Die Gartenlaube (1870)/Heft 31

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1870
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 31. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.


Die Thurmschwalbe.
Von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)


Graf Ulrich sah Melusine mit seinen aufglühenden Augen an, halb wie herausfordernd, halb wie scheu – er fügte keine Silbe hinzu.

Melusine wich diesem Blicke aus. Sie stützte schweigend das Kinn auf den Arm. Erst nach einer langen Pause sagte sie: „Sie wollten mir ja von einem Duell reden!“

„Dies war die Einleitung dazu. Bleiben wir erst dabei stehen. Verurtheilen Sie mich wegen dieses – Ereignisses? Hatte ich die Schuld – oder hatte sie der entsetzliche Gaul, der mich schlug, den ich habe sofort todtschießen lassen?“

„Als ob das,“ rief Melusine aus, „als ob das die Sache geändert, gebessert hätte!“

„Ich sehe, Sie sprechen unerbittlich mein Urtheil …“ sagte mit bitterm Lächeln Graf Ulrich; „vielleicht sind Sie bei der andern Sache milder. Oder habe ich Sie so entrüstet und entsetzt, daß Sie nichts mehr von mir hören wollen?“

„Beinahe,“ versetzte Melusine, ihn fest und ernst ansehend. „Aber da Sie sagen, daß der andere Fall, wo Sie einen Menschen tödteten – im Duell – mildere Beurtheilung finden könne, so fahren Sie fort; erzählen Sie ihn mir, denn in der That …“

„Was wollen Sie sagen?“

„Nichts, nichts – bitte, erzählen Sie!“

„Nun wohl denn. Das Ereigniß, von dem ich redete, wurde hin und wieder besprochen; es fand bei meinen Cameraden eine mildere Auslegung als, wie es scheint, bei Ihnen, Fräulein Cousine … es würde auch sehr bald vergessen worden sein, wenn nicht ein Oberlieutenant in der andern Schwadron unserer Division, ein sehr schlechter Soldat, der bereits einmal, wegen feigen Betragens vor dem Feinde, bestraft war, sich darüber in für meine Ehre verletzenden Redensarten ergangen und sich, von seinem innerlichen Gift gestachelt, das Ansehen gegeben hätte, als ob er über meine ‚übermütige Rohheit‘ empört sei. Er hatte sich öffentlich diese Reden zu Schulden kommen lassen; seine Ausdrücke, die mir überbracht wurden, waren zu plump gewesen – ich mußte ihn fordern. Doch kann ich Ihnen schwören, daß es mir gründlich widerstrebte, an dem in schlechtem Rufe stehenden Menschen zum Ritter zu werden. Nachdem ich ihn fordern lassen, that ich Alles, um es ihm leicht zu machen, sich dem Duell zu entziehen. Noch auf dem Kampfplatze ließ ich meinen Secundanten zu dem Secundanten meines Gegners hinübergehen, um den Zwist beizulegen; ich würde mit der einfachsten Ehrenerklärung, mit dem einfachsten Widerruf befriedigt gewesen sein. Aber mein Gegner wollte nicht. Gegen jeden andern Officier des Regiments werde er widerrufen, erklärte er, mir gegenüber nicht …“

„Und weshalb nicht Ihnen gegenüber?“ fragte Melusine.

Graf Ulrich zuckte die Achseln „Ein Vorwand,“ sagte er; „mein Gegner stand in zu schlechtem Rufe; er hatte sich zu viele Blößen gegeben, er konnte sich diesmal nicht zurückziehen. So war der Kampf unvermeidlich. Wir wechselten unsere Kugeln, die seine sengte mein Haar; die meine streckte ihn todt nieder.“

Graf Ulrich schwieg. Er sah Melusine ruhig und unbefangen an. Aber ihr entging nicht, daß er ein wenig bleicher als gewöhnlich war, und daß er die Augenlider, die meist die obere Hälfte seiner Pupillen bedeckten, ganz aufgeschlagen hatte, wie Jemand, der etwas ganz und voll in’s Auge fassen will.

Melusine sah ihn wieder an mit gerunzelten Brauen. Auch sie schwieg einen Augenblick; dann sagte sie, fast heftig erregt, wie zürnend über ein ihr persönlich zugefügtes Böses: „Ich glaube gar nicht, daß der arme Mensch deshalb dem Duell nicht auswich, weil er als muthlos bei seinen Cameraden galt, wie Sie ihm jetzt, wo er todt ist, nachsagen. Dann hätte er sich gehütet, sich so offen mißbilligend und so scharf tadelnd über Ihr Benehmen auszusprechen und sich Ihre Herausforderung zuzuziehen, die er ja doch voraussehen konnte. Nein, seine Erklärung, Ihnen gegenüber wolle er seine Worte nicht zurücknehmen, beweist, daß Sie, Ihr Benehmen, Ihr übermüthiges Wesen ihn schon vorher schwer gereizt hat, und damit haben Sie ihn verführt, sich Ihnen gegenüberzustellen … Ihr Benehmen ist also an dem Tode des Officiers schuld, wie Ihre rücksichtslose Härte schuld war an dem Tode des unglücklichen Soldaten; jener fiel in ehrlichem Duell, dieser durch den unglücklichen Zufall, daß er ein widerspenstiges Handpferd führte; und doch haben Sie, trotzdem nur Sie ganz allein die Schuld …“

Melusine unterbrach sich plötzlich, wie im Gefühle, daß sie zu heftig werde.

„Weshalb fahren Sie nicht fort?“ sagte Graf Ulrich gezwungen lächelnd. „Sie sind so hübsch auf dem Wege, mir in mein schlechtes, aber ruhiges Gewissen zu reden!“

„Sie haben gar kein ruhiges Gewissen.“

„Glauben Sie das wirklich nicht?“

„Nein. Würden Sie mir sonst diese Geschichte erzählen?“

„Ich finde keine besondere Befriedigung darin, sie zu erzählen. Vielleicht nur,“ setzte er, mit eigenthümlichem Tone die Worte hinwerfend, hinzu, „sie Ihnen zu erzählen.“

„Aus welchem Grunde mir? Ich bin weder eine übermäßig [482] nachsichtige Natur, noch können Sie annehmen, daß solch’ trübe und tragische Ereignisse mich sehr angenehm berühren.“

„Aber ich darf annehmen, daß Sie mir eine Strafpredigt dafür halten, und vielleicht berührte mich das angenehmer, als meine Erzählung Sie.“

„Wer so verstockt ist und über – lassen Sie mich geradeaus sagen, was ich denke – solch’ böses Handeln so leichtsinnig gegen Fremde spricht, dem kann eine Strafpredigt von einem jungen Mädchen nichts nützen – das Leben muß ihm seine Strafen bringen.“

„Ich betrachte Sie nicht als Fremde, mein Fräulein Cousine! Also tadeln Sie mich immerhin. Ich werde Alles, was Sie mir sagen, über mich ergehen lassen. Sie sehen ja auch, daß ich auf dem besten Wege zur Reue und Buße bin. Ich habe mich in dies einsame Schloß eingesperrt, bin Einsiedler geworden und lebe hier meinen Pflichten als Gutsherr und stillen Betrachtungen hingegeben.“

„Betrachtungen über eine solche Vergangenheit?“

„Gewiß – Betrachtungen über die Vergangenheit,“ fuhr Graf Ulrich in demselben leichtfertigen und spöttischen Tone fort. „Und auch darüber, was eigentlich bei diesem ganzen unnützen Leben herauskommt und wie die Menschen es so lange aushalten, dazusein, um sich Morgens an- und Abends wieder auszukleiden und schwer zu arbeiten, um nur diese angenehme Abwechselung regelmäßig so fortführen zu können!“

„Ich meine, Sie bringen doch größeren Wechsel hinein, Herr Graf. Ich habe erst einen sehr kleinen Bruchtheil Ihrer Lebensgeschichte vernommen und doch gesehen, daß es an aufregenden Ereignissen nicht darin fehlt!“

„Das ist allerdings wahr. Ich kann nicht klagen, daß die Ereignisse mich gerade geflohen haben, und daß die, welche mich überfielen, nicht genug aufregender Natur gewesen. Zumeist nur unangenehmer Natur – ich könnte Ihnen noch mehr davon erzählen …“

„Noch mehr?“ fragte ironisch und indem sie sich zum Schein voller Unbefangenheit zwang, Melusine. „Haben Sie noch mehr Menschenleben auf dem Gewissen, Herr Graf?“

„Noch eins, in der That,“ sagte er, den Kopf herumwerfend; „aber dabei hatte ich nicht die geringste Schuld, es war eine reine Fatalität – wenn Sie vielleicht auch anders darüber denken würden. Doch was soll ich es Ihnen erzählen!“

„In der That,“ fiel Melusine ein, „warum sollten Sie es erzählen. Es ist für solch’ einen hochgeborenen Mann nicht der Mühe werth, viel Redens und Aufhebens davon zu machen, wenn man einen Menschen auf der Seele hat!“

„Wie scharf Sie das sagen!“

„Thue ich das?“ fragte sie kühl. „Es war nicht meine Absicht.“

„O ein wenig doch. Gestehen Sie, daß ich Sie empört habe!“

„Empört? wohin sollten wir gelangen, wollten wir immer empört werden, so oft wir von Thaten hören, die wir mißbilligen müssen.“

„Also bis zur Mißbilligung habe ich es bei Ihnen gebracht – bis zur Empörung nicht. Wenn ich Ihnen nun erzählte, daß ich für jenes Duell, von dem wir redeten, auf die Festung gesetzt wurde, daß ich dort eine Schildwache bestach, mich trotz des expressen Befehls des Commandanten Nachts aus meinem Quartier zu lassen, daß dieser arme Teufel …“

„O nein, o nein, erzählen Sie mir nichts mehr von diesen Ihren abscheulichen Thaten,“ fiel hier Melusine, heftig erregt und ganz ihr kühles Wesen fallen lassend, ein.

„Ah – hab’ ich Sie nun doch empört?“

„Liegt darin eine Befriedigung für Sie?“

„Beinahe …“

„Und weshalb?“

„Wohl weil es mich reizt, Ihr ruhiges kühles Gleichmaß der Empfindung ein wenig zu stören! Offen gesagt, mir ist zu Muthe, wenn ich Sie so überlegen selbstbewußt vor mir sehe, als brächten Sie mir den Kampf, und da mir ein solcher Kampf nur eine unschätzbare Unterbrechung meiner Einsamkeit sein kann, möchte ich ihn sofort beginnen.“

„Aus dämonischer Lust am Streit? Oder im Vorgefühl des Triumphs – weil Sie nun einmal die glückliche Gabe haben, Ihre Gegner jedesmal zu tödten?“

„O nein, nein,“ rief Graf Ulrich aus, „bei Ihnen möcht’ ich doch den Kampf nicht so tragisch enden sehn, ich würde mir sogar nichts daraus machen, wenn Sie mich besiegten, und würde gern, wenn ich bezwungen wäre, demüthig um Gnade flehen.“

„Das würde Ihnen nichts helfen glauben Sie mir,“ sagte Melusine zornig.

„Wer weiß es,“ sagte er lächelnd, „am Ende eines Kampfes, wenn man ermüdet ist und den Gegner achten gelernt hat, denkt man oft anders über ihn, als am Anfang.“

„Sie haben mir eben das ruhige Gleichmaß meiner Empfindung vorgeworfen; hab’ ich das, so ist bei mir also nicht vorauszusetzen, daß ich je anders darüber denken sollte.“

„Darüber? Worüber? Ueber mich? Nun, mag es sein. Für’s Erste bin ich sehr zufrieden, daß ich Sie überhaupt gezwungen habe, an mich zu denken. Und mit diesem Erfolg ziehe ich mich erfreut zurück, um Ihrem Herrn Vater oben in der Bibliothek meinen Besuch zu machen. Ich hoffe, nach Tische werden Sie mir die Gunst, Sie und Ihren Herrn Vater in meine Wälder zu führen, nicht abschlagen, meine gnädigste Cousine!“




9.

Er ging und ließ sie in der That viel empörter zurück, als sie es ihm hatte gestehen wollen. Im ersten Augenblick war sie in ihrem Zorn sogar geneigt, ihn mit seinem ganzen übermüthigen Wesen gegen sie nicht allein einer rohen Ausbeutung des Vortheils zu zeihen, den seine Stellung ihr gegenüber ihm verlieh; nein, ihres Vaters Verdacht, daß er einen Vorwand gebraucht, um sie in seinem Hause zurückzuhalten, kehrte sogar verstärkt zu ihr zurück. Denn sie hatte nicht überhört, daß in all’ seinen herausfordernden Reden etwas wie ein übermüthiges Werben um sie gelegen!

Und wie sollte das sie nicht empört haben, und neben der Empörung nicht auch das Verlangen, den halb bewußten, halb unbewußten Drang hervorgerufen haben, diesen Uebermuth zu strafen?

Eine coquettere Natur hätte wohl bei dem Allen, halb unwillkürlich, halb überlegt, sich vorgenommen, auf die einem jungen Mädchen am nächsten liegende Rache zu sinnen. Melusine aber dachte nicht daran, sie dachte nur daran, ihm durch ruhigen Stolz zu imponiren. Und doch empfand sie daneben den lebhaften Wunsch, in dieser, wie ihr schien, so verwilderten Seele zu lesen, zu ergründen, was eigentlich da vorgehe und was auf dem Grunde derselben liege. Sie fühlte, daß etwas Zwiespältiges da sei, ein Ringen zweier Seelen, die in dieser Brust sich befehdeten – eine, die mit so viel forcirter Ruchlosigkeit sich laut machte, und eine andere, bessere, die eben dies Wesen nur so forcirt hervortreten ließ. …

Und ein weibliches Wesen, das einen solchen Zwiespalt in der Brust eines Mannes zu gewahren glaubt, kann es dem Drange widerstehen, die Muße ihres eigenen Herzens dazu zu verwenden, mit dem Fühlfaden ihrer Seele diesen Zwiespalt zu sondiren und an ihm ein wenig mit ihrer Heilkunst zu experimentiren?

So fand Melusine sehr bald nach dieser Unterredung ihren Gleichmuth wieder. Sie wünschte sich Glück dazu, daß Graf Ulrich selbst ihr so rasch nach Annettens Mittheilungen verrathen hatte, was eigentlich deren Kern sei. Sie hatte, was Graf Ulrich auf dem Gewissen habe, sich ärger gedacht, und wenn es arg genug in Wahrheit war – es lag doch in seiner Erzählung etwas, was sie beruhigte … er hatte doch in der That keine eigentlich schlechte Handlung begangen!

Mit einem Seufzer zog sie endlich die Arbeit, die vernachlässigt vor ihr lag, näher an sich heran. Was kümmerte denn auch sie, was Graf Ulrich Maurach begangen, fragte sie sich dabei. Was sie mit ihrem Vater abgesprochen, daß sie seinen Charakter zu ergründen suchen wollten, um zu erfahren, ob in diesem eine Rechtfertigung für sie liege, wenn sie ihm mit ihrem Rechte bewaffnet zu einem rücksichtslosen Kampfe um seinen Besitz entgegenträten … daran dachte sie nur noch mit einem gewissen inneren Widerstreben; es war das ein Gedanke, der einem völlig fremden Manne gegenüber hatte in ihr aufsteigen können – jetzt schon widerstrebte es ihr, dabei zu verweilen; es kam ein Gefühl über sie, als liege darin etwas Unedles, Hinterhältiges, Treuloses gegen den Mann, der sie und ihren Vater doch so gastfrei und hülfbereit bei sich aufgenommen und der im letzten Grunde doch nur eine innerlich leidende Natur sein mochte. Ihr ganzes Verhältniß zu ihm, jene verschwiegenen Rechtsansprüche und ihre letzten Absichten damit wurden ihr drückender, als sie gewesen. –

[483] Graf Ulrich unterdeß war nicht, wie er gesagt, in die Bibliothek hinaufgegangen, sondern nach unten und zum Schlosse hinaus. Die Hände in seine Rocktaschen vergraben, ging er sinnend in der Allee vor dem Portale auf und ab.

„Seltsames Geschöpf,“ sagte er dabei für sich hin, „in ihrer herausfordernden Ruhe und diesem muthigen Trotzbieten steckt ein Dämon, der, wenn sie lange bliebe, mich wild machen könnte. Unterdeß, und da sie nicht bleibt, ist es ein guter Zeitvertreib, zu sehen, was man diesem Dämon abgewinnt, wenn man ihn ein wenig stachelt und reizt. Schön genug ist sie dazu, um sich damit die nächsten Tage zu unterhalten. Gott gnade übrigens Dem, der sie zum Weibe bekäme! Sie würde ihn mit Vernunft und Tugend zu Tode pantoffeln. Aber,“ rief er plötzlich sich wendend aus, „wo bleibt der Reitknecht mit dem Pferde? Die Pest dem Schuft auf den Hals – ach, ich habe vergessen, daß ich ihm noch nicht befohlen habe zu satteln! Wie kann man zerstreut sein!“

Trotz dieser Reflexion blieb Graf Ulrich so zerstreut, daß er auch jetzt nicht sich den Stallungen zuwendete, um sein Pferd zu verlangen, sondern bei seinem Auf- und Abwandeln in der Allee blieb. Am Ende derselben, vom Dorfe her, sah er nach einer Weile zwei Männer herankommen. Sein scharfes Auge erkannte in dem Einen sehr bald der Tracht nach einen Geistlichen; der Andere schien ein Händler, ein reisender Kaufmann oder etwas dem Aehnliches; er trug Stiefeln und in der Hand eine Reitpeitsche; eine untersetzte, ein wenig gebückt gehende Gestalt. Graf Ulrich hatte kaum diese Bemerkungen gemacht, als der Mann seinen Begleiter verließ und links ab einen Pfad durch’s Kornfeld einschlug – seine weiße Filzkappe, wie sie damals Reisende trugen, und das hochrothe Halstuch mit im Morgenwinde flatternden Zipfeln waren bald allein noch über dem Gewoge der Halme sichtbar.

Der Geistliche kam näher, die Allee herauf. Eine magere Gestalt in abgetragenem schwarzem Rocke und mit einem verlebten und verschmitzten Gesichte, das doch nichts Abstoßendes hatte, denn die kleinen grauen Augen gewannen durch einen Ausdruck ungewöhnlicher Intelligenz.

Er zog mit großer Höflichkeit den Hut vor dem Grafen. Dieser redete ihn an.

„Sie sind wohl der Pfarrer, der …“

„Der Pastor, gräfliche Gnaden,“ sagte der Geistliche mit einer tiefen Verbeugung und den Hut in der Hand behaltend, „der Pastor Demeritus Lohoff – nicht zu verwechseln mit dem Herrn Pfarrer loci,“ fügte er lächelnd hinzu, „der Herr Pfarrer wenigstens würde es sich sehr verbitten.“

„Ich kenne den Pfarrer und verwechsele Sie nicht mit ihm,“ antwortete ein wenig barsch Graf Ulrich; „setzen Sie den Hut auf; ich gehe mit Ihnen zum Schlosse zurück. Wollten Sie zu mir?“

„Nein – nicht just das. Ich bin auf meiner Morgenwanderung begriffen, ergehe mich durch die sonnigen Fluren, lausche dem Geschmetter der Lerche, lobe wie sie des Schöpfers Güte und denke über die Schicksale seiner Geschöpfe nach, in erster Reihe über mein eigenes.“

„Sie sind ein komischer Kauz …“

„Weil ich nachdenke?“

„Nun ja, auch deshalb.“

„Mag sein – alle unnütze Arbeit hat etwas Komisches. Im Ganzen aber, glaube ich, thäten die Menschen, die mich umgeben, besser, mich weniger für einen komischen Kauz, sondern ernster zu nehmen.“

„Das, was Sie sagen?“

„Allerdings das, was ich sage. Aber,“ setzte er mit einem wunderlichen Spiel der beweglichen Gesichtsmuskeln hinzu, das es unsicher machte, ob er sich selbst bespotte oder im Ernst beklage, „ich bin der Zeit voraufgeschritten und sie verstehen mich nicht!“

Der Graf lachte.

„So kommen Sie zuweilen zu mir; mein Fehler ist, fürchte ich, just der umgekehrte, daß ich ein wenig hinter der Zeit zurückgeblieben bin. Wenigstens hat man mich wohl einen tollen Junker genannt, und ich denke, das tolle Junkerleben, als man noch lustige Fehden wider einander gekämpft, sich die Burgen über den Köpfen anzündete, in Nonnenklöster einbrach und Pfeffersäcke aufhob und ranzionirte – ich denke, es hätte mir gefallen. Das aber ist heute nicht mehr an der Tagesordnung – es ist ein veralteter Geschmack das, und so, mein lieber Pastor ohne Heerde, fänden wir vielleicht zusammen das rechte Gleichmaß. Sie mit Ihren vorgerückten Ansichten und ich mit den zurückgebliebenen fänden uns in der rechten Mitte!“

„Ihre Einladung ist sehr gütig, Herr Graf,“ antwortete der Pastor. „Und vielleicht,“ setzte er mit einem bedeutsamen Augenzwinkern hinzu, „fänden Sie bei mir noch etwas, das augenblicklich von größerer Wichtigkeit für Sie wäre als …“

„Als was?“

„Als das Geheimniß, mit dieser Zeit in Einklang zu kommen, die am Ende doch selbst nicht weiß, was sie will, und sich, bis es ihr einfällt, die Langeweile mit Raufen und Kriegführen und Menschentodtschlagen vertreibt.“

„Und dies Wichtigere wäre?“

„Ein anderes Geheimniß,“ versetzte, sich räuspernd und leiser sprechend, der Pastor, „das mir zur Kunde gekommen, ein Geheimniß von einiger Bedeutsamkeit …“

„Ah,“ lachte Graf Ulrich auf, „ein politisches, ein Staatsgeheimniß? Schwerlich würde man’s Ihnen gesagt haben. Ist’s also ein Geheimmittel? Gegen die Gicht oder gegen die Hundswuth?“

„Nicht das, nicht das … es betrifft Sie ganz persönlich …“

„Mich? Schwerlich! Ich habe niemals mit Geheimnissen zu thun gehabt.“

„Nun, wenn nicht Ihre Person, doch Ihr Recht.“

„Was soll das heißen? Mein Recht?“

„Ich denke, Sie haben mancherlei Rechte – Rechte auf Ihren Namen, Rechte auf dies Schloß und diesen Besitz …“

„Ah bah … was verstehen Sie davon?“

„Just so viel, als ich aus guter Quelle darüber erfuhr.“

„Und was erfuhren Sie? Sprechen Sie aus! Ich hasse solche mysteriöse Wendungen.“

Trotz dieser Aufforderung sprach der Pastor nicht weiter. Er räusperte sich und schwieg.

Dies machte den Grafen Ulrich ungeduldig. „Glauben Sie, mich aufziehen zu können?“ rief er aus.

„Gewiß nicht, Eure gräflichen Gnaden;“ versetzte der Pastor. „Was ich erfuhr, ist, daß Jemand ein näheres Recht an die Erbschaft des Grafen Walram Maurach besitzt als Graf Ulrich Maurach-Godeneck.“

„Pest! Das wäre! Und wer ist dieser Jemand?“

„Was ich Ihnen darüber sagen kann, ist von der größten Wichtigkeit für Sie, Herr Graf. Ich wünschte, es würde für mich ebenfalls von Wichtigkeit, daß ich es bin, der es Ihnen sagt.“

„Das verstehe ich nicht.“

Der Pastor lächelte verschmitzt. „Dann,“ sagte er, „sind Eure gräflichen Gnaden, wie Sie bemerkten, allerdings ein wenig hinter der Zeit zurückgeblieben. Sie würden sonst sich selbst sagen, daß die offene Redlichkeit, die sich einen Vortheil entgehen läßt, wo sie sich mit Zuversicht einen ausbedingen kann, heutzutage nicht mehr das Lob der Tugend findet, sondern eher Einfalt genannt wird.“

Der Graf wurde durch das hinterhaltige Wesen des Mannes im schwarzen Rocke, der jetzt so überlegen lächelte, immer gereizter.

„Ach, Schwindelei!“ rief er, von dem Pastor, der stehen geblieben war, sich abwendend, aus; „Sie wollen mir irgend eine Altweibergeschichte für eine Geldsumme aufhängen. Sie halten mich für sehr dumm!“

„Für klug, gräfliche Gnaden, für klug genug, um am rechten Orte nicht zu kargen und eine Warnung, welche Ihnen Ihren Besitz retten kann, mit einem tüchtigen Honorar zu lohnen.“

„In der That … bevor ich noch weiß, um was es sich handelt …“

„Das deutete ich Ihnen an.“

„Allerdings, Herr Pastor Demeritus; das thaten Sie. Und das Honorar? Das deuteten Sie nicht an!“

„Ich würde mir tausend Thaler ausbedingen,“ sagte leise und still lachend der Pastor Lohoff.

„Tausend Thaler! Nicht mehr?“ Der Graf lachte. „Sie sind bescheiden!“

„Das war nie mein Fehler. Bescheidenheit ist eine sehr schöne Tugend bei denen, die vollauf haben; eine Thorheit bei denen, die nichts haben. Auch bin ich, sobald ich die tausend Thaler habe, bereit, sehr bescheiden zu werden und mir nur noch Ihre dauernde Gnade und Gewogenheit auszubitten!“

Der Pastor Demeritus hatte offenbar diese Bosheit nicht unterdrücken können und wohl gedacht, Graf Ulrich bemerke sie nicht. Aber es schien, er hatte sich darin getäuscht. Der Letztere erröthete [484] leicht und blickte den Pastor mit gerunzelter Braue an. Doch schwieg er. Er mochte einen Augenblick unschlüssig sein. Aber tausend Thaler! Wenn er sie hatte, mußte er sie dem Vicomte geben – das hatte er versprochen. Er warf unwillig den Kopf zurück.

„Mein lieber Pastor Demeritus,“ rief er dabei aus, „ich würde mich den Teufel um Ihre Geheimnisse kümmern, wenn ich sie umsonst haben könnte. Viel weniger lasse ich mich um tausend Thaler beschwindeln.“

Das gelbgraue Gesicht des Pastors wurde ein wenig gelbgrauer, als es sonst war. Mit verbissenem Tone sagte er: „Ich sehe freilich, daß Sie meine Geheimnisse nicht einmal umsonst wollen, sonst würden Eure gräflichen Gnaden mir nicht durch Ihre gütige Art sich auszudrücken so gründlich die Neigung nehmen, sie Ihnen umsonst anzuvertrauen. Ich empfehle mich zu Gnaden!“

Damit zog er den Hut, machte eine sehr tiefe Verbeugung, wandte sich und ging zurück, die Allee zum Dorfe hinunter.

„Frecher Mensch!“ murmelte, ihm nachblickend, der Graf. „Der Teufel hole solch tückischen Pfaffen!“

Und doch sah Graf Ulrich ihn nicht ganz ruhig von dannen gehen. Er stand, biß sich die Unterlippe, machte einmal einen Schritt, als ob er den sich Entfernenden zurückrufen wolle; dann wandte er sich, und dem Schlosse zuschreitend, sagte er leise vor sich hin:

„Ah bah – entweder lügt der Bursche oder er lügt nicht, und es hat in der That Jemand ein Recht auf Maurach. Ist das der Fall, so kann ich’s auch ohne ihn ergründen – und dazu wollen wir Schritte thun. Ich will mit dem Vicomte einmal gründlich die alten Stammbäume durchgehen und hören, was er darüber meint; er wird es sagen können, der alte Bücherwurm, und was er nicht weiß, das weiß dieses kluge Huhn von Melusine ganz sicherlich. Zum Ueberfluß könnten wir auch diese gestrenge Hof-, Palast- und Schlüsseldame des hochseligen Herrn Walram, die Frau Wehrangel, in’s Gebet nehmen, und in der That, die alte Schachtel sieht ganz danach aus, als ob sie über irgend einem dunklen tragischen Geheimniß brüte. Bah, es wird viel auf sich haben. Jedenfalls werde ich Prätendenten mir vom Halse zu schaffen wissen!“

Während er in’s Schloß heimkehrte, war der Mann, der mit dem Pastor Demeritus zuerst die Allee heraufgekommen und dann abseits durch die Kornfelder davongegangen war, auf Fußsteigen, und bald über die Ackerfelder, bald durch Gehölze gehend in einem weiten Bogen so um das Schloß herumgekommen, daß er etwa eine Viertelstunde später in der Nähe desselben zwischen den Gartenhecken an der Rückseite plötzlich wieder auftauchte. Er mußte, um sich nicht einen Augenblick verirrt zu haben, die Gegend um das Schloß her sehr genau kennen. Eine Weile blieb er, verdeckt von einer Ecke der nächsten grünen Garteneinfriedigung, stehen und spähte über den breiten Schloßgraben hinüber, auf die Terrasse unter den Kastanien. Es war Alles still da. Der Mann stand lange, ohne sich zu rühren. Seine von der tief in die Stirn gezogenen Filzkappe beschatteten Züge nahmen einen Ausdruck von Verdrossenheit und Ermüdung an; er riß ein Reis von der Hecke, begann es zwischen den Zähnen zu kauen, dann lehnte er sich mit über der Brust verschlungenen Armen an die grüne Wand und blickte dabei zu Boden, als ob er nachsänne und darüber ganz die Terrasse drüben und was er vorher dort erspähen wollen, vergäße.

Nach einer langen Pause blickte er plötzlich wieder auf. Er hörte eine Kette klirren; vorsichtig um die Laubecke schauend sah er ein junges Mädchen, das eben von der Terrasse in den Kahn niedergestiegen war, die Kette gelöst hatte und nun begann, sich über den Graben zu rudern.

Der Fremde verließ seinen Standpunkt und ging am Graben entlang der Stelle zu, wo sie landen mußte.

Als sie an dem Landungsplatze ankam und, die Ruder niederlegend, aufstand, gewahrte sie ihn plötzlich und stieß einen kleinen Schrei der Ueberraschung aus.

Der Mann betrachtete sie mit eigenthümlich forschenden Blicken, ohne etwas zu sagen; doch war seine Miene bewegt, als ob er sprechen wolle und nicht recht den Anfang finde; es war wunderlich; die Thurmschwalbe – denn sie war das junge Mädchen – hätte sich beinahe gefürchtet vor dem Menschen, doch fiel ihr jetzt plötzlich auf, daß er eigentlich so aussehe wie der Pastor – doch viel stärker freilich, und auch sonst anders; nicht so häßlich, auch nicht so listig und spöttisch – nein, er sah doch viel besser aus! Aber was war er, was wollte er? Darüber gab er keine Auskunft, er fragte nur, ohne zu grüßen oder nur die Mütze zu berühren:

„Wer bist … wer sind Sie? Annette Wehrangel, nicht wahr, mein Kind?“

Die ersten Worte hatte er brüsk, fast unhöflich gesprochen – die letzten mit einem ganz andern Tone, mit einem hellen Aufglühen der Augen; und nun biß er sich in die Unterlippe und sah aus, als ob er gar keine Antwort verlange, sondern an etwas Andres denke.

Annette gab auch keine Antwort. Die Thurmschwalbe ließ sich nicht so fragen. Sie sah ihn nur an und kümmerte sich sehr wenig darum, ob ihre Augen ihm verriethen, daß sie sich über ihn sehr verwundern müsse, und daß seine ihr in den Weg tretende Erscheinung ihr gar nicht sehr gefalle.

„Hören Sie,“ fuhr er jetzt fort, „Sie würden mich sehr dankbar machen, wenn Sie so gut wären, mir eine Auskunft geben zu wollen …“ Es war merkwürdig, welch reines gutes Deutsch er sprach, und wenn auch sehr leise, doch jede Silbe so verständlich.

„Eine Auskunft? Welche?“ sagte die Thurmschwalbe, sich ganz wie zu jedem Strauß bereit mit dem einen Fuß auf die vordere Spitze des Kahns stellend, während sie die Hände auf den Rücken legte – es sah sehr herausfordernd und sehr hübsch aus, wie sie so keck dastand.

„Es sind Gäste in Ihrem Schlosse – ein französischer Herr und eine Dame … arme Emigranten … nicht wahr?“

„Gäste sind im Schlosse,“ versetzte Annette.

„Und Ihr Graf hat sie sehr gastfrei aufgenommen, sie sind jetzt schon den dritten Tag dort …“

„Sie kamen vorgestern,“ antwortete Annette, „und er hat sie gastfrei aufgenommen – da Sie das Alles wissen, weiß ich nicht, weshalb Sie Auskunft darüber verlangen!“

„Die junge Dame ist sehr schön … der Graf wird ihr den Hof machen!“

Die Thurmschwalbe schüttelte den Kopf. Sie schüttelte den Kopf über den Fremden, der sie so ohne Weiteres ausholen zu können glaubte; dieser nahm es offenbar für eine Verneinung.

„Nicht?“ fragte er. „Haben Sie dann vielleicht bemerkt, daß der Graf heftige und lebhafte Erörterungen mit den Fremden hatte? daß sie Streit oder Auseinandersetzungen zusammen hatten? daß er erregt oder mißgestimmt ist …“

„Nein, das habe ich nicht bemerkt!“ entgegnete immer verwunderter über dies Verhör, das ein Fremder mit ihr anstellte, das junge Mädchen.

„Wer ist des Grafen Advocat, sein Geschäftsführer – hat er nicht zu ihm gesandt? Es ist nur,“ fuhr er fort, da er Annettes Mund sich trotzig aufwerfen sah und in ihren Mienen las, daß ihre Bereitwilligkeit, ihm zu antworten, zu Ende gehen könne, „es ist nur, weil ich diese Emigranten kenne und einen Verdacht gegen ihre Absichten haben muß …“

„O,“ fiel das junge Mädchen ein, „man muß gegen Niemanden einen Verdacht haben, es sei denn, daß man einen guten Grund dazu habe!“

Annette blinzelte den Fremden bei diesen Worten so eigenthümlich klug und sprechend an, daß ihm die Bedeutung ihrer Worte nicht entgehen konnte. Darüber erröthete er, ja er wurde zornig; heftig den Fuß auf den Boden stoßend, sagte er:

„Zum Teufel, Sie thäten besser, nicht gar so altklug zu sein, sondern mir offen zu antworten. Sie wissen den Henker, was für Sie selber auf dem Spiele steht. Da, nehmen Sie diesen Brief. Besorgen Sie ihn an Ihre Mutter. Aber so, daß es Niemand sieht. Hören Sie! Niemand darf es sehen!“

Er zog einen versiegelten Brief hervor und reichte ihn ihr in den Kahn hinüber. Sie nahm ihn zögernd und besah ihn mißtrauisch. Er war an ihre Mutter adressirt, das Siegel eine Namenschiffre.

„Sagen Sie Ihrer Mutter, sie solle ihn augenblicklich lesen; es hänge Alles davon ab, daß sie ihn gleich lese. Adieu – gehen Sie gleich damit zu Ihrer Mutter. Wollen Sie? Ich danke Ihnen. Adieu.“

Annette nickte stumm, den Fremden immer erstaunter anblickend. Er wandte sich und ging, wieder ohne die Mütze abzunehmen. Er ging zwischen seine Hecken zurück. Im Schreiten wischte er sich die Stirn mit dem Tuche. Er ging gedückt und verschwand bald wieder auf seinem Schleichwege. Seltsam, dies sich Ducken und zwischen den Hecken Verschwinden, während er doch zu Annette geredet hatte wie Jemand, der sich nicht zu verstecken braucht; so herrisch und bestimmt und wie in einer Erregung, die [485] nicht daran denkt, Umschweife zu machen. Wer war der Mann? Aber das mußte die Mutter ja wissen, und wußte sie ’s nicht, so mußte es aus dem Briefe zu sehen sein.

Annette nahm die Ruder wieder auf, schiffte ihren Nachen zurück und eilte in ihren Thurm zurück, um ihrer Mutter den Brief des Fremden zu bringen.

Wenn ihre Mutter, dachte sie, während sie unter den Kastanien dahineilte, ihr es nicht sagen würde, was und wer der Mann sei und was er wolle – die Mutter war gegen sie ja oft so verschlossen und wortkarg –, dann wollte sie jedenfalls der französischen Dame erzählen, daß solch ein seltsamer Fremder da sei, der, nach seinen Reden zu schließen, ihr hierher gefolgt sei, und nach allem Anschein etwas wider sie im Schilde führe. –

(Fortsetzung folgt.)




Die russischen „Artells“.
Von Julius Frühauf.

Unter den mancherlei interessanten Erscheinungen des russischen Sociallebens, welche der Verfasser dieser Zeilen während eines mehrjährigen Aufenthaltes in dem uns benachbarten großen Slavenreiche zu beobachten Gelegenheit hatte, dürfte der außergewöhnlich starke Genossenschaftstrieb des russischen Volkes eine der kennenswerthesten sein.

Ein jeder Leser der Gartenlaube weiß, daß, um die deutschen Genossenschaften in’s Leben zu rufen und von kleinen Anfängen zu ihrer heutigen hohen Entwickelung zu bringen, es der ganzen bereiten Kraft und zähen Ausdauer unseres hochverdienten Schulze-Delitzsch bedurft hat. In Rußland finden sich die Genossenschaften oder „Artells“ zu vielen Tausenden über das ganze ungeheure Reich verbreitet; sie kennen keinen „Genossenschafts-Vater und -Anwalt“, sondern sind von selbst aus der ureigensten Initiative des ungebildeten Volkes herausgewachsen, ein lebendiger Trieb am vielverzweigten Baume des slavischen Volkslebens, überall anzutreffen und doch ohne Zusammenhang mit einander, ohne centrale Leitung. Sie sind hinsichtlich der durchgebildeten reichen Gliederung und feineren wirthschaftlichen Organisation von unseren deutschen oder den englischen etc. Genossenschaften himmelweit verschieden, namentlich unendlich einfacher, und dieses ihr primitives Wesen erinnert vielfach an den patriarchalischen Charakter, in welchem sich die russischen Zustände vor gar nicht so langer Zeit überhaupt noch bewegten; es erinnert außerdem lebhaft an ähnliche Erscheinungen bei anderen slavischen Völkern und bei deren Trümmerstücken, die durch deutsche Keilansiedlungen vom großen slavischen Grundstück abgesprengt worden sind und der Germanisirung entgegengehen.

Die Gartenlaube (1870) b 485.jpg

„Artells“, russische Handarbeiter-Genossenschaftler.
Nach einer Photographie.


Die russischen „Artells“ oder „beweglichen Gemeinden“ sind einfach Vereine von Handarbeitern oder Fuhrleuten oder Handwerkern etc., kurz von Arbeitern ein und derselben Beschäftigungsart, zu einer gemeinsamen, unter einem selbstgewählten Vorstande stehenden Casse, gewöhnlich mit dem Zwecke gemeinsamer Mahlzeiten und Nachtlagerstätten. Dieser Zweck erweitert sich gewöhnlich schon durch die Lebensverhältnisse auch zu dem Zweck der gemeinsamen Arbeit an ein und demselben Arbeitsplatze. Dabei waltet überall der Grundsatz der gemeinsamen Haftung der Gesammtheit für die Redlichkeit des einzelnen Artellmitgliedes. Die Formen der Artells sind verschieden, weil sie sich allen wirthschaftlichen Bedürfnissen des Arbeitsmarktes anbequemen; der Kern aber ist eigentlich immer die Gemeinsamkeit des Tisches und nächtlichen Unterkommens. Dieses Moment ist es, welches zurückweist auf ihr Bestehen seit grauer Vorzeit, wo gemeinsame Mahlzeit, Arbeit und Arbeitserträgnisse aus der Jagd oder Fischerei oder später des Ackerbaues noch eine ganz allgemeine Einrichtung bei den verschiedenen Völkern und Stämmen war. So haben einst unsere Urväter gelebt, so leben noch heute slavische Dörfer in Oesterreich, so leben die meisten heutigen uncultivirten Völker, die uns von Reisenden beschrieben werden, wenn auch jetzt mit gemeinsamer Mahlzeit nur der Familiengruppen. Die Aecker werden da, wo das Volk schon zum Ackerbau vorgeschritten ist, und ebenso bei den Südslaven gemeinschaftlich bewirthschaftet und abgeerntet, worauf die Theilung der Feldfrüchte gewöhnlich nach Familienhäuptern stattfindet.

Aus dem „Artell“ spiegelt vielleicht klarer als irgendwo das so gänzlich verschiedene Grundwesen der Germanen und Slaven wider. Im ganzen späteren deutschen Mittelalter und den ihm folgenden Jahrhunderten zerfällt unser gesammtes Städteleben in streng gegliederte kaufmännische und gewerbliche Genossenschaften oder Zünfte, die nur in straffer Zusammenfassung der Glieder ihre große geschichtliche Aufgabe zu erfüllen vermochten. Im schärfsten Gegensatze zu dieser festen Gliederung und Ordnung ist dem slavischen Volksgeiste von jeher da, wo kein gewaltsamer Zwang geübt wurde, jede strengere Gebundenheit, jede corporative Einigung im Geiste unserer Innungen fremd und entgegen gewesen. Rußland hat nie Zünfte besessen, und auch im Artell ist die Vereinigung trotz der gemeinsamen Haftung doch sehr lose. Wo der einzelne Russe sich unterordnet, da sucht er eben eine bequemere Sorglosigkeit, indem er die Mühewaltung für Tisch, Lager und wohl auch für Arbeitsbeschaffung einem Obmann überträgt. Dieser Obmann vereinnahmt die Löhne, [486] schließt Arbeitscontracte ab und sorgt für des Leibes Nahrung und Nothdurft der Mitglieder. Der Artell führt also zu gemeinsamer Arbeit oder auch umgekehrt. Der Trieb, auf solche Art Genossenschaften zu bilden, ist so lebhaft im niedrigen Volke, daß, wo nur immer Arbeiter bei einem Bau, bei Erdarbeiten etc. zusammentreten, sie unter sich einen Artell schließen. Ja selbst wo Diener vornehmer Leute bei einem Ball zusammenkommen, entsteht sofort ein Artell zur gemeinsamen Theilung der Trinkgelder; Einige bleiben abwechselnd zur Bewachung der Sachen zurück, die Anderen wandern sorglos in die Kneipe. Braucht ein Unternehmer Arbeiter, so wendet er sich einfach an einen ihm bekannten Artell-Obmann, mit dem er alsdann über Anzahl der Arbeiter, Lohnhöhe etc. allein verhandelt, ja an den er später auch die Löhne zahlt, ohne mit den übrigen Mitgliedern in dieser Beziehung direct zu thun zu haben.

Daß das Artellwesen so tief mit dem russischen Volksleben verwachsen ist, erklärt sich zum Theil aus der Verfassung der russischen Landgemeinde. In dieser herrscht nämlich noch eine uralte Art Communismus der Ackerländereien, welche alle neun bis zehn Jahre auf’s Neue unter die Gemeindemitglieder vertheilt werden. Die Ländereien gehören nicht dem Einzelnen, sondern der Gemeinde als Eigenthum, der Einzelne hat nur die Nutznießung, aber jeder Einzelne hat auch einen gleichen Anspruch auf ein gleiches Ackerloos. Die Gemeinde steht unter einem selbstgewählten „Haupte“, dem sich die Gemeindemitglieder gern und willig fügen. Der Russe hat außerordentlich große Unterordnungsfähigkeit, und so hat sich die Selbstverwaltung der Gemeinden im ganzen Reiche seit je mit bewundernswerther Leichtigkeit ermöglicht. Jeder Russe ist also unter dem patriarchalischen Regiment eines Hauptes erzogen und groß geworden und trägt den Genossenschaftsgeist eingeimpft mit sich herum. Geht er in die Welt – und der nomadische Wandertrieb steckt zum Leidwesen der Regierung noch tief im ganzen Volke –, so wird ihm sehr bald und ganz von selber das unbehagliche Gefühl des Alleinstehens mehr als dem Wandernden aus irgend einem anderen Volke fühlbar; es fehlt ihm das patriarchalisch-trauliche Leben der Gemeindefamilie, in der er aufgewachsen ist; er trifft Genossen, die dasselbe fühlen; Alle stehen dem Existenz-, dem Erwerbskampfe gleich gegenüber; sie schließen, sobald möglich, eine Tischehe von Ehelosen, eine „bewegliche Gemeinde“ – was auch das Wort „Artell“ besagen will –; sie suchen Arbeit, wählen ein Haupt, wie es im Großen die Heimathsgemeinde hatte, und leben nunmehr schon nicht mehr allein, nicht mehr verlassen und heimathslos. Der Artell ist ihre Gemeinde und Familie geworden! So hat sich dieses primitive Genossenschaftswesen über das ganze Reich gespannt, oder vielleicht richtiger, so besteht es seit unvordenklichen Zeiten. Wohin nur immer ein Russe einzeln wandern mag, er weiß, er ist nirgends ganz isolirt, er sucht und findet rasch einen Artell, eine Brüderschaft, die ihn bereitwillig in ihren Bund aufnimmt.

Man kann eigentlich drei Arten oder Stufen dieser Artells unterscheiden, die einfachen Handarbeiter-Artells für Tisch, Nachtlager und meist auch für gemeinsame Arbeit, sodann die Handwerker-Artells, von denen manche schon an unsere Productivgenossenschaften erinnern, und die etwas höher entwickelten Artells von Comptoirknechten (Markthelfern) und Waaren-Expeditoren in den Hafenstädten. Ueber die beiden letzteren Arten noch einige Worte.

Wie erwähnt, hat Rußland nie Zünfte in unserem Sinne gehabt, es giebt also hier keine „Gesellen“, keine „Lehrlinge“, sondern nur Arbeiter mit verschiedenen Lohnsätzen. Kommt der junge Mann aus einer Bauerngemeinde zur Stadt, so wählt er sich ein Gewerbe und begreift bei der großen Anstelligkeit der Russen für mechanische Fertigkeiten rasch das Nothwendige. Auch hier ist sozusagen für seine Haushaltung schon gesorgt, die Arbeiter haben längst einen Artell, der Neuling tritt ein und ist der äußerlichen Sorgen vorerst überhoben. Derselbe große Genossenschaftstrieb hat aber auch ganze Dörfer für ein bestimmtes Handwerk erobert. Es giebt Dörfer, wo nur Schneider, andere, wo nur Tischler etc. wohnen. Der Artell-Obmann sorgt alsdann für die ganze Oekonomie, nimmt die Bestellungen auf, vertheilt die Arbeiten, besorgt die Ablieferungen, wie ihm die Besorgung der Rohstoffe und anderen Materialien obliegt. So ist es z. B. im Jaroslaw’schen Gouvernement. Die Schneider-Artells wandern gewöhnlich im Winter von Dorf zu Dorf und stecken dann binnen wenig Tagen die ganze Bevölkerung in neue Kaftans und Pelze.

In den größeren Städten Deutschlands macht sich die Polizei schwere Arbeit mit Ordnung des öffentlichen Fuhrwesens; den Droschkenbesitzern erwachsen daraus zahllose Plackereien. In Rußland kümmert sich die Polizei nur im Punkte der Steuerzahlung und öffentlichen Sicherheit um das Droschkenwesen. Im Uebrigen leitet und verwaltet sich dasselbe ganz frei, es sind eben auch hier wieder (gewerbliche) Artells, die Alles von sich selbst aus ordnen, und man kann wohl nirgends schneller fahren, als hier, man wird keine Zeit der Nacht vergeblich nach einem Wagen oder Schlitten suchen. In ganz gleicher Weise organisirt sich das Frachtfuhrwesen. Selbst in den Casernen, ja sogar unter den Sträflingen der Gefängnisse bilden sich Artells, die jederzeit von der Behörde gern gesehen werden, weil sie überall nur Nutzen stiften.

In den Hafenstädten nutzen die Zollämter und die Kaufleute diesen trefflichen Zug des Volkes zur Genossenschaftsbildung für ihre Zwecke aus. Die Zollämter übergeben die Bewachung der Güterböden einfach einem Artell, dessen Casse für weggestohlene Güter haftet, die Kaufleute thun dasselbe mit dem Schiffsbe- und Entladungsgeschäft; auch die meisten Markthelfer sind Artelltschiks, es werden dem Einzelnen unbedenklich große Summen zum Austragen anvertraut, und man hört nie von Unterschlagungen. Der Artell haftet eben, ja er führt sogar eine Art geheimpolizeilicher Aufsicht über seine Mitglieder.

Es wird sich jeder Leser sagen, wie ganz vortreffliche Entwickelungskeime in dieser außerordentlich leichten Genossenschaftsbildung des Volkes, in dieser raschen Unterordnungsfähigkeit für spätere Zeiten der Geschichte der russischen Nation liegen. Noch sind die Artells meist mehr primitiver Natur und nur in Riga habe ich mit ihnen zugleich Unterstützungscassen eingerichtet vorgefunden. Dieser erfreuliche Ansatz zu einer weiteren Entwickelung ist jedoch nicht aus der Initiative der Artells selber entsprungen, sondern dem fürsorgenden Eingreifen humaner Männer aus unserer braven (siebenhundertjährigen) Colonie an der Düna zuzuschreiben.

Man hat den Russen oft alles selbstschöpferische Talent abgesprochen und gemeint, daß sie nur nachzuahmen vermöchten. Es erscheint ein solches Urtheil aber für einen unbefangenen Beobachter dieses sehr gut begabten Volkes als ein durchaus parteiisches und einseitiges. Wird Rußland erst einige Menschenalter im Genuß des jetzt sich rasch ausbreitenden Schulunterrichtes gelebt haben, dann wird sich auch allenthalben und naturgesetzlich das schaffende Element des Volkes zeigen. Dann dürfte auch die Zeit kommen, wo sich aus den Artells, aus dem so merkwürdig starken Genossenschaftsdrange, Großes für die Gesellschaft, die Volkswirthschaft und mittelbar für den Staat zu entwickeln beginnt. –

Die zum Theil etwas verwegen aussehenden Gestalten des „Artells“ auf unserer Illustration sind Handarbeiter aus dem Witepskischen Gouvernement, die ich mit freundlicher Hülfe meines Freundes Frohbeen (den ich hiermit herzlich gegrüßt haben will) zusammentreiben ließ. Die vortrefflich gelungene Photographie, nach welcher der Holzschnitt angefertigt ist, giebt genau Bekleidungsart und Physiognomien wieder, theils stumpfe, theils gutmüthige, theils verschlagene Gesichter, drei der Gesellen in schmutzigem Schafpelz, den der Russe auch im Sommer mit sich zu führen pflegt, vier in rohen Leinwandkitteln, die Füße in sogenannten „Bastelschuhen“, d. h. Schuhen aus Lindenbast geflochten. Das Volk pflegt diese Arbeiter scherzhaft „Isewitsch“, d. i. „Lausekerl“ zu rufen, auf welchen nicht schmeichelhaften Namen sie auch hören. Leider lief, da ihnen Wesen und Zweck des Photographierens natürlich schwer begreiflich zu machen war, die Hälfte der Leute davon, sobald sie des ihnen unverständlichen Glassalons ansichtig wurden. Sie hatten, wie sie sagten, Furcht, was wohl da oben mit ihnen Alles vorgenommen werden möchte. Vielleicht hielten sie das Gestell mit dem optischen Apparat für eine Art Kugelspritze. Die Uebrigen, welche getreu blieben, fesselte das Versprechen auf eine Flasche des vielgeliebten Wodka oder Branntweins! Diesem heißbegehrten Lieblingsgetränk des russischen Volkes danken die Leser und ich schließlich das hübsche Bildchen.



[487]
Literaturbriefe an eine Dame.
Von Rudolf Gottschall.
VI.

Haben Sie, Madame, einmal in der Hauptstadt Preußens einen „ästhetischen Thee“ mitgemacht? Und wenn Ihnen auch dies Glück neuerdings zu Theil geworden – Sie haben nur einen schwachen Aufguß der früheren ästhetischen Thee’s genossen; denn in dem geharnischten Preußen Bismarck’s spielt die Aesthetik dieselbe untergeordnete Rolle, die sie schon seit langer Zeit auf den preußischen Universitäten spielt.

Die Blüthezeit der „ästhetischen Thee’s“ fällt in die schöngeistige Epoche des Königs Friedrich Wilhelm des Vierten, welcher einen Ludwig Tieck, den großen Maestro der Leseabende, nach Berlin berufen hatte. Die Geheimen Räthe, die jüdischen Banquiers, die ganze „gute Gesellschaft“ – Alles wurde plötzlich von ästhetischen Anwandlungen heimgesucht. Glücklich der Kreis, der einen kunstfertigen Vorleser oder gar einen jungen Dichter aufzuweisen hatte, welchem die ersten schüchternen Lorbern um die Stirn zu sprossen begannen! Man beneidete sich um die Dichter, wie sich die Brasilianerinnen um die Leuchtkäfergürtel beneiden, die sie um den Leib tragen.

Wohl gab es auch ästhetische Thee’s, die sich durch eine ganz aparte Physiognomie auszeichneten. In dem großen Hause der Maurerstraße, wo Varnhagen von Ense wohnte, wo Ludmilla Assing an der Theemaschine präsidirte, da war nichts zu finden von ruhigem ästhetischen Behagen; da prickelte die ganze Unruhe einer „Revolution in Glacéhandschuhen“; da war die politische Unzufriedenheit heimisch; die Feuerwerke und Raketen eines schonungslosen Witzes prasselten in die Luft, selbst wenn ein so eifriger Vorkämpfer der Reaction, wie Freiherr von Sternberg, zugegen war und mit vornehm-künstlerischer Haltung sich damit beschäftigte, die Strudelköpfe mit dem Bleistift in sein Studienalbum einzutragen. Und wer einen Salon bei Frau Gräfin Ahlefeld besuchte, der früheren Gattin Lützow’s, an die sich manche unvergeßliche Erinnerung aus den Befreiungskriegen knüpft, der Geliebten Karl Immermann’s, der nahm den Eindruck mit nach Hause, als sei er bei der „zehnten Muse“ zu Gast gewesen; so ästhetisch-priesterlich war das Wesen dieser Frau, so feinsinnig ihre Begeisterung für das Schöne, mochte es von altem oder neuem Datum sein, so bedeutsam geschmückt der Salon wie ein Heiligthum der Künste.

Doch das waren die glänzenden Ausnahmen – in der Regel war der „ästhetische Thee“ in den Geheimrathskreisen von erschrecklicher Nüchternheit. Die unerläßlichen Requisiten für diese „Huldigung der Künste“ waren: eine Theemaschine, ein Fortepiano, ein Lesepult, zwei oder mehrere Töchter, von denen die jüngste eben aus der Pension mit dem frischen Cursus der Literaturgeschichte im blondlockigen Köpfchen in’s Elternhaus zurückgekehrt war, während die älteste sich seit längerer Zeit den Musen in die Arme geworfen hatte, die einzigen, welche offengeblieben waren, um sie zu empfangen, ferner ein Dramaturg, ein Kunsthistoriker oder Poet. War der Herr des Hauses, der Geheime Rath, nicht gerade bei seiner L’hombrepartie, so erschien er wohl selbst in dem ästhetischen Cirkel und betheiligte sich an der Unterhaltung durch einige Bemerkungen über Goethe, der, außer anderen schätzbaren Vorzügen, auch den besaß, daß er Geheimer Rath und Minister, wenngleich nur in einem kleinen Staate, gewesen war. Die geistigen Genüsse dieser Kreise wurden nicht durch die materiellen gestört. Aus dem himmlischen Reich stammte zwar auch der „grüne Thee“, welcher reichlich consumirt wurde; aber zweifelhaft blieb, ob er nicht vorher die Bekanntschaft mit „Berliner Blau“ gemacht hatte, um sich beizeiten zu „acclimatisiren“. Theegebäck und Butterbrödchen erschienen nur en miniature; jede stoffartige Wirkung, welche dem Evangelium der reinen Kunst schaden konnte, wurde ängstlich vermieden.

Und wenn dann der junge Poet selbst die Lichter am Pult zurechtstellte und sich die Locken von der Stirn strich – welch’ freudiges Flüstern, welche andächtige Spannung! Ein Talent, ein Genie in nächster Nähe; man hatte es wachsen sehen und hören! Da ist ja die Tante anwesend, die es auf den Armen getragen, als es noch in unscandirbaren Tönen seine ersten Lebenselegieen den Schallwellen der Luft anvertraute; da kann die Frau Professorin bestätigen, welches glänzende Abiturientenzeugniß, mit Ausnahme der Mathematik, der strebsame Dichterjüngling davongetragen; die Geheimräthin aus dem Ministerium des Innern weiß zu erzählen, wie oft er mit ihrer Tochter getanzt, wie er sie stets durch Extratouren und Cotillonorden ausgezeichnet hat. Am glücklichsten aber ist die Kleine aus der Pension! Was haben ihr die Dichter für Mühe gemacht mit ihren oft absonderlichen Namen, wie oft hat sie dieselben en masse unter das Kopfkissen gelegt, um sie ihrem Gedächtniß einzuprägen und bei’m Examen zu bestehen! Und jetzt sieht sie einen Dichter vor sich, der zwar in keiner Literaturgeschichte steht, der aber viel hübscher und liebenswürdiger ist, als die meisten Herren Classiker, die auf den Bildern so ehrwürdig aussehen wie Schul- und Consistorialräthe, einen Dichter, den sie sich behält ohne Hülfe des Kopfkissens und ohne Furcht vor irgend einem Examen, es müßte denn Gott Amor selbst als Examinator erscheinen und einige Gewissensfragen an sie stellen.

Der Dichter liest mit einer Begeisterung, die des Erfolges sicher ist; er ist gewöhnt an das Flüstern der Bewunderung, das seinem Vortrage folgt. Man rühmt die „schöne Sprache“, die melodischen Verse, das Rührende, Empfindsame, Sittsame; in diesem oder jenem Auge zeigt sich eine Thräne, die Hausfrau aber credenzt ihm eine neue Tasse „grünen Thee“ und des Hauses älteste Tochter gießt mit verständnißinnigem, collegialischem Lächeln ihm den Rum hinein.

Der Dichter aber fühlt sich bereits auf den Schwingen des Ruhms weit über die Gegenwart hinausgetragen; wer den Besten seiner Zeit genug gethan, der hat gelebt für alle Zeiten; und es sind ja die Besten seiner Zeit, es ist ja die „gute Gesellschaft“, die ihm huldigt.

Warum ich Ihnen das Alles erzähle, Madame? Gewiß nicht, um mit dem Griffel Cruikshank’s zu wetteifern und durch Caricaturen aus unseren Salons Ihnen ein anmuthiges Lächeln auf die Lippen zu zaubern! Nein, ich will Ihnen heute von einem Dichter sprechen, der seine ersten Erfolge in diesen geheimräthlichen Salons errang und dessen Muse in vielen Zügen ihre Herkunft aus den ästhetischen Theecirkeln nicht verleugnet, ich will Ihnen über Paul Heyse berichten, dessen „Gesammelte Novellen in Versen“ in zweiter, auf’s Doppelte vermehrter Auflage (Berlin, 1870) soeben erschienen sind.

Unsere großen Dichter, Madame, haben in ihrer Jugend eine Sturm- und Drangepoche durchgemacht, deren Spuren ihre ersten Werke trugen; ich brauche Sie blos an Schiller’s „Räuber“, an Goethe’s „Götz“ zu erinnern; eine wilde ungezügelte Kraft durchbraust diese Dichtungen; ein vulcanisches Feuer zersprengt das Gefüge des Styls und schlägt hier und dort in helllodernden Flammen empor; die Dichter erscheinen wie felsenschleudernde Giganten, welche Hyperbeln auf Hyperbeln thürmen, weit über die Grenzlinien des Schönen hinaus. Und nebenbei stand in diesen Erstlingswerken der Cynismus in voller Blüthe und sprach der feineren Sitte der guten Cirkel Hohn.

Doch diese ungeläuterte Kraft, die in solchen gewaltsamen Explosionen hervorbrach, war die verheißungsvolle des Genius, und sie schenkte uns nach verbrauster Gährung den Feuerwein, der noch späten Geschlechtern zur Labung dient. Nun denken Sie sich aber, Madame, durch einen kühnen Anachronismus den jugendlichen Schiller in einen Berliner Salon versetzt, wo er den Geheimrathstöchtern zum ersten Male die „Räuber“ vorliest – diese medusenhäuptige Dichtung würde ja augenblicklich die zartfühlenden Hörerinnen in Stein verwandelt haben!

Ein Dichter, der aus den Berliner Salons hervorgeht, kann keine Sturm- und Drangperiode gehabt haben – und so ist dies auch in der That bei Paul Heyse nicht der Fall. Seine Dichtung erschien von Anfang an als ein sich friedlich durch anmuthige Wiesen windender Bach, ohne die schäumenden Katarakte eines genialen Sturmes und Dranges. Fein und sauber geglättet trat seine Muse auf; kein Fältchen, nichts Aufgebauschtes; ihr ganzes Costüm machte dem Plätteisen Ehre. Wer einen berühmten Grammatiker zum Vater hat, steht natürlich mit der deutschen [488] Sprache von Haus aus auf dem besten Fuße; der gesittete Geist des Salons machte jede Ausschreitung unmöglich; denn das Publicum, dem zuerst diese Gedichte vorgelesen wurden, übte ja eine feinsinnige Censur, und wenn eine kleine Keckheit durchschlüpfen sollte, so durfte sie nur mit den Augen aus der Maske sehen. Für die Musen aus der Mark waren die Grazien aus der Mark zu Wächterinnen bestellt, und sie sprachen im Chorus das Goethe’sche Wort: „Erlaubt ist, was sich ziemt!“

Für die Entwicklung eines jungen Dichters ist der Salon kein günstiges Treibhaus. Kraft und Leidenschaft, Größe des Denkens und Wollens können hier nicht zur Blüthe kommen; eine gewisse mattherzige Eleganz kränkelt die hier erzeugten dichterischen Schöpfungen an. Unter dieser Ungunst der Verhältnisse litt auch Heyse’s junge Muse; seine Gedichte, fertig in der Form, hatten etwas Frühreifes; es fehlte ihnen Mark und Kern, geistige Bedeutung und Originalität. Immerhin hat sich Heyse’s Talent von so zweifelhaften Anfängen zu einer beachtenswerthen Stellung emporgearbeitet und der deutschen Literatur einige in ihrer Art treffliche Schöpfungen geschenkt. Freilich, Kraft, Größe und durchgreifende Bedeutung blieb ihnen versagt; aber auf dem Gebiete sinniger Anmuth und feiner Grazie steht der wohlerzogene Liebling der Musen als der Erste unter den Gleichstrebenden da.

Dies gilt namentlich von seinen Prosanovellen, von denen einzelne in ihrer Art vollendete Kunstwerke sind, während die Mehrzahl allerdings durch einen krankhaften Zug, durch die Vorliebe für psychologische Absonderlichkeiten und durch ein oft als Manier erscheinendes Streben nach attischer Grazie mehr befremdet, als erquickt.

Doch nicht von diesen Prosanovellen will ich Ihnen erzählen, Madame; noch weniger von den Dramen und Tragödien des Dichters, dessen dramatisches Talent bei weitem geringer ist, als sein episches, das mit seinen geistreichen Studien oft in’s Forcirte verfällt, während die bekannteren Dramen wieder an die Grenze des Trivialen streifen und nicht viel mehr sind, als dramatisirte Anekdoten; ich will Ihnen hier nur einige seiner „Novellen in Versen“ vorführen, die anfangs vereinzelt gedruckt wurden, später in einer Sammlung, die jetzt um das Doppelte vermehrt worden ist.

„Novellen in Versen“ sind poetische Erzählungen, ein Genre, das Byron in so herrlicher Weise gepflegt hat, mit soviel Gluth und Schwung und tonangebend für alle osteuropäischen Völker, für die Polen, die Russen, die Ungarn, in deren Gedichten die Steppenritte und Corsarenfahrten Byron’s sich wiederholen, während die Melancholie des britischen Dichters der schwermüthigen Stammeseigenthümlichkeit dieser Völker vielfach ein wehmuthsvolles Echo entlockt. Gluth und Schwung sind aber nicht die Eigenthümlichkeiten der Heyse’schen Versnovellen; sie haben im Gegentheil einen pikanten, spielerischen Zug: zwischen den Zeilen und oft in den Zeilen lächelt der Dichter über die Begebenheiten, die er schildert; er sagt uns fortwährend: es ist Alles nur Scherz, nur Spiel; seht hier den Schaum, aus dem ich meine buntschillernden Seifenblasen gestalte, seht hier das neckische Thonpfeifchen, das diese Wunder bildet! Die souveraine Ironie ist die Muse seiner Dichtung; ihre Ahnherren sind Ariost und Wieland; aber die heitere Phantastik dieser hervorragenden Dichter wird bei Heyse zersetzt durch eine allzu selbstbewußte Ueberlegenheit, welche mit geistiger Freiheit keineswegs zu verwechseln ist.

Ernster gemeint sind einige seiner ersten Erzählungen, wie „Urica“. Die Heldin dieser zur Zeit der ersten französischen Revolution spielenden Novelle ist ein Negermädchen, das einen Grafensohn liebt. Er verschmäht sie! Aus dem Schlosse, in welchem sie verweilte, entfliehend, wird sie von einem Fischerweib aufgenommen. Sie lernt den Nachen führen und ist bereit, den flüchtigen Grafen vor seinen Verfolgern über den Fluß hinüber zu retten. Ein Boot mit Jakobinern begegnet ihnen bei der Ueberfahrt; diese wittern anfangs den Emigranten, erkennen dann die schwarze Hexe und sind überzeugt, daß sie nicht Aristokraten schmuggelt. Sie fordern den Bürger auf, seine Frau zu küssen; der Graf zögert nicht; sie aber stößt ihn fort und ein wahnsinniger Schrei tönt von ihren Lippen:

„Zurück, du lügst! Hat dich die Todesangst
Geheilt vom Ekel vor der Negerin,
Daß ich nun gut genug zum Küssen bin,
Da du vorm Kusse der Verwesung bangst?
Hat Elend mich gebleicht? Sieh hin, sieh hin,
Um welch ein niedrig Liebchen du geworben.
Rühr’ sie nicht an! Sie ist von stolzem Sinn,
Ob auch zur Grafenbraut verdorben!“

Das ist psychologisch wahr und mit kräftiger Wildheit ausgedrückt. Der Aristokrat verfällt seinen Henkern; Urica aber überlebt die Revolution und sitzt als irrsinnige weißlockige Negerin auf den Boulevards zur Zeit des kaiserlichen Frankreichs, um ihr täglich Brod bettelnd.

Sie steht nicht auf. Ein plötzlich zuckend Weh
Belebt nur selten ihre starren Züge;
Zwei Worte spricht sie dann: Egalité!
Egalité! und: Lüge! Lüge!

In diesem Gedicht vibrirt ein Pathos der Menschenrechte, das man sonst vergeblich in den Heyse’schen Dichtungen suchen würde; es ist in seiner Haltung, in Styl und Ausdruck weniger fischblütig, als die meisten andern, die uns oft mit nixenhafter Kühle anfrösteln. Eine eigenthümliche Nixe ist „Margherita Spoletina“, ein weiblicher Leander. Verbotener Liebe schwimmt sie nach durch die Meeresfluth, doch den Geliebten tödten die Verwandten – und sie selbst wird durch eine trügerische Leuchte, die an den Mast eines hinausfahrenden Bootes befestigt ist, grausam hinaus gelockt in die offene See, wo die kühne Schwimmerin, von ihrer Kraft verlassen, in das Fluthengrab versinkt.

Auch diese Erzählung ist ernst gehalten und wird nicht von den störenden Glossen des Dichters begleitet; es ist ein Cabinetsstück eigener Art, düster beleuchtet, nicht ohne einen Schimmer von Lüsternheit, nicht ohne grausames Raffinement. Auch die beiden chinesischen Erzählungen „Die Brüder“ und „König und Magier“ sind frei von ironischen Arabesken und Randzeichnungen; aber das chinesische Costüm erscheint sehr willkürlich gewählt, die Trochäen tänzeln herum, wie Tänzer aus dem Reiche der Mitte, pagodenhaft nickend, mit den Fingerspitzen auf und nieder balancirend. Es war romantische Launenhaftigkeit, den Edelmuth eines Bruders, der sich für den andern geopfert, in dem bezopften chinesischen Costüm darzustellen, welches allenfalls eher für die etwas nüchternen Gespenster des zweiten Gedichts paßt, da diese Magie an die Zauberspiele der chinesischen Bühne erinnert.

Die größere Erzählung „die Braut von Cypern“ in ottave rime zeigt uns nun den Dichter, wie er fortwährend in den Rahmen der Handlung selbst mit geistreichen Scherzen und Bemerkungen hereintritt und mit poetischen Guirlanden, die er aus allerlei wildwachsenden Blumen gewunden hat, das klare Gepräge der vorgeführten Bilder verdunkelt. Wozu überhaupt eine Novelle des Boccaccio, die nur durch allerlei bunte Abenteuer ohne jeden tieferen Kern belustigt, in Verse bringen? Für eine Dichtung in sechs Gesängen verlangt man mehr als ein leichtes Spiel der Phantasie mit einigen aufgesetzten Lichtern der Laune. Mag man der meisterhaften Behandlung des Verses und der Sprache das beredteste Lob zollen – immer bleibt nach dem Genuß eines solchen gleichsam im Munde zergehenden Dichtwerkes eine innere Unbefriedigung zurück; denn Kopf und Herz gehn leer aus bei diesen Spielereien der Phantasie und bei den berückenden Künsten eines in allen Farben und Formen feuerwerkenden Sprachtalents.

Die Kunst, aus einem Nichts ein poetisches Etwas zu machen und die kleinste Anekdote zu mehreren Gesängen in plauderhaften Stanzen breitzuschlagen, bewährt das Gedicht „Die Hochzeitreise an den Walchensee“, in welchem nur das Schlußabenteuer einigermaßen für die geschwätzigen Reflexionen entschädigt, welche uns durch allerlei joviale, launig aufgeputzte Alltagsbegebenheiten zu demselben hinführen.

Und welch eine verzierte, amaranthenhaft süßliche Nordlandsmaid ist diese „Syritha“, welch eine überschwängliche Künstlernovelle dieser „Raphael“! Die letztere Novelle trieft gleichsam vom Cultus des Genius und verherrlicht die plötzlich sich hingebende Liebe eines überspannten Weibes. Die Plaudereien über „Frauenemancipation“ haben einen gewissen Theetischhumor, welcher den Witz vorsichtig mit der Zuckerzange angreift.

Dagegen athmen die „Idyllen von Sorrent“ dichterischen Geist; Naturbilder und Genrebilder aus dem Volksleben sind durchglüht von italienischem Colorit, und wenn auch die Distichen oft zu geschwätzig erscheinen und mancher bedeutungslose Zug in das Gemälde mit aufgenommen ist, so schwebt doch über diesen Liebesidyllen ein duftiger Reiz und die Welt ist geschildert, wie sie künstlerischem Aug’ erscheint.

[489] Ebenso reizend ist die Erzählung „Das Feenkind“; hier paßt der Inhalt zu dem humoristischen Tone der graziösen Schilderung, und der Humor, selbst wo er an die italienischen Muster des Barocken erinnert, hat eine wohlthuende Frische.

Die ottave rime, die Distichen lehrte Paul Heyse anmuthig plaudern im neckischen Conversationston; zuletzt gelang ihm dies auch mit dem feierlichen Vers der divina commedia, mit Dante’s Terzinen in der Demimonde-Novelle „Ein Salamander“, in welcher ein flüchtiges Liebesabenteuer mit seltener Kunst der Darstellung geschildert wird.

Sie haben die Wahl, Madame, unter den bunten Blüthen dieser kunstvoll gepflegten Gartenflora der Poesie; Sie werden die Kunst des Gärtners bewundern, der eine so anmuthig abgetönte Farbenpracht mit zauberischen Contrasten, der so ungewöhnliche Formen und Varietäten großzog; aber aus den verlockenden glänzenden Ausstellungen dieser Kunstgärtnerei werden Sie sich hinaussehnen zu den schlichten Waldblumen der Poesie, zu ihren frisch rauschenden Quellen. Tiefer Gehalt, hinreißende Begeisterung machen den großen Dichter, nicht eine die Formen meisternde spielerische Kunst.




Nachtseiten von London.[1]
Sociale Skizze von J. H…r.
2.
Unter der Obhut des Schutzmanns. – Penny-Suppen. – Die Höhlen von Whitechapel und Bethnal-Green. – Physischer und moralischer Unrath der Logirhäuser. – Schenkwirthschaften und ihre Orgien. – Mitten unter Gaunern. – Die elendesten Quartiere und ihre Bewohner.

Ehe ich von London schied, wollte ich das Abenteuer ausführen, in Begleitung eines Detective’s, d. h. eines Mitgliedes der geheimen oder Entdeckungspolizei, die in England indeß nur auf gemeine Verbrecher fahndet, nicht wie auf dem Continente sich mit Demagogenriecherei befaßt, eine nächtliche Wanderung durch die Armenquartiere zu machen; denn erst bei Nacht wird es hier recht lebendig, weil unter ihrer Hülle nun Alles, was bei Tage sich nicht sehen lassen kann, die äußerste Armuth, die nicht die nöthigen Lumpen zur Bedeckung findet, das Laster, dessen Verheerung keine Schminke mehr verbirgt, und das Verbrechen, welches das Auge der Gerechtigkeit fürchtet, sich hervorwagt. Wüste Orgien, in denen das Elend sich zu betäuben sucht, beginnen in den zahlreichen Schenken und Tanzlocalen. – Ein Londoner Kaufmann hatte für mich zwei Detectives gemiethet, von denen der eine mich im East-, der andere im Westend herumführen sollte; ein junger Geschäftsreisender aus Wien schloß sich noch der Gesellschaft an.

Um halb acht Uhr holte uns der eine der Detectives ab. Es war ein großer, wohlaussehender und fast feingekleideter Mann, dessen ganzes Auftreten uns sogleich Vertrauen einflößte und mit welchem wir uns denn auf die Imperiale eines Omnibus begaben, um durch die Stadt dahin ostwärts gegen Whitechapel zu fahren. In Whitechapel Road stiegen wir ab und befanden uns nun unter einer zahlreich auf- und abwogenden Menge von ganz anderem Charakter, als man sie in der City und in den schönen Straßen des Westends zu sehen gewöhnt ist. Alles in der schmutzigstem und ärmlichsten Kleidung, großentheils kleine und magere Gestalten mit bleichen Gesichtern. Es schien mir ein anderes Volk zu sein. „Es sind Irländer,“ sagte der Detective. Verdächtige Bursche und freche Weiber drängten sich, wohin wir immer den Fuß setzen mochten, an uns heran, Buben schwirrten um uns herum, wurden aber, wenn sie mit uns zusammenstoßen wollten, von dem Detective mit scharfen Worten verscheucht. Zu beiden Seiten der Straße waren hölzerne Buden aufgeschlagen, in denen Lebensmittel ausgeboten wurden; es war ein nächtlicher Markt, auf dem die hier sich herumtreibende Bevölkerung von dem Erwerb des Tages ein dürftiges Nachtessen sich kaufen mochte. Aus zahlreichen Schenken, die alle sehr besetzt schienen, drang ein verworrener Lärm heraus; an ihren Eingängen war immer viel Gesindel versammelt, darunter alte betrunkene Weiber, deren Aussehen und Gebahren den widerlichsten Eindruck machte.

Wir traten in ein Public-house der niedrigsten Sorte von Whitechapel Road, um hier den Detective für Eastend zu erwarten. Wir blieben an der Barre stehen und ließen uns Brandy geben, den ich aber nicht verkostete, sondern einem armen Weibe, das sich neben uns erschöpft auf eine Bank niedergelassen hatte, anbot, und der mit der größten Verbindlichkeit angenommen und auf mein Wohlsein in raschen Zügen verschlungen wurde. Allerlei zerlumptes Volk, namentlich junge Frauenzimmer, huschten an uns vorbei, man würdigte uns aber keiner besondern Aufmerksamkeit. Endlich kam der Erwartete, es war ein kräftiger, breitschulterig gebauter Mann, etwas über Mittelgröße, mit freundlichem Gesicht und artigen Manieren, in seinem langen schwarzen Rock einem Geistlichen nicht unähnlich. Ich sah, daß wir uns unter der besten Bedeckung befanden und ohne alle Besorgniß unser Unternehmen antreten konnten. Die Detectives riethen uns sogleich, dicht vor ihnen herzugehen, damit sie uns im Gesicht behalten könnten, und unsere Taschen wohl zu verwahren. Mir schien es, als seien die beiden Männer hier nicht unbekannt, denn mit Ausnahme von ein paar Frauenzimmern, die uns freundlich ansprachen, wurden wir von Niemandem belästigt.

An einer großen, von einem Glasdach überspannten Halle vorbei, die an der Straße lag und wo Penny-Suppen verabreicht wurden, ging es in die südlichen, gegen die Themse hinab reichenden Seitengassen von Whitechapel Road hinein, wo das niedrigste Volk, wie die Detectives sagten, wohnen sollte. Auf jeder Seite von Whitechapel liegen gegen zweihundert Gäßchen, führend zu Tausenden von enggepackten Nestern, Irländer- und Judencolonien, voll von Schmutz, Elend und Verkommenheit. Es waren zum Theil Diebesnester, durch welche wir nun wanderten, dürftig erleuchtet und mit ruinösen Häusern von jedem erdenklichen Anblick, mit großen Kehrichthaufen vor ihrer Fronte, in welche wir abwechselnd einsanken, denn man wirft hier den Schmutz aus den Fenstern auf die Gasse und läßt ihn vor den Häusern liegen, wo er sich nun zu kleinen Hügeln anhäuft.

Auf einmal schritt der Detective von Eastend in eine Hausflur, von wo aus wir in eine dunkle Passage kamen, die so schmal war, daß wir hinter einander gehen mußten; wir wateten durch Koth und Kehrichthaufen und gelangten zuletzt in einem kleinen viereckigen Hofraume an, in welchen aus einigen Parterre- und Kellerwohnungen ein schwaches Licht fiel. Wir sahen in dieselben hinein und entdeckten nur ein paar weibliche Bewohner darin, welche sich mit häuslichen Arbeiten beschäftigten. Soviel wir von den Kammern sahen, waren sie eng und nur mit geringem Trödel von abgenutztem Hausrath versehen. Ich wunderte mich, wie man hier leben könne; man belehrte mich aber, daß diese Art von Wohnungen sehr häufig in London sei. Sonne und frische Luft verirren sich wohl selten und spärlich in diese Höhlen, und so ist es gewiß richtig, was ein englischer Arzt von den Winkeln von Whitechapel und Bethnal-Green bemerkte, daß sie eine unablässige Fieberklinik seien. Der Bischof von London sagte im Jahre 1844 von der hier wohnenden Bevölkerung, daß ehedem die Aerzte das Fieber bei ihr durch Aderlässe behandelten; jetzt zögen sie stimulirende Mittel vor, da die Race so schrecklich degenerirt sei. Wenn die wahrscheinliche Lebensdauer eines Arbeiters in Westend sechsundzwanzig Jahre sind, so sind es in Whitechapel zweiundzwanzig, in Bethnal-Green gar nur sechszehn Jahre, woran freilich nicht allein die schlechten Wohnungen, sondern noch mehr die fast noch im Kindesalter beginnenden Ausschweifungen jeder, auch der schlimmsten Art Schuld tragen. Unser nächster Besuch galt einem Logirhause (Lodging-house), wo man für einige Pence ein Nachtlager erhält. Eine solche Herberge besteht immer aus drei Abtheilungen: einem größeren Zimmer, wo sich die Gäste vor der Nachtruhe aufhalten und mit Lesen, Rauchen, Plaudern, auch wohl Arbeiten beschäftigen (in einigen Häusern ist für jedes Geschlecht ein eigenes Versammlungszimmer bestellt); dann aus der Küche, wo die Zukehrenden sich gewöhnlich selbst ihr spärliches – gekauftes, erbetteltes oder gestohlenes – Nachtessen bereiten, und endlich aus den Schlafzimmern.

Das Lodging-house, ist welches wir getreten waren, wurde von [490] einer alten Frau gehalten, welche ein sehr abschreckendes Aeußere hatte, doch uns mit großer Bereitwilligkeit ihre Anstalt zeigte. Sie führte uns zuerst in ein Parterrelocal, das ganz mit alten Weibern angefüllt war, die über unseren Besuch unwillig schienen und uns darum nicht gerade freundliche Blicke zuschleuderten; hierauf kamen wir in das Gesellschaftszimmer der Männer. Erst ein paar kauerten an den Tischen; wir mochten ihnen sehr gleichgültig sein, denn sie beachteten uns kaum und rührten sich nicht vom Platze. Endlich begaben wir uns über eine wackelige Stiege, auf der ich Hals und Beine zu brechen fürchtete, in die Schlafräume. Es waren niedrige, enge und düstere Zimmer mit kahlen Wänden und kleinen Fenstern; in jedem standen mehrere ein- und zweispännige Bettstellen dicht nebeneinander. Die Alte zeigte uns die nähere Ausstattung derselben, hob das Bettzeug auf, das mir von Segeltuch zu sein schien, so rauh und schwarz war es, und schlug mit einiger Selbstgefälligkeit darauf, gleichsam als wollte sie uns die Vortrefflichkeit derselben andeuten und sich uns für etwaige Fälle empfehlen. Ich sah mir dabei genug, um mich um keinen Preis hineinlegen zu mögen. An den Wänden bemerkte ich einen gedruckten Anschlag, welcher die Zahl der Betten und den Preis für das Nachtlager feststellte. Ich glaube, daß es zu den Aufgaben der Polizei gehört, hier regelmäßige Visitationen über den Zustand der Betten und die Zahl der Schlafgenossen zu halten; doch mag die Ueberwachung solcher Etablissements, deren jedes durchschnittlich fünfzig einfache und fünfundzwanzig Doppelbetten zählt und deren es in London gegen fünftausend geben soll, mit einem jährlichen Durchschnitt von zwei Millionen Kunden, schwer genug sein, da die Gäste die ganze Nacht hindurch zugehen.

Die Lodginghäuser werden allgemein als eine Pest und öffentliche Calamität bezeichnet, weil hier nicht blos der größte physische, sondern auch moralische Unrath sich aufhäuft. Ungeziefer und ansteckende Krankheiten werden hier eingeschleppt; eine erstickende Atmosphäre herrscht hier, weil zu viele und zu verschiedene Leute, Alte und Junge, Kranke und Gesunde, Bekannte und Fremde in derselben Kammer, ja in demselben Bett sich zusammendrängen und die Zimmer schlecht ventilirt sind; denn, wie ein Besucher derselben äußerte, die Fenster sind nicht dazu da, um frische Luft und Licht einzulassen, sondern um die Kälte abzuhalten.

Kinder, welche ihre Eltern verloren haben und ohne Heimath sind, gehören zu den ständigen Gästen der Lodginghäuser, und halten sich fast immer zu einem bestimmten. Sie leben vom Stehlen, Betteln und der Prostitution. In den schlechtesten Lodginghäusern zahlt jedes Kind, wenn es ein ständiger Besucher ist, gewöhnlich nur einen Penny für das Nachtlager. Kommt es Abends ohne Geld zurück, so wird es wieder fortgeschickt, um sich den Penny zu betteln oder zu stehlen. Gewöhnlich aber ist die Taxe für ein Bett oder einen Bettantheil auf drei Pence festgestellt; nur in den schlechtesten Anstalten dieser Art ist sie geringer. Um einen Penny wohlfeiler schläft man auf dem Fußboden, entweder in den Schlafzimmern oder in der Küche oder im Gesellschaftslocal.

Die Detectives wollten uns nunmehr in eine der verrufensten und gefährlichsten Kneipen führen, machten uns aber dabei dringend zur Pflicht, kein Individuum, das uns da auffallen möchte, zu fixiren und auf den ersten Wink, den sie uns geben würden, uns mit ihnen rasch zu entfernen, denn hier würde man sie, wenn man auch um ihren Charakter wüßte, umsoweniger respectiren, und leicht könnten wir zerschlagen und ausgezogen auf die Straße gesetzt werden. Wir mußten uns in die gefährliche Kneipe durch eine Menge von Gesindel, das vor der Thür sich herumtrieb, den Eingang bahnen und begaben uns durch ein Schenklocal, wo Alles dichtgedrängt stand und mir sogleich eine Dirne entgegensprang, die mir den Rauch meiner Cigarre lachend in’s Gesicht blies, über wenige Stufen hinaus in einen Hinterraum, wo eine ausgelassene und wilde Fröhlichkeit tobte, das Geklimper einer Tanzmusik und mit heiserer Stimme gebrüllte Lieder nicht besonders anlockend erklangen.

Als wir die Thür öffneten, strömte uns ein heißer Qualm entgegen, und wir hatten wieder ein niedriges, aber sehr in die Länge gestrecktes Local vor uns, ungefähr von derselbem Ausstattung, wie das in der zuletzt besuchten Kneipe war; nur die Gäste überboten alles, was wir bisher an herabgekommenen, ausgearteten und verthierten Gestalten gesehen hatten. Die zahlreichen Galgenphysiognomien, die man hier gewahrte, waren von Brandy und Gin und einer wilden Lustigkeit geröthet; viele lagen schon betrunken auf den Bänken und unter den Tischen. Ein entsetzliches Weibsbild, vielleicht schon an der Grenze der Fünfziger, wenn ihr nicht das Laster den Anschein des Alters aufgedrückt hatte, stark decolletirt und von einer unbeschreiblichen Frechheit, hieß uns mit kreischender Stimme als Schenkmädchen willkommen und riß sogleich ein paar Witze, welche die Detectives abwehrten. Von allen Seiten wurden wir neugierig gemustert und konnten manchen finsteren Blick auffangen. Wir drückten uns an die Wand neben der Thür, ließen uns abermals Brandy geben und zahlten für die Person wieder drei Pence. Die Gäste strömten fortwährend ab und zu. Ein Rundtanz wurde begonnen und einige der sitzen gebliebenen Schönen machten sich in unsere Nähe. Wir schenkten ihnen um so weniger Beachtung, als uns das Totalbild der wüsten Scene zu sehr beschäftigte. Aber bald drängten unsere Führer zum Aufbruch, denen hier der Brandy nicht zu schmecken schien. Als wir wieder draußen waren, bemerkte mir einer derselben, daß sie nur höchst ungern in solche Locale gingen, denn wenn sie erkannt würden, so gäbe dies leicht das Signal zu einem allgemeinen Aufruhr.

Eilig gingen wir jetzt durch eine Reihe von Gassen dahin, aber von der Ferne folgte uns ein Kerl, der sich plötzlich an den Detective aus Eastend hing und ihm heulend mittheilte, daß er für heute Nacht auf der Straße bleiben müsse, da er in keinem Workhouse aufgenommen worden sei und keinen Penny für ein Lodginghouse besitze. Der Detective suchte sich seiner zu entledigen, indem er dem Trunkenbolde erklärte, er kenne ihn wohl und er möge sich fortmachen. Aber dieser ließ sich nicht abtreiben, fing mit ihm zu ringen an, und so oft er abgeschleudert wurde, so oft stürzte er sich wieder heran. Unter diesem Tumult, wobei allmählich ein nicht geheuer aussehendes Publicum um uns sich sammelte, kamen wir auf einen Rundplatz, von wo aus ich die hohen Mauern der Docks im Schatten der Nacht emporragen sah. Hier stand eine Droschke, die uns die Detectives zu nehmen riethen, denn immer mehr unheimliches Volk hatte sich um uns aufgestellt und einige daraus fingen bereits an, sich in den Streit zu mischen und dem betrunkenen Bursche gegen uns Recht zu geben. Es war wohl ein sehr abgelegener Stadttheil, in dem wir uns befanden, und den Detectives mochte die ganze Situation nicht gefallen; denn nachdem wir mit dem einen, der uns nun noch im Westend umherführen sollte, die Droschke bestiegen hatten, entschwand der andere nach schleunigem Abschied mit schnellen Schritten neben den Mauern der Docks.

Wir lenkten nun südwärts ab und kamen in das Gebiet von Drury-Lane, nach Seven-Dials, das ich bereits bei Tage besucht hatte. Wer sich aber das Aussehen und die Beschaffenheit von Seven-Dials, das aus mehreren schmutzigen Gassen besteht, näher unterrichten will, der möge dessen Schilderung im Londoner Alltagsleben von Boz nachlesen, wobei ich nur bemerke, daß seit der Abfassung derselben wohl ein Menschenalter verstrichen ist, während welcher Zeit hier Alles nur schlimmer geworden sein dürfte. Unser erster Besuch in einem langen öden Gäßchen galt wieder einem Lodging-House, das aber ehrliche Gäste beherbergte und darum ein sehr friedliches Innere zeigte. Nachdem wir es verlassen, wollte uns der Detective ein Gegenstück davon zeigen, d. h. ein Lodging, wo sich die ärgsten Gauner versammeln. Die Leute, die wir hier sehen würden, seien alle schon im Gefängniß gewesen und mitunter der schwersten Verbrechen verdächtig. Wahrscheinlich seien ehemalige Garotter darunter. An Ort und Stelle angekommen war ich gar nicht erfreut, als unser Schutz- und Geleitsmann erklärte, wir müßten diesmal unseren Besuch ohne ihn machen, weil er sich hier nicht blicken lassen könne; doch möchten wir ganz ruhig sein, er werde vor der Thür Wache halten und, im Falle uns etwas Unangenehmes widerfahren sollte, uns sogleich beispringen. So folgten wir denn seiner Weisung und tappten uns durch einen finsteren Gang in einen Hof, wo wir nur das Erdgeschoß eines Hintergebäudes betreten sollten. Da in demselben die Fensterläden halb aufgeschlagen, die Fenster ganz geöffnet waren, so konnten wir schon von außen eine gute Musterung über die hier befindliche Versammlung halten, die etwa aus dreißig Individuen, Burschen und Männern, bestand. Aber noch hatten wir uns nicht lange mit unserm Schauspiel beschäftigt, als man uns drinnen bemerkte und herausrief, wir sollten hereinkommen. Wir traten näher, öffneten die Thür, blieben aber an ihrer Schwelle stehen, denn die ehrenwerthe Gesellschaft hatte nichts Vertrauenerweckendes. Während wir so zögerten, drängten sich Einige an uns, und Andere, die durch das Fenster [491] in den Hof hinausgesprungen waren, standen auf einmal hinter uns. Sie schrieen uns Verschiedenes zu, worauf ich nicht merkte; denn es gefiel mir nicht, daß uns der Rückweg versperrt war, und ich wollte eben nach unserem Schützer rufen, als der Herr der Anstalt aus dem Vorderhause mit Licht erschien – er mochte wohl von unserem Besuche unterrichtet worden sein –, mit einigen Worten die Kerle zur Ruhe verwies und uns, nachdem wir uns noch etwas umgesehen hatten, freundlich hinausbegleitete. Mir war es leichter zu Muth, als ich unsern Führer wieder zu Gesicht bekam.

Die Gassen, in denen wir umherwanderten, hatten einen so düsteren und unheimlichen Charakter und überall stießen wir auf so verdächtige Gestalten, die plötzlich aus der Nacht auftauchten und sich um uns herumschlichen, daß ich, da auch kein Policeman sich weit und breit sehen ließ, den Wunsch äußerte, wir möchten diese Quartiere verlassen. Wir kamen alsdann auf den Rundplatz von Seven-Dials, von dem der Detective bemerkte, daß hier die Diebe sich Rendezvous zu geben pflegten, um ihre Unternehmungen zu verabreden oder die Erfolge derselben sich mitzutheilen. Im Schimmer der Gaslaternen entdeckten wir bald einige Männer und Bursche, die im eifrigen Gespräch zu sein schienen, und wir hatten uns noch nicht lange hier aufgehalten, als eine betrunkene Weibsperson sich mit der größten, handgreiflichen Zudringlichkeit an uns drängte und forderte, wir möchten sie in ein Public-house führen. Es bedurfte fast Gewalt, sie los zu werden; sie verfolgte uns aber laut schimpfend noch eine ziemliche Strecke weit.

Das Nächste, was wir in genauere Untersuchung zogen, war wieder das Gesellschaftszimmer eines Lodging-House’s, das aber diesmal aus einem abscheulichen Keller bestand, in den man auf einer Leiter von der Straße aus hinuntersteigen konnte und wo alle Geschlechter und Altersclassen bunt durcheinander sich befanden. Dicht daneben traten wir in ein verfallenes, wie es schien, ganz ausgestorbenes Haus. Der Detective machte Licht und führte uns durch einen niedrigen und schmalen Gang in einen kleinen Hof hinaus, wo aller mögliche Unrath aufgehäuft und in einem Winkel eine Art von Stall, eng und dumpf, angebracht war. Der Detective leuchtete hinein und wies uns einen großen Unrathhaufen, auf dem Ratten hin und hersprangen.

„Ah,“ rief er aus, „sind heute noch keine Gäste da? Es ist wohl das Wetter noch nicht schlecht genug, auch mag es noch etwas zu früh sein.“

Er setzte mir hierauf auseinander, daß Manche sich über Nacht in diesem Unrath eingrüben und mit dem Ungeziefer zusammen dieselbe Lagerstätte theilten. Auf unserer weiteren Wanderung durch Seven-Dials stießen wir auf den Trottoirs dicht neben den Häusern nicht selten auf einen laut schnarchenden Schläfer; mancher war auch schon in die nahe Gosse hinabgerollt.

In diesem Stadttheile war unser Führer überall bekannt und wir wurden, wohin wir kamen, freundlich aufgenommen. Abermals trat derselbe mit uns in eine Hausflur und wollte in derselben Licht machen, aber der Wind blies es aus, und da wir keine Zündhölzer mehr hatten, so mußten wir uns im Dunkeln weitertappen. Der Detective war aber gut orientirt; er sagte uns, wir möchten uns an ihm festhalten, Einer hinter dem Andern; dann würden wir ganz sicher steigen. Wir ließen uns auf solche Weise auf einer Kellertreppe hinab. Unten angekommen, wurde an eine Thür gepocht, die sich sogleich öffnete und woraus uns ein kleines, sehr artiges Mädchen, etwa in dem Alter von zwölf Jahren, mit Licht entgegenkam. Sie wurde über unsere Absicht verständigt, die Kellerwohnung zu sehen, und wies uns nun freundlich den traurigen Raum mit seinem ärmlichen Inhalt.

Sie war ganz allein, da ihre Eltern und Geschwister noch nicht heimgekommen waren, obschon es tief in der Nacht war, und unterhielt in einem Kamine Feuer, wie es schien, um ein Abendessen für ihre Leute zu bereiten. Als ich mich näher umsah, entdeckte ich kahle und feuchte Mauern, einen Boden von Ziegelsteinen, von denen manche herausgebrochen waren; zwei kleine Oeffnungen, die man kaum Fenster nennen konnte, denn sie waren zum Theil ohne Scheiben und gingen gegen die Straße hinaus, auf der wohl mehr Schmutz als Licht und Luft in die dumpfe Höhle herabkam. Der Keller war eng und niedrig und mit dem verschiedensten Hausrath von der elendesten Beschaffenheit so voll gestopft, daß man, um vorwärts zu kommen, über denselben und auf denselben steigen mußte. Stinkende Lumpen waren zum Trocknen durch den ganzen Raum aufgehängt.

„Das Quartier, das Sie hier sehen,“ sagte der Detective zu mir, „ist nicht etwa eine Ausnahme, es giebt deren ganze Straßen und Viertel hindurch in London.“

Hollingshead, der eigene Entdeckungsreisen durch die Wohnungen der Stadt unternahm, bestätigt nur diese Aussage. „Wollte man die elenden Quartiere und Wohnungen in London durchwandern,“ sagte er, „so möchte wohl ein Jahr dazu nöthig sein. Ueberall trifft man auf enge Gassen und Winkel, die sich unabsehbar ineinander drängen, mit flachen, alten, schmutzigen und ruinösen Häusern, übervölkert von Männern, Weibern, Kindern, Hunden, Katzen, Vögeln und Hasen. Die Kinder überall zerlumpt, wieselähnlich, von der Wiege auf zu einem harten Leben der Arbeit oder zum Verbrechen und Laster erzogen. Die sociale Lage von mehr als halb London ist so elend, wie es nur die von Irland in seinen schlimmsten Tagen war.“

Der wöchentliche Mietzins dieser Quartiere schwankt zwischen neun Pence bis vier Schillingen, durchschnittlich besteht er aber aus zwei Schillingen. Es ist keines so schlecht, daß es nicht doch immer wieder bezogen würde. Die allerschlimmsten Behausungen finden sich gewöhnlich in den zahlreichen Höfen, wo nicht selten die Cloaken in den Grundmauern der Häuser ohne Abzug nach allen Seiten überströmen.

So beschränkt die Kammern in diesen Häusern sind, so beherbergen sie doch nicht selten mehr als eine Familie. Mit dem größten Leichtsinn nämlich wird unter dieser Bevölkerung geheirathet, denn die Kinder setzt man, sobald sie nur laufen können, auf die Straße, wo sie dem öffentlichen Mitleiden oder dem Teufel übergeben sind.

In St. Giles, einem der ärmsten Stadttheile des westlichen London, gab es ein Quartier, das aus fünf Privat- und acht Lodginghäusern, zusammen dreizehn, bestand, worin nicht weniger als dreizehnhundert Menschen wohnten. Church Lane hat zweiunddreißig Häuser, welche hundertneunzig Kammern enthalten, wo damals in jeder ungefähr neun Personen, in allen zusammen siebenzehnhundertundzehn lebten. Ja, in einer dieser engen Kammern wurden vierzehn Personen entdeckt, welche noch dazu gar nicht mit einander verwandt waren – eine Wittwe mit drei Kindern, eine andere mit einem Kinde, zwei Ehepaare, ein alleinstehender Mann und drei alleinstehende Weiber. Vierhundertdreiundsechszig Personen wurden gefunden, welche neunzig Bettstellen benutzten, so daß immer fünf sich in ein Bett theilten, wo nun Alles, die Eheleute und ihre noch kleinen oder schon erwachsenen Kinder, Fremde und Bekannte, Gesunde und Kranke und Sterbende zusammengepackt lagen, so daß selbst Thiere hier nicht aushalten würden. Bei solchen Verhältnissen wird es Niemand für möglich halten, den Sinn für Schicklichkeit, das Schamgefühl und die Selbstachtung zu bewahren.

In Fletcher’s Court traf man wieder auf zwei Kammern, von denen jede mit vierzehn Personen besetzt war. In der einen war Stroh das gemeinsame Lager und die Kleider mußten über Nacht zur Decke genommen werden. Keines dieser Zimmer hatte mehr als sieben Fuß Breite, zehn Fuß Länge.

Der bekannte Earl von Shaftesbury sagte vor einigen Jahren im Hause der Lords, daß er einen Winkel (Cow Croß) in Clerkenwell besucht habe, wo er in sechszehn Höfen hundertdreiundsiebenzig Häuser mit fünfhundertsechsundachtzig Kammern, in jeder Kammer eine Familie, also fünfhundertsechsundachtzig Familien fand, welche zusammen dreitausendsiebenhundertfünfundvierzig Personen zählten; so daß durchschnittlich sechseinhalb Personen auf eine Kammer kamen. Diese Kammern seien niedrig, dunkel, ungesund, schmutzig, so niedrig, daß er kaum darin aufrecht stehen konnte, und so eng, daß, wenn er seine Arme ausstreckte, er auf jeder Seite die Wände mit den Fingerspitzen erreichen konnte. In solchen Zimmern traf er oft fünf bis neun Bewohner. – In acht schmalen Höfen abseits von Holborn Hill fand er zweiundsechszig Häuser mit dreihundertvierzehn engen Kammern, worin vierzehnhundertneunundsiebenzig Menschen wohnten. „Es ist unmöglich,“ setzte er bei, „das physische und moralische Verderben, das aus diesen Verhältnissen entspringt, sich einbilden oder seine fürchterlichen Folgen auf die Bevölkerung schildern zu wollen.“

Nachdem wir das arme Kind beschenkt hatten, stiegen wir aus der finstern Höhle wieder herauf und traten in den kleinen mit Unrath erfüllten und mit giftigen Gasen verpesteten Hof hinter dem Hause. Ich fühlte, daß mir unwohl wurde. Auch hatte ich nun genug des Elends gesehen und fragte den Detective, ob er [492] uns noch etwas Neues zu zeigen hätte. Er sagte, es wäre die Scenerie erschöpft, wir könnten dieselbe nur noch in ihrer Ausdehnung verfolgen. Dazu hatte ich weder Lust noch Kraft mehr. Ich war physisch und moralisch zu sehr angegriffen, um die Wanderung noch weiter fortsetzen zu wollen. So verabschiedeten wir uns denn von unserm Geleiter, wobei er noch bemerkte, daß für ihn jetzt erst die Berufsarbeit beginne. – Es schlug von St. Paul ein Uhr, als ich mit einem Cab mein Hôtel erreichte.




Wanderlieder.
Von Albert Traeger. Mit Illustrationen von Emil Schuback in Düsseldorf.


 1. Abschied.

Das grüne Reis auf meinem Hut
Soll mir die Wege weisen,
Die weite Welt mit frischem Muth
Nun wandernd zu durchreisen;
Doch mahnend weht’s, lieb Schwesterlein,
Mich an aus Deinem Strauße:
Die schönsten Blumen blüh’n allein
Daheim im Vaterhause.

O Heimath, wunderbares Wort,
Das Herz nur kann dich deuten,
In ihm hallst du bei’m Abschied fort,
Wie Kirchenglockenläuten;
Stumm mahnt die treue Vaterhand,
Mich treu stets zu bewähren;
O Mutterauge, bis zum Rand
Stehst du voll heller Zähren.

Die junge Magd lehnt unter’m Thor,
Ob sie mein Scheiden dauert?
Wie schwer kommt mir das Wandern vor,
Nun Alles um mich trauert!
Behüt’ Euch Gott, laßt einmal noch
Zum Letzten Euch umfassen – –
Ich kann den Cameraden doch
Nicht länger warten lassen!


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Die Abreise.




 2. Der erste Brief.

Wohl und munter, Gott sei Dank!
Alter, laß mich’s selber sehen,
Glaubte schon, er wäre krank,
Und ich will Dir’s nur gestehen,
Daß ich manche lange Nacht
Weinend im Gebet verbracht.

Lies mir das noch einmal laut,
Was er da von mir geschrieben,
Jedes Wort so lieb und traut,
Ja, mein Sohn ist gut geblieben;
Nie vom rechten Wege lenkt,
Wer noch an die Mutter denkt.

Nimm mir seinen Brief in Acht,
Will ihn in die Bibel legen,
Daß der Himmel Tag und Nacht
Walte sein mit Schutz und Segen,
Früh und Abends beim Gebet
Mir mein Kind vor Augen steht.

Was ein Blatt so glücklich macht!
Doch das hätt’ ich bald vergessen,
Der in’s Haus das Glück gebracht,
Trinken soll er jetzt und essen;
Weilt ein Kind der Mutter fern,
Labt sie jeden Wand’rer gern.




 3. Heimkehr.

O Heimath, wunderbares Wort,
Nur der hat dich verstanden,
Wer sich nach deinem Frieden fort
Gesehnt in fremden Landen!
Wie Alles so vertraulich lacht
Mich freudig zu empfangen,
Mir ist, als sei ich über Nacht
Von Haus’ nur fortgegangen.

Was glüht so schämig Dein Gesicht
Und will sich seitwärts kehren?
Du wirst doch Deinem Bruder nicht
Den Willkommkuß verwehren?
Zwar könnt’ es auch ein Freier sein –
Ei, pocht das unter’m Mieder!
Grüß Gott, Du liebes Schwesterlein,
Wie schön treff’ ich Dich wieder!

Der Vater schaut so groß mich an,
Als wollt’ er nicht verstehen:
Ja, ’s ist Dein Junge, und er kann
Dir fest in’s Auge sehen!
Ob’s auf der Wanderschaft mir schon
Nicht immer wollte glücken,
Blieb ich doch stets Dein treuer Sohn,
Du darfst die Hand mir drücken!


[493]

Da strecken sich zwei Arme aus
Nach dem ersehnten Kinde;
O Gott, daß ich im Vaterhaus
Die Mutter wiederfinde!

Und doch, wir waren nicht getrennt,
Wir blieben im Vereine;
Wer sein noch eine Mutter nennt,
Der wandert nie alleine!


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Der erste Brief.


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Die Rückkehr.

[494]
Der Bergwirth.
Geschichte aus den bairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
(Schluß.)


„So frei wie der Vogel in der Luft ist jetzt Dein Vater,“ erwiderte der Inspector auf Juli’s Frage. „Wenn er Lust dazu hat, kann er morgen wieder eine Eisenbahn entgleisen machen!“

„Um Gotteswillen, Herr, sagen Sie so ’was nit!“ rief Juli entsetzt.

„Warum? Wie willst Du ’s verhindern, Mädchen? Du traust Dir wie mir scheint, einen großen Einfluß zu, von dem ich nichts wahrgenommen habe … Du bist doch seine Tochter? Und sonst hat er keine? Nun,“ fuhr er fort, als Juli traurig den Kopf schüttelte, „dann wirst Du bald erfahren, wie wenig ihm an Dir gelegen ist. Er hat Deine Briefe gar nicht gelesen und zuletzt nicht einmal mehr angenommen!“

„Nicht einmal gelesen!“ seufzte Juli. „O weh, dann ist’s freilich noch viel schlimmer, als ich mir eingebildet habe!“

„Das glaube ich auch. Du kannst Dich aber gleich selbst überzeugen; ich werde ihn rufen lassen. Tritt bei Seite! Hier in dem Verschlag kannst Du Alles sehen und hören, ohne daß er Dich gewahrt.“

Juli wankte hinter die Bretterwand. Es war ihr willkommen, nicht gleich dem ersten Blick des Vaters zu begegnen; sie fürchtete eine zu große Erschütterung für ihn und fühlte, daß sie selbst der Fassung bedurfte, um nicht von dem Gewichte der Begegnung zu Boden gedrückt zu werden. Es währte nicht lange, bis Schritte näher kamen, die Thür aufging und begleitet von einem bewaffneten Gerichtsdiener ein Mann mit schneeweißen Haaren eintrat, die grell von dem dunkeln Züchtlingswande abstachen, das er trug. Trotz der Entstellung, die der verhaltene Grimm und Gram und der Aufenthalt im Strafhause an Gestalt und Zügen hervorgebracht, erkannte sie ihn augenblicklich. Sie mußte die Zähne zusammenklemmen, um nicht laut aufzuschreien vor Entsetzen und Schmerz.

Der Bergwirth blieb an der Thür stehen; zu Boden starrend, wartete er unbeweglich des Kommenden, während der Inspector dem Diener einen Wink gab, sich zu entfernen. „Ich habe Euch etwas Neues zu eröffnen,“ sagte er, „und noch dazu etwas Gutes! Ihr werdet nicht mehr in die Spinnstube zurückkehren …“

„So darf ich wieder in den Garten?“ rief der Alte und sein Auge blitzte auf.

„Mehr als das; Ihr könnt Euch von nun an eine Beschäftigung wählen, welche Ihr wollt und wo Ihr wollt. … Mit Einem Wort: Ihr seid frei!“

„Frei …“ schrie der Bergwirth auf und seine Brust rang und arbeitete, als wäre plötzlich eine schwere Last auf dieselbe gestürzt, die sie zu zermalmen drohte. Er zitterte, und es war einen Augenblick, als wolle er dem Beamten zu Füßen stürzen und seine Hand erfassen, aber auch diesmal verließ der starre Sinn ihn nicht; er gewann es über sich, die Freude zu bemeistern, das gewohnte hämische Lächeln ging über sein Gesicht und mit gleichgültigem Achselzucken sagte er gelassen: „Frei also? Meinetwegen – es ist doch Alles Eins, zu Grund’ gerichtet bin ich doch. Was liegt daran, ob ich hier verschmachten muß oder draußen als Bettler hinterm Zaun sterben darf?“

„Undankbarer, unverbesserlicher Mensch!“ brauste der Inspector auf. „Ihr freut Euch nicht einmal? Ihr nehmt die außerordentliche Gnade, die Euch zu Theil wird, so hin wie Etwas, das sich von selbst versteht? Ihr fragt nicht einmal, wem Ihr sie verdankt? Wäre es nach meinem Sinne gegangen, keine Secunde an Eurer gerechten Strafe wäre Euch erlassen worden, und Ihr seid nicht einmal begierig, zu erfahren, wer Fürbitte für Euch gethan?“

„Ist’s möglich?“ fragte der Alte wie zuvor. „Fürbitte für mich? Ei, wer sollte das gethan haben?“

„… Vater …“ rief Juli, die sich nicht mehr zu halten vermochte und aus ihrem Verstecke hervorstürzend sich ihm an die Brust warf; aber so heiß ihre Thränen darauf niederströmten, sie vermochten nicht die Eiskruste aufzuthauen, die der Groll darüber gezogen. Wohl war er bei Juli’s Anblick und dem Tone ihrer Stimme zusammengezuckt, aber bald drängte und schob er sie rauh und hastig von sich. „Schau,“ rief er, „so viel Müh’ hat sich die Jungfer um mich gegeben? Hat sie doch noch an den Bergwirth gedacht! Kann mir aber schon einbilden, warum das geschehen ist. Die Jungfer meint wohl, ein Gefallen wär’ den andern werth? Aber da hat sie wirklich die Rechnung ohne den Wirth gemacht … auf die Weis’, wie sie will, kann ich mich nit bedanken …“

„Vater,“ schluchzte Juli, „was hab’ ich Euch denn gethan, daß Ihr so bitter hart mit mir umgeht? Ihr habt mir das Messer in’s Herz gestoßen – müßt Ihr mir’s auch noch umkehren im Herzen … ich verlang’ ja nichts, gar nichts von Euch!“

„So? Freilich, freilich! Hätt’ mirs denken können! Du hast mich nit gebraucht, es hat sich Alles machen lassen ohne mich! Hast mir’s ja deutlich genug gesagt, daß Du nichts wissen willst vom Bergwirth!“

„Das hab’ ich gesagt und bleib’ dabei,“ entgegnete Juli, sich etwas sammelnd, „der Bergwirth bleibt in dem Haus zurück, aber den Vater möcht’ ich hinausführen, der mich einmal so gern gehabt hat – bei dem möcht’ ich bleiben und will ich bleiben mein Leben lang und will mit ihm gehn, wohin er will – fort, wo uns Niemand kennt, in ein anderes Land … ich werd’ überall Arbeit finden und Brod für uns Beide!“

Der Bergwirth lachte auf. „In ein andres Land?“ rief er. „Warum so viele Umständ’ mit einem alten … Die paar Jahrl’n, die ’s mir etwa noch leidet, die werden so auch hinüber gehn! Wenn’s also nit anders ist, dann bedank’ ich mich halt recht schön für die Bemühung und für die Fürbitt’ – und so Grüß Gott und B’hüt Gott gleich mit einander, es wird am besten sein, wir gehn gleich an der Thür auseinander! … Wann darf ich fort?“ fragte er gegen den Inspector gewendet.

„Jeden Augenblick!“ erwiderte dieser. „Ich halte Euch gewiß nicht auf, vollends nicht nach dieser Unterredung! Soll das wirklich Euer Abschied von Eurer Tochter sein?“

„Ja, Herr Inspector … wenn ich frei bin, werd’ ich wohl auch meinen freien Willen wieder haben … nicht wahr?“

Der Beamte wandte sich unwillig ab, Juli trat zu ihm. Die Unbeugsamkeit des Vaters war nicht ohne Eindruck auf sie geblieben, und so weich gestimmt sie vorher gewesen, so regte sich doch auch in ihr etwas von des Vaters Blut. „Reden Sie ihm nicht mehr zu, Herr,“ sagte sie gelassen, aber mit bebender Stimme, „der Vater soll seinen eigenen Willen haben – ich werd’ ihm nicht mehr dawider sein! Ich hab’ mir freilich gedacht, es sollt’ anders kommen, wir sollten bei einander bleiben … er hat es ja selber gesagt, wie fest wir zusammengehören; in einer schweren Stunde hat er das gesagt, aber er will’s anders haben und ich … ich will ihm nit zur Last sein. … Vielleicht,“ fuhr sie fort, und das Zittern ihrer Stimme wurde hörbarer, „vielleicht sind Sie so gut, Herr … und sagen ihm, was er von mir nit hören mag. … Ich hab’ gedacht, wenn er aus dem Haus da kommt, wird er ein andres Gewand brauchen, und hab’ eines mitgebracht. … Und Geld wird er auch haben müssen; da ist, was ich hab’ zusammenbringen können – es ist nicht viel, aber für’s Erste wird es wohl langen …“

„Nun – rührt Euch auch das nicht?“ rief der Beamte mit schimmernden Augen, während Juli ein Päckchen vor ihm niederlegte. Was in dem Alten vorging, war nicht zu erkennen, er stand abgewendet, aber er war rasch hinzugetreten und griff nach dem Päckchen, während Juli, das Tuch vor’s Gesicht pressend, der Thür zuwankte.

An derselben hielt sie inne.

„Da hab’ ich noch was vergessen,“ sagte sie, „der Vater hat immer gern Tabak geraucht – die Pfeif’ mit dem Hirschkopf im Ulmen-Maser, die ihm die liebere war – ich hab’ sie mitgenommen, wie ich fort bin aus dem Bergwirthshaus, und habe sie mitgebracht …“

Sie legte die Pfeife auf den Tisch und schritt wieder der Thür zu, aber sie kam nicht dahin – der Bergwirth stand ihr im Weg. Das harte Gemüth des Mannes hatte die größten Opfer und Beweise von Liebe kalt hingenommen – die kleine Aufmerksamkeit [495] auf eine lange nicht mehr befriedigte Lieblingsneigung erschütterte ihn. Er trat Juli in den Weg und streckte ihr beide Hände entgegen. „Du bist gut,“ sagte er mild, während sie laut aufschluchzend ihm an die Brust sank; „Du bist doch meine Juli … mein Mädel, auf das ich alleweil stolz gewesen bin … mein liebes Kind! … Weine nicht … ich seh’s ja ein, daß Du ’s gut mit mir meinst, und will Alles thun, was Du verlangst – ich geh’ mit Dir, wohin Du mich führst … nur Eins,“ fuhr er fort, da Juli nicht zu sprechen vermochte, „Eins beding’ ich mir aus …“

„Alles, Vater – Alles!“

„Eh’ ich aus dem Land geh’ – muß ich das Bergwirthshaus noch einmal sehen …“

„Warum, Vater?“ rief Juli erschrocken. „Was soll das helfen? Das wird Euch nur schmerzen – thut’s lieber nit!“

„Nein, red’ mir nichts dawider ... das hab’ ich mir lang’ vorgenommen, in meiner größten Betrübniß hab’ ich mich auf den Augenblick gefreut ... und wenn’s mir die Brust zersprengen thät vor Herzleid, ich muß hin – von dort führe mich, wohin Du willst; von dort an gehör’ ich Dein!“

Seufzend ergab sie sich in das Unvermeidliche; als der Abend dunkelte, verließen sie das unheimliche Gebäude, die nächste Morgenfrühe traf sie schon auf der Wanderung in die Heimath; sie wäre in wenig Stunden zu erreichen gewesen, aber der Bergwirth wollte der Eisenbahn nicht nahe kommen, und Juli vermied es, ihn zu bereden. Der Tag neigte sich zum Ende, als sie den Fuß des Westerbergs erreichten; demungeachtet bestand der Bergwirth darauf, ihn noch zu ersteigen. Vergebens bat Juli, den Morgen abzuwarten und die Nacht beim Postbartel in seiner traulichen Bahnwärterklause zu verbringen, vergebens erzählte sie, wie freundlich er sich ihrer angenommen und also gewiß auch ihn willkommen heißen werde; mit gewohnter Hartnäckigkeit blieb er bei der Weigerung, sich vor dem Gange, den er sich nun einmal vorgenommen, vor irgend einem Bekannten zu zeigen; er befahl ihr, bei dem Bahnwärter zu bleiben und ihn zu erwarten, noch vor Einbruch der Nacht werde er sicher zurückkommen.

Es war eine wilde trotzige Lust an eigener Qual, was den Bergwirth so unwiderstehlich noch einmal an den Schauplatz eines verlorenen Lebens trieb; er wollte sich vollsaugen am alten Grimm, seine ganze Seele noch einmal mit allem Haß, mit all der Bitterkeit erfüllen, die das Geschehene in ihm hervorgerufen. Es that ihm wohl, als er die unverkennbare Verödung der schönen kunstvollen Bergstraße gewahrte, an deren Rändern weit herein hohe Farrenkräuter wucherten und der Huflattich seine mächtigen wollgefütterten Blätter üppig wie über ein erobertes Gebiet ausbreitete. Dennoch war ihm eigenthümlich und nicht wie sonst zu Muthe; er konnte die frühere Heftigkeit des Empfindens nicht wieder hervorrufen, er vermißte den alten starren Halt in sich – durch die Versöhnung mit Juli war die Rinde seines Herzens gesprengt, das Eis bröckelte und schmolz vom Anhauch des neuen Gefühls, das wie ein warmer Quell unter ihm aufgegangen. Ungewiß, einem Träumenden ähnlich, erreichte er die Höhe und stand betroffen still. Er hatte davon gehört, wie der reiche Viehhändler sein schönes Heim erstanden; wie er in der Absicht, es so bald als möglich wieder loszuschlagen, keine Kosten daran wende, sondern Alles verkommen lasse; er hatte daher erwartet, eine halbe Ruine zu finden, überall von den Spuren des beginnenden Verfalls gezeichnet – statt dessen blinkte ihm das Haus stattlicher als jemals entgegen, mit frisch getünchten Mauern, neu angestrichenen Thüren und Fensterstöcken, in denen helle Scheiben funkelten. Die Bäume blühten und grünten; der Hof zwischen Haus und Scheune war wie gekehrt, und fröhliches Gebrüll aus den Ställen verkündete reichlichen Viehstand.

Der Wanderer stand eine Weile wie betäubt; es wandelte ihn gleich einer Ohnmacht an, daß er, um nicht umzusinken, sich auf den Brunnentrog setzen mußte. Eine Magd kam heran, Wasser zu schöpfen; er wollte entfliehen, aber die Kniee trugen ihn nicht, er tröstete sich damit, daß er die Kommende nicht kannte, also hoffen durfte, auch von ihr nicht gekannt zu sein.

Er sollte sich bald überzeugen, daß diese Hoffnung ihn keineswegs getäuscht.

„Was ist mit Dir, Alter?“ sagte die Magd und stellte ihren Kübel unter das rauschende Brunnenrohr. „Ist Dir schlecht? Willst einen Trunk Wasser?“

„Nein, nein,“ entgegnete er, „ich bin nur ein bissel weit gegangen und bin das Gehn nicht mehr gewohnt – da hab’ ich mich wohl ein wenig übermüdet … es vergeht schon wieder! Bist Du hier im Dienst? Das Haus sieht ja prächtig aus – hat es doch geheißen, es ginge abwärts mit dem Bergwirthshaus?“

„Hast Du auch davon gehört, Alter?“ sagte die Magd. „Ist schon einmal ’was Wahres dran gewesen, aber bei dem frühern Herrn! Der Narr hat gemeint, es wär’ schon dem Faß der Boden aus, weil wegen der Eisenbahn die Einkehr aufgehört hat. Aber der Neue versteht’s besser! Der hat gesagt: ,wenn es auch kein Wirthshaus mehr ist, so ist es doch ein Bauerngut’, und regiert, daß es eine Freude ist! Er hat eine große Schweizerei eingerichtet und einen Bretterhandel und einen Steinbruch – jetzt ist die Goldgruben wieder da wie zuvor!“

„Wer ist denn der neue Herr?“ fragte der Bergwirth, dem es wieder vor den Augen flimmerte und um die Ohren sauste. „Ist’s denn nicht der dicke Viehhändler, der …“

„Warum nit gar! Der wüste Mensch hat sich gar nimmer verwußt in seinem Uebermuth; ist den ganzen Tag im Land herumkutschirt und hat getrunken und ist im Rausch einmal mit Roß und Wagen in den Straßengraben hineingefallen, daß er das Aufstehn vergessen hat! … Nein, der Hof gehört jetzt einem ganz Andern – dem Herrn Falkner; vielleicht kennst ihn, Alter … er ist Geometer gewesen, wie sie die Eisenbahn gebaut haben …“

„Ja, ja … es ist mir, als wenn ich ihn kennen sollt’,“ murmelte der Alte, indem er aufsprang, als sei der kühle Wasserstrahl neben ihm eine sengende Feuersäule. „Ist er daheim?“

„Nein – er ist im Steinbruch oder in der Dampfsäg’ … kannst ihn aber wohl erwarten, er wird bald heimkommen. Wenn Du ein Anliegen hast, Alter, der hilft Dir gewiß ... der versteht Alles und ist ein Mann wie die gute Stund selber! Was er anpackt, das gerath’ ihm auch, und es fehlt ihm gar nichts als wie eine richtige Frau!“

„Nun – die wird doch nicht schwer zu bekommen sein!“ rief der Bergwirth lauernd und mit grinsendem Lachen.

„Ja, wenn’s nicht einen Haken hätt’!“ lachte die Magd entgegen. „Das pfeifen ja die Spatzen auf dem Dach, daß die schöne Bergwirths-Juli sein Schatz ist, daß er aber sie nit haben kann, weil’s der Vater, der alte Spitzbube, nicht zugiebt … Na, vielleicht geht das auch noch anders, als man denkt,“ fuhr sie fort, indem sie den übervollen Kübel ablaufen ließ und dann auf die Schulter hob. „Es heißt ja, der Alte sei krank und soll nimmer herauskommen dort, wo sie ihn aufzuheben gegeben haben. Es wär’ ein Glück, wenn’s so ging … die Juli hat nichts mehr und darf schon darnach umschau’n, daß sie unter die Hauben kommt … gar so dick sind die Hochzeiter nicht gesät und nit Jeder mag gern einen Zuchthäusler zum Schwiegervater haben … Na, gute Nacht, Alter … geh’ fein nimmer gar zu weit heut’!“

„Ich dank’,“ rief er ihr nach, „ich glaub’, ich werd’s nimmer gar zu weit machen – ich hab’ meinen geweis’ten Weg!“ Wie an dem verhängnißvollen Abende seiner That stürmte er hinweg; wie damals führten Zufall und halbbewußte Absicht ihn nach seinem Lieblingsplätzchen, nach der Niederpoint.

Eine noch größere Enttäuschung wartete dort auf ihn.

Der Wust der Zerstörung war verschwunden; wohl fehlten manche seiner lieben Eichbäume, aber die übrig gebliebenen standen in schönen Gruppen beisammen, als bekäme es ihnen gut, daß sie Raum erhalten, sich auszubreiten. Die Wurzelstöcke waren entfernt, der Hang geebnet, der aufgewühlte Boden abgeglichen – die Natur hatte den an ihr verübten Frevel verziehen und über die Wunden, die ihr geschlagen wurden, wieder ihre hoffnungsgrüne Rasendecke gebreitet, schöner, schwellender, blumenreicher als zuvor.

Der Bergwirth hatte das Gefühl eines Menschen, der den Boden, dem er vertraut, unter sich weichen fühlt.

„Aus! Alles aus!“ murmelte er umherstarrend in wachsender Verwirrung. „Alles weicht von mir, Alles ist gegen mich! Die Welt geht ihren Gang wie zuvor … sie geht über mich hinüber, weil ich mich ihr in den Weg geworfen hab’! … Die Dirn’ hat ganz Recht, wenn sie mich einen Narren nennt … wer mit dem Kopf durch die Wand will, ist nichts Anderes … Und doch! Ich bin kein Narr, denn ich weiß ja, was ich thu … nein, ich bin kein Narr und auch kein Spitzbube … ich hab’ mich nur wehren wollen, wie der Wurm sich gegen den Fuß wehrt, der ihn zertritt! [496] Ja wohl, wie der Wurm! Der Inspector hat ganz Recht gehabt, ich bin einer – ein nichtsnutziger Beißwurm, der nur Schaden anrichten kann, dem’s nit anders gehört, als daß er zertreten wird! … Ich habe so Viele unglücklich gemacht und mit ihnen mich selbst; ich bin meiner Tochter im Weg’, ohne mich könnt’ sie glücklich sein! Ich gehöre nicht herein in die Welt … und ich will auch nicht mehr bleiben, ich will hinaus! Hinaus!“ rief er wieder, und der Ruf ging in einen wilden Schrei über, in welchem Wuth und Freude grausig zusammenklangen; es war eine Art grüßender Erwiderung auf das Rasseln und Schnauben des Dampfwagens, das aus geringer Entfernung hörbar wurde. „Bist Du da?“ schrie er wie außer sich. „Rufe mir nur, ich lasse nicht auf mich warten. ... Da bin ich – da!“ Mit gräßlichem Aufjauchzen flog er den Abhang neben dem Steinbruch hinab, in wenig Augenblicken stand er auf den Schienen und heulte der heranstürmenden Maschine seine Flüche und Verwünschungen entgegen. …

Schon war sie ganz nahe, als plötzlich im letzten entscheidenden Moment ein starker Arm den Wahnsinnigen faßte und bei Seite riß: es war der Falkner’s, der eben aus dem Steinbruch kommend mit eigener Gefahr ihn den Rädern entzog; doch konnte er nicht verhindern, daß der Hebel der Locomotive ihn noch streifte und mit furchtbarem Stoße weithin schleuderte, so daß der Retter mit dem Geretteten zu Falle kam. …

Als der Bergwirth wieder zu sich kam, blickte er verwundert um sich; es war Nacht um ihn her, aber eine Lampe brannte hell genug, um ihn die Umgebung erkennen zu lassen. Er glaubte zu träumen, denn Alles, was er um sich sah, kam ihm bekannt vor, und er irrte nicht, er befand sich in seinem gewohnten Zimmer im Bergwirthshause, und Alles war am nämlichen Orte, Alles in demselben Zustande, wie er es verlassen hatte; die weibliche Gestalt, welche im Schatten neben der Lampe saß, war die seiner Tochter. Einen Augenblick war ihm, als habe er eine schwere Krankheit durchgemacht; als wäre Alles, was er erlebt, nur ein Fiebergebilde gewesen, aus dem er genesend erwacht; die Schmerzen seines schwer verwundeten Körpers brachten ihn aber bald zum vollen Bewußtsein. Mit ihm kehrte die Erinnerung des Geschehenen zurück und eine Ahnung dessen, was er noch nicht wußte, dämmerte ihm auf. Ein Seufzer entwand sich seiner Brust, mit einem Ausruf der Freude von Juli begrüßt, welche herbeieilte und sich sorglich über ihn beugte.

„Wo bin ich denn?“ fragte er schwach.

„Fragt nicht, Vater,“ entgegnete Juli, „Ihr seid in guten Händen und seid bei mir; der Herr Doctor hat gesagt, Ihr sollt vor Allem ganz ruhig sein …“

„Sage mir nur Alles, wie es ist,“ sagte er, „ich kann Alles hören …“ Er machte keine Bewegung und lag mit geschlossenen Augen da, als Juli erzählte, wie Falkner ihn gerettet und in das Bergwirthshaus gebracht, wie sie ihn gesucht und wie er nun in dem alten gewohnten Zimmer ruhig seine Genesung abwarten könne. Er fragte nach Falkner und blickte dem Eintretenden erhellten Angesichts entgegen. „Ich kann Ihnen die Hand nicht geben,“ sagte er mit Anstrengung, „aber reden kann ich noch und kann Ihnen sagen … Sie haben mir das Leben retten wollen – ich danke Ihnen, weil ich nun doch noch Zeit habe, meine Rechnung zu machen. … Ich hab’ Ihnen Unrecht gethan; Sie sind ein Ehrenmann, Herr Falkner … bringen Sie das Bergwirthshaus wieder zu Ehren, und wenn Sie sich nicht daran stoßen, daß sie mich zum Vater hat, geben Sie meinem Mädel Ihren Namen statt des meinigen …“

Ueber den Leidenden hinweg bot Falkner schweigend seine Rechte, in welche Juli die ihre legte und schluchzend das Gesicht in dem Bette barg.

„Wenn Euer Segen dabei ist, Vater …“ rief sie mit erstickter Stimme.

„Der ist dabei! Sei so glücklich, als Du gut und lieb mit mir gewesen bist, da kann es Dir nit fehlen! … Vergiß mich nit ganz und trag’ mir nichts nach in die Ewigkeit …“

„Redet nit so, Vater, Ihr könnt wohl wieder aufkommen …“

„Nein, ich spür’, daß es zu End’ geht mit mir ... es ist auch besser so. … Ich hab’ mich in die neue Welt nit finden können … ich könnt’s wohl auch in Zukunft nit … also siehst Du wohl ein, daß ich fort muß. … Halt’ mich nit,“ rief er stärker als sie seine Hand drückte, während seine Augen unheimlich zu leuchten begannen und sich immer starrer auf die Flamme der Lampe hefteten. „Ich muß hinaus – muß den Beißwurm fangen! Dort ist er, dort in dem finstern Winkel … siehst Du, wie seine Augen glühn … sie werden immer größer – immer feuriger. … Er kommt … er kommt immer näher auf mich zu, immer geschwinder … Ah …“

Mit einem kreischenden Schrei wollte er sich aufrichten … er vermochte es nicht und sank in Betäubung zurück, um nicht wieder aus ihr zu erwachen.

Groß war das Aufsehen, welches das Ende des Bergwirths und seine Todesart in der Gegend verursachte; größer aber noch, als nach einigen Monaten im Bergwirthshause Hochzeit gehalten wurde, und Falkner seine schwergeprüfte Braut auf’s Neue in der alten Heimath einführte. Sie brachte die Zeit bis dahin im Bahnwärterhäuschen bei dem neuen Einsiedel zu, der auf ihren und Falkner’s Wunsch ihr das Ehrengeleit bei dem festlichen Einzug gab.

Mit dem Paare hatte auch das Glück seinen Einzug gehalten; das Bergwirthshaus war vergessen, aber der Berghof blühte und gedieh dauernd, wie im Herzen seiner Bewohner die Liebe heimisch blieb, die Treue und der Friede.

Bei der Hochzeit war kein fröhlicherer Gast, als der Postbartel; sein Hörnlein bekam weidlich zu thun, und Alle meinten, es habe noch nie so schön und hell geklungen, als wie er blies:

Ich will Dir etwas sagen,
     Herzliebstes Bräutelein –
Die Bäume thun ausschlagen
Und lauter Rosen tragen,
     D’raus soll Dein Kränzel sein!




Kleiner Briefkasten.

H. in St. Wir ersuchen Sie, über Ihren Roman zu verfügen.

Reinh. Müller in Syracuse (New-York). Es existirt keine größere Abbildung des Denkmals. Herzlichen Dank für Ihre liebenswürdigen Complimente.

F. G. in N. K. Für Ihre Zwecke empfehlen wir Ihnen „Schwatlo, Handbuch zur Beurtheilung und Anfertigung von Bauanschlägen. Halle, 1869.“

Wolff in Montreal (Canada). „Nur ein Ballgespräch“ ist keine erfundene, sondern eine durchaus wahre Geschichte.

E. V. in Hannover. Wenn in Barthel’s Literaturgeschichte Max Bauer als Verfasser der „Prinzessin Ilse“ angegeben ist, so ist das eben ein Irrthum. Die Dichterin jenes reizenden Büchleins heißt, wie in Nr. 19 der Gartenlaube ganz richtig angegeben wurde, Marie Petersen.




An unsere Leser!

Angesichts des frevelhaften Uebermuths, mit welchem in diesem Augenblicke Frankreich, aus keinem andern Anlaß, als erbärmlicher Ruhmeseitelkeit, die furchtbarste Kriegesbrandfackel in den Friedenssegen unseres Vaterlandes schleudert, angesichts dieser bubenhaften Verhöhnung unserer nationalen Würde und Freiheit, muß die gesammte deutsche Presse geharnischter als je sich als die Großmacht bewähren, welche den Geist des Volkes in den Kampf führt. Der Geist vom Jahre Dreizehn muß unsere ganze Nation erheben, denn dieser Kampf, welchen die zwei Riesen der Wehrkraft Europas beginnen, kann nur mit der politischen Vernichtung des Einen enden.

Getreu ihrem längst bewährten nationalen Streben wird auch die „Gartenlaube“ ihre Schuldigkeit im Anregen und Berichten, im Sammeln und Opfern thun.

Bereits sind Vorkehrungen getroffen, daß

nicht nur Künstler, sondern auch Schriftsteller in unserem Auftrage von den Hauptquartieren aus den militärischen Bewegungen folgen werden,

um das Wichtigste und Interessanteste aus dem Marsch-, Feld- und Kriegsleben in Bild und Text zur Anschauung zu bringen. Wir geben uns mit allen unsern deutschen Lesern der zuversichtlichen Hoffnung hin, recht bald von den Siegen unserer tapferen Armeen berichten zu können.

Leipzig, im Juli 1870.
Die Redaction.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.