Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen IV. Section/H13

Heft 12 des Erzgebirgischer Kreis Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke
Heft 13 der Section Erzgebirgischer Kreis
Heft 14 des Erzgebirgischer Kreis
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Schloss Stein
  2. Grossrückerswalde
  3. Olbernhau
  4. Gränitz
  5. Nieder-Langenau


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Schloss Stein.
(vide 11. Heft des Erzgebirgischen Kreises.)


Das Schloss Stein, eine starke Stunde von der Stadt Schneeberg gelegen, gehörte als Hauptsitz der Standesherrschaft Stein zu der niederen Grafschaft Hartenstein. Die alte Standesherrschaft Stein begreift in sich drei unzusammenhängende Distrikte, von denen der kleinste bei Wiesenburg befindlich ist, den zweiten die Stadt Lössnitz bildet und der dritte zwischen Hartenstein und Schneeberg liegt, so dass ihn die Aemter Schwarzenberg, Wiesenburg, Wildenfels, Hartenstein und das Rittergutsgebiet von Niederschlema einschliessen. Nach ihrem jetzigen Bestande umfasst die Herrschaft Stein etwa eine halbe Quadratmeile mit wenig mehr als sechstausend Bewohnern. Sie besteht aus der Stadt Lössnitz nebst Dreihansen, den Dörfern Wildbach, Langenbach, Lerchenberg und Neudörfel, einem Antheil an Schönau und dem Oertchen Stein, welches letztere keine Gemeinde bildet. Früher gehörten auch Russdorf und Neudörfchen dazu.

Die Burg Stein hatte wahrscheinlich ursprünglich die Bestimmung, dem nahen Hauptschlosse Hartenstein zur Vormauer zu dienen, indem sie den hier befindlichen Pass über die Mulde vertheidigte. Beim Bau der Burg lichtete man natürlich einen Theil der hier befindlichen grossen Waldungen, baute nahe bei der neuen Veste ein Vorwerk, wies die später entstandenen Dörfer Langenbach und Wildbach mit ihren Diensten dahin und schuf auf diese Art ein Rittergut, welches Veit von Schönburg im Jahre 1406 vom Burggrafen Heinrich I. von Meissen, nebst der ganzen Grafschaft Hartenstein, gegen ein Darlehn von 8000 Goldgülden mit als Pfand erhielt. Obgleich nun die Herren von Schönburg bereits wirkliche Besitzer dieses Gebiets waren, fanden doch noch lange Zeit hindurch Misshelligkeiten hinsichtlich der Lehns– und Landeshoheit statt, bis endlich der letzte Burggraf von Meissen, Heinrich Reuss II. von Plauen im Jahre 1439 seinem Schwiegersohne, Veit II. von Schönburg, alle Ansprüche an Hartenstein als Aussteuer seiner Tochter abtrat und 1456 der Kaiser befahl, dass Hartenstein als kursächsisches Lehn betrachtet werden sollte. Die Trennung der oberen und niederen Grafschaft Hartenstein erfolgte im Jahre 1559 wo erstere an den Kurfürsten August für 146,000 Gülden verkauft wurde, während die niedere Grafschaft Hugo von Schönburg übernahm, der sich mit seinen Brüdern Ernst und Wolf über das Erbe des Vaters, Ernst’s II. von Schönburg, einigte.

Das Schloss Stein, seit 1649 der Sitz eines jetzt in Lössnitz befindlichen Amtes, war von 1632 an die zweite Residenz der Herren von Hartenstein, seit 1702 aber der eigentliche Sitz der Steiner Linie des Schönburgischen Hauses, obwohl sich diese Herren seit der Erbauung des Russdorfer Schlosses mehr dort aufhielten als in Stein. Die ehrwürdige Burg liegt hart am Ufer der Mulde, in einem zwar engen, aber unbeschreiblich schönen Waldthale, in welches das Hartensteiner Thal einmündet, das auch dem Mineralogen als Fundort des natürlichen Zinnobers merkwürdig ist. Dem Schlosse gegenüber erhebt sich ein steiles Gebirge, welches den Steiner Wald trägt. Beide Ufer der Mulde sind hart am Schlosse durch eine schöne Brücke verbunden, für deren Benutzung schon 1610 Hildebrand von Trützschler auf Stein einen Zoll verlangte. Die alte von ihm erbaute Brücke zertrümmerte 1694 die Fluth, nachdem schon 1573 eine hölzerne Brücke dasselbe Schicksal gehabt hatte. Die 1769 erbaute bedeckte Brücke wurde erst in neuester Zeit durch eine steinerne ersetzt. Bei dem Schlosse Stein befinden sich ausser einigen Häuslerwohnungen die Schlossmühle, das Jägerhaus und verschiedene Wirthschaftsgebäude. Im Jahre 1822 wurde von einem Herrn Kunz hier eine Pulvermühle angelegt. Das Schloss Stein ist mit seinen Umgebungen nach Wildbach eingepfarrt.

Mit allem Rechte nannte man die Burg Stein „zum Steine“ da sie nicht nur auf einem kleinen, isolirten Felsen sondern auch grösstentheils in denselben hineingebaut ist, indem das Gestein fast überall bis zum dritten Geschoss hinaufreicht. Die Südseite der Burg ist von der Mulde begrenzt und zeigt einen dicken, runden Thurm, den man später mit einer spitzen Haube bedeckte und mehrere Gebäude, die ein vor hundert Jahren stattgefundener Brand zwar theilweise zerstörte, welche aber in neuerer Zeit, wie das ganze Schloss, eine vollständige Renovation erfuhren. Auf die Höhe des Hauptgebäudes führen 155 Stufen. Nordöstlich ragt der Wartthurm empor, mit der daneben befindlichen, ebenfalls sehr hoch gelegenen Kapelle und auf der Ostseite steht das Brauhaus, über dessen Dach der Felsen hinausreicht. Von drei Seiten ist die Burg mit, jetzt trockenen, Gräben umgeben, über die vormals eine hölzerne Brücke nach dem gewölbten Burgthore führte. Ein Arm des Hartensteiner Baches bespühlt des Schlosses Ostseite, fällt in die Mulde [98] und macht dadurch den Schlossfelsen zur Insel. Auf einer nordöstlich gelegenen Felsenkoppe ist noch einiges Gemäuer vorhanden, welches man für Ueberbleibsel des ältesten Schlosses hält.

Der Ursprung des Schlosses Stein ist unbekannt und seine früheste Geschichte wird namentlich dadurch sehr unbestimmt, dass mehrere Schlösser Sachsens (wie Stenn bei Zwickau und Posterstein bei Altenburg) ebenfalls nur „Stein“ genannt werden. Nur wahrscheinlich ist es, dass hierher Gerhard und Heidenreich zum Stein gehören, deren eine Urkunde von 1254 erwähnt, ebenso werden 1330 „kunnicz vom Stein“ in Zwickau und Conrad Egerer daselbst, der auch Conrad vom Steine oder Conrad von Osterwen heisst, aufgeführt. Im Jahre 1411 gehörte Stein dem alten Hinze von Remse, welche Familie ihren Wohnsitz auf dieser Burg aufschlug, nachdem sie die Oekonomie zu Remse dem dasigen Kloster überlassen hatte. Die Ritter von Remse waren ohne Zweifel lange im Besitze der Burg Stein, da Veit von Schönberg ausdrücklich ein Lehnsherr dieser Familie genannt wird. In der Mitte des funfzehnten Jahrhunderts finden wir die Familie von Trützschler-Eichelberg auf der Burg, doch weiss man nicht ob dieselbe das Gut als Eigenthum besass, oder es nur in Niessbrauch hatte, für welche letztere Ansicht der Umstand spricht, dass die Trützschler erbliche Schlossvoigte auf Hartenstein waren und vermuthlich dafür die Einnahme des Gutes Stein empfingen. Im Jahre 1487 sagt Margarethe von Trützschler in einem Diplom: „dass ihr Junker den Stein auch schon besessen“. Diese Linie der Trützschler nannte sich zum Unterschiede von der Falkensteiner Linie, Trützschler von Eichelberg oder Eichenberg, wahrscheinlich nach einem Gütchen bei Glauchau, das jetzt Elzenberg heisst, gewöhnlich aber „der Trützschler“ genannt wird. Von dieser Familie hat der Trützschlerwald zwischen Zwickau und Werdau seinen Namen. Die Trützschler besassen Stein bis 1632, wo mit Hildebrand von Trützschler auf Stein diese Linie erlosch, und Stein an die Herren von Schönburg zurückfiel. Diese benutzten Stein noch als Veste, und als die Zwickauer das Holzflössen nach Glauchau hindern wollten, liess Ernst II. von Schönburg die Zwickauer Flösse aus den Fenstern des Schlosses beschiessen. Auf dem Schlosse Stein starb 1651 Veit von Schönburg, Hugo’s II. Sohn.

In früher Zeit hatte die Mulde hier wahrscheinlich viel engere Ufer als jetzt, dafür spricht eine Thür, welche aus dem Schlosse direct in das Wasser führt. Am linken Ufer dringt ein verfallener Gang in das Gebirge ein, von dem behauptet wird, dass er nach der nahen Eisenburg führte. Diese Eisenburg, deren Trümmer noch vorhanden sind, gehörte dem bekannten Kunz von Kaufungen und liegt in geringer Entfernung von der sogenannten Prinzenhöhle. Dass Kaufungen die geraubten Prinzen hierher, nicht aber nach Eisenburg in Böhmen bringen wollte, wird zwar vielfach behauptet, ist aber denn doch ziemlich unwahrscheinlich, da bei der grossen Nähe der Eisenburg die Prinzenräuber Mosel und Schönfels sich nicht drei Tage in der Höhle aufgehalten haben würden. – Der erwähnte unterirdische Gang, zu welchem dem Schlosse Stein gegenüber eine Thür führt, ist am Eingange zwei Ellen weit und dritthalb Ellen hoch, dann erreicht man ein Gewölbe von sechs Ellen Breite und mehr als zwanzig Ellen Länge, welches sich nach und nach auf drei Ellen verengt. Auf drei Seiten dieser Weitung führen wieder zwanzig Ellen lange und drei Ellen hohe Gänge tiefer in den Felsen, die man aber wegen mehrerer Verschüttungen nicht weiter untersuchen kann.

Zur Zeit befindet sich im Schlosse Stein eine Restauration, die von weit und breit besucht wird. Zu den häufig stattfindenden Concerten ladet der Wirth sogar regelmässig durch die Leipziger Zeitung ein. Hinter der Mühle liegt eine Insel, auf welcher 1779 bei Gelegenheit der Vermählung eines Grafen von Hochberg mit einer Gräfin Schönburg ein arkadisches Schäferfest dargestellt wurde. Die alte Burg ist jetzt sehr stattlich eingerichtet und gehört unstreitig zu den reizendsten Punkten des Erzgebirges. Unwillkührlich aber erfasst den Besucher des Schlosses, wenn er am Ufer der rauschenden Mulde sitzend die altersgrauen Mauern und Thürme beschaut, der wehmüthige Gedanke, dass Alles eitel ist! – Seit vielen Jahrhunderten ragen die alten Steinmassen empor, sie haben wohl zwanzig Generationen überdauert und werden noch stolz der Zeit trotzen wenn auch wir längst zu Staub geworden sind! –

Otto Moser.     



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Grossrückerswalde.


Grossrückerswalde, auch Fernrückerswalde genannt, ist ein grosses, schönes zwei und eine halbe Stunde nördlich von Annaberg gelegenes, durch Viehzucht, Ackerbau und namentlich Flachsbau sich auszeichnendes Dorf, welches aus mehr als hundertundsechszig Häusern und fast elfhundert Einwohnern besteht.

Das hiesige Rittergut ist eine alte Besitzung der Herren von Berbisdorf, welchen dasselbe noch im achtzehnten Jahrhundert gehörte. Von dieser altadeligen preussischen Familie sagt eine alte Urkunde: Anno 1140 hat der Grossmeister Weinrich von Kniproda mit Kunisduda Fürstin zu Littaw, so eine Hewdin gewesen, eine Schlacht vor Kahen in Littaw gehalten, in welcher schlacht Andreas von berbisdorf ein fendrich gewesen und sein fänlein, ob ihm gleich beide Arme ab- und zerhauen gewesen, im Maule darvon bracht, welches Ritterlichen verhaltens er nicht nur zum Ritter geschlagen sondern ihm auch sein wapen mit den abgehawenen gekrönten, schwartz und rothen Armen, welches ohn zwäuffel bluth vndt leiden oder schmertzen bedewt, mit dem darüber leuchtenden Stern verbessert und zu führen gegeben worden.

Das alte Manuscript sagt ferner: Caspar von Berbisdorf ist wegen Kriegsgefahr ausn land in Preusen mit einem graffen von Leisneck in diese länder kommen, so geschehen im Jhahre unserer erlösung 1230, vndt ist bey gedachten graffen alss ein hoffmeister biss an sein ende blieben, auch alda 1270 verstorben. Wer seine hauswirthin gewest hat Niemandt in erfarungk bringen können, hat nach sich gelassen einen son mit namen hanss. Dieser hanss von Berbisdorf hat etlich bergwergk zu freibergk an sich bracht und daraus gross reichthumb erlanget, die gütter Wegfarth, Duttendorf und den Halss bei freibergk erkauft auch dem graffen zu Leisnik, des vorigen son, 4000 Rheinische gülden uff die herrschaft Lauterstein geliehen, so gescheen 1300. Sein eheweib ist eine des geschlechts freiburgk gewesen, welches geschlechts in fuffzehn turniren gedacht wird, hat mit ihr gezeuget zween Söne, Casparn und Nickeln, auch töchter, die aber nit aufzeichnet worden. Er starb 1310 Caspar von Berbisdorf, hannssens eltister son ererbte neben seinen bruther Nickeln, von Ihrem Vater die güter Wegfahrt, Duttendorf und den Halss neben dem Pfandschilling uff dem lautersteine, verkaufte Duttendorf und den Halss widder an den alten Nickel von Molsdorf, weller genannt, und kaufte dagegen die müle zur Mitweide; zalete dem graffen von Leisneck, vollent aus und brachte den lauterstein Erblichen an sich vndt seine nachkommen, so geschehen 1315, die es auch nur ohne verhinderung in die 244 Jhar besessen‚ bis sie es Anno 1559 Churfürst Augusto auf seiner Churfürstlichen Durchlaucht begeren wieder lassen müssen. Caspar von Berbisdorfs Eheweib ist gewesen eine von Seida uff Bihern, mit welcher er zwei Söne gezeiget, Caspar vndt Hanss. Er starb zum lauterstein Anno 1378.

Die Berbisdorfe, welche ohne Zweifel durch den schlauen und äusserst wirthschaftlichen Churfürsten August, wie viele andere Rittergutsbesitzer eine bedeutende Beeinträchtigung ihres grossen Besitzthums erfuhren, kamen im Laufe der Jahrhunderte in ihren Vermögensverhältnissen, namentlich durch Vererbungen und Kriegslasten dergestalt zurück, dass sie in der Mitte des vorigen Jahrhunderts auch ihre letzten erzgebirgischen Güter, worunter Grossrückerswalde, aufgeben mussten. Nach verschiedenen Besitzern gelangte Grossrückerswalde an den königl. Sächs. Major Herrn von Oehlschlägel, dem das Gut noch jetzt gehört.

In den Kirchenbüchern, welche nach einer darin befindlichen schriftlichen Notiz „auf Befehl“ im August 1568 angefangen worden sind, hat der erste protestantische Pfarrer, Jacob Patzschkaw, der von 1529 bis 1553 das hiesige Pfarramt verwaltete, ausser den kirchlichen Mittheilungen auch manche, die Ortsgeschichte betreffende Nachricht eingetragen, welchen nachahmungswerthen Beispiele viele seiner Amtsnachfolger sich anschlossen. Leider sind die Taufnachrichten von 1568 bis 1622, die Traunachrichten von 1574 bis 1633 und die Todtennachrichten von 1580 bis 1621 durch die Nachlässigkeit des Schulmeisters Ulmann verloren gegangen. Im Jahre 1547 raffte die Pest in Grossrückerswalde viele Menschen weg, ein Schicksal welches den Ort auch 1581 und 1582 betraf, auf welche Seuche zwei alte in der Kirche aufgehängte Gemälde hindeuten. Auch 1640 und 1641 wüthete hier eine epidemische Krankheit, die von 159 Personen 129 hinwegraffte. Ein pestkranker Einwohner, [100] Michael Neuber, den die Seinigen allein gelassen hatten, verbrannte lebendig, weil er das in Flammen gerathene Haus nicht verlassen konnte. Die Durchmärsche der Oestreicher und Preussen während des siebenjährigen Krieges brachten Grossrückerswalde ungeheuren Schaden.

Die Reformation wurde in Grossrückerswalde bereits 1529 eingeführt, da die hiesige Pflege zu der Landesportion Heinrichs des Frommen gehörte. Nach Grossrückerswalde sind eingepfarrt: Boden, Fichtenbach, die neuen Häuser, das Haus am Wasser, Hirschleid, Judenstein, Scheidebach, Schindelbach und das Teichvorwerk. Früher, und noch 1547, gehörten auch Kühnheide und Reitzenhain zur hiesigen Parochie, wofür der Pfarrer sechs Gulden drei Groschen Besoldung bezog und jeden Monat an einem Donnerstage daselbst eine Predigt halten musste. Auch in Marienberg, das 1521 gegründet wurde, hielt der Pfarrer zu Grossrückerswalde gegen Besoldung eine Messe. Seit den ältesten Zeiten hatten die Franziskanermönche zu Annaberg die Verpflichtung, in der Kapelle des Dorfes Mauersberg den Gottesdienst zu verrichten. Nach der Reformation blieb die Kapelle unbenutzt, bis im Jahre 1617 den Pastor zu Grossrückerswalde die Weisung wurde, daselbst jährlich einmal zu predigen und alle kirchlichen Vorkommnisse, wie Taufen und Trauungen, zu verrichten, übrigens mussten die Mauersberger Einwohner die Kirche zu Grossrückerswalde besuchen. Nach mancherlei Streitigkeiten gelang es der Gemeinde zu Mauersberg aus dem kirchlichen Verbande mit Grossrückerswalde zu treten. Der Auspfarrungsrecess datirt vom 17. October 1721.

Zu der Pfarre, welche 1547 das erstemal, dann 1635 wiederum und endlich 1767 nochmals neu aufgebaut wurde, gehören zwei Güter, das Hauptgut bei der Wohnung und ein kleineres in der wüsten Schlette. Die Schule ist 1704 erbaut und 1835 zur Wohnung für zwei Lehrer und zum Unterricht eingerichtet worden. Die Kirche besitzt einen interessanten, alterthümlichen, silbernen Kelch vom Jahre 1524, und ihre Glocken wurden 1824 umgegossen. Die 1820 von Steinmüller aus Grünhain erbaute Orgel kostet 1800 Thaler.

O. M.     




Olbernhau.


Olbernhau, ein Marktflecken mit darin befindlichem starken Rittergute, gehört unbedingt zu den interessantesten Ortschaften des Erzgebirges. Der Flecken liegt in einem der reizendsten Thäler Sachsens, zu beiden Seiten der Flöhe, welche hier die, in dem Ansprunger Walde entspringende, Rohnstock in sich aufnimmt, und ist von Zöblitz zwei kleine Stunden, von Marienberg drei Stunden entfernt. Die Häuser erstrecken sich von Südosten nach Nordwesten in dreiviertelstündiger Reihe hin, und zwar in der Mitte und oberhalb an beiden Ufern, unterwärts aber nur an dem linken Ufer der Flöhe hin, da hier die Gebäude durch mehrere ziemlich breite Wiesen vom Flusse getrennt sind. In der Mitte des Ortes zieht sich nach Südwesten im Thale der Rohnstock eine Gasse hin, die fast eine Viertelstunde lang ist und der Rungenstock heisst. Einige Häuser bilden das südwärts gelegene Oertchen Leubnitzdörfchen oder Neuleubnitz. Der Flecken Olbernhau besteht aus dreihundert Häusern mit mehr als zweitausend Einwohnern. Jährlich finden hier sechs stark besuchte Märkte statt. Der Ort mag durch Wallfahrten nach einer Kapelle des heiligen Albertus oder durch den Bergbau entstanden sein. Olbernhau ist auf vielen Karten als ein Städtchen bezeichnet, jedoch mit Unrecht, denn obwohl sein Aeusseres einem solchen vollkommen gleicht und der Ort auch mannigfache städtische Gerechsame besitzt, hat, er doch nur den Rang eines Fleckens. In den ältesten Urkunden heisst derselbe Albertshau, ja in einem Diplom von 1309 sogar Albertshain, und der Name stimmt auch mit der Lage Olbernhaus gänzlich überein, da die Erbauung desselben offenbar auf einer vom Walde entblössten Rodung stattfand. Das Gebiet des Fleckens mit Einschluss des Rittergutsgebietes wird östlich von der Flöhe und Natzschung durch zwei kleine [101] Bäche begrenzt, welche, im Pfaffrodaer Buchwalde entspringend, den Olbernhauer Berg umschliessen. Am linken Ufer der Flöhe sind die Fluren von dem Neuleubnitzer Bache und einem aus dem Walde hervortretenden Bächlein umschlossen. Olbernhaus Fluren sind von drei grossen Waldungen umgeben, nämlich westlich vom sogenannten Forste, nordöstlich vom Pfaffrodaer Buchwalde und südlich, so wie südwestlich von dem grossen Hauptwalde, mit dem der Forst zwar zusammenhängt, jedoch sichtbar einen besondern Wald bildet und gleich dem Hauptwalde aus herrlichen Buchen, Fichten, Tannen und Ahorn besteht. Er breitet sich zwischen Olbernhau, Blumenau und Grundau aus, welches letztgenannte Dorf ihn von dem grossen Sorgauer Walde trennt. Der Hauptwald, auch Buchwald genannt, ist eine der bedeutendsten Forstungen Sachsens, erstreckt sich von Nordost und Ost nach Südwest und West, eine Meile in die Länge und bis zu einer Stunde in die Breite, hängt südwestlich mit dem Kriegswalde und hinter Rothenthal mit dem Wildberge in Böhmen zusammen und stösst an die Fluren von Olbernhau, Grünthal, Rothenthal, Einsiedel, Rübenau‚ Bobershau, Ansprung und Grundau. In ihm finden sich hauptsächlich die schönsten Buchen und er bildet nebst dem Wildberge das Hauptdepot der Flöhenflösse. – Die Rohnstock, welche ohne Zweifel den Namen eines verschwundenen Dorfes führt, tritt am Ende des Dorfes Ansprung in den Hauptwald ein und bildet nach und nach hier einen Grund, der an die wilden Thäler der sächsischen Schweiz erinnert, obgleich ihm deren Felsgebilde fehlen. Hier liegt die einsame Rungstocksmühle, und nicht weit davon eine zweite Mühle. Die Länge des Baches beträgt zwei Stunden und sein Fall gegen fünfhundert Pariser Fuss.

Unbeschreiblich reizend ist das Olbernhauer Thal. In der Mitte dieses Ortes hat dasselbe kaum dreihundert Schritte Breite, öffnet sich jedoch nach oben und unten immer mehr, so dass es endlich eine Viertelstunde auseinander tritt. Der obere kleinere Theil bietet weniger Schönheiten dar als der untere, gewährt jedoch vom Olbernhauer Berge gleichfalls ein treffliches Panorama, worin das obere Olbernhau und Grünthal die bemerkenswerthesten Punkte bilden, und das durch Rothenthal, Brandau und Katharinenberg in Böhmen sowie durch den Heidelberg vortheilhaft geschlossen wird. Der Hauptwald und der Pfaffrodaer Wald geben eine angenehme Perspective. – Ungleich schöner ist jedoch die untere Thalhälfte, die von einem Kreise ansehnlicher mit Wald und Flur bedeckter Berge umgeben ist, während der Grund aus den herrlichsten Wiesen besteht, die von der Flöhe gleich einem Silberbande durchschnitten werden. Am Fusse des Bergkessels ziehen sich in fast ununterbrochener Reihe eine Anzahl stattlicher Dörfer hin. Betrachtet man dieses Thal von dem Olbernhauer Berge, so schliesst der Drachwald bei Wernsdorf das reizende Bild, welches in ansehnlicher Breite den Forst und den Pfaffrodaer Wald umfasst.

Was die Gewerbsthätigkeit Olbernhaus anbetrifft, so ist diese eine ausserordentliche. Es befinden sich hier eine Anzahl Fabriken, starke Klöppelei und Weberei, ja es kann mit Recht behauptet werden, dass kein Ort unseres Vaterlandes so viel Mannigfaltigkeit seiner Gewerbe aufzuweisen hat wie Olbernhau. Dagegen ist der Ackerbau nicht sehr beträchtlich, die Viehzucht hingegen von Belang. Nahe bei dem Orte befindet sich reiches Torflager und ein kalter Schwefelbrunnen bei der Saigerhütte zu Grünthal‚ auch treibt man Bergbau, der jedoch in früherer Zeit noch bedeutender gewesen sein mag. Vor dem Jahre 1639, wo die Schweden Olbernhau fast gänzlich ruinirten, war der Eisenbau von Wichtigkeit und beim jetzigen Zainhammer stand damals ein Hohofen nebst anderen Werken.

Das Rittergut Olbernhau wurde erst im Jahre 1657 zu einem solchen erhoben‚ bis dahin war es nur ein Erblehngericht. Die ältesten Nachrichten besagen dass Olbernhau ein Bestandtheil der Herrschaft Lauterstein gewesen sei, die 1289 von Böhmen an Sachsen abgetreten wurde, und ursprünglich dem Grafen von Leissnig, später aber den Herren von Berbisdorf gehörte. Bei der Theilung der Herrschaft fiel Olbernhau an Niederlauterstein und kam 1559 durch Kauf an den Churfürsten August, welcher den Ort zur Kammer schlug. Im Jahre 1656 gehörte das Gut dem churfürstlichen Kammerdiener Magnus Oehmigen, der 4½ Hufen Feld, einige Mühlen und Waldparzellen dazu kaufte, worauf es der Churfürst Johann Georg II. zum Rittergute erhob, eine halbe Stunde langes Fischwasser in der Flöhe nebst verschiedenen Zinsen dazu schenkte und zugleich die Erlaubniss gab, das Areal des wüsten Rittergutes Rothenthal unter die Gärtner und Häusler zu vertheilen. Auf Magnus Oehmigen folgte im Besitze des Rittergutes Olbernhau der Hofjägermeister und Flossinspector Karl Gottlieb von Leubnitz, dem es noch vor 1740 der Amtshauptmann von Berbisdorf abkaufte. Später kam das Gut an den Kabinetsminister Grafen Kleist vom Loss und von diesem an seinen Sohn den Geheimrath und Hausmarschall Johann Adolf Grafen Kleist vom Loss auf Olbernhau, Hirschstein und Rothenthal, alsdann an den jetzigen Besitzer, Herrn Oberhofjägermeister und königl. Preussischen Major Grafen Kleist vom Loss. Von 1699 bis 1752 war hier der Sitz des Amtes, welches früher in Lauterstein und dann in Marienberg gewesen war, jetzt aber in Zöblitz ist. Das Rittergut Olbernhau hat eine Freistelle auf der Landesschule zu Meissen zu vergeben.

Die Gebäude des Rittergutes befinden sich auf der Westseite des [102] hübschen gepflasterten Marktes; sie bestehen aus zwei langen, gutgebauten Flügeln, in deren einem man die herrschaftliche Wohnung einrichtete, nachdem 1767 das schöne, drei Stockwerk hohe Schloss niedergebrannt war. Aus den Steinen desselben baute der Oekonomieinspektor Heyde die Gebäude eines Folienhammers. Vormals gehörte zu dem Gute auch ein grosser Theil des Hauptwaldes, welcher jedoch später davon wegkam, indessen besitzt das Gut noch immer ein bedeutendes Holzlegat von dreihundert Schragen. Vorzüglich pflegt man auf dem Rittergute die Viehzucht, wozu die herrlichen Wiesen treffliches Futter gehen. Es gehören noch dazu das nahe Rothenthal und zwei Vorwerke, das Poppische und das Haingut, und auf allen drei Wirthschaften hält man in der Regel zweihundert Stücken Rindvieh.

Die Kirche zu Olbernhau war früher eine Kapelle des heiligen Albertus und ein berühmter Wallfahrtsort, der vermuthlich, wie schon erwähnt, Veranlassung zur Gründung des Ortes gab. An der Kirche sind ein Oberpfarrer und ein Diakonus angestellt. Das Diakonat wurde erst im Jahre 1726 errichtet und der erste Diakonus war Magister Joseph Müller von Berneck. An der hiesigen Schule lehren ein Rektor, ein Cantor und ein Hülfslehrer. Die Pfarre hat bedeutende Feldwirthschaft und einen grossen Obstgarten. Am Markte stehen auch die Apotheke und das Erblehngericht mit einem wohleingerichteten Gasthofe.

In Olbernhau befindet sich seit Jahrhunderten eine Cantoreigesellschaft, deren Mitglieder sich in Adjuvanten und Ehrenmitglieder eintheilen. Erstere haben die Verpflichtung Musikproben und Aufführungen in der Kirche unentgeldlich zu leisten, wofür sie weiter keine Revenüe beziehen, als die Einnahme für das Neujahrsblasen, seit länger als zweihundert Jahren das Tranksteuerbeneficium und zum Cantoreischmause, der aller zwei Jahre stattfindet, zwei Kübel Kohlen aus der landesherrlichen Saigerhütte Grünthal. Andere der Gesellschaft zustehende Beneficien sind ihr in neuerer Zeit entzogen worden. Im siebzehnten Jahrhundert und namentlich während der Regierungszeit Churfürst Johann Georgs I. hatte die Cantoreigesellschaft zu Olbernhau gute Zeit, indem die Landesherren damals häufig in den hiesigen Waldungen grosse Jagden abhielten, wobei auch eine Bande, das heisst ein Musikcorps zu erscheinen hatte. Zu diesem Zwecke erhielten die Adjuvanten ein stattliches Kleid, eine Art Uniform und als Waffe einen Hirschfänger, denn zu jener Zeit war es nichts Seltenes, dass man im Walde einem zottigen Bären oder geifernden Wildschweine begegnete. Die Cantorei verwahrt einen solchen Hirschfänger zum Andenken an jene Zeit. Für diese Dienstleistung schenkten die Churfürsten der Cantoreigesellschaft zu ihren Convivien einige Tonnen Bier und einen Hirsch.

Eingepfarrt in die Kirche zu Olbernhau sind: die Saigerhütte Grünthal, Rothenthal, Blumenau, Nieder- und Kleinneuschönberg. Rothenthal liegt von Olbernhau drei Stunden entfernt und gehörte 1675 August Rhoden, kam aber um jene Zeit an Olbernhau, nachdem das Rittergut zerschlagen worden war. Das Dorf liegt in dem schon erwähnten wildschönen Grunde und zählt in vierundfunfzig Häusern vierhundert Einwohner, hauptsächlich Waldarbeiter, Drechsler, Strumpfwirker und Klöppler, auch befindet sich hier eine Papiermühle und eine Fabrik musikalischer Instrumente.

O. M.     




Gränitz.


Gränitz liegt 3 Stunden südwestlich von Freiberg an der Annaberger Strasse, und gehört ohne Zweifel zu den zerstreutest gebauten Dörfern des Erzgebirges. Der Ort zählt etwa zweihundert Bewohner in vierzig Häusern, und wird von dem sogenannten Gränitzbach berührt, welcher unterhalb des Dorfes sich mit dem Grosswaltersdorfer Bache vereinigt und dann den Namen der Lössnitz führt. An dem Gränitzbache liegt eine zum Dorfe gehörige Mühle. Die Fluren desselben rainen mit denen von Langenau, Gross- und Kleinhartmannsdorf und Waltersdorf. Nordwestlich von Gränitz befindet sich der so trefflich bestandene herrschaftliche Tannbusch, auch Tännicht genannt, in nördlicher Richtung erhebt sich etwas entfernter die ansehnliche Langenauer Höhe, und südöstlich die zu Grosshartmannsdorf gehörige Butterhöhe. Bedeutend ist hier der Lein- und Kleebau. Es giebt hier auch ein Erbgericht mit Schankgerechtigkeit. Die Ortsbewohner bestehen aus Erbgärtnern, Bergleuten und Leinwebern.

Gränitz ist slavischen Ursprungs. Es lag vor Jahrhunderten hart an der böhmischen Grenze, die noch um das Jahr 1292 sich bis hierher erstreckte, und daher kommt auch sein Name, denn das slavische granitza bedeutet Grenze. Gränitz war früher ein bedeutenderer Ort als jetzt. Ein altes Register von 1590 spricht von Häusern die in langer [103] Reihe sich über die Kirche hinauszogen und die Wohnung des Pfarrers am unteren Dorfe beweist ebenfalls, dass der Ort früher nach dieser Seite eine längere Ausdehnung hatte. Ohne Zweifel wurde Gränitz im dreissigjährigen Kriege verwüstet, denn eine grosse Anzahl seiner Bewohner siedelte sich in nahen Dörfern, namentlich in Langenau und Hartmannsdorf an.

Das Rittergut Gränitz ist zwar nicht sehr ansehnlich, hat aber verhältnissmässig guten Boden, eine Schäferei und treffliche Gebäude. Das erstemal wird Gränitz 1459 erwähnt und zwar bei Gelegenheit einer Streitigkeit zwischen Hans Rylke uff Gränitz und Jochen von Schönbergk, weicher letztere der hiesigen Kirche ein Gefälle entziehen und dem Pfarrer zu Hartmannsdorf überlassen wollte. Leider sind viele wichtige Urkunden bei dem am 19. November 1807 stattgefundenen Rittergutsbrande verloren gegangen, so dass wir nur mit grosser Mühe die hier und da einzeln verstreuten Nachrichten über Gränitz zusammen bringen konnten.

Im 16. Jahrhundert und zwar um das Jahr 1524 gehörte Gränitz Hans von Rylke, der es an einen von Güntherode, wie es scheint seinen Schwiegersohn überliess. Von diesem kaufte das Gut Christoph Heydenreich, ein sehr frommer und kirchenfreundlicher Herr, der sich um Gränitz Verdienste erwarb, doch muss der Ort damals auch eine kurze Zeit im Besitze des Churfürsten August gewesen sein, denn es wurde für diesen hier ein Jagdschloss erbaut, zu dem ein Baumeister aus Dresden den Plan entwarf.

Christoph Heydenreich liess 1614 die alte Kirche abtragen und 1618 eine neue erbauen, welche von dem Sächsischen Hofprediger zu Dresden, Daniel Hänichen eingeweiht wurde. Er starb am 24. Januar 1626 und wurde im Erbbegräbniss unter dem Altare beigesetzt, worauf der damalige Pfarrer Johann Schütze die betreffende lateinische Inschrift fertigte. Zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts finden wir als Herrn auf Gränitz den churfürstlich Sächsischen R. V. K. Z. M. Jacob Wilhelm Griebe, einen Sohn Heinrich Griebes, Doctors der Rechte. Im Jahre 1752 besass Gränitz Dr. Heinrich Gottfried Griebe, von dem das Gut an die Familie Rechenberg gelangte, welche es bis zum Tode des am 20. April 1807 verstorbenen Christian Samuel Rechenberg besass, worauf es Emanuel Ehregott Neubert, ein sehr erfahrungsreicher Oekonom erwarb, der das Gut bedeutend verbessert hat. Herrn Neubert traf das eben so seltsame als traurige Schicksal, dass am Tage nach seiner Vermählung und seinem Einzuge von Zöblitz in hiesiges Gut, das vormalige churfürstliche Jagdschloss allhier mit aller seiner Pracht und Ausschmückung in Flammen aufging, wobei leider auch das Rittergutsarchiv verbrannte.

Vor der Reformation befand sich zu Gränitz eine berühmte Wallfahrtskapelle der heiligen Maria, die 1519 vom Bischof Johannes von Meissen eingeweiht und zu drei wöchentlichen Messen bestimmt wurde, welche der Pleban von Grosshartmannsdorf zu celebriren hatte. Daraus entstand ein Jahrmarkt, der jedesmal am 2. Juli, dem Feste Mariä Heimsuchung, in der Nähe des Gotteshauses stattfindet, wozu 1737 Dr. Griebe der Gemeinde einen grösseren Platz schenkte.

Die alte Wallfahrtskirche stand, wie schon erwähnt, bis 1614, wo der Rittergutsbesitzer Heydenreich den Entschluss fasste, eine neue Pfarrei zu stiften. Die alte Kirche wurde abgebrochen und neu erbaut, ein durch die Pest von seinen Bewohnern geleertes Bauernhaus zur Wohnung des Pastors bestimmt und die neugegründete Pfarrstelle mit neunzehn Scheffeln Feldes dotirt, wobei das Rittergut zwei Frohntage mit zwei Geschirren für sich und einen Frohntag für jedes Haus hinzufügte. Vor seinem Tode verordnete Heydenreich der Kirche und ihren Dienern ein Legat von neunhundert Thalern. Beim Bau der Kirche schenkten die Pfarrer zu Galenz und Langenau und Georg Freitag daselbst drei Kirchenfenster, der Churfürst Johann Georg eine kleine Glocke und hundert Gülden. Der Altar von 1614 ist eine Arbeit Bernhard Dittrichs, Bildhauers zu Freiberg und stellt künstlich und biblisch mit Jesu Leben und Thaten die Familie Heydenreichs dar. Gränitz ist die kleinste Parochie der Inspection Freiberg und hat sogar vor Zeiten einmal als Pönitenzpfarre gedient.

O. M.     




Nieder-Langenau.


Die weithingedehnte, wahrhaft anmuthige Aue, in welcher das Dorf Langenau liegt und die diesem seinen Namen gab, umfasst wenige Ortschaften von der Grösse und Gewerbsthätigkeit Langenaus. Dasselbe liegt an dem Striegisbach, welcher am südwestlichen Ende des Dorfes aus mehreren Quellen entspringt und später das Flüsschen Striegis heisst, und wird in Ober- und Nieder-Langenau eingetheilt, wovon Ersteres diesseits des Baches an der von Freiberg nach Annaberg führenden Poststrasse, Letzteres jenseits des Wassers liegt. Der Ort bildet eine, nicht eben sehr zerstreut stehende Häuserreihe von fünfviertelstündiger Länge, welche in der schon erwähnten Aue von Nordost nach Südwest hinläuft. In Ober-Langenau befindet sich ein Rittergut mit einer sehr guten Schäferei, ein Erbgericht nebst Gasthof und Fleischbank, sechszehn Bauergüter, ein Halbhüfner, siebenundvierzig Gärtner, zweiunddreissig Häusler und drei Zechenhäuser, die Gebäude des Bergwerks Hoffnung Gottes. Nieder-Langenau hat ebenfalls ein Rittergut mit vorzüglicher Brauerei und veredelter Schäferei, ein Erb- und Lehngericht, nebst Gasthof und Fleischbank, vier Mehlmühlen, eine Oel- und Schneidemühle, einen Eisenhammer, siebenundzwanzig Bauergüter, dreissig Gärtner, funfzehn Häusler, [104] das Bergwerk „Gott wird helfen“ und die geistlichen Gebäude. Die Anzahl sämmtlicher Einwohner beträgt ziemlich zweitausend Köpfe, wovon etwa elfhundert auf Ober-Langenau und neunhundert auf Nieder-Langenau zu rechnen sind, die sich mit Ausnahme von vierhundert Bergleuten und einigen Handwerkern durchgängig mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigen.

Wie schon erwähnt, hat Langenau seinen Namen von der anmuthigen Aue erhalten in welcher es erbaut wurde, ist also offenbar deutschen Ursprungs, und wahrscheinlich im zwölften Jahrhundert entstanden, wo aus Böhmen und Franken viele Deutsche in das jetzige Erzgebirge einwanderten, weil die Entdeckung reicher Silberadern daselbst lohnende Beschäftigung versprach. In früherer Zeit befand sich in Langenau nur ein Rittergut, das im vierzehnten Jahrhundert Heinrich von Berbisdorf besass, dessen Familie mit einem Grafen von Leissnig um das Jahr 1230 aus Preussen hier eingewandert sein soll. Von den in hiesiger Gegend reichbegüterten Berbisdorfen gelangte das Rittergut Langenau an Jobst von Güntherode, welcher 1429 dem Landesherrn drei reisige Männer zu dem Heere stellte, das bald darauf unter Vitzthums Anführung von den Hussiten bei Aussig in Böhmen gänzlich vernichtet wurde, indem, wie die Chroniken erzählen, der Feldherr von den Böhmen bestochen war und es in falsche Schlachtordnung führte. Unter den vielen Edelleuten, welche dem Schwerte der Hussiten erlagen, befinden sich auch drei Herren von Güntherode, deren Rittersitze jedoch nicht angegeben sind. Hans von Rylke besass Langenau 1524, und Dr. Griebe 1539. Letzterer trat mit dem katholischen Pfarrer, Donat Weise, und einem grossen Theile der Gemeinde zum Protestantismus über und unterschrieb zugleich mit dem Pastor die Formula concordiae. Ein Enkel dieses Rittergutsbesitzers war Pagenhofmeister am Hofe Churfürst Johann Georgs I. der die von den Soldaten verwüstete Pfarrwohnung neu erbaute und während dieser Zeit dem Pastor Magister Strahl, einem tüchtigen Astronomen, welcher über Sternkunde verschiedene Schriften herausgegeben hat, auf dem Schlosse zu Nieder-Langenau eine Wohnung einräumte. In Langenau befanden sich schon längere Zeit zwei Rittergüter, von welchen das zu Ober-Langenau, wahrscheinlich 1590 durch Erbtheilung von dem Stammgute zu Nieder-Langenau abgetrennt worden ist. Die Familie Griebe besass Niederlangenau bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts, wo das Gut durch Erbschaft an den Kammerkommissarius Carl Alexander Rudolph gelangte, während Oberlangenau in Besitz eines Herrn von Tettau gekommen war, bei dessen Familie es funfzig Jahre blieb, und bald darauf durch Kauf an Carl Christian Rudolph auf Niederlangenau fiel. Der jetzige Besitzer von Niederlangenau ist Herr Brand.

Langenau wurde von mannigfachen Schicksalen heimgesucht. Ein Streifcorps der Hussiten verheerte ausser andern Dörfern in Freibergs Nähe auch das Dorf Langenau, verbrannte das Schloss und führte die Glocken der Kirche mit sich fort.

Im dreissigjährigen Kriege drang unter dem berüchtigten Feldmarschall Holke ein kaiserliches Heer vom Voigtlande her in Meissen ein, bei welcher Gelegenheit der bekannte Mordbrenner, Oberst Korpitz, die hiesige Gegend mit Feuer und Schwert verwüstete. Das nahe Oederan, welches dem Unmenschen aus Mangel an Geldmitteln eine Brandschatzung verweigerte, wurde grässlich heimgesucht, indem die viehischen Kroaten hier fünfhundert Menschen abwürgten und die Stadt in Brand steckten, wobei zweihundert Unglückliche ihren Tod in den Flammen und durch Erstickung in den Kellern fanden. Viele Halbtodte wurden von den entmenschten Soldaten durch die entsetzlichsten Martern hingerichtet. Auch die Pest trieb ihr furchtbares Werk und raffte fast den vierten Theil der Bevölkerung hin. In der Kirche zu Langenau hatten die Soldaten eine Menge Brennmaterial aufgehäuft und versuchten das Gotteshaus dadurch anzuzünden, welches übermüthige Vorhaben jedoch misslang. Im Jahre 1680 brach abermals eine Seuche aus und raffte viele Einwohner hinweg.

Die Kirche zu Langenau liegt auf einer Anhöhe zwischen Ober- und Niederlangenau. Sie ist ein sehr altes Gebäude, das im Laufe der Jahrhunderte mehrfache Veränderungen erlitt und wegen der zunehmenden Volksmenge zweimal vergrössert wurde. Den Thurm traf am Sonntage Exaudi 1698 früh vier Uhr ein Blitzstrahl, so dass eine Ausbesserung desselben vorgenommen werden musste, im Jahre 1825 aber fand ein Neubau desselben statt. Die drei Glocken wurden 1615, 1663 und 1721 gegossen.

Die Pfarrwohnung steht nahe bei der Kirche und wurde durch die kaiserlichen Soldaten 1532 völlig verwüstet, 1650 und 1826 aber renovirt. Bis 1837 befand sich hier nur eine Schule, an welcher ein Lehrer mit einem Gehilfen fungirte, in genanntem Jahre aber genehmigte die königliche Kreisdirektion zu Dresden die Anstellung eines zweiten Lehrers für den Unterricht der Mädchen. Die Knabenschule ist 1835 neu erbaut und mit Schiefer gedeckt worden.

Eingepfarrt nach Langenau sind Oberreichenbach und das Lehngut Mönchenfrey. Ersteres liegt eine Stunde von Langenau entfernt und gehört unter die Herrschaft Oberschöna, welche Eigenthum der Familie von Carlowitz ist. Oberreichenbach hat ein Erbgericht mit Schankgerechtigkeit und einen bedeutenden Torfstich, zwölf Bauergüter, vier Gärtner, drei Häusler, eine Schmiede und eine Mahlmühle. Unter der Bewohnerschaft befinden sich viele Bergleute.

Mönchenfrey ist ein an der Strasse von Freiberg nach Annaberg liegendes Lehngut, zu dem ein Gasthof und eine Mahlmühle gehört. Dasselbe war vor der Reformation ein Mönchskloster, das Churfürst August säkularisirte und seinem Oberförster Martin Engel schenkte, dessen Erben das Gut für neunhundert Gülden an den Stadtrath zu Freiberg veräusserten. Die Stadt verkaufte Mönchenfrey später an einen Forstbeamten des Freiwaldes, jedoch mit Ausnahme der dazu gehörigen Waldung, jetzt der Rathswald genannt. Zwei Jahrhunderte hindurch blieb das Gut stets Eigenthum der Oberförster des Freiwaldes, bis es der Oberförster Hörnig an einen Herrn von Walther verkaufte, der es dem Finanzkalkulator Peter in Dresden überliess. Das Gut hat eine schöne Lage und treffliche Felder.

O. M.     



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