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Durch das deutsche Land Kriegsbriefe eines neutralen Offiziers
von Karl Müller
In der Woewre
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Am Rupt de Mad

Die Vertreter der neutralen Presse sind von Metz abgereist. Über die Ergebnisse ihrer Besichtigungsfahrten, die sich großenteils auf einem Boden bewegten, der schon vor Wochen der Schauplatz von Kriegshandlungen war, wird noch weiter berichtet werden. Heute mögen die Leser mir auf ein Gebiet folgen, in dem erst in den allerjüngsten Tagen schwer gekämpft worden ist.

In Metz kommen täglich einzelne Offiziere und Mannschaften von der Kampffront an, die wegen einer Verwundung oder aus sonstigen Gesundheitsrücksichten oder zu einer Dienstverrichtung hierher oder in rückwärtige Heeresanstalten beordert werden. Von diesen vernimmt man lebensvolle, noch unter dem unmittelbaren Eindruck der Kriegserlebnisse stehende Schilderungen [44] über die Stellungskämpfe am Maasabschnitt bei St. Mihiel und an der Linie des Flüßchens Rupt de Mad, in der Gegend von Thiaucourt. Hier haben die französischen, von der Festung Toul nach Norden vorgeschobenen Deckungstruppen schon wiederholt mit starken Kräften Angriffe gegen die deutschen Stellungen unternommen und diese zu durchbrechen versucht. Alle diese Vorstöße wurden bis jetzt deutscherseits zurückgewiesen. Besonders heftig und für die Franzosen verlustreich scheint ein am 22. und 23. Oktober mit frischen, eben aus Paris in Pont-à-Mousson angelangten Truppen auf der ganzen Linie unternommener Angriff gewesen zu sein, über dessen Verlauf dabei beteiligte glaubwürdige Zeugen folgende Schilderung geben.

Der französische Angriff begann beim Tagesgrauen. Wie gefangene Franzosen erzählen, war ihre eben neu ausgebildete und aus Paris mit Bahntransport angekommene Angriffstruppe unmittelbar nach ihrer Ausladung in Pont-à- Mousson in Marsch gesetzt und ins Gefecht geführt worden, ohne daß zuvor eine Erkundung der deutschen Stellungen stattgefunden hätte. Die Franzosen hatten allerdings in der letzten Zeit eine sehr lebhafte Auskundschaftung durch Spione betrieben, um sich einen Einblick in die durch starke Feldbefestigungen sehr gut gedeckten deutschen Stellungen zu verschaffen. Erst in den letzten Tagen noch waren in einer [45] Scheune in der Gegend von Thiaucourt fünf französische, bürgerlich gekleidete Soldaten entdeckt worden, die durch eine unterirdische Fernsprecherleitung mit dem französischen Truppenkommando verbunden waren. Sie trugen ihre Erkennungsmarken, einzelne sogar Uniformstücke unter dem Bürgerrocke. Sie wurden an der Friedhofsmauer erschossen. Die Franzosen bedienen sich ferner häufig der Flieger, um die deutschen Stellungen zu erkunden. Hat der Flieger eine Artilleriestellung beobachtet, so wirft er eine Bombe hinunter, worauf die französische Artillerie sofort ein lebhaftes Feuer gegen die damit bezeichnete Stellung eröffnet. Die Deutschen suchen diesem Verfahren durch häufigen Stellungswechsel zu begegnen. Daß aber die Auskundschaftung durch Spione und Flieger die taktische Nahaufklärung durch Patrouillen vor dem Angriff auf eine befestigte Stellung nicht ersetzt, namentlich wenn die Angriffstruppe eben frisch auf dem Gefechtsfelde ankommt und mit dem Gelände nicht vertraut ist, mußten die Franzosen zu ihrem Schaden erfahren. Sie bezahlten die Mißachtung dieses elementaren Grundsatzes mit Strömen Blutes. Man muß annehmen, daß die Führer dieser Truppe der nötigen taktischen Ausbildung entbehrten.

Sei dem wie ihm wolle, die Franzosen marschierten — immer nach der Darstellung meiner Gewährsmänner — in parallelen Marschkolonnen bis auf etwa vierhundert Meter Entfernung an die [46] deutschen Stellungen heran und begannen dann auszuschwärmen. Die Deutschen lagen in ihren Deckungen, die Geschütze und Maschinengewehre in die Feuerlinie der Infanterie, in die vorbereiteten Geschützstände vorgezogen, alles schußbereit. Kein Schuß fiel. Die Franzosen liefen förmlich in das deutsche Feuer hinein. Man ließ sie auf zweihundert, auf hundert, ja vereinzelt bis auf fünfzig Meter herankommen. Da begann mit einem Male auf der ganzen Linie ein höllisches, mörderisches Feuer, das die französischen Schützenlinien, Unterstützungen und Reserven im wörtlichen Sinne hinmähte. Die deutschen Feldgeschütze sprühten ihnen ihre Kartätschen entgegen, die Maschinengewehre ließen ihr vernichtendes, ratterndes Strichfeuer spielen, und die Infanterie gab Schnellfeuer ab. Die Wirkung dieses Feuerüberfalls war fürchterlich. In Haufen lagen die Leichen nachher übereinander, drei, vier Mann hoch an einzelnen Stellen. Die Schützenlinie wurde sozusagen bis auf den letzten Mann vernichtet; was an Reserven noch vorgebracht werden konnte, brach ebenfalls unter dem wohlgezielten, ruhig abgegebenen Feuer der Deutschen zusammen. Der Angriff war blutig abgewiesen. Erst als die Überbleibsel der Reserven zurückfluteten, konnte die französische Artillerie in Tätigkeit treten, während sie vorher, teils durch den Nebel und die Dunkelheit der Morgendämmerung, teils durch die eigene in der Gefechtslinie stehende Infanterie verhindert war, zu wirken. [47] Die Verluste der Franzosen werden deutscherseits als sehr beträchtlich eingeschätzt. Zwei ganze Regimenter sollen vollständig vernichtet sein. Die deutschen Verluste sind gering und kommen fast ausschließlich auf Rechnung der französischen Artillerie, die nach dem abgeschlagenen Infanterieangriff ein wohlgezieltes und sehr heftiges Feuer auf die deutschen Stellungen eröffnete und den ganzen Tag über, teilweise auch noch an den folgenden Tagen unterhielt. Der Bois de Mort Mare, in dem die Franzosen deutsche Kräfte vermuteten, wurde mit Granaten überschüttet. Das sechs Kilometer südwestlich von Thiaucourt liegende Dorf Essey wurde großenteils in Trümmer geschossen oder ging in Flammen auf. Das in der Nähe liegende Schloß Euvezin wurde von Granaten überschüttet. Eine deutsche Kompanie, die dort lag, war zehn Minuten vor dem Beginn der Beschießung abmarschiert, um Schützengräben zu besetzen, und entging dadurch schweren Verlusten. Auch gegen Thiaucourt, das bisher wenig gelitten hatte, wie der Berichterstatter bei einer am Sonntag den 18. Oktober dorthin unternommenen Fahrt sich überzeugen konnte, richtete sich das französische Artilleriefeuer. Allgemein bestätigen deutsche Offiziere und Soldaten, auch die von der Maasfront bei St. Mihiel zurückkommenden, daß die französische Artillerie gut schießt, daß aber ihr Material schlecht ist. Von den Granaten sind ein großer Teil „Blindgänger“ oder „Ausbläser“, d. h. sie platzen [48] nicht oder entladen sich beim Aufschlag, ohne die Hülse zu zersprengen. Man findet denn auch auf den Schlachtfeldern eine große Zahl von nicht geplatzten Granaten und unversehrten Granathülsen. Die französischen Schrapnells aber entwickeln manchmal beim Platzen eine so geringe Kraft, daß ihre Kugeln kaum den Helm durchschlagen und höchstens Quetschwunden verursachen. Der deutsche Infanterist spricht denn auch nur mit einem verächtlichen Achselzucken vom französischen Schrapnell. Die Wirkung des Granatfeuers dagegen ist, wenn die Granate richtig krepiert, fürchterlich. Ein einziges gut treffendes Geschoß kann einen Verlust von über dreißig Mann an Toten und Verwundeten verursachen. Die Infanteristen in den Schützengräben aber fürchten mehr noch als die direkten Verletzungen die Wirkung der Granate gegen das tote Ziel, die Erdbefestigung: das Verschüttetwerden. Ein Füsilier, der in der Gegend von Essey-Euvezin im Feuer gestanden und nun hierher in den Garnisondienst zurückgekehrt ist, wurde in diesem Kampfe mit drei Kameraden verschüttet. Der Unterstand, der ihnen Schutz gewähren sollte, wurde von einer Granate durchschlagen, ein Mann durch einen Granatsplitter auf der Stelle getötet. Von den vier Verschütteten wurden zwei vollständig zugedeckt und waren bereits erstickt, als sie ausgegraben wurden. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. „Es waren meine zwei liebsten Kameraden in der Gruppe,“ berichtet [49] mir der Füsilier, ein intelligenter Landwehrmann aus der Maingegend. „Ein dritter war bis an die Hüfte eingepreßt in das Erdwerk, und ich selbst lag im Graben zugedeckt. Mit übermenschlicher Anstrengung gelang es mir, Hände und Kopf freizubekommen und mich vor dem Erstickungstode zu retten. Dann wurde ich besinnungslos und erwachte erst in der Krankenstube meiner Kompanie wieder. Die Kameraden hatten mich vollends ausgegraben und weggeschafft.“ Wegen eines inneren Schadens, den er sich bei der Überanstrengung im siegreichen Kampf mit dem Erstickungstode zugezogen, ist er nun aus der Front entlassen und geht in Garnisondienst. Sein Truppenteil hat im August in Deutsch-Lothringen, der Gegend von Delme am Seilleabschnitt gefochten und dort viermal im Feuer gestanden. „Das war alles nichts gegen das, was wir in den Stellungen am Rupt de Mad durchgemacht haben. Das Schrecklichste war der Leichengeruch. Die Franzosen feuerten auf unsere Krankenträger, die ihre Verwundeten holen, und auf die Leute, die die Toten beerdigen wollten. Viele Sanitätsmannschaften sind ihrem Feuer zum Opfer gefallen. So mußte man die Leichen unbeerdigt liegen lassen und zusehen, wie sie von umherstreifenden, herrenlosen Schweinen angefressen wurden. Es war grauenhaft. Als Hilfsmittel blieb nur die Bespritzung der Leichen mit Kalkwasser, das wir nachts unter ständiger Lebensgefahr kriechend auf das Vorgelände hinausschleppten. Das war [50] lange vor dem letzten Angriff. Bisher hatten die Franzosen einen Waffenstillstand zur Beerdigung der Toten zurückgewiesen. Sonntag den 25. Oktober, zwei Tage nach dem letzten mißglückten Angriff, willigten sie endlich in eine fünfstündige Waffenruhe, die von morgens zehn Uhr bis nachmittags drei Uhr dauerte, ein, so daß das Schlachtfeld abgeräumt werden konnte. Während dieser Zeit wurde die Truppe aus den Schützengräben zurückgezogen, nur schwache Vorposten blieben vorne. Als willkommene Beute fielen uns namentlich die Feldstecher der gefallenen Franzosen in die Hände. Jeder Unteroffizier und sogar zahlreiche Mannschaften sind nun bei uns damit versehen.“

So endete die Erzählung meines biederen Landwehrmannes. Seine schlichte Darstellung, die mir den Stempel der Wahrheit zu tragen schien, machte auf mich mindestens so viel Eindruck als die glänzendste und phantasievollste Schlachtfeldschilderung Luigi Barzinis.