Textdaten
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Autor: C. von Sydow
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Titel: Spätsommer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40-45, S. 653-656, 673-676, 693-696, 709-714, 725-730, 741-746,
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[653]

Spätsommer.

Novelle von C. von Sydow


„Im Schatten der Entsagung wächst der Wille;     
Das Leben blüht im Sonnenschein des Glücks.“
1.

„Ja, meine Herren, es ist Mai; in diesem Jahre weiß auch ich einmal mit dem Fortgange des Frühlings Bescheid, denn – ich bin umgezogen,“ äußerte im Fluge der Unterhaltung, welche bei einem eiligen „Frühschoppen“ stattfand, der Architekt Arndt gegen einige Bekannte, mit denen er des Vormittags in einem Locale der Hauptstadt zusammen zu treffen pflegte.

„Umgezogen? Mit oder ohne Familie?“ fragte ein älterer Herr.

„Ohne! Ich habe die bevorstehenden Monate schärfer zu arbeiten, als sonst; deshalb mußte ich mich von der Mutter und den Geschwistern einstweilen trennen, um unabhängig zu sein.“

„Haben Sie die Wohnung mit dem Gärtchen genommen?“ erkundigte sich ein jüngeres Mitglied der Tafelrunde.

„Ja, die ‚mit dem Gärtchen‘!“ erwiderte Arndt, flüchtig lächelnd. „Ich würde Ihnen dieses Stückchen gepachteten Residenzfrühlings von Herzen gern überlassen.“

„Ich bin es gewohnt, daß man in Berlin über meine Naturschwärmerei spottet,“ meinte der junge Mann aus der Provinz bescheiden.

„Ah!“ sagte Arndt, indem er nach der Uhr sah und sich hastig erhob, „Sie nennen solch ein Bischen gedrechselten Strauchwerkes ‚Natur‘? Wir Berliner denken höher von der Natur, obgleich wir sie nicht kennen. Wir sind eben in Allem blasirt. – Auf Ihr Wohl, meine Herren!“ Bei diesen Worten stürzte er den Rest seines Seidels hinunter, grüßte und entfernte sich.

Arndt war stets der Letzte, welcher kam, und der Erste, welcher ging. Aber wenn er einmal ganz fehlte, fühlte man sich unbehaglich. Er war entschieden ein bedeutender Mensch, und wenn er keinen sehr ausgiebigen Gesellschafter abgab, so lag das in seinen besonderen Verhältnissen.

Die Mitglieder des „Frühschoppens“ waren durchaus einer und derselben Meinung, was die Vorzüge Georg Arndt’s betraf.

Fast seit er erwachsen war, hatte er als ältester Sohn einer verwaisten Familie für den Lebensunterhalt der Seinen zu sorgen gehabt. Seine Kräfte – die physischen wie die moralischen – waren an dieser Aufgabe erstarkt, aber die stolzen Träume eines lebhaften Knabenherzens vor den harten Anforderungen der Pflicht zu Schanden geworden. Arndt’s Charakter hatte in den Kämpfen des Lebens Nahrung gefunden, aber seine Phantasie hatte hungern müssen. Statt – wie es ein junger Architekt doch soll – über Länder und Meere zu ziehen und die großen Nationalbauten der Völker unter ihrem heimischen Himmel zu schauen, oder die Denkmale eines einzelnen Genius dort zu erblicken, wo die Natur sie dem Geiste des Künstlers gleichsam vorgedacht hat, und sie nun wie in dankbarer Huldigung mit einer stillen, großen Harmonie umgab – statt an alle jene Orte zu gehen, welche seinen Geschmack gereift und sein architektonisches Urtheil erweitert haben würden, hatte er sich und seine Fähigkeiten auf den gemeinen Markt des Lebens zu stellen gehabt.

Er hatte es gern gethan, weil er der Stimme einer natürlichen Pflicht gehorchte und die Seinen liebte, wie jeder Starke den Schwachen liebt, welchem er wohlthut – ja, er hatte es gern gethan, weil er sich trotz alledem zu seiner Aufopferung zwingen mußte und es keine größeren Triumphe giebt als Selbstüberwindung. Aber je größer der Triumph, desto heißer wohl auch der Kampf, welcher ihn erringt. Die ironischen Falten und Fältchen um Arndt’s Mund und Schläfe waren die Narben der tief in das Lebensmark einschneidenden Wunden, welche ihm solch ein Kampf wieder und wieder geschlagen hatte.

Wer Arndt indessen einmal kannte, so wie er jetzt war, hätte diese ironischen Fältchen kaum entbehren mögen, denn sie machten sein regelmäßiges Gesicht, das im Uebrigen – wie auch seine ganze Erscheinung – etwas monumental Großartiges hatte, erst zu dem, was man „interessant“ nennt.

Auch hatte die Ironie des Architekten Arndt weder eine ätzende Schärfe, noch einen geistreich decorativen Anstrich, obgleich sie aus Resignation geboren war. Das lächelnde Berühren schmerzlicher Gegensätze gehörte nur in so weit zu seinem thatkräftigen Wesen, als auch ein intimer Freund gewissermaßen zu uns selbst gehört: der tägliche Gedankenaustausch mit ihm ist uns ein Bedürfniß geworden, doch der Kern des Wesens kann dabei selbstständig bleiben.

Einige Tage nach dem gelegentlichen Gespräch über seinen Wohnungswechsel wurde Arndt auf der Straße von dem jungen Manne aus der Provinz angeredet und bis in die unmittelbare Nähe seines neuen Domicils begleitet. Der „Naturschwärmer“ brachte alsbald wieder das Gärtchen auf’s Tapet und gestand, daß er Arndt täglich mehr um die Erlaubniß seines Wirthes beneide, dasselbe benutzen zu dürfen.

Der Architekt schenkte den Reden seines Begleiters nur eine sehr getheilte Aufmerksamkeit, denn er hatte den Kopf voller Geschäfte.

„Ja, ja,“ sagte er schließlich, „ich gebe Ihnen zu, daß ich in der Betrachtung des Gärtchens wieder höchst anspruchsvoll bin. Ich liebe aber nun einmal keine halben Genüsse – vielleicht, weil ich niemals in der Lage war, eine halbe Arbeit zu thun.“

[654] „Nun, über den Geschmack ist nicht zu streiten; mir – und wenn es auch nur wenige Augenblicke des Tages sind – würde der Aufenthalt ....“

„Wissen Sie, mein Bester,“ unterbrach Arndt den jungen Mann, „es sind doch in den meisten Fällen wirklich nicht die Dinge an sich, die den Werth einer Sache ausmachen, sondern das Unsichtbare, aber Eigenthümliche um sie her – ich meine: die Stimmung, welche sie einhüllt und sozusagen trägt, ungefähr wie die Sphäre den Weltkörper trägt. Und ich muß Ihren Wahn bewundern, daß man in Berlin, unmittelbar an einer lebhaften Straße in einem sechs Fuß breiten Garten diese Stimmung antreffen könnte, selbst wenn man Zeit hätte, sie zu suchen.“

Arndt hatte kaum ausgeredet, als er sich plötzlich von seinem Gefährten abwandte und das lebhafte Gesicht mit einem aufhorchenden Ausdruck gegen das besprochene Vorgärtchen kehrte – aber nur eine Secunde lang; dann widmete er sich wieder dem jungen Manne, und dieser bemerkte nicht, daß etwas Zerstreutes in den Zügen des Architekten zurück geblieben war.

Nach wenigen Schritten trennten sich die beiden Herren; denn Arndt war vor seiner neuen Wohnung in Nummer Elf angelangt. Er zögerte, bevor er die Klingel des Portiers drückte, und als er es schließlich dennoch that und im nämlichen Augenblick die Hausthür aufsprang, zog er dieselbe hastig wieder von außen zu, sah mechanisch die Straße herab, auf welcher sein jugendlicher Bekannter bereits verschwunden war, und trat dann zögernd mit einem eigenthümlichen Lächeln der Selbstverspottung in das seither verschmähte Paradies des kleinen Gartens ein.

Derselbe lief als schmaler Streifen die Front des Hauses entlang und erweiterte sich nach der einen Giebelseite hin zu einem kleinen Viereck. Er war nach der Straße zu mit eisernem Gitterwerk und spanischem Flieder eingefaßt, und das kleine viereckige Hauptstück wurde durch eben dieselbe Umfriedigung von den zu Nummer Zehn gehörigen Gartenanlagen getrennt; nur daß hier die Fliederbüsche schon etwas höher waren, weshalb sie die Aussicht oder richtiger gesagt: die Einsicht hinderten.

Trotzdem war es der Nachbargarten, welcher Arndt in diesem Augenblick seine Abneigung gegen das „Gärtchen“ überwinden ließ; denn in ihm hatte er vorhin von der Straße her Stimmen zu vernehmen geglaubt, welche ihn interessirten.

Schon während der ersten Wochen des Mais war er mehrmals beim Hinaustreten auf die Straße oder bei der Heimkehr in’s Haus an einer jungen Dame vorübergegangen, welche einen fünf- bis sechsjährigen Knaben an der Hand führte. Beide waren, wie er bald bemerkte, Bewohner des Nachbarhauses und hatten ihn seit der ersten Begegnung lebhafter beschäftigt, als andere Vorübergehende.

Sie sahen sich nicht ähnlich. Der Knabe war auffallend hellblond, und hatte sehr lebhafte, phantastische blaue Augen und einen großen, ungewöhnlich sprechenden Mund, gegen welche die kleine abgestumpfte Nase merkwürdig zurücktrat. Die Dame dagegen war entschieden dunkelblond, und die Züge ihres feinen Gesichts, in welchem die leicht gebogene Nase als besonders schön auffiel, wiesen auch nicht die geringste Aehnlichkeit mit denjenigen des Knaben auf. Trotzdem waren Beide Mutter und Sohn; denn Arndt hatte öfter im Vorbeigehen gehört, daß der stets aufgeregte und, wie es schien, namentlich beständig fragende Knabe seine Begleiterin „Mama“ nannte.

Sonderbar! Wie konnten Mutter und Sohn sich so unähnlich sein? Auch die Augen der Dame erinnerten in nichts an die ihres Sohnes; es waren große rehbraune, etwas verschleierte Augen mit einem geheimnißvollen, vorzugsweise sinnenden Ausdruck, der nur dann einem kurzen Aufleuchten wich, wenn der interessante Knabe sie etwas fragte und sie sich, lebhaft antwortend, zu ihm wandte, offenbar überrascht und erfreut über den Gegenstand, wie über die Art seiner Erkundigung. Wenn Arndt sie nicht von Anfang an mit dem Knaben zusammen gesehen hätte, würde er sie für ein ungewöhnlich fesselndes junges Mädchen mit schönen, aber eigenthümlich frauenhaften Augen gehalten haben.

Wer mochten Mutter und Sohn sein? Trotz unzähliger geschäftlicher Dinge, die ihn gerade jetzt belagerten, war Arndt doch immer wieder auf diese Frage zurückgekommen; der Knabe war eben kein gewöhnlicher Knabe und seine Mutter keine alltägliche Frau – sie interessirten ihn.

Deshalb gab er auch jetzt diesem eigenthümlichen Interesse nach und folgte ihren immer deutlicher werdenden Stimmen bis in die äußerste Ecke des Gärtchens, in welcher das Grenzgebüsch am höchsten war. Hier hatte der Wirth einen kleinen grünen Käfig angebracht, welchen er eine Laube nannte, und als Arndt jetzt in denselben eintrat, bemerkte er, daß sich in unmittelbarer Nähe des diesseitigen Gartenhäuschens auch ein jenseitiges befand.

Der Wirth hatte vor Kurzem seine Laube in Ordnung gebracht, das heißt: alle herabhängenden Zweige möglichst straff und gerade in die Höhe gebunden, wodurch an der einen Stelle eine kleine Lücke und somit ein Durchblick nach dem anstoßenden Garten entstanden war.

Diesen zu benutzen, konnte sich Arndt – trotz inneren Widerstrebens – nicht enthalten, und als er durch die Oeffnung des Gebüsches blickte, sah er, daß die Mutter auf einem niedrigen Stühlchen unter einem breitästigen Obstbaum saß, welcher sich aus der Mitte des grünen Rasenplatzes erhob, der einen Haupttheil ihres Gartens ausmachte, während der Knabe unausgesetzt um den Platz herumlief und mit hochrothem Gesichte einen Reifen vor sich hertrieb.

Arndt’s Blick blieb mit ungetheiltem Interesse auf der Mutter haften, welche er zum ersten Male in Hauskleidung, das heißt: ohne Hut und Umhang, sah. Sie trug glattgescheiteltes Haar und am Hinterkopfe eine starke Flechte, welche sie geschmackvoll um einen hohen Stamm gelegt hatte. Glanz hatte ihr Haar nicht, aber Arndt fand, daß die große Schlichtheit desselben gut zu dem feinen Gesichte und dem zarten Teint stand. Ihre Gestalt war schön und jugendlich voll, und es war gut, daß der zierliche Kopf von einer solchen getragen wurde, weil die ganze Erscheinung sonst einen fast zu idealen Ausdruck gehabt hätte.

Sie hatte Arndt das Profil zugekehrt; um ihren Mund lag ein schwärmerischer Zug, und die nicht ganz regelmäßig gebildete Stirn hatte etwas Geheimnisvoll-Energisches.

Plötzlich wandte sie sich so, daß er ihr auch voll in die Augen sehen konnte. Sie ließ ihre Handarbeit in den Schooß sinken und blickte lebhaft nach dem Knaben.

„Es ist heiß, Curt; laufe Dich nicht außer Athem!“ rief sie mit tiefem, weich metallenem Organ.

„O, ich hab’ noch viel Athem. Hör’ mal, Mama!" antwortete er wichtig, ließ den Reifen mitten im Wege liegen, stürzte auf sie zu und athmete mit aufgeregter Miene immer schnell hinter einander, indem er sich dabei auf die kleine Brust klopfte.

„Es ist schon gut, Narr; ich höre, wie prächtig Du athmen kannst,“ sagte sie und streichelte ihm mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Liebe und Fürsorge das kleine glühende Gesicht. – Da sah auch der Junge zu ihr empor, und in seinen Augen blitzte es vor leidenschaftlicher Zärtlichkeit auf, sodaß sich die Pupillen erweiterten und die Augen auf Secunden ganz dunkel erschienen. Auch lächelte er dabei so lieblich und glückstrahlend, daß er für einen Knaben fast unnatürlich hold aussah.

„Wart’!“ sagte die Dame plötzlich und sprang leichtfüßig wie ein Kind empor. „Sieh zu, ob Du mich greifen kannst?“

Der Kleine war außer sich vor Vergnügen, und unter lebhaftem Wetteifer liefen Mutter und Sohn mehrmals um den Rasen, bis die junge Frau schließlich das Ziel erreichte.

Sie stand jetzt wieder einen Augenblick mit dem Antlitze voll gegen Arndt gewendet; und ihm war, als sähe er plötzlich ein völlig verwandeltes Wesen vor sich. Ein wunderbar rührender, fast kindlicher Liebreiz hatte sich über ihre interessanten Züge ergossen. Ihre zarten Wangen glühten, und aus ihren großen frauenhaft ernsten Augen brach ein unschuldiges Schelmenglück hervor, das neckend, wie leuchtender Sonnenglanz, zu ihrem kleinen Gefährten hinüberspielte.

Doch alles dies war wie eine Fata Morgana – flüchtig, wie eine zauberhafte Spiegelung, welche dem Auge Dinge zeigt, die für gewöhnlich nicht in dem Kreise des Sichtbaren liegen.

So wie Arndt sie eben gesehen hatte, war sie vielleicht als Kind, als muthwilliges Mädchen gewesen; so hatte sie vielleicht gelacht und geblickt, ehe sie Frau geworden war.

Während der ungewöhnlich belustigte Curt mit erneutem Eifer sein Reifenspiel wieder aufnahm, setzte sich die Mutter auf ihr geschütztes Plätzchen zurück; ihr Blick wurde wieder innig gedankenwoll; ihre Bewegungen nahmen das alte sanfte Ebenmaß an, welches sie auszeichnete, und nur ihre Wangen waren noch lebhaft geröthet, als sie sich mit nachholendem Eifer über die Handarbeit beugte.

[655] Plötzlich hielt der nun ziemlich athemlose Knabe in seinem Spiel inne, blieb vor ihr stehen und fragte:

„Wenn man stirbt, hat man dann auch noch Athem?“

„Nein, Kind!“

„Sag’ mir mal, wie das ist beim Sterben!“ bat er lebhaft.

„Die Seele verläßt den Körper und steigt in den Himmel.“

„Ach! Was ist das – die Seele?“

„Alles, was in Dir nachdenkt, was in Dir traurig ist und sich freut, das ist Deine Seele,“ antwortete die junge Frau und blickte aufmerksam in die strahlend auf sie geachteten Augen des Kindes. „Die Seele ist das Licht, welches das Haus hell macht und aus Deinen beiden Augen herausleuchtet,“ fuhr sie dann fort. „Ja, so ist es; – gieb mir einen Kuß, Curt!“

Diese letzten Worte hatte sie ganz leise gesprochen – sie war leidenschaftlich bewegt.

„Mehr! Erzähl’ mir mehr vom Sterben, Mama! Jeder Mensch stirbt doch blos ein Mal, nicht wahr?“ fragte er dann plötzlich.

Da erblaßte die junge Frau und hob langsam den Kopf. Dann legte sie leise ihre Hand auf die Schulter des Kindes.

„Ja, nur einmal; es ist, als ob ein Licht ausgeblasen wird,“ sagte sie eigenthümlich kalt.

„Mama! Wer bläst denn das Licht aus? Der liebe Gott?“

Sie antwortete nicht und strich gedankenversunken mit der flachen Hand über ihre Arbeit. Da half sich der Knabe selbst.

„Ja, der liebe Gott thut’s,“ rief er. „Der liebe Gott mit seinem langen, langen Athem. O, so lang – so lang, ganz lang! Und dann stirbt der Mensch, und dann geht’s mit einem Ruck in den Himmel. – Weißt Du noch mehr vom Sterben, Mama?“

„Nein, Curt.“

„Ach, sag’ doch!“

„Curt!“

Beschämt schlich der Knabe davon, aber er konnte sich nicht völlig beherrschen; noch einmal drehte er sich um.

„Ich möcht’s doch so schrecklich gerne wissen.“

„Hast Du mich lieb?“ fragte sie mit sanftem Vorwurf, und kaum hatte sie es ausgesprochen, als das ungestüme Kind mit lautem zärtlichem Aufschluchzen in die Arme seiner Mutter stürzte. – –

„Es ist, als ob ein Licht ausgeblasen wird.“

Arndt konnte in den folgenden Wochen diese Worte gar nicht wieder vergessen und wußte nun gewisser als zuvor, daß es etwas in dem Leben seiner Nachbarin geben müsse, das sie erst zu dem gemacht hatte, was sie jetzt war.

Aber abgesehen von der eigenthümlichen Bedeutung, welche sie selbst diesen Worten zu geben schien und die auch er sofort nachempfunden hatte, erhielten dieselben bald einen besonderen Werth in seiner Erinnerung, waren sie doch so ziemlich das Letzte, was er zur Zeit von seiner interessanten Nachbarin hören sollte.

Dagegen trat ihm der Knabe noch einmal näher, ja kam sogar auf originelle Weise in persönliche Berührung mit ihm.

Die Jahreszeit war schon bis an die Grenze von Sommer und Herbst vorgeschritten, als Arndt an einem sonnigen Nachmittage in Erwartung eines Geschäftsfreundes hastig den kleinen, ihm nachgerade ganz vertraut gewordenen Garten auf- und niederschritt. Plötzlich flog ein bunter Ball vor ihm auf den Kiesweg und rollte in die vom Regen der verflossenen Nacht herabgeschlagenen Blätter. Gleichzeitig wurde es im Nebengarten lebendig.

„O Mama, mein Ball, mein Ball!“ rief der Knabe, während Arndt den verlorenen aufhob, „er ist in den fremden Garten geflogen!“

Arndt hielt den Ball in der erhobenen Rechten; er mußte lächeln über ein seltsames Gefühl von Feierlichkeit, das sich seiner bemächtigte. Geberdete er sich nicht, als ob das bunte Kinderspielzeug in seiner Hand eine kleine aus ihren Bahnen gestürzte Welt sei? Noch eine Secunde zögerte er; dann warf er schnell den Ball hinüber.

„Danke!“ jubelte es sofort helltönig auf. „Bist Du auch ein Junge oder bist Du ein Herr?“

„Ein Junge!“ rief Arndt neckend.

„Ha! Das ist nicht wahr. Du hast so eine Brummstimme,“ antwortete der übermüthige Kleine, diesmal mit Absicht den Ball über das Gebüsch fortschleudernd.

„Hoho!“ rief Arndt, ihn wieder zurückwerfend, und so flog das Ding eine gute Weile unter dem beständigen Gelächter Curt’s hinüber und herüber.

Endlich, als sich der Ball wieder einmal in Arndt’s Händen befand und er eben im Begriff war, ihn auch diesmal zurück zu befördern, rief Curt:

„Nein, nein! Ich komm’ und hol’ ihn mir selbst.“

„Desto besser, kleiner Nachbar!“ antwortete Arndt ermuthigend.

„Mama, ich will! – Soll ich? Ach ja! Es macht so schrecklich viel Spaß: Selbst holen, bitte, bitte!“

Die Mutter schien flüsternd ihre Erlaubniß zu ertheilen, und einige Minuten später empfing Arndt den Knaben am Eingange seines Gärtchens, wohin er ihm entgegen gegangen war. Der Kleine kam eilig herangelaufen, als er aber dem fremden Manne gegenüberstand, wurde er doch vor plötzlicher Verlegenheit dunkelroth.

„Nun?“ sagte Arndt, „es freut mich sehr, daß Du mich besuchst. Komm herein! Warum wolltest Du Deinen Ball denn so gerne selbst abholen?“

„Ha! Ich wollte wissen, wie Du aussiehst!“

„So? Nun, wie gefalle ich Dir denn?“

„O – sehr schön. – Bist Du schon sehr alt?“

„Fünfunddreißig,“ antwortete Arndt außerordentlich amüsirt.

„Und wie alt ist Deine Frau?“

„Ich habe keine. Aber Du, man kleiner Nachbar, hast gewiß Brüder? Wie?“

„Nein! Ich bete immer, Papa soll mir einen schicken, aber er thut’s nicht.“

„Wo ist denn Dein Papa?“ fragte Arndt lebhaft.

„Im Himmel! Schon bald zwei Jahre!“

Arndt war gedankenvoll stehen geblieben. Eine weitere Frage schwebte ihm auf den Lippen; doch in demselben Augenblicke sah er von der Straße her den erwarteten Freund herantreten, und kaum hatte er nach so viel Zeit, sich nach dem Namen des Kleinen zu erkundigen, ihn herzlich zu verabschieden und zu einer baldigen Wiederholung seines Besuches einzuladen, welche Curt auch auf das Eifrigste zusagte.

Es war Arndt Ernst mit seiner Aufforderung an das Kind gewesen, und als mehrere Tage vergingen, ohne daß sich dasselbe bei ihm blicken ließ, wurde er eigenthümlich enttäuscht; durch die Berührung mit dem Knaben und mittelbar mit seiner Mutter war etwas wie ein idealer Hauch in das hastige Treiben seines abstumpfenden Geschäftslebens gekommen, und er hätte gern mehr von diesem Hauche genossen, um ihn heimischer in sich werden zu lassen. Seit er wußte, daß seine Nachbarin Wittwe sei, war vielleicht seine Sympathie für sie um ein Geringes kühler geworden; denn es berührte ihn fremdartig, daß in ihrem Wesen keine unausgefüllte Lücke zu bemerken war. Mochte die junge Dame auch vorzugsweise ernst gestimmt sein, immerhin hatte ihr augenblickliches Sein etwas durchaus Harmonisches – weder etwas Zerrissenes noch etwas Gedrücktes, und eben das widerstrebte seiner energischen Empfindungsweise. Dagegen war das ungewöhnlich lebhafte objective Interesse, welches seine Nachbarin von vornherein in ihm erweckt hatte, nur noch gewachsen, seit jenes psychologische Räthsel, das ihr ganzes Auftreten umwebte, ihm durch die Enthüllung des Knaben unauflösbarer denn je erscheinen mußte. Ja, er gab sogar zur Zeit diesem Interesse so weit Raum, daß er eines Tages wirklich im Begriffe stand, der Dame geradezu seinen Besuch zu machen, indem er sich Formgewandtheit genug zutraute, sein im Uebrigen unbegründetes Erscheinen als eine dem Kleinen geltende Gegenvisite hinzustellen, und nur das unvermuthete Dazwischentreten des Knaben selbst hinderte ihn an der Ausführung seiner Absicht. Curt begegnete ihm nämlich, als er bereits im Begriffe war, in das Nachbarhaus einzutreten. Auf Arndt’s Frage, warum er noch nicht wieder bei ihm gewesen, erwiderte der Kleine unbefangen:

„Mama sagt, ich hätte nichts bei dem unbekannten Herrn zu suchen.“

Diese Antwort war natürlich entscheidend für Arndt; ebenso schnell, wie er gekommen war, kehrte er wieder um.

„Schade,“ dachte er bei sich selbst; „sehr schade! – Man begegnet so selten interessanten Leuten – immer sind es dieselben Dutzendausgaben – und hier … es soll mich doch wundern, was aus diesem Knaben wird.“

Auch würde er gern noch erfahren haben, ob die Dame wirklich die leibliche Mutter Curt’s sei. Er bezweifelte es zuweilen; denn er meinte, gegen sein eigen Fleisch und Blut wäre Niemand von so aufopfernder Geduld, wogegen wohl eine edle [656] und gebildete Frau fähig sein könne, ein Stiefkind mit völliger Selbstaufopferung und einer frommen, an Andacht grenzenden Scheu zu erziehen.

Der Kleine begleitete ihn noch bis an die Hausthür; dann sagte er sehr entschieden:

„So – weiter nicht! – Sag’ einmal, ist es hübsch in Deinen Stuben?“

„Nicht besonders!“

„Das freut mich wenigstens!“ und damit trollte das eigenthümliche kleine Menschenkind davon.

Dies war auch das Letzte, das Arndt zur Zeit von dem Knaben selbst vernahm, und da er schon vierzehn Tage später in einen fast entgegengesetzten Stadttheil zu seiner Familie zurückkehrte, durfte er sich kaum darüber wundern.




2.

Jahre waren vergangen: ein Tag harter Arbeit hatte den anderen gedrängt und wie eine eherne Kette sich das Leben um die Seele des rastlosen Mannes geschmiedet. Er hatte die aufgebürdete Last, wie bisher, ohne Murren getragen, aber mehr und mehr sich älter gefühlt – älter als er war. –

Nichts von den Dingen der Außenwelt verstimmt so, wie ein trüber Sommertag. Ja, er kann mehr als verstimmen; denn er hat etwas in sich Verfehltes.

So ein Tag war heute. Wohin das Auge sah, ödes, einförmiges Grau! – Unmerkbar war die trübe Nacht in einen trüben Tag übergegangen. Schlaff und ausdruckslos spülte die Ostsee ihre farblosen Fluthen gegen den blassen Strand, und der Himmel hing schwer, wie eine leblose Masse über Meer und Erde. Fröstelnde Mißstimmung ging durch die ganze Natur, in welcher sich nichts regte, als ein leiser naßkalter Morgenwind.

Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – schritt der einsame Wanderer, den sein Weg unmittelbar am Ufer entlang führte, rüstig aus. Wenn er ein Maler war, so hatte er allerdings ein ganz besonderes Recht, sich für wenig begünstigt zu halten und – fern von einem liebevollen Eingehen auf die landschaftliche Umgebung – seinem Aerger in ungeduldiger Hast befreienden Ausdruck zu geben!

Aber nicht jeder einsame Wanderer an der Küste Rügens muß ja durchaus ein Maler sein! Der in aller Frühe hier so eilig Ausschreitende war der Architekt Georg Arndt.

Die brütende Sommerhitze der Residenz hatte ihn nach langen Jahren unausgesetzter Arbeit zum ersten Male wieder auf Urlaub getrieben. Er wollte sich eine bis zwei Wochen lang durch Rügensche Seebäder stärken und dann höher hinauf in den skandinavischen Norden gehn, wohin ihn das besondere Interesse einer Gesellschaft von Berufsgenossen führte, in deren Auftrag er mehrere alte Kirchen Norwegens zu besichtigen hatte.

Ein Freund von weiten Märschen und möglichst großer Unabhängigkeit, hatte er die üblichen Reisegelegenheiten der Insel, als da sind: kleine saubere Raddampfer, primitive Segelboote und noch primitivere Einspänner, unberücksichtigt gelassen, und nun war er auf dem Wege zu dem kleinen Dorfe, in welchem er Quartier nehmen wollte.

Wer ihm begegnet wäre, würde wohl bemerkt haben, daß er, abgesehen von der Zufälligkeit eines trüben Tages, nicht zu den sorglosen Vergnügungsreisenden gehörte. Ueber der selbstbewußten Kühnheit seiner breitgewölbten Stirn lag ein Schatten, älter als die Regenwolken des heutigem Morgens, und das kluge Auge, welches unter derselben aufblitzte, blickte ernst und gedankenvoll.

Trotzdem nahm sich seine Erscheinnug eigenthümlich an dem stillen Strande aus; denn seine energischen Bewegungen standen nicht im Einklang mit dieser sonnenlosen Natur, die gleichsam in mürrischer Trägheit dalag, um den drohenden Regen widerstandslos über sich ergehen zu lassen.

Mittlerweile fielen wirklich die ersten schweren Tropfen und zerplatzten auf der See in großen weißen Blasen, welche die bleierne Eintönigkeit des Wassers wunderlich unterbrachen.

„Endlich!“ sagte Arndt, als hätte er den Regen förmlich ersehnt.

Und kaum hatte er es gesagt, als die lähmende Stille um ihn her in ein ungeheures gleichmäßiges Rauschen überging. Man mochte blicken, wohin man wollte, rechts und links – vor und zurück – man sah nichts als Ströme herabfallenden Regens; es war, als hätte sich die Welt in Wasser aufgelöst und die unerschöpflichen Meere der Höhe ergössen sich in das Meer der Tiefe. Arndt warf sein Plaid um die Schultern, drückte den Hut in die Stirn und marschirte womöglich noch schneller als zuvor.

Plötzlich blieb er stehen und sah um sich: er hatte die Specialkarte der Insel ziemlich genau im Kopfe und wußte, daß kein größerer Ort in der Nähe sein konnte, aber möglicher Weise lag jenseits der Dünenkette ein vereinzelter Bauernhof.

Doch nichts dergleichen war zu erspähen; nur das schwarzgetheerte Dach einer bretternen Badehütte lugte melancholisch über die grauen Sandhügel herüber. Kaum hatte Arndt dasselbe entdeckt, als er seine Schritte landeinwärts lenkte und in die Dünen einbog. Daß die Hütte verschlossen war, machte ihn nur eine Secunde lang stutzig; mit der spitzen Zwinge seines Stockes fuhr er in die Oeffnung des Schlüsselloches, schob den ländlich einfachen Mechanismus zurück und öffnete die Thür, welche er dann von innen wieder hinter sich heranzog.

Wie ein lebendig Begrabener stand er in dem kleinen dunklen Raume, der so niedrig war, daß er in ihm kaum das Haupt aufrecht halten konnte.

Er tappte an den Wänden entlang und stieß nach wenigen Griffen an eine hölzerne Schiebe-Oeffnung, die sogleich zurückflog und ein trübes Dämmerlicht hereinließ. Nun nahm er Hut und Plaid ab und hing diese durchnäßten Gegenstände an der Wand auf; dann trat er an das Fensterchen und sah eine lange Weile hinaus: wann wohl das Schicksal einmal müde wurde, ihn zu verfolgen?

Etwas wie titanischer Trotz zog sich auf seiner Stirn zusammen, während sein lebhaftes Auge verständnißvoll über das traurig-öde Bild flog, das sich ihm durch den engen Rahmen der Oeffnung darbot. Eine halbe Stunde nach der andern verging, und es lag eine seltsame, fast unheimliche Gesetzmäßigkeit in dem langsamen bleischweren Herabfallen des Regens, ob er sich nun rechts in die todte See ergoß, oder zur Linken auf die bereits triefenden Dünen herniederklatschte.

Und alles in Allem hatte diese trübe, ungastliche Landschaft etwas geheimnißvoll Erregendes: ihr Anblick verdichtete alle Gedanken, und die trübe Stimmung, welche daraus erwuchs, störte feindselig jede beunruhigende Saite des Gemüthes auf, um sich trotzdem wie Blei an die Schwungkraft der Seele zu hängen.

[673] Arndt hatte sich endlich in eine Ecke der kleinen Holzbank geworfen, welche an den Wänden der Hütte entlang lief und fiel jetzt ohne Widerstand seinen stürmischen Gedanken anheim. Er sagte sich, daß er seit Kurzem an einem Wendepunkte seines Lebens stehe; denn veränderte Familienverhältnisse hatten die bisherigen Lasten von ihm genommen, und er warf die Frage auf, ob es ihm noch möglich sein würde, die Ideale seiner Jugend zu verwirklichen.

„Ach!“ seufzte er leise vor sich hin, „Freiheit ohne Jugend ist doch wie ein edles Gefäß, dem der köstliche Inhalt mangelt.“

Leidenschaftlich bewegt hob er den intelligenten Kopf. Hatte er denn noch die Kraft, den Staub des Lebens von sich zu schütteln, noch den Schwung der Phantasie, etwas nennenswerth Neues und Großes zu leisten? Sollte er mit den Besten seiner Berufsgenossen in die Schranken treten, um – wie es nun einmal das Loos des Architekten ist – mit dem sprödesten Material die erhabensten Empfindungen und die feinst gegliederten Gedanken zu offenbaren? Sollte er noch jetzt versuchen, sich einen Namen zu machen und die innerste Befriedigung seines Lebens zu erringen?

Diese Reise hatte ihn zur Gewißheit über sich selbst bringen, ihm gleichsam eine Zwischenstation des Lebens sein sollen, auf welcher er sich vom Gerassel der Welt erholen und auf seine eigensten Angelegenheiten besinnen wollte. Der Anfang war kein ermuthigender – abscheuliches Wetter das!

Er stand ungeduldig auf und trat zum zweiten Mal an die Oeffnung; vielleicht versprach der Himmel, sich aufzuklären, und gestattete ihm, weiter zu gehen. Im körperlichen Ausschreiten war ihm schon oft Muth in die Seele gekommen, und Entschlüsse, deren schwankende Umrisse sein Gemüth in dumpfer Enge fruchtlos hin und her geschoben hatte, pflegten sich ihm unter freiem Himmel wie von selbst zu formen.

Aber noch hatte sich das Bild da draußen um keinen Schatten verändert: unaufhörlich strömte der Regen, und grau in grau dehnte sich die Landschaft bis an den enggesteckten Horizont. Er preßte die klopfende Schläfe gegen den Rand der Luke. Erst nach geraumer Zeit sprang plötzlich der Wind um, peitschte flüchtig gegen die schlaffe Oberfläche des Meeres und fuhr wie unmuthig über den dunklen Himmel, dessen Wolken er mit unstätem Athem aus einander trieb, sodaß die Gewalt des Regens nachließ und endlich nur noch einzelne große Tropfen laut und hart auf das Dach der Hütte niederfielen.

Arndt horchte erregt auf das einförmige Geräusch; ihm ward zu Muthe, als durchbohrten jene Tropfen die Decke über seinem Haupte, als fielen sie eiskalt und unaufhörlich in seine Seele; unwillkürlich knüpfte er daran eine sonderbare Reflexion: diese beharrlich fallenden eisigen Tropfen erschienen ihm wie die kleinen und darum desto empörenderen Leiden eines nüchternen, unliebsamen Geschäftslebens, unter dem er lange genug gelitten.

Er biß die Zähne zusammen und lächelte spöttisch.

„Wen der Satan nicht im Gewühl der Welt packen kann, den faßt er in der Phantasie! Ich werde hier noch zum sündlichen Träumer,“ murmelte er, blieb trotzdem unbeweglich an der kleinen Luke stehen, aber mit kräftigem Willen bannte er allen Mißmuth und Kleinmuth aus dem Gemüthe.

Aufmerksam verfolgte sein Blick, wie die frische Ostbrise immer neckischer über die graue See zog und das Wasser zu tausend und aber tausend flüchtig schäumenden Wellchen aufwiegelte. Plötzlich entlockte ihm ein anmuthiges Zukunftsbild ein flüchtiges Lächeln, um ihn gleich darauf von Neuem in ernstes Nachdenken und – mehr als das – in ein ihm sonst völlig fremdes Ueberlegen zu werfen: sei es nun, wie es sei; mochte er nun im Stande sein, in neue Bahnen seines Berufes einzulenken oder nicht, warum sollte er nicht seine reifen Mannestage durch den herzerfreuenden Zauber eines holden Frauenlächelns verschönen?

Er hatte in seinem Leben ja viele und mancherlei Frauen gesehen. Die Hübschen waren oft dumm und eitel, die Klugen meist häßlich und hoffärtig gewesen, und zwischen ihm und den Besten hatte gar zu häufig von vornherein jene Scheidewand der „Verhältnisse“ gestanden, über welche wohl ein leicht beschwingter Traum hinfliegen mag, an der aber alle weiteren Erwägungen abprallen.

Nun war er vor Kurzem einer jungen Dame begegnet, mit welcher eine Verbindung für’s Leben ebenso vernünftig gewesen wäre, wie sie ihm angenehm und schön erschien. Erna Lepel war wohlhabend, heiter, witzig, voll anziehender Freundlichkeit und natürlichen Wesens. Sie hatte ein hübsches Zeichen- und Maltalent, zu dessen Ausbildung sie in die Residenz gekommen war und das auch ihn gelegentlich sehr interessirt hatte. – In ihrem gemeinsamen Bekanntenkreise war er nicht der einzige Mann, welchem sie gefiel, aber er glaubte bemerkt zu haben, daß die hübsche junge Dame von vornherein nur ihn auszeichnete.

Dennoch wunderte er sich heute früh, daß er, der kaum Freigewordene, überhaupt an eine dauernde Verbindung, gleichviel welcher Art, denken mochte: vielleicht liebte er das Mädchen wirklich – oder beruhten seine Wünsche auf einer mehr allgemeinen, [674] mehr selbstsüchtigen Regung; war es das dunkle Gefühl, daß er, der bisher nur für Andere gelebt hatte, nun auch ein Herz sein eigen nennen wollte, das für ihn lebte? Der lieblich bewegte Flammenschein des häuslichen Herdes gaukelte zuweilen in heiteren Bildern durch seine Seele.

Alles das gestand er sich auch jetzt. Und – mochte er nun Erna Lepel leidenschaftlich lieben oder nicht: – sollte das überhaupt nöthig sein ....? Ja, vielleicht war es gar nicht einmal wünschenswerth. – – –

Er hatte bisher noch nicht geliebt; – und höchstens seine Phantasie hatte sich einmal lange – es war wohl Jahr und Tag gewesen – mit einer Frau beschäftigt – – –

„Doch hinaus aus dieser hölzernen Hütte, diesem Gedankenkasten!“ unterbrach er sich selbst, indem er, beinahe lächelnd, die Wände der kleinen Strandhütte betrachtete. „Der Regen scheint endlich abzuziehen.“

Eben wollte er Plaid und Hut von der Wand nehmen, als sein Blick auf einen groß und leserlich an die Bretter verzeichneten Namen fiel. Daß der Eigenthümer desselben ein noch unreifer Knabe war, konnte man wohl daraus schließen, daß er mit leuchtendem Rothstift geschrieben und mit allerlei symbolischen Initialien und Endschnörkeln in kindlicher Weise verziert war.

Arndt stutzte und starrte einige Secunden auf die Wand.

Doch er war des Nachdenkens müde.

„Wer sich mit Räthseln abgiebt, dem wachsen die Räthsel entgegen wie Hydraköpfe!“ meinte er unwillig und trat in’s Freie hinaus. Aber seine Gedanken gewannen damit nicht sogleich eine andere Richtung.

„Curt Brandenburg!“ sagte er laut vor sich hin und beschrieb mit seinem Wanderstabe einige weite Kreise in der Luft. Dann schritt er mit willenskräftiger Eile, wie Jemand, welcher findet, daß er sich zu lange mit sich selbst aufgehalten hat, von Neuem vorwärts.

Im Süden theilte sich die letzte Wolkenmauer. Sonnenstrahlen fielen schräg über die Dünen auf den Sand; fern im Westen dämmerte der Wald hervor, und ein weiches, verlorenes Grün schimmerte lebenverkündend durch die graue See. Flüchtig wie ein eilender Bote des Lichts wurde es bald hier, bald dort sichtbar und schlängelte sich in tausend flüchtigen Formen durch die mit weißen Schaumkränzchen geschmückte Fluth.

Arndt dachte, indem er weiter schritt, an Curt Brandenburg und an dessen Mutter. Während er seinen Weg nicht ohne schließliche Anstrengung auf dem vom Regen noch weichen Sandboden fortsetzte, erwachte in ihm eine Erinnerung nach der andern.

Merkwürdig, daß er heute, nach Jahren, auf einer entfernten Insel den Namen des Knaben lesen mußte! Und noch dazu in dem nämlichen Augenblicke, da ein flüchtiger Gedanke das früher einmal so lebhaft von ihm erfaßte Bild von Curt’s Mutter gestreift hatte – jenes Bild, das mit allen seinen Reizen und seiner feinen Individualität ihn einst monatelang beschäftigt. Der Zufall hatte da ein wunderliches Spiel mit ihm, dem ernsten Manne, getrieben.

Doch jeder anhaltenden Träumerei durchaus ungewohnt, blieb jetzt Arndt auf einmal förmlich befremdet stehen: ihm war, als habe sich die Landschaft um ihn her wie mit einem Zauberschlage verändert; denn ganz mit seiner Innenwelt beschäftigt, hatte er jenes Ringen von Licht und Schatten, jenes Wallen und Ziehen am Himmel und auf Erden, kurz, alle jene drastischen Schönheiten des Uebergangs von einer Naturstimmung in die andere übersehen.

Der Himmel strahlte jetzt im reinsten Azurblau, und die kühn aufgebauten Wolken am Horizont leuchteten silberhell über die lachende See und schienen in selbstbewußter Heiterkeit die stolzen Leiber in die freien Lüfte hinauszurecken.

Die Dünenkette lag bereits weit zurück, und während die Sonne unten auf dem Meeresgrunde unermüdlich ihre feinmaschigen Goldnetze zog, so oft auch eine heranplätschernde Welle ihr dieselben wieder zerreißen mochte, floß das Licht über die hohen Uferwände, welche sich nunmehr zur Linken des Wanderers erhoben, in breiten, sanften Strömen, sodaß ihre feuchten, tiefschluchtigen Hänge auf den buntsteinigen Strand herabschimmerten, als wären sie mit weichem, stellenweise schön gefaltetem Sammet umkleidet.

Arndt legte die Arme fest in einander, reckte sich, tief aufathmend, in die Höhe und sah lange um sich. Ihm ward zu Muth, als tränke er in diesen Augenblicken einen feierlichen Verjüngungstrank.

Dann – nachdem er eine gute Weile so gestanden hatte – bog er in einen kleinen Fußpfad ein, welcher sich das hohe Ufer hinaufschlängelte, warf, oben angekommen, noch einen letzten Blick auf die weite, leuchtende Meeresfläche zurück und wandte sich schnell landeinwärts, um geraden Weges auf das kleine Stranddorf loszuschreiten, welches das nächste Ziel seiner Wanderung war.




3.

Im Speisezimmer des freundlichen Gasthofes zum „Schwarzen Seehund“ war es fast leer. Die meisten Badegäste, welche sich zur Zeit in dem Dörfchen aufhielten, dessen vornehmstes Local eben jener Gasthof war, hatten bereits früh zu Mittag gegessen, um ihren weiteren Tagesvergnügungen entgegenzueilen. So konnte sich denn die Sonne ungehindert auf dem schönen „eigengesponnenen“ Tischtuche breit machen, welches seiner ganzen Länge nach über der Haupttafel des Zimmers ausgespannt lag, obgleich nur noch an ihrem obersten Ende und zwar von einer einzigen Person gespeist wurde. Diese einzige Person war Herr Architekt Arndt, dem man hier nachträglich aufwartete und dem die Fürsorge der Wirthsleute nach seinem anstrengenden Marsche ganz ausnehmend wohl zu thun schien.

Der Wirth selbst, eine breitschulterige, ziemlich untersetzte Insulanergestalt, saß in unmittelbarer Nähe des Gastes rauchend am Fenster und sorgte für die Unterhaltung, so oft sich seine Frau entfernte, um ein frisches Gericht hereinzubringen. Er sprach wenig, aber seine Erscheinung war so originell, daß ein flüchtiger Blick auf dieselbe mehr Anregung und Zerstreuung bot, als ein stundenlanges Gespräch mit manchem Andern zu thun vermag: mit beiden Händen in den Hosentaschen, lag er mehr auf dem Stuhl, als daß er saß, und gab durch diese Haltung untrüglich zu erkennen, daß er vor Uebernahme des „Seehunds“ Schiffer gewesen war. Noch eigenthümlicher als seine nachlässige Stellung war sein höchst charakteristischer Kopf; jede Falte seines gelbbraunen, über und über runzligen Gesichtes verrieth einen ausgesprochenen Schifferhumor, und das dreist überlegene Lächeln seines breiten, etwas schief geschlitzten Mundes, sowie der lebhafte, halb schlaue, halb gutmüthige Ausdruck seiner Augen waren von besonderer Art.

Arndt hätte keine angenehmere Tischunterhaltung haben können, als den Anblick dieses Mannes, der größtentheils schweigend die „Honneurs“ machte und jeden beobachtenden Blick mit einem wohlgefälligen Blinzeln zurückgab, das nicht nur eine sehr ungenirte Gegenbeobachtung ausdrückte, sondern auch zu sagen schien: „Ick glöv woll, dat ick Die gefall! so ’nen Kierl as mie seh’n de Binnenländschen nich alle Daag.“

Redseliger als der Alte war offenbar die kleine blaubebrillte Wirthin, welche, sich einer „höheren“ Schulbildung erfreuend, ihrem neuen Gaste schon während der Suppe in sehr gespreiztem Hochdeutsch ihre eigene Lebens- und Familiengeschichte berichtet, sowie diejenige der verschiedensten Badegäste des Dorfes angedeutet hatte.

Soeben trat sie mit dem Braten ein, und Arndt erwartete mit ziemlicher Bestimmtheit nun auch den Namen „Brandenburg“ von ihr zu hören, als eine lebhafte Bewegung des Wirthes seine Aufmerksamkeit von der behende herantrippelnden Frau ablenkte.

„Rieken!“ sagte der Alte, mit dem Daumen über die Schulter fort nach draußen zeigend, ohne seine sonstige Stellung zu verändern.

Arndt sah hinaus und bemerkte, daß zwei nicht mehr junge Damen auffallend eiligen Schrittes am Fenster vorüber gingen.

„So hild (eilig) hebben de dat ümmer!“ fuhr der Wirth, zu Arndt gewandt, fort, schwieg dann wieder und blinzelte seinen Gast herausfordernd an.

„Wohnen die Damen hier bei Ihnen?“ fragte dieser mit der müßigen Neugier des Reisenden.

„Nein, aber sie nehmen hier ihre Mahlzeiten ein,“ erwiderte die kleine Wirthin, gewandt die Unterhaltung an sich reißend. „Und da sie schon so langjährige Kunden sind, Herr Architekt, nehmen wir Rücksichten und stellen das Essen warm, so lange es irgend gehen will. – Zuweilen freilich hat es große Bedenklichkeiten für eine Hausfrau, die doch stets –“

Die Zungenfertigkeit der gebildeten Rügianerin wurde kurz abgeschnitten; denn die Thür eines Nebenzimmers öffnete sich hastig, [675] und die beiden Damen trabten rasch hinter einander ein. Die voranschreitende nickte kurz dem Wirth und der Wirthin zu, warf von unten herauf einen beobachtenden Blick auf Arndt und sagte dann sehr vernehmlich: „Guten Tag!“, worauf auch die nachfolgende Dame in etwas zerstreutem Ton und mit einer auffallend tiefen, aber nicht unschönen Stimme die Anwesenden grüßte; dann schritten Beide in ungewöhnlicher Geschwindigkeit auf ein Nebentischchen zu, an welchem bereits für sie gedeckt war.

Es machte Arndt zunächst den Eindruck, als fühlten sich die Damen durch ihn irgendwie in ihren Rechten beeinträchtigt – vielleicht, weil sie sonst um diese Tageszeit hier im Speisezimmer die Alleinherrschaft zu haben pflegten und gerne ungestört waren, vielleicht auch nur, weil neben ihm weit aufgeschlagen das Unicum einer Gasthauszeitung lag, welches er vorhin ihrem Tischchen entnommen hatte.

Indessen verspürte er keine Lust, ihnen in irgend einer Weise zu weichen, und verzehrte mit völliger Muße seinen Braten, während die Wirthin hinauseilte, um alsdann mit vollen Tellern und überströmendem Redestrome zurückzukehren und die Damen zu bedienen. Ihr Mann sah inzwischen mit behaglicher Pfiffigkeit zu den beiden Damen hinüber, welche eifrig einige Worte mit einander flüsterten.

Arndt betrachtete die Letzteren mit jenem Gemisch von Neugier und Gleichgültigkeit, das man in öffentlichen Gastzimmern seinen Mitspeisenden gegenüber zu empfinden pflegt. Es schien ihm unzweifelhaft, daß Beide Schwestern waren; denn die höchst schlichte, aber geschmackvolle Kleidung der Einen sah derjenigen der Anderen zum Verwechseln ähnlich; auch waren sie Beide in gleicher Weise tief brünett und hatten die nämlichen ausgesprochen kräftigen Bewegungen.

Trotzdem mußten sie sehr verschiedenen Charakters sein; denn in den ziemlich regelmäßigen Zügen der etwas Jüngeren lag eine versteckte weibliche Anmuth, und ihre etwas melancholischen großen, braunen Augen verriethen, wenn sie einmal schnell vom Tischtuch aufblickten und zur Schwester hinübersahen, eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit. Von alledem zeigte das Gesicht der Aelteren, welche annähernd fünfzig Jahre zählen mochte, keine Spur; es hatte auf den ersten Blick etwas Trockenes, ernsthaft Entschlossenes, sah man aber aufmerksamer in die kleinen schwarzbraunen Augen, so blitzte darin ein ungewöhnlich scharfer Mutterwitz, der eine warme Herzensgüte mehr zu verdunkeln als auszuschließen schien.

Der Wirth, welcher Arndt’s Blicken gefolgt war, nahm wieder einmal das Wort, sprach aber diesmal etwas leiser, obgleich die Damen drüben mit seiner Frau redeten.

„Jung nich – hübsch ock nich – äwer pläsirlich,“ sagte er schmunzelnd.

„Wenn Sie sich selbst meinen, Herr Putbrese, so paßt Ihre Schilderung allerdings auffallend,“ antwortete Arndt lachend.

Der Alte grinste verständnißvoll.

„De nähmen mie nix äöwel,“ entgegnete er selbstbewußt. „Jä,“ fuhr er dann fort und verzog den Mund noch mehr als gewöhnlich, „blos üm mie sünd f’ nu all vier Manden hier – jä, jä!“

Dann stand er auf, wankte auf die Damen zu und fragte auf seine Weise nach ihrem Befinden und den Thaten des Vormittags. Die Schwestern antworteten mit vielem Humor, und die jüngere, welche sich sofort bei Putbrese’s Annäherung lebhaft in die Höhe gerichtet hatte, that es der älteren fast noch zuvor, als sich jetzt an dem Tischchen eine Unterhaltung zu Vieren entspann; ja, in dem ihr eigenthümlichen tiefen Basse ließ sie sogar von Zeit zu Zeit ein herzhaftes Lachen ertönen.

Arndt hatte sich in seine Zeitung vertieft und auch wohl gelegentlich einen belustigten Blick über die stark in Kreidefelsen und Grasgrün gearbeiteten Wandgemälde des Zimmers gleiten lassen, behielt dabei aber Aufmerksamkeit genug für die kleine Gruppe, um bald dem Gespräche zu entnehmen, daß beide Damen Malerinnen waren.

Nach einiger Zeit trat der Wirth wieder zu ihm heran.

„Jä,“ sagte er, mit seiner gewöhnlichen Daumenbewegung nach rückwärts auf die Damen deutend: „Sie glöben mie ’t woll nich?“

„Was?“ fragte Arndt und blickte unwillkürlich zum Fester hinaus, unter welchem soeben ein Schatten vorüberhuschte.

„Na nu!“ meinte der Alte und sah sich gleichfalls um, kehrte aber sofort wieder den Blick in’s Zimmer zurück. Dann kniff er das eine seiner weiten Schlitzaugen vollständig zusammen und sagte ziemlich laut:

„Jä, wat de Jüngste is, de het ’ne ‚unglückliche Leidenschaft‘ för mie – hähä!“

„Wen wollen Sie eigentlich zum Besten haben, Herr Wirth, sich oder mich?“ fragte jetzt Arndt, mehr ungeduldig als amüsirt.

„Na, na, man ümmer sachting (langsam),“ grinste der Alte. „Jä, jä, dat sünd so’n Saaken (solche Sachen).“

Dann zog er launig die Schultern auf und nieder und setzte sich wieder auf seinen Fensterplatz zurück.

Aber Arndt beachtete ihn nicht mehr; denn soeben war in der Thür des Nebezimmers ein blonder, ungefähr neunjähriger Knabe erschienen, der, ohne sich weiter umzusehen, schnell auf die beiden Malerinnen zuging.

„Na ja! Das wußt’ ich ja,“ sagte er. „Guten Tag! Es ist schrecklich heiß draußen.“

„Was wußtest Du?“

„Daß Ihr mit Eurem Mittagessen noch nicht fertig seid.“

„Du entschuldigst wohl, Curt,“ sagte die jüngere Dame lachend, „wenn wir uns im Essen nicht stören lassen?“

„Meinetwegen könnt Ihr so lange essen, wie Ihr wollt. Das alte Gemale ist das Langweiligste auf der ganzen Welt.“

„Du bist ja recht höflich. Willst Du nicht Platz nehmen?“

„Muß man höflich sein, wenn man …“ sprudelte der Knabe feurig heraus, brach dann aber kurz ab und setzte sich neben die ältere Schwester.

„Nun? Wenn man –“ fragte diese trocken.

„Ach! ich meine … wenn man sich ‚Du‘ nennt?“

Diese Worte warf der Junge gleichsam hastig hinter den Anfang seines Satzes her, und es schien fast, als ob sie ihn innerlich verlegen gemacht hätten; denn er lächelte, während er sprach, und fing gleich darauf an, mit großem Ernst eine Scheibe trockenen Brodes zu verzehren.

Arndt hätte gern ihn noch länger unbemerkt aus der Entfernung beobachtet, aber er fürchtete, die Damen möchten, wenn er mit seiner Annäherung zögerte, aufbrechen, bevor er sich genähert. So erhob er sich denn schnell und trat auf das Nebentischchen zu. Einen Augenblick stutzte Curt, aber nur einen Augenblick.

„Ah!“ rief er dann und flog vom Stuhl in die Höhe.

„Ja, wir sind alte Freunde,“ sagte Arndt. „Verzeihen Sie, meine Damen! Mein Name ist Arndt – Architekt Arndt.“

Die ältere der Damen erhob sich.

„Auguste Lappe!“ sagte sie mit Würde und setzte sich auf der Stelle wieder nieder. Dann hustete sie kurz an, zeigte auf ihre sich nur ein wenig erhebende Schwester und fügte hinzu: „Adelheid Lappe! Wir können wirklich nichts dafür!“

„Ich kenne auffallendere Namen,“ erwiderte Arndt etwas lächelnd, aber höflich.

„Das tröstet mich,“ sagte die eigentümliche Ceremonienmeisterin, ohne eine Miene zu verziehen.

„Aber schön ist es nicht, Lappe zu heißen, man denkt dabei an waschlappige Leute, an ganz andere Menschen, als Ihr seid!“ rief Curt eifrig dazwischen, während die beiden Malerinnen die Erscheinung des fremden Architekten einer halb scheuen, halb energischen Prüfung unterwarfen.

Arndt hielt noch immer die Hand des Knaben, der so aufgeregt zu ihm emporblickte, als wisse er vor lauter auf ihn einstürmenden Gedanken nicht, wo er anfangen sollte zu reden.

„Also, Du hast mich wirklich wieder erkannt, mein Sohn? Spielst Du denn noch fleißig Ball?“ begann Arndt.

„Gewiß nicht!“

„Schade! – Du bist wohl zu groß dazu geworden?“

„Nein, aber zu alt. Groß bin ich nicht. Sehn Sie nicht, daß ich ein Knirps bin?“

„Nein; das sehe ich wirklich nicht, aber ebenso wenig wäre mir Dein hohes Alter aufgefallen.“

„Meinetwegen können Sie lachen,“ sagte der Knabe. „Aber ich bin doch zu alt, um Ball zu spielen. Lachen Sie nur! Meine Mutter würde nicht darüber lachen; die ist ernsthaft, Herr Arndt.“

„Deine Frau Mutter konnte doch früher so schön lachen?“ fragte Arndt.

„Das kann sie auch noch!“ antwortete der Knabe. Dann sah er plötzlich zu Arndt auf und blickte ihn mit großen, wunderlich leuchtenden Augen trotzig an.

[676] „Aber ernsthaft ist sie doch,“ fügte er mehr unwillkürlich, als absichtlich hinzu; denn er wurde gleich darauf unruhig und fragte lebhaft: „Sie … woher kennen Sie denn meine Mutter?“

„Das kann ich Dir sagen; ich habe sie von meinem Garten aus reden und lachen hören, als ich Euer Nachbar war. – Doch jetzt, mein Knabe, will ich Dich nicht länger aufhalten“

Die Damen erhoben sich rasch, als hätten sie längst unwillig auf diese Aeußerung gewartet.

„Ich habe auf acht Tage bei Herrn Putbrese Quartier genommen und hoffe, wir setzen hier unsere Berliner Bekanntschaft fort,“ fügte er noch eilig hinzu. „Wo wohnst Du denn?“

„Wir wohnen nicht hier; wir wohnen im andern Dorf.“

„Diese Dörfer sind nämlich Zwillingsdörfer,“ warf Auguste ein.

„Und ich quäle ihn, jeden Nachmittag zu mir zu kommen,“ erklärte Adelheid. „Wir bilden uns ein, unser Freund Curt wird einmal ein großer Mann werden, und da möchte ich gerne sein Kindergesicht unsterblich machen – ihn malen.“

„Es wird eine Ueberraschung für meine Mutter,“ seufzte Curt mit ehrlichem Abscheu.

„Ja, das hilft Dir nichts, Curt; die Unsterblichkeit wird immer theuer erkauft,“ tröstete Adelheid.

„Sie sind also Portraitmalerin, mein gnädiges Fräulein?“

„Ja, meine Schwester ist Malerin!“ antwortete Auguste statt der Gefragten; sie sagte es mit mütterlichem Stolze.

„Sind Sie auch Malerin, gnädiges Fräulein?“

„Natürlich – ich auch.“

„Natürlich?“

„Sie kennen das also nicht? Das Malen ist ansteckend. – In Berlin ist es epidemisch.“

Arndt und Adelheid lachten herzhaft.

„Wenn die Damen erlauben, werde ich Ihnen meinen Besuch machen,“ sagte er. „Das Portrait meines jungen Freundes interessirt mich. Ich darf es doch sehen?“

„Es ist noch nicht fertig,“ beeilte sich Adelheid ängstlich hervorzuheben

„Fürchten Sie nichts, mein gnädiges Fräulein! Ich verspreche, mich auch im Stillen jedes voreiligen Urtheils zu enthalten. Darf ich kommen?“

„Gegen fünf!“ vermittelte Auguste, „dann wird das Atelier aufgehoben“

„Aber, wie gesagt, das Bild ist noch nicht fertig!“ betonte Adelheid noch einmal.

Arndt schien es zu überhören

„Auf Wiedersehen!“ sagte er und schüttelte Curt herzhaft die Hand; dann empfahl er sich auch den Damen.


4.

Es war zwei Stunden später und genau um die angegebene Zeit, als der Architekt Arndt bei den Malerinnen erschien.

Wie erlöst, sprang Curt von seinem Portraitirsessel in die Höhe, als der Gast auf Augustens „Herein!“ das Zimmer betrat.

„Einen Augenblick noch!“ bat Adelheid, nachdem sich beide Damen gegen den Eintretenden verbeugt hatten.

„Curt, Du mußt noch einen Augenblick still sitzen.“

Arndt blieb im Hintergrunde des Zimmers stehen und trat vor das wirklich meisterhaft gemalte Bild des alten Putbrese, das dort auf einer Staffelei aufgestellt war.

„Ausgezeichnet!“ rief er. „Ein in’s Nordische übersetzter Silen.“

Adelheid ließ Palette und Pinsel freudig sinken. Diesen günstigen Augenblick benutzte aber Curt – mit einem Sprunge hatte er seinen Sitz verlassen, und nun stand er neben Arndt.

„Herr Arndt bewundert Tante Adelheid’s unglückliche Liebe,“ rief er ausgelassen.

Adelheid war ganz roth geworden. Die kindische Wiederholung eines offenbar familiären Scherzes vor fremden Ohren schien sie einen Augenblick heftig zu ärgern.

Aber die Freude, welche ihr Arndt’s Bewunderung gewährt hatte, hob sie schnell über jede kleinliche Empfindung hinweg.

„Es freut mich, daß Sie ihn ähnlich finden,“ sagte sie, rasch hinter den Architekten tretend. „Es ist das zweite Mal, daß ich den originellen Wirth vom ‚Schwarzen Seehund‘ portraitire, und es ist nicht leicht, das Gemisch von Gutmütigkeit und Schlauheit herauszubringen, das unsern Freund charakterisiert, nicht leicht, es auf diese breite Gesichtsfläche zu vertheilen.“

„Das kann ich mir denken,“ bestätigte Arndt; „denn beide Eigenschaften müssen so auch wieder in selbstständiger Prägnanz hervortreten. – Und,“ fuhr er, immer auf das Bild blickend, fort, „dabei ist der Kerl auch eitel – ganz abnorm eitel! Er kokettirt mit seinen nachlässig hingeworfenen plattdeutschen Brocken wie nur Einer. – Ein Elementarmensch mit den natürlichen Keimen zu allen conventionellen Sünden!“

Adelheid hatte ihre bisherige Zurückhaltung gegen Arndt plötzlich überwunden. Es hatte für den Architekten etwas halb Rührendes, halb Komisches, wie sie voll ernster Andacht zu dem Bilde des wunderlichen alten Kauzes aufsah und ausführlich in einer sonderbar begeisterten Weise mit ihm über dasselbe sprach.

Beide wurden erst von ihrem Thema abgelenkt, als Auguste sich an Arndt wandte.

„Verzeihen Sie, Herr Architekt – wir müssen jetzt aufbrechen. Wir unternehmen mit mehreren Damen und Herren eine Segelpartie. Wollen Sie sich der Gesellschaft anschließen?“

Arndt nahm die freundliche Einladung mit großer Bereitwilligkeit an.

„Tante Auguste, mein Hut! Wo hast Du meinen Hut hingelegt?“ rief jetzt plötzlich Curt. „Ich muß fort; sonst komm’ ich zu spät.“

„Hier, mein Junge!“ erwiderte das Fräulein, indem sie auf den auf einem Stuhle liegenden Hut wies. „Amüsirt Euch gut! Grüß’ auch Deine Mutter!“ –

Arndt fühlte sich auf einmal außerordentlich ernüchtert: Also Frau Brandenburg und ihr Sohn machten eine andere Partie? Das hatte er nicht erwartet – schade in der That, sehr schade!

„Kommt Deine Mutter Dir entgegen?“ fragte Adelheid.

„Ja, bis an’s hohe Ufer.“

„Adieu, Curt!“ sagten die beiden Damen. „Erinnere sie daran, daß wir sie übermorgen erwarten!“

„Und mich empfiehl Deiner Frau Mutter!“ warf der Architekt ein. „Unbekannter Weise! Hörst Du, mein Sohn?“

„Gar nicht unbekannt! Ich hab’ ihr früher tausendmal von Ihnen erzählt!“ rief der Junge zurück und erwiderte feurig Arndt’s Händedruck. Dann schoß er eilfertig davon.

Adelheid sah ihm vom Fenster aus nach und Auguste bemerkte:

„Ein verrückter Brausekopf! – nur seine Mutter vergißt er niemals. – Er hat uns auch erzählt, wie er mit Ihnen bekannt geworden ist.“

Nicht wahr, ein hübsches kleines Erlebniß inmitten der Großstadt, wo man sonst vor lauter Lärm nichts zu erleben pflegt, selbst wenn man die Zeit dazu hätte? – Und jetzt erlauben Sie ... ich interessire mich ungewöhnlich für diesen ‚verrückten Brausekopf‘ – –“ und damit trat Arndt vor Curt’s Portrait.

„Wir sind gleich wieder da,“ sagte Auguste und verließ mit ihrer Schwester das Zimmer.

[693] Arndt blieb inzwischen unruhig zurück und sah halb zerstreut, halb gefesselt auf Curt’s ganz vorzüglich ähnliches Portrait, welchem seiner Meinung nach nur noch sehr wenige unbedeutende Pinselstriche bis zur Vollendung fehlen konnten.

Einige Minuten später traten die zur Segelfahrt gerüsteten Schwestern wieder ein, und Arndt schloß sich ihnen, seinem Versprechen gemäß, an.

Er blieb den ganzen Tag nach einer bestimmten Richtung hin enttäuscht, weshalb seine Unterhaltung zuweilen eine leichte Schärfe annahm, die von der Gesellschaft der Segelpartie dermaßen geistreich gefunden wurde, daß man ihn einstimmig für „entzückend“ erklärte. Niemand von der Gesellschaft, mit alleiniger Ausnahme der beiden Malerinnen, schien zu bemerken, daß die Anwesenden selbst den Pfeilen feines scharfen Witzes als Schleifstein und zugleich als Zielscheibe dienen mußten.

Doch es war eigen – Arndt’s Verstimmung schwamm gleichsam nur auf der Oberfläche seines Gemüths: daß er enttäuscht war, ärgerte ihn, aber daß er es noch sein konnte, war ihm neu und an sich selbst interessant.

Wäre Henriette Brandenburg heute Nachmittag wirklich von der Partie gewesen, er würde ihr mit lebhaften Erwartungen und besonderer Aufmerksamkeit, aber doch ohne innerste Erregung entgegengetreten sein; daß sie es zufällig nicht war, erhöhte plötzlich ihren fremdartigen Reiz, und er konnte es nicht hindern, daß seine Phantasie ihr Nichterscheinen mehr und mehr mit einer geheimnißvollen, ja gewissermaßen absichtlichen Zurückhaltung zu motiviren versuchte. Dies machte ihn nur noch begieriger, sie kennen zu lernen, und eine so ausgesprochene Spannung drängte sich durch sein Empfinden, daß er sich nicht genug über sich selbst wundern konnte.

Zum zweiten Male an diesem Tage meinte er, Rügen habe ihn eigenthümlich verjüngt – und wie im Traume zogen Felsen, Wälder, Fluthengekräusel, fremdes Menschengeschwätz und eigene Worte an ihm vorüber. – –

Als die ersten Sterne heraufdämmerten, lief das Segelboot wieder in den Hafen des Stranddörfchens ein, und einige Minuten später schritt Arndt an der Seite der Schwestern durch die lange Hauptstraße des kleinen Ortes.

„Sie haben sich ein großes Verdienst um die Partie erworben,“ sagte Auguste.

„Es schien mir auch so,“ meinte Adelheid, und ihr tiefes Lachen klang angenehm an Arndt’s Ohr.

„Wie so?“ fragte Dieser. „Die Damen wollen mich doch hoffentlich nicht jetzt entgelten lassen, was ich soeben auf dem Wasser verbrochen habe?“

„Nein, durchaus nicht!“ erwiderte die Portraitmalerin. „Wir bedanken uns ganz ernsthaft dafür, daß Ihr Witz uns heute über Wasser gehalten hat.“

„Ja,“ warf wieder Auguste ein; „wenn wir hier Jemanden zu etwas auffordern, kann er sicher sein, daß es aus Egoismus geschieht. Ich wußte ganz genau, welchen Ballast an Dummheit wir heute Nachmittag laden würden“

„Sie sind keine von den schlimmsten Egoistinnen, mein gnädiges Fräulein, da Sie Ihre Karten so ehrlich aufdecken, und damit Sie sehen, wie wenig ich mich vor Ihnen fürchte, möchte ich um die Erlaubniß bitten, Sie dieser Tage wieder aufsuchen zu dürfen.“

„Aber bitte, nicht vor übermorgen! Uebermorgen wird Curt’s Bild fertig,“ sagte Adelheid.

„Uebermorgen – wie Sie befehlen!“

Arndt verabschiedete sich höflich von den Damen.

„Ein merkwürdiger Zufall!“ meinte die jüngere Malerin auf dem Reste des Heimweges. „Merkwürdig in der That! Du weißt, ich habe kein gutes Namengedächtniß, aber die Beschreibung paßt genau. Erinnerst Du Dich nicht, Auguste, daß Frau Lepel schrieb, mein Pathchen, Erna, interessire sich für einen Architekten? Und ich meine wirklich, er hieß Arndt. Wenn unser Arndt von heute nun wirklich der Arndt der Frau Lepel wäre, derselbe Arndt – ich meine doch, das wäre in der That ein merkwürdiges Zusammentreffen.“

Das Für und Wider dieser Frage wurde von beiden Schwestern heute Abend noch lange debattirt, den ganzen Heimweg lang, bis über die Schwelle ihres Zimmers hinweg, beim Schlafengehen und fast bis in den Schlaf hinein.



5.

Im benachbarten Stranddörfchen saß indessen Henriette Brandenburg noch wachend am Bette ihres Sohnes.

„Mutter,“ bat der Knabe, „geh’ noch nicht fort! Ich kann nicht einschlafen.“

„Aber sprich nicht mehr, Curt! Du wirst immer munterer,“ sagte Henriette und fuhr leise mit der Hand über seine Stirn.

[694] Da faßte der Knabe plötzlich ihren Arm und hielt ihn mit heftiger Leidenschaft fest, sodaß ihre Hand auf seinem Gesichtchen ruhen blieb.

„So ist’s schön,“ flüsterte er, und einige Minuten lang war es so lautlos still in dem kleinen dunklen Gemache, daß man deutlich unter den Fenstern das Anschlagen der See gegen das nahe Ufer vernehmen konnte; es klang unruhig träumerisch, bald leise flüsternd, bald voll aufrauschend.

Und ähnlich wie draußen die vom Halbschlummer der Natur umsponnenen Wellen mochten hier die Gedanken in einem Kindeshaupte auf- und abwogen.

„Mutter!“ rief der Knabe, als wäre er auf einmal aus dem Traume erwacht, „wie ist das? Ich las in dem Buche von Indien, die alten Brahmanen hätten geglaubt, das, was jetzt ist, die Welt und die ganze Erde, sei viel schlechter, als das Nichts, das vorher war; deshalb sagten sie: Brahm, ihre große Weltseele, schliefe jetzt und hätte früher gewacht. Mutter! und nun kann ich nicht einschlafen. Immer, wenn ich die Augen zumachen will, muß ich denken: ,Brahm schläft! Brahm schläft!‘ und immerzu: ‚Brahm schläft!‘ Mutter! und dann muß ich immer denken, Alles, was Du sagst und was ich sage, und was wir sehen und hören, das sind auch Alles bloße Träume. – O Mutter, Mutter, wenn der liebe Gott nicht schliefe, ließe er gewiß nicht so viel Unglück zu. Siehst Du?“

Henriette’s Hand, welche noch immer auf dem Haupte des Knaben lag, der sich jetzt hoch im Bette aufgerichtet hatte, zitterte.

„Du ängstigst Dich oft recht unnöthig, mein Sohn,“ sagte sie sanft. „Die alten Brahmanen dachten sich die Dinge anders, als sie sind. Gott schläft nicht. Wir brauchen gar nicht weit zu denken; wir wollen bei uns stehen bleiben. Hätte es Gott wohl klüger und besser machen können, als er es mit uns Beiden gemacht? Wenn ich nun nicht Deine Mutter geworden wäre, dann hättest Du Niemanden auf der weiten Welt, und wenn Du nicht mein Sohn geworden wärest, dann hätte ich auch …“

„Ja, ja,“ fiel der Knabe ein, „dann hättest Du auch Niemanden. Aber dann hättest Du vielleicht Jemand Andern – einen Mann, Mutter, der –“

„Nein, mein Sohn, den hätte ich nicht – und wenn Du erst groß bist, Curt, dann – –“

„Ja – ich freu’ mich auch auf’s Großsein,“ antwortete der Knabe lebhaft, „groß sein, ist noch mal so schön! – Herr Arndt, Mutter, das ist ein prächtiger Mann; Du sollst mal sehen. – Ich kannte ihn auch auf der Stelle wieder.“

Henriette lächelte dankbar; es war ihr wieder einmal gelungen, den erregten Geist des Knaben ohne Gewalt in das natürliche Bett kindlicher Enge zurückzudrängen. Als sie ihn nach einigen Augenblicken gleichmäßig athmen hörte, faltete. sie unwillkürlich die Hände und blieb noch eine Weile in Gedanken vor ihm sitzen. „Schlafe! Was willst Du mehr?“ flüsterte sie dann über seinem Haupte und erhob sich leise.

Sie trat an’s Fenster und horchte auf die gedämpfte, immer mehr und mehr in ein verworrenes Geplätscher übergehende Nachthymne der Natur.

„Brahm schläft!“ sagte sie unbewußt, dann aber schüttelte sie den Kopf und warf wie in plötzlichem Drange die Arme über das Haupt empor. „Nein, nein!“ flüsterte sie – „die Welt ist schön – und das Leben ist gut – wenn man nur will – und es glaubt.“ – – –

Um dieselbe Stunde – es war schon gegen Mitternacht – ging Arndt auf dem dunklen Strandwege zwischen den beiden benachbarten Dörfchen auf und ab.

„Uebermorgen!“ sagte er leise vor sich hin. „Uebermorgen!“ Er hatte wohl über zwei Stunden in seinem engen Wirthshauszimmer gesessen, indem er anfangs ein Werk über Norwegen vorgenommen, dann aber das Buch bei Seite geschoben und allerlei phantastische Zeichnungen zu einem „Schloß am Meere“ hingeworfen hatte.

Dabei war ihm das Schloß so mächtig vor die Einbildungskraft getreten, daß er noch hinausgehen und sich an Ort und Stelle ausmalen mußte, wie sich die mächtigen Strebepfeiler am Rande des steilen Ufers erheben und voll Trotz in die düster wallende See hinabsehen würden, gleichsam als sprächen sie zu den dumpf emporhallenden Wogen: Mächtig seid ihr, ihr Wellen, mächtig ist die Natur – aber mächtiger ist der Geist des Menschen in Wollen und Vollbringen.

„Man muß an sich glauben,“ sagte Arndt zu sich selbst, „sonst bleibt man ein Stümper. Glauben muß man wie die Kinder – und thun wie die Kinder. Denn wer ist thätiger als sie? Aufbauen, nur aufbauen und meinen, es hielte für die Ewigkeit. Mit einem Worte, man muß jung sein!“

Sicher wie am Tage schritt er immer weiter, am dunklen Ufer entlang. Seine Glieder waren noch rüstig und frisch, aber seine Phantasie wurde nachgerade träger, und wie eine versteckte Melodie rauschte ihm von Zeit zu Zeit das Wort „übermorgen“ aus den träumerische Variationen des Wassers auf.

Dann blieb er stehen und lächelte wegwerfend.

„Weiß Gott, Reisen wird eine Untugend, wenn man dabei sich selbst verzettelt,“ meinte er endlich. „Es geht mir mit dem Reisen wie den armen Schluckern, die lange nichts Gutes aßen, mit einem gehaltvollen Diner – sie vertragen es schließlich nicht mehr.“

Damit kehrte er entschlossen um und begab sich endgültig auf den Heimweg. –



6.

Curt’s Portrait war fertig. Der ungeduldige Junge hatte nach der letzten Sitzung das Weite gesucht, um seiner Mutter entgegen zu gehen, welche heute das vollendete Bild in Augenschein nehmen sollte. Arndt war mit den beiden Schwestern vor der Staffelei zurückgeblieben.

„Ich habe immer das Gefühl,“ sagte er, „als müßte sich dieser große, schön geschweifte Mund in der nächsten Secunde aufthun, um entweder das allernaivste Kindergeplauder oder irgend ein tiefsinniges, überreifes Wort hören zu lassen; mehr kann ich nicht sagen.“

Adelheid schwieg, war aber in fortwährender Bewegung vor dem Bilde, indem sie bald einen Schritt vorwärts, bald einen zurück trat, um die Wirkung des Portraits auf die verschiedenen Entfernungen hin zu prüfen; Auguste stand indessen in stummer Befriedigung auf einem und demselben Flecke und betrachtete das Bild ihrer Schwester von der Tiefe des Zimmers aus.

„Es muß eine höchst eigenthümliche Lebensaufgabe sein, diesen Knaben zu erziehen,“ nahm Arndt nach einer Weile wieder das Wort und zwar mit einem Blick auf Adelheid.

„Ja, ich würde dieser Aufgabe nicht gewachsen sein,“ sagte diese nachdrücklich.

„Frau Brandenburg ist früh Wittwe geworden, wie ich den Aeußerungen des Knaben entnommen habe,“ fuhr Arndt in halb fragendem Tone fort.

Doch Adelheid schien ihn diesmal zu überhören; denn sie trat vor das Bild und rückte die Staffelei, auf der es stand, mehr in die Mitte des Zimmers, ohne zu antworten.

„Ja, sie war erst einundzwanzig Jahre, als Professor Brandenburg starb,“ erwiderte Auguste an Stelle der Schwester.

„Ich kenne kein interessanteres Kind,“ bemerkte Arndt von Neuem. „Sieht der Knabe seiner Mutter ähnlich?“

„Das wissen wir nicht. Wir haben seine Mutter nicht gekannt,“ sagte wieder Auguste. „Die jetzige Frau Professor Brandenburg ist seine Stiefmutter. Sie haben sie ja wohl in Berlin schon gesehen?“

„Nur flüchtig und aus der Entfernung.“

„Nun, dann werden Sie in den nächsten Minuten den Vorzug haben, sie in der Nähe zu sehen.“

„Kennen Sie die Dame schon längere Zeit, mein gnädiges Fräulein?“

„Wie man’s nehmen will; wir kennen sie seit ihrer Kindheit. Wir kennen die Leute immer seit ihrer Kindheit, Herr Architekt,“ fügte sie lächelnd hinzu.

„Unter Umständen eine große Vergünstigung,“ meinte Arndt ebenfalls lächelnd.

„Wir finden das auch, und in diesem Fall gewiß. Nicht wahr, Adelheid?“

„Ja, gewiß,“ sagte diese flüchtig, begann eifrig ihre Pinsel zu waschen und verließ gleich darauf, als muthe diese Wendung des Gesprächs sie nicht an, das Zimmer.

„Ihr Fräulein Schwester scheint nicht gern von Frau Professor Brandenburg zu reden,“ bemerkte Arndt. „Ich bitte um [695] Entschuldigung, wenn ich irgendwie indiscret gefragt habe. Ich war mir dessen nicht bewußt.“

Auguste legte die Arme in einander und lehnte sich mit dem Rücken ungenirt gegen die Wand.

„Sie müssen sich über so etwas nicht wundern,“ sagte sie trocken. „Meine Schwester würde eher sich selbst rühmen, als ihre Freunde.“

„Ein feiner Zug!“ sagte Arndt mit lebhafter Ungezwungenheit und fragte dann, plötzlich in einen gleichgültigeren Unterhaltungston übergehend, ob denn auch Fräulein Auguste selbst mit der jetzigen Frau Professor Brandenburg befreundet sei.

„Etwas,“ antwortete die Malerin, und der kleine satirische Lachteufel, welchen Arndt schon an ihr kannte, sprühte wieder einmal aus ihren Augen.

Er bemerkte ihn auch diesmal wohl und fixirte sie einen Augenblick scharf.

Sein Blick schien sie zu amüsiren; denn sie schwieg eine Weile hartnäckig.

„Sie wundern sich schon wieder,“ sagte sie dann gelassen. „Ich bin eben der Schatten meiner Schwester. Haben Sie das noch nicht bemerkt? – Alles, was sie sehr ist – bin ich folglich nur etwas.“

„Dann müßte sich nach den Gesetzen der Logik das Verhältniß auch umkehren lassen – Ihr Fräulein Schwester also sehr paradox sein – und daran glaube ich, offen gestanden, nicht. Das möchte ich eher ....“

„Das möchten Sie eher mir zuschreiben?“

„Ich muß Ihrem Scharfsinn einräumen, daß Sie richtig gerathen haben,“ war Arndt’s belustigte Antwort. „Aber jetzt sollten Sie Ihr Versprechen erfüllen und mir auch Einiges von Ihren eigenen Malereien zeigen – ich bitte darum, mein gnädiges Fräulein.“

„O gern, außerordentlich gern!“ sagte Auguste und führte in gewisser Reihenfolge ihre während dieses Sommers entworfenen, theils noch sehr unfertigen landschaftlichen Oelskizzen vor, welche Arndt genau so anziehend und genau so barock wie die Künstlerin selbst fand.

Diese war mit eigenthümlichem Lächeln seiner Betrachtung und seinen Aeußerungen gefolgt. Plötzlich sagte sie ohne jeden scheinbaren Zusammenhang:

„Sie interessiren sich also auch für Curt’s Mutter?“

„Gewiß; wen der Knabe interessirt, dem kann natürlich die Mutter nicht gleichgültig sein. Ich wußte übrigens bisher nicht, daß die jetzige Frau Professor Brandenburg nur die Stiefmutter Curt’s ist.“

„Mir scheint, daß sie das nur interessanter macht,“ bemerkte Auguste. „Man findet es sonst schon erstaunenswerth, wenn Frauen überhaupt einen Charakter haben,“ fuhr sie dann halb ernsthaft, halb ironisch fort; „aber wenn sie einen solchen Charakter haben, wie Henriette Brandenburg, und nicht emancipirt sind – nun, dann ist es wirklich ein Wunder. Meine Schwester würde für Frau Brandenburg durch’s Feuer gehen.“

„Und Sie?“

„Ich – natürlich auch; ich bin ja ihr Schatten, wie Sie wissen.“

Arndt sah die sonderbare Sprecherin prüfend an.

„Warum zeigen Sie für gewöhnlich so viel weniger Gefühl, als Sie besitzen?“ fragte er lächelnd.

„Aus Bequemlichkeit!“ war die schlagfertige Antwort.

„Eine Maske denke ich mir unter allen Umständen unbequem.“

Auguste räusperte sich.

„In der Architektur maskirt man auch,“ meinte sie und streifte Arndt’s Gesicht mit einem anscheinend ganz unschuldigen Blick.

Was war das? Bildete sich dieses originelle, alte Mädchen ein, er habe mehr, als ein allgemeines Interesse ....?

Er sah mit einem Aufblitzen selbstbewußter Sicherheit zu ihr hinüber und nahm dann gewandt den hingeworfenen Scherz auf.

Man?“ sagte er, „ja, mein gnädigstes Fräulein, man ist allerdings der ärgste Sünder auf der Welt. Und ich habe gar nichts dagegen, wenn ihm auch in der Architektur die infamste Charlatanerie aufgepackt wird.“ –

In diesem Augenblick erklang Curt’s Stimme auf dem angrenzenden Flur, und gleich darauf trat er in Begleitung seiner Mutter in’s Zimmer.

Seltsam – Henriette Brandenburg war jünger geworden. Ihr Gesicht hatte etwas lebhaftere Farben und ihr Auge einen erhöhten Glanz angenommen. Und was auch der Knabe behauptet hatte, sie erschien weniger ernst, als früher.

Das sah und empfand Arndt auf den ersten Blick, indem er alles Zufällige des erwartungsvollen Momentes, in welchem sie das Bild ihres Kindes sehen sollte, von dem Wesentlichen streng unterschied.

Als er ihr vorgestellt wurde, erröthete sie leicht, reichte ihm aber mit ebenso viel Anmuth wie Sicherheit die Hand.

„Mein Sohn hat mir von Ihnen erzählt,“ sagte sie; „ich kenne Sie seit Jahren und schulde Ihnen noch einen herzlichen Dank für den zurückbeförderten Ball!“

„Mein Sohn“ – wie eigenthümlich ... rührend dieses Wort von ihren Lippen klang; sie sah eben so unendlich viel jünger aus, als sie war.

„Man hat selten das Glück, für einen so leichten Dienst einen Dank zu erwerben,“ antwortete Arndt lebhaft.

„Vielleicht, weil man die kleinen Dienste meistens allzu gering anschlägt und deshalb unterläßt. – Man bedenkt nicht, welche Freude man oft mit Wenigem machen kann,“ bemerkte sie unbefangen und warm.

Dann trat sie vor die Staffelei, welcher schon beim Eintreten in’s Zimmer ihr erster Blick gegolten hatte, und Arndt nahm dabei wieder in ihren Bewegungen dieselbe ruhige Leichtigkeit und sanfte Energie wahr, welche er schon früher bewundert hatte.

Willig trat er einige Schritte seitwärts und verlor sich, während sie das Portrait betrachtete, in den Anblick ihrer Erscheinung.

„Adelheid! mit nichts aus der Welt hättest Du mich glücklicher machen können, als mit diesem Portrait Curt’s,“ sagte sie nach längerer Zeit eifriger Betrachtung.

„Also findest Du es gut?“ fragte die Malerin mit Lebhaftigkeit, und ihre dunklen Augen hingen unbeweglich an Henriettens Gesicht.

Diese war wirklich wie verklärt in schwärmerischer Freude. Immer von Neuem schaute sie förmlich in das Bild hinein.

„Ja, das sind seine Augen – gerade so wendet er den Kopf, wenn er fragt,“ sagte sie wieder nach einer Weile und sah sich gleich darauf im Zimmer um.

„Er ist fortgelaufen, nachdem er Herrn Arndt die genügende Zeit angestarrt hatte,“ erklärte Auguste; „sein Freund Putbrese ging vorbei.“

Da kehrte Frau Professor Brandenburg sich sofort wieder dem Bilde zu:

„Und wie Du das zerstreute Lächeln hast über das bewegte Gesicht zaubern können – ich fasse es nicht. – Und dann das Näschen – lacht nicht über seine häßliche kleine Nase! – es ist, als sähe man ihre durchsichtigen Flügel in kindischer Leidenschaft zittern. – Aber die Augen! Wenn Du wüßtest, Adelheid, wie wunderbar gut sie sind!“

„Vielleicht weiß sie es!“ meinte Auguste.

Henriette lächelte.

„Nein,“ sagte sie gedankenvoll, „ich glaube nicht, Auguste, daß sie es so durchaus weiß. Dann würde mehr Absicht und weniger Unmittelbares in dem Bilde liegen.“

„Da hast Du ganz Recht, Henriette; das Beste wird einem erst klar, wenn es heraus ist – wenigstens mir!“ bestätigte Adelheid mit ausdrucksvoller Hast.

„Natürlich hat sie Recht,“ sagte Auguste, die wieder mit verschränkten Armen im Hintergrunde des Zimmers stand. Dann wandte sie sich an Arndt und fragte: „Was sagen Sie dazu, Herr Architekt? Ich hoffe, Sie stehen nicht über den Parteien?“

„Nein mein gnädiges Fräulein, in dieser Region der kalten Langeweile halte ich mich selten auf, muß Ihnen aber gestehen, daß ich mit der Majorität für die unbewußte Intuition des Künstlers stimme.“

„Dann bin ich wieder einmal die Einzige, die kein Verständniß für das Wirken des Genius hat,“ antwortete Auguste mit launigem Achselzucken.

„Ach, Adelheid! – verzeihen Sie, Herr Architekt! – Aber sobald kann ich mich nicht von diesem Bilde trennen,“ rief [696] Henriette. „Wann wird es trocken sein? – Aber nein – Du sollst es nicht so eilig loswerden. Wie schwer muß es sein, so etwas fortzugeben!“

Arndt hatte das Gefühl, als störe seine Gegenwart die beiden Freundinnen im unbefangenen Aussprechen über das Bild, als müsse, wenn er jetzt nicht zufällig da wäre, Henriette der Freundin leidenschaftlich die Hand drücken und sich freier im Gespräch ergehen; deshalb empfahl er sich, versprach aber den Malerinnen auf deren Bitte, in einer Stunde wiederzukommen, um sie und Frau Professor Brandenburg im Putbrese’schen Boot spazieren zu rudern, und mit der ihm eigenen vornehmen Natürlichkeit erbat er sich zugleich von Henriette die Erlaubniß, ihren Sohn aufsuchen und auf einer kleinen Wanderung unter vier Augen die alte, damals leider so schnell abgebrochene Bekanntschaft erneuern und befestigen zu dürfen.

„Sie sind sehr gütig gegen meinen Sohn, Herr Architekt,“ sagte Henriette. „Bleiben Sie längere Zeit hier?“

„Acht bis vierzehn Tage.“

„O, dann sehen wir uns vielleicht noch öfter.“

„Ich hoffe, gnädige Frau.“ –


7.

Es war Tags darauf. Arndt hatte nun auch Henrietten seinen Besuch gemacht und war mit ihr in Curt’s Begleitung an den Strand hinab gegangen. Es war mehr als ein gemeinsames Interesse, was den Architekten und des Knaben Mutter seit der gestrigen Ruderpartie innerlich genähert und ihre gegenseitigen äußeren Umgangsformen schnell vertraulicher gemacht hatte; auch jetzt – bei der zwanglosen Strandpromenade – unterhielten sie sich lebhaft, während der Knabe bald träumerisch hinterdrein ging, bald ausgelassen voraus lief, wenn er nicht gerade mit irgend einem Steine oder einer Pflanze zu Arndt herangesprungen kam, um in seiner stürmischen Weise eine Erklärung des ihm fremden Gegenstandes zu erbitten. Und so oft Arndt mit männlicher Schärfe und Klarheit eine solche abgab, bemerkte er, wie Henriette mehr als aufmerksam zuhörte.

„Dergleichen sollte man doch eigentlich selbst wissen,“ meinte sie schließlich ganz erregt. „Ich habe mich früher nie für die exacten Wissenschaften interessirt.“

„Die passen auch gar nicht für Sie, gnädige Frau!“ sagte Arndt offenherzig; denn es fuhr ihm durch den Sinn, daß eine Menge trockenen Wissens nur eine unnatürliche, häßliche Last für die Flügel ihres feinen Geistes sein würde, der so viel mehr auf die Höhe und Tiefe, als auf die breite Masse der Dinge gerichtet zu sein schien.

„Für mich passen sie vielleicht nicht, aber für Curt sind sie ein nothwendiges Erforderniß,“ antwortete sie freundlich. „Sein Geist bedarf ein fortwährendes Material, wenn er sich nicht selbst aufreiben soll. Er ist ein wunderbares Kind.“

„Das glaube ich. Ich kann Ihnen aufrichtig sagen, daß mich dieser Knabe seit dem ersten Blick interessirt hat, den ich zufällig auf der Straße aus seinen Augen auffing. Er hat wahrhaftig keine Alltagsaugen.“

„Nein,“ sagte Henriette und sah Arndt wie aufmerkend an, gleichsam als habe sie nicht geglaubt, daß er ein so eigenthümlich tiefes Verständniß für das Wesen des Knaben haben könne, und der Ausdruck einer frohen, ungewöhnlich warmen Sympathie leuchtete aus ihren Zügen.

Das entging Arndt nicht – er wurde immer wärmer.

„Seine Augen sind nicht nur schön, weil sie eine Fülle geistigen Wesens ausströmen,“ fuhr er fort, „sondern weil man ihnen ansieht, wie die Kindesseele tausend Bildern und Ideen, welche von außen auf sie eindrängen, förmlich entgegenquillt. Ich möchte sagen: es ist ein fortwährendes dramatisches Leben in seinem Blick.“

„Ach,“ sagte Henriette und blieb vor innerer Lebhaftigkeit unwillkürlich an Arndt’s Seite stehen. „Wie Sie ihn kennen! – Sie kennen ihn wirklich wunderbar gut. Ja, seine Augen sind keine Alltagsaugen; ihr Blick geht eigenthümlich in die Ferne. Er richtet sich nicht nur auf das sinnlich Wahrnehmbare an den Dingen, sondern zugleich auf Alles, was dahinter und darüber ist: Wenn gewöhnliche Menschen einen abgehauenen Baumstamm in einem Winkel des Hofes liegen sehen, so sehen die Augen meines Sohnes mitten in sonnigem Walde einen grünen Baum, in dessen Zweigen die Winde spielen und die Vögel singen.“

„Gewiß; denn er sieht mit den Augen der Phantasie.“


[709] „Ja,“ antwortete Henriette, plötzlich zögernd, „Curt sieht mit den Augen der Phantasie; so ist es.“

Und es war, als ob ein ernster Schatten über ihre weiße, faltenlose Stirn zöge, um nicht so schnell wieder zu weichen.

„Diese Augen sind nicht nur gefährlich für den, der sie sieht, sondern auch für den, der sie hat,“ fuhr sie gedankenvoll fort. „Es ist eine kindische Frage – aber sagen Sie mir: Glauben Sie, daß der Knabe einmal glücklich werden wird?“

„Gnädige Frau, was verstehn Sie unter Glück?“ fragte Arndt, „etwa die Summe des Genusses, den der Mensch aus seinen eigenen Kräften und Fähigkeiten zieht? Und auch in diesem Fall,“ setzte er sinnend hinzu, „fragt es sich ja, ob das Schicksal eine normale Ausbildung der innewohnenden Kräfte – also einen ungetrübten Genuß zuläßt.“

„Das Schicksal!“ rief Henriette, und es war, als ob eine geheimnißvolle Leidenschaft die sanfte Ruhe ihres Wesens durchzitterte. „Wissen Sie, ich glaube, die Menschen räumen dem, was sie Schicksal nennen, eine zu große Gewalt über sich und Andere ein.“

„So leugnen Sie dieselbe? Gnädige Frau, verzeihen Sie – es dürfte denn doch ein titanisches Vermessen sein – –“ sagte Arndt scharf accentuirt.

„Gewiß nicht; wie könnte ich die Gewalt des Schicksals leugnen?“ antwortete sie, und es wollte ihm erscheinen, als nähme plötzlich ihr Auge einen feuchten, eigenthümlich schwärmerischen Glanz an. „Ich meine nur, daß nach den meisten Schicksalsfällen noch ein unendlich werthvoller Rest des Lebens bleibt, den man mit etwas gutem Willen für sich und Andere retten und zu einem schönen Ganzen gestalten kann. Und zu diesem guten Willen sollte man frühzeitig den Keim legen. – O, ich meine immer, wenn nur zur rechten Zeit das Rechte geschieht, müßte man es vom Schicksal erzwingen können, daß gewisse Menschen glücklich werden.“

„Sie scheinen das Glück für die vornehmste Lebensbedingung zu halten,“ entgegnete Arndt immer interessirter, „und doch entfaltet sich manche Natur historisch nachweisbar nur im Unglück zu voller Reife.“

„Ich weiß es, aber ich hege doch den leidenschaftlichen sehnlichen Wunsch, daß der Knabe glücklich werde,“ sagte sie leise. Können Sie mir das verdenken?“

Es lag eine große Bewegung in dem Tone ihrer Stimme, als aber Arndt nach einigen Secunden zu ihr aufblickte, lebte in ihren Zügen nichts Trauriges. Bewundernd schweifte ihr Blick über die weite sonnige See und hinauf in den wolkenlasen Himmel.

„Er wird schon glücklich werden,“ sagte sie lebhaft, „denn es giebt nichts Schönes auf der Welt, das er nicht empfände, und nichts Gutes, das er nicht wollte.“

Doch plötzlich schien ihr einzufallen, daß es doch am Ende Arndt langweilen könne, nur immer und immer von dem Knaben reden zu hören. Mit einer Lebhaftigkeit, als habe sie ein wirklich ernstes Versehen wieder gut zu machen, fragte sie jetzt nach seinen Interessen, erkundigte sich nach der beabsichtigten norwegischen Reise und ließ sich noch Manches von den besonderen Verhältnissen seines Berufes erzählen. Dabei wurde vorübergehend auch der Hauptstadt erwähnt, in welcher Beide lebten, und durch die verschiedenartigsten Kunstinteressen, welche dieselbe vertritt, ergab sich stets interessanter neuer Stoff zur Unterhaltung.

Wie anregend diese aber auch immer sein mochte, das Innerste von Henriettens Seele schien doch fortwährend mit dem Knaben beschäftigt zu sein; denn so oft er herangesprungen kam, hatte sie sofort nur Aufmerksamkeit für ihn, und wenn er einmal längere Zeit fern geblieben war, blickte sie sich mitten im Gespräche suchend nach ihm um.

Es war seltsam – sie gehörte eigentlich nicht zu denjenigen Naturen, welche sich auf den ersten Blick begreifen lassen, und doch wurde Arndt, streng genommen, durch nichts an ihr überrascht – vielleicht, weil er von vornherein gewußt hatte, daß sie eine ungewöhnliche Frau sei und daß er jede Stunde etwas Neues an ihr entdecken würde.

Der Abend war schon vorgeschritten, als man sich, vom Spaziergange zurückkehrend, trennte, und Arndt war sehr zufrieden mit dem Inhalte des verlebten Abends: er hatte sich heute noch länger und eingehender mit ihr unterhalten, als es gestern bei der Ruderpartie hätte der Fall sein können.

Mit eigenthümlichem Interesse bemerkte er im Verkehr der folgenden Tage, wie selbst die Gestalten der beiden originellen Schwestern ohne Weiteres vor Henrietten in den Hintergrund traten. Mochte es von Adelheid's Seite ein fanatisches Freundschaftsbedürfniß sein, nur eine Folie für Henriette abzugeben, so lag ein derartiger Cultus durchaus nicht in Augustens Natur, und doch schien auch sie ihren hellen Verstand und schlagfertigen Mutterwitz in der Gegenwart der Freundin nur Funken sprühen zu lassen, damit diese die Flamme ihres Geistes daran entzünden und leuchten lassen könne.

[710] Henriette besaß in seltener Weise die Fähigkeit, Fremdes in sich aufzunehmen und zu beherzigen und es durch selbstständiges Fühlen und Denken auszuspinnen und zu vertiefen. Diese Gabe stimmte so eigenthümlich harmonisch zu dem schwärmerischen Zuge ihrer Seele, sich stets für Andere zu opfern, daß ihr Wesen dadurch eine Größe gewann, welche, von innen herausstrahlend, auch ihre ganze äußere Erscheinung wunderbar hob.

Es waren oft kleine Dinge und Veranlassungen, bei denen sich ihre Eigenart, mehr an Andere als an sich zu denken, offenbarte, aber je kleiner diese Veranlassungen waren, desto charakteristischer mußten sie dem aufmerksamen Beobachter erscheinen. So wußte Henriette es zum Beispiel durch alle erdenklichen Vorwände von einem Tage zum anderen zu verschieben, daß Curt's Bild aus Adelheid’s zeitweiligem Atelier in ihre Wohnung überging; sie wollte der Freundin möglichst lange den Genuß gönnen, sich jeden Augenblick ihres Werkes zu freuen. Arndt hatte das selbst gelegentlich wahrgenommen; auch sprach Auguste zu ihm darüber.

„Wenn alle Leute so eigensinnig auf ihren edlen Absichten beharrten wie Henriette, wäre es in der Welt vor Zank und Streit ganz unerträglich,“ sagte sie. „Ich würde an Adelheid’s Stelle das Bild ganz behalten.“

Wenige Tage nach ihrem ersten gemeinsamen Spaziergange fand Arndt die junge Frau eines Nachmittags vor der Thür ihrer Wohnung über einen kolossalen Band Naturgeschichte gebeugt; er wußte, ohne zu fragen, welche Regung ihr denselben in die Hand gegeben hatte. Aber Adelheid, die das Buch später auf der Bank liegen sah, knüpfte eine erstaunte Bemerkung an dasselbe, indem sie sich über dessen ungeheuren Umfang wunderte, und Auguste erkundigte sich spöttisch, aus welchem vorsündfluthlichen Leihinstitut man denn diesen altersgrauen Folianten habe kommen lassen und zu welchem unbegreiflichen Zwecke? Da die Sache einmal in’s Lächerliche gezogen war, mochte Henriette sich scheuen, den wahren Grund ihres plötzlichen Studiums zu gestehen; deshalb beichtete sie nur lächelnd, daß sie das Werk von einem alten, in der Badegesellschaft höchst wunderlich scheinenden Gelehrten geliehen habe, den man wegen seines steifen Wesens den „steinernen Gast“ getauft und über den schon mancher Witz aus dem Munde der Schwestern Lappe gefallen war. Sie habe dem armen Einsiedler einmal eine Freude machen wollen und ihn deswegen um etwas gebeten, behauptete sie scherzend, und das sei ihr denn auch merkwürdig gut gelungen; er sei gewiß Jahre lang so von den alleralltäglichsten menschlichen Beziehungen losgetrennt gewesen, daß ihn das Gefühl, einem anderen lebendigen Wesen auch einmal etwas nützen und geben zu können, wie ein ungeheures Glück überrascht hätte.

Arndt fand, daß selbst dieser Scherz, mit welchem sie ihren wahren Grund für den Augenblick verdeckte, wieder voll besonderster Liebenswürdigkeit war; denn eine aufrichtige Rührung mischte sich augenscheinlich in ihr Lächeln über den alten Gelehrten.

„Sie kann nicht aus sich selbst heraus,“ dachte er bei sich; „sie verstrickt sich sofort von Neuem in ihre eigene Anmuth, wenn sie einmal einen schönen, edlen Zug ihres Wesens verleugnen will.“

Auch bemerkte er in den folgenden Tagen, wie sie nicht mehr in die satirischen Bemerkungen über den „steinernen Gast“ einstimmte, ihn aber bei jeder Gelegenheit nach etwas, das ihm speciell bekannt war, fragte, jedenfalls um ihm eine neue Freude zu machen. – –

Henriette empfand eine aufrichtige Dankbarkeit gegen Arndt, dessen günstiger Einfluß auf Curt ihr nicht entging. Es war oft förmlich, als fühlte das wunderbare Kind sich gehoben, sobald es mit Arndt im Boote saß und ruderte, ihm die Segel spannen half, an seiner Seite die ersten Schwimmversuche machte, oder auch nur still zuhörte, wenn der Architekt mit seiner Mutter über Welt- und allgemeine Lebensverhältnisse sprach. Durch Arndt war offenbar ein Element in Curt’s Leben gekommen, das ihm bisher gefehlt hatte: das Element praktischer Frische, das Henriette ihm beim besten Willen nicht in diesem Maße zuführen konnte, da sie ihrer Natur nach selbst in dem Banne jener ausschließlich idealen Welt lebte, welcher das Wesen des Knaben zugehörte.

Das war es eben, weshalb Henriette so großen Dank für Arndt empfand, und da sie zu wenig selbstsüchtig war, um dem Knaben Alles sein zu wollen, begünstigte sie ohne jede störende Nebenempfindung sein Zusammensein mit dem männlichen Freunde und trat demselben bei dieser Gelegenheit auch für ihre eigene Person nothwendig immer näher. – Arndt’s Charakter sowie seine Art, sich zu geben, sprachen sie außerordentlich an; sie fand darin Verwandtes, das ihr lieb war, und wiederum Andersartiges, das sie zum Nachdenken reizte.

So verflossen die Tage von Arndt’s Anwesenheit auf Rügen in lebhaftem Freundschaftsverkehre, dessen interessante Lieblichkeit ihn, der es so wenig gewohnt war, ausschließlich dem Genusse zu leben, mit fremdartigen Empfindungen umstrickte. Alles, was er erlebte, zog noch immer wie ein wunderlicher Reisetraum an ihm vorüber, und Henriette Brandenburg fesselte ihn von Tag zu Tag mehr.

Aber nicht, als ob er besinnungs- und gedankenlos sein Herz an sie verloren hätte, wie ein Jüngling! Nein, er war sich sogar bewußt, daß es Etwas in ihrem Wesen gab, das ihn störte.

Und das war nicht mehr, wie vor Jahren, das Gefühl, als betrauere sie ihren Gatten nicht, wie es sich gebühre – es war etwas ganz Anderes: es bedrückte und beklemmte ihn mitunter die Empfindung, in ihrer Gegenwart keinen profanen Gedanken haben zu dürfen und jede selbstsüchtige Regung ersticken zu müssen, wollte er nicht weit hinter ihr zurückbleiben: sie war eine ideal gestimmte Frau und er ein Mann des realen Lebens und der unmittelbaren Empfindung.

Und doch! Im Widerspruch mit diesem ihn störenden Gefühl gab es bald nichts Ersehnteres für ihn, als allein mit ihr zu sein und ganz ungestört mit ihr zu reden, wenn einmal die Malerinnen nicht zugegen waren und sich selbst der Knabe abseits umhertrieb.

Er meinte, daß er nie etwas so eigenthümlich Schönes gesehen habe, wie diese Frau, wenn sie neben ihm durch den stillen Buchenwald an’s hohe Ufer ging und oft plötzlich stehen blieb, das Gesicht lebhaft zu ihm gewandt, um ihn auf einen hüpfenden Vogel, einen malerisch herüberhängenden Ast oder die unerwartet durch den Schatten brechenden Sonnenstrahlen aufmerksam zu machen. – Er vergaß dann, daß sie eine Frau und Wittwe war, und empfand ihre Nähe wie die eines jugendschönen Mädchens, das, von räthselhafter Anmuth und Hoheit umwoben, an seiner Seite schritt.

Oder sie saßen auch fernab vom Dorfe mit einander auf der kahlen Düne am Strande, Henriette oben auf dem Hügel zwischen wehendem Strandhafer und er, wie selbstverständlich, tiefer unten, gleichsam zu ihren Füßen, und was sie dann sprachen, war nie etwas Alltägliches. – Ihre Unterhaltung drehte sich um Alles, das in höherem Sinne interessant war, und Henriette redete zu ihm wie zu einem alten Bekannten.

Einmal hatten sie, von ihrem Wege ausruhend und mit einander plaudernd, Berlin und allerlei gegenwärtige Weltverhältnisse berührt, welche ihn als Mann, der gelegentlich rüstig im Strome seiner Zeit zu schwimmen hatte, natürlich beschäftigten. Da fragte plötzlich Henriette unruhig:

„Was meinen Sie, wie wird sich Curt einmal in die Welt finden? Mir schwindelt, wenn ich von all diesem Parteiwesen höre. – Die Einen haben Recht und die Anderen haben gewiß nicht Unrecht. – O, mir scheint auf der einen Seite genau so viel Selbstsucht und Beschränktheit zu sein, wie auf der anderen, und deshalb kann man keiner Partei den erbitterten Kampf auf Leben und Tod verdenken. – Keiner fühlt sich in seiner Lage wohl – und darum hat Jeder Grund genug, es anders zu wünschen, als es eben ist. – Früher, als ich jung war, schwärmte ich für die Revolution; – o, lächeln Sie nicht! Ich meine es sehr ernsthaft – aber – ich bin älter geworden. – Doch – weiß Gott – anders, als sie ist, möchte ich auch heute noch die Welt haben! – Aber mich dünkt, ein Kind könnte sie reformiren, wenn man es mit den Worten über die Erde schickte: ‚Macht einander Freude – und thut Euch nicht weh!‘“

Die Thränen waren ihr in die Augen getreten, als sie so sprach.

Arndt, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, vermochte nichts zu entgegnen und sah gegen seine Gewohnheit unbeweglich zu ihr auf.

„Hier ist es schön,“ sagte sie nach einer Weile tief aufathmend; „finden Sie nicht? – Hier hört man nichts von alledem, das einen ängstigt und bedrückt – O Gott, die Natur!“

Darauf schwieg sie wieder, und ihr feuchtschimmerndes Auge eilte am Strande entlang dem herankommenden Knaben entgegen, während ihr geschlossener Mund noch zu sprechen schien.

[711] Wieder war sie so Eins mit sich; wieder hatte sie Etwas gesagt, das so tief in ihrem innersten Wesen begründet war, daß sich Arndt fragte, ob eine solche Harmonie nicht gleichbedeutend mit Glück sei, und doch drängte sich gerade in diesem Augenblick jene verjährte Scene im Nachbarsgarten, da sie den Tod mit einem ausgeblasenen Lichte verglich und gewissermaßen zugab, daß der Mensch mehr als einmal sterben könne, in seine Erinnerung zurück.

Von Neuem sah er prüfend zu ihr auf, aber seine Gedanken verloren unterwegs etwas von ihrem forschenden Ernst, denn sein Blick blieb mit unruhigem Entzücken an ihren zart geschweiften Lippen hängen, auf denen noch immer ein hold beredter Ausdruck spielte, gleichsam als ob auf ihnen die verschwebenden Geister von allerlei sinnigen Gedanken geheimnißvolle Zwiesprach hielten.

Es war nicht das erste Mal, daß er sich dieser absonderlich lebendigen Schönheit Henriettes erfreute, aber es war doch das erste Mal, daß er sich ihrer so reflectirend bewußt wurde.

Dazu plätscherten leise die im Sande verrinnenden Wasser, und im zarten Wiederschein des Westens röthete sich der weite Osthimmel, um sanft in das spiegelnde Wasser hinabzuleuchten.

„Ja – hier ist es schön!“ sagte er und erhob unwillkürlich wieder den Blick zu Henriette, immer noch mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Der Gedanke an das Gewirr der Welt hatte ihr die Thränen in die Augen getrieben – wie anders dagegen empfand er! Was sie beängstigte, konnte ihn nicht erschrecken und noch weniger erschüttern. Der Kampf der Welt war ihm bisher seinen eigenen persönlichen Lebenslasten und Berufsleiden gegenüber wie etwas heilsam Großes erschienen, das Alle, welche Gefahr laufen, in kleinlichen Alltagssorgen zu versinken, mit stets lauter Drommete zum Kampf für allgemeine und deshalb höhere Interessen ruft.

Und doch – heute – angesichts dieser Natur und unter dem Zauber von Henriettes Nähe wollte es ihn wiederum als etwas unendlich Kleines bedünken. Was war der große Kampf auf dem Welttheater anders, als das Gewimmel eines Ameisenhaufens, dessen Volk sich mit rastlosem Eifer eine Welt erbaut, die ein Fußtritt des ewigen Schicksals vernichten und in Staubatome auflösen kann? All das sagte er ihr in lebhaften beredten Worten, und als er ausgesprochen, meinte Henriette:

„Wenn Ihnen das Weltgetriebe kleinlich .., nein! das ist nicht das Richtige! denn kleinlich kommt es freilich auch mir vor! – aber: wenn es Ihnen zu unbedeutend erscheint, als daß man darüber traurig sein könnte, wo wollen Sie dann die Kraft, die Geduld hernehmen, wieder eine Rolle in ihm zu spielen, was Sie als Mann doch müssen?“

„Eben aus den Nachwehen der heutigen Festtagsstimmung!“ antwortete er kühn. „Dieses ‚heute‘ natürlich in einem etwas weiten Sinne genommen.“

In diesem Augenblick trat Curt heran, und das Gespräch wurde durch die unvermittelten Aeußerungen des Knaben unterbrochen, und doch klang es, wie jede Unterhaltung mit Henriette, noch lange in Arndt nach.




8.

Mit hochgespannten Gefühlen stand der Architekt Arndt um die Dämmerung des letzten Abends vor seiner Abreise nach Norwegen an einer Bucht des Ufers, wo er Henriette und Curt zu einer kleinen Bootfahrt erwartete. Und noch einmal sagte er sich endgültig, daß ihn die Luft dieser Insel verjüngt habe.

Lebhafte Zukunftspläne traten vor seine Seele, seine Züge waren erregt, und sein Auge leuchtete in vollem Lebensmuth. – Was er von dieser Reise gewünscht hatte: Klarheit und feste Kraft des Entschlusses in jeder Beziehung – sie hatte es ihm gebracht. Seine Gedanken schweiften rasch und lebendig, wie seine Blicke, hin und her, richteten sich zuletzt aber hauptsächlich auf Eines: Arndt fühlte kein Bedürfniß mehr, einen Hausstand mit Erna Lepel zu gründen.

Der Umgang mit Henrietten hatte ihn gelehrt, daß es besser sei, frei zu bleiben, als sich ängstlich durch heilige Pflichten zu binden, denn er war sich in diesem Augenblicke vollkommen bewußt, daß es ihm werthvoller sein würde, Henriette zur Freundin seines Lebens, als Erna zur Gattin zu gewinnen, und damit war Alles, was ihn an dieses Mädchen gebunden hatte, ein für alle Mal abgethan.

Langsam und gedankenvoll schritt er am Ufer auf und nieder.

Allerdings, es gab etwas, das ihn in Henriettens Nähe nicht ganz frei athmen ließ – und doch ...!

Es dunkelte mehr und mehr am Strande. Abendschatten zogen über den ganzen Himmel, und nur am Horizonte blieb noch ein breiter Streife Tageslicht, zart in allen Regenbogenfarben leuchtend, zurück; er schlang sich wie ein verlorenes buntes Band, mit dem die sinkenden Sonnenstrahlen zu spielen schienen, halb heiter, halb wehmüthig um die abendlich stille See, deren Grün immer tiefer und eintöniger und darum immer milder und wärmer wurde. Die Schatten des Abends zogen, zitternd wie flüchtige Erinnerungen oder schwankend wie ein leiser, noch unausgedachter Zukunftsgedanke, über das schlummerweiche Wellenantlitz der See.

Arndt empfand die Poesie dieses Anblickes plötzlich wie eine ihm fremde, sehnsüchtige Rührung, die er, eben weil sie ihm fremd war, mit einer gewissen Neugier belauschte und lächelnd in sich gewähren ließ. Leise bebte sie in ihm auf und legte sich wie ein Bann um seine Glieder.

Da sah er Henrietten, mit Curt an der Hand, eiligen Schrittes auf ihn zukommen. Er blieb stehen und sah den Beiden entgegen.

„Bleibe bei mir – denn es will Abend werden,“ klang es traumverworren, wie ein ersticktes Flüstern durch seine weich gewordene Mannesseele, aber nein: eine Freundin konnte und wollte sie ihm vielleicht werden – nicht mehr! Was sollte ihm diese weibische, weichmüthige Regung?

Abend war es gewesen – die Nacht seines Lebens lag hinter ihm; ein frischer, freier Morgen tagte vor seinen Blicken.

Er hatte es vorhin gefühlt, und er fühlte es auch jetzt wieder: er besaß noch Kraft genug, den „Rest seines Lebens für sich zu retten“ und zu einem „schönen Ganzen“ zu erheben, wie Henriette sich selbst ausgedrückt hatte. – Wenn sie, ein zartes Weib, das gekonnt hatte ... aber da war sie ja wieder! Und wiederum war es ihr übermächtiger Einfluß, dem er, wie es schien, den Aufschwung seiner Kraft zu verdanken hatte!

Eine stolze Wolke des Unmuthes jagte über seine Stirn, und beinah unwirsch ging er Henriette entgegen. Doch als sie näher kam, verflog diese Wolke.

„Es ist spät geworden, verzeihen Sie!“ sagte sie schon aus der Entfernung. „Ich hoffte immer, Adelheid und Auguste würden noch mitkommen – aber sie scheinen heute bis in die sinkende Nacht gemalt zu haben.“

„Endlich!“ rief Curt, als Arndt ihm die Hand schüttelte. „Herr Arndt, ich dachte, Sie wären eine große Versteinerung geworden, als Sie vorhin immer so auf's Wasser starrten. Bitte, lieber Herr Arndt, Sie geben mir heute gleich das eine Ruder! – St! sagen Sie jetzt kein Wort – hören Sie nur einen Augenblick, wie das Wasser murmelt!“

„Ich hab’ es schon eine ganze Weile gehört,“ antwortete Arndt, „die Nixen singen thörichte Lieder.“

„Nein, sie haben Todtenfest und singen ein schönes Requiem für die Ertrunkenen,“ sagte der Knabe feurig und sprang dann mit einem wilden Jauchzen an Arndt und Henriette vorbei in’s Boot. „Ich hab’s! ich hab’s! Ich hab’ das eine Ruder, Herr Arndt!“ rief er triumphirend, und einige Minuten später glitt der Kahn, eine helle Furche ziehend, fast lautlos aus dem stillen Wasser dahin.




9.

Als sie von der Bootfahrt zurückgekehrt waren und das Fahrzeug nun wieder glücklich in seinem kleinen natürlichen Hafen lag, das heißt, zwischen einigen am Ufer sich erhebenden alten Steinblöcken, da war die Stimmung in der Natur eine ganz andere geworden. Ein lebhafter Südost blies über die See und regte sie zu immer wachsenden Wellen auf. Curt kletterte rasch über die Steine fort an den Strand, und Henriette wollte sich eben von ihrem Holzbänkchen erheben und ihm folgen, als Arndt, der noch mit dem Festmachen des Bootes beschäftigt war, fragte:

„Was hat Curt heute Abend? Ist ihm etwas Besonderes geschehen?“

„Er ist aufgeregt, weil Sie morgen abreisen,“ antwortete Henriette noch sitzen bleibend. „Ich kann Ihnen Etwas verrathen, das Sie freuen muß: er hat Verse auf Sie gemacht.“

„Verse? Wo sind sie?“ fragte Arndt.

Henriette lächelte.

[712] „Natürlich längst zerrissen,“ sagte sie. „Ich fand sie heute Morgen unter meiner Kaffeetasse; selbstverständlich wurde er glühend roth, während ich sie las, und riß sie mir, als ich damit kaum zu Ende war, schon wieder aus der Hand, um mit dem Concept zum Zimmer hinaus zu stürzen.“

„Schade, daß ich sie nicht sehen durfte! So etwas hätte ich mir nicht träumen lassen!“ meinte Arndt.

„Nicht? Sie müssen doch bemerkt haben, wie er Sie bewundert?“

„Ja, weil ich das Militärmaß und noch einige Zoll darüber habe,“ scherzte Arndt, um eine ungewöhnliche Bewegung zu verbergen. Henriette lachte flüchtig; dann aber sagte sie herzlich:

„Aber, wenn wir ernsthaft sein wollen: Sie müssen gefühlt haben, Herr Architekt, wie dankbar Ihnen mein Sohn für die große Freundlichkeit ist, welche Sie ihm diese ganze Zeit über erwiesen haben, und ich bin es mit ihm. – Ich mußte Ihnen das einmal sagen, und ich freue mich, daß ich noch heute Abend dazu Gelegenheit fand.“

Arndt erwiderte nichts darauf. Desto beredter sprach ein Ausdruck freudiger Ergriffenheit aus seinem leicht gerötheten Gesichte, und eine bescheiden ablehnende lebhafte Handbewegung lieh seiner inneren Bewegung Ausdruck. Noch eine gute Weile blieben sie einander gegenüber auf den schmalen Bänkchen des Bootes sitzen.

Arndt war nachdenklich und schweigsam geworden. Etwas, das er seit seiner persönlichen Berührung mit Henrietten wiederholt unterdrückt hatte, erfüllte ihn an diesem letzten Abende des Zusammenseins mit ihr übermächtig – und mochte es nun passend sein oder nicht, er wollte es heute aussprechen.

„Verzeihen Sie mir eine Frage!“ sagte er plötzlich. „Sie sind schon in früher Jugend einem harten Schicksal begegnet, gnädige Frau; Sie haben mir so Manches erzählt, aber Sie sprachen noch nie von Ihrem Gemahl. – Waren Sie lange auf seinen Tod vorbereitet?“

„Ich wußte, daß er bald sterben würde, als ich mich mit ihm verlobte,“ sagte sie ruhig, aber mit einer andächtigen Klangfärbung, wie sie die Stimme des Menschen bei Erwähnung eines Todten anzunehmen pflegt. Sie schien zu frösteln: denn sie zog plötzlich ihr Shawltuch fester um die Schultern.

Arndt fühlte, daß er an eine wunde Stelle in Henriettens Herzen gerührt, aber er gestand sich nicht, wie selbstsüchtig die Motive waren, die ihn dazu veranlaßten; ein leises Lächeln der Befriedigung stahl sich in seine erregten Züge, und wäre es nicht so dunkel gewesen würde Henriette vor dem sonderbaren Leuchten seiner Blicke erschrocken sein.

Indessen schwiegen sie Beide, und nun war es, als begönnen plötzlich die Wellen, welche das Boot umwogten, an ihrer Stelle zu reden. Wie ein dumpfes unterirdisches Branden und Brausen, wie ein leise in der Tiefe verhallender Donner zog es von fernher heran, und dazu zischten und rauschten die einzelnen Wellen auf der Oberfläche.

Henriette neigte sich leicht über den Rand des Bootes und blickte an den schwarzen Steinblöcken vorüber wie gebannt auf den tanzenden Schaum, während Arndt noch immer daran dachte, wie ihm nun bestätigt sei, was er von vornherein geahnt habe, daß Henriette in dem verstorbenen Gatten nicht den Geliebten ihrer Jugend betraure. – Dieser war es also nicht. –

Plötzlich wandte sie leise den Kopf. „Curt!“ sagte sie und stand auf. – Sie wußte wohl, daß der Knabe gern eine Weile allein war, wenn ihn etwas aufregte, aber sie meinte doch, es sei jetzt Zeit für ihn, heimzukehren. Und bevor sie noch den Fuß auf den Bord des Kahnes gesetzt hatte, stand auch Arndt schon außerhalb, um ihr von dort die Hand zu reichen, damit sie besser aussteigen könne. Dann führte er sie ebenso sicher und sorgsam über die großen und kleinen Steinblöcke hinweg an’s Ufer. Dabei kam sie ihm oft ganz nah, sie achtete aber nicht darauf, daß er heftig athmete, wie nach einem langen Marsch oder einer sonstigen Anstrengung. Er hielt ihre Hand so regungslos fest in der seinen, daß ihr unmöglich etwas an ihm auffallen konnte.

„Curt, komm jetzt!“ sagte Henriette freundlich und wandte sich zum Gehen.

Der Knabe, welcher bisher wie ein junger Seehund auf einem großen flachen Steine am Ufer gelegen hatte und nun schnell aufgesprungen war, folgte den beiden Vorangehenden. Doch schritt er diesmal nicht an der Seite seiner Mutter, sondern drängte sich dicht an Arndt heran und sah während des Weges dann und wann stumm und verstohlen zu ihm auf. Erst kurz vor dem Dorfe begann er unruhig und lebhaft zu schwatzen und betrug sich überhaupt sehr aufgeregt. Arndt war innerlich wohl mehr mit der Mutter, als mit dem Sohne beschäftigt, aber trotzdem entging ihm Curt’s Stimmung nicht.

Nach kurzer Wanderung hatten sie den Vorgarten von Brandenburg’s Wohnung erreicht. Auf der Schwelle des Hauses verabschiedete sich Arndt von Henrietten – schnell, aber mit einer gewissen verhaltenen Innigkeit. Und dem Knaben, welchen Abschied bot er ihm, der mit so sichtlicher Liebe an ihm hing? Schon mehrmals hatte er ihm die Hand geschüttelt, und nun, als Arndt sich schon halb zum Gehen gewandt, kam es auf einmal wie zwingend über ihn – fast ohne es zu wollen, beugte er sich zu dem Knaben herab und drückte einen Kuß auf seine Stirn.

„Auf Wiedersehen in Berlin, mein junger Freund!“ sagte er dann heiter und grüßte noch einmal leicht mit dem Hut zu Henrietten hinüber. Als er aber allein dem Nachbardorfe zuschritt, war er räthselhaft erschüttert, und hastiger, als seine Schritte vorwärts stürmten eilten seine Gedanken zurück. – – –

„Jä,“ meinte Putbrese am andern Morgen, als Arndt wartend vor ihm stand, um sich einige Mark herausgeben zu lassen, die er über den Betrag seiner Rechnung gezahlt hatte, „jä – Se gaohn ock woll lichter, as Se kaomen sünd?“

Der Alte zwinkerte so schlau mit den schief gezogenen Augen, als wollte er dem Abreisenden die Antwort aus der Seele lesen.

„Natürlich, guter Putbrese, dafür sorgen die Herren Gastwirthe überall,“ entgegnete Arndt lächelnd.

„Iä – jä – dat is doch äwers ’n schlimm Ding, allens hier to laoten un goarnix dorför mit to nähmen – jä? – Oder nähmen S’ doch ’n bäten wat mit? – Keen son lütt Angedenken?“

„Daß ich nicht wüßte! Ich bin kein Raritätensammler. – Aber bitte, beeilen Sie sich etwas, Herr Putbrese! Denn die mir noch zustehenden Markstücke will ich allerdings gerne mitnehmen.“

„Verstah all,“ grinste der Alte und trat vor sein Pult. „Na – na, man nich so hitzig! – Se sünd keen Roretätensammler? Ne, dat sünd Se nich, äwers dat givt doch ock anner Oarten von Roretäten ... Dunnerwärer! een, twe, dree, vier, vief Mark! – Jä! wenn de nix Ror’s is, denn weet ich ’t nich.“

Arndt hatte nichts von seinem letzten Gemurmel gehört; denn er verabschiedete sich soeben von der „hochdeutschen“ Wirthin, die sofort, als er das Haus verlassen hatte, in einen plattdeutschen Redestrom ausbrach:

„Ick weet nich, Putbres’, wenn se dissen nich nimmt ...! Dat se de vörrigjohrschen Herrn nich ankäken hat ... leve Gott! se möt vähl von ehren Herrn Prefesser hollen hebben – un dat fin ich so rührend un christlich bi sonne vörnähme Doam – – Aewers dissen Herrn Architekten! Wo kleedt den Mann dat good! Alleen disse Boart! disse smucke lange Snauzboart! Putbres’, Du best Dien Daog nich son Boart hatt! – Du kennst goar den Wierth nich, de in sonnen Boart sitt! – dat is nich üm den Boart alleen – dat is üm dat Vörnähme. – – Aewerhaupt: siehr nette Manieren het de Mann! Keen patzig Wurd – un doch nich temied! – Ne, de Mann geföllt mie – dat kann ich woll seggen, siehr geföllt disse Mann mie. Un ick will nich Methilde Putbresen heten, wenn em dat nich ock bie uns angenähm wäst is un he anner Johr wedder kümmt.“

Das glattrasirte Gesicht des alten Putbrese verzog sich zu einem breiten, nachhaltigen Lächeln, draußen aber läutete schon die Glocke des Dampfschiffes, und schäumend setzten sich die Räder des kleinen Fahrzeuges in Bewegung.

Arndt stand auf Deck; sein Blick schweifte nach dem benachbarten Dorfe hinüber; deshalb übersah er wohl, daß aus dem Fenster der Malerinnen, das gerade auf das Wasser hinausging, ein weißes Tuch wehte, welches so langsam und melancholisch hin und her gezogen wurde, daß es nicht schwer gewesen sein dürfte, sich in der Phantasie Augustens braves Gesicht mit dem ironischen Ausdruck dahinter zu ergänzen.




10.

Es war Winter. Menschen und Ereignisse drängten sich wieder in der Hauptstadt. Eine Tagesneuigkeit löste die andere ab. Der Reichstag war eröffnet, die Theatersaison auf der Höhe; fremde und einheimische Künstler aller Gattungen brachten ihre [714] Werke zur Ausstellung, und fettgedruckte Zeitungsreclamen lockten das Publicum bald hierhin, bald dorthin.

Für ein gemüthliches häusliches Leben blieb nur wenigen Leuten Zeit übrig, und was immer die warme Jahreszeit gebracht haben mochte – jede Erinnerung, war sie zu Anfang des Winters auch noch so frisch gewesen, wurde jetzt von der rauschenden Gegenwart übertönt.

In dieser großen rauschenden Welt der Hauptstadt bildeten die fünf Personen, welche im jüngst verflossenen Jahre zwei schöne Wochen mit einander auf Rügen verlebt hatten, eine kleine Welt für sich, ein Zauberkreis umschloß sie; er ward von tausend zarten, bunt durch einander gewebten Fäden gebildet, die der Spätsommer damals so natürlich auf öden Dünen und im stillen, dunkeln Buchenwalde angesponnen hatte.

Um Arndt’s Herz, der jetzt wieder mitten im unruhvollen Leben und Treiben der Welt stand, aber in seiner Berufsthätigkeit seit seiner Rückkehr von Norwegen einen neuen Aufschwung genommen hatte, zogen sich diese leisen Sommerfäden wie Strahlen eines goldenen Lichtes, das seine Augen um so durstiger einsogen, je weniger das Gewölk, das bis vor Kurzem an seinem Horizonte stand, ihm je den Schimmer einer ähnlichen Sonne vergönnt hatte.

Nicht so deutlich, wie er, sah Henriette diese flimmernden Fädchen; nur manchmal fühlte sie vorahnend wie im Traume, daß sich etwas Liebes und Freundliches anscheinend gefahrlos um sie her wob, aber nachgerade so nahe an sie heran kam und so unentwirrbar und dicht wurde, daß es sie in Netzen fangen mußte, welche nur mit schmerzender Gewalt zu zerreißen sein würden; der halb spielende, halb sinnende Curt dagegen ließ es sich angelegen sein, diese Netze, an denen auch für ihn schöne Erinnerung und freundliche Gegenwart gleich emsig woben, in leidenschaftlichem Ungestüm immer fester zu ziehen.

Auch die beiden Malerinnen waren nicht unbetheiligt. Sie bedurften keine Lupe für ihr kluges Freundschaftsauge, um das zarte Gewebe des Sommers jetzt, unter dem Schatten des Winters, geheimnißvoll wachsen zu sehen, und mit ängstlicher Spannung hingen oft Adelheid’s Blicke, wenn Niemand sie beobachtete, an den schwebenden Maschen dieser Fäden, während Auguste wohl ebenso interessiert wie die Schwester, aber weniger aufgeregt, der Dinge harrte, die da kommen sollten.

Henriette, die seit ihrer Verheirathung in äußerlich günstigen Verhältnissen in Berlin lebte, hatte nach und nach einen ziemlich weiten Bekanntenkreis in der unruhigen Großstadt gewonnen, in welchem die Malerinnen den ersten Platz einnahmen; sie zog sich auch in diesem Winter keineswegs ganz von den Anforderungen zurück, welche an sie gestellt wurden, doch waren dieselben im Allgemeinen sehr vorübergehender Natur.

Daß Arndt sofort nach seinem ersten Besuche, den er ihr in Berlin machte, auch äußerlich als Gleichberechtigter an die Seite der Malerinnen trat, war als eine Folge der Rügener Beziehungen eigentlich etwas Selbstverständliches, und als ebenso selbstverständlich mußte es erscheinen, daß er durch die Vermittelung des Knaben, dem er immer mehr ein väterlicher Freund wurde, nach und nach manchen Schritt über die Gleichberechtigung hinausthat und in eine immer engere Sphäre aufgenommen wurde.

Es dauerte gar nicht lange, so theilte er sich mit ihr in die Erziehung des Knaben, genau wie Vater und Mutter sich oft in diese verantwortungsvolle Arbeit zu theilen pflegen: der Vater ist des Sohnes Berather und Bildner in allen praktischen und wissenschaftlichen Dingen – die Mutter erzieht die junge Seele; der Vater wird dem mehr und mehr Heranwachsenden ein Freund – die Mutter ist ihm die erste Geliebte, die Geliebte mit dem Heiligenschein.

Um die Mitte des Winters hatte sich Curt bereits so eng an Arndt angeschlossen, daß man für gewöhnlich gar nicht mehr an die Zeit zurück dachte, in welcher es anders gewesen war. Kaum, daß Arndt des Abends die Schwelle betreten hatte, so mußte er dem Knaben auch schon irgend eine mathematische Formel erklären, ihm wunderliche lateinische Vocabeln übersetzen, die gewiß nicht in den Wörterbüchern zu finden waren, oder doch wenigstens allerlei spitzfindige grammatische Regeln deuten.

Arndt fühlte auch jetzt noch, daß etwas im Grunde von Henriettens Wesen schlummere, das er noch nicht enträthselt hatte, und doch zweifelte er in diesen Wintermonaten keinen Augenblick daran, daß es ihm gelingen müsse, sich über kurz oder lang völlige Klarheit und mit der Klarheit auch völligen Besitz dieser Frau zu verschaffen, ohne welche er sich überhaupt keine Zukunft mehr denken mochte.

Um ganz leben zu können, wie es ihm gefiel, hatte er fast allen anderen geselligen Verkehr in diesem Winter abgebrochen, und er bereute diese Consequenz keinen Augenblick – um so weniger, als er in der ersten und letzten Gesellschaft, welche er in dieser Saison bei früheren Bekannten mitgemacht hatte, nach langer Pause wieder einmal Erna Lepel begegnet war.

[725] Erna Lepel! Arndt war sich nicht bewußt, in dem Mädchen irgend eine Hoffnung geweckt zu haben. Trotzdem war es ihm nicht mehr behaglich in ihrer Nähe, und seine Unterhaltung mit ihr war ein seltsames Gemisch von aufrichtiger Kälte und unnatürlicher Zuvorkommenheit. Er sprach über hundert Dinge mit ihr, aber er wußte kaum, was sie antwortete. Er fand, daß sie hübscher geworden sei, doch selbst diese Bemerkung glitt kühl an seiner Seele ab.

Erna war zu klug, um seine Veränderung nicht sofort zu bemerken, und als er sich am Schlusse der Gesellschaft von ihr verabschiedete, war ihm, als blickten ihre lebhaften Augen traurig, wie in einem ersten Schmerze, vor sich hin. Er kam sich in diesem Augenblicke vor wie Einer, der im Leichtsinn vor einen Altar getreten ist, dessen Ritus ihn kalt läßt, weil er die Bekenntnisse seines Glaubens nicht theilt.

Dergleichen innere Erlebnisse schlossen ihn nur um so enger an Henriette. Diese empfand mehr und mehr für Alles, was er ihrem Sohne war, eine heiße Dankbarkeit und war ihm zugethan, wie ihrem besten Freunde; deshalb mochte sie ihn ungern einen Abend entbehren.

So verging der Winter, und eines Tages war es Frühling geworden. Dieser war wirklich einmal unmerklich gekommen – ohne Sturm und Regen.

Es ist etwas Eigenes um ein echtes Frühlingsgefühl. Die Empfindung höheren Werdens, aufwärts steigender Kraft und weicher, unbegrenzter Empfänglichkeit erfüllt uns, und das Herz hält plötzlich gleichen Tact mit dem großen Herzschlag der Welt.

Das Gefühl solcher Gehobenheit hatte sich in diesem wunderbaren Frühling auch Arndt’s in gesteigertem Maße bemächtigt; je länger er Freundschaftsrechte bei Henrietten genoß, desto mehr schwand in ihm jener eigenthümlich beklemmende Druck, dessen er sich zuweilen im Anfang ihrer Bekanntschaft nicht hatte erwehren können; es war in ihm eine gewisse zufriedene Heiterkeit, die vielleicht zum Theil auf ein bestimmtes erfreuliches Ereigniß zurückzuführen war: ihm war in jenen Tagen der Preis für einen öffentlich eingereichten Bauplan zuerkannt worden, und nun hatte er oft das Gefühl, als wäre jeder Tag ein Schritt, der ihn näher zu den Höhen des Lebens trüge. – –

Der Juli war vor der Thür und mit ihm nahten auch die Hundstagsferien des Knaben. Die beiden Malerinnen waren schon im Mai in die Thüringer Berge gegangen.

„Wir haben noch gar nichts über die Ferien beschlossen,“ sagte Henriette eines Tages zu Arndt. „Ich werde natürlich wieder mit Curt verreisen, aber nur auf die gesetzlichen vier Wochen.“

„Wohin werden Sie gehen?“ fragte der Architekt in erzwungen kaltem Tone, während eine dunkle Röthe ihm in’s Gesicht stieg.

„Ich dachte, wieder nach Rügen.“

Henriette hatte das mit plötzlicher Heiterkeit gesagt. Der Gedanke an die See schien eine Reihe bestrickender Bilder an ihrer Phantasie vorüber zu führen, und erst als ihr Blick auf Arndt fiel, zog wieder ein unsicherer Schatten über ihr Gesicht.

„Wir werden Sie sehr vermissen,“ sagte sie herzlich, und ein Seufzer stahl sich zwischen ihre Worte.

„Henriette, geben Sie mir ein Recht, Sie zu begleiten?“ fragte er und stemmte die erhebende Hand gegen die Lehne ihres Stuhles.

Sie mußte sich sammeln. Es gab nur eine Deutung für seine Worte. Sie erglühte unter seinen Blicken, um dann wieder zu erblassen.

Da brach es befreiend, wie ein entfesselter Strom der Leidenschaft, aus seinem Innern hervor.

„Henriette!“

Sie schwieg; ihr Gesicht wurde immer trauriger, und sie schloß einen Augenblick lang die Augen.

„O, das nicht! das nicht!“ sagte sie leise.

Er zog seine Hand von ihrem Stuhl zurück, blieb aber doch vor ihr stehen, als erwarte er noch etwas.

„Arndt,“ sagte sie dann, „Sie würden nicht glücklich werden an meiner Seite.“

„Das heißt,“ stieß er rauh hervor, „Sie würden es nicht werden an der meinen – o, Sie lieben mich nicht.“

Er athmete kurz auf, hob den Kopf kaum merklich und sah aus, wie Jemand, der durchaus standhaft bleiben will.

Noch einen Blick voll glühenden Verlangens warf er auf sie, wandte sich ab und ging zur Thür.

„Arndt!“ rief sie geängstigt und verwirrt. „Ist es denn unmöglich, daß wir Freunde bleiben? Arndt, denken Sie nicht, ich ließe Sie so gehen!“ Und sie eilte ihm nach und hielt ihm bittend beide Hände entgegen. „Freunde, Arndt! Freunde!“ rief sie noch einmal.

Ein bitteres Lächeln flog über seine Lippen.

„Freunde?“ wiederholte er scharf. „Ja, wenn Sie diese Stunde vergessen können! Ich werde mein Möglichstes thun.“

Sie zitterte vor seiner zornigen Liebe und sann, wie sie ihn besänftigen könne.

[726] „Wenn Curt zu Bett ist, kommen Sie wieder!“ sagte sie plötzlich. „Ich will Ihnen meine Lebensgeschichte erzählen, Arndt.“

„Ich werde kommen. Sie würden mich sonst gar für einen trotzigen Knaben halten,“ sagte er tonlos, mit fast ausdrucksloser Stimme und ging. – – –

In seinem einsamen Stübchen angekommen, begann Arndt ein rastloses Wandern. Nur ab und zu blieb er plötzlich stehen und warf einen zerstreuten, glanzlosen Blick über die gleichgültigen Gegenstände seines Zimmers hinweg, gleichsam in die Ferne, als sei er ein Schiffbrüchiger, der vom Strande aus apathisch zusieht, wie draußen das Meer sein Fahrzeug verschlingt. Nach diesem starren Versunkensein wieder das ruhelose Wandern! Endlich sank er müde auf sein Sopha.

Hier saß er lange, ohne sich zu regen, blaß, mit geschlossenen Augen, Verzweiflung in den Zügen. Plötzlich sah er auf und murmelte einen Fluch zwischen den Lippen, wie ein Spieler, der Alles auf eine Karte gesetzt und sich verrechnet hat.

Als es zehn Uhr vorbei war, erhob er sich, um zu Henrietten zu gehen.

„Weiter, immer weiter im Leben!“ rief er resignirt. „Aber gottlob! der Rest meiner Tage wird immer kleiner.“




11.

„Ich hätte es wissen sollen,“ sagte er, als er bei Henrietten eintrat. „Es war ein unverzeihlicher Knabenstreich, den ich vorhin begangen habe.“

Sie erhob sich und sah theilnehmend in sein blasses, stolzes Gesicht.

„Nein,“ sagte sie; „es ist meine Schuld. Ich hätte Ihnen eher erzählen sollen, was ich Ihnen jetzt ...“ Ihre Stimme wurde immer leiser, und sie drückte seine Hand wie in schmerzlicher Verwirrung. „Arndt, unser jüngstes Gespräch,“ flüsterte sie, „hat die Todten in ihren Gräbern geweckt. Setzen Sie sich zu mir, und hören Sie mich an!“

Er that, wie sie wünschte, und nahm ihr gegenüber Platz, legte aber das Haupt zurück, sodaß sein Gesicht von dem Schatten eines hohen Schrankes gedeckt ward.

Henriette kämpfte mit sich selbst. Das Wort, mit dem sie beginnen wollte, ließ sich nicht auf die Lippe zwingen. Um sich zu beruhigen, legte sie die Hände in einander.

„Lassen Sie!“ sagte er, aufspringend, da sie noch immer nicht redete. „Erzählen Sie mir nichts! Schonen Sie sich!“

Er wollte gehen.

„Nein,“ warf sie ein und schlug die Augen voll zu ihm auf. „Sie sind mein Freund, Arndt – bleiben Sie! Sie sollen, Sie müssen mich hören.“

Da blieb er, und wieder setzte er sich, wie zuvor, in den Schatten zurück.

„Er war der Bruder von Auguste und Adelheid.“ sagte sie mit gesenkten Wimpern. „Ich hatte ihn schon als Kind gesehen und sah ihn dann wieder, als ich siebenzehn Jahre alt war. Er hatte alle Eigenschaften, welche einen Menschen glänzend und liebenswürdig machen. Und mehr als das, er war ein musikalisches Genie – und vielleicht auch ein poetisches – jedenfalls schrieb er Gedichte, die ich sehr schön fand. Von Beruf war er Kaufmann, und als wir damals vier Wochen lang neben einander auf dem Lande lebten, stand er im Begriff, nach Amerika zu gehen.“

Sie hielt einen Augenblick inne. Worte machen jede Erinnerung so plastisch, daß die Vergangenheit bei lebhaft fühlenden Gemüthern ohne Weiteres Gegenwart wird.

„Ja, Arndt, ich liebte ihn,“ fuhr sie mit bewegter Stimme fort, „und er liebte mich. Ich war damals jung, und er fand mich hübsch. Wir schwärmten mit einander – wir schwärmten von allem Schönen und Großen. Es war etwas in ihm, das nicht gut war. Schlecht war er nicht; nein, nein, das gewiß nicht! Aber er war egoistisch. – Adelheid sagte es mir noch an demselben Tage, an dem er mir seine Liebe gestanden – an dem Tage unserer Verlobung. Aber ich glaubte es nicht; wie hätte ich es glauben können, Arndt? Denn ich liebte ihn ja. – Er hatte dieselben schwarzen Augen wie Adelheid, aber sie waren weniger dunkel; denn sie hatten einen so ganz anderen Ausdruck: lichter, phantasievoller und ....“ hier sank ihre Stimme zu einem Flüsterton herab – „seltsam zerstreut. Aber der ganze Eindruck seiner Persönlichkeit .... Sie kennen .... Sie besinnen sich gewiß auf den antiken Hermes mit dem Flügelhut und den Flügelsohlen, der, leicht auf einem Felsen sitzend, nur eine Secunde lang zu rasten scheint – so sah er aus, Arndt.“

Wieder schwieg sie eine Weile; dann sagte sie gemessen:

„Er ging nach Amerika. Dort wurde er ein schlechter Kaufmann, aber ein großer Componist. Auch gab er Concerte in New-York, die einen Weltruf erlangten. Sie müssen von ihm gehört haben, Arndt; er hat in Amerika den Vatersnamen abgelegt und führt den Namen seiner Mutter. – Und in New-York hat er sich auch – verheiratet – mit einer viel genannten Concertsängerin. Ob er glücklich mit ihr geworden ist, weiß ich nicht; seine Schwestern reden nie mehr in meiner Gegenwart von ihm; – trotzdem scheinen mir oft Adelheid’s Augen zu sagen, daß er es nicht ist.“

Sie neigte sich gegen die Lehne ihres Stuhles zurück und blickte mit gedankenvollem Ernst vor sich hin, als vergesse sie eine Secunde lang, zu wem sie sprechen und daß sie überhaupt einen Zuhörer habe.

„Und Sie,“ fragte Arndt leise, „Sie lieben ihn noch?“

„Nein,“ sagte sie, „nein, Arndt, ich liebe ihn nicht mehr. Ich habe leben gelernt – ohne ihn, und es vergehen Tage, ja zuweilen Wochen, in denen ich gar nicht mehr an ihn denke. – Das ist keine Liebe mehr. Die Liebe zu ihm hat sich verwandelt in die Liebe zu meinem Sohne. Ich habe ihn nun schon längst über dem Kinde vergessen. – Doch – das ist vielleicht nicht ganz wahr, denn als ich den Knaben sah, war die Liebe zu ihm ja schon todt. – O! ich hätte es wohl nie geglaubt, daß wirkliche, wahrhaftige Liebe sterben kann, aber es ist so, Arndt; ein Hauch kann sie tödten; sie kann ausgeblasen werden wie ein Licht.“

Sie schauderte in sich zusammen und sagte in geisterhaftem Tone:

„Eine Andere – das war es – eine Andere!“ Dann richtete sie sich auf und fuhr zitternd fort. „Als ich es das erste Mal hörte, konnt’ ich es nicht fassen. Bis dahin hatt’ ich noch keinen Schmerz empfunden. – Nein .... es ist nicht mehr auszudenken, wenn es vorüber ist. – – Eine Andere – wie das klingt! – Verzweiflung ist eigentlich kein Schmerz mehr – Verzweiflung ist Wahnsinn – und ich hab’ es unzählige Male gefühlt, wie er aus dem tobenden Herzen emporkroch in die müden Gedanken – o, Arndt, Arndt – –“

„Doch die Verzweiflung athmet an ihrer eigenen Raserei aus,“ sprach sie nach einer secundenlangen Pause weiter. „Endlich – endlich werden die Gefühle dumpfer, und man schläft trotz aller Qualen ein. Ja – die Seele schläft – auch meine schlief. – Da las ich eines Tages nachträglich in der Zeitung seine Vermählungsfeier – und dabei erwachte ich wieder. Aber es war ein sonderbares Erwachen.“ – Sie stöhnte leise auf. „Denn gleichzeitig fühlte ich, daß Etwas in mir todt sei. – Nicht nur das Glück, auch die Liebe war gestorben. Todt, Arndt, todt – vollständig todt und vorüber! – – Die Welt im Ganzen kam mir merkwürdig unzusammenhängend und verblaßt vor – alle einzelnen Dinge aber interessirten mich wieder. – Es ist schauerlich – aber es ist so: die Liebe war erloschen – erloschen, wie ein Licht, an dem kein Fünkchen mehr glimmt.“

Und als sie so sprach, lag plötzlich auch etwas Todtes und Erloschenes in ihrem Auge, Etwas, das Arndt nie zuvor darin gesehen hatte, und sie hob die Hand wie in dumpfer Erinnerung gegen die Stirn, während ein eigenthümlicher Ausdruck von Abwesenheit über ihre ganze Erscheinung glitt.

Erst nach einer geraumen Weile sah sie ihn wieder an.

„Nicht wahr, Sie haben mich verstanden?“ fragte sie feierlich. „Aber – wir sind Freunde, Arndt! Nicht wahr?“

„Das Licht ist ausgeblasen, aber die Flamme kann wieder auflodern“ sagte er wie aus einem Traume heraus, „auflodern für einen Andern.“

„Für Andere – ja! Aber nicht mehr für einen Andern,“ antwortete sie sanft und traurig. „So Etwas erlebt man nur einmal.“

Sie schwieg wieder.

„Und Curt?“ fragte Arndt. „Was band Sie an Curt?“

Da kam eine wunderbare Bewegung über sie, und ihr Antlitz strahlte wie verklärt.

[727] „Ich sah den Knaben,“ sagte sie leise, „und seine Augen, obgleich sie nicht dunkel waren ...“

Arndt wurde immer unruhiger, und seine Hand ballte sich zur Faust; eine Secunde lang haßte er den Knaben.

„Curt’s Augen hatten eine wunderbare Aehnlichkeit mit ... mit den seinen,“ sprach Henriette weiter. „Alles in mir wachte auf – o Arndt, ich konnte diesen Augen nicht widerstehen, und so versenkte ich die letzte Empfindung für den geliebten Mann in die Liebe zu diesem fremden Kinde. – Ein Jahr zuvor hatte ich den Antrag von Curt’s Vater, die Werbung von Professor Brandenburg, zurückgewiesen, da – nachdem ich den Knaben gesehen, war mir plötzlich die Aufgabe meines Lebens klar geworden. – Ich verlobte mich mit Brandenburg, der schon damals ein Todescandidat war, und als wir getraut wurden, lag er bereits auf dem Sterbebett. Aber ich wollte es so, ich wollte ein Recht haben, diesen Knaben meinen Sohn zu nennen, denn ich konnte nicht mehr von ihm lassen. Ich weiß nicht, ob es eine jesuitische Sünde ist: während der Geistliche das Ehegelübde vorlas, sprach ich in meinem Herzen. ‚Ja, ich will Dein sein bis in den Tod.‘ Ich meinte den Knaben, und gleich darauf wechselte ich den Ring mit dem Vater. – Merkwürdig,“ setzte sie hinzu, und ihre Stimme bebte. „Ich glaubte, die Zeit liege auf allen diesen längst verschollenen Ereignissen wie eine schwere Altardecke, welche ich nie wieder würde heben können – und nun lebt die Vergangenheit wieder auf, indem ich von jenen Tagen spreche.“

„Und Sie waren glücklich in jenen Tagen?“ fragte Arndt, „sind es heute, Henriette? Und ihr Herz ist ausgefüllt bis in alle Ewigkeit?“

Sie antwortete nicht. Ihre Gedanken schienen weitab zu wandern.

„Gute Nacht, Henriette – es ist Zeit, daß ich gehe.“

Da trat sie vor ihn hin und ergriff sanft seine Hand.

„Ja,“ sagte sie, „ich bin jetzt glücklich. Und Sie, Arndt, Sie werden es auch wieder sein. – Sehen Sie, es klopfen täglich viele schöne Freuden an mein Herz, und wenn sie einen leisen und stillen Gang haben und ruhig bei mir eintreten, so schadet das nichts, denn meine Hand, welche ihnen die Thür öffnet, zittert ja nicht mehr vor Sehnsucht. – Ja, ich bin glücklich, Arndt, aber jene Freuden, die durch alle Adern rinnen – die wie das Brausen im Frühlingssturm in die jauchzende Seele herabfahren, die sind natürlich vorüber.“

„Sie sind eine Heilige, Henriette, wohl Ihnen, daß Sie es sind!“ Er sagte es resignirt, aber in die Resignation seiner Stimme klang doch etwas wie Spott.

„Arndt,“ bat sie beschwörend, „spotten Sie nicht in diesem Augenblicke! Es wäre eine schwere Sünde. O mein Freund, was gäbe ich darum, wenn ich Ihnen helfen könnte, glücklich zu sein, wie ich es bin!“

Er wandte das Gesicht ab.

„Alles geben Sie darum, Henriette – nur nicht sich selbst!“ sagte er und preßte die Zähne im Schmerze auf einander.

Sie bemerkte es wohl, noch einmal ergriff sie seine Hand.

„Freunde!“ stammelte sie, „Arndt, warum denn nicht? Alles, was noch mein war von meinem Herzen, habe ich Ihnen ja gegeben, und Sie sollen es behalten bis an’s Ende: meine Dankbarkeit ...“

Und diesmal konnte sie nicht anders: in dem überströmenden Wunschgefühle, ihn zu trösten hauchte sie einen leisen, abbittenden Kuß auf seine Hand.

„Was thun Sie, Henriette?“ preßte er heraus. „Wollen Sie, daß ich ewig Ihr Sclave sein soll? Henriette – – Henriette!!“

Sie fuhr zusammen.

„Nein,“ sagte sie. „Sie werden aufhören, zu lieben, wie auch meine Liebe aufgehört hat. – Gute Nacht, Arndt! Gehen Sie! – Es ist gut, daß wir bald reisen und daß wir uns eine Zeit lang nicht sehen werden. – Später ...“ sie brach jäh ab. – „Auch aus dieser – schrecklichen Stunde kann uns Gutes kommen,“ schloß sie dann hastig.

„Vielleicht haben Sie mit allen Ihren Behauptungen Recht,“ sagte er, während sein Gesicht immer finsterer wurde und sich seine Gestalt fast unheimlich in die Höhe richtete. „Aber, glauben Sie mir, Henriette, nicht jede Liebe ist ein Gott. Liebe kann auch ein Dämon sein.“

„Liebe nicht. Liebe ist immer ein Gott,“ rief sie bewegt. „Ohne die Liebe wäre unsere Seele vielleicht ein Kaufhaus geworden, aber wir wurden geliebt – und unsere Seele wurde ein Tempel.“

„Allerdings,“ erwiderte Arndt wegwerfend; „es giebt auch armselige Tempel, wie es verloschene Herzen giebt, Tempel, in denen das Altarbild fehlt.“

„Ja, Arndt,“ sagte sie ruhig, „das Bild wurde uns zertrümmert, weil wir davor gekniet – wir sollen vielleicht keine andern Götter haben, als – die Ideale der Liebe und der Pflicht – was wollten wir denn auch anders? Einen Himmel auf Erden? – Seit Adam und Eva war Niemand im Paradiese, es sei denn im Traum. – Auch wir haben vom Paradiese geträumt. Auch wir aßen von dem Baume des Lebens und wandelten unter Palmen.“

Wie sie so sprach, dünkte Arndt auf einmal, er habe sie nie zuvor so mädchenhaft lieblich, nie so schön gesehen, und plötzlich jauchzte es in seinem Herzen auf. Er sah sie mit einem ganz sonderbaren Aufleuchten von grimmer Liebe und Bewunderung an, drückte ihr noch einmal stummberedt die Hand und verließ schnell das Zimmer.

„Henriette,“ sagte er draußen, wo der Frühlingswind seine heiße Stirn umwehte, zu sich selbst, „die Leidenschaft in Dir ist nicht todt, sie schlummert nur – eines Tages aber muß sie wiedererwachen – und dann, dann bin ich Deinem Herzen der Nächste.“ – – –

Unruhig war Henriette nach Arndt’s Fortgang in der nächtlichen Stille ihres Zimmers zurückgeblieben.

Was hatte sie gethan? Ihr Herz klopfte ungestüm, wie seit Jahren nicht mehr. Zug um Zug, ganz, wie er einst an ihrer Seite gestanden, feurig, wie er einst über ihr gelächelt hatte, wenn ihr Haupt an seiner Schulter ruhte, sah sie den Geliebten ihrer Jugend vor sich. Wie hatte sie ihn all diese Jahre hindurch vergessen können?

Und die Thore der Vergangenheit sprangen plötzlich vor ihr auf, wie die Pforten einer alten, lange verschlossen gewesenen Kirche. Schaudernd, mit hinabgebeugtem Haupte, aber mit andächtig erhobenen Händen und selig-schwärmerischem Blicke trat sie in die geliebten, von tausendstimmigen Chören erfüllten Gewölbe ein, und an jedem Schritt den sie that, an jeder Stelle des Fußbodens, die sie berührte, hingen die Empfindungen welche einst an diesen Stätten über sie gekommen waren. O, die Macht der Erinnerung! Selbstvergessen stand Henriette in ihrem Zimmer.

Aber – „Eine Andere!“ – dachte sie plötzlich, und wie Eis legte es sich ihr auf’s Herz – kalt, kalt!

Was wollte sie? Wo war sie gewesen? Was hatte sie gethan?

„Nie wieder,“ sagte sie, „will ich von ihm reden. Es ist Mitternacht, ich habe die Todten aus ihren Gräbern geweckt.“

Erschöpft sank sie auf ihre Chaise-Longue. Ihr Haupt fiel zurück – ihre Glieder streckten sich ruhebedürftig aus. Sie schloß die Augen, und nun kam sie sich vor wie eine geheimnißvolle Leiche, aus der alle Unruhe der Welt entflohen ist, und was sich noch etwa von alten Erinnerungen in ihr regte, erschien ihr fremd und fern, fern wie Todtenwürmer, die hoch über ihr im Gebälke nagten.




12.

Ungefähr acht Tage später war Arndt eines Nachmittags zwischen allerlei Büchern, Plänen und Zeichnungen thätig.

Er arbeitete, wie sonst, mit der Anspannung aller Kräfte, aber nicht mit schwungvollem Frohsinn und thätigem Eifer, sondern mit einer gewissen Ueberhastung.

Als er sich so recht inmitten vollster Anstrengung befand, klingelte es bei ihm, und er stand auf um zu öffnen.

Einige Minuten später trat er mit Curt wieder ein, und sein Gesicht drückte eine fast verlegene Ueberraschung aus, obgleich die Besuche des Knaben nichts Seltenes waren. Auch Curt war dunkelroth geworden und wurde es noch mehr bei Arndt’s Frage, ob er gekommen sei, um für die Zeit der auf Rügen zu verlebenden Ferien von ihm Abschied zu nehmen.

„Ja,“ sagte er, und seine großen ausdrucksvollen Augen blickten unstät im Zimmer umher. „Ich wollte Ihnen Adieu sagen. Sie sind ja seit acht Tagen kein einziges Mal bei uns gewesen.“

„Freilich, ich hatte von Morgen bis Abend zu thun, Kind.“

„Wer das glaubt!“ sagte Curt, dessen Befangenheit auf einmal schwand, beinahe hart. „Ich nicht, Herr Arndt! Ich gewiß nicht!“

[728] „Knabe!“ rief der Architekt und fuhr ihm erregt in das üppige Haar über der Stirn, indem er das seltsame Kindergesicht zu sich aufhob. „Dir ist Manches erlaubt – aber nicht Alles.“

Da blitzten die Augen des Knaben heftig zu den ernsten, unruhigen Männeraugen über ihm empor.

„Ich will nicht, daß Sie meine Mutter traurig machen,“ stieß Curt hervor.

„Du irrst,“ sagte Arndt, sich entfärbend, und seine Hand zitterte leicht über der Stirn des Kindes. „Du irrst: ich mache Deine Mutter nicht traurig. – Ist sie denn traurig?“

„Ja, seit Sie nicht mehr kommen.“

„Dann sage Deiner Mutter, sie soll es nicht sein! – Sie soll nicht traurig sein um mich.“

Ein außerordentlicher Ernst sprach plötzlich aus dem leidenschaftlichen Blicke des Knaben; wie ein halbes Verständniß mußte es über seine junge Seele gekommen sein.

„Sind Sie denn auch traurig?“ flüsterte er in dem bangen Gefühl, vor einem großen Geheimniß des Menschendaseins zu stehn.

Arndt riß ihn an sich und küßte ihn.

„Geh!“ sagte er erschüttert. „Geh, mein Sohn und laß mich in Frieden!“

„Herr Arndt, was ist Ihnen? Kommen Sie mit! Wir können nicht ohne Sie reisen! Ach, Herr Arndt, Sie und die Mutter – – o, wie ich Sie Beide liebe! Ich möchte – –“

Er schwieg plötzlich, und flehend, mit großen Thränen in den Augen, schmiegte er sich an Arndt’s hohe Gestalt.

„Ich kann nicht, mein geliebter Knabe!“ sagte er hastig. „Aber ich werde morgen, wenn Ihr abreist, auf dem Bahnhofe sein.“

„Auf ein paar Tage – nur auf ein paar Tage, Herr Arndt, kommen Sie in diesen vier Wochen nach Rügen!“

„Ich werde versuchen zu kommen, mein Sohn. Wenn ich aber doch nicht kommen könnte wirst Du dann von Rügen aus einmal an mich schreiben?“

„Sie wissen ja: ich thue immer, was Sie und Mutter wünschen.“

„Also auf Wiedersehen morgen, mein Junge! Auf dem Bahnhofe! Grüß’ Deine Mutter! Adieu!“ – – –

Und am nächsten Morgen war Arndt auf dem Bahnhofe.

Die Locomotive ließ zum zweiten Male ihren häßlich schrillen Pfiff ertönen, und der Zug setzte sich langsam in Bewegung.

Arndt beeilte sich, den Perron zu verlassen; Henriette hatte sich bereits in eine Ecke des Coupés gedrückt, das sie allein mit ihrem Sohne inne hatte; nur dieser stand noch immer am Fenster und sah zerstreut hinaus.

Als schon eine gute Viertelstunde vergangen war und die letzten Häuser der Vorstadt eben vor den Augen der Reisenden verschwanden, sagte Curt plötzlich, aber immer noch ohne sich umzuwenden.

„Mutter, wie es mir schwer wird, mich von Herrn Arndt zu trennen! Und er ist traurig, Mutter, ich möchte mich nie mehr von ihm trennen. Weißt Du was ich möchte? Weißt Du, Mutter – –?“

„Nun?“ fragte sie gespannt und unruhig.

„Daß er mein Vater wäre!“

Henriette war für den Rest der Reise tief nachdenklich geworden; das Feuer innerer Erregung flammte auf ihren Wangen.




13.

Zwei Wochen waren vergangen, seitdem Arndt auf dem Bahnhofe von Mutter und Sohn Abschied genommen. Da erhielt er folgenden Brief von Curt:

  „Lieber Herr Arndt!

Nicht aus Bummelei oder Schlechtigkeit schreibe ich Ihnen erst heute – mit Schlechtigkeit meine ich, daß ich Sie vergessen hätte – sondern weil ich Ihnen immer etwas Wichtiges erzählen wollte. Es passirt aber weiter nichts, als daß wir alle Nachmittage spazieren gehen.

Auf Jasmund und Mönkgut war kein Quartier mehr; deshalb sind wir hierher ganz nach Norden in die Nähe von Arcona gegangen. Unser Dorf heißt Breege auf der Halbinsel Wittow.

Es ist gar kein Wald hier, und die Natur ist ringsum so einsam, wie es in Liedern und Geschichten manchmal beschrieben wird. In den ersten Tagen kam sie mir immer vor, als wäre sie ein trauriger Mensch, der den Kopf hängen läßt – aber Unsinn! Jetzt kenne ich sie besser. – Na ja, es ist ganz lustig zwischen den grauen Dünen; nur wünscht man sich dieses Jahr so oft – Etwas – – das nicht angeht.

Adieu, Herr Arndt! Ich wollte, o, ich wollte, Sie kämen noch! Sie wissen gar nicht, wie oft ich an Sie denke – wahrhaftig, bei hundert Gelegenheiten! Zweimal habe ich auch schon von Ihnen geträumt, und jeden Tag denke ich, Sie kommen vielleicht doch mit dem Dampfschiffe.

Mutter läßt Sie sehr grüßen.
Ihr treuer und gehorsamer 
Curt Brandenburg.“ 

Am zweiten Abend, nachdem Arndt diesen Brief empfangen hatte, wurde Henrietten von ihrer Wirthin ein Herr gemeldet, der sie zu sprechen wünsche.

„Wer ist es denn?“ fragte sie zögernd und offenbar nicht ganz angenehm überrascht.

„Arndt ist es, der seine Freunde einmal rudern möchte!“ antwortete eine kräftige, wenn auch leise zitternde Stimme, und als Henriette und Curt nach der Thür blickten, sahen sie in ein wohlbekanntes Gesicht, dessen gehaltener Ernst und eigenthümlich erzwungene Ruhe etwas Respect Einflößendes und zugleich etwas Ergreifendes hatten.

Curt stand einen Augenblick wie versteuert.

„Ich wußt’ es. Ich hab’ es die Nacht geträumt,“ stotterte er dann vor sich hin, und als die Wirthin hinaus war, jauchzte er förmlich auf und stürzte auf Arndt zu. Doch plötzlich riß er sich wieder von ihm los und warf einen scheuen Seitenblick auf seine Mutter.

Henriette war befangen, und als sie den Freund mit herzlicher Dankbarkeit für sein Kommen begrüßte, sah sie ihm nicht, wie wohl früher, voll in’s Gesicht.

Arndt erklärte dann, daß er wirklich nur gekommen, um Curt einmal eine ausgedehnte Wasserpartie zu ermöglichen – bei welcher er freilich zu seinem eigenen Besten etwas Seeluft zu schlucken hoffe – und daß er übermorgen schon wieder abreisen werde. Das Gesicht des Knaben strahlte vor Unternehmungslust.

Daß Arndt den Rest des Tages bei Brandenburgs verlebte, war natürlich, und Henriette glaubte mehr und mehr aus seinem Benehmen herausfühlen zu dürfen, daß es ihm jetzt heiliger Ernst sei, ihre Bitte um fortgesetzte, nicht mißzuverstehende Freundschaft zu erfüllen, aber trotzdem nahm ihr Wesen etwas Verschleiertes an. – –

„Hattest Du Herrn Arndt in Deinem Briefe gebeten, zu kommen?“ fragte Henriette später ihren Sohn.

„Nein, gebeten nicht,“ antwortete Curt mit auffallender Kürze, und küßte seiner Mutter so stürmisch die Hand, wie er es sonst nur that, wenn er etwas abzubitten hatte.




14.

Nachdem man am andern Morgen die verabredete Wasserfahrt bei köstlichem Wetter in’s Werk gesetzt, wurde der Nachmittag einem gemeinsamen Spaziergange in die sogenannten „Tannen“ gewidmet.

Die drei Wanderer gingen zunächst auf der von kleinen frisch angepflanzten Birken abgegrenzten Chaussee entlang, welche sich malerisch auf der Höhe des schmalen Landstreifens hinzieht, der die nördliche Halbinsel mit der südlicher gelegenen verbindet und sich zwischen offener See und Bodden, zwischen sanften Dünenketten und dunklem Kieferngehölz dahinschlängelt.

Bot der den ganzen Nachmittag in Anspruch nehmende Spaziergang mittelst der stets wechselnden, wunderbar schönen Landschaftsbilder immer neue Reize, so lieh das Schauspiel des Sonnenuntergangs ihm einen erhebenden, großartigen Abschluß: der hochgespannte Westhimmel, der sich wie eine ununterbrochene Halbkugel über der weiten Ebene von Wasser und Land wölbte, leuchtete in allen Regenbogenfarben über dem goldglühenden Sonnenball, der langsam gegen den Horizont herabsank. In warmem Violett schimmerten jenseits die etwas ansteigenden Küsten der vielzackigen Insel; feurig glänzte der weite Wasserspiegel, und wie eitel Gold funkelten die Fenster der Breeger Schifferhäuser vom [730] fernen Ende des Boddens herüber. Dann lösten sich die verschiedenen Farben; in geheimnißvollem Hauch erstarben sie und gingen langsam in einander über und unter.

Plötzlich sah man nichts, als eine einzige, feuergetränkte, purpurrothe Gluth: Himmel, Wasser und Land – Alles war übergossen von einer einzigen flammenden Pracht. Tiefer und tiefer sank die Sonnenkugel herab, und athemlos standen die drei Wanderer, um das Scheiden des Tagesgestirns mit Andacht zu verfolgen. Jetzt tauchten die letzten Strahlen unter: der Bann war gebrochen, und das Menschenwort trat in seine Rechte zurück.

„Ah!“ sagte Arndt „so Etwas sah ich noch nie. Aber wer die Arme nach dieser Gluth ausbreitete, wäre ein Narr.“

„Die Arme nicht, aber die Seele soll man ihr entgegenbreiten,“ meinte Henriette hastig-leise.

„Henriette,“ flüsterte Arndt, „Sie sind kein Wesen von Fleisch und Blut. Ihre Seele ist anders, als die Seelen gewöhnlicher Sterblicher – sie hat volles Genüge in der Idee. Wir Anderen möchten an das Herz reißen, was schön ist, unser nennen, was entzückt. Und unser, ganz unser ist nur das, was wir in die Arme pressen dürfen. Nur an der Wirklichkeit erwarmt unser Idealismus und erstarkt unsere Kraft, Henriette!“

Sie preßte die Hand gegen das klopfende Herz; sie wollte ihm weichen, aber sie konnte nicht.

„Wirklichkeit ist wie heißer Sonnenglanz,“ sagte sie unruhig, „und Genuß der Phantasie ist wie Mondscheinbeleuchtung; ich weiß kaum, was schöner ist.“ Sie sah sich nach Curt um, der nur wenige Schritte von ihnen stand.

„Arndt“ begann sie dann wieder ernst, und wollte hinzusetzen „Nehmen Sie Rücksicht auf meinen Sohn!“

Aber sie brachte es nicht über die Lippen, sobald sie in das Gesicht ihres Freundes blickte.

„Ihr Blick, Ihr Ton macht mir einen Vorwurf,“ sagte er bitter. „O, ich fühle es wohl; ich muß um Verzeihung bitten. Können Sie verzeihen, Henriette, daß Sie geliebt werden? O, bedenken Sie, daß ich morgen abreise und nie gekommen wäre, wenn nicht dieser Knabe so bestrickend geschrieben hätte! Sagen Sie mir, was ich soll!“

„Nichts,“ erwiderte sie, „– jetzt nichts! – Lassen Sie uns weiter gehen, mein Freund!“

Dunkler wurden die fernen Küsten; über das Kiefernwäldchen sanken die träumerischen Schleier der Nacht, und jetzt verblaßte auch der feurige Schein am Himmel mehr und mehr. Dunkel ringsum, und der rothe Hauch auf den Wassern war nichts mehr als eine vorschwebende Erinnerung an die Pracht des Abends, nur der weiße Schaum leuchtete noch grell zwischen dem schwarzen Uferschilf hervor. Alles einsam – die Fluth schien zu schlafen, kaum daß sich der Wind ab und zu wie ein träumender Nachtgeist in den Kieferwipfeln regte.

Arndt machte mechanisch Feuer, um eine Cigarre anzuzünden. Das Leben seines in der Dunkelheit auf einmal grell beleuchteten Gesichts erschien ganz nach innen gedrängt.

„Er ist traurig, Mutter!“ rief eine Stimme in Henriettes Seele. Curt hatte das neulich gesagt, Curt, der mit seinem Freunde betrübt war und dem alle Quellen der Freude und des Genusses zuzuführen Henriette für ihre heiligste Pflicht hielt, den glücklich zu machen sie in ernster Stunde geschworen hatte – Curt!

„Arndt,“ sagte sie plötzlich mit schwacher und doch wundersam fester Stimme, „wollen Sie versuchen, glücklich mit mir zu werden? Ich will, was Sie wollen.“ Und sie ergriff mit einem leisen Zittern seine Hand.

„Henriette!“ flüsterte er, er fand nur dieses eine Wort.

Wie im Rausche ging er an ihrer Seite und preßte ihre Hand in der seinen, daß es sie schmerzte. Doch sie ließ es geschehen. Wortlos gingen sie weiter und weiter, und als es immer finsterer wurde und sie ihren Weg rücksichtslos über Haidebüsche und Sumpfstellen, über gefällte Kiefern und versprengte Steine nehmen mußten, da zog er ihren Arm fest durch den seinen und flüsterte:

„Weißt Du, Henriette, daß ich nun der Beschützer Deines Lebens geworden bin?“

„Ich danke Dir!“ antwortete sie, doch für sich sprach sie weiter. „Und weißt Du auch, daß ich Dich zum Vater meines Sohnes gemacht habe? Vergiß es nie!“ –

Unterdessen waren sie dem Dorfe immer näher gekommen, und seine kleinen, scheinbar beweglichen Lichter blitzten auf wie Glühwürmchen in der Johannisnacht.

„Seht!“ rief jetzt Curt mit ausgestrecktem Arme; er blieb stehen und wartete auf das langsam herankommende Paar. „Herr Arndt, haben Sie schon früher einen so schönen Tag erlebt?“

„Nein, mein Sohn; meine früheren Tage sind überhaupt wenig schön gewesen.“ –

Sie waren im Dorfe angekommen. Arndt begleitete Mutter und Sohn in’s Zimmer. Henriette zündete Licht an, und zu Curt gewendet, sagte sie mit unaussprechlicher Sanftmuth und Freundlichkeit:

„Sieh, mein Sohn, Freund Arndt wird Dein Vater sein. – Lieb’ ihn, wie Du mich liebst – und sei ihm noch gehorsamer, als Du mir warst! Denn ein Vater darf weniger vergeben, als eine Mutter.“

Curt sah sich eine Secunde lang wie zweifelnd um.

„Mutter, Mutter! ich wußte, daß Du gut bist,“ rief er dann leidenschaftlich und umschlang mit beiden Armen die schöne, holdselige Frau – den treuen, sorgsamen Schutzengel seiner Kindheit.

Arndt biß die Zähne zusammen. Noch einmal bäumte sich sein Stolz unmuthig wider sein eigenes Herz auf und schrie mit tobender Stimme in die Brandung seiner aufgewühlten Seele hinein: daß er verächtlich sei, wenn er Henrietten nicht auf der Stelle ihre Freiheit zurückgäbe. War es doch nur ein Opfer, das sie ihm entgegenbrachte – nicht Liebe, nicht Liebe!

Doch nun auf einmal sah er Curt vor sich knieen.

„Vater, ich will Dir gehorchen,“ sagte der feurige Knabe sanft und mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke von Liebe und Ergebung – – da starb die Eifersucht in der Brust des erregten Mannes, und er schloß den Sohn liebevoll in die Arme.

Als Arndt aufblickte, war er nicht mehr derselbe. er fühlte plötzlich, daß er hier der Herr sei. Wie Jemand, dem unerwartet ein Königreich zufiel, hob er das Haupt. – Sie hatte ihm das Opfer ihrer selbst gebracht – wohl! er nahm es an, voll und ganz – er kannte keine Rücksicht mehr: er zog sie an sein Herz und drückte die ersten glühenden Küsse auf ihre zitternden Lippen

„Du wirst mich lieben“ sagte er, und seine Stimme klang mehr gebieterisch, als prophetisch, „Du wirft mich lieben, wie ich Dich liebe, Henriette.“

Sie nahm ihre ganze Kraft zusammen; sie lächelte freundlich und beinahe vergebend zu ihm empor.

Das rührte und beschämte ihn, und es war fast, als ob es eine Abbitte sein sollte, daß er jetzt nicht noch einmal ihren Mund küßte, sondern ihr nur warm in die Augen sah.

Das „Gute Nacht, lieber Arndt!“ „Gute Nacht, meine Braut!“ war bald darauf gesprochen. Henriette war allein mit ihrem Sohn. – –

„Mutter, hast Du ihn lieb? O, solch ein schöner Mann, solch ein guter, herrlicher Mann! Wie ein Meergott sieht er aus. Bist Du nicht glücklich, Mutter? O, sag’ ein Wort!“

„Ja, Curt, ich habe ihn lieb.“

„Ach, das ist schön. Ich wollte heute ein großes Gedicht machen und konnte es nicht; vielleicht kann ich es jetzt.“

Da schloß sie plötzlich die Augen, und ihre tief herabfallenden Wimpern lagen wie ein dunkler Flor auf ihrem blassen Gesicht. Ein Zweifel fuhr durch ihre Seele und berührte sie unheimlich, wie ein kalter Zugwind: ob es diesem ungewöhnlichen Knaben wirklich dauerndes Bedürfniß sein würde, einen Vater zu haben? – –

Während sie so fragte, ging Arndt durch die stille Augustnacht seiner Wohnung zu und redete sich unruhig ein, daß es schöner sei, nicht von vornherein ebenso leidenschaftlich geliebt zu werden, wie man selbst liebt – es blieb dann noch Etwas übrig, das man, mit der Zeit im Bunde, erobern mußte. Und selbst, wenn man es nicht erobern würde .... hatte nicht der glühende Mittag etwas Beängstigendes, und war nicht der Spätnachmittag mit seinen tiefer fallenden Strahlen und halb geschlossenen Blumenkelchen eigenthümlich süß und befreiend? – Und mit einem solchen Spätnachmittage durfte er wohl Henriettens Seele und ihr edelruhiges Wesen vergleichen.

„Gewiß!“ sagte er sich, „das freundlich hinnehmende Weib ist schöner als das verschwenderisch gebende, das sanfte beglückender als das erregte.“

[741]
15.

Eine „rücksichtsvolle“ Ehe ist von allen nicht glücklichen Ehen vielleicht die verhängnißschwerste.

Arndt und Henriette waren seit vier Jahren verheirathet.

Jetzt konnte er sich den Gebieter jener Räume nennen, welche Henriettens Leben und Schaffen nach wie vor gewissermaßen mit dem feinen Wehen eines leisen Sommerwindes erfüllte, von welchem man nicht in jedem Augenblicke zu sagen weiß, von wannen er kommt. Aber woran lag es, daß das Wehen dieses Windes jetzt nicht mehr, wie einst, als er noch Gast in diesem Hause war, etwas unbedingt Anregendes und Erfrischendes für Arndt hatte? Sah Henriette ihm doch alle seine Bedürfnisse von den Augen ab; nie kam ein Wort der Ungeduld über ihre Lippen, und noch weniger stand jemals eine häßliche oder kleinliche Laune auf der Stirn dieser Frau. Sie war die Bescheidenheit und Anmuth selbst; sie verlangte nichts und war in jedem Augenblicke bereit, Alles und Jedes zu geben. Sie war auch nicht kalt. Nein, wenn es ausnahmsweise geschah, daß er sich ihr, von einer plötzlichen Aufwallung erfaßt, mitten im Drange der Geschäfte und ablenkenden Tagesfragen zärtlich nahte, nahm sie seine Liebesäußerung mit eben dem freundlich-sanften Lächeln hin, wie am Abende ihrer Verlobung. Wie kam es, daß er trotzdem nicht ganz zufrieden schien?

In den ersten zwei Jahren seiner Ehe war Arndt nicht frei von wieder und wieder auftauchender Eifersucht auf den Sohn gewesen, denn er hatte gemeint, daß Henriette ein Uebermaß von Liebe an den Knaben verschwende, während sie ihn, ihren Gatten, auf das Pflichttheil beschränkte. Aber je mehr sich der Knabe zum Jüngling umbildete, desto mehr zog sich jede Zärtlichkeit zwischen Mutter und Sohn in die tiefste Innerlichkeit zurück. Aus dem Kuß, den Henriette einst besänftigend auf das heiße Kindeshaupt gedrückt hatte, wurde nach und nach ein liebreich ermahnendes aber tröstendes Wort, aus dem Worte schließlich nicht selten nur ein kürzer, verständnißvoller Blick. Und an allem, was Curt anging, hatte Arndt als Vater seinen vollen Antheil. Wäre der Knabe sein leiblicher Sohn gewesen, er hätte sich kein schöneres Verhältniß zu ihm wünschen können. Curt, in dessen poetischem Schaffen sich mehr und mehr der allmählich reifende Kern einer bedeutenden Veranlagung zeigte, war recht eigentlich der Dritte im geistigen Bunde der Eltern.

Und doch war Arndt nicht glücklich, denn – etwas fehlte ihm.

Er wußte recht gut, was dieses Etwas war, vermied es aber, sich darüber Rechenschaft zu geben.

Ein Schmerz ist deshalb nicht weniger Schmerz, weil man ihn niederkämpft oder vor sich selbst verleugnet. Und während das Weh um ein Verlorenes, aber einst Vollbesessenes wohl eine heiligende Kraft in sich birgt, wird der Schmerz um ein Gut, nach dem die Seele ihr Leben lang hungert und dürstet, allzuleicht ein langsames, tückisch zerrüttendes Gift.

Arndt fühlte dieses Gift mehr und mehr sein Leben durchsickern – aber er trug es still; denn Eines hatte er seit seiner Verheirathung gelernt, das er früher nicht in diesem Maße besessen: Selbstbeherrschung.

Je harmonischer und ruhiger sich mit den Jahren das Verhältniß beider Gatten zu einander gestaltete, desto gelassener wurde Henriette in ihrem Herzen und desto weniger empfand sie es als eine Kränkung gegen sich selbst, daß sie diesem Manne, der nie ihr Geliebter gewesen, Leben und Freiheit geschenkt habe. Ebenso hoffte und glaubte sie auch, daß es ihr wirklich gelänge, ihn zu befriedigen, denn mehr und mehr schien so auch seine Liebe jenen Freundschaftscharakter anzunehmen, der ein volles Echo in ihrem eigenen Dasein fand – und so war diese Ehe von beiden Seiten eine durchaus rücksichtsvolle geworden. – –

Der Sommer war gekommen; in wenigen Tagen sollten wieder einmal Curt’s Ferien beginnen.

„Wohin?“ fragten die Gatten einander, und der fünfzehnjährige Sohn lauschte mit gespanntester Aufmerksamkeit. In Schweden und Norwegen, in der Schweiz und Italien war man in den Vorjahren gewesen.

„Wie wäre es, wenn wir wieder einmal nach Rügen gingen?“ fragte Henriette zögernd.

Curt fuhr lebhaft in die Höhe und blickte den Vater an.

„Gewiß,“ sagte Arndt, „gehen wir nach Rügen. – Warum sollen wir auch nicht?“

„Aber ist es Dir wirklich recht, Georg?“ warf Henriette ein. „Ich für meine Person lebe mich überall ein und finde es an jedem Orte schön, wo ich freien Himmel sehen kann.“

„O ja, ich weiß: Du schickst Dich in jede Lage – Du bist rücksichtsvoll,“ grollte es in Arndt’s Herzen, aber kaum, daß es flüchtig um seine Lippen zuckte. „Also nach Rügen! Was meint denn unser Dichter dazu.“

„Daß es nur ein Rügen giebt, Vater, trotz der Schweiz und trotz Italien!“ erwiderte Curt.

[742] „Gut!“ sagte Arndt. „Aber bekanntlich hat Rügen zwanzig Quadratmeilen. In welchem Ufernest wollen wir denn diesmal unser Zelt aufschlagen?“

„Lappes sind wieder auf Mönkgut in ihrem alten Lieblingsdorfe,“ meinte Henriette.

„Ah! die guten alten Wanderschwalben!“ rief Curt. „Auf Reisen sind sie noch netter, als in Berlin. Ich stimme für Mönkgut.“

„Und ich habe durchaus Nichts dagegen,“ sagte Arndt.

„Dann werde ich an Lappes schreiben und sie bitten, uns Quartier zu bestellen,“ bemerkte Henriette.

„Wozu?“ protestirte Arndt. „Es ist unbequem, sich zu binden. Wenn auf Mönkgut kein Quartier ist, gehen wir weiter.“

„Also eine Reise in’s Blaue!“ rief der Jüngling und schloß mit außergewöhnlicher Hast den Band Horazischer Oden, den er gerade in der Hand hielt.




16.

Es war am ersten Tage nach Arndt’s Ankunft auf Mönkgut. In der kleinen nach Norden gelegenen Wohnstube der Schwestern Lappe stand eine junge Dame vor der Staffelei, beobachtete das darauf lehnende Bild, wiegte das Köpfchen hin und her, trat einen Schritt zurück und beobachtete von Neuem.

Es lag eine rehhafte Grazie in der Art, wie sie vor- und rückwärts trat. Doch nicht nur die biegsame Gestalt, auch den hübschen durchaus nicht alltäglichen Kopf umschwebte eine gewisse Waldpoesie. Aber es war nur die Sonnenseite des Waldes, nur das leichte, neckische Flüstern der Blätter und das heitere Zwitschern der Vögel, woran der Ausdruck dieses lieblich-frischen Gesichtchens mahnte; die Seufzer in den Gründen und das klagende Murmeln der Bäche fielen Keinem bei diesen Zügen ein.

Nach einer Weile trat Auguste Lappe in’s Zimmer und deckte zum Frühstück auf.

„Aber wo bleibt denn Adelheid? Wollen wir nicht auf sie warten?“ fragte das junge Mädchen, sich lebhaft umkehrend. „Sag’ ’mal, Auguste, was ist denn mit ihr? – Ich weiß nämlich, was mit ihr ist.“

„Warum fragst Du dann noch, Kind?“

„Ich muß immer Alles ehrlich heraussagen,“ erwiderte die Bespöttelte unbeirrt und warf sich in einen hinter ihr stehenden Stuhl, indem sie die Palette in den Schooß und den Malstock auf die Diele fallen ließ. „Ihr habt damals von der dummen Geschichte mit Arndt gehört, und nun denkt Ihr, wunder wie fatal es mir ist, ihn hier wieder zu sehen.“

Wir? – Ich denke gar nichts. – Ich denke nie Etwas,“ versicherte Auguste halb lächelnd, halb ernsthaft.

„Etwas roth mag ich freilich bei seinem überraschenden Anblick geworden sein, aber das ist auch Alles,“ fuhr das Mädchen fort. „Und ich werde immer roth – bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten. Es ist mir wahrhaftig nicht fatal, ihn zu sehen. Im Gegentheil: ich freue mich schrecklich. Und nun gar seine Frau! – Ich habe ja vor fünf Jahren in Berlin darauf gebrannt, ihn und diese Henriette, für die ich schon als Kind schwärmte, zusammen zu sehen, aber Ihr ließt mich nie dazu kommen. Ich wußte recht gut, wie es stand; denn sie redete ja immer ganz unbefangen von ihm, wenn ich sie einmal allein bei Euch sah. Ich .... ich war wüthend auf Euch.“

„Hm, wir waren so frei, das zu bemerken,“ sagte Auguste und nahm der Sprechenden gegenüber Platz.

„Ja, ja!“ meinte diese und sprang auf. „Damals! – damals war das etwas Anderes. Arndt war meine erste Liebe.“

Sie lachte mit Thränen in den Augen und bückte sich, ihren Malstock aufzuheben.

„Ich war in dem Alter, wo man ‚Blumen und Sterne‘ und ‚Dichtergrüße an deutsche Jungfrauen‘ eifrig verschlingt,“ sprach sie dann leicht sprudelnd weiter. „Das Künstlerblut in mir war damals noch nicht recht in Fluß gekommen, aber seitdem ...“

„Seitdem? Ich will nicht hoffen ...“

„Seitdem habe ich begriffen. .... Siehst Du, ich habe einer Besseren weichen müssen. Ich würde mich schämen, daß Arndt meine erste Liebe war, wenn er so geschmacklos gewesen wäre, mich zu heirathen, nachdem er diese Frau kennen gelernt; sie ist eine bezaubernde Frau, diese Henriette. Ich weiß nicht, warum es so ist – denn ich sah schönere Gesichter – aber man möchte aufhören in ihrer Nähe zu athmen, um nichts zu thun, als sie anzusehen. Ich wollte, ich könnte Menschen malen, Auguste.“

Und sie lachte noch einmal, warf die langen kastanienbraunen Haare zurück, nahm Pinsel und Malstock zur Hand und trat wieder leichtfüßig an ihre Staffelei heran.

„Wie findest Du sie eigentlich?“ fragte sie nach einer Pause, indem sie aufmerksam ihr Bild betrachtete.

„Wen?“ fragte Auguste zurück, „Deine Robbe?“

„Natürlich! Meine Robbe.“

„O – recht hübsch, außerordentlich hübsch. Sie hat heute früh sehr an Ausdruck zugenommen.“

„Siehst Du, das finde ich auch. Der alte Putbrese wird glücklich sein.“

„Du erwirbst Dir ein unsterbliches Verdienst um sein Hôtel.“

„Das hoffe ich; ich werde mit großen Goldbuchstaben ‚Erna Lepel‘ darunter malen oder schickt es sich nicht, den Namen einer jungen Dame auf ein Gasthausschild zu setzen?“

„Nein, mein Kind; ich wenigstens würde mich in diesem Fall mit einem still genossenen Ruhme begnügen,“ meinte Auguste. „Aber ich will Deinen Gefühlen ...“

„Gut! Also keine öffentliche Profanirung meines Künstlernamens!“ fiel Erna ein, „das erhebende Bewußtsein, die alte Meerkatze durch einen anständigen Seehund ersetzt zu haben, bleibt ja auch dasselbe.“ Sie pinselte, während sie sprach, fortwährend emsig an ihrer schwarzen Robbe weiter.

„Ohne Schmeichelei: sehr gut!“ bemerkte Auguste, einen letzten Blick auf den Seehund werfend, „weißt Du, Erna, er hat jetzt wirklich eine frappante Aehnlichkeit mit – Arndt.“

„Ab ... scheulich! – Aehnlichkeit mit Arndt!

„Nicht? Dann hab’ ich mich also geirrt, obgleich Du in allen Schattirungen von Roth leuchtest, mein Kind.“

„Natürlich – ja! man kann in solchen Fällen Feuer an meinen Backen anzünden,“ rief Erna, leicht mit dem Fuß aufstampfend. Dann zuckte sie die Achseln: „Der letzte Tribut an meine Jugendliebe, Auguste! – Ein wundervoller Schnurrbart! Nicht? Ich mocht’ ihn immer so gern leiden.“

Und wieder lachte sie unter Thränen mit silberhellem, warmem Vollklang.




17.

Unterdessen war Adelheid im „schwarzen Seehund“ gewesen, sie hatte nur Henriette zu Hause getroffen, da Arndt und Curt zum ersten Bade an den Strand hinabgegangen waren. Henriette kannte durch Arndt längst die unbestimmten Beziehungen, welche einst vor ihrer Verheirathung zwischen ihm und Erna Lepel bestanden hatten. Erna war ihr immer, so oft sie das junge Mädchen im Lappe’schen Hause gesehen, sehr angenehm und sympathisch gewesen, und seit sie wußte, daß man annähme, Erna habe eine Neigung für Arndt, war diese gelegentliche Sympathie natürlich in ein tieferes Interesse übergegangen. Als sie nun aber gestern gelegentlich eines Besuches, den sie mit Mann und Sohn bei Lappes machte, zu ihrer Ueberraschung mit Erna Lepel zusammentraf, da war ihr diese Begegnung doch einigermaßen peinlich gewesen. Ja, als sie hörte, daß Erna, die bis vor Kurzem mit ihren Eltern auf Jasmund gewesen, nach deren Abreise ganz hierher übergesiedelt sei und sich für die Dauer der Saison bei den Schwestern eingerichtet habe, erwog sie allen Ernstes, ob es unter diesen Umständen nicht tactvoll sein würde, wenn sie mit Arndt und Curt weiter reiste. Doch schon nach Verlauf einer ersten, gemeinsam verlebten Viertelstunde schwand ihre Unruhe, und sie fand keinen Grund mehr, auf das übersprudelnd heitere Mädchen, das sich so harmlos mit ihrem Manne unterhielt, irgend welche ernsthafte Rücksicht zu nehmen.

Auch Arndt schien Nichts dergleichen für nöthig zu halten; er verlor nach dem gestrigen Zusammentreffen bei Lappes kein Wort über eine etwaige Weiterreise, sondern machte, wie vorher verabredet, noch am nämlichen Abende mit dem alten Putbrese einen vierwöchentlichen Miethscontract. – –

„Ein überaus anmuthiges Mädchen,“ sagte nun heute Henriette zu Adelheid, „so warm und graziös und zugleich so frisch, aber immer noch wie ein geniales Kind. Ich glaube nicht, daß wir ein Unrecht begehen, wenn wir hier bleiben.“

[743] Adelheid schwieg. Ihre Gedanken nahmen eine seltsame Richtung, weitab von dem Gegenstande des Gesprächs. Schon seit Jahr und Tag wurde sie Henrietten gegenüber von einer bisher unausgesprochen gebliebenen Frage gequält, und setzt stieg diese plötzlich mit gar nicht mehr zu bewältigender Macht in ihr auf; eine ungewöhnliche Bewegung bemächtigte sich ihrer.

„Henriette,“ rief es in ihr, und sie mußte alle Selbstüberwindung aufbieten, um das nach Ausdruck ringende Gefühl von den Lippen zu bannen, „Henriette, sag’ mir, ob Du glücklich? Hast du meinen Bruder vergessen, wirklich ganz vergessen?“ Diese sich ihr lebhaft auf die Lippen drängende Frage blieb auch diesmal ungesprochen.

„Erzähle mir doch von Curt!“ sagte sie statt jener Frage mit unruhiger Hast. „Er ist kein ‚Däumling‘ mehr – er ist in letzter Zeit sehr gewachsen.“

„Ja, er ist gewachsen,“ wiederholte Henriette mit besonderem Nachdruck; dann nahm sie Adelheid’s Hand und sagte geheimnißvoll lächelnd:

„Ich will Dir etwas anvertrauen: er ist seit gestern Abend verliebt. Ich wußte es sofort, weil er gar nicht von ihr sprach, während wir doch sonst immer über neue Bekanntschaften mit einander reden. Heute früh fragte ich ihn nun, wie ihm denn Fräulein Lepel gefalle? Und was glaubst Du – Adelheid, was sagte er? O, es war mir so rührend. ‚Ich weiß nicht‘ sagte er, ,ich hab’ sie noch gar nicht recht angesehen,‘ dabei wurde er so glühend roth, daß ich mich in Acht nehmen mußte, ihn nicht in die Arme zu schließen und zu küssen wie ein Kind.“

Adelheid hatte, ohne sich zu rühren, mit nervöser Spannung gelauscht.

„Aber es ist gar kein Grund, die Sache so tragisch zu nehmen“ hob Henriette wieder an. „Diese Dichterknaben lieben früh, doch gerade ihre Liebesgefühle gehen noch nicht an das Leben – aber was ist Dir, Adelheid, es geht etwas in Dir vor – Du bist nicht bei der Sache. Du denkst doch nicht an unser Gespräch von vorhin – Arndt – an – Erna –?“

„Ich dachte an Dich, Henriette,“ erwiderte Adelheid und sah fast verlegen zur Seite.

„O, denke nicht, daß ich traurig bin!“ sagte diese. „Ich habe mich vollständig darein gefunden, Curt früher oder später zu verlieren. Die Kinder sind uns wirklich nur geliehen, Adelheid, so sehr wir auch zu Zeiten meinen mögen, wir besäßen sie. Glaube mir, ich bin jetzt vollkommen dankbar und glücklich, daß ich einst das A und O seiner Gedanken sein durfte; ich sehe ruhig mit an, daß er nun täglich mehr und mehr über mich hinauswächst. Ach, ich fürchte fast, es wird Arndt schließlich noch schwerer werden, als mir, wenn der junge Dichter erst vollständig seine eigenen Wege geht.“

In diesem Augenblicke klopfte es an der Thür, und auf Adelheid’s „Herein!“ trat Arndt über die Schwelle.

„Pardon!“ sagte er, „daß ich die Damen störe! Ein Ereigniß, ein fröhliches, das ich gleich mittheilen muß! Curt hat sein erstes Drama vollendet, die letzten Scenen hat er seit gestern Abend geschrieben – in einem Zuge, wie er behauptet. Das will was sagen – weiß Gott! Er gab mir das fertige Manuscript vor einer Stunde, und ich hab’ es sofort gelesen.“

„Ah!“ machte Adelheid erstaunt.

„Ich wußte darum,“ sagte Henriette, „ich bat Curt, das vollendete Drama zuerst dem Vater vorzulegen. Wie ist es denn ausgefallen, Georg?“ fragte sie mit warmer Lebendigkeit.

„Ich bin überrascht,“ sagte er. „Dichten muß in der Sprache der Geister ,ahnen‘ heißen – sonst fände ich keine Erklärung für die Ideenwelt dieses Knaben, den – ich doch zu kennen meinte.“

„Und meinst Du,“ fragte Henriette, „daß das Drama aufführbar ist?“

„Gewiß nicht, Kind,“ erwiderte er mit freundlicher Ueberlegenheit. „Wenn das Werk dieses fünfzehnjährigen Knaben aufführbar wäre, stände Eines fest: daß er kein Dichter ist. Aber ich muß gestehen: diese beiden letzten Acte – –“

„Ich will Dir etwas verrathen, Arndt,“ sagte sie, „unser Sohn“ – ihre Stimme wurde unsicher – unser Curt,“ fuhr sie fort, „ist seit gestern kein Knabe mehr. Darum wundere Dich nicht über jene überschwängliche Fülle in Wort und Gedanken der letzten Scenen! Er ist zum ersten Male verliebt, die reizende Erna –“

„Meinst Du?“ warf Arndt nicht ohne Wärme ein. „Ja, sie ist ein reizendes Mädchen,“ fügte er mit Feuer hinzu. „Geradezu bezaubernd!“

„Findest Du das auch, Arndt?“ fragte Henriette ein wenig erstaunt mit plötzlich aufwallender Erregung. „Bezaubernd – sagst Du? Nun – –“

Sie wurde unterbrochen; denn es klopfte abermals, und einige Secunden darnach stand Erna Lepel im Zimmer.

„Wie wäre es, mein Fräulein,“ wandte sich Arndt mit einer Verbeugung an die Eingetretene, nachdem Henriette und Adelheid sie herzlich begrüßt hatten, „wie wäre es, wenn ich heute Abend mein Versprechen einlöste und die Gesellschaft um die hohen Ufer ruderte?“

„Eben deshalb komme ich,“ antwortete Erna fröhlich. „Schöne Seelen finden sich.“ Sie nahm unaufgefordert Platz und fuhr, achtlos mit dem Stuhle wippend, fort. „Aber wir müßten früh ausfahren, damit wir schon auf dem Wasser sind, wenn der Mond aufgeht – nicht wahr?“

„Gut!“ sagte Arndt ungewöhnlich lebhaft, „gehen wir gleich und rüsten wir uns zur Fahrt!“

„Prächtig!“ jubelte Erna und lachte hell auf.

Arndt betrachtete sie mit einem unverhohlenen Wohlgefallen, das Henrietten nicht entging.

Plötzlich schoß ihr eine ganze Kette von Gedanken durch den Kopf. Wenn sie doch die alten, ihr wohlbekannten Beziehungen Arndt’s zu Erna Lepel allzu leicht genommen hätte? Und Adelheid’s sonderbares, verschleiertes Benehmen von vorhin, als sie von Erna und ihrem Manne gesprochen? Sollte Adelheid etwas ahnen, etwas wissen, was ihr selbst unbekannt geblieben? Wenn Arndt’s Gefühle zu dem jungen Mädchen doch – –? Gefühle, dachte sie, sind wie die Gänge eines Labyrinths: die ersten Schritte scheinen völlig ohne Gefahr, und achtlos geht man weiter und weiter, bis man auf einmal das Thor des Ein- und Ausganges auf Nimmerwiederfinden verloren hat. Henriette schauderte in sich zusammen. All ihre Fassung, all ihre Ruhe war plötzlich hin.

Sie hatten das Zimmer verlassen; sie standen auf der Schwelle des Hauses.

„Adieu, Adelheid!“ sagte Erna.

„Adieu, mein Fräulein!“ rief Arndt.

„Adieu!“ sprach Henriette mechanisch den anderen Beiden nach. Sie war ganz in ihre einsamen, geheimen Gedanken versunken. Sie hatte ganz überhört, daß Adelheid bestimmt erklärt, sie und Auguste würden die Ruderfahrt nicht mitmachen. Nun sie draußen waren, erfuhr sie es von Arndt. Die Ruderfahrt nicht mitmachen? Warum denn nicht? Auch das befremdete sie.

„Lappes sind übrigens heute Abend merkwürdig zerfahren,“ sagte Erna dann plötzlich im Weitergehen „Sie haben vorhin eine Depesche bekommen, deren Inhalt mir nicht mitgetheilt worden ist. Ich weiß gar nicht recht, was ich daraus machen soll – etwas Trauriges, etwa ein Todesfall oder dergleichen, kann es nicht sein. Vielleicht haben die guten Seelen irgendwo Actien gekauft, die im Fallen begriffen sind, und nun wollen sie die Ruderfahrt nicht mitmachen. Das amüsirt mich.“

Henriette fühlte sich auf einmal gereizt. Etwas wie Ingrimm gegen dieses zungenfertige junge Geschöpf erfüllte sie.

„Ich weiß nicht, Fräulein Erna, warum Sie es so amüsant finden, wenn Jemandes Actien fallen,“ sagte sie plötzlich.

„O, verzeihen Sie, verehrte Frau! Ich wollte Ihre Freundinnen nicht kränken – sie sind ja auch die meinen. Gott weiß, ich hatte kein Arg bei meiner Actienbemerkung,“ vertheidigte sich Erna mit kindlicher Offenheit.

Henriette hatte nichts zu erwidern, als: „Ich weiß – ich weiß, daß Sie einen Scherz machten.“

Sie wurde von Secunde zu Secunde nachdenklicher, und als man nach kurzer Wanderung in der Arndt’schen Wohnung eintrat, lagen tiefe Schatten auf ihrer Stirn. – –

Eine Stunde später – Erna hatte sich einstweilen verabschiedet – rüsteten sich Arndt und Curt zum Fortgehen, und Henriette that das Gleiche, erklärte aber auf einmal, nachdem Curt vorweg das Haus verlassen hatte, ihr sei nicht ganz wohl sie wolle doch lieber von der Ruderfahrt zurück bleiben.

„Laßt Euch nicht stören!“ sagte sie beklommen. „Vielleicht ist mir morgen besser.“

[744] „Hoffentlich!“ antwortete Arndt und ging, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, hinaus; ja, er sah nicht einmal, daß sie eine Bewegung machte, um ihm zuletzt, wie immer, die Hand zu reichen.




18.

Henriette war in ihrem kleinen Zimmer allein.

Wie so häufig, setzte sie sich an das niedrige, in den Garten hinaussehende Fenster, aber ihre großen, weitgeöffneten Augen hatten ihren gewohnten träumerischen Schmelz verloren und glühten wie in steigendem Fieber über den bleichen Wangen. Ihre Phantasie wuchs, wie draußen die Schatten der Bäume. Bloße Vorstellungen wurden zu Vermuthungen, und was sie anfangs nur als möglich dachte, aber für unmöglich hielt, nahm nach und nach die Züge der Wahrscheinlichkeit an. Sie stand auf und preßte die heiße Stirn gegen die kühlen Scheiben des Fensters.

Jetzt schaukelten sie wohl schon längst auf dunkler See in dem kleinen Boote, Arndt, Erna und Curt. Indem sie das dachte, ging der Mond über den Wassern auf; er stieg allmählich immer höher, bis er zuletzt mit zitternden Strahlen durch die Zweige des abendlichen Gärtchens schimmerte und ein unheimliches Zwielicht durch das kleine Gemach ergoß. Ihr war, als höre sie ein lautes, herzbethörendes Lachen, das immer ferner und ferner verhallte, das Lachen Erna’s.

„Mein Freund! – mein Freund!“ sagte sie fortwährend leise vor sich hin und betonte immer wieder das Wort „Freund“, als läge eine Beruhigung darin, daß er ihr niemals mehr gewesen war, als ein Freund. Aber sie sprach dieses Wort mit glühendem Athem, und die Eifersucht riß dabei ihr Herz von einem Gedanken zum anderen und grub und bohrte immer tiefer und wühlte sich immer heimtückischer in sie hinein. Wie gefoltert fiel sie auf die Kniee nieder, und sinnlose Gebete stürzten von ihren Lippen.

Plötzlich war es, als ob ein schwerer Stein von der Grabesthür ihres Herzens gewälzt würde, als sprängen alle zurück gedrängten heißen Quellen nun auf einmal auf und brächen in wildem Schmerz durch Seele und Körper.

„O Arndt! – Arndt!“ rief sie.

Und als sie endlich aufstand, wankte sie unsicheren Schrittes durch’s Zimmer. Sie wußte jetzt, daß sie zum zweiten Mal liebte – und sie fand keinen Halt mehr in ihrer Seele.

Auch das schwerste Schicksal kann seinen Trost in sich selbst haben. Wie ein in Felsen gehauenes Denkmal richtet es sich in der Brust des Menschen auf und predigt mit der Stimme der Ewigkeit, wenn die gelegentlichen Wellen der Alltagsempfindung durch die Seele wogen.

Ein solches Denkmal war das Schicksal ihrer todten Liebe zu dem Einst-Verlobten gewesen. In dem Bewußtsein, daß sie etwas erlebt hatte, das sie niemals wieder erleben konnte, hatte einerseits ihr persönliches Leben an Werth verloren, und es war ihr nicht schwer geworden, sich für Andere zu opfern – und andererseits war ihr jeder kleinste persönliche Genuß zu etwas unendlich Großem erwachsen, da sie jenes Bewußtsein, das Größte hinter sich zu haben, mit dem festen Willen verband, deshalb nicht zu verzagen und das Geringste hoch zu halten.

Nun aber trieb sie haltlos auf dem Meere ihrer Empfindung, wie ein Schiff ohne Masten und Steuer. Eine erste Liebe erfüllt das Weib unter allen Umständen mit Stolz – eine zweite erfüllt es mit Scham.

Und hier! Kein Stolz mehr, kein Trost mehr, kein Glück!

Ruhelos ging sie auf und ab.

Nur ein Gedanke erstickte sie: Arndt liebe – und daß es zu spät sei für diese Liebe. Eine Andere, Eine, die er vor ihr gekannt hatte, lebte jetzt in seinem Herzen. Eine „Andere“!

„O, mein Freund! mein Freund!“ rief sie wieder und wieder. Plötzlich hielt sie im Gehen inne. Ja, das war es. eine Strafe! eine furchtbare, aber – eine gerechte! –

Sie faltete die Hände und betete: sie hatte an seiner Seite gelebt und von seiner Liebe gezehrt, ohne den guten Willen, ihn wieder zu lieben. Ihre Freundschaft hatte sie ihm gegeben; denn die kostete sie nichts – ihre Gegenwart hatte sie ihm willig geopfert, aber ihr Bestes, ihre Vergangenheit, behielt sie ja zurück; ihre Dienste, ihr äußeres Dasein hatten ihm gehört, aber ihr innerstes Selbst, ihr Stolz, ihr Heiligthum waren ihr verblieben, und sie hatte nie, nie – auch nicht ein einziges Mal nur den leisesten Wunsch gehabt, daß es anders sein möge. Sie hatte geglaubt, das Räthsel eines selbstlosen Daseins gelöst zu haben, und ihr Leben war ein großer Selbstbetrug gewesen.

Henriette schluchzte laut auf, aber sie wurde doch ruhiger für den Augenblick; es tröstete sie, daß sie verdiente, was sie jetzt litt; ja sie empfand es plötzlich wie einen stillen Genuß, zu büßen, was sie an Dem verbrochen hatte, den sie jetzt liebte.

So wankte sie mit dumpfer Seele hinaus in den Garten, und die großen Thränen, welche brennend aus ihren Augen tropften, waren keine Thränen der Verzweiflung, keine Thränen der Eifersucht mehr – sie galten dem schweren Irrthume ihres Lebens. Ohne weitere Ueberlegung, nur von der unbezwinglichen Sehnsucht getrieben, Arndt aufzusuchen, verließ sie den Garten und schritt wie eine Nachtwandlerin über die stillen wüsten Straßen des mondscheindurchleuchteten Dorfes.

Die Wohnung der Malerinnen war bald erreicht; sie blieb vor der Thür derselben stehen; von hier aus konnte sie deutlich sehen, wenn die Gesellschaft vom Wasser heraufkommen würde.

Aber was war das? Im Wohnzimmer der Schwestern brannte noch Licht. Gewiß waren Arndt, Erna und Curt schon zurück und lachten und plauderten nun hier mit den Freundinnen – – ohne sie! O, er hatte sich nicht losreißen können von der holdseligen Gegenwart des Mädchens, dessen erste Liebe er gewesen war.

Ein undeutliches Gewirr von Stimmen schlug an Henriettens Ohr – und das – das war ein perlendes Lachen – und wieder ein Lachen wie von Arndt’s Munde. Nein! Die erregte Phantasie täuschte sie. Es war etwas Anderes. Oder war es nichts?

Das Blut pulsirte heftig in ihren Adern; ihre Füße wurden schwer wie Blei; müde lehnte sie sich einen Augenblick gegen den Thürpfosten. Dann stürzte sie vorwärts durch den niedrigen Flur und klopfte an die Thür des Wohnzimmers. Niemand rief „Herein!“, aber hastige Schritte klangen durch’s Gemach. Adelheid öffnete und schrak zurück, als sie Henrietten erkannte.

„Gleich!“ rief sie mit unsicherer, fast barscher Stimme, riß die Thür wieder zu und schloß von innen ab. Und nun erhob sich da drinnen ein sonderbares Reden und Raunen – eine Art heiseren Flüsterns, wie es den Schwestern eigen war, wenn sie leise sprachen.

Henriette preßte beide Hände gegen ihre tobenden Schläfen; plötzlich stieß sie einen Schrei aus und taumelte gegen die Wand zurück. Welch ein Gedanke: Arndt war ertrunken, und sie hatten ihn als Leiche hier im Zimmer. Eine entsetzliche Ahnung!

„Todt! todt!“ stöhnte sie verzweifelt, tastete durch Küche und Schlafzimmer und stand nach wenigen Secunden auf der Schwelle des Wohngemaches. Entsetzt fuhren Auguste und Adelheid bei ihrem Anblick aus einander. Aber Henriette sah es nicht; sie sah nur das erstarrte Gesicht des blassen Mannes, der im Hintergrunde des Zimmers neben Auguste und Adelheid stand und sie unverwandt mit großen, dunklen, schuldbewußten Augen ansah.

Gott! war es Traum oder Wirklichkeit? Henriette kannte diesen Mann – es war nicht Arndt; es war – der Geliebte ihrer Jugend. Aber er hatte keine Aehnlichkeit mehr mit dem geflügelten Götterjüngling am Felsenweg von Alt-Hellas. Ein dämonischer Faust-Kopf thronte auf den erschlafften Schultern eines weltmüden Menschen. Etwas in ihm – vielleicht sein Bestes – mußte wohl niemals aufgehört haben, Henriette zu lieben – das sagte deutlich die Gluth seines nach Vergebung ringenden Blickes in dieser Minute.

Aber Henriette war todt für die Sprache dieses Mannes. Sie starrte ihn an – unverwandt, wie er sie, und Nichts in ihr regte und bewegte sich; nur eine Art von Gespensterfurcht jagte eiskalt durch ihre Seele.

Sie liebte Arndt – nicht diesen.

„Ich glaubte, Arndt und Curt wären hier,“ sagte sie tonlos zu der herangetretenen Auguste.

„Nein, die sind noch mit Erna auf dem Wasser. Wir blieben hier, weil sich unser Bruder telegraphisch angemeldet hatte. Er ist vor einer Viertelstunde gekommen und reist morgen früh wieder ab.“

„Ich will nicht stören,“ antwortete Henriette. „Gute Nacht.“

„Henriette! ein Wort! ein einziges! O Henriette!“ rief eine heisere Stimme hinter ihr, als sie das Haus verlassen hatte.

[746] Aber sie wandte sich nicht um; sie sah auf das blinkende Wasser und schauderte, weil noch immer kein Boot in Sicht war. Zögernd ging sie die Dorfstraße hinab. Ruhelos schritt sie durch den mondhellen Garten und horchte auf jeden Ton, der vom Dorfe her durch die Bäume und Hecken drang.

Ob sie ihn zurückgewinnen konnte. Ob sein Herz sich losreißen würde von dem bezaubernden Lachen der jungen Künstlerin? Nun hatte sie den Geliebten ihrer Jugend wiedergesehen – wie im Traume fuhr sie sich bei diesem Gedanken mit der Hand über die Stirn – und was hatte sein Anblick in ihr befestigt? Liebe zu ihrem Gatten! Liebe zu dem Freunde ihres Herzens! Sie hatte jetzt ein Recht auf diese Liebe.

„O mein Freund, mein Freund,“ sprach sie leidenschaftlich vor sich hin und streckte sehnsuchtsvoll die Arme in die leere Luft.

Sie lehnte sich gegen den Stamm einer alten Silberpappel und blickte, ohne zu sehen, in den märchenhaft funkelnden Baldachin empor, welchen der Baum über ihr wölbte.

Plötzlich knarrte die Pforte des Gärtchens.

„Geh hinein, mein Sohn! Ich habe mit Deiner Mutter zu sprechen,“ sagte Arndt zu dem verwunderten Jünglinge, der träumerisch gehorchte. Dann betrat er den Garten, in welchem er von der Straße her Henriettens Kleid hatte leuchten sehen.

Er kam sehr langsam auf sie zu; denn er wußte durchaus nicht, was er mit ihr besprechen wollte. Er war nur einer plötzlichen Regung gefolgt, als er sie so allein in dem hellen Zauberlichte zwischen den Bäumen stehen sah. War sie wirklich um des Knaben willen eifersüchtig auf Erna, so gab es einer Frau gegenüber, wie sie, nur eine Erklärung für dieses Gefühl: sie sah noch immer die Augen des Geliebten in den Augen ihres Sohnes.

Das hatte er sich wieder und wieder gesagt, während das Plätschern der Wellen und das Lachen der jungen Leute heute Abend seine Sinne umschmeichelte, und das sagte er sich auch jetzt. – Aber warum hatte sie sich heute Abend zum ersten Mal rücksichtslos ihren überspannten Empfindungen hingegeben? – Er war gewohnt, daß sie sich stets um ihrer Umgebung und insbesondere um seinetwillen bezwang. Er hatte ihr oft wegen dieser vollendeten Herrschaft über sich selbst gegrollt, und nun, da sie dieselbe einmal nicht übte, grollte er erst recht – aber zugleich erschien sie ihm neu, jünger und bestrickender, als je zuvor.

Mit seltsam klopfendem Herzen trat er auf sie zu.

Sie stand noch immer an dem Stamm der alten Silberpappel und ließ ihn dicht heran kommen, ohne sich zu rühren; gegen ihre Gewohnheit wurde sie glühend roth, als sie seinen vorwurfsvollen Blick über sich hingleiten ließ.

Er sah es trotz der blendenden Lichtwellen des Mondes, die unsicher durch das Gezweig herabzitterten, und vor seiner Seele wurde es auf einmal so tageshell, wie es noch nie zuvor darin gewesen war – er wußte plötzlich, daß es sich in diesem Frauenherzen um ihn handelte.

„That ich Dir Etwas zu Leid, Henriette? Habe ich Dich beleidigt?“ fragte er mit unendlich weicher, beinahe mitleidiger Stimme. Sie zuckte zusammen und sah zu Boden. Auch sie hatte plötzlich Alles begriffen.

„Nein,“ sagte sie – „ich selbst habe mich beleidigt;“ sie wandte sich ab. Er seufzte ungeduldig.

„Wohl damals, als Du mich ohne Liebe zum Altar geführt?“ fragte er mit ausbrechender Leidenschaft.

„Damals? O Arndt, ich denke an heut: ich war eifersüchtig auf Erna.“

Sie kehrte sich wieder zu ihm, aber ihre Kniee zitterten vor Scham. Wortlos führte er sie zu einer Bank und zog sie an seine Seite nieder.

„O Georg, was habe ich gelitten um Dich!“ flüsterte sie. „Und doch ... kannst Du es fassen? – trotz aller Qual, aller Verzweiflung hab’ ich mich lange nicht so frei gefühlt, wie heut.“

Sie athmete tief auf und sah in den fast lichtblauen Nachthimmel empor. Zwei weiße Wolken zogen langsam, wie eine große Botschaft des Friedens, über ihren Häuptern hin – die ganze Natur lag um sie her wie ein lautloses Gebet.

„Kannst Du es fassen?“ fragte sie noch einmal. „Nie fühlte ich mich so frei, wie heut.“

„Weil die Last Deiner Vollkommenheit von Dir fiel,“ sprach er in einer Art von Siegestaumel und preßte das feine, blasse Haupt der geliebten Frau an seine Brust. „Weil Du Mensch wurdest, wie wir.“

Was war das? ihre Seele horchte auf: klang nicht Etwas wie eine unsäglich herbe, Jahre lang angesammelte, aber immer zurückgedrängte Bitterkeit durch seine Worte? Etwas, das sich wie eine gewaltige Dissonanz plötzlich harmonisch in der Freude des Augenblicks löste? Sie senkte Haupt und Lider und hielt die gefalteten Hände starr im Schooß.

„Verzeih mir! – Und jetzt bin ich sehr unvollkommen. – Heute hab’ ich wirklich nicht gewollt – heute hab’ ich gemußt,“ sagte sie demüthig, und nach langem Sinnen setzte sie leise hinzu: „Noch einmal hab’ ich in der Liebe über mich selbst gesiegt. – Arndt, ich bin glücklich.“

Da fühlte sie ihre Hände von denen Arndt’s umklammert.

„Es ist wahr,“ stöhnte er, „Du hast mich alle diese Jahre nicht geliebt – aber jetzt – von heute ab gehörst Du mir.“

Sie antwortete nicht gleich. Nach einer Weile machte sie sich los und erhob sich.

„Ein klares Stück Ewigkeit!“ sagte sie, vor ihm stehend, und blickte gedankenvoll über sich. „So klein, wie heute Nacht, ist mir die Welt noch nie erschienen.“ Und sie reichte ihm die Hand, zum Zeichen, daß er mit in jene Ewigkeit gehöre, die sich vor ihr aufthat. „Ich fürchte nun Nichts mehr, nicht das Leben und nicht den Tod.“ Sie drückte seine Hand fester.

Noch immer zogen die beiden weißen Wolken durch die stille Mondnacht – an den Büschen funkelte das Licht wie tausend Edelsteine, und in breiten Strömen floß es über Haus und Garten bis tief in jeden verborgenen Winkel. Hoch über ihnen in den alten Baumkronen ward es lebendig, aber nicht in Tönen, nur in schwebenden, unaufhörlich zitternden Silberstrahlen, wie tausend Gedanken und tausend Träume huschte es von Zweig zu Zweig, floh es von Ast zu Ast und rieselte blendend an den dunklen Stämmen hinab.

Henriette empfand das Alles, ohne es zu sehen – und Arndt sah es wohl, aber nur, weil sie inmitten dieser Zauberpracht stand, und förmlich behutsam bog er die durchsichtigen Blätter einer nahen Akazie fort, welche sich licht, wie ein zarter frühlingsgrüner Schleier, um ihre Schultern gelegt hatten; denn er wollte Nichts sehen, als sie. – – –

„Und wo ist Curt?“ fragte Henriette eine halbe Stunde später, während ein dunkler Schatten der Unruhe über ihr Gesicht zitterte. Als sie aufsah, blickte sie in das strahlende Auge ihres Gatten.

„Henriette,“ sagte er, „Du darfst Dich nicht mit unnützen Sorgen quälen, denn ich weiß, daß es Dich quälen würde, zu denken, Curt hätte heute etwas verloren. Henriette, ich verspreche Dir: von heute ab soll er mehr denn je unser Sohn sein.“

„Ja,“ erwiderte sie fast angstvoll-hastig, „unser Sohn, unser Kind! Und wir lassen ihn nicht, bis die Muse ihn vollends aus unseren Armen hebt und ihm eine neue Heimath giebt.“

Sein Blick hing trunken an ihren erregten Lippen; Alles an ihr war heute neu und geheimnißvoll, wie an einer Braut.

„Komm jetzt!“ bat er. „Das ausgeblasene Licht ist wieder angezündet. Es ist hell in unserer Wohnung, wo wir auch hintreten. Ich bin nicht eifersüchtig auf unseren Sohn, aber Du sollst heute Abend nicht mehr um ihn weinen“

„Ich weine nicht um ihn – ich weine vor Glück,“ flüsterte sie. „Ich denke ja mehr – weit mehr an Dich, als an ihn. – O Arndt, ich frage nicht mehr, was recht ist und unrecht, was vollkommen ist oder unvollkommen.“

Er umschlang sie mit beiden Armen.

„Eine Frau, die liebt, ist vollkommen,“ sagte er ruhig, während er auf ihr gluthübergossenes Antlitz hinabsah, und ein schlichter Ernst lag in seinen Mienen. „Auch der Mann darf knieen, wenn er zum ersten Mal in seinem Leben glücklich ist,“ sprach er dann und warf sich vor ihr nieder.

„Du hast Recht,“ flüsterte sie traumhaft, „Glück ist ein welt-und-menschenüberwindender Erlöser.“




Anmerkungen