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Artikel „Tennemann, Wilhelm Gottlieb“ von Otto Liebmann (Philologe) in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 566–567, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Tennemann,_Wilhelm_Gottlieb&oldid=- (Version vom 15. Dezember 2019, 03:03 Uhr UTC)
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Band 37 (1894), S. 566–567 (Quelle).
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Tennemann: Wilhelm Gottlieb T., Geschichtschreiber der Philosophie, geboren am 7. December 1761 zu Kleinbrembach im Erfurter Gebiet als Sohn des dortigen Dorfpfarrers. In seinem fünften Lebensjahre wurde er von einer schweren Blatternkrankheit befallen und von deren Folgen Jahre lang in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung gehemmt. Er genoß sodann, wie seine Geschwister, den Unterricht seines pflichtgetreuen, thätigen, vielseitig gebildeten, aber hypochondrisch verstimmten Vaters und besuchte hierauf von 1778–1779 das Gymnasium in Erfurt. Nach dem Abgang von dieser Anstalt bezog T. die Erfurter Universität, wo er, durch Lossius in das Studium der Philosophie eingeführt, den Plan, sich der Theologie zu widmen, aufgab und, namentlich durch die Lectüre einiger Dialoge Platon’s und die Unsterblichkeitsfrage gefesselt, seine [567] definitive Geistesrichtung erhielt. Zu Ostern 1781 siedelte er an die Universität Jena über, hörte hier bei Ulrich philosophische Vorlesungen und vertiefte sich in das Studium von Kant’s Kritik der reinen Vernunft, die ihn gleichzeitig anzog und zum Protest herausforderte. Bei seiner Magisterdisputation (1788) unternahm er eine Widerlegung der Kantischen Kritik der rationalen Psychologie (vgl. De quaestione metaphysica, num sit subjectum aliquid animi, a nobisque cognosci possit etc. Jenae 1788); doch überzeugte er sich bald durch genauere Beschäftigung mit den Schriften der Sokratiker, besonders des Plato, sowie durch wiederholtes Lesen der Kritik der reinen Vernunft von der Unmöglichkeit eines dogmatischen Unsterblichkeitsbeweises und von der Berechtigung des Kantischen Kriticismus. Als Ergebniß dieser Forschungen traten mehrere Arbeiten Tennemann’s in die Oeffentlichkeit, wie die „Lehren und Meinungen der Sokratiker über Unsterblichkeit“ (Jena 1791) und das „System der Platonischen Philosophie“ (4 Bände, Leipzig 1792–95). Gleichzeitig hatte sich T. in Jena als Privatdocent habilitirt, lieferte Uebersetzungen von Hume’s „Untersuchung über den menschlichen Verstand“ (mit einer Einleitung von Reinhold, Jena 1793), sowie von Locke’s „Versuch über den menschlichen Verstand“ (3 Theile, Jena 1795–97), und erweiterte mehr und mehr sein Interesse auf die gesammte Geschichte der Philosophie alter und neuer Zeit, die ihm nach den mancherlei Vorarbeiten von Brucker bis auf Tiedemann, einer neuen Bearbeitung bedürftig erschien. Die Herausgabe seines vielbändigen Werkes über Geschichte der Philosophie begann T. noch in Jena, wo er sich 1795 mit Christine Sophie Johanne Rus verheirathete und 1798 zum außerordentlichen Professor der Philosophie ernannt wurde. Nachdem er sich im Ganzen zweiundzwanzig Jahre lang in Jena aufgehalten hatte, erhielt er 1804 einen ehrenvollen Ruf als ordentlicher Professor und Nachfolger Dieterich Tiedemann’s an die Universität Marburg. Dort brachte er, in rastloser Thätigkeit als Schriftsteller und als Lehrer beschäftigt, von mehreren gelehrten Gesellschaften zum Ehrenmitglied ernannt, den Rest seines Lebens zu. Außer seinem großen historischen Werke veröffentlichte er eine Uebersetzung von J. M. Degerando’s „Vergleichender Geschichte der Systeme der Philosophie“ (2 Bände, Marburg 1806), sowie einen kurzgefaßten Grundriß der Geschichte der Philosophie, dessen spätere Auflagen von Amadeus Wendt herausgegeben worden sind. T. wurde 1816 Universitätsbibliothekar und starb in Marburg am 1. October 1819. – Tennemann’s „Geschichte der Philosophie“ (11 Bände, Leipzig bei Ambrosius Barth 1798–1819) hat auf Grund sehr umfassender eigener Quellenstudien manches vorher unbekannte Material zu Tage gefördert, das Ganze des massenhaften Stoffs in wohlgegliederter Uebersichtlichkeit geordnet und vom Standpunkt der Kantischen Philosophie aus einer nüchtern gewissenhaften Beurtheilung unterzogen. Das Werk nimmt, obwohl von späteren Forschungen vielfach überholt, in der Fachlitteratur eine geachtete Stelle ein.

F. W. Strieder’s Hessische Gelehrtengeschichte XVI, 97–105, XVII, 393. – C. Fr. Christ. Wagner, Memoria Tennemanni etc. Marburg 1819. 34 S., 4°. – C. A. L. Creuzer, Rede am Grabe Tennemann’s 1819. – Meusel’s Gelehrtes Teutschland VIII ff.