Protestantische Charakterköpfe

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Titel: Protestantische Charakterköpfe
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aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 470–473
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Protestantische Charakterköpfe.

Erinnerungen aus der letzten Bremer Versammlung.
Bluntschli. – Zittel. – Schellenberg. – Schenkel. – Heinrich Krause. – Holtzendorff. –Baumgarten. – Karl Schwarz.

Vom Protestantentage? Hier in der Gartenlaube? Du hast Recht, lieber Freund, mit dieser verwunderten Frage. Denn es ist lange, lange Zeit her, über zwanzig Jahre, daß das öffentliche Interesse sich auf die Vorgänge innerhalb der Kirchen gar nicht hingewendet hat. Es gab Wichtigeres zu thun – und zu leiden, als die religiösen Anfechtungen und Bestrebungen sind. Man mußte das eigene Haus erst unter Dach haben. So meinten Alle, die nicht der Ansicht waren, religiöse Dinge seien überhaupt ein für allemal aus dem Kreise allgemeiner Bildung verschwunden.

Indessen liegt in den menschlichen Verhältnissen eine unabweisbare Naturnothwendigkeit, die ihre Entwickelungen im Stillen früh beginnt, um dann, wenn die Zeit erfüllt ist, hervorzutreten mit gebieterischen Forderungen. Bei aller Gleichgültigkeit der öffentlichen Meinung hat im Stillen sich eine religiös-volksthümliche Entwickelung zunächst auf dem Boden der deutsch-protestantischen Gemeinden angesponnen, welcher menschlicher Berechnung nach die Zukunft gehört: das ist der deutsche allgemeine Protestantenverein.

Seine Entstehungsgeschichte ist einfach, er verdankt den Anlaß seines Lebens dem römischen Concordate mit Baden. Die Schwarzen hatten zur Blüthezeit der Reaction, wie allbekannt, durch die Angst der Regierenden begünstigt, ein Netz von Concordaten über Süddeutschland ausgebreitet, um so die künftigen Generationen desto gründlicher dem neunzehnten Jahrhundert zu entfremden. Es ist ein vergebliches Beginnen gewesen, der liebe Gott läßt sich sogar von Päpsten und Priestern nicht mehr vorschreiben, welche Wege er seine Völker führen soll, und aus jedem Giftkorn, welches diese säen, keimt eine Gährung, die heilsam wirkt für des Volkes wahres Wohl. So hat die beabsichtigte Fesselung des badischen Volksgeistes durch das Concordat nur das zur Folge gehabt, daß alle Vertreter der wirklichen Volkswohlfahrt sich wie ein Mann gegen das reactionäre Concordatsministerium erhoben und in den Durlacher Conferenzen des Jahres 1860 so laut zu dem Herzen des Fürsten sprachen, daß seitdem in Baden die Freiheit und der gute Wille mit klarer Einsicht und weitschauender Weisheit vereint das Scepter führen.

Dabei war den Männern, die in Durlach zusammentraten, die gewaltige Macht der Vereinigung klar geworden. Warum lag in ganz Deutschland das religiöse Leben so arg darnieder? Warum darf der Ultramontanismus auf der einen Seite und eine geschichtswidrige, reactionäre Orthodoxie auf der anderen das Volk der Reformation irreführen und mißhandeln? Darum, weil der Mittelpunkt fehlt, um den sich alle Die schaaren können, die mit schlichtem, einfachem Gottvertrauen zugleich die Liebe zu ihrem Volke und die Thatkraft heutiger Bildung vereinigen. Das große liberale Bürgerthum, der Kern des Staates, warum ist es nicht zu spüren in der Kirche? Weil es nicht gemeinsam sich ausspricht in religiösen Angelegenheiten, weil ein Organ fehlt, durch das es rede; weil eine lange Zeit schlaffe, gedankenlose Entwöhnung von oben her in kirchlichen Dingen gepflegt worden ist und mit Ueberdruß Tausende an die Kirche denken, in der sie nichts mehr zu erkennen vermögen, als eine Polizeianstalt der Geister.

Die Form der meisten protestantischen Kirchen ist freilich nicht sehr geeignet, dem strebenden und innerlich gesundesten Theile des Volkes jene durchaus nothwendige Einigung zu bieten. Für das allgemeine Verständniß scheint die Kirche nur aus Pastoren und Beamten zu bestehen, die der übrigen Volksmenge die kirchlichen Lehren vorglauben und vorbeten. Fast ganz scheint die Ahnung geschwunden zu sein, daß die Kirche im Grunde von Jesus als eine Volksgemeinschaft gedacht und angelegt ist. Deshalb hat man sich um die Lehren der Kirche nicht viel mehr gekümmert, sie lagen ja ohnedies so fern dem gewöhnlichen Fühlen und Denken, sie galten so sehr als überschwängliche Geheimnisse (oder sollten wenigstens so gelten), daß man es nicht der Mühe für werth hielt, nach ihnen hinzuschauen.

So ist die fast unglaubliche Thatsache möglich geworden, daß eine aller freien Wissenschaft und Bildung grundsätzlich feindselige Orthodoxie oder eine noch ungesundere pietistische Halborthodoxie in den Ministerien und Consistorien, auf den Kathedern der Universitäten, auf den Kanzeln fast ganz Deutschlands zur Herrschaft gelangt ist, die heut’ zu Tage mit grenzenlosem Hochmuthe jeden freisinnigen Theologen aus der Kirche hinauszudrängen sucht und offen die besten Bildungsschätze unseres Volkes verhöhnt.

Diese Art von Kirchenregierung und Pastorenthum wird uns im Kampfe gegen den Jesuitismus nicht schützen. Im Gegentheil, man wird sich, wie es in Baden noch jüngst bei den Parlamentswahlen geschehen, mit dem Jesuitenthum gegen das liberale Bürgerthum verbinden. Viele protestantische Regierungen haben bei aller Orthodoxie mit den Jesuiten seit 1848 geliebäugelt und ihnen die Wege geebnet. Das blendende, schlangenkluge Wort, daß der Altar den Thron schützen müsse, hat auch besseres Wissen oft zum Schweigen gebracht.

Eine nachhaltige Schutzmauer gegen den Ultramontanismus bietet dem Volke nur eine erneuerte Kirche! Nicht Pastorenkirche, sondern Gemeindekirche! Denn Unfreiheit, Geistessclaverei und Herrschsucht lassen sich nicht bekämpfen durch ihres Gleichen, wohl aber durch Freiheit und Gerechtigkeit! Heuchelei sinkt nicht in Staub durch Heuchelei, sondern durch die Begeisterung für Wahrheit!

Der Protestantenverein ist nun der großartige Versuch, das Volk aufzurütteln aus seinem gedankenlosen Schlaf, daß es sehe, wie es um seine eigenthümlichste Eigenschaft, um seine deutsche freie Frömmigkeit gebracht wird. Die Männer, die diesen Verein gründeten, die im Herbste 1863 in Frankfurt zusammentraten, sie trugen alle das Weh im Herzen über den religiösen Verfall Deutschlands, sie haben Ernst gemacht mit dem Eingeständnis;: die Kirche muß anfangen sich zu verneuern aus dem volkstümlichen Geiste der christlichen Freiheit heraus!

Durch den Protestantenverein tritt ein Grundsatz in das kirchliche Leben ein, der noch niemals in demselben vereinigend thätig gewesen ist: nicht der Inhalt des Glaubensbekenntnisses macht zum Christen, sondern der Wille und die Gesinnung. Sind diese letzteren entsprechend dem hohen Bilde Jesu, so ist der Mensch ein Christ, ein vollberechtigtes Mitglied der christlichen Kirche, gleichviel, ob er an die Wundergeschichten der heiligen Schrift glaubt oder nicht, gleichviel, welche Vorstellung er sich von dem Wesen Jesu macht, gleichviel, ob er die Lehren des Mittelalters über Versöhnungstod und stellvertretende Genugthuung annimmt oder nicht. Demnach muß in der Kirche gelten: völlige religiöse Lehrfreiheit, Berechtigung der Gemeinden in allen kirchlichen Angelegenheiten, Anerkennung jedes gewissenhaften sittlich-religiösen Strebens, völlige Vereinsfreiheit, Wetteifer nicht im Verdammen, sondern in den Werken der Liebe. Die Kirche muß werden ein Bündniß aller religiösen Menschen aller Richtungen, die überhaupt Christen sich nennen. Keiner soll in ihr nur geduldet, jeder soll berechtigt sein, der sich zur Kirche bekennt.

Natürlich hat der Protestantenverein eine Fluth von Haß und Verleumdung gegen sich wachgerufen. Generalsuperintendenten wetteifern mit den schmutzigen Winkelblättchen der Pietisten, ihn anzugeifern. Er ist indeß ruhig vorwärts gegangen. Wie er erwuchs aus Baden, hat er zuerst in Süd- und Mitteldeutschland einen fruchtbaren Boden gefunden, dann ist er weitergegangen nach dem Norden. Frankfurt, Eisenach, Neustadt an der Haardt, Bremen bezeichnen die Stationen seiner jungen, kräftigen Wanderung durch Deutschland. Ueberall hat er laut angeklopft an die verschlossenen Thore gleichgültiger deutscher Bürger: macht auf, es beginnt Tag zu werden! Und schon hat sich’s gewaltig geregt, – auch der Krug der herrschenden und verfolgenden Orthodoxie geht so lange zum Wasser, bis er bricht.

Und wer sind die Männer, die aus der Mitte des Vereins als Führer hervorragen?

Gern würden wir zwei Namen an die Spitze stellen, deren Verdienst um die Gründung und Belebung des Vereins unvergeßlich ist, aber sie sind nicht mehr unter den Lebenden: der eine war Häusser, der deutsche Geschichtsschreiber, und der andere R. Rothe, der wundersam innige und tiefe Theolog. Jener hat vom Standpunkte [471] der Geschichte aus dem Protestantenverein bei seiner Gründung 1863 den Pathenbrief ausgestellt, indem er ihn willkommen hieß als den ersten Zeugen davon, daß das liberale Bürgerthum die ungeheure Wichtigkeit der Religion für das Gesammtleben des Volkes zu begreifen beginne. Rothe aber, „der Heilige des Protestantenvereins“, war einer jener seltenen Geister, in denen sich Kindergemüth mit der durchdringendsten, schöpferischsten Denkkraft, hingebende Frömmigkeit mit einer Freiheitsliebe und einer rücksichtslosen Willenskraft vereinigte, die wir sonst nur an den radicalen Vorkämpfern zu sehen gewohnt waren. Mit aufrichtigster Begeisterung hat er den Gedanken eines großen freien Volksvereins zur Erneuerung der evangelischen Kirche erfaßt und ihm die Ruhe seines Alters, den Frieden einer hochgeachteten Stellung geopfert. Denn viele seiner Freunde haben ihn deshalb verlassen, ja gehaßt und geschmäht. Sein Geist lebt im Verein fort, obwohl sein Tod demselben die edelste Führerkraft raubte.

Sollen wir aber die thatsächlichen Führer aufzählen, so gebührt in erster Reihe die Huldigung dem Präsidenten des Vereins, der auch zugleich den Vorsitz an den drei allgemeinen Protestantentagen in Eisenach, Neustadt und Bremen innegehabt hat, dem ersten Staatsrechtslehrer Deutschlands, Dr. Johann Kaspar Bluntschli in Heidelberg. Das ist eine prächtige Natur! Ein stattlicher Mann im Anfang der Sechsziger, mit hoher Stirn und großen Augen, einen überaus freundlichen Zug um den Mund, betritt er die Rednerbühne und indem er nun in freier, sprachgewaltiger Rede die ernsten Gegenstände der Vereinsthätigkeit bespricht, mischt er mit dem ihm eigenen gutmüthigen Humor hie und da ein schlagendes, zündendes, witziges Wort ein, so daß dem Laien mit einem Male klar wird, wie religiöse Dinge ernst und frei in der Weise jeder öffentlichen Discussion besprochen werden können, ohne daß einestheils ein salbungsvoller Kanzelton, noch anderntheils Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit dabei hervortreten. Er redet gerade heraus und sagt in derbem deutschen Laienmund manchmal Dinge, die sonst nur vorsichtig in den Schulausdrücken bezeichnet werden. Da athmet denn jedesmal die Versammlung freudig auf. Bluntschli ist ein zündender Redner, nicht sowohl schwunghaft, als klar und deutlich; in jedem Satze leuchten Geistestiefe und Bildungsreichthum hindurch. So war seine Eröffnungsrede des ersten Protestantentages 1865 in Eisenach ein Meisterstück ergreifender, klarer Darlegung von der Nothwendigkeit einer Vereinigung aller freien religiösen Kräfte. So war seine Schlußrede auf dem dritten Protestantentage in diesem Jahre zu Bremen ein kühner, starker Fehdebrief an alle Dunkelmänner, getragen von dem Bewußtsein, daß die Sache des Vereins die beste und gerechteste ist.

Was ihn so sehr geeignet macht, Präsident einer kirchenpolitischen Versammlung zu sein, ist die durch seinen ganzen Bildungsgang bedingte Vereinigung der staatsmännischen und der theologisch-philosophischen Studien in ihm. Er hat, seitdem er, von den Universitäten heimkehrend, selbst zuerst in seiner Vaterstadt Zürich lehrend auftrat, an allen kirchlichen und politischen Kämpfen der Schweiz thätigen Antheil, zumeist als lenkender Führer, genommen, hat dabei aber nie den theologischen und philosophischen Studien sich entfremdet, sondern in enger Freundschaft mit den bekannten eigenartigen Denkern, den Brüdern Rohmer in Zürich, die großen Räthsel Gottes und der Welt eifrig und rastlos durchforscht. Aus der Mitte der Züricher Regierung und vom Präsidentenstuhle des Großen Rathes rief ihn König Ludwig von Baiern nach München an die Universität, und auch hier alsbald sehen wir Bluntschli in unverhüllter Gegnerschaft gegen die ultramontane Reaction, eine Gegnerschaft, die ihm, wie allen „Fremden“ in der Gelehrtenrepublik Münchens, viele gehässige Angriffe zuzog. Besonders, als sich nun immer mehr herausstellte, daß im politischen Leben Deutschlands die Führerschaft Preußens das einzige Rettungsmittel vor gänzlichem Verfalle sein müsse, wandte sich Bluntschli ohne Rückhalt und mit kühnem Mannesmuthe der national-liberalen Parteibildung zu. Als die politischen Gegensätze in Baiern auf’s Schärfste sich zuspitzten, mußte ihm ein Ruf nach Heidelberg eine willkommene Erlösung aus dem undankbaren Kampfe in München bringen. Seit 1861 ist er nun alsbald auch in dem politischen wie in dem kirchlichen Leben Badens anerkannter Führer geworden. Er präsidirte der badischen ersten Kammer, der badischen evangelischen Generalsynode, dem Juristentage, dem Abgeordnetentage, kurz, die eminente Geistesklarheit, der die Lage stets von Neuem beherrschende Scharfblick, sowie die gutmüthige, milde Art, Persönlichkeiten zu behandeln, machen ihn, der in Freiheitsliebe und Gewissenstreue ein echter Protestant ist, zu einem geborenen Präsidenten großer Versammlungen.

Stellt Bluntschli nun die Einheit von lebendiger Religion und wissenschaftlicher Größe ersten Ranges dar, so tritt uns in dem Heidelberger Dekan Dr. Karl Zittel ein anderer Charakterkopf deutschen Volkslebens entgegen: der freisinnige, protestantische Pfarrer, der unter vielen Leiden und Anfechtungen Stand gehalten hat bei der freien innigen Frömmigkeit, welche er aus der Schule der rationalen Jenenser Theologie in seine seelsorgerische Laufbahn mitgebracht. Es giebt nicht mehr Viele seines Gleichen. Mit ihm haben Tausende einst den großen rationalen Grundsätzen des deutschen Protestantismus sich geweiht, mit ihm haben Tausende in den burschenschaftlichen Idealen für deutsche Einheit und Freiheit geschwärmt, aber wie Viele haben in Amt und Würde dann dem reactionären Eifer Widerstand geleistet? Wie Viele sind den alten guten Grundsätzen treu geblieben und haben für ihre Ideale nicht nur geschwärmt, sondern gelebt? Zittel ist einer von diesen Wenigen, denen zum Grundzuge des Charakters die Treue gegen die Wahrheit geworden ist. So hat er schon als Diakonus von Lörrach in Baden der politischen Sehnsucht des Volkes nach Freiheit und vernünftiger Staatsbildung lebhaften Ausdruck gegeben. Er stand dem Kerne des Volkes und dessen Herzen nahe als Berather und Leiter. Die Regierung suchte ihn durch Strafversetzung unschädlich zu machen, die Antwort des Volkes war, daß man Zittel in die Kammer wählte. Diese Periode seiner politischen Thätigkeit fällt zusammen mit den religiösen Bewegungen der vierziger Jahre. Er war das anerkannte Haupt der kirchlich freien Richtung in Baden; alle Schritte, die in dieser Beziehung geschahen, sind von seinem Einflüsse mitbestimmt worden. Es war schwer in jenem Jahrzehnt, zu klaren, deutlichen Resultaten zu gelangen. Verworren gingen die Ansichten und Hoffnungen durcheinander, eine deutliche Scheidung politischer und religiöser Bestrebungen war unmöglich, Eines hinderte das Andere. Da war auch solch’ klaren Köpfen und warmen Herzen, wie Karl Zittel, unmöglich, Vieles zu erreichen. Aber ganz Deutschland richtete damals seine Augen auf die badische Kammer, wo der Pfarrer Zittel den Antrag stellte auf Gewährung unbedingter Gewissensfreiheit den Freigemeindlern und Deutschkatholiken gegenüber. Es war der Hahnruf eines schöneren Morgens, der im März des Jahres 1848 erst anbrechen sollte. Dieses Jahr sah Zittel unter den Vertretern des badischen Volkes in der Paulskirche zu Frankfurt a. M.; auch als nach Erfurt noch einmal das Parlament berufen wurde, war er dessen Mitglied.

Seit diesem Jahre des Erwachens war Zittel Pfarrer von Heidelberg geworden. Rastlos hat er an dem Volke und für das Volk gearbeitet, als Pfarrer, als Armenpfleger, als Schriftsteller. Nacheinander hat er drei volkstümliche religiöse Blätter gegründet, redigirt und mit bestem Erfolge so dem erfreulichen Umschwunge in der Kirchenleitung Badens vorgearbeitet. Mitglied der Generalsynoden war er drei Mal, nur in der reactionären des Jahres 1855 hat er nicht gesessen. Als der sogenannte „Agendenstreit“ losbrach und die Durlacher Conferenzen den Kampf gegen das römische Concordat eröffneten, stand Zittel natürlich in erster Reihe der Kämpfer. Er ist bei weitem der populärste kirchliche Führer in Baden, denn makellos ist sein ganzer öffentlicher Charakter, ehrlich und treu ist er allenthalben befunden worden. Und diese Ehrlichkeit und hohe sittliche Würde des Mannes sind es auch, die mit aller Wärme des frommen freien Gefühls aus ihm heraussprechen und ihn nicht nur zu einem vortrefflichen Prediger, sondern überhaupt zu einem ergreifenden Redner machen.

Zittel’s jüngerer Genosse und Mitstreiter ist Otto Schellenberg, jetzt Dekan von Mannheim. Auch er nöthigt jedem Achtung ab, auch er ist eine durch unbedingte Wahrheitsliebe, Ueberzeugungstreue und tiefe geistige Bildung ergreifende Persönlichkeit, die, wo immer sie sich zeige, unbedingtes Vertrauen wachruft. Beweis für diese seine Lauterkeit ist das Verhältniß, in welchem er zu seiner großen Gemeinde in Mannheim steht – es wird wenig ähnliche, gleich edle und auf so persönliche Hochachtung gegründete Beispiele von Verehrung einer Gemeinde für ihren Pfarrer geben.

Zittel’s und Schellenberg’s Beredsamkeit wirkt hauptsächlich durch die Charakterklarheit, durch die ruhige energische Ueberzeugungswärme unwiderstehlich. Der größte Redner aber unter den Führern des Vereins ist ohne Zweifel Schenkel. Sie haben in Ihrem Blatte schon im Jahre 1865 ein kurzes Charakterbild [472] dieses hervorragenden, eigenthümlichen Mannes gebracht. Dr. Daniel Schenkel ist eine Quecksilbernatur, er macht den Eindruck, als ob er unter dem Einfluß einer ununterbrochenen Aufregung stände. Aus den kleinen Augen leuchtet hinter der Brille eine stets bereite Elasticität hervor. Jeden Gegenstand erfaßt er mit Lebendigkeit, in Scherz wie in Ernst geht er ein mit einem Feuer, das den Fremden überrascht. So ist auch seine Beredsamkeit stürmisch, fortreißend, er läßt nicht viel Zeit zum Besinnen; seine Schlagworte, seine kurzgefaßten Schlüsse, seine Ironie, mit raschen faßbaren Behauptungen den Gegner angreifend, versetzen den Hörer alsbald dramatisch mitten in den Gegenstand hinein. Er gönnt sich und den Hörern dabei wenig Ruhe, wie er denn auch in seiner amtlichen und gelehrten schriftstellerischen Thätigkeit diese Rastlosigkeit des Arbeitens, diese stets frische Lust, neue Aufgaben zu übernehmen, und diese Zähigkeit, dieselben mit Eifer zu lösen, an den Tag legt. Schenkel’s theologische Vergangenheit gehörte bis zum Jahre 1855 der Richtung einer sogenannten Vermittelungstheologie an, die mit der Orthodoxie den Geist der Verfolgung und Unduldsamkeit gemeinsam hat, und im Banne dieser falschen Richtung ist auch Schenkel zu manchen Schritten verleitet worden, die wenig Heil gebracht haben. Als aber im obengenannten Jahre die orthodoxe Reaction in stolzem Uebermuthe aller Vermittelung den Credit aufkündigte und Stahl die Umkehr der Wissenschaft frivol verlangte, da entschied sich Schenkel mit aller Lebhaftigkeit für die Sache der Freiheit. Sein Buch „Für Bunsen wider Stahl“ bezeichnet den Wendepunkt seiner Parteistellung. Von da an ist er der Feueranzünder geworden in den kirchlichen Bewegungen. In den Durlacher Conferenzen, in der Reformsynode von 1861 erscheint er als der unwiderstehliche Anwalt der Freiheit, seine Kraft als Volksredner, die von ihm mit größtem Erfolge in das praktische Leben eingeführten Forderungen: die Kirche muß Gemeindekirche werden und die Theologie muß vom Gewissen ausgehen, – ferner seine unermüdliche Arbeitsfähigkeit haben den größten Antheil an der Umgestaltung der Landeskirche in Baden, deren neue Verfassung von seinen Gedanken Zeugniß giebt. Auch Schenkel ist, wie sein College Bluntschli, ein Züricher von Geburt; auch er hat gleichzeitig an den politischen und kirchlichen Kämpfen der dreißiger und vierziger Jahre in der Schweiz Theil genommen, auch ihm kommt diese Vereinigung nun in den heutigen kirchenpolitischen Wirren gut zu Statten. Durch sein vielverbreitetes, berühmtes Buch „Charakterbild Jesu“ ist sein Name bei den Orthodoxen und den regierenden Halb-Orthodoxen ein Fluch und ein Gräuel geworden.

Diesen vier Süddeutschen reihen wir die Norddeutschen unter den Führern des Protestantenvereins an. Auch hier haben wir mit einer Todtenklage zu beginnen. In Berlin, dem Heerde der lutherischen Orthodoxie wie der verfolgungsfreudigen Bastardorthodoxie, hat sich mitten unter diesem Graus ein Häuflein guter liberaler Theologen erhalten, geschaart um des großen Schleiermacher’s treueste Schüler Jonas und Sydow. Aus diesem Häuflein, das jahrelangem Drucke nicht gewichen ist, ragte Dr. Heinrich Krause, der Redacteur der Protestantischen Kirchenzeitung, hervor durch seinen treuen Muth, mit dem er nicht abließ vom Kampfe für die Freiheit der Wissenschaft und für die Aufrechthaltung der Union. In denselben Tagen, wo sein Freund, Prediger Lisco, mit sammt der ganzen freisinnigen Theologie von der Friedrichswerder’schen Synode excommunicirt wurde, hat man Krause begraben. Ueber seinem Grabe aber leuchtet der Stern der mannhaften Treue und ehrlichen Wahrheitsliebe fort, der ihn geleitet hat sein Lebenlang. Krause’s Verdienst um den Protestantenverein bestand darin, daß er den Eintritt der preußischen Unionsvereine in den allgemeinen deutschen Protestantenverein ermöglicht hat; leider hat ihn die letzte langwierige Krankheit von thätiger Mitarbeit an den Protestantentagen abgehalten.

Dafür ist aber aus dem Kreise der Berliner Freunde eine hervorragende Gestalt mit an die Spitze des Vereins getreten, die weithin bekannt ist im Volke, ein Mann der Wissenschaft, der aber gleichzeitig ein Herz hat für die großen Fragen der Volkswohlfahrt, dem also der scharfsinnige Blick auch längst des deutschen Volkes kirchliche Noth offenbarte. Das ist Professor Franz von Holtzendorff. Er gilt als einer der Haupturheber des deutschen Juristentages, er ist mit Professor Virchow vereinigt zur Herausgabe der gemeinverständlichen wissenschaftlichen Vorträge, er hat vom juristischen Standpunkte aus die Gefängnißverwaltung der Brüder vom Rauhen Hause angegriffen – und wie klar er kirchliche Fragen zu behandeln weiß, wie beredt seine Darlegung und Beweisführung die Hörer überführen kann, das hat die glänzende Vertheidigung seiner Thesen über die gemischten Ehen auf dem ersten Protestantentage in Eisenach bewiesen. Der dritte Protestantentag in Bremen wählte ihn zu seinem Vicepräsidenten.

Ganz aus anderem Stoffe gebildet ist die hohe Prophetengestalt des Märtyrers von Rostock, Dr. Michael Baumgarten, dessen Lebensgeschichte die belehrendsten Illustrationen darbietet zu dem Heil und Segen, den die Orthodoxie über das Volk und seine besten Männer zu bringen pflegt, wenn es ihr, wie in dem unglückseligen Mecklenburg, gelingt, Jahrzehnte lang die Herrschergeißel zu schwingen. Baumgarten ist ein Holsteiner, ein Bauernsohn aus der Elbmarsch, also eine zähe, kraftvolle, verständige Natur. In ihm glüht aber die mächtige Flamme der frömmsten Begeisterung, genährt am Studium vorzüglich der alttestamentlichen Propheten, aus denen er das Mark seiner Theologie gesogen hat. Wie diese Propheten Volksmänner waren im höchsten Sinne des Wortes und nur in diesem Sinne Gottesmänner, so ist auch in Baumgarten die Liebe zum Volke verwachsen mit seinem religiösen Gefühl. Seiner theologischen Auffassung liegt der Gedanke zu Grunde, daß die Offenbarung Gottes des Volkes wegen da ist, nicht das Volk der Offenbarung wegen, und darum scheut er sich nicht, der Kirche, das heißt den Pastoren und Consistorien, Buße zu predigen, deren Schuld es sei, daß das Volk nichts mehr von der Predigt wissen wolle. Aus dem Munde eines Professors der Theologie diese Bußpredigt zu hören, hat um so größere Bedeutung, wenn dieser Professor, wie es bei Baumgarten der Fall ist, nicht der rationalen Seite der Theologie, sondern der bekenntnißgläubigen Seite angehört. Baumgarten vertritt mit Eifer und Geist den alten Wunderglauben, die Autorität der Bibel, die überlieferte Erlösungslehre, kurz die Hauptmasse der altgläubigen Dogmatik. Alles Das ist aber auf’s Innigste mit seinem ganz eigenthümlich freien und frischen Gemüthsleben verwoben, ist eingegangen in sein Denksystem und hat nicht vermocht, diese selbständige Holstennatur in inneren Widerspruch mit sich zu setzen. Er sagt: „Ich habe das Alles erlebt.“ Und das Gleiche verlangt er von Jedem. Man sieht, der Grund seiner Orthodoxie ist doch der der eigenen Denkarbeit und Gewissensüberzeugung, nicht, wie das System es eigentlich fordert, der Gehorsam unter die alleinseligmachende Kirchenlehre. Darum, weil er in dem Sinne der sonst landläufigen Orthodoxie kein Mann des gesetzlichen Buchstabens, der blinden Unterwerfung ist, kein Reactionär, kein „Conservativer“ nach Stahl’s Schablone, ist er zum Gegenstande der gehässigsten Verfolgung geworden. In Holstein war er zur Zeit des „offenen Briefes“ Christian des Achten ein thatkräftiger Vorkämpfer der nationalen Sache.

In der traurigen Thatsache, daß je nach Laune und Bedürfniß von Seiten der Staatsbehörden die evangelische Kirche als ein Zweig der Polizei ausgebeutet und dem Volke verhaßt gemacht worden ist, erkennt Baumgarten mit Recht einen Hauptgrund des kirchlichen Verfalls und der allgemeinen Gleichgültigkeit gegen Religion und Kirche. Von dieser Erkenntniß aus mußte er mit den kirchlichen Tyrannen Mecklenburgs in Zusammenstoß gerathen. Eine Aufgabe, welche er in seiner Eigenschaft als Mitglied der Prüfungscommission den Candidaten gestellt hatte „über die Berechtigung der Revolution nach der heiligen Schrift“, bot die ersehnte Handhabe, um Baumgarten erst aus jener Commission zu verstoßen, dann seines Amtes zu entsetzen, darauf mit Hülfe mecklenburgischer Justiz in Preßprocesse zu verwickeln, die ihm manchen Monat Gefängniß und viele Geldverluste eingetragen haben. Es half nichts, daß ganze Facultäten sich öffentlich gegen diese schamlose Mißhandlung eines Ehrenmannes erklärten, es half nichts, daß Hunderte von Rostocker Bürgern in öffentlichen Adressen, in Petitionen an den Fürsten sich für Baumgarten verwendeten, – die orthodoxe Coterie hat ihr Werk nicht aufgegeben. Baumgarten bleibt nach wie vor abgesetzt, bewacht von gunstgierigen Denuncianten, isolirt – und das Alles, weil Kliefoth, Krabbe und wie die Pharisäer des Sanhedrin von Schwerin noch heißen mögen, ihn hassen. Was Wunder, daß Baumgarten ein Feuerzeichen des bösen Gewissens für alle herrschenden Orthodoxien ist? Er hat alle Consequenzen des hierarchischen Systems durchgekostet, und sein Leben gehört dem Kampfe für die Freiheit, wie ihn der Protestantenverein kämpft.

[473] Wir machen den Schluß unserer Auszählung der protestantischen Führer – 1ast, not least – mit Dr. Karl Schwarz, sicher einem der am reichten Begabten und am tüchtigsten Bewährten. Auch er ist einer jener klaren, arbeitstreuen, geistvollen norddeutschen Charaktere, die nicht durch sprudelnde oder stürmische Beredsamkeit wirken, sondern vielmehr durch Wucht der Ueberzeugung, Sicherheit und unverhüllte Schärfe der Untersuchung. Karl Schwarz ist einer der gedankenreichsten Redner; in schönem, am Studium der Classiker gesättigtem Styl leitet er den Hörer von einer Höhe der Gedanken zur andern, leicht verständlich und klar auch die verwinkeltsten Gegenstände vorführend. So kennen ihn die Gebildeten Deutschlands in seinen „Predigten aus der Gegenwart“, so steht unübertroffen in der Kunst plastischer Schilderung seine „Geschichte der neuesten Theologie“ da. Voll Kraft des Urtheils, ohne Hinterhalt zur freiesten rationalen Kritik sich bekennend, legt er doch in Wort und That, in Amt und Schrift Zeugnis; ab von einer mächtigen sittlichen Wärme, wie sie zum Predigten gehört.

Nach langer Zeit der Hintansetzung und kleinlichen Bedrückung in seiner früheren Professur zu Halle hat ihn mitten im Zeitalter der Reaction Herzog Ernst von Gotha an seine Hofkirche und an die Spitze seiner Landeskirche berufen, wo er seitdem in reichem Segen wirkt. Er präsidirte mit Bluntschli dem ersten Protestantentage in Eisenach und hielt dort auch seine berühmt gewordene, viel geschmähte, glänzende Rede für die Lehrfreiheit in der evangelischen Kirche. Er ist vielleicht derjenige unter den von uns genannten Männern, welcher bei einer hervorragend praktischen Begabung auf die Neugestaltung der evangelischen Kirche am thatkräftigsten einzuwirken berufen ist. Wenigstens hat er in seinem „Grundriß der christlichen Lehre“ ein klares Verständniß von dem wirklich im Volke lebendigen Christenthum dargethan. Denn so schlicht und einfach zurückgehend auf Jesu eigene Gedanken, ohne alle spätere Zuthaten, wie in diesem Büchlein, ist der Kern der volksthümlichen Religion lange nicht dargestellt worden. Wer aber einen Blick hat für diese Einfachheit durch alle theologischen, schulmeisterlichen Nebel hindurch – der ist ein praktischer Geistlicher in des Wortes bestem Sinne.

Wir schließen unsere Umschau im Protestantenverein. Der letzte Tag des Vereins in Bremen hat von Neuem das einmüthige Zusammenstehen aller in demselben vereinigten verschiedenartigen Kräfte bewiesen. In dieser Einigkeit liegt die Macht des Vereins. Er wird fortfahren, das Gewissen der besten Männer unseres Volkes wachzurufen. Schon beginnen die Zeichen sich zu mehren, daß der Morgen anbricht. Nach langer Zeit einmal hat das liberale Bürgerthum Berlins seine Stimme gegen die dreiste Orthodoxie erhoben; es ist zu hoffen, daß man nicht auf halbem Wege stehen bleiben und energisch eine Freigebung der evangelischen Kirche vom Staate fordern wird. Man gebe eine Repräsentativverfassung mit freien Wahlen, und im Handumdrehen wird der pharisäischen Herrschaft der Orthodoxie und Halborthodoxie ein Ende gemacht, damit aber auch den sittlichen Mächten des Christenthums wieder ein freierer Zugang zum Herzen des Volkes geschaffen sein.