Die Gartenlaube (1870)/Heft 26

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1870
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 26. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.


Der Bergwirth.
Geschichte aus den bairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


3. Beim neuen Einsiedel.

Betäubt, in einer Art schmerzlicher Erstarrung war Juli zurückgeblieben; als sie des flüchtigen Vorganges sich deutlich besann, fuhr sie mit der Hand leicht über die angelaufene Fensterscheibe und verwischte die verrätherischen Zeichen, und ein schwerer Seufzer hob ihr die Brust, er entsprang dem doppelten Schmerzgefühle, daß der Augenblick gekommen war, in welchem es galt, wie den Namenszug im Fensterduft, so auch die Züge seines Trägers in ihrem Herzen auszulöschen, und daß dies doch hart und ebenso unmöglich war, als wollte sie das Herz selbst aus der Brust nehmen. Daß der Vater in der Einsamkeit sich selbst wiedergefunden hatte und mit Gedanken der Milde und Versöhnung zu ihr gekommen war, hatte auf ihr ohnehin erschüttertes Gemüth tiefen Eindruck gemacht – wäre er geblieben und nicht im Unwillen davon gestürmt, sie hätte ihm das Opfer ihrer Liebe noch einmal gebracht, nicht trotzig wie das erste Mal, sondern ergeben und gelassen, wenn auch mit nicht minderem Schmerz. Sie eilte ihm wohl nach, aber sie gewahrte ihn nicht mehr, und eine alte Magd, welche an der Thür beschäftigt war, mußte ihr erst sagen, der Wirth sei an ihr vorbei wie ein Sturmwind, sie habe ihm verwundert nachgesehen, bis er im Walde verschwunden sei. Der Mann sei ihr ganz wunderbar vorgekommen, wie Einer, der nicht recht bei sich selber sei, und so müsse es wohl auch sein, denn einem andern Christenmenschen werde es gewiß nicht einfallen, bei sinkender Nacht in den Wald zu laufen.

Jedes dieser Worte fiel Juli wie eine Centnerlast auf’s Herz; der Vorwurf regte sich in ihr, weil sie ihn nicht zurückgehalten; jetzt erst trat sein Angesicht deutlich vor sie hin; sie sah die sonst gelassenen, fast übermüthigen Züge unter dem Druck ungeheurer Erregung erbeben, und eine entsetzliche peinvolle Unruhe trieb sie aus dem Hause, obwohl die Dunkelheit bereits vollständig eingebrochen war. Sie ging an den Wald und eine Strecke in denselben hinein; sie rief, aber nichts antwortete aus den finsteren Wegen als das Aufflattern eines Vogels, den sie im Einschlafen aufgeschreckt. Sie eilte zurück und lief in steigender Beängstigung nach der andern Seite des Hauses an den Straßenabhang, wo unten eingehüllt in volle laut- und lichtlose Nacht sich die Niederpoint hinzog und das einsame Mühlenthal. Mit fieberisch angespannten Sinnen horchte sie hinüber; es war so still um sie her, daß sie den Schlag ihres eigenen Herzens vernehmen konnte … Da mit Einem Male begann es zu sausen und zu rauschen … trotz der Ungewohnheit und Fremdartigkeit des Lautes erkannte sie denselben bald; er verkündete, immer näher kommend, den in der Tiefe gegen den Bergrand herandampfenden Bahnzug … Sie wußte nicht warum, aber es ward ihr plötzlich, als müsse das Getöse fort und fort wachsen in’s Ungeheure und bis zu ihr heraufdringen und sie mit sich fortreißen in den Vernichtungssturm …

Da schlug es plötzlich in ein wüthendes Geheul um, wie sie nie vernommen, das ihren Herzschlag stocken und das Mark gerinnen machte; zugleich loderte ein greller Feuerschein auf, kurz wie ein ungeheurer Blitzstrahl und doch lang genug, um die alte Magd zu gewahren, die ihr aus Neugier und Besorgniß gefolgt, nun eben recht zur Seite stand, um ihr den Arm zur Stütze zu reichen. „Ihr seid wohl erschrocken, Jungfer?“ sagte sie. „Ist auch nicht zum Verwundern; das war ein Schlag und ein Gebrüll, daß es mir in alle Glieder gefahren ist … Das ist drunten gewesen im Thal; wird doch kein Unglück geschehen sein, drunten auf der neuen Eisenbahn …“

„Auf der Eisenbahn … Jesus Maria …“ stammelte Juli, indem sie plötzlich sich aufraffte und, alle Schwäche bemeisternd, dem Hause zurannte; mit dem Worte war, ohne daß sie selbst wußte wie, der Gedanke an den abwesenden Vater wieder in ihr aufgeblitzt. Aber die Eile hatte weder Zweck noch Erfolg, denn als sie an der dunklen Schwelle stand, war auch im Hause noch Alles lautlos und leer wie zuvor. Langsam, mit schwerer Last von Qualen beladen, krochen die Augenblicke dahin, bis sie Tropfen um Tropfen fallend eine Stunde gleich einem Eimer gefüllt hatten. Da endlich wurde durch die Nacht der Hall eilfertiger Schritte hörbar; Juli flog dem Kommenden entgegen, sie rief ihm zu, aber der Ruf erstarb ihr im Munde, als sie den Nahenden erkannte; es war einer der Knechte, der sich auch einen freien Tag ausgebeten hatte, um die Wunder der neuen Eisenbahn zu sehen und die erste Fahrt mitzumachen. Er sah verstört und erhitzt aus, um den Kopf hatte er ein nasses Tuch gebunden, unter welchem blutige Tropfen auf die Wange niederrannen.

„Der Teufel soll die neuen Geschichten holen und die ganze Eisenbahn dazu!“ erwiderte er auf Juli’s athemlose Frage, woher er komme und was ihm begegnet sei. „Wo werd’ ich herkommen, als von der verfluchten Eisenbahn? … Geb’ mir die Jungfer [402] nur ein Bissel Wasser und Essig her, daß ich mir den Kopf abwaschen kann … ich hab’ eine tüchtige Schramme, und wenn ich nicht einen so harten Schädel hätte, wäre es mir gewiß an’s Leben gegangen … Geschieht mir aber ganz recht, warum muß ich überall meine Nase voran dabei haben …“

„Aber so rede doch nur,“ rief Juli, während die Magd das Verlangte herbeiholte und sich anschickte, dem fluchenden Burschen die Stirnwunde auszuwaschen; sie selbst stand wie gelähmt, aber ihre Hand, mit der sie sich am Tische hielt, zitterte. „Was ist denn geschehen?“

„Was wird geschehen sein!“ rief er entgegen … „die Eisenbahn hat umgeworfen oder wie man’s eben heißt … ich will Gott danken, daß ich so davon gekommen bin, aber daran denken werd’ ich auch, so lang’ ich ein offenes Aug’ habe. Es ging ganz lustig und der Zug sauste nur so dahin; ich könnt’ es ihm nit gleich thun mit unsern Bräuneln und wenn ich sie noch so arg hetzen wollt’, und die Bräuneln greifen doch gewiß tüchtig aus … auf einmal aber thut’s einen Schlag und ein Krachen und einen Stoß, nit anders, als wenn Einem das Haus überm Kopf einfallen thät … gleich darauf ist der Wagen umgefallen … wie ich herausgekommen bin, das könnt’ ich nicht sagen, und wenn ich mir damit das Leben gewinnen könnt’ und die Seligkeit dazu … Ich hab’s auch in der Erst’ gar nit gespürt, daß ich mir den Kopf’ angeschlagen hab’, denn was ich draußen gesehen hab’, ist noch grauslicher gewesen als der Schrecken und die Angst … der Dampfwagen war über das eiserne Geleis hinausgekommen und hat im Liegen gezischt und gesaust und Feuer gespieen wie ein Drach’ oder ein wildes Thier, das seinen Treff gekriegt hat und sich im Verenden windet und streckt … ein paar von den angespannten Wägen hat’s auch mit umgerissen, und die Leute, die darinn’ gesessen waren, haben durcheinander geschrieen und gejammert, daß es einen Stein hätt’ erbarmen müssen … es mögen wohl viele nit so gut weggekommen sein wie ich … ich hab’ selber ein paar wegtragen helfen, denen gewiß die Füße ab waren oder ein Arm … auf einmal aber ist’s mir schwarz geworden vor den Augen, da hab’ ich erst gespürt, daß mir das Blut über’s Gesicht heruntergeronnen ist, hab’ mein Tuchel eingetaucht in einen Tümpel am Weg und hab’ gemacht, daß ich weiter gekommen bin …“

Juli zitterte, daß der Tisch unter ihr zu wanken begann. „Aber wie hat denn das geschehen können,“ preßte sie mühsam hervor, „und wo?“

„Wie und wo?“ rief der Knecht und fuhr sich nach der Wunde. „Teufel, wie das brennt! Jetzt spür’ ich erst, was ich mir für einen Merks geholt hab’ … ich werd’ eine schöne Zeit damit zu thun haben … Unten im Mühlthal ist’s geschehen, just wo’s um den neuen Steinbruch herum geht, um die Niederpoint, von dort ist ein Baum heruntergekugelt, eine von den Eichen, die dort geschlagen worden sind … der Baum ist mitten auf der Bahn gelegen und über den ist der Dampfwagen gestürzt …“

Juli erwiderte nichts, sie wankte aus der Stube, um im Freien aufzuathmen; ihr war, als höre sie das entsetzliche Gekrach, als wolle auch über ihr das Haus zusammenstürzen; in dem dunklen Flur des Hauses trat ihr eine dunkle Gestalt entgegen. „Vater,“ keuchte sie, indem sie ihn am Arm ergriff und mit unwiderstehlicher Kraft in das Herrenzimmer drängte … „Vater, wo kommt Ihr her? Wo seid Ihr gewesen?“

Der Bergwirth stand einen Augenblick stumm; die Lampe beleuchtete ihn halb; er sah verwirrt und verwildert aus, er war ohne Hut, das Haar hing ihm wüst um die Stirn, die Züge seines harten Gesichtes waren wie versteint, aber aus den Augen flammte unheimliche Gluth. „Vater,“ rief Juli wieder, leise, aber noch drängender als zuvor, „um Seel’ und Seligkeit willen, wo seid Ihr gewesen …“

„Muß ich Dir etwa Rechenschaft geben?“ rief er wild entgegen, indem er vergeblich ihrer Hand sich zu entwinden suchte. „Geht’s Dich was an? Wir Zwei sind fertig miteinander ...“

„Redet, Vater,“ rief sie in steigender Angst, hielt aber inne, indem sie den Blick fester auf ihn richtete … „Nein, nein,“ schrie sie dann auf und schleuderte seinen Arm wie mit Abscheu von sich, … „sagt nichts, ich hab’s in Eurem Gesicht gelesen und will Euch sagen, wo Ihr gewesen seid … Ihr seid in der Niederpoint gewesen, Ihr habt den Baum hinuntergerollt auf die Eisenbahn …“

Der Bergwirth lachte wild auf. „Du bist wohl verrückt?“ rief er. „Was hab’ ich mit der Eisenbahn zu schaffen?“

„Leugnet’s nicht, Vater,“ entgegnete sie unter einem Strome von Thränen, in dem die Gewitterwolken ihres Herzens sich endlich lösten; „es nutzt Euch nichts … es ist Euch auf die Stirn gezeichnet, wie es vom Kain geschrieben steht in der heiligen Schrift … Mein Herr und mein Gott, so weit hat’s also mit Euch kommen müssen! Ist es denn möglich … Ihr könnt so gut sein, Vater, wenn Euch auch oft die Hitz’ übergeht … kein Mensch kann das besser wissen als ich … Vater, ich weiß, Ihr habt mich alleweil gern gehabt, ich will auch Alles thun, was Ihr von mir verlangt; ich will’s, und Ihr sollt nit ein einziges Mal ein betrübtes Gesicht bei mir sehen … aber gebt mir nur jetzt eine frische freudige Antwort! Seid Ihr wirklich nit in der Niederpoint gewesen … seid Ihr’s wirklich nit gewesen, der … Ich bring’s nit über die Zung’, so entsetzlich ist es … und Ihr … Ihr,“ fuhr sie im Tone des bittersten Jammers fort, „Ihr könnt es auch nit sagen … es graust Euch selber vor dem, was Ihr gethan habt! … Wer weiß, was Alles geschehen ist … Vater, ist es denn möglich, daß Ihr das habt über’s Herz bringen können … ein solches Unglück, so viele unschuldige Menschen … und das Alles habt Ihr auf dem Gewissen!“

Der Bergwirth hatte sich in einen Stuhl geworfen und sah, den Kopf in die Hand gestützt, finster vor sich hin … „Was weiß ich, wie’s gekommen ist,“ murrte er halblaut, „aber es hätt’ mir das Herz abgedrückt; ich hab’ etwas haben müssen, meine Wuth auszulassen … Warum soll alles Unglück mich allein treffen? Es sollen nur Andere auch verkosten, wie es schmeckt!“

„Und Ihr habt nicht bedacht, daß Ihr jetzt erst alles Unglück auf Euch gebracht habt, auf Euch und mich! … Und was Euch auch getroffen hat, bis heut’, Vater … das ist unverschuldet gekommen, aber jetzt … jetzt seid Ihr ein schuldiger Mann, jetzt dürft Ihr Euch vor keinem Christenmenschen sehen lassen und müßt die Augen vor Euch selber niederschlagen, jetzt sind wir erst ganz elend! … Und wenn sie vollends einen Verdacht auf Euch werfen, wenn sie Euch vor’s Gericht rufen … den Bergwirth, vor dem alle Welt den Hut abgezogen hat, weil er ein Ehrenmann gewesen ist … O Vater, Vater, was habt Ihr gethan!“

„Ich? Nichts,“ erwiderte der Wirth, gezwungen auflachend; „Wer kann hergehn und mir sagen, ich hab’s gethan? Sie sollen nur kommen und sollen sehn, was sie mir beweisen können! Ich selber werd’ der Narr nit sein und etwas sagen, und wenn mein eigenes Kind hingehn und mich verrathen will …“

„Vater, redet das nit aus!“ unterbrach ihn Juli, welcher mit der Gewißheit des Geschehenen auch die gewohnte Sicherheit wiederkehrte. „Ihr wißt nit, was Ihr sagt, sonst könnt’ Euch ein solches Wort nit auf die Zung’ kommen … Ich sollt’ Euch verrathen, denkt Ihr? Der Vater fürchtet sich also vor seinem eignen Kind … Nein, Ihr habt wohl vorhin gesagt, wir sind fertig miteinander, und auch mir ist ein Riß durch’s Herz gegangen, nit anders, als wenn Ihr gestorben wärt, aber ich werd’s doch nie vergessen, daß Ihr mein Vater seid … Könnt’ ich nur auch vergessen, daß mein Vater der Bergwirth ist und was er gethan hat, ich wollt’ einen Finger aus der Hand darum geben! Was ich meinem Vater schuldig bin, das weiß ich; aber mit dem Bergwirth bin ich für meinen Theil fertig … Gott geb’s, daß nit Andre kommen und nach ihm fragen …“

Der Wirth lachte wieder hell auf „Oho, laß sie nur kommen und fragen,“ rief er, „der Bergwirth bleibt ihnen die Antwort nicht schuldig – der Bergwirth …“ Er verstummte plötzlich, indem er zusammenschrak, und Juli trat an’s Fenster, durch den geschlossenen Laden zu lauschen.

Geräusch vieler Fußtritte erscholl vor dem Hause und an den Stufen …

„Sie sind’s schon … es ist das Gericht …“ flüsterte Juli erschrocken. Der Bergwirth fuhr mit der Hand über die Stirn, als wolle er mit dem krausen Haare auch die Gedanken ordnen und das Zeichen verwischen, von dem ihm Juli gesprochen; er richtete sich zu seiner gewohnten Haltung auf und trat mit einer Gelassenheit zur Thür, welche einen flüchtigen Beobachter wohl zu täuschen vermocht hätte … ehe er die Klinke berührte, [403] ging die Thür auf, Gensd’armen und Gerichtsdiener standen vor derselben.

„Guten Abend, meine Herrn,“ sagte der Obernöder, indem er sie wie Gäste begrüßte, „was verschafft mir so spät noch die Ehr’? Kommen wohl von einer Streif’ zurück und wollen sich ein bissel erfrischen. … Kommen Sie nur herein und nehmen Sie Platz – ich will gleich ein frisches Fäßl anstechen …“

„Gebt Euch keine Mühe, Bergwirth,“ entgegnete der Gerichtsdiener, ihm den Weg vertretend, „wir sind nicht wegen der Erfrischung da – wir suchen einen Arrestanten. Macht keine Flausen, richtet Euch zusammen. Ihr wißt recht gut, daß der Arrestant niemand Anderer ist als Ihr selber …“

„Ich?“ rief der Wirth mit einem Gelächter, das ziemlich unbefangen klang. „Ich soll Arrestant sein? Und wegen was? Wer hat was zu fordern an mich – wer kann mir was nachsagen? Er soll nur kommen, ich bin zu finden und laß’ mich finden; ich bin ein unbescholtener hausgesessener Mann, den holt man bei uns zu Land nicht bei Nacht und Nebel wie einen Spitzbuben aus dem Haus!“

„Mach’ der Herr keine Umstände und Weitläufigkeiten!“ rief der Führer der Gensd’armen dazwischen. „Wir wissen so gut wie er, was Recht und Gesetz ist im Land; der Verhaftsbefehl wird nicht lang auf sich warten lassen, einstweilen aber nehm’ ich den Herrn mit auf meine eigene Verantwortung und Gefahr! Wegen was er mein Arrestant ist, kann ich ihm zwar nicht genau sagen: da muß er schon warten, bis man weiß, wie viele eigentlich verunglückt sind und wie viele davon kommen, dann wird man ihm schon sagen, ob ihm der Proceß gemacht wird als Mörder oder …“

„Geh’ hinaus, Juli,“ rief der Bergwirth, der immer mehr die alte übermüthige Kaltblütigkeit wiederfand, denn das Mädchen, das unbeachtet am Fenster stehen geblieben war, gerieth bei der Rede des Gensd’armen in immer heftigere Bewegung und vermochte es nicht, bei dem letzten Worte einen leisen Aufschrei des Entsetzens zu unterdrücken. „Was soll das Wesen und Gethu’ … Wenn ich fort muß, so werd’ ich morgen wieder kommen, Du wirst indessen das Haus hüten …“

„Die Jungfer bleibt,“ sagte der Gensd’arm, „bis wir unser Geschäft abgemacht haben, hat sie draußen nichts zu thun, und wenn der Herr so gewiß ist, daß er morgen wiederkommt, kann er ja um so leichter mit uns gehn; was liegt daran, ob er einmal eine Nacht nicht so bequem schläft, als wie daheim. … Ich will’s dem Herrn wünschen, daß es so leicht abgeht, aber ich glaub’ es nicht. Es ist sogleich, nachdem das Unglück geschehen war, nach allen Seiten untersucht worden; man sah es deutlich, daß der Baum, der auf den Schienen lag und die Entgleisung verursachte; vorher auf dem Abhang über dem Steinbruch, auf der Niederpoint gelegen war, das zerquetschte Gras und das zerstoßene Gestein ließen erkennen, wo er herabgerollt worden war …“

Der Bergwirth begriff, daß ein entscheidender Augenblick gekommen war; mit voller Ruhe trat er dem Gensd’arm einen Schritt entgegen. … „Und wer kann auftreten und sagen, daß ich es gethan hab’? Das ist himmelschreiend, einem ehrlichen Mann so ’was zuzumuthen – da müssen die Stein’ und die Bäum’ eine Zunge kriegen und die Wahrheit sagen!“

„Das haben sie bereits gethan,“ entgegnete der Gensd’arm mit nachdrücklichem Ernst, „bei der Durchsuchung des Platzes fand sich ein silberner Knopf – der den Baum herabgeworfen hat, ist mit der Jacke daran hängen geblieben und hat ihn sich abgerissen …“

Der Bergwirth erbebte. … „Ach was,“ stieß er hervor, „silberne Knöpfe tragen gar Viele, einer sieht dem andern gleich …“

„Allerdings, aber sonderbar bleibt es doch, daß der Herr gerade solche Knöpfe an seiner Jacke hat, und daß gerade in seiner Jacke ein solcher Knopf fehlt und ein Fetzen Tuch, der daran hängen geblieben ist …“

Er zeigte den verrätherischen Knopf in der offenen Hand; das Auge des Bergwirths erstarrte bei dem Anblick, unwillkürlich tastete er nach seiner Jacke, er fand kein Wort, den wortlosen Zeugen zu widerlegen; Julien vergingen die Sinne, einer der Männer fing sie auf, sonst wäre sie zu Boden gestürzt....

Feierliche Stille waltete einen Augenblick: der Engel der Vergeltung flog durch das Zimmer.

Schweigend deutete der Gensd’arm seinem Gefangenen nach der Thür, schweigend folgte dieser, unsicheren Schrittes, das Antlitz von der Blässe des Todes bedeckt. An der Schwelle hielt er inne – wie von einem elektrischen Schlage getroffen richtete er sich in seiner ganzen Kraft auf, und die Farbe der Erstarrung wich der einer wilden, rasch auflodernden Gluth. Unter den vor der Thür Versammelten hatte er auch den verhaßten Feldmesser erblickt.

„Was wollen Sie hier?“ schrie er ihm wüthend entgegen. „Das ist mein Haus, und wenn sie mich von hier weg schnurgerade auf’s Hochgericht führen, in dem Haus bin ich der Herr; in dem Haus haben Sie nichts zu thun! Haben Sie gemeint, es wär’ jetzt die Gelegenheit, sich heranzuschleichen und Ihr altes Spiel zu treiben. … Hinaus, sag’ ich, oder ich vergreif’ mich an Ihnen …“

„Sie thun mir Unrecht,“ sagte Falkner mit ruhiger Würde, „ich bin diesen Männern gefolgt, weil ich nicht glauben wollte, wessen man Sie bezichtigt, weil ich Zeuge Ihrer Rechtfertigung zu sein wünschte, weil ich dachte, in jedem Falle könnte Ihnen oder Ihrer Tochter der Rath und die Hülfe eines Freundes nöthig sein …“

„Ich will nichts wissen von Ihnen und Ihrer Hülfe!“ rief der Wirth wie zuvor. „Ich dank’ für eine solche Freundschaft, die mit schuld ist an all’ meinem Unglück! Und meine Tochter soll einen solchen Freund auch nit haben, und wenn ich nimmer wieder zurückgeh’ durch diese Thür, so soll das mein letztes Wort an sie sein. … Wenn sie nur irgendwie mit Ihnen verkehrt, wenn sie ein Wort mit Ihnen spricht, ja wenn sie nur noch an Sie denkt, so soll sie verflucht sein! Verflucht bis an mein Grab und noch aus der Gruben heraus! Verflucht …“

Der Ton der bekannten Stimme, der Anblick des geliebten Mannes hatte Juli die Besinnung wiedergegeben. Sie trat jetzt dazwischen und reichte ihm die Hand. „Hören Sie nit, was der arme Mann sagt,“ rief sie gerührt und doch entschieden, „unser Herrgott im Himmel wird es auch nit hören, das weiß ich gewiß! Aber gehn Sie, Herr Falkner, und –“ fuhr sie mit schmerzlichem Widerstreben fort, „und – kommen Sie nit wieder … es muß so sein, vergessen Sie, daß ich auf der Welt bin; und – lassen Sie sich’s recht gut gehn in Ihrem ganzen Leben. … Daß Sie in der schrecklichen Stund’ zu uns gekommen sind; wie ein rechter richtiger Freund … ich verdank’s Ihnen tausendmal; für meinen Vater und für mich. … Gehn Sie, Herr Falkner, ich muß schon allein mit Dem fertig werden, was mir aufgelegt ist …“

Er ging ohne Erwiderung, auch zwischen dem Vater und ihr wurde kein Wort mehr gewechselt. Juli lehnte an der Thür; als der traurige Zug in der Nacht verschwunden war, warf sie die Thür in’s Schloß und schob den Riegel vor. „Ich muß allein fertig werden,“ murmelte sie vor sich hin, „und ich will’s!“

Und sie wurde damit fertig.

Als wäre nicht das Geringste vorgefallen, begann sie am andern Tage das Regiment des Hauses und die Aufsicht der großen Wirthschaft zu führen, wie sie es so oft gethan, wenn der Vater verreist war, und gerade so ruhig, als könne er jeden Abend von der Reise nach Hause kommen. Sie war überall und schien weder Ermüdung noch Erholung zu kennen, der erste Morgenstrahl traf sie schon wach, und sie war es, deren Lampe zuletzt im Hause erlosch; ohne es gegen irgend Jemand auszusprechen, hatte sie sich selbst das Gelöbniß gethan, das Gut solle trotz aller Ereignisse, die es getroffen, nicht geringer werden, und wenn ihr Vater, woran sie nicht zweifelte, einmal wiederkehre, solle er dasselbe in gleich gutem Zustande wiederfinden, wie er es verlassen. Das Wirthsgeschäft selber, so glänzend es früher gewesen, war allerdings so gut wie erloschen; es vergingen oft mehrere Tage, ehe ein Gast einsprach, irgend ein Fußreisender, der die Bergwanderung dem Eisenbahnfluge vorzog, oder ein Knecht, der mit einer Holzfuhre aus den Bergen kam. Sie war daher darauf bedacht, den Ausfall durch erhöhten Ertrag der Landwirthschaft zu ersetzen; aber noch ehe die Blätter im nächsten Herbst abfielen, waren auch diese Aussichten verwelkt, und sie erkannte mit Schrecken, daß, was sie unternommen, nicht viel Anderes war, als in ein durchlöchertes Faß zu schöpfen, und in stummem Verzagen gewahrte sie, wie sie nicht nur nichts zu erringen vermochte, sondern wie auch der bestandene vieljährige Wohlstand von Tag zu Tag vermürbte und trotz aller Mühe, ungeachtet alles Fleißes sich zerbröckelte und verschwand. So sehr sie sich mühte, war es unmöglich, die Sorglosigkeit und den Unterschleif herrenloser Dienstboten zu bändigen. [404] Zur Untreue stellte sich auch das Unglück ein: das schönste Vieh, von dem sie reiche Einnahme gehofft, wurde krank und fiel, und sogar, was seit Menschengedenken nicht geschehen, trat ein – über den reifenden Feldern entlud sich ein Hagelwetter und schlug mit den Aehren und Halmen ihre letzte Hoffnung in den Boden. Ueberdies senkte das große Ungewitter, das über dem einsamen Bergwirthshause stand, sich immer näher und furchtbarer herab: die Entscheidung über das Schicksal seines Herrn, der nach langer weitschweifiger Untersuchung seinem Urtheile entgegensah; von diesem aber hingen alle die unzähligen Ersatz- und Entschädigungsansprüche ab, welche sowohl von den Verunglückten als auch von der Bahnverwaltung für die bedeutenden Kosten der Wiederherstellung dem reichen Bergwirth gegenüber geltend gemacht und zum großen Theile in vorsichtiger Weise schon vor dem letzten Ausspruch angemeldet worden waren. Das Haus wankte in seinem Grunde, und von allen Seiten stürmten steigende Wasser heran, um über dem unterwühlten Grunde zusammenzuschlagen. Es war nicht zu verwundern, daß Alles, was zu fordern hatte, aus Furcht vor dem wahrscheinlichen Falle, auf seine Deckung und Sicherheit bedacht war, und gerade dadurch beitrug, den befürchteten Einsturz herbeizuführen; die Gerichte fanden sich veranlaßt, den Vermögenszustand zu untersuchen; bei der eingetretenen Werthlosigkeit des Wirthschaftsrechtes konnte es nicht ausbleiben, daß die Schätzung von Haus und Hof sehr gering und weitaus unzureichend für Alles, was darauf lastete, ausfiel; die Vergantung wurde beschlossen, und es kam der Tag, an welchem der Notar durch das erste winterliche Schneegestöber in dem Bergwirthshause erschien, um es an den über den Schätzungswerth meistbietenden zu versteigern. Der weite Weg und das böse Wetter hatten den Herrn schon sehr ungehalten gemacht, er wurde es noch mehr, als gar kein Käufer erschien und sich ihm also die Aussicht vergewisserte, die angenehme Fahrt noch einmal machen zu müssen. Mancher hätte vielleicht gern um das schöne Besitzthum gefeilscht, aber Jeder wollte es auf die wohlfeilste Art erwerben und hoffte, diese durch Geduld erreichen zu können.

Bald zog der Winter vollends ein und begrub das Bergwirthshaus in tiefem Schnee wie die Straße über den Westerberg, bei der sonst wohl hundert Hände ineinander gegriffen hatten, um eine fahrbare Bahn herzustellen, während jetzt die Krallen der Nebelkrähe oder die Pranken eines Fuchses die einzigen Werkzeuge waren, die sich in den Schneemassen abdrückten. Es gehörte Juli’s durch eignen Willen gehärtetes Herz dazu, um in der trostlosen Einsamkeit nicht völlig entmuthigt zu werden; sie hatte Niemand um sich als die alte ihr persönlich ergebene Magd und den Knecht, der bei dem Eisenbahnunfalle dabei gewesen, einen rohen, widerhaarigen Burschen, dem sie aber eben des Erlebten wegen Vieles nachsah, und den sie dadurch noch nachlässiger und widerspenstiger machte. Er war der Einzige, der aus dem Hause kam, weil er hie und da den Weg in eine benachbarte Dorfschenke nicht scheute; Juli selbst hatte ihn schon manchmal dazu ermuntert, sich etwas gütlich zu thun, wenn auch die Wunde, die er davongetragen, längst bis auf eine unbedeutende Narbe verschwunden war. Dadurch immer übermüthiger geworden, machte er es sich bald zur Gewohnheit, von seinen Ausflügen betrunken heimzukommen, und die Vorstellungen und Vorwürfe der Herrin erst mit Nichtachtung, dann mit Rohheit zu erwidern. Als er einmal wieder spät in der Nacht und in einem Zustande nach Hause kam, daß er das Erkranken des Einen aus dem letzten noch vorhandenen Pferdepaar nicht gewahrte, und das Thier hülflos zu Grunde gehen ließ, konnte Juli trotz aller Nachsicht nicht umhin, ihm einen derben Verweis zu geben und zu erklären, daß er Haus und Dienst verlassen müsse, sobald er noch einmal betrunken heimkomme.

„Oho – mich aus dem Dienst jagen?“ rief er mit frechem Lachen. „Gehn soll ich? … Meinetwegen, wenn die Jungfer mich fort haben will, kann ich ihr gleich die Freud’ machen und brauch’ sie nit erst auf den nächsten Rausch warten zu lassen. … Zahl’ mir die Jungfer aus, was ich zu kriegen hab’, meinen Lohn von letzter Lichtmeß her und fünfzig Gulden Schmerzengeld für das Loch, das ich in den Kopf ’kriegt hab’ … billiger kann ich’s nit thun, ich möcht’ nicht um tausend den Schrecken und die Schmerzen noch einmal ausstehn! …“

„Du weißt,“ erwiderte Juli, „daß ich über keinen Groschen mehr eigener Herr bin, daß ich dem Gericht für Alles verantwortlich sein muß … den Lohn kann ich Dir drum wohl auszahlen, dazu wird das Bissel wohl noch ausreichen, was da ist, aber Schmerzengeld, Hies … das kann ich Dir nit geben, wenn ich auch wollt’, da mußt Du schon an’s Gericht gehen, wie die Andern …“

„Warum nit gar!“ rief der rohe Bursche. „Das wär’ mir schon zu dumm, daß ich meinem Geld’ langmächtig nachlaufen sollt’ und auf die Letzt’ doch nichts bekäm’! Ich mach’s kürzer und gescheidter; es ist noch genug Sach’ im Haus, das ich brauchen kann, und wenn mir die Jungfer mein Geld nit giebt, so nehm’ ich, was mir gefallt, und mach’ mich bezahlt …“

„Das darfst Du nicht, es ist Alles aufgeschrieben vom Gericht …“

„Um das werd’ ich mich viel kümmern! Und wenn das Haus inventirt ist, dann geh’ ich in den Stall und reit’ mit dem Bräunel fort, er ist ohnedem einschichtig jetzt …“

Er wandte sich trotzig der Thür zu aber Juli rief ihn zurück; sie hatte sich auf einen Ausweg besonnen und aus einem Wandschranke ein kleines Schächtelchen hervorgeholt. „Den Bräunel kann ich Dir nicht lassen, weil er mir nicht gehört,“ sagte sie, „aber Gott soll mich bewahren, daß Ein Mensch, der durch uns ein Unheil erfahren hat, aus dem Haus’ ging’, ohne daß ich ihm gegeben hätte, was er verlangt, und wenn’s mein Allerletztes wäre. … In dem Schächterl da ist auch mein Allerletztes, ein goldnes Ringel mit einem guten Stein, das Einzige, was ich noch hab’ von meiner lieben Mutter … aber nimm’s nur, Hies, und geh’ in Gottes Namen, so viel ist es wohl werth, daß Dir Deine Schmerzen bezahlt sind …“

Gierigen Blicks betrachtete der Knecht den feinen funkelnden Reif; er schien einen Augenblick betreten und unentschlossen, ob er das Anerbieten annehmen solle – aber die Habgier siegte über die edlere Regung; er ergriff den Ring und eilte fort, unbekümmert um den Mann, der an der Thür stehend Zeuge des Vorgangs geworden war.

Es war ein wohlbekannter Gast des Hauses, der freilich selten einsprach und meist nur dann, wenn ein besonderer Anlaß ihn rief oder wenn er, was wieder nicht sehr häufig vorkam, eine kleine Reise machen mußte – der Pfarrer der Gemeinde, welcher das einfache Bergwirthshaus zugetheilt war, dessen Pfarrhaus wie dieses eine Einöde war und tiefer im Gebirge, auf einem ziemlich hohen Berge lag, allein mit der Kirche, während die eingepfarrten Dörfer und Weiler rund herum zerstreut lagen. Er war auch an jenem Abend mit dem Stellwagen durchgereist, als der verhängnißvolle Besuch in das Bergwirthshaus gekommen; seine Erscheinung hatte eine gewisse wohlwollende Würde, wenn auch die starke Beleibtheit und der etwas schlaffe Ausdruck des vollen Gesichts vermuthen ließen, daß große Festigkeit keineswegs ein Hauptzug seines Wesens war.

„Ein böser Bube das,“ rief er, indem er den Arm mit dem Silberknopf eines altmodischen Rohrstocks erhob, als ob er auf der Kanzel stünde, „ich hätte gute Lust, ihm nachzueilen und ihm das unrechte Gut wieder abzunehmen, das er an sich gerissen mit Gewalt und Hinterlist wie Ahab den Weinberg des Naboth.“ … Es hätte der abwehrenden Geberde nicht bedurft, mit welcher Juli ihm entgegentrat, das Wort wäre nicht zur That geworden; denn der Knecht war ein baumstarker und ungeschlachter Mensch und wohl dafür bekannt, daß gütliches Zureden bei ihm ebenso viel ausrichtete, als ein Steinwurf in’s Wasser. „So gehe hin,“ fuhr er in gesteigertem Tone fort, „geh’ hin Du Sohn von der Rotte Korah – das geraubte Scherflein der Waise wird Dir keinen Segen bringen und möge Dir auf der Seele brennen in Ewigkeit!“

„Um Gotteswillen, Herr Pfarrer,“ unterbrach ihn Juli. „Helfen Sie mir aus dem Traum, der mich ängstigt. … Sie kommen zum Bergwirth? In der jetzigen Jahreszeit? Das muß was ganz Besonderes zu bedeuten haben … und wie haben Sie gesagt? Haben Sie mich nicht eine Waise genannt? … Reden Sie, Herr Pfarrer, was ist’s mit meinem Vater?“

„Erschrick nicht, meine Tochter,“ sagte der Pfarrer, indem er sich niederließ, „es ist allerdings keine gewöhnliche Veranlassung, die mich zu Dir führt, aber was ich da soeben von einer Waise sprach, war gewissermaßen nur im figürlichen Sinne gesprochen; aber da Du Deine Mutter verloren und auch Dein Vater für Dich so gut wie ein Verlorener ist, kann man Dich wohl ein Waislein nennen …“

(Fortsetzung folgt.)
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Ein Stein-Phänomen.

Eins der reizendsten Thäler des Thüringer Waldes, schrieb jetzt gerade vor zehn Jahren Ludwig Storch in einem vortrefflichen Artikel der Gartenlaube, ist der Dietharzer oder Schmalwassergrund im nordwestlichen Theil des Gebirges und im herzoglich Coburgisch-Gothaischen Territorium. Von dem Thalkessel, in welchem die beiden uralten Orte Tampach und Dietharz nahe beisammen liegen, ziehen sich fächerartig die köstlichsten, mit malerischen Felsgruppen gezierten, von hellen Bächen durchtanzten Thäler zum Hochgebirg empor. Das köstlichste von allen ist der Schmalwassergrund, welcher sich vor Tampach nach dem Falkenstein hinaufzieht. Er, sagt Ludwig Storch in seiner tüchtigen Weise, hat jenen Charakter süßer poetischer Schwermuth, den nur diejenigen Herzen wohl zu genießen wissen, welche mit dem Besten, was ihr Eigen, unverstanden, mißachtet, verhöhnt durch die Menschenwelt gehen müssen. Die kennen den Werth einer solchen Gebirgsgegend, wie dieses Thal, in welchem, sowie im Berggebiet weit umher, keine menschliche Wohnung gefunden wird.

Die Gartenlaube (1870) b 405.jpg

Der Napoleonstein.
Nach einer Photographie von August Lind in Gotha.

In diesem Thal nun, und zwar wenn man von Dietharz aus in den Schmalwassergrund eingetreten ist, etwa zehn Minuten von Dietharz entfernt, dicht an der schönen Fahrstraße, welche zum Falkenstein und nach dem idyllischen Oberhof hinaufführt, liegt ein eigenthümlich gestalteter Fels. Denn in einer Höhe von zwanzig bis zu dreißig Meter steigend, bildet derselbe ein vorspringendes menschliches Antlitz, welches im Profil eine überraschende Aehnlichkeit mit Seiner Majestät dem Kaiser von Frankreich, Napoleon dem Dritten, hat.

Es ist seltsam, wie die Natur durch zufällig zusammenwirkende Ursachen ein solches groteskes Gebilde zu schaffen vermochte. Der Typus Napoleon des Dritten ist hier so frappant wiedergegeben (allerdings in mehr carrikirter als idealer Form), daß der Beschauer einen Zweifel fast nicht abzuwehren vermag, ob ein solches Phänomen wirklich allein durch die Elemente entstehen konnte. Es ist mehr als ein silhouettenartiges Profil, welches sich hier in kolossalen Dimensionen erhebt. Das Auge mit den halbgesenkten Lidern, der heraufgestrichene Schnauzbart, kurz, alle jene Linien, welche den Ausdruck der Resignation und unbeugsamen Energie – wie man versichert, die Hauptzüge Napoleon des Dritten – bedingen, sind auch auf diesem Steingebilde fixirt.

Unsere Illustration zeigt diesen Felsen, welchem der Volksmund schon den Namen Napoleonstein beigelegt hat, und welcher am überraschendsten vom zweiten Pfeiler der zweiten Brücke aus zu sehen ist.

Nun, Ihr Touristen, wenn Euch der Frühling wieder hinauslockt in die blühenden Wälder Thüringens, und Ihr passirt die genannte Brücke des Schmalwassergrundes, so vergeßt nicht emporzuschauen, damit Ihr es unten in Tampach dann erzählen könnt, wie wunderbar ähnlich „Er“ ist; denn die Tampacher sind stolz auf ihren „Napoleon“.
A. L.


Aus meinen Erinnerungen.
Contraste.
Von Franz Wallner.

Nirgends treten die schneidendsten Gegensätze, die grellsten Lebenswechsel häufiger auf, als beim Theater. Ich könnte zahlreiche Beispiele anführen, wie sich Bühnenangehörige aus den tiefsten und dornenvollsten Stellungen hinaufgerafft hatten auf die Sonnenhöhe des Ruhmes und der Anerkennung, um wieder tief, tief hinabzustürzen, ja, in der Nacht des Wahnsinns zu enden! Ein warnendes Beispiel gegen Selbstüberschätzung und Glauben an die eigene Unfehlbarkeit hat uns schon vor Pius dem Neunten der hochberühmte Tenorist Aloys Ander in Wien geliefert.

Ich kenne seine frühere Laufbahn nicht, und kam erst mit ihm in Berührung, als er auf dem Zenith seines Ruhmes stand, der gefeierte, verwöhnte Liebling des Wiener Publicums, zumal der Damen der Residenz. Gewaltigere Stimmen mag es beim deutschen Theater gegeben haben, eine zartere, lieblichere, zum tiefsten Herzen mehr sprechende wohl kaum als die von Ander. Er war sich, leider, auch seiner Vorzüge nur zu bewußt, ja, seine zügellos ausschweifende Phantasie hatte sich einen Altar gezimmert, dessen Stufen kein anderer deutscher Sänger auf Meilenweite nahe [406] zu kommen sich erfrechen durfte. Auf diesem Altar thronte allein der „Tenorfürst“ Ander, „der Liebling der Frauen“, „der alleinige Träger der Oper“, „die festeste Säule des Wiener Kunsttempels“, und wie die zahllosen Epitheta alle hießen, mit denen ihn die Kritiker Wiens überhäuften; sie hatten ihn zu maßloser, fast an Verrücktheit grenzender Selbstüberschätzung getrieben, freilich ohne daß diese Tollheit größer gewesen, als man sie heutzutage noch bei manchem Tenoristen finden kann. Ander hatte ein „Goldherz“, eine stets offene Hand, eine unerschöpfliche Casse für seine Freunde, eine verschwenderische Freigebigkeit für seine Verehrer, nur durfte keinem von diesen je ein anderer Sänger gefallen haben. Die Namen Tichatschek, Niemann, Sontheim etc. verursachten ihm Zuckungen, die Ueberzeugung von seiner Unerreichbarkeit hatte sich bei ihm krankhaft ausgebildet, bis zu jener Stufe, wo es keine Belehrung, keinen Rath mehr giebt, wo der martervolle Zustand der qualvollsten Ueberhebung nur durch das Ende Heilung findet. Geld hatte für ihn nicht den geringsten Werth, seine Kehle schien ihm ein unerschöpfliches Golkonda, er, der Besitzer dieser Goldquelle, ein Crösus!

Wann eigentlich die sichtbaren Störungen seines lebhaften Geistes sich zu zeigen begannen, ist mir nicht recht klar, denn eine krankhaft ausgesprochene, ich weiß nicht, ob erwiderte, über alle Begriffe heftige Leidenschaft für die Sängerin Tellheim mag vielleicht nur in ihren Folgen auf sein zerstörtes Gemüth Einfluß gehabt haben. Als er nach langer Entfernung von der Bühne wieder zum ersten und letzten Mal in der Oper „Tell“ auftrat, meinten die wohlwollenden Collegen: „Ander ist mit Tell heimgegangen.“ Schon während seiner ersten Erkrankung und nach viermonatlichem Gebrauch der Kaltwassercur überstieg seine Ungeduld, sich dem Publicum zu zeigen, alle Grenzen. Wie ein Rasender drang er in die Canzlei eines hochgestellten Betriebsbeamten und schrie wie toll: „Ich werde dem Salvi zeigen, wer und was Ander ist. Alle seine Tenoristen singe ich todt, denn ich bin und bleibe der einzige Prophet für alle Zeiten.“ – Vergebens warnten ihn, den Reconvalescenten, die Regisseure und Capellmeister vor „zu frühem Auftreten“, wie sinnlos drang er darauf, den „Johann von Leyden“ zu singen; nur mit allen Künsten der Ueberredung und Diplomatie konnte man ihn von der Idee, in dieser überaus anstrengenden Partie sich seinen Verehrern wieder zu zeigen, abbringen und ihn bestimmen, die Rolle des Arnold im Tell zu wählen. Er war’s zufrieden. „Auftreten, nur auftreten“, darnach trachtete sein fieberhaftes, unbezwingliches Verlangen. Er ging zu dem berühmten Arzt Oppolzer, sang diesem etwas vor und erzwang so ein Zeugniß vollkommener Gesundheit. Trotz dem Gutachten der Theaterärzte und der Capellmeister, welche die Mitwirkung des Künstlers noch für verfrüht erklärten, konnte die Intendanz gegen eine Autorität wie die Oppolzer’s nicht ankämpfen, der glühende Wunsch Ander’s ging in Erfüllung.

Es war ein trauriger Abend für die Verehrer desselben, welche den angeblich Wiedergenesenen mit allen nur denkbaren Ovationen empfingen. Weder die Stimme, noch der hinreißend begeisterte Vortrag des „Sangesfürsten“ hatte gelitten, aber das Gedächtniß, das Gehör des Unglücklichen war zerrissen und zersetzt. Wirr und sinnlos vergaß er ganze Stellen, fiel bei anderen unrichtig ein, sang mit den hellen vollen metallischen Prachttönen plötzlich einzelne Passagen ganz allein, außer aller Begleitung des Orchesters, sang fort und fort; unbekümmert um Gott und die Welt, schmetterte er seinen Gesang hinauf in’s Publicum, mit stierem Blick, mit der Ausdauer des Irrsinns; er sang fort, als schon alle Mitwirkenden, auf der Bühne und im Orchester, staunend und entsetzt, aufhörten und mit tiefem, tiefem Mitleid dem armen Sänger zuhorchten.

Er wurde von dem erschütterten Publicum nicht gerufen – hätte dies doch wie Hohn ausgesehen – und weinte nach dem Fallen des Vorhangs bittere Thränen über diese ihm neue und unbegreifliche Undankbarkeit des Publicums. Er reiste und reiste wieder in Kaltwasserheilanstalten, quälte alle Angehörigen, die Direction und seine Collegen mit dem Schmerzensschrei über sein unverdientes Schicksal. Demungeachtet unterhielt er durch Vermittelung dritter Personen den lebhaftesten Briefwechsel mit seiner „Carline“, die ihm noch mehr galt, als Alles in der Welt. Mit der Schlauheit des Irrsinns wußte er die Entdeckung dieser Handlungen vor seiner Frau durch hundert listige Erfindungen fern zu halten; sein ganzes Dasein war nun getheilt zwischen dieser leidenschaftlichen Liebe und zahllosen verzweiflungsvollen Zuschriften an die Direction um Vorschüsse, Darlehen, Aushülfe, Berichtigungen von Curkostenrechnungen und endlosem Jammer über seine fürchterlichen Geldverlegenheiten, über sein elendes Dasein, seine qualvolle Noth, bis endlich die Todesnachricht den Abschluß des Dramas verkündigte. Nach des Künstlers Glück, des Künstlers Ende; ohne Mittelstation, ohne Uebergang der höchste Glanz, der tiefste Fall! –

Man sammelt eben unter den Collegen, um Beiträge für ein Denkmal zusammenzubringen, welches man dem heimgegangenen Künstler setzen will. –

Eines räthselhaften Ereignisses muß ich gedenken, wo plötzlicher grauenvoller Tod inmitten des heitersten Lebensgenusses ein junges Dasein ereilte, im Schleier des dichtesten Geheimnisses, welcher wohl nie gelüftet wird.

Unter vielen Genossen und Freunden, die ich in Berlin während meines dortigen Aufenthaltes erworben, war der Regierungsassessor von Pannewitz mir einer der liebsten und angenehmsten geworden. Frisch, heiter, lebenslustig, einer der verlässigsten und pflichttreuesten Beamten, in sehr günstigen geregelten pecuniären Verhältnissen lebend, ehrenhaft vom Scheitel bis zur Zehe, genoß er die ungetheilte Liebe seiner Freunde, die vollste Achtung seiner Vorgesetzten. Er war Referent für Bauwesen und Theaterangelegenheiten. Die letzte Eigenschaft brachte mich mit ihm in Berührung und in dauernd freundschaftliche Verbindung. Er war der stets gerne gesehene Gast meines Hauses, ich häufig bei Ausflügen und gemeinschaftlichen Partieen der seine geworden, und oft, wenn ich verreisen mußte, drückte ich ihm mein Bedauern durch die Versicherung aus, wie schwer es mir werde, anderwärts für mein Flanirsystem einen so passenden „Sattelgaul“ zu finden, wie er mir einer sei. Dies dauerte eine Reihe von Jahren, ungetrübt und heiter hatte er, nach meinem Dafürhalten, kein Geheimniß vor mir, ich keines vor ihm.

Da führte mich meine Wanderlust nach Paris und London, wir nahmen bei einer Flasche französischen Schaumweins herzlichen Abschied für einige Wochen, unsere Fröhlichkeit sprudelte fast so lustig, wie der Rebensaft in den Gläsern, mit welchem wir auf „heiteres Wiedersehen“ anstießen! – Keiner von uns Beiden ahnte, daß es ein Abschied für’s Leben sein sollte, daß ich dem wackeren Genossen vieler frohen Stunden nie mehr in das offene heitere Antlitz sehen würde.

Die ersten Nachrichten von Hause brachten mir stets Grüße von Freund Pannewitz; einmal schrieb mir meine Frau nach London, Pannewitz sei im Garten gewesen und habe sie benachrichtigt, daß er einen kleinen Ausflug während der Pfingstfeiertage zu machen gedenke, er frug um meine Adresse, und da ihm meine Frau mittheilte, sie wisse nicht genau, ob ich noch in Paris, oder schon, wie ich nach meinem letzten Briefe beabsichtigte, nach London abgereist sei, sprach er sein Bedauern aus, er hätte sich gerne den Scherz gemacht, mir von seiner Spritztour zu telegraphiren.

Wieder vergingen acht Tage, als mir in einem Briefe meines Secretairs die beunruhigende Nachschrift auffiel: „Was sagen Sie zu Pannewitz? Sie sind wohl sehr erschrocken?“ Um das Räthsel dieser mir ganz unverständlichen Phrase zu lösen, telegraphirte ich an meine Frau, mir sofort mitzutheilen, was denn mit Pannewitz vorgefallen, und erhielt mit Wendung der Post die Botschaft, daß Pannewitz seit dem Sonnabend vor Pfingsten spurlos verschwunden sei. Man habe alle seine amtlichen Papiere in der Wohnung und auf dem Bureau in musterhafter Ordnung gefunden, sonst aber keine Ziele, kein Zeichen, nicht die geringste Nachricht, wohin er sich gewendet habe. Auch nicht der Schatten einer unehrenhaften Handlung deutete auf eine Flucht, oder irgend eine Nöthigung aus den ihm so angenehmen Verhältnissen zu scheiden, seine Vermögensverhältnisse waren, wie gesagt, die wünschenswerthesten und geordnetsten, er gehörte einer altadeligen Familie an, sein Vater bekleidete eine der höchsten Stellen in der Provinz, sein Bruder ist Oberforstmeister in Schlesien, mit Allen lebte er in innigster Anhänglichkeit, es lag nur an ihm, wenn er sein liebes Berlin hätte verlassen wollen, als Regierungs- oder Landrath ein von Anderen ersehntes Avancement zu erhalten – kurz, nicht das leiseste Motiv für eine freiwillige Entfernung lag vor, es gelang den rastlosen Bemühungen der Polizeibehörde nicht, die leiseste Spur des Verschollenen aufzufinden.

[407] Ich brauche wohl nicht erst zu versichern, daß der nächste Zug mich bereits auf dem Wege zur Heimath aufnahm. Die ganze Reise zermarterte ich mein Gehirn vergebens, um einen Schlüssel, einen Anhaltspunkt zur Lösung dieses unheimlichen Räthsels zu finden. Er reise nach der sächsischen Schweiz über die Festtage, so lautete die letzte Mittheilung an seine Hauswirthin. Es war eben nur anzunehmen, daß er in einer der unzugänglichen Schluchten dort verunglückt sei.

Sofort nach meiner Ankunft sprach ich den Polizeipräsidenten. Was wir uns mitzutheilen hatten war wenig, wir standen vor einem undurchdringlichen Dunkel. Einzelne Vermuthungen, welche der hohe Beamte mir mittheilte, erwiesen sich als vollständig haltlos bei meiner bessern Kenntniß der Sachverhältnisse.

Die ganze Stadt interessirte sich auf’s Lebhafteste für das Geschick des Verschollenen, der König voran, der täglich nachfragen ließ, ob noch keine Nachricht über Pannewitz erlangt sei.

Nach acht Tagen traf von der Prager Polizei ein Bericht ein, daß auf der Kleinseite auf einem abgelegenen Platze die Leiche eines unbekannten Mannes aufgefunden sei, der durch einen Schuß in’s Herz sein Ende gefunden. So unwahrscheinlich dies auch in Bezug auf den Vermißten klang, so trat sein Bruder, der Oberforstmeister von Pannewitz, doch augenblicklich die Reise nach der böhmischen Hauptstadt an und erkannte in den Ueberresten des Getödteten die des Verschwundenen. Jedes Kennzeichen, das zur Entdeckung führen konnte, war auf’s Sorgfältigste verwischt, aus der Leibwäsche waren sogar die Merkzeichen herausgeschnitten, kein Stückchen Papier wurde gefunden, welches auf die Identität des Verstorbenen hingewiesen hätte. Uhr, Kette und die volle Börse, die man in den Taschen fand, schlossen jeden Gedanken an einen Raubmord aus; das abgeschossene Pistol, welches man früher nie in dem Besitz von Pannewitz gesehen, lag neben der Leiche, die Kugel war mitten durch’s Herz gegangen.

Da bei dem lebenslustigen heiteren Gesellen von freiwilligem Abschütteln der Lebensbürde, von irgend einem schweren Kummer keine Rede sein konnte, so war nur Eins anzunehmen: „ein amerikanisches Duell“, jene tückische Erfindung der Feigen. Und wirklich waren nach der Aussage der vieljährigen Hauswirthin des Opfers ungefähr drei Wochen vorher zwei Herren erschienen und hatten darauf gedrungen, daß Pannewitz, der gern lange zu schlafen pflegte, geweckt werde. Die Fremden sprachen prononcirt stark den österreichischen Dialekt und waren nie früher in der Wohnung des Pannewitz gewesen. Die Besitzerin derselben hörte laut und heftig sprechen, dann entfernten sich die Herren finster und schweigend. Acht Tage später erschienen sie wieder, aber gegen seine Gewohnheit war Pannewitz schon um sechs Uhr früh auf und, dieselben offenbar erwartend, bereits angekleidet. Nach kurzer Frist, in welcher leise Verhandlungen gepflogen wurden, entfernten sich die unheimlichen Gäste wieder. Nie hat man erfahren, wer sie waren und welchen Zweck ihr Besuch hatte. Kurze Zeit darauf fiel die angebliche Ferienreise mit dem tragischen Ende Pannewitz’ zusammen.

Es war ein gar trübes Mittagsmahl, welches der Bruder des Heimgegangenen bei uns einnahm, als er von seiner Prager Reise zurückkehrte, wo er die Leiche recognoscirt hatte. Die Kugel war mitten durch’s Herz gegangen; an einem düstern einsamen Platze lagen die Ueberreste des Mannes, dem im Leben kein Ort heiter und besucht genug sein konnte; im fremden Lande, das er nie vorher betreten, wurde die Leiche in die Erde gesenkt.

In hundert und hundert Vermuthungen erging sich unsere Theilnahme an dem räthselhaften Geschick des Unglücklichen; nicht der kleinste Anhaltepunkt erwies sich als stichhaltig. Eine vage Hindeutung des Bruders auf etwaige Folge einer Differenz, die Pannewitz mit einem früheren österreichischen Officier hatte, mußte ich entschieden in Abrede stellen, da der kleine Zwiespalt in meiner Gegenwart in für beide Theile ehrenhafter Weise ausgeglichen war! – Nichts, nichts ergab sich, was den Vorfall erklärt hätte. Die abenteuerlichsten Gerüchte circulirten im Publicum, in allen Kreisen, ohne daß irgend ein Grund dafür sich finden ließ.

Vielleicht findet sich unter den zahllosen Lesern dieser Blätter einer, der eine Spur dieses Geheimnisses findet oder kennt, der die Mysterien enthüllen kann, welche den einsamen Grabhügel an der Moldau decken und die Nemesis weckt, die mit dem armen Todten zu schlummern scheint bis zu jenem Tage, wo Alles offenbar wird. –

Am 3. September 1857 war ein heiteres Leben in dem sonst so stillen Musenhofe Weimar. Den folgenden Tag sollten die Standbilder eingeweiht werden, mit welchen der geniale Meister Rietschel die unsterblichen Dichtergestalten unseres Schiller und Goethe mit ebenbürtigem Meißel verewigt hatte, und auch von Hans Gasser’s „Wieland“ sollten die Hüllen fallen, die es umspannt hielten. Der Vorabend des Doppelfestes versammelte in den Räumen des Russischen Hofes ein gar lustiges Künstlervölkchen. Der kurze stämmige Auerbach, welcher behauptete, neben dem langen Dingelstedt die auffallendste Aehnlichkeit mit einem „Kameelführer“ zu haben, Bogumil Dawison und Emil Devrient, welche herbeigeeilt waren, um durch ihre genialen Leistungen die morgige Festvorstellung in Wirklichkeit in eine solche zu verwandeln, Liszt, damals noch nicht Abbé, Heinrich Marr mit seiner geistreichen Gattin, Gerstäcker, zufällig in Europa anwesend, ja wer nennt sie alle, die Namen, deren Träger zu der großen Nationalfeier sich versammelt hatten und den Vorabend zu derselben in gar toll-lustiger Weise begingen. Einer der Tollsten unter den Tollen, der Fröhlichsten unter den Frohen, war ein Mann im besten Mannesalter, dessen gebräuntes Antlitz ein getheilter Guttenbergbart zierte, der, nach den gelenken, sehnigen Muskeln zu urtheilen, aus dem Holze geschnitzt schien, aus welchem der Mensch hundert Jahre alt wird. Als die Heiterkeit den Culminationspunkt erreicht hatte, machte er den Vorschlag, dem verehrten Meister Rietschel, der sich, im Hause wohnend, früh zur Ruhe begeben hatte, eine Serenade zu bringen. Auf meine Erkundigung erfuhr ich, daß es der Bildhauer Hans Gasser aus Kärnthen sei, von dem dieser mit Jubel aufgenommene Antrag ausging.

Ein Charivari der burleskesten Art wurde dem Dresdener Meister als seltsame Ovation stets mit dem Refrain: „Hoch soll Rietschel leben, Rietschel lebe hoch!“ vor dessen Thür improvisirt. Im primitivsten Costüm, malerisch mit einem Bettlaken drapirt, erschien dieser unter seinen Verehrern und frug, indem er Miene machte, den Leinenmantel, unter welchem die nackten, sandalenlosen Beine hervorguckte, zurückzuschlagen: „Ich danke Dir, deutsches Volk; wünschest Du die Enthüllung heute schon?“

So wirkungslos sich alles das in der Erzählung wiedergiebt, so frisch und eindrucksreich machten sich die Vorgänge in Wirklichkeit, wo jeder Scherz von tobendem Gelächter belohnt, jeder Witz mit dankbarem Jubel aufgenommen wurde.

Ueber das Fest selbst ist seiner Zeit so viel geschrieben worden, daß eine Wiederholung hier wohl nicht am Platze wäre. Ergreifend war der Moment, als die Hüllen von der Arbeit des genialen Rietschel fielen, und fast in gleichem Moment die bis dahin von Wolken bedeckte Sonne ihre hellen Strahlen auf das Gebilde unserer großen Dichter warf, als der Großherzog mit weittönender Stimme den Bildner zu sich rief und im Angesichte des Volkes umarmte; da blieb kaum ein Auge thränenleer, und donnernde Vivatrufe, den Heroen der Dichtkunst, dem Bildner und dem Herrscher geltend, erfüllten die Luft. Fast dauerte mich der schlichte Hans Gasser, der in der Blouse des Arbeiters seitwärts stand, und dessen einfaches Werk, „die Wielandsstatue“, freilich neben der großartigen Leistung des berühmten Meisters an Wirkung verlieren mußte. Sehr komisch erschien mir das Bestreben Dawison’s, den Ehrenplatz an der rechten Seite des Theaterintendanten abzulehnen und links zu bleiben, weil auf der ihm zugetheilten Stätte der Regen zwei hübsche Pfützen zurückgelassen hatte, in welche er nicht treten wollte. Die sarkastischen Fragen des Künstlers, „ob heute die ganze Armee Weimars ausgerückt sei,“ was ganz ernsthaft bejaht wurde, oder „ob hier die Bewohner Weimars versammelt seien,“ indem er auf eine menschenleere Straße deutete, amüsirten mich höchlich.

An anderen drastischen Zwischenfällen war kein Mangel. Als z. B. der Bürgermeister beim Festbanquet einen Toast auf die anwesenden „Fremden“ ausbrachte, antwortete einer der Genossen mehr grob als nöthig, „daß er gegen diesen Trinkspruch Protest einlege, es seien keine Fremden hier, es seien Deutsche, die gekommen wären, um das Andenken der größten Dichter Deutschlands zu feiern, ob das Nest, wo dies geschehe, Weimar oder Buxtehude heiße, sei für die Sache gleichgültig.“

Auch sonst passirte viel Menschliches in der guten Musenstadt. Ich war mit meinen beiden Begleiterinnen vom Wohnungscomité zu einem Kaufmann W. gewiesen worden, wo wir zwei Zimmer erhielten, in welche zwei von uns in Betten, die dritte [408] Person aber nothdürftig zusammengekauert auf dem Sopha campiren mußte. Der Hauswirth benahm sich gegen uns als der gentile Gastfreund, der liebe, längst erwartete Freunde bei sich empfing. Mir war dies peinlich, und um mir von Fremden nichts schenken zu lassen, lud ich die Familie zu Tisch in’s Hôtel und kaufte für dieselbe für mein schweres Geld Billets zu den Tribünen, zu den Festvorstellungen im Theater u. dgl., die selbst für namhafte Preise kaum aufzutreiben waren. So glaubte ich mich ausreichend revanchirt zu haben und meinen Wirthen die peinlich unangenehme Frage, „was ich schuldig sei?“ ersparen zu können. Zu meiner unangenehmen Ueberraschung aber wurde mir beim Abschied ein „Zahlungswunschzettel“ überreicht, gegen welchen die Riesenrechnungen im „Grand Hôtel“ während der Pariser Ausstellung nur bescheidene Erpressungsversuche genannt werden durften. Das war 1857 Weimarische Gastfreundschaft! – Ich zahlte und machte mit der seltsamen Rechnung Berthold Auerbach ein Geschenk, der sie als Festcuriosum aufbewahren wollte.

Sehr heiter verlief die Extrafahrt nach der Wartburg, für welche die Munificenz des Großherzogs einen Eisenbahnzug zur Disposition gestellt hatte. Als letzte Erinnerung an diese burschikose Fahrt haftet in meinem Gedächtniß die geschmeidige Gestalt Hans Gasser’s, die, während der Zug dahin brauste, mit „affenartiger Geschwindigkeit“ an der Außenseite der Waggons hinkletterte, um den Platz zu wechseln und sich, durch’s Fenster steigend, einigen Freunden beizugesellen. Mir wurde ganz ängstlich zu Muthe, als ich ihn auf dem schwindelnd luftigen Wege dahineilen sah, wo ein Fehltritt den Tod unter den zermalmenden Rädern bringen konnte. Hätte ihn doch damals dies Geschick ereilt, mitten in Lust und Heiterkeit, rasch, unvorbereitet, ahnungslos! –

Wenige Jahre sind seit dem Vorhererzählten verflossen, ich war eben in Wien anwesend, als die tollste aller Fastnachtstollheiten der Residenz, „das Narrenfest des Männergesangsvereins“ im Dianensaal gefeiert wurde. Wer dies nie mitgemacht, der kann sich keinen Begriff machen von dem Tohuwabohu, welches sich hier entwickelt. Es ist ein Wettlauf, wer unter den Verrückten der Verrückteste, unter den Rasenden der Rasendste sei. Bei den vortrefflichen Scherzen, welche der Verein in Scene setzt, von dem das Fest ausgeht, muß man freilich auch vieles Tact- und Witzlose und Unpassende in den Kauf nehmen, das talentlose Selbstgefälligkeit auf eigene Faust ausbrütet. Es sind eben dreitausend Narren anwesend, die sich an Narrheit zu überbieten suchen. Bei aller Ausschreitung schützt die angeborene Gemüthlichkeit des Oesterreichers vor schlimmen Folgen; in Berlin wäre eine ähnliche Versammlung ohne solche nicht denkbar, hier heult man mit den Wölfen ohne von denselben zerrissen zu werden. An Originalität wird dieser Faschingsjux „nur für Herren“ von keinem ähnlichen Feste in Europa erreicht. Es war Mitternacht vorüber, Geschrei, brüllendes Gelächter in einzelnen und in den Massengruppen hatte seinen Höhepunkt erreicht, als ich mich durch die ungeheuren Räume des Locals, mit dem Strome schwimmend, vorwärts schieben ließ. Wo die Menge staute, da wurde Halt gemacht, und man mußte eine Production über sich ergehen lassen, gut oder schlecht, amüsant oder langweilig, wie es eben kam. Mich mit wirrem Kopf nach einem Rettungsplätzchen umsehend, bemerke ich ein kleineres matt erleuchtetes Seitenzimmer, in welches ich mich flüchte. Wie ferne Meeresbrandung schallt der wüste Lärm und die Musik der Strauß’schen Capelle in die etwas abgelegene menschenleere Stube. In eine Ecke ist ein Rundsopha geschoben, und auf diesem sitzt oder vielmehr kauert eine merkwürdige Gestalt, in einen langen dunkeln Mantel, trotz der glühenden Hitze, tief verhüllt, einen spitzen Hut auf dem Haupte, und dies gegen eine Mauerecke festgestemmt, als wolle der Mann den Kopf in die Wand vergraben. Dabei regungslos, nur ein leises wimmerndes Stöhnen zeugte von Leben in der unheimlichen düsteren Erscheinung. Inmitten der umgebenden Raserei befremdete mich diese doppelt. Ich starrte den Mann, der, ein Bild namenlosen Jammers, für seinen Schmerz diesen sonderbaren Ort ausgesucht, eine Weile lautlos an. Er bemerkte mich nicht, oder wollte mich nicht bemerken. Leisen Trittes, wie aus einem Sterbezimmer, entfernte ich mich und suchte einen der Directoren auf, um Auskunft über den düstern Gast zu erhalten.

„Es ist der Bildhauer Hans Gasser,“ entgegnete der Gefragte, „er hat sich durch das Eindringen eines Steinsplitters zwischen Fleisch und Nagel seiner Hand eine Verwundung zugezogen, die nicht mehr zu heilen ist. Das einzige Rettungsmittel, den Arm abnehmen zu lassen, verschmäht er, und so stirbt ihm die Hand nach und nach ab. Um die Zeit zu tödten, die ihm bei seinen unsäglichen Qualen endlos wird, geht er Nacht für Nacht aus und sucht Orte auf, wo es toll zugeht, je toller, desto besser, und erst wenn der Letzte der Lustigen das Local verlassen, schleicht der ernste Gast langsam in seine einsame Behausung.“

Ich erinnere mich nicht, je so von Entsetzen geschüttelt worden zu sein, als bei dieser grauenvollen Mittheilung. Die ganze Narrenwelt versank vor meinen Augen, und mein Blick wandte sich allein dem Unglücklichen zu, dessen herbes Geschick mir das Herz zerriß. Er, der Künstler, sieht die Hand, das Werkzeug seines Schaffens, sterben, langsam absterben am lebensfrischen Leibe. Er, der heitere zu jedem Scherz aufgelegte junge Mann, kann nicht weilen auf der ersehnten Ruhestätte; in tiefer Nacht muß er die Orte aufsuchen, wo die Lustigkeit der Anderen wie der Schall aus anderen Welten zu ihm herüber dringt, dort weilt und wimmert er, bis das Grauen der Morgendämmerung ihn heim treibt, in das ehemalige Atelier, welches nicht mehr Zeuge sein kann von seinem Schaffensdrange!

„O Jammer, Jammer von keiner Menschenseele zu fassen!“

Als ich nach einigen Monaten erfuhr, daß Hans Gasser todt sei, da athmete ich tief auf und dankte Gott, daß er den müden Leib des Armen erlöst hat von seiner Qual. Sei ihm die Erde leicht! –




Der Schwedengarten von Oberhütten.

Beim Städtchen Königstein in der sächsischen Schweiz öffnet sich ein „Grund“, den ich für den schönsten der gesammten sächsischen Schweiz erkläre, zwar kein „kühler Grund“, doch ein Grund, in welchem am „klaren muntern Bächlein“ der Biela Hunderte von Mühlenrädern gehen und uns das Herz mit heller Wanderlust erfüllen. Anfangs mehr anmuthig als imposant, nimmt er an seinem obern Ende einen hochromantischen Charakter an. Groteskere Felsbildungen hat das ganze Sandsteingebirge der Elbe nicht aufzuweisen, auch die vielgefeierte Bastei sammt Umgebung nicht. Man sieht dort Gestalten, die ein launiger Berggeist aufgethürmt zu haben scheint, leider hat man auch sie mit allerhand flunkernden Namen behangen, Herculessäule, Johanniswacht, Burg Zion und so fort, und rundum erquickt der herrlichste Hochwald mit seinen Harzdüften unsere Lungen. So recht ein Lustrevier für ozondürstende Städter! Das hat man auch bereits erkannt, ein paar Villen und eine Kaltwasser- und eine klimatische Curanstalt, die man mitten in die fichtenumkränzte Stille gebaut hat, geben davon Kunde. Der kleine Badeort heißt die Schweizermühle, und wer so glücklich ist, daß es ihm nichts verschlägt, von allen anderen Verkehrsmitteln, von Postwagen, Eisenbahn, Dampfschiff und Telegraphen, stundenweit entfernt zu sein und seine Beziehungen zur Außenwelt blos durch einen täglich zweimal erscheinenden Fußbriefboten gepflegt zu sehen, – der wird in der köstlichen Luft und an den frischen, klaren Quellen der Biela ein paar Wochen lang ein beneidenswerthes Dasein führen.

Waldeshauch und Amselschlag, Wiesenduft und Wasserrauschen, alles das hat man in der Schweizermühle frisch aus erster Hand, und wer außerdem für Kühlungen bis an’s Herz hinan Begeisterung verspürt, der kann in kalten Einreibungen, in Douchen und Einwickelungen con amore schwelgen. Ein mit dem Etablissement verbundenes Gasthaus mit anerkennenswerther leiblicher Verpflegung läßt eine Sommerfrische in diesen entlegenen Regionen auch für sinnenlustigere Gemüther als kein Martyrium erscheinen, wenn es auch noch durch einzelne kleine Ursprünglichkeiten, als da sind Heumatratzen, Blümchenkaffee, dünne Biere, lederne Beefsteaks und naive Kellnerinnen, daran erinnert, daß man sich mitten im Hinterwalde befindet, da, wo bis vor Kurzem, wie der alte Waidmannsausdruck lautet, Füchse und Dachse dem gnädigen Herrn Auerhahn [409] gute Nacht boten. Daß man hinsichtlich seines „Fortkommens“ durchaus auf das gute Glück angewiesen ist – denn auf die anderthalb Wagen in Pirna und das halbe Geschirr in Königstein läßt sich während der Sommersaison begreiflicher Weise nicht bauen – giebt der Existenz im Bielagrunde noch einen besonderen Reiz – man dünkt sich wie auf einer Insel mitten im Ocean, an welche die Brandung des Lebens nicht anschlägt.

Vor einer Reihe von Jahren kam ein Herr aus dem hohen Norden, ein Schwede, nach der Schweizermühle, um die Heilkräfte des kalten Wassers an seinem Leibe zu erproben. Die Gegend muthete ihn so eigenthümlich an, vielleicht mahnte sie ihn an die landschaftliche Scenerie seiner Heimath, daß er sich dicht hinter dem Curhause eine eigene Sommerwohnstatt errichtete. Zugleich erwarb er ein umfängliches Terrain von Wiese, Wald und Felsen und legte darauf einen allerliebsten kleinen Park und eine Gärtnerei speciellster Art an. Er widmete nämlich seine Liebhaberei einzig und allein den Nadelholzbäumen. Bald hatte er Coniferen (Zapfenbäume) aus allen Himmelsstrichen in seinen Baumschulen und Glashäusern vereinigt und schon damals den sogenannten „Schwedengarten“ zu einer Merk- und Sehenswürdigkeit des Grundes erhoben, von der man auch über die Grenzen der sächsischen Schweiz hinaus zu sprechen begann.

Dabei war der Schwede ein Original. Menschenscheu – man erzählte sich eine romantische Geschichte von der Untreue seiner Gattin, welche ihn aus seiner Heimath getrieben und zum Einsiedler gemacht hatte – schloß er sich hermetisch ab von jeglicher Gesellschaft. Regelmäßig am ersten April siedelte er mit zwei Dienern, einer alten Wirthschafterin und mehreren großen Hunden nach seiner Sommerresidenz im Bielagrunde über, um ebenso regelmäßig am ersten October wieder sein Winterquartier in Dresden zu beziehen. Bis Nachmittags drei Uhr pflegte er zu schlafen, und seine Domestiken hatten strengen Befehl, währenddem alle Störungen vom Hause abzuwehren. Dafür streifte er oft die ganze Nacht hindurch auf seinem Grundstück und im Felslabyrinth der Gegend umher. Den Besuchern der Schweizermühle, und namentlich ihren Curgästen, gestattete er zwar den Eintritt in seinen Garten, allein in äußerst launenhafter Weise. Manchmal gefiel es ihm, den Park Tage lang völlig zu verschließen, immer aber hatte man gewärtig zu sein, wenn Herrn Bergwal – so hieß der Sonderling – seine menschenfeindliche Stimmung anwandelte, auf ein Glockensignal urplötzlich den Garten räumen zu müssen. Damen waren dem Schweden ein Gegenstand besonderen Hasses; nur in seltenen Ausnahmefällen gönnte er ihnen die Besichtigung seiner Anlagen.

So trieb er sein wundersames Wesen, bis er im Jahre 1864 auf seiner Besitzung im Bielagrunde starb. Sein Erbe war ein in Schweden lebender Bruder. Derselbe hatte keine Lust, sein Sommerzelt im fernen Sachsenlande aufzuschlagen; er veräußerte darum die Besitzung, Haus, Park, Gärtnerei, Wiesen, Wald und Felsen, zusammen ein Areal von mehr als hundert Scheffeln Landes, an einen in Dresden privatisirenden Preußen, der sich in Rußland ein beträchtliches Vermögen erworben hatte, den ehemaligen Bankdirector Lässig – vielleicht den einzigen Menschen, zu welchem das verstorbene Original allmählich in nähere Beziehungen gekommen war, da sich Beide in der gleichen Passion für Gartenbaukunst und speciell in dem Interesse für Coniferen begegneten. Als ein tüchtiger Botaniker ist es Herr Lässig gewesen, welcher die Baumschulen von Oberhütten – so steht die Localität officiell in den Grundbüchern verzeichnet – zu dem Unicum entwickelt hat, welches sie heute sind: von allen Sachkundigen als einzig anerkannt auf dem weiten Erdenrunde. Mit dem liebenswürdigen Manne durch seine Anlagen zu wandern, ihn mit der Bescheidenheit, die jedes wahre Verdienst zu begleiten pflegt, seine Schöpfungen erläutern zu hören, ist ein Genuß und gleichzeitig ein Cursus in einem der interessantesten Zweige der Botanik, wie ihn kein Pflanzengarten der Welt in derselben Vollständigkeit darbieten kann.

Schon die Villa, welche Herr Lässig an Stelle des früheren Schwedenhauses erbaut hat, ist außen und innen ein Muster geschmackvoller Einfachheit. Mit ihren lichten Mauern und dem zierlichen Treppen- und Glockenthurme bringt sie eine heitere Abwechselung in den ernsten Fichtenwald ringsum, und wem es beschieden ist, vom Balcon des Hauses in die augentröstliche Fülle von Grün zu schauen, die es von allen Seiten umrahmt, während die den südlichen Horizont begrenzende Felsenwand bläulich herüber dämmert über die zahllosen Wipfel und das melodische Geplätscher verschiedener Fontänen uns in süßes Träumen einlullt – dem entschlüpft wohl ein leiser Seufzer, daß er sich nicht selbst den glücklichen Besitzer der entzückenden Waldeinsamkeit nennen darf.

Der Park füllt nahezu die ganze Breite des Thales aus. Das will freilich nicht viel sagen, denn der Weg von einer Bergseite zur andern beträgt in gerader Linie keine fünf Minuten. Die Ausdehnung ist mithin nicht der Schwerpunkt der Anlage; dieser liegt vielmehr in ihrer Schönheit, in dem feinen Verständniß landschaftlicher Gartenkunst, mit dem man aus dem scheinbar sprödesten und starrsten Material, aus nichts als Nadelbäumen und Coniferenbüschen ein überaus wirkungsvolles und, was fast wie ein Widerspruch klingt, weiches und mildes Ensemble geschaffen hat. Zwischen den lichten Tinten der californischen Edeltanne und dem dunklen, beinahe schwarzen Laube der nordamerikanischen Thuja wie viele Schattirungen von Grün! Der Laie, der, wenn er von Nadelholz hört, zunächst immer an unsere eintönigen Fichten- und Föhrenwälder denkt, sieht alle seine forstlichen Vorstellungen über den Haufen geworfen.

Ebenso mannigfaltig sind Formen und Größenverhältnisse der Coniferen. Gleich beim Eingang fesselt ein merkwürdiges Gewächs unsern Blick. Wie ein Candelaber erhebt es sich mit seinen in Quirlen stehenden langen Aesten und den schuppenförmigen, glänzend grünen, spitzen Blättern über dem kleinen Pleasure-Ground des Parkes. Es ist eine chilenische Araucaria, eine der größten Zierden, welche sich das Etablissement aus der Neuen Welt über den Ocean herübergeholt hat. Einzelne besonders schöne Exemplare des Baumes läßt es sich wohl mit fünfzig und mehr Thalern bezahlen. Nicht weit davon, gleichfalls aus dem Rasen emporwachsend, erregt ein Baum mit graziös herabhängenden Zweigen und in Büscheln stehenden feinen, weichen hellgrünen Nadeln unsere Aufmerksamkeit – ein Kind des hohen Himalaya, die Deodara, die schönste von allen bis jetzt bekannten Cedern, während die Ecken der Anlage von Gruppen der zierlichen nordamerikanischen Hemlock- (Schierlings-) Tanne decorirt werden, deren von federartigen lebhaft gefärbten Nadeln besetzte Zweige in üppigen, überaus malerischen Gehängen bis auf den Erdboden herabfallen. Es sind dies schon stattliche Bäume von zehn Ellen Höhe, welche, erst zwanzigjährig, uns eine Vorstellung von der Schönheit geben, zu der sich diese Conifere entwickelt, wenn sie das Alter ihrer Reife erreicht hat. Der Riesenbaum par excellence ist bekanntlich die aus Californien in unsere deutsche Heimath übersiedelte Wellingtonia oder Mammuthfichte. Irren wir nicht ganz, so ist es der Schwedengarten von Oberhütten gewesen, welcher diesen Giganten aus dem fernen Westen zuerst bei uns eingebürgert hat. Ist er völlig erwachsen, was in wunderbar kurzer Zeit der Fall, so erscheinen unsere gewaltigste Tanne und Fichte neben ihm wie Kinder. Wer sich heute den Luxus einer Parkanlage gewähren kann, wird die Wellingtonia kaum noch entbehren wollen, um so weniger, als der Baum selbst ziemlich hohe Kältegrade ohne Schutz in freiem Lande verträgt.

Als den speciellen Stolz von Oberhütte bezeichnete mir der Gärtner, mit welchem ich zu wiederholten Malen die interessanten Baumschulen durchstreifte, eine Tanne aus dem Osten.

„Von allen fremdländischen Coniferen, die Sie bei uns hier eingeführt sehen,“ erklärte er mir, „harmonirt keine mehr mit unserem Klima, als diese stolze Tochter des Kaukasus, die Nordmanniana. Betrachten Sie sich nur die Eleganz ihres breiten, pyramidalen Baues und ihre wunderschönen, dichtgedrängten, glänzenden Nadeln. Welches tiefe Grün da auf ihrer oberen Seite, während die untere mit ihren delicaten weißen Streifen dem matten Silber gleicht! Deshalb lassen wir uns die Cultur der Nordmanniana auch vorzugsweise angelegen sein und machen für sie nach Möglichkeit Propaganda als für einen nach allen Richtungen hin nicht genug zu empfehlenden Zierbaum. Wenn ich behaupte, daß Sie nirgends eine reichere Sammlung von Nordmannianen aller Größen und Altersstufen antreffen werden, als bei uns, so glaube ich mich keiner Uebertreibung schuldig zu machen. Von kleinen kaum halbfußhohen Samenpflanzen, die wir pro Stück mit vier bis sechs Groschen ablassen, bis zu ansehnlichen Bäumen von neun Fuß Höhe und vierundzwanzig Fuß Umfang, welche wir nicht unter fünfzig Thalern abgeben, finden Sie die prachtvolle Kaukasierin in zahlreichen Exemplaren bei uns [410] vertreten. Sie bildet ein recht wesentliches Element in unserem jährlichen Einnahmebudget, denn jeder Landschaftsgärtner, gleichviel ob er größere oder kleinere Areale zu schmücken hat, will von unseren Nordmannianen haben.“

Eine andere Merkwürdigkeit der Anlagen hat das himmlische Reich gespendet. Auf den ersten Blick hielt ich sie für unsere gewöhnliche Lärche, bei näherer Untersuchung gewahrte ich, daß die Nadeln ein gut Theil breiter und länger und von einem helleren Grün waren als bei dieser.

„Wenn Sie uns einmal im Herbste besuchen,“ sagte mein Begleiter, „müssen Sie den Baum sehen; alsdann glüht sein Laub in einem tiefen Goldgelb. Die Chinesen nennen ihn darum auch die ‚goldene Tanne‘. Die Botanik kennt ihn als die ‚Bastardlärche‘. Sie ist unbestritten die Königin aller Lärchenarten und in Europa noch höchst selten. Unsere größeren Exemplare berechnen wir mit zwanzig bis dreißig Thalern.“

Dies nur einige wenige Beispiele, um die reiche Mannigfaltigkeit von Formen und Farben der Oberhüttener Coniferensammlung zu charakterisiren. Die Gesammtzahl der daselbst cultivirten Fichtenarten beträgt gegen vierzig; von Tannen fand ich vierundzwanzig, von Araucarien vier, von Cedern acht, von Lärchen sechs, von Kiefern gar an fünfzig Gattungen in den verschiedensten Exemplaren und Altersstufen repräsentirt. Von Cypressen und deren Verwandten, diesen feierlichen und doch so graziösen Baumgestalten, unter denen das Auge zumeist auf der grotesken Figur der aus dem fernen Tasmanien stammenden Gliederfichte mit den langen seltsam gegabelten Zweigen und den lanzettförmigen tiefgrünen Blättchen haftet, sehen wir die stattliche Legion von einigen sechszig Gattungen ihre spitzen Wipfel emporrecken. In dasselbe Geschlecht der Cupressineen gehören die Lebensbäume – Thujen –, von denen Herr Lässig aus seinen Baumschulen mehr als dreißig Arten versendet. Auch die höchst wunderliche Schirmfichte fällt in diese Kategorie. Sie kommt aus dem an Bizarrerien so reichen Japan und muß als eines der eigenthümlichsten und auffallendsten Nadelhölzer erwähnt werden, welches je bei uns eingeführt worden ist. Ihr Wuchs ist von regelmäßig pyramidaler Form, und ihre wohl fünf Zoll langen, leuchtend grünen, lederharten Nadeln bauen sich an den Enden der zahlreichen Zweige zu einem förmlichen Schirme zusammen. Da der Baum in unserer Temperatur freudig gedeiht und selbst von höheren Kältegraden sich nicht anfechten zu lassen scheint – er ist erst neuerdings bei uns bekannt geworden – so steht ihm ohne Zweifel eine hervorragende Rolle in unseren Garten und Parkanlagen bevor. Allen Gärtnern und Gartenbesitzern sei daher die originelle Japanesin recht warm an’s Herz gelegt.

Daß unser Wachholder gleichfalls ein Glied der düstern Cypressenfamilie bildet, ist wohl nicht allen meiner Leser bekannt. Ebenso ist es ihnen vielleicht neu, daß der bei uns so anspruchslose Strauch namentlich im Orient in einer sehr großen Abwechselung von Arten und Varietäten vorkommt, die sich zum Theil durch die malerische Schönheit ihres Baues auszeichnen. Die Oberhüttener Gärten werden uns auch für diesen Zweig der Botanik zum praktischen Handbuche. Ich zählte daselbst mehrere und dreißig Arten, von den Bermuda-Inseln, aus China, aus Griechenland, aus dem Kaukasus, aus Sicilien, aus Nepal, aus dem Himalaya, aus Spanien, aus Japan, aus Nordamerika, möchte aber zweien davon den Preis ertheilen: der orientalischen Juniperus excelsa stricta, einem Strauche von dichtgedrungenem Wuchse und feinen, eng aneinander gefügten in’s Blaugrüne schillernden Blättern, und einem spanischen Wachholder, der Juniperus thurifera, mit schlank aufsteigenden Aesten und meergrünen Blättern. Auch eine Varietät unseres gemeinen Wachholders, die mit hängenden Zweigen, läßt sich zu einer sehr effectvollen Gartengruppirung verwenden.

Als Schluß der Reihe sind die Eiben, Taxineen, zu nennen, mit wenigen Ausnahmen sämmtlich Kinder der Fremde. Der neueste Katalog des Etablissements zählt ihrer über dreißig einzelne Arten auf. Als Ganzes genommen bildet die Familie der Eiben die dunkelste Nuance der grünen Palette, obschon einige Gattungen selbst weißliche Nadeln tragen und eine andere eine constant goldgelbe Belaubung besitzt. Eine Eibe, der in China und Japan heimische Gingkobaum, verliert ihre Nadeln im Winter. Als eine der merkwürdigsten Arten der Familie wurde mir von meinem Führer die kirschenfrüchtige Eibe – Prunopitys – gezeigt, ein vor Kurzem erst aus Chili importirter Baum, dessen gelblichgrüne Früchte an Wohlgeschmack und Arom unsere besten Kirschensorten übertreffen sollen. Bis jetzt war freilich keiner der in Oberhütten gezogenen Stämme bis zur Fruchtbildung entwickelt.

Wenn im Allgemeinen das Riesige und Massenhafte als ein charakteristisches Merkmal des Coniferengeschlechtes hervorgehoben werden muß, so fehlt es doch auch nicht an niedlichen Miniaturausgaben von Nadelhölzern. So sah ich im Parke u. A. die allerliebste Pygmäenfichte, eine Zwergcopie unseres gewöhnlichen norddeutschen Forstbaumes; ferner eine winzige Diminutivweymouthskiefer mit lichtgrünen feinen kleinen Nadeln, und die bekannte Legföhre der Alpen. Auch von der Lawsoniana, jener für unsere Breitengrade unbedingt empfehlenswerthesten aller Cypressen, existirt eine elegante Zwergart, die für kleine Rasenplätze eine sehr anmuthige Decoration abgiebt; die kleinste sämmtlicher bis jetzt bekannten Miniaturconiferen aber ist eine dem asiatischen Osten angehörige Lebensbaumcypresse, die Chamaecyparis obtusa nana. Mit ihren flach aufeinander liegenden kleinen Aesten und Blättern gleicht sie viel mehr einem Moose als einem Baume. Eine Varietät derselben Zwergcypresse erschien mir mit seinen hellgoldgelben Nadeln an den fächerartig ausgebreiteten Zweigen als eine der absonderlichsten Pfleglinge von Oberhütten.

Ich brauche wohl nicht erst zu bemerken, daß der Park des Anwesens selbst nur die Quintessenz, blos die vorzugsweise decorativen Elemente aus dieser erstaunenswerthen Fülle von Nadelhölzern enthält. Die eigentlichen Baumschulen dehnen sich hinter demselben thalaufwärts in beträchtlicher Länge aus, während die vielen Sprößlinge aus milderen Klimaten in mehrere auf das Zweckmäßigste eingerichteten Kalthäusern beherbergt und herangezogen werden. Ein tüchtig geschulter Obergärtner, dessen ganzes Herz an seinen Coniferen hängt, steht dem Besitzer in der Leitung des weitläufigen Etablissements zur Seite, welches, wie ich mich persönlich zu überzeugen Gelegenheit fand, aus dem gesammten nördlichen Europa mit Aufträgen förmlich bestürmt wird, und ein besonderes Gebäude auf der andern Seite des Thales dient einzig und allein dazu, die oft sehr zeitraubende und schwierige Verpackung der in alle Welt hinaus ziehenden Zöglinge der Oberhüttener Anlagen zu bewirken. Wer den romantischen Bielagrund vom Städtchen Königstein hinauf wandert, der wird von Zeit zu Zeit beladenen Karren begegnen, auf welchen in Leinwand gehüllte seltsame Kegel emporragen: die wunderlich vermummten Gestalten sind Coniferen aus den Lässig’schen Baumschulen, die zum Weitertransport durch Eisenbahn oder Dampfschiff zur Elbe hinab gefahren werden.

Von Jahr zu Jahr wächst das Interesse für die Cultur der Nadelhölzer bei allen denen, welche vom Geschick in die beneidenswerthe Lage versetzt worden sind, sich den eigenen Grund und Boden durch die Kunst des Landschaftsgärtners verschönern zu können, weil ohne passende Verwendung von Nadelhölzern eine wirkungsvolle und zu jeder Jahreszeit augenerquickliche Abwechselung der Vegetation bei ausgedehnteren Anlagen kaum zu erreichen ist. Für sie Alle – und Gott sei Dank! der steigende Verkehr und der mit ihm wachsende allgemeine Wohlstand vermehren die Zahl dieser Glücklichen tagtäglich – wird „der Schwedengarten von Oberhütten“, der, mehr als tausend Fuß über dem Spiegel der Nordsee, auch dann eine Versendung seiner Pflanzen noch erlaubt, wenn in niedrigeren Lagen dies schon Wochen lang unmöglich gewesen ist, ein Gegenstand lebhaften Interesses sein. Wer von ihnen das Etablissement noch nicht aus persönlichem Augenschein kennt, der weiß es daher dem Verfasser dieser Zeilen vielleicht Dank, daß er ihm ein neues Reiseziel gezeigt hat, welches das Nützliche und Lehrreiche so bequem mit dem Schönen und Angenehmen verbindet.

Aber wem es auch versagt bleibt, im Schatten eigener Bäume auszuruhen von der Mühsal dieses Lebens – gern wird er doch ein paar Ferientage aufwenden, in einem der lauschigsten Bergwinkel Mitteldeutschlands die Unerschöpflichkeit und Anmuth der Natur auch in Gebilden zu bewundern, die er, in oberflächlicher Kenntniß, leicht geneigt war, für steif und eintönig zu halten. Er gehe denn hin nach Oberhütten und klopfe an bei Director Lässig: man wird ihm freundlich aufthun in dem merkwürdigen Etablissement, das durch die Akklimatisation der schönsten und werthvollsten Coniferen aus allen Zonen sicher auch für unsere heimathliche Forstwirthschaft noch reiche Früchte zeitigen wird.
H. Scheube.

[411]
Ein Hort des deutschen Volksliedes.

Unsere Volkslieder, obgleich aus dem unmittelbaren, realen, vollen Leben entsprungen und in ihren Empfindungen und Schilderungen wahr vom Anfang bis zum Ende, zeugen dennoch von einer „poetischen Keuschheit, dichterischen Unschuld“, wie Vilmar es nennt, welche uns trotz Allem, was gegen jene Zeit gesagt werden mag, mit Ehrfurcht vor unseren Voreltern erfüllen und diese Lieder zu ewigen Mustern stempeln muß. Zugleich aber sind ihre Melodien, wie der Text, unmittelbar dem Volke entsproßte Blüthen, durch einfach ausgesprochene Empfindungen ausgezeichnet und vom Herzen kommend, zum Herzen gehend. Aus diesen Keimen, in denen Rhythmus, Tempo, Tact, kurz Alles liegt, was zur Musik gehört, ist unsere Kunstmusik emporgeblüht, eine Kunst bekanntlich, die über den Mitteln den Zweck, über Künsteleien die Kunst wie ihre eigene Quelle vergessen hat. Doch um deutsches Volksthum, deutsche Sitte und deutsche Musik vor der Vergessenheit zu bewahren, hat es zum Glück nie an Männern gefehlt, welche es als ihre Lebensaufgabe betrachteten, die alten verschütteten und überwucherten Quellen bloßzulegen und auch Anderen Gelegenheit zu bieten, sich an ihren Borden in Urwaldsluft und Duft zu erlaben. Wie Jahn, Maßmann etc. gehört zu ihnen auch der königliche Musikdirector und Lehrer der Musik am Seminar für Stadtschulen zu Berlin, Christian Ludwig Erk.

Unsere Mittheilungen über diesen längst schon über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus mit Verehrung genannten Mann müssen sich auf ein Weniges beschränken, da er sein Leben, das sich mit dem der Besten unserer Nation verwebt und in welchem sich ein zwar unscheinbares, aber nicht gewöhnliches Stück Zeitgeschichte abspielt, selbst beschrieben, die Veröffentlichung dieser Beschreibung aber bis zu seinem Ableben verschoben hat. Geboren zu Wetzlar genoß Erk eine gute Erziehung und zwar in dem berühmten, im Geiste Pestalozzi’s und Salzmann’s von Johann Balthasar Spieß geleiteten Erziehungsinstitut zu Offenbach am Main. Auch für seine musikalische Ausbildung hatte er das Glück sich der tüchtigsten Lehrer zu erfreuen, und so folgt er denn schon als neunzehnjähriger Jüngling einem Ruf als Musiklehrer an das Seminar zu Meury am Niederrhein, wo er neun Jahre verblieb und seine Mußestunden der Erweckung des Volksgesanges in rheinischen Landen widmete.

Von da ging Erk an das Seminar für Stadtschulen zu Berlin, an die Seite Adolph Diesterweg’s, des am 7. Juli 1866 zu Berlin verstorbenen Reformators der deutschen Pädagogik. Der Einfluß dieses freisinnigen Pädagogen wie der der Männer, die in gleichem oder ähnlichem Sinne wie Erk wirkten und von denen wir nur die Gebrüder Grimm, Uhland, Simrock, auf dem Gebiete des deutschen Volks- und Kirchenliedes noch Dr. Fr. Fielitz und Professor Dr. Hoffmann von Fallersleben nennen, war für Erk so bestimmend, daß er einzig die Erweckung und Veredlung des deutschen Volksliedes als seine Lebensaufgabe ansah. Die Früchte seines mühsamen Sammelns, der Festsetzung und Ueberarbeitung der Texte wie Melodien, der Harmonisirung der Melodien etc. hat der fleißige Mann für Schule, Haus und Leben theils allein, theils in Verbindung mit Anderen in einer Anzahl von Werken niedergelegt, deren Nomenclatur allein uns auf Stunden beschäftigen würde, da sie das ganze kunstwissenschaftliche Gebiet von der Originalform der Choralmelodien der evangelischen Kirche an bis herab zum deutschen Kinderliedchen und Kinderreim umfaßt. Sei es uns gestattet, aus dem Vielen nur Einiges herauszugreifen. „Der deutsche Liederhort, eine Auswahl der vorzüglicheren deutschen Volkslieder aus der Vorzeit und Gegenwart mit ihren eigenthümlichen Melodien“, bei Enslin in Berlin erschienen, wurde auf Empfehlung von Bettina von Arnim und Alexander von Humboldt von dem König Friedrich Wilhelm dem Vierten auf das eifrigste unterstützt. Ja, selbst Jakob Grimm, der dem Herausgeher als Gegengeschenk für den Liederhort seine „Deutsche Mythologie“ übersandte, schrieb: „Ich habe nun Ihr schönes Liederbuch fast vollständig genau durchgelesen und große Freude daran gehabt. Es ist die reichste und sorgsamste Sammlung unserer deutschen Lieder, die es giebt, und ich kann und werde davon wichtigen Gebrauch machen.“ Von den Schulbüchern, welche der deutschen Jugend aller Stände und Classen, in Gymnasien, Seminaren, Real-, Bürger- und Elementarschulen eine gesunde nationale Kost bieten, dürften die in höherem Auftrage erschienenen „Liederhefte für die Volksschulen der Provinz Brandenburg“, der eben in siebenunddreißigster Auflage herausgekommene „Liederkranz“, der „Sängerhain“, die „Chorgesänge berühmter Meister der Vorzeit und Gegenwart“ etc. etc. zu nennen sein.

Bei all diesen wie bei den Arbeiten seines Berufs fand der unermüdliche, immer für seine Arbeit begeisterte Mann noch Muße, seine tüchtige Feder für musikalische Journale in selbstständigen Aufsätzen Recensionen etc. zu rühren, Musikunterricht im Familienkreise des Prinzen Karl von Preußen zu geben, auch die Leitung des liturgischen Chors im Dome einige Jahre hindurch zu übernehmen und die zweier Gesangvereine bis auf den heutigen Tag fortzuführen.

Die Anerkennung ist eine Blume, deren Gedeihen von dem Zusammentreffen verschiedener Umstände abhängig gemacht und daher selten genug gefunden wird. Unserm Erk blieb sie nicht versagt; nachdem ihm schon von städtischen Behörden und gelehrten Vereinen Ehrenbezeigungen aller Art erwiesen waren, wurde ihm zuletzt, trotz der Ungunst, welche seine deutschen Bestrebungen in gewissen Kreisen fanden, durch die Verwendung Meyerbeer’s, Rungenhagen’s, Franz Kugler’s etc. 1857 sein Patent als königlicher Musikdirector ausgefertigt.

Kommen wir zum Schluß unserer Mittheilungen über Erk. Was seine Persönlichkeit betrifft, so besitzt er eine mittelgroße und starke Gestalt, die sich in Haltung und Anzug stets schlicht, aber mit Sorgfalt giebt. Seine Bildung ist gründlich, namentlich besitzt er ausgezeichnete philologische, geschichtliche und literarische Kenntnisse. Sein Charakter ist wahr, treu und gleich dem Stoff, in welchem er „macht“, wie er selbst humoristisch sein vollständiges Aufgehen in seiner Thätigkeit auszudrücken liebt. Besonders bemerkbar an ihm ist Freude an Allem, was deutsch ist, am Beglücken Anderer, an Musik und Poesie, wie harmloser Geselligkeit. Bezeichnend für ihn dürfte auch sein, wie er mit Denen verfuhr, die seine Liederbücher in der unverzeihlichsten Weise plünderten. Er forderte nämlich nichts weiter von ihnen, als die ehrliche Anerkennung seiner Arbeit an den Liedern, und schloß seine milde Philippika wörtlich: „Nur das Suum cuique ist’s, um das es sich hierbei handelt. Im Uebrigen halten wir es mit Uhland:

Singe, wem Gesang gegeben,
In dem deutschen Dichterwald!
Das ist Freude, das ist Leben,
Wenn’s von allen Zweigen schallt.“

Das ist Erk, der Mann, der seinen Namen dem Vereine gab, welcher am 16. Juni dieses Jahres sein fünfundzwanzigstes Stiftungsfest gefeiert und ein Vierteljahrhundert lang durch ein anspruchloses, aber ernstes Streben zu allen anderen Instituten des Volksgesangs eine Stellung festgehalten hat, wie der Bergmann zu Denen, die im rosigen Licht wandeln während er in dunkle Tiefen taucht, um für sie schimmerndes Erz, edle Metalle heraufzuholen. Der Verein cultivirt unter Erk’s Leitung das Volkslied.

Fernab vom Lärm der Residenz, im Rauschen der Linden, umwölkt von ihrem Duft, fand sich im Sommer 1843 eine Schaar von Männern zusammen, die größtenteils dem Berliner Lehrerstande angehörten. Die „deutsche Gemüthlichkeit“, jene eigenthümliche Empfindungsweise, welche anderen Völkern so fremd ist, wie der Name dafür, der wir aber den ganzen Schatz unserer Lieder verdanken, gründete hier durch eine freie Vereinigung einen Hort der Lieder, der sich am 16. Juni 1845 als Verein constituirte und, wie weiland die rebellischen Bauern den Bundschuh, das Volkslied in seine Fahne nahm. Anfangs nur aus dreiundzwanzig Mitgliedern bestehend, wuchs der Verein im Laufe der Zeit bis auf hundert und darüber, um in den letzten Jahren zwischen hundert und neunzig zu schwanken. Die tüchtigsten Pädagogen Berlins haben diesem Verein angehört, wurden ersetzt und ergänzt von jüngeren Collegen, von Bau- und Kaufleuten, Künstlern, wie anderen Bürgern Berlins. Für Erk, der an der Spitze stand, wurde der Verein dasselbe, was das Heer für den Feldherrn; mit ihm zog er zu Felde gegen die verbreiteten Gassenhauer und alle Couplet- und Schwindelmusik, die dem deutschen Wesen Verderben drohte und nicht einfach das Echo war [412] von des Volkes Lust und Leid. Zu diesem Zweck veranstalte der Verein Concerte, oft in den ersten Etablissements von Berlin, während die Sommerversammlungen in frei gelegene Locale verlegt wurden, zu denen das Volk Zutritt hatte. „Zur Zeit der Pfingsten“ aber zog die Sängerschaar hinaus in die deutschen Lande, in’s Riesengebirge, die sächsische Schweiz, den Harz, nach Thüringen etc., um im Herzen des Volkes dem Volke zum Herzen zu singen.

Und was hat der Verein erreicht? Die Erweckung und Verbreitung des Volksliedes ist ihm gelungen, kein nationales Fest wird gefeiert ohne seine Mitwirkung, er hat mit seinen Einnahmen schon manche Sorge und manche Noth gelindert und hat Vielen nach des Tages Last und Mühe einen wahren Genuß, Behagen und Vergnügen verschafft. Er hat’s; es bezeugen es die regelmäßig starken Besuche der Concerte wie die Dolmetscher dieser Besucher, die Recensenten. Hören wir einige der Letzteren. Indem ein Ungenannter „nach allen krankhaften Ueberreizungen, mit denen ihn die Neuzeit Jahr aus und ein foltert, sich von den Volksliedern des Vereins erquickend anwehen läßt,“ athmet Rellstab regelmäßig mit Vergnügen den „Feldblumenduft der Volksliedersträußchen“. Ein Dritter spricht mit George Sand: „Die Poesie kann nicht sterben; trotz ihrer umgestürzten Tempel und der auf den Trümmern derselben angebeteten falschen Götter ist sie unsterblich wie der Duft der Blumen und wie der Glanz des Himmels. Aus Theatern, Kirchen und Akademien verbannt, flüchtet sie sich in das Volksleben und saugt ihre Nahrung aus Allem, was des Volkes Herz bewegt.“ Sollen wir noch andere Zeugnisse bringen?


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Christian Ludwig Erk.


In Groß-Tabarz am Fuß des Inselsberges, wo der Verein auf seiner Harzfahrt übernachtete und in den duftigen Pfingstabend hinein mit den Nachtigallen um die Wette sang, drängte sich ein schlichtes Bauernweib durch die Haufen der Zuhörer, um dem Vater Erk die Hand zu drücken und für die schönen Lieder zu danken. Erk, an Applaus und Hochs gewöhnt, antwortete ergriffen: „Dieser Abend ist mir mehr werth, als zehn Concertabende in der Residenz.“ Auf derselben Fahrt brachte der Verein dem Volksdichter Fritz Reuter im Marienthale bei Eisenach ein Ständchen, und auch der Dichter fühlte sich von den schlichten Volksweisen so angeheimelt, daß er einen ganzen Abend im Verein verbrachte und damit einen unvergeßlichen Moment in das Leben der Sänger streute.

Möge der Verein ferner gedeihen! Möge sich vor Allem erfüllen, was Hoffmann von Fallersleben zum 6. Januar 1867, dem sechszigsten Geburtstage Erk’s, sang und einer von Erk für Männerstimmen arrangirten Volksmelodie unterlegte. Der Dichter rief aus der Ferne dem lieben Freunde zu:

„Der Winter ist erschienen ringsum in Stadt und Land, uns aber ist hienieden ein Frühlingstag erschienen: nun ist Alles grün, Alles will heute blüh’n! Laßt uns singen diesem Tag, ja diesem Tag zu Ehren!
Heut’ sind es sechszig Jahre, daß er geboren ward, der aus des Volkes Munde geschöpft des Volkslieds Kunde, für sein Werk heiß gestrebt, treu gewirkt, ganz gelebt, uns gelehrt hat, Volksgesang zu üben und zu ehren.
Und wie das Volkslied ewig im deutschen Volke lebt, so soll sein schönes Streben fortan für Deutschland leben, hier und da, weit und breit, fern und nah! Unserm Meister Ludwig Erk, dem schalle Dankesjubel!“

Gustav Schön.




Ein Besuch in einer Klosterbräuerei.

Es war nicht länger möglich, dem lockenden Gruß der nahen Berge, die im hellen Schein der Frühlingssonne schimmerten, zu widerstehen. So machten wir uns denn frisch auf den Weg, um die Bekanntschaft mit den anmuthigen Ausläufern der bairischen Alpengruppe zu erneuern.

Keine Stadt verdient weniger den schlimmen Ruf, es sei ihre natürliche Lage ungünstig und reizlos, als München. Freilich, die Nordseite bietet dem von den Donau- und Lechufern Kommenden manch trostlose Partieen; dafür wird aber um so reicher entschädigt, wer durch die entgegengesetzten Thore hinauswandert. Zwar dehnt sich auch hier noch weithin die Ebene, nur von unbedeutenden Hügelketten unterbrochen, doch überall blinken freundliche Dörfer durch das Grün, blaue Seen sind schnell zu erreichen und überall ist der Horizont begrenzt von den herrlichen Umrissen der Alpen, die dem näher Kommenden wie zum Willkommgruß die frische Bergluft entgegensenden.

Ihnen sollte auch unser Wanderziel gelten, als wir an einem heißen Sommertage nach stundenlangem Marsche die durch dickes Waldgestrüpp blitzende Kirchthurmspitze mit lautem Jubel begrüßten. Denn der Stätte der Andacht konnte auch das Wirthshaus nicht mehr fern sein. Um jeden unnöthigen Umweg zu vermeiden, suchten wir bei einem „unserer biedern Landleute“, der neben der Straße ackerte, Bescheid.

„Ja, ’s Wirthshaus ist kein’n Büchsenschuß von der Kirch’ weg, aber ich glab’ nöt, daß ’s Bier dort frisch is. Sie könnt’n ja schau’n, ob S’ nöt in’s Klosterbräustüb’l eing’lassen werd’n!“.

Klosterbräustube! Dies Wort erweckte in uns drei Wanderern widersprechende Gefühle, Abneigung, Neugierde und höchste Befriedigung. Die Abneigung mußte sich majorisiren lassen und wir stiegen ungewöhnlich tapfer den Hügel hinan, der die stattliche Wallfahrtskirche A. und ein ziemlich bescheidenes Klostergebäude trug. Ein langer Zug von Weibern und Kindern drängte sich eben aus dem Kirchenportal, das mit Birkenzweigen und Blumenketten geschmückt war. Es war ein Bittgang Morgens durch die Fluren gemacht worden, um den Segen des Himmels für das Gedeihen der Frucht zu erflehen, und nach der Heimkehr hatten die Teilnehmer in der Kirche den Segen des Priesters erhalten. Noch tönten die letzten Klänge der Orgel, die das Lied der Gemeinde begleitet hatte, durch die offene Kirchthür, und Weihrauchduft empfing uns, als wir auf der Terrasse anlangten.

Schrill tönte die Klosterglocke. Der Pförtner steckte den Kopf durch das enge Fenster neben der Thür: Der Blick, mit dem er uns musterte, als wir unsern Wunsch eröffneten, war nicht gerade freundlich. Wir hatten nicht, wie es sonst üblich, die Empfehlung eines Klosterwohlthäters oder einen Gruß an ein Mitglied der Mönchsgemeinde zu bieten. Doch öffnete sich nach

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Die Gartenlaube (1870) b 413.jpg

In einer baierischen Klosterbräustube.
Originalzeichnung von Eduard Grützner.

[414] einer Weile die Thür und der Bruder Pförtner hieß uns in den Hof treten. Das heiße Sonnenlicht fiel auf die weißgetünchten Wände des Gebäudes. Die Mittagsschwüle schien sich diesen Winkel so recht als Lagerplatz auserkoren zu haben. Mückenschwärme tanzten in der staubigen Luft. Wir durchschritten den Hofraum, ohne Jemand zu sehen oder zu hören, und die Stille wurde überhaupt nur durch das einförmige Plätschern eines dürftigen Springbrünnleins unterbrochen. Unser Führer stieg eine Treppe hinan, die in einen langen hallenden Gang mündete, dessen Wände mit verwitterten Heiligenbildern geschmückt waren, wenn der Ausdruck Schmuck dafür noch am Platze.

Der Eine aus unserem Kleeblatt, ein junger, talentvoller Maler, der schon mehrere Klöster besucht hatte, um Typen für seine originellen Charakterköpfe zu erjagen, war mit dem Leben und Treiben dieser Colonen wohl vertraut und wußte deshalb rasch die grämliche Miene des alten Pförtners aufzuhellen, so daß dieser, als wir vor der engen, schwülen Zechstube anlangten, aus freiem Antrieb uns einlud, in die Bräuerei selbst zu kommen, dort sei die Luft kühl und der Trunk frisch.

„Sie sitzen ja dort an der Quelle!“ sagte er mit einem Lächeln, das der Maler bezaubernd, der zweite Begleiter, ein Philologe und Schriftgelehrter, der mehr mit den alten Hellenen, als mit den Zeitgenossen verkehrte, cynisch und eines Thersites würdig nannte.

Wir traten in ein geräumiges, matt erleuchtetes Gelaß, das nur durch einen Mauervorsprung von der eigentlichen Bräustube getrennt war. Behaglichste Frische empfing den Eintretenden, und von der Bräustätte herüber zog würziger Malzgeruch. Der Fußboden, mit Steinen gepflastert, war auf das Reinlichste gefegt. Während bei unserer Wanderung durch die Klostergänge nur hie und da ein Bruder mit stummem Gruß an uns vorbeigehuscht, war hier das regste und lärmendste Leben. Robuste Laienbrüder, die über der härenen Kutte den abgenützten Arbeitsschurz trugen, tummelten sich geschäftig zwischen den Bierfässern umher, der eine scheuernd, der andere hämmernd, der dritte das schwere Faß vor sich her rollend. Im Hintergrunde sah man den Maischbottich neben der qualmenden Pfanne, und hier war besonders rege Thätigkeit entfaltet. Einige waren beschäftigt, den schweren Getreidesack seines Inhalts zu entleeren, ein schweres Stück Arbeit, wie die krampfhaft verzogene Miene der Schleppenden bezeugt, dort vertheilten Andere das eingeschüttete Malz mit langen Harken. Selbst körperliches Leiden darf an der Arbeit nicht hindern. Der dicke Laienbruder, der um die geschwollene Wange ein riesiges Tuch geschlungen, tummelt sich am eifrigsten. Mit der Miene eines Feldherrn am Tage der Schlacht steht der Bräumeister, die Arme gravitätisch in die Hüften gestemmt, neben dem Bottich, um die Arbeit der Untergebenen zu leiten und zu überwachen.

Den auffallendsten Contrast zu dieser lebhaften Thätigkeit bildete eine Gruppe im Vordergrunde des Gelasses, die nur Beschaulichkeit und Ruhe athmete. Unter einem verblichenen Gemälde, den heiligen Franciscus darstellend, wie er sich selbst zur Strafe für sündhafte Gelüste geißelt, saßen zwei Patres und ein Weltgeistlicher, die sich bei kühlem Gerstensaft von den Strapazen des Bittganges zu erholen suchten. Doch verkümmerte offenbar die leidige Politik, die sogar in den Kellerraum des Minoritenklosters den Weg gefunden, dem Pfarrer den Genuß des vielbesungenen, welterobernden baierischen „Nationalgetränkes“. Er war völlig vertieft in die Lectüre eines Blattes von jener Sorte baierischer Journalistik, die in dem anständigen Staatsbürger über Nothwendigkeit und Segen der Preßfreiheit Zweifel wecken könnte. Augenscheinlich brachte das Blatt wieder allerlei Enthüllungen über „freimaurerische“ oder „bettelpreußische“ Manöver ruchlosester Art, wodurch die Galle des Lesenden rege gemacht wurde, denn sein faltiges Gesicht wetterleuchtete ingrimmig.

„Potztausend, hochwürdiger Herr Pfarrer,“ rief lachend der eine Franciscaner, der allein unseren Gruß freundlich erwidert hatte, „Du hörst ja heute nicht einmal, daß der Frater Jakob meldet, es sei frisch angestochen!“

Der Angeredete schob mürrisch dem aufwartenden Laienbruder den Krug zu und las eifrig weiter.

Frater Jakob, der, wie wir später hörten, die Geschäfte eines Klosterschneiders und eines Kellners zugleich zu versehen hatte, war eine originelle Persönlichkeit. Ganz de- und wehmüthige Schüchternheit! Er näherte sich den Vorgesetzten nur mit respectvollem Kopfneigen, nur einen wehmüthigen Blick erlaubte er sich, da der dicke Pater auch die letzte Neige aus dem Kruge sog, und ein leises Zittern überflog seine Gestalt, da ihn zufällig ein strenger Blick des Pfarrers streifte. Als unser Maler ihm in den Hintergrund, wo er die Krüge füllte, folgte und einige Worte mit ihm wechselte, übergoß eine Freudenröthe plötzlich sein Gesicht. Der Grund wurde uns klar, als unser Freund uns zuflüsterte: „Gebt ihm unbemerkt ein paar Cigarren!“ Von diesem Augenblicke an war der gute Frater Jakob ganz Aug’ und Ohr für uns, und seine Pantoffeln klapperten energischer denn zuvor auf dem Stein-Estrich.

Die Trefflichkeit des gebotenen „Stoffes“ zu preisen, hieße Eulen nach Athen tragen, denn männiglich ist bekannt, daß seit den Tagen der Goliarden das Fabricat der Klosterbräuereien den Preis behauptet, allen chemischen Erfindungen zum Trotz, die in modern eingerichteten Bräuereien zur Anwendung kommen. Selbst unser Philologe, der als echter Verehrer der freudigen Religion, des ätherklaren Gottesdienstes der Antike über unseren Besuch in der „mittelalterlich dumpfen Spelunke“ unmuthig den Kopf geschüttelt, erhob sich zu enthusiastischer Dithyrambe, und beim zweiten Kruge verglich er schon die Bräuerei mit der Nymphengrotte auf Ithaka:

„Der lieblichen, dunkelerfüllten,
Drinnen sind Mischbecher und Henkelkrüge gereihet!“

Die treffliche Naturalverpflegung in den meisten Klöstern hat wohl viel dazu beigetragen, gegen die so oft gerühmten Verdienste der Mönche um die Landes- und geistige Cultur erhebliche Bedenken zu erwecken und unsere Illustration ist nicht geeignet, uns darüber auf andere Gedanken zu bringen. – Man hat namentlich auf die Feld-, Garten- und Weinpflege hingewiesen und behauptet, daß viele öde Gegenden durch fleißige Mönche erst fruchtbar gemacht worden seien; und man hat ferner den Klöstern vorzugsweise die Erhaltung der griechischen und römischen Classiker zu Gute geschrieben. Gegen Ersteres spricht nur der Umstand, daß die meisten Klöster in längst cultivirten Ländern angelegt wurden; daß die leckeren Mönche aber Feld und Garten, Wald und Teich auf das Sorgsamste ausnutzten zu ihrem eigenen Wohlgefallen, das ist keine Frage. Anders steht ihr Verhältniß zu den Classikern, sowohl hinsichtlich der Vervielfältigung als der Bewahrung derselben. Die klösterlichen Abschreiber haben sich offenbar Zeit zu ihrer Arbeit genommen, denn wenn man nämlich nur von jedem Benedictinerkloster, deren man fünfzehntausend von dreihundertjähriger Dauer annehmen darf, eine einzige Classiker-Abschrift erhalten hätte, so müßte man deren fünfthalb Millionen aufzuweisen haben; man findet aber in allen Klöstern der Welt noch nicht tausend Stück derselben zusammen. – Es war schon zur Zeit hoher Blüthe der Klöster, als auf der Synode zu Chalcedon vierzig Bischöfe saßen, welche die Canones nicht unterschreiben konnten. Im Kloster Muri, einem der berüchtigten Aargauer Klöster, ersah man bei der Aufhebung desselben (1841), daß die dreiundzwanzig Patres und neun Fratres, abgesehen von den Klosterdienstleuten, für Eier, Fische, Geflügel, Schnecken und dergleichen jährlich siebentausendfünfhundertzweiundneunzig Francs, für wissenschaftliche Bedürfnisse achthundertneunundvierzig Francs, für das Füttern des Geflügels vierhundertundsechszig und für Schreibmaterialien hundertundacht Francs berechneten.

Solche Erscheinungen gehören nicht zu den Ausnahmen des klösterlichen Treibens, sie bilden die Regel. Und wenn uns als Curiosum erzählt wird, daß in Bern drei Mönche in einem Jahre 4800 Maß Wein vertilgt und ihre Keller eingetheilt hätten in den Gottvater-, Gottsohn-, Gottheiliggeistkeller und außerdem noch in eine Anzahl Heiligenkeller, so nimmt uns auch die Kunde nicht Wunder, daß die Würde eines Großkellers oder Oberkellermeisters die wichtigste und einflußreichste im Kloster war. Zwar in Bezug auf die aargauische, aber leider für viele Andere geltend, sagte man damals: „Wenn allgemein über die Unthätigkeit und den Mangel einer nützlichen Beschäftigung dieser Klöster geklagt wird, so muß doch Jedermann die Unmöglichkeit einsehen; daß wenige Menschen in dreihundertfünfundsechszig Tagen solche Massen Speise und Trank consumiren und daneben noch Zeit zu nützlicher Beschäftigung finden sollen.“ Die nützlichste geschieht offenbar durch die Laienbrüder und Klosterknechte, welche die Gärtnerei und Obstzucht, den Weinbau und die Bierbrauerei besorgen. [415] Und eben deshalb ist unsere Illustration eine durchaus wahre, charakteristische Darstellung des Klosterlebens, denn sie zeigt uns nicht nur die fleißigsten Mitglieder desselben in voller Arbeit, sondern zugleich die geistlichen Herren in der ihrem geistigen Bedürfniß entsprechendsten Thätigkeit.

Nachdem wir dem Künstler dieses Lob beschieden, wenden wir uns wieder unserm kühlen Bräuhausraume zu. Wir hatten nur auf den Abgang der beiden finstern, gestrengen Herren gewartet, um uns dem freundlichen, allein zurückbleibenden Pater vorzustellen und ihm unsere Namen zu nennen, worauf er uns an seinen Tisch einlud. Hier überraschte er den Maler unserer Gesellschaft mit der nicht unverfänglichen Frage: „Sind Sie der Künstler, der uns geistlichen Herren so schlimm mitspielt und den Vertretern unseres Standes gar so gern den Wein- oder Bierkrug als Wahrzeichen mitgiebt?“

Der Maler suchte sich zu rechtfertigen, aber der Franciscaner unterbrach ihn lachend: „Sie dürfen von Glück sagen, daß der Herr Pfarrer, der eben hier war, Sie nicht kannte! Was hätte sein Zorn über Sie ergossen! – Ich bin versöhnlicherer Natur und habe stets recht von Herzen darüber lachen können. Ihr Weltkinder gebt uns durch manche seltsame Capriolen, durch Mode-, Liebes- und Ehrgeiznarrheiten auch viel zu lachen, warum sollen wir es krumm nehmen, wenn ein Humorist bei uns sich Stoff sucht? Uebrigens theilen wir gern, was wir haben, auch wieder mit und sind stolz auf diese Sitte, die von den orientalischen Klöstern herübergekommen. Wenn die Klöster einmal aufhören, Gastfreundschaft zu üben – und leider haben bereits viele Lust dazu – so verdienen sie auch, daß ihr letztes Stündlein schlage!“ –

Beim Pater schlug jetzt der Schalk völlig durch. Anekdote folgte auf Anekdote und dabei bekam wiederholt der Klosterganymed geleerte Krüge zu füllen. Unser langes Frühstück wurde erst beendigt, da die Mittagsglocke den Pater in das Oratorium rief.

Als wir den halbdunklen Raum, wo die Bräugeräthschaften umherstanden, durchschritten, veranlaßte uns ein leises Geräusch, in eine der großen, leeren Bräupfannen zu blicken. Da saß mit untergeschlagenen Beinen der gute Frater Jakob mit der heitersten Miene glückseliger Zufriedenheit und – rauchte. Als er sich bei dem verbotenen Vergnügen ertappt sah, sprang er blitzschnell aus der Pfanne und floh mit Zurücklassung eines Pantoffels, und der lustige Pater rief ihm lachend nach, er werde ihn zur Strafe morgen einmauern lassen.

Wir nahmen Abschied wie gute Freunde, dann begab sich der Pater in das Oratorium, wo schon einförmiges Gebetmurmeln hörbar wurde, während wir, von den Strapazen des Tages erhitzt, in’s Freie eilten,

„Denn zwei sind die Thüren der Grotte der Nymphen,
Eine vom Boreas her, hinabzusteigen den Menschen,
Eine nach Süden gewandt, die steilere, aber die Mannen
Gehen zu dieser nicht ein, sie ist nur der Göttlichen Eingang!“




Blätter und Blüthen.


Der Herr! Wir erhalten von einer würdigen Matrone, die lange in Petersburg gelebt hat, mit Bezug auf unsere Skizze in Nr. 21 der Gartenlaube und auf das darin geschilderte Verhältniß des Kaisers Alexander von Rußland zu Madame Narischkin folgende wohlverbürgte Mittheilung: Um die Mittagsstunde eines trüben, naßkalten Octobertages kam in Petersburg ein schlichter Wagen in schnellem Trab die Newsky-Perspective herab. Ein stattlicher Mann, den grauen Militärmantel nachlässig um sich geschlagen, lehnte in einer Ecke des Wagens und hatte den Kopf fest in die weichen Polsterkissen gedrückt. Ermüdung sprach sich in seinen Zügen aus, und das sonst so feurige große Auge war wie zum Schlummer geschlossen. Auf anstrengender Reise hatte er soeben viele hundert Meilen zurückgelegt und war vor wenigen Stunden erst in der Hauptstadt wieder eingetroffen. Neben ihm lag in einem Körbchen auf dunkler Moosunterlage ein wunderbar schöner Blumenstrauß, wie ihn – um diese Zeit des Jahres – wohl nur ein Treibhaus der Czarenstadt hervorbringen konnte.

Da schlug der Herr das Auge auf und gleich Sonnnenschein flog es über die ernsten fast schwermüthigen Züge, als sein Blick auf die Farbenpracht der herrlichen Blumen fiel. Zauberkraft der Liebe, wer vermöchte deine Macht, deine Wunder je genügend zu schildern! Alle Müdigkeit schien aus den Zügen des Mannes geschwunden, das schöne Auge strahlte hell und klar, denn vor ihm schwebte das Bild der reizenden Frau, welche diese Gabe der Liebe bald aus seinen Händen empfangen sollte. Der Wagen hielt jetzt vor einem palastartigen Gebäude. Mit jener Schnellkraft, die nur der Geist ermatteten Gliedern zu geben vermag, stieg der Herr eine breite mit Teppichen belegte Treppe hinan und gelangte durch die Doppelthüren, mit welchen man in Petersburg die rauhe Witterung selbst von den Corridoren abzuhalten strebt, in eine geräumige, reich ausgestattete Vorflur. Hier, wie unten an der Treppe, hatte ihn der Diener ehrfurchtvollstes „Gossudar, Gossudar!“ (der Herr, der Herr!) empfangen.

Der Herr mußte wohl hier zu Hause sein, denn er öffnete mit einem Schlüssel, den er hervorzog, eine Thür und trat in ein kleines Vorgemach, wohin ihm sein Diener folgte, der sorgsam das Körbchen mit den Blumen trug. Aus der Seitenthür trat ihnen eine Zofe entgegen. „Ich will – –“ rief diese schnell, nachdem auch sie den Tribut der Ehrfurcht dargebracht.

Eine leichte Handbewegung des stattlichen Mannes – und die Zofe blieb wie gebannt auf derselben Stelle stehen. Der Diener nahm nun den Mantel seines Herrn und wollte dann das Körbchen mit den Blumen ihm reichen. Ein Wink – und der Diener stellte es auf einen Marmortisch, eine weitere bedeutsame Geberde – und Zofe und Diener zogen sich durch die Eingangsthür in die Vorflur zurück.

Jetzt war der Herr allein und konnte ohne Zeugen den Bewegungen seiner Seele sich überlassen. Wie zart hob er das farbensprühende Bouquet aus seiner Umhüllung und nahm es in die linke Hand, während die rechte auf den Griff des Thürschlosses sich legte. Warum zögerte er da einzutreten, wohin sein Herz, die volle Sehnsucht der Liebe ihn drängte? Wie der wahrhaft Fromme einige Augenblicke sich zu sammeln sucht, ehe er über die Schwelle der geweihten Räume tritt, so hat kein Liebender den reinsten, edelsten Theil des Glücks – die beseligende Erwartung – ganz durchkostet, dessen Brust nicht von einem süßen Schauer bewegt ward, bevor er dem geliebten Gegenstande nach längerer Trennung sich näherte.

Leise bewegte sich die Thür in ihren Angeln – ein Aufschrei, nicht der erwartete Laut des Entzückens ertönte, und ein schönes Weib, das seine Arme um den Hals eines jungen Mannes geschlungen hatte, sank ohnmächtig in die Kissen des Divans zurück, auf dem Beide nebeneinander gesessen. In seine Kniee sank auch der junge Mann und flehte um die Verzeihung des Herrn, ja, des Herrn! Wer auch nie zuvor die edle Gestalt Alexander des Ersten in der Mitte des glänzenden Hofstaates oder umjubelt von Tausenden seines Volkes gesehen, er würde in diesem Augenblicke erkannt haben, daß er sich einem Herrscher gegenüber befand. In ruhiger Majestät stand der Kaiser vor den beiden Schuldigen. Der tiefe Schmerz, die sittliche Entrüstung, welche er über diesen Verrath empfinden mußte, sie hatten sich nur in einer einzigen Bewegung ausgesprochen. – Der schöne Blumenstrauß lag auf dem Teppich zu seinen Füßen. War es ein unwillkürliches jähes Zusammenschrecken gewesen, das ihn aus der Hand des Kaisers gleiten und niederfallen ließ, oder hatte stiller Ingrimm die Liebesgabe fortgeschleudert?

„Graf Branitzky, mein Wagen hält vor der Thür, begleiten Sie mich! Zuvor benachrichtigen Sie jedoch die Dienerschaft, daß Madame erkrankt ist, damit ihr die nöthigen Hülfsleistungen nicht fehlen,“ sprach Alexander in ruhigem Tone und die sonore Stimme ließ kein Zeichen der Aufregung erkennen.

Der Befehl wurde ausgeführt, Dienerinnen eilten herbei, der Kaiser gab dem jungen Manne ein Zeichen, ihm zu folgen, und Beide bestiegen den vor dem Portale wartenden Wagen. Noch einmal flehte der Graf um Vergebung; zerknirscht gelobte er, für immer sich aus dem Angesicht seines allergnädigsten Gebieters verbannen zu wollen.

„Fürchten Sie nichts – ich verzeihe Ihnen! Madame Narischkin hat mich verrathen, sie ist meiner Liebe und Achtung unwerth. Aber die Mutter meines einzigen Kindes soll nicht bloßgestellt werden, mein Wille ist es daher, daß Sie in Petersburg bleiben und Niemand erfahre, was sich jetzt zugetragen hat.“

Beschämt und erschüttert durch solche Milde und Großmuth, wollte der Graf seine unbegrenzte Dankbarkeit und Hingebung für den Monarchen aussprechen, allein der Kaiser fiel ihm in das Wort und sagte: „Die Angelegenheit ist erledigt.“ Dann berührte er, als sei nichts vorgefallen, gleichgültige Dinge und entließ den jungen Mann, bevor er den Winterpalast wieder betrat, durch eine gnädige Handbewegung.

So große Anstrengungen auch die schöne Geliebte machte, um das Herz des Kaisers wiederzugewinnen, sie blieben erfolglos. Das letzte Band, das sie mit Alexander verknüpfte, lösete sich ebenfalls: ihr holdes Kind, dem der Kaiser seine ganze Liebe zugewendet, starb, noch ehe es zur Jungfrau erblühte. Sophie, Gräfin Romanoff – der Kaiser hatte ihr seinen Familiennamen gegeben – erlag, als sie zu seltener, fast überirdischer Schönheit sich entfaltete, einem unheilbaren Lungenübel. Alexander litt unbeschreiblich durch das Hinscheiden des theuern Kindes, und er stand mit seinem Schmerz allein! Da nahte sich ein Engel! Die Kaiserin Elisabeth konnte den geliebten Mann nicht leiden sehen, ohne ihm mit tröstendem Wort nahe zu sein. Sie gedachte nicht der ihr zugefügten Kränkung und vereinte ihre Thränen um die so früh Verblichene mit denen des Gemahls.

Auf Alexander’s weiches Gemüth machte diese Seelenhoheit den tiefsten Eindruck; sein Herz wandte sich in bewundernder Liebe der edlen Gattin wieder zu, und kein Mißlaut störte mehr die volle Uebereinstimmung ihrer Seelen.

Elisabeth kränkelte viel, und als die Aerzte ihr später einen Winteraufenthalt in einem milderen Klima empfahlen, begleitete Alexander sie nach Taganrog, um ihr nahe zu sein, ihr Zerstreuung und Erheiterung bereiten zu können. Wie wenig ahnte der kräftige Mann, daß der Todesengel ihn noch vor der leidenden Gemahlin abrufen würde!

Am 17. November 1825 erkrankte er an einem heftigen Fieber, und schon am 1. December hauchte er seine edle Seele aus. Elisabeth wich nicht von dem Krankenlager des heißgeliebten Mannes; ihre Hand küssend und sie an sein Herz drückend, nahm er Abschied von dieser Welt. Der Kaiserin Wunsch – dem theuern Entschlafenen bald folgen zu dürfen, ward erfüllt, schon nach fünf Monaten ruhte auch sie in der Kaisergruft.



[416] Bad Wildungen. In Nr. 20 Seite 320 der Gartenlaube ist ein Artikel „für Badereisende nach Wildungen“ aufgenommen, der im Gewande der Humanität Entstellungen und Unrichtigkeiten bringt, und die schwersten Vorwürfe gegen den unterzeichneten Verwaltungsrath schleudert. Derselbe sieht sich dadurch gezwungen, Folgendes der Oeffentlichkeit zu übergeben und es dem Urtheile des Lesers anheimzustellen, ob der gedachte Artikel wirklich nur im Interesse der leidenden Curgäste geschrieben ist. Zu Wildungen prakticiren fünf Aerzte, von denen sich drei hauptsächlich der Brunnenpraxis widmen. Einer von diesen wohnt im Badelogirhause, die beiden anderen haben darin Consultationszimmer. Dieselben sind tüchtige Aerzte und haben sich das Vertrauen der Curgäste in vollem Maße erworben, was schon oft und noch kürzlich in der Schrift eines Curgastes: „Altes und Neues von Wildungen“, von C. Müller, Prediger a. D. in Fürstenwalde, öffentlich anerkannt ist. Nachdem vom Norddeutschen Bunde die Freizügigkeit der Aerzte gesetzlich anerkannt war, mußten Normen aufgestellt werden, wie es gehalten werden solle, wenn auswärtige Aerzte in dem Badelogirhause der Actiengesellschaft Wohnung verlangten, um die Praxis auszuüben. Die Ansicht des Verwaltungsraths ging dahin, daß man, bei dem ständigen Wohnungsmangel, in dem Badelogirhause zu den an die Aerzte schon abgegebenen vier Zimmern nicht noch weitere Zimmer an prakticirende Aerzte abgeben und dadurch den Curgästen entziehen dürfe.[1] Die Actionäre billigten diese Ansicht in der Generalversammlung im Juni v. J. einstimmig, weil ja auch fremde Aerzte in Privathäusern und in dem etwa drei Minuten vom Badelogirhause entfernten „Grand Hotel“ Logis finden können. Als nun ein Arzt aus Kassel durch einen Dritten für sich im Badelogirhause eine Wohnung miethen ließ, wurde dieselbe an ihn abgegeben. Nun aber prakticirte der Arzt und es wurde ihm jener Beschluß vom Brunneninspector mitgetheilt und ihm erst, als er dennoch weiter prakticirte, das Logis gekündigt.[2]

Jeder Billigdenkende, der mit uns der Ansicht ist, daß zuerst die Kranken und dann die Gesunden kommen, wird in unserer ganz generellen Anordnung gewiß nichts Unerhörtes und Grausames finden; man würde es im Gegentheil unerhört und grausam finden müssen, wollten wir jedem Arzte in der Nähe der Quellen Wohnung geben und die Kranken in die entfernteren Privatwohnungen verweisen. Aerzte, welchen die Pflicht am höchsten steht, werden die Wege zu den Kranken gern machen. Durch uns wird das „große Princip der Menschlichkeit“ und die „Freiheit der Wissenschaft“ in keiner Weise gefährdet, noch auch das wahre Interesse des Badepublicums, das erkennt dasselbe gern und offen an. Die Badegäste haben völlig freie Wahl unter den Aerzten; der Verwaltungsrath kümmert sich gar nicht darum, welchen Arzt der Curgast wählt.[3] Daß er aber einen bestimmten Arzt, zu dem er Vertrauen hat, in technischen Fragen der Verwaltung zu Rathe zieht, liegt in der Natur der Sache und geschieht wohl überall. Die in der Gartenlaube Nr. 20 erzählte Krankengeschichte ist in der Wirklichkeit wesentlich anders. Der Kranke war aus Antwerpen, wohnte anfangs im „Grand Hôtel“, wo er einen Wildunger Arzt, nicht unseren Brunnenarzt hatte, erbat und bekam später Wohnung im Badelogirhause, und wurde nach kurzer Zeit von dem Arzte aus Kassel behandelt und von einem Wildunger Heilgehülfen auf das Sorgsamste gepflegt.[4] Sollte etwa dem Kranken ein anderer Arzt indirect aufgezwungen sein, wie in Nr. 20 der Gartenlanbe gesagt ist, so that dieses der Verwaltungsrath sicher nicht.[5] Wenn später der Kranke Mißtrauen gegen den Wildunger Arzt gezeigt haben soll: wer hat ihm dasselbe wohl eingeflößt? Der Verwaltungsrath gewiß nicht! Wir überlassen dem Leser, den wahren Werth des Artikels in Nr. 20 der Gartenlaube zu würdigen. Wer die Verhältnisse zu Wildungen nur einigermaßen kennt, weiß schon ohne diese unsere Entgegnung, was von dem Artikel zu halten ist; er weiß, von wem derselbe, sowie derartige andere Artikel, welche zum Theil aufgenommen, zum Theil zurückgewiesen sind, geschrieben oder inspirirt sind.[6] Wir werden uns dadurch nicht beirren lassen und fortfahren, das zu thun, was das wahre Interesse der Curgäste von uns fordert.

Der Verwaltungsrath der Wildunger Mineralquellen-Actiengesellschaft.




Zur Beachtung. Hinsichtlich des in Nr. 23 der Gartenlaube mitgetheilten und mit so großem Beifall aufgenommenen Gedichtes „der Strike der Schmiede“, von Francis Coppée, übersetzt von Eduard Mautner, bemerken wir nachträglich noch, daß nicht allein das Recht des Nachdrucks, sondern auch das Recht des öffentlichen Vortrags vom Uebersetzer vorbehalten worden ist, und daß dieses letztere nur durch den Theateragenten Herrn Hermann Michaelson in Berlin erworben werden kann.



Zur Ehrengabe für Roderich Benedix

gingen wieder ein: D. Gericke in Hamburg 1 Thlr.; Fleischhauer 15 Thlr.; Otto Struwe in Berlin 3 Thlr.; G. Wolff u. Haas in Bernburg 4 Thlr.; R. K. in Z.... 10 fl. österr.; T. H. in Würzburg 1 Thlr.; Assessor Große in Magdeburg 5 Thlr; Aug. Müller in Lpz. 15 Ngr.; 2 Thlr. mit den Worten:

Du gabst uns viel;
Wenn auch nur Stücke,
Ist’s doch ’was Ganzes.
Nimm d’rum von Vielen
Was Ganzes zurück
In Stücken voll Glanzes.

Außerdem geht uns von zwei sächsischen Theatern und einem Liebhabertheater die angenehme Mittheilung zu, daß sie in den nächsten Tagen Vorstellungen zu Gunsten der Benedix’schen Ehrengabe veranstalten werden.

Die Redaction.


Nicht zu übersehen!
Mit dieser Nummer schließt das zweite Quartal unserer Zeitschrift. Wir ersuchen die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das dritte Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.
Die Verlagshandlung.

Mit der ersten Nummer des neuen Quartals beginnt eine reizende Novelle von Levin Schücking: „Die Thurmschwalbe“, während gleichzeitig in den beiden nächsten Nummern die mit allgemeinem Beifall aufgenommene Schmid’sche Erzählung: „Der Bergwirth“ zu Ende geführt wird. Dann wird, wie uns Frau von Hillern zu unserer Freude heute mittheilt, der Abdruck ihres Romans: „Aus eigener Kraft“ neben der Schücking’schen Erzählung wieder beginnen und ohne Unterbrechung zum Abschluß gebracht werden.

Außerdem haben unsere alten bewährten und eine Reihe neuer Mitarbeiter uns mit einer Fülle interessanter Beiträge erfreut, deren Inhalt wir indeß nicht mehr verrathen, nachdem uns – was bei der zeitraubenden Herstellung der Gartenlaube-Auflage so leicht ist – gewisse Leute unsere Ideen und Stoffe weggekapert und in ihrer Weise verwerthet haben. Wir führen also keine einzelnen Beiträge mehr an, um im Ganzen unsere Freunde desto mehr zu überraschen und von Neuem unterhaltend wie belehrend anzuregen.
Die Redaction.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Dies ist nur ein Scheingrund, welchen der Verwaltungsrath hier vorzukehren sucht. Denn Thatsache ist und bleibt, daß in dem Badelogirhause und dem dazu gehörigen „Europäischen Hofe“, mit einziger Ausnahme prakticirender Aerzte, an alle Fremde Wohnungen vermietet werden, so daß alljährlich auch Gesunde vielfach Aufnahme darin gefunden haben und finden. Und deshalb erweist sich der principielle Ausschluß prakticirender Aerzte allerdings als Versuch, die freie Ausübung der Wissenschaft zu beschränken.
  2. Es war aber dem Verwaltungsrath bekannt, daß dieser „prakticirende“ Arzt selbst leidend war! Derselbe – Dr. W. H. aus Kassel – gebrauchte, und Brunneninspection wie Verwaltungsrath wußten darum, die Cur. Er hatte schon früher wiederholt Wildungen besucht, um an den dortigen Quellen Heilung zu finden, war dann durch sein Leiden genöthigt worden, die Praxis in Kassel aufzugeben und wollte jetzt, während er selbst die Wildunger Quellen gebrauchte, den Versuch machen, nebenbei auch Anderen nützlich zu sein. Die gegen ihn verfügte Ausweisung thut also dar, daß die Ausübung des ärztlichen Berufes in Wildungen selbst den kranken Arzt der Wohnung im Badehause beraubt, die jeder Gesunde miethen kann. Ueberdies wurde der Gebrauch, die Namen der prakticirenden Aerzte in jeder Brunnenliste zu veröffentlichen, abgeschafft, sobald Dr. H. ersucht hatte, den seinigen hinzuzufügen.
  3. Damit stimmt doch nicht ganz der öffentliche Anschlag überein, durch den der Verwaltungsrath bekannt macht, daß er Dr. St. zum amtlichen, alleinigen und verantwortlichen Brunnenarzt ernannt habe, an den sich die Curgäste einzig und allein mit allen Bad und Brunnen betreffenden Wünschen zu wenden hätten. Wer wird leugnen wollen, daß die Fassung eines solchen Ferman’s gar Manchem imponiren und ihn abhalten muß, sich selbst für seine eigene Person den Arzt nach Wunsch zu wählen?
  4. Der Kranke war von einer der ersten Autoritäten in seinem Fache, von dem Geheimen Rath Fischer in Köln, an einen der in der Stadt Wildungen wohnenden Aerzte adressirt; dieser zog jenen ausgewiesenen Arzt Dr. H. als einen ebenfalls erfahrenen Sachkundigen zu, und Beide behandelten den Kranken bis zu dessen Tode in größter Eintracht. In Nr. 20 der Gartenlaube ist ausdrücklich gesagt: „statt sich von dem Verwaltungsrathe den Arzt octroyiren zu lassen, den dieser unter den Einheimischen ausgewählt, und dem er Wohnung im Badehause gegeben hatte.“ Mit diesen Worten konnte der in Wildungen wohnende Arzt nicht gemeint sein und die oben nun folgende Phrase von dem „Mißtrauen gegen den Wildunger Arzt“ erweist sich als nichtig und mindestens unbedacht.
  5. Der „andere Arzt“ war allerdings „indirect“ dadurch „aufgezwungen“, daß der Kranke Nachts die Wahl hatte, entweder ohne ärztliche Hülfe zu bleiben, nachdem derjenige, dem er seine Behandlung anvertraut hatte, ausgewiesen war, oder einen im Badelogirhause mit Genehmigung des Verwaltungsraths wohnenden Arzt rufen zu lassen.
  6. Wenn hiermit irgend eine Verdächtigung beabsichtigt sein sollte, weisen wir dieselbe entschieden zurück. Der Schreiber des Artikels in Nr. 20 der Gartenlaube ist an allen diesen einer Besserung dringend bedürftigen Verhältnissen nicht im Entferntesten persönlich betheiligt; was aber die wirklich Betheiligten anlangt, so hat keiner derselben auf anderem Wege sowohl von unserem ersten Artikel, wie von dieser Abwehr Kenntniß erhalten, als der Verwaltungsrath damals und heute selbst. Mit dieser Erklärung schließen wir die Besprechung der in Rede stehenden Angelegenheit, wenigstens für die Spalten der Gartenlaube.