Predigt gehalten zur Feier des Friedensfestes

Textdaten
Autor: Adolf von Stählin
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Titel: Predigt gehalten zur Feier des Friedensfestes
Untertitel: über Psalm 118, 15-21. am 12. März 1871, Sonntag Oculi in der St. Gumbertuskirche zu Ansbach
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Auflage: 2
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Carl Junge
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Erscheinungsort: Ansbach
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Quelle: Commons
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Predigt,
gehalten


zur


Feier des Friedensfestes
über
Psalm 118, 15–21.
am 12. März 1871, Sonntag Oculi
in der


St. Gumbertuskirche zu Ansbach
von
Adolf Stählin,
Consistorialrath und Hauptprediger.
Zweite Auflage.




Der Reinerlöß ist zu einem wohlthätigen Zweck bestimmt.




Ansbach,
[...Verla]g der Carl Junge’schen Buchhandlung.
1871.


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Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesu Christo. Amen.




Text: Psalm 118, 15–21.

 15. Man singet mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten: die Rechte des Herrn behält den Sieg;

 16. Die Rechte des Herrn ist erhöhet: die Rechte des Herrn behält den Sieg.

 17. Ich werde nicht sterben, sondern leben, und des Herrn Werk verkündigen.

 18. Der Herr züchtiget mich wohl, aber er gibt mich dem Tode nicht.

 19. Thut mir auf die Thore der Gerechtigkeit, daß ich dahinein gehe, und dem Herrn danke.

 20. Das ist das Thor des Herrn; die Gerechten werden dahinein gehen.

 21. Ich danke dir, daß du mich demüthigest, und hilfst mir.




 Das ist der Tag, den der Herr gemacht, lasset uns freuen und fröhlich sein; so jubeln wir, im Herrn Geliebte, mit den Worten des nämlichen Psalms, dem unser eben gelesener Text angehört, eine herrliche, heißersehnte Feier begehend, unser Friedensfest feiernd. Friede ist geworden, Friede nach einem furchtbaren, blutigen Krieg. O was liegt in dem Wort Friede für ein Zauber; welch ein Gegensatz zu dem Namen, den wir so oft in den Mund genommen, zu dem Worte Krieg! Der Krieg ist der Inbegriff aller Uebel der Menschheit, ihr Schrecken und ihre Geißel;| der Friede ist ein Füllhorn des Segens, die Grundlage allen irdischen Gedeihens, das Verlangen und die Sehnsucht aller Sterblichen, ein schöner Gottesgruß an die Menschheit. Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erde: so sangen einst in der Nacht ohne gleichen die Engel Gottes über die Erde hin. Ein großer Tag des Friedens hätte auf diesen Engelgruß folgen sollen, und wäre gefolgt, wenn das: Ehre sei Gott in der Höhe, allenthalben zur Wahrheit geworden wäre. Aber noch walten Sünde und Selbstsucht auf Erden, graben sich ein in Gedanken und Thaten der Menschen, und darum Krieg und Fehde auf Erden. Aber doch sprechen wir auch von einem gerechten Kriege und erkennen in ihm einen Förderer edler Tugenden und Kräfte. Doch wissen wir, daß auch unter den Schrecken des Krieges Gottes Gedanken sich vollziehen, daß unter dessen blutigen Strömen der Gang der Weltgeschichte, der Siegeswagen des lebendigen Gottes und seines ewigen Reichs vorwärts dringt. Vorwärts sind auch wir gedrungen; eine herrliche Frucht ist durch Gottes Gnade unter des Krieges bitterem Weh für uns gereift. Doch erst der Friede lässet uns die Frucht selbst brechen und genießen; der Friede erst ist der krönende und segnende Höhepunkt all der gewaltigen Ereignisse, der herrlichen Siege, der wunderbaren Erfolge, die hinter uns liegen.

 Darum Gott Lob und Preis für die edle Friedensgabe! Wie athmeten wir auf, als die Nachricht von dem ersten Stillstand der Waffen zu uns kam! Wie wünschten, wie beteten wir, daß diese übergehe in den wirklichen Frieden! Welche Freude hob unsere Brust, welcher Jubel durchzog die deutschen Gauen vom Fels bis zum Meere, als die Friedensbotschaft nun zu uns gekommen. Wie haben wir, was das Herz empfand, ausgeströmt in dem Lied, das so oft über die blutgetränkten Schlachtfelder ertönte, an der Friedensstätte unserer Gotteshäuser, in einem großen gemeinsamen: Nun danket alle Gott! Wie strahlte unsere Freude in dem Schmuck unserer Wohnungen, in dem Lichterglanz, in dem unsere Stadt prangte, wieder!

 Und doch war all dies nur eine vorläufige Feier. Heute ist unser förmliches Friedensfest. Heute sind wir in festlichem Schmuck, in einer Zahl und Menge, wie kaum je, eingezogen durch die Thore der Gerechtigkeit. Vor Gottes Angesicht begehen wir unsere Friedensfeier, im Lichte und Segen seines Wortes. Das Wort, das uns zu Grunde liegt, ist einem der erhabensten Siegespsalmen der Gemeinde des alten Bundes entnommen. In höherem Chor preist der Sänger in unsern Textesworten die Siegesmacht Gottes, die an seinem Volk sich offenbart, und dessen ewige, immer neu auflebende Jugendkraft. Wir dürfen aber gewiß diese Worte anwenden auf die Erfahrungen auch unseres Volkes. Es sind ja in der| heiligen Schrift und der von ihr umschlossenen heiligen Geschichte die ewigen Maaße und Gesetze für alle menschliche Entwicklung, für die Geschichte der Völker, insonderheit der christlichen Völker niedergelegt. Wir wollen an der Hand unseres Textes
eine rechte Friedensfeier

begehen, und glauben eine solche begehen zu können

1) in einer rechten Siegesfeier,
2) in einer rechten Gedenkfeier,
3) in einer rechten Dankfeier.


I.

 „Man singet vom Sieg in den Hütten der Gerechten,“ so heben wir nach unserm Texte an. Unser Friedenslied ist ein Siegeslied; das ist das Schöne und Unvergleichliche an dem Inhalt unserer Feier, daß Friede und Sieg einander die Hand bieten, in einander verschlungen sind. Friede und Sieg – wie schön lautet jedes für sich, wie viel schöner und herrlicher ist aber ihre gegenseitige Verbindung. Friede und Sieg – das ist der Inhalt wahren christlichen Lebens, das der Grundton der Feier der Vollendung. Friede und Sieg hat Gott nun im schönsten Segensbunde unserem Volk und Vaterland entgegengebracht. Es kann ja einen Frieden geben ohne Sieg und einen Sieg, dessen volle Segensfrucht der Friede nicht behauptet. Das erste erfahren unsere Gegner, das andere haben wir selbst in diesem Jahrhundert einmal erfahren.

 O blicket hinüber nach dem Lande, das der Schauplatz des furchtbaren Weltkampfes war! Auch dort sehnte man sich nach dem Frieden, und Viele werden gewiß jetzt auch dort Gott auf den Knieen für den geschenkten Frieden danken. Aber welche Friedensfeier wird ihnen zu Theil, Angesichts einer Demüthigung, wie sie diesem Volke kaum je zu Theil geworden, Angesichts der verstörten Städte, der niedergebrannten Dörfer, der Auflösung des Staates, Angesichts aller Greuel der Verwüstung! Mancher kehrt zurück und sucht umsonst die Stätte seines frühern Wohnens, ist ein Fremdling in seiner Heimath geworden. Und wir dagegen, Geliebte! Auf welchen Siegeslauf dürfen wir durch Gottes Gnade von der Höhe des Friedens zurückschauen, auf zwanzig gewonnene Schlachten, zwanzig eroberte Festen, auf die bezwungene Weltstadt, diese Babel der Neuzeit, das niedergeschlagene Feindesvolk. Kaum daß der Feind über unsere Grenzen geschaut, kaum daß unsere vaterländische Erde mit einem Tröpflein Blut genetzt wurde – o welche Seufzer und Wehklagen sind uns erspart worden!

|  In die gewohnte Ordnung zurückzukehren, lädt uns nun der Friede ein, mahnt uns alle, die Träger der verschiedenen Aemter und Berufsarten in Staat und Kirche, in Schule, Gemeinde und Haus, den Bürger und den Landmann, derselben in neuer Treue unter neuem Segen zu pflegen, und nimmt unsere Arbeit unter sein schützendes Obdach. Eine neue Ordnung beginnt aber zugleich mit dem Frieden. Als schönste Siegerkrone prangt über unserem Haupte die gewonnene Einheit, das wieder erstandene Reich. Den herrlichsten Sieg haben wir über uns selbst erfochten, über unseren alten Hader und unsere unselige Zerrissenheit – mit dieser Siegesfrucht ziehen wir hoffnungsreich ein durch die wieder geöffneten Thore des Friedens. Einig sind wir ausgezogen; durch das geweihte, ehrwürdige Band unserer Geschichte, das deutsche Kaiserthum, fest und innig, Gott gebe für immer, zusammengeschlossen, kehren wir heim. Als Siegespreis nehmen wir mit die verlorenen, nun wiedergewonnenen Glieder unseres Volkes und wollen sie mit alter Liebe und Treue als Kinder einer gemeinsamen Mutter umfassen. Manch’ lieben, theuren Ort, den Arglist und Gewaltthat uns entrissen, nennen wir wieder den unseren und erneuern an ihm herrliche Erinnerungen deutscher Vergangenheit. Sollen wir nicht mit Freuden singen vom Sieg in den Hütten und Pallästen, in unseren Wohnungen und Gotteshäusern, von dem friedevollen Sieg, dem sieghaften Frieden, den Gott uns bescheert?

 Herrliche Siege hat freilich die Welt schon geschaut, aber ein böser Wurm nagte wie oft an ihrer Frucht. Auf stolzem Siegeswagen ist mancher Gewaltige der Erde einhergezogen, aber unter ihm lag das zertretene Recht, das muthwillig zerstörte Glück von Tausenden; die Thränen der Unschuld und das freventlich vergossene Blut schrie zum Himmel und dämpfte den Siegesjubel. Was bedeuten die herrlichsten Siege ohne den heiligen Schutz des Rechtes? Gott Lob, daß es die gerechteste Sache war, für welche wir auszogen, ein gerechter Krieg, den wir geführt; Gott Lob, daß nur Verblendung oder Scheelsucht diesen Ruhm uns benehmen kann! Für die theuersten irdischen Güter, für die Freiheit und Selbständigkeit unseres Vaterlands, in dem wir wurzeln mit unserem gesammten Dasein, mit dem unsere Freuden und Schmerzen so tief verwachsen sind, sind wir ausgezogen, und Gott hat unsere Waffen gesegnet. Man singet mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten.

 Und doch ist unsere Feier im Preis des Friedens und des Sieges nur dann die rechte, wenn unser Jubel empordringt zu Gottes Thron, wenn wir dem Höchsten die Ehre geben, wenn wir anbetend frohlocken: „Die Rechte des Herrn behält den Sieg, die Rechte des Herrn ist erhöhet; die Rechte des Herrn behält den Sieg.“ Geliebte! es verräth| eine niedrige Gesinnung, nur am Sichtbaren und Handgreiflichen zu haften, nur auf der Oberfläche stehen zu bleiben, nicht in die Tiefe, nicht in die Höhe zu schauen. Jeder edlere Geist ahnt eine höhere Ordnung der Dinge; der Christ aber preist nicht blos eine sittliche Weltordnung, sondern auch den ewigen Ordner und Lenker aller Dinge selbst. Was ist die Weltgeschichte ohne ihn? ein buntes Spiel des Zufalls; ein Riesenleib, dem das wache, helle Auge fehlt. Gott liebt es wohl, im Dunkeln zu wohnen und räthselhaft verschlungen sind oft seine Wege; bisweilen sieht aber auch der Blödeste die Spuren seiner Allmacht und Gnade; und das Licht seiner Herrlichkeit blitzt uns überwältigend in’s Antlitz. Ist’s nicht also mit den ungeheuren Ereignissen, deren wir heute gedenken? Sieht nicht jeder ein, daß die Fäden des gewaltigen Weltdramas in höherer Hand zusammenlaufen? Ist nicht das Geschehene ein erhabener Lobpreis im Tone unseres Textes: Die Rechte des Herrn ist erhöhet, die Rechte des Herrn behält den Sieg? Der Gang der Geschichte ist Schritt für Schritt eine Siegesfeier der göttlichen Macht und Heiligkeit gegenüber der Macht menschlicher Sünde und menschlichen Frevels, welche zuletzt einmündet in das große Siegesfest der Ewigkeit, in die ewige Feier der Ueberwindung aller gottwidrigen Mächte. Die Freiheit, die ganze, volle Freiheit des Menschen ist der Einschlag in dem wundersamen Gewebe der Weltgeschichte; sie kann mißbraucht werden bis zur Empörung wider Gottes heiliges Gesetz und zur Verdunkelung seines heiligen Waltens. Wie lange noch, wie lange noch? hat wohl mancher gefragt, da der nun gestürzte Fürst seiner arglistigen Pläne einen nach dem andern hinausführte und die Weltgeschicke allein von seiner Hand abzuhängen schienen. Doch wenn die Stunden sich gefunden, bricht, wie sonst die Hülfe für den Frommen, auch Gericht und Vergeltung für den Frevler herein.
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 Sein Thron war erbaut auf Lüge und Meineid. Den gebrochenen Eid hat ihm der Herr auf’s Haupt zurückgeschleudert. Das ganze Lügengebäude stürzte schnell, eilend, in wenigen Wochen unter einem gewaltigen Siegesansturm zusammen. Der mächtige Weltherrscher wurde zum armen Gefangenen; Gott hat ihn verworfen, und das Volk, das ihm so lange zugejauchzt, verwirft ihn zugleich. Die Rechte des Herrn ist erhöht, die Rechte des Herrn behält den Sieg. Des Herrschers Sünde ist aber des Volkes Sünde und umgekehrt. Beide sind wundersam in einander verflochten, wie so oft in der Geschichte dieses Volkes. Darum ereilt Gottes Gericht auch dieses noch besonders. Gute und schlimme Geister erwachen in dem Verzweiflungskampfe des unglücklichen Volkes. Sein Hochmuth, sein selbstvergötternder Wahn, seine Lüge muß aber gezüchtigt und seine| sittliche Hohlheit ihm unter das Auge gestellt werden. Mag es Heere wie aus der Erde rufen, und seinen eigenen Kindern den Taumelkelch immer neu einschenken; es muß gedemüthigt, es muß gestürzt werden. Denn Gott hat es gewogen und zu leicht erfunden. Die Rechte des Herrn ist erhöht, die Rechte des Herrn behält den Sieg.

 Uns hat Gott als Werkzeug seines Gerichtes gebraucht. Er hat manches Werkzeug, nachdem er es gebraucht, wieder weggeworfen; uns hat er in Gnaden angenommen. Unsere Sache war gerecht; aber auch die gerechteste Sache ist oft genug unterlegen. Trotz unserer gerechten Sache waren wir selbst nicht gerecht in unserem ganzen Stand und Wesen. Wir haben es selbst erkannt und bekannt im Anfang des Krieges. Fürst und Volk lag auf den Knieen und hat Gottes Erbarmen angerufen. Buße war die erste Weihe unserer Waffen. An Bußtagen wurde gemeinsam im ganzen deutschen Vaterland um Vergebung der Sünde gefleht, und wie viele Fromme haben im stillen Kämmerlein heilige Hände emporgehoben und im Gebet gerungen um das Heil ihres Volkes. Gott hat uns erhört, Gott war uns gnädig; ihm allein die Ehre! Wir schauen seine Gerechtigkeit, wir schauen seine Gnade, seine große, unverdiente Gnade. Ein Spiegel der Selbsterkenntniß sei uns die eine, eine Mahnung zur Demuth und Gottesfurcht die andere. Gott hat sich einmal wieder weltgeschichtlich verherrlicht und seine Verherrlichung ist unser Heil. O daß das ganze deutsche Volk seinen Arm schaute und die Gnadenstunde erkännte, die ihm geschlagen; o daß Alles sich beugte unter den Heiligen und Barmherzigen! O daß alle Ruhmredigkeit und stolze Selbsterhebung ferne von uns bliebe! daß unsere Siegesgedanken stets auch rechte Friedensgedanken blieben! daß der Versucher umsonst dem deutschen Volke nahete und zeigete ihm die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit! das wäre der schönste Sieg über uns selbst, die gesegnetste Frucht unserer Siegesfeier. In solchem Sinne können, dürfen, wollen wir sprechen: „man singet mit Freude vom Sieg in den Hütten der Gerechten: die Rechte des Herrn behält den Sieg; die Rechte des Herrn ist erhöhet: die Rechte des Herrn behält den Sieg.“


II.
 Eine rechte Gedenkfeier sei weiter unsere Friedensfeier. Wir vergessen nicht, wo wir Gottes Gnade preisen, all des menschlich Großen, Edlen, Herzerquickenden, was in dem nun siegreich vollendeten Kriege sich gezeigt. Wissen wir doch, daß Gott, wo er Großes schaffen will, auch die rechten Leute und die lebendigen Kräfte als Werkzeuge zum Vollzug seiner Rathschlüsse auf den Plan zu rufen weiß. Wir gedenken ihrer heute mit| Dank und Freude. Wir gedenken unseres geliebten Königs, der zu rechter Zeit das rechte Wort zur Einigung unseres Volkes gesprochen, der als der erste unter den Fürsten Deutschlands mit Selbstverleugnung Hand anlegte an die Erneuerung seines Kaiserthums. Gott lohne ihm die Erweise seiner ächt deutschen Gesinnung; wir wollen ihm lohnen mit um so größerer Treue; wir wollen es nicht vergessen, was wir ihm, was wir dem Hause Wittelsbach verdanken; wir wollen alles Gute, was wir in unserem Bayern besitzen, bewahren zu unserem Heile, zum Segen unseres ganzen großen Vaterlandes und in lebendiger Einheit mit ihm. Wir gedenken des greisen Heerführers des deutschen Volkes, den Gott diesem nun zum Kaiser gesetzt. Wir bringen ihm unsere Huldigung dar und erflehen den Segen Gottes über ihn. Seine ehrwürdige Heldenstirn schmücken die Kränze aller kriegerischen Tugenden und Ehren; aber höher als alle Ruhmeskränze strahlt seine Demuth, seine Gottesfurcht, die ungeheuchelte Frömmigkeit, in der er von Anfang bis zu Ende dem Herrn die Ehre gegeben, und seine Gnade gepriesen hat. Gott lasse das Reich, an dessen Spitze er steht, sich bauen auf solchem Grunde und lasse sein Scepter grünen! Wir gedenken der genialen, unvergleichlichen Heerführung, der seltenen staatsmännischen Einsicht und Weisheit, die in diesem Kriege sich gezeigt; wir gedenken unseres tapferen, todesmuthigen, von hehrem Pflichtgefühl beseelten Heeres. Wir gedenken des Werkes christlicher Liebe, das reicher als je in diesem Kriege sich entfaltete; wir freuen uns, das Kreuz unsers Herrn auch über den blutigen Feldern des Krieges strahlen und segnend und tröstend auf seine Schrecken niederblicken zu sehen. Wir gedenken der barmherzigen Samariter und Samariterinnen, die Oel und Wein in die brennenden, klaffenden Wunden des Krieges zu gießen nicht müde wurden. Wir denken an die große, einmüthige, noch nie dagewesene Opferwilligkeit des deutschen Volkes zur Linderung der tausendfältigen Noth des Krieges.
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 Wir vergessen auch nicht der Todten, derer, die ihr Leben geopfert im Dienst und zum Segen des Vaterlands. Unsere Friedensfeier muß auch eine Feier ihres Gedächtnisses sein. Ungeheure Opfer hat dieser Krieg gekostet. Die Siegesfahne ist mit Trauerflor dicht umhüllt. Unzählige Herzen sind bitter, schwer, selbst zum Tode verwundet; Vater-, Mutter-, Gattenherzen auf lange zerrissen; die Segenshand unseres Gottes war zugleich eine züchtigende. Manch erlauchtes Geschlecht hat den letzten Sprößling, manch arme, geringe Familie aber auch ihre letzte Stütze hingegeben. Doch je und je hat man den Tod fürs Vaterland gepriesen, wir preisen ihn zugleich in seiner Verklärung zum Tode des Christen. Ich werde nicht sterben, sondern leben, gilt dem Christen auch mitten im Tode. Vielen| ist der Ernst des Lebens, der Ernst des Sterbens erst unter der Heimsuchung des Krieges entgegengetreten. Gott haben sie ihre Seelen befehlen, zum Kreuz auf Golgatha haben sie blicken gelernt. Auch die schöne selige Ewigkeit hat eine reiche Ernte aus der blutigen Saat des Krieges gewonnen. Auch Christenglaube und Christenhoffnung haben in diesem Kriege ihre Triumphe gefeiert. Wir preisen, die überwunden haben; wir mischen unsere Thränen mit den Thränen der Trauernden. Wir bieten ihnen den ewigen Trost aus Gottes Wort. Der Herr selbst umschirme Wittwen und Waisen und heile die Herzen, die er zerschlagen hat!

 Aber wir können heute, Geliebte, nicht blos der jüngsten Vergangenheit gedenken. Sie ist so groß, daß unsere ganze frühere Geschichte vorweist auf sie. Wir müssen im Geiste die Stufen durchmessen, die auf die gegenwärtige Höhe uns führten; wir müssen der Gesetze gedenken, unter welchen eine höhere Hand uns bis hieher hat gebracht.

 Durch Tod zum Leben, durch Kreuz zum Licht, war je und je unser Weg. „Ich werde nicht sterben, sondern leben, und des Herrn Wort verkündigen. Der Herr züchtiget mich wohl, aber gibt mich dem Tode nicht,“ das steht gleichsam als Überschrift über der Geschichte unseres Volkes. In welche Tiefen, an welche Abgründe führt sie uns – aber überall dürfen wir mit anbetendem Preise die Hand gnädiger Errettung und neuer Zurückgabe an unseren gottgewiesenen Beruf erblicken.

 Ueber dem Fall unserer Feinde, von derselben Stätte aus, wo sie vor Jahrhunderten unser Verderben und unsere Schwächung planten, hat in verjüngter Gestalt des deutschen Reiches Herrlichkeit sich erhoben. Unsere Gedanken schweifen rückwärts in die glorreichste Zeit unserer Vergangenheit. Wo hat ein Volk eine Geschichte wie unsere Königs- und Kaisergeschichte! Wie ist aber der Blüthepunkt des deutschen Kaiserreichs gepaart mit tiefstem Weh und tragischstem Verhängniß! Was empfinden wir heute noch, wenn wir des blutigen Untergangs des edelsten Kaisergeschlechtes, des Geschlechtes der Hohenstaufen, gedenken! Wie scheint in ihrem Grabe alle Größe und Hohheit deutschen Volkes und Reiches für immer zu versinken! Und doch unser Volk sollte nicht sterben, sondern leben; es ward gespart für eine große Aufgabe. Neben diesem thränenreichen Niedergang nach wenigen Jahrhunderten welch ein Aufgang! Der Kampf, in dem der Stolz unserer Geschichte erlegen zu sein schien, ward mit anderen Waffen, mit den Waffen des Geistes, aufgenommen und zum Siege hinausgeführt. Ein neuer Tag ward in der Zeit der Reformation durch den Mann, in dem die volle deutsche Naturkraft vermählt war mit wunderbarer Glaubenskraft, durch Luther, über unser Volk heraufgeführt; unter dem Flügelschlag des Engels mit dem ewigen Evangelium,| der durch die deutschen Lande flog, verjüngte es sich zu neuem Leben. Nie ward seit den ersten Zeiten in so gewaltiger Zunge das Werk des Herrn, die ewige Heilsthat in Jesu Christo, verkündigt als damals, unserem Volke und allen Völkern der Christenheit zu gute.

 Unsere Feier, Geliebte, gilt einem glorreichen Frieden. Unsere Geschichte weiß freilich auch von anderen Friedensschlüssen zu erzählen. Ein dreißigjähriger Krieg hat unser Volk einst an den Abgrund geführt; das Land zur Wüste, das Reich zur Beute der Fremden gemacht. Der Friede, der ihn endigte, ließ einen edlen Sänger rufen: Gott Lob, nun ist erschollen das edle Fried- und Freudenwort; gleichwohl hat jener unsere Schwäche und Zerrissenheit auf Jahrhunderte besiegelt. Zum Tode verwundet lag unser Volk auf dem Boden, und doch sollte es nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werk verkündigen. Das furchtbare Weh hat es nach Innen geführt; unter dem Leidensdrange ohne Gleichen ward auch sein Glaube zu wunderbarer Stärke erhoben, und strömte aus in herrlichen, den Sieg über Noth und Tod athmenden und verkündigenden Liedern. Dieselben Mächte, die unsere Brüder in Elsaß und Lothringen bei deutscher Sprache und deutscher Sitte erhielten, die deutsche Bibel, das deutsche Lied und das deutsche Erbauungsbuch, waren es, an denen unser Volk sich damals emporrankte und durch welche es sein Inneres neu befruchtete. Nach harter Winterzeit erblühte ihm ein neuer Frühling seines geistlichen und geistigen Lebens.

 Einem Sieg über den Erbfeind gilt unsere Feier, dem an Glanz kein anderer gleichkommt. Vergessen wir es aber nicht, Geliebte, wie der überwundene Feind vor nicht gar langer Zeit über uns triumphirte; daß wir in mancher Hinsicht noch tiefer gedemüthigt waren als er es nun ist. Jener dämonisch getriebene Kriegsfürst, Napoleon der erste, hatte die Staaten und Fürsten Deutschlands wie Rohrstäbe zerbrochen und ein Joch uns aufgelegt, so hart, wie wir noch keins getragen. Es schien aus zu sein mit uns, mit unserer Freiheit und unserer Eigenart. Mancher sonst Edle und Hochgesinnte verlor den Muth und hat sich vor dem Gewaltigen gebeugt. „Schüttelt nur an euren Ketten; der Mann ist euch zu groß,“ hat einer gesprochen, dessen Wort in Deutschland oft wie ein Evangelium verehrt wurde. Und doch ist der Starke gestürzt worden; doch hat Gott unser Volk, da es am tiefsten lag, wunderbar erhöht und den Doppelpreis der gewaltigen Thaten, die er an ihm gethan, der zermalmenden Gottesgerichte, unter denen das Reich seines Drängers zusammenbrach, und seiner ewigen Liebes- und Erlösungsthaten in Jesu Christo, zu denen es von Neuem anbetend aufblickte, in den Mund gegeben. Eine nationale, eine sittliche Erhebung mächtigster Art im Bunde| mit der religiösen, von dieser getragen und beseelt, hatte der Sonnenstrahl göttlicher Gnade unter den Wettern der Trübsal im Herzen unseres Volkes geweckt. Wie haben Männer wie Stein, Arndt, Schenkendorf mit ihrer glühenden Vaterlandsliebe wahres, volles, lebendiges Christenthum verbunden, wie haben sie Gott und dem Erlöser die Ehre gegeben in Wort und Lied! Wie ließ Schenkendorf nach der Befreiungsschlacht bei Leipzig sein gewaltiges: Herr Gott dich loben wir, Herr Gott, wir danken dir, über das deutsche Vaterland brausen! Es war, was unser Volk damals erfuhr, eine herrliche Bewährung des Wortes: ich werde nicht sterben, sondern leben, und des Herrn Werk verkündigen. Gott hat uns schwer gezüchtiget, aber hat uns dem Tod nicht hingegeben, sondern zu neuem Leben auferweckt.

 O vergiß es nicht, deutsches Volk, was Gott an dir gethan; deine ganze Geschichte trieft von Gottes Liebe und Erbarmung; vergiß es jetzt am wenigsten, denn was er dir im Jahre 1870 und 1871 erwiesen, ist die Fortsetzung und Vollendung dessen, was er an dir im Jahre 1813 und 1814 gethan. Er hat dich immer wieder aus dem Staube aufgehoben, damit du seinen Ruhm, sein Werk verkündigtest. Gedenke deines hohen Berufes! Nie mögest du dich verlieren in Sinn und Streben nach Weltmacht und Weltgewinn! Bleibe ein Pfleger höherer und höchster Güter! Nie mögen die Prophetenstimmen in deiner Mitte verstummen, die im Sinn und Geist deines größten Sohnes, Luther’s, dir das ewige Evangelium verkündigen, nach oben, zu dem ewigen Gott und seinem Gesalbten dich weisen! Nie mögest du auch deines prophetischen und priesterlichen Berufes vergessen für die andern Völker, in deren Mitte dich Gott gesetzt hat, damit du ihnen zum Segen, ein Licht und Salz für sie seiest! Du sollst ihnen voranleuchten im Glauben, in der Treue, in der Zucht, im Sinne für Recht und Wahrheit. Der Lebenstag mancher von ihnen scheint sich zu neigen; deine Lebenssonne ist höher gestiegen; laß sie andern leuchten! Wenn du versinkest, versinkt die Menschheit, hat einer dir zugerufen, der in schwerer Zeit stärkend und tröstend dir zur Seite stand. Wie du deines Berufes wartest, davon hängt viel ab für die Zukunft der Welt.


III.
 Wir sagen endlich: unsere Friedensfeier sei uns eine rechte Dankfeier. Alles, was wir sagten, war gesagt zur Ehre und zum Lobe Gottes. Unsere ganze Geschichte bis auf den gegenwärtigen Höhepunkt predigt uns den wunderbaren Namen Gottes. Darum soll alles in uns auch Dank und Lob sein. „Thut mir auf die Thore der Gerechtigkeit, daß ich dahinein| gehe und dem Herrn danke. Das ist das Thor des Herrn, die Gerechten werden dahinein gehen. Ich danke dir, daß du mich erhörst und hilfst mir,“ ruft der Psalmist aus, indem es ihn mit der lobpreisenden Gemeinde zieht in den Tempel zu Jerusalem vor das Angesicht Gottes. So hat es auch uns in das Gotteshaus gezogen, so zieht es das ganze deutsche Volk jetzt in die Kirchen, daß es dem Herrn seine Gelübde bezahle.

 Wie sollen wir aber dem Höchsten danken? Dank ist Hingebung des ganzen Menschen an Gott; Dank ist aber auch Herübernahme Gottes und seiner Gnade in unser ganzes Leben und ein Festhalten seiner Wohlthaten in demselben. Was ist aber die größte Gabe und Wohlthat Gottes? Sein Wort, seine Offenbarung, sein Reich. Hätten wir diese nicht, wir könnten ja überhaupt nicht recht danken, wir würden ja Gott und seine Wege nicht kennen. Ohne diese Wohlthat hätten wir auch all das Große nicht, dessen wir uns jetzt freuen. Daß unser Volk ein christliches ist, daß sein Leben und seine Geschichte von Anfang an mit dem Christenthum verschlungen ist, das hat ihm die wunderbare Lebenskraft bis auf diese Stunde gegeben. „Ich werde nicht sterben, sondern leben,“ das gilt völlig und ohne Vorbehalt von dem ewigen Reiche, das Gottes Kraft und Gnade nach der Vorbereitung im alten Bunde im neuen durch seinen Sohn gestiftet hat; unter allen Wandlungen der Zeit steht es da in ewiger Jugendkraft; es verleiht aber auch erneuernde und verjüngende Kräfte dem einzelnen, wie den Völkern, in dem Maaße, als sie es in seiner Wahrheit und Reinheit aufnehmen. Hört die Worte eines Mannes, dessen Name in ganz Deutschland einen guten Klang hat; E. M. Arndt sagte im Jahre 1848: „Jesus Christus und das Wort seiner göttlichen Offenbarung lebt in Ewigkeit und die Pforten der Hölle werden es nicht überwinden. Ja, wo die Heiligung des Lebens durch das Christenthum fehlt, da wird auch nimmer ein würdiges Bürgerleben noch eine edle Freiheit lange bestehen und dauern. In ihm ist jegliche Erhaltung und Verjüngung des edleren und höheren geistigen Lebens. Ohne diese göttliche Lehre würde den meisten neueren Völkern schon begegnet sein, was fast allen früheren Völkern des alten Heidenthums begegnet ist; sie würden gleich jenen durch allgemeine Sittenverderbniß und Knechtschaft längst schon untergegangen sein. Ja durch das Christenthum allein und durch die höhere Bildung und edlere und frischere Belebung, die seine verjüngende und stärkende Kraft mit sich führt, beherrschen die Europäer die Welttheile“[1].

|  Wir sind an einem Wendepunkt angekommen. Eine Wende der Zeiten führt für die Völker, die in dieselbe gestellt sind, auch den vollen Ernst der Entscheidung mit sich. Die wahre Erhebung eines Volks muß immer auch eine Erhebung in Glaube und Religion sein. Gewiß viele haben in dieser gewaltigen Zeit zu dem ewigen Gott und seinem ewigen Reiche aufblicken gelernt. Aber legen wir doch den rechten, tiefen Grund; halten wir alle Weckung, Mahnung, Tröstung, die wir erfuhren, fest und lassen wir sie werden zu einer bewußten, glaubensvollen Zukehr zu dem Gotte unserer Väter, dem Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi! O daß Gottes Geist unser Volk erleuchten wollte, daß es erkenne, was es hat am Worte göttlicher Offenbarung, an den Gütern des Glaubens! Ohne Glaube und Religion ist noch nichts Großes auf die Dauer geschaffen worden. O rüttelt nicht an dem Grunde, den Gott selbst gelegt hat; ihr würdet damit zugleich an den festesten Grundlagen der menschlichen Gesellschaft überhaupt rütteln. Was läßt sich mit einem glaubenslos gewordenen Volke anfangen. Seine Lebenswurzeln sind faul, sind ertödtet. Nun ja der Glaube selbst kann nicht ausgerottet werden. Es wird immer solche geben, die durch die von Gott geöffnete Thüre der Gerechtigkeit hindurchdringen in’s himmlische Heiligthum, und nur hier den Frieden der Seele und den Sieg über die Sünde finden, die ohne Gott und den Heiland nicht leben und nicht sterben können und wollen. Aber ein Volk, auch unser Volk, kann sich loslösen vom Christenthum und Glauben, thäte es aber zu seinem eigenen Schaden und Verderben. Religionsverfall ist auch Volks- und Staatenverfall. Das Christenthum ist die Grundfeste wahrer Freiheit und ächter Cultur, der Quell höherer, sittlicher, stetig erneuernder Kräfte, eine heilige Wehr gegen die überfluthende Macht des Bösen. Vom Christenthum gelöst wird die Cultur zur Barbarei, die Civilisation zur hohlen Phrase und Lüge, der Fortschritt zum Rückschritt, der Aufschwung auf den Gebieten des äußern Lebens zu einem kläglichen Versinken in Mammonsdienst und die Knechtschaft materieller Interessen. Gerade unsere Zeit bedarf bei ihrem gewaltigen Vorwärtsdrängen und dem Ineinanderwogen verschiedenartigster Kräfte und Strebungen einer erhaltenden und zügelnden Macht, braucht etwas Festes, Bleibendes und Ewiges. Das haben wir allein in dem wahren, ächten Christenthum, wie es Gottes Wort lehrt und die Kirche bezeugt. Das laßt uns fest halten aus Dank gegen Gott, der es uns gegeben, mit demselben und durch dasselbe uns so Großes geschenkt hat.
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 Wir sind nun ein großes, einiges Volk. Lasset uns deßhalb halten die rechte Einigkeit durch das Band des Friedens! Es wäre Frevel, wenn| jemand sie stören wollte. Es wäre aber auch Undank gegen Gott, der uns zu einem einigen Volke gemacht, wenn wir uns in innerem Hader und Parteikampf verzehren wollten. Wo wahres Leben ist, ist auch Gegensatz und Unterschied der Meinung und Richtung; im weiten deutschen Reich haben dieselben Raum und ist Platz zu freier Bewegung. Aber alle Gegensätze müssen sich unterordnen einer höhern Einheit, der Furcht Gottes und der selbstverleugnenden Liebe zum Vaterland, und dürfen, ohne dem Ganzen zu schaden, nicht ausarten in giftigen Parteihader und bittere, grollende Feindschaft. Doch habe ich davon nicht viel zu sagen; jeder arbeite an sich selbst, kämpfe gegen die eigene Selbstsucht und Unlauterkeit! Es walte Friede im deutschen Reich, Friede auch zwischen den Confessionen! Wohl ist es ein Unglück, daß die Kirche nicht geeint ist. So lange aber verschiedene Kirchen bestehen, sollen sie einander tragen in Demuth und Liebe. Wir müssen protestiren gegen alte und neue Irrthümer Roms; wir können aber doch das Gute, welches die katholische Kirche hat, und das Gemeinsame, was uns mit ihr verbindet, anerkennen und so viel an uns ist, in Frieden mit ihr leben. Keiner Aufgabe ist, zu herrschen, jede soll mit dem ihr anvertrauten Pfunde der Gemeinde und dem Volke dienen, gegenseitig sollen sie wetteifern in Verkündigung des Wortes vom Heil und in Werken christlicher Liebe.

 Neue Aufgaben erwachsen jetzt auch der Kirche, vor allem unserer Kirche. In neuer Treue, in neuem Ernst, in neuer dienender und gewinnender Liebe soll sie das Panier ihres Glaubens erheben, soll ihre Thore weit aufthun und laden die Nahen und die Fernen und in der Beweisung des Geistes und Kraft das Wort verkünden, welches der Seelen Heil und Seligkeit ist, und ewiglich bleibt. Neue Aufgaben erwachsen dem Christen. Er hat jetzt um so mehr die Pflicht, mit seinem Pfunde zum Heile anderer zu wuchern, sein Licht leuchten zu lassen und der Welt zu zeigen, daß Patriotismus und Christenthum gar wohl sich mit einander vertragen. Neue Aufgaben haben wir alle, und doch sind es zugleich nur die ewig alten der Treue, der dankbaren Hingebung an Gott, des selbstverleugnenden Dienstes an dem Nächsten um Gottes und des Gewissens willen. Der Patriotismus soll sich nicht blos zeigen auf der Rednerbühne und in der Volksversammlung, sondern vor allem in der treuen, ernsten, dem Ganzen geltenden Arbeit in dem Beruf, in den Gott uns gestellt hat. Da sollen wir in aller Stille unsere Saaten in Hoffnung streuen, Gott wird sie segnen und zu reicher Frucht aufsprießen lassen. So manche Saat der Art ist im deutschen Volke gestreut worden und in den letzten Monaten herrlich vor aller Augen aufgegangen.

|  Glaube, Liebe, Treue – sind sie nicht die schönste Erwiederung dessen, was Gott an uns gethan, nicht die sichersten Mittel, das zu bewahren, was er uns gegeben hat? Laßt uns hiermit unserem Gott und Herrn danken, lasset uns mit allem, was wir sind und haben, ihm uns ergeben, ihm dienen, ihm ferner vertrauen, ihm, der Gebet erhört, und uns hilft. Eine herrliche Feier hat uns Gott geschenkt; sie ist uns eine Sieges-, eine Gedenk-, eine Dankfeier. Ihr Segen, der Segen der großen Thaten Gottes bleibe uns durch Gottes Gnade! Amen.




Kirchengebet nach der Predigt.




 Allbarmherziger, gütiger Gott und Vater, der Du die Geschicke der Völker lenkest nach Deinem heiligen Rath und Willen, wir danken Dir, daß Du den Schrecken des Krieges ein Ende gemacht, daß Du nicht angesehen unsre Sünde und Missethat, sondern nach Deiner unverdienten Gnade uns den Frieden wiedergeschenkt hast, den wir in demüthigem Flehen von Dir erbeten haben.

 Deine züchtigende Hand lag schwer auf uns, aber Du hast Angst und Sorge gnädig gewendet. Den Trotz des Feindes, dessen Frevel den Kampf uns aufdrang, hast Du gebrochen. Du fordertest Opfer, aber die Gräuel des Krieges hast Du von unseren Grenzen ferne gehalten. Das Blut von Tausenden unserer Väter und Söhne hast Du gesegnet, daß unsere Waffen einen Sieg erhielten nach dem andern und wir geeinigt durch gemeinsame Noth und Gefahr nun dastehen als ein engverbündetes Reich, wonach wir so lange uns sehnten. Das ist Dein Werk, o Herr, der Du auszogst mit unseren Heeren und ließest durch Deine Kraft sie Thaten thun und den Segen des Friedens erringen. Nicht uns, Deinem Namen, o Herr, gebühret Ehre und Ruhm; Du hast große Dinge an uns gethan, deß sind wir fröhlich; darum gehen wir zu Deinen Thoren ein mit Danken und zu Deinen Vorhöfen mit Loben, wir danken Dir und loben Deinen Namen; wir haben einen Gott, der da hilft und den Herrn Herrn, der auch vom Tode errettet.

 O so gib denn, Du getreuer Gott und Vater, daß der theuer errungene Friede auch fest und beständig bleibe und uns unverkümmert erhalten werde, bis auf unsere spätesten Nachkommen. Hilf, daß unsere Feinde und Widersacher mit uns friedlich zu leben sich begeben mögen.| Wehre allenthalben allem bösen Rath und listigen Anschlägen derer, welche auf Zwietracht und Zerwürfniß sinnen, damit wir der Segnungen des Friedens uns ungestört erfreuen können und unser Leben führen mögen in aller Gottseligkeit, Ruhe und Sicherheit.

 Laß das deutsche Reich, welches nach Deinem Rath und Willen aufs Neue unter uns aufgerichtet ist, Deinem allmächtigen Schutz befohlen sein. Fördere den Bau unter dem einigen Haupte durch den Geist der Eintracht zwischen seinen Fürsten und Völkern und drücke durch Deine Gnade das Siegel der Beständigkeit und des Segens darauf.

 Insbesondere bitten wir Dich für unseren geliebten König, sammt seinem ganzen Hause; laß Deine Güte und Treue ihn allewege behüten, segne sein Regiment, und wie Du ihm in das Herz gegeben hast, den rechten Weg zu erwählen in entscheidender Stunde, so verleihe ihm für und für den Geist des Rathes und der Weisheit, daß es ihm gelinge, das Wohl seines Landes auf alle Weise zu fördern.

 Erhalte die Kirche unverrückt bei Deinem heiligen Wort, daß sie sei und bleibe eine Grundveste der Wahrheit zum Heile der Seelen. Verhüte allen Abfall vom Glauben und alle Aergernisse, die der Leute Verderben sind, und gib, daß unser deutsches Volk fest und treulich das Erbe der Väter bewahre, den Geist der Zucht, der Gottesfurcht, der Gerechtigkeit und Wahrheit.

 Ueber alle Stände, o Herr! über Hohe und Niedere, über Reiche und Arme, gieße von Neuem unter dem Schutze des Friedens die Fülle Deines Segens aus in geistlichen und leiblichen Gütern. Segne die Vertheidiger unseres Vaterlandes und laß sie die Frucht ihrer Opfer fröhlichen Herzens schauen. Segne den Hausstand der Väter und Mütter und hilf, daß die Jugend erzogen werde in Deiner Furcht und Liebe. Laß unser Land sein Gewächs geben, daß wir seine Früchte in Ruhe mit dankbarem Herzen genießen. Laß Gewerbe und Nahrung wieder gedeihen, daß die fleißige Hand sich ihres Lohnes erfreue. Behüte Stadt und Land vor Unglück und Gefahr, bewahre uns vor Krankheit und Seuchen und erleichtere alle Noth, welche der schwere Krieg noch lange unter uns zurücklassen wird.

 Erzeige Dich insbesondere als Versorger der Wittwen und Vater der Waisen, die jetzt einsam und verlassen in der Welt stehen. Lindere das Loos der Tapferen, deren Kraft für die Werke des Friedens der Krieg gebrochen hat. Heile die Wunden, die in vielen Herzen heute von Neuem bluten, daß sie des Friedens nur mit Thränen sich freuen können, und laß die Liebe nicht ermüden, der kein Opfer zu schwer ist, wo es gilt, den Brüdern zu helfen.

|  All unser Anliegen, o Du getreuer Gott, befehlen wir Dir und vertrauen auf Deine unerschöpfliche Güte, dieweil wir wissen, daß Du Gedanken des Friedens über uns hast und nicht des Leides. Was aber Dein Rath über uns beschlossen haben mag unter allem Wechsel der Zeit, um das Eine bitten wir vor Allem, schenke und erhalte uns durch Jesum Christum den Frieden, welchen die Welt nicht geben und nicht nehmen kann, und laß uns einst von allem Kampf und Streit der Welt erlöst eingehen in die Hütten des ewigen Friedens, wo wir in der Ruhe der Heiligen und Seligen Dich rühmen und preisen mögen in Ewigkeit! Amen.





  1. E. M. Arndt: Das verjüngte oder vielmehr das zu verjüngende Deutschland S. 58.