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Achtes Kapitel.

§. 1. Der Stolz trachtet nicht nur nach hohen Einsichten, sondern auch nach Macht. §. 2. Dieses beweiset der Fall mit Korah, Dathan etc. §. 3. Auch Absalons Ehrgeiz bestätigt es. §. 4. Nebukadnezar giebt ebenfalls ein Beispiel davon. §. 5. So auch Pisistratus, Alexander, Cäsar u. a. §. 6. Die Türken, die so viel Blut vergossen haben, um ihr stolzes Streben nach Gewalt zu befriedigen, sind ein lebender Beweis. §. 7. Das letztere Jahrzehent des Christenthumes übertrifft alle jene Beispiele. §. 8. Der Ehrgeiz wohnet nicht allein an Höfen, sondern findet auch in der Brust der Privatpersonen Raum, und stört die Ruhe und Glückseligkeit der Familien und Gesellschaften. §. 9. Groß ist der Friede Derer, die durch Hülfe der göttlichen Gnade ihren Begierden Schranken setzen, und die Macht, die sie besitzen, nur zum Besten ihrer Mitmenschen anwenden.


§. 1. Nun wollen wir eine andere Wirkung dieser bösen Eigenschaft des Stolzes betrachten, welche die gewöhnlichste, auffallendste und schädlichste derselben ist. Der Stolz trachtet beständig mit Eifer nach Macht; und dieses leidenschaftliche Trachten der Menschen hat zu allen Zeiten die mehrste Unruhe und Zerstörung in der Welt angerichtet. Es würde eine unnöthige Bemühung seyn, wenn ich weitläuftige Beweise hierüber beibringen wollte; da nicht nur die Jahrbücher der Geschichte, sondern auch unsere eigenen Erfahrungen uns überzeugen, daß die mehrsten Kriege der Völker unter sich und mit Andern, die mehrsten Entvölkerungen der Staaten und Zerstörungen der Städte, nebst allen Verheerungen, Bedrückungen [135] und Jammerscenen, welche die traurigen Folgen davon waren, aus den Wirkungen des Ehrgeizes oder eines nach Ansehn, Ruhm und Macht strebenden Stolzes hervorgegangen sind.

§. 2. So scheinbar auch der Vorwand seyn mochte, dessen Korah, Dathan und Abiram sich gegen Moses bedienten, so war es dennoch nur ihr neidisches Trachten nach seiner großen Macht im israelitischen Lager, welches sie zur Verschwörung und zum Aufruhre gegen ihn verleitete. Sie strebten nach seinem Ansehn, und rechneten es ihm zum Verbrechen an, daß sie es nicht besaßen. Sie wollten selbst die Häupter und Anführer des Volks seyn. Und die Folge davon war, daß der Allmächtige sie sammt allen ihren unglücklichen Mitschuldigen auf eine merkwürdige Weise vertilgte.

§. 3. So wollte auch Absalon die Rechte des Volkes gegen die Tyrannei seines Vaters und Königs in Schutz nehmen, oder vielmehr seinen Ehrgeiz mit diesem Vorwande beschönigen. Allein seine Empörung zeigte, daß es sein stolzes Streben nach Macht war, welches ihn zu dem schändlichen Entschlusse gebracht hatte, seine Pflicht als Sohn und Unterthan der Befriedigung seines rastlosen Ehrgeizes aufzuopfern. Dadurch zog er sich selbst einen elenden Tod und seinem Heere eine blutige Niederlage zu.[1]

§. 4. Nebukadnezar dienet zu einem merkwürdigen Beispiele der unbändigen Begierde nach Macht und der übermüthigen Selbsterhebung, welche der Stolz einflößt. Aufgeblasen von seinen großen Fortschritten und [136] von dem Besitze eines mächtigen Reichs, hatte er im Taumel seiner Größe vergessen, daß er sich nicht selbst geschaffen habe, und daß es noch eine höhere Macht als die seinige gäbe. Er ließ ein Bild machen, vor dem Alle sich beugen oder verbrannt werden sollten; und als Sadrach, Mesach und Abednego sich weigerten, seinem Gebote zu gehorchen, rief er höhnend aus: „Laßt sehen, wer der Gott sei, der euch aus meiner Hand erretten werde!“[2] Er ward durch die Standhaftigkeit jener edlen Männer von der göttlichen Allmacht überzeugt; aber dennoch, und ungeachtet der Auslegung, die ihm Daniel von seinem Traume gegeben hatte, war bald darauf sein Herz schon wieder mit so stolzen Gefühlen seiner Macht erfüllt, daß sein Mund in die ruhmredige Frage ausbrach: „Ist nicht dieses die große Babylon, die ich durch meine große Macht erbauet habe, zum königlichen Hause und zur Ehre meiner Herrlichkeit?“[3] Aber die heilige Schrift sagt uns, daß, ehe er noch diese Worte ausgeredet hatte, eine Stimme vom Himmel den Stolz seines Geistes bestraft habe, und daß er, seiner Vernunft beraubt, aus der menschlichen Gesellschaft verstoßen worden sei, und seine Nahrung wie die Thiere auf dem Felde habe suchen müssen.

§. 5. Werfen wir einige Blicke in die Weltgeschichte, so fallen uns häufige Beispiele in die Augen, welche die Schädlichkeit dieser Leidenschaft des Stolzes an den Tag legen. Ich will nur einige derselben, um Derer willen, die sie vielleicht nicht gelesen oder nicht beachtet haben, hier berühren.

[137] Solon machte Athen durch eine vortreffliche Gesetzverfassung frei; aber der Ehrgeiz des Pisistratus zerstörte sein Werk vor seinen Augen. Alexander, nicht zufrieden mit seinem Reiche, überzog andere mit Krieg, und erfüllte alle Länder, die er unterjochte, mit Raub und Mord. Es war daher eine ganz richtige Bemerkung des Mannes, den Alexander der Seeräuberei beschuldigte, daß Alexander selbst der größte Seeräuber in der Welt sei. Eben dieser Ehrgeiz machte Cäsar zum Verräther seines Vaterlandes, und bewog ihn, die Armee, die ihm zur Vertheidigung desselben anvertrauet war, gegen seine Vorgesetzten zu führen, sie zu überwältigen, und die Herrschaft an sich zu reißen, wodurch zugleich Freiheit und Tugend aus dem römischen Freistaate verbannet wurden. Denn nun erhoben sich Parteien gegen alles Gute in Rom, und jene Mäßigkeit und Weisheit, welche die Senatoren zuvor so ehrwürdig machten, wurden jetzt ihrer Sicherheit gefährlich; indem Cäsar’s Nachfolger kaum Jemand mit dem Tode oder mit der Verbannung verschonten, der nicht Schmeichler ihrer Ungerechtigkeit wurde und ihrer schwelgerischen Lebensart nicht folgte.

§. 6. Auch die Türken liefern einen sprechenden Beweis für meine Behauptung; da sie, um ihre Macht und Herrschaft auszudehnen, oft große Blutbäder angerichtet und viele herrliche Gegenden verwüstet haben.

Dennoch sind sie hierin von abgefallenen Christen übertroffen worden, deren Handlungen um so verwerflicher sind, da sie bessern Unterricht als jene genossen und einen Lehrer gehabt haben, der ihnen andere und vortrefflichere [138] Lehren und auch ein besseres Beispiel gegeben hat. Freilich nennen sie ihn noch immer ihren Herrn; allein sie lassen sich von ihrem Ehrgeize beherrschen, und lieben Ansehen und Macht weit mehr als ihren Nächsten. Um diese zu erlangen, erlauben sie sich, einander zu erwürgen; obgleich der Herr ihnen geboten hat, „nicht nach Hoheit und Herrschaft zu streben, sondern einander zu lieben und zu dienen.“[4] Was aber die Trauerscenen noch schrecklicher macht, ist, daß die Wuth dieser furchtbaren Leidenschaft des ehrgeizigen Strebens nach Größe und Macht sogar die Bande der Natur zerreißt, und ihr die zartesten Gefühle natürlicher Liebe und Zuneigung zum Opfer gebracht werden. Daher finden wir so oft die Blätter der Geschichte mit Ermordungen von Aeltern, Kindern, Geschwistern, Oheimen, Neffen, Vorgesetzten u. s. w. befleckt.

§. 7. Sehen wir uns in den entfernten Weltgegenden um, so hören wir selten von Kriegen; in der Christenheit selten von Frieden. Hier muß oft der geringfügigste Gegenstand zu einer Veranlassung des Streites dienen; und es ist kein Bündniß so heilig oder unverletzlich, daß man nicht künstlich zu umgehen oder aufzulösen verstände, sobald nur von Ausdehnung des Gebietes die Rede ist. Es wird wenig in Betrachtung gezogen, welche, oder wie viele Menschen dabei ums Leben kommen, oder zu Wittwen und Waisen gemacht werden, oder ihr Eigenthum und ihren Lebensunterhalt verlieren; welche Länder zu Grunde gerichtet, welche Städte und Ortschaften verheeret und ausgeplündert werden; wenn nur dadurch die Ehrgeitzigen ihre Zwecke erreichen können. [139] Wir wollen nur sechzig Jahre zurückgehen, und schon dieser kleine Zeitraum wird uns viele Kriege erblicken lassen, die ungerecht begonnen wurden und mit großen Verwüstungen endeten. Es würde zu langweilig seyn, auch ist mein Zweck nicht, mich weiter hierüber auszulassen; da Andere es schon oft bemerkt haben, und fast Jedermann weiß, in wie vielen blutigen und schrecklichen Kriegen Frankreich, Spanien, Deutschland, England und Holland bisher verwickelt gewesen sind.

§. 8. Der Ehrgeiz wohnet jedoch nicht allein an Höfen und bei Regierungen; ein Streben nach Ansehn und Macht ist jeder einzelnen Brust nur zu natürlich geworden. Wir sehen täglich, wie die Menschen alle ihre Kräfte aufbieten, ihren Verstand anstrengen und Einfluß zu bekommen suchen, um sich hervorzuthun und höhere Stellen oder größere Titel zu erwerben; damit sie ein vornehmeres Ansehen und mehr Ehre erlangen, über Andere ihres Gleichen ein Uebergewicht gewinnen, und so mit Denen, die sonst ihre Obern waren, ins Gleichgewicht kommen und Macht besitzen mögen, ihren Freunden Gesetze vorzuschreiben und an ihren Feinden sich zu rächen. Hierin liegt die Ursache, warum wahres Christenthum, welches alles dieses verbietet, von weltlichgesinnten Menschen so wenig geliebt wird. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Und wenn sie auch noch so gut davon reden, so ist dennoch die Welt der wahre Gegenstand ihrer Liebe. Man kann daher, ohne lieblos zu urtheilen, mit Wahrheit sagen, daß die mehrsten Menschen sich zwar äußerlich zum Christenthume bekennen, mit ihren Herzen aber der Welt anhangen. Statt daß [140] sie „zuerst nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit trachten“[5] und in allem Uebrigen sich auf Gott verlassen sollten, suchen sie zuerst sich des Reichthumes und der Ehre dieser Welt zu versichern, und schieben die Sorge für des Heil ihrer unsterblichen Seelen bis aufs Krankenlager oder bis auf die letzten Augenblicke ihres Lebens auf; wenn sie wirklich noch ein künftiges Leben glauben.

§. 9. Groß ist aber endlich der Friede Derer, die ihrem Ehrgeize Schranken zu setzen wissen, und gelernt haben, mit dem, was die Vorsehung ihnen angewiesen und zugemessen hat, zufrieden zu seyn; die nicht nach Ansehn streben, sondern, wenn sie es besitzen, dabei demüthig und wohlthätig sind. Diese verstehen das Trachten ihres Geistes den Vorschriften ihres Gewissens unterzuordnen, und können zu jeder Zeit mit ruhigem Gemüthe die unruhigen Bewegungen der Welt ermessen, mitten im Schwanken ihrer Ungewißheit und Unbeständigkeit fest stehen, und als Solche, die Antheil an einer bessern Welt haben, getrost und froh die gegenwärtige verlassen, wenn es Gott gefällt, sie in der von ihm ersehenen Zeit von dem Schauplatze der Wirksamkeit abzurufen; wohingegen die Ehrgeizigen, mit dem Bewußtseyn ihrer Uebelthaten und unter der drückenden Last ihrer Schuld ins Grab sinken, um vor einem Richterstuhle zu erscheinen, der weder durch Furcht zu erschüttern noch durch Bestechung zu bewegen ist.


  1. 1. Sam. 15.
  2. Dan. 3.
  3. Kap. 4, 27.
  4. Matth. 18, 1–9. Mark. 9, 33–37.
  5. Matth. 6, 35.
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