, das hätt’ mich vielleicht wieder zusammengericht’ und ich hätt’ geglaubt, daß mir auch noch ein Mal ’was Gutes beschieden wär’. Aber mit dem ist’s vorbei. – Ich hätt’s mir’s aber vorher denken können, daß es nichts ist. Ich hab’s nimmer in mir, daß ich schmeicheln und schön thun kann. Ich sag’ Dir, Mutter, es ist besser, wenn ich geh’ … O Mutter, Mutter!“ setzte er plötzlich in’s tiefste Herz erschüttert hinzu, „warum hat sie mich auf die Welt gebracht? Warum hat sie mich nicht lieber erstickt, wie ich den ersten Schnaufer gethan hab’?“

Er glitt von der Bank, auf welche sich die Mutter neben ihn gesetzt hatte, herab, brach in’s Knie und verbarg die hervorstürzenden Thränen in ihrem Schooß. Sie legte ihm die Hand auf den Kopf und spielte ihm sinnlos in den Haaren. „So ist’s recht, da leg’ Dich her, mein Bub’, wenn Du schlafen willst,“ sagte sie, „ich will Dich einsingen – hab’s ja gar oft gethan.“

Sie begann mit zitternder Stimme eine Art Wiegenlied, er aber schnellte gleich wieder besonnen auf und zog die an ihn Geklammerte mit sich. „Laß mich, Mutter! Mir ist nicht zu helfen,“ rief er; „ich muß fort und will fort, ich muß das Geschäft machen; ich hab’ es geschworen und ich thu’ es.“

„Und ich laß’ Dich nicht,“ erwiderte die Mutter, deren Besinnung sich augenblicklich wieder erhellte. Die Wolken waren wieder darüber hinweggezogen. „Ich weiß nicht, was Du vorhast, aber es ist nichts Gutes. Ich laß’ Dich nicht, bis Du mir’s sagst.“

„Die Mutter will mich aufhalten? Das möcht’ ich mit ansehen,“ schrie er auflachend und schüttelte die schwachen Hände, mit denen sie ihn wieder gefaßt hatte, von sich.

„Ja, ich halt’ Dich, ich halt’ Dich doch,“ sagte sie mit eigenthümlicher Betonung. „Nicht mit meinen schwachen Kräften – aber mit einem einzigen Wörtel.“

„Das müßt ein starkes Wörtel sein,“ entgegnete er, indem er innehielt und sie anstarrte. Sie aber neigte sich etwas zu ihm und sagte mit gedämpfter Stimme: „Das Wörtel heißt: ‚Denk’ an den Steg über den Inn!‘ – Ich weiß Alles.“

„Und was weiß die Mutter?“ schrie Gori, dessen Gesicht die Blässe des Todes überzog, während sein Körper bebend zusammenbrach, wie der eines Sterbenden.

„Ich weiß, daß die Kathel nicht über den Steg hinuntergefallen ist – Du hast sie hinuntergestoßen.“

Gori fuhr auf und erhob die Faust über dem Haupte der Alten, als ob er sie darauf niederschmettern wollte – er faßte sich aber und drückte die Alte auf die Bank nieder. „Meinetwegen!“ sagte er dann dumpf. „Wenn denn die Mutter Alles weiß, dann soll sie auch wissen warum ich’s gethan hab’. Die Mutter denkt vielleicht noch daran, daß wir schon unterwegs einen heimlichen Disput mit einander gehabt haben – sie hat vielleicht geglaubt, es wär’ nichts als eine Neckerei, wie sie wohl Brauch ist unter Liebesleuten. Aber es war nit so. Die Kathl hat mir unterwegs die Lieb’ ausgesagt; sie hätt’ sich anders besonnen, hat sie gesagt: sie wollt’ nicht in eine solche Baracken hinein heirathen, wie die unserige; sie hätt’ andere und bessere Aussichten und wolle von dem Verspruch, den sie mir gegeben, zurückgehen. Ich war ganz außer mir. Mit aufgehobenen Händen hab’ ich sie gebitt’; geflennt hab’ ich, wie ein kleiner Bub’, sie soll mir die Schand nit anthun, sie aber ist fest dabei ’blieb’n. Wie wir nachher mitten auf dem Steg waren, hab’ ich sie nochmal gefragt, ob sie bei mir bleiben wollt. ‚Nein!‘ hat sie gesagt; da hat mich der Zorn über’gangen, und ich hab’ ihr einen Stoß gegeben. Ich hab’ nur noch gesehen wie sie nochmals aufgetaucht ist und den einen Arm ausgehoben hat aus dem wilden Wasser; dann ist sie unter’gangen, und mir ist’s gewesen, als müßt ich ihr nachspringen vor Wehthun im Herzen – aber ihr, der Falschen, ist’s recht geschehen.“

Er schwieg. Die Mutter saß wie versteinert. Es war nicht zu ersehen, ob sie die Erzählung vernommen und ihren Sinn gefaßt.

„Jetzt kann die Mutter sagen, daß sie ‚Alles weiß,‘“ begann Gori wieder. „Aber wie ist denn das? Warum hat dann die Mutter vor Gericht das Gegentheil gesagt?“

„Weil ich Dir hab’ helfen wollen,“ sagte sie, wie sich mühsam besinnend, „weil ich Dich noch immer gern gehabt hab’, wenn Du auch ein Mörder bist. Weil ich gemeint hab’, Du könntest doch noch umkehren und Dich bessern – deswegen hab’ ich falsch geschworen. Du bist verdammt, Gori – Du mußt in der Höll’ brennen in Ewigkeit; ich bin Deine Mutter und hab’ Dich nicht verlassen wollen. Wegen Deiner hab’ ich falsch geschworen. Ich will Dir’s nur sagen,“ fuhr sie mit kläglichem Wimmern fort, „deswegen kommt der Vater in der Nacht und klopft an den Laden – der brave Mann ist vom Mund auf in den Himmel gekommen – ich komm’ nimmer zu ihm; ich seh’ ihn nimmer. Drum kommt er und mahnt mich, daß ich mir das Herz wieder leicht machen, daß ich Alles angeben soll. Da ist er schon wieder,“ schrie sie plötzlich auf, als der Wind einen losgerissenen Laden an die Wand schlug. „Hörst? Er will herein; er will zu mir.“

Mit heftigem Aufschrei brach sie zusammen, von Zuckungen geschüttelt; der Sohn trug sie auf ihr ärmliches Lager. – Die ausgehende Lampe flackerte noch einmal auf; in ihm schlug ebenso ein entsetzlicher Gedanke empor – ein Druck an die alte schwache Kehle genügte, die einzige Zeugin seiner That zu beseitigen, die ihm wider Willen in ihrer Geistesverwirrung gefährlich sein konnte. Aber der Gedanke erlosch mit der Lampe.

„Nein, nein, das will ich nicht thun,“ sagte er, „es ist meine Mutter.“

Er ging in die anstoßende Kammer, um Geräte und Kleider zu sich zu nehmen; die erste Dämmerung sah ihn das Haus verlassen. Von draußen erst, durch das Fenster, warf er noch einen Blick auf die in betäubenden Schlummer versunkene Mutter.


3.

Die Nacht mit Sturm und Gewitter hatte sich verzogen und nichts zurückgelassen, als Spuren der Erquickung und Zeugen des Segens, den sie so reichlich gebracht, daß noch die Mittagssonne an den etwas gedeckteren Stellen sich in den Perlen spiegeln konnte, die, an den Blättern und Blumen hangend, noch im Verdunsten Duft und Kühle in die steigende Gluth der vorgerückten Tageszeit verhauchten. Ueber der ganzen Gegend ruhte die Stille des Friedens, die Heimischen beglückend, den fremden Wanderer zum Verweilen einladend. Besonders lieblich und kühl war es um die kleinen Bauernhöfe und Häuser her, die sich an den Abhang des Schloßberges schmiegten, auf welchem die Burg Falkenstein ihre altersgrauen ehrwürdigen Zinnen erhebt. Die sonnendurchschienenen Schatten dichter Obstbäume zitterten auf dem darunter hingebreiteten üppigen Rasen, in welchen Feldblumen aller Art bunte Farbenmuster stickten. Wie liebkosend strich der Ostwind durch die schwankenden Aeste, die sich mit ihrem saftvollen Grün kräftig abhoben von dem altersbraunen Holze der Gebäude und der ergrauten Dachung der Häuser. Bienen summten und schwärmten von halb eingebrochenen Ständen zwischen den Bäumen und Körben hin und zurück, und als ob auch er sich des Schatten- und Lichterspiels erfreue, sprang der kleine Bach rauschend und schäumend neben dem steilen Fußpfade herab, der zur Ruine emporführt.

Vor einer der kleinsten Behausungen formte sich ein besonders anmuthiges Plätzchen, an dem wohl Niemand vorübergegangen wäre, ohne einen Augenblick anzuhalten aus dem davor aufgeschichteten Holzstoße oder dem daneben gestellten Klotze zum Dengeln der Sensen und einen Blick auf die freundliche Umgebung zu werfen. Eine ganz zu dem Bilde passende Staffage bildete das Mädchen, das auf der Hausbank neben der Thür saß, ein Stück grober, aber blendend weißer Leinwand auf dem Schooße, und so emsig mit Nähen beschäftigt, als ob sie, wie das Sprüchwort sagt, keine Zeit gehabt hätte, wenn ihr ein Auge hinunterfiele, es aufzuheben.

[507] Es war Gertl.

Sie hatte, ihrem Vorsatze getreu, als es kaum zu grauen begann, sich in dem Hause hinter der Ruine aufgestellt, das dem Baumann zur Wohnung dient, der die Wirthschaft des gräflichen Eigenthümers zu besorgen hatte. Die Arbeit war im feuchten Gras und in der Morgenfrische so flink von Statten gegangen, daß sie schon gegen Mittag beendet war und Gertl unerwartet einen halben Feiertag gewann, den sie für häusliche Arbeiten auszunützen bemüht war. Ueber das Dach breitete ein Aepfelbaum seine Krone; ein Fink hatte sein Nest in dieselbe gebaut und trippelte zutraulich vor den Füßen des Mädchens herum, die Brosamen, die sie ihm zuwarf, für seine zwischernden Jungen aufzupicken und heimzutragen.

Plötzlich flatterte das Vöglein verschüchtert auf und Gertl wendete sich um, die Ursache der Störung zu erfahren.

In dem Stubenfenster hinter ihr war eine ältliche Frau erschienen und hatte sich, ihr zusehend, mit beiden Armen auf das Gesimse gelehnt. „Ich hab’ mir’s ja eingebild’t,“ sagte sie, „daß Du wieder an der Nähterei bist, als wenn’s sonst im Hause nichts zu thun gäb’. Ich darf mich im Stall abplagen mit Futtern, Einstreuen und Melken, und Du sitzest da und laß’st Dir wohl sein wie eine gnädige Frau.“

„Fang’ nur nicht gleich wieder zu brummen an, Mutter!“ erwiderte das Mädchen mit anmuthigem Lachen. „Du gewöhnst Dir’s noch so an, daß Du gar nichts anderes mehr thun kannst als brummen. Die Nähterei muß doch auch geschehen, und heut ist gerade eine rechte Zeit dazu, Du wirst schon zufrieden sein damit, wenn Du erst einmal Staat machen kannst in der neuen Pfaid (Hemd) mit den Falbeln, die ringsherum gehen wie ein Kranz.“

„Ich wollt’,“ sagte die Mutter, „Du könntest Dir einmal Dein Brauthemd nähen; nachher wollt’ ich gern ein Aug’ zudrücken. Aber da wird noch viel Wasser im Inn hinunterrinnen, bis ich das erleb’.“

„Fangst schon wieder an mit dem alten Tanz?“ fragte Gertl.

„Muß ich denn nicht, wenn Du nicht auf mich hörst und mir nie Stich hältst, wenn ich davon anfang’? Es muß einmal ein End’ hergehn mit der Sach’. Ich bin in den Jahren, wo man seine Ruh’ haben möcht’, und Du bist in denen, wo Du einen Mann haben und anfangen solltest selber zu hausen. Ich muß mich plagen vom Morgen bis in die sinkende Nacht, nur daß wir das Maul fortbringen; das Sach’l (Gütchen) ist einmal zu klein. Darum solltest Du heirathen und einen Mann nehmen, der ein paar hundert Gulden mitbringt, damit Ihr Euch leichter haust und die Sach’ verbessern könnt’. Ich muß Dir sagen, ich hab’ die Fretterei (danklose Mühsal) jetzt von Herzen satt.“

„Red’ nicht so, Mutter!“ sagte Gertl ernsthaft. „Es ist uns noch nie ’was abgegangen bis heut und soll’s auch nicht, so lang ich mich rühren kann. Schau, ich spür’ halt noch gar keinen Beruf in mir zum Heirathen. Ich bin jung; ich hab’ noch Zeit – es ist immer früh genug, wenn ich in’s Schlaghäus’l muß.“

„Ja, ja,“ rief die Mutter entgegen. „Du möchtest halt so fortspielen wie ein Kind und Gott einen guten Mann sein lassen. Ich hätt’s in meinem Leben auch gern so gut gehabt, wie eine Henn’, die in der Früh ihr Ei legt und nachher mit dem Gockel spazieren gehen darf. Aber das geht halt nicht so auf der Welt; Du mußt Dich doch einmal entschließen und einen Buben nehmen.“

„Aber wenn ich halt kein’ mag?“

„Ist’s denn möglich, daß Dir von allen Burschen kein Einziger gefällt? Daß sich noch bei Keinem ’was gerührt hat unter’m Mieder? Ist’s wirklich so? – Ich fürcht’ alleweil, Madel, Du hast andere Gedanken und bist eine heimliche Planistin. Schau mir einmal in’s Gesicht, Gertl, und sag’, daß Du mich nicht anlügst!“

Ueber die Wangen des Mädchens zog liebliches Roth, aber sie schlug offen die Augen auf, um in die der Mutter zu sehen. „Wie werd’ ich denn Dich anlügen, Mutter? Es ist gewiß und wahrhaftig so.“

„Na,“ entgegnete die Mutter, „nachher weiß ich nicht mehr, wie es jetzt in der Welt zugeht. Wie ich jung gewesen bin, haben’s die Madeln ganz anders gemacht. Ich kann mir halt nicht helfen; ich sorg’ und sorg’ immer, Du wartst, bis irgend ein Prinz daher kommt.“

„Der wird nit kommen,“ sagte das Mädchen lachend, „und wenn er käm’, müßt’ ich mich erst wohl besinnen, ob ich eine Prinzin werden möcht’. Von den Bauernburschen wüßt’ ich gleich gar nit, wie ich’s anstellen sollt’, einen zu nehmen. – Es hat ja noch gar keiner angeklopft, und ich kann mich doch nicht selber antragen.“

„Das brauchst auch nicht,“ erwiderte die Mutter. „Es giebt Burschen genug und sie werden schon kommen, wenn sie nur einmal erst merken, daß sie kommen dürfen. Da wär’ gleich der Zimmermann, der Schnapsbrenner-Gori.“

„Mutter!“ ries Gertl, sich rasch nach ihr umwendend und von dem Roth des Abscheus überflogen, „das ist nit Dein Ernst –!“

„Es giebt auch Andere. Da wär’ der Niederhauser Franzl von Fischbach, gewiß ein braver und sauberer Bursch’.“

Gertl lachte. „Sauber? – Schaut ja mit jedem Aug’ in eine andere Welt.“

„Oder der Zimmerpauli von Flintsbach?“

„Der ist ja einseitig und hinkt mit einem Fuße.“

„Der Steinhauer-Baltes?“

„Der Ries’? Neben dem säh’ ich ja aus, wie das Davidl neben dem Goliath.“

„Mit Dir ist nix anz’fangen,“ sagte die Mutter. „Du mußt Dir halt einen Mann kücheln, und ich seh’ es voraus, Du überspannte Dingin, daß Du überbleiben wirst. Aber ich sag’ Dir’s, daß ich nimmer lang’ zuwart’ – bis zum Herbst muß die Sach’ in Ordnung sein. Wenn Du Dir bis dahin kein’ ausg’sucht hast, nachher –“

„Was nachher?“

„Nachher – such ich Dir einen aus. Oder ich heirath’ selber nochmal. Ja, lach’ nur, das thu’ ich.“

Sie verschwand vom Fenster und ging in die Stube, kehrte aber bald wieder.

„Da fällt mir g’rad noch ein,“ sagte sie, „vor ein paar Tagen ist der hochwürdige Herr Probst vom Petersberg vorbeigegangen und hat gesagt, er könnt’ Eier brauchen. Ich hab’ drinn’ ein Körbl zusamm’ gericht'; das kannst Du hinauftragen, weil Du doch einen halben Feiertag machst. Das ist gerad’ ein rechtes Geschäft.“

Die Mutter ging. Die Tochter nickte zustimmend und machte sich wieder über ihre Näherei her; bald aber versank sie in Gedanken, daß die Nadel im Stiche stecken blieb und die Hände sich in ihrem Schooße zusammenfalteten. Das Gespräch der Mutter machte sie nachdenklich. Die Sache war schon oft zwischen ihnen verhandelt worden, aber immer hatte sie auszuweichen gewußt. – Sie war aber doch klug genug, sich zu sagen, daß es nicht immer so fortgehen könne und die Zeit kommen müsse, wo sie ihre liebe Freiheit opfern, dem Willen der Mutter nachgeben und sich in ihre Bestimmung fügen müsse, die Frau eines Mannes zu werden.

Besonders wollte ihr die Gewissensfrage der Mutter nicht aus dem Sinn, ob ihr denn noch nie ein Bursche gefallen, ob es ihr bei Keinem wärmer um’s Herz geworden? Sie sann und sann; wie in einem alten Buche, das man aufschlägt, um seine Erinnerungen aufzufrischen, blätterte sie in ihrem Leben zurück; aber Blatt um Blatt und Tag um Tag zogen vorbei, ohne daß auch nur die schwächste Erinnerung aufstieg, ohne daß zwischen den Blättern sich auch nur das geringste Merkzeichen fand, wie man sie wohl einzulegen pflegt, damit sie mit uns alt werden, welken und dennoch jung bleiben trotz des Welkens. Mit einem Male zuckte ihr ein leichtes Lächeln um die feinen, frischen Lippen; sie lachte halb laut vor sich hin. Es war ja auch gar zu lächerlich, als ganz aus der fernsten Kinderzeit, wie schon in der vergangenen Nacht am Steinkreuz, der Krauskopf des Försterbuben auftauchte, der immer auf dem Schulwege ihr Camerad und Begleiter gewesen und der ihr verloren gegangen war, um ihm nicht wieder zu begegnen im Leben. Sie sah ihn vor sich, als wäre es erst am vorigen Tage gewesen; sie glaubte seine einschmeichelnde Stimme zu hören und die Hand zu fühlen, die er ihr gereicht, wenn es galt, einen Stein im Wege zu übersteigen oder ein Wässerlein zu überhüpfen; sie mußte sich gestehen, die Erinnerung an den kleinen Franzl war die einzige Stelle, aus welcher ein Blümchen der [508] Neigung Wurzel gefaßt, aber die gänzliche Trennung und die Länge der Zeit hatten es auch welken und verdorren gemacht.

So tief war Gertl in die Betrachtung und Gewissensforschung versenkt, daß sie gar nicht gewahr ward, wie der alte Maler-Anderl den Fußweg heraufstieg und, als er sie bemerkte, anhielt, dann aber behutsam näher schlich. Sie fuhr erst, beinahe erschrocken, auf, als er neben ihr auf dem Dengelblock saß, Kinn und Hände auf einen Stock gestützt und sie mit lächelnder Miene betrachtend.

„Was ist’s, Gertl?“ sagte er. „Machst Kalender? Oder geht Dir noch die Genoveva im Kopf um?“

„Grüß Gott, Maler-Anderl!“ sagte Gertl erfreut, indem sie sich erhob und dem freundlichen Alten die Hand bot. „Gerad’ hab’ ich anfangen wollen mit dem Kalendermachen!“ sagte sie, „aber ich bring’ die Feiertag und vor Allem das Wetter nicht recht für einander. Wie kommst denn Du daher auf den Falkenstein?“

„Das ist doch keine Frag’,“ lachte Anderl, ihren Handschlag herzlich erwidernd. „Deinetwegen bin ich da, wenn ich gleich noch was Anders zu thun hab’ und gleich zwei Fliegen mit einem Schlag treffen möcht’. Der eigentliche Grund aber ist doch nur, daß ich zu Dir will. Meinst, der Maler-Anderl könnt’ es vergessen, wie Du ihm gestern aus der Noth geholfen und die Genoveva gespielt hast, so hübsch, wie es die Müllernandl in Ewigkeit nit zuweg gebracht hätt’? Ich hab’ Dir wohl schon gestern meine Meinung gesagt und Dir gedankt, aber damit ist’s noch lang nicht aus; drum ist es mir recht lieb, daß ich Dich so schön daheim antreff’. Da ist also,“ fuhr er fort, ihre beginnende Antwort abwehrend und ein kleines Päckchen auf die Bank legend, „da ist also zuerst das Spielgeld, das Jedes kriegt und das Keins so gut verdient hat wie Du, und nachher zum Zweiten mußt Du von mir ein kleines Andenken nehmen für die große Freud’, die Du mir gemacht hast.“

„Ich bitt’ Dich, Anderl,“ sagte sie, „es ist ja nicht der Mühe werth.“

„Laß’ Du mich machen!“ entgegnete er, „das verstehst Du nit; Du hast keinen Begriff von der Freud’, die Du mir altem Mann gemacht hast, der Niemand und Nichts mehr hat, was ihm an’s Herz gewachsen wär’. Die Komödie ist meine einzige, meine letzte Freud’, und weil die so glücklich wieder herausgekommen ist, will ich mich gern auf die Hobelschnitten in der Truhen niederlegen. Da hab’ ich einen alten angeöhrelten Ducaten … Meine gute Alte – Gott hab’ sie selig! –“ fuhr er fort, hielt aber gleich wieder inne, weil ihm, als er die Münze aus der Umhüllung hervorholte, das Wasser in die Augen schoß – „meine Mariann’ hat ihn zu allen heiligen Zeiten um den Hals getragen; es ist noch das schwarze Sammtbändl dran … natürlich nicht mehr ganz neu, aber das macht nichts. Den Ducaten mußt Du von mir nehmen und tragen, und wenn der Anderl schon längst begraben ist, denkst Du dabei an die heilige Genoveva und betest ein ‚Vater Unser‘ für mich.“

„Das ist ja allzuviel,“ entgegnete Gertl bewegt. „Ich hab’ schon sagen wollen, daß ich nichts annehm’ von Dir, aber bei einer solchen Gab’, da kann ich freilich nit Nein sagen. Will den Anhenker nehmen und in Ehren halten; darauf kannst Dich verlassen.“

„Recht so,“ rief er erfreut, „und jetzt reden wir nicht mehr davon. Ich kann mich nicht genug wundern, wenn ich Dich so anschau, wo Du denn das Zeug so hergenommen hast zu der Genoveva – es ist doch ein biss’l an Dir, daß Du hexen kannst.“

„Leider Gottes nicht,“ lachte Gertl. „Sonst wüßte ich wohl, was ich mir herbeihexen thät’.“

„Was wär’ denn das? Darauf wär ich g’spitzt.“

„Vielleicht kannst Du helfen. Die Mutter plagt mich immer so mit dem Heirathen – kannst Du mir keinen Hochzeiter herzaubern?“

„O Du närrische Dingin, da braucht es nichts zu zaubern. Noch hast Du’s nicht versucht, Mad’l, und wann die rechte Stund’ geschlagen hat, kommt der Hochzeiter von selber, aus der Versenkung heraus, wie ein Geist in der Komödie. Wie’s Stichwort fällt, ist er auch da; das ist Alles aufg’setzt in der Welt.“

„Aufg’setzt?“ sagte Gertl lachend. „Bist Du auch Einer von denen, die solches Zeug glauben? Nichts ist dem Menschen aufg’setzt; wie sich Jedes bettet, so liegt’s. Wenn ich so ’was hör’, fällt mir alleweil das Schnaberg’sangl ein:

‚Der Guld’ ist der letzt’ –
Schenk’s mir ein noch a mol;
Mir ist’s schon aufg’setzt,
Daß i a Lump bleib’n soll.‘“[WS 1]

„Ja, aber anders heißt’s auch,“ sagte Anderl, sogleich in die von dem Mädchen angestimmte Weise lustig einfallend:

„Koa oanschicht’ge Täubin –
Kommt der Täuber dazu;
Es is schon so auf’gesetzt:
Zum Madel der Bua.“

„Ja lach’ Du nur!“ fuhr er fort, „es ist doch so. Ich könnt’ Dir an viele Beispiel’ erzählen und hab’s selbst erlebt. – Du weißt vielleicht,“ begann er, indem er sich bequemer zurecht setzte, „ich bin in Tegerndorf daheim. Mein Vater war der Schwab, und ich hätt’ auch den Hammer in die Hand nehmen und am Ambos stehen sollen, aber ich hab’ halt keine Lust dazu g’habt; das Zeichnen und Malen hat mir besser gefallen, und ich hab’ Wichs g’nug ’kriegt von der Schul’, wenn ich wo eine weiße Wand gefunden und meine Mann’ln drauf geschmiert hab’. Der Vater hat mir endlich nachgegeben und hat mich zum Maler in die Lehr’ gethan; der Maler hat mich auch gern genommen und hat mich gelobt und hat gemeint, ich sollt’ ganz bei ihm bleiben und dann einmal sein Töchterl heirathen – ein dreijähriges Kind, das mir selbiges Mal unter den Füßen ’rumgegangen ist. Das war mir aber viel zu gering; darum bin ich fort auf die Münchener Schul’ und, weil mein Vater bald darnach gestorben ist, viele Jahr’ gar nimmer heim’kommen nach Tegerndorf. Ich bin hundert Meilen Wegs davon gewesen in meinen Gedanken, daß ich einmal mein Lebtag in dem Nest bleiben wollt’, und wie ich gemeint hab’, ich hätt’ ’was Ordentliches gelernt, hab’ ich kein’ anderen Gedanken mehr gehabt, als nach Italien zu gehen und ein berühmter Maler zu werden. Hab’ mich auch bald mit ein paar Cameraden auf den Weg gemacht und in eine Lohnkutsche gesetzt und bin gottvergnügt und ganz stolz da unten auf der Landstraß’ gegen Kufstein daher gefahren. Da ist ein Rad am Wagen gebrochen; der Wagen fällt um; mein linker Fuß war auch abgebrochen. Jetzt hat’s geheißen, Geduld haben und still liegen! Man hat mich nach Tegerndorf hineingetragen – der Schmied, der mein väterliches Haus gekauft hat, war ein wildfremder Mann, der Maler aber hat mich noch erkannt und in sein Haus bringen lassen. Da bin ich bis zum Winter gelegen, eh’ mein Fuß so weit geheilt war, daß ich wieder an’s Reisen hab’ denken können. – Ich hab’ aber nimmer daran gedacht; das kleine Mädel, das früher am Boden herum’krabbelt war, das war inzwischen ein großes Mädel geworden, ein schönes dazu, ein liebes und ein gutes. Es ist wider meinen Willen gegangen, wie der alte Maler es zuvor im Sinn gehabt hat: ich hab’ die Tochter geheirathet und bin in dem Bauernnest sitzen geblieben. Bin freilich kein berühmter Maler geworden, aber es hat mich doch nicht gereut. – Nun soll mir ein Christenmensch sagen, ob mir das nicht aufg’setzt gewesen ist?“

„Spaßig ist’s schon,“ sagte Gertl nachdenklich. „Da möcht’ man sich ja frei fürchten, und es ist nur gut, daß man nicht wissen kann, was Einem aufg’setzt ist.“

„Warum nicht wissen können?“ lachte der Alte. „Nichts leichter als das! Da giebt’s Mittel genug.“

„Sei still, sei still mit den Sachen!“ rief Gertl abwehrend. „Du meinst das Bleigießen in den rauhen Nächten?“

„Nun, dafür kennst Du den Maler–Anderl, daß er an nichts solches denkt – nein, was ich mein’, ist ein Mittel, an dem gar nichts Unrechtes ist.“

„Was wär denn das für ein Mittel?“

„Du kennst doch den Petersberg? Da, gleich oben über der Maiwand und kleinen Matron? Das kleine Kirch’l, das droben steht?“

„Versteht sich! Bin ja hundertmal droben gewesen, am Peterstag und wenn’s sonst etwas zu thun giebt.“

„Und hast noch nie gehört, was man von dem Kirch’l erzählt?“

„Kein Sterbenswort!“

„Das Kirch’l,“ begann er zu erzählen, „ist uralt. Es ist schon vor der römischen Zeit gestanden, und es heißt gar, es wäre einmal ein Götzentempel gewesen. Es kann auch wohl sein; denn [509]

Die Gartenlaube (1878) b 509.jpg

Eine Dorf-Kokette.
Nach seinem Gemälde auf Holz gezeichnet von O. Schulz in Weimar.



alt und ungewohnt genug schaut’s aus. – Nun also – bei dem Kirch’l ist die Kraft: wer wissen will, wen er einmal heirathet, und wer in dem Glauben hinaufsteigt und am Hochaltar niederkniet, der erfährt’s, wen er heirathet. Da muß das Andere, das ihm bestimmt ist, in derselben Secunde her, und wenn es hundert Stund’ weit weg wär; nur über’s Meer darf es nicht sein – da hat der heilige Petrus keine Macht.“

(Fortsetzung folgt.)



Deutsches Frauenleben im Mittelalter.
Eine culturhistorische Studie von Fr. Helbig.

3. Gewandung, Schmuck und Stoffe.

Ein linnenes, ärmelloses Unterkleid und darüber ein Mantel aus Fellen, von einer Spange oder auch nur einem Dorne zusammen gehalten – das war der schlichte Anzug der deutschen Frau in den ersten Zeiten ihrer Geschichte. Er blieb auch die Grundlage für die weitere Entwickelung der Gewandung, die wir nun verfolgen wollen. Da kam zunächst zu dem Untergewande der Rock und mit ihm der Aermel, der den Unterarm so eng umschloß, daß er, um das Anziehen zu ermöglichen, an einer Seite aufgetrennt und dann zugeschnürt, „vernäht“ oder [510] auch zugeknöpft wurde. Zu diesen Unterärmeln gesellten sich später, von der Mitte des Unterarms herabfallend, weite lange Oberärmel, die gewöhnlich erst beim Ausgehen angeheftelt oder angeschnürt wurden. Ihre Länge wurde den Frauen oft so lästig, daß sie genöthigt waren, dieselben um den Arm zu wickeln. Abgeschafft wurden sie deshalb nicht; im Gegentheil, sie wurden nur immer länger und weiter bis hinein in das fünfzehnte Jahrhundert. Sie waren freilich ein willkommener Platz zur Anbringung von allerlei Zierrathen, Verbrämung mit Pelzwerk, Stickerei und Edelgestein, und im Winter leisteten sie gute Dienste – als Muffe und Nasenwärmer.

Zwischen Rock und Mantel drängte sich dann noch das Obergewand. Unter dem Namen „Kurzebold“ tritt es als kurzes Gewand und Staatskleid schon im elften Jahrhundert in die Scene; im dreizehnten modelt es sich zum förmlichen Oberrock und nimmt zugleich modisch wechselnde Formen an. Enganliegend und der polnischen Kasseweika ähnelnd, auch in der That slavischen Ursprungs, erscheint es unter dem Namen „Sukenie“; weitärmelig und an der Seite von unten aufgeschlitzt, führt es sich ein als „Surkot“; als Pelzoberrock, „Kursit“, war es über den Rhein herübergekommen. Eben daher kam später die „Tappert“, ein langer rundgeschnittener Ueberwurf, von dem hinten ein langer Streif auf der Erde hinschleppte. Von den Frauen verlassen, rettete die Tappert sich auf’s geistliche Gebiet hinüber und fristet noch bei den protestantischen Kirchendienern ihr vereinsamtes Dasein. Die „Frau auf Reisen“ hüllte sich in ein weites Uebergewand mit Aermeln, das die ganze Figur vom Scheitel bis zur Sohle bedeckte und auch noch eine Kapuze für den Kopf abwarf. Man sieht, unsere Damenregenmäntel haben auch ihre Ahnen.

Auch die Mäntel wurden kostbarer. Inwendig, selbst im Sommer, mit feinem Pelzwerk gefüttert, tragen sie am Außenrande reich mit Gold und Borde gezierte Säume. Die linke Schulter war vom Mantel bedeckt und dieser auf der rechten befestigt, sodaß der rechte Arm frei blieb. Beim Gehen hob man mit der rechten Hand den Mantel etwas in die Höhe, und der linke Daumen hielt die schließende Spange fest.

Untergewand und Rock hielt ein Gürtel zusammen. Anfangs einfach, ein seidenes Band, ein Riemen von rothem Leder, wurde er später zu einem luxuriösen Schmuckstück, bei welchem man Gold und Edelsteine nicht schonte. Er war aus Erz oder Silber getrieben, auch wohl vergoldet, und man zierte ihn im vierzehnten Jahrhundert noch obendrein mit Glocken und Schellen. Eine besondere Art war der „Dupfing“, aus viereckigen Platten zusammengesetzt, den man nicht mehr in der „Krenke“ – dies der mittelhochdeutsche Ausdruck für Taille –, sondern tiefer um die Hüften gespannt trug. Die Laune der Mode hat diesem Dupfing bekanntlich gegenwärtig wieder zu einem flüchtigen Dasein verholfen. Inzwischen hatte man auch begonnen, die Kleider zu schnüren, indem man durch einen an der Seite angebrachten Schlitz Fäden zog. Dies führte unter französischem Einflusse dann weiter zur Verengung der Kleider und der Taille, von welcher sich unsere Frauenwelt nicht wieder hat emancipiren können. Nunmehr hatte der Gürtel die Berechtigung seiner Existenz verloren; er wurde zum bloßen Luxusartikel.

Bedeutend mehrte sich der Reichthum und die Mannigfaltigkeit der Kleiderstoffe in ihren verschiedenen Arten und Abarten. Sie werden zugleich zum redenden Zeugniß für die hohe Entwickelung, auf welcher sich damals die Industrie befand. Die Linnenweberei der deutschen Frauen war weltberühmt. Die Niederlande, Niedersachsen und Schwaben waren die Hauptfabrikationsgebiete, und die Veroneser, später die Brabanter Leinwand genossen einen hohen Ruf. Als ein besonders feines und weißes Linnen galt der Saben, dessen Erzeugungsstätte die Dichter nach Marocco verlegten. Eine feine einheimische Linnenart nannte man nach ihrem gleißenden Scheine Gliza. Auch doppelt gewebter Zwillich und Hanfleinen kamen schon vor.

Die Baumwolle nahm den Weg von Arabien über Spanien und Italien erst ziemlich spät nach Deutschland. Wohl aber webte schon früh die Hand des Germanen aus Schafwolle und Ziegenhaaren Tuch. Das beste wurde bereitet im Lande der Friesen. Dann traten die Niederlande in den Vordergrund. Gent, Brügge, Antwerpen, Ypern und andere niederländische und flandrische Städte gaben ihm Namen und Heimath. Aber auch der ausländische Import war ein bedeutender. Unser Gewährsmann Weinhold stellt eine ziemliche Menge der verschiedensten Arten zusammen. Da ist der Barragan, ein lichter dicht gewebter Stoff, dessen Fabrikort das äußerst industrielle Regensburg war; der Buckeran, aus Ziegen- oder Bockhaaren gewoben, dessen feinste Sorten aus Syrien, Armenien, Persien und Cypern kamen; Diasper, fein, vielfach schillernd; Ferran, von Farbe apfelgrau, aus Wolle und Seide gemischt; Fritschel, grün und gelb, aus reiner Wolle; Kamelot, aus Kammeelhaaren; Serge, von seidenartiger Feinheit, in Flandern, England und Irland zu Hause. Vor allem aber beliebt und von Rittern und Edelfrauen mit Vorliebe getragen war das Scharlachtuch; ursprünglich von Farbe roth und braun, gab es später auch grünen und blauen, selbst weißen Scharlach.

 Ein Gürtel golden
Umschloß den dunkeln Scharlachrock,
Der weit umwallte die Holden –

heißt es im „Parcival“ von der Gräfin Tenabrock und ihrer Gespielin. Die Niederlande, besonders Gent und Ypern, lieferten den besten; England und Regensburg wetteiferten ihnen nach.

Der Orient führte auf der Wasserstraße der Donau und über Italien und Spanien schon früh seinen Reichthum an feinen Stoffen und Geweben, an Seide, Sammet, Schmuck und edlem Gestein in’s deutsche Land. Arabien, Libyen, Marocco, Ninive, Alexandrien und Syrien werden in den Dichtungen des Mittelalters als die Mutterorte der Seide bezeichnet. Daneben aber auch noch andere gar wunderlich zusammengesetzte Orte, deren Namen der heutige Geograph vergebens zu ermitteln streben würde. Alle Farbennüancen waren in ihr vertreten: „weiß wie Schnee“, „grün wie Klee“, „gelb-roth“, „wolkenblau und schwarz“. Wunderbare Sagen lebten über ihre Herkunft und Bereitungsweise im Volksmunde. Das weitaus berühmteste war der Pfellel. Von ihm heißt es an einer Stelle in Gottfried’s von Straßburg „Tristan“:

Rock und Mantel hat er an
Von edlem Pfellel; der war
Gewirket wunderbar.
Es hatte Sarazenenhand
Mit feinen Börtlein dies Gewand
Zu aller Augen Preise
Nach heidnischer Weise
Gar künstlich durchwoben.

Eine andere Stelle bezeichnet ihn von Farbe „grüner als Maiengras“. Der Sage nach sollten ihn Salamander weben „in einem hohlen Berge, weit drinnen in der großen Asia“. Daher galt er für unverbrennbar.

Andere Seidenstoffe waren der Plialt, ein theurer golddurchwirkter Stoff – „ein kostbar Gut“, heißt es im „Parcival“ – purpurbraun oder schillernd. Ferner der Palmet, leichtes Seidenzeug – „Matrazen von Palmet, köstlich gesteppt“ –; der Pfauin, ein schillernder Seidenstoff, auf welchem Pfauenfedern künstlich nachgeahmt waren; der Baldekin, aus Seide und Goldfäden moiréeartig gewoben; „grüner Achmerdi aus Arabia“; der Triblet, dreimal in Purpur oder Scharlach getaucht; der Zindal, eine leichte, schon früh im Handel befindliche Sorte, in Lucca und Granada in gleicher Weise gefertigt, wie in Regensburg. („Parcival“, IV, 49.) Ueber Alles aber ging der Purpur, von Farbe nicht blos purpurbraun und violett, sondern auch wachsgelb und weiß und, als zu höchst im Werthe, schillernd. Auch der Sammet entstammte dem Morgenlande („Sammet von Ethnise und Persia“). Doch hatte auch Italien Sammetwebereien und führte viel nach Deutschland aus, das erst im Beginne des sechszehnten Jahrhunderts dessen Anfertigung betrieb. Auch eine unserem Manchester ähnliche geringere Art tritt unter dem bezeichnenden Namen „Bastardsammet“ auf. Sammet und Seide wurden oft gemeinsam durchwebt.

Bedeutend war auch der Verbrauch von Pelzwerk. Marder, Eichhörnchen, schwarze Füchse, Hermeline und Zobel trugen ihre Felle zu Markte, um den „holden Leib“ der deutschen Frau zu schmücken. Regensburg und Ulm tauschten das Pelzwerk ein von dem Süden, die Hansestädte von dem Norden. Mit Grau- und Buntwerk und dem edlen Hermelin, glänzend wie Schwan fütterte man Mäntel und Decken. Der vornehmste aber unter allen Pelzen war der Zobel. Er diente dem Hermelin gleichsam als Folie, indem er als Vorstoß und Besatz durch seine dunkle Färbung dessen Weiße glänzender zur Geltung brachte. Im [511] „Erek“ von Hartmann von Aue heißt es: „Der beste Zobel von der Welt komme von Conneland, dessen Herrscher der Sultan sei und das rings umschlossen werde vom Lande der Griechen und der Heiden“. Der Dichter meint damit wahrscheinlich Iconium, ein Stadtgebiet Kleinasiens. Sonst waren die weiten russischen Wälder und Steppen seine Heimath.

Auch Schlangen- und Fischhäute lieferten in seltenen Fällen den Stoff zu Kleidern.

Man liebte im Mittelalter die schreienden Farben und schwärmte für grelle Contraste und bunte Farbenverbände. Um diesen Zweck zu erreichen, wurden die Kleider oft aus Stücken Zeuges von verschiedener Farbe zusammengenäht. Man theilte dann den Rock der Länge oder der Breite nach in zwei farbig total verschiedene Hälften, ja ging sogar vor bis zu einer vierfachen Theilung, sodaß des Kleides Träger das Aussehen eines wandelnden quadrirten Wappens boten, was noch mehr der Fall war, wenn man, fränkischer Sitte folgend, auch noch den Löwen oder Greifen des eigenen Hauswappens in die bunten Felder stickte. Selbst in den Stoffen suchte man geflissentlich eine Verschiedenheit. Die Männer fingen im dreizehnten Jahrhundert gar an, ihre Röcke zu zerstücken und zu zerschlitzen und sich mit Schellen zu behängen. Es war vielleicht das einzige Mal in der Geschichte, daß sie eine Modethorheit für sich allein behielten, denn die Frauen folgten ihnen darin nicht nach. Dagegen wahrten diese in dem Anheften mächtiger Schleppen bei Festen und Tänzen von der Edelfrau bis zur vermögenden Bäuerin sich eine Specialität, die ihnen die Männer nicht nachmachen konnten. Sie thun ihnen deshalb auch den Tort an, immer wieder auf diesen weiblichen Vorbehalt zurückzugreifen.

Die Farben wurden oft zu Fühlern und Deutern heimlicher Neigung. Namentlich die Männer trugen ihre Röcke gern in den Lieblingsfarben der Geliebten. Sie suchten, wahrten oder erlogen auch wohl damit die Gunst der Frau. Dann bildete sich auch im Zeitenlaufe eine Farbensymbolik aus, die sich theilweise noch in neuester Zeit, namentlich in den Kreisen unserer aufblühenden Jugend, Geltung zu verschaffen weiß. Ein allegorisches „Jagdgedicht von der Minne“ von Hadamar von Laber deutet im sechszehnten Jahrhundert die Farben dahin, daß Grün der Minne Anfang, Weiß deren Hoffnung, Roth ihre brennende Gluth, Gelb ihre Erhörung und Erfüllung, Blau ihre Treue und Schwarz ihren Verlust anzeige. So wurde auch die Liebe im goldenen, Ehre im rothen, Trauer im schwarzen, Beständigkeit im blauen und Mäßigkeit im weißen Gewande allegorisch vorgeführt. Schwarz war auch im Mittelalter die Farbe der Trauer.

Handschuhe trugen die deutschen Frauen schon im achten und neunten Jahrhundert. Auch sie unterlagen einer sich steigernden Vervollkommnung. Sie wurden namentlich die Basis für allerlei Zierrath und Schmuck. Schon im elften Jahrhundert wurden sie mit bunter Stickerei, mit Perlen und Edelsteinen versehen. Ihr Stoff ist Seide oder feines Leder, und sie bedecken oft den ganzen Unterarm.

Die Strümpfe – wir müssen der Vollständigkeit halber auch bis zu diesen hinabsteigen – treten als Bestandtheil der Frauenkleidung wenigstens bereits im zehnten Jahrhunderte in die Erscheinung. Ihre Farbe war weiß, roth oder grün, der Stoff Wolle oder Seide.

Auch die Schuhe haben ihre Entwickelungsgeschichte. Anfangs nur ein Lederstück ohne Sohle, von Riemen zusammengehalten, gewinnt der Schuh mit der hinzukommenden Sohle auch eine größere Länge, ja streckt sich bis zum unförmlichen Schnabelschuh, der weit über die natürliche Grenze des Fußes hinausragt. Fester dem Fuße angeschmiegt bedarf er der Riemen nicht mehr. An die Stelle des früher dazu verwendeten deutschen Schafleders tritt das feine spanische Corduanleder, das auch in deutschen Städten, besonders in Zürich, nachgemacht wurde.

Das Haar pflegten die deutschen Frauen in der Mitte zu scheiteln und durch ein Band zu fesseln. An den Schläfen und Wangen hernieder ließ man geringelte und mit bunter Borde durchflochtene Locken fallen oder legte sie um Wange und Stirn herum, wie ein Diadem. Das Durchflechten des Haares mit Seidenfäden geschah, um seinen Glanz zu erhöhen. Auch auf das Brennen der Locken verstand man sich. Das andere ungelockte Haar fiel lose oder in langen Zöpfen den Rücken hinab. Die Zöpfe wurden mit Goldfäden, Borde und Perlen durchwoben, und dann zur besseren Schau wohl vorn über die Brust gelegt. Schon im dreizehnten Jahrhundert fing man an das Haar hinten aufzubinden, gegen welche Nachäffung französischen Brauchs die Dichter, wie der patriotische Walther von der Vogelweide, tapfer schmähend zu Felde zogen, so vergeblich wie Alle, die den Kampf aufnahmen wider die Thorheit der Mode. Fest und Tanz sahen die Jungfrau im Kranze, die edle Frau im Goldreif. Das Oberhaupt bedeckte züchtig das Schleiertuch, das faltig herniederfiel auf Schulter und Nacken, weiß von Farbe, von Linnen oder Seide, oft reich gestickt. Später, im fünfzehnten Jahrhundert, diente es zugleich als Brusttuch. Der Luxus, der mit den Schleiern später getrieben wurde in Stoff und Verzierung, regte gar manchen hochweisen Magistrat an zum Erlaß einer Schleierordnung wider die putzwüthigen Bürgerinnen der Stadt.

Die züchtige deutsche Hausfrau verhüllte aber noch außerdem Wange, Stirn und Kinn mit dem „Gebende“, das heißt mit zwei Binden aus gleichfalls weißer Leinwand oder Seide, davon die eine die Stirn bedeckte (die sogenannte Wimpel), die andere Kinn und Wange (die sogenannte Nise).

Zur Bedeckung des Kopfes außer dem Hause trugen die Frauen Hüte von so mannigfach wechselnder Form, daß sich ein Grundtypus nicht wohl feststellen läßt.

Einen reichen Bestandtheil des fraulichen Schmuckes bildete das Geschmeide, das aus Erz und Bronze zu Silber und Gold sich wandelte. Vor Allem und zumeist waren es Spangen, in der mittelalterlichen Sprache Baugen, welche in der ausgiebigsten Weise zur Verwendung kamen, am Unter- und Oberarm, am Hals und, wie wir bereits sahen, zum Verschluß des Mantels. In den Truhen lagen sie reihenweis geschichtet, um an einkehrende Gäste oder auch zum Dank für Bewirthung und treue Dienste verschenkt zu werden.

Als Brustschmuck dienten zu Ketten gereihte Ringe, welche vom Halse herabfielen. Auch Brochen kannte man selbst dem Namen nach bereits. Sie wie die Gürtelschnallen boten der Kunst des Goldschmiedes und des Steinschneiders reiche, wohlbenutzte Gelegenheit, sich schöpferisch zu entfalten. Auch das „Danziger Harz“, der Bernstein, wurde, künstlerisch gestaltet, als Schmuck an Hals und Brust getragen. Ohrringe und Fingerringe bedürfen noch der Erwähnung. Die letzteren machten eine stufenweise Entwickelung durch, vom einfachen Gras- und Strohring bis zum edelsteingeschmückten Goldreifen.

So haben wir die Kleidung und den Schmuck der Frau des deutschen Mittelalters vom Scheitel bis zur Sohle in kurzen Zügen angegeben. Am Schlusse wollen wir noch einmal dem Dichter das Wort gönnen zu einer zusammenfassenden Schilderung. Es ist Hartmann von Aue, der in seiner erzählenden Dichtung „Erek“ die Bekleidung der anmuthigen Enite durch die Hand ihrer königlichen Herrin also wiedergiebt:

„Sie hüllte selbst mit ihrer Hand
Die Jungfrau in ein Hemde ein,
Das glänzte von weißseid’nem Schein.
Auf’s Hemde einen Rock sie legte,
Der viel Bewunderung erregte;
Er war geschnitten von Meisterhand,
Nach Moden aus dem Frankenland,
War nicht zu enge noch zu weit.
Von grünem Sammet war dies Kleid,
Mit spannenbreiter Kante;
Die Schnüren am Gewande
Von gold’nen Fäden schön gewunden,
Auf beiden Seiten angebunden
Zum Schnüren fest an Saumesrand
Von rechter und von linker Hand
Um ihre Taille zart.
Dann Frau Eniten ward
Ein span’scher Gurt herumgelegt,
Den jede Frau so gerne trägt,
Und eine Broche wohl handbreit
Stak vor der Brust ihr in dem Kleid –
Das war ein gelber Rubinstein – –
Sodann ein Mantel lang und schwer –
Das Futter war von Hermelin,
Ein reicher Stoff der Ueberzug;
Besetzt war’s königlich genug
Mit Zobelfell bis an die Hand.
Zusammen hielt ihr Haar ein Band,
Das nicht zu schmal, zu breit nicht war,
Kreuzweise sich schnitt über’m Haar.
Gar prächtig schien das Kränzelein,
Daß es nicht besser konnte sein.“

[512]
Um hohen Preis.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten und Uebersetzungsrecht vorbehalten.

„Nun, Gott sei Dank, daß die unselige Geschichte ein so glückliches Ende genommen hat! Es brachte mich fast zur Verzweiflung, daß ich die Veranlassung dazu sein mußte. Ich gratulire Dir von Herzen zu Deiner Befreiung, Papa.“

Mit diesen Worten umarmte Max Brunnow herzlich seinen Vater, der mit einem flüchtigen Lächeln erwiderte:

„Die Sache kam mir nicht ganz unerwartet. Ich hatte schon vor einiger Zeit einen ziemlich deutliche Wink erhalten und zwar vom Polizeidirector selbst.“

„Die Presse hat sich aber auch wacker Deiner angenommen.“ sagte Max. „In allen Zeitungen wurde der Ruf nach Begnadigung laut und das Publicum hatte nun vollends vom ersten Tage an leidenschaftlich Partei für Dich genommen.“

Dieses Gespräch fand in der ehemaligen Wohnung des Assessor Winterfeld statt, die dieser bei der schnellen und unerwarteten Abreise von R. seinem Freunde überlassen hatte. Max war unmittelbar nach seiner Genesung wieder dorthin zurückgekehrt und hatte vor einigen Stunden den Vater bei dessen Entlassung aus der Haft abgeholt. Die von allen Seiten erwartete Begnadigung Brunnow’s war nun wirklich erfolgt und mit allgemeiner Genugthuung begrüßt worden. Man hatte schließlich über den Starrsinn des Doctors hinweggesehen, der sich zu keiner Bitte und keinem Schritte seinerseits verstehen wollte; er war vollständig amnestirt worden. Trotzdem sah er düster und niedergeschlagen aus. Er war blaß und offenbar angegriffen. Max dagegen war völlig unverändert. Seine kräftige Natur hatte, wie er vorausgesehen, ungemein rasch die Folgen der Krankheit überwunden, nur die frische Narbe auf der Stirn erinnerte noch daran. Im Uebrigen aber war das sonst ziemlich rücksichtslose Benehmen des jungen Mannes der rücksichtsvollsten Herzlichkeit dem Vater gegenüber gewichen. Er empfand tief die Aufopferung desselben, und auch Brunnow fühlte jetzt erst, was der Sohn ihm werth war. Jene Stunde am Krankenbette hatte das einst so gespannte Verhältniß zwischen den Beiden in das innigste Einverständniß gewandelt.

„Nun aber zu andere Dingen!“ sagte Max abbrechend. „Ich habe Dir ein Geständniß zu machen. Sieh mich einmal an, Papa. Bemerkst Du gar nichts Außergewöhnliches an mir?“

Brunnow musterte ihn etwas verwundert vom Kopfe bis zu den Füßen. „Nein, Ich finde nur, daß Du Dich außerordentlich schnell erholt hast; sonst bemerke ich nichts.“

Max richtete sich würdevoll empor, trat dicht vor seinen Vater hin und erklärte mit Selbstgefühl:

„Ich bin Bräutigam.“

„Bräutigam – Du?“ wiederholte der Doctor überrascht.

„Schon seit mehreren Wochen. Es stand in der letzten Zeit allzuviel für uns auf dem Spiele, als daß ich Dich mit meinen Herzensangelegenheiten hätte behelligen können. Jetzt aber, wo Du frei und gerettet bist, bitte ich um Deine Zustimmung. Du kennst meine Braut bereits; es ist Hofrath Moser’s Tochter.“

„Wie, doch nicht etwa das junge Mädchen, das mir Auskunft über Dein Befinden gab? Unmöglich!“

„Weshalb unmöglich? Mißfällt Dir Agnes?“

„Das nicht, aber diese zarte, blasse Erscheinung, mit den schwärmerisch dunklen Augen ist doch sicher nicht Dein Geschmack. Und dann diese seltsame nonnenhafte Kleidung; ich glaubte eine barmherzige Schwester zu sehen, die man zu Deiner Pflege hergerufen hatte.“

„Sie will auch in’s Kloster gehen,“ sagte Max. „Ich werde mich wohl noch mit der Frau Aebtissin, dem Herrn Beichtvater und einem halben Dutzend Hochwürdigen herumschlagen müssen, ehe es zur Trauung kommt.“

„Aber Max!“ fiel der Vater ein.

„Agnes ist ausnehmend zart und auch kränklich,“ fuhr Max fort, „aber es ist nichts Gefährliches, nur nervöse Ueberreizung. Ich werde sie schon gesund machen, wofür bin ich denn Arzt? Vom Hauswesen versteht sie allerdings leider gar nichts.“

„Da Du Dein Heirathsprogramm so ausgezeichnet inne hältst,“ spottete Brunnow, „wie steht es denn mit dem ersten und Hauptparagraphen desselben, mit dem Vermögen, das Du für unerläßlich erklärtest?“

Der junge Arzt machte ein ziemlich verlegenes Gesicht.

„Pah, ich habe eingesehen, daß es gar nicht darauf ankommt. Traust Du mir nicht die Fähigkeit zu, meine Frau und meinen Hausstand allein zu erhalten? Auf Vermögen kann ich allerdings nicht rechnen.“

„Nun, das muß man sagen, Du gehst consequent zu Werke,“ brach der Vater aus. „Das läuft ja Alles auf das directe Gegentheil Deiner früheren Ansichten hinaus. Was ist denn eigentlich mit Dir vorgegangen?“

Max seufzte tief auf. „Ich weiß es nicht, aber ich glaube, der Idealismus ist jetzt auch bei mir zum Durchbruch gekommen. Du hast Dir Dein Lebenlang umsonst Mühe gegeben, ihn mir beizubringen. Agnes ist das in wenigen Woche gelungen, und da Du diese Eigenschaft stets bei mir vermißt hast, so hoffe ich, Du wirst darüber entzückt sein.“

Der Doctor sah nichts weniger als entzückt aus. Er betrachtete den so plötzlich ausgebrochenen Idealismus seines Sohnes mit offenbarem Mißtrauen.

„Aber Max, das geht nimmermehr,“ sagte er kopfschüttelnd. „Ein junges Mädchen, in Klosterideen erzogen, zur religiösen Schwärmerei geneigt, die Tochter eines Bureaukraten vom reinsten Wasser, willst Du in unsere Lebenskreise und Lebensanschauungen verpflanzen? So bedenke doch –“

„Ich bedenke gar nichts, sondern ich heirathe,“ unterbrach ihn Max. „Alles, was Du mir da einwirfst, habe ich mir hundertmal selbst vorgehalten, es hat aber nichts geholfen. Ich muß Agnes haben, und sollte ich alle Hindernisse, inclusive den Papa Hofrath und seine weiße Halsbinde, im Sturme nehmen.“

„Ja, der Hofrath,“ fiel Brunnow ein. „Was sagt er denn zu der Sache?“

„Vorläufig noch gar nichts, denn er weiß noch nichts davon. Ich konnte ihn begreiflicher Weise nicht um die Hand seiner Tochter bitten, während Du als ehemaliger Hochverräther im Gefängnisse saßest, jetzt aber werde ich mit meinem Antrage nicht länger zögern. Er wird mich zur Thür hinauswerfen, wenigstens wird er die freundliche Absicht äußern, es zu thun, aber ich bin nicht so leicht von einem Platze fortzubringen, den ich behaupten will. Ich halte Stand. – Sieh nicht so bedenklich aus, Papa. Ich versichere Dir, wenn Du Agnes erst kennst, so wirst Du zugeben, daß diese Verlobung der gescheiteste Streich meines ganzen Lebens war.“

Der Doctor mußte wider Willen lächeln. Wir wollen es abwarten. Wenn Du aber, wie vorauszusehen, einen längeren Widerstand bei dem Vater Deiner Braut zu überwinden hast, so werde ich sie für jetzt kaum sehen und sprechen können. Ich reise ja schon übermorgen nach Hause.“

„So gieb doch endlich diese Idee auf!“ bat Max. „Weshalb willst Du nicht warten, bis ich Dich begleite? Unsere Erbschaftsangelegenheit ist zwar glücklich beendigt, aber es ist noch so Manches zu erledigen. So hat sich zum Beispiel ein Käufer für das Gut des Vetters gefunden, und es wäre wohl am besten, wenn er persönlich mit Dir Rücksprache nehmen könnte.“

„Nein, nein!“ wehrte Brunnow ab. „Du hast ja hinreichende Vollmacht und erledigst dergleichen praktische Dinge viel besser, als ich selber. Ich will fort, so bald wie möglich.“

„Ich begreife Dich wirklich nicht,“ meinte Max, „Du hast Dich so oft noch dem Vaterlande gesehnt, und jetzt, wo es Dir wieder offen steht, fliehest Du es förmlich.“

Brunnow hatte sich niedergesetzt und stützte den Kopf in die Hand; der schmerzliche, gramvolle Zug in seinem Antlitz trat deutlicher als je hervor, als er entgegnete:

„Ich bin fremd geworden in meinem Vaterlande. Und glaubst Du, es macht mir Freude, wenn ich bei den Enthüllungen über die Vergangenheit Raven’s als Zeuge aufgerufen werde? Ich muß antworten, wenn man mich fragt, und ich will nicht gefragt sein, wenigstens hier nicht.“

[513] „Warum nicht?“ warf Max ein, „Du hast Dich stets mit der größten Erbitterung gegen das unheilvolle Regiment des Freiherrn ausgesprochen, hast seinen Sturz als eine Nothwendigkeit bezeichnet, und jetzt, wo dieser Sturz allen Anzeichen nach bevorsteht, willst Du nicht die Hand dazu bieten?“

„Laß das, Max,“ sagte der Doctor finster. „Du weißt nicht, was es heißt, einen tödtlichen Schlag gegen den zu führen, den man einst geliebt hat mit der ganzen Gluth seiner Seele. Ich hoffte, Winterfeld würde mit seinem Angriffe durchdringen, ich hätte Arno Raven besser kennen sollen. Er hielt auch diesem Gegner Stand – zu seinem Unglück. Damals hätte er noch weichen, zurücktreten können, jetzt fällt er, fällt als ehrloser Verräther, gebrandmarkt mit der Schande der Verachtung, und das ist für eine Natur wie die seinige zehnfacher Tod. Ich –“ hier erhob sich Brunnow mit Heftigkeit – „ich will ihm nicht auch noch den letzten Stoß versetzen. Mögen die, welche das Werk begonnen haben, es auch vollenden! Es bleibt dabei; ich reise übermorgen.“

Max drang nicht weiter in den Vater. „Ich werde Dir wohl erst in einigen Wochen folgen können,“ bemerkte er nach einer kurzen Pause. „Ich verlasse R. nur als erklärter Bräutigam, wenn ich die Einwilligung des Hofraths und überdies die Gewißheit habe, daß Agnes vor etwaigen Einflüsterungen und Quälereien der geistlichen Vormundschaft sicher ist. Aber vor allen Dingen – darf ich auf Deine Zustimmung rechnen?“

Er hielt dem Vater bittend die Hand hin, und dieser legte ohne Zögern die seinige hinein.

„Ich habe Deine Braut nur einmal gesehen,“ sagte er, „und gerade weil ihr Anblick mich so sympathisch berührte, glaubte ich nicht, daß sie im Stande wäre, Dich zu fesseln. Wir waren bisher sehr verschieden in unseren Neigungen. Meine Bedenken gelten einzig der Verschiedenheit Eurer Erziehung und Charaktere; wenn Du glaubst, das überwinden zu können, mein Sohn – ich will Dich nur glücklich wissen.“

Ein herzlicher Händedruck besiegelte die Worte, und Max rief triumphirend: „Jetzt gehe ich stehenden Fußes zu dem Hofrath und jage den allergetreuesten Unterthan seines allergnädigsten Souverains in Entsetzen mit der Aussicht auf einen demagogischen Schwiegersohn. Ich darf Dich doch auf eine Stunde allein lassen, Papa? Du brauchst ohnehin Ruhe nach all den Glückwünschen und Antheilbezeigungen, mit denen man Dich heute Morgen überschüttet hat. Auf Wiedersehen – ich laufe Sturm auf meinen künftigen Schwiegervater.“ – –

Der Hofrath Moser saß ohne jede Ahnung dessen, was ihm bevorstand, in seinem Wohnzimmer und las die Zeitungen; sie verdarben ihm seinen Kaffee und seine Ruhe. Der Hofrath las natürlich nur die Regierungsblätter, aber auch diese vermochten es nicht mehr, die traurige Thatsache zu verschleiern, daß es rettungslos abwärts ging mit dem Staate, immer weiter auf der abschüssigen Bahn des Liberalismus. Und nun vollends die Nachrichten aus R., die jetzt eine stehende Rubrik in den größeren Journalen bildete! Moser hatte längst mit Erstaunen und Befremdung bemerkt, daß die gesammte Regierungspresse, statt in der nachdrücklichsten Weise für den Gouverneur der -schen Provinz Partei zu nehmen, sich zu der ganzen Angelegenheit sehr lau und gleichgültig verhielt, ihr Verhalten den letzten Vorgängen gegenüber aber überstieg alle Begriffe. Keine energische Vertheidigung des Freiherrn, keine Empörung über die schändliche Anklage, nichts von Maßregeln gegen die verleumderische Zeitung! Man sprach von einer „unglaublichen Beschuldigung“, hoffte, daß es dem Gouverneur gelingen werde, sich davon zu reinigen und deutete an, daß im andere Falle seine Entlassung unvermeidlich sei; man gab also doch die Möglichkeit jener Thatsache zu. Und unmittelbar unter diesem Artikel stand die Nachricht, daß der ehemalige Hochverräther, Doctor Rudolph Brunnow, vollständig begnadigt und heute aus der Haft entlassen worden sei. Der Hofrath versank in finstere Gedanken.

Er ging schon seit längerer Zeit mit dem Entschlusse um, sich pensioniren zu lassen. Seiner Pflicht gegen den Staat hatte er in beinahe vierzigjährige Dienste Genüge geleistet. Seine Tochter, das einzige Kind einer spät geschlossenen und früh durch den Tod zerrissenen Ehe, verließ ihn schon im nächsten Monat, um als Novize in ein Kloster zu treten; er selbst war alt und der Ruhe bedürftig. Auch seine Stellung, einst sein höchster Stolz, machte ihm keine Freude mehr. Der neue Geist, der jetzt durch das Land wehte, drang selbst bis in die geheiligten Räume der Regierungskanzlei. Noch hielt die eiserne Hand des Freiherrn die Zügel straff, aber Moser dachte mit Schrecken daran, was geschehen werde, wenn diese Hand nun wirklich niedersank. Er glaubte kein Wort von den Lügen, die man überall ausstreute. Der Gouverneur konnte und mußte sie zu Boden schmettern, aber nach der unerhörten Behandlung, die er von der Regierung selbst erfuhr, entschloß er sich schwerlich zum Bleiben. Der Hofrath fühlte, daß seine Zeit vorbei sei, und war fest entschlossen, dem Beispiele seines Chefs zu folgen, wenn dieser seine Entlassung nahm.

Das Oeffnen der Thür weckte Moser aus seinen Grübeleien. Christine meldete den Herrn Doctor Brunnow, und gleich darauf trat dieser ein. Der Hofrath stand auf und ging dem Gaste mit steifer Höflichkeit entgegen.

„Ich hoffe, Sie werden es nicht mißdeuten, Herr Hofrath, daß ich in den letzten beiden Wochen Ihrem Hause fern geblieben bin,“ begann Max nach der ersten Begrüßung, indem er den angebotenen Platz einnahm. „Es war nur die Rücksicht auf Sie und Ihre Stellung. – – Jetzt, da mein Vater – –“

„Ich weiß bereits von seiner Begnadigung,“ fiel der Hofrath ein, ohne seine Förmlichkeit fahren zu lassen. „Unser allergnädigster Souverain hat verziehen.“

„Ja, und damit ist das Vergangene vollständig ausgeglichen,“ sagte Max mit Beziehung. „Was meinen Vater betrifft, so wird er allerdings nicht von der Erlaubniß Gebrauch machen, in seinem Vaterlande zu bleiben.“

„Nicht?“ fragte Moser sichtlich erleichtert. Der Gedanke, daß er dem ehemaligen Hochverräther freundschaftlich die Hand gedrückt hatte, lastete noch immer auf seinem Gewissen.

„Nein, er kehrt nach der Schweiz zurück, die ihm wie mir eine zweite Heimath geworden ist,“ erklärte der junge Arzt. „Wir werden auch künftig dort leben. Zuvor aber drängt es mich, Ihnen nochmals meinen Dank auszusprechen für Alles, was ich in Ihrem Hause Gutes empfangen habe. Ich werde es nie vergessen.“

Der Hofrath neigte zustimmend das Haupt; er fand diesen Dank ganz in der Ordnung.

„Sie kommen also, um Abschied zu nehmen?“ fragte er. „Ich freue mich aufrichtig, Sie wieder so völlig kräftig und lebensfrisch zu sehen, und auch meine Tochter wird erfreut sein, wenn ich es ihr mittheile.“

Diese Mittheilung war nun gerade nicht nöthig, denn Agnes wußte sehr genau, wie es mit ihrem früheren Patienten stand. Seit er das Haus ihres Vaters verlassen hatte, sah sie ihn regelmäßig bei ihrem beiderseitige Schützlinge, der Frau des Copisten. Diese war zwar vollständig wieder hergestellt und bedurfte weder des ärztlichen Beistandes noch des geistlichen Trostes mehr, aber Arzt und Trösterin setzten mit rührender Ausdauer ihre Besuche fort.

„Dem Fräulein,“ entgegnete Max, „bin ich noch ganz besonderen Dank schuldig. Sie allein – ihre aufopfernde Pflege hat mich dem Leben zurückgegeben, und Sie gestatten es daher wohl, daß ich in Bezug auf Fräulein Agnes noch eine Bitte ausspreche.“

Moser nickte zum zweiten Male; er war geneigt die Bitte zu gewähren, die jedenfalls auf die Erlaubniß hinausging, sich auch von Agnes verabschieden zu dürfen.

Aber Max erhob sich und sagte ohne alle Ceremonie: „Ich bitte um die Hand Ihrer Tochter.“

Der Hofrath, der eben im Begriff war, zum dritten Male zu nicken, hielt inne und saß mit offenem Munde da. Im ersten Augenblicke faßte er überhaupt nicht, wovon die Rede war, dann erhob er sich gleichfalls, aber nicht stürmisch, sondern langsam, feierlich. Die lange Gestalt wuchs immer höher aus dem Lehnstuhle empor, wurde immer länger und unheimlicher, bis sie endlich in ihrer vollen Größe dastand und über die hohe weiße Halsbinde hinweg vernichtend auf den jungen Arzt herniederschaute, der jedoch dadurch nicht im Mindesten aus der Fassung gebracht wurde.

„Ich – ich hörte wohl nicht recht?“ sagte der alte Herr endlich. „Sie meinten –?“

„Ich halte um die Hand Ihrer Tochter an,“ versetzte Max mit Seelenruhe.

„Sind Sie von Sinnen?“ fragte Moser, noch immer erstarrt, denn wenn ihm auch das Unglaubliche wiederholt wurde – begreifen konnte er es nicht.

[514] „Durchaus nicht, ich befinde mich in vollkommen normalem Zustande,“ versicherte Max, und fuhr dann in einem Zuge zu reden fort, ohne seinen Zuhörer zur Besinnung kommen zu lassen: „Was nun meinen Antrag betrifft, so gründet er sich auf die innigste gegenseitige Zuneigung. Die Einwilligung Ihrer Tochter habe ich bereits. Agnes hat mir Herz und Hand gegeben, natürlich unter Vorbehalt Ihrer Zustimmung. Ich bitte hiermit darum und gebe mich der frohen Hoffnung hin, daß es mir vergönnt wird, den Vater meiner Braut auch als den meinigen umarmen zu dürfen. Also, mein theurer Schwiegervater –“

Er ging mit ausgebreitete Armen auf den Hofrath zu, aber dieser rettete sich durch einen Sprung vor der beabsichtigten Umarmung. Das schreckliche Wort „Schwiegervater“ riß ihn aus seiner Erstarrung. Mit einer bloßen Ueberrumpelung war der alte Bureaukrat denn doch nicht zu erobern.

„Sie sprechen in vollem Ernste von einer Heirath?“ rief er. „Von einer Heirath mit meiner Tochter, deren Bestimmung für das Kloster Sie doch kennen? Und das wagen Sie, der Sohn eines Staatsverbrechers – – eines Staatsverräthers?“

„Mein Gott, ich suche ja keine Staatsanstellung, sondern eine Frau,“ vertheidigte sich der junge Arzt. „Ich begreife wirklich nicht, weshalb Sie sich über meinen Antrag so entsetzen.“

„Das fragen Sie noch? Ihr Vater hat die Regierung umstürzen wollen.“

„Nun, ich habe nicht dabei geholfen, und das wäre auch nicht gut möglich gewesen, da ich damals soeben erst das vierte Lebensjahr erreicht hatte. Uebrigens sind das alte, längst vergessene Geschichten; mein Vater ist anmestirt worden.“

„Revolutionär bleibt Revolutionär!“ erklärte der Hofrath mit Nachdruck. „Die Amnestie kann wohl die Strafe abwenden, aber sie kann niemals die Vergangenheit auslöschen.“

Max nahm eine entrüstete Miene an. „Wie, Herr Hofrath – das muß ich von Ihnen hören? Sie, der sich stets rühmte, der loyalste Unterthan seines Souverains zu sein, Sie weigern sich jetzt, dessen Beschlüsse anzuerkennen? Der allergnädigste Souverain hat verziehen, sagen Sie selbst; er will, daß das Vergangene vergessen und ausgelöscht sein soll. Sie wollen das nicht, Sie erlauben sich einen Eingriff in die allerhöchsten Entschließungen, eine Auflehnung gegen die Autorität des Landesherrn. Das ist Opposition, Rebellion mit einem Worte – Hochverrath.“

Diese wunderbare Beweisführung wurde mit einer solchen Geläufigkeit und Sicherheit gegeben, daß es unmöglich war, ein Wort dazwischen zu werfen oder darüber nachzudenken. Der Hofrath war denn auch vollständig verblüfft. Er starrte den Sprechenden ganz fassungslos an und fragte endlich kleinlaut:

„Meinen Sie das wirklich?“

„Es ist meine unumstößliche Meinung. Um nun aber wieder auf meinen Heirathsantrag zu kommen –“

„Kein Wort davon!“ unterbrach ihn Moser. „Es ist Beleidigung. Meine Tochter ist die Braut des Himmels.“

„Ich bitte um Entschuldigung, sie ist meine Braut,“ behauptete Max. „Der Himmel kann warten, ich aber nicht. Nach fünfzigjähriger glücklicher Ehe habe ich nichts dagegen, ihm Agnes abzutreten, bis dahin aber nehme ich sie für mich ganz allein in Anspruch.“

„Wollen Sie etwa die heilige Bestimmung meines Kindes verspotten?“ rief der Hofrath, von Neuem in Wuth gerathend. „Ich weiß es längst, Sie sind ein Ungläubiger, ein Gottesleugner, ein –“ die Stimme versagte ihm, er rang nach Athem und griff mit beiden Händen nach seiner Halsbinde.

„Regen Sie sich nicht auf!“ warnte der junge Arzt. „Solche heftige Erregungen können in Ihrem Alter und bei Ihrer Constitution gefährlich werden. Sie neigen entschieden zu Schlagflüssen.“ Die lange, hagere Gestalt Moser’s widersprach auf das Entschiedenste dieser Annahme, aber das kümmerte den Doctor Brunnow nicht, der ruhig fortfuhr: „Nebenbei gesagt, es ist bei einer solchen Constitution von unglaublichem Vortheil, einen Schwiegersohn zu haben, der Arzt ist und selbstverständlich mit großer Sorgfalt über das Leben und die Gesundheit seines Schwiegervaters wachen würde. Wie gesagt, Sie dürfen sich nicht aufregen.“

Sie regen mich auf,“ rief der Hofrath, der bei dieser fortwährenden Betonung des schwiegerväterlichen Verhältnisses ganz wild wurde. „Sie werden mir einen Schlaganfall zuziehen mit Ihren abscheulichen Behauptungen. Ich fühle mich schon ganz unwohl – das Blut steigt mir nach dem Kopfe; ich brauche Luft –“ damit sank er in den Lehnstuhl zurück und faßte wieder nach seiner Halsbinde. Max kam ihm freundschaftlich zu Hülfe und löste den Knoten.

„Wir wollen vor allen Dingen dieses weiße Ungethüm entfernen,“ sagte er. „Dann wird Ihnen leichter werden. Ich habe ein unfehlbares Mittel gegen Congestionen und werde es Ihnen sogleich verschreiben. Dergleichen Zufälle sind bedenklich, – wir müssen vorsichtig sein.“

Moser sah mit Wehmuth seine geliebte Halsbinde in den Händen des Doctors, der sie säuberlich zusammenfaltete und auf den Tisch legte. Mit der Entfernung des „weißen Ungethüms“ schien aber wirklich die Heftigkeit von dem alten Herrn gewichen zu sein, und die Drohung wegen des Schlaganfalls hatte ihn ängstlich gemacht. Er sah geduldig zu, wie sein Quälgeist an den Schreibtisch ging, ein Recept – ein ganz unschädliches nervenstillendes Mittel – verschrieb und mit dem Papier in der Hand zu ihm zurückkehrte.

„Sechs Tropfen in einem Glase Wasser,“ sagte er mit ungemeiner Wichtigkeit.

„Wie oft?“ brummte der Hofrath.

„Dreimal täglich.“

„Ich danke Ihnen.“

„Gar keine Ursache.“

(Fortsetzung folgt.)




Der Wallensteinstag in Stralsund am 24. Juli.
(Zum zweihundertundfünfzigjährigen Jubiläum.)

Wer in der Richtung von Berlin in mondheller Nacht nach Stralsund kommt, erfreut sich sogleich des schönsten Blickes auf die alte stattliche Hansastadt am Strelasunde. Wenn der Zug das Fort auf dem Paschenberge erreicht hat und in den Bahnhof einbiegt, so breitet sich vor den überraschten Blicken des Ankommenden die weite, mondbeglänzte und schilfumrauschte Fläche des Frankenteiches auf. Dahinter erhebt sich die Ehrfurcht gebietende, wuchtige Masse der Marienkirche, und aus der Häusermenge strecken die übrigen Kirchen, vor allen die Nicolaikirche, ihre gewaltigen Thürme gen Himmel.

Die Fläche, auf welcher Stralsund liegt, ist ein fast gleichseitiges Dreieck, dessen drei Seiten von dem Frankenteiche, dem Knieperteiche und dem schmalen Meeresarme gebildet werden, der Rügen von Pommern trennt; nur durch drei Dämme – zur Zeit der Wallenstein’schen Belagerung ware es fünf – ist die Stadt zugänglich. Von allen Seiten hat man lohnende Blicke auf die interessante alte Stadt, besonders auch von der Seeseite. Wenn man im leichten Segelboote oder auf der Dampffähre von dem gegenüber liegenden Rügensche Orte Alte Fähre herüberkommt, so sieht man in ganzer Breite neben der dem Patrone der Schiffer, dem heiligen Nicolaus (Sünteklas) geweihten Kirche das stattliche Rathhaus mit seiner luftigen, durch sieben gothische Thürmchen verzierte Façade. Weit über die Insel Hiddensee hinaus in’s offene Meer sind die Thürme von Stralsund dem Schiffe eine sicher führende Landmarke. Vor Jahrhunderten als noch die Marienkirche die alte stilgerechte, bis zur Höhe von dreihundertfünfundsechszig Fuß aufragende Steinpyramide statt des jetzigen verschnürten Thurmes auf ihrem stattliche Octogone trug, war ihre Spitze meilenweit draußen in See und Land sichtbar. Außer dem Hauptthurme und dem Vierungsthurme zählte man damals noch zehn andere, im Ganzen zwölf, und zweiundfünfzig Fenster in dem gewaltigen dreischiffigen Gotteshause, das jetzt durch die von dem kunstsinnigen König Friedrich Wilhelm dem Vierten gestifteten gemalten Fenster einen besonderen Schmuck erhalten hat.

Doch nicht von Stralsunds herrlichen Backsteinbauten, durch die es sich den andern baltischen Hansastädte würdig anreiht,

[515] wollte ich den Lesern der „Gartenlaube“ erzählen, sondern von der Heldenzeit Stralsunds und seinem Wallensteinstage.

Es giebt wenige Orte im deutschen Reiche, die recht lebendige Erinnerungen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges bewahrt haben, und fast nirgends sind diese Erinnerungen freudiger Art. An vielen Orten, die der Kriegsfurie besonders zu gedenken hätten, ist Niemand übrig geblieben, der die Erinnerung hätte überliefern können. Um so wohlthuender ist es, einen Ort zu finden, an welchem ein frohes Gedenken jener blutigen Tage mit berechtigtem Stolze durch zweihundertundfünfzig Jahre von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt ist und noch jetzt mit beharrlicher Treue gepflegt wird. Das geschieht in Stralsund am 24. Juli zum frohen Gedächtniß des Tages, an welchem im Jahre 1628 das Friedländische Heer die Belagerung aufhob, um in fluchtgleicher Eile abzuziehen.

Die Belagerung der Stadt bietet ein treues, wenig erfreuliches Bild der traurigen Zustände des armen Vaterlandes zur Zeit des unglückseligen Dreißigjährigen Krieges. Der Kaiser war vertreten durch den selbstsüchtigen Herzog von Friedland, der mit begehrlichem Auge nach Pommern blickte und Herzog Bogislav den Vierzehnten gern verjagt und sein Land dem ihm verliehenen Herzogthum Mecklenburg zu besserer Abrundung hinzugefügt hätte. Stralsund aber begehrte er als Schlüssel zu dem baltischen Meere, zu dessen Admiral er bestellt war. Der „Hansische Wecker“, eine Flugschrift vom Jahre 1628, faßt die Lage der Dinge richtig auf, indem er warnend nachweist, „das alles Päbstlich-Spanisch, mit nichten aber Kays. Majest. Werck, sondern deren Namen nur zum Deckmantel und deroselben eigenen Nachtheil mißbraucht werde“. Auf der andern Seite ging Stralsund zunächst in den Kampf für Erhaltung eines alten verbrieften Privilegiums; es lehnte die Aufnahme der kaiserlichen Einquartierung ab, deren ganze Last nur der Bauer und die offenen Orte zu tragen hatten, während feste Städte, Adel und Geistlichkeit frei waren. Um so kräftiger wehrte sich die Stadt, weil sie wußte, was die Einquartierung, mit welcher das arme Pommern im Jahre 1627 heimgesucht wurde, zu bedeuten hatte. In einem der Lieder aus jenen Tagen heißt es:

„Drum Teutschland thu die Augen auf,
Merck, was dies Wallensteinisch Hauf
In seinem Schilde führen.
Wo du die Lenge wirst zusehn,
So wird dirs an die Gurgel gehn,
Der große Schlag dich rühren.“

Mitten in dem Kampfe der Stadt mit dem Friedländer tauchte aber auch der alte Hader zwischen den Geschlechtern und den Zünften im Innern auf; der Herzog Bogislav suchte seine Rechte in der freien Hansastadt zu mehren, wozu ihn Wallenstein mit diplomatischer List nur noch mehr reizte, und endlich zogen durch Stralsunds Wasserthore Dänen und Schweden auf den Schauplatz des Krieges um eine deutsche Sache, wie der Kaiser als Bundesgenosse der Spanier des Papstes Vorkämpfer war.

Aus diesen Wirrnissen ist es zu erklären, daß während der Jahre 1627 und 1628 die diplomatischen Verhandlungen fast ebenso lebhaft geführt wurden, wie die kriegerischen Actionen. Tractate wurden entworfen; Gesandte gingen hin und her zwischen dem Friedländischen Hauptquartiere und der Stadt; herzoglich pommersche und kurbrandenburgische Vermittler, letztere durchs die Erb-Aussichten auf Pommern bewogen, suchten den Streit gütlich auszutragen. Der Protonotar von Stralsund, Johannes Vahl, wurde unmittelbar an das kaiserliche Hoflager gesandt und erwirkte dort einen der Stadt günstigen, aber von Wallenstein nicht respectirten Bescheid. Mit der Hansa, mit Dänemark und Schweden, endlich auch mit den Generalstaaten von Holland wurde verhandelt. Geld wurde nicht gespart; am 22. Februar quittirte Wallenstein’s Obrister von Arnim über eine Abschlagszahlung von dreißigtausend Thalern auf die zur Abwendung der Einquartierung angebotene Summe. Am vierten Februar 1628 besetzte Arnim den Dänholm (wendisch „Strela“ genannt, woher Sund und Stadt den Namen bekommen haben), eine damals noch unbefestigte Insel, welche ihren Besitzer zum Herrn des Hafens von Stralsund macht. Das war der Anfang der Feindseligkeiten. Bald darauf wurde Stralsund in weitem Kreise von den Kaiserlichen eingeschlossen, die alle Zufuhr von der Landseite abschnitten.

Die erste Niederlage erlitten die kaiserlichen Waffen bei dem Dänholm. Ehe noch die Arnim’sche Besatzung Schanzzeug und Geschütz erlangen konnte, legten sich Stralsunder Schaluppen und Boote an die Insel und hinderten jede Verbindung mit der in kaiserlicher Gewalt befindlichen Insel Rügen und mit dem Festlande. Die Folge war, daß die Besatzung sich am 5. April durch Hunger zur Capitulation genöthigt sah. Der Freiherr von Schellendorf wurde mit seinen Leuten nach Rügen transportirt, und die Stadtsoldaten besetzten und verschanzten den Dänholm. Nun rückte Arnim mit seiner Armee, die der Herzog von Pommern und sein Land erhalten mußten, der Stadt näher, ihre zahlreichen weltlichen und geistlichen Güter in Pommern und auf Rügen furchtbar verheerend.

Schiffer und Freiwillige, welche sich erboten, die kaiserlichen Schanzen bei Brandshagen zu zerstören, wurden vom Rathe zurückgewiesen, der auch jetzt noch „alle Offension vermeiden wollte“.

Die Bürgerschaft dachte anders. Unaufgefordert trat sie wiederholt in ihren Quartieren zusammen, und durch ihre Sprecher, Johann Jusquinus von Gosen, Laurentius Rostock und Andere, drängte sie den Rath, dessen Majorität zu Verträgen und Opfern sehr geneigt war, zu entscheidender That, und die nicht geringe Minorität des Rathes folgte willig solchem Drängen. An der Spitze dieser Partei stand der Bürgermeister Steinwich, ein Mann, gleich groß im Rathen wie im Handeln. Er war die Seele des Widerstandes; sein erfinderischer Geist wußte immer neue Hülfsquellen zu eröffnen, und es ist befremdend, daß kein Ehrenmal in Stralsund an diesen großen und hochverdienten Bürger erinnert.

Auf das Drängen der Gemeinde und gegen den Wunsch des Rathes wurden der Stadt Scheunen und die Häuser vor dem Frankenthore eingeäschert, damit sie nicht dem Feinde Deckung gewährten. Kloster und Kirche zu Sanct Jürgen vor dem Knieperthore wurden abgebrochen. Noch jetzt heißt das in eine Versorgungsanstalt umgewandelte Kloster, obgleich mitten in der Stadt gelegen, zur Erinnerung an seine alte Stelle „Sanct Jürgen am Strande“.

Immer heftiger wurde das Andrängen der Arnim’schen Schaaren, allein die Stadthauptleute Volckmann und Chemnitz hielten mit den Stadtsoldaten und den unermüdlichen Bürgern gute Wacht und jagten die Stürmenden mit blutigen Köpfen zurück. Hülfe kam noch im Mai von Dänemark, deutsche und schottische Söldner unter dem Obristen Holk; später kam Proviant und Munition aus Schweden und aus Lübeck; endlich, nachdem ein Vertrag mit der Krone Schweden geschlossen war, welcher dem Kaiser und dem Reiche ausdrücklich alle Rechte wahrte, kamen auch schwedische Hülfstruppen.

Dabei mußte natürlich strenge Mannszucht gehalten werden, wenn die Stadt nicht von den Freunden ebenso Uebles erleiden sollte, wie von den Feinden. Ein Kriegsrath, der aus Mitgliedern des Rathes und der Bürgerschaft und aus fremden Officieren bestand und dem für eilige Sachen dictatorische Gewalt zustand, während er sonst an die Genehmigung des Rathes gebunden war, leitete die Vertheidigung. Die Seele dieses Kriegsrathes waren Volckmann, Jusquinus und Steinwich. Strenge Kriegsartikel wurden erlassen, die Meuterei, Gotteslästerung, Feigheit und Verrath mit harten Strafen an Ehre, Finger, Leib und Leben bedrohten. In der Trunkenheit begangene Verbrechen wurden um so härter bestraft.

In blutigen Kämpfen erwehrte sich die Stadt der andrängenden Kaiserlichen. Besonders am Knieper- und am Frankenthore unternahmen die Belagerer im Juni Sturm auf Sturm. So groß ihre Verluste dabei auch waren, an beiden Orten gewannen sie Terrain.

Endlich, am 26. Juni, da Alles so weit gefördert schien, daß nur noch die letzten Streiche auf die bedrängte Stadt geführt zu werden brauchten, kam Wallenstein selbst im Lager vor Stralsund an und machte seine Drohung wahr, drei Tage und drei Nächte stürmen zu lassen. Tapfer widerstanden die Stralsunder; dennoch schien das Loos der unglücklichen Stadt besiegelt zu sein. In der höchsten Noth wurden auch einmal Boten an Gustav Adolf gesendet, um weitere Hülfe zu erbitten, zugleich aber beschloß man, einen letzten Versuch zu machen, um von dem Friedländer erträgliche Bedingungen zu erlangen. Am 30. Juni ging eine Deputation aus der Stadt in’s Hainholz, das Hauptquartier Wallenstein’s, und wurde von ihm unerwartet gnädig [516] aufgenommen. Er stellte Bedingungen, über die sich verhandeln ließ, und beruhigte die Deputirten sogar, sie möchten nicht denken, daß er als Katholik Ketzern keine Treue halten zu müssen glaube.

Die Sage hat die drohende Aeußerung: „Ich will Stralsund erobern, und wäre es mit Ketten an den Himmel geschlossen“, in diese Besprechung verlegt, die nach einer anderen Mittheilung folgenden lakonischen Verlauf gehabt haben sollte: Auf Wallenstein’s Forderung, Geld zu schaffen, hätten die Deputirten geantwortet: „Dat hebben wi nich,“ auf die Zumuthung, einer kaiserlichen Besatzung die Thore zu öffnen: „Dat do wi nich,“ und auf die dann folgenden fürstlichen Schmähungen: „Dat sünd wi nich.“

Die Verhandlungen wurden an den folgenden Tagen fortgesetzt, aber wiederum war die Bürgerschaft vorsichtiger und zäher als der Rath, dessen Majorität die friedländischen Bedingungen gern angenommen hätte, und der den zum Widerstande drängenden Officieren und Bürgern antwortete: „Brod, Geld, Pulver regnet nicht vom Himmel.“ Dänische Hülfsvölker in der Stärke von vierhundert Mann kamen zu gelegener Zeit; ein starker und anhaltender Regen überschwemmte das Zeltlager im Hainholze, die Feinde standen in den eroberten Schanzen bis an den Leib im Wasser und riefen überlaut, den Regen hätten die ketzerischen Pfaffen heruntergebetet. Dazu kam, daß Wallenstein’s Heer furchtbar geschwächt war, daß Tilly und die Häupter der Ligue ihm die erbetenen Hülfsvölker neidisch versagten und daß sich eine dänische Flotte bei Rügen zeigte. Das alles vermochte Wallenstein, als die Stadt nicht capituliren wollte, den Weg der Verhandlung von Neuem zu betreten, aber nicht mit dem Rathe von Stralsund, sondern arglistiger Weise mit Herzog Bogislav, der schwach genug war, sein ganzes Herzogthum dafür zum Pfande zu setzen, daß die Stadt Stralsund die von Wallenstein gestellten Bedingungen erfüllen werde. Am 15. Juli verließ er die Belagerungsarmee, begab sich nach Güstrow und schrieb an Arnim: „Bitte, der Herr disponire auf solche Weise mit ihnen, auf daß wir mit Ehren bestehen und bald abziehen können.“

Des fremden Zuzuges wurde von nun an den Stralsundern fast zu viel, doch wurden dadurch glückliche Ausfälle möglich, die unter den entmuthigten Feinden furchtbar aufräumten. Arnim’s letzte Unternehmungen dienten nur dazu, den beabsichtigten Abzug zu verhüllen, und am 24. Juli zog er endlich die letzten Truppen und Geschütze zurück.

Ein Akrostichon aus jenen Tagen auf die Worte: „Obrister Arnheim, ein Narr, hinket schandlich von Stralsund,“ in welchem der Gang der Belagerung kurz dargestellt ist, schließt mit den Worten:

„Stralsund Adieu, dich Gott bewahr’!
Das wünsch’ ich dir von Herzen,
Wiewohl du mich in Leib’s Gefahr
Abtreiben thust mit Schmerzen.
Nun jubilir und triumphir,
Der lieb’ Gott woll’ dein walten;
Arnheimb zu Trutz und dir zu Nutz
Hast du den Sieg behalten.“

Dem Friedländer, dem Admiral ohne Schiffe, sang das Volk nach:

„Vor Stralsund dich der Strahl gerührt;
Hat dich der Schieff’r uff die See g’führt,
Der Strahl hat dich nit troffen.
Ist dir am Galgen b’schert dein End’,
Weil dich die See noch gar nicht kent,
So bistu unversoffen.“

Nicht minder scharf traf der kraftbewußten Bürger Spott nach glücklich errungenem Siege die Wallensteinische Soldatesca, namentlich die prahlerischen „Hautmacher“, die durch allerlei Spuk sich für hieb- und kugelfest hielten.

Ein schweres Schicksal ereilte zu allerletzt noch die siegreiche Stadt. Als des Kampfes Hitze am höchsten stieg, verließen etwa fünfhundert Frauen und Jungfrauen die Stadt und suchten Zuflucht in Schweden, dem Asyl aller derer, die um des Glaubens willen verfolgt wurden. Nach aufgehobener Belagerung wollten dreihundert von ihnen zurückkehren, allein, weil das Schiff nicht recht beballastet war, warf es der Wind um, und alle gingen elend zu Grunde.

Interessant ist der Schluß eines 1629 in den Knopf des Nicolai-Thurmes gelegten und 1867 bei einer Reparatur herausgenommenen Berichtes über die Belagerung. Der geistliche Verfasser desselben, Magister Sleker, erzählt, daß es den Einwohnern von Stralsund nur selten am Nöthigsten gefehlt habe, und fährt dann fort: „Das griene Crauth, Khohl und Gartenfrüchten sind etwas seltzsam gewesen, an Kerebesen hats etzlichen auch eine Weile gemangelt, weil man keine Raiser gehabt, doch sein welche von Weyden gemacht worden. Nach der Belagerung hat man von Perona des grienen Krauths zur Speise und Artzney, wie auch der Meyen beym Brandeshagen her in nachtschlafender Zeit (dahin sich etzliche Deutsche und Swedische Soldaten geleget,) so viel herein geholet, daß unsere Kirchen in den heiligen Pfingsten schön gezieret, und wir im Herren höchlich sein erfrewet worden. Gott sei gelobet, der unser Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von uns wendet, halleluja.“

Die Thatsache, daß die Soldaten aus der belagerten Stadt einen nächtlichen Ausfall wagen, um das Pfingstfest mit Maien zu schmücken, beweist zur Genüge den religiösen Charakter, den der Kampf auf protestantischer Seite damals noch hatte, und davon zeugt auch die alte Rathsverordnung, durch welche der 24. Juli für ewige Zeiten zum städtischen Festtage geweiht wird. Noch jetzt wird in allen Kirchen von Stralsund am Sonntage vor dem 24. Juli nach der Predigt diese Verordnung verlesen, worin die Bürger aufgefordert werden, an dem am 24. Juli einfallenden Wallensteinstage ihre bürgerliche Hantierung einzustellen und dem Herrn in den Kirchen für die wunderbare Errettung der Stadt und der reinen Lehre zu danken. Das Interesse für diesen Festtag ist immer rege geblieben; in den letzten Jahren, wo von neuem der Romanismus sein Haupt gegen das deutsche Reich und gegen den deutschen Protestantismus erhebt, ist es sogar gestiegen. Früh Morgens und nach der Predigt am Nachmittag schallt das Festgeläut von allen Thürmen der Stadt über Land und Meer. Nach dem Geläute ertönt Hornmusik von den Thürmen, zuerst ein Choral, dann eine wilde neckische Weise, angeblich dieselbe, welche am 24. Juli 1628 dem abziehenden Belagerungsheere nachgeblasen wurde. Die Kirchen sind besucht wie an den hohen Kirchenfesten. Die ganze Stadt ist festlich geschmückt. Die Fußwege und die Straßen werden mit weißem Sande, grünem Laube und bunten Blumen bestreut; von Giebel zu Giebel sind Seile gezogen, von denen Flaggen herniederwehen, deutsche, preußische und stralsundische. Letztere zeigen theils das Stadtwappen, theils in rothem Felde eine strahlenreiche goldene Sonne. Dazwischen sieht man bunte Consulatsflaggen und vielfarbige Schiffswimpel. Die Schiffe im Hafen prangen im reichsten Flaggenschmucke.

Nachmittags entwickelt sich an verschiedenen Orten das eigentliche Volksfest. Am buntesten geht es vor dem Knieperthore her; an der Vogelstange, die angeblich auf derselben Stelle steht, wo einst im Hainholze Wallenstein’s Kriegszelt aufgeschlagen war, wird getanzt und gespielt. Stunde um Stunde geht ein kleiner Dampfer nach Devin vor dem Frankenthore, wo sich ein unbedeutendes Gehölz befindet, eine Seltenheit in der Nähe von Stralsund. Dort lagern auf einem schön bewachsenen Hügel, unmittelbar am Strande des Sundes, viele einzelne Gesellschaften, und auf einem freien Platze im Holze wird getanzt; Musik und Gesang erschallt von allen Seiten. Auch in unmittelbarer Nähe der Stadt, in der Brunnenau und in den Gärten der beiden Ressourcen, im Elysium und im Thalia-Garten, überall herrscht lauter Frohsinn; vom Knieperteiche steigen Raketen in den Nachthimmel empor. Die Fähre und zahlreiche Boote bringen Festgäste von Rügen herüber; die Bahnzüge sind dicht besetzt. Spät in der Nacht, zum Theil erst am hellen Morgen, kehren die Festgenossen in die Stadt zurück.

Stralsund ist reich auch an anderen historischen Erinnerungen. Die Belagerung durch den großen Kurfürsten (1678) hat ihre traurigen Spuren hinterlassen. Leicht erkennt man die damals in Asche gelegten Stadttheile an der schlechteren Bauart der Häuser; im großen nordischen Kriege war der abenteuerliche König Karl der Zwölfte nach seiner Heimkehr aus der Türkei in der damals schwedischen Stadt eingeschlossen; in der Fährstraße floß Schill’s Heldenblut; am lebhaftesten aber bewahrt das Volk das Gedächtniß an die Zeit der Wallenstein’schen Belagerung – das ist Stralsunds Heldenzeit.

Noch lebt in der Stadt am Strelasunde ein freies, wackeres Geschlecht, ernst und stark die großen Aufgaben des Lebens erfassend, froh mit pommerscher Gemüthlichkeit die guten Tage genießend. Möge das Wallensteinsfest noch lange dazu beitragen, bei den nachwachsenden Geschlechtern in der guten Stadt die Gesinnungen der freiheitliebenden frommen Väter zu wecken und zu mehren!

R.
[517]
Die Gartenlaube (1878) b 517.jpg

Das Stralsund des Dreißigjährigen Krieges.
Nach dem alten Kupferstich der Merian’schen Topographien auf Holz übertragen.

[518]
Der Untergang des „Großen Kurfürsten“.[1]
Von einem Augenzeugen.

Am 29. Mai Nachmittags fünf Uhr verließ das deutsche Panzergeschwader, bestehend aus den drei Schiffen „König Wilhelm“, „Großer Kurfürst“ und „Preußen“, die Rhede von Wilhelmshaven. Es war ein stattlicher Anblick, als die Panzer nach einander Anker auf gingen und, in Kiellinie formirt, unter Führung des Admiral- und Flaggschiffes „König Wilhelm“ davon dampften. Eine dichte Menschenmenge hatte sich auf den Molen versammelt, dem seltenen Schauspiele beizuwohnen und den Scheidenden den Abschiedsgruß zu bringen. Das nächste Ziel war Plymouth, wo der Kohlenvorrath für die weitere Fahrt nach Gibraltar ergänzt werden sollte. Nach einer raschen, vom besten Wetter begünstigten Reise wurde in der Frühe des 31. der englische Canal angesteuert und um acht ein halb Uhr Dover passirt. In selten scharfen Umrissen präsentirte sich das altehrwürdige Dover-Castle, welches mit seinem achteckigen Thurme die romantisch gelegene Stadt beherrscht. Die Stadt selbst, mit ihren aschgrau gestrichenen Häusern, macht einen düstern, fast unheimlichen Eindruck. Im Hafen schaukelte ruhig das für die Ueberfahrt nach Calais dienende Dampfschiff. Bewaldete Hügel, in üppigem Grün prangende Thäler, wogende Getreidefelder eilten rasch an unsern Augen dahin. Kein Nebelstreif hinderte die Fernsicht; ruhig war die See; kaum merklich wogte die Dünung hin und wieder, nur ein leises Lüftchen hauchte in die Segel der wenigen, langsam dahinschleichenden Schiffe. Freundlicher hat wohl die Sonne selten diese Küste von Alt-England beschienen.

Das Geschwader dampfte in Doppelkiellinie formirt mit einem auf hundert Meter geschlossenen Intervall. Voran „König Wilhelm“; an Steuerhord, das heißt rechts, folgte „Großer Kurfürst“ und in der Kiellinie des Admiralsschiffes schloß die „Preußen“. Die Panzer befanden sich Folkestone gerade gegenüber, einer blühenden Stadt von zwölftausend Einwohnern, dreieinhalb Seemeilen von den Molenköpfen des kleinen Hafens entfernt – da kreuzte eine holländische Bark, von der Landseite kommend, den Cours des Flaggschiffes.

Auf allen drei Schiffen wurden eben die Vorbereitungen für „Klar Schiff“ getroffen, eine Uebung, die auf Kriegsschiffen routinemäßig jeden Freitag Morgen abgehalten wird. Der „Große Kurfürst“ hatte „Alle Mann“ in Manöverdivision auf Verdeck versammelt, wo der erste Officier die Gefechtsrolle verlas, damit Jeder genau über seine Obliegenheiten unterrichtet sei.

Der „Wilhelm“ legte das Ruder Backbord und wich dem Segelschiffe, wie es vorgeschrieben, rechts hin nach dem Lande zu aus, die folgenden Schiffe thaten desgleichen. Nachdem die Bark passirt, beabsichtigte der wachehabende Officier des Flaggschiffes den alten Cours wieder anzunehmen, und commandirte das Ruder Steuerbord zu legen, ein Commando, welches aber von den Matrosen am Steuer mißverstanden und im entgegengesetzten Sinne ausgeführt wurde. Dieses Versehen war für den „Großen Kurfürsten“ verhängnißvoll. Immer näher und näher kamen einander die beiden Kolosse; schon kreuzten sich die Raaen, unvermeidlich war die Katastrophe. Die Uhr zeigte einige Minuten nach Zehn.

Ein furchtbares Krachen, der Detonation einer Explosion vergleichbar, welches einige Secunden andauerte, absorbirte alle anderen Sinneswahrnehmungen. Die Erschütterung der Schiffskörper selbst kam verhältnißmäßig wenig zur Empfindung. Das Bugspriet des „Wilhelm“ hatte über das Oberdeck des „Kurfürsten“ weg gefegt. Von oben prasselten auf diesem Stangen, Blöcke, Spieren; es regnete Holz- und Eisensplitter. Die Großraa hing zerbrochen in den sie haltenden Tauen; die backbordschen Seitenboote waren zertrümmert – eine unglaubliche Verwüstung das Werk eines Augenblicks. Die Mannschaft war, um sich vor dem fallenden Rundholze zu sichern, auf Commando nach Steuerbord gelaufen.

Der Rammsporn des Admiralschiffes hatte die linke Seite des „Großen Kurfürsten“ zwischen Groß- und Kreuzmast, unterhalb der Wasserlinie, tödtlich getroffen. Langsam neigte sich vor dem gewaltigen Anpralle das verwundete Schiff nach der gesunden Seite und schwankte dann zurück, um sich gleich allmählich nach Backbord überzulegen. Nur kurze Zeit waren die Schiffe aneinander; schon vor der Collision hatte der Admiral das Commando „Voll Dampf zurück“ gegeben und langsam entfernte sich der „König Wilhelm“ mit zerbrochenem Vorgeschirr von seinem dem Untergange geweihten Opfer.

Noch haftete der Sporn des „Wilhelm“, als auf dem „Kurfürsten“ die Schiffsglocke zur Verschlußrolle angeschlagen wurde. Jeder stürzte auf seinen Posten. Unter Führung des Zwischendeckofficiers, des Unterlieutenants Fouquet, eilten die abgetheilten Mannschaften in die Batterie und das Zwischendeck, um die wasserdichten Thüren und Pforten zu schließen. Gehorsam dem Befehle, wurde dieser junge, hoffnungsvolle Officier ein Opfer seiner Pflichttreue; der ihm zugetheilte Cadett fand kaum die Zeit, das Oberdeck zu gewinnen, noch im letzten Moment hatte er seinem Officier zugerufen, er möge sich retten, aber „eine Thür wollte derselbe noch schließen“. Diese Zögerung ward sein Verderben. Der erste Officier war zusammen mit dem Batterieofficier in das Zwischendeck und die Batterie gegangen, sich von dem Schlusse der Thüren und Pforten persönlich zu überzeugen. Um eines Haares Breite wäre auch ihm die Möglichkeit der Rettung abgeschnitten gewesen. Kaum erreichte er das Oberdeck, so kenterte das Schiff und warf ihn in die Tiefe. Wie von unsichtbaren Händen fühlte er sich nach unten gezogen und dort festgehalten, um erst nach geraumer Zeit die Oberfläche wieder zu gewinnen. Doch das alles geschah später.

Sofort das Schlimmste befürchtend, gab der Commandant Capitain zur See Graf von Monts das Commando „Volle Kraft“ in die Maschine und steuerte auf Land zu, um das Schiff auf den Strand zu setzen und so vor dem Untergange zu bewahren. Alle Lenzpumpen wurden auf seinen Befehl angestellt, die Maschine aus der Bilge gespeist, aber zusehends neigte sich der „Große Kurfürst“ nach Backbord; zu weit war der rettende Strand. Die beiden noch unversehrten Seitenboote wurden heruntergefiert, was trotz des Ueberliegens mit Präcision und Schnelligkeit ausgeführt wurde. Das eine Boot schlug leider voll Wasser und versank, während der Kutter zu Wasser kam. Mit seiner Mannschaft hielt der Bootssteurer zwanzig Schritte vom sinkenden Schiffe entfernt auf Riemen, um später mit großem Erfolge bei der Rettung thätig zu sein. Die Zurrings und Taue, durch welche die auf Deck stehenden schweren Boote befestigt sind, wurden auf Befehl durchschnitten, um sie beim Sinken des Schiffes flott zu erhalten, was auch bei einem Boote, der Dampfpinaß, gelang.

Ueber alles Lob erhaben war die Haltung und das Benehmen der Mannschaft; vollgültig bewährte sich in diesen fürchterlichen Minuten, welche dem Todeskampfe von Hunderten von braven Leuten vorangingen, die strenge Disciplin, wie sie an Bord unserer Schiffe gehandhabt wird. Mit größter Ruhe und Kaltblütigkeit wurden die verschiedenen Commandos gegeben und, wie sie gegeben, so ausgeführt. Obgleich Viele, des Schwimmens nicht kundig, dem sicheren Tode in’s Antlitz sahen, war auch nicht eine Spur von Unordnung oder Verwirrung bemerkbar. Eine unheimliche Stille, welche nur von den Commandoworten des Capitains unterbrochen wurde, zeugte allein von der drohenden Gefahr, die in ihrer ganzen Größe Keinem unbekannt sein konnte. Wohl Mancher gedachte in diesen Augenblicken in banger Todesahnung der Lieben in der Heimath, die er erst vor zweimal vierundzwanzig Stunden verlassen hatte und nun nimmer wiedersehen sollte.

Alle Maßregeln waren erschöpft. Immer höher stieg das Wasser; der Maschinen-Ingenieur Ehrenkönig kam an Deck und meldete dem Capitain, daß alles Pumpen fruchtlos sei; da gab dieser das Commando: „Alle Mann an Deck!“ und „Stopp!“ in die Maschine. Mit seltener Kaltblütigkeit stieg der Stabswachtmeister [519] mit seinem Gefreiten noch in der letzten Minute in das Zwischendeck, wo die Arrestantenzellen sich befinden, und befreite die beiden Insassen aus ihrem Gefängniß. Der wachhabende Seesoldat befand sich in vorschriftsmäßigem Anzuge auf seinem Posten. Alle wurden gerettet, der Seesoldat mit umgeschnalltem Seitengewehr und Patronentaschen.

Der wachhabende Ober-Maschinist blieb mit seinem ganzen Personal in der Maschine; er soll, wie ein Heizer erzählt, der durch den bereits horizontal liegenden Ventilator geschwemmt und als Einziger von der ganzen Wache gerettet wurde, den Befehl ertheilt haben, daß Keiner ohne Ordre seinen Posten verlasse. In treuer Erfüllung ihrer Pflicht gingen Alle unter; sie legten ein beredtes Zeugniß ab von der Berufsstreue und dem Subordinationsgefühle, welche unserer jungen Marine innewohnen und sie ebenbürtig der siegesgekrönten Armee zur Seite stellen. Mit Recht kann noch in fernen Zeiten die deutsche Flotte stolz sein auf diejenigen, welche hier den Heldentod starben. Ein besonders grausiges Verhängniß traf einen Maschinisten Marten, der, zum Schmieren der Welle in den Tunnel geschickt, hier mit eingeschlossen wurde.

Wie unten in der Maschine das Maschinenpersonal, so thaten oben am Ruder die Matrosen ihre Schuldigkeit. Die Ruderspeiche in der Hand, gingen sie unter. Alle ruhen im kühlen Seemannsgrabe. Der Zahlmeister blieb während der ganzen Zeit in seiner Kammer. Ein Aspirant sah ihn dort sitzen, mit dem Packen und Ordnen von Papieren beschäftigt. Die Aufforderung, an Oberdeck zu gehen, da das Schiff im Sinken, beachtete er nicht, sondern beharrte bei seiner Arbeit, die er nicht vollenden sollte.

Schon war das Wasser über die Regeling gestiegen und die Wellen bespülten die Panzerthürme, schon streiften die Raaen am Backbord das Wasser und noch hatte Keiner das Schiff verlassen. Einige waren in die Wanten gestiegen, Andere saßen oder standen auf der Regeling. Der größere Theil der Mannschaft hatte sich ziemlich gleichmäßig auf die Steuerbordseite vom Großmast bis zum Bugspriet vertheilt. Auf dem Achterdeck, welches den Matrosen außerdienstlich zu betreten verboten, befanden sich nur einige wenige Officiere.

Um zehn Uhr zwölf Minuten, etwa sechs Minuten nach dem Zusammenstoße, kenterte der „Große Kurfürst“. Zuerst verschwand das Hinterschiff, zuletzt der Kiel, welcher nach oben zeigte. Ein entsetzlicher Angstschrei aus Hunderten von Kehlen durchzitterte in diesem Augenblicke die Luft. Wir Augen- und Ohrenzeugen werden das furchtbare Schauspiel, welches sich jetzt im Wasser abspielte, nicht vergessen.

Wie von einem Eisberg, so rutschten Hunderte die glatte Bordwand und den Kiel herunter in’s Wasser. Nachdem das Schiff verschwunden, folgte ein dumpfer Krach, und ein weißer Gischt spritzte etliche Fuß hoch auf; es war das letzte Lebenszeichen des mächtigen Panzerthurmschiffes, welches jetzt mit seinem ganzen Inhalt an Gut und Menschenleben auf dem Boden des Meeres ruhte. Der Kampf der Schwimmer mit den des Schwimmens Unkundigen spottet jeder Beschreibung. Mehrere Minuten währte das grausige Ringen um das Dasein. Das Seesoldaten-Detachement hatte sechs Unterofficiere, sämmtlich zu Schwimmmeistern ausgebildet. Keiner wurde gerettet. Der Ingenieur Ehrenkönig wurde im Wasser mit mehreren Matrosen und Seesoldaten um das Leben kämpfend gesehen. Vergebens war seine Kunst. Eisern umklammerten ihn die Arme der im Todeskampfe Ringenden und zogen ihn mit in die Tiefe. Ein gleiches Geschick hatte der Capitain-Lieutenant Ludewig, der sich vergeblich der des Schwimmens Unkundigen zu erwehren versuchte. Der Commandant, welcher nach seinen eigenen Worten mit diesem Leben abgeschlossen hatte und als einer der letzten von dem Schiff heruntergespült wurde, rettete sich in die Dampfpinaß, welche beim Sinken flott geworden. Doch war das Boot der Last, die ihm zugemuthet, nicht gewachsen und sank mit etwa achtzig Menschen unter. Die große Mehrzahl der schon einmal Geretteten fand dabei ihren Untergang, unter ihnen auch der Graf Schwerin. Commandant und erster Officier wurden in bewußtlosem Zustande von Booten des „Wilhelm“ aufgefischt. Ersterer hatte einen schweren Kampf mit mehreren Matrosen zu bestehen; bei Beiden war es noch Stunden nach der Rettung zweifelhaft, ob die Gefahr für ihr Leben beseitigt sei.

Nach der Katastrophe führte der „König Wilhelm“ alle Seitenboote zu Wasser und traf Anstalten, die Decksboote auszusetzen, was ebenfalls in kurzer Zeit bewerkstelligt wurde. Rettungsbojen, gezurrte Hängematten, Schwimmgürtel, Putzen, Balzen, überhaupt schwimmende Gegenstände aller Art, wurden über Bord geworfen, den Schiffbrüchigen einen Halt zu gewähren. Ein Bootsmanns-Maat, der schon langhin geschwommen, wurde bei dieser Gelegenheit so unglücklich von einem Holzeimer an den Kopf getroffen, daß er sofort untersank. Mehrere von der Wilhelm-Mannschaft sprangen sogar über Bord, ihren Cameraden im Wasser Hülfe zu bringen. Von allen Seiten wurden den Sinkenden Taue und Stricke zugeworfen, aber Manchem versagten, ob der ungewohnten Anstrengung und des langen Aufenthalts im kalten Wasser (9 1/2 Grad C.), die Kräfte. Sie vermochten nicht mehr das rettende Tau zu ergreifen und gingen unter, angesichts der ihnen winkenden Hülfe. Inzwischen fuhren die sämmtlichen Boote des „Wilhelm“ und der „Preußen“, die etwas weiter von dem Orte der Katastrophe zu Anker gegangen war, hin und her und nahmen die Ueberlebenden auf, und ebenso verfuhren mehrere englische Fischerboote, welchen etwa fünfzig Leute ihre Rettung verdanken.

Das Ereigniß ist gerade dadurch so entsetzlich, daß es einen Augenblick vorher noch fast undenkbar war. Nicht im Kampfe, nicht im Sturme, nicht im Nebel, wo das Herz sich gegen äußerste Gefahr rüstet, nein, im lachendsten Sonnenscheine, mitten in alltäglicher Pflichterfüllung brach der tückische Tod über Hunderte in üppigster Lebenslust Athmende mit einem Krache den Stab. Beneidenswerth Jeder, der das entsetzliche Bild dieser Katastrophe nicht mit solcher quälenden Deutlichkeit durch Jahre in der Erinnerung tragen muß, wie mit so manchem Cameraden Derjenige, welcher vorstehende Zeilen niederschrieb!

H.




Randglossen zu unserem Marine-Unglück.

Seitdem der Telegraph die Unglücksbotschaft durch ganz Deutschland verbreitete: eines der besten Schiffe unserer Marine, ein Fahrzeug neuester Construction, versehen mit allen möglichen Vortheilen der Schiffsbaukunst und Artillerie der Neuzeit zur Bekämpfung des Feindes, ist Angesichts der Küste, beim schönsten Wetter und ruhigsten Seegang, mit Verlust der größten Hälfte seiner Mannschaft rettungslos verloren gegangen - seitdem bemächtigt sich jedes Deutschen und zumal des Laien ein Gefühl des Mißtrauens gegen die Leistungsfähigkeit unserer jungen deutschen Flotte. Angesichts dieser nicht zu vermeidenden Nachwirkung und des noch verderblicheren Einflusses übertriebener Kritik, hält es der Unterzeichnete für seine Pflicht, gestützt auf eine dreizehnjährige Praxis im Dienste der deutschen, amerikanischen und englischen Marine, seine Ansicht über die möglichen Ursachen der Katastrophe und die Mittel künftiger Vermeidung derselben der Oeffentlichkeit zu übergeben und zugleich das zum Verständniß Nöthige über den Dienst während der Fahrt und die wichtigsten dabei betheiligten Personen den Laien kurz und bündig darzulegen.

Der Dienst an Bord eines Kriegsschiffes wird im Geschwader gewöhnlich vom Geschwaderchef durch Signale bekannt gemacht. Zur Führung des Schiffes während der Fahrt werden die nöthigen Sicherheitsposten von der Wache, welche sich aller vier Stunden ablöst, ausgestellt. Die Wache wird von einem Officier befehligt, welcher während der vierstündigen Dauer derselben die vollständige Verantwortung für das Schiff trägt. Sein gewöhnlicher Aufenthaltsort ist die erhöhte Kommandobrücke zwischen dem Groß- und Kreuzmast, aus welcher er das ganze Oberdeck, sowie die umgebende Wasserfläche zu überschauen und namentlich seine Kommandos der Wache durch kräftiges lautes Rufen mitzutheilen vermag.

Nach diesem ist der wachhabende Bootsmannsmaat die wichtigste Persönlichkeit. Sein Platz ist die Großluke vor dem Großmast. Er hat genau auf den wachhabenden Officier zu achten dessen Befehle durch Pfeife und Stimme der Wache mitzutheilen und für schnelle Ausführung derselben Sorge zu tragen.

Der Steuermannsmaat erhält den zu steuernden Cours vom wachhabenden Officier und hat dafür zu sorgen, daß derselbe möglichst direct gehalten wird, respective selbst mit Hand anzulegen. Vor den Speichen des doppelten Steuerrades steht die Steuermannschaft, welche gewöhnlich aus einem Obermatrosen, als dem selbstständigen Führer des Ruders und drei Matrosen zweiter Klasse oder, je nachdem das Schiff bemannt ist, aus Seesoldaten oder Schiffsjungen besteht, welche nur zur Unterstützung des Steuernden, das heißt zur schnellen Bewegung des Steuerrades, Hand leisten. Der Erstere hat vor sich im Compaßhäuschen den Compaß, nach welchem er jede Abweichung vom Course regulirt.

Wenn man an Bord eines Schiffes und zwar in der Mitte der Richtung des Kieles steht, so unterscheidet man zwei Seiten, nämlich rechts Steuerbord und links Backbord (im Englischen Starboard und

[520] Larboard. Soll indeß das Schiff mit dem Buge (Vorderteil) eine Richtung nach rechts machen, so ist das Steuercommando „Backbord“, worauf der Steuernde das Kommando zu wiederholen und gleichzeitig die Ruderpinne durch Drehung des Rades nach betreffender Richtung zu bringen hat. Das Schiff folgt nun auch dem Drucke des Steuers, je nach der Fahrgeschwindigkeit (je mehr Fahrt, je mehr Druck) und beschreibt in einem Bogen, dabei immer nach vorwärts gehend, die Abweichung vom früheren Course. Hat das Schiff dann beinahe die gewünschte Richtung erhalten, so commandirt der Wachhabende wieder „stützen“ (steady), und das Schiff hört auf, sich mit der vorhergehenden Schnelligkeit nach rechts zu wenden. Ist es jedoch erforderlich, daß es sogleich in der befindlichen Richtung verharre, so muß die Pinne etwas entgegengesetzt, nämlich nach Steuerbord gewendet werden, um den noch wirkenden Druck nach rechts hin zu überwinden. Liegt das Schiff auf der gewünschten Richtung, so wird das Ruder wieder zur Mitte gebracht und so bis auf weiteres Kommando erhalten. Dasselbe Manöver geschieht, nur in umgekehrter Weise, will man nach links oder Backbord ausweichen.

Die sämmtlichen Ausführungscommandos in der deutschen Marine, in den verschiedenen Manövers, als Segel-, Boots-, Gefechtsmanöver etc. sind durchgängig so präciser, genau verständlicher Art, daß ein Mißverständniß in der Ausführung derselben fast nicht möglich erscheint. Man wird dies um so mehr anerkennen, wenn man bedenkt, wie viel Schwierigkeiten es gekostet hat, dieselben in die hochdeutsche Sprache zu übersetzen und sie zu dem kurzen und bündigen Gebrauche der Nautik zu vervollständigen.

Seit unsere Marine überhaupt eine Bedeutung erhalten hat, ist von Seiten der Admiralität und des hohen Officiercorps alles nur Mögliche geleistet worden, um dieselbe nicht nur betreffs der Qualität der Schiffe, sondern auch hauptsächlich in der Ausbildung der Officiere und Mannschaften anderen Nationen gleich zu bringen, womöglich dieselben zu überflügeln.

Ein Umstand jedoch, und zwar derjenige, welcher bei der jetzigen entsetzlichen Katastrophe wahrscheinlich die Hauptrolle spielte, ist bis jetzt merkwürdiger Weise unbeachtet geblieben, und das ist erstens unsere nicht ganz unmißverständliche Rudercommando-Sprache und zweitens der fast durchgängige Mangel einer Verbindung des Steuerruders mit der Commandobrücke.

Die Seele des ganzen Schiffes ist das Steuer. Nicht nur bei gefährlicher Situation im beschränkten Fahrwasser, bei Passirung von Klippen, Sandbänken oder gefährlichen Einfahrten der Häfen, hauptsächlich im Gefechte und namentlich bei der neuen Art des Seegefechtes spielt die Steuerfähigkeit des Schiffes und die möglichst geschickte Hantirung desselben eine Hauptrolle. Wie man früher darauf bedacht war, bei der Eröffnung eines Seegefechtes dem feindlichen Schiffe die Steuerfähigkeit durch Verkrüppelung der Takelage zu nehmen, um es dadurch bewegungslos zu machen, so ist man noch heutigen Tages darauf bedacht, den Gegner auszumanövriren, nur mit dem Unterschiede, daß bei heutiger beiderseitiger Verwendung der Dampfkraft und der schweren Verpanzerungen es viel schwieriger ist, ein Schiff durch die Thätigkeit der Artillerie auf diesen erfolgreichen Punkt zu bringen. Man sucht sich gegenseitig durch verschiedene Wendungen und Stellungen zu täuschen, um vorkommende Blößen zu benutzen und sodann durch concentrirte Breitseitlagen der Geschütze, oder durch Anwendung des Stoßes in den Grund zu bohren. Nur die größere Fahrgeschwindigkeit und damit bessere Steuerfähigkeit eines Schiffes sichert seine Ueberlegenheit über den Gegner.

Um ein feindliches Schiff durch das eigene, durch Anwendung des Stoßes oder Rammes in den Grund zu bohren, ist vor allen Dingen peinlich genaue Führung des Steuers und natürlich auch richtige Verwendung des günstigen Augenblickes erforderlich. Der geringste Fehler hierbei, das geringste Mißverständniß oder eine nicht correcte Ausführung des Rudercommandos kann verhängnißvoll werden.

Eben deshalb ist die Art der Aussprache der Rudercommandos von Seiten des Commandirenden von so außerordentlicher Wichtigkeit. Der Engländer z. B. sagt nie im Rudercommando Starboard, sondern Stabe. Er verschluckt die eigentliche Endsilbe und schafft dadurch ein nicht zu verkennendes Stichwort. Ebenso heißt es im entgegengesetzten Falle nicht Larboard, sondern kurzweg Board. Eine Verwechselung kann bei ihm daher schwer vorkommen. Bei uns dagegen endigen beide Rudercommandos mit gleichlautenden Schlußsilben, als Steuerbord, Backbord. Hier ist die Möglichkeit eines Mißverständnisses nicht ausgeschlossen. Es kann durch vielleicht nicht deutliche Aussprache des Commandos von Seiten des Commandirenden oder durch größere Störungen für das Ohr, wie starken Wind, Artilleriefeuer oder plötzliches Oeffnen des Dampfventils verursacht werden. Allerdings muß der Commandirende entweder die Nichtbefolgung des gegebenen Befehls oder die falsche Ausführung desselben sofort durch die Beobachtung des Schiffes erkennen, jedoch kann durch die noch so geringe Zeitversäumniß bei wenig Abstandsdistance der kleinste Fehler in Führung des Steuerruders verderbliche Folgen für das eine oder andere Schiff herbeiführen. Diese Möglichkeit begründet hinlänglich die Forderung, daß die Rudercommandos weniger mißverständliche und schärfer begrenzende werden.

Eine andere praktische und gewiß nothwendige Verbesserung hinsichtlich der richtigen Steuerung eines Schiffes und der Vermeidung von Collisionen ist, wie gesagt, die Verbindung der Commandobrücke mit dem Steuerrade oder vielmehr die directe Anbringung der Steuervorrichtung auf der Commandobrücke selbst. Diese Einrichtung existirt teilweise schon, namentlich bei Dampfern der Handelsmarine, welche auf beschränktes Fahrwasser angewiesen sind, z. B. meistens bei den großen amerikanischen Flußdampfern des Mississippi und des Hudson; man hört auch dort in neuerer Zeit verhältnißmäßig wenig von vorkommenden Collisionen. Dies leuchtet ein; denn neben dem Vortheile der freien Aussicht wird dem Commandirenden Gelegenheit gegeben, die verderbliche Krisis zu vermeiden.

Daß ich den Finger auf die wirkliche Wunde lege, dafür ist wohl der genügende Beleg nachstehender Passus aus dem Bericht des Contreadmiral Batsch an die kaiserliche Admiralität in Sachen der Katastrophe: „Ueber die Ursache der Collision,“ sagt der Genannte, „lasse ich alle Beteiligten vernehmen und kann hier nur kurz anführen, daß ein Befehl des Wachhabenden, Backbordruder zu stützen und dasselbe Steuerbord zu legen, falsch verstanden, und statt Steuerbord hart Backbord gelegt wurde, auch das Rückwärtsgehen der Maschine nichts mehr fruchtete.“ Unerklärlich bleibt dabei immer noch, daß trotz allen Rufens des Wachhabenden und der mehrmaligen Wiederholung des Rudercommandos: „Steuerbord“ die Steuernden und namentlich der Steuermannsmaat ihres Irrthums nicht gewahr wurden, im Gegentheil das Ruder so lange nach Backbord drehten, bis dasselbe eben nicht weiter ging. Das einzige Annehmbare ist, daß dieselben, für den Augenblick der Gefahr kopflos geworden, die Richtung verwechselt und das wiederholte Rufen nur für das Gebot der Beschleunigung in der Ausführung ihres Manövers gehalten haben.

Zum Schluß sehe ich mich als deutscher Seemann noch veranlaßt, über die Kritik der englischen Presse Einiges zu bemerken. John Bull, der sich selbst hinsichtlich der Macht und Stärke seiner Marine für unübertrefflich hält, hat nicht ermangelt, unser erstes derartiges Unglück durch seine mit hochtönenden Namen versehenen Fachmänner kritisiren zu lassen, welche denn auch sofort mit unfehlbarer Fachkenntniß zu dem Resultat kamen, daß die stattgefundene Collision dem fehlerhaften System der deutschen Flottenformation im Segeln zur Last zu legen sei.

Ist das englische System englischen Begriffen zufolge allein maßgebend, so begreift man allerdings schwer, warum trotzdem die Collision von Schiffen der englischen Marine keineswegs zu den Seltenheiten gehört, und man möchte daher den kritisirenden Fachmännern nur rathen, die verschiedenen Untersuchungsacten im Archiv der englischen Admiralität über diesen Artikel einer genauen Prüfung zu unterwerfen, um die Gründe und Ursachen dieser unter ihrem musterhaften System der Flottenformation vorkommenden Katastrophen zu erforschen. Wir unterlassen hier die Aufzählung von englischen Flotten-Mißgeschicken, und wollen nur an den vor nicht langer Zeit erfolgten Untergang des Schiffes „Banquard“ durch Zusammenstoß mit dem „Ironduck“ und an das Verschwinden des englischen Panzerschiffes „Capsen“ in der Bizcayabucht (1865) erinnern; wir sind überzeugt, daß für Jedermann daraus zur Genüge hervorgehen wird, daß das englische Mustersystem keineswegs unfehlbar ist und Unglücksfälle nicht ausschließt.

Oscar Pollmächer,
Bootsmannsmaat und Exercirmeister der Marine in Reserve.



Blätter und Blüthen.

Der Spiritismus im Dienste einer – katholischen Hierarchie! Unsere Leser wissen bereits, daß Amerika, die Heimath der Yankees und der Carpet-Beggars, das gelobte Land des Geisterspuks ist. Dort giebt es nunmehr gegen hundert spiritistische Zeitungen, welche, wie die Abonnementseinladungen besagen, „eine reguläre, intelligente Communication mit hingeschiedenen Bekannten und Verwandten etabliren und als Familien-Praxis unterhalten“. Das Organ, dem wir dieses Citat ablauschen, nennt sich „Medium und Tageslicht“. Eine katholische Convocation von Bischöfen zu Baltimore (am 31. Januar 1873) gab Veranlassung zu constatiren, daß in den betreffenden Diöcesen sich zehn Millionen Spiritisten, darunter fünfzigtausend Medien befänden, während die Romanisten und Protestanten zusammen nur acht Millionen mit fünfundvierzigtausend Priestern zählten. Man hob hervor, daß der Spiritismus nicht mehr als eine lose Masse von „Manifestationsgläubigen“ zu betrachten sei, sondern als eine religiöse Körperschaft, welche einem ausgesprochenen und durch Dogmen festbegrenzten Glauben anhingen. Jüngst nun lasen wir einen Aufsatz, betitelt „Eine wissenschaftliche (das heißt statistische) Betrachtung des Spiritismus“. Aus diesem geht das Ueberraschende hervor, daß die römisch-katholischen Machthaber Amerikas aus Opportunitätsgründen den Spiritismus als eine Institution der „römischen Weltgemeinde“ anerkennen! Und es ist, abgesehen von dem citirten Blatte, sicher, daß sowohl drüben wie hüben die katholische Kirche den spiritistischen Schwindel nicht nur beschönigt, sondern eigene Medien erzieht, um sie für ihre hierarchischen Zwecke zu benutzen – ein schönes Seitenstück zum Unfehlbarkeitsdogma und der Marpinger nebst anderen Jungfrauenerscheinungen in unserer so confusen Zeit!



Kleiner Briefkasten.

Faithful friend of the „Gartenlaube“. So gern wir Ihnen den Freundschaftsdienst erwiesen – es ist unmöglich. Bei unserer stark in Anspruch genommenen Zeit können wir solche Beiträge, deren Aufnahme in unser Blatt sich aus inhaltlichen oder räumlichen Gründen von vornherein verbietet, einer Prüfung nicht unterziehen, geschweige denn, wie Sie wünschen, ausführlich beurtheilen. Ihre Novelle wächst weit über die Grenzen hinaus, welche wir dem erzählenden Genre stecken müssen. Verfügen Sie also gütigst über das Manuscript!

P. R. in K. Im Jahrgange 1872.

C. M. in Dr. Wir müssen freilich zugeben, daß der Preis von fünfzehn Mark für eine Drahtnetzmatratze kein überschwänglich hoher ist.

R. F. in Berlin und Seb. Korn in Oelsnitz Ungeeignet! Verfügen Sie gefälligst über das Manuscript!


  1. Wie Vieles und wie Ergreifendes auch gleich in den ersten Tagen nach dem Untergange des „Großen Kurfürsten“ über das herzerschütternde Unglück veröffentlicht worden ist, immer noch, so hoffen wir, wird das, was ein Augenzeuge, wenn auch mit Zurückhaltung seiner Person, über die Katastrophe erzählt, die Theilnahme unserer Leser finden.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Anführungszeichen angepasst.