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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1875
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1875) 393.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[393]

No. 24.   1875.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennige. – In Heften à 50 Pfennige.



Zwei Diener.
Eine Hofgeschichte aus der Patriarchalzeit.
(Fortsetzung.)


Die Comtesse unterbrach ihre Rede plötzlich, weil sich inzwischen die Thür des kleinen Vorsaals ein wenig öffnete und durch den Spalt Frau Weiß in das Zimmer blickte.

„Nun, Frau Weiß, was giebt es? Ich wünsche nicht gestört zu werden.“

„Ich möchte nur unterthänigst melden, daß Fräulein von Straff im Garten ist,“ berichtete die Kammerfrau. „Die Dame scheint mir sehr aufgeregt zu sein. Zweimal schon ging sie nach diesem Pavillon, als wollte sie hier eintreten, und beide Male kehrte sie doch wieder um. Jedenfalls werden ich das Fräulein abweisen, wenn sie noch zum dritten Male kommt.“

„Fräulein Hulda kommt nur heute wahrlich recht ungelegen,“ sagte die Comtesse, die während des Berichtes aufgestanden war und sich dem Vorsaale genähern hatte. „Aber wenn das Fräulein so aufgeregt ist, so möchte ich die Aermste doch nicht gern zurückweisen, ohne sie gehört zu haben. Wer kann wissen, was sie betroffen hat, und ob sie nicht unser bedarf.“

„So soll ich also –“

„Ich will das Fräulein hier im Vorsaale empfangen,“ entschied die hohe Dame nach kurzem Ueberlegen. „Einem oder dem Anderen meiner lieben Gäste könnte ein Zusammentreffen mit Fräulein von Straff vielleicht unerwünscht sein.“

Das kluge Auge der Comtesse ruhte bei diesen auffällig langsam gesprochenen Worten mit einem besonders forschenden Ausdrucke auf dem Gesichte des Junkers. Kurt bemerkte dies wohl, vermochte aber die Bedeutung des Blickes nicht zu ermessen.

„Unsere Wünsche können für Euer Erlaucht nicht maßgebend sein,“ entgegnete er. „Wir werden das Zimmer verlassen, um nicht zu stören.“

Bei diesen Worten erhob sich Kurt und schritt mit seiner Dame nach dem vorderen Eingange des Pavillons.

„Nein, bleiben Sie,“ bat die Comtesse, deren Bedenken bei dieser Unbefangenheit des Paares ebenso rasch verschwand, wie es gekommen war. „Frau Weiß, ersuchen Sie das Fräulein näher zu treten!“

Einen Augenblick später betrat Hulda von Straff den kleinen Vorraum des Pavillons.

„Ich bitte unterthänigst um Verzeihung, wenn mein Kommen Euer Erlaucht irgend wie unbequem sein sollte,“ sagte sie nach einer streng vorschriftsmäßigen Verbeugung. „Nur eine Angelegenheit, die für mich von besonderer Wichtigkeit ist, konnte mich zu diesem kühnen Schritte bewegen.“

„Beruhigen Sie sich, mein liebes Fräulein!“ entgegnete die hohe Dame mit gewohnter Leutseligkeit. „Theilen Sie mir Ihr Anliegen mit! Kann ich irgendwie helfen, so geschieht es von Herzen gern.“

„Ich kam hierher, weil man mir gesagt hatte, ich würde den Jagdjunker von Holderbusch und Demoiselle Hartmann hier treffen; denn diese vor Allem betrifft mein Anliegen.“

Die Comtesse war über diese Mittheilung von Neuem betroffen. Wer konnte der Dame verrathen haben, daß das junge Paar hier im Garten sei, und was beabsichtigte sie selbst? Eine heftige Scene zwischen Hulda und dem Junker mußte um jeden Preis vermieden werden.

„Woher wissen Sie, daß die jungen Leute hier sind?“

„Durch unsern Diener Johann. Ich bitte Euer Erlaucht dringend, auf Niemand sonst Verdacht werfen zu wollen.“

„Das ist mir lieb. Darf ich noch erfahren, welche Absichten Sie bei dieser Begegnung mit dem Junker haben können?“

„Herrn von Holderbusch suche ich nicht, sondern nur seine – seine Braut,“ erklärte Hulda, indem sie ein zerknittertes, rosafarbenes Papier zum Vorschein brachte. „Ich möchte die Demoiselle nur fragen, ob sie jemals von meinem Vater einen Brief dieses Inhalts erhaltet hat.“

Die Comtesse überlas das zärtliche Schreiben des Präsidenten flüchtig und gab es dann dem Fräulein von Straff zurück.

„Ich kann Ihnen an der Stelle der junge Dame versichern, daß allerdings ein Schreiben dieses Inhalts an Fräulein Anna Hartmann gelangt, aber von ihr ablehnend beantwortet worden ist,“ sagte sie dann. „Genügt diese Erklärung für Ihre Wünsche?“

„Nicht völlig, Erlaucht,“ entgegnete Hulda, welche sichtlich mit ihrer Aufregung rang. „Ich möchte wenigstens, daß Euer Erlaucht der Demoiselle mittheilen, sie möge sich ihr junges Glück niemals durch Ränke und Verleumdungen verkümmern lassen.“

„Wie soll ich das verstehen, Fräulein von Straff?“

„Erlaucht werden über meine Worte kaum in Zweifel sein können. Man hat zu meinem Verdrusse meinen Namen geflissentlich mit dem des Junkers in Verbindung gebracht und hierdurch dem Herrn von Holderbusch zu schaden gesucht. Das aber will ich nicht, und deshalb erkläre ich offen, daß mir der Junker jederzeit ebenso gleichgültig gewesen ist, wie ich ihm.“

„Ich danke Ihnen für diese Mittheilung von ganzem Herzen; denn sie beseitigt meine letzten Bedenken.“

[394] „Noch Eines,“ fuhr Hulda fort. „Ich suchte meinen Vater, um von ihm selbst Aufklärung über dieses Schreiben zu verlangen. Auf dem Wege hierher habe ich unseren erlauchten Herrn gesehen. Erlaucht schien nach diesem Garten gehen zu wollen.“

„Wie? Mein Bruder?“

„Ja, Erlaucht werden in wenigen Augenblicken hier sein. Die Besichtigung des jungen Pferdes in der Reitbahn kann nur kurze Zeit dauern.“

„Nehmen Sie auch hierfür meinen besten Dank, doch gestatten Sie zugleich, daß ich mich schleunigst zurückziehe, um – ja, um die Vorbereitungen zum Empfange meines Bruders zu treffen.“

Die junge Dame verließ nach einer tiefen Verbeugung das kleine Vorzimmer, die Comtesse aber kehrte mit hastigen Schritten in das Innere des Pavillons zurück.

„Sie dürfen zu meinem Bedauern hier nicht bleiben,“ sagte sie zum Junker und seiner Dame gewendet. „Wie ich höre, kommt mein Bruder. Wenn er Sie hier trifft, so ist unser ganzer Plan gefährdet.“

„Aber wohin sollen wir fliehen, Erlaucht? Ich sehe keinen Ausweg.“

„Geschwind in meine Küche!“ drängte Frau Weiß. „Wenn dann unser Herr hier im Zimmer ist, führe ich Sie hinten hinaus, und Sie gehen auf der Walltreppe aus dem Garten. Sobald die Herrschaften in Sicherheit sind, lasse ich ein Blechgeschirr in der Küche fallen. Erlaucht wissen dann, daß die Flucht gelungen ist. Nur geschwind!“

Es bedurfte keiner weiteren Mahnung zur Eile, denn schon ließ sich ein fester Schritt draußen auf dem knirschenden Kieswege vernehmen, und kaum hatte sich die Küchenthür hinter dem jungen Paare geschlossen, als auch schon der Graf, von seinem getreuen Tyras gefolgt, den Pavillon betrat.

„Guten Tag, Lottchen!“ sagte er, indem er der Schwester die gebräunte Hand entgegenstreckte. „Darf ich mich auch heute zum Kaffee bei Dir einladen, oder wird Deine Frau Weiß über diese Ueberrumpelung allzusehr zanken?“

„Welche Frage! Du bist mir, wie immer, willkommen, Max,“ entgegnete die Comtesse, die sich rasch gefaßt hatte. „Aber bitte, rufe Deinen Hund von der Küchenthür zurück, daß er mir nichts von meinen kleinen Herrlichkeiten umwirft und verdirbt.“

„Hierher, Tyras, und leg’ Dich! Was hast Du an der Thür zu schnuppern? Nimm’s nicht übel, Charlotte, daß ich den Hund mitbringe! Du weißt –“

„Daß Du nicht ohne Deinen Tyras leben kannst. O ja, das weiß ich.“

„Weißt Du auch, worüber ich mich gerade jetzt wundere?“ fuhr der Graf nach einem raschen Blicke durch das Fenster fort. „Ueber Deine Prophetengabe, Lottchen. Ich sehe dort das Kaffeegeschirr für mehrere Personen. Wie hast Du ahnen können, daß ich kommen würde? Oder erwartest Du andere Gäste?“

„Ich erwarte jetzt Niemand mehr. Ich dachte nur, Du könntest Deine heutige Ablehnung bereuen, und so ließ ich den Kaffee auch für Dich bereiten.“

„Aber ich sehe da drei Tassen, Lottchen.“

„Fräulein von Straff wird Dir begegnet sein. Sie litt an Migräne und kann mir deshalb nicht Gesellschaft leisten.“

„Vortrefflich! Ich liebe dieses hochmüthige, ewig eiskalte und steife Fräulein ebenso wenig, wie etwa unsere hochnäsige Frau Oberlandjägermeisterin. Ich bin dem Fräulein allerdings begegnet. Sie schien mir in einer Laune zu sein, die weitaus nicht so rosenfarben war, wie das Papier in ihrer Hand.“

„Hast Du das auch bemerkt? Gerade dieses Papier ist der Grund ihres Mißmuthes,“ erklärte die Comtesse, während der Graf die silberbeschlagene Meerschaumpfeife aus dem bekannten Winkel nahm und ruhig zu stopfen begann. „Denke Dir nur, ihr Vater hat trotz seines vorgerückten Alters um ein junges bürgerliches Mädchen angehalten und sich dabei verdientermaßen einen Korb geholt.“

„Wär’s möglich!“ rief der Graf lachend. „Und wen gedachte er mit seiner gewaltigen Hand zu beglücken?“

„Die Tochter des Domänenraths Hartmann.“

„Ei, seht mir den alten schlauen Burschen! Er hätte, wenn ihm der Plan geglückt wäre, ein wahrhaft fürstliches Vermögen erheirathet.“

Der Graf war während dieser Worte mit dem Stopfen der Pfeife fertig geworden und schritt nun nach der Hinterthür des Pavillons, um sich nach seiner Gewohnheit eine Kohle vom Heerde geben zu lassen. Da hielt ihn mitten auf dem Wege die Stimme der Schwester fest.

„Lieber Max!“

„Nun, Lottchen?“ fragte er zurück.

„Wirst Du mir heute ausnahmsweise den Gefallen thun, nicht im Pavillon zu rauchen? Ich habe mich ein wenig erkältet und könnte heute den Dampf nicht wohl im Zimmer ertragen. Rauche später im Freien! Willst Du?“

„Natürlich will ich, denn Du bist hier die souveräne Herrin,“ sagte der Graf, indem er die Pfeife nicht ohne stille Verwunderung über die niemals früher beobachtete Empfindsamkeit der Schwester bei Seite stellte. Frau Weiß aber, welche die Flüchtlinge bereits in Sicherheit gebracht hatte und der kein Wort von der Unterhaltung der gräflichen Geschwister entgangen war, rieb sich in ihrer kleinen Küche seelenvergnügt die Hände.

„Wie natürlich meine Erlaucht lügt!“ murmelte sie lachend. „Wenn man’s nicht besser wüßte, so könnte man wirklich an diese asthmatischen Beschwerden glauben. Und trotzdem will sie durchaus keine Anlage zur Intrigue haben. Soll ich jetzt schon das Zeichen geben und die spannende Scene da drin abkürzen? Nein, warten wir noch einige Augenblicke!“

Der Graf hatte inzwischen aus der Brusttasche des Jagdrockes drei zusammengefaltete Papiere hervorgezogen.

„Willst Du jetzt die neuesten Berichte der Thorwachen hören, oder später?“ fragte er dann, indem er das erste entfaltete. „Zum Wasserthore herein sind heute nur zwei Equipagen in die Stadt gefahren. In der einen ist Anna Hartmann aus Brandenfels gekommen, um ihrer Tante einen Besuch zu machen, in der zweiten der Weinreisende Seeligmüller. Vom Oberthore –“

„Welchen Muth diese Reisenden haben!“ warf die Comtesse ein. „Bei dem Zustande aller Wege in unserer Grafschaft riskiren sie doch stets ihre gesunden Glieder.“

„Hm hm,“ hüstelte der Graf. „Wieder einmal das alte Lied. Wir haben kein Geld zu Wegbauten.“

„Wir müßten es aber haben und wir hätten es sicher, wenn nur unsere Güter ein wenig besser verwaltet würden.“

„Bist sonst ein ganz verständiges Frauenzimmer,“ entgegnete der Graf, „aber diese Dinge verstehst Du nicht. Deine Abneigung gegen den Präsidenten verblendet Dich so sehr, daß Du seine guten Eigenschaften nicht bemerkst. Ich aber mag die Menschen nicht leiden, die alle vier Wochen ihre Hunde und ihre Diener wechseln.“

„Ich liebe den Herrn von Straff nicht, das ist wahr,“ gestand Charlotte. „Aber meine nur zu wohlbegründete Abneigung würde mich dennoch nicht bewegen, ihm entgegenzutreten, wenn ich ihn wirklich für Deinen treuen Diener hielte.“

„Das ist er. Er ist mir fast so treu wie diese Dogge,“ entgegnete der Graf, indem er den Kopf seines Hundes klopfte und streichelte.

„Und ich halte ihn für Deinen und des Landes bösen Genius,“ entgegnete die Comtesse. „Er würde sicher noch viel mehr schaden, wenn Du selbst nicht bei allen Deinen Schwächen so brav und so herzensgut wärst.“

„Du bist heute schlechter Laune, Charlotte,“ sagte der Graf ein wenig verstimmt. „Es ist also wohl am besten, wenn ich gehe, obwohl ich zu Deiner Unterhaltung mir noch die neuesten ganz ungeheuerlichen Jagdabenteuer unseres Oberlandjägermeisters notirt hatte.“

Noch vor wenigen Augenblicken wäre der angekündigte Entschluß des Grafen seiner Schwester, die vor innerer Seelenangst wegen etwaiger Entdeckung ihrer Flüchtlinge fast verging und sich deshalb wirklich in überreizter Stimmung befand, sehr erwünscht gewesen. Aber gerade jetzt gab Frau Weiß das verabredete Zeichen und damit ihrer Gebieterin die Ruhe zurück. Charlotte faßte deshalb den Arm ihres Bruders und zog ihn, nachdem sie auch seine Meerschaumpfeife an sich genommen hatte, mit sanfter Gewalt hinaus in den Schatten der Ulmen und Kastanien an den dort hergerichteten Kaffeetisch.

„Bitte, lieber Max, laß mich auch einmal von ernsteren Dingen reden!“ bat sie dann, sobald die Tasse des Grafen gefüllt [395] und die Pfeife in Brand gesetzt war. „Sieh, ich möchte so gern unsere Grafschaft unter Deiner Regierung zu einem kleinen Musterstaate machen.“

„Auf diesen Ruhm aber muß ich leider verzichten,“ entgegnete Max Theodor halb besänftigt, halb noch zürnend. „Wie lange werden diese Duodezländchen noch existiren? Unsere großen Nachbarn werden uns verschlucken, wie unsere Vorfahren die kleinen selbstständigen Dorf- und Schloßmagnaten verzehrt haben. Wir führen unser Scheinleben nur so lange, wie es der Gnade unserer Nachbarn beliebt.“

„Aber wir sollten dann wenigstens ein gutes Andenken unseres Strebens hinterlassen. Wir stehen dem Volke so viel näher, als diese Großen. Warum sollten wir es nicht patriarchalisch beglücken können?“

„Thue ich dies nicht? Bin ich denn etwa ein Tyrann, Lottchen?“

„Nein, Du bist gut, treu und freigebig gegen Deine wirklichen und vermeintlichen Freunde. Aber fördern wir Kunst und Wissenschaft, wie auch kleine Höfe sollen? Geschieht bei uns nur das Nöthigste für Schule oder Industrie? Wir leben einsam wie auf einer halbverschollenen Insel, weil uns selbst gute Landstraßen fehlen. Und obwohl wir mit dem Nöthigsten geizen, fehlt uns zu allem Nöthigen das Geld.“

„Ja, weiß der Kukuk, wie das zugeht!“ sagte der Graf nachdenklich.

„Oeffne die Augen, und Du wirst den Grund erkennen. Es kommt davon, weil unsere Domänen an die Günstlinge Deines Präsidenten zu Schleuderpreisen verpachtet werden, weil Deine unzähligen Rehe und Wildschweine selbst unsere reichsten Forsten zu Grunde richten. Ueber die maßlose Strenge gegen kleine Wildfrevel will ich jetzt nicht reden – das gehört nicht zum Thema. Aber glaubst Du, daß unsere Bauern Deinen Namen segnen, wenn sie am Morgen die junge Saat zerstampft, durchwühlt oder abgefressen finden? Glaubst Du so das Land zu bereichern?“

„Sie können Entschädigung fordern.“

„Und sich für diese Frechheit durch die bekannten drei Grenadiere Deines Präsidenten auf die Hauptwache abführen oder, was schlimmer ist, in endlose Processe verwickeln lassen.“

„Aber was um des Himmelswillen soll ich thun, Lottchen?“ sagte der Graf, der, durch das Gespräch sichtlich aufgeregt, den beschatteten Platz unter den Ulmen mit großen sporenklingenden Schritten durchmaß.

„Sieh die Dinge doch nicht immer durch die Brille Deines Präsidenten!“ entgegnete die Comtesse, indem sie vorsichtig ihrem Hauptzwecke näher rückte. „Herr von Straff sagt Dir zum Beispiel, daß das Hartmann’sche Schloßgut in Brandenfels, für Dich wie schon für unsern Vater die Quelle ewigen Verdrusses, nicht käuflich sei. Nicht wahr?“

„Das sagt er allerdings. Weißt Du das Gegentheil, Lottchen, und von wem? Wechselst Du etwa noch immer mit dem Domänenrathe duftige Billets?“

„Laß’ mir zunächst dieses kleine Geheimniß, Max!“ bat Charlotte. „Reite in diesen Tagen selbst nach Brandenfels hinüber, rede mit dem Domänenrathe und Du wirst sehen und hören.“

„Nun, wollen sehen.“

„Nein, versprich mir’s gewiß!“

„Meinetwegen. Bist Du nun mit mir zufrieden, Lottchen? Füge ich mich Deinem Pantoffel willig genug?“

Die Comtesse lächelte: „Kannst Du an Herrschergelüste glauben, wenn ich Dich mahne, selbstständig zu handeln? Noch Eines. Würdest Du, um das Gut zu erwerben, Deine Genehmigung zur Aufhebung des Majorats von Holderbusch geben?“

„Natürlich mit Freuden. Aber was hat das Majorat mit meinen Wünschen zu thun?“

„Auch das bleibt vor der Hand mein Geheimniß. Würdest Du endlich einem hübschen und braven Bürgermädchen ein Adelsdiplom verleihen?“

„Ich stelle eine ganze Eselshaut für dieses Pergament zur Verfügung,“ erklärte Max Theodor lachend. „Doch nun laß’ mich ziehen, Lottchen! Ich habe den Präsidenten zu einer wichtigen Conferenz bestellt.“

„So verdanke ich wohl auch dem Herrn von Straff die freudige Ueberraschung dieses Nachmittags?“ fragte die Comtesse scheinbar leichthin, aber mit einem forschenden Blicke. „Sag’ mir’s, Max! Ich mag dem Präsidenten keinen Dank schuldig bleiben.“

„Du bist ihm dafür nichts schuldig. Ich selbst kam auf diese gute Idee. Leb’ wohl, Lottchen, und habe Dank!“

Der Graf schritt, vom treuen Tyras gefolgt, aus dem Garten, die Comtesse aber eilte zu ihrer Kammerfrau.

„Diesmal hat sich der Pfeil gegen den Schützen gewandt, Frau Weiß,“ sprach sie mit einem sieghaften Lächeln. „Johann wußte um die Anwesenheit der jungen Leute und darum auch sein Herr. Der Präsident hat dann meinen Bruder zu ungewohnter Stunde nur deshalb aufgesucht, um mir diese Verlegenheit zu bereiten. Aber ich habe den Spieß herumgedreht. Hüten Sie sich, mein Herr von Straff! Ihre Macht ist zu Ende, sobald der Graf selbst sehen lernt.“

„Vortrefflich. Aber nennt meine liebe, erlauchte Comtesse dieses Spiel noch immer nicht Intrigue?“ fragte die kleine behäbige Frau etwas vorwitzig.

„Nein, Frau Weiß; denn meine Zwecke scheuen den Tag nicht.“




5.

„Setze Dich zu mir auf diese Bank, Anna! Ich habe Dich nach meinem Lieblingsplatze geführt, damit Du besser verstehst, warum der Comtesse und mir dieser Baum heilig ist. Sieh, hier lernten wir uns kennen. Der damalige Graf, der Vater des regierenden Herrn und der Comtesse, hegte eine besondere Vorliebe für sein kleines Schloß in Brandenfels und residirte hier sogar häufiger, als drüben in Schwalbenstein, obwohl die Nähe meines Schloßgutes ihm jeder Zeit ein Dorn im Auge war. Unsere Fürsten, mögen sie Kaiser oder Grafen heißen, hassen nun einmal Alles, was sie an das Ende ihrer Macht erinnert, und hier liegt diese Grenze wirklich allzu nah am gräflichen Schlosse selbst. Keine zehn Schritte von hier steht der Stein, welcher die Hoheitsgrenze zwischen der Grafschaft und dem Kurfürstenthume bezeichnet.“

Der Domänenrath Hartmann, der diese Worte an seine Tochter richtete, wies dabei mitten in das dichte Gebüsch hinein, welches die höchste Terrasse seines Gartens halbringförmig umgab.

„Der Tag, an welchem ich die ersten Worte mit Charlotten wechselte, liegt vor meiner Seele, als wären seitdem nur zwanzig Stunden statt zwanzig langer Jahre verflossen,“ fuhr Hartmann fort. „Hier auf dieser Bank und vor diesem Steintisch saß ich und ließ halb träumend meine Blicke über Berg und Thal weit in das Land hinein wandern. Da rauschte es hinter mir in den Büschen, und als ich mich verwundert umwandte, erblickte ich die Comtesse. Sie war zuerst sichtlich verlegen und erschrocken, denn der dicke Stamm des Baumes hatte mich bis dahin ihren Blicken verborgen. Aber sie faßte sich rasch, entschuldigte ihr Eindringen mit dem Wunsche, die herrliche Aussicht von hier einmal in aller Stille zu genießen, und ließ sich dann mit mir in Geplauder ein, das bald recht munter und unbefangen wurde. Wir waren ja Beide damals jung – wir fanden rasch Gefallen aneinander. War’s ein Wunder, daß uns anfangs ein scheinbarer Zufall und dann die offen zugestandene Absicht an dieser still verborgenen Stelle häufig, zuletzt täglich zusammenführte, daß wir uns liebten, ehe wir es uns selbst zu gestehen wagten?“

„Das Gegentheil wäre ein Wunder gewesen,“ erwiderte Anna, indem sie ihrem Vater mit einem innigen Blicke in das noch immer schöne und jetzt tiefernste Gesicht sah. „Wer sollte Dich nicht lieben, wenn er Dich kennt? Wer könnte mit der Comtesse zusammentreffen, ohne sie zu verehren?“

„So verschwiegen wir waren, unser Verhältniß konnte dennoch nicht für immer und aller Welt verborgen bleiben,“ fuhr Hartmann fort. „Die täglichen Spaziergänge der Comtesse in einer bestimmten Gegend des Schloßparkes waren zuletzt einem und dem anderen grübelnden Kopfe unter der gräflichen Dienerschaft aufgefallen; man hatte ihnen nachgespürt und ihren Zweck entdeckt. Da der Präsident von Straff schon damals, wie jetzt, die allseitige Spionage als beste Stütze seines Einflusses betrachtete und begünstigte, so wußte auch er bald um unser Geheimniß.“

„So hat dieser böse Mensch auch in Dein Leben feindlich [396] eingegriffen, und Du hassest ihn wie alle Welt?“ fragte Anna, indem sie ihren Vater mit gespannten Blicken ansah.

„Du sollst Alles erfahren und selbst entscheiden, ob ich diesen Herrn von Straff mit Recht mißachte, denn für den Haß steht er mir zu tief,“ erklärte der Domänenrath ruhig. „Sieh, ich habe mir immer ein ehrliches und gerechtes Urtheil zu wahren gesucht. Wäre er uns sofort feindlich, aber offen entgegengetreten, so würde ich dies mit seiner Pflicht, mit der Pflicht des ersten Dieners des Grafen zu entschuldigen wissen, selbst wenn er mir zugleich sehr wehe gethan hätte. Aber das eben that er nicht. Er wußte sich zuerst allmählich durch allerlei kleine Winke und Dienste in das arglose Vertrauen Charlottens einzuschmeicheln, bis er den Zeitpunkt gekommen glaubte, um auch an mich heranzutreten. Dann traf er mich eines Tages wie zufällig in einem Forste. Unser Gespräch, das sich erst um allerlei fernliegende Dinge gedreht hatte, kam, ich wußte selbst nicht wie, endlich auf mich und meine Beziehungen zu Charlotten. Dabei ließ der Präsident deutlich genug durchblicken, daß es von meiner Willfährigkeit abhänge, mein Glück zu begründen. Es bedürfe dazu nichts weiter, als daß ich mein Schloßgut an den Grafen verkaufe.“

„Bist Du auf diesen Vorschlag damals nicht eingegangen?“ fragte Anna. „Oder wollte Dir der Präsident damit nur einen Fallstrick legen?“

„Das wollte er – und einen ganz infamen. Denn der eigentliche Kern seines mit cynischer Offenheit gemachten Vorschlages lief darauf hinaus, daß ich den Preis des Gutes weit über dessen Werth hinaus stellen solle. Der Graf bezahle in seiner Leidenschaft jede Summe für dieses Schloßgut und gebe wohl schließlich auch die Hand seiner Tochter in den Kauf, nur um seinen erlauchten Willen durchzusehen. Der Mehrbetrag aber sollte natürlich dem biederen Herrn Präsidenten zufließen. Sieh, Anna, hätte damals nicht Charlottens Bild vor meiner Seele geschwebt, wer weiß, was ich in meinem heißen Zorne dem Frechen angethan hätte. Aber der Gedanke an die Comtesse bändigte meinen Grimm, so daß ich dem Versucher in kalter Ruhe antworten konnte. Ich sagte ihm, daß mir die Hand Charlottens jedes ehrenhaften Preises werth sei, und daß ich deshalb dem Grafen dieses Gut sogar weit unter dem Werthe, aber immer nur unter Angabe des wahren Preises verkaufen wolle. Der Präsident sah mir darauf eine Weile starr in die Augen, als wolle er die Tiefe meines Herzens ergründen. Dann erklärte er, die Angelegenheit mit dem Grafen besprechen zu wollen, verneigte sich und ging.“

Der Domänenrath erhob sich und schritt einige Male schweigend auf der Terrasse auf und ab.

„Laß mich rascher zu Ende kommen!“ sagte er dann. „Diese Mittheilung regt mich noch jetzt mehr auf, als ich im Voraus dachte. – Genug, wenige Tage nach jener Besprechung überraschte uns hier der alte Graf. Von zwei oder drei Jägern begleitet, trat er aus dem Gebüsche und sein blutrothes Gesicht, in dem die Augen grimmig rollten, weissagte uns Schlimmes. Er faßte auch sofort Charlottens Hand und schleuderte sie hinter sich, so daß sie zu Boden fiel. Ja, als der jetzige Graf, damals ein Knabe, der die geliebte Schwester an jenem Tage wie öfters vorher begleitet hatte, seine kindlichen Arme weinend um die Kniee des brutalen Vaters schlang, da stieß er auch ihn mit roher Gewalt von sich und hob die schwere Peitsche, um, ja, um die Comtesse zu schlagen.“

„Mein Gott! – mein Gott!“ rief Anna aus.

„Du fühlst, das war zu viel, mein Kind. Mit raschem Griffe erfaßte ich den Arm des Wüthenden und preßte ihn mit so eiserner Gewalt, daß er die Peitsche fallen lassen mußte. Dem Grafen trat der Schaum auf die zornbebenden Lippen. ,Hund, Hund! Vergreifst Du Dich an uns?‘ stöhnte er. ,Was steht Ihr hier? Nieder mit ihm und lohnt dem Frechen, wie es ihm gebührt!‘ Jetzt sah ich die Jäger, von denen jeder mit einer Hetzpeitsche bewaffnet war, an mich herantreten. Sie nahten vorsichtig und zögernd, denn auch mein Blick mochte ihnen nichts besonders Gutes verkünden. Ich aber sprang rasch zurück und sah mich nach einer Waffe um. Glücklicher Weise hatte ich einige Tage früher, um Charlotte zu erfreuen, eine junge Linde gepflanzt. Den spitzen Pfahl, an den sie gebunden war, riß ich jetzt aus der Erde und schwang ihn zum Aeußersten entschlossen über dem Haupte.“

Anna klammerte sich, während ihr Vater einen Augenblick schwieg, angsterfüllt an seinen Arm und starrte so entsetzt nach dem nahen Gebüsche, als könnte eben jetzt der alte Graf mit seinen Jägern auf die Terrasse treten.

„Gott sei Dank, ich mußte die Waffe nicht brauchen,“ fuhr der Domänenrath etwas ruhiger fort. „Meine Feinde sahen, daß es sich hier um Leben und Tod handelte, und wichen, nachdem mir der Graf noch einmal zähneknirschend die geballte Faust entgegengestreckt hatte, in das Gebüsch zurück.“

„Und die Comtesse?“

„Charlotte und ihr Bruder gingen mit dem Grafen.“

„Ich meine, ob die Comtesse –“

„Mir treu blieb?“ ergänzte der Domänenrath die Frage seiner Tochter. „Im Herzen wohl, aber äußerlich war das Band, das uns vereinigt hatte, für immer zerschnitten. Das arme Mädchen vermochte ohne Stütze den Drohungen eines brutalen Vaters und den Nadelstichen, die ihr die stolze Mutter täglich versetzte, nicht auf die Dauer zu widerstehen. Du kannst noch jetzt auf dem Abschiedsbriefe, den sie mir einige Wochen nach jenem schrecklichen Vorgange insgeheim schrieb, die Spuren ihrer bitteren Thränen erkennen. Begreifst Du nun, warum ich darauf bestehen mußte, daß nie eine Axt diesen alten Baum berühren dürfe? Verstehst Du, warum mir die Wünsche Deiner Comtesse heilig sind?“

„Ja, ich verstehe es, und nun weiß ich auch, warum Du trotz der Meinung, die Du über den Adel hegst, dem Vorschlage der Comtesse nicht entgegentrittst.“

„Ich habe außer dem von Dir geahnten noch einen anderen Grund. Glaubst Du, ich würde mich sperren, wenn man als Gegendienst irgend einer wichtigen Leistung verlangte, ich solle mich etwa Hartmannsau oder so ähnlich nennen? Ob zwei oder drei Laute mehr vor oder hinter dem Namen stehen, das ist mir völlig gleichgültig. Diese Art von Ehre halte ich mit Falstaff nur für Wind. Durch eine Weigerung das Glück eines Kindes zu verspielen, wäre in solchem Falle fast noch thörichter, als wenn Adelstolz das Motiv wäre. Freilich würde ich es vorziehen, wenn sich unser Ziel auf anderem Wege, etwa durch eine Besprechung mit dem Grafen erreichen ließe.“

„Sollte dies selbst mit Hülfe der Comtesse nicht möglich sein?“

„Ich zweifle. Frühere Versuche dieser Art hat der Präsident stets zu vereiteln gewußt. Aber horch, was ist das? Hörst Du nichts?“

„Ich höre Hunde bellen und Pferde wiehern. Und da sehe ich auch die Reiter, dort drüben auf der Wiese am Waldteiche. Siehst Du’s nicht. Vater?“

„Das ist der Graf. Was mag den Herrn jetzt nach Brandenfels führen?“

„Komm’, komm’, Vater! Laß’ uns nach dem Gute hinunter gehen!“

„Was hast Du? Du bist ängstlich.“

„Um meiner Rehe willen. Der Weg führt am Zaune vorüber. Wenn die großen Hunde durch den Zaun brächen, meine Lieblinge zerfleischten! Ich würde nicht wieder froh.“

„Die Hunde werden angekoppelt, sobald der Zug in das freie Feld kommt,“ tröstete der Domänenrath. „Aber wenn es Dich beruhigt, so laß’ uns gehen, mein Kind!“

Während Hartmann mit seiner Tochter auf den wohlgepflegten Schlangenwegen nach dem Wirthschaftsgarten des Gutes hinabstieg, nahte der gräfliche Zug bereits dem Rande des Waldes.

„Laß’ die Hunde ankoppeln, Holderbusch!“ befahl der Graf, der bei guter Laune selbst seine höchsten Hofchargen mit dem vertraulichen Du anzureden pflegte. „Den Tyras namentlich! Er ist eine brave, aber zu Zeiten verzweifelt wilde Bestie.“

„Rrrasch die Hunde ankoppeln, Blümchen,“ schrie der Oberlandjägermeister, rückwärts nach dem Trosse gewendet, unter dem auch der treue Christian ritt.

(Fortsetzung folgt.)



[397]
Die Gartenlaube (1875) b 397.jpg

Das Körner-Museum in Dresden, gegründet von Dr. Emil Peschel.
Ein Gedenkblatt von Herbert König.

[398]

Ein Werk für Deutschlands Jugend.
(Mit Abbildung.)


Unter dem Geläute der Osterglocken, umbraust von vielhundertstimmigem Jubelsange, feierte am 28. März dieses Jahres ein kleiner, in seiner Anspruchslosigkeit bisher nie beachteter Raum seine herrliche Auferstehung: in dem Geburtshause Theodor Körner’s in Dresden wurde an diesem Tage ein winziges Nebengemach zum Körner-Museum geweiht, dem Greise zur Erinnerung an große Zeiten, dem Manne zu ernstem Gedenken und muthigem Ausharren, der deutschen Jugend eine Ruhmeshalle, die zu fröhlichem Liedessange und Schwerterklange sie begeistern soll.

In der That ist hierzu wohl kein Name so trefflich geeignet, als derjenige des deutschen Tyrtäns, unseres Körner, der aus seinem Herzen feurige Lieder und warmes Lebensblut dahinströmen ließ für Deutschlands Ehre, dem ein beneidenswerthes Geschick vergönnte, mit unsterblichem Schwanengesange in voller Jugendkraft den Befreiungstod für das geknechtete Vaterland zu sterben. Mag man über die literarische Bedeutung des Sängers von Leyer und Schwert noch so verschiedener Meinung sein, mag man seinen Dramen Originalität und Tiefe ab- oder zusprechen – das Eine steht fest: in den Herzen der deutschen Jugend hat sich sein Bild schon längst zu einem Typus gestaltet, einem Vorbilde, welchem gleichzukommen jedem Jünglinge als höchstes Ziel seines Ehrgeizes vor der Seele schwebt.

So dürfte es denn wohl gerechtfertigt erscheinen, daß wir, getreu unseren deutsches Bewußtsein allerwege fördernden Tendenzen, auch diese Osterfeier des vom Festcomité ängstlichst ihr aufgeprägten localen Charakters entkleiden und dem Entstehen und Inhalt des „Körner-Museums“ einige Zeilen widmen.

Sowohl den Plan, möglichst viele auf Theodor Körner, seine Familie, Waffengefährten und Freunde, sowie überhaupt auf jene ganze gewaltige Zeit der Erhebung eines Volkes gegen fremde Gewaltherrschaft bezügliche Gegenstände und Schriftstücke zu einer Jedermann zugänglichen Sammlung zu vereinigen, wie auch die Ausführung dieses Planes verdanken wir einem Manne, der schon seit länger als einem Jahrzehnte um die Anerkennung und Verehrung unseres Sängerhelden sich hohe Verdienste erworben hat, dem Dr. E. W. Peschel in Dresden, Meister des freien deutschen Hochstifts zu Frankfurt am Main und Mitglied des dortigen literarischen Vereins. Er rief an hervorragender Stelle die Idee eines Körner-Standbildes in das Leben und legte durch ein im Jahre 1863 gelegentlich der fünfzigsten Wiederkehr des Tages von Gadebusch hier veranstaltetes patriotisches Fest den Grund zu dem dazu benöthigten Capitale. Seiner rastlosen Thätigkeit vor Allem ist das Zustandekommen des herrlichen, aus der Meisterhand des Bildhauers Professor Hähnel hervorgegangenen, erzenen Standbildes zuzuschreiben, welches seit dem Jahre des Wiedererstehens deutscher Kaisermacht den Platz vor der altehrwürdigen Kreuzschule ziert; seinen unermüdlichen Bemühungen ist es endlich auch gelungen, eine große Zahl von Hindeutungen auf Dresdens poesievollen Heldensohn und die Zeit der Freiheitskriege in seine Hand zu bringen und in dem Körner-Museum als erfreulichen Anfang weiteren gedeihlichen Wachsthums, „der deutschen Jugend gewidmet“, niederzulegen.

Damit nicht genug: das Haus, in welchem Theodor Körner geboren, in welchem Schiller, fliehend vor dem despotischen Eigenwillen seines Landesherrn, gastfreundliche Aufnahme, edelmüthigste Unterstützung fand und welches bisher der würdigen äußeren Auszeichnung entbehren mußte, erhielt durch Peschel in zwei lebensgroßen Reliefbrustbildern Schiller’s und Körner’s einen Schmuck von hohem künstlerischem Werthe – dafür bürgen schon die Namen des Bildhauers Echtermeyer, Hähnel’s Schüler, welcher sie modellirt, und des Nürnberger Erzgießers Lenz, in dessen Werkstatt sie aus Einem Stück französischen Kanonenmetalls vollendet schön gegossen worden sind.

Die Sammlung selbst befindet sich in einem zu ebener Erde gelegenen, einfenstrigen Stübchen, welches von dem jetzigen Besitzer des Hauses zu diesem Zwecke überlassen worden ist; schon jetzt erweist es sich als zu klein, und es steht zu hoffen, daß mit der Zeit größere Räume in demselben Hause hierzu verfügbar sein werden. Das kleine, trauliche Zimmer ist ganz im Charakter des beginnenden 19. Jahrhunderts eingerichtet; man fühlt sich beim Eintritt in dasselbe äußerlich schon in jene Zeit zurückversetzt. Vor uns sehen wir zunächst unter Glas und Rahmen, von längst verwelktem Lorbeerkranz umgeben, die Uniformweste, Cocarde und das Portepée Körner’s, mit seinem Blute befleckt, welche er bei seinem Tode getragen, daneben seine Brieftasche, vor seiner Beisetzung ihm abgenommen, und eine Locke seines Haares, von treuer Freundeshand dem gefallenen Waffenbruder abgeschnitten, nebst einem Zweiglein, vor langen Jahren von der sein Grab beschattenden Eiche gebrochen. In zwei größeren Glasschreinen sind aufbewahrt die Laute Körner’s, welche Schiller auf des Vaters Bitte von Jena aus besorgte, geziert mit einem von Dresdens Sängerschaft geschenkten silbernen Lorbeerkranze, seine Waffen, ein türkisches Messer, welches er als Oberjäger zu Fuß, ein Reitersäbel, welchen er bis zu seiner Verwundung bei Kitzen trug, ein seidenes Halstuch, von seiner Braut Toni gestickt und ihm in das Feld mitgegeben, daneben Waffen und Uniformstücke, von alten Lützower Freunden und Gefährten des Dichters dem Museum überlassen, darunter ein Waffenrock, welchen der Eigenthümer, Rector em. Probsthan, trug, als er den tödtlich Verwundeten auf seinen Armen aus dem Gefechte brachte, und in welchem der jetzt vierundachtzigjährige Veteran vor nicht gar langer Zeit die goldene Hochzeit gefeiert hat. Ein einfacher Reif von Eisen, mit dem eingravirten Bilde eines Schmetterlings sinnig geschmückt, erzählt uns von dem innigen Verhältnisse, welches zwischen Theodor, der ihn lange getragen, und seiner Schwester Emma, welche ihn vom Bruder erhielt und bis zu ihrem Tode nicht vom Finger ließ, bestanden hat. Von dem Dichter selbst sind Manuscripte in großer Anzahl vorhanden, darunter viele noch ungedruckte Gedichte aus seiner Studienzeit in Freiberg, werthvolle Briefe und ein ganzer Operntext „Alfred der Große“. Außerdem aber enthält die Sammlung Autographen von allen Mitgliedern der Familie Körner, werthvolle Briefe Schiller’s, C. M. von Weber’s, des Componisten der Körnerlieder, aller berühmten Persönlichkeiten jener Zeit, Briefe von Friedrich Wilhelm dem Dritten, Königin Louise, Kaiser Franz, Blücher und seinen Getreuen, Erzherzog Karl, „Anders Hoffer, Obercommandant in Diroll“, Arndt, Jahn, Friesen, Lützow, Schleiermacher und Andern mehr, welche alle werthvolles Material für die Betrachtung jener Jahre in sich schließen.

Aber die Töchter und Enkel des von Altmeister Goethe im zweiten Bande von „Wahrheit und Dichtung“ so vortheilhaft geschilderten Kupferstechers Stock, welcher von Nürnberg nach Leipzig ausgewandert war und in dem Breitkopf’schen Hause die Mansarde bewohnte, hatten von dem talentvollen Künstler hervorragende Anlage zur Malerei geerbt, vor Allen Körner’s Tante, Dorothea Stock, und seine einzige, drei Jahre ältere Schwester, Emma, welche letztere auch in kunstvoller Stickerei ihres Gleichen suchte. Von der Hand der Tante Doris ist das Pastellportrait ihrer Schwester Minna, sowie ihr eigenes vortrefflich in Oel gemaltes Portrait neben vielen kleineren Zeichnungen, von Emma’s Hand ein reizendes Miniaturbild des siebenjährigen und die Originalbleistiftzeichnung des Lützower Theodor (ihre letzte Arbeit, für den Vater als Geburtstagsgeschenk bestimmt) vorhanden, nach welcher letzteren alle Portraits desselben geschaffen worden sind, und außerdem ein prachtvoll in Seide gestickter Ofenschirm, ein wahres Cabinetstück. Von Körner’s Mutter, welche ihre Geschicklichkeit im Malen auf Porcellan und in Pastell bis in ihre spätesten Jahre sich bewahrte, sind mehrere Pastellbilder zu finden, aus ihrem Nachlasse ein kleines Aquarellgemälde, das Grab bei Wöbbelin darstellend. Wie mag der Mutter das Herz geblutet haben beim Anblicke der Grabstätte ihres Lieblings, dem sie einst geschrieben hatte: „Ich bin stolz auf Dich, mein Kind; ich möchte Dich glänzen und fertig sehen; nur schone Deine Gesundheit, daß Du in Deiner Blüthe blühend bleibst!“ „Heldenaugen blühen schöner auf im Tod“, singt Schenkendorf, und bei unserm Körner ist [399] dies in Wahrheit der Fall gewesen. Nicht genug kann ein Augenzeuge seiner Bestattung die Schönheit des Heldenleichnams schildern; eine Zeichnung desselben, von dem Maler Olivier an Ort und Stelle aufgenommen, befindet sich gleichfalls im Museum.

Nicht unbedeutend ist im Körner-Museum die vorhandene Literatur über Schiller, die Familie Körner und besonders die Freiheitskriege, sowie das Lützow’sche Corps vertreten. Die Schrift, an welchem des unglücklichen Palm Herzblut klebt, „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung“, durfte nicht fehlen. Die „Dresdener Anzeigen“ vom 18. August 1813 fordern den Theaterdichter Karl Theodor Körner zur Erfüllung seiner Militärpflicht im sächsischen, damals für Frankreichs Adler kämpfenden Heere auf, widrigenfalls man ihn als Deserteur behandeln werde; an demselben Tage, siebenundfünfzig Jahre später, rangen Sachsens Söhne, Prinzen und Bauern, Schulter an Schulter, mit ihren damaligen Feinden um den blutigen Lorbeer, und flügellahm mußte der fränkische Aar vor der jungen deutschen Adlerbrut das Feld räumen – „welch’ eine Wendung durch Gottes Fügung!“

Was soll ich noch weitere Einzelheiten hervorheben? Fast Alles, was die Bedeutung der Familie Körner in historischer, literarischer und künstlerischer Beziehung klarzulegen vermag, ist vertreten. Zahllose Gegenstände des täglichen Gebrauchs versetzen uns in das Leben und Treiben jenes gastfreien Hauses; der silberne Leuchter, welcher so manche Nacht hindurch dem Dichter des „Don Carlos“ Licht spenden durfte, die Familienbibel, Stammbuchblätter und vieles Andere werden in dem sinnigen Freunde deutscher Literaturgeschichte, deutschen Familienlebens unschwer lange Reihen freundlicher, trauter Bilder hervorrufen.

Wie keine andere bedarf gerade unsere Zeit einer so beredten Hindeutung auf jenes Jahrzehnt, welches ein edles, durch jahrhundertlange Mißregierung auf die von Fremdlingen ihm aufgedrungene Knechtschaft vorbereitetes Volk mit Einem großen Entschlusse alle Fesseln zerbrechen und sich selbst seiner hohen weltgeschichtlichen Bestimmung wiedergeben sah. Wohl haben wir, die Söhne und Enkel jener Freiheitskämpfer, denen überängstliche Fürsten ihre Hingabe an die gerechte Sache mit Undank, oft mit Verfolgung, vieljähriger Kerkerhaft, schimpflichem Tode lohnen zu müssen glaubten, wohl haben wir den Namen unseres Stammes wieder zu Ehren gebracht in allen Welttheilen. Geachtet und beneidet stehen wir da, jetzt von Freunden umgeben, welche den kühnen Flug des deutschen Aars anscheinend freudig begrüßen, aber in der Stunde ernster Gefahr werden wir leicht vereinsamt und nur auf unsere eigene, bisher freilich noch nie erschöpfte Kraft angewiesen sein.

Durchtobt doch schon jetzt, wo noch nicht vollkommen fest das Fundament des deutschen Reiches zusammengefügt ist, ein erbitterter Kampf, ein Kampf auf Tod und Leben den bedeutendsten seiner Staaten; alle Nachgiebigkeit und vermeintliche Staatsklugheit benachbarter Fürsten wird diesen Kampf zu localisiren nicht im Stande sein. Nicht unser Geschlecht wird ihn beendet sehen, es wird der jetzt heranwachsenden Jugend beschieden sein, im hin und her wogenden Kampfe um die Siegespalme zu ringen und endlich – davon sind wir überzeugt – sie davonzutragen. Aber gleichwie das kriegsgewaltige Sparta seine Knaben und Jünglinge von Kindheit auf zu Kämpfern erzog und bildete, so muß auch unsere Jugend für ihren hehren Beruf geschickt gemacht und gebildet werden.

Dies ist der Zweck des Körner-Museums, und besser glaube ich diese Zeilen nicht schließen zu können, als mit den Schlußworten der Festrede des Dr. Häbler:

„Deutschlands Ehre bedarf, daß in seinen Gauen die Sänger nie aussterben; Deutschland, das nun so herrlich geworden, wie selbst ein Theodor Körner es nicht ahnen konnte, wird in kommenden Tagen auch der Helden nicht entbehren können. Möge diese Halle, die wir heute weihen, wenn sie zarte Frauen mit Rührung, wenn sie ernste Männer mit Ehrfurcht erfüllt, in Deutschlands jugendlichen Söhnen eine Begeisterung wecken und nähren, aus der edler Sang und hohe That der Zukunft des Vaterlands erblühe und reife!“

Reinhold Billig.




Am Kindersarge.
Von Emil Rittershaus.


Ich stand in namenloser Pein
Am Sarg von meinem Töchterlein.
Man hatte mir schier meine Seele zerschnitten
Mit Beileidsbesuchen und Trauervisiten,

5
Und immer noch mußt’ ich mit dankendem Neigen

Die blutenden Wunden im Innersten zeigen.
Verstört in meinem tiefsten Sein,
Stand ich am Sarg vom Töchterlein.

Am Abend blieb ein Bettchen leer;

10
Da fiel’s auf’s Herz mir centnerschwer.

Die Mutter, sie räumte nun Kisten und Spinde
Die Spielsachen all’ vom gestorbenen Kinde,
Und d’rauf in der Nacht, von dem Grame zerrissen,
Wie haben wir beide geschluchzt in die Kissen,

15
Und uns verklagt in blindem Wahn:

Nicht Hülfe sei genug gethan!

Wohl kam der Schlaf zuletzt herbei,
Doch ward ich nicht vom Jammer frei.
Die zitternden Lippen, geöffnet zum Flehen,

20
Die zuckenden Händchen, die hab’ ich gesehen

Im Traum in der Nacht, auch die brechenden Blicke.
Da hab’ ich gehadert mit meinem Geschicke –
Verzeih’ mir’s Gott! – als ich erwacht
Nach jener Folterqual der Nacht.

25
O sieh! Am Morgen in die Stub’

Schlich unser Mädel, unser Bub’,
Sie streichelten freundlich uns Stirne und Wangen!
Sie hielten uns liebend und kosend umfangen,
Und als wir geschaut in die frischen Gesichter,

30
Da ward es im Herzen uns leichter und lichter,

Sie sprachen leis’: „Mama, Papa,
Weint nicht! Wir sind ja auch noch da.“

Dann, allgemach, ertrug gefaßt
Die Brust des Kummers schwere Last.

35
Wir hielten umschlungen mit doppeltem Lieben

Die herzigen Kinder, die uns noch geblieben,
Und glaubten zu seh’n in der Aeugelein Scheinen
Den Abglanz vom Aug’ der begrabenen Kleinen.
So ward zur Wehmuth uns die Pein

40
Um’s frühgestorb’ne Töchterlein.



[400]
Eine Sommerfrische der freien Wissenschaft.


Einige hundert Fuß über der Landstraße, die von Ischl nach Aussee und durch eine Verzweigung nach Steg, Gosaumühl und Hallstatt führt, zwei Wegstündchen oberhalb Ischl, leuchtet und funkelt seit acht Jahren in der westlichen Sonne ein schweizerisches Alpenhaus in das Thal der brausenden Traun hinab. Es ist aus Holz gezimmert und mit hübsch geschnittenen Giebeln und Balkonen, die theils das eigene Werk des Besitzers sind, geziert.

Dieses Alpenhaus gehört dem wackeren Conrad Deubler, dem Correspondenten und Gastfreunde so vieler bedeutender Männer freiester Forschung und Richtung. Er war seines Zeichens ursprünglich ein Müller, dann Fremdenführer, Alpenbotaniker, Wirth und Bauer, inzwischen auch politischer Gefangener und Märtyrer der Aufklärung, Eigenthümer einer Bibliothek, wie sie kein Geistlicher und Justizbeamter auf dem Lande jemals besessen, weder so ausgedehnt, noch so mannigfaltig, noch gar so verwegen.

Gerade diese Bibliothek, Deubler’s Priamos-Schatz, darunter auch der „Leuchtthurm“ des Redacteurs dieses Blattes, sein Stolz, seine Freude, seine geistige Winter-Apotheke, sollte ihn vier Jahre lang in’s Unglück und in den Kerker führen. Die Geschichte ist widerwärtig, und ich wenigstens mag sie in allen ihren Einzelheiten und mit deutlicher Bezeichnung der darin handelnden Personen nicht erzählen. Einige kurze Andeutungen über dieselbe mögen genügen.

Es war im goldenen Jahre der Reaction, als man schrieb 1850. Deubler lebte als Wirth, Botaniker und Fremdenführer unten im Dorfe Goisern, wo sein Haus den kühnen Titel „Zur Wartburg“ führte, als er, damals noch allzuwenig wählerisch, den Literaten von Namen emsig nachtrachtend, die Bekanntschaft des in Ischl weilenden Saphir machte, diesen saloppen Witzjäger vertrauensvoll in sein Haus lud, ihm seine reiche Sammlung von brieflichen Autographen zeigte und arglos sogar den öffentlichen Gebrauch eines Schreibens von D. F. Strauß gestattete.

Herr Saphir fiel natürlich wie ein Habicht über diesen seltenen Vogel her und rupfte ihn weidlich in seinem „Humoristen“. Die Generalüberschrift des betreffenden Artikels lautete charakteristisch genug: „Dumme Briefe über meine Reise vom Ausnahmszustande in das Innere des Naturzustandes“, und Deubler’s Steckbrief erschien am 12. September 1850. In Wien „Ausnahmszustand“, in Goisern ein stiller Leseverein einfacher, strebender Menschen, an deren Spitze Conrad Deubler stand. – Der „dumme Brief“ that seine Wirkung. Angeregt durch Saphir’s denunciatorisches Gewäsche, begab sich eine „hohe Frau“ von Ischl aus in Deubler’s Behausung, musterte in dessen Abwesenheit die verfängliche Bibliothek, entdeckte darin wenig Christenglauben, aber desto mehr Kritik und gerieth außer sich. Die Lage wurde für Deubler und Genossen bald sehr kritisch: sie wurden gefänglich eingezogen, nach Graz geführt und hochnothpeinlich processirt. Die Leumundszeugnisse der spruchfähigen geistlichen Herren fielen schwarz genug aus; die Vertheidigung war eine officielle, das Verfahren geheim.

Dennoch sprach die erste Instanz frei, aber der Staatsanwalt, dem ich hier nicht abermals einen verdienten Namen machen will, der auch in der neuen Aera hübsch verfassungstreu sich geberdete, appellirte nach Wien, an den „Ausnahmszustand“, und das Ergebniß der Revision – ohne neue Verhandlung, in absentia – war eine grause Verurtheilung wegen horrender Verbrechen wider Religion und Staat, bis zu zehn Jahren Zuchthaus, die eine Frau, eine Goiserin, noch dazu unter liebevoller Nonnenaufsicht, bis auf den letzten Tag verbüßt hat.[WS 1] Deubler kam mit vier Jahren, theils Gefangenschaft in Brünn, theils Internirung in Olmütz und Iglau, davon. Ungebeugt kehrte er nach Goisern in seine „Wartburg“ zurück, wo mittlerweile seine Wirthschaft durch allseitigen, freundlichen Zuspruch in Saft und Blüthe geschossen war. Später erkor ihn sogar die viertausend Seelen zählende Gemeinde zu ihrem Bürgermeister, ein Amt, welches er jedoch bald freiwillig niederlegte.

Unter seinen vielen Freunden zählt er auch Maler, und diesen zu Gefallen hat er ein hohes, großfensteriges Atelier links an sein Haus gebaut, worin auch, damit nichts fehle, ein Streicher-Flügel älteren Datums steht. Das Beste aber an der ganzen bretternen Werkstätte ist der Balkon mit großartigster Aussicht auf die Ischler Berge nördlich, die Ramsau gegenüber und einen Theil der Dachsteingruppe nach Süden zu. Ein herrlicherer Frühstücksplatz als dieser Balkon ist nicht auszudenken. Im Uebrigen ist das Atelier baulich von außen nicht sehr vortheilhaft. Gar freundlich ist dagegen der mittlere älteste Bau auf Grundmauern, dessen Balkon zu einer bequemen Sommerwohnung gehört. Der Balkon zur Rechten ist der Ausgang aus dem „Feuerbach-Zimmer“, in welchem der Bruckberger Philosoph im Jahre 1867 zur Einweihung des Gebäudes gehaust hat.

Neun Tage und neun Nächte hätte der Rhapsode zu sagen, wer Alles in der „Wartburg“ unten und auf dem Primesberge oben gewohnt hat oder zu Gaste war; denn Deubler’s Bekanntschaft erstreckt sich von der gelindesten Aufklärung bis zur entschiedensten Anthropologie und Anthropogenese; seine Correspondenz begann 1844 mit Heinrich Zschokke, dessen „Stunden der Andacht“ ein mächtiges Ereigniß in seiner Entwickelung bilden, und geht bis Radenhausen mit „Isis und Osiris“, ja bis C. J. Fischer, der uns das Bewußtsein auszukehren bemüht ist. Deubler wandert auch nicht gerade mit bis zu den gefährlichsten Gebirgszacken, wo der Fuß schwankt, aber er bewundert der Männer Kühnheit und verehrt ihren Muth. Aus den fünfziger Jahren, wo Deubler noch in der „Wartburg“ hauste, sind ihm liebe Erinnerungen die Landschaftsmaler Robert Kummer aus Dresden und Joseph Winkler aus München, die auch später periodisch Besuch wie Freundschaft erneuerten. Zu ihnen gesellt sich als Dritter der Landschaftsmaler Pape aus Berlin. Kummer ist in Norddeutschland genugsam bekannt, Winkler macht Schule in München; er begleitete seiner Zeit die Freundin Garibaldi’s, Elpis Melaina (Frau von Schwartz), nach Kreta und auf den Berg Ida. An Studien bietet die gegenüberliegende Ramsau allein ein ganzes Museum; jeder Fleck ist malerisch zu verwenden. Einige stilvolle alte Bauernhäuser aus Holz mit den feinen Giebeln und dem schöngeschnitzten „Gewandlgang“, mächtige Ahorne, sonnige Ausblicke auf den stolzen Saarstein, farbige Costüme, im Halbdunkel grasendes Vieh – hier lockt Alles und fesselt Vieles. Der majestätische Hallstätter See mit seinen wechselnden Wasser- und Luftschichten ist nur eine halbe Stunde entfernt.

Kühnere Wagnisse als Joseph Winkler unternahm ein anderer Intimus Deubler’s, der bekannte Reisende Wilhelm Heine, der die Expedition nach China und Japan im Auftrage der Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika mitmachte und beschrieb. Oefter weilte er längere Zeit in Goisern, und hoch wanderten die beiden Freunde in’s Gebirge empor. Wo nichts zu sehen war, erzählte Heine in romantischem Schwunge die Weltwunder seiner Erfahrung dem nicht immer orthodox gläubigen Deubler.

Der Stolz Deubler’s aber ist der mehrwöchentliche Besuch Ludwig Feuerbach’s im Jahre 1867. Ein enges Freundschaftsband verknüpfte die seit 1862 mit einander correspondirenden so verschiedenartigen Charaktere. Feuerbach, der bereits sieben Jahre auf dem Rechenberge angeschmiedet war, wo ihm der Geier der Politik, der Sorge und der Krankheit an der Leber fraß, Feuerbach, der seinen ersten Schlaganfall bereits erlitten hatte, feierte auf dem Primesberge ein wahres Auferstehungsfest; er badete sich in dieser Natur zu ungeahntem Wohlgefühle gesund, erstieg bedeutende Höhen, schwang den Steinhammer in den Muschelkalk und schmeichelte sich mit einem nicht erfüllten Wiedersehen. Wilhelm Bolin, der jetzige Professor und Bibliothekar an der Universität Helsingfors in Finnland, suchte Feuerbach in seinem Tempe auf und eroberte gleichfalls das Herz des Gastfreundes.

Im Atelier auf dem Primesberge steht eine Pyramide mit der Aufschrift „Homo homini Deus“, oben darauf die gelungene Bronzebüste Feuerbach’s. Hundert Schritte vor dem Schweizerhause hat Deubler zwischen Bäumen und oberhalb einer ländlichen Ruhebank eine Gedenktafel angebracht, welche besagt, daß hier der Lieblingsruheplatz des großen deutschen Denkers gewesen. „Ueber allen Wipfeln ist Ruh’“ etc.

[401] Ueber das Verhältniß Deubler’s zu Feuerbach sei an dieser Stelle nur so viel gesagt, daß dasselbe ein hochpoetisches, auf gegenseitiges innerlichstes Verständniß begründetes war. „Keinen Freund liebt und schätzt er so sehr als Sie,“ schreibt Feuerbach’s Gattin an Deubler unterm 24. Januar 1872, als der große Denker schon seiner Auflösung nahe war. Für die Innigkeit der Freundschaft zwischen dem Gelehrten vom Rechenberge und dem Volksphilosophen vom Dorfe Goisern legt mein Buch „Ludwig Feuerbach in seinem Briefwechsel und Nachlaß“ (Leipzig, Winter) Zeugniß ab. Deubler machte seinen großen Freund zum Rathgeber in allen wichtigen Fragen seines Innern, und manches Thema von weittragender Bedeutung wird in dieser Correspondenz auf’s Tapet gebracht. „Soll ich zum Scheine die mich drückende Pietisterei noch ferner mitmachen?“ fragte Deubler einmal in Bezug auf den von ihm in Aussicht genommenen

Die Gartenlaube (1875) b 401.jpg

Deubler’s Alpenhaus auf dem Primesberge bei Goisern.

Uebertritt in eine freie Gemeinde. „Ich war bisher wegen der Leute alle Jahre zur Communion gegangen und muß Dir aufrichtig gestehen, habe mich vor mir selbst geschämt. Mein ganzes besseres Selbst empörte sich gegen eine solche Heuchelei. Und doch – was bleibt mir übrig – –? Zum Auswandern bin ich jetzt schon zu alt und würde mich schwer von meinen so schönen Bergen trennen können.“ Feuerbach erwidert hierauf sehr treffend: „Die Religion, wenigstens die officielle, die gottesdienstliche, die kirchliche, ist entmarkt oder entseelt und creditlos, so daß es an sich ganz gleichgültig ist, ob man ihre Gebräuche mitmacht; denn selbst diejenigen, die sie angeblich gläubig mitmachen, glauben nur an sie zu glauben, glauben aber nicht wirklich, so daß es sich wahrlich nicht der Mühe lohnt, wegen eines Glaubens, der längst keine Berge mehr versetzt, seine lieben Berge zu verlassen.“

Deubler ist eine dankbare Natur. Ueber das Größere und Größte vergißt er nicht das weniger Große, das ihn gefördert hat. Ein so grundehrlicher, charaktervoller Mann wie Uhlich, der Magdeburger, war unserem Alpenhäusler höchst sympathisch. Im Sommer 1869 kam Uhlich in Person auf den Primesberg, und Deubler nennt ihn noch jetzt seinen „Unvergeßlichen“. Von Uhlich ging für Alle, die ihm nahe gekommen sind, ein Hauch der Bravheit aus, der ein sonst etwas prosaisches Naturell mit einem Heiligenschein umgab.

Auch die Geologen durchwühlten die Dachsteinpartie des Salzkammergutes, und Deubler, der Wege und Stege kennt, diente zum Orientiren, öffnete dabei stets beide Ohren, lernte und gewann sich die Zuneigung der Steingelehrten. Er beherbergte die Herren Eduard Sueß, Moisitschowitsch, Professor Simony, den Alpenseekundigen, und Herrn von Hauer, den hochverdienten Autor der Geologie Oesterreichs.

Als ich im vorigen Sommer auf dem Primesberge die Correctur meines „Feuerbach“ las, erschien zu unser Aller Freude Ernst Häckel aus Jena, der frisch-fröhlich-freie Repräsentant der Descendenzlehre auf deutschem Boden. Er durchmusterte im unteren Stocke die erste, schon damals vergriffene Auflage der „Anthropogenie“, während ich im „Feuerbachzimmer“ das „Philosophische Idyll“ revidirte. Deubler war auf der Höhe seines Bewußtseins angelangt, als er die Ergänzung zu Feuerbach’s philosophischem Realismus unter seinem Dache wußte, und ein wahrer Alpenkönig dünkte er sich, als er die Lectüre des Vor- und Nachworts zur „Anthropogenie“ vornahm. Er hat es aber dahin gebracht, im geistigen Leben die Blüthe des Daseins zu empfinden – und doch konnte er mit zwanzig Jahren noch nicht schreiben.

So daure denn, du trautes Alpenhaus auf dem Primesberge, daure mit deinen Insassen, als Asyl für die zerplagten Gehirne, die sich hier lüften! Daure mit deinem zauberhaften Gegenüber, dem Ramsauer Gebirgszuge, der schönsten einem in dieser Welt, so veilchenartig angeflogen, daß ich seinen Purpurhauch dem Veilchenschwamm (Ioïdeum) auf seinem Gestein zuschreiben wollte. Die Herren Geologen sagten zwar Nein, aber Homer würde mir Recht geben, und der ist doch auch eine Autorität.

Karl Grün.




Die Damen auf dem Wiener Congreß.
Von Julius Bacher.
Nr. 1.


Zu den interessantesten Denkwürdigkeiten in der Geschichte unseres Jahrhunderts darf wohl die unter der Bezeichnung „Wiener Congreß“ bekannte Fürsten-Versammlung gezählt werden, welche nach Napaleon’s des Ersten Verbannung nach Elba vom September 1814 bis zu Ende März 1815 in Wien stattfand, um nach Metternich’s Vorschlag die in Paris unerledigt gebliebenen Friedens-Verhandlungen zum Abschluß zu bringen.

Der Wiener Hof zählte in Folge dieses Congresses eine große Anzahl fürstlicher Häupter zu seinen Gästen; denn außer dem Kaiser von Rußland und dem König von Preußen, die im September in Wien anlangten, trafen im Lauf des Congresses noch die Könige von Baiern, Würtemberg und Dänemark, sowie die Herzöge von Oldenburg, Braunschweig-Oels, von Weimar und Coburg und der Großherzog von Baden, der Kurfürst von Hessen-Kassel, der Großfürst Constantin, Prinz Wilhelm und August von Preußen, die Kronprinzen von Baiern und Würtemberg und der enthronte Vice-König von Italien, Prinz Eugen Beauharnois und außerdem noch eine Menge anderer fürstlicher Personen mit ihrem überreichen Gefolge ein.

Vielleicht hatte außer politischen Rücksichten der Ruf, dessen sich die lustige Kaiserstadt damals erfreute, hinsichtlich der zu bietenden Genüsse einzig zu sein, die ungewöhnliche Theilnahme der genannten Fürsten hervorgerufen. An Damen erschienen mit den genannten Fürsten die Kaiserin von Rußland, die Königin von Baiern, die Großfürstinnen-Herzoginnen von Weimar und Oldenburg, Schwestern des Kaisers Alexander, und andere Hoheiten des schönen Geschlechts. Und alle diese Personen waren Gäste der Hofburg, deren Gefolge, Hofstaaten und Dienerschaften theils in derselben, theils in den daneben befindlichen Gebäuden untergebracht und aus der kaiserlichen Küche gespeist wurden.

[402] Rechnen wir zu den bezeichneten fürstlichen Personen noch die Menge der Bevollmächtigten mit ihrem Beamtenanhange und sonstigen Begleitern, die durch dieses seltene Ereigniß herbeigezogenen Capacitäten der Künste und Wissenschaften und die große Menge von Abenteurern aller Art und beiderlei Geschlechts, welche diesen Zusammenfluß höchster Personen und deren Reichthum und Genußbedürftigkeit auszubeuten gekommen waren, so gewinnen wir ein Bild von dem überreich belebten Treiben während des Congresses. Man sagt, es habe damals ein Zustrom von mehr denn hunderttausend Fremden stattgefunden. Die politischen Angelegenheiten wurden auf dem Congresse bekanntlich nur sehr beiläufig betrieben, und eine ununterbrochene Kette von Lustbarkeiten trat an die Stelle ernster Verhandlungen. So war denn auch das Witzwort des sarkastischen Fürsten de Ligne: „der Congreß tanzt, kommt jedoch keinen Schritt vorwärts“ für diese Versammlung durchaus bezeichnend.

Denn der Wiener Congreß hat bekanntlich im Laufe einer siebenmonatlichen Thätigkeit seine Aufgabe auch kaum annähernd gelöst, sondern fand vielmehr durch Napoleon’s unvermuthete Rückkehr ein plötzliches Ende.

Daß unter den angegebenen Verhältnissen die Damenwelt auf dem Congreß eine besonders dankbare Aufgabe für ihre Thätigkeit fand, versteht sich von selbst. Ueberdies war diese Thätigkeit eine ebenso angenehme wie lohnende, ganz abgesehen davon, daß die Damen dabei sowohl rein persönliche, wie fremde Interessen verfolgen konnten und zugleich die Gelegenheit fanden, Eitelkeit, Ehrgeiz und die Neigung zu Vergnügungen zu befriedigen. Diese so gewichtigen Momente hatten denn auch eine überaus große Anzahl der hochgestellten Damen aus allen Himmelsgegenden nach Wien geführt, woselbst sie während des Congresses eine fast hervorragendere Rolle, als die Diplomaten selbst spielten, ja mit diesen, wenn auch nur hinter den Coulissen, in ihren politischen Bestrebungen in der wirksamsten Weise rivalisirten. Ueberdies galt es, in den zur Unterhaltung der hohen Gäste eröffneten Salons die Wirthinnen zu machen, Lustbarkeiten aller Art zu ersinnen und wo möglich den Glanz und den lobenden Ruf anderer Salons noch zu übertreffen. Dies war aber bei dem fürstlichen und vornehmen Stande der Gäste, bei deren nicht eben kleinen Ansprüchen und der Uebersättigung derselben in Folge der von den kaiserlichen Wirthen dargebotenen überreichen Genüsse eben keine kleine Aufgabe.

Kaiser Franz war in dieser Beziehung unerschöpflich. Den Festlichkeiten bei der Einholung der Fürsten und Fürstinnen reihten sich die Feste in der Hofburg, in Schönbrunn und Laxenburg und die öffentlichen nationalen Feste, wie das Friedensfest, die Gedächtnißfeier der Schlacht bei Leipzig am 18. Oktober, die Zauberfeste bei Metternich, Carroussels, Schlittenfahrten, Eislauf, Maskenbälle, Ausflüge nach Ungarn, Jagden und hundert andere Vergnügungen und Festlichkeiten an. Ueberdies hatte sich der kaiserliche Wirth auch die Aufgabe gestellt, daß nicht nur jeder Tag, sondern sogar jede Tageszeit mit der angenehmsten Unterhaltung und Festlichkeit ausgefüllt würde. Die große Vorliebe des Kaisers von Rußland und des Königs von Preußen für militärische Exercitien beachtend, war er bedacht, dieselben sowohl durch an jedem Vormittage abgehaltene Paraden wie durch Manöver zu befriedigen. In den späteren Vormittagsstunden fand alsdann Empfang bei den Kaiserinnen und Königinnen statt; die eingetroffenen Fürsten und ihr Gefolge machten ihre Aufwartung bei Hofe und den bereits anwesenden fremden Persönlichkeiten.

Um zwei Uhr wurde die Mittagstafel in der Burg abgehalten, woselbst in dem Kaisersaal und in den Nebensälen täglich mehrere hundert Gäste speisten. Bei schönem Wetter machten die fremden Gäste noch einen Spaziergang auf der Bastei, und man sah daselbst den Kaiser Alexander gewöhnlich Arm in Arm mit dem Prinzen Eugen Beauharnois gehen, den König von Preußen mit den Königen von Baiern und Dänemark und die mit jedem Tage sich mehr vergrößernde Menge eingetroffener fremder Fürsten mit ihren Familien. Es herrschte bei diesen Spaziergängen die größte Ungezwungenheit. Die Fürsten gingen, wie in einem Badeorte, einfach bürgerlich gekleidet einher und verkehrten in der freundlichsten Weise mit einander und mit dem sich dabei in reicher Anzahl einfindenden Publicum. Daß die fürstliche und sonstige vornehme Damenwelt auf diesen Spaziergängen stets vertreten war, darf kaum bemerkt werden; fand sie doch daselbst die bequemste Gelegenheit, gesehen und bewundert zu werden.

Da nach der Tafel noch eine offene Zeit bis zum Abend blieb, so wurde diese durch Spazierfahrten in den Prater ausgefüllt, wo das zahme, daselbst gehegte Rothwild bis an den Wagen der Gäste kam und von diesen mit Brod gefüttert wurde. Falls nicht Feste in der Burg oder andere besondere Vergnügungen zu besuchen waren, zerstreute sich alsdann die Gesellschaft, und Jeder suchte sich Unterhaltung nach seinem Geschmack, theils in den Salons schöner und geistreicher Frauen, theils in der Oper, dem Ballet, Schauspiel, den Lust- und Possenspielen des Volkstheaters in der Leopold- und Josephstadt, oder in den Spectakelstücken des Theaters an der Wien und in dem Circus im Prater.

Unter den gekrönten Häuptern waren es ganz besonders der Kaiser von Rußland und der König von Preußen, welche sich der allgemeinsten Verehrung erfreuten, namentlich jedoch war es der Erstere, dessen leutseliges und heiteres Benehmen ihn schnell zum Liebling der Wiener gemacht hatte, die sich fast täglich eine neue, erheiternde Anekdote von ihm zu erzählen wußten.

Ein in der That allerliebstes Geschichtchen, das zur Charakteristik des russischen Kaisers und seiner Vorliebe für einen heiteren Scherz, sowie für das Treiben in der Hofburg während des Congresses dienen dürfte, hat sich erhalten und ist folgendes:

Dem Kaiser Alexander war es nicht entgangen, daß von der Tafel in der Hofburg vor seinen Augen oft die köstlichen Braten und Pasteten nach dem Tranchirtisch gebracht wurden, ohne jedoch wieder zur Tafel zurückzukehren, worüber er sich gerechter Weise wunderte und welcher Umstand seine Aufmerksamkeit erregte. Eines Mittags wiederholte sich dieses wunderliche Begebniß. Es wurde nämlich in des Kaisers Nähe ein kunstvoll verzierter Fasan, dessen Füße und Schnabel vergoldet waren, auf die Tafel gesetzt. Die Trüffelfüllung des Fasans berührte die Geruchsorgane des Kaisers überaus angenehm und erregte seinen Appetit darauf. Dieser Umstand und die früher gemachten Erfahrungen hinsichtlich des räthselhaften Verschwindens leckerer Gerichte veranlaßten ihn, sein Augenmerk diesem königlichen Vogel ganz besonders zuzuwenden, da er sich bei dem Braten nicht mit einer bloßen Augenweide zu begnügen wünschte. Trotzdem war der Vogel bald seinen Augen entschwunden und kehrte auch nicht zur Tafel zurück, wie so viele andere Braten. Dies erregte des Kaisers Aerger, und früher als gewöhnlich verließ er den Saal und begab sich durch einen Seitencorridor ohne alle Begleitung nach seinen Gemächern. Indem er an einem der Fenster des Speisesaals vorüberging, wurde seine Aufmerksamkeit von dem Farbenspiele eines Federschweifs, welcher zwischen der Gardine der Fensternische hervorragte, angezogen. Sogleich fiel ihm der seinem Genuß entzogene Vogel ein; er trat näher, zog die Gardine zurück und fand zu seiner Ueberraschung in einem Handkorbe auf silberner Schüssel den Fasan auf einem Reste von mehreren noch uneröffneten Flaschen edelsten Burgunders und Tokayers. Kein Beobachter befand sich in der Nähe, und so trug der Kaiser, von einem plötzlich in ihm auftauchenden Gedanken bestimmt, den gefüllten Korb in sein Zimmer. Am nächsten Morgen ließ er den Kaiser Franz zu einem Frühstück in seinem Zimmer einladen. Der Erstere, obwohl durch diese ganz ungewöhnliche Einladung nicht wenig überrascht, fand sich doch zur bestimmten Zeit bei ihm ein und war überaus erstaunt, als er auf dem Frühstückstische nichts weiter vorfand als den gefüllten Korb und Alexander erklärte, seinen Gast als Tafel- und Kellermeister bedienen zu wollen. Das Erstaunen des Kaisers Franz löste sich in die größte Heiterkeit auf, als Alexander darauf ihm die näheren Umstände, durch welche er zu diesen Delikatessen gelangt war, in der scherzhaftesten Weise mittheilte. Kaiser Franz zeigte sich dadurch jedoch durchaus nicht überrascht, sondern meinte nur gleichmüthig:

„Schaun’s, so geht es halt bei uns im Kleinen her; nun können’s sich eine Vorstellung davon machen, wie’s bei Ihnen im Großen hergehen thut.“

Man sieht daraus, wie geschickt der Kaiser es verstand, seine Hofhaltung in Schutz zu nehmen. Man nannte diesen kaiserlichen Scherz einen „Pagenstreich“ und belachte denselben von ganzem Herzen.

Neben diesem Scherz erregte auch derjenige große Heiterkeit, daß Alexander sämmtliche Fürsten, welchen Kaiser Franz [403] Regimenter verliehen hatte, wozu er selbst und der König von Preußen zählte, als sie eine Einladung zum Besuche der Hauptstadt Ungarns von Franz erhalten hatten, veranlaßte, auf dem vorschriftsmäßigen Stempelbogen um Urlaub zur Reise über die Grenze bei dem Kaiser einzukommen. – –

Die Damenwelt auf dem Wiener Congresse kann in drei besondere Kategorieen eingetheilt werden, und zwar in diejenige, welche sich durch vornehmen Stand, in diejenige, welche sich durch Schönheit und geistige Vorzüge, und endlich in diejenige, welche sich durch diese und zugleich durch ihre politische Thätigkeit in den Salons auszeichnete. Die übergroße Menge von schönen und interessanten weiblichen Erscheinungen auf dem Congresse macht es jedoch unmöglich, Allen in dem Rahmen eines begrenzten Aufsatzes gerecht zu werden, und so kann nur der hervorragendsten Erscheinungen gedacht werden. Wir eröffnen die Reihe der zu zeichnenden Damen mit der Gemahlin des kaiserlichen Gastgebers, der Kaiserin Ludovica.

Während Kaiser Franz sich in den Bemühungen um die Erheiterung seiner Gäste, sowie durch die unermüdete Theilnahme an allen Hof- und öffentlichen Festlichkeiten fast erschöpfte, sah sich die Kaiserin durch ihren leidenden Gesundheitszustand veranlaßt, nur selten an den gemeinschaftlichen Belustigungen Theil zu nehmen, und war dagegen bedacht, die Pflichten der Gastfreundschaft in ihren Gemächern auszuüben. Während des Congresses machte sie nur einmal eine Ausnahme von ihrer eingezogenen Lebensweise, indem sie bei einer Falkenjagd in Laxenburg zu Pferde erschien. Da sie die Erschütterung des Fahrens nicht vertrug, so ließ sie sich in einer Sänfte oder einem Sessel tragen, falls sie öffentlich erschien. Ihre Erscheinung war sehr interessant und verrieth die südliche Abkunft. Sie stammte aus dem Hause der Este und war die Enkelin des Herzogs von Modena. Ihr mit einer Fülle schwarzer Locken umrahmtes, todtenbleiches Antlitz gewährte einen eigenthümlichen Anblick und fesselte den Beschauer sofort. Wenn sie, das Haupt mit einem Diadem von Edelsteinen, Hals und Arme mit kostbaren Perlenschnüren geschmückt, in einem goldstoffenen, mit Brillanten verzierten, fürstlichen Gewande erschien, glich sie einem Madonnenbilde und erweckte, wie dieses, in dem Beschauer die reinsten Empfindungen. Trotzdem war diese nervenschwache und leidende Dame nicht nur eine unerschrockene Jägerin, wie sie das auf der Falkenjagd in Laxenburg bewies, woselbst sie dem blutigen Kampfe ihrer Lieblingsfalken mit deren Opfern voll Interesse zuschaute, sondern auch eine ausgezeichnete Schützin. Denn wenn sie des üblen Wetters wegen auf ihre Gemächer beschränkt war, belustigte sie sich, indem sie mit einer besonders für sie gefertigten Flinte, in welche nur ein einziges Korn Hageldunst geladen war, nach den fliegenden und sitzenden Fliegen schoß, und verfehlte nicht eben häufig ihr Ziel. Aber sie liebte auch edlere Vergnügungen, und da sie durch Kränklichkeit an der Theilnahme der Festlichkeiten vielfach verhindert war, so war sie bedacht, in ihren Gemächern die fremden Gäste durch allerlei Genüsse zu erheitern. Sie veranstaltete theatralische Vorstellungen von Dilettanten aus der vornehmen Gesellschaft und andere erheiternde Unterhaltungen und ließ sich in der Anordnung derselben ganz von dem Fürsten Anton Radziwill, berühmt durch seine genialen Compositionen zu Goethe’s Faust, leiten.

Die einnehmende Persönlichkeit des Fürsten, sowie sein ausgezeichnetes Talent als Sänger, Schauspieler, Tänzer und Meister auf dem Cello, erhoben ihn zum Mittelpunkte der kaiserlichen Salons. Mit der ebenso geistreichen wie liebenswürdigen Prinzessin Louise, Tochter des Prinzen Ferdinand von Preußen, vermählt, hatte er sich, nachdem er, trotz seiner echt polnischen Herkunft, tapfer für Preußen gefochten, den Musen zugewandt und war auch auf dem Congresse erschienen. Er stiftete in Wien einen Bund der Troubadours, dem viele fürstliche Personen angehörten. Die Mitglieder derselben erschienen bei festlichen Gelegenheiten im Schmucke ihrer mittelalterlichen Tracht und mit der Laute am Bande und erfreuten die Gesellschaft durch den Vortrag französischer Romanzen und vierstimmiger deutscher Lieder. In diesen Gesellschaften bei der Kaiserin trug Fürst Radziwill einige von ihm melodramatisch componirte Scenen aus Goethe’s Faust, nämlich Gretchens Klaggesänge und die Romanze vom König in Thule vor, wobei er sich mit dem Cello begleitete. Ja, er brachte sogar eine kleine Operngesellschaft von musikalischen Dilettanten zusammen, welche in den Salons der Kaiserin Operetten und Scenen aus größeren Opern aufführten. Zu den Mitgliedern dieser Gesellschaft zählten fast nur fürstliche und dem hohen Adel angehörige Personen. Der Fürst selbst gab die Partieen eines ersten Liebhabers, wozu ihn seine herrliche Tenorstimme, seine schöne Gestalt und sein vortreffliches Spiel wesentlich berechtigten. Eine zweite Gesellschaft führte französische Lustspiele auf; eine dritte wagte sich sogar an die Aufführung von Trauerspielen und brachte in der Hofburg Scenen aus „Wallenstein“ zur Anschauung, worin ein naher Verwandter des Helden, ein Graf Waldstein aus Münchengrätz, die Rolle des Wallenstein übernommen hatte.

Die Kaiserin Elisabeth von Rußland bildete eigentlich den Gegensatz zu der schönen und interessanten Ludovica; denn ihr mangelten nicht nur äußere Vorzüge, sondern auch der Geist, der diese wesentlich erhöht. Auch erregte ihre Erscheinung eher das Mitleiden als die Bewunderung des Beschauers, dessen Auge mehr durch die Pracht ihrer Edelsteine als durch ihre Person und ihr Wesen gefesselt wurde. Denn ihre Heiterkeit erschien gezwungen; in dem nichts weniger als schönen Angesichte gewahrte man den Kummer eines unbefriedigten Herzens, der an Trübsinn zu grenzen schien. Als Grund dafür bezeichnete man die Vernachlässigung, welche sie von Seiten ihres Gemahls erfahren mußte, welcher der jungen und überaus schönen Fürstenwittwe Gabriele von Auersperg mehr Aufmerksamkeiten erwies, als es sein eheliches Verhältnis und die Anwesenheit seiner Gemahlin erlaubten. Auch glaubte man die Ursachen ihres Trübsinns in dem Umstande zu finden, daß ihre Ehe kinderlos war. Der Kaiser wußte übrigens die Güte und Liebenswürdigkeit seiner Gemahlin nicht genug zu rühmen, und er hatte wohl Ursache dazu; denn die Liebe der Kaiserin zu ihm war so groß, daß sie die Tochter, welche die Fürstin Narischkin dem Kaiser geboren hatte, bei jeder Begegnung mit Liebkosungen überhäufte – gewiß ein Zug edelster Selbstverleugnung in einem weiblichen Herzen. Ohne irgend welches Interesse für die politischen Verhandlungen zu verrathen und ohne ihren Gemahl in seinen Galanterien durch mehr als ihr trübes Wesen zu stören, nahm sie an den dargebotenen Festlichkeiten unter Beobachtung ihres sich stets gleichbleibenden Wesens in anspruchslosester Weise Theil, und nur ihr hoher Rang sicherte ihr eine allgemeine Beachtung.

Die dritte unter den Kaiserinnen des Congresses weilte nicht in Wien, sondern in der Nähe desselben; sie mußte eigentlich das größte Interesse für die Congreß-Verhandlungen haben. Dies war Marie Luise, die entthronte Kaiserin von Frankreich. Sie enthielt sich aus naheliegenden Gründen der Theilnahme an den Festlichkeiten und wohnte auf dem Rauhensteine in der Nähe Badens, in ihrer Abgeschlossenheit durch den vertraulichen Umgang mit dem von ihr sehr geschätzten Grafen Neipperg für die entbehrten Congreß-Freuden entschädigt. In Begleitung ihres Günstlings machte sie Ausflüge zu Pferde nach dem reizenden Helenen-Thale und sah überdies ihre idyllische Einsamkeit durch angenehme Besuche aus der Residenz unterbrochen.

Den Kaiserinnen reihten sich die Großfürstin Katharina, verwittwete Herzogin von Oldenburg und die Großfürstin Maria, Erbgroßherzogin von Sachsen-Weimar an, die sich ebenso sehr durch eine liebenswürdige Erscheinung wie, namentlich die Großfürstin Katharina und spätere Königin von Württemberg, durch Geist und Bildung auszeichneten. Welche Bedeutung die Großfürstin Maria für Weimar erhalten hat, ist bekannt. Die Königin von Baiern, eine Schwester der Kaiserin von Rußland, fand wegen ihres einfachen bürgerlichen Wesens nur geringe Beachtung.

Nachdem wir die durch ihren Rang ausgezeichneten Frauen auf dem Congresse erwähnt haben, gehen wir zu denjenigen über, welche damals durch ihre Schönheit und geistigen Vorzüge namentlich in den Salons glänzten und keine unbedeutende Rolle spielten. Und das will nicht eben wenig sagen, wenn man erwägt, daß Wien nicht nur bereits eine seltene Menge weiblicher Schönheiten in allen Schichten der Gesellschaft besaß und deshalb, wie noch heute, berühmt war, sondern daß auch ein Zustrom schöner Frauen stattgefunden hatte.

Der Kaiser Alexander rühmte sich, für sechs verschiedene Schönheiten die Urbilder in der Wirklichkeit gefunden zu haben. [404] Zu diesen zählte als die „himmlische“ Schönheit die Gräfin Julie Zichy, als die „coquette“ die Gräfin Karoline Szecheny, als die „teuflische“ die Gräfin Saurma, als die „triviale“ die Gräfin Sophie Zichy, als die „blendende“ die Fürstin Esterhazy Roisin, und schließlich als die „einzige“ Schönheit, welche Liebe erweckt, die von dem Kaiser verehrte Fürstin Gabriele Auersperg.

Außer diesen Damen befanden sich noch einige andere in Wien, denen der Kaiser sehr schmeichelhafte Namen beilegte. Es waren dies die drei ältesten Töchter der Herzogin von Kurland, die Herzoginnen von Acerenza, Sagan und Hohenzollern, welche, obgleich vermählt, dennoch ohne ihre Männer den Congreß besuchten. Alexander nannte diese Damen die „drei Grazien“. Dieselben zeichneten sich allerdings durch große Schönheit, aber auch ebenso sehr durch eine offene Galanterie aus, und von ihnen war es die Herzogin von Sagan allein, welche auch mit allem Rechte Anspruch auf Geist, Verstand und Charakter machen konnte, während die anderen beiden sich mit dem Besitze ihrer Schönheit begnügen mußten. Ueberdies stand die Herzogin von Sagan auch den politischen Intriguen auf dem Congresse nicht fern, wie wir später erfahren werden.

Unbegreiflich bleibt es, daß der galante und kritisirende Kaiser für die hervorragendste und ohne Frage bedeutendste weibliche Erscheinung auf dem Congresse keine Beziehung fand oder sich darum bemüht zu haben scheint. Vielleicht ist der Grund davon darin zu suchen, daß diese Dame bei aller Schönheit und Jugend sich von den Festlichkeiten mehr fern hielt und ihre Geistesrichtung und ihr Benehmen sie den Galanterien unnahbar machte. Es war dies die später berühmte Gräfin Perigord, Herzogin Dino, die vierte Tochter der Herzogin von Kurland, welche, obgleich vermählt, Talleyrand als dessen Nichte, und zwar ohne ihren Gatten, begleitete. Sie machte in dem Salon dieses Staatsmannes die Wirthin und übte überdies eine bedeutende politische Thätigkeit auf dem Congresse aus.

Wir kommen nun zu den Damen der Salons. Die Salons waren auf dem Wiener Congresse von großer Bedeutung, und wir werden in ihnen die vorzüglichsten Erscheinungen der Damenwelt finden. Für Oesterreich waren die Salons, außer durch die Kaiserin Ludovica, durch die Prinzessinnen Marie Esterhazy, Colloredo, Liechtenstein und Fürstenstein, die Gräfinnen Fuchs, Zichy und mehrere Andere vertreten, die sich einer verschiedenen Bedeutung und Beliebtheit erfreueten. Einer der hervorragendsten war der Salon der Gräfin Fuchs. Diese Dame beherrschte durch den Zauber ihres Wesens nicht nur dir vornehme Männerwelt, sondern übte auch durch ihr ebenso feines wie liebenswürdiges Benehmen eine so große Macht aus, daß man ihr den Namen „die Königin“ beigelegt hatte, eine Bezeichnung, die sie in der That mit vollem Rechte verdiente.

Dieser Salon war der beliebteste, und man erachtete es für eine Ehre, Zutritt zu demselben zu erhalten. Es versammelten sich daselbst die ausgezeichnetsten Personen und zwar in einer so großen Zahl und Mischung, daß der Reiz der Begegnung durch die darin herrschende Ungezwungenheit überaus erhöht wurde. Einige Namen der daselbst zu findenden Gäste werden als Beweis dafür dienen; es zählten zu diesen der Prinz Philipp von Hessen-Homburg, der Prinz Eugen Beauharnois, der fast täglich erschien, sodann Gentz, die Fürsten Esterhazy und Liechtenstein, die Grafen Neipperg, Wallmoden, und mehrere andere hervorragende Persönlichkeiten. Zu den Damen, die in diesem Salon zu finden waren, zählten auch die drei kurländischen Herzoginnen.

Mehr gesucht und vielleicht vornehmer als der vorige Salon war derjenige der vom Kaiser Alexander als „himmlische“ Schönheit bezeichneten Gräfin Julie Zichy, der die höchsten Monarchen zu seinen Gästen zählte. Julie Zichy war eine geborene Gräfin Festestics, eine Ungarin, und die Gemahlin des Grafen und Ministers Zichy. Wie der Biograph dieser Dame berichtet, vereinten sich in ihr der reinste Adel der Weiblichkeit, die seltenste Schönheit und der Ausdruck der Tugend und Unschuld mit der ganzen Fülle der Weltbildung. Dieses in der That außerordentliche Lob wird es erklärlich machen, daß der Salon dieser Dame eine große Anziehungskraft ausübte. Namentlich war dies hinsichtlich des Kaisers Alexander und des Königs von Preußen der Fall, die daselbst häufig unangemeldet erschienen und gern verweilten. Der König huldigte dieser Dame ganz besonders, welche ihn, wie man sagt, außer durch die genannten Vorzüge noch durch eine entfernte Ähnlichkeit mit seiner vor wenigen Jahren verstorbenen Gemahlin Luise fesselte. Der Besuch der gekrönten Monarchen hielt natürlich andere Gäste fern, doch fand außerdem ein lebhafter Verkehr vornehmer Personen daselbst statt. Die Gräfin bot überdies bei allen Festlichkeiten, an denen sie Theil nahm, stets das gesuchteste Ziel der Bewunderung.

Leider theilte sie das Schicksal der schönen Preußenkönigin, denn auch sie starb in der Blüthe des Lebens und zwar bald nach dem Congresse, dessen den ganzen Winter andauernde Feste den Keim zu ihrem, wie zu dem Tode vieler anderen Damen gelegt hatten, ein Beweis für die übermäßigen Anstrengungen, zu welchen das Treiben während des Congresses die Frauen herausforderte. Es sei an dieser Stelle zugleich noch verrathen, daß nicht nur dergleichen Opfer gefordert wurden, sondern daß ganze Familien, deren Eitelkeit und gesellschaftliche Stellung sie verleiteten, trotz ihrer weniger glücklichen äußeren Verhältnisse mit anderen besser situirten zu rivalisiren, sich finanziell gänzlich ruinirten. Die ungeheuere Prachtentfaltung des österreichischen Hofes, sowie diejenige der fremden Monarchen und Fürsten, verleitete zu den unerhörtesten Anstrengungen und Opfern. Niemand wollte in dem fürstlichen Glanze unbeachtet bleiben.

Wir entwerfen als Beweis für den übergroßen Luxus, welcher in jenen Tagen in Wien herrschte, die Skizze einer Festlichkeit in der Hofburg, die hinreichend sein dürfte, einen Begriff von der übermäßigen und zugleich allgemeinen Prachtentfaltung zu geben. Um in die Eintönigkeit der Hof- und Gesandtenbälle einige Veränderung zu bringen, vielleicht auch, um durch die Anforderung höchster Eleganz im Anzuge den Andrang der Theilnehmenden zu beschränken, war eine „Redoute parée“ von dem kaiserlichen Gastgeber befohlen worden. Um die große Zahl der Gäste zu fassen, fand dieselbe in dem großen und kleinen Redoutensaale und der mit diesen in Verbindung gebrachten Reitbahn statt, und waren zu demselben nicht weniger als viertausend Personen eingeladen worden; diese große Zahl der Einladungen läßt erkennen, daß die auf dem Maskenballe erschienenen Personen nicht allein den fürstlichen und adligen, sondern auch andern, weniger bevorzugten Ständen angehörten. Es war bei diesen Einladungen jedoch gleichzeitig die Bedingung gestellt worden, daß die Damen nur in Anzügen von weißer, hellblauer oder rosa Farbe, die Herren im blauen oder schwarzen Fracke, mit weißem oder schwarzem kurzem Beinkleide, Schuhen mit Schnallen, Klapphut mit Federeinfassung erscheinen dürften.

Man denke sich, welche ungeheuern Mittel zur Herstellung dieser Toiletten erfordert wurden, und man wird es kaum glaublich finden, wenn man erfährt, daß man sich vor den Hutmacherläden um die überaus schwer zu beschaffenden Klapphüte fast schlug. Denn es muß zur Erklärung dieses außergewöhnlichen Treibens bemerkt werden, daß nicht nur die eingeladenen, sondern auch viele andere nicht eingeladene Personen die Maskerade besuchten, sofern sie so glücklich waren, mehr denn hundert Gulden dem Thürsteher an den Sälen für ein Billet zahlen zu können, dessen Besitzer sich bereits in den festlichen Räumen befand. Es war das ein sehr einträglicher Handel, den die Thürsteher bei allen denjenigen Festen trieben, zu denen Einladungen ausgetheilt waren. Die Zahl solcher ausgetheilter Einladungen blieb stets hinter der Menge, welche sich der Theilnahme an diesen Festlichkeiten zu rühmen begehrte, weit zurück, und so sahen sich Viele zur Erlangung dieser Ehre genöthigt, keine Kosten und Mühen zu scheuen. Die Berechtigung zum Eintritt knüpfte sich jedoch, wie gesagt, nicht nur an das Billet, sondern auch an den bezeichneten Anzug, und dieser war eben sehr schwer zu beschaffen.


[405]
Italienische Eisenbahn-Arbeiter in Deutschland.
Die Gartenlaube (1875) b 405.jpg

Theilung der Polenta.
Nach der Natur aufgenommen von Rudolf Geißler in Nürnberg.

Es dämmerte schon, als sich der Postwagen den grünen Ufern des Zeller Sees näherte, dessen blanker Spiegel inmitten einer Landschaft liegt, welche nach Süden in nicht zu weiter Ferne Berge über Berge thürmt, Glieder der mächtigen Tauernkette, die ihre weißen Häupter bis zu einer Hohe von mehr als elftausend Fuß erheben, während sich gegen Norden in etwas weiterer Entfernung eine mehrere Stunden breite, vielgezackte Wand, den Berchtesgadener Kalkalpen zugehörig, scharf gegen [406] den blauen Himmel abzeichnet. Unmittelbar an den See schließen sich gegen Osten und Westen sanfter geformte und vielfach gefaltete Thonschieferberge an, welche trotz ihrer nicht unbeträchtlichen Höhe bis zum Gipfel mit grüner Rasendecke überzogen sind und mit ihren schattenden Wäldern am Fuße zu den ernsten und gewaltigen Hintergründen in angenehmem Gegensatze stehen. Die „Gartenlaube“ brachte in ihrem letzten Jahrgange (Nr. 46) eine gelungene Darstellung des Sees und seiner Umgebung in Bild und Wort.

Die Landstraße zwängte sich nun nahe dem Flecken, welcher der Hauptort eines großen Bezirkes ist und dem See den Namen giebt, zwischen diesen und die schroff abfallenden Thonschieferschichten, und hier erblickte der Ankommende, wo sich nur immer Raum bot, bald einzeln, bald in ganzen Reihen, Feuer an Feuer mit darüber befindlichen Kesseln, um dieselben aber Gruppen kochender, lagernder, schwatzender Gestalten in malerischem Durcheinander. Verwegene, gebräunte Gesichter mit spitzen Hüten, nackte Arme und zerrissene Hemden, Flicken und Lumpen in bunter Mannigfaltigkeit. – Sind es Zigeuner, die hier ihr Lager aufgeschlagen haben? Dagegen spricht ihre große Zahl, denn immer begegnen wir wieder neuen Gruppen, auch gewahren wir keine halbnackten Kinder; es fehlen ferner die mageren Hunde, mit einem Worte, der ganze Apparat eines richtigen Zigeunerlagers, und nirgends tritt aus den Reihen der Lagernden ein zudringlicher Bettler an uns heran.

Lassen wir den Postwagen die Paar hundert Schritte bis zur Station allein zurücklegen und treten näher hinzu. – „Gattina, la cara mia, fa presto!“ – „Ancora una portione di polenta, non molto!“ – „Grazie, Angelo!“ – Diese und ähnliche Ausrufe, Reden und Gegenreden sind zu vernehmen, und ein Stück von einer Rollbahn, durch das Streiflicht eines Feuers grell beleuchtet, läßt uns trotz der nunmehr völlig eingetretenen Dunkelheit nicht länger im Zweifel, was für ein Völkchen hier sein harmloses Wesen treibt. Es sind italienische Arbeiter, wie sie alljährlich zu Tausenden aus ihrem so schönen, so übervölkerten und so armen Lande über die Alpen zu uns herüberkommen, um mit ihren fleißigen Händen unsere Eisenbahnen zu bauen und durch die sauren Ersparnisse harter Arbeit ihrer bitteren Armuth zu Hülfe zu kommen. Meist aus den Ebenen der Lombardei oder den Thälern, welche in die südlichen Abhänge der Alpen einschneiden, stammend, sind diese Leute an strenge Arbeit gewöhnt und dürfen durchaus nicht mit dem lungernden Gesindel in eine Linie gestellt werden, wie es sich in italienischen Städten, namentlich des Südens, herumtreibt. Ihr einziges Bestreben ist, tüchtig anpacken, hart schaffen und sparen zu können, ihr höchstes Ziel, eine eigene Scholle mit einigen Decimalen Wein- und Maisland oder ein bescheidenes Sümmchen zu einer kleinen Handelschaft zu erwerben.

Nehmen wir uns die Mühe, die braunen Gesellen mit ihrem fremdartigen Aussehen und den stark abgetragenen Kleidungsstücken etwas näher zu betrachten, und wir werden Veranlassung finden, so manches Vorurtheil schwinden zu lassen, welches deren äußere Erscheinung nur zu leicht erregen möchte. In seinem geldarmen Vaterlande, bei der dort stellenweise zurückgebliebenen Industrie, unter dem Drucke jämmerlicher Pachtverhältnisse, ist der Ueberschuß an Bevölkerung, welcher sich unter dem glücklichen Himmel nur allzu schnell erzeugt, gezwungen, sich nach Erwerb in der Fremde umzusehen, und er thut es mit dem Vorsatze, etwas für seine bescheidenen Ansprüche an das Leben Erkleckliches mit nach Hause zu bringen. Die Bedürfnißlosigkeit theilt der Italiener mit allen Südländern. Polenta, Polenta, dieses allbeliebte Nationalgericht, dazu ein Gewand, welches gerade die Blößen deckt, eine Cigarre als Würze des Daseins hin und wieder an einem Festtage, außerdem nur, wenn sie von einem freundlichen Geber gespendet wird, für die Nacht ein Unterkommen auf Heu oder Stroh.

So trotzt er, unter milderem Himmel aufgewachsen, allen Unbilden des Wetters, schafft vom frühen Morgen bis zum späten Abende als fleißiger und geschickter Maurer oder Erdarbeiter und fördert, da er jede Arbeit in Accord nimmt und Spatenstich auf Spatenstich, Kelle auf Kelle fliegt, ungleich mehr, als sein deutscher Concurrent, der mit derberer Kost und manchem tiefen Blick in die Branntweinflasche Hacke und Schaufel um ein Häufchen Erde handhabt, als gälte es Berge zu versetzen. Daher auch der Haß und die Erbitterung deutscher Eisenbahnarbeiter gegen ihre welschen Collegen, welche so oft zu blutigen Händeln führen. Es ist derselbe Kampf, wie er jenseits des Oceans gegen die bescheidenen, aber unaufhaltsam vordringenden Kulis geführt wird und der mit einem Siege der fleißigeren Hand und des anspruchsloseren Magens enden muß. Daß unter der großen Menge der Eingewanderten einzelne schlimme Subjecte vorkommen, welche auch unter ihren Landsleuten schnell zum Messer greifen, kann nicht befremden, und es ist im Gegentheile zu verwundern, daß Excesse unter diesem heißblütigen Volke nicht öfter vorkommen, als dies in der That der Fall ist.

Die Arbeiten werden, wie erwähnt, in Accord genommen, und es vereinigen sich zu diesem Behufe mehrere Männer zu einer Art von Arbeitsgenossenschaft, an welcher hin und wieder eine verheirathete Frau und ein paar Jungen von zwölf Jahren oder darüber Theil nehmen. Kleinere Kinder und besonders Mädchen werden zu Hause gelassen, da man nur arbeitende Hände und keinen consumirenden Mund brauchen kann. Auch einen Maulesel, der sein karges Futter am Wege suchen mag, treffen wir häufig bei einer solchen Gruppe und sehen ihn unverdrossen auf seinem zweirädrigen Karren große Ladungen Sand oder Steine führen. Die Mahlzeiten versammeln alle zweibeinigen Mitglieder einer solchen Gesellschaft um den gemeinschaftlichen Kessel, nachdem das zur Bereitung der Polenta nöthige Mehl nach haushälterischen Grundsätzen in größeren Mengen aus gemeinschaftlichem Säckel angeschafft ist.

Die Bereitung des einförmigen Nationalgerichts ist eine sehr einfache. Hat man den Kessel mit etwas Wasser gefüllt, so wird er über das Feuer gestellt, eine gewisses Maß Mehl hineingeschüttet, einiges Salz dazu gegeben und diese Masse mit einem Stecken so lange umgerührt, bis sie zu einem gelblichen Kuchen erhärtet, welcher, auf ein Brett umgestürzt, von dem Senior der Compagnie mittelst eines Stückchens Bindfaden gewissenhaft in gleiche Portionen zerlegt wird. Inzwischen hat man sich gelagert, und nun greift Jeder mit den Händen zu und holt sich sein Stück Polenta, welchem er durch gleichzeitiges Abbeißen von einem winzigen Stückchen Schafkäse noch eine besondere Würze verleiht. Daneben kreist als Pokal das Wasserschäffchen von Mund zu Munde, und nach aufgehobener Tafel werden die übrigen Brocken sorgfältig gesammelt, um bei der nächsten Mahlzeit wieder verwendet zu werden. Die Polenta, wie sie sich das Volk in seiner Genügsamkeit zubereitet, schmeckt für einen etwas anspruchsvolleren Gaumen fade genug, und es verhält sich diese Speise in ihrer salonfähigen Erscheinung zum Erzeugniß der Volksküche wie die Schäferin Phyllis mit Florschürzchen und seidenen Strümpfen zu einer richtigen Almerin, welche barfüßig und in grobem Gewande einherschreitet.

Doch halt, – ein Geruch wie von schmorendem Fette lockt uns an ein anderes Feuer, und die lüsternen Blicke, welche aus den Augen des Umrührenden sprühen, lassen uns errathen, daß hier eine besondere Delikatesse zubereitet werden müsse. So ist es auch in der That, wie uns ein Blick in den Kessel lehrt, in welchem man eine in Streifchen zerschnittene Ochsenlunge oder Leber sich mählich bräunen sieht. „Hollah, braver Antonio, oder Du, wackerer Giuseppe, begeht Ihr etwa als gute katholische Christen mit also leckerem Mahle den Tag Eures heiligen Schutzpatrons?“ – Schmunzelnd wird uns eine bestätigende Antwort zu Theil, welche allein einen solchen Luxus rechtfertigt, und wir nähern uns einem dritten Feuer, an welchem wir Pilze in der Zubereitung finden. Indessen beruhigen wir uns hier gerne mit dem rechnenden Italiener in dem Bewußtsein, daß Mutter Natur diese Gottesgabe jeder sammelnden Hand unentgeltlich zur Verfügung stellt und durch diesen Umstand die Ausgabe für die Zuthat reichlich aufgewogen wird. Gewöhnlich werden drei Mahlzeiten täglich abgehalten, aber während wir glauben, dem Feiertage durch bessere Kost eine besondere Ehre erzeigen zu müssen, sagt sich der sparsame Welsche: wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, und gönnt sich, in Beherzigung der Lehre vom Stoffwechsel, an diesem Tage nur zwei Mahlzeiten.

Die Arbeitslöhne, welche nicht überall gleich sind, stellen sich in unserm Falle so, daß ein Erdarbeiter zwei, ein Maurer drei Gulden (österreichische Währung) den Tag verdienen kann. Davon gehen für Polenta vierzig bis fünfzig Neukreuzer ab, ein Preis, der sich aus dem weiten Transporte des Mehles, [407] welcher größtentheils per Achse stattfindet, erklärt. Der Rest des Guldens geht für Schlafgeld, Kleider, Schuhwerk und Wäsche, sowie sonstige kleine Bedürfnisse auf, und es sei hier bemerkt, daß man an Feiertagen meist reinen Hemden und einem bessern Gewande begegnet. Was übrig bleibt, wird zurückgelegt und als Ersparniß in kleinen Zeiträumen nach Hause geschickt, wie denn überhaupt mit der Heimath ein äußerst lebhafter Verkehr unterhalten wird. Meinem Fenster gegenüber befand sich am Marktplatze des Fleckens die Postexpedition, die in den Arbeitspausen von den Italienern förmlich belagert war, welche die Aufgabe von Briefen oder Geldern sehr ernst nahmen. Insbesondere zog ein Buch die Aufmerksamkeit auf sich, das von Hand zu Hand wanderte, nachdem dessen Inhalt vorher in jedem einzelnen Falle auf das Eifrigste durchstudirt worden war. Es enthielt die Adressen aller an die Arbeiter eingelaufenen Briefe, um dem Beamten das zeitraubende Geschäft der Durchsicht derselben zu ersparen. Interessant war es dann, die Spannung, die Erregung, die Freude zu beobachten, mit welcher Briefe empfangen und abseits gelesen, oder auch Freunden und Bekannten mitgetheilt wurden. So wenig glaubwürdig es klingen mag: neben Polentamehl wurde nach nichts so sehr gefragt, als nach Tinte und Briefpapier, und an Feiertagen drängten sich die italienischen Arbeiter in Laden und Hausflur des Kauf- und Handelsherrn zu ***, um entweder ihren Schreibbedarf einzukaufen oder auf Kisten und Kasten ihrer Schreibseligkeit Genüge zu thun.

Die Statistik der Halbinsel weiß allerdings von minder erfreulichen Resultaten des Schulunterrichts zu berichten, als man aus Gesagtem schließen dürfte. Es mag hierbei Mittel- und Unteritalien schwer genug in die Wagschale fallen, um die Ziffer auf jenen geringen Stand niederzudrücken. Unsere Leute kommen hauptsächlich aus den Provinzen Belluno und Treviso, und es sei dahingestellt, ob ein so günstiger Stand der Volksbildung, wie er sich in diesem Falle darstellt, nicht noch der früheren österreichischen Regierung zu danken sei; finden wir ja auch viele Wälschtiroler unter der schreiblustigen Menge.

Im Punkte der Ehrlichkeit hörte ich von Seiten der Beamten nur Gutes über die Fremden berichten, wenn sich auch manch Bäuerlein beklagte, daß sie in Unterscheidung des Mein und Dein bezüglich der Baumfrüchte minder gewissenhaft seien. Gönnen wir ihnen den einen oder anderen rothwangigen Apfel als Zuspeise zu ihrer mageren Polenta, selbst wenn er nicht auf die unanfechtbarste Weise in ihren Besitz gelangt sein sollte! Kinder, und das sind sie, frohmüthige, gutherzige Kinder, haben selten ein Verständniß dafür, daß das, was in Garten und Feld wächst, nicht zum uneingeschränkten Genuß vorhanden sei, und wer hätte nicht schon einmal in seinem Leben eine Rübe aus dem Acker gezogen? Ehren wir die schwielige Hand, und bringen wir den sonnengebräunten Männern unsere Sympathien entgegen! Sie verlassen ihr schönes Vaterland, um bei harter Arbeit und in rührender Genügsamkeit das Brod der Fremde zu essen und vorzusorgen für Tage der Krankheit und des Alters, immer zufriedenen Gemüthes und dankbar für jede ihnen erzeigte Freundlichkeit.

Der lieben Stammgesellschaft aber in der Post zu * * * am grünen Alpensee freundlichen Gruß von ihrem
R. G.




Noch einmal der gezähmte Wolf.


In Nr. 20 der „Gartenlaube“ des laufenden Jahrgangs wird eine Geschichte von gelungener Zähmung eines jungen Wolfes erzählt. Brehm bringt in seinem „Thierleben“, Band 1, Seite 406 schon einige Nachrichten über gezähmte Wölfe. Alle diese Erzählungen betreffen aber nur junge, von ihren Stammgenossen ferngehaltene Thiere. Es dürfte daher vielleicht am Orte sein, an den Besitzer des gezähmten Wolfes eine Warnung ergehen zu lassen. Der älter gewordene Wolf fällt in die ursprüngliche Wildheit zurück, sobald er mit anderen wilden Wölfen zusammenkommt oder nur ihr Geheul hört. Es geht ihm wie dem scheinbar civilisirten Indianer, der ebenfalls wieder den Wigwam bezieht, sobald er unter seine uncivilisirten rothhäutigen Brüder kommt.

Einer meiner Freunde, welcher acht Jahre lang in den Waldgebirgen Asturiens mit forstlichen Aufgaben beschäftigt war, giebt nur darüber einige Notizen, die vielleicht nicht uninteressant sein dürften. Wölfe sind dort außerordentlich häufig; alle Bauern kennen sie und ihre Gewohnheiten, und mein Freund selbst begegnete ihnen öfter. „Eines Tages,“ sagte er mir, „kehrten wir ermüdet von einem langen Ritte nach Cangas de Tineo heim, einer kleinen Stadt, am Rande des großen Waldes von Muriella, den man fast einen Urwald nennen könnte, gelegen. Ein Begleiter führte unsere Pferde nach, die kaum den steilen Abhang hinauf konnten – so müde waren sie. Ein Wolf kam quer über eine Waldwiese, brach durch die Hecke, stellte sich in die Mitte des Pfades und betrachtete in etwa dreißig Schritt Entfernung uns und unsere Pferde sehr aufmerksam. Ich machte meine Pistolen schußfertig, denn ein Gewehr hatte ich nicht; leider aber ließ mich mein Begleiter nicht zum Schusse kommen. Er sprang, ein lautes Huh! brüllend, gegen den Wolf vor – dieser rannte, offenbar erschreckt, im vollen Laufe davon. Der Wolf gilt hier allgemein für ein feiges Raubthier; einen aufrecht stehenden Menschen, sagen die Bauern, greife er nie an; sobald aber der Mensch am Boden liege, falle er über ihn her. In der That wurde ein Bauer, der in der Nähe eines Wolfes, um den er sich gar nicht weiter kümmerte, an einem Graben arbeitete, von diesem augenblicklich überfallen, als er in Folge eines Fehltrittes sich überschlug und in den Graben stürzte.“

Dies nur, um zu beweisen, daß Wölfe in Asturien genugsam bekannt sind, und nun zur Geschichte eines zahmen Wolfes, die sich während der Anwesenheit meines Freundes zutrug.

Ein Landpfarrer im Gebirge, ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn, wie alle Geistliche jener Gegend, erschoß eine säugende Wölfin, fing das Junge und zog es groß. Der junge Wolf wurde zahm wie ein Hund, begleitete seinen Herrn auf Wegen und Stegen, war gehorsam auf Ruf und Wink, lief neben dem Maulthiere her, das der Pfarrer ritt, und wurde von diesem öfter auf den Markt nach Cangas mitgenommen, wo er von Jedermann gekannt war, sich wie ein Hund streicheln ließ und mit jeglichem Gethier in Frieden lebte. Niemals hatte der Pfarrer bemerkt, daß sein Wolf ein anderes Thier angegriffen hätte. Mit den Hunden im Dorfe hielt er vortreffliche Freundschaft und diese mit ihm.

Eines Abends ritt der Pfarrer nach seinem etwa zwei Stunden von Cangas entfernten Dorfe zurück. Der Wolf, der wohl zwei Jahre alt war, trottete neben ihm, wie gewöhnlich, durch den Hohlweg, der auf beiden Seiten mit Kastanienhecken bepflanzt war, welche die freie Aussicht hemmten. Etwa in der Entfernung einer halben Stunde vom Dorfe, im Augenblicke, wo der Hohlweg endete, ließ sich seitwärts auf einer Höhe das Geheul einiger Wölfe hören. Der zahme Wolf stutzte einen Augenblick; dann sprang er aus dem Wege heraus und jagte, ohne auf den Ruf seines Herrn zu hören, in vollem Laufe den heulenden Stammgenossen zu. Der Pfarrer war schnell entschlossen. Er sprang aus dem Sattel, gab dem Maulthiere mit der Peitsche einen tüchtigen Hieb über den Rücken, in der Hoffnung, daß es das Dorf noch glücklich erreichen werde, und kletterte auf den nächsten Baum. Das Maulthier rannte in voller Carrière dem Dorfe zu und verschwand in der zunehmenden Dunkelheit; das Wolfsgeheul dauerte noch eine Zeitlang in derselben Richtung fort, dann verstummte es.

Der Pfarrer blieb die Nacht über auf dem Baume sitzen und verließ sein kaltes und luftiges, aber sicheres Quartier erst, als der Tag zu hellen begann. Einige hundert Schritte von dem Baume fand er sein Maulthier zerrissen im Wege liegen, und da bei der frühen Stunde noch Niemand auf dem Felde war, so blieb ihm nichts übrig, als sich selbst mit Zaum und Sattelzeug zu bepacken und dasselbe nach Hause zu tragen, wo er auch wohlbehalten anlangte.

Der Wolf blieb zwei Tage lang weg. Am dritten Tage, als der Pfarrer eben nach dem Frühstücke durch das Fenster seinen Hof überblickte, sah er seinen Ausreißer, der mitten [408] unter dem Geflügel sich eben so friedlich und harmlos herumtrieb, als ob Nichts vorgefallen wäre. Sein Herr rief ihn an – der Wolf kam freundlich wedelnd heran, zuthunlich wie immer. Der Pfarrer aber riß das Gewehr von der Wand und streckte ihn mit einem Schusse zu Boden. „Einmal einen Wolf gezähmt, und nicht wieder,“ sagte er zu meinem Freunde.

Die Geschichte bestätigt den Satz, den ich oben aussprach. Es st eine alte Erfahrung, daß der Mensch schließlich alle Thiere zähmen kann, daß aber die Zähmung erst gefestigt wird, wenn sie, wie bei unseren Hausthieren, eine lange Reihe von Generationen hindurch fortgesetzt wird. Die ursprüngliche Wildheit bricht aber am leichtesten in der Zeit durch, wo die Thiere mannbar werden. Möge sich also der Besitzer des gezähmten und jetzt noch zahmen Wolfes in Acht nehmen!

Da ich aber nun einmal bei Wolfsgeschichten bin, so möchte ich noch einige andere Notizen meines Freundes verwerthen.

Seiner Versicherung nach findet man in der bezeichneten Gegend von Asturien viele wirkliche Bastarde von Hund und Wolf, die mit Vorliebe zum Hüten der Schafheerden benutzt werden und einen ingrimmigen, tödtlichen Haß gegen die Wölfe an den Tag legen. Nach der oben erwähnten Begegnung fand mein Freund auf der andern Seite des Hügels eine Schafheerde, die von einem kleinen Mädchen und einem solchen Wolfshunde gehütet wurde. Er warnte das Mädchen vor dem umherstreifenden und offenbar hungrigen Raubthiere. „Bah, antwortete das Kind, auf seinen Hund zeigend, „wir fürchten uns nicht. Der nimmt es mit allen Wölfen Spaniens auf.“

Der Verwalter des dem Grafen von Toreno gehörigen Jagdschlosses la Muriella, welches mein Freund mehrere Jahre lang bewohnte, hatte einen solchen Wolfshund, der Turco hieß, ein großes, mächtiges Thier, so ähnlich einem Wolfe, daß er später von einem Bauer, der auf Wölfe lauerte, aus Irrthum erschossen wurde. Ein vortrefflicher Wächter, schlief Turco gewöhnlich auf der Schwelle des Zimmers meines Freundes, dem er sehr zugethan war. Von Zeit zu Zeit aber wurde das Thier unruhig, drängte sich mehr als gewöhnlich an seinen Herrn, schmeichelte demselben, sprang schnüffelnd um ihn herum und bellte kurz und laut, als habe er etwas zu verlangen. „Er hat Jagdlust,“ sagte der Verwalter, als mein Freund ihn das erste Mal um dieses sonderbare Benehmen des Hundes befragte, „er will Wölfe jagen.“ Der Verwalter nahm nun ein starkes, mit langen Stacheln besetztes Halsband von der Zimmerdecke und band es dem Hunde um. Turco bezeigte ungemeine Freude und rannte, nach Oeffnung der Thür, stracks dem benachbarten Walde zu. Meist blieb er dann zwei bis drei Tage aus und kam oft übel zerbissen, blutig und zerzaust zurück, offenbar sehr befriedigt und zufrieden mit sich selbst. Nach einem solchen Jagdzuge hatte Turco für einige Zeit Ruhe. Er war der Liebling sämmtlicher Bewohner des Schlosses.

„Eines Tages,“ erzählt mein Freund, „hörten wir in der Nähe des Schlosses ein Mädchen überlaut schreien: ‚Turco! Turco! Hülfe!‘ Wir eilten an die Fenster und sahen, kaum hundert Schritte vom Schlosse, einen großen Wolf, der ein junges Schaf gepackt hatte und mit diesem im Rachen auf die Landstraße hinaufsprang, die etwas höher längs dem Felde hinlief, und so die benachbarte Höhe nach dem Walde hin zu gewinnen suchte. Das Thor wurde schnell geöffnet, und Turco seine mit furchtbarem Geheul dem Wolfe nach. Ein anderer Wolfshund, welcher ein dem Walde näheres Gehöft hütete, rannte, ebenfalls laut heulend, herzu und schnitt dem Wolfe den Rückzug nach dem Walde ab. Dieser ließ das Schaf fallen und suchte sich zu retten. Die beiden Hunde hatten ihn aber bald ereilt und fürchterlich zerfleischt zu Boden gerissen. Der mit einem Knittel herzueilende Bauer des Gehöftes hatte keine Mühe, den Wolf vollends zu erschlagen. Die beiden Sieger waren kaum verletzt. Turco kam in das Schloß zurück und legte sich so ruhig auf seine Schwelle, als hätte er nur einen gewöhnlichen Spaziergang gemacht.“

Alle diese Bastarde sind, nach der Versicherung meines Freundes, von männlichen Wölfen mit Hündinnen erzeugt und gelten in der Gegend für unter sich fortpflanzungsfähig.

Carl Vogt.




Blätter und Blüthen.


Die bequemsten Wanderungen sind diejenigen, welche man an Winterabenden oder Regentagen des Sommers daheim am trauten Familientische in die schöne Welt hinein macht. Landkarten und Bilderbücher sind die freundlichen Reisebegleiter, und wer soll der Führer und Wegweiser sein? Könnte man immer einen vielgereisten Menschen dazu finden, der nach eigener Anschauung lehrreich berichten könnte, so würde das freilich das Beste sein. Da aber solche Vielgereiste sehr selten sind, so nehmen wir um so dankbarer ein gutes Buch in die Hand und folgen ihm, als dem ruhigsten und geduldigsten Wegweiser. Der jüngste derselben hat soeben in der Meyer’schen Buchhandlung in Detmold als „Fr. Hobirk’s Wanderungen auf dem Gebiete der Länder- und Völkerkunde“ zu erscheinen begonnen, bringt im ersten Bande „Skizzen und Bilder aus Nord- und Mitteldeutschland“ und wird die große Wanderung mit dem fünfundzwanzigsten Bande in Australien beschließen. Die Stoffauswahl erscheint im ersten Bande sehr befriedigend, wenn auch die Behandlung einzelner, gerade in der Gegenwart das Interesse besonders an sich fesselnder Gegenstände, wie z. B. der „Teutoburger Wald“, eingehender hätte sein dürfen. Von dem Bilderschmucke des Werkes haben wir in dem Hermannsdenkmal (S. 357 der Gartenlaube), unsern Lesern eine Probe mitgetheilt. Jedenfalls werden die späteren Lieferungen in der Auswahl und Behandlung der Stoffe noch mehr Werthvolles bieten, und auch der sorgfältige Druck der Illustrationen wird dem betreffenden Herrn Maschinenmeister geläufiger werden.


Noch einmal die Papierwäsche. In dem interessanten Aufsatze unseres Blattes (Nr. 23 des des Jahres 1874) „Leipzigs Industrie“ hat der Verfasser mit Recht die großen Vortheile und die nationalökonomische Bedeutung der sogenannten „Papierwäsche“ hervorgehoben. Um vollkommen gerecht zu sein, müssen wir jedoch noch ergänzend hinzufügen, daß das Verdienst, diesen neuen Geschäftszweig in Deutschland eingeführt zu haben, vor Allem den Herren A. und C. Kaufmann in Berlin gebührt, indem die genannte Firma die erste und größte Fabrik von Papierkragen, Manschetten und Chemisetten in Berlin in’s Leben gerufen hat, in welcher mehrere hundert Arbeiter, meist junge Mädchen unter männlicher Aufsicht, beschäftigt werden. Die Gesammtproduction beläuft sich täglich auf 1200 bis 1500 Groß Kragen, Manschetten und Chemisetten, von denen eine fleißige Arbeiterin täglich 3000 bis 4000 Stück liefern kann, womit sie wöchentlich ungefähr vier bis fünf Thaler verdient. Für die Güte auch dieses Fabrikats spricht sowohl der riesige Absatz, der sich nicht allein auf ganz Deutschland, sondern hauptsächlich auf England erstreckt, sowie die Auszeichnung, die den Herren Kaufmann auf der letzten Wiener Ausstellung durch Verleihung der Fortschrittsmedaille zu Theil geworden ist, der einzigen, welche in diesem Industriezweige überhaupt vergeben wurde.


Rotteck-Jubiläum. Am 16. Juli sind es hundert Jahre, daß Karl von Rotteck zu Freiburg im Breisgau geboren wurde. Es genügt, Namen wie Rotteck, Welcker, Itzstein, Wessenberg zu nennen, um an Zeiten zu erinnern, in welchen ganz außerordentliche Kraft des Geistes und Charakters in Kämpfen verbraucht, ja hingeopfert wurde, die für den Augenblick keinen andern Erfolg hatten, als den, daß sie dem triumphirenden Ansturm der Reaction in dem erweckten Volksgeiste einen Damm entgegensetzten. Das Volk konnte den unerschütterlichen Kämpfern mit keinem andern Lohn danken, als mit seiner treuen Anhänglichkeit, Liebe und Verehrung; wie aber führte die herrschende Gewalt sich gegen sie auf? Einen Rotteck, den Gelehrten und Geschichtsschreiber, erklärten die großen Geister des deutschen Bundes für unfähig zu akademischen Vorträgen und zur Redaction einer Zeitung; er kämpfte fortan nur noch als Volksvertreter und Schriftsteller für das Volk und seine Ueberzeugung, aber dies mit ganzer Seele. Seine Reden im badischen Landtage, sein Geschichtswerk und sein und Welcker’s „Staatslexikon“ waren die schärfsten Freiheitswaffen jener Zeit und sind sein unvergängliches Denkmal. Ein steinernes setzte ihm sieben Jahre nach seinem Tode (Rotteck starb am 25. November 1840) seine dankbare Vaterstadt. Da kam, nach dem Jahre 1848, eine neue Reactionsblüthe, und sie mußte auch ihrer würdige Früchte sammeln. In einer Juninacht 1851 ließ der damalige Stadtdirector (seinen Namen mögen wir nicht niederschreiben), – ob aus eigener Reactionsdienstwonne oder noch besonders dazu ermuthigt, ist einerlei – dieses Volks-Denkmal heimlich und gewaltsam zertrümmern und beseitigen. – – Erst am 25. Mai 1862 weihte die Stadt ihm ein neues Denkmal, dessen Abbildung wir unsern Lesern in Band X, Seite 565 der „Gartenlaube“ gebracht haben. Darauf hinweisend, fordern wir hiermit alle treuen Freunde der Volksfreiheit und Nationalehre auf, Rotteck’s Ehrentag so zu feiern, wie sein Wirken es verdient und wie es unserer Zeit würdig ist.


Dem Körner-Tableau in unserer heutigen Nummer wollen wir, um falschen Auffassungen vorzubeugen, nur noch hinzufügen, daß das darauf dargestellte Grab zu Wöbbelin eine Ansicht desselben aus den ersten Jahren nach Körner’s Tode wiedergiebt. Heute hat die deutsche Nation die Stätte, wo unser Held und Sänger ruht, bekanntlich längst in würdiger Weise geschmückt und ausgezeichnet.


Berichtigung. Im letzten Artikel von Otto GlagauHäuserschacher und Baustellenwucher“ sind beim Drucke zwei Zeilen miteinander vertauscht worden. Es muß heißen: Joseph Dorn und Dr. Emil Lehmann sind Mitgründer des Bauvereins „Königstadt“. Kammerherr von Prillwitz ist Mitgründer des Bauvereins „Thiergarten“.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vergleiche die Berichtigung S. 464.