Muster von Kindes- und Bruderliebe

Textdaten
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Autor: Anonym
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Titel: Muster von Kindes- und Bruderliebe
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 3, S. 743-751
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1791
Verlag: Raw
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld, Commons
Kurzbeschreibung:
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V.
Muster von Kindes- und Bruderliebe.
In dem Dorfe Wiesenfeld, unweit Coburg, wohnte noch vor einigen Jahren ein armer Schneidermeister, Andreas Schäftlein. Sein ganzer Reichthum bestand an einem kleinen, aber reinlichen Häuschen, von sonderbarer Bauart, auf welchem 27 fl. Schulden hafteten. Unter mancherley Hauskreuz, das dieser arme Mann zu ertragen hatte, war das größeste dieß, daß ihm seine Frau sehr frühzeitig starb, und ihm 5 unerzogene Kinder zurückließ. Unter diesen waren 2 Zwillingssöhne, Johann und Nikolaus. Beyde wuchsen zum Segen ihres Vaters und ihrer Geschwister heran, liebten diese von Jugend auf überaus zärtlich, und wurden so emsig, fromm und gut, daß sie nicht allein den Ihrigen, sondern dem ganzen Dorfe durch ihr rühmliches Betragen viel Vergnügen machten. So bald es Zeit und Umstände erlaubten, lernten sie des Vaters Handwerk, äusserten aber sehr bald eine vorzügliche Lust, und eben so viel Geschick und Anlage zur Musik. Der Vater| ließ sie daher vom Schulmeister des Orts, so gut als möglich, unterrichten. Ohne ihre Profession zu vernachlässigen, brachten sie es in Kurzem so weit, daß sie leichtere Stücke vom Blatt, und eine Menge Tänze, Arien u. dgl. auf der Violin, vermöge ihres glücklichen Gedächtnisses auswendig spielen konnten, zu welchen ihr vergnügter Vater die Zither schlug, ohne sich es damahls träumen zu lassen, daß daraus einst so viel Gutes für ihn und seine Söhne, ja für seine ganze Familie erwachsen würde. Der Nutzen davon zeigte sich schon nach wenig Jahren. Es wollte nämlich dem Vater bey allem seinem und seiner Söhne Fleiß nicht mehr recht gelingen, sein Brod durch sein Handwerk zu verdienen, weil es an hinlänglicher Arbeit fehlte, besonders in den Jahren 1762 und 63. Er wehklagte aber nicht bloß, sondern that auch als ein vernünftiger Mann das Seinige dabey. Er dachte hin und her, wie er sich und seine Familie vor Hunger schützen wollte. Endlich gerieth er, nach langem Nachsinnen, auf den Einfall, mit seinen 2 Jungen, die damahls 13 bis 14 Jahre alt seyn mochten, ins Ausland zu gehen, um zu versuchen, ob sie vielleicht da durch ihre musikalischen Talente| ihre Auskunft auf eine leichtere und angenehmere Weise finden könnten, indeß sich die Mädchen mit ländlicher Arbeit, Stricken etc. ernährten. In letzterm Fache leisten sie besonders viel, so daß sie bereits seit vielen Jahren her eine sehr große Anzahl baumwollene Mützen verfertigen, und noch immer Geld damit erwerben. Der Einfall des alten Vaters schlug über Erwarten ein. Sie zogen mit ihren Instrumenten von einem Orte zum andern, von einem Lande in das andere, und spielten in den Wirthshäusern und bey andern öffentlichen und Privattänzen auf, so gut sie es vermochten. Die Söhne ließen ihre Kunst auf der Violine hören, und der Vater accompagnirte mit seiner Zither dazu, auf der er große Fertigkeit hatte. Gelegenheit hiezu fanden sie fast überall, und wurden auch meistentheils so gut für ihre Bemühung bezahlt, daß sie bey diesem Gewerbe nicht nur ihren bequemen Unterhalt den Frühling und Sommer durch, bis gegen das Ende des Herbsts hin, fanden, sondern auch noch so viel dabey ersparten, daß sie, noch ein für sie ansehnliches Sümmchen, nämlich 30 und mehrere Gulden baaren Geldes mit nach Hause brachten, wovon sie dann, den Winter| hindurch, mit ihren übrigen Hausgenossen ohne quälende Sorgen ruhig und vergnügt leben konnten. Und das um so viel mehr, weil sie in dieser Jahreszeit auf ihrem Handwerke am meisten verdienten. Dabey hatten sie auch noch den Vortheil, daß sie sich, so wie ihren Freunden und Nachbarn, durch die Wiedererzählung dessen, was sie auf ihren Reisen gesehen und gehört hatten, in den langen Winterabenden manchen angenehmen Zeitvertreib machten, und sich die Liebe und Achtung der Letztern erwerben konnten.

 Ermuntert durch den Gewinn, den ihnen ihre erste musicalische Reise verschafft hatte, machten sie daher im nächsten Frühling eine zweyte, die im darauf folgenden Jahre abermahls wiederhohlt wurde, und zwar mit solchem Glücke, daß der Erfolg immer ihren Wünschen entsprach. Auf diesen ihren 3 Zügen kamen sie nun in eine Menge von großen und kleinen Dörfern, Flecken und Städten, unter welchen letztern vorzüglich Berlin, Breslau und Danzig genennt zu werden verdienen.

 Um das Jahr 1767 wollte der Vater keinen solchen Zug mehr mitmachen; vermuthlich aus Alter und Leibesschwachheit.| Die Söhne blieben daher auch zu Hause, um ihm beyzustehen. Sie bemerkten aber, daß nun bald, aus Mangel an Arbeit, Armuth und Dürftigkeit sich wieder einfinden würden. Die Zwillingsbrüder, von der zärtlichsten gegenseitigen Liebe beseelt, faßten daher den gemeinschaftlichen Entschluß, ganz allein ihr Heil in der Fremde zu versuchen, und ungleich weiter zu gehen, als sie auf ihren ersten Zügen gekommen waren. Der Vater stimmte ein, drückte sie noch einmahl an sein Herz und gab ihnen seinen besten Segen mit auf den Weg, aber, leider! nicht mehr als 15 kr. Rhein. in die Tasche, seinen ganzen Geldvorrath. Seine Söhne wußten das wohl, und wollten eben deswegen auch das Wenige nicht annehmen. Darüber entstand zwischen beyden Theilen ein langer und edler Kampf; weil aber offenbar alles Weigern nichts half, und die ernstlichsten Versicherungen der Söhne, daß sie gar kein Geld brauchten, vergeblich waren, so nahmen sie endlich dieses aufgedrungene Geld an, versprachen aber zugleich, dasselbige, so Gott wollte, bald wieder zu ersetzen, schieden mit thränenvollen Augen von den Ihrigen, und gingen, etwa 17 Jahr alt, jeder seine Violin unter dem Arme und den| Wanderstab in der Hand, von ihrem Geburtsorte ab. Die edlen Jünglinge hielten Wort. Gott gab ihnen wirklich allenthalben Glück und Gedeihen. Sie schickten daher schon nach wenig Wochen ihrem geliebten Vater die von ihm erhaltenen 3 Batzen Reisegeld mit so reichlichem Interesse wieder zurück, daß dieses das Capital um ein sehr merkliches überstieg. Ja es währte nicht lange, so erhielt derselbige aufs neue von ihnen 27 fl. fränk. womit er, ihrem Wunsche gemäß, sein Häuschen schuldenfrey machte, und sich nun glücklicher fühlte und reicher dünkte, als mancher König. Doch, das war bey weitem noch nicht genug. Sie schickten von Zeit zu Zeit verhältnißmäßig sehr ansehnliche Summen zur Unterstützung ihrer dürftigen Familie. Sie kamen auf ihrer Reise endlich nach Holland, und schifften von Amsterdam aus nach London. Diese Stadt wurde auch für sie, wie schon für so manchen Fremden, die reichste Fundgrube: denn hier verdienten sie so viel Geld, daß sie den Ihrigen immer reichere Geschenke zu übermachen im Stande waren, ohne sich dadurch zu entblößen. Ich würde zu weitläufig werden müssen, wenn ich sie hier alle einzeln aufzählen wollte. Ich will daher| nur überhaupt sagen, was mir von höchstglaubwürdigen Zeugen versichert wurde, daß sie binnen 23 Jahren, als so lange sie von ihres Vaters Hause, mit 3 Batzen in der Tasche, ausgegangen sind, nach und nach Zwey und Zwanzig Hundert Gulden fränk. den Ihrigen zur willkührlichen Disposition überschickt haben.
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 Der eine dieser geschickten Brüder wurde, ich weiß nicht durch welchen Zufall, dem Herzog von Cumberland bekannt. Wegen seiner guten Figur und musicalischen Talente nahm ihn dieser als ein großer Liebhaber der Musik, der seine eigene gute Capelle hatte, in seine Dienste. Mit diesem Herrn mußte er hernach auf unbestimmte Zeit nach Paris und Rom reisen, und sich von seinem innigst geliebten Bruder trennen. Zu Paris blieb er 3, zu Rom 2 Jahre. Er vervollkommnete sich in seiner Kunst an beyden Orten ungemein. Allein seinen reichlichern Erwerb sahe er auch hier noch so an, als ob er zur Hälfte seinem Bruder zugehörte, so wie sein Bruder mit dem Seinigen that. Denn unter ihnen war, nach Art der ersten Christen, eine vollkommene Gemeinschaft. Ihrem Glücke fehlte bey dieser zärtlichen und uneigennützigen Verbindung| weiter nichts, als die Gegenwart der geliebten Ihrigen, die sie im Vaterlande zurückgelassen hatten. Unzählig oft hatten sie sich, nach der 23jährigen Trennung von ihnen, nach deren Widerumarmung gesehnt. Gegen Ende des vorigen Jahres erwachte die Sehnsucht aufs Neue, und zwar so stark und hitzig, daß sie ihr nicht widerstehen konnten. Ihre Ankunft wurde ihnen dadurch verbittert, daß sie ihren alten hochbejahrten Vater nicht mehr fanden. Er war kurz vor ihrer Ankunft, im September 1790, gestorben. Sie schenkten ihren Geschwistern aufs Neue 300 fl. fränk., und jeder behielt von dem mitgebrachten durch eigenen Fleiß errungenen gemeinschaftlichen Gute noch 1000 fl. fränk. für sich übrig. Wenn wir nun zu diesen 2300 fl. baaren Geldes noch jene 2200 fl. rechnen, die sie nach und nach den Ihrigen aus der Fremde schickten, so haben sie sich binnen den 23 Jahren ihrer Abwesenheit durch ihre Musik 4500 fl. erworben; alles das nicht gerechnet, was zur Bestreitung ihrer Leibes- und Lebensbedürfnisse und ihrer Reisekosten erfordert wurde. Gewiß ein sehr ansehnlicher Gewinn, wenn man bedenkt, daß sie bey ihrem Abgang| aus dem väterlichen Hause nur die Violine, und zwar nur mittelmäßig spielen konnten. Da beyde Brüder sich in diesem Leben nicht von einander trennen wollten, so reisten sie zu Anfang dieses Jahres wieder nach London zurück, mit der tröstlichen Versicherung für die Ihrigen: daß sie auch künftig ihrer bestens eingedenk leben wollten.