Was mir an der Table d’hote in der Sommerfrische passierte

Textdaten
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Autor: Hermann Harry Schmitz
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Titel: Was mir an der Table d’hote in der Sommerfrische passierte
Untertitel:
aus: Der Säugling und andere Tragikomödien Seite 204-212
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1911
Verlag: Ernst Rowohlt Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Aus dem Zyklus:
Wenn man so reist.
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[204]
Was mir an der Table d’hote in der Sommerfrische passierte.

Ich bin wirklich ein unglücklicher Mensch. Ich leide am Respekt vor anderen Leuten. Ich möchte so gerne imponieren und eine gute Figur abgeben. Ich weiß theoretisch genau, was ich zu tun habe, in der Praxis aber versage ich regelmäßig. Die geringste Kleinigkeit gibt mich der hilflosesten, täppischen Schüchternheit preis.

Gott, fürchte ich mich immer vor dem Augenblick, als Eingeladener, natürlich verspätet, den Empfangssalon, wo schon alle Gäste versammelt sind, zu betreten, oder den Speisesaal eines Hotels, wenn die gemeinsame Tafel schon begonnen hat, oder das Theater oder den Konzertsaal. Das Gefühl: jetzt passiert dir etwas Dummes und du bist blamiert, hängt wie ein Damoklesschwert in solchen Augenblicken über mir.

Das Essen hatte schon begonnen, als ich zitternd den Speisesaal des Goldenen Bären zu M. im Schwarzwald zum erstenmal betrat.

Ich war am Abend vorher spät angekommen. Ich hatte mich mit besonderer Sorgfalt angezogen, um mich bei der ersten Table d’hôte in günstiger Weise [205] vorzuführen. Von meinen weißen Flanellhosen mit messerscheideartigen Bügelfalten erhoffte ich eine besondere Wirkung, einen vollen, durchschlagenden Erfolg.

Man war schon an der Suppe. Das Suppengeschlürfe verstummte plötzlich: alles schaute mir entgegen.

Ganz unten an der Tafel wies man mir einen Platz an.

Ich machte eine Verbeugung nach vorn: da saß ein Ehepaar mit einem vierjährigen Jungen in einer weißen Matrosenbluse. Nach links: gegen einen bärtigen teutschen Mann in Wollwäsche und mit einer Troddel am Hals heraus.

Als ich saß, ging das Suppengeschlürfe wieder munter weiter.

Ich schaute die Tafel hinauf. Oben am Kopfende saß breit ein dicker Herr mit einem roten Gesicht und einem goldenen Kneifer; der Kneifer war mit einem Kettchen an einem um das Ohr gelegten Haken befestigt. Auch hatte der Herr einen Schmiß über die Backe. Trotzdem war er nicht stolz und sprach jovial mit seinen Nachbarn, die sich sichtbar geehrt fühlten und häufig „Herr Rat“ sagten.

Dann fielen mir zwei magere Damen auf mit bescheidenen runden Haarknüzchen als Frisur hinten im Nacken und im Rücken abstehenden Korsetts. Die eine mit einer Elfenbeinbrosche: eine Hand mit einem Blumenstrauß. Die andere mit einer großen Kameenbrosche mit dem Bild der Königin Luise. Neben ihren Tellern standen Medizinflaschen und eine Schachtel mit Pillen. Über den Stuhllehnen hingen rote, gehäkelte Tücher mit Fransen, die von Zeit [206] zu Zeit auf den Boden fielen. Ein junger Mensch mit Mitessern im Gesicht, der fortwährend um nichts errötete und vor lauter Angst entsetzliche Mengen Brötchen aß, saß neben ihnen.

Einige ältere Damen mit würdigem, silberweißem Haar und schwarzen Gardinchen auf dem Kopf guckten streng auf zwei Backfische in frisch gestärkten, abstehenden Kleidern, die fortgesetzt die Köpfe zusammensteckten und kicherten.

Schräg mir gegenüber, neben dem Ehepaar mit dem Jungen, saß eine dicke, gefährlich dicke Dame in einer seidenen Bluse mit Spitzeneinsatz, der man ansah, daß sie viel Geld gekostet hatte, am Halse ein großes, mit Brillanten besetztes Hufeisen. An den dicken Fingern und in den Ohren nochmals Brillanten.

Wer auf meiner Seite saß, konnte ich nicht sehen.

Es gab Suppe mit langen Fadennudeln. So lange Nudeln hatte ich noch nie gesehen. Die Dinger mit einer gewissen Grazie zu verschlingen, ist immerhin nicht ganz leicht. Vom Löffel flutschen sie zurück in die Suppe, oder auf das Tischtuch, oder auf meine Rockaufschläge, viele blieben auch am Kinn und an den Backen hängen und bildeten einen wallenden Bart. Ich wurde nervös. Die Leute guckten schon. Der Junge mir gegenüber lachte laut und stopfte sich mit den Fingern die Nudeln klumpenweise in den Mund. Seine Mutter sagte, das sei ein echtes süddeutsches Gericht. Jetzt war mir ein Nudelwirrwarr auf den Boden gefallen, meine Füße verwickelten sich darin. Ich strampelte mit den Beinen, um mich aus der glitschigen Umschlingung zu befreien, trat dabei unter den Tisch, daß die Teller hochsprangen. Ich wurde immer nervöser. Jetzt hing mir eine lange Nudel [207] am Mund heraus, ich sog, ich zog, sie hatte sich um einen Knopf geschlungen. Plötzlich sprang der Knopf ab und das Ende der Nudel schnellte mir ins Auge.

Die Tränen schossen mir in die Augen. Ich hielt meine Serviette vor das Gesicht.

Von allen Seiten wurden Ratschläge gegeben, wie man etwas aus dem Auge machen müsse. „Schneuzen, stark schneuzen,“ erklärte der Mann mit der Troddel kategorisch. „Nach der Nase zu reiben,“ hieß es. „Überhaupt nicht reiben,“ wieder sprach ein anderer. „Den Augendeckel aufheben,“ riet wieder jemand.

Endlich hatte ich die heimtückische Nudel erwischt.

Dicke Schweißperlen standen mir auf der Stirn.

Am liebsten wäre ich aufgesprungen und aus dem Saal gelaufen. Mir war das furchtbar peinlich. Die Leute am Tisch lachten verstohlen. Einige fragten, ob es jetzt besser sei.

Plötzlich wandte sich der teutsche Mann mit markiger Stimme an mich: „Gedenken Sie länger hier zu bleiben, mein junger Freund?“

Alles am Tisch beugte sich vor und schaute nach mir. Ich war noch immer mit den Füßen in die Nudeln verwickelt und suchte mich unbemerkt zu befreien. Ich war zu verstört, um etwas zu sagen. Nervös machte ich Pillen aus Brot und bekam einen roten Kopf.

„Wohl nur Passant?“ fuhr der Wollmensch hartnäckig fort.

Jetzt hatte ich den linken Fuß frei. Die Nudeln hatten sich um das Stuhlbein geschlungen und hielten den rechten Fuß noch fest. Ich starrte, ganz von meinen Befreiungsversuchen unter dem Tisch in Anspruch [208] genommen, vor mich hin und drehte mechanisch Brotpille auf Brotpille.

„Ein entzückendes Plätzchen hier daroben“ – mein Nachbar war ausdauernd.

Ich hatte nun auch den rechten Fuß frei und atmete befreit auf.

„Wie, bitte,“ wollte ich mich gerade an den teutschen Mann wenden, als der Junge mir gegenüber anfing, unruhig zu werden.

Auf dem Tisch stand ein Aufbau mit Essig, Öl, Pfeffer, Salz und Senf. In der Essigflasche schwamm eine tote Fliege. In Essigflaschen sind immer tote Fliegen, das muß sein. Eine wenigstens bestimmt. Der Junge wollte die tote Fliege haben, er wollte sie absolut haben. Der Vater sagte, das ginge nicht, die Fliege gehöre dem Wirt. Erst als die Mutter ihm den Senftopf zum spielen und ein Glas Rotwein zu trinken gab, war der Junge ruhig. Der Bub langweile sich, erklärte die Mutter.

Der Fisch wurde hereingebracht. Als die Reihe an mich kam, lagen auf der Schüssel nur noch einige Scheiben Zitronen und eine Flosse. Von gegenüber reichte man mir eine zweite Schüssel, auf welcher auch noch ein Kopf lag.

„Schmackhaft, äußerst schmackhaft,“ schmatzte der teutsche Mann und schob sich ein großes Stück mit dem Messer in den Mund.

Ich sah einmal japanische Jongleure, die mit einer wunderbaren Geschicklichkeit mit Stäbchen und Kugeln balanzierten. Der Mann neben mir war ihnen bedeutend über. Es grenzte direkt ans Fabelhafte, mit welcher enormen Sicherheit er alles, aber auch alles mit dem Messer zum Munde führte. –

[209] „Ich komme schon im zehnten Jahr hier herauf,“ fing der bärtige Mann noch kauend wieder an, „zehn Jahre, mein junger Freund. – Böllerknüz, Böllerknüz ist mein Name!“ Er legte sich gegen mich und prustete mir ein Stückchen Fisch an die Backe. Wohlerzogen verneigte ich mich: „Schmitz, Herr Schmitz.“ –

„Dann sind Se wohl aus Köllen,“ rief die dicke Dame mit der teuren Bluse über den Tisch, „in Köllen heißen alle Leute Schmitz!“ Sie wackelte wie eine gallertartige Masse vor Lachen auf ihrem Sitz über ihr glänzendes Bonmot. Auch die anderen Leute am Tisch lachten. Nur die Damen mit den Knüzchen und der Elfenbein- und Kameenbrosche lachten nicht. Sie hatten sich gerade Pillen in den Mund gesteckt und schluckten krampfhaft unter Vorschnucken des Kopfes.

„Doch nichts für unjut,“ fuhr die seidene Bluse fort, „Spaß muß sein. Wir sind doch nicht umsonst die fidelen Rheinländer.“

„Ich bin nicht aus Köln, ich bin aus Düsseldorf,“ klärte ich sie auf.

„Düsseldorf, das kenne ich auch, gewiß. Ich hab’ eine Tochter da verheiratet, Frau Neverding. Sie kennen sie sicher.“

Bedauernd verneinte ich wohlerzogen.

Das Gespräch wurde unterbrochen. Es wurden große Schüsseln mit seltsamen Dingen hereingebracht.

„Ah, Spätzli,“ hieß es allgemein.

Man fing bei mir an. Ich hatte noch nie Spätzli gegessen, ich war zu bang, ich wollte mich nicht wieder blamieren, wie eben mit den Nudeln. Ich dankte.

„O, Sie nehmen keine Spätzli?“ klang es vorwurfsvoll von allen Seiten.

[210] Der Junge mir gegenüber steckte den Serviettenring in den Senftopf und einen Finger tief in die Nase. Er mopste sich grenzenlos.

„Der Bub langweilt sich,“ klagte die Mutter, „sonst ist er aber auch brav.“

Man brachte das Geflügel. Natürlich kam jetzt die Schüssel wieder zuletzt zu mir. Zwei Ellenbogenstücke und ein Bürzel lagen noch auf der Platte. Ich war zu schüchtern, der Servierfrau etwas zu sagen. Böllerknuz hatte mir die letzten beiden ansehnlichen Stücke vor der Nase weggenommen. Er arbeitete an einem Rumpfstück. Er war wütend, da er merkte, daß er hereingefallen war. Es war nur Knochen. Erregt stach er auf das Stück ein. Er glitschte aus und der reichlich mit Sauce befeuchtete Rumpf einer guten Ente flog mir in den Schoß. Nicht genug damit, warf Böllerknüz im Eifer, das Stück Vogel zu schnappen, mein gefülltes Rotweinglas um, so daß meine Hose auch hiervon einen guten Genuß mit bekam.

Ich grinste und meinte taktvoll: „O, das tut nichts!“

Ein brauner, häßlicher Fleck als Insel in einem großen Rotweinmeer auf meiner feinen, weißen Hose.

Der Junge mir gegenüber lachte aus vollem Hals und schrie: „Ho, der komische Onkel.“

„Das sagt man nicht,“ verwies ihn die Mutter.

„Der Bub ist vorlaut,“ ergänzte der Vater.

„Ist mich mal in Luzern im Schweizerhof passiert. Ein Kleid von achthundert Mark vollständig verdorben,“ sagte die Kölnerin.

Ich beteuerte fortgesetzt, daß das gar nichts mache. Man konnte fast meinen, es hätte mir nichts Erwünschteres passieren können.

Der Junge langweilte sich schon wieder. Er packte [211] eine tote Eidechse und einen Flaschenkork aus der Tasche aus und spielte damit. Die Mutter sagte, der Bub langweile sich. Überhaupt sei so eine Table d’hôte eine Geduldsprobe für ein Kind.

Oben am Tisch stritt man sich über einen Weg. Man könne ihn auch von der anderen Seite machen, da sei er lohnender, hörte ich die Pillendamen sagen. Der Blick sei herrlich lieb, wunderlieb entzückend. Die Backfische nahmen verstohlen Mandeln von einem Aufbau, der auf dem Tisch stand, und steckten sie ein.

Jetzt gab es Pudding. Gelatinepudding mit Waldbeerkompott. Der Junge schrie, er wolle ganz viel haben. Die Mutter packte ihm den Teller hoch voll. Wie es gekommen war, weiß ich nicht. Ich hatte vor mich hingedöst und mit Entsetzen von Zeit zu Zeit einen Blick auf meine Hose geworfen. Ein Aufschrei! Der Teller des Jungen schlug plötzlich um und eine Handvoll Waldbeerkompott flog in hohem Bogen über den Tisch und traf mich mitten in das Gesicht.

Nachgerade fing es nun doch an, mir ernstlich ungemütlich zu werden. Prustend sprang ich auf. Meine Augen waren verklebt mit Waldbeeren. Ich strebte tastend der Tür zu. Eine hinterlistige Nudel, die ich noch am rechten Fuß hinter mir herschleppte, verwickelte sich in einen Schnürhaken des linken Stiefels. Ich geriet ins Stolpern und sauste gegen das Büfett und stieß mir gräßlich den Kopf an der offenen Büfetttür. Ein Bowlenservice geriet ins Wanken und fiel vom Büfett herunter auf mich. – – –

Gütige Hände nahmen sich meiner an und führten mich zur Tür.

Aus dem Lachen der Leute am Tisch klang fett und singend die Stimme der Kölnerin:

[212] „So am Tabbeldoh hat man doch immer Unterhaltung. Ich eß immer am Tabbeldoh.“ – – –

Das war eine monumentale Blamage. Trotz allen Waschens und Reibens mit Bimstein, mit Säuren, mit den schärfsten Seifen, trotz Bearbeitung mit der Wurzelbürste, mit der Strahldrahtbürste, mit dem Hobel: die Waldbeerschwärze ging nicht ab.

Bedeutende Chemiker versuchten ihr Heil, Ärzte mußten ihre Hilflosigkeit eingestehen. Ich blieb blauschwarz wie ein Neger.

Eines Tages fiel ich dem Agenten von Hagenbeck in die Hände, der mich sofort um eine fürstliche Gage als wilden Mann engagierte.

Ich wurde aber, da ich nicht wild genug war, nach kurzer Zeit wieder entlassen.

Ich bin noch immer schwarz im Gesicht. Ich lasse mich aber von Zeit zu Zeit kälken. So geht es.