Hauptmenü öffnen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Ueberweg, Friedrich“ von Otto Liebmann (Philologe) in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 119–121, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ueberweg,_Friedrich&oldid=- (Version vom 25. April 2019, 04:57 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Band 39 (1895), S. 119–121 (Quelle).
Wikisource-logo.png Friedrich Ueberweg bei Wikisource
Wikipedia-logo-v2.svg Friedrich Ueberweg in der Wikipedia
GND-Nummer 119014920
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|39|119|121|Ueberweg, Friedrich|Otto Liebmann (Philologe)|ADB:Ueberweg, Friedrich}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=119014920}}    

Ueberweg: Friedrich U., Philosoph, wurde am 22. Januar 1826 in Leichlingen bei Solingen als Sohn des dortigen lutherischen Pfarrers U. geboren. Schon wenige Wochen nach seiner Geburt starb sein Vater, und die Erziehung des Sohnes blieb ganz der Mutter überlassen, die sich ihm mit liebevollster Sorgfalt gewidmet, ihn auf die Schule und die Universität begleitet, ja bis ins reifere Mannesalter aufs treueste gepflegt und behütet hat. Sie zog mit ihm zu ihrem Vater, dem Pastor Böddinghaus in Ronsdorf, wo U. die ersten Kinderjahre verlebte. Dann besuchte er das Gymnasium in Elberfeld, dem er, mit Ausnahme eines am Gymnasium in Düsseldorf zugebrachten Schuljahrs bis zur Maturitätsprüfung als fleißiger, begabter Schüler angehört hat. Als er diese Anstalt im Herbst 1845 verließ, wurden in dem Abgangszeugniß namentlich seine mathematischen Kenntnisse und seine formale Denkschärfe rühmend anerkannt. Mit der Absicht Philologie zu studiren und sich zum Gymnasiallehrer auszubilden ging er, begleitet von seiner Mutter, nach Göttingen, hörte hier bei K. F. Hermann und Schneidewin philologische Collegien, wurde aber auch durch Lotze’s Vorlesungen über Logik in die Sphäre der Philosophie eingeführt. Hierauf studirte er vier Jahre lang in Berlin, wo in ihm sehr bald der Plan die Philosophie zum Lebensberuf zu erwählen zur Reife gedieh. Seine vielseitigen Interessen erstreckten sich über einen weiten Kreis wissenschaftlicher Fächer; er hörte bei Böckh philologische, bei Ranke historische, bei Dirichlet mathematische, bei Neander und Twesten theologische, bei Beneke und Trendelenburg philosophische Vorlesungen; und während einerseits Trendelenburg’s aristotelische Uebungen für ihn richtunggebend wurden, erhielt er andererseits von Beneke’s Psychologie tiefgehende, dauernde Anregungen. Mit der Dissertation De elementis animae mundi Platonicae erwarb er 1850 in Halle den Doctorgrad, bestand bald darauf in Berlin das Oberlehrerexamen und sah sich nun nach einer Anstellung als Lehrer um. Ein halbes Jahr lang gab er an dem Blochmann’schen Institut in Dresden Unterricht, wobei ihm jedoch seine angeborene Schüchternheit hinderlich im Wege stand. Nachdem er in Duisburg sein Probejahr durchgemacht hatte, erhielt er 1851 eine ordentliche Lehrerstelle am Gymnasium in Elberfeld; aber auch hier erwies sich seine Befähigung zum praktischen Pädagogen also so unzulänglich, daß er diese vortheilhafte Stellung wieder aufgab und den im Hinblick auf seine äußerst dürftigen Subsistenzmittel gewagten Entschluß faßte, die Universitätslaufbahn zu betreten. Er wählte die Universität Bonn, habilitirte sich dort im November 1852 als Privatdocent für Philosophie, bezog mit seiner auf eine geringfügige Wittwenpension angewiesenen Mutter eine enge, [120] ärmliche Wohnung und begann, ohne sich von Sorgen und Entbehrungen entmuthigen zu lassen, die akademische Lehrthätigkeit. Der studentische Besuch seiner Vorlesungen und Uebungen war anfangs nicht stark, nahm aber im Lauf der Jahre allmählich zu. Der vertraute Verkehr mit akademischen Collegen, besonders mit dem Mediciner Dr. Böcker und mit Dr. F. A. Lange, der sich in Bonn neben ihm als Docent der Philosophie habilitirt hatte, gewährte ihm außer mannichfacher wissenschaftlicher Anregung willkommene Gelegenheit, seiner Lust am Disputiren freien Lauf zu lassen. Zu gleicher Zeit entwickelte U., mit rastlosem Fleiße weiter arbeitend, eine rege litterarische Thätigkeit. Sein „System der Logik“, welches eine ganze Reihe verbesserter und vermehrter Auflagen erlebt hat, erschien zuerst 1857. Seine akademische Preisschrift über die Echtheit und Zeitfolge der platonischen Schriften (Wien, 1861) fand in philologischen Kreisen zwar nicht ungetheilten Beifall, erhöhte aber seinen Ruf als gediegener Gelehrter. Sodann begann er, einer Aufforderung der Verlagsbuchhandlung von Mittler und Sohn folgend, mit allem Eifer die Ausarbeitung seines „Grundrisses der Geschichte der Philosophie“ (3 Theile, 1862–66). Neben dem Bedürfniß, seine realistische, an Beneke und Schleiermacher anknüpfende, gegen Kant polemisch gerichtete Weltansicht in ein System zu bringen, nahmen ihn politische und religiöse Fragen stark in Anspruch. Er trat in Wählerversammlungen als Redner auf und besprach in einer anonymen Flugschrift die Bestrebungen der freien Gemeinden. Was seine äußere Stellung anbetrifft, so erhielt er gegen Ende des in Bonn zugebrachten sorgenvollen Decenniums eine jährliche Gratification von einigen hundert Thalern und wurde zum Mitglied der wissenschaftlichen Prüfungscommission ernannt. Endlich aber im Frühling 1862 ward ihm die längst ersehnte und verdiente Beförderung zu theil, indem er als außerordentlicher Professort mit fünfhundert Thalern Gehalt an die Universität Königsberg berufen wurde. Dort lebte er sich, ebenso wie seine ihn überall hin treu begleitende Mutter, in ihm fremdartige Verhältnisse ein, verheirathete sich 1863 mit Luise Panzenhagen aus Pillau, konnte mit Genugthuung auf eine gedeihliche akademische Wirksamkeit und auf das wachsende Ansehen seiner Schriften hinblicken und wurde 1868 zum ordentliche Professor ernannt. Aus seiner glücklichen Ehe sind vier Kinder hervorgegangen. Ueberhaupt nahm in Königsberg das Leben für U. eine erfreuliche Gestalt an. Während er mit seinen Universitätscollegen, besonders seinem unmittelbaren Fachgenossen Rosenkranz, im besten Einvernehmen stand, lernte er an dem Dr. Czolbe, Verfasser einiger sensualistischer Schriften, einen Mann kennen, dessen philosophische Ansichten den seinigen nahe verwandt waren. Czolbe war sein Hausarzt; der Verkehr mit ihm wurde zur vertrauten Freundschaft, und in sehr häufigen Zusammenkünften tauschten beide Männer ihre Gedanken aus, deren Spitze sich übereinstimmend gegen den Subjectivismus und Idealismus der Kantischen Philosophie wendete. Als im August 1868 seine treue Mutter starb, war dies für U. ein schwerer Schlag, doch konnte er damals nicht ahnen, wie bald er selbst aus der Fülle der Wirksamkeit gerissen werden sollte. Sein nicht sehr kräftiger, aber gesunder Körperbau zeigte sich den Einflüssen des strengen ostpreußischen Klimas leidlich gewachsen und hielt alle Strapazen einer unermüdlichen, angestrengten Arbeitsamkeit aus. Außer seinen größeren Werken und manchen kleineren Abhandlungen verfaßte U., für v. Kirchmann’s „Philosophische Bibliothek“, Uebersetzungen von der Politik des Aristoteles und Berkeley’s „Tractat über die Principien der menschlichen Erkenntniß“, nebst zugehörigem Commentar, und trug sich mit mehreren Entwürfen, die unausgeführt geblieben sind. Im Frühjahr 1871 erkrankte er plötzlich, infolge einer heftigen Erkältung, an Entzündung des Hüftgelenks. Wochenlang litt er unter starken Schmerzen, [121] behielt aber solche Freiheit des Geistes, daß er noch auf dem Krankenbett die Correctur einer englischen Uebersetzung seiner Logik besorgte und den wissenschaftlichen Briefwechsel mit auswärtigen Freunden fortsetzte. Die Hoffnung auf Wiedergenesung hielt er fest und war schon entschlossen, einen früher abgelehnten Ruf nach Würzburg anzunehmen. Da traf ihn der Tod am 9. Juni 1871. –

Unter den Werken Ueberweg’s hat sein, in den späteren Auflagen von M. Heinze herausgegebener, „Grundriß der Geschichte der Philosophie“ die weiteste Verbreitung und meiste Anerkennung gefunden. Es ist ein in seiner Art vortreffliches Compendium. Zwar wird sich nicht bestreiten lassen, daß die der historischen Darstellung eingestreuten kritischen Bemerkungen über Spinoza, Kant und andere Denker ersten Ranges keinen sehr hohen Standpunkt einnehmen, ja hie und da ins Kleinliche, Pedantische verfallen. Aber eine ganz ungewöhnliche Belesenheit, eine umfassende Litteraturkenntniß, eine Fülle selbständiger Quellenstudien geben diesem Werke das Gepräge der gediegensten Gelehrtenarbeit. Demnächst hat Ueberweg’s Logik vielen Beifall erregt. Auch sie zeichnet sich durch Verwerthung eingehender historischer Kenntnisse und zahlreiche Litteraturangaben aus; sie sucht das Problem der Erkenntnißtheorie mit dem der traditionellen Schullogik zu vereinigen, behauptet im realistischen Sinne einen Parallelismus der subjectiven Denkformen mit den objectiven Existenzformen und verfolgt manche Speciallehren, z. B. die Lehre von Syllogismen, in ein Gewebe formeller Finessen hinein. Zu einer systematischen Darstellung seiner Weltauffassung, wie síe ihm stets als Ziel vorschwebte, ist U. bei der zunehmenden Vertiefung in historische Arbeiten nicht gelangt und hat von ihr in einigen Specialuntersuchungen nur vereinzelte Andeutungen gegeben. Der Zug seines ganzen Denkens richtete sich polemisch gegen Kant. Von Beneke’s empiristischem Standpunkt ausgehend, huldigte er einer etwas absonderlichen Theorie der Gesichtswahrnehmung, die sich an Johannes Müller’s mehr als zweifelhafte Annahme, wonach das Sehen eine Selbstempfindung der Netzhaut sein soll, unmittelbar anschloß; hiermit vereinigte er die kühne Meinung, daß unsre Vorstellungen von Räumlichem selbst etwas räumlich Ausgedehntes in einem räumlich ausgedehnten Sensorium seien, behauptete demgemäß die absolute Realität des Raumes und einer ihn stetig erfüllenden Materie, war ferner bestrebt, die teleologische mit der causalen Naturbetrachtung irgendwie in Einklang zu bringen und suchte den letzten Gipfel in der Idee einer Weltseele. Seine Ansichten über das Problem der Ethik hat er in einem Artikel der „Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik“ (1854) und in einem Anhang zu der englischen Uebersetzung seiner Logik niedergelegt.

Fr. A. Lange, Friedrich Ueberweg ; Altpreußische Monatsschrift, Bd. VIII, S. 487–522. – W. Dilthey, Zum Andenken an Fr. U., Preußische Jahrbücher, Bd. XXVIII, S. 309 ff. – A. Lasson, Zum Andenken an Fr. U., Philosophische Monatshefte, Bd. VII, S. 289. – M. Brasch, Welt- und Lebensanschauung Fr. Ueberweg’s, 1888.