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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Sauter, Anton
Band: 28 (1874), ab Seite: 290. (Quelle)
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Sauter, Ferdinand (österreichischer Poet, geb. zu Werfen, einem Marktflecken im Salzburgischen, am 6. Mai 1804, gest. zu Wien am 30. October 1854). Sein Vater war fürsterzbischöflicher Rath, Kämmerer und Pfleger zu Werfen; der Großvater war ein aus Günzburg eingewanderter Schwabe, der als Wundarzt zu Mattsee bei Salzburg sich niedergelassen hatte. Der Vater selbst, der überdieß ein trefflicher Violinspieler war, schien der Poesie zu huldigen, wie ein in seinem Nachlasse vorgefundenes Gedicht vermuthen läßt. Die Mutter, eine Brauerstochter aus Tittmaning bei Salzburg, war eine schöne Frau, die mit tiefem sittlichem Gefühle echte Frömmigkeit und die schönsten Eigenschaften einer guten Mutter vereinte. Ferdinand verlor, als er noch ein Kind war, den Vater, den in den schönsten Mannesjahren der Tod dahingerafft hatte. Unter der unmittelbaren Leitung der Mutter wuchs S. auf und lebte in den Jahren 1810–1812 auf einem Landgute seines väterlichen Oheims in Salzburgs Nähe, welches die Mutter verwaltete. Sauter schildert dieses Leben in einer herrlichen Naturumgebung im Jahre 1827 in einem Briefe an eine Freundin, den Julius von der Traun in der Lebensskizze des Dichters wörtlich mittheilt. Nach beendeten Vorbereitungsschulen bezog S. das Gymnasium in Salzburg, ohne jedoch an den Studien sonderliches Gefallen zu finden, denn in der fünften Gymnasialclasse äußerte er plötzlich den Wunsch, die Handlung zu erlernen. Da die Erfolge in der Schule nicht die besten waren, gab die Mutter seinem Wunsche nach und Sauter wurde Handlungslehrling, vollendete als solcher die Lehrzeit und erwarb die Zufriedenheit seines Lehrherrn. Nun trat er nicht sofort eine Stelle als Commis in einem anderen Handlungshause an, sondern wurde von seinem Vormunde, der damals Pfleger zu Haag im Innviertel Oberösterreichs war, in die Kanzlei genommen. Aber in dieser Stellung fand sich S. nichts weniger als behaglich, er gab sie also schon nach kurzer Zeit auf und trat im Jahre 1819 bei einem Kaufmanne in Wels ein. Daselbst begann des Jünglings Geist durch belletristische Lecture und den Umgang mit einer gebildeten Frau, die ihm Mutterstelle vertrat, sich allmälig zu entwickeln. Sein früherer Lehrer, der als Geschichtschreiber geschätzte Chorherr Jodoc Stülz, schrieb in einem Briefe an S.’s Mutter, ddo. 25. September 1821, über den damals 17jährigen Jüngling: „Er ist wohl noch ganz Knabe, aber ein guter, unverdorbener Junge, den man gerne haben muß; der Zug von Schwermuth, welcher in seiner Seele liegt, mag ihm schon manche bittere Stunde verursachen, ihn aber auch gewiß [291] von mancher Verirrung frei erhalten“. Mehrere Jahre hielt er wohl in diesem Geschäfte aus, aber mit der wachsenden Erkenntniß und mit dem damit verbundenen Bildungsdrange sagte ihm dasselbe mit jedem Tage weniger zu. „Meine hiesige Lage“, schreibt er in einem Briefe vom 20. December 1824 seinem Bruder Anton: „wird mir mit jedem Tage lästiger, indem ich zu diesem Geschäfte, das ein Schusterjunge ebenso gut oder besser versehen kann, als ich, gar nicht tauge, und ich es leider erkennen muß, daß bei diesem ewigen Nichtsthun auch mein Eifer und meine Wißbegierde erkalten. Leider wählte ich diesen Stand in einer Zeit, wo mir die reifliche Ueberlegung fehlte, und es fiel auch Niemanden bei, mich prüfen zu helfen oder mir zu widerrathen!“ Im Jahre 1825 kam S. nach Wien und die Residenz sollte nun sein bleibender Aufenthalt werden. Daselbst bekam er bald eine Stelle in einer Papierhandlung, welche er bis 1839 ununterbrochen inne hatte. Wenn auch widerwillig, fügte er sich denn doch den Anforderungen der praktischen Welt. In diese Zeit fallen einige, des Dichters Herz tief berührende Ereignisse, der Tod seiner Mutter, der bald nach seiner Ankunft in Wien erfolgte, und zwei Jahre später der seines jüngsten und liebsten Bruders Ludwig, der in seinen Armen im Jahre 1827 starb. Ein tiefer greifendes Ereigniß aber war seine verschwiegene Liebe zur Braut seines ältesten Bruders, mit der er einen vertraulichen Briefwechsel unterhielt, der jedoch zur Mittheilung ungeeignet erscheint. Sein Gemüthszustand, durch verfehlte Hoffnungen tief verdüstert und oft so mächtig erschüttert, daß er sogar an Selbstmord dachte und durch Einschnitte in seinen Arm die Adern zu öffnen versuchte, schien in der Poesie Beruhigung zu suchen, denn in diese Zeit fallen seine ersten poetischen Versuche. Indessen hatte er auch sein kleines Erbe „in Folge seines leichten Sinnes und seiner oft unglücklich gewählten Gesellschaft, die ihn mißbrauchte“, gänzlich aufgezehrt. Und so lebte er mit getäuschten Hoffnungen, von einer unglücklichen Liebe zu tiefst verwundet, von dem kleines Einkommen, das ihm sein Dienst abwarf. In jenen Tagen gänzlicher Verarmung war er mit den ersten Schöpfungen seiner Phantasie, welche zerstreut in Wiener Journalen erschienen, aufgetreten. Seine Stelle in der Papierhandlung hatte er im Jahre 1839 verloren und S. war nun zu seinen Verwandten gereist, hatte sich aber auf der Reise bei einem unglücklichen Sturze über eine Mauer zu Hallstadt so schwer verletzt, daß er bis an sein Lebensende hinkte. Jetzt lebte er von der geringen Beschäftigung, die ihm Friedrich Witthauer und Dr. August Schmidt, Ersterer bei der Redaction der von ihm herausgegebenen „Wiener Zeitschrift“, Letzterer bei seiner „Musik-Zeitung“, geben konnten. Den Antrag, einen Kanzleiposten zu Mittersill im Salzburgischen anzunehmen, schlug er aus; er hungerte lieber in Wien. Seine in dieser Zeit vereinzelt veröffentlichten Gedichte machten ihm viele Freunde. Indessen besserten sich seine materiellen Verhältnisse um nichts, er blieb arm; aber in seiner Armuth theilte er oft seinen letzten Kreuzer und sein letztes Hemd mit sogenannten Freunden, die seine Güte oft mißbrauchten. Endlich erhielt er über Verwendung des Dichters Halm eine Stelle bei der niederösterreichischen Assecuranz-Gesellschaft mit einer Besoldung von 300 fl., welche im Laufe der Jahre auf 500 fl. erhöht wurde. Von diesem Betrage fristete S. sein Leben, [292] welches aber immer eigentlich erst am Abend begann, wenn er im Kreise seiner Bekannten in Lerchenfeld im Gasthause „zur blauen Flasche“ seinem Humor die Zügel schießen ließ oder über Aufforderung seine poetischen Arbeiten vortragen mußte: Ueber sein Leben in diesem Kreise schreibt sein Freund und Biograph Julius von der Traun: „Freilich fehlte es in diesem Kreise sonst achtbarer Bürger auch nicht an Schmeißfliegen, denen der „burleske cynische Sonderling“ lieber war, als der Dichter Sauter. Doch redliche Achtung der Besseren des Kreises schützte ihn und heilte schnell die Wunden, die muthwillige und übermüthige Buben seinem leicht versöhnlichen Herzen geschlagen hatten. Oft aber preßten ihm solche Beleidigungen bittere Thränen aus. In solchen Augenblicken fühlte er schmerzlich, daß nur seine selbstverschuldete Lebensstellung ihn diesen Angriffen bloßstellte.“ In dieser Weise, nur manchmal „die blaue Flasche“ mit dem schattigen Gastgarten des alten Klosterhofes zu Weinhaus vertauschend, wo er dann in Einsamkeit seiner Muse Audienz gab, lebte S. fort, als im Jahre 1854 die Cholera, welche wieder Wien heimsuchte, auch den Dichter, der sich vor der Seuche sehr fürchtete, in nicht geringen Schrecken versetzte. Als ihn junge Aerzte im Gasthofe mit der Prophezeiung neckten, daß er der Seuche nicht entgehen werde und ihrem Seccirmesser verfallen müsse, entgegnete Sauter in heftigster Weise, „daß sie seinen Körper nicht verletzen dürfen“, und in einen Strom von Thränen ausbrechend, rief er aus: „Ihr dürft mich nicht bekommen, Ihr dürft mich nicht“. Ob sie ihn für den Seccirtisch bekamen, weiß Herausgeber dieses Lexikons nicht; aber die Seuche bekam ihn. Er war nach Hernals, einem der Wien zunächst liegenden Vororte, gezogen. Da starb am 27. October d. J. der daselbst wohnende Jugendschriftsteller Ebersberg [Bd. III, S. 412] an der Cholera. S. begleitete am 29. die Leiche des Verblichenen zu ihrer letzten Ruhestätte; aber noch am Abende desselben Tages erkrankte er selbst an der Seuche, wurde in das improvisirte Choleraspital gebracht, das zu Dornbach war aufgestellt worden, aber schon am anderen Tage erlag er der Seuche. Er wurde auf dem Hernalser Friedhofe bestattet. Wenige Monate früher, als er denselben besuchte, nachdem er einer Leiche die letzte Ehre erwiesen, gefiel ihm dieser Ort des Friedens. „Ein freundlicher Ort“, bemerkte er zu seinem Begleiter, „dort der Galizinberg, rechts das Kahlengebirge, hier Bäume und Blumen. Hier möchte ich einst begraben sein.“ Auf die Entgegnung seines Begleiters, „daß der Währinger-Friedhof doch viel schöner sei“, erwiederte Sauter: „Schubert, Beethoven sind wohl dort, es ist mir aber dort zu aristokratisch – zu viele Monumente“. Eine Schaar erlesener Freunde begleitete S.’s Leiche zu Grabe. Der dramatische Schriftsteller BLKÖ:Kaiser, Friedrich (II.)Friedrich ''Kaiser'' [Bd. X, S. 360] sprach am Grabe Worte der Erinnerung; ein Freund hatte die Bahre des Dichters mit einem Lorbeerkranze geschmückt und ein Doppelquartett sandte dem Verewigten die wehmüthigen Klänge der Trauer nach. „Ein Freund“, „berichtet Julius von der Traun, „bat den Todtengräber, eine Locke von Sauter’s Haaren abzuschneiden; er werde sie abholen. Als er sie andern Tages abverlangte’, erzählte der Todtengräber, eine schwarzgekleidete Dame, 40–50 Jahre alt, habe die Locke bereits in Empfang genommen. Niemand weiß, wer diese Dame gewesen. Der Dichter hätte sie vielleicht aus längstvergangenen [293] Tagen zu nennen gewußt. Ihr Name war vielleicht sein süßestes Geheimniß“. Sauter hat seine Gedichte nie gesammelt. Stifter bot ihm seine Vermittelung bei dem Buchhändler Heckenast in Pesth an, aber Sauter besorgte: die Monotonie der meist in einem und demselben Metrum geschriebenen Gedichte dürfte den Eindruck schmälern. Er ging also vorher daran, Gedichte mit anderem Metrum einzuschalten und so die Sammlung sowohl an Inhalt wie an Zahl reichhaltiger zu machen. Auch L. A. Frankl hatte sich ihm einmal angeboten, die Herausgabe seiner Gedichte zu besorgen, aber auch er scheiterte an der Unthätigkeit des Dichters. Erst Julius von der Traun war es vergönnt, die zerstreuten Blumen zu einem Kranze zu sammeln, und ein halbes Jahr nach S.’s Tode erschienen sie unter dem anspruchslosen Titel: „Gedichte von Ferdinand Sauter. Mit des Dichters Lebensskizze aus dessen Nachlasse herausgegeben von Julius von der Traun“ (Wien 1855, Tendler u. Comp., 8°.). Sauter besingt darin die Natur, den Frühling und den Herbst. Aber seine Natur, seine Bäche und Bäume waren belebt von Nymphen und Dryaden. Wenn er Elegien schrieb auf den welkenden Wald, da sickerte durch die Blätter eine Ader, die hinwies auf die Menschheit und ihr Ringen. Und wenn er klagte, daß die Axt bald den letzten Baum fällen werde, da war es ihm das höchste Gut, das er bedroht wähnte! Der Fortschritt der Zeit in rein materieller Richtung entrang ihm einmal die Worte: „Mit der Poesie geht es zu Grabe. Der Materialismus siegt. Eisenbahnen und Dampfschiffe ruiniren das Reich der Phantasie“. Man beschuldigte den Herausgeber, Vieles in diese Sammlung nicht aufgenommen zu haben, was Sauter geschrieben. Darauf gibt es nur eine erklärende Antwort. Julius von der Traun hatte es sich zur Aufgabe gestellt: die Gedichte Sauter’s des Dichters und nicht die Verse Sauter’s des Cynikers herauszugeben. Letztere Aufgabe möge Jenen überlassen bleiben, welche nicht Apoll für den Gott, sondern die Venus vulgivaga für die Göttin der Dichtung halten.

Außer der in der obigen Lebensskizze erwähnten Biographie S.’s von Julius von der Traun geben noch folgende Quellen Nachrichten über Sauter’s Leben: Der Salon. Herausgegeben von Johannes Nordmann (Wien, gr. 8°.) Jahrg. 1854, Bd. 4, S. 185: „Ferdinand Sauter“, von Nordmann. – Morgen-Post (Wiener polit. Blatt), Montagsblatt, 4. Jahrg. (1854), Nr. 269, auf der zweiten Seite. – Faust (polygraphisches Blatt, Wien, gr. 4°.) 1854, Nr. 22: „Sauter“. – Die Donau (Wiener polit. Blatt) 1855, Nr. 294. – Pest-Ofner Zeitung (gr. Fol.) 1854, Nr. 260, S. 1461 [nach dieser gest. am 29. October 1854]. – Presse (Wiener polit. Blatt, Fol.) 1872, Nr. 302. – Porträt. Ein eigentliches, in der Oeffentlichkeit erschienenes Porträt Sauter’s ist mir nicht bekannt. Bei seinem Bruder Anton [s. d. Vorigen] ist ein Bildniß Ferdinand S.’s. Ob es aber gezeichnet oder lithographirt, konnte ich aus der Entfernung nicht entnehmen. Ein Wiener Volksblatt brachte bald nach seinem Tode einen ziemlich rohen Holzschnitt: „Ferdinand Sauter beim Gschwandtner in Hernals“, im Momente vorstellend, wie er im Kreise seiner Freunde die Hand einer Frauensperson ergreift und ihr mit poetischem Schwünge Reize andichtet, die sie nie besessen. Und dieses Holzschnittbildniß ist sehr ähnlich. – Im Jahre 1862 fertigte der Photograph Rudolph Bayer in Wien nach einer größeren Photographie S.’s dessen Bild in Visitkartenformat an und war dasselbe käuflich zu haben. – Sauter’s Grab. Dasselbe wurde ein Jahr nach S.’s Tode auf dem Hernalser Friedhofe, wo S. begraben liegt, mit einem einfachen Denksteine, der eine Lyra an der Spitze weist, geschmückt, auf welchem nachstehende, wenige Wochen vor seinem Tode von ihm selbst verfaßte Grabschrift eingemeißelt ist:

[294] Viel genossen, viel gelitten,
Und das Glück lag in der Mitten;
Viel empfunden, nichts erworben,
Frisch gelebt und leicht gestorben.
Frag’ nicht nach der Zahl der Jahre,
Kein Kalender ist die Bahre,
Und der Mensch im Leichentuch’
Bleibt ein zugeklapptes Buch.
Deßhalb, Wand’rer! ziehe weiter.
Denn Verwesung stimmt nicht heiter.

Zur Errichtung dieses Grabsteins eröffnete der Journalist L. J. Semlitsch[WS 1] eine Subscription. – Zur literarischen Charakteristik Sauter’s. Die deutschen Literaturhistoriker Gottschall, Julian Schmidt, Heinrich Kurz kennen Sauter’s Namen nicht und doch schrieb Hieronymus Lorm in seinem 1847 erschienenen Buche: Wiens poetische Schwingen und Federn, S. 248, über ihn: „Sauter ist eine höchst originelle Figur unter den österreichischen Dichtern und unter den außerhalb Wiens unbekannten der talentvollste, ja vielleicht talentvoller als Mancher, dem es gelungen ist, seinen Namen über die Barrièren Wiens oder Oesterreichs schallen zu lassen. Ein schönes Gemüth, ein bewegtes inneres Leben spricht sich in seinen Versen aus, die, obwohl nur zerstreut gedruckt, doch schon eine gewisse Wiener Popularität genießen; ja manche seiner Lieder sind förmlich in den Mund des Volkes übergegangen und werden als Volkslieder fortleben, ohne daß man später, ebenso wie jetzt nicht, wissen wird, von wem sie herrühren. Was seinen Versen schadet und was eine durchgreifende Wirkung stets verhindern wird, ist das Didaktische, das in vielen vorherrscht, und die Form, die sich manchmal Rococo kleidet.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: J. G. Semlitsch.