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Artikel „Schnurrer, Christian Friedrich v.“ von Wilhelm Heyd in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 32 (1891), S. 196–198, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schnurrer,_Christian_Friedrich&oldid=- (Version vom 24. Oktober 2019, 05:08 Uhr UTC)
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Schnurrer: Christian Friedrich v. S., Kanzler der Universität Tübingen, geboren am 28. October 1742 als Sohn eines Kaufmanns in Cannstadt, † am 10. November 1822 im Ruhestande zu Stuttgart. Die theologische Laufbahn, die er einschlug, führte ihn durch die Seminare Denkendorf und Maulbronn zur Universität Tübingen. Um sich aber lernend zugleich und lehrend weiterzubilden, trat er 1766 in das neugegründete Collegium der Repetenten in Göttingen ein, erwarb sich dort die Gunst des Kirchenhistorikers G. W. F. Walch, welcher ihn gerne ganz für diese Hochschule gewonnen hätte, und ließ sich von J. D. Michaelis tiefer einführen in die historisch-grammatische Exegese des Alten Testaments, dem er mit Vorliebe sein Studium widmete. Von Göttingen nach zweijährigem Aufenthalt weiter reisend suchte S. zunächst Lehrer auf, bei denen er sich die arabische Sprache aneignen konnte, Tympe in Jena, J. J. Reiske in Leipzig; denn er hatte erkannt, daß für die Kritik und die Erklärung des hebräischen Bibeltextes die Kenntniß jener Sprache von Werth sei. In England, wohin er sich weiter begab, machte er sich die Schätze des British Museum zu Nutzen und excerpirte in der Bodlejana arabisch geschriebene Werke von Rabbinen [197] exegetisch-philologischen Inhalts, wie auch verschiedene Reste samaritanischen Schriftthums. Auch in Paris brachte er die meiste Zeit in Bibliotheken zu und nahm arabische Lectionen bei einem Maroniten aus Haleb. Als er dann im Herbst 1770 in die Heimath zurückkehrte, eröffnete ihm Herzog Karl Eugen alsbald die Aussicht auf eine akademische Laufbahn, übertrug ihm aber zunächst das Amt eines Untergouverneurs bei seinen Edelknaben. Erst zum Winterhalbjahr 1772/73 erschlossen sich für S. die Pforten der Universität Tübingen, an welcher er von der Stellung eines außerordentlichen Professors der philosophischen Facultät bis zur Kanzlerwürde aufrücken sollte. Seine Vorlesungen, Zeitschriftartikel und Programme (letztere sammelte er im J. 1790 zu einem Bande) galten der Exegese und Isagogik beider Testamente, vorzüglich des alten; daneben gab ihm theils sein Lehramt, in welchem seit 1775 das Fach der orientalischen Sprachen ausdrücklich inbegriffen war, theils das von Oxford und Paris heimgebrachte gelehrte Material Gelegenheit, neben der hebräischen auch andere semitische Sprachen und Litteraturen weiterzupflegen. Im J. 1777 wurde ihm die Leitung der unter dem Namen des Stifts bekannten theologischen Bildungsanstalt übertragen. Herzog Karl Eugen, welcher sich in seinen späteren Jahren für das Stift fast ebenso stark interessirte wie für die Karlsschule, irrte nicht, wenn er voraussetzte, S. werde vermöge seines Rufes als Gelehrter, vermöge seiner persönlichen Würde und seines Verständnisses für die Anforderungen der Neuzeit auch in der damaligen Gährungsperiode die nöthige Autorität gegenüber der Jugend behaupten. Als Hörer seiner Vorlesungen lernten die Stipendiaten in S. einen trefflichen Philologen und Textkritiker schätzen, während sie andererseits freilich die Entwicklung des dogmatischen Gehalts der Bibelstellen vermißten, dessen Berührung der vorsichtige Mann gerne vermied. Die Würde eines Kanzlers der Universität, welche ihm im J. 1806 zu theil wurde, entrückte ihn der Leitung des Stifts, brachte ihm aber die Versetzung in die theologische Facultät, innerhalb deren er übrigens das Lehrfach der Exegese beibehielt. Es erwuchs ihm daraus andererseits die Pflicht, den ständischen Verhandlungen als Vertreter der Universität anzuwohnen. Die Haltung, die er in den damaligen Verfassungskämpfen einnahm, wurde unvermuthet Anlaß zu seiner Pensionirung im J. 1817. Durch akademische Würden ausgezeichnet von gelehrten Gesellschaften des Auslandes (Göttingen, München, Würzburg, Paris) und mit einem verführerischen Rufe beehrt von der Universität Leyden (1795) war er gleichwohl bis zuletzt seinem Heimathlande treu geblieben. Diesem widmete er auch seine bedeutendsten schriftstellerischen Arbeiten. Wie im Lande Württemberg und speciell auf der Landesuniversität das evangelische Wesen sich regte, wuchs und erstarkte, das schilderte er in seinen „Erläuterungen der württembergischen Kirchen-, Reformations- und Gelehrten-Geschichte“ (Tübingen 1798), welche noch jetzt durch die darin niedergelegte außerordentliche Quellenkunde eine Fundgrube für den Geschichtschreiber sind. Daß dann Württemberg selbst wieder ein Ausgangspunkt wurde für den Versuch, die evangelische Lehre unter den Südslaven zu verbreiten, diese Thatsache hat S. zuerst in helleres Licht gesetzt durch seine Schrift: „Slavischer Bücherdruck in Württemberg im 16. Jahrh.“ (Tüb. 1799). Vorher schon hatte er einen Beitrag zur Geschichte des gelehrten Studiums in Württemberg gegeben, indem er seinen Vorgängern auf dem Lehrstuhl Denksteine setzte in dem Buch: „Biographische und litterarische Nachrichten von ehemaligen Lehrern der hebräischen Litteratur in Tübingen“ (Ulm 1792). Die Bedeutung dieser Lebensbilder erhellt sofort, wenn man sagt, die Reihe derselben werde eröffnet durch Joh. Reuchlin, geschlossen durch Wilhelm Schickard. Man mag es auffallend finden, daß das Buch mit diesem Namen d. h. mit der Zeit des 30jährigen Kriegs zu Ende geht; die folgenden Inhaber des Lehrstuhls vergaß [198] S. nicht, aber er handelte von ihnen um ihrer geringeren Bedeutung willen kürzer in einer akademischen Rede (1784). Die von S. als Decan und Kanzler gehaltenen lateinischen Reden, welche Kirchenrath Paulus in Heidelberg gesammelt herausgab, bringen überhaupt beachtenswerthe Ergänzungen zu den vorerwähnten Büchern, indem sie die Kirchen- und Gelehrtengeschichte Württembergs nach mancher Seite hin bereichern. Mochte S. in lateinischer oder in deutscher Sprache schreiben, immer geschah es mit Eleganz und Geschmack, feines Urtheil macht sich überall bemerklich und besonderer Hervorhebung werth ist die Genauigkeit und Zuverlässigkeit der Angaben, zumal in den mit großer Sorgfalt behandelten bibliographischen Theilen der genannten Bücher. Das letzte größere Werk Schnurrer’s war ganz bibliographischer Natur: ein Verzeichniß sämmtlicher arabischer Drucke vom Anfang des 16. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, sowie aller Schriften, welche arabische Sprache, Litteratur, Religion u. s. w. zum Gegenstand haben, erschienen im J. 1811 unter dem Titel: „Biblioteca arabica“. Silvestre de Sacy würdigte diese Bibliothek seiner eifrigen Mitarbeit und ehrender Erwähnung. – Noch ist zu sagen, daß S. in den Tübinger gelehrten Nachrichten ein litterarisches Organ in’s Leben rief und ein Jahrzehnt lang redigirte (1783–93, noch weiter erschienen bis 1808), welches in erster Linie der Besprechung schwäbischer Erzeugnisse dienen sollte.

Ch. Fr. Schnurrer, orationum academicarum delectus posthumus ed. H. E. G. Paulus (Tub. 1828), worin eine biographica praefatio des Herausgebers und eine autobiographica oratiuncula b. cancellarii. – Weber, Schnurrer’s Leben, Charakter und Verdienste. Cannstatt 1823. – Württ. Jahrbücher, herausgeg. von Memminger. Jahrg. 1824, H. 1, S. 20–38. – Eisenbach, Beschr. u. Gesch. von Tübingen, S. 339–342 (1822). – Athenäum berühmter Gelehrter Württembergs, Heft 3, S. 45–65 (1829). – Weizsäcker, Lehrer und Unterricht an der evang. theol. Facultät der Univ. Tübingen (Jubiläumsschrift des Jahrs 1877). – Jul. Klaiber, Hölderlin, Hegel und Schelling (desgl.)