RE:Duodecim scripta

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V,2 (1905), Sp. 17941796
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Duodecim scripta, ein mit Brettspiel verbundenes Würfelspiel, in dem die Steine nach Massgabe der Würfe gezogen wurden, sehr ähnlich dem modernen Puff oder Trick-Track. Cic. de or. I 217 und bei Non. 170, 28. Ovid. ars am. III 363. Quintil inst. XI 2, 38. Martial. XIV 17. Der griechische Name ist unbekannt, doch ist dies Spiel, oder ein ganz ähnliches, auch überall da zu verstehen, wo gesagt wird, dass es beim Würfelspiel nicht nur auf gute Würfe, sondern auch auf geschickte Benutzung derselben ankommt (Plato rep. X 604 c. Plut. Artax. 17; Pyrrh. 26; de tranqu. an. 5. Ter. Ad. 739. Aman. diss. Epict. II 5, 3. Aristain. I 23), und dass man je nach dem Fall der Würfel die Spielsteine setzt: τιθέναι ψήφους oder πεττούς, Plat. rep. I 333 b. Soph. frg. 861 Nck.², dare calculos Ovid. ars am. II 204; trist. II 476. Quintil. a. O. Auch wo ausser Würfeln oder Alveus auch calculi erwähnt werden, ist dies Spiel gemeint. Lucil. XIV 10 M. [1795] Petron. 33. Val. Max. VIII 8, 2; vgl. auch Suet. Claud. 33.

Allen diesen Stellen ist über den Gang des Spieles nichts Näheres zu entnehmen, ausser der Zahl der auf dem Spielbrett gezogenen Linien, auf denen gespielt wurde. Auch die beiden Epigramme Baehrens PLM IV 372. 373 (Riese 192. 193) ergeben nichts Näheres. Der Cento Virgilianus de alea Baehrens PLM IV 198 (Riese 8) giebt v. 55. 57 die Zahl der drei Würfel und der 30 Spielsteine. Dagegen wird das Spiel vollkommen klar durch das von Becq de Fouquières Les jeux des anciens - 372ff. vortrefflich erklärte Epigramm des Agathias Anth. Pal. IX 482, in dem von einer D.-Partie des Kaisers Zenon (474–491) berichtet wird. Die durch die Spieltafel gezogenen zwölf Linien sind in der Mitte entweder durch eine Querlinie oder durch eine Unterbrechung geteilt, so dass auf den je zwei Abschnitten derselben 24 Plätze entstehen in zwei Reihen, von denen die eine von links nach rechts mit 1–12, die andere von rechts nach links mit 13–24 numeriert ist. Auf ihnen spielt man mit 15 weissen und 15 schwarzen Steinen nach Massgabe der Würfe dreier Würfel. Letztere Zahl, nicht zwei, muss als Regel gelten, weil auf ihr die durch drei teilbare Zahl der Spielsteine beruht, so dass mit fünf Würfen alle Steine in Bewegung kommen konnten. Bei Seneca de m. Claud. 15 freilich ist von zwei Würfeln die Rede. Zwar werden hier die D.s. nicht genannt, aber nach Suet. Claud. 33 ist kaum zu zweifeln, dass eben dies das von Claudius so leidenschaftlich betriebene Spiel war. Der 14. Platz heisst Antigonus, der 23. Divus, der 19. Summus, weil er vom 1. aus durch den höchsten Wurf, dreimal sechs, erreicht werden kann. Der Grund der beiden ersteren Benennungen, sowie die Bedeutung, die diese Plätze im Spiel hatten, bleibt unbekannt. Zu Beginn des Spiels stehen die weissen Steine alle auf 1, die schwarzen alle auf 24; sie rücken dann nach Massgabe der Würfe von 1 vorwärts bezw. von 24 rückwärts, und Sieger ist der, dessen Steine zuerst alle auf dem entgegengesetzten Ende aus der Tafel herauskommen. Daher ruft dieser, wie auf einem pompeianischen Wandgemälde beigeschrieben ist, exsi, ,ich bin heraus‘ (Sogliano Pitture murali 657. CIL IV Suppl. 3494). Für jede der geworfenen Zahlen muss mit einem Stein um eben so viele Plätze vorgerückt werden. Es ist nicht gestattet, auf das Vorrücken zu verzichten, wohl aber, die drei Züge, oder ihrer zwei, mit demselben Stein zu thun, so dass im ersteren Falle dieser zwei Plätze nur berührt und erst auf dem dritten stehen bleibt. Doch müssen auch in diesem Falle alle drei Plätze frei sein; es darf nie auf einen Platz gerückt werden, der von zwei oder mehr feindlichen Steinen besetzt ist. Steht hingegen auf dem durch die Wurfzahl erreichten Platz nur ein feindlicher Stein, so gilt dieser als genommen und rückt vermutlich an den Anfangsplatz zurück. Der Spieler muss also trachten, dass seine Steine möglichst gepaart (gedeckt) stehen, nicht einzeln, ἄζυγες, und es ist ein Nachteil, wenn er, wie Zenon gezwungen wird, weil alle anderen Züge durch feindliche Steine gesperrt sind, von zwei zusammenstehenden Steinen einen weiter zu [1796] rücken, zumal wenn auch dieser dann allein zu stehen kommt. Wenn Eustath. Il. XXIII 86 δηλοῖ δὲ ὁ ῥηθεὶς κύων βόλος ἀνταναίρεσίν τινα ψήφου sich auf dies Spiel bezieht, so gab der schlechteste Wurf (1. 1. 1) dem Gegner das Recht, einen Stein nach seiner Wahl zu nehmen, der dann wohl auf den Anfangsplatz zurückging.

Die bei Becq de Fouquières 364 abgebildete Spieltafel beruht auf einer zuerst bei Gruter 1049, 1 ex Metelli schedis herausgegebenen apokryphen Zeichnung. Eine Spieltafel, die auf der einen Seite für die D.s., auf der anderen für das Spiel der Latrunculi (s. d.) eingerichtet ist, Martial. XIV 17. Die Spieltafel dient zugleich als Würfelbrett (Baehrens PLM IV 373, 1); sie hat deshalb einen erhöhten Rand und heisst alveus. Ein Alveus ausser der Tabula kommt nicht vor; besonders deutlich Petron. 33.

Auf dem pompeianischen Wandgemälde Sogiliano Pitt. mur. 657 haben zwei Spieler, sich gegenübersitzend, die Tafel auf den Knieen; der eine hält den Würfelbecher in der Hand. Die Darstellung der Steine ist abgekürzt, es ist aber kenntlich, dass sie zum Teil reihenweise, also auf den Linien stehen. Die Tafel ist länglich viereckig; die Schmalseiten sind den Spielern zugewandt, die Linien den Langseiten parallel, was auch naturgemäss ist, da so in der Mitte bequem der Platz für das Würfeln bleiben konnte. Die Zeichnung bei Becq de Fouquières 875 ist danach zu berichtigen; mit Unrecht sind dort die Linien den Schmalseiten parallel gezogen und ist auch ganz ohne Grund, nur nach Analogie des modernen Tricktrackbrettes, angenommen, dass das Rechteck, doppelt so lang als breit, durch eine für das Spiel nicht in Betracht kommende Linie in zwei Quadrate geteilt gewesen sei. Länglich, 3✕4 Fuss, ist auch die Spieltafel Plin. n. h. XXXVII 13, aber nicht in zwei Quadrate teilbar.

[Mau.]