Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen IV. Section/H03

Heft 2 des Erzgebirgischer Kreis Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke
Heft 3 der Section Erzgebirgischer Kreis
Heft 4 des Erzgebirgischer Kreis
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Blankenhain
  2. Scharfenstein
  3. Erdmannsdorf
  4. Bosenhof


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Blankenhain.


An den Quellen des Kobebaches, inmitten der reizenden Hügelkette, welche im Süden das Königreich Sachsen von dem Herzogthume Altenburg trennt, erhebt sich das stattliche mit drei Thürmen gezierte Schloss Blankenhain, ein umfangreiches im grossartigsten Style des siebzehnten Jahrhunderts errichtetes Gebäu. Das Rittergut gehört zu den bedeutendsten der Gegend; es hat reiche Ländereien und namentlich vorzügliche weit ausgedehnte Waldungen, eine berühmte Bierbrauerei mit ausgezeichnet schönem Bergkeller, Brennerei, Ziegelei, Fischerei und eine von dem Schlossteiche getriebene Mühle. Zu dem Gute gehören die Vorwerke Russdorf, Augustenhof, und Weidenhof, von denen ersteres vormals selbst ein Rittergut war. Die Wirthschaftsgebäude, welche zu Ende des vorigen Jahrhunderts massiv aufgebaut wurden, bilden zwei Höfe, von denen Brücken über die Wallgräben nach dem Schloss führen, das mit einem auf der Südseite angebauten sehr geschmackvollen Gewächshause die zahlreichen Gebäude des stattlichen Edelsitzes begrenzt. Unter letzteren zeichnet sich namentlich das Fabrikgebäude aus, in welchem die grossartige Brauerei und Dampfbrennerei sammt einer Anzahl Wohnzimmern, Böden, Niederlagen und Kellern befindlich sind. Die Grundmauern dieses Fabrikgebäudes bespühlt das Wasser des Schlossteiches, welcher auch auf der Südseite die durch parkartige Anlagen verschönerten Blumen- und Gemüsegärten umschliesst. Am südlichen Gestade des Teiches befindet sich ein breiter Gang mit einer darin aufgestellten acht Fuss hohen steinernen Urne, welche ein früherer Besitzer des Rittergutes zu Ehren seiner verstorbenen Adoptiveltern hier errichten liess. Von dieser Stelle geniesst man eine ausserordentlich hübsche Aussicht auf die Gebäude des Schlosses, die Kirche, Schule, und weit darüber hinaus nach den fernen Bergeshöhen mit ihren dunklen dichtbewaldeten Gipfeln.

Am zweiten Pfingstfeiertage des Jahres 1661 entstand durch fliegenden Speck, welcher aus der Schlossküche auf das damals mit Stroh gedeckte Brauhaus geflogen war, ein furchtbarer Brand, der sammt dem alten Schlosse, dem grössten Theile der Wirthschaftsgebäude und der Pfarre auch das Gerichtsarchiv und Pfarrarchiv, und mit ihnen die ältesten Urkunden und Nachrichten über Blankenhain zu Grunde richtete. Die frühesten Besitzer des Gutes waren ohne Zweifel die Herren von Plank oder Blanken, von denen im Jahre 1423 Titze von Blanken auf seinem Schlosse Blankenhain wohnte. Nach ihm besass das Gut Hans von Blanken, 1450 Friedrich von Blanken, und 1488 wird eines Georgs von Blanken Erwähnung gethan, der Rathsherr und Stadtvoigt zu Zwickau war und 1492 als Amtshauptmann starb, jedoch das Gut Blankenhain nicht mehr besass, indem dieses seit 1480 bereits einem Herrn von Ende gehörte. Die Familie Ende blieb auf Blankenhain bis zum Jahre 1573, und Gottfried von Ende erkaufte 1556 von Heinrich von Wildenfels die Obergerichte über die in der Ronneburger Pflege sesshaften Blankenhainer Unterthanen. Balthasar von Ziegler, dem auch Gauern im Altenburgischen Lande gehörte, blieb Eigenthümer des Rittergutes Blankenhain bis 1583, wo dasselbe an Heinrich von Winkler, sowie später an Friedrich von Schönberg gelangte. Im Jahre 1611 gehörte das Gut der Familie von Bünau, aus welcher Eva Elisabeth von Bünau, geborene von Schönberg, es von 1627 bis 1659 besass, worauf 1671 der Rittmeister von Schleinitz dessen Eigenthümer wurde. Vom Jahre 1700 an gehörte Blankenhain dem Gouverneur von Leipzig, Karl Gottlob von Neitschütz, welcher 1720 starb, und das Gut den Nachkommen des im Jahre 1716 verstorbenen Obersthofmeisters Karl von Rex hinterliess, dessen Sohn der Berg- und Voigtländische Amtshauptmann Georg Abraham von Rex 1750 zu Blankenhain starb. 1754 besass das Gut der Generalmajor von Rex, der dasselbe an einen reichen Fabrikbesitzer aus Annaberg, Carl Gottlob Scheuereck, verkaufte, dessen Adoptivnachkommen es noch jetzt besitzen. Das Andenken des edlen Scheuereck und seiner frommen Gemahlin wird nie erlöschen, so lange Blankenhains Name genannt wird, denn nicht nur erbaute er sämmtliche massive Gebäude des Rittergutes, mit Ausnahme des Schlosses, nach einem sehr zweckmässigen Plane von Grund aus, sondern er errichtete auch auf eigene Kosten ein neues Pfarrhaus, sowie ein Hospital für arme Leute, in welchem funfzig Personen aufgenommen werden können. Scheuerecks Gattin, Eberhardine Amalie, geborene Jokisch, erwarb sich um Kirche und Schule ebenfalls unvergessliche Verdienste, indem sie in Russdorf, dessen Kinder damals zu Blankenhain Unterricht empfingen, eine neue Schule, und in beiden Ortschaften eine für jene Zeit recht ansehnliche Schulbibliothek gründete. Ebenso bedachte das edle Paar die hiesigen Kirchen und Schulen, Pfarrer, Lehrer und Armen nebst vielen Anderen in letztwilligen Verfügungen mit reichlichen Legaten, und hat sich dadurch in den Herzen aller guten Menschen ein bleibendes Denkmal gesetzt. Carl Gottlob Scheuereck starb am 13. Juli 1794 und sein Erbe und Adoptivsohn, der Churfürstlich Sächsische Kammerrath Jokisch-Scheuereck liess es sich eifrig angelegen sein, dem Beispiele seines edlen Vorgängers nachzuahmen und machte sich auch als Schriftsteller über einige Branchen der Landwirthschaft, sowie der Jägerei und Fischerei bekannt. Der jetzige Besitzer von Blankenhain ist des erwähnten Kammerraths Jokisch-Scheuereck Sohn, des Fürstlich Schwarzburg-Rudolstädter Forstmeister, Herr Carl Eberhard Rudolph Jokisch-Scheuereck.

Unter die Blankenhainer Gerichtsbarkeit gehören die Dörfer Kleinbernsdorf, Niederalbertsdorf, Russdorf, Kleinrussdorf, ein Theil von Chursdorf und die Gröbenmühle; früher hatte das Rittergut auch die Gerichtsbarkeit, Lehen und Zinsen in den Altenburger Ortschaften Nischwitz, Vogelgesang, und Antheilen von Haselbach, Jonaswalde und Rückersdorf, welche zusammen das Rittergut Nischwitz mit Vogelgesang bildeten, das bis zum Jahre 1809 bei dem Churfürstlich Sächsischem Lehnhofe mit Blankenhain zur Lehn ging. Durch die in neuerer Zeit im Altenburger Lande stattgefundene Aufhebung und Ablösung der erwähnten Gerechtsame und Leistungen, jedoch, und da die zu genanntem Rittergute gehörenden Grundstücken vor langer Zeit veräussert worden sind, ist dasselbe durch die neueren staatlichen Einrichtungen [18] aus der Zahl der Altenburgischen Rittergüter verschwunden. – Das Vorwerk Weidenhof stand früher auf gleicher Höhe des Plateaus wie jetzt, nördlich vom Ende des Dorfes im freien Felde; als es jedoch im Jahre 1790 gänzlich niederbrannte, wurde es auf seinem jetzigen Standpunkte errichtet. Es besteht aus einem ansehnlichen Wohnhause, mit Kuhstall im Parterre, und einigen hübschen Pieçen und Vorrathsräumen in der oberen Etage, auch ist es mit einem kleinen Thurme geziert, welcher eine Uhr trägt. Die zwei Seitengebäude des Vorwerks Weidenhof enthalten Pferdeställe und andere zu ökonomischen Zwecken benutzte Räume, und im Hintergrunde steht, den Hof schliessend, eine grosse Scheune. Von den ganz in der Nähe des Weidenhofes gelegenen sechs Teichen senden zwei ihr Wasser östlich in die Pleisse, drei westlich in die Elster, und einer nördlich in die Sprotte, obgleich die drei verschiedenen Abfälle nicht viel mehr als Büchsenschussweite von einander entfernt sind.

Das Vorwerk Russdorf mit einem Dorfe gleichen Namens führte bis zum Jahre 1775 urkundlich den Namen Rudelsdorf, und war früher ein selbstständiges Rittergut, das im Jahre 1602 von dem Herrn von Winkler zu Blankenhain geschlagen wurde. Seinen Namen hat der Ort von einem auf waldiger Höhe ihm gegenübergelegenen Schlosse Rudels- oder Rudolphsburg, von dem ausser einem gemauerten Brunnen nur noch wenige Ruinen übrig geblieben sind, da man zu Ende des vorigen Jahrhunderts bei einer bedeutenden Reparatur des Vorwerks die Steine der verfallenen Burg zum Bauen benutzte. Die Rudelsburg soll der Sage nach ein Raubschloss gewesen, im Bruderkriege durch einen Flug Tauben verrathen, und darauf erstürmt und verwüstet worden sein. Auf Anordnung des Besitzers von Russdorf, des Churfürstlich Sächsischen Kammerraths Carl Gottlob Scheuereck, wurden durch Erzgebirgische Bergleute in den Ruinen des alten Raubschlosses Nachgrabungen vorgenommen, welche jedoch, ausser einigen Bruchstücken von alten irdenen Gefässen kein Resultat lieferten. Merkwürdig aber ist es, dass die Bergleute eines schönen Morgens mit Zurücklassung aller ihrer Effecten spurlos verschwunden waren, woran sich natürlich allerlei Vermuthungen knüpfen mussten. Dass übrigens die Bergleute bei ihrer Nachgrabung nicht verschüttet worden sind, oder überhaupt durch kein Unglück ihr Verschwinden verursacht wurde, davon haben weiter angestellte Nachforschungen genügende Beweise geliefert.

Das Dorf Blankenhain zählt etwa sechshundert Einwohner in ungefähr hundert Feuerstätten, worunter sich dreissig Bauerngüter befinden. Die Bewohner des Ortes fanden früher in der Spinnerei einen sehr bedeutenden Nahrungszweig, seit aber dieses Gewerbe aufgehört hat lohnend zu sein, nähren sich die Blankenhainer hauptsächlich durch Landwirthschaft, Frachtfuhrwerk, Getreidehandel und Obstverkauf, sowie zum Theil durch Tagelöhnerarbeit. Blankenhain hat jährlich zwei sehr besuchte Jahrmärkte, von denen einer im Frühjahre nach Vitus und der andere zur Herbstzeit zu Kreuzes Erhöhung, auf einer nahe am Schlosse und dessen Garten gelegenen herrschaftlichen Wiese abgehalten werden. Das Rittergut bezieht die Einkünfte an Markt-, Stand- und Budengeld, hält aber dafür das sämmtliche Budenzeug eigenthümlich und zahlt einen kleinen Kanon in das Rentamt. An den Markttagen werden in der dazu besonders vorhandenen Garküche, die in der ganzen Umgegend berühmten und beliebten sogenannten Mutzbraten – kleine Stücken fettes, am Spies gebratenes Schweinfleisch – massenhaft bereitet und verzehrt. Der Verkauf ist auf diesen Jahrmärkten sehr bedeutend und wird sogar von Handelsleuten aus entfernten Orten, wie Leipzig und Naumburg, besucht, und den Märkten vieler umliegenden kleinen Städte vorgezogen.

Die Gegend um Blankenhain, bildet durch die reizende Abwechselung von Feldern und Wiesen, Waldungen und Hügeln eine höchst angenehme Landschaft, und namentlich ist eine Anhöhe bei der Blankenhainer Windmühle, nahe an der Ronneburg–Crimmitzschauer Landstrasse, jedem Freunde der Natur als ein Punkt zu empfehlen, wo er eine herrliche Aussicht auf einen Theil des Altenburger Landes, sowie südöstlich und südlich auf die ferne Bergkette des Voigtlandes und Sächsischen Erzgebirges geniesst. Von dieser Höhe bietet sich Schloss und Dorf Blankenhain ebenfalls am vortheilhaftesten den Blicken des Beschauers dar, und mit Hochgenuss verweilt das Auge auf den gesegneten Fluren, gemischt mit freundlichen Häusern, stattlichen Schlössern und Kirchen, die eines der ländlichen reizenden Gemälde bilden, an denen unser theures Vaterland so reich ist. – Uebrigens hat der Ort Blankenhain ausser im dreissigjährigen Kriege, wo ihn die Kaiserlichen ausplünderten, von den Drangsalen des Krieges und Feuerschäden nur wenig gelitten.

Uralt ist die Kirche zu Blankenhain, aber aus Mangel an Urkunden, die höchst wahrscheinlich bei dem Brande von 1661 verloren gingen, ist über ihre früheste Geschichte nichts bekannt. Einige Monumente aus grauer Vorzeit tragen unleserliche Inschriften, und wahrscheinlich hat das alte Gotteshaus, ausser einigen Veränderungen im Innern seine ursprüngliche Gestalt behalten. Die nahe Lage der Kirche am Schlosse und ein besonderer Eingang in die herrschaftliche Kapelle machen es sehr wahrscheinlich, dass sie anfänglich eine Schlosskapelle war, wie man denn in der ersten Zeit des Christenthums die Kirchen in der Regel nahe an die Burgen baute, um sie vor den Beschädigungen der unterworfenen slavischen Volksstämme zu schützen. Der Altar, welchen früher ein heiliges Grab schmückte, ist zu Anfange dieses Jahrhunderts nicht eben mit Geschmack erneut worden, um so vortrefflicher ist dagegen die Kanzel gearbeitet, welche der herrschaftlichen Kapelle gegenübersteht, ebenso ist auch die 1715 erbaute, 1716 von dem Maler Heinrich Weber, einem Sohne des hiesigen Schulmeisters, mit Gemälden geschmückte Orgel kein übles Werk. In dem Thurme, der neueren Ursprungs ist als die Kirche, hängen drei wohltönende Glocken, von denen die grössere 1712, die mittlere 1764, die kleine, sehr alte aber vor der Reformation gegossen ist. Zu dem Vermögen der Kirche gehört ein Legat von tausend Thalern, welches der edle Carl Gottlob Scheuereck, laut testamentarischer Verordnung der Kirche zu einstiger Erweiterung überliess, wofür an seinem Sterbetage alljährlich eine Gedächtnisspredigt gehalten, und aus dem Zwickauer Gesangbuch das Lied: „Freu dich sehr, o meine Seele“ gesungen werden muss.

Auf dem alten Friedhofe, welcher die Kirche umgiebt, wird seit längerer Zeit keine Leiche mehr bestattet, indem man einen neuen Gottesacker angelegt hat. Auf selbigem zeichnet sich das von mehrfach erwähntem Carl Gottlob Scheuereck erbaute prachtvolle Erbbegräbniss aus. Es ist ein im byzantinischen Style erbautes, massives Achteck, und wölbt sich durch vorspringende, an den Seiten mit Zink verwahrte halbzirkelförmige Bögen zu einem doppelten Kuppeldache, [19] auf dessen äusserster Spitze eine Urne von weissem Marmor ruht. Nach der Gruft, die fünf Bogenfenster und fünf offene Gitteröffnungen erhellen, führt eine hohe breite Doppelthür, und durch den mit Sandsteinplatten belegten Fussboden eine breite Fallthür zum Einsenken der Särge. An der südlichen Seite befindet sich eine ebenfalls mit Fallthür versehene steinerne Wendeltreppe.

Die Filialkirche zu Russdorf, welcher Ort aus vierzehn Bauergütern, einer Mühle und vierunddreissig Häusern besteht, ist ebenfalls sehr alt. Im Thurmknopfe aufgefundene Urkunden aus dem Jahre 1435 und 1695 besagen, dass sie dem Bischof St. Martin zu Ehren erbaut wurde. Der alte interressante Taufstein enthält künstlich aus Holz geschnitzte Figuren und die neuerdings angeschaffte Thurmuhr ist ein Werk des Blankenhainer Schlossermeisters Opitz. Von den drei Glocken zeichnen sich zwei durch ihr hohes Alter aus.

Das Filial Russdorf hatte bis zum Jahre 1534, wo man es „Rurstorff“ geschrieben findet, einen eigenen Pfarrer, zu jener Zeit schlug man es indessen zu Blankenhain, und zwar deshalb, weil das Einkommen beider Pfarrherren zu Blankenhain und Rossdorf äusserst gering war. Da Russdorf damals schon zu Blankenhain gehörte, liess sich diese Aenderung leicht bewerkstelligen, und der Pfarrer Andreas Rorich erhielt die Pfarre zu Mannichswalde, das Pfarrgut aber, welches aus fünf Scheffeln Feld und einiger Waldung bestand, wurde verkauft. – Die Schule zu Russdorf gründete, wie schon erwähnt, im Jahre 1799 die verwittwete Kammerräthin Scheuereck, indem sie an der Stelle des alten Glöcknerhauses ein neues Schulgebäude errichten liess und durch Legate dem neuen Lehrer ein anständiges Einkommen sicherte. – Das Collaturrecht über Pfarre und Schulen steht dem Besitzer des Rittergutes Blankenhain zu.

Otto Moser, Redact.     




Scharfenstein.


In dem herrlichen Zschopauthale erheben sich auf einem Vorsprunge des nach Westen hin ausgedehnten Hauptgebirges[WS 1] die altersgrauen Gebäude der ehrwürdigen Burg Scharfenstein, überragt von einem gewaltigen, mit Zinnen gekrönten Wartthurme, der wie ein ungeheurer Wächter von seinem hohen Standpunkte herab über die Dächer des Schlosses schauend die ganze Gegend beherrscht. Schon viele Jahrhunderte thront die Veste auf der Stirne des Felsens mit dem ihre Grundmauern unlösbar verbunden sind, und tief in das Gestein drang einst der Meisel des Arbeiters um Gemächer in seinem Schoose auszuhöhlen, welche der Besucher der Burg noch jetzt mit Erstaunen und Grauen betrachtet, und die übermenschliche Anstrengung und Ausdauer bewundert, mit welcher der Mensch in den harten Felsgrund sich einwühlte, um zu seiner Sicherheit oder zur Unterstützung einer willkührlichen barbarischen Justiz die dunklen unheimlichen Räume herzustellen. Einzelne verfallene Theile des Schlosses erinnern an die ferne Zeit der mittelalterlichen Rohheit und Unsicherheit, während die mächtigen Gebäude aus neuerer Epoche mit wohnlichen nicht unfreundlichen Zimmern dem Beschauer leicht erkennen lassen, dass bei ihrer Entstehung das Faustrecht nicht mehr regierte, sondern Gesetz und Bestrafung des Verbrechens im Lande gehandhabt wurde. Die Gebäude des Schlosses Scharfenstein umschliessen auf der vorderen Seite einen ziemlich geräumigen Vorhof, nach welchem über den breiten Wallgraben vormals eine Zugbrücke lag, jetzt aber eine Steinbrücke führt, vor der sich das alte Thor mit dem Wappen der Familie von Einsiedel – dem wandernden Einsiedler mit Hacke und Rosenkranz – befindet. Von den Ruinen des Schlosses, von denen man verschiedene Theile, wie zum Beispiel einen starken Thurm auf der südwestlichen Seite, beim Bau der neueren Gebäude benutzte, zeichnet sich namentlich der schon oben erwähnte uralte Wartthurm von dreissig Ellen Höhe und acht Ellen Mauerstärke aus, dessen Bedachung, Treppen und Zinnen theilweise der zerstörenden Zeit als Opfer gefallen waren, jetzt aber wieder in Stand gesetzt worden sind. Dieser alte Thurm, welche ungemeine Aehnlichkeit mit der Warte des alten Einsiedelschen Schlosses Gnandstein zeigt – wie denn überhaupt beide Vesten nach einer gleichmässigen Anlage erbaut zu sein scheinen - steht auf einer isolirten zehn Ellen hohen Klippe, welche den höchsten Punkt des Schlossberges bildet. Die neuern Gebäude der Burg rühren aus dem sechszehnten und siebzehnten Jahrhundert her, sind ungemein geräumig und bestehen aus zwei Hauptgebäuden und einem mehrfach gebrochenen Flügel. Da ihre Grundmauern zum Theil in die Felsen gehauen sind, und drei Etagen über, einander stehen, so haben die Gebäude von aussen eine auffallende Höhe. Der nördliche Flügel ist mit einem kleinen Thurme geziert, dessen Glöckchen lustig in das Thal herabklingt, und einstmals zum Gottesdienste nach der Kapelle des Schlosses rief, wo vor zwei Jahrhunderten der Burgherr einen besonderen Schlossprediger hielt. In einem der Seitengebäude findet man häufige Tropfsteinzapfen. Ob das Schloss, wie vielfach behauptet wird, in den ältesten Zeiten ein Raubschloss war, ist durchaus nicht zu bestimmen, und da nirgends historische Beweise dafür vorhanden sind, dürfte wohl die einsame und versteckte Lage der Burg zu diesem Verdachte Veranlassung gegeben haben. Dass Scharfenstein ein äusserst festes Schloss war, lehrt noch jetzt der Augenschein, und nur mit grosser Mühe konnte es im Jahre 1312 Friedrich mit der gebissenen Wange in seine Gewalt bekommen. Noch im dreissigjährigen Kriege wurde es als eine Festung betrachtet, und im Jahre 1632 von den Kaiserlichen besetzt. Bald darauf erstiegen es indessen feindliche Soldaten unter Anführung des Herzogs Bernhard von Weimar in einer stürmischen Regennacht, wurden jedoch wieder von den Kaiserlichen vertrieben. Im Jahre 1633 nahmen die Schweden Scharfenstein mit Sturm und liessen die ganze Oesterreichische Besatzung über die Klinge springen. Wegen der Lage des Schlosses an der nahen Strasse erlitt das Schloss in dem Jahre 1813 von dem hin- und herziehenden Heere[WS 2] ebenfalls nicht wenig Ungemach.

Die Burg Scharfenstein mit dem dazu gehörigen bedeutenden Rittergute war im Mittelalter ein Besitzthum der Voigte von Scharfenstein, und im dreizehnten Jahrhundert eine Herrschaft der Herren von Waldenburg und Wolkenstein oder ihnen verwandter Familien. So besass im Jahre 1375 Johann von Waldenburg nebst der Herrschaft Scharfenstein eine grosse Anzahl der in der Nähe liegenden Ortschaften, von denen er verschiedene an das Chemnitzer [20] Kloster veräusserte. Mitbesitzer der Herrschaft waren seine zwei Söhne Johann und Hugo. In einer Urkunde vom Jahre 1409 wird der Besitzer von Hohnstein Hinko Berka von der Duba als Herr von Scharfenstein genannt und 1430 gehörte die Burg dem Ritter Anarch von Waldenburg, der am Hofe des Churfürsten Friedrich des Sanftmüthigen das Amt eines Haushofmeisters versah. Zu Ende des funfzehnten Jahrhunderts kam Scharfenstein an die Herren von Einsiedel, von denen Heinrich von Einsiedel auf Gnandstein im Jahre 1507 mit Tode abging und seine reichen Besitzungen seinen drei Söhnen Haubold, Heinrich und Abraham hinterliess. Der älteste der Brüder, Haubold, war Domherr zu Naumburg, trat indessen später zur lutherischen Kirche über und starb im Jahre 1522. Heinrich und Abraham von Einsiedel, in der Reformationsgeschichte als eifrige Anhänger Luthers bekannt, empfingen die Lehn über ihre Güter im Jahre 1508, und zwar vom Churfürsten Friedrich über Kohren, Sahlis, Hopfgarten und Wolftitz, vom Herzog Georg dem Bärtigen über Syhra und Scharfenstein und vom Abte zu Chemnitz über Elbisbach und Dittersdorf, sowie endlich vom Burggrafen Hugo von Leissnig über das Einsiedelsche Stammschloss Gnandstein. Durch den Tod eines Vetters, Valentin von Einsiedel erlangten die Brüder auch das Rittergut Priessnitz.

Schon im Jahre 1532 hegten Heinrich und Abraham die Absicht sich in die väterlichen Güter zu theilen, dieselbe kam indessen erst 1534 zur Ausführung, wo auf dem Schlosse Scharfenstein der Vertrag abgeschlossen wurde. Heinrich von Einsiedel erhielt Gnandstein, Priessnitz und Syhra; Abraham hingegen Scharfenstein, Wolftitz und Sahlis mit Kohren. Abraham von Einsiedel nahm seinen Wohnsitz auf dem Schlosse Scharfenstein, wo er 1568 im vierundsechzigsten Jahre starb und in der Kirche zu Grossolbersdorf seine Ruhestätte fand. Da er keine Söhne hinterliess, fielen seine Besitzungen an die Kinder seines Bruders Heinrich von Einsiedel auf Gnandstein, welche sich dahin verglichen, dass Scharfenstein und Wolftitz von Sahlis getrennt werden sollten. Im Jahre 1584 gehörte Scharfenstein dem berühmten churfürstlichen Kanzler Georg Haubold von Einsiedel in Gemeinschaft mit seinen Brüdern Heinrich Abraham und Heinrich Hildebrand, und nach diesen besass das Gut Hans Hildebrand von Einsiedel, der die Drangsale des dreissigjährigen Krieges auszuhalten hatte. Der jetzige Besitzer von Scharfenstein ist der Kammerherr Herr C. Fr. Hildebrand v. Einsiedel. Zu dem Schlosse Scharfenstein gehören die Dörfer Scharfenstein, Grossolbersdorf, Hohndorf, Griesbach, Hopfgarten und Grünau, welche zusammen etwa 3000 Einwohner enthalten und beinahe zwei Dritttheile einer Quadratmeile besitzen. Das Rittergut hat sehr ausgedehnte und gut bestandene Waldungen, welche die hohen Ufer des Zschopauflusses von der Nordseite des Schlosses bis an den Ziegenrücken in der Nähe des Städtchens Zschopau bedecken und hauptsächlich aus Nadelholz, zum Theil aber auch aus trefflichen Buchenwaldungen bestehen, worüber ein Förster, der auf dem Schlosse wohnt, die Aufsicht führt. Die bedeutendsten Forstungen sind der Rosenberg bei Zschopau, der Zänker, die Klinge und der Hohnstein bei Hopfgarten, welcher letztere durch den Holzbach von den landesherrlichen Waldungen geschieden ist. Auf dem Schlossvorwerke, welches aus sehr wohlgebauten Häusern besteht, befindet sich die Oekonomie mit einer sehr bedeutenden Brauerei. Die vorzügliche Schäferei ist in ziemlicher Höhe zwischen der Zschopau und Drehbach erbaut.

Das Rittergut Scharfenstein enthält 1140 Acker Areal, worunter 687½ Acker Waldungen mit Einschluss der schon länger damit vereinigten bäuerlichen Grundstücken, und ist mit 11567 Steuereinheiten belastet. Die Oekonomie besteht aus drei für sich bestehenden Complexen, Scharfenstein, Weida und Grüna, wovon jeder mit den nöthigen Gebäuden und Wirthschafts-Erfordernissen versehen ist, und selbstständig und unabhängig von einander unter der Oberleitung des Besitzers verwaltet wird.

Durch einen zu Anfang des vorigen Jahrzehnts, von dem königl. Finanzministerium und dem jetzigen Besitzer des Rittergutes mit einem verhältnissmässig bedeutenden Kostenaufwand ausgeführten Wegbau, hat Scharfenstein eine nähere Verbindung in der Richtung nach Zschopau und Chemnitz erhalten und bietet dieser Weg dem Zschopauflusse folgend zugleich die schönsten Ansichten in das freundliche Thal dieses Flusses dar. Bis zur Mitte des Jahres 1854 war die Benutzung dieses reizenden und bequemen Weges allgemein freigegeben, und würde auch fernerhin von dem Besitzer gern gestattet worden sein, wenn nicht, vielleicht als Anerkennung dafür, der leider! selbst von unserer Regierung unterstützte Versuch gemacht worden wäre, ihn des Eigenthums dieses von ihm selbst erbauten Privatweges auf gesetzlichem Wege zu entheben, wodurch sich der Besitzer veranlasst fand, denselben dem grösseren Publikum unzugänglich zu machen. Seine Majestät der höchstselige König und Ihre Majestät die verwittwete Königin haben Scharfenstein mehremale besucht und sich der Schönheit seiner umliegenden Natur erfreut.

Das kleine Dorf Scharfenstein besteht aus einer Mühle und ausserdem etwa dreissig Häusern, die unregelmässig, zum Theil in ziemlich weiter Entfernung um das Schloss herum gebaut sind, und theils über dem Schlosse, theils unter dem Berge, der dieses trägt, theils weiter oben am Flusse liegen. Die vormalige untere Mühle, oder nach dem nahen Dorfe Griessbach auch Griesmühle genannt, lag am linken Zschopauufer, in welchen Fluss nicht weit davon der Griessbach mündet, ist aber jetzt in eine Fabrik verwandelt worden; alle übrigen Häuser, sowie das Schloss selbst, befinden sich auf dem rechten Ufer der Zschopau, der Fluss wird durch einen felsigen gleich einer ungeheuren Berghalde aus dem Schlossfelsen hervorspringenden Hügel zu den abentheuerlichsten Krümmungen gezwungen, und gewährt, von den Höhen betrachtet einen höchst eigenthümlichen Anblick, der durch das helle schäumende Wasser und die Brücken viel Interesse gewährt. Die beiden Mühlen haben zusammen fünf Gänge und gehören zum Schlosse. Von der gewaltigen Fluth, welche im Jahre 1661 die Ufer der Zschopau überschwemmte, wurde die obere Mühle gänzlich niedergerissen und die untere nur durch die ungeheuersten Anstrengungen der zur Hülfe herbei eilenden Nachbarn gerettet. Ueber die Zschopau führen hier zwei Brücken, bei deren einer dem Rittergute für darüber passirendes Vieh ein Zoll entrichtet werden muss. Urkunden vom Jahre 1250 berichten, dass zu jener Zeit bei Scharfenstein sehr bedeutender Bergbau getrieben wurde, doch lässt sich nicht ermitteln, in welchem Jahrhundert derselbe aufgehoben worden ist.

Oberhalb des Ortes Scharfenstein nimmt das Grünauer Thal eine immer freundlichere Gestalt an, unterhalb desselben aber wird die Gegend düsterer und einsamer, die dichtbewaldeten Berge erheben sich immer höher und schroffer, und die gewaltigen Felsen des Beerberges drängen sich endlich so [21] nahe an das Flussbett heran, dass ihr Fuss von der Zschopau bespühlt wird. Auf dem rechten Ufer des Flusses macht sich namentlich eine Felsenklippe bemerkbar, welche zweihundert Ellen hoch über das Niveau der Zschopau hervorragt und eine wunderbar schöne Aussicht auf das Thal, sowie nach den Dörfern Weissbach, Porschendorf, Griessbach, Obergelenau, dem Greifenstein Fichtelberg und anderen interessanten Punkten gewährt. Auf dieser Klippe befindet sich zur Bequemlichkeit des Besuchers eine angenehme Ruhestelle, welche ein Herr von Einsiedel auf Scharfenstein hier errichten liess. Es ist hierbei für den Freund der Mineralogie zu bemerken, dass dieser Felsen eine mineralogische Merkwürdigkeit darstellt, indem er zwar, wie seine Nachbarn, aus Gneus besteht, dem aber der Feldspath fehlt, so dass nur ein wenig gelblicher Glimmer in reinen Quarz eingesprengt ist, wobei jedoch das Gestein die Textur des Gneuses zeigt. –

Wir erwähnten vorhin, dass die vormalige Griessmühle in eine Baumwollenspinnerei umgestaltet worden sei, und dieses Etablissement hat Scharfenstein in mancher Beziehung grosse Vortheile gebracht. Das hohe Gefälle der Griesmühle bewog ein unternehmendes Handlungshaus, die Mühle anzukaufen, und bald erhob sich an ihrer Stelle das prachtvolle, sieben Etagen hohe Gebäude der Spinnerei. Die Grösse und Geräumigkeit der Fabrik, sowie der ausserordentliche Umfang des Geschäftsbetriebes stellen die Spinnerei neben die ersten ähnlichen Etablissements unseres Vaterlandes. Das zum Betriebe des Werkes erforderliche Wasser wird durch einen sechzig Ellen langen Stollen von der Zschopau als Aufschlagewasser auf zwei Räder geleitet, und es geht die Sage, dieser Stollen sei in alter Zeit von zwei Bergleuten durch den Felsen gebrochen worden, die wegen eines Verbrechens zum Tode verurtheilt waren und dieses Werk unter der Bedingung auszuführen versprachen, wenn man ihnen das Leben schenken wollte. Die eisernen Räder haben eine Höhe von zehn bis elf Ellen und sind zwei Ellen breit, und ihre gewaltige Kraft setzt über sechzigtausend Spindeln in Gang. Zwischen denselben und der langen Fronte des Gebäudes ist die Dampfheizung für die Fabrik angelegt. Die überwölbten Abzugsgräben sind gegen hundertsiebzig Ellen lang und drei Ellen hoch, und eine Ufermauer schützt dieselben vor dem Hochwasser der Zschopau. Zur Betreibung dieses ungeheuren Werkes sind eine grosse Anzahl Menschen erforderlich, und somit sind die Herren Fiedler und Lechla in Oederan, welchen die Fabrik gehört, Wohlthäter vieler fleissigen hier beschäftigten Arbeiter. Der Baumeister dieser Fabrikgebäude ist der Zimmermeister Uhlig aus Altenhain bei Chemnitz, der in diesem Werke bereits genannt ward als Erbauer mehrerer schönen Dorfkirchen.

Das Dorf und Rittergut Scharfenstein sind in die Kirche zu Grossolbersdorf eingepfarrt, die vor der Reformation nur eine Kapelle und als solche ein Filial der Wolkensteiner Geistlichen war, zu der jedoch bereits die Dörfer Grünau, Hohndorf, Scharfenstein und Hopfgarten gehörten. Der berühmte Staatsmann und vertraute Rath Churfürst August’s von Sachsen, Haubold von Einsiedel, stiftete, laut einer Urkunde vom 18. April 1575, zu Grossolbersdorf eine eigene Parochie, indem die Kirchengemeinde zu zahlreich und der geistliche Unterricht zu beschränkt und unregelmässig wäre, weil der Diakonus zu Wolkenstein, namentlich im Winter, oft nicht nach Grossolbersdorf gelangen könne. Der wackere Edelmann dotirte die neue Pfarrstelle mit fünfundzwanzig Gülden, als dem halben Zins eines Kapitals von tausend Gülden, welches sein Ahn, Abraham von Einsiedel, einst dem Hospitale zu Kohren legirt hatte, ferner mit einem Wohnhause sammt Gute und den nöthigen Wirthschaftsgebäuden, sowie den Zinsen und dem Decem, welche vormals dem Geistlichen in Wolkenstein geliefert worden waren, und endlich den nöthigen Hand- und Ackerfrohnen. Für dieses Einkommen übernahm der Pfarrer die Verpflichtung ausser dem gewöhnlichen Kirchendienste in Grossolbersdorf auch jeden Sonntag in der Schlosskapelle zu Scharfenstein zu predigen, und auf Verlangen des Edelmanns jede kirchliche Handlung daselbst zu verrichten. Die jetzige Parochie hat noch denselben Umfang wie zur Zeit ihrer Gründung; sie besteht aus den Dörfern Grossolbersdorf, Grünau, Hohndorf, Scharfenstein, Hopfgarten und der Schäferei Weida, mit einer Anzahl von etwa 2900 Seelen. Collator ist der Besitzer des Scharfensteiner Schlosses, zur Zeit Herr Kammerherr Carl Friedrich Hildebrand von Einsiedel.

Die Kirche zu Grossolbersdorf war ein altes Gebäude, welches im Laufe der Zeit mancherlei Veränderungen erfuhr, bis am 3. Januar 1643 der Schwedische General Königsmark mit der bekannten soldatesken Brutalität des dreissigjährigen Krieges Feuer in das Gotteshaus werfen liess, wodurch dasselbe, sammt einem kostbaren Altar, herrlichen Denkmälern, drei Glocken und verschiedenen historischen Merkwürdigkeiten bis auf die Mauern in Asche sank. Man hielt eine geraume Zeit den Gottesdienst theils auf der Brandstätte, theils in der Schlosskapelle, bis endlich das jetzige Kirchengebäude entstand, von dem urkundlich nur bemerkt wird, dass im Jahre 1707 eine Vergrösserung desselben stattgefunden habe. In neuerer Zeit empfing die Kirche eine Schieferbedachung und 1834 einen Thurm. Ausser einer merkwürdig alten Orgel besitzt die Kirche einen herrlichen Flügelaltar mit Altarblatt, aus Marmor und Alabaster gearbeitet, und mit vorzüglicher Bildhauerarbeit geschmückt, welche die Hauptereignisse im Leben des Heilands darstellt. Neben diesem Altar befinden sich die gleichfalls aus Alabaster gearbeiteten Bildnisse des Erbauers dieses Altars, Hildebrands von Einsiedel, und seiner Gemahlin. Von den Pfarrherren zu Grossolbersdorf war der erste Johann Pufendörfer aus Glaucha, Grossvater der beiden berühmten und später in den Adelstand erhobenen Gelehrten Jesaias und Samuel Pufendorf; und Johann Kapfenberger, früher Diakonus in Wolkenstein, hatte das Unglück, beim Einfalle der kaiserlichen Soldaten die Kirchenbücher, welche er auf das Schloss in Sicherheit bringen wollte, zu verlieren. Grossolbersdorf besitzt zwei Schulen mit ungefähr vierhundert Kindern.

Otto Moser, Red.     



[22]
Erdmannsdorf.


Nicht weit von dem hochgelegenen Schlosse Augustusburg am Fusse dichtbewaldeter Höhen, liegt das Rittergut Erdmannsdorf, in der Volkssprache auch Erzdorf und Etzdorf genannt, bespühlt von den Wellen der Zschopau, die sich anmuthig und romantisch durch das herrliche kesselförmige Thal dahinwindet. Ueber den Fluss führt hier eine hölzerne Brücke nach Augustusburg, das auf dem Rücken des hohen Schellenberges die Umgegend meilenweit überschaut, und im Westen erhebt sich in einer Höhe von etwa zweihundert und dreissig Ellen über den Niveau der Zschopau ein Berg, die Erdmannsdorfer Höhe genannt, welcher herrliche Aussichten bietet, und nach seinen einzelnen Theilen auch noch andere Namen, wie zum Beispiel „Morgensterns-Hügel und Hösels Höhe“ führt. Ein wunderschöner Punkt ist auch der im Osten hinter dem Pfarrwalde in der Märbitz gelegene Cunnersstein, ein hoher steiler Felsen von geringem Umfange, jedoch zum Schutze des Besuchers mit sicherer Brustwehr umgeben, von wo man eine nicht zu beschreibende Aussicht geniesst, weshalb auch der Cunnersstein viel besucht wird. Der Fels erinnert den Besucher lebhaft an die in der Sächsischen Schweiz gelegene kleine Bastei.

Ueber die Entstehung des Dorfes und Rittergutes Erdmannsdorf fehlen alle Nachrichten, doch leitet man den Namen von „Ortmann“ dem altdeutschen Worte für „Richter“ ab, so dass demnach Ortmannsdorf soviel als „des Richters Dorf“ bedeuten würde. Im dreizehnten Jahrhundert gehörte das Rittergut sammt dem Dorfe einer adligen Familie von Erdmannsdorf, doch darf man dieselbe nicht mit der schlesischen Familie gleichen Namens verwechseln, welche einst das Rittergut Erdmannsdorf im Riesengebirge besass. Im Jahre 1250 wird urkundlich ein Werner von Erdmannsdorf genannt, und 1290 verkaufte ein Ritter von Erdmannsdorf den Ort Oberhermsdorf um zweiunddreissig Mark Silber an das Kloster zu Chemnitz. Peter von Erdmannsdorf war im Jahre 1365 Eigenthümer von Dorfchemnitz, Friedebach und Voigtsdorf, welche Güter noch 1418 einem Johann von Erdmannsdorf gehört zu haben scheinen. Heinrich von Erdmannsdorf, Amtshauptmann zum Hohnstein, muss aus dieser Familie der letzte[WS 3] Besitzer von Erdmannsdorf gewesen sein; er wird zuerst im Jahre 1470 als solcher genannt, 1484 aber gehörte das Gut mit Zubehör bereits dem Bürgermeister zu Chemnitz, Ulrich von Schütz, welcher durch die Schneeberger Silbergruben zu einem gewaltigen Reichthume gelangt war. Auch sein Sohn und Erbe sass auf dem Bürgermeisterstuhle des Rathes zu Chemnitz; ein Bürgermeister von Chemnitz war aber damals eine wichtige Person! – Die Familie Schütz besass Erdmannsdorf bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, wo ein Amtshauptmann von Schütz auf Erdmannsdorf wohnte, später ging das Gut jedoch auf einen Herrn von Jagemann über, von dem es durch Kauf an den Rittmeister Hans Heinrich von Elterlein gelangte, der es wiederum 1824 Sr. Excellenz dem wirklichen Geheimenrathe und königl. Sächsischen Gesandten am französischen Hofe zu Paris, Herrn Hans Heinrich von Könneritz überliess, in dessen Besitz Erdmannsdorf sich noch jetzt befindet. Noch stand vor nicht gar langer Zeit ein uraltes aus gewaltigen Mauern zusammengefügtes Gebäu, welches das Steinhaus genannt wurde; es war die einstmalige Burg, in welcher viele Jahrhunderte hindurch die edlen Geschlechter hausten, welchen Erdmannsdorf gehörte. Als man es abtrug, fanden sich eine Menge Pfeilspitzen, Fussangeln und Waffentrümmer, als Beweise, dass in der Fehdezeit das Schloss feindliche Angriffe auszuhalten hatte. Die Wälle, Gräben und Mauern, welche einst das alte Ritterhaus schützten, sind verschwunden; aber die Sage erzählt noch von einem unterirdischen Gange, der nach der alten Schellenburg, einem gefürchteten Raubschlosse führte, an dessen Stelle Churfürst August zu Ende des sechszehnten Jahrhunderts die noch jetzt stehende Augustusburg erbaute. – Das Rittergut besitzt viele Waldungen, bedeutenden Wiesenwachs, eine Brauerei, Fischerei, treffliche Schafzucht, zwei Mahlmühlen, eine Oelmühle und zwei Schneidemühlen.

Das Dorf Erdmannsdorf zeichnet sich durch Fabrikthätigkeit aus, denn in ihm findet man drei Baumwollspinnereien und noch einige andere Fabriken, die sämmtlich mit Maschinenkraft arbeiten. Ausserdem hat der Ort eine Mühle mit vier Gängen, eine Bleiche, sowie einen bedeutenden Eisenhammer mit einer Schneidemühle, und einem Schlackenbade. Die Einwohnerschaft besteht aus zehn Bauern, vier Gärtnern, fünfunddreissig sogenannten Althäuslern, fünfundzwanzig Lehns- oder Rittergutshäuslern, einem Erbschenken, einem Gemeindeschmied und zwei Schenkwirthen unter den Lehnhäuslern. Bei der letzten Volkszählung fanden sich einhundert und achtundsechszig Familien vor, welche aus neunhundert und siebzig Seelen bestanden. Das Dorf hatte im dreissigjährigen, sowie im siebenjährigen Kriege von den schwärmenden Soldatenhaufen nicht wenig zu leiden, auch erfuhr es die Verwüstungen des Krieges im Jahre 1813, wo im October der König Mürat von Neapel von Dresden her gegen Augustusburg vordrang und am sechsten October auf diesem Schlosse sein Hauptquartier nahm. An genanntem Tage fand in Erdmannsdorf ein heftiges Gefecht zwischen den Franzosen und Oesterreichern statt, wobei das Dorf starke Plünderung erfuhr. Auf der Zschopau werden von hier viele Breter und Nutzhölzer bis nach Grimma geflösst, wodurch eine Anzahl Einwohner guten Erwerb finden. Bei dem Dorfe sind Dachschieferbrüche und Gruben mit trefflichem Thon, welcher sowohl zur Anfertigung von Gefässen, wie auch zum Walken dient.

Die Kirche zu Erdmannsdorf war in den ältesten Zeiten eine der heiligen Jungfrau gewidmete Kapelle, die später durch einen Anbau vergrössert wurde. Dem Besitzer des Rittergutes zu Erdmannsdorf gehört das Patronatsrecht über die Kirche und Schule, welche letztere im Jahre 1834 auf einen von dem Geheimenrath von Könneritz unentgeldlich dazu hergegebenen Platze neu und schön aufgebaut ist und dem Orte zu nicht geringer Zierde gereicht. Das Pfarrhaus war im dreissigjährigen Kriege von den Schweden eingeäschert worden und man hatte zwar dasselbe wieder aufgebaut, aber so enge und leicht, dass endlich keine Reparatur mehr möglich war. Deshalb entschloss man sich im Jahre 1812 zu einem Neubau, und Erdmannsdorf besitzt nunmehr ein Pfarrhaus, welches im Aeusseren und Inneren nichts zu wünschen übrig lässt. Beim Abtragen der alten Pfarrwohnung, fand man in der Erde ein Stück von einer goldenen Kette, woran ein Ring mit einer nicht zu entziffernden Inschrift befestigt war.

In die Kirche zu Erdmannsdorf sind die Augustusburger Amtsdörfer Bernsdorf und Cunnersdorf eingepfarrt, und in dem Chemnitzer Amtsdorfe, Dittmannsdorf bei Zschopau, befindet sich eine Tochterkirche. Durch diese [23] Tochterkirche, welche über eine Stunde von Erdmannsdorf entfernt liegt, wird das hiesige Pfarramt ein sehr beschwerliches und sogar gefährliches, indem nach Dittmannsdorf ein an der Zschopau hinführender Weg, der Leichenweg genannt, der nur wenig befahren wird, über Berg und Thal sich hinzieht und im Winter bei starkem Schneefall, sowie im Frühjahr beim Eisgange der Zschopau oft gar nicht zu passiren ist, so dass der Pfarrer sich oft durch alle denklichen Mittel Bahn brechen muss.

Die Kirche zu Dittmannsdorf ist ein kleines altes Gebäude, mit einem hübschen Altargemälde, welches für einen Lucas Cranach gehalten wird. Ob der Ort, wie man sagt, früher einen eigenen Pfarrer gehabt habe, lässt sich urkundlich nicht beweisen, obgleich ein Bauergut neben der Kirche für das ehemalige Pfarrgut gilt. Dittmannsdorf hat etwa achtzig Häuser, mit ziemlich neunhundert Einwohnern.

Otto Moser, Redact.     




Bosenhof.


Das auf einem Hügel des breiten Pleissengrundes erbaute Rittergut Bosenhof hiess in den frühesten Zeiten Langenhessen, und war vermuthlich ein Burglehn vom Schlosse zu Crimmitzschau. Als Burgmannen dieses Schlosses werden die Herren von Trützschler genannt, von denen Moritz von Trützschler im Jahre 1556 das ihm eigenthümlich zustehende Gut Bosenhof mit allen seinen Gebäuden, Zugehörungen, Erbgerichten und Lehen, dem Obergerichte und Wohnhause, wie auch der Schenke, die Kuhkrippe genannt, mit Aeckern, Wiesen, Teichen, Fischerei in der Pleisse, Jagden, Zinsen und Frohnen für 5125 Gülden verkaufte. Der Käufer war Thomas von Wöllnitz, zu Langenhessen wohnhaft, welcher, die ihm bereits zugehörigen Grundstücken zu Langenhessen mit denen des erkauften Gutes vereinigte, und auf diese Art das jetzige Rittergut bildete. Er war der Sohn Christophs von Wöllnitz, welcher 1530 dem Carthäuserkloster etliche Aecker auf dem Tennersberge für die Römerwiese überliess, und Hansen von Weissbach die in Kleinhessen wohnenden Bauern verkaufte, welche jetzt Unterthanen des Schlosses Schweinsburg sind. Thomas von Wöllnitz hinterliess das Gut seinen unmündigen Söhnen, die dasselbe indessen wegen bedeutender väterlicher Schulden nicht erhalten konnten, sondern auf Antrag ihrer Vormünder geschehen lassen mussten, dass es an Christoph von Bose auf Kleinsara verkauft wurde. Von diesem gelangte das Rittergut an Hans Ernst von Bose auf Netzschkau und Grosssara, welcher 1607 bei Neukirchen einen grossen Teich graben liess, der jedoch später trocken gelegt und zu Feld und Holzland gemacht wurde. Von dieser Zeit an verlor das Rittergut Langenhessen seinen bisherigen Namen und hiess der Bosenhof. Bereits im Jahre 1609 kam das Gut durch Tausch gegen das Schloss Neuschönfels an Otto von Weissbach, hatte jedoch 1610 wieder einen neuen Besitzer, Loth von Weissbach, der es an Albrecht von Schönitz auf Carthause verpachtete und 1613 in Concurs verfiel, worauf Albrecht von Schönitz Bosenhof für 11500 Gülden subhasta erstand. Bosenhof blieb nur bis 1615 Albrechts von Schönitz Eigenthum, in welchem Jahre es Hans Meusinger für 19500 Gülden, ohne die Auszüge an Vieh und Getreide, an sich brachte, aber schon 1617 an Heinrich Friedrich von Beust verkaufte. In dessen Besitze blieb Bosenhof bis zum Jahre 1638, wo Friedrich von Beust mit Tode abging und seine Söhne, Bernhard, Friedrich, Christoph, Heinrich und Joachim von Beust vom Churfürsten Johann Georg mit dem Gute belehnt wurden. In dem noch vorhandenen Lehnbriefe wird das Rittergut Bosenhof ein Ansitz und Vorwerk genannt, auch geschieht darin des Teiches bei Neukirchen und einer Waldstrecke, der Culpener genannt, sowie zehn sogenannter Siebenbauern und anderer zweiundsechzig Männer Erwähnung. Von den Gebrüdern von Beust kam endlich Bosenhof wieder an die Familie der Bose, indem es der berühmte Oberst Carl von Bose an sich kaufte. Dieser, durch seinen kolossalen Reichthum und viele Verdienste ausgezeichnete Mann, wurde im Jahre 1596 auf Langenhessen-Bosenhof, geboren, und war der Sohn Hans Ernsts von Bose auf Netzschkau, Grossensara und Bosenhof. Schon in seinem zwölften Jahre verliess Carl von Bose das väterliche Haus, um am Hofe des Bischofs von Bamberg als Page eine adelige Erziehung zu erhalten. Später ging er in französische Kriegsdienste, wo er sich tapfer hielt und endlich in Gefangenschaft gerieth, aus der er nach der Heimath zurückkehrte. Der dreissigjährige Krieg gab seiner kriegerischen Neigung hinreichende Beschäftigung. Er diente dem Kaiser, wohnte vielen Schlachten bei und avancirte zum Obristwachtmeister und später in Sächsischen Diensten zum Obersten. Im Jahre 1632 commandirte der Oberst Bose fünf Regimenter Fussknechte und zwölfhundert Reiter. Der Churfürst Johann Georg hielt ihn sehr hoch, und selbst als er schon aus dem Kriegsdienste zurückgetreten war, zog ihn der Landesherr oft in wichtigen Angelegenheiten zu Rathe, ernannte ihn zum Hauptmann der Aemter Zwickau und Werdau, später auch des Amtes Stollberg, und zum Obristen über das Defensionswerk des Thüringischen, Erzgebirgischen und Voigtländischen Kreises, sowie der drei Stifter, und der assekurirten Aemter. Am 12. Januar 1657 starb der verdienstvolle Mann im 62. Jahre am Schlagfluss, als er eben der Todtenfeier seines Sohnes Johann Carl von Bose auf Schweinsburg beigewohnt hatte, und auf das Schloss Netzschkau, seinen Wohnsitz, zurückkehren wollte. Mit fürstlicher Pracht und hohen Ehren bestattete man den Verblichenen in seinem kostbaren Erbbegräbnisse unter der Marienkirche zu Zwickau. Der Oberst Carl von Bose war einer der reichsten Männer des Landes, denn ihm gehörten nicht weniger als zwanzig meistentheils ansehnliche Rittergüter, und ausserdem besass er noch eine Anzahl Mühlen, Häuser, Weinberge und Gärten. Er war viermal vermählt, und zwar zuerst mit Anna Maria Wambold von Eckstädt, dann mit Maria Sophie Vitzthum von Eckstädt, hierauf mit Maria Magdalene von Starschädel auf Schweinsburg und endlich mit Sophie von Stibar. Bei seinem Tode lebten von seinen Söhnen noch fünf, Friedrich Carl, Carl, Carl Haubold, Carl Christian und Carl Gottfried, von denen Bosenhof an Friedrich Carl gelangte, der Sachsen-Altenburger Kammerjunker war, und zugleich Lauterbach, Schiedel, Zechau, Fuchshain und Hirschfeld besass, auch später, nach seines Bruders Christian Carl Tode Crimmitzschau und Schweinsburg an sich brachte. Als dieser Herr im Jahre 1689 gestorben war, kam Bosenhof an dessen Sohn, Carl Gottfried von Bose, auf Crimmitzschau, Schweinsburg und Lauterbach, Hofmeister des jungen Markgrafen von Brandenburg-Culmbach und später Hausmarschall in Eisenberg, von dem 1713 die Geheimräthin Christiane Sophie von Schleinitz das Gut erkaufte; als diese aber 1719 starb, gelangte Bosenhof wiederum an die Familie Bose, und zwar an die Söhne des Hausmarschalls von Bose, Carl Gottlob, Herzoglich-Weisenfelsischen Geheimrath und Kanzler, und Hans Carl, Churfürstlich Sächsischen Kammerherrn, Oberforstmeister und Wildmeister, welche das Gut Bosenhof gemeinschaftlich besassen. Hans Carl starb 1761 unverheirathet und Bosenhof blieb gemeinschaftliches Eigenthum der fünf Söhne des schon 1745 verstorbenen Carl Gottlob von Bose bis zum Jahre 1771, wo die Brüder das Vermögen theilten und Bosenhof Christian Adolf Carl von Bose, Dessauischer Landkammerrath, erhielt. Im Jahre 1825, wo der letzte männliche Zweig der Bose vom Bosenhofe mit dem Rittmeister Carl Alexander August Friedrich von Bose abstarb, kam das Gut in Besitz von dessen Schwester, Emilie von [24] Bose, welche es bis 1851 besass, und durch letztwillige Verfügung ihrer zweiten Mutter der Frau Oberst Charlotte von Bose, geborenen Gräfin von Hülsen, überliess, deren Eigenthum Bosenhof bis zum Jahre 1852 blieb, wo selbige, ebenfalls durch Testament, es ihrer Nichte, der Gräfin von Hülsen, Gemahlin des Herrn Referendar Wenzel zu Dresden, abtrat.

Bei dem Tode des Rittmeisters von Bose, war das Gut noch Mannlehn, und fiel, da die von selbigem Allerhöchsten Orts nachgesuchte Allodifikation noch nicht formell genehmigt war, an Sr. Majestät den höchstseligen König Friedrich August den Gerechten als obersten Lehnsherrn zurück. Derselbe ertheilte jedoch in Seiner anerkannten Grossherzigkeit zu der erbetenen Allodifikation noch nachträglich Seine Genehmigung und so gelangte Bosenhof in den freien Besitz von des Rittmeisters einziger Schwester.

Das Rittergut Bosenhof hat die Untergerichte und ganzen Erbgerichte, niedere Jagd und verdient die Lehn mit zwei Ritterpferden. Die meisten Unterthanen des Gutes leben in Langenhessen und einige in Kleinhessen, auch ist in neuerer Zeit ein Bauergut zu dem Rittergute geschlagen worden. Die Felder sind sehr fruchtbar und wohl angebracht. Das Gut Bosenhof hat 4100 Steuereinheiten und gegen 110 Acker unter dem Pfluge befindliches Land. Dasselbe ist an einen Herrn Schneider verpachtet, der die Bewirthschaftung des Gutes bereits seit fünfundzwanzig Jahren leitet. Brennerei und Brauerei wird in Bosenhof nicht betrieben, sondern reine Vieh- und Feldwirthschaft mit einer kleinen Schäferei von etwa dreihundert Schafen; in der Nähe befindet sich auch eine zum Gute gehörige Ziegelei. Das Herrnhaus zu Bosenhof brannte am 5. Juni 1701 sammt den Wirthschaftsgebäuden gänzlich darnieder, nachdem acht Tage vorher das Rittergut Lauterbach mit Scheune, Ställen, Schäferei und Verwalterwohnung nebst allen Getreide- und Futtervorräthen, sowie einigem Vieh durch eine Feuersbrunst vernichtet worden war. Die Wirthschaftsgebäude von Bosenhof wurden erst 1703 wieder aufgebaut, und nachdem die verwittwete Geheimräthin von Schleinitz des Rittergut gekauft hatte, erbaute sie sich zu ihrem Wittwensitze das noch jetzt stehende Wohnhaus. Auf einem Steine über der Thür liest man folgende Inschrift:

O Hüter Israel behüte dieses Haus
Vor Feuer, Krieg und Pest, ja allem Ungelücke.
Dein Segen mache reich, die gehen ein und aus,
Besonders wirf dein Heil auf deine Magd zurücke,
Die hier in diesem Haus sich deiner Hut vertraut,
So sie im Wittwenstand und Einsamkeit erbaut.

Von den 164 Feuerstätten des grossen und schönen Dorfes Langenhessen, gehören 71 unter das Rittergut Bosenhof, die übrigen unter das Amt Werdau. Die Einwohnerzahl beträgt etwa 1100 Köpfe, von denen die meisten sich mit Landwirthschaft beschäftigen, doch wird auch viel Landfuhrwerk und Fruchthandel getrieben. Zwei auf des Ortes Grund und Boden erbaute Fabriken, in welchen Schafwolle gesponnen, und Zeug von demselben Stoffe gewebt wird, geben gleichfalls vielen Einwohnern ziemlich guten Erwerb. Die Einwohnerschaft bildet zwei Gemeinden, die obere und untere genannt, jedoch nur getrennt durch Verwaltung ihres gesonderten Grundbesitzes und durch die Sorge für nothwendig gewordene Baue jeglicher Art; in ihrem Verhältniss zum Staate und zu andern benachbarten Gemeinden bilden sie nur eine einzige.

Die Kirche zu Langenhessen ist sehr alt und fällt mit ihrem hohen spitzen Thurme und den zackigen Giebeln nicht unangenehm in die Augen. An der Rückseite des Altars gewahrt man die Jahrzahl 1208, welche sich höchst wahrscheinlich auf die Erbauung des Gotteshauses bezieht. Die neuere Zeit hat im Inneren der Kirche manche Veränderung nothwendig gemacht, doch ist ihr der alterthümliche Charakter geblieben. In einem der Seitenstühle, nahe am östlichen Eingange befindet sich noch ein Wappen der Familie Bose, welche als Gerichtsherrschaft eines Theils der Gemeinde von Langenhessen, ehedem hier zwei Kirchensitze hatte. Ein höchst interessanter uralter Schmuck des Gotteshauses ist der Altar, auf dem eine geschnitzte Grablegung Christi zu sehen ist, deren Personen nach Portraits damals lebender Personen dargestellt in sein scheinen. Ausserdem befinden sich an dem Altar fünf grosse mit Gold und Schnitzwerk reich verzierte Heiligenbilder, und drei kleinere, von denen eines die päpstliche Tiara trägt, das andere ein Weib mit zwei Kindern, und das dritte den Ritter Georg mit dem Lindwurme darstellt. Die andere Seite der Flügel enthält gleichfalls aus sehr früher Zeit herrührende Abbildungen aus dem Leben heiliger Personen und der biblischen Geschichte. Die Sage, dass vor der Reformation Wallfahrten nach der Kirche zu Langenhessen stattgefunden haben sollen, und der kleine Werdauische Markt und Ablass hier unter den Linden abgehalten worden sei, lässt sich keinesweges urkundlich beweisen. Vor vielen Jahrhunderten wurde der Gottesdienst zu Langenhessen von den Chorherren des Klosters zu Crimmitzschau verwaltet, von denen 1397 Heinrich Roith und bald darauf Paul Mainart als Prediger zu Langenhessen fungirten.

Das Rittergut Bosenhof ist übrigens nicht in die Kirche zu Langenhessen, sondern in die zu Neukirchen eingepfarrt. Diese Kirche entstand 1488 unter dem Namen der neuen Martinskirche, zum Unterschiede von der alten Martinskirche, welche schon im Jahre 1222 auf dem Orte stand, wo später das Kloster Carthause sich erhob und jetzt das Rittergut gleichen Namens erbaut ist. Die verwittwete Churfürstin Margarethe von Sachsen und der Pfandinhaber des Amtes Crimmitzschau, Federangel, hatten den Augustinern das Kloster abgekauft, um auf dessen Stelle ein Carthäuserkloster zu stiften; da nun aber die Carthäuser eigentlich keine Predigermönche waren und deren strenge Ordensregeln beim Gottesdienste die Gegenwart von Frauen untersagten, so verordneten die Stifter, dass eine neue Kirche erbaut, und ein besonderer Pfarrer dabei angestellt werden sollte. Kaiser Friedrich III. hatte die Fundation der Kirche bestätigt, aber ehe Hans Federangel sein Gelübde völlig ausführen konnte, überraschte ihn der Tod, und sein Erbe, Kilian Schicker liess sich in dieser frommen Angelegenheit so säumig finden, dass der Churfürst selbst sich der Sache annehmen und Schicker befehlen musste, die Punkte des Testaments zu erfüllen. Der Erbe musste dem Kloster für gewisse Ansprüche 1000 rheinische Gülden verschreiben, eine neue Pfarrkirche und Pfarrwohnung bauen und die Pfarre dotiren. Der Bau ging indessen so langsam von Statten, dass 1496 Beschwerden über den säumigen Kilian Schicker beim Churfürsten einliefen, worauf endlich durch Vermittelung des Bischofs zu Naumburg ein neuer Vergleich entstand, der alle Partheien zufrieden stellte. Das Weitere über diese Kirche haben wir bereits im 2ten Erzgebirgischen Hefte unseres Albums bei der Schilderung des Schlosses Schweinsburg unseren Lesern mitgetheilt.

Otto Moser, Red.     



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Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Hauptgebirgees
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