Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen I. Section/H19

Heft 18 des Leipziger Kreises Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke (Hrsg.)
Heft 19 der Section Leipziger Kreis
Heft 20 des Leipziger Kreises
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Stötteritz
  2. Kleinzschocher
  3. Lauer
  4. Wiederau


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Stötteritz.


Stötteritz liegt ½ bis ¾ Stunde östlich von Leipzig, auf einer fast von allen Seiten allmälig ansteigenden Fläche, von 430 bis 470 Pariser Fuss über der Meeresfläche (d. i. gegen 60 Ellen über den Spiegel der Pleisse) in einer nichts weniger als reizenden Gegend, die jedoch eine weite Aussicht zeigt.

Der Ort gehörte vor der neuen Gerichtsorganisation, mit Ausnahme des früheren Leipziger Amts-Antheils, zu den beiden hiesigen hübschen Rittergütern, deren eins durch den ehemaligen Besitz des Dichters und Kinderfreundes C. F. Weisse, das andere durch den Besitz des grossen Jenaischen Philologen Eichstädt berühmt ist.

Das, was man hier in der Abbildung sieht, ist das des früheren Kinderfreundes C. F. Weisse zugehörig gewesene Gut. Es steht nordwestlich vom Gute des Prof. Eichstädt in Jena, dessen Besitzung in der Mitte des Orts liegt. Beide Rittergüter sind nur von mittlerer Stärke und haben angenehme Gärten und kleine, aber gefällige Herrenhäuser. Beide Güter haben, ausser der Wirthschaft, nur wenig Intraden.

Auf dem Gute, dem unsere Beschreibung gilt, verlebte Christian Felix Weisse die angenehmsten Stunden seines Alters und viele seiner Geistesprodukte gingen von Stötteritz aus, zur Belehrung, Aufheiterung und Veredlung des jugendlichen sowohl, als des reifen Alters, durch ganz Deutschland.

Von Christian Felix Weisse kam das Gut an dessen Sohn, den Oberhofgerichtsrath und Prof. Weisse. Nach dem Tode des Letztern haben seine Erben Stötteritz eine Zeit lang gemeinschaftlich besessen, bis es aus dem Erbe der derzeitige Besitzer, Herr Prof. der Philosophie und Doctor der Theologie, Christian Herrmann Weisse, übernahm.

Stötteritz ist das grösste und bevölkertste, aber nicht eben das wohlhabendste Dorf des Leipziger Kreises. Seine Einwohner nähren sich grösstentheils als Handlanger und Fabrikarbeiter in Leipzig; die wenigen Felder, die sie besitzen, werden meist zum Anbau von Küchenkräutern, Tabak und Kartoffeln verwendet.

Der Tabakbau war früher hier ein Haupterwerbszweig, geht jedoch jedes Jahr mehr zurück, indem alle Versuche im Grossen aufgegeben worden sind und nur die kleinen Besitzer sich noch mit der Kultur dieser Pflanze abgeben. Wenn man sonst jährlich den Ertrag der Tabaksernte auf 10,000 Centner berechnen konnte, so dürfte jetzt höchstens noch der zehnte Theil dieser Summe erbaut werden.

Von den Weisseschen Anlagen aus hat man eine recht freundliche Aussicht bis nach dem Petersberge bei Halle und dem Merseburger Schlosse.

Die Bauart des Dorfes selbst ist die eines kleinen Landstädtchens mit einzelnen Gassen. Mehre Villen von Leipzigs Bürgern und einige Vergnügungsorte zeichnen sich unter den Gebäuden aus. Von letzteren wird von den niedern Ständen die ehemalige Papiermühle – deren Gezeug durch eine holländische Windmühle (nach der Erfindung des in Dresden verstorbenen Papiermüllers Schuchard, dessen Papier-Windmühle bei Dresden im 7jährigen Kriege verbrannte) getrieben wurde, die aber durch einen Brand 1809 ihr baldiges Ende erreichte – am westlichen Dorfeingange am meisten besucht; doch ist die Schänke in der Mitte des Dorfes mit ihren vielen kleinen Lauben fast nicht minder beliebt.

Stötteritz ist der Geburtsort des Professors Eucharius Gottlieb Rink, welcher 1670 geboren, von 1707 an bis zu seinem Tode im Jahre 1745 in Altorf die Rechte lehrte und sich besonders um die historischen Hülfswissenschaften verdient machte. Er besass auch ein gutes Münzcabinet.

Im Jahre 1546 vom 7. bis 27. Januar diente der Ort dem Kurfürsten Johann Friedrich zum Hauptquartier, als er Leipzig belagerte, und im Jahre 1642 bei der Belagerung Leipzigs durch General Torstensohn hatte letzterer seinen Sitz ebenfalls hier.

Bei der grossen Völkerschlacht im Jahre 1813 stand hier der linke Flügel der französischen Armee, welchen die Garden und Cavallerie-Reserven bildeten. Vom 17. zum 18. October stand Stötteritz mit den Dörfern Probsthaida, Holzhausen und Schönfeld in Flammen.

Der beabsichtigte Angriff auf Stötteritz Seiten der verbündeten Mächte gelang wegen der hier concentrirten Macht der französischen Truppen nicht. Das Gefecht beschränkte sich hier bis zum Abende auf eine Kanonade. In der Nacht wurde schon der Rückzug der Franzosen angeordnet und solcher in aller Stille angetreten, so dass der Feind nicht das Geringste davon merkte.

Die Kirche in Stötteritz, ein gefälliges Gebäude, doch fast zu klein für die Gemeinde, steht fast mitten im Dorfe und ist das Filial von Baalsdorf, ¾ Stunden östlich von hier entlegen. In früheren Jahren versah [146] auch der Baalsdorfer Schulmeister zugleich die hiesige Schule – ein Uebelstand, den die Gerichtsherren von Stötteritz abzuhelfen suchten und eine besondere Schule fundirten. Den Begründern dieser Schule muss die Mit- und Nachwelt ihren Dank dafür zollen; denn es kann nur zum Segen gereichen, wenn die Kindheit vor den Gefahren der Immoralität auf alle mögliche Weise beschützt und behütet wird.

Baalsdorf liegt zwischen den Dörfern Engelsdorf, Hirschfeld, Holzhausen und Zweinaundorf. Der Ort gehörte in früheren Zeiten der Nicolaikirche zu Leipzig, mit welcher es durch die Freigebigkeit Markgraf Dietrichs 1213 wahrscheinlich mit dem Kirchenpatronate an das neugestiftete Thomaskloster in Leipzig kam. In den über diese Schenkungen ausgefertigten Urkunden wird der Ort Boldwinsdorf genannt. Der eigentliche Name war Balduinsdorf, von einem gewissen Balduin, der sich nach Unterjochung der Sorben hier zuerst niederliess und den Grund zum Dorfe legte.

Baalsdorf war ein ehemaliges Klostergut, welches im Jahre 1543 der Leipziger Rath, nebst mehreren andern in der Umgegend liegenden Ortschaften, erkaufte, in den Zeiten des 30jährigen Krieges aber veräussern musste.

Die Collatur über die Pfarre zu Baalsdorf steht dem Rittergute Belgershain zu.

Stötteritz mit seinen beiden Rittergütern gehört jetzt zum Gerichtsamt Leipzig I., zum Bezirksgericht Leipzig, zur Amtshauptmannschaft Borna, zum Regierungsbezirk Leipzig, und zwar im Ganzen mit 204 bewohnten Gebäuden, mit 716 Familienhaushaltungen und mit 2950 Einwohnern.

In geringer Entfernung von Stötteritz am Connewitz–Stötteritzer Wege, einige 100 Schritt vom Thonberg entfernt, stand die frühere Quandt’sche Tabaksmühle oder sogenannte holländische Windmühle, welche dadurch historische Merkwürdigkeit erlangt hat, dass sie am 18. October als dem Hauptschlachttag, Napoleons Hauptquartier bildete, von wo aus er fast nach allen Seiten hin die Armeebewegungen leitete und überschaute. Noch in der folgenden Nacht wurde die eigentliche Windmühle durch die Franzosen zum Gerippe gemacht und in den nächsten Tagen vom losen Volke vollends rasirt und zum Theil als Brennholz in Leipzig verhandelt. Sehr nahe bei dieser sogenannten Tabaksmühle ist der berühmte Gesundbrunnen, welcher früher am Johannistage vor Sonnenaufgang als Wallfahrtsort benutzt wurde. Die Wallfahrten wurden später als eine Art Lustpartien fortgesetzt, und da häufig Unfug dabei vorfiel, so verbot der Stadtrath vor mehreren Jahren gänzlich das Oeffnen des Brunnens am Johannis-Morgen.

Höchst wahrscheinlich schrieb sich diese Sitte aus der vorlutherischen Zeit von einem Wallfahrtsorte Olschwitz her, der zwischen Connewitz und dem Thonberge lag und in der nun längst eingegangenen Kreuzkirche eine wunderthätige Nachbildung des Grabes Christi enthielt.

Die in der ehemaligen Sandgrube bei Leipzig im Jahre 1803 aufgefundenen thönernen Röhren lassen vermuthen, dass dieser Brunnen früher durch ein Röhrenlager sein Wasser in das Nonnenkloster der Marienmägde zu Leipzig gesendet hat, wovon auch der in früheren Zeiten vorgekommene Name des Brunnens „Mariabrunnen“ herzuleiten ist.

Uebrigens knüpft sich hieran die Sage, dass der unterirdische Gang, welcher im Paulinum anhebt und schon längst nicht mehr zu passiren ist, bei diesem Johannis- oder Gesundbrunnen sein Ende erreicht hat. Sonach würde er volle Dreiviertelstunden lang gewesen sein.

Nicht unerwähnt kann hier der ⅛ Stunde von Stötteritz an der Grimmaischen Strasse gelegene „Thonberg“ bleiben, ein grosses, von dem Leipziger Rathe im Jahre 1719 für 19,000 Thaler erkauftes Vorwerk. Es ist, wie die Papiermühle in Stötteritz, ebenfalls ein häufig besuchter Vergnügungsort der untern Stände Leipzigs. In alten Urkunden heisst dieses Vorwerk auch Uebelessen.

Die Erzählung, dass dieser Name durch die Worte eines die Stadt belagernden Feldherrn herstamme, dem eine Kanonenkugel beim Essen den Teller vom Tische weggenommen und der ganz ruhig gesagt haben soll: „Ei hier ist doch gar übel essen, lieber nach Wolkwitz, wird um so mehr zur Fabel, wenn man bedenkt, dass schon vor der ersten Belagerung Leipzigs durch Johann Friedrich im Jahre 1547 diese Benennung schon im Jahre 1539 vorkommt.

Von Thonberg aus hat man Stötteritz in seiner ganzen Ausdehnung vor sich liegen und die sehr belebte Grimmaische Strasse mit ihren Nebenwegen nach Stötteritz und andern Orten gewährt in schöner Jahreszeit von hier aus viel Unterhaltung.

Gewöhnlich wird der Thonberg von Leipzig aus von den Spatziergängern als Ruhepunkt benutzt und dann weiter gewandert zur Papiermühle in Stötteritz oder zur Schänke im Dorfe von Stötteritz. Denn mit einem Orte begnügt sich der Leipziger am Sonntage nicht.

Dem Thonberge gegenüber auf dem Fahrwege von Stötteritz und beim Eingange des Dorfes befindet sich die seit einigen Jahren erbaute Schänkwirthschaft zum Mariabrunnen, welche aber zu der daneben befindlichen Irrenanstalt des Herrn Dr. Günz acquirirt worden ist.

M. G.     



[147]
Kleinzschocher.


Kleinzschocher liegt am linken Elsterufer und der Eisenberger Strasse, eine Stunde südlich von Leipzig entfernt. Es gehörte vor der Theilung Sachsens zum Hochstifte Merseburg und zum Amte Lützen. Zu den früheren Gerichtsuntergebenen gehörten auch die Dörfer Plagwitz mit hübschen Landhäusern und Grossmiltitz am Schambert.

Jetzt gehört Kleinzschocher mit seinen 134 bewohnten Gebäuden, seinen 280 Familienhaushaltungen und 1242 Einwohnern zum Gerichtsamte Leipzig II, zum Bezirksgerichte Leipzig, zur Amtshauptmannschaft Borna, zum Regierungsbezirk Leipzig.

Das hiesige Rittergut und Schloss mit sehr grossen Wirthschaftsgebäuden, mit starker Brauerei und Ziegelei und mehreren Steinbrüchen (in hiesiger Gegend lagert nämlich Grauwackenschiefer) gehört vorzüglich wegen seiner schönen herrschaftlichen Gebäude, seines herrlichen Gartens und der grossen Gewächshäuser für exotische Pflanzen zu den schönsten in der ganzen Umgegend. Die ältesten bekannten Besitzer dieses Gutes sind die Herren von Hahn, oder wie sie auch sonst geschrieben wurden, die Herren von Hayn. Von diesen kam es in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts an die Familie von Dieskau auf Knauthain, welche es über 100 Jahre besass. Nach dem Tode des letzten Gliedes dieser Familie, Karl Heinrich, welcher zugleich ausser Knauthain noch Cospuden besass, wurde es durch dessen Schwager, Herrn Major Gottlob August von Trebra, an den Kreishauptmann Ernst Ludwig Gottlob von Gersdorf auf Zangenberg verkauft, der es noch bei Lebzeiten an den Kaufmann und Fabrikanten zu Colditz, Herrn Gottfried August Kelz, käuflich abtrat. Nach einigen Jahren schon kaufte es von letzterem der Kammerherr und Hauptmann, Herr Carl Wilhelm Ernst von Griesheim auf Oberthau. In seinem Alter zog er sich zurück und verkaufte das Gut an den Kaufmann und Droguisten Schröter und den Gastwirth Hildebrand zu Leipzig. Einige Jahre darauf trat Schröter seinen Antheil an Hildebrand ab und dieser verkaufte kurz vor seinem im Jahre 1812 erfolgten Ableben das Gut an den Kaufmann David Förster sen. in Leipzig, welcher am 8 September 1814 mit Tode abging und das Gut sowie das zu Mockau seinem einzigen Sohne gleichen Namens erblich hinterliess. Dieser Besitzer des Gutes hat zur Verschönerung desselben viel beigetragen.

Als Freund der Natur schuf er das nahe gelegene Hölzchen zu einem öffentlichen Parke um und bekannt ist sein schönes Gewächshaus für Pflanzen aus allen Zonen. Seine Sammlung war bis zum Jahre 1827, wo er viel zu früh für die Seinen und für seine Gerichsuntergebenen starb, unstreitig die gröste und vollständigste, welche sich in Sachsen, wenigstens in den Händen eines Privatmannes, befand. Nach seinem Tode erbte es sein einziger Sohn Johann Gustav Förster, welcher den ganzen Rittergutsgarten in einen freundlichen Park umwandelte. Seit 1848 besitzt das Gut Herr Bernhard Tauchnitz in Leipzig.

Der Name Zschocher lässt sich vielleicht von dem wendischen Namen Choho (tschoho) i. e. cujus mons? ableiten. Da die Wenden ihren Zug durch die Aue nahmen und schon jenseits der Anhöhe, auf welcher Gross- und Kleinschocher erbaut worden ist, deutsche Völker sich niedergelassen hatten, so lässt sich hier leicht ein Kampf zwischen beiden Völkern denken, der dadurch seine Endschaft erreichte, dass den Wenden die Anhöhe zur Bebauung überlassen wurde.

Im Jahre 1021 hat Bischof Ditmarus vom Kaiser Heinrich II. Leipzig mit allen dazu gehörigen Dörfern, Feldern, Wiesen, Wäldern, Mühlen u. s. w. zum Tafelgut erhalten. Im Jahre 1327 ist die wendische Sprache erst in hiesiger Gegend abgeschafft worden.

Kleinzschocher ist übrigens von vielen Drangsalen von jeher heimgesucht worden. Namentlich hat der 30jährige Krieg hier traurige Spuren zurückgelassen. Von den beiden Zschochern und von Lindenau aus hat Tilly Leipzig berannt. Gross- und Kleinzschocher wurde geplündert, zuletzt angezündet und zum grössten Theil in Asche gelegt. Im Jahre 1680 gesellte sich zum Kriegsunglück noch die Pest, wodurch viele Menschen hinweggerafft wurden. Die Trümmer des Wagens, auf welchem die an der Pest Verstorbenen auf den Gottesacker gefahren wurden, liegen [148] noch jetzt auf dem hiesigen Kirchboden. Auch im siebenjährigen Kriege sind die Qualen des Kriegs über den Ort gekommen und die grosse Völkerschlacht vom 16. zum 18. October 1813 hatte auch hier ihre Zeugen.

Die Einwohner waren in diesen Tagen in den nahen Wald geflüchtet, um den Plünderungen und Gefahren bei den Gefechten zu entgehen, welche zwischen den Giulay’schen und den in Lindenau stehenden Bertrand’schen Truppen hinter dem Dorfe und auf der Weide zwischen Kleinzschocher und Schleussig stattfanden. Sämmtliche Häuser waren in diesen Tagen völlig ausgeräumt und die Bewohner fast um alle ihre Habe gekommen, so dass sie im eigentlichen Sinne des Wortes weiter nichts besassen, als was sie auf dem Leibe trugen.

Auch von unglücklichen Feuersbrünsten ist Kleinzschocher nicht verschont geblieben. Am 26. August 1703 brannten 26 Häuser, die Pfarr- und Schulwohnung, sowie die Stallgebäude und Schäferei des Rittergutes völlig ab. Am 27. November 1842 brannte die Rittergutsbrauerei gänzlich nieder.

Seit den letzten 30 Jahren hat Kleinzschocher an seiner Bevölkerung auffallend zugenommen.

Fast alle Gewerbe, besonders viele Maurer und Zimmerleute und eine nicht geringe Zahl von Gehülfen in Tabaksfabriken und andern Kaufläden Leipzigs, welche sämmtlich ihr Brod hier verdienen, haben sich niedergelassen. Auch gehen von hier aus viele Milchwagen zur Stadt.

Der hiesige Gasthof ist noch nach wie vor ein Belustigungsort für die Einwohner von Zschocher, sowie für Leipzigs Bewohner, die im Sommer an Sonn- und Wochentagen viel hierher wandern.

Die Kirche zu Kleinzschocher ist, nach einem noch stehenden kleinen Theile, auf welchem 1688 der Thurm aufgeführt wurde, zu schliessen, uralt und ehemals wahrscheinlich nur eine Capelle gewesen. Sie ist nach und nach durch mehrfache, zu verschiedenen Zeiten erfolgte Hauptreparaturen zwar erweitert, aber freilich dadurch unregelmässig, in ihrem Innern aber ziemlich dunkel und viel zu klein für die gegenwärtige Anzahl der Parochianen geworden. Im Jahre 1830 wurde das hiesige Pfarrhaus von dem Maurermeister Moser aus Leipzig neuerbaut, sowie im Jahre 1832 im Filialdorf Grossmiltitz ebenfalls ein neues Pfarrhaus entstand, worin zugleich eine Unterstube zum Unterricht für die Schuljugend und im obern Gestock eine Wohnstube für den Lehrer eingeräumt sich befindet, wodurch die frühere Wandelschule aufgehoben worden ist.

Im Jahre 1833 wurde das Pfarrholz bei Plagwitz wegen des schlechten Bestandes und der häufigen Holzdiebereien abgetrieben, der Holzbestand von der Kircheninspection verkauft und durch Rescript des hohen Ministerii des Cultus dem jedesmaligen Pfarrer zu Kleinzschocher nicht allein die Zinsen von dem erlösten Capitale, sondern auch die freie Benutzung des Grund und Bodens zugewiesen.

Im Jahre 1835 wurde ein neuer Gottesacker angelegt und im Jahre 1837 ein zweites Schulhaus für den zweiten Lehrer mit Unterricht- und Wohnstube in der Mitte des Dorfes erbaut.

Im Jahre 1841 wurde hier wie in Grossmiltitz eine Sonntagsschule errichtet und am 31. October 1842 ein Zweigverein der Gustav-Adolph-Stiftung mit 491 Mitgliedern gegründet.

Eingepfarrt in hiesige Kirche sind das Dorf Plagwitz, in dessen Nähe der linke Arm der Elster unter dem Namen Luppe nach Lindenau zugeht, und das Dorf Schleussig auf dem rechten Ufer der Elster mit einem Vasallengute, ein Vergnügungsort für Leipzigs Bewohner.

Das Filial Grossmiltitz, dessen wir oben schon Erwähnung gethan haben, liegt 1¼ Stunde von Kleinzschocher und ist eins der beschwerlichsten Filiale. Der Weg im Frühjahr und Winter ist oft schwer zu passiren. Der Gottesdienst muss in dieser Kirche einen Sonntag um den andern und ausserdem alle Festtage gehalten werden. Im Sommerhalbjahre beginnt er schon früh um 6 Uhr und im Winterhalbjahre Nachmittags ½2 Uhr.

Die Collatur über Kirche und Schule zu Kleinzschocher steht dem jedesmaligen Besitzer des Rittergutes zu. Früher vor der Theilung Sachsens standen Kirche und Schule unter dem Seniorat Lützen; jetzt gehören solche zur Inspection Leipzig.

Grossmiltitz war vor der Reformation ein besonderes Pfarrdorf und wurde erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts Schwesterkirche von Kleinzschocher.

M. G.     



[149]
Lauer.


Lauer, auch Laura genannt, liegt zwei Stunden südlich von Leipzig am Ausgange des Rathsholzes, am Flossgraben, mitten in der Aue.

Das dazu gehörige Knautkleeberg mit Mühle und Gasthof, hat mit Zschocher gleiche Lage.

Lauer hat blos zwei bewohnte Gebäude mit drei Familienhaushaltungen und 30 Bewohnern.

Es gehört zum Gerichtsamt Leipzig II., zum Bezirksgericht Leipzig, zur Amtshauptmannschaft Borna, zum Regierungsbezirk Leipzig.

Einer Sage nach, die nicht so allgemein bekannt sein dürfte, soll das Schloss seine Entstehung folgender Begebenheit verdanken.

Aus einem der benachbarten Schlösser (Gautsch, Zöbigker, auch Knauthain wird genannt), war der Besitzer des Gutes ausgezogen zum fernen Turniere, und am Tage, wo derselbe wieder einzutreffen versprochen hatte, ging die Gattin mit ihrem einzigen lieblichen Kinde Laura entgegen und wartete in der Gegend des jetzigen Schlosses Lauer, der Ankunft des Gatten, ihres Beschützers und Hüters. Vergebens war das Lugen und Lauern, der Gatte kam nicht. Trauernden Herzens und weinenden Auges kehrte sie nun zum Schlosse ihrer Väter zurück, um eine in Sorgen und Angst durchwachte Nacht zu verleben. Mit Tagesanbruch sah sie nach der Gegend, woher der Gatte kommen sollte. Bald erblickte sie einen Trupp Reisige und in deren Mitte einen scheinbar Todten. „Gott! meinen Gatten bringen sie als Leiche,“ schrie sie in der Angst ihres Herzens. Der Zug näherte sich dem Schlosse und nach einigen Minuten weinten Mutter und Kind zu den Füssen ihres nicht todten, aber schwer verwundeten Gatten und Vater. Da in ihrer Seelenangst, gelobte Lauras Mutter: „Zum Danke, wenn der Gatte mir erhalten wird, will ich an dem Orte, wo ich mit meinem Kinde den Gatten zu erwarten gedachte, einen Zufluchtsort für Reisende und Kranke erbauen.“ Und Gott erhörte ihr Flehen. Der Gatte genass und ein Gebäude entstand an der Stelle, wohin sie mit dem Kinde entgegen gegangen war. Das Haus wurde anfangs als Wallfahrtsort bestimmt, später in ein Schloss[1] umgewandelt und in Bezug auf das Warten der Mutter mit ihrem Kinde Laura: „Lauer oder Laura“ genannt.

Man hat über die Entstehung des Ortes wenigstens eine weitere Nachricht nicht, obschon die Sage ebenfalls keinen sichern Anhalt giebt.

Nur so viel steht fest, dass im 16. Jahrhundert das Schloss von einem Herrn von Pflug umgestaltet und in seiner jetzigen Form ins Gevierte gebaut worden, über dessen Portale das Pflug’sche Wappen mit der der Jahreszahl 1552 zu lesen ist.

Der mit dem Schlosse verbundene fünfeckige Thurm, musste in neuerer Zeit abgetragen werden. Schloss und Thurm ist von Wallgräben umflossen.

Später acquirirten das Schloss die Herren von Dieskau, von denen es durch Heirath an die Herren von Ponickau im Jahre 1683 überging. Ein von Ponickau und ein Schwager desselben mit Namen Wobbeser, verkauften das Gut im Jahre 1729 an die Frau von Manteufel, durch welche es in den Besitz der Familie von Hohenthal zweiter Linie, die auch Knauthain inne hat, kam, und deren Stammvater Peter Hohmann in Leipzig (später Hohenthal) war. Der Hohmann’sche Hof in der Peterstrasse Leipzigs hat von demselben heute noch seine Benennung.

Der jetzige Besitzer von Lauer ist, Graf Carl Adolph von Hohenthal-Knauthain, Knautnaundorf u. s. w. Königl. Sachs. Kammerherr, wirkl. Geh.-Rath und Gesander und Bev.-Minister in Berlin, sowie am K. Hannover’schen Hofe, vermählt mit Caroline Christiane Albine Albertine von Bergen, des Kurfürstth. Hess. Erbkämmerer Gen.-Majors Ludwig Herrmann, Freiherrn von Berlepschs Tochter, Besitzer in der Herrschaft Pischelly in Böhmen, welche in erster Ehe mit dem Kurfürsten Wilhelm II. von Hessen vermählt war und seit den 20. Nov. 1847 bis zum Jahre 1851 in Wittwenstande lebte. Mit diesem Grafen von Hohenthal erzeugte die Gräfin Bergen am 4. Febr. 1853 einen Sohn, Karl Adolph Philipp Wilhelm Graf von Hohenthal, welcher seit dem 15. Oct. 1854 auch Graf von Bergen ist.

[150] Der andere Bruder des Besitzers von Lauer ist, Karl Emil Graf von Hohenthal, Herr auf Dölkau, Kötzschlitz, Günthersdorf und Altranstädt, vermählt mit der Gräfin Seher-Thoss.

Der dritte Bruder, welcher am 11. Dec. 1852 gestorben ist, war der Reichsgraf, Carl Friederich Anton von Hohenthal, Königl. Sächs. Kammerherr und Grossherzoglich Sächs. Oberschenk, Herr auf Wartenburg, der Herrschaft Launstein, Mühltroff, Weissenborn, Püchau u. s. w. Dessen Sohn, Karl Julius Leopold, geb. am 21. Juni 1830, ist der Nachfolger in den vorgenannten Besitzungen, und derselbe ist vermählt mit Auguste Isidore, geb. von Wuthenau, der Tochter des Sächs. Kammerherrn Traugott von Wuthenau und der Isidore, geb. Gräfin von Hohenthal Tochter.

Aus dieser Ehe sind zwei Kinder entsprossen, Maxmilian und Olga. Ausserdem hat dieser Graf Karl Julius Leopold noch fünf Halbgeschwister aus des Vaters zweiter Ehe und eine Vaters Schwester, Friedericke Henriette Armgardt, geb. von Hohenthal, welche am 11. Jan. 1777 geboren ist, und mit Ferdinand Heinrich von Helldorf vermählt war.

Das alterthümliche Schloss Lauer, dessen Inneres manche Reliquie aufbewahrt, ist sonach bis auf die neuesten Zeiten der Sitz berühmter weit verzweigter Adelsgeschlechter geblieben.

In früherer Zeit finden wir hier die Zschocher’sche Linie der Pflugke und Dieskau, die im 17. Jahrhundert die meisten Güter hier und in der Umgegend besassen, und durch ihren Glanz in den Haushaltungen sich auszeichneten; in den neuern Zeiten finden wir hier die Grafen von Hohenthal, deren Name einen herrlichen Klang im Sächs. Vaterlande hat. Arme und Verlassene finden in Ihnen einen Beschützer und Helfer, das Vaterland an ihnen seine treuesten Vasallen.

Ein besonderes Dorf ist in Lauer nicht zu finden.

Die Bevölkerung besteht aus einem Pächter mit seinen Knechten und Mägden, dem herrschaftlichen Revierförster und Ziegler mit ihren Familien.

Das Gut hat schönen Feldbau und prächtiges Holz.

Zu dem Gute selbst muss das Dorf Knautkleeberg als Beigut gerechnet werden, welches nach Knauthain eingepfarrt ist. Es liegt am linken Ufer des Elstermühlgrabens, 1¾ Stunde von Leipzig, zwischen Knauthain und Grosszschocher. In diesem Orte verlebte der Dichter Seume einen Theil seiner Jugend.

Lauer ist mit Raschwitz, Oetzsch und Cospuden nach Gautzsch eingepfarrt und die Kirche zu Zöbigker ist eine Schwesterkirche von Gautzsch.

Das Aeussere, sowie das Innere der Kirche ist ungemein schön, geräumig, lichtvoll, so dass sie im ganzen Leipziger Kreise, wenige ihres Gleichen haben wird und übertrifft an Helligkeit selbst die neueste zu Schönfeld.

Die ganze Parochie hat im 30jährigen Kriege 1632 beim Rückzuge der Schweden viel gelitten, eben so auch im Jahre 1706 durch Carls XII. Grausamkeit, und die Völkerschlacht bei Leipzig ist hier noch nicht vergessen.

Von Gautzsch aus, suchte der General Meerveldt nach Connewitz zu gelangen, und den rechten Flügel der Franzosen in den Rücken zu nehmen.

Allein die Pleissenbrücke war abgebrochen und der Uebergang wurde ihm durch den tapferen Fürsten Poniatowski verwehrt. Auch bei Lössnig gelang es ihm nicht, und bei Dölitz besetzten zwar die Oesterreicher schon früh das auf dem linken Pleissenufer liegende Rittergut und schossen die gegenüberliegende Mühle in Brand, allein dessen ungeachtet konnte wegen der tapferen Gegenwehr ihrer Feinde, welche jeden Baum, jede Mauer, jeden Boden benutzten, um Kugeln auf die am linken Ufer befindlichen Oesterreicher zu senden, der Uebergang nicht erzwungen werden. Endlich beschloss sich in dieser Gegend das blutige Schauspiel damit, dass General Meerveld, welcher Alles für Erreichung seines Zweckes aufbot, an der Spitze seines Bataillons gefangen wurde.

Gelang dieser Uebergang, so war allerdings eine gefährliche Lage für das in Rücken genommene französische Heer vorhanden. Durch das Eintreffen der Nachricht aber von dem bei Wachau Vorgefallenen wurde derselbe gänzlich vereitelt.

Napoleon drang von Wachau rechts und links in 2 Colonnen vor, wodurch es kam, dass die Verbündeten zurückweichen mussten. Sofort wurde dem Fürsten Schwarzenberg, welcher sich in der Nähe des Meerfeldschen Corps in Gautzsch und bei Lauer aufhielt, die gefährliche Lage der Dinge gemeldet, und derselbe gab der österreichischen Reserve unter dem Erbprinzen von Hessen-Homburg Befehl, über Gaschwitz und Deuben auf das rechte Pleissenufer zu gehen und sich vor dem Dorfe Gröbern zu setzen. Er selbst folgte auf das Schlachtfeld und mit dem beabsichtigten Uebergange war es aus. Die Tage der Angst und des Schreckens für Gautzsch und Umgegend waren vorüber.

M. G.     



[151]
Wiederau
bei Pegau.


Wiederau liegt am linken Ufer des Flossgraben, ¾ Stunde von der preussischen Grenze, eine Stunde nördlich von Pegau, 1¼ Stunde südwestlich von Zwenkau, in der Elsteraue, in einer sehr tiefen, doch vor Ueberschwemmungen, durch zahlreiche Dämme möglichst gesicherten, angenehmen Gegend, unter einem sehr milden Klima. Durch den Ort führt die Chaussee nach Zeitz, welche zwischen Imnitz und Rüssen die ebenfalls chaussirte, alte Audigaster oder hohe Strasse verlässt und Pegau nur am westlichen Ende berührt. Wiederau hat 37 bewohnte Gebäude, 52 Familienhaushaltungen und 311 Bewohner. Der Ort gehört jetzt zum Gerichtsamt Pegau, zum Bezirksgericht Borna, zur Amtshauptmannschaft Borna, zum Regierungsbezirk Leipzig.

Das Schloss liegt südwestlich am Dorfe, von welchem eine schöne Allee von mehr als 100jährigen Linden zu den Gebäuden führt. Um den ganzen Hof ist ein Wassergraben geführt, davon jedoch in neueren Zeiten ein Theil zugeschüttet worden ist.

Die Wirthschaftsgebäude haben mit dem Schlosse gleiches Alter, sind daher nicht gerade prächtig, aber doch ihrer vollkommenen Symmetrie wegen gefällig zu nennen. Ein besonderer Vorhof trennt von denselben das eigentliche Schloss, welches unstreitig zu den schönsten, im edelsten und grandiosesten Style erbauten, in Sachsen zu zählen ist. Auch ist es so massiv, dass es seit 1705 nicht wieder renovirt und abgeputzt worden und doch noch wie neu dasteht. Es hat mit den Sousterrains vier Etagen, ein gebrochenes Schieferdach mit Blitzableitern, deren Fangstangen gabelförmig ausgehen, und acht Fenster in der Breite. Zum Eingang führt eine schöne Freitreppe; gegen Norden befinden sich auch kurze Nebenflügel. Fast den ganzen Hof umgiebt der Garten, der jetzt mehr, wie früher, benutzt wird, aber sehr schön genannt werden muss. Vorzüglich bemerkenswerth ist die darin befindliche Orangerie mit neun Zoll starken Stämmen. Auch der Gartensalon ist prächtig und das Gewächshaus sehenswerth. Ausserhalb des Gartens, gegen Osten, ist noch ein Busch zu Spaziergängen benutzt und als solche gelten auch die vielen, mit Obstalleen besetzten Querdämme.

In früheren Zeiten gehörte Wiederau zu der Grafschaft Groitzsch, wovon das Amt Pegau mit seinen Ortschaften den Haupttheil bildete. Diese Grafschaft kam aber im 13. Jahrhundert als ein eröffnetes Lehen an die Meissner Markgrafen und im Jahre 1662 kaufte Herzog Moritz von Sachsen Zeiz dem Churhause das Amt Pegau mit seinen Besitzungen ab. Durch Moritz Wilhelm, dem letzten Sprossen der Zeitzer Linie, kam das Amt Pegau mit seinen Ortschaften wieder an Kursachsen, an den König August II.

Der eigentliche Begründer des Schlosses Wiederau war im Jahre 1704 der geheime Rath von Fletzscher, von welchem es 1737 der Graf von Hennicke, der einflussreichste Minister des Grafen von Brühl übernahm, welcher von August II. für das Rittergut das Privilegium auswirkte, 75 Klaftern Flossholz ohne Bezahlung vom hiesigen Flossholzhof jährlich abholen zu dürfen. Dem Grafen von Hennicke hat Wiederau die Verschönerung des Schlosses, der Oeconomiegebäude, des Gartens und dergl. zu verdanken. Derselbe hat sich auch durch Aufführung von Dämmen gegen die Ueberschwemmungen der Elster verdient gemacht.

Der erwähnte Flossholzhof befindet sich nördlich etwa 600 Schritte vom Dorfe, am linken Ufer des Schlossgrabens, welcher hier und bei Döhlen von ansehnlicher Breite ist. Dieser Flossgraben berührt Zwenkau, die Pulvermühle, Prödel, Zöbigker und Gautzsch (sämmtlich rechts gelegen) und ergiesst sich unter Connewitz in die Pleisse, welche vollends bis zum Flosshofe hin (zuletzt mittelst der abgeleiteten neuen Pleisse) statt des Flossgrabens dient. Bei erwähnter Pulvermühle giebt der Flossgraben links die Patzschke ab, welche die Cospudensche Papiermühle treibt und weiter unten theils wieder in den Flossgraben bei Zöbigker, theils durch einen geringen Arm über Laura in die Elster geht. Letztere verzweigt sich überhaupt noch bei Leipzig auf mehrfache Weise mit der Pleisse, indem der Hauptarm unter der hohen Brücke (westlich von der [152] Funkenburg) hindurch geht, um das Rosenthal westlich zu begrenzen, während ein zweiter noch diesseits der Funkenburg die Strasse kreuzt, ein dritter hingegen mit dem Hauptarme der alten Pleisse vereinigt, als Mühlgraben bis in die Nähe des innern Frankfurter Thores zu Leipzig kommt, hier nur durch ein Wehr von der höher fliessenden Pleisse geschieden ist und, schnell sich wendend, dem Lazareth zuströmt.

Man wird diese Abschweifung zur Verständniss des Ganzen uns gern verzeihen, und nun zurück nach Wiederau:

Mit dem nahen Döhlen wird Wiederau durch einen hohen Damm und durch vier Brücken verbunden, davon die drei ersten nur beim Austreten des Flusses Wasser unter sich haben. Die eigentliche Flussbrücke ist sehr lang, aber nur hölzern, und an derselben steht ein, schon zu Döhlen gehöriges Gebäude für den Brückenzoll. Von diesem Hause bis zur hohen Strasse führt an der Chaussee eine schöne Pappelallee.

Im Nordosten vom Gute findet man grosse Obstplantagen und im Südosten eine der grösseren Ziegelbrennereien. Bei dieser Ziegelei giebt es eine Hopfenplantage und auf den herrlichen Auenfeldern baut man auch Flachs, viel herrliches Kraut, Hirse u. s. w. Ueberhaupt ist um Wiederau der fruchtbarste Boden der ganzen Pegauer Pflege zu finden.

Von dem Grafen von Hennicke ging das Rittergut mit dem Patronat über Kirche und Schule auf den churfürstlich sächsischen Oberküchenmeister Herrn von Berlepsch über, von welchem es die Familie Kypke im Jahre 1811 acquirirte, die gegenwärtig noch im Besitze des Gutes ist, welcher das Gut und das Dorf viele Verbesserungen und viele Wohlthaten verdankt, und der auch Grossstorkwitz gehört.

Die Kirche, der Bewohnerzahl hiesigen Orts angemessen, gehört unter die bessern, freundlichen Landkirchen. Sie ist im Jahre 1836 im Innern erneuert und mit einer trefflichen achtfüssigen Orgel versehen worden. Ein Altargemälde und ein hölzernes Crucifix sind ihr zur Zeit des Minister Grafen von Hennicke von einem Italiener verehrt worden.

Von der Zeit ihrer Gründung sind keine Nachrichten vorhanden, indem im Jahre 1724 die hiesige Pfarrwohnung vom Blitze getroffen und abgebrannt ist, wobei auch das Pfarrarchiv ein Raub der Flammen wurde. Der Thurm hat zwei sehr alte Glocken, deren Aufschrift aber nicht entziffert worden ist. Die Kirche besitzt drei Acker Wiesen, einen Acker Holz und ein Capital von 2000 Thalern.

Der erste vom Catholicismus zum Protestantismus übergetretene Pfarrer war Simon Acker im Jahre 1522–1549. Seit dieser Zeit fungirten überhaupt vierzehn Pastoren bis jetzt.

Die Kinder der hiesigen Schule sind in der neuern Zeit bis auf vierzig angewachsen und ist die Schullehrerstelle selbst mit 200 Thalern fixirt. Die Parochie, wozu weiter nichts gehört, steht unter der Inspection Pegau.

Wiederau hat sehr schöne Bauergüter. Vorzüglich aber zeichnet sich der Gasthof aus. Derselbe bildet mit seinen grossen und schönen, auch mit Blitzableitern versehenen Gebäuden das westliche Ende des Dorfes, ist herrschaftliches Eigenthum und enthält auch die Brauerei und Brennerei.

Mit dem Rittergute Wiederau war das Gut Klein-Dalzig (¾ Stunden nordwestlich gelegen) combinirt, welches jetzt zum Gerichtsamte Zwenkau gehört und nach Gross-Dalzig eingepfarrt ist. Zu Wiederau gehörten auch noch die Dörfer Döhlen, Gross-Trewitz (wo die Collatur ebenfalls dem Rittergute zusteht), Merschwitz und Rüssen.

Gross-Trewitz gehört ebenfalls jetzt unter das Gerichtsamt Pegau, wogegen Rüssen und Döhlen dem Gerichtsamte Zwenkau zugewiesen sind.

M. G.     




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  1. Nach Andern soll aus dem späteren Schlosse ein Kloster entstanden sein, welches erst nach der Reformation aufgehoben und wieder zu einem Rittersitze umgewandelt worden ist.
    Der Annahme dagegen, dass das Schloss vor dessen Umwandlung in ein Kloster ein Raubschloss gewesen, ist unbedingt kein Glauben beizumessen, da die hiesige Gegend in jener Zeit zu einer grösseren Herrschaft gehörte. Zu dieser Annahme mag wohl blos die bequeme Lage des Ortes an der alten Naumburger Heerstrasse und der Name „Lauer“ Veranlassung gegeben haben.