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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1875
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1875) 377.jpg
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[377]

No. 23.   1875.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennige. – In Heften à 50 Pfennige.



Zwei Diener.
Eine Hofgeschichte aus der Patriarchalzeit.
(Fortsetzung.)


„Wer nichts wagt, gewinnt nichts,“ fuhr der Präsident in seiner Rede fort, „und ich mische die Karten diesmal so vorsichtig, daß ich nothwendig gewinnen muß. Der alten Närrin – ich meine die Oberlandjägermeisterin von Holderbusch – habe ich schon das Ehrenwort abgelockt, daß sie ihrem Sohne die heiß ersehnte Einwilligung nie ertheilt. Damit habe ich auch unseren Holderbusch senior in der Hand, denn er ist eben eine Null in seinem Hause. Handelt nun der Junker gegen den Willen der Mutter und des Vaters und scheint es auch nur, als habe er Dir dabei die Treue gebrochen, so wird unser biederer Graf ihm dies niemals verzeihn. Wenn dann die Comtesse dennoch auf ihrem Kopfe beharrt, so haben wir eben das Zerwürfniß, dessen ich bedarf. Willst Du also folgen, Hulda, und willst Du mein gutes Kind sein?“

„Ich? Nimmermehr!“ erklärte die junge Dame entschieden. „Im Gegentheile, ich warne Dich dringend vor dem Betreten dieses wenig sauberen Pfades.“

„So geh, geh, Du Närrin! Ich bedarf im Grunde weder Deines Raths, noch Deiner Hülfe. Geh!“

Schweigend und in sich selbst versunken, verließ Hulda das Arbeitszimmer ihres Vaters.

Was war das? Hatte ihr der Präsident wirklich seine letzten Zwecke völlig enthüllt? Sie zweifelte. Was trieb den alten Herrn, nachdem er lange Jahre hindurch nichts gegen die verhaßte Comtesse zu thun gewagt hatte, jetzt so plötzlich zu diesem verwegenen Unternehmen? Dahinter waren sicher noch andere ihr unbekannte Gründe verborgen. Galt es einer besonderen Rache? Aber gegen wen und weshalb?

Diese Gedanken beschäftigten Hulda so lebhaft, daß sie den Vorsaal durchschritt, ohne den dort scheinbar mit dem Reinigen eines Kleidungsstückes beschäftigten Johann zu bemerken; dann verschwand sie in ihrem Zimmer.

Kaum hatte sich indessen die Thür hinter dem Fräulein geschlossen, so gab der Diener des Präsidenten seine Scheinarbeit auf, um hinter ihr her eine spöttisch höfliche Verbeugung zu machen.

„Es ist doch zu manchen Dingen gut, wenn man nicht von stiftsfähigem Adel ist,“ murmelte er dabei. „Hieße ich nicht Johann Schnabel, sondern etwa Hans von Schnabelheim, so hätte mich meine Unvorsichtigkeit theuer zu stehn kommen können. Wer hieß mich auch bis zum letzten Augenblicke an der Thür horchen! Unser liebes, bescheidenes Huldchen hat aber Gott sei Dank, für Unsereinen keine Augen. Wir sind ihr eine Art lebender Maschinen, und sie bedauert nur, glaube ich, daß wir den adligen Menschenkindern dennoch ein ganz klein wenig ähnlich sehen. Was sie wohl sagte, wenn ich ihr ein Licht über die zärtlichen Herzensneigungen des würdigen Papa aufsteckte? Sie würde sich über die bürgerliche Stiefmama gewiß ganz außerordentlich freuen.“

Johann klopfte leise und bescheiden an die Thür, die in das Zimmer des Präsidenten führte, und öffnete sie auch nach dessen lautem „Herein“ nur soweit, als erforderlich war, um sich mit der Schmiegsamkeit einer Schlange durch den schmalen Spalt hindurch drängen zu können.

„Ah, ist Er schon wieder da?“ fragte der Präsident, der bis dahin, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, im Zimmer auf und abgeschritten war und nun in stolzester Haltung dicht vor dem demüthig zusammengebogenen Diener stehen blieb. „Mit Seinen Ermittelungen wird es also verzweifelt windig aussehen. He?“

„Der Herr Präsident mag selbst urtheilen,“ entgegnete Johann mit dem Ausdrucke bescheidener Selbstzufriedenheit. „Zunächst weiß ich, daß der Junker von Holderbusch mit Demoiselle Hartmann heute ein Rendezvous gehabt hat.“

„Das konnte ich mir allenfalls selbst denken, da sie in der Stadt ist. Weiter!“

„Ich ging darauf nach dem neuen Schloßflügel, wo die Zimmer der Comtesse liegen.“

„Warum that Er das?“ fragte der Präsident.

„Weil ich ein Stück von einer Unterredung mit angehört hatte, die zwischen unserem erlauchten Grafen und Herrn und –“

„Lasse Er hier die weitläufigen Titulaturen bei Seite!“ unterbrach ihn der Präsident. „Er hat den Grafen und die Comtesse behorcht. Wovon sprachen sie?“

„Die Comtesse fand die ewige Geldklemme wunderbar und unbegreiflich.“

„Natürlich, das ist ihr Lieblingsthema und damit hofft sie mich aus dem Sattel zu heben. Weiter!“

„Dann warnte sie den Grafen vor den Mittheilungen, welche der Herr Präsident höchsten Orts über den Junker von Holderbusch gemacht haben müssen. So dachte ich mir denn, daß die Comtesse selbst in ihrer Weise den Junker in das Verhör nehmen werde, um die Wahrheit zu erfahren, und blieb deshalb in der Nähe.“

[378] Der Präsident hob den Kopf. „Hoffte Er auch von dieser Unterredung etwas zu erlauschen?“

„Ich bitte tausendmal um Vergebung, gnädigster Herr, aber das Horchen geht dort nicht wohl an, weil die Kammerfrau Weiß und das neue Zöfchen der Erlaucht Unsereinen nicht so nahe heranlassen.“

„Er müßte mit dem Zöfchen ein wenig zu charmiren suchen.“

„Das habe ich auch versucht, untertänigst aufzuwarten, aber sie traut mir nicht.“

„Das kann ich der Kleinen nicht verdenken,“ lachte der Präsident in seiner rauhen Weise. „Ich thue es wahrhaftig auch nicht. Was hat Er also erfahren?“

„Daß der Jagdjunker eine halbe Stunde und zehn Minuten bei der erlauchten Comtesse gewesen ist.“

„Das ist im Grunde verzweifelt wenig,“ erklärte der Präsident geringschätzig. „Wenn Er noch weitere Lappalien dieses Schlages zu berichten hat, so fasse Er sich wenigstens kürzer!“

„Unterthänigst zu Befehl. Ich möchte darauf schwören, daß Mamsell Hartmann heute Nachmittag zur Comtesse in den Garten befohlen ist.“

Der Präsident trat einen Schritt vor. „Wie? Was? So weit wäre man drüben schon? Johann, wenn Er diesmal faselt und lügt!“

„Urtheilen auch hier der gnädigste Herr selbst! Unser Graf und Herr kommt heute wegen des Rittes nicht in den Garten. Der Boden muß dort unter den Bäumen noch feucht sein, und trotzdem ist das Kaffeegeschirr für drei Personen dort hinübergetragen worden. Da nun der Junker sofort nach der Audienz die Jungfer Hartmann aufgesucht hat, so –“

„Er hat Recht, ganz unzweifelhaft.“

„Ich habe auch hinter der Portierloge selbst mit angehört, wie Frau Weiß den alten schläfrigen Burschen zum Vertrauten dieses Geheimnisses machte. Nebenbei gesagt, sie sprachen dabei höchst despectirlich von meinem Herrn Präsidenten und der gräflichen Kammer.“

„Soll im Conto wohl vermerkt werden. Hat Er noch mehr zu berichten?“

„Ich bin zu Ende, gnädigster Herr.“

„Dann kann Er gehen. Da Er Seine Sache übrigens nicht ganz ungeschickt angefangen hat, so mag Er sich zur Belohnung oben auf der Bodenkammer einen von meinen alten Röcken aussuchen. Nun, was steht Er noch da?“

„Bitte unterthänigst um Verzeihung, aber wenn es dem Herrn Präsidenten gleich gälte, so wäre mir eine kleine Summe baaren Geldes weit lieber.“

„Er nimmt, was ich Ihm für Seine unbedeutenden Dienste biete, oder Er bekommt gar nichts. Marsch!“

Der Präsident schritt nach dem demüthigen Abgange seines Dieners noch einige Male schweigend im Zimmer auf und ab. Dann nahm er rasch entschlossen die über den jüngsten Wilddiebstahl eingegangenen Acten unter den Arm und verließ damit seine Wohnung, um nach dem Schlosse hinauf zu wandern.

Herr von Straff hatte schwerlich die leiseste Ahnung davon, welchen schlimmen Streich ihm inzwischen Johann, aus dessen dunklen Marderaugen heißer Rachedurst über getäuschte Hoffnungen sprühte, sofort nach seiner Entfernung aus dem Hause spielen würde. Er sah nicht, wie sein Diener in das Arbeitszimmer schlich und dort lange und aufmerksam den Papierkorb durchsuchte, bis er zuletzt auf dem tiefsten Grunde desselben ein halb durchrissenes, rosenfarbenes Papier fand. Er ahnte auch nicht, daß sein schlauer Diener diesen mit den Worten „Höchstverehrte Demoiselle Hartmann“ beginnenden Entwurf eines sehr zärtlichen Schreibens mit hämischem Lächeln überlas und dann das Papier wie zufällig in die auf einem Nebentische für das Fräulein bereit liegende Zeitungsmappe des Präsidenten gleiten ließ. Von alle dem ahnte der Herr Präsident nichts, sonst hätte er sich schwerlich mit dem Hauptmann von Felsewitz von den Gardegrenadieren, der ihn an der Hauptwache ehrfurchtsvoll begrüßte, in ein so leutseliges Gespräch eingelassen und dann mit selbstzufriedenem Lächeln seinen Weg nach den Gemächern des Grafen fortgesetzt.

Max Theodor hatte es sich an diesem heißen Nachmittage möglichst bequem gemacht. Sein graugrüner Jagdrock hing über der Lehne des mit einfachem Kattun überzogenen Sophas, und der Graf spazierte nun in Hemdärmeln und aus der langen Lieblingspfeife rauchend behaglich durch das Zimmer. Er änderte auch diese etwas leichte Toilette durchaus nicht, als ihm der Präsident gemeldet wurde, sondern ließ ihn eintreten.

„Nun, mein lieber Straff, was bringen Sie?“ redete der Graf den Präsidenten an. „Hoffentlich nichts Uebles.“

„Durchaus nicht, Erlaucht. Ich möchte nur unterthänigst um die Erlaubniß bitten, an dem heutigen Ritte nach dem Hirschsprunge nicht Theil nehmen zu dürfen.“

„Das thut mir leid, Herr Präsident,“ entgegnete der Graf gütig. „Sie wissen, daß ich Sie immer gern um mich sehe. Ich kenne und ehre Ihren Diensteifer, aber lassen sich denn heute Ihre Geschäfte durchaus nicht aufschieben?“

„Es handelt sich um den gefangenen frechen Wilddieb, Erlaucht,“ entgegnete der Präsident. „Ich bin der Meinung, daß man das Eisen schmieden muß, so lange es noch heiß ist.“

„Lieber Präsident, ich kenne Sie. Sie werden dem Burschen schon so warm gemacht haben, daß die Hitze am Ende noch bis morgen vorhält.“

„Halten zu Gnaden, Erlaucht, wenn ich hier anderer Meinung bin. Ueber Nacht könnte er sich leicht anders besinnen und die weiteren Geständnisse, die ihm schon auf der Zunge schwebten, besser zu bewahren suchen.“

„Nicht wahr, der Fall ist interessant, Herr von Straff?“

„Höchst interessant. Wenn Erlaucht einen Blick in diese Acten –“

„Brrr, Acten!“ wehrte der Graf ab. „Berichten Sie lieber mündlich!“

„Nun wohl, die tausendfältige List, mit welcher sich der Verbrecher bisher unseren Nachstellungen entzogen hat, könnte man fast bewundernswerth nennen.“

„Sie machen mich neugierig. Wann ungefähr glauben Sie das Verhör beenden zu können?“

„Spätestens bis sechs Uhr Abends.“

„So! Wissen Sie, am Ende – ja, am Ende gebe ich lieber den heutigen Ausflug auf, damit Sie mir sofort über den Fall berichten können. Ja, das wird das Beste sein. Wollen Sie also die Güte haben, den Ritt bei den Herren Cavalieren absagen zu lassen?“

„Zu Befehl, Erlaucht. Dieser Gegenbefehl wird ohnehin Manchem von den Herren recht erwünscht kommen, zum Beispiel unserm dicken Holderbusch.“

„O ja, wenn er nicht etwa schon eine neue kolossale Lüge ausgedacht hat, um uns damit zu tractiren. Ich glaube, er trägt die schwersten Unbequemlichkeiten leicht, wenn er nur eine seiner Münchhausiaden an den Mann bringen kann. Doch für uns ist die Leidenschaft des Dicken nicht maßgebend. Ihr Fall interessirt mich mehr. Sagen Sie einmal, wie wollen wir diesen Wilderer bestrafen?“

„Zehn Jahre Zuchthaus sind das Mindeste. Erlaucht.“

„Bah, drei Jahre genügen am Ende auch. Es ist eine lange Zeit, und das Leben im Zuchthause ist doch immer ein Stück Hölle.“

Der Präsident schwieg, wagte aber durch ein leises Kopfschütteln auszudrücken, daß er mit dieser Milde nicht einverstanden sei.

„Drei Jahre sind Ihnen nicht genug, wie ich sehe,“ fuhr der Graf fort. „Vielleicht mache ich Ihnen noch eine kleine Concession, denn ich gebe viel auf Ihr gerechtes Urtheil. Aber – aber, lieber Präsident, mir kommen jetzt doch öfter Zweifel, ob wir im Jagdwesen nicht überhaupt allzu streng sind.

„Ich glaube aus den Worten Eurer Erlaucht die allzu milde Stimme der erlauchten Comtesse herauszuhören.“

„Ja, ja, so ist es auch. Meine Schwester muß von unseren eigenen geheimen Ausflügen nach den Revieren des Domänenraths Kunde erhalten haben; denn sie hielt mir dieselben neulich vor. ‚Wie würde es Dir dünken,‘ sagte sie ‚wenn man Dich selbst bei einer solchen Wilderei erwischte? Wie maßlos unglücklich wärst Du, wenn man Dich nur einen Tag der Freiheit berauben dürfte! Jener Wilddieb aber verging sich aus Noth, und Du allein um einer frevlen Lust am Unerlaubten willen.‘“

Der Präsident schlug, wie in maßlosem Erstaunen, die Hände zusammen.

[379] „Was muß ich hören, Erlaucht!“ rief er dann. „Wie ist es möglich, eine Parallele zwischen meinem erlauchten Herrn und einem frechen Wilderer aus den niedrigsten Ständen zu ziehen? Gerade darin, daß jener Verbrecher aus gemeiner Habgier handelt, liegt ein so handgreiflicher und höchst wesentlicher Unterschied, daß ich nicht begreife, wie unsere erlauchte Comtesse denselben übersehen konnte. Erlaucht denken doch wahrlich nicht an Gewinn, wenn wir einmal einen unserer lustigen Streiche ausführen. Das geschieht, um etwas Würze in das stille Leben zu bringen, und vielleicht noch ein wenig, um diesem überreichen Hamster in Brandenfels ein Schnippchen zu schlagen. Wahrlich, Hartmann verdient diese milde Züchtigung schon für die Dreistigkeit, mit welcher er einst seine Hand nach unserer erlauchten Comtesse –“

„Still, um des Himmels willen!“ mahnte der Graf. „Wenn meine Schwester von solchen Motiven wüßte, so ginge es mir und Ihnen übel. Auch denke ich in Wahrheit um so weniger an eine kleinliche Rache, als ich selbst in dieser schlimmen Affaire, wenn auch als Kind, auf der Seite meiner Schwester gestanden habe. Warum überhaupt diese glücklich überwundenen und verjährten Dinge wieder auffrischen? Von etwas Anderem also, wenn’s beliebt!“

Der Präsident verbeugte sich ehrerbietig. „Gestatte mir Erlaucht, jetzt wieder an meine Arbeit zu gehen!“ bat er dann. „Ich werde immerhin etwas eilen müssen, um zur bestimmten Zeit unterthänigst berichten zu können.“

„So gehen Sie mit Gott! Was mich betrifft, so werde ich, um den Nachmittag hinzubringen, meinen Kaffee bei der Comtesse nehmen. Wie wird Lottchen überrascht sein, wenn ich plötzlich im Garten bei ihr erscheine!“

Der Präsident mußte sich abwenden, um seine Freude über diesen Entschluß des Grafen zu verbergen. Gerade diese Ueberraschung der Comtesse und ihrer heutigen Gäste hatte er durch seine Mittheilungen bezweckt. Der Graf wurde leicht gereizt und jähzornig, sobald er sich irgendwie hintergangen glaubte. Wenn er nun heute nichts von den ergangenen Einladungen wußte und wenn er dann den Junker von Holderbusch und dessen Geliebte unerwartet im Garten der Comtesse fand, so faßte der in diesem Punkte höchst empfindliche Herr die Sachlage wahrscheinlich in ungünstigem Sinne auf.

Aber der alte Herr war listig und vorsichtig und sicherte sich, wo er irgend konnte, eine gute Rückzugslinie. Deshalb entschied er sich nach einer kurzen Ueberlegung dafür, dem Grafen zum Scheine von dem Besuche bei der Comtesse abzureden.

„Ich wüßte noch einen anderen Vorschlag, Erlaucht, den ich ganz unterthänigst den höchsten Erwägungen unterbreiten möchte,“ sagte er deshalb. „Die Gewächshäuser für die Ananaszucht sind jetzt wegen der Menge der schönen Früchte wirklich sehenswerth. Wie wäre es, wenn Erlaucht dieselben heute besichtigten?“

Der Graf lachte hell auf.

„Ein vortrefflicher Vorschlag!“ rief er. „Sind Sie denn des Kukuks, Präsident, mich an einem heiße Tage, wie heute, noch in diese Bratöfen stecken zu wollen?“

„Erlaucht haben Recht,“ gestand der Präsident ein. „Wie habe ich nur daran denken können! So möchte ich also einen Gang durch den Marstall oder – –“

„Was birgt sich hinter allen diesen Vorschlägen?“ unterbrach ihn der Graf mit zusammengezogenen Augenbrauen. „Warum soll ich nicht dahin gehen, wohin mich mein Verlangen zieht? Haben Sie einen besonderen Grund, Straff, dann reden Sie offen! Ich verstehe mich nicht auf diplomatische Kniffe und Winkelzüge, wie Sie wissen.“

„Hier handelt es sich durchaus nicht um solche Künste, Erlaucht. Ich glaube nur die Erfahrung gemacht zu haben, daß Ueberraschungen nicht unter allen Umständen erwünscht sein können.“

„Bah, das mag bei anderen Leuten wohl zutreffen. Charlotte und ich aber haben einander Nichts zu verbergen, Herr Präsident. Gerade Ihre Abmahnungen reizen mich, einmal zu sehen, wie dort eine Ueberraschung wirken mag. Ich gehe in den Garten zur Comtesse.“



4.

Der älteste Theil des Schwalbensteiner Schlosses war ehedem mit Wall und Graben und außerdem mit einer äußeren durch Thürme flankirten Mauer umgeben gewesen. Als aber im vorigen Jahrhundert der jetzt vom Grafen und seiner Schwester bewohnte neue Schloßflügel im magersten Rococostyle erbaut und hinter dem alten Schlosse ein weiter Garten in französischem Zopfgeschmacke hergestellt wurde, hatten die mittelalterlichen Befestigungen vor diesen Neubauten und Anlagen fallen müssen. Nur auf der Südseite des Schloßberges, wo er steil wie eine Wand zur Stadt hinabfällt, war ein Stück des Walles und Grabens um der herrliche Aussicht willen erhalten geblieben, und hier hatte sich später die Schwester des Grafen das kleine Gartenparadies geschaffen, in welchem sie ihre Nachmittage zu verbringen pflegte. Auf den gewaltigen Grundmauern eines im Uebrigen abgetragenen Thurmes war auch der Pavillon Charlottens errichtet, das einzige Asyl des sonst in diesem nüchternen Schlosse so streng verpönten Luxus.

In der Nähe dieses großen und geschmackvollen Gartenhauses stand eine Gruppe prächtiger Ulmen und Kastanien, durch deren dichte Laubmassen selbst am heißesten Sommertage kein Sonnenstrahl bis zum Boden herabdrang, und hier hatte die Comteß heute fürsorglich den Tisch aufstellen lassen, an welchem sie mit ihren beiden jungen Gästen den Kaffee zu nehmen gedachte.

Während aber Frau Weiß sich bald mit der Anordnung des kostbaren Geschirrs und des Zubehörs beschäftigte und dann wieder in die kleine am Pavillon angebaute Küche hinüber huschte, um mit ihren rundlichen, aber geschickten Händen den aromatischen Trunk bestmöglich zu bereiten, hatte Charlotte mit den jungen Leuten sich vorläufig im Pavillon niedergelassen.

„Ich habe Ihnen meine Dienste als Helferin in der Noth angeboten,“ sagte sie, sobald der Junker und Anna in ihrer Nähe Platz genommen hatten, „aber ich habe noch nicht gefragt, ob Ihnen auch an diesem Beistande gelegen ist. Wollen Sie mich zur Alliirten haben oder nicht?“

„Ich sage Eurer Erlaucht unseren wärmsten Dank,“ erwiderte der Junker, indem er sich verbeugte. „Mit solcher Hülfe müssen wir siegen.“

„Ich danke Ihnen für dieses Vertrauen, Herr von Holderbusch. Aber bevor ich helfen kann, muß ich die ganze Sachlage genau kennen. Ihr Vater, mein Fräulein, wie ich ihn kenne, ist der Verbindung schwerlich entgegen.“

„Gewiß nicht. Er schätzt den Herrn Jagdjunker sehr,“ entgegnete die junge Dame.

„Gut, das vereinfacht die Angelegenheit wesentlich. Wir haben also im Grunde nur den Widerstand zu besiegen, welchen etwa die Eltern unseres Herrn Jagdjunkers uns bereiten könnten.“

„Der Hauptsache nach, ja. Wenn aber Erlaucht nur diesen Widerstand in das Auge fassen wollen, so dürfte unsere Rechnung schließlich zu einem falschen Facit führen,“ warf der Junker freimüthig ein. „Ich wenigstens fürchte noch mehr den Haß des Herrn Präsidenten.“

„Des Präsidenten?“ wiederholte die Comtesse. „Von seiner Abneigung bin ich unterrichtet und ihre Ursache verstehe ich vollkommen, besonders nachdem ich Fräulein Hartmann selbst kennen gelernt habe. Aber was um des Himmels willen kann Herr von Straff bei dieser Familienangelegenheit zu thun und zu sagen haben? Um gleich Ihnen freimüthig zu sein, will ich bekennen, daß ich unserm Herrn Oberlandjägermeister allerdings nicht den Muth zutraue, der zu einem ernsten Widerstande gegen das Drängen und die Einflüsterungen des Präsidenten erforderlich wäre. Ihre Frau Mutter aber scheint mir dazu völlig genügende Willenskraft zu besitzen, sobald sie nur selbst will. Irre ich mich hierin, oder nicht?“

Der Junker blickte, da er nicht sofort eine passende Antwort finden konnte, in leichter Verlegenheit zu Boden.

„Sie können und müssen auch in diesem Punkte völlig offen gegen mich sein,“ fuhr die Comtesse fort. „Ich verlange die volle Wahrheit, selbst wenn sie irgendwie mit meinem Bruder im Zusammenhange stünde.“

„Erlaucht haben genau den Punkt getroffen, um den sich mein Bedenken drehte,“ gestand Kurt.

[380] „Sie glauben also, daß der Präsident Ihnen beim Grafen schaden wolle und könne? Wohlan, ich will diesen schlimmen Einfluß und diese üble Möglichkeit wahrlich nicht leugnen, verstehe aber trotzdem nicht, wie Beides Ihren Plänen hinderlich sein kann. Gesetzt auch den Fall, Herr von Straff vermöchte Ihr Avancement, trotz aller meiner Bemühungen zu Ihren Gunsten, zu verhindern, so bedürften Sie doch wahrlich eben dieses Avancements nicht.“

„Erlaucht denken also an denselben Ausweg, der auch mir vor Augen schwebt,“ erklärte der Junker. „Dann allerdings bin ich fest entschlossen, im Nothfalle meinen Dienst aufzugeben und –“

„Halt, irren wir uns nicht, Herr von Holderbusch! Daran gerade dachte ich am wenigsten,“ fiel Comtesse Charlotte rasch ein. „Glauben Sie, unser Land vermöchte einen tüchtigen Beamten und unser kleiner Hof einen jungen Cavalier von Ihren Verdiensten so leicht zu entbehren? Nein, offen gesagt, ich dachte vielmehr, daß Sie nach Ihrer Heirath der geringen äußeren Mittel nicht bedürfen würden, welche Ihnen ein Avancement in unserm Dienste gewähren könnte.“

Das Gesicht des jungen Mannes überzog sich plötzlich mit einem brennenden Roth.

„Erlaucht meinen hoffentlich nicht, daß ich heirathen und mich von meiner Frau ernähren lassen soll?“ sagte er dann nach einer kurzen Pause, während welcher er mühsam seine Erregung zu bekämpfen gesucht hatte. „Nein, nein, Erlaucht, das ertrüge mein Stolz niemals; an dieser beschämenden Lage ginge ich sicher zu Grunde.“

„O Kurt, wie können Sie so böse Dinge sagen!“ bat Anna Hartmann, indem sie den Geliebten mit einem Blicke ansah, der alle ihre zärtliche Liebe, aber auch schon die Nähe von bitteren Thränen verkündete.

Die Comtesse aber legte ihre feine weiße Hand beruhigend und besänftigend auf den Arm des geängstigten Mädchens.

„Ruhig, meine Liebe!“ sagte sie dann mit dem gütigsten Tone ihrer weichen Stimme. „Thränen beeinträchtigen den klaren Blick nicht blos äußerlich. Unser Junker hat ja im Grunde völlig Recht, und Sie dürfen ihm den echten Stolz, der jedem braven Manne geziemt, nicht verargen. Will Herr von Holderbusch sein ganzes Glück durch eigene Kraft verdienen, so können wir Beide ihn daran nicht hindern. Doch eine andere Frage ist mir wohl immerhin erlaubt. Sie sprachen, wenn ich nicht irre, Ihr Vertrauen auf meine Hülfe aus. Diesen Beistand könnte ich Ihnen nur leisten, indem ich meinen geringen Einfluß bei meinem Bruder gegen den des Präsidenten in die Wagschale würfe. Aber von welcher Art denken Sie sich unter diesen Umständen die Einwirkung des Herrn von Straff?“

„Ich befinde mich dieser Frage gegenüber in arger Verlegenheit,“ erklärte der Junker nach einer neuen Pause. „Erlaucht haben wohl schon gehört, welcher staatsgefährlicher Gesinnungen man mich beschuldigt, und werden also sicher glauben, daß ich nicht das mindeste Gewicht auf die Art von Adel lege, welchen nach der Meinung der Welt die bekannten drei Buchstaben verleihen sollen. Werden mich also Eure Erlaucht nicht mißverstehen, wenn ich gleichwohl jemals den Wunsch aussprechen sollte, daß auch noch diese Aeußerlichkeit zu dem innern Adel meiner Anna hinzukommen möge?“

„Sicher würde ich Sie auch dann nicht mißverstehen,“ erklärte die Comtesse mit einem gutmüthigen Lächeln. „Sie trügen damit nur den kleinen Schwächen Ihrer Mutter Rechnung.“

Der Junker verneigte sich zustimmend.

„Ich gestehe gleichwohl, daß gerade dieser Gedanke in dem Hirne unseres alten Christian entstanden ist,“ fügte er dann zu seiner weitern Entschuldigung hinzu. „Ich selbst habe die Idee erst nach längerm Bedenken und Zögern und nur für den äußersten Nothfall, um meine Mutter nicht durch Aufgebung des Adels kränken zu müssen, adoptirt.“

„Mich aber hat man deshalb gar nicht gefragt,“ warf Anna ein wenig schmollend ein. „Muß ich mich etwa wider meinen Willen adeln lassen? Oder glauben Sie, daß die Grundsätze meines Vaters auf so schwachen Füßen stehen, daß man ihn bei einer so wichtigen Frage nicht zu Rathe zu ziehen braucht?“

„Ah, unsere Kleine kann auch zürnen?“ warf die Comtesse lächelnd ein. „Sie werden uns doch nicht wegen dieser fast komischen Formfrage Schwierigkeiten bereiten? Wissen Sie etwa ein anderes Mittel, meine Liebe, durch welches der Widerstand der Frau Oberlandjägermeisterin gebrochen werden könnte?“

„Ich habe wenigstens darüber nachgedacht, Erlaucht. Mein Vater hat längst die Absicht gehegt, die Majoratsherrschaft des Generals von Holderbusch zu erwerben, und er hat deshalb viel mit dem jetzigen Inhaber, der auch dem Abschlusse nicht abgeneigt ist, über den Ankauf verhandelt.“

„Der Ausweg ist nicht übel,“ räumte die Comtesse ein. „Es bedürfte also nur noch der Einwilligung des Herrn Oberlandjägermeisters, als einzigen Agnaten, und der Zustimmung meines Bruders, als Landesherrn. Mit dem Wegfalle des Majorats aber fiele auch die Ihnen so schreckliche Nothwendigkeit, sich adeln zu lassen, hinweg. Warum also ist dieser gute Plan nicht ausgeführt worden?“

„Weil der Herr Präsident von Straff meinem Vater kurz und bündig erklärt hat, daß höchsten Ortes die Aufhebung des Majorats nie genehmigt werde.“

„Oho, so entschieden? Ich denke, dieses Hinderniß wird nicht unbesieglich sein.“

„Entschuldigen Erlaucht gnädigst, aber damit allein ist die Sache nicht abgethan,“ fuhr Anna fort. „Mein Vater möchte vorher unser Schloßgut in Brandenfels verkaufen. Am liebsten sähe er dasselbe in den Händen Ihres erlauchten Herrn Bruders, aber –“

„Halt! Hier irren Sie sicher, mein Kind,“ erklärte Comtesse Charlotte rasch. „Sie müssen Ihren Vater in diesem Punkte mißverstanden haben.“

„Ich glaube kaum, Erlaucht. Mein Vater hat noch vor Kurzem der gräflichen Kammer die günstigsten Bedingungen für den Ankauf gestellt, aber der Präsident hat sie in so schroffer Weise zurückgewiesen, daß es schwer fällt neue Anknüpfungspunkte zu finden. Man hat uns den Entwurf des Vertrages sogar zerrissen zurück geschickt.“

„Ei, sieh da, sieh da!“ rief die Comtesse im Tone ungewöhnlicher Erregung. „Was man nicht erfahren muß! Und uns berichtet dieser Herr Präsident das directe Gegentheil. Er sagt, die Bedingungen Ihres Vaters seien ganz unannehmbar gewesen.“

„Urtheilen Erlaucht selbst! Mein Vater forderte für das Gut nur dreihunderttausend Thaler.“

„Wie? für das Gut Brandenfels nebst allen Forsten?“

„Für Alles. Er stellte nur eine Bedingung von ganz untergeordneter Bedeutung.“

„Welche?“

„Daß ein alter Feldbirnbaum in unserem Parke niemals geschlagen werden dürfe. Der Birnbaum steht –“

„Hoch oben in Ihrem Garten, dicht an der Grenze,“ ergänzte die Comtesse rasch. „Es ist eine Rasenbank und ein steinerner Tisch darunter.“

„Wie? Erlaucht kennen diesen unscheinbaren Baum?“ rief Anna verwundert.

„O ich weiß noch mehr, mein Kind,“ fuhr die Comtesse erregt fort. „Ich weiß, warum Ihr Vater die Erhaltung dieses Baumes zur Bedingung des Verkaufs macht und weshalb der Präsident die Zusage verweigert. Doch kann ich Ihnen den Grund jetzt nicht angeben, so erstaunt Sie mich auch anblicken. Bitten Sie Ihren Vater selbst um die Erklärung und sagen Sie ihm, daß ich diesen Baum der Erinnerung unter meinen besonderen Schutz nehme! Ja, ich werde –“

(Fortsetzung folgt.)




Ein Krankenheim am Ufer der Themse.


Ich will heute versuchen, den Lesern der Gartenlaube die Beschreibung eines neuen Hospitals zu geben, welches der Vollkommenheit seiner Einrichtung halber den bis jetzt existirenden ähnlichen Instituten an die Spitze gestellt werden kann, wenngleich ich nicht behaupten will, daß es an Raum das größte seiner Art sei.

Das Thomas-Hospital zu London wurde im Jahre 1213 gegründet und war ursprünglich ein Armenhaus. Am 13. Mai 1868 [381] wurde von der Königin Victoria der Grundstein zu dem sich bekanntlich an der Westminsterbrücke und dem Ufer der Themse erhebenden neuen Gebäude gelegt. Von diesem Tage an begann der Baumeister sein Werk, und nur den fast übermenschlichen Anstrengungen desselben ist es zu danken, daß am 19. Juli 1871 der Verwaltungsrath in den Stand gesetzt war, das Hospital zu eröffnen, bei welcher Feierlichkeit wiederum die Königin anwesend war.

Die Totalsumme zur Herstellung des Hospitals, ausschließlich der Kosten für Grund und Boden, beläuft sich auf 524,940 Pfund und diese, mit Ausnahme von 100,000 Pfund, wurde von dem Capitale des Hospitals bezahlt. Letztgenannte Summe ward geborgt und wird in dreißig jährlichen Raten abgetragen. Die auf diese Weise verausgabte Summe, einschließlich der Zinsen auf 100,000 Pfund, stellt sich auf 7000 Pfund per Jahr. Dazu aber kommt jetzt wahrscheinlich noch eine weitere Summe von jährlich 3000 Pfund, da der Finanzminister das Hospital zur Erlegung von allen Staatsabgaben verurtheilt hat, welche sich in diesem Falle auf die angegebene Summe belaufen. Gegen dieses Gesetz hat der Verwaltungsrath natürlich appellirt – mit welchem Erfolge, wird sich demnächst zeigen. Die Einnahme des Thomas-Hospitals beläuft sich auf jährlich 40,000 Pfund; dasselbe besitzt viel Landeigenthum in London und erhält fortwährend mehr oder weniger große Schenkungen, sowie eine Anzahl jährlicher Subscriptionen. Die Einkünfte reichen aber kaum hin, um die Ausgaben zu bestreiten, die bei einer so großen Anstalt natürlich enorm sind. Eine Schenkung von fünfzig Guineen berechtigt den Geber, unter die „Governors“ aufgenommen zu werden, falls er erwählt wird; käuflich ist eine solche Ehrenstelle nicht.

Ich gehe nun zur inneren Einrichtung des Instituts über. Das Thomas-Hospital wird in neun abgesonderte Gebäude eingetheilt, von denen acht durch einen langen, schnurgeraden Corridor verbunden sind. Man bezeichnet diese Gebäude mit dem Namen „Block“. Der Block Nr. 1 ist hart an der Westminsterbrücke gelegen, und die breite Eingangstreppe führt uns in das Comptoir des Hospitals. Der Secretär, die Buchhalter und der Schatzmeister nehmen die Hälfte dieses Gebäudes gänzlich ein, und von hier aus wird der kaufmännische Theil der Anstalt geleitet. Ein großes Zimmer dient zu den Versammlungen des Verwaltungsrathes. Der Vordertheil dieses Blocks wird von einigen Buchhaltern sowie von dem Schatzmeister bewohnt. Im Souterrain befinden sich Wohnungen für drei Portiers. Das eigentliche Hospital fängt erst mit Block Nr. 2 an.

Die Gartenlaube (1875) b 381.jpg

Das Thomas-Hospital in London.

Dieser, so wie die folgenden fünf Blocks werden in vier Stockwerke getheilt. Die einzelnen Blocks dienen außer der Aufnahme von Kranken einer Reihe von anderen Zwecken; so enthält Block Nr. 3 die Augenklinik, Block Nr. 4 die Wohnung der Oberaufseherin, Block Nr. 5 das Bureau des Oberaufsehers, die Hospitalcapelle und die Wohnungen der Hausärzte und Block Nr. 6 die Küche. Das alleinstehende Haus Nr. 9 umfaßt die Schule für junge Aerzte, das Museum, die Bibliothek etc. Das ist ein Ueberblick über die innere Eintheilung eines jeden Gebäudes dieses großen Hospitals, welches an sechshundert Kranke beherbergen kann. Die einzelnen Gebäude sind hundertfünfundzwanzig Fuß von einander entfernt, mit Ausnahme von Block Nr. 4 und Nr. 6, zwischen welchen der Raum um fünfundsiebenzig Fuß breiter ist, da sich hier die Kirche (Block Nr. 5) befindet.

Jedes Krankenzimmer enthält (oder ist wenigstens eingerichtet für) achtundzwanzig Betten, ist hundertzwanzig Fuß lang, achtundzwanzig Fuß breit und fünfzehn Fuß hoch. Jeder Kranke hat demnach einen Raum von achtzehnhundert Kubikfuß. Jeder Block besitzt außer den großen Räumen noch einige kleine Zimmer mit je zwei Betten für solche Kranke, die man von den übrigen zu trennen für rathsam hält. Auch diese Patienten haben einen Raum von je achtzehnhundert Kubikfuß. – Die Krankenzimmer selbst sind wahre Muster von Reinlichkeit und Ordnung. Das Bettzeug könnte nirgends sauberer gehalten werden, und die Kranken dürften wohl schwerlich irgendwo liebevollere und aufmerksamere Pflege erhalten, als gerade hier. Dieselben sind weiß gekleidet. Die Bettstellen sind aus Eisen gefertigt, da diese sowohl leichter zu reinigen wie auch besser und schneller zu bewegen sind, als hölzerne Bettstellen. –

Die Kranken werden im Thomas-Hospitale der Pflege von englischen sogenannten „Nurses“ anvertraut, und diese erfüllen ihre anstrengenden, schweren Pflichten in der liebevollsten Weise. Die Kleidung dieser Pflegerinnen besteht aus einem dunkelblauen Anzuge; als Kopfbedeckung tragen sie ein weißes Häubchen. Das Hospital besitzt fünfzehn „Schwestern“, vierundzwanzig Tag- und dreiundzwanzig Nachtnurses, acht Extranurses, zehn Zimmermädchen und sechszehn Scheuerfrauen. Außer diesen hat man noch die sogenannte „Nightingale Nurses,“ die seit etwa acht Jahren im Thomas-Hospitale zu tüchtigen Pflegerinnen herangebildet worden sind. Diese Mädchen bleiben zwölf Monate lang im Hospitale und werden dann als Krankenwärterinnen mit einem Zeugnisse entlassen, da man ein Jahr für genügend halt, um dieselben heranzubilden.

[382] Die Nightingale-Nurses wohnen in einem eigenen Theile des Gebäudes, der sich zwischen Block Nr. 2 und Nr. 3 befindet. Der Name derselben stammt von der Gründerin, der bekannten Miß Nightingale, her, die sich um wohlthätige Anstalten sehr verdient gemacht hat. Diese Dame hat dem Hospitale eine Schenkung hinterlassen, für welche dasselbe vierzig junge Mädchen jährlich zu Krankenpflegerinnen heranbildet.

Die einzelnen ersten acht Blocks werden, wie schon vorhin gesagt, durch einen langen Corridor verbunden, dessen Länge eine viertel englische Meile beträgt. Es findet sich ein solcher Corridor im Parterre und im ersten Stocke, im Souterrain jedoch sehen wir einen langen unterirdischen Gang, der vom ersten bis zum letzten Blocke reicht. Wir wollen uns zunächst mit diesem Theile beschäftigen.

Unter jedem Blocke befindet sich ein großer Raum, der als Kohlen- und Vorratskammer benutzt wird, sodaß jedes Gebäude vom nächsten gänzlich unabhängig ist und mit demselben fast gar nicht in Berührung kommt. Jeder Block hat ferner einen großen und einen kleineren Kessel und ebenfalls einen eigenen Ofen für jeden Kessel. Der große Behälter dient dazu, die Heizungsapparate mit heißem Wasser zu versehen, während der kleinere, dessen Feuer nie ausgeht, die Bade- und Waschzimmer speist. Bei kaltem Wetter wird das ganze Hospital mit Wasserheizung erwärmt. Gewöhnlich aber heizt man jedes Krankenzimmer mit je drei offenen Oefen; diese stehen in der Mitte des Raumes in Verbindung mit einer vertikalen Röhre, die den Rauch entfernt. Die Heizungswerke sind von der großen Firma Haden und Sohn in Trowbridge ausgeführt worden und werden von den Aerzten als unübertrefflich gerühmt.

Jeder Block besitzt ferner zwei „Lifts“ oder Hebemaschinen, die mit Wasserkraft in Bewegung gesetzt werden und vom Souterrain ausgehen. Die größere derselben kann sechs Menschen auf einmal heben, während die kleinere nur auf einen Centner berechnet ist. Erstere dient den Patienten, auch Kohlen etc. zur Beförderung, letztere dem Essen und leichteren Gegenständen. Diese Lifts sind im sogenannten hydraulischen Widdersystem gebaut. Das hierzu erforderliche Wasser hat einen Fall von hundertvier Fuß und befindet sich in großen Reservoirs unter dem Dache jedes Blockes. Jede Hebemaschine kann dreiundsechszig Fuß hoch steigen; der Wasserdruck ist fünfundvierzig Pfund per Quadratzoll. Die Lifts können an jedem Stockwerke angehalten werden. Diese Maschinen wurden von der in diesem Fache berühmten Firma F. Colyer u. Comp. hierselbst hergestellt.

Vermittelst der größeren Maschine werden Todte aus den betreffenden Krankenzimmern in das Souterrain befördert, von wo aus man dieselben nach dem am äußersten Ende des unterirdischen Ganges gelegenen Todtenhause bringt.

Unsere Wanderung führt uns zunächst in das Parterre. Der Eingang befindet sich unter einem breiten, hohen Portale und führt unmittelbar in die große Halle, wo die verschiedenen Marmorbüsten berühmter Aerzte aufgestellt sind. Hier ist auch der von der Königin gelegte Stein angebracht. Links liegt das Bureau des „Medical Secretary“; dem Eingange gerade gegenüber befindet sich das Bureau des Oberaufsehers; rechts und links führt uns der Corridor in die verschiedenen Gebäude. Alles was in das Hospital ein- oder aus demselben herausgeht, muß durch das Bureau des Oberaufsehers passiren. Die in das Hospital aufgenommenen Kranken haben sich hier beim Eintritte zu melden, und wird überhaupt das ganze Institut von hier aus verwaltet.

Wir wenden uns nun zunächst nach links und finden im ersten Blocke an dieser Seite (Nr. 6) die Küche, deren enormer Kochherd zwei Köche beschäftigt. Dieser Herd dient zur Bereitung der allgemeinen Kost, und von hier aus wird das Essen für die verschiedenen Blocks mit kleinen Rollwagen an seinen Bestimmungsort geschafft. Wenn ich sage, daß die Kochherde von der auch in Deutschland wohlbekannten Londoner Firma Benham und Söhne geliefert wurden, so bedarf es nicht der Versicherung, daß dieselben ausgezeichnet sind. In der Mitte der Küche steht eine große Tafel, auf der die verschiedenen „Formen“ für die Kranken angegeben sind. Daneben wird täglich bemerkt z. B. acht Portionen erster Form für Zimmer Nr. 9 etc. Dieser Formen oder Krankenkosten giebt es fünf, drei für Erwachsene, zwei für Kinder. Erstere werden eingetheilt in „gemischte“, „Milch“- und „Fieber“-Form. Letztere nennt man „gemischte“ und „Milch“-Form. Jeder eintretende Kranke wird auf Milch- oder Fieberkost gesetzt, bis der Arzt die für ihn passende Form anordnet.

Rechter Hand vom Eingange befindet sich die Wohnung der Oberaufseherin, die das weibliche Personal des Hospitales zu leiten hat. Außer ihrer Wohnung sind hier mehrere Zimmer zu Aufbewahrungsorten von Leinenzeug und Provisionen eingerichtet, für deren Inhalt die Oberaufseherin verantwortlich gemacht wird. Neben der Küche, zwischen Block Nr. 6 und 7, liegt ein sogenanntes „Operationstheater“; ein zweites findet sich zwischen Block Nr. 3 und 4. Letzteres dient für Frauen, ersteres für Männer. Zwischen den Blocks Nr. 3, 4 und 5 befinden sich die Augenklinik, die Zimmer des Wundarztes und die Wartezimmer derjenigen Patienten, die nur um Rath, nicht aber um Aufnahme in das Hospital bitten. Die hier befindliche Zahl von Betten beläuft sich auf siebenundzwanzig, wovon vierzehn männlichen, dreizehn aber weiblichen Patienten angehören.

Kranke, die nicht in das Hospital aufgenommen zu werden wünschen, gelangen durch den Eingang Nr. 2 zu den rechts gelegenen Zimmern des beaufsichtigenden Arztes, der dieselben untersucht. Er händigt jedem Patienten einen sogenannten „Krankenbrief“ ein, welcher auf sechs Wochen lautet, das heißt, der Patient darf jede Woche einmal kommen, um sich Rath und Medicin zu holen. Ist er nach dieser Zeit nicht curirt, so wird der Brief auf weitere sechs Wochen verlängert. Hauskranke erhalten ebenfalls Behandlung, Medicin und Kost frei, und nothdürftigen Leidenden werden Krücken, Schienen und Bandagen geschenkt.

Zwischen Block Nr. 7 und 8 befindet sich die Wohnung der Gehülfen der Hausärzte. Dieselbe besteht aus etwa vierundzwanzig Zimmern, nebst Baderäumen und dergleichen, und hat einen besonderen Eingang C. Die Zimmermädchen, Nurses, Scheuerfrauen etc. wohnen in den unter dem Dache belegenen Wohnräumen.

Bei gutem Wetter wird es den Kranken erlaubt, in den kleinen Gärten des Hospitals umherzugehen; ist es dagegen rauh oder naß, so dient ihnen der lange Corridor des ersten Stockwerkes zum Spaziergange. Wie schon gesagt, verbindet derselbe die einzelnen Blocks, und um es den Kranken zu ermöglichen, sich hier Bewegung zu machen, hat man die Seiten desselben mit hermetisch schließenden Fenstern versehen. Um neben dem leiblichen auch das geistige Wohl zu berücksichtigen, werden hin und wieder gute Bücher gereicht, oder die Nurses lesen ihren Schutzbefohlenen vor, während am Sonntag in der im ersten Stock des Blockes Nr. 5 belegenen Kirche von dem Hausgeistlichen Gottesdienst abgehalten wird. Diese Capelle enthält dreihundert Sitze, und auch hier werden die Männer von den Frauen getrennt. Die Aerzte des Hospitals haben der Kirche eine Orgel zum Geschenke vermacht. Das Innere der Capelle ist einfach, aber geschmackvoll verziert; auch hier findet Wasserheizung statt.

In einem Hospital, namentlich in einem solchen ungeheuren Gebäude, wie es das Thomas-Hospital ist, muß es natürlich von Wichtigkeit sein, eine Ventilation anzubringen, die bei jedem Stande des Wetters gleichmäßige Dienste leistet. Diese Aufgabe ist hier glänzend gelöst. Jedes Gebäude ist auch in dieser Hinsicht von den übrigen unabhängig. So weit es möglich ist, läßt man die natürliche Ventilation zu, für kalte, stürmische Tage aber hat man die vollendetsten Ventilationseinrichtungen getroffen und zwar mittelst einer Anzahl von Luftröhren, welche von Zink gearbeitet sind und die Dünste des Krankenzimmers durch das Dach entführen, während vom Souterrain aus frische Luft durch andre Röhren in die verschiedenen Räume gepumpt wird. Die Wasch- und Badezimmer und die Wasserclosets befinden sich am Ende eines jeden Raumes in den hervorspringenden Theilen; um jede Ausdünstung zu vermeiden, hat man zwischen den Closets und den Krankenzimmern einen kleinen, leeren Zwischenraum angebracht, der an beiden Seiten mit Fenstern versehen ist. Ferner befindet sich in diesem Theil eines jeden Gebäudes eine lange, bis in das Souterrain führende Röhre, die dem schmutzigen Leinen etc. zur Beförderung nach unten dient. Eine zweite Röhre, ebenfalls hier angebracht, beseitigt den Kehricht.

Am Eingang in die Krankenzimmer bemerkt man drei kleine [383] Räume; der erste gehört der betreffenden Aufseherin an; der zweite dient dem besuchenden Arzte als „Audienzzimmer“; hier nimmt derselbe den Bericht der Aufseherin entgegen. Der dritte Raum enthält eine kleine Küche. Wie schon vorhin bemerkt, bereitet man in der großen Küche nur die allgemeine Kost, wird aber für den einen oder andern Kranken vom Arzt etwas Besonderes verordnet, so wird dies hier sofort gekocht. – Der Fußboden jedes Krankenzimmers ist mit Eichenholz getäfelt, und die Wände sind mit dem wohlbekannten Keene’schen Cement bedeckt.

Um einen etwaigen Ausbruch von Feuer sogleich dämpfen zu können, sind in jedem Gebäude die umfassendsten Einrichtungen in Bezug auf Löschapparate getroffen worden. Wasserröhren, die an fast jeder Stelle geöffnet werden können, und Schläuche, die sich in einer Secunde befestigen lassen, findet man im ganzen Hospital vor. Die Wasserreservoirs zu diesem Zwecke sind von den übrigen gänzlich abgesondert und befinden sich in dem Thurme jedes Gebäudes; sie werden durch eine eigne Leitung der Vauxhall-Wasserwerk-Gesellschaft gespeist. Durch das ganze Gebäude sind Telegraphendrähte gelegt worden, so daß man von jedem beliebigen Punkte aus in die verschiedenen Zimmer des Hospitals telegraphiren kann.

Das Thomas-Hospital beschäftigt an Aerzten zwei rathgebende Doctoren (Ehrenmitglieder), vier „ordentliche“ Doctoren, Seniores, und vier Assistenzärzte, einen Accoucheur und einen Assistenzaccoucheur, vier Wundärzte und vier Assistenzwundärzte, einen (deutschen) Augenarzt und einen Zahnarzt. Hausärzte: ein Assistenzarzt und ein Assistenzwundarzt. Im Hospitale befinden sich ferner ein erster Apotheker und ein Chemiker. – Die Hausärzte erhalten nebst freier Wohnung und Kost jährlich hundert Pfund, während die übrigen Doctoren nur fünfzig Pfund, natürlich ohne Wohnung oder dergleichen, erhalten. Die Stelle ist daher eine Ehrenstelle, welche nur an bedeutende Capacitäten vergeben wird.

Mit dem Hospitale verbunden und doch wieder ganz von demselben abgesondert, ist eine hier befindliche „Schule“ für angehende Aerzte, die das alleinstehende Gebäude Block Nr. 9 einnimmt. Sie wird von etwa zweihundert Studenten besucht, die wenigstens drei Jahre hier verbleiben müssen. Von ihnen wird folgendes Honorar entrichtet: für das erste Jahr vierzig Pfund, für das zweite ebenfalls vierzig Pfund, für das dritte zwanzig Pfund und für jedes folgende zehn Pfund; eine Summe jedoch von hundertfünf Pfund, die beim Eintritte gezahlt wird, berechtigt den Betreffenden, eine beliebige Anzahl von Jahren in der Schule zu verbringen. Für dieses Honorar werden die Studirenden im Hospitale zur selbstständigen Praxis vorbereitet und dürfen ebenfalls die Vorlesungen besuchen, welche von den älteren Doctoren und deren Assistenten gehalten werden und Alles umfassen, was auf der Universität in diesem Fache gelehrt wird, nur mit dem großen Unterschiede, daß hier die Theorie mit der Praxis verbunden wird. Diejenigen Studenten, die ihre Examina am besten bestehen, empfangen ein Diplom und werden darnach als Hausärzte verwandt. Jedem Doctor werden mehrere Studenten beigegeben, und ebenso jedem Wundarzte. Das Hospital zählt etwa vierunddreißig Studenten als Assistenten der Doctoren und ebenso viele als Assistenten der Wundärzte, die, wie gesagt, aus den zweihundert jungen Männern gewählt werden. Von diesen wohnen eine Anzahl im Hospitale selbst, um zu jeder Zeit bereit sein zu können. Andere wieder, die sich der Arzneikunde widmen, werden dem Apotheker untergeordnet und bezahlen für drei Monate fünf Guineen extra. Wiederum Andere bezahlen fünfundzwanzig Guineen für einen neunmonatlichen Cursus praktischer Chemie, während Solche, welche die Bibliothek zu benutzen wünschen, eine Guinee für die Zeit ihres Aufenthaltes zu bezahlen haben. Das Museum dieser Schule ist sehr reich ausgestattet und enthält sehr werthvolle seltene Sachen. Der pathologische Theil allein zählt dreitausend Specimina. Man hält dieses Museum für eines der reichsten Englands. Das Gebäude, in dem sich die Schule befindet, enthält ausgezeichnete Räumlichkeiten. Es findet sich darin ein großes anatomisches Museum, ein „chemisches“ Museum, Vorlesungszimmer, Bibliothek, Laboratorium, „post mortem“-Zimmer etc., welche alle in der besten Weise eingerichtet sind.

Schließlich bemerke ich noch, daß ich für viele der angeführten Einzelheiten meinem Freunde, dem Herrn Dr. W. M. Ord, zu danken habe, der mir manche Stunde seiner werthvollen Zeit freundlichst zur Verfügung stellte, um mich persönlich durch das Hospital, dem er als Arzt angehört, führen und mir die Einrichtungen desselben erklären zu können.

E. Woltmann.



Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin.
Von Otto Glagau.
6. Häuserschacher und Baustellenwucher.

Die „Wohnungsfrage“ steht in Berlin schon lange auf der Tagesordnung, aber die allgemeine „Wohnungsnoth“ begann erst nach dem deutsch-französischen Kriege, zugleich mit der Schwindelperiode, und sie ist zum großen Theil das Werk der Börsianer und Gründer.

1867 standen hier Wohnungen leer circa 8600
1868 6100
1869 3500
1870 1800
1871 2000
1872 1100

Diese 1100 im Jahre 1872 leeren Wohnungen waren jedoch entweder aus Ursachen eines Neu- oder Umbaues gar nicht zu vermiethen, oder aber es wurden dafür zu übertriebene Preise verlangt und sie gehörten fast ausschließlich zu den größeren Miethsgelassen, von drei und mehr Zimmern. Thatsächlich fehlte es am 1. April 1872 an circa 500 kleinen Wohnungen; hunderte von ordentlichen Familien, die bis dahin ihre Miethe regelmäßig gezahlt hatten, lagen plötzlich obdachlos umher, campirten vor den Thoren, auf freien Plätzen oder in Rohbauten, Ställen etc.

Bis zur Schwindelperiode erforderte in Berlin die Miethe etwa ein Sechstel des Einkommens. Auch schon ein unverhältnißmäßig hoher Procentsatz, der von ungesunden Verhältnissen zeigt. Aber 1871, 1872, und auch noch 1873 stiegen die Miethen fast von Quartal zu Quartal, in zwei bis drei Jahren um das Doppelte und Dreifache. Der Miethzins verschlang jetzt durchschnittlich ein Viertel, ja nicht selten ein Drittel der Gesammteinnahme. Er nöthigte die Familien zur größtmöglichsten Einschränkung auf allen anderen Gebieten und erzeugte namentlich unter den sogenannten gebildeten Ständen, die kein eigenes Vermögen besitzen, sondern nur von ihrem Gehalte oder Jahreseinkommen leben, ein heimliches Proletariat.

Mit dem Börsen- und Gründungsschwindel schmolz die Zahl der kleinen billigen Wohnungen zusehends, und es vermehrten sich erstaunlich die großen kostbaren Miethsräume. Quartiere im Preise von bis 2000 bis 5000 Thalern jährlich waren bis dahin selten gewesen; jetzt wurden sie häufig. Eine Unmasse von Banken und Actiengesellschaften etablirte sich und verschwendete in Localitäten, mit denen sie prahlten und lockten. Ein Heer von Directoren und Verwaltungsräthen, Banquiers und Maklern, Procuristen und Agenten wuchs empor, die sich alle elegant oder gar luxuriös einrichteten. Den Gründern oder Börsianern war keine Wohnung zu theuer; sie überboten sich in den Preisen; sie verdrängten die bisherigen Insassen und trieben die Miethen systematisch in die Höhe. Sie hatten „es“ ja dazu; sie wollten repräsentiren und genießen, wollten glauben machen an den befruchtenden Segen der französischen Milliarden, an den allgemeinen Wohlstand, an die ungeheure Vermehrung des Nationalvermögens. Die Gründer und Börsianer setzten sich in den [384] schönsten Straßen fest, nahmen die vornehmsten Quartiere in Beschlag; viele von diesen Leuten zahlten an Miethe 6000 bis 20,000 Thaler jährlich.

Die unaufhörliche Steigerung, die völlige Verschiebung der Miethspreise ließ die Bevölkerung beständig umherziehen und nöthigte einen großen Theil zur Auswanderung. Tausende von Arbeitern, Handwerkern, Beamten etc. konnten das Wohnen in Berlin nicht mehr erschwingen und ließen sich auf den Dörfern in meilenweitem Umkreise nieder. Auch die höhern Stände wurden weiter und weiter in die Vorstädte, bis an die Grenzen des Weichbildes und darüber hinaus gedrängt. Das sogenannte Geheimrathsviertel führt seinen Namen nicht mehr mit Recht, der Geheimrath ist hier selten geworden, oder er findet sich nur drei Treppen hoch, und statt seiner sitzen in der Beletage – Banquiers und Börsianer. Ebenso ist es den Gelehrten, Künstlern und Schriftstellern ergangen, die früher das „Westend“ vor dem Potsdamer Thor erfüllten. Auch sie haben sich vor den Herren von der Börse weiter und weiter, höher und höher zurückziehen müssen.

Selbstredend stieg mit den Miethen auch der Werth der Häuser und der Begehr nach ihnen. Ein Haus in Berlin war bis dahin ein ziemlich zweifelhafter Besitz. Gar viele Bauunternehmer und Bauspeculanten der vierziger, fünfziger und auch noch der sechsziger Jahre hatten ihr menschenfreundliches Bemühen, die „Wohnungsfrage“ zu lösen, hart büßen müssen, indem sie ihre kurze Laufbahn gewöhnlich in „Möser’s Ruh“, in dem damaligen Schuldgefängniß, beschlossen. Auf allen Häusern lasteten große Hypotheken. Der Grundbesitz in Berlin war mit vier Fünftel des Werths verschuldet. Reiche und vornehme Familien pflegten lieber zur Miethe zu wohnen. – Das änderte sich nun mit einem Schlage. Privat- und Geschäftsleute kauften plötzlich um die Wette Häuser, um der ewigen Miethssteigerung zu entgehen, um nicht etwa ausgemiethet zu werden. Banken und Actiengesellschaften, Banquiers und andere Geldleute erstanden in „bester“ Gegend die „feinsten“ Häuser. Seitdem befinden sich die stolzesten Paläste im Innern der Stadt und die herrlichsten Villen rings um den Thiergarten im Besitz der Kinder des auserwählten Volks, in den Händen der Börsianer und Gründer.

Sobald das eigene Bedürfnis befriedigt war, begann die Speculation, der Schwindel. Man kaufte Häuser, nicht um sie zu behalten, sondern um sie so schnell wie möglich mit Profit wieder loszuschlagen. Ein und dasselbe Haus wechselte oft Tag für Tag den Besitzer, ein und dasselbe Haus wanderte an Einem Tage, an Einem Abend durch sämmtliche Stämme Israels, durch zwölf und mehr Hände, und jede „Hand“ verdiente dabei fünf-, zehn-, zwanzig- und auch wohl fünfzigtausend Thaler. An und außerhalb der Börse wurden Grundstücke wie Effecten verhandelt, wurden die „Schlußscheine“ von Häusern mit immer höherem Aufgeld bezahlt. Die Preise erreichten eine fabelhafte Höhe, standen bald in keinem Verhältniß mehr zu dem Miethserträgniß und zu dem eigentlichen Werthe der Baulichkeiten; jeder Maßstab ging verloren; ganz willkürliche Schätzungen gewannen die Oberhand – es blühte der Schacher. Jeder Hausbesitzer wurde belagert, mit Angeboten bestürmt – und wußte nicht mehr, was er fordern sollte. Manche erhöhten ihre Forderung von Tag zu Tag, und wenn die verwegenste Forderung endlich bewilligt oder, wie es auch vorkam, noch gar überboten wurde, wagten sie doch nicht loszuschlagen, aus Furcht, sie könnten sich übereilen, sich Schaden zufügen. Einer dieser Unglücklichen, der nacheinander 120,000, 150,000 und 200,000 Thaler verlangt hatte, verkaufte schließlich für 250,000 Thaler, wodurch ihm ein baarer Gewinn von 180,000 Thalern zufiel. Als aber vierzehn Tage später sein ehemaliges Haus von einer Bank für 300,000 Thaler erstanden ward, übermannte ihn die Verzweiflung und er – knüpfte sich auf!

Die Gerechtigkeit verlangt zu vermerken, daß der Häuserschacher nicht ausschließlich von den Börsenrittern und Israeliten betrieben wurde, sondern auch von anderen Leuten, namentlich von Mitgliedern der Aristokratie, die ja überhaupt der Börse und den Gründern eine Reihe höchst gelehriger Schüler und sehr bereitwilliger Gehülfen lieferte. Verschiedene hochadelige Herren verschmähten es nicht, gleichfalls „in Häusern zu machen“. So meldete die „Neue Börsen-Zeitung“ unterm 2. December 1871, ein bekannter schlesischer Magnat habe durch Häuserspeculationen in Berlin in wenigen Monaten an 300,000 Thaler verdient. „Der genannte Herr“, hieß es, „der seine Operationen meist in Verbindung mit einer Dame von hocharistokratischem Namen unternimmt, hat außerdem eine Anzahl Grundstücke an sich gebracht, deren Verkauf mit Gewinnbeträgen in gleicher Höhe so gut wie gesichert ist.“

Aber nicht genug an dem tollen Häuserschacher: es begann nun auch noch der Wucher mit Baustellen. Aus den Speculanten wurden – Gründer, und ihre ersten Schöpfungen entsprachen anscheinend einem allgemein empfundenen Bedürfnisse. Die Gründer bemächtigten sich der „Wohnungsfrage“; sie erklärten, der „Wohnungsnoth“ abhelfen zu wollen und gründeten zu diesem Zwecke Actiengesellschaften über Actiengesellschaften. Sie kauften Häuser und Grundstücke in der Stadt und legten sie nieder; sie kauften öffentliche Gärten und Etablissements und verwandelten sie in Bauplätze; sie kauften die Kartoffeläcker und Gemüsefelder in den Vorstädten, die Wiesen, Sümpfe und Sandschollen vor den Thoren, die Weiden und Ländereien der benachbarten Dörfer und steckten überall Häuserzeilen und Straßenviertel ab. Aus den Gärtnern der Vorstädte, aus den Bauern der Umgegend wurden große Capitalisten, die nicht recht wußten, was sie mit ihrem Gelde anfangen sollten, und es bald der Börse zutrugen. Im zweimeiligen Umkreise von Berlin gab es plötzlich keine Aecker und Felder mehr – nur Baustellen und Baugründe. Vor den Thoren wurde die Quadratruthe mit 50 bis 500, in der Stadt mit 1000 bis 10,000 Thalern bezahlt. Das aber bedeutete die ungeheuere Vermehrung des Nationalvermögens.

Die Menge der Bauvereine, Baugesellschaften und Baubanken war bald so groß, daß es an Namen für sie gebrach, daß selbst Börsenleute sich in dem Labyrinth dieser Namen nicht mehr zurechtfinden konnten. Man höre: Nord-End, Ost-End, Süd-End, West-End (Quistorp), Thiergarten, Thiergarten-Westend, Hofjäger, Unter den Linden, Passage, Centralstraße, City, Königsstadt, Friedrichshain, Schönhausener, Nieder-Schönhausener, Tempelhofer, Belle-Alliance, Wilhelmshöhe, Landerwerb, Land- und Baugesellschaft Lichterfelde, Lichterfelder, Cottage, Charlottenburger, Berlin-Charlottenburger, Johannisthal, Woltersdorf, Potsdam, Westend-Potsdam, Berolina, Berliner Neustadt, Mittelwohnungen, Immobilien, Berlin-Hamburger Immobilien, Union, Berliner Bauvereinsbank (Wäsemann), Berlinische Bank für Bauten, Berliner Häuserbaugenossenschaft, Allgemeine Häuserbaugesellschaft, Gesellschaft für Bauausführungen, Deutscher Centralbauverein (Quistorp), Deutsch-Holländischer Bauverein, Deutsche Baugesellschaft, Deutschlands Baubeförderungsverein, Preußische Baugesellschaft, Preußische Baubank, Märkische Baubank, Provinzial-Baubank, Provinzialbank für Bauten und Handel, Allgemeine Bau- und Handelsbank, Centralbank für Bauten, Metropole, Immobilienbank, Hypothekar-Credit- und Baubank, Nordbaubank, Residenz-Baubank, General-Baubank, Imperial-Baubank.

Das sind aber noch nicht alle. – Die „Neue freie Presse“ theilte kürzlich mit, daß in Wien 43 Bau- und Baumaterialien-Gesellschaften „domiciliren“, und die „National-Zeitung“ beeilte sich, die Notiz ihren Lesern wiederzugeben. Als ob diese Zahl in Berlin etwa nicht erreicht wäre! Nicht nur erreicht, sondern sehr übertroffen. In Berlin „domicilirten“ gut 80 solcher Gesellschaften, von denen sich heute eine Reihe in Liquidation oder in Concurs befinden. Die Zahl der Bau- und Baumaterialiengesellschaften aber in Nord- und Mitteldeutschland, die zum größten Theil an der Berliner Börse gehandelt wurden, betrug weit über 100.

Hätten die Gründer ihre Bauprojecte durchgeführt, so wäre der Bedarf an Wohnungen für Zeit und Ewigkeit gedeckt gewesen. Der kürzlich verstorbene Statistiker Schwabe hat berechnet, daß die in Aussicht gestellten Neubauten für eine Bevölkerung von neun Millionen zureichen würden, und daß in Folge dessen Berlin zu einer Riesenstadt anwachsen müßte, noch dreimal größer als das heutige London. Aber von all den zahllosen Baugesellschaften bauten in Wirklichkeit nur wenige, äußerst wenige, und sie bauten Häuser und Villen für die wohlhabenden Classen, oder sie machten aus kleinen Wohnungen lauter große. Erst mit den Baugesellschaften begann der [385] Wohnungsjammer, namentlich für die unteren Stände. Dazu kam ein außerordentlich starker Zuzug, eine massenhafte Einwanderung. Die neue Freizügigkeit, der ihre Urheber, die Manchesterleute, alsbald gegenüberstanden wie der Zauberlehrling bei Goethe dem Zauberbesen, überfluthete Berlin, und der Gründungsschwindel lockte Schaaren von Leuten aus den Provinzen in die Hauptstadt, die alle hier ein Eldorado zu finden wähnten. Aber sie fanden häufig genug kein Obdach, oder sie machten Andere obdachlos und trieben sie hinaus.

Da trug sich etwas höchst Bedenkliches zu. Wie einst im alten Rom die Plebejer unter dem Drucke der Patricier die Stadt verließen und sich auf dem heiligen Berge festsetzten, so zogen Hunderte von Handwerkern und Arbeitern aus Berlin und schlugen vor den Thoren, unter freiem Himmel ihr Lager auf. Auf dem Tempelhofer Felde entstand die Barackenstadt, und Viele hausten in alten Eisenbahnwagen, unter den Drehscheiben der Bahnhöfe und unter den Viaducten der Verbindungsbahn. Wie zu einem Schauspiele wallfahrteten die Berliner hinaus, und die Zeitungen schilderten die „Barackia“ in farbigen, launigen Feuilletons. Das aber geschah, während der Milliardenstrom sich über Deutschland ergoß, und die Gründer und ihre Helfershelfer den „allgemeinen Wohlstand“, die „ungeheure Vermehrung des Nationalvermögens“ predigten. Die Regierung empfand den bittern Hohn und hob die Baracken auf.

Weitaus die Mehrzahl der Baugesellschaften baute nicht und beabsichtigte auch gar nicht zu bauen. Sie entwarfen Baupläne, steckten Straßen, Straßenviertel und Marktplätze ab, chaussirten und legten Trottoirs, parcellirten und „schlachteten Baustellen aus“. Um Käufer anzulocken, hielt man „Baustellen mit Baugeld“ feil; das heißt, die Baugesellschaft, die häufig zugleich eine „Baubank“ war, schoß das Geld zum Bauen vor und stundete wohl auch noch die Kaufsumme für den Bauplatz theilweise oder gänzlich. Trotzdem blieben die Baulustigen vereinzelt, und die da bauten, fanden in der Regel nicht ihre Rechnung. Als im vorigen Sommer die Villencolonie Lichterfelde ein gemeinsames Fest beging, erhob sich einer der Theilnehmer zu einer Tischrede. Eine classische Reminiscenz aus Tertia überkam ihn, und er sprach die geflügelten Worte: „Als die verwittwete Frau Dido Karthago anlegte, zerschnitt sie bekanntlich das Fell eines Stiers in lauter dünne Riemen. Wenn aber heute eine Colonie gegründet wird, so braucht man mehr als Einen Ochsen, so sind dazu viele Ochsen nöthig. Meine Herrschaften, ich bin einer der Ersten, die hier gebaut haben.“ –

Um ihre Actien unterzubringen, warfen die Baugesellschaften Bauzinsen aus – das ist wieder eine Art der famosen „Börsenzinsen“. „Während der Bauzeit“ sollten die Actionäre vier, fünf oder gar sechs Procent Zinsen erhalten, und viele Baugesellschaften zahlten jahrelang Bauzinsen – ohne je zu bauen. Selbstverständlich staken die „Bauzinsen“ schon in dem so hoch wie möglich gegriffenen Actiencapitale, und die Actionäre bezahlten sie thatsächlich wieder selber, aus der eigenen Tasche. Dieses Verfahren ist aber nicht nur eine Taschenspielerei, sondern auch gesetzwidrig. Das Actiengesetz vom 11. Juni 1870 besagt in Artikel 217 ausdrücklich: „Zinsen von bestimmter Höhe dürfen für die Actionäre nicht bedungen noch ausgezahlt werden“. „Bauzinsen“ sind im Grunde genommen „eine theilweise Zurückzahlung“ des Actiencapitals, die Artikel 248 verbietet. Die Gründer aber rechtfertigten ihre Machinationen durch den Nachsatz zu Artikel 217, der allerdings so lautet: „Jedoch können für den im Gesellschaftsvertrage angegebenen Zeitraum, welchen die Vorbereitung des Unternehmens bis zum Anfange des vollen Betriebes erfordert, den Actionären Zinsen von bestimmter Höhe bedungen werden.“ Gestützt auf diesen Nachsatz, zahlten die Baugesellschaften, die nie bauten, Bauzinsen, und der Staatsanwalt scheint sich diesem Nachsatze gegenüber ohnmächtig gefühlt zu haben – ein Beweis von dem Werthe des neuen Actiengesetzes, ein Beweis von seiner flüchtigen Redaction, seiner mangelhaften zweideutigen Fassung, ein Beweis, wie dringend es auch jetzt noch, wo die Kinder freilich in den Brunnen gefallen sind, einer Revision bedarf.

Eine Reihe von Baugesellschaften und Baubanken vertheilte auch Dividenden, und zwar so hohe Dividenden, daß man’s im Hinblicke auf den heutigen Coursstand kaum glauben möchte. Wir geben zur besseren Uebersicht folgendes Tableau:

  Ver-   Gegen-
  theilte an Einstiger wärtiger
  Dividende Cours Cours
  % ca. ca.
Centralbank für Bauten, gegründet von
     den Herren Eduard Mamroth, Heinrich
     Bergmann, Ferdinand Appenheim, Leo
     Wollenberg, Dr. Stort, Geh. Admiralitätsrath
     Wandel
43 420 45
Ostend, gegründet von den Herren Eduard
     Mamroth, Maurermstr. Siecke, Dr. Erich
     und Genossen
11 120 14
Südend, gegründet von den Herren Eduard
     Mamroth, Heinr. Bergmann, S. H. Ellom,
     Georg Neumann, D. Tobias
15⅜ 125 9
Landerwerb und Bauverein, gegründet von
     den Herren D. Born, Albert Kämpf,
     H. Simon, Baumeister Hähnel
40 200 23
Land- und Baugesellschaft Lichterfelde,
     gegründet von den Herren Karl Coppel,
     Gustav Markwald, J. A. W. Carstenn,
     General Freiherr Ed. v. Steinäcker,
     Landrath Leo van dem Knesebeck
25 155 25
Lichterfelder Bau-Verein, gegründet von den
     Herren D. Born, George Beer, M. Levy,
     Rechtsanwalt Winterfeld
9 120 15
Berliner Bauvereins-Bank, gegründet von
     den Herren Hermann Geber, R. A. Seelig,
     J. Ball., J. A. Gilka, Max Moßner,
     Gustav Thölde, Baurath Wäsemann,
     Baumeister Erdmann
11 110 30
Berlin-Charlottenburger Bau-Verein, gegründet
     von den Herren Richard Schweder,
     J. A. W. Carstenn, Paul Munk, Gustav
     Markwald und Genossen
125/9 115 25
Birkenwerder, gegründet von den Herren
     A. H. Heymann, Gustav Markwald, Oscar
     Krause, Franz Pernet[WS 1] und Genossen
11 115 15
Thiergarten[WS 2], gegründet von den Herren
     Paul Munk, George Beer, Hermann
     Reimann, Consul Schillow, Richard
     Schweder, Joseph Dorn, Dr. Emil
     Lehmann
20 140 9
Königstadt[WS 3], gegründet von den Herren
     Rich. Schweder, George Beer,
     Kammerherr von Prillwitz und Genossen
12 115 25
Westend (Quistorp) 17 225 12
Deutscher Centralbauverein (Quistorp) 15 165 2
Nordend, gegründet von den Herren
     A. Lilienhain, Dr. Max Mattner, Karl Böhm,
     Karl Stiller, Rechtsanwalt Lorek
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Wenn der Leser die Course von ehemals und heute vergleicht und bemerkt, daß die letzteren zum Theile tief unter den früher gezahlten Dividenden stehen, so wird er staunend ausrufen: Wie ist’s nur möglich?! – Den Gründern war eben Alles möglich. Sie machten künstlich Dividenden als Lockspeise, entweder um die meist noch unbegebenen Actien an den Mann zu bringen, oder um das Actiencapital zu vermehren und „junge Actien“ zu emittiren. Befand sich das Gros der Actien noch in den Händen der Gründer, so zahlten sie die Dividende einfach an sich selber – ein Scherzspiel, das ihnen wenig kostete. Oder aber sie schossen die Dividende aus dem Erlöse der verkauften Actien zusammen; sie opferten einen Theil der Beute, um neue zu machen. Die ersten Käufer der ausgeschlachteten Baustellen waren in der Regel die Gründer selber, und sie blieben nicht selten die einzigen Käufer. Sie zahlten, ohne zu feilschen, die höchsten Preise; denn sie bezahlten im besten Falle mit den von ihnen fabricirten Actien.

In keinem Falle war die Dividende ernstlich verdient, und sie konnte es nicht sein. Auch wo es der Gesellschaft gelang, eine Reihe von Parcellen wirklich zu verkaufen, blieb sie doch immer im Besitze des allergrößten Theiles der Ländereien. Diese aber hatten schon die Gründer weit über ihren wahren Werth bezahlt, und noch weit höher standen sie zu Buch – noch weit mehr kosteten sie den Actionären. Eine Dividende durfte daher eigentlich nicht eher gegeben werden, bis der ganze Complex veräußert worden, und die aus dem Erlöse weniger Parcellen construirten unnatürlich hohen Dividenden sind in Wahrheit wieder „eine theilweise Zurückzahlung“ des Capitals, eine unerlaubte strafbare Manipulation. „Es darf nur dasjenige unter die Actionäre vertheilt werden, was sich als reiner Ueberschuß über die volle Einlage ergiebt“ – heißt es in Artikel 217 des Actiengesetzes. Wo aber konnte von einem „reinen Ueberschusse“ [386] die Rede sein, wenn die Gesellschaften durchschnittlich etwa neun Zehntel der ausgeschlachteten Parcellen auf dem Halse behielten, und wenn diese Parcellen heute als Baustellen überhaupt unverkäuflich sind?

Die Thaten und Schicksale der zahllosen Baugesellschaften und die Wunden, die sie dem Publicum geschlagen, das Unheil, welches sie in finanzieller und volkswirthschaftlicher Hinsicht angerichtet haben, soll im nächsten Artikel geschildert werden. Hier sei nur noch bemerkt, daß mit dem Gründungsschwindel auch die „Wohnungsnoth“ aufgehört hat. In Berlin, wie in Wien war die „Wohnungsnoth“ nur ein künstliches Product. Seit dem „Krach“ fallen in beiden Städten die Miethen bedeutend, haben Wien und Berlin wieder Ueberfluß an Wohnungen, besonders an größeren und mittleren.




Bis zur Schwelle des Pfarramts.
3. Im Kloster.

Geeigneter für Solche, welche fernab von dem Getriebe der Welt lernen sollten, den Blick auf’s Ewige zu richten und das Innenleben des Geistes vor Allem zu pflegen, konnte kaum ein Ort gefunden werden, als das am Nordende des Schwabenlandes gelegene Kloster Schönthal, in welches Mitte October 1840 wieder sechsundvierzig Rekruten der protestantischen Theologie „eingeliefert“ wurden. Ueberaus lieblich und reizend ist das enge Thal mit seiner munteren, eben dort an Krümmungen reichen Jaxt, die sich bald durch Wiesen biegt, bald an steilen Felsabhängen bricht, mit seinen sanften, abwechselnd von Reben und Buchenwäldern umsäumten Hügeln, mit seinem Berlichingen und Jaxthausen, Dorf und Schloß, das noch Götzen’s eiserne Hand und die Waffenrüstung seiner Gesellen zeigt. Aber einsam war es dort, schrecklich einsam. Nur einmal in vier Jahren regte sich’s von Leben, wenn wieder eine neue Promotion einrückte und der Höhenzug der fränkischen Terrasse von Heilbronn her mit Kutschen und Wagen bedeckt war, in welchen die Väter aus allen Theilen des Landes die Söhne einlieferten. Selten verirrte sich sonst ein Wanderer oder Reisewagen in diese abseits gelegene Idylle. Unsern Verkehr mit der hinter uns liegenden Welt vermittelte ein Bote, der gewöhnlich zweimal in der Woche, am Mittwoch und Samstag, nach dem sieben Stunden entfernten Heilbronn fuhr und uns von da die ersehnten Briefe und andere Sendungen der lieben Eltern brachte. Wie horchte man auf den Zehen, wenn an solchen Abenden die Namen ausgerufen wurden, für welche ein Brief oder ein Paket aus der süßen Heimath angelangt war! Wie zerriß man fast den dicken Boten – den wir wegen seines wälzenden Ganges Wargel nannten – wenn die Zeit da war, da man die von sorgsamer Mutterhand gefüllten Weihnachtskisten erwartete!

Das Kloster stand einsam in einer Einbiegung des Hügels, von welchem die Schatten des Buchenwaldes auf seine Ostseite fielen – ein stattlicher Bau, würdig der alten reichsfreien Benedictinerabtei, welche über vierzehn Dörfer beherrscht hatte, an die schöne, imposante Kirche angebaut, von einer hohen Ringmauer umschlossen und im Halbkreise von einem Dutzend Wohnungen umgeben, die einst ohne Zweifel von Klosterleuten bewohnt waren. Und es sah auch Alles noch klösterlich aus. Die alten Vögel waren längst aus dem Neste gestoßen, aber Alles erinnerte noch an sie: wenn man durch das hohe, von schlanken Säulen getragene Portal eingetreten war, der Kreuzgang, der zur Kirche führte, mit den Leichensteinen von Aebten und Rittern; der dunkle Speisesaal zur Seite; der stille geräumige Garten, in welchem wohl mancher Thomas a Kempis vom Fasten und Beten und Psalmiren sich erholt hatte; über allen Thüren die Inschriften in lateinischen Distichen, die oft boshaft genug lauteten, schlechte Witze über Arius, den Erzketzer und andere Feinde der Kirche; das Dorment (der lange Gang den alten Zellen entlang) mit der Glocke, die bald zu den Studien, bald zum Beten, bald zum Essen läutete.

Auch, was die Strenge der Lebensordnung betrifft, hatte das alte, einst dem „geistlichen Leben“ geweihte Haus über das neue Geschlecht jugendlicher protestantischer Ketzer nicht zu klagen. Die Klosterregel war streng genug und – sie wurde gehalten. Die Ordnung des Tages war diese: Um fünf ein halb Uhr im Winter, um fünf Uhr im Sommer läutete die Glocke zum Aufstehen, eine Viertelstunde darauf zum Gebet, Preciren genannt, wobei ein Choral mit Clavierbegleitung gesungen, ein Gebet aus Knapp’s Liederschatz gesprochen, ein Abschnitt aus der Bibel gelesen wurde (wir lasen so in vier Jahren die ganze Bibel, nur mit Auslassung weniger, vom leitenden Professor angezeichneten Abschnitte, zweimal durch). Nach der Morgenandacht hatten wir Zeit zu Privatarbeit, welche der je über zwei Zimmer gesetzte Studienaufseher, Repetent genannt, überwachte. Um sieben Uhr Collegien, vier Stunden des Vormittags, meistens durch eine Turnstunde unterbrochen. Nachmittags von zwei Uhr an noch einmal zwei Unterrichtsstunden, dann wieder Privatstudien unter Aufsicht bis zum Nachtessen; um neun Uhr Abendandacht, wie Morgens. Um zehn Uhr mußten die Lichter gelöscht und Alles im Bette sein. Der Sonntag war soweit milder, daß sich die Zahl der Unterrichtsstunden auf zwei beschränkte, eine Religionsstunde nach dem öffentlichen Gottesdienste Vormittags, und eine Stunde für Lesen und Declamiren deutscher Gedichte Nachmittags; dafür war aber die Privatarbeitszeit um so ausgedehnter.

Für „Freiheit und Zeitvertreib an schönen Sommerfeiertagen“ blieb dieser Jugend wenig Gelegenheit. Die einzige Zeit, welche das ganze Jahr über zum Spazieren im Freien gewährt wurde, war die Stunde von ein bis zwei Uhr; dazu kamen im Sommer an den Abenden anderthalb Stunden bis neun Uhr, auch in den heißesten Tagen eine besondere Badestunde. Sonn- und Feiertage machten davon keine Ausnahme. Die Spaziergänge bewegten sich daher immer im gleichen, engen Kreise. Weit über eine halbe Stunde durfte man sich nicht hinauswagen. Landschaft und Menschen blieben uns fast unbekannt. Was wir davon kennen lernten, verdankten wir den eintägigen oder halbtägigen Ausflügen, welche wir, nachdem wir sie oft mühsam genug der Strenge des Vorstehers, Ephorus genannt, abgerungen hatten, unter der Aufsicht der Repetenten nach Künzelsau, Wimpfen, Mergentheim etc. unternahmen.

Ueppigkeit und sinnliche Genüsse verdarben unsere Jugendzeit nicht. Tabak und Wirthshaus war streng untersagt, dem Achtzehnjährigen später so unerbittlich wie früher dem Vierzehnjährigen, und der Famulus durchstreifte argwöhnisch die Gegend, zu suchen, wen er verschlinge. Der Klostertisch kannte weder Weine noch Forellen. Morgens eine Wassersuppe, Mittags Suppe, Fleisch und Gemüse, Abends meistens noch etwas Fleisch, auch Brod im Ueberflusse, wovon wir in theuren Zeiten freiwillig die Hälfte an die Armen der Umgegend vertheilten. Die Küche war durchschnittlich schlecht, denn die Speisemeister sorgten in allen diesen Anstalten für ihren Sack, aber dennoch blieb man gesund und gedieh. Am Ausgang der Klosterpforte saß Sommer und Winter die alte Obstfrau von Berlichingen und bot uns Etwas zum Nachtisch an; man nahm schon aus Mitleid und Freundschaft, soweit die zwei Gulden Taschengeld reichten, welche der Staat neben freier Kost, Logis und Unterricht jedem Zöglinge monatlich ausbezahlte als Entschädigung für den Wein, der in der ursprünglichen Seminarordnung vorgesehen war, aber nicht gereicht wurde.

Das war ein Leben in spartanischer Strenge und Einfachheit. Unsere Promotion galt als eine mittelgut begabte – und die Folgezeit hat dieses Urtheil der Lehrer bestätigt – aber sie hatte das Lob der tugendhaftesten, die je ein Seminar passirt hatte. Ich weiß Keinen, der in den vier Jahren das Verbot des Rauchens oder Wirthshausbesuches übertreten hätte. Wir hatten keine Wilhelm Zimmermann, Friedrich Vischer, David Strauß, Paul Pfizer, wie jene Promotion von Blaubeuren, von welcher Strauß in seinem „Christian Märklin, ein Lebens- und Charakterbild aus der Gegenwart“ ein so anziehendes Bild entworfen hat, aber „das himmlische Behagen“ schallte auch nicht, und wohl eben darum nicht, aus Wein- und Bierkellern, wie dort; freilich hätte bei uns auch kein Lehrer das Auge zugedrückt

[387] oder die Ohren zugehalten. Der Carcer schaute in den vier Jahren traurig d’rein. Doch einmal öffnete er sein Thor, aber man höre, wegen welches Vergehens! Der Verwandte eines Zöglings kommt auf Besuch und erhält die Erlaubniß, ihn mit in das Wirthshaus zu nehmen. Ungewohnt der geistigen Getränke, kommt der Arme Abends etwas liebenswürdig angeheitert zurück und spricht etwas lebhafter und bewegter als sonst, und der Lehrerconvent dictirt einen halben Tag Carcer, vermuthlich weniger wegen des Vergehens, als zur Abschreckung. Das war aber auch der einzige Fall, der vorgekommen ist. Bei dem starken Freiheitsgefühle, das durch meine Adern rollte, wundere ich mich, daß ich nie an den Schranken gerüttelt, ja, daß ich mich, vielleicht einzelne Stimmungen abgerechnet, von ihnen nicht einmal beengt gefühlt habe. So sehr ich mich in jedem halben Jahre nach den Ferien gesehnt und Monat, Tag und Stunde vorausgerechnet hatte, so gern kehrte ich jedes Mal in die Anstalt zurück, wenn sie ausgelaufen waren, und es war immer ein Jubel, mit den alten Genossen wieder zusammenzutreffen und die gemeinsame Fahrt nach der „speciosa vallis“ zu machen.

Nicht daß ich ein Musterschüler, ein Normalzögling mit geradliniger Entwickelung gewesen wäre! Anfangs wandelte ich noch auf dem in der Lateinschule betretenen Wege fort, im Trab des braven fleißigen Schülers, auf welchem das Wohlgefallen des Lehrers ruht, und nach Ablauf der ersten zwei Monate ertheilte mir der Ephorus – ein strenger Mathematiker, karg im Reden und Loben – in einem Briefe an den Vater, der heute vor mir liegt, das Lob des „zarten, guten, lieben, fleißigen Jungen“. Aber es sollte anders werden, und ich betrachte es als ein Glück, daß es anders kam. Ich wurde krank. Einem grippartigen Unwohlsein, das mit mir einen ziemlichen Theil der Zöglinge befiel, trotzte ich mit jenem jugendlichen Uebermuthe, der früher einmal ein heftiges Zahnweh durch stundenlanges Stampfen im kniehohen Schnee glücklich vertrieben hatte, so lange, bis ich nachgeben und das Bett suchen mußte; nach zwei Tagen zeigte sich die Gesichtsrose und wüthete mit solcher Heftigkeit, daß ich dem Tode nahe war. Kaum erstanden und für einen Monat der Arbeit zurückgegeben, zog ich mir dieselbe Krankheit, wenn auch milder, zum zweiten und bald darauf zum dritten Male zu, so daß ich im Ganzen wohl über zwei Monate im Krankenzimmer zubrachte. Das hatte mich aus allem Zusammenhange der Studien gerissen; ich hatte in allen Fächern Lücken und in einigen, wie in der Mathematik, wo kein Ring übersprungen werden darf, wenn nicht alle folgenden unverständlich bleiben sollen, waren sie ohne Privatunterricht, an den Niemand dachte, nie mehr auszufüllen. In Allem zurückgeblieben wurde ich schlaff und gleichgültig; ich unterließ die gehörige Vorbereitung; ich verlor die Lust an den Dingen; ich betrieb Alles nachlässig und ohne Interesse. Was ich arbeitete, geschah aus dem Kitzel des Ehrgeizes, den verlorenen Platz wieder zu erobern, aus dem Stolze des Wissens, der die Demüthigung nicht ertragen konnte, aus Scham vor den Eltern und Geschwistern, denen die niedrigen Zeugnisse vorgelegt werden mußten, mit einem Worte: aus knechtischem Gehorsam. Darum ging die Arbeit nicht vorwärts; es kam ihr von innen heraus Nichts entgegen; es war keine Liebe darin, darum keine Freude dabei. Ich glich jenen Kindern, die immer essen – aber es schlägt nicht an. Alles wurde mir schwer, und es wollte Nichts gelingen. Oft nahm ich in den Freistunden die Collegienhefte mit in den Wald hinaus und las und prägte ein, aber der Stoff wollte nicht haften. Oft betete ich unter Zittern und Zagen zu Gott, daß er meine Anstrengungen mit Erfolg kröne, oft rannte ich vor Zorn über mich selbst mit der Stirn gegen die Wand, aber der Sinn war dumpf und das Herz war leer. Anderthalb Jahre dauerte diese unerquickliche Selbstquälerei.

Aber Gottes Wege mit dem Menschenherzen sind wunderbar. Unter all’ den vergeblichen Anstrengungen, todte Stoffe in sich aufzunehmen, unter all’ den Versuchen eines bloß äußerlichen Anlernens bereitete sich in dem unbefriedigten Geiste eine eigene verborgene Welt des Gemüthes vor, die neben den vorgeschriebenen Studien herlief, an ihnen vorbeiging, sie eine Zeitlang schädigte, um sie nachher um so rascher zu fördern. Das Seminar besaß keine Bibliothek, wenigstens keine, die uns zugänglich war. Außer den Schulausgaben der Classiker, die je in einem Semester getrieben wurden, bekamen wir keine Bücher in die Hand. Aber einige meiner Stubengenossen hatten Stücke aus der neuen Literatur in ihrem Schranke. Der Eine hatte den ganzen Shakespeare in der Tieck-Schlegelschen Uebersetzung, ein Anderer Goethe’s Götz von Berlichingen, Egmont, Hermann und Dorothea, ein Dritter Lessing’s Hamburger Dramaturgie, ein Vierter Uhland’s Gedichte und Wilhelm Hauff’s Novellen wieder Andere das Nibelungenlied oder die Frithjofssage von Tegnér, ja Einer hatte aus den Ferien Herwegh’s eben erschienene Gedichte in Abschrift mitgebracht. Da las ich und las wieder und wieder im Walde und im Zimmer, verarbeitete die Anregungen im Geiste, bewegte die Gefühle im Herzen, hatte die Gestalten immer vor Augen. Das stürmte und drängte im Herzen; das war ein Frühling der Romantik zuerst in leisem, unhörbarem Wehen, dann im vollen Blüthenmeere. Es war in seiner Art auch eine Bekehrung ähnlich Derjenigen, welche uns die „Frommen“ beschreiben, wenn es zum Durchbruch kommt.

In der Frühe eines Sommersonntags, als ich am Fenster stand und den weißen Wolken am blauen Himmel mit sehnendem Auge folgte und die Blicke über den Garten zu den grünen Hügeln schweifen ließ, kam es wie Sturmeswehen über das zagende Herz. O könnt’ ich hinaus, über Berg und Thal zu schweifen, die verborgenen Bergpfade zu wandeln, am Wiesenrande den Wellen des Stromes zu lauschen, den Geruch der Natur mit vollen Zügen zu athmen! Die Glocke läutete zur Kirche; ich folgte träumend und unaufmerksam der Pflicht, aber als das Dormentthor sich endlich öffnete, stürzt’ ich hinaus, und ein ganzer Himmel voll Lust und Schmerz drang auf mich. Wunderbare Zeit, wenn der Geist seine Feuertaufe hält und der gebundene Sinn sich löst und das Herz in sinnlich-übersinnlichem Drange Alles in sich aufnehmen möchte, was groß und schön und heilig ist! Auf dem Gemüth liegt eine göttliche Weihe, die alles Rohe und Gemeine weit von sich weist; über den Dingen ruht ein Zauber, wie der blaue Duft über den Bergen; das Leben ist noch wie ein süßes Geheimniß, weil man noch nicht hinter seine Vorhänge geschaut hat.

Man möchte zuerst allein sein mit seinem Drang, aber bald verbindet man sich mit Gleichgesinnten zu schwärmerischer Freundschaft. Wir traten, etwa zwölf an der Zahl, zusammen und stifteten einen Tugendbund; das griechische Motto: „Wir lieben die Wissenschaft und wir lieben das Schöne“ war unser Wahlspruch. Wir lasen im Waldesschatten die Dichter, auch eigene Versuche vor. Wir sonderten uns von den Uebrigen, die dann auch in gerechter Züchtigung unseres aristokratischen Stolzes, wenn sie uns Arm in Arm daher kommen sahen, zu beiden Seiten Spalier bildeten und uns unter Zischen und hämischen Bemerkungen vorüberziehen ließen. Aber noch schlimmer sollte unser Stolz gezüchtigt werden. Um unserem Bunde durch ein äußeres Symbol Festigkeit zu geben, beschlossen wir, stählerne Fingerringe zu tragen, in welche die geheimnißvollen Buchstaben: G. W. S. (das Gute, Wahre und Schöne) eingegraben wären.

Wir wandten uns also nach Heilbronn an einen Graveur, aber der gab uns in einem groben Briefe zu verstehen, daß wir Narren seien und von unserm Vorhaben abstehen sollten. So früh erfuhren wir schon, daß des Staubes Weisheit oft die Begeisterung, die Himmelstochter, lästert.

Der Kenner des Menschenherzens weiß es zum Voraus, daß bei diesem idealen Sturm und Drang des jugendlichen Geistes auch die Liebe ihre verborgene Hand im Spiele hatte, die alte Zauberin, die ihre geheimen Tränke so frühe schon in des Herzens unnennbares Sehnen gießt. Sie war um so idealer und schwärmerischer, als bei der völligen Abgeschiedenheit unseres Lebens die Gegenstände fast gänzlich fehlten, auf welche sie sich hätte richten können. Als einmal nach Tisch das Seminar seinen Inhalt entleerte und die Massen sich nach allen Seiten vertheilten, die Einen in Gruppen, die Andern für sich allein, begegnete ich einer verschleierten Jungfrau, die auf Besuch zu einem der Professoren kam; da waren alle meine Sinne verwirrt und es war, als hätte mich eine Gottheit im Gehen gestreift; alle Frauengestalten der Dichter, Götzen’s Elisabeth, Egmont’s Clärchen, Hermann’s Dorothea, flossen mir in dieses Eine Bild von Fleisch und Blut zusammen. Es war mir etwa zu Muthe, wie jenem Bauernburschen bei Boccaccio, den der Vater geflissentlich bis zum achtzehnten Jahre von jedem Anblick eines weiblichen Wesens ferngehalten hatte; endlich wagte er es, ihn mit auf den Markt

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Die Gartenlaube (1875) b 388.jpg

Graz und Umgegend.

[389] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [390] zu nehmen. Da kommen des Weges einige schlankgewachsene Jungfrauen; der Sohn zittert vor Erregung: „Wie heißt man diese Dinger, o Vater?“

„Gehen wir schnell vorüber, mein Sohn! Es sind Gänse.“

„O mio carissimo padre, compra una tale papera.“ (O, mein theurer Vater, kaufe mir eine solche Gans!)

Bald sollte mir auf meinem Lebenswege das Frauenbild begegnen, das mich bis zur Schwelle des Mannesalters gefesselt hielt, dem ich über fünf Jahre mit aller Verehrung einer stummen, aber doch verstandenen Liebe anhing, bis es mir feindliche Mächte auf immer verhüllten.

War ich in jenen Jahren fromm? Niemals frömmer, weil der Thau des Himmels niemals frischer und ursprünglicher auf der Seele lag. Wie sollte das Herz nicht fromm sein, das träumt „von Lenz und Liebe, von seliger goldener Zeit, von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit“? Ich betete oft, freilich nur bei schönem Wetter und blauem Himmel, am offenen Fenster des Ganges, welches gegen das Viereck des Klosterhofes schaute. Lebendig sind mir noch die erschütternden Wirkungen, welche die von tiefem religiösem Ernste getragenen Vorbereitungsreden auf mich ausübten, welche Professor Oehler jedesmal vor einem Communionstage Abends an uns richtete, lebendig auch die Schauer, mit denen ich an das mysterium tremendum des heiligen Mahles hinantrat. In den Ferien kam ich dann und wann nach Königsfeld, in die kleine Herrnhutergemeinde, in welcher unsere Familie Bekannte und Freunde hatte. Die Fülle und Sauberkeit, die hier herrschte, der herzliche Ton dieser Frömmigkeit, die innigen Gottesdienste, besonders in der Frühe des Ostermorgens, noch bei Nacht die feierlichen Chorgesänge in der Kirche, dann bei Sonnenaufgang der Gang der Gemeinde zu den Gräbern, die Reden und Gebete daselbst, der schlichte Prediger im einfach bürgerlichen Kleide mit dem freundlichen, herzgewinnenden Worte, das Liebesmahl mit Thee und Semmelbrod – das Alles verfehlte damals seine Wirkung auf das junge Gemüth nicht.

Man muß es den theologischen Seminarien Württembergs nachsagen, daß sie sich vom Geiste pietistischer Zudringlichkeit freigehalten haben – wenigstens damals war es so. In den Fächern, welche sich auf Theologie beziehen, wurde natürlich in Uebereinstimmung mit der Kirchenlehre unterrichtet, aber man wußte von keinem Zelotismus, von keiner gewaltsamen Zurichtung oder Dressur für Confession oder kirchliche Parteizwecke. Zweifel und Verstandeskritik hielt man vom heiligen Gebiete sorgfältig fern. Derselbe Professor Oehler, der unser Auge für die Widersprüche und Unmöglichkeiten in den Königsgeschichten des Livius schärfte, ließ die Abfassung der sogenannten Bücher Mosis durch Moses ruhiggläubig stehen, ohne für sich selbst an Stellen, wie: „damals gab es noch keine Könige in Israel“, oder an der Schilderung des Todes und der Beerdigung des Moses in demselben Buche, das dieser geschrieben haben sollte, Anstoß zu nehmen, geschweige uns Schüler mit einem Finger auf solche Unmöglichkeiten hinzuweisen und so früh unser Denken und unsern Wahrheitssinn zu wecken. Doch konnte alle Sorgfalt nicht verhindern, daß der theologische Zweifel früh schon da und dort durch die Spalte guckte. Einem oder dem Andern unter den Repetenten, die häufig wechselten, ging der Ruf voraus, er sei ein Hegelianer. Ein solcher war mir im Voraus interessanter, als die Anderen; Männer, die von den breitgetretenen, durch lange Uebereinstimmung der Gesellschaft festgesetzten Ansichten abzuweichen wagen, haben eine große Anziehungskraft auf eine strebende Jugend. Es reizte mich wunderbar, wenn Einer derselben, nur wie beiläufig, in seinem Vortrage eine moderne Ansicht mitlaufen ließ. So schrieb ich es mit dicken Buchstaben in mein Heft, als der damalige Repetent, spätere Studien- und Consistorialrath Demmler bei einer Stelle des Herodot die Abstammung des Menschengeschlechts von einem Paare bezweifelte.

Auch die ganze Lebensordnung des Hauses, wie streng sie war, hatte doch nichts Frömmelndes oder methodistisch Zudringliches. Als einer unserer Professoren, der, wie in vielen anderen Dingen, so auch im Pietismus dilettantirte, einen Missionar berief, der, aus Indien zurückgekehrt, unsere Herzen für die Heidenmission bearbeiten sollte und zu diesem Zwecke einen Vortrag im Hörsaale hielt, blieb ich mit zwei Anderen ziemlich demonstrativ weg, ohne daß Jemand gewagt hätte, uns etwas dareinzureden. Die Gunst des Professors hatte man freilich auf immer verscherzt, aber das wollte man eben.

Mit dem Schlusse des zweiten Jahres war mein Klosterkampf zu Ende. Der Druck war weg und der Bann gelöst, der vorher auf Kopf und Herz gelegen war. Unterm 26. September 1842 schreibt der Ephorus an meinen Vater: „Ich hätte Dir, wenn Du Dich bei unserer Zusammenkunft eingestellt hättest, eine vergnügte Miene abnöthigen können, wenn dies überhaupt in der Gewalt eines Sterblichen steht, indem ich Dir über Fleiß und Verhalten Deines Sohnes Dasjenige berichtet hätte, was Du jetzt im Zeugnisse liesest. Ich kann demselben blos beisetzen, daß Dein Heinrich seines Vaters echter Sohn ist – behaftet mit einer Festigkeit, die sich fremdem Willen beharrlich entgegensetzt. So geht er zwar allmählich in die Mathematik ein, aber nicht so, daß er ein fruchtbares und ihn geistig förderndes Studium daraus machte: er mag sie nicht, deshalb behandelt er sie auch – zwar nicht unaufmerksam, aber ohne Interesse.“ Das war noch viel zu mild geurtheilt. Vielmehr haßte ich mit einer gewissen Demonstration die Mathematik als die Feindin, wie ich damals meinte, einer poetischen und idealen Gemüthsstimmung. Im Uebrigen ging mir von jetzt an das Studiren leicht. Es ist im intellectuellen Leben wie im sittlichen: wenn der knechtische Geist vertrieben und die Liebe eingekehrt ist, geht Alles von Statten. Damit war zugleich die Richtung der Studien für immer bestimmt. „Ein Buchgelehrter kann jeder Esel werden“ – das war mir jetzt aus der Seele gesprochen. Das Wissen, das aufbläht, hatte den Reiz für mich verloren. Welchen Platz ich auf den Bänken neben meinen Mitschülern einnehme, welche Note ich beim Examen erhalte, war mir von jetzt an sehr gleichgültig. Ich betrachtete es als einen höheren Ehrgeiz, ein normaler Mensch als ein normaler Gelehrter zu werden. Ich sah Alles, was ich trieb, darauf an, welchen Beitrag es an die Bildung des ganzen Wesens abgeben könne, wie weit es sich in das Fleisch des Denkens, in das Blut des Charakters aufnehmen lasse. Was sich hierfür nicht geeignet zeigen wollte, wie z. B. die Geographie, ließ ich gleichgültig liegen, ohne mir darum Sorge zu machen.

Die meisten Bildungsstoffe, die man uns bot, und zwar gerade diejenigen, auf welche der größte Werth gelegt wurde, waren übrigens außerordentlich geeignet, den inneren idealen Bildungstrieb zu wecken und zu nähren. Da waren ja die lieben Classiker wieder, die griechischen und römischen, in vortrefflicher Auswahl und Stufenfolge. Homer, Herodot, Xenophon, Livius und Julius Cäsar (der gallische Krieg), Virgil’s Aeneïde waren vorbei; ich hatte leider mehr Verdruß, als Freude dabei gehabt und wenig Gewinn gezogen. Aber nun kamen für die zwei letzten Jahre Thucydides, Demosthenes, Sophokles, Plato, im Lateinischen Cicero, Horaz, Tacitus, und zwar von allen diesen Schriftstellern nicht nur einzelne Bruchstücke, sondern von jedem etwas Rechtes und Ganzes, woraus man ihn und seine Zeit wirklich kennen lernte, so von Demosthenes die drei Philippiken, die drei olynthischen und die Rede um die Bürgerkrone, von Sophokles König Oedipus, Antigone, Philoctet, von Plato einige kleinere Dialoge, die Apologie des Sokrates und Phädon, von Cicero die beiden philosophischen Untersuchungen über die Natur der Götter und über den Redner, sodann die bedeutenderen seiner Reden (die beiden ersten hätten ohne großen Schaden wegbleiben dürfen, wenn man die weit bildenderen und interessanteren Briefe an ihre Stelle gesetzt hätte). Da trat die antike Welt in ihren höchsten und reinsten Schöpfungen vor den jugendlichen Geist, ein Verwandtes vor das Verwandte, die antike Welt mit ihrem gesunden Realismus, über dem aber noch der Thau einer phantasievollen und naiven Jugendzeit liegt, mit dem scharfen Auge für die Wirklichkeit der Dinge, das aber eben diese Dinge zu gleicher Zeit so schön anschaut und idealisirt, mit der reizenden Verbindung von Philosophie und Poesie, wie sie einem Jugendzeitalter eigen ist, in welchem die Kräfte und Thätigkeiten des Geistes noch nicht streng gesondert sind; mit einer Kunst, an welcher die schlichte Natürlichkeit und Einfachheit der größte Vorzug ist, mit einer Sitte und Bürgertugend, wie sie in keinem andern Zeitalter größer und reiner geleuchtet hat.

Man muß freilich die sprachliche Vorbereitung mitbringen, [391] die wir uns vom achten Jahre an in unseren gelehrten Anstalten erworben hatten, um den rechten Gewinn für Geist und Charakter aus dieser herrlichen Welt der Alten zu ziehen. Aber dann begreift man auch, wie ihre Wiedererweckung vor vierthalbhundert Jahren den Anstoß gab zum Sturze der theologischen Barbarei des Mittelalters, und zugleich wie Einem, der einmal mit Freude und Verständniß in dieser Luft geathmet hatte, die ähnliche Scholastik der rechtgläubigen protestantischen Theologie fast unmerklich und kampflos wie mürber Zunder vom Leibe fiel.

Von den Professoren war Oehler, der Orientalist, ausgezeichnet, als Mensch unbehülflich und eckig, als Theologe beschränkt, als Kirchenmann eifriger Pietist, aber als Lehrer in allen Fächern vortrefflich und gründlich, sei’s daß er Hebräisch oder Religions- und Kirchengeschichte oder Livius und Demosthenes oder Logik und Psychologie erteilte. Leider läßt sich das Gleiche von seinem Collegen nicht sagen, der vielmehr, zwar talentvoll, aber ohne alle Zucht des Gedankens und Charakters, mit Allem spielte, was er trieb. Die volle Hälfte der Thucydidesstunde z. B. verdarb er uns damit, daß er, anstatt den Schriftsteller mit uns zu lesen, die Reime und Knittelverse dictirte und auswendig lernen ließ, in welche er die Regeln der griechischen Sprache gebracht hatte. Ebenso setzte er die Weltgeschichte in lateinische Hexameter (der Anfang ist mir heute noch gegenwärtig: Adam, Seth, Enos, Kenan, Mahalaleel, Jared) und in ungereimte Formeln, mit denen er unseren armen Kopf plagte. Dieser ganzen Tändelei und geistigen Zerfahrenheit gegenüber befand ich mich in einer immerwährenden stillen Opposition und Verachtung, welche übrigens die Wurzeln des Geistes und Charakters vielleicht mehr genährt hat, als es der beste Unterricht im Stande gewesen wäre.

Zum Ersatz für das, was hier fehlte, fiel mir im letzten Jahre ein Schriftwerk in die Hand, dessen Einfluß auf meine ganze geistige Entwickelung ich nicht hoch genug anschlagen kann. Der damalige Repetent, der heutige Kanzler der Universität Tübingen, Rümelin[1], hatte der Classe, die uns vorangegangen war, in ihrem letzten Jahre, vor dem Abgange zur Universität, ein Heft dictirt, in welchem die Weltgeschichte im Geiste der „Philosophie der Geschichte“ von Hegel als der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit, zugleich als das sich mit innerer Nothwendigkeit vollziehende Weltgericht dargestellt wurde. Das war kein Aufschichten von gleichgültigem Stoff, kein Sammelsurium von Anekdoten, kein Aufzählen von Namen und Schlachten, das war ein Kunstwerk, in welchem das Einzelne, soweit es von Bedeutung war, zu seinem Rechte kam, aber in das Licht der leitenden Idee erhoben. Da gingen der Orient, Griechenland und Rom, das Christenthum und das Germanenthum, das Mittelalter, die Reformation, die französische Revolution als die natürlichen Entwickelungsstadien der sich bildenden und reifenden Vernunft an der Betrachtung vorüber und wurden nach dem Beitrag, den sie an diese Arbeit der Geschichte abgegeben hatten, gewerthet.

Dieses Heft hatte mein Bruder in dem Pulte, das ich erbte, bei seinem Abgange zur Universität zurückgelassen, und das studirte ich nun gründlich. Da war Hegel in nuce, von seinen vielen Mängeln und Einseitigkeiten befreit durch die Verarbeitung eines grundgescheiten, klaren Kopfes und eines guten Schriftstellers. Was an der Hegel’schen Philosophie wirklich fruchtbringend und einflußreich gewesen ist, die Betrachtung des Weltganzen unter dem Gesichtspunkte einer stetigen und organischen Entwickelung, das hatte ich auf diese Weise längst losbekommen, ehe ich die Universität betrat; es wog ganze Bände verworrener und ungenießbarer Formeln auf, an denen ich mir später nutzlos den Kopf zerbrach.

Das Kloster hatte seine Pflicht gethan. Freundlich streckte die alma mater in Tübingen ihre Arme nach den harrenden und sehnenden Zöglingen aus. Es war freilich wieder eine Art Kloster, was uns winkte, das sogenannte Stift, aber doch etwas näher an des Lebens Quellen, etwas näher an den Brüsten der Wissenschaft.




Blätter und Blüthen.


Zur Feuerbestattungs-Frage. Wenn vielfach, und namentlich von amtlicher Seite her, gegen die Einführung oder Gestattung der Leichenverbrennung der Einwurf sich geltend macht, es würde der Justiz durch die Unmöglichkeit der Wiederausgrabungen ein wichtiges Mittel zur Feststellung von Verbrechen entzogen, so weisen jetzt die Widersacher der Friedhöfe darauf hin, daß durch die gesetzliche Einführung einer gründlichen Leichenschau eine volle Gewißheit über die Todesursachen schon vor der Hinwegschaffung der Verstorbenen erlangt und dadurch jenes traurige Geschäft der gerichtsärztlichen Thätigkeit überhaupt unnöthig gemacht werden könne. Ein von Wegmann-Ercolani in Zürich autographirt herausgegebenes „Internationales Correspondenzblatt zur Förderung der Feuerbestattung“ bemerkt neuerdings in dieser Hinsicht: „Wir werden doch nicht hinter der Sicherheit der englischen Todtenschauer (Coroner) zurückstehen, die auf eine bezügliche Anfrage erklärt haben, daß sie ohne Bedenken jede Leiche verbrennen lassen würden, deren Beerdigung sie bewilligt hätten?“ Auch in Amerika wird es mit der Feststellung der Todesursachen vor der Beerdigung sehr genau genommen, und der dortige Todtenschein enthält ein Fragenschema, dessen Beantwortung dem Arzte obliegt, der es dem mit dem Civilstandsregister betrauten öffentlichen Notar einzureichen und zu beschwören hat. Das Schema lautet:

„1. Wie lange haben Sie den Verstorbenen gekannt? 2. Welches war sein Beruf, seine Beschäftigung zur Zeit seines Todes? 3. Ort und Datum der Geburt? 4. Ort und Datum des Todes? 5. Geben Sie Namen und Beschreibung der letzten Krankheit des Verstorbenen an. 6. Wie lange war er krank? 7. Datum Ihres ersten Besuches? 8. Datum Ihres letzten Besuches? 9. Was für eine Krankheit war die unmittelbare Todesursache? 10. War der Verstorbene Ihres Wissens mit noch irgend einer acuten oder chronischen Krankheit behaftet? 11. Wenn ja, so bezeichnen Sie das Uebel, und wie lange er daran gelitten. 12. Ebenso ob dasselbe seinen Tod herbeigeführt oder beschleunigt hat. 13. Welches waren die allgemeinen Symptome, welche sich im Fortschreiten der Krankheit zeigten? 14. Lag irgend ein specieller Grund (älteren oder jüngeren Datums) für den Tod in den Gewohnheiten, in der Beschäftigung, in der Wohnung, in den persönlichen Erfahrungen oder Familienerlebnissen des Verstorbenen? 15. Wurde der Tod herbeigeführt durch ältere, oder unmittelbar vorangehende Vergiftung, durch gerichtliche Execution, durch Selbstmord oder Duell? 16. Hat eine Section stattgefunden? Wenn ja, geben Sie den Obductionsbericht. 17. Wie lange sind Sie der Hausarzt des Verstorbenen gewesen? 18. Welches war sein wirkliches oder scheinbares Alter?“

Die oben genannte „Correspondenz“ bemerkt hierzu: „Wir denken, es dürfte noch ein Theil dieser Fragen wegfallen, und wenn der Rest mit Gewissenhaftigkeit und Sachkenntniß beantwortet wird, so wird wohl die Verbrennung einer Leiche genügend gedeckt sein. Zu bemerken ist, daß auch die Lebensversicherungsgesellschaften bisher in keiner Weise der Agitation für die Feuerbestattung entgegen getreten sind, weil sie eben durch die gleichzeitig mit derselben zu erzielende genauere Behandlung der Krankheits- und Todesberichte ein besseres statistisches Material zu erhalten glauben.“ Wir theilen diese Gründe wider einen oftmals erhobenen und Vielen ganz besonders einleuchtenden Einwand mit, ohne hier entscheiden zu wollen, ob die bezeichneten und jedenfalls empfehlenswerthen Anordnungen wirklich in allen Fällen eine ausreichende Bürgschaft geben und in England und Amerika die gerichtlichen Wiederausgrabungen überflüssig gemacht haben.





Lehrer, Organist und Küster. Da wir uns hoffentlich der Zeit rasch nähern, wo der Lehrer nur Lehrer und nicht, wie leider bisher häufig, auch Organist und Küster zu sein braucht, erlaube ich mir, um die Nothwendigkeit hier einschlagender Reformen auch meinerseits zu beleuchten, zu diesem Thema eine der Wirklichkeit entnommene Illustration zu liefern.

R....e, ein kleiner Platz im Sauerlande, zählt ungefähr tausend Einwohner und besitzt nur eine einclassige Elementarschule, der ein fast siebenzigjähriger Lehrer vorsteht. Die Schule wird von hundertachtzig Kindern besucht, und der Lehrer bezieht einen Baargehalt von achtundsiebenzig und zwei Drittel Thalern, das heißt jedes Kind bezahlt zwanzig Silbergroschen Schulgeld.

Der Lehrer ist aber nicht nur Lehrer, sondern auch Organist und Küster. Dem Stundenplane gemäß beginnt die Schule Morgens um acht Uhr und soll bis zwölf Uhr währen. Aber sehen wir zu, wie es in Wirklichkeit um die Dauer der Schulzeit steht. Es ist Montag. Die Schule kann heute nicht um acht Uhr beginnen; denn es findet ein Begräbniß statt. Die Leiche wird aus dem eine Stunde entfernten Sterbehause um halb neun Uhr, oft auch später, gebracht und dann beerdigt. Der Lehrer, der hier den Küsterdienst verrichtet, muß bei dem nun folgenden Gottesdienste den Organistendienst versehen. Bis nun der Unterricht beginnen kann, ist es zehn oder halb elf Uhr geworden. Aber der Lehrer, der, wie gesagt, ein fast siebenzigjähriger Greis ist, fühlt sich von der fast zweistündigen Anstrengung sehr ermüdet, und was nun aus dem Unterrichte wird, kann man sich leicht denken.

Dienstag. Die Schule beginnt. Nachdem sie vielleicht eine Stunde gedauert, klopft Jemand. Auf das „Herein“ des Lehrers tritt die Magd des Pfarrers ein: „Herr Lehrer, Sie möchten rasch mit zum Kranken kommen.“

Der Lehrer muß die Schule schließen, denn der Kranke verlangt die Tröstungen der Religion. Aufgeschoben kann diese Handlung nicht werden, also muß die Schule wieder zurückstehen.

Mittwoch. Es findet eine Trauung statt und der Lehrer muß den Organisten- und Küsterdienst versehen. Die Schule beginnt um halb elf Uhr.

Wenn nun am Donnerstage womöglich noch eine Kindtaufe hinzukommt, [392] welche, wenn auch nicht so lange Zeit, so doch eine längere Störung des Unterrichts erfordert, so kann man sich denken, was in der Schule geleistet wird. Da aber eine Schullehrerfamilie, die, wie hier, aus zwölf Personen besteht, unmöglich von achtundsiebenzig und zwei Drittel Thalern jährlich leben kann, so vergütet man obengenannte Leistungen mit Victualien, wie Brod, Butter, Eiern, Fleisch etc. Für jede Leistung ist ein bestimmtes Quantum festgesetzt, daß gewiß nicht überschritten wird und dessen Qualität sehr häufig viel zu wünschen übrig läßt. Gott bessere diese Zustände!

R. in Hagen.




Don Alfonso’s Residenz. (Mit Abbildung S. 388 und 389.) Es kommt häufiger vor, als man wohl glauben möchte, daß die öffentliche Aufmerksamkeit auf einen Ort, der längst eine selbstständige Bedeutung erlangt hat, plötzlich durch ein Ereigniß zufälligster Natur ganz besonders hingelenkt wird. Daß die jüngsten Ereignisse in der steierischen Landeshauptstadt uns eine solche Erscheinung zur Anschauung gebracht haben, wird Jedermann zugeben.

Das alte liebe Pensionirten-Paradies (Pensionopolis nennt es der Volkswitz) an der Mur, die frische deutsche Stadt Graz oder Grätz, ist durch einen fürstlichen Scandal mit einem Male in ein weit lebhafteres Zeitungsgeschrei gerathen, als dies seit Jahren und bei wirklich würdigeren Gelegenheiten der Fall war. Denn wer denkt nicht gern heute noch an jene Tage der grünen Steiermark, wo vor den Volksabgeordneten in der Landstube des „Landhauses“ zu Graz der tapfere Moritz von Kaiserfeld und Rechbauer „dem Regimente der Reichsverderber“ ihre Proteste entgegenschleuderten? Das war eine Erhebung der Geister, aber wie bald ging sie vorüber! – Heute ist’s eine andere Mahnung des Landhauses, deren Nichtbeachtung die Stadt in so lebhaften Tagesruf bringt; beim Portale rechts ist’s deutlich zu lesen, daß man allhier „nicht rumohren“ soll. Weil aber die Grazer diesem Gebote ihres alten Landhauses nicht folgten, so haben sie nun dafür die urplötzliche Weltberühmtheit.

Wir stehen nicht an, die brave Stadt wegen ihres jüngsten öffentlichen Erlebnisses aufrichtig zu bedauern. Als der Grazer Gemeinderath die Niederlassung des nicht blos von den spanischen Gerichten, sondern von der ganzen gebildeten und ehrenhaften menschlichen Gesellschaft verurtheilten und ausgestoßenen Prinzen Don Alfonso nebst ebenbürtiger Gemahlin aus Rücksicht auf die öffentliche Ruhe und Ordnung mittelst eines Gemeindebeschlusses auf Grund des Gemeindegesetzes zu verhindern suchte, schwebte ihm wohl die Möglichkeit vor, daß ein in solcher Weise, von einer ganzen Stadt Zurückgewiesener, Ehrgefühl genug haben müsse, um sich nicht dort trotzalledem einzudrängen. Das war freilich verrechnet! Im Gegentheil: die Brutalität freute sich der Gewalt, die im Namen der Ordnung für sie eintreten mußte. Aber die Verachtung, welche an jedem ihrer Schritte hängt, spürt sie doch, und Das ist wenigstens einige Genugthuung für die allzu heißen jungen Herzen, welche von einer allzu kalten Gerechtigkeit dafür gemaßregelt worden sind.

Wenn aber diese Alfonso-Krawalle auch nur Einiges dazu beitragen, von dem großen tausendarmigen Strome der Reisenden einen stärkeren Arm nach Graz zu lenken, so hätte ja dieser Handel sogar sein Gutes gehabt. Graz verdient es, recht Vielen ein lieber Ort zu werden. Wer einmal in den wundervollen Baumgängen des Schloßbergs gewandelt ist, wer den Rundblick von dessen Höhe genossen und dann drunten beim Volke an den gemüthlichen Stammtischen ausgeruht, der sehnt sich immer wieder zurück nach dem fröhlichen Pensionopolis an der Mur. Eben deshalb soll unsere Abbildung sammt diesen Begleitworten nur der Vorläufer für eine ausführlichere Schilderung unseres Gegenstandes sein.




Evangelische geistliche Journalistik in Westfalen. In einer der letzten Nummern der „Gartenlaube“ ist von den Geschichtsfälschungen ultramontaner Blätter die Rede. Daß auch evangelische Geistliche in dieser Beziehung Bedeutendes leisten, das beweisen zwei in der Provinz Westfalen erscheinende evangelische Kirchenblätter. In dem „Schwelmer Gemeindeblatt“ (Nr. 13 des vorigen Jahrganges) macht Pastor Körner in Schwelm den Versuch, Luther’s bekannte Stellung zur bürgerlichen Eheschließung abzuleugnen und die Geschichte seiner Eheschließung zu entstellen durch das fromme Märlein, daß Katharina von Bora nach vierzehn Tagen, nachdem sie mit Luther „ganz in kirchlicher Form getraut“ und „verehelicht“ und nachdem Luther nach seinem eigenen Zeugnisse ihr „Ehemann“ geworden, eine „Braut“ und „Jungfrau“ geblieben sei. – Der „Westfälische Hausfreund“ aber berichtet in Nr. 43 des vorigen Jahrganges, daß viele fromme Leute aus den verschlossenen und wohlerhaltenen Särgen bald nach ihrem Tode auferstanden seien. Der „Westfälische Hausfreund“ schreibt nämlich wörtlich: „So berichtet der selige Oetinger, ein echter Mann Gottes, er sei bei schweren Anfechtungen gern zum alten Commandanten Rieger … auf den Hohenasperg hinaufgestiegen, dessen kräftiges Gebet ihn immer wieder bald zurecht gebracht. Ein Jahr nun nach Rieger’s Tod wurde aus irgend einem Grunde in der Kirche, wo er begraben worden, ein Bau vorgenommen, wobei sein Grab zufällig geöffnet werden mußte … und zum großen Entsetzen der Arbeiter und aller Anwesenden wurde der noch völlig wohl erhaltene und verschlossene Sarg ganz leer gefunden. Oetinger aber sprach: ‚Wißt Ihr denn nicht, daß es eine erste Auferstehung der Gerechten giebt?‘ Auch der (noch lebende) treffliche und wohlbekannte Prälat K.… erzählt Aehnliches, was sich noch nicht gar lange zugetragen: Ein sehr frommes Mädchen wurde begraben, die Gruft aber bald wieder geöffnet, da dann die Leichtigkeit des Sarges auffiel und er geöffnet wurde. Hier nun fanden sich sehr bald darauf zwar die rosenfarbenen Schleifen und die künstlichen Blumen … unversehrt vor, die Leiche selbst aber und das Leichenhemd waren spurlos verschwunden. Auch sonst hörte man in jenem (?) deutschen Lande alte Leute erzählen: Bei solchen stillen und frommen Leuten habe man gelegentlich das Grab geöffnet und den Sarg leer gefunden.“

In Nr. 47 des vorigen Jahrganges liefert dann der „Westfälische Hausfreund“ gleichsam als Nachtrag noch die Erzählung: „Die Träger, welche den Sohn Zinzendorf’s, den Christian Renatus, zu Grabe getragen, hätten plötzlich bemerkt, daß der Sarg ganz leicht geworden sei.“ (Hier fand also, wie es scheint, die Auferstehung schon vor der Beerdigung statt; Näheres scheint der „Westfälische Hausfreund“ darüber nicht in Erfahrung gebracht zu haben.)




Noch ein Vermißter. Es geht uns aus Wendtshof an der Oder folgender Brief zu:

„Hier im Orte lebt ein alter Hirt, dessen einziger Sohn und gleichzeitig seine Stütze, Karl Luckow, den letzten Feldzug als Husar bei der dritten Escadron des brandenburgischen Husaren-Regiments (Ziethen-Husaren) Nr. 3 (2. Armee, 6. Division, 15. Cavallerie-Brigade) mitmachen mußte.

Am 27. August 1870 bekam der alte Luckow eine einfache ‚Feldpost-Correspondenzkarte‘ zugeschickt, auf der mit Bleistift folgende Nachricht verzeichnet war:

‚Hierdurch benachrichtige Sie, daß Ihr Sohn Luckow seit dem 16. d. Mts. vermißt ist.

Bivouac bei Doncourt, d. 21. 8. 70. Schultz,

 Wachtmeister der 3. Escadron.‘

Etwas Näheres hat der alte Mann niemals über seinen Sohn erfahren, er hofft aber, da ihm von dem Regimente weder Todtenschein noch etwas Anderes zugegangen, noch immer, daß sein Sohn irgendwo auftauchen werde. Möglicher Weise ist er, verwundet und gefangen, in Metz gestorben.

Da mich der alte Luckow dieser Tage mit dem Obigen bekannt machte und ich aus Erfahrung weiß, daß die Gartenlaube durch ihre große Verbreitung in vielen Fällen Aufklärung in ähnlichen Lagen gebracht, so erlaube ich mir im Namen des alten Vaters die ergebene Bitte auszusprechen, in einer der nächsten Nummern einen Aufruf zu erlassen, dahin gehend, ob einer der Regimentscameraden den Husaren Karl Luckow am 16. August hat fallen oder gefangen nehmen sehen.

Der alte Mann stützt auf diese meine Bitte seine ganze Hoffnung, um endlich von dieser peinlichen Ungewißheit über das Schicksal seines Sohnes erlöst zu sein.

 Mit aller Hochachtung ergebenst.

W.“




Ein illustrirter Hausschatz von hervorragender künstlerischer Bedeutung ist die jüngst bei Georg Wigand in Leipzig erschienene Luther’sche Bibelausgabe mit Illustrationen von Julius Schnorr von Carolsfeld. Wenn das in demselben Verlage herausgekommene so berühmt gewordene Werk des nunmehr verewigten Meisters Schnorr „Die Bibel in Bildern“ sich, was den Text betrifft, lediglich auf kurze Citate aus der heiligen Schrift beschränkt, so daß dort das Wort als dem Bilde untergeordnet erscheint, so bietet uns das neue Werk den vollen Wortlaut der Bibel alten und neuen Testaments und mindert die Zahl der hier in verkleinertem Maßstabe in den Text hineingedruckten trefflichen Holzschnitte, welche dort zweihundertvierzig beträgt, auf einhundertvierzig ab. Das dankenswerthe Unternehmen erfüllt seine Aufgabe, dem deutschen Bibelleser die Hauptmomente der christlichen Glaubensurkunden durch künstlerisch ausgeführte Illustrationen sinnlich zu veranschaulichen, in genialer Weise und eignet sich daher als ein Werk echt deutschen Kunstgeistes besonders zum Festgeschenke bei Confirmationen und anderen feierlichen Familienereignissen; es möge hiermit der Beachtung auf’s Wärmste empfohlen werden.




Zwei Anfragen. 1) Giebt es in Deutschland einen Ort mit einer Versorgungsanstalt für das vereinsamte Alter, dessen Zugänglichkeit zwar an eine Eintrittssumme, aber nicht an das Ortsbürgerrecht geknüpft ist? Es wenden sich so häufig kinderlose alte Männer und Frauen mit dieser Frage an uns, daß eine ausführliche Beantwortung derselben sich vielen Dank verdienen würde.

2) Ist immer noch kein Instrument erfunden und bewährt, das den Schwerhörigen auch nur annähernd dieselben Dienste leistet, wie den Kurz- und Schwachsichtigen ihre Augengläser? Was bisher durch Herstellung von größeren oder kleineren Hörmuscheln und dergleichen geboten wurde, ist nach Aussage der namhaftesten Vertreter der Ohrenheilkunde, wenigstens zweifelhaften Werthes, jedenfalls theils zu groß, theils zu klein. Sollte sich’s anders verhalten und ist eine Vorrichtung vorhanden, welche die Nachtheile der großen Hörrohre vermindert und die Mängel der kleinen handlichen Muscheln ergänzt, so wäre eine gut begründete Mittheilung an diesem Orte eine sehr dankenswerthe Gabe und sicherlich manchem Leser dieser Blätter erwünscht.




Berichtigung. In einem Theile der Auflage unserer Nr. 21 ist in dem Artikel „Plaudereien aus Rom“ von Hermann Oelschläger auf Seite 350, sechsundzwanzigste Zeile von unten statt „zierlichen“ Malereien Michel Angelo’s zu lesen: „göttlichen“.



Kleiner Briefkasten.

Abonnent in Springfield, Mass. Nach dem zwischen dem deutschen Reiche und den Vereinigten Staaten abgeschlossenen Vertrage sind in einem der beiden Staaten Geborene, welche in dem anderen fünf Jahre naturalisirt sind und während dieser Zeit ihren Wohnsitz wesentlich in demselben hatten, als Angehörige des letzteren zu betrachten. Sind Sie also seit mindestens fünf Jahren amerikanischer Staatsbürger, so werden Sie bei etwaiger Rückkehr nach Deutschland hier als solcher angesehen und haben nur die Rechte, aber auch die Verpflichtungen, welche Deutschland dem Ausländer gegenüber zugesteht und beansprucht.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Verfasser der bekannten Shakespearestudien.

Anmerkungen (Wikisource)