Aus der Wandermappe der Gartenlaube/7

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Titel: Aus der Wandermappe der Gartenlaube/7
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 427–430
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Aus der Wandermappe der Gartenlaube.
Nr. 7. Auf dem Victoriaberge bei Remagen.

„Der Salondampfer,“ erzählte ich auf einem Spaziergange bei Remagen meiner Begleiterin, einer sehr liebenswürdigen Dame, „war außerordentlich reich besetzt. Zwischen langen Engländerbeinen und noch längeren Damenkleiderschleppen arbeiteten wir uns mühsam durch, um auf dem Verdeck ein behagliches Plätzchen zu erobern. Erst oberhalb Köln gelang es uns, und nun räumten wir die beste Stelle am Frühstückstisch einem Gefährten ein, dem wohl jeder der zahlreichen Fahrgäste gern sofort Platz gemacht hätte, wenn Einer von uns seinen Namen genannt haben würde. Mir fielen Dingelstedt’s Verse ein, mit welchen er eine Rheinfahrt des alten Uhland schilderte:

Die du stolz und wellenmächtig meerwärts fliegst auf raschen Bahnen,
Warum schweigen deine Böller, warum feiern deine Fahnen?
Warum schmücket keine Flagge jenen Mast, kein Kranz die Raa?
Trägst doch einen König heute, Königin Victoria!“

„Und wer war Ihr Gefährte?“ frug die Dame.

„Ein deutscher Dichter, gnädige Frau! Erlauben Sie mir, im Style einer Novelle zu erzählen und den Namen bis zum Culminationspunkt zu verschweigen. Wenn wir auf dem untern Plateau des Victoriaberges angekommen sind so zeige ich Ihnen seine ehemalige Heimstätte Unkel –“

„Also Freiligrath war es?“ rief die junge Frau.

„Ich konnte nicht ahnen, daß eine Dame, deren Geburtsjahr ein Decennium später, als des Dichters Aufenthalt am Rhein liegt, seine Biographie so genau kennen würde.“

„Als ob ich nicht wüßte, daß Freiligrath in Unkel seine Gattin gefunden, daß er in Rolandseck die Ruine neu erbaute und daß sein herrliches Liebeslied aus der Unkeler Zeit stammt!“

„Desto besser. – Sehen Sie, da taucht schon der Rolandsbogen auf. In der Neujahrsnacht 1839 zertrümmerte ein Sturm die Ruine, Freiligrath schrieb und sammelte ein Rolands-Album und ließ für den Ertrag den Bogen durch den Kölnischen Dombaumeister Zwirner wieder aufrichten.“

„Ein weit sichtbares Wahrzeichen, eine stolze, schöne Erinnerung für einen Dichter!“

„Nicht wahr – und wenn der Dichter nun achtzehn Jahre lang verbannt gewesen und sieht das Wahrzeichen zum ersten Male wieder! – Als uns, wie ich bereits erzählte, der Salondampfer von Köln rheinaufwärts trug, geleiteten wir den eben aus England heimgekehrten Freund nach Rolandseck, um ihm von dem wiedergewonnenen Heimathboden sogleich denjenigen Punkt zu zeigen, an welchen sich seine liebsten Erinnerungen [428] knüpften. Dort aber standen wir um ihn gruppirt, und als nun der Drachenfels, den er so schön besungen, als Unkel vor uns lag, darin er sogar das Fenster seines Wohnzimmers wieder erkannte, trug Emil Rittershaus einen Gruß der Heimath an den Heimgekehrten vor. Seitdem ist mir der Rolandsbogen doppelt werth.“

„Und nun interessirt er auch mich in erhöhtem Maße,“ sagte meine liebenswürdige Begleiterin. „Ich will ihn hier, auf dem unterm Plateau des Victoriaberges, mit Ruhe betrachten; inzwischen berichten Sie mir, warum lerne ich erst heute diese schöne Partie kennen? Remagen und seinen Apollinarisberg besuche ich seit vielen Jahren und Niemand sagte mir von diesem Victoria-Berge.“

„Weil derselbe erst seit einem Jahre zugänglich gemacht wurde. Der fünfhundert Fuß hohe Berg wurde bis dahin den Vögeln des Waldes allein überlassen; die schlichten Bauersleute, die das Eichengestrüpp zur Gewinnung der Lohrinde hier fällten, waren für die Schönheit des Punktes unempfänglich. Einmal aufmerksam gemacht, daß hier eine Stelle sei, die der berühmten Rossel bei Bingen ähnlich, bildeten Remagens Bewohner einen Verschönerungsverein, kauften Grundstücke, ließen Waldwege hauen und planiren, Lichtungen schlagen, Einschnitte überbrücken und führten Mooshütten, Pavillons und Erfrischungshallen an den Hauptpunkten auf.“

Die Gartenlaube (1870) b 428.jpg

Auf dem Victoriaberge bei Remagen am Rhein. [Nach] einem größeren Bilde des Malers Jungheim in Düsseldorf.

„Wir wollen gehen, wollen sehen und hören – Amsel, Fink und Nachtigall sollen uns das Wanderlied singen, und was von romantischen Erinnerungen sich an den Ort knüpft, sollen Sie mir erzählen – ich habe fast Alles vergessen.“

„Remagen ist römischen Ursprungs. Man fand hier ehedem römische Alterthümer und Rigomagus wurde auf einem anderthalb Jahrhunderte nach Christi Geburt gesetzten Meilenstein als Station der nach Köln führenden Heerstraße bezeichnet. Aus der spätern christlichen Zeit stammt noch ein alter Thorbogen mit vielen Sculpturen, ein wunderliches Gemisch heidnischer und biblischer Gestalten. An den Hügel drüben knüpft sich eine Legende. Das Schiff, welches die Reliquien der heiligen drei Könige von Mailand nach Köln trug und zugleich des Bischofs Apollinaris Gebeine barg, wollte nicht von der Stelle, bis die letzteren in der Martinscapelle beigesetzt waren. Capelle und Berg erhielten dann den Namen von St. Apollinar und fromme Pilger wallfahrteten zu diesem Gnadenorte, der einen erhöhten Glanz bekam, als Graf Egon von Fürstenberg 1836 durch Zwirner die Kirche erbauen ließ, deren Inneres mit Fresken von Deger, Ittenbach, Karl und [429] Andreas Müller aus Düsseldorf überreich ausgeschmückt wurde. Entfalten wir jetzt die hübsche Lithographie, die des Düsseldorfer Landschafters Jungheim ganz vortreffliche Zeichnung treu wiedergiebt, sie bietet uns einen Vorgeschmack des Genusses, der uns erwartet. Vom Victoria-Tempel am westlichen Endpunkt des Berges aufgenommen, giebt sie im Vordergrunde diesen Tempel; der kleinere rechts ist die Hofreiden-Terrasse, eine Eremitage liegt noch zwischen beiden im Walde versteckt.“

„Genug! Ich sehe den Rhein dort schon durch das Grün der Tannen – das Plateau liegt vor uns, kommen Sie!“

Meine liebenswürdige Begleiterin war mit diesen Worten vorausgeeilt. „Gott sei Dank,“ sagte sie, „daß die zahlreiche Gesellschaft, die der Maler zum Schmuck des Bildes anzubringen für gut befunden, nicht lärmend und bewundernd uns umgiebt. Hier unter dem Strohdache scheint der beste Punkt zu sein. Ich gestehe, die Aussicht gehört zu den schönsten, die ich jemals genossen trotz dem Tempel auf dem Niederwald bei Bingen, mit welcher schönen Stelle man diese am ehesten vergleichen kann, weil auch dort der Rhein auf sehr weite Entfernung übersehen wird.“

„Wie das flatternde Band, das ein Engel auf vielen Gemälden und Sculpturen zwischen seinen Händen ausbreitet, erscheint hier der Rhein in der Mitte nach unten gelegen und an beiden Enden gezackt auslaufend. Links bilden Nonnenwerth, rechts das Eiland vor Andernach den Zacken. Vom Drachenfels, also auf der äußersten Linken, das jenseitige Ufer betrachtend, sehen wir vor uns: Rheinbreitbach, Unkel, Scheuern und Bruchhausen. Uns gerade gegenüber liegt Erpel, der Basaltfelsen ist die Erpeler Lei; dann kommt, immer hart am Ufer, Kasbach, Linzerhausen, Linz mit dem Dattenberg, dann Leubsdorf und Hönningen. Und überblicken wir nun, von links beginnend, das diesseitige Ufer, so haben wir Rolandseck, Oberwinter, die moderne Burg Marienfels und die Apollinariskirche. Zu unseren Füßen liegt Remagen; rechts, vom Ufer eine halbe Stunde entfernt, Sinzig, und über Niederbreisig und Brohl sehen wir Andernach. Auf volle neun Stunden Wegs überblicken wir den Lauf des Rheins. Doch Sie haben mir kaum zugehört, gnädige Frau!“

„Ich dachte eben darüber nach, warum des Rheines schöne Bilder sich ungleich tiefer uns einprägen, als Alles, was wir von Naturschönheiten, selbst viel großartigeren, anderer Gegenden sehen.“

„Ich glaube, es rührt das daher, weil der Rhein, wie die Thüringer Lande von einem Zauber von Romantik umwoben, in jedem empfänglichen Herzen poetische Gefühle weckt, weil seine Berge, [430] seine Ruinen, seine Reben Klänge wachrufen, die unsere Dichter in unseren goldenen Jugendtagen uns in’s Herz gesungen. An die rührendste Ballade Schiller’s gemahnt uns dort der Rolandsbogen, obgleich Ritter Toggenburg dem Boden der Schweiz angehört. Wir gedenken des Nibelungenliedes, obgleich der Drachentödter Siegfried nur dem Namen nach an den Drachenfelsen erinnert –“

„Aber Sie erwähnten auch eines Liedes von Freiligrath. Warum kenne ich dasselbe nicht?“

„Weil es in der leider sehr wenig verbreiteten Sammlung ‚Zwischen den Garben‘ erschien. Es lautet:

Hoch stand ich auf dem Drachenfels,
Ich hob die Hand, ich biß die Lippen:
Mein Jagdhund, freudigen Gebells,
Schlug an im Wiederhall der Klippen.
Er flog hinab, er flog hinan
Er flog, als ob ein Wild ihm liefe!
Ich aber stand, ein froher Mann,
Und bog hinab mich in die Tiefe.

In seiner Trauben lust’ger Zier,
Der dunkelrothen, wie der gelben,
Sah ich das Rheinthal unter mir
Wie einen Römer grün sich wölben.
Das ist ein Kelch! Die Sage träumt
An seinem Rand auf moos’ger Zinne;
Der Wein, der in dem Becher schäumt,
Ist die Romantik, ist die Minne!

Ha, wie er sprüht! Kampf und Turnier!
Die Wangen glühn, die Herzen klopfen!
Es blitzt der Helm und das Visir,
Und schöne, frische Wunden tropfen.
Und hoch im Erker sinnend steht,
Vor der sich senken alle Fahnen.
Was bin ich so bewegt, was weht
Durch meine Brust ein selig Ahnen!“

Während ich recitirte, hatten wir unsere Wanderung fortgesetzt, um auch die anderen schönen Punkte des Victoriaberges zu erreichen. Die „Eremitage“ heißt das zweite Plateau. Hier erscheint das vor uns liegende Landschaftsbild in engerem Rahmen, wir haben nur die Hälfte des großen Panoramas zu übersehen, von Erpel bis Andernach. Vor Allem imponirt uns hier das Siebengebirge, dessen Kuppen hier ganz im richtigen Verhältnisse ihrer Höhe erscheinen.

Durch einen auf der Hochebene sich weit ausbreitenden Tannenwald, den angenehmen Duft des Harzes einathmend, überall von Inschriften am Wege geleitet, kamen wir nach der „Hofreiden-Terrasse“ (Freiden, die First des Fußes; Hofreiden soviel wie hohe First), die dritte Station, die „goldene Meile“ der Römer, wo wir die Städte Sinzig und Linz im Vordergrunde haben, auf der Höhe Schloß Rheineck erblicken, die Thürme von Andernach sehen und weit in’s Eifelgebirge hineinschauen.

Meine Begleiterin wurde nicht müde. „Wissen Sie, gnädige Frau, daß dies rastlose Genießen eigentlich eine fatale Folge unserer Eisenbahnreise ist? Wir gönnen uns keine Ruhe mehr. Zu Schiller’s Zeit schlug die Uhr keinem Glücklichen, jetzt schlägt die Bahnhofsglocke Allen, die sich glücklich schätzen sollten, der Locomotive entronnen zu sein.“

„Ich aber will erst ruhen, wenn wir auf der letzten Station sind.“

„Sie heißt der Reis-Pavillon, richtiger wäre Reiser-Pavillon. Der Bergrücken, dessen äußerste Spitze das Moosdach krönt, scheidet das Rheinthal vom Ahrthale. Es ist ein Hauptvorzug des Victoriaberges, daß wir den schönsten Nebenfluß des Rheins, die Ahr, zugleich mitgenießen. Während wir zur Linken Alles, was wir vom Rhein gesehen, nochmals überblicken, sehen wir rechts mitten in’s Ahrthal hinein, über die ‚Landskrone‘ und Neuenahr über Bodendorf nach Walporzheim, und den Horizont begrenzen die Kuppen der Eifel, deren Eine mit der Ruine der Burg Olbrück meilenweit in’s Land hinaussieht. Als ich zum ersten Male diese Gegend betrat, achtzehnjährig, von Bonn aus, war sie ungleich mehr als jetzt von Dichtern und ihren Gesellen bevölkert. Um Freiligrath in Unkel gruppirten sich Anno 1841 Simrock von Bonn, Pfarrius von Köln, Levin Schücking von Münster, Matzerath, Müller von Königswinter – der joviale Maler mit dem Pfropfenzieher-Monogramm –, Adolph Schroedter von Düsseldorf etc. Es war eine poetische Zeit, ganz anders wie jetzt …“

„Weil Sie mittlerweile dreißig Jahre älter geworden, erscheint Ihnen die Gegenwart nicht mehr so, wie die Vergangenheit …“

„Nicht deshalb, gnädige Frau! Das politische Leben hatte durch die Thronbesteigung Friedrich Wilhelm des Vierten einen Aufschwung bekommen, es ging ein frischer Hauch durch die Geister, Herwegh sang seine ‚Lieder eines Lebendigen‘, Prutz, Dingelstedt, Hoffmann von Fallersleben wurden von Jung und Alt gelesen, wir feierten des alten Arndt Wiedereinsetzung, Greise trugen ihm zu Ehren die Fackel. Jetzt erscheint mir Alles wie todt, selbst die Jugend hat kein Feuer mehr.“ –

Der Lärm des Städtchens Remagen, in das wir eben zurückgekehrt waren, und von welchem der Victoriaberg nur zehn Minuten Weges entfernt liegt, unterbrach unser Gespräch. Im Hôtel Fürstenberg verehrte der Besitzer, Herr O. Caracciola, meiner Begleiterin zum Andenken ein Autograph Freiligrath’s; in der Zeit seines Aufenthalts in Unkel und St. Goar hatte er oft mit ihm correspondirt. Wir tranken auf des Dichters baldige Heimkehr in sein geliebtes Rheinland.