RE:Cornelius 374

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,1 (1900), Sp. 1512–1513
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374) L. Cornelius Sisenna, einer der namhaftesten römischen Historiker der älteren Zeit. Nach urkundlichem Zeugnisse (SC. de Asclepiade CIL I 203; vgl. Asconius p. 66 Schöll) war er 78 v. Chr. Praetor urbanus, ist also 118 v. Chr. oder etwas früher geboren (vgl. Cic. Brut. 228). Daraus geht hervor, dass ihn Velleius II 9, 3f., wenn er ihn zum Zeitgenossen des numantinischen Krieges macht, zu hoch hinaufrückt. Nach der Praetur scheint er Sicilien verwaltet zu haben (Cic. Verr. II 110). Im Seeräuberkriege war er Legat des Pompeius, ihm wurde die Bewachung der griechisch makedonischen Küste übertragen, und als der Streit des Pompeius und Metellus über Kreta ausbrach, ging er im Auftrage seines Imperators auf die Insel hinüber und versuchte den Metellus zur Schonung der kretischen Städte zu veranlassen. Hier erkrankte er und starb (67 v. Chr. Appian. Mithr. 95. Cass. Dio XXXVI 18f. (1f.) p. 368f. Boiss.).

Sisenna gehörte also der vornehmsten Gesellschaft Roms an, wie er auch sehr reich war. Seiner politischen Gesinnung nach war er Anhänger der Optimaten, insonderheit Verehrer Sullas (Sallust. Iug. 95, 2). Er zählt zu den namhaftesten Rednern seiner Zeit; u. a. verteidigte er den C. Hirtuleius (chirtilius die Hss.) und C. Verres (Cic. Brut. 260; Verr. II 110. IV 33. 43). Er war witzig und sprach gutes Latein, aber den ersten Platz hat er nach Ciceros Urteil (Brut. 228) doch nicht erreicht, da es ihm an Fleiss und auch an Übung fehlte. Ohne Zweifel aber ist er für einen Römer seines Standes vielseitig interessiert und litterarisch, d. h. griechisch gebildet. Er war mit Atticus befreundet (Cic. de leg. I 7; Brut. 260); auch mit der griechischen Philosophie hat er sich beschäftigt und bekannte sich zu den Lehren Epikurs (frg. 5. 123). So wandte er sich auch der Schriftstellerei zu. Wie sein Meister Sulla hatte er eine Vorliebe für leichtere Litteratur und übersetzte die Milesiaka des Aristeides ins Lateinische, jene Sammlung leichter, zum Teil sehr schlüpfriger Geschichten (Ovid. trist. II 443; vgl. Bd. II S. 886). Sein Hauptwerk aber war ein Geschichtswerk, historiae betitelt, Geschichte seiner Zeit, d. h. des marsischen und sullanischen Bürgerkrieges u. s. w., also der Ereignisse etwa von 91–79 v. Chr., vielleicht bis zum Tode Sullas. Es war ein umfangreiches Werk, von dem ein 12., ja sogar, wenn nicht ein Fehler der Überlieferung vorliegt, ein 23. Buch citiert wird. Die erhaltenen Bruchstücke sind leider dürftig und beschränken sich fast ganz auf die ersten vier Bücher; längere wörtliche Stücke sind nicht erhalten. Die Anordnung war chronologisch; schon das erste Buch begann mit den Anfängen des [1513] marsischen Krieges (frg. 6). Die griechischen und asiatischen Ereignisse wurden im Zusammenhange besonders behandelt (frg. 127). Einige Stücke (frg. 1–3) beziehen sich auf die römische Vorgeschichte. Möglich ist, dass Sisenna, ähnlich wie Sallust, zur Einleitung einen kurzen Überblick über die frühere Geschichte Roms gab; wahrscheinlicher ist jedoch, dass diese Bruchstücke, die eingehendere Behandlung voraussetzen, aus gelegentlichen antiquarischen Excursen innerhalb des Werkes stammen. Der einmal überlieferte Titel ab urbe condita (frg. 3) beruht wohl auf einem Versehen.

Die Darstellung war sehr ausführlich und breit (Sall. Iug. 92, 2. Fronto p. 114 N.). Sisennas Muster war Kleitarchos, der viel bewunderte Alexanderhistoriker (Cic. de leg. I 7); diesem ist er gewiss auch in der Zurichtung des Stoffes gefolgt. Er hat dafür gesorgt, nach diesem berühmten Beispiel, seiner Geschichte die den Lesern so erwünschte Mannigfaltigkeit des Inhalts zu geben, durch Reden (frg. 10. 109–115), ausführliche Schilderungen von Schlachten und Belagerungen (frg. 33. 40. 70. 107), durch Träume und Vorzeichen (frg. 5), Excurse (frg. 99f.) und andere Einlagen. Das Romantische und gelegentlich das Schlüpfrige war nicht ausgeschlossen (frg. 13; vgl. Ovid. trist. II 443. Fronto epist. p. 62 N.). Die Sprache Sisennas ist nach Ausweis der Fragmente einfach und klar; Cicero tadelt seine Vorliebe für gekünstelten und ungewöhnlichen Ausdruck; wir finden ziemlich viele Fremdwörter. Das Werk ist, wenn man sich auf den Standpunkt jener Zeit stellt, ohne Zweifel eine bedeutende Leistung, und an Anerkennung hat es dem Autor nicht gefehlt. Cicero lobt ihn freilich nur bedingt, gesteht ihm aber zu, dass er alle seine Vorgänger übertroffen habe. Varro hat einen seiner Logistorici nach ihm betitelt: Sisenna de historia (A. Riese M. Ter. Varr. sat. Men. rell. 32. 256). Sallust endlich, der ihn Iug. 95, 2 mit Achtung erwähnt, zugleich aber seine Parteilichkeit für Sulla tadelt, hat ihn in seinen Historien fortgesetzt. Dann ist er, wie alle älteren Prosaiker, in Vergessenheit geraten, und ob Tacitus, der ihn erwähnt (dial. 23; hist. in 51), ihn selbst gelesen hat, ist zweifelhaft. In der archaisierenden Zeit Hadrians und der Antonine kam er dann wieder zu Ansehen; bei Fronto, besonders aber bei Gellius wird er öfters angeführt, und die Grammatiker haben ihn für älteres Latein ausgebeutet. Ihnen verdanken wir die meisten Bruchstücke. Einem Sisenna werden schliesslich noch einige Erläuterungen zu Plautus beigelegt. Da jedoch dieser Sisenna allem Anscheine nach (Peter Rell. p. 298) den Vergil citierte, so können, wie Bergk (Philol. XXIX 328) ausgeführt hat, diese plautinischen Studien nicht dem Historiker zugeschrieben werden, sondern müssen einem gleichnamigen späteren Grammatiker gehören.

Litteratur: C. L. Roth L. Sisennae vita, Basel 1834. H. Peter Hist. rom. rell. I p. CCCXXIIIf. 277f. Teuffel-Schwabe Röm. Litt. § 156. Schanz Röm. Litt.-Gesch. I 160.