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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 27 (1874), ab Seite: 132. (Quelle)
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Mayer Amschel Rothschild in der Wikipedia
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13. Maier Anselm Rothschild (Begründer des Hauses Rothschild, geb. zu Frankfurt a. M. im Jahre 1743, gest. ebenda 19. September 1812). Sein Vater Amschel Moses war Kaufmann in Frankfurt a. M. Maier Anselm oder, wie es im Volksmunde gang und gebe, Amschel, sollte Rabbiner werden und kam dieserhalben, als er zum Jüngling herangewachsen war, nach Fürth, wo er auf der dortigen, damals berühmten Judenschule jüdische Theologie studirte. Aber bei aller Frömmigkeit und Gläubigkeit, die einen Grundzug seines Charakters bildete, fand er am Rabbinerthum kein Gefallen, kehrte in’s Elternhaus zurück und widmete sich dem Handelsgeschäfte seines Vaters. Aber nicht lange war seines Bleibens daselbst, denn er nahm im Oppenheim’schen Bankierhause zu Hannover eine Comptoiristenstelle an, welche er mehrere Jahre versah, in welcher Zeit ihn sein Principal seiner Geschicklichkeit wegen zu einigen sehr wichtigen Geschäften verwendete. Nun kehrte er in seine Vaterstadt zurück und begründete daselbst ein selbstständiges Geschäft. Von früher Jugend an hegte er große Vorliebe für Münzen, beim Umwechseln der Geldstücke, wozu der Vater den Knaben öfter verwendete, mochten Alter, Werth und Schönheit der Geldstücke seine Aufmerksamkeit in ihm erregt und jene Vorliebe in ihm ausgebildet haben, die sich im Laufe der Jahre zu einer ganz tüchtigen Münzkunde erhob, welche den eigentlichen näheren Verkehr mit dem hessischen Landgrafen Wilhelm IX., der auch die Liebhaberei der Münzkunde betrieb, vermittelte. [133] Anziehend schildert Gutzkow Rothschild’s bis zur Wissenschaftlichkeit sich erhebende Liebe für Münzen. „Maier Anselm war bewandert in jeder Centurie, in persischen, byzantinischen Münzen, er war geschickt, das Werk des Professors Eckhel in Wien zu recensiren, wenn ihn die salzburgische Literatur-Zeitung dazu aufgefordert hätte. Er trieb das Comptoirgeschäft, aber er that es wie Moses Mendelssohn, der auf der Burgstraße in Berlin das große Buch einer Seidenwaaren-Handlung führte und nebenbei in dem noch größeren Buche der Natur und des Geistes blätterte. Nur war der Unterschied, daß Mendelssohn für Kant, Maier Anselm für Winckelmann schwärmte. Jener unterschied das Räumliche von dem Zeitlichen in der Erscheinung, dieser einen Caracalla von einem Heliogabal. Jener wußte, wie sich das Gute von der Güte, das Schöne von der Schönheit, Aristoteles von Plato und beide wieder von Sokrates unterschieden; Dieser, wie weit die Römer in Deutschland vorgedrungen sind, wo sie ihre Todten begruben. Maier Anselm war ein Antiquar, der für die Thatsachen der Geschichte schwärmte.“ In seinem Verkehre mit Maier Anselm lernte der Landgraf in demselben den ebenso geschäftskundigen als strengrechtlichen Kaufmann kennen und bediente sich seiner bei Abwickelung verschiedener Geldangelegenheiten, welche Rothschild immer auf das Zuverlässigste und Prompteste ausführte. So gewann Maier Anselm das unbegrenzte Vertrauen des von 1785 bis 1821 regierenden Landgrafen, nachherigen Churfürsten. Als Wilhelm im Jahre 1806, bei Ausbruch des Krieges der Franzosen mit Preußen und Rußland, von Napoleon’s Haß verfolgt, sein Land verlassen mußte, nahm der Fürst keinen Anstand, den größten Theil seines Vermögens Maier Anselm R., den er schon im Jahre 1801 zu seinem Hofagenten ernannt hatte, anzuvertrauen. Rothschild bewahrte die ihm übergebenen Millionen mit Sorgfalt und Treue. Als Churfürst Wilhelm bald nach seiner Flucht durch Napoleon für abgesetzt und seines Landes verlustig erklärt wurde, stand zu besorgen, daß die Franzosen den von Maier Anselm übernommenen Geldschatz des flüchtigen Fürsten aufspüren und abverlangen würden. Aber Rothschild hütete das von ihm anvertraute Gut wie sein eigenes. In die Weinfässer seines Kellers soll er die churfürstlichen Gelder versteckt haben. Ihm selbst war es nicht mehr vergönnt, den gehüteten Schatz seinem Fürsten zurückzustellen; denn der Churfürst kehrte erst 1813 in sein Land zurück und Maier Anselm[WS 1] war das Jahr zuvor bereits gestorben. Aber seine Söhne thaten es und übergaben Wilhelm I. (als Landgraf IX.) die ganze anvertraute Summe nebst den aufgelaufenen Zinsen. Der Churfürst war über diese im Ganzen doch selbstverständliche Ehrlichkeit erstaunt und dieser Umstand, da dieser Vorgang bei allen europäischen Höfen bekannt und das Bankhaus Rothschild nun gern in finanziellen Dingen benützt wurde, bahnte den Söhnen den Weg zu jener Höhe, auf welcher heute die Familie Rothschild steht. Beide Momente: „Die Uebergabe des Schatzes durch den Landgrafen an Maier Anselm“ und „Die Zurückerstattung des anvertrauten Gutes durch Maier Anselm’s Söhne“ sind durch den berühmten Maler des israelitischen Haus- und Familienlebens, Moriz Oppenheim, verherrlicht worden, wie dessen schon im Abschnitte: „Ueber die Familie Rothschild im Allgemeinen“ Erwähnung geschah. Maier Anselm betrieb sein Geschäft mit Umsicht und Sorgfalt. Im Jahre 1780 hatte er in der Frankfurter Judengasse das Haus zum „grünen Schild“, ein altes, fast baufälliges Gebäude, angekauft und dasselbe mit seiner Gattin bis an sein Lebensende bewohnt, während letztere noch 37 Jahre länger lebte, in welcher Zeit sie die Macht und Größe ihrer Familie in ungeahnter Weise hatte wachsen gesehen, in demselben auch dann wohnen blieb, als es ihr freistand, in einen fürstlichen Palast zu übersiedeln. Im Jahre 1798 besaß Maier Anselm bereits die Mittel, neben seinem Frankfurter Handlungshause ein zweites in London zu gründen; schloß in den Jahren 1804–1812 mit dem Staate Dänemark Anlehengeschäfte im Gesammtbetrage von zehn Millionen ab und und übernahm 1808 die Jahre lang dauernde Besorgung von Geldlieferungen an das englische Heer, welches in Spanien gegen die Franzosen kämpfte. Maier Anselm starb nahezu 70jährig. Er war ungeachtet seines erworbenen Reichthums in Lebensweise und Kleidung stets seiner früheren Gewohnheit treu geblieben, und nahm das Andenken eines durch Rechtlichkeit und kaufmännische Tüchtigkeit, durch Frömmigkeit und Menschenliebe ausgezeichneten Menschen mit. Stets hat er [134] gern Almosen ausgetheilt; er war deßhalb beim Ausgehen gewöhnlich von Leuten umgeben, die seine Mildthätigkeit in Anspruch nahmen. Nicht selten pflegte er auf eine ganz besondere Weise Almosen zu spenden. Da er nämlich den unter Juden nicht seltenen Glauben hatte, daß Gott diejenigen Wohlthäter am meisten belohne, für welche ihr Spender keinen Dank empfangen habe, so ging er mitunter im Abenddunkel durch die Judengasse, drückte jedem ärmlich Aussehenden, der ihm begegnete, einige Geldstücke in die Hand und eilte dann schnell davon. In seinem Testamente hatte er die Armen auch reichlich bedacht. Daß es nicht an Stimmen fehlte, welche den Biedermann verlästerten, braucht nicht versichert zu werden. Der von Richard Zeune herausgegebene „Catalogue XII. d’une belle collection de lettres autographes” (Berlin 1867) bringt unter Nummer 238 den Auszug aus einem Briefe vom Jahre 1804, den Maier Anselm an einen hessischen Minister geschrieben haben soll, der in Allem, in Ton und Haltung, ein geschickt nachgemachtes Falsum sein dürfte, um den Charakter Rothschild’s, der ja auch seine Feinde und Verfolger hatte, herabzusetzen. Bezeichnender und im Hinblicke auf den glaubwürdigen Erzähler wichtig ist eine Schilderung, welche Börne von dem alten Rothschild, den er noch persönlich gekannt, gibt. „Der alte Rothschild, der Stammvater der Familie Rothschild, war ein braver Mann, die Frömmigkeit und Gutherzigkeit selbst. Es war ein mildthätiges Gesicht mit einem spitzigen Bärtchen, auf dem Kopfe ein dreieckig gehörnter Hut und die Kleidung mehr als bescheiden, fast ärmlich. So ging er in Frankfurt herum, und beständig umgab ihn wie ein Hofstaat ein Haufen armer Leute, denen er Almosen ertheilte oder mit gutem Rathe zusprach. Wenn man aus der Straße eine Reihe von Bettlern antraf mit getrösteten oder vergnügten Mienen, so wußte man, daß hier eben der alte Rothschild seinen Durchzug gehalten. Als ich noch ein kleines Bübchen war und eines Freitags Abends mit meinem Vater durch die Judengasse ging, begegneten nur dem alten Rothschild, welcher eben aus der Synagoge kam; ich erinnere mich, daß er, nachdem er mit meinem Vater gesprochen, auch mir einige liebreiche Worte sägte, und daß er endlich die Hand auf meinen Kopf legte, um mich zu segnen. Ich bin fest überzeugt, diesem Rothschild’schen Segen verdank’ ich es, obgleich ich ein deutscher Schriftsteller wurde, daß niemals das baare Geld in meiner Tasche ganz ausging“. So Börne über Maier Anselm. Als sich Rothschild zum Sterben niederlegte, versammelte er seine Söhne Anselm, Salomon, Nathan, Karl und Jacob um sich, gab ihnen den Segen und erzählte ihnen die persische Fabel von dem Bündel Pfeile, von denen jeder einzelne zerbrechlich, alle zusammen eine feste Masse bilden. Dieses Sinnbild mit den Pfeilen haben die Söhne auch später in ihr Wappen aufgenommen. Dann forderte er ihnen das Versprechen ab, daß sie nie von ihrem Glauben lassen, nie sich entzweien und nie etwas unternehmen würden, ohne vorher die Mutter, so lange sie lebte, um Rath gefragt zu haben. Und sie hielten Wort. Der älteste, in Frankfurt a. M. lebende Sohn Maier Anselm besuchte täglich seine alte Mutter, die den Vater um 37 Jahre überlebte, und erwies ihr, wie auch seine Brüder, jene Ehrfurcht in ihren späten Tagen, wie damals, da er noch ein Kind war. – Die alte Gudula oder, wie sie im Volksmunde hieß, Gutle Schnapper, war aber auch eine Frau von seltenen Geistesgaben. Seit 1770 Maier Anselm’s Gattin, hatte sie das seltene Glück, aus den bescheidensten Anfängen ihres Gatten die von ihren fünf Sühnen gebildete Pentarchie des Reichthums in den fünf Hauptstädten Europa’s, in Wien, Paris, London, Neapel und Frankfurt a. M., sich erheben zu sehen. Und doch war die alte Gudula, die Mutter der Allewelt Finanziers, nicht zu bewegen, das auffallend schlechte und enge Haus in der Judengasse Frankfurts, das sie zehn Jahre nach ihrer Heirath mit Maier Amsel im Jahre 1780 bezogen hatte, zu verlassen. Mit einer bewunderungsvollen Pietät hielt sie an dieser Behausung. „In dieser Hütte, meinte sie, „habe Sie ihre Kinder reich werden sehen, und Sie glaube, der Himmel könnte sich von ihrer Nachkommenschaft abwenden, wenn sie aus irdischem Stolze eine Wohnung verließe, in welcher sie alle Kinder zur Welt und zu großem Glücke gebracht.“ „Sie ist, wie Gutzkow über sie schrieb, da sie noch lebte, der Genius, der über ihre Kinder Wache hält, ein fast unsichtbarer Genius, denn sie wohnt immer in der Frankfurter Judengasse. Sie kann sich nicht trennen, die alte Frau, von dem Elende ihres Volkes und freut sich, in dem schmutzigen [135] Viertel die Einzige zu sein, welche alle vier Wochen weiße, saubere Gardinen an ihre kleinen Fenster aufsteckt. Das ist ihr Stolz! Sie verläßt die liebe Heimat nur, um in Anselm’s Prachtgärten, die Königin der Nacht blühen zu sehen, oder ein neues Gemälde zu betrachten, das der Sohn neben Oppenheim’s berühmter „Susanne“ placirt. An demselben Tage wird sie ausathmen, glaub’ ich, wo Lätitia Bonaparte stirbt. Wie ähnlich sind beide! Und wieder, welch ein Contrast, riesengroß wie die Welt!“ Als! sie starb, war sie 94 Jahre alt. In den letzten Jahren, als sie schon sehr an den Ungemächlichkeiten des Alters litt, stritt sie eines Tages mit ihrem Arzte über die Unzulänglichkeit seiner Mittel, die keineswegs die gehoffte Erleichterung geschafft hatten. „Was wollen Sie aber nur?“ versetzte der etwas aus der Fassung gebrachte Hausarzt, „ich kann Sie leider nicht jünger machen“. – „Sie mißverstehen mich“, erwiederte voll Ruhe die Matrone, „ich will ja auch nicht, daß Sie mich jünger, sondern nur, daß Sie mich älter machen“. In ihrer 42jährigen Ehe gebar Gudula ihrem Gatten Maier Amschel außer den oben erwähnten fünf Söhnen auch fünf Töchter, Charlotte, Isabella, Babette, Julie, Henriette, welche in die Familien Worms, Beyfuß, Sichel, Montefiore [vergl. die Stammtafel] heiratheten. [Cohen (S. J.), Musterhaftes Leben des verewigten Herrn Bankiers Maier Amschel Rothschild, Mitglied des Frankfurter Wahlcollegiums, als Denkmal für diesen edlen Israeliten allen edlen Freunden der Tugend gewidmet. (Diese Schrift kam nie in Handel und existirt nur in sehr wenigen Exemplaren.) – Gartenlaube (Leipzig, Ernst Keil, gr. 4°.) 1865, S. 564 u. 565[WS 2], im Aufsatze von G. L. Kriegk: „Die Judengasse in Frankfurt am Main u. s. w.“ – Gräffer (Franz), Jüdischer Plutarch, oder biographisches Lexikon der markantesten Männer und Frauen jüdischer Abkunft ... mit besonderer Rücksicht auf das österreichische Kaiserthum (Wien 1848, Klopf u. Eurich, 8°.) Erstes Alphabet, S. 178: „Rothschild Maier Anselm, der Vater“. – Das Haus Rothschild. Seine Geschichte und seine Geschäfte (Prag und Leipzig 1857, Kober, 8°.) Bd. I, S. 89–113: „Anfänge des Hauses Rothschild“. – Rumburger Zeitung 1868, Nr. 94, im Feuilleton: „Rothschild. Eine historisch-biographische Skizze“. – Wanderer (Wiener polit. Blatt, Fol.) 1868, Nr. 284, im Feuilleton: „Rothschild. Eine historisch-biographische Skizze“. (Diese, oder doch eine ähnliche Geschichte über den Ursprung des Reichthums und der Firma Rothschild, welche sich natürlich auf den alten Maier Amschel, den Vater der nachmals so berühmt und reich gewordenen Söhne Anselm Maier, Salomon Maier, Nathan Maier, Karl Maier und Jonas Maier bezieht, erzählt Alex. Dumas (Vater) in seinen Reise-Erinnerungen; sie wurde dann weiter ausgeschmückt, machte den Weg aus Paris als „Correspondenz ddo. Paris 11. October“ in dem Wiener „Wanderer“ und aus diesem die Runde in alle großen und kleinen, guten und schlechten Blätter und Blättchen, welche vom Diebstahl und Raube leben.) – Porträt. Dasselbe im Holzschnitt mit der Unterschrift: „Maier Amschel Rothschild, Urheber der Geldmacht der Rothschilde“, im Werke von Franz Otto: „Das Buch berühmter Kaufleute oder der Kaufmann zu allen Zeiten“ (Leipzig und Berlin, zweiter u. verm. Abdruck 1876, Otto Spamer, gr. 8°.) S. 539 – und auf S. 549 das Bild: „Landgraf Wilhelm IX. und Amschel Rothschild“.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Maier Ansel.
  2. Vorlage: S. 584 u. 585.