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Herman Schmid’s „Gesammelte Schriften“

Textdaten
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Titel: Herman Schmid’s „Gesammelte Schriften“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 651–652
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[652] Herman Schmid’s „Gesammelte Schriften“ (Leipzig, Ernst Keil). Die Zahl der Erzähler, welche direct aus dem frischen Born echter Volkschilderung schöpfen, ist in Deutschland von jeher keine große gewesen; die Nation der „Denker und Dichter“ kann eben, ihrer Natur gemäß, nicht reich sein an naiven Talenten, an Geistern, die, selbst schlicht und unmittelbar empfindend, die Gestalten ihrer Dichtungen aus jenen Kreisen nehmen, wo in diesen Zeiten einer nivellirenden Ueberfeinerung schlichte Natürlichkeit noch am meisten angetroffen wird – aus den Kreisen des Volkes. Eine dieser seltenen, volksthümlich und aus dem Volke heraus schaffenden Dichternaturen war Herman Schmid. Was Jeremias Gotthelf für die Schweiz, was Fritz Reuter für Mecklenburg, das ist Herman Schmid für sein geliebtes Baiernland.

Nicht direct aus den unteren Schichten des Volks hervorgegangen, sondern vielmehr unter dem Vollgenusse einer akademischen Bildung herangewachsen, dabei aber in steter Fühlung mit dem Leben des Volkes und der Natur, brachte er für seinen volksschriftstellerischen Beruf vor allem zwei der wichtigsten Eigenschaften aus dieser Schule mit: einen hochgebildeten Geist und ein gesundes natürliches Gefühl: jener schützte ihn in seiner Production vor der Gefahr flacher und geschmackloser Alltäglichkeit in Wahl und Bearbeitung seiner Stoffe; dieses befähigte ihn zum Verständniß und zur anschaulichen Wiedergabe alles Dessen, was das Herz des Volkes bewegt. Er stand denkend weit über dem Volke, befand sich aber fühlend mitten unter ihm, und so kam es, daß die Schöpfungen Herman Schmid’s von jeher ebenso freundlich begrüßt wurden vom gebildeten Manne, wie vom einfachen Sohne des Volkes; so kam es ferner, daß seinen Erzählungen bei aller Leichtfaßlichkeit und Popularität stets ein ernstes künstlerisches Streben inne wohnt und daß sie nirgends die strenge ästhetisch-sittliche Durcharbeitung entbehren lassen, ohne die kein echtes Volksbuch denkbar ist.

Schmid ist ein Meister in der Situationsmalerei und in der Charakterzeichnung; auch was die technische Bewältigung seiner Sujets, die Gliederung und Führung der Handlung seiner Erzählungen betrifft, braucht er kaum einen Vergleich zu scheuen; er versteht, wie Wenige, seine Stoffe in der Fundamentirung, im Aufbau und in der Gipfelung wirkungsvoll zu gestalten, ohne dabei jemals in seichte Effecthascherei zu verfallen. Er verschmäht zwar keineswegs den Effect, aber er weiß ihn künstlerisch zu verwenden; er ist ein guter Colorist, aber niemals auf Rechnung der correcten Zeichnung seiner Gestalten. Sein Stoffgebiet ist kein weites, umfangreiches – um so gewissenhafter und tiefer gräbt er auf dem weise abgesteckten Terrain nach den Schätzen, welche dieses birgt: Charaktere und Verhältnisse der baierischen Bergbewohner weiß er mit einer Treue zu schildern, die etwas unwiderstehlich Ueberzeugendes hat, und vermöge seines ungewöhnlichen Schilderungstalentes gelingt es ihm, die verständnißvoll eingeflochtenen Naturbilder ebenso stimmungsvoll wie anschaulich zu zeichnen und sie stets mit großem Geschick da einzureihen, wo der Gang der epischen Darstellung als Ruhepause ein lyrisches Intermezzo fordert. Bald sind es die einfachsten Culturzustände, in welchen seine Stoffe sich bewegen, bald Themata von geschichtlicher Bedeutung, die er zum Hintergrunde oder zum Mittelpunkte seiner Erzählungen macht, immer aber, woher er seine Gegenstände auch nehmen mag, zeigt er sich als ein intimer Kenner der Volksseele, als ein feinsinniger Forscher auf dem Gebiet des Menschengemüths.

Zuerst trat Herman Schmid mit den Erzählungen „Der Greis“ und „Unverhofft“ an die größere Oeffentlichkeit, und zwar in Edmund Hoefer’s „Stuttgarter Hausblättern“. Es war kein besonderer Erfolg, den diese Geschichten erzielten, aber sie waren es doch vorwiegend, welche die immer wache und stets feinfühlig tastende Aufmerksamkeit unseres verewigten Ernst Keil auf den baierischen Dichter lenkten. Einer freundlich an ihn ergangenen Einladung zu Eintritt in die Reihe der „Gartenlauben“-Mitarbeiter Folge leistend, veröffentliche Herman Schmid seine „Huberbäuerin“ als ersten Beitrag in unserem Blatte und legte bei der großen Verbreitung, welcher die „Gartenlaube“ sich schon damals (1860) erfreute, mit dieser Erzählung den Grund zu seiner nun schnell wachsenden Popularität, die, unterstützt durch die nimmer müde, werkthätige Freundschaft Ernst Keil’s, seiner Schaffenslust fortan immer neue Nahrung und einen sie segensreich anfeuernden Sporn bot.

Unsere Leser kennen die lange Reihe fesselnder und warmherziger Erzählungen, welche die „Gartenlaube“ dem liebenswürdigen Dichter verdankt; wir heben aus der Zahl derselben hier nur auszeichnend hervor: „Almenrausch und Edelweiß“, „Der baierische Hiesel“, „Der Dommeister von Regensburg“, „Der Habermeister“, „Die Gasselbuben“, „Die Zuwider-Wurzen“ und „Der Loder“.

All diese trefflichen und eine große Reihe anderer Geschichten bilden den Inhalt der 1867 von dem Verfasser derselben in Verbindung mit Ernst Keil veranstalteten billigen Volks- und Familien-Ausgabe der Schmid’schen Schriften; sie sind in der bisherigen Sammlung von zweiunddreißig Bänden längst in Tausenden von Exemplaren verbreitet und in zweiter Auflage erschienen.

Zur Vervollständigung jener Ausgabe trägt nun die Verlagshandlung der „Gartenlaube“ seit längerer Zeit die Schriften des zu früh verstorbenen Autors sorgsam zusammen, um dieselben den vorangegangenen Bänden als „Gesammelte Schriften von Herman Schmid (neueste und letzte Folge)“ anzureihen. In pietätvoller Rücksicht auf die große Liebe und Achtung, welche Herman Schmid gerade in den Kreisen unserer Leser genießt, und abweichend von unserm Princip, das uns die Besprechung belletristischer Erzeugnisse an dieser Stelle sonst verbietet, haben wir nicht unterlassen wollen, auf jene „Neue Folge“ der Schmid’schen Erzählungen hinzuweisen. Den zahlreichen Freunden der Muse unseres Dichters, ganz besonders aber den Besitzern der bisherigen Sammlung seiner Schriften, werden diese Schlußhefte derselben (2 bis 3 Hefte monatlich) ohne Frage besonders willkommen sein. Mögen sie dazu beitragen, dem verdienstvollen Erzähler der baierischen Berge ein dauerndes Denkmal zu setzen!