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Almenrausch und Edelweiß

Textdaten
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Autor: Herman Schmid
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Titel: Almenrausch und Edelweiß
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Text auch als E-Book (EPUB, MobiPocket) erhältlich
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[161]
Almenrausch und Edelweiß.
Aus dem bairischen Hochgebirge.
Von Herman Schmid.


1. Am Scharten-Kaser.

Drob’n auf die Berg da saust der Wind,
Der Bach drunt’ in der Klamm:
Und Wind und Wasser, Berg und Thal,
Wie kamen die wohl z’samm’! (f. kämen.)

So klang es von einer der höchsten Höhen des Steinbergs lustig in den blauen, herbstlich klaren Abendhimmel hinein. Die Sängerin saß an einem weit vorspringenden steilen Bergabhang auf mächtigem Felsblock, zu dessen Füßen aus schauervoller Tiefe die Gipfel des hundertjährigen Tannenwaldes emporragten, der die Mitte des Gebirgs umgürtet. Hart daneben, durch eine Lücke in den Bäumen öffnete sich ein Ausblick in den schmalen, schon dunkelnden Thalgrund der Ramsau, aus welchem die Ach, vom Hintersee heranrauschend, hie und da flüchtig durch die Ahornkronen ihrer Gestade aufschimmerte. Gegenüber stiegen die schroffen Gewände der Reiser-Alm und die riesigen Mühlsturzhörner in das Abendroth empor, das auf den kahlen und grauen Häuptern schimmerte, wie eine Rosenkrone auf einer Greisenstirn. Es waren nur noch die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, welche die obersten Schrofen und Grate erreichten; tiefer hinab verdämmerten schon die Risse und Spalten der Felswände mit den Säumen des Waldes, während es auf dem Steinberg selbst und um den Sitz der Sängerin bereits tiefer dunkelte; die Strahlen drangen nicht mehr über seinen gewaltigen Rücken, und die mächtige, scharf gerissene Scharte in demselben, das Denkmal eines vor Jahrhunderten dort abgegangenen ungeheueren Bergsturzes, ragte scharf gerändert und schwarz in den darüber verglühenden Abendhimmel. Beinahe völlige Nacht lag hinter dem Mädchen auf den zerstreuten Almhütten, aus deren offenen Thüren von fern her die rothen Heerdfeuer loderten. Weit und breit war es einsam und stille, nur einige verspätete Bergraben schwebten mit gemessenen Flügelschlägen dem Walde zu; der Gesang des Mädchens drang darum weithin in die Gegend, er traf das lauschende Ohr der Bauersleute, die drüben auf dem Lattengebirg bei der Wegscheid oder am Schwarzeck feiernd vor dem Hause sitzen mochten, und verweilte den Wanderschritt des Holzknechts, der vielleicht unten im Thale an den Mühlen vorüber von der Arbeit heimkehrte.

Ein schwacher Wiederhall antwortete den Tönen des Liedes, an den fernen Bergwänden verschwebend. Die Sängerin schien dem Nachklange mit Vergnügen zu lauschen und ihn selbst hervorzurufen, denn sie zog und schwellte die Töne lang hinaus und hielt dann inne, gleich als wenn sie prüfen wollte, ob die unbekannte ferne Stimme wirklich im Stande sei, sie ebenfo hell wiederzugeben, und fuhr emsig fort, ihren hohen breitkrämpigen Hut, den sie vor sich auf dem Schooße hielt, mit Alpenrosen zu bestecken.

Jetzt hatte sie geendet und horchte wieder mit gehobenem Kopfe auf das Hinsterben des Wiederhalls. Mit einem Male aber flog ein munteres Lächeln über das feingeformte Gesicht, denn das Echo dauerte ganz ungewöhnlich lange und schien sogar seinen Standpunkt ändern und näher kommen zu wollen. „Das ist einmal ein g’spaßiger Wiederhall,“ sagte sie vor sich hin, „der rührt sich vom Fleck und singt was Ander’s, als man ihm vorgesungen hat! Den muß ich schon ein Bissel auf die Prob’ setzen!“

Sie erhob die Stimme noch heller als zuvor und begann das zweite Gesätzel ihres Liedes zu singen:

„Jetzt treib’ ich von der Alma ab;
B’hüt Gott, Du Schatzel mein,
Und wenn der Auswarts wiederkimmt,
Wo wer’ ich nachher sein?“

Es dauerte nicht lange, so ließ die nachahmende Stimme sich wieder hören und verwebte sich begleitend und secundirend geschickt mit jener der Vorsingenden. Während des Jodlers am Schlusse kam sie immer näher und ertönte zuletzt hart unter dem Felsen, auf welchem das Mädchen saß, aus dem Walde herauf. Als das Lied zu Ende war, fügte die unsichtbare Begleiterin noch einen hellen, langgezogenen Juhschrei hinzu, und im nämlichen Augenblick tauchte zwischen den Steinblöcken und Tannenwipfeln ein Mädchen empor.

Die auf dem Felsen wendete sich nach ihr hin. „Die Kordel!“ rief sie lachend. „Du hast mich so gefoppt? Hab’ ich mir’s doch halb und halb gedacht, daß es Niemand Anderer ist, als Du unmüßige Dingin!“

„Hast mich wirklich nit gleich an der Stimm’ gekennt, Evi?“ sagte die Angekommene, indem sie näher trat und sich leichthin neben ihr auf den Felsblock setzte. „Ich mein’, wir hätten doch oft genug mit einander g’sungen, daß Du wissen könnt’st, daß es in der ganzen Ramsau keinen Stimmstock mehr giebt, als wie unsere Zwei? Mußt ja völlig tief in Gedanken gewesen sein!“

Die beiden Mädchen boten, als sie so nebeneinander saßen, ein ungemein reizendes Bild. Sie waren beide jung und schön, beide Bauerndirnen und doch vollständig verschieden. Evi war eine große, wohlgebaute und schlanke Gestalt, Kordel erschien kleiner und von feinem, fast zierlichem Bau; Jene hatte das reiche lichtbraune, beinahe blonde Haar in stattlichen Zöpfen um die Stirn geschlungen, diese trug ein Kopftuch, welches in breiten Zipfeln den Nacken hinunter fiel, während nach vorne zu sich dichtes, glänzend [162] schwarzes Scheitelhaar unter demselben vordrängte. In Evi’s Gesicht schimmerten tiefblaue Augen über angenehm gerötheten Wangen, kräftiger Nase und anmuthig geschwellten Lippen voll der Farbe des Kornmohns – Kordel’s Antlitz war bleich, von südlich gelbem Hauche überflogen, zu welchem die funkelnden kohlschwarzen Augen ebenso gut stimmten, als der schmale, tief rosig überflogene Mund. Evi trug das offene unverkennbare Gepräge deutscher Abstammung; bei Kordel wurde man unwillkürlich an die alte Sage erinnert, als seien die ersten Bewohner des Ramsauer-Thals Römer gewesen, die sich in diesen Bergversteck flüchteten, an welchem der Sturm der Völkerwanderung unbemerkt vorüber brauste.

„Und schau,“ begann Kordel wieder, „da ist ja eine ganze Burd’ von lauter Almenrausch und ganz frisch gebrockt … wo hast’n her?“

„Ich bin den Abend selber noch einmal hinauf in’s Gewandt, wo’s gegen das Geisterbrünnl hinauf geht, und hab’ das Blumwerk gesucht – es ist so viel schön da droben. D’rum hab’ ich mir’s noch einmal angeschau’t und hab’ mir einen Buschen geholt … und für mein Vieh muß ich doch auch was haben zu einem Kranz … weißt ja, daß wir morgen abtreiben!“

„Leider Gottes!“ sagte Kordel mit einem tiefen Seufzer. „Es liegt mir schwer genug in den Gliedern und auf dem Herzen!“

„Warum?“ fragte Evi entgegen. „Bei mir ist’s was and’res, wenn’s mich hart ankommt, von den Bergen fortzugehen. … Ein Dienstbot, wie ich einer bin, der muß bald da, bald dort sein … Du bist in Deiner Heimath!“

„Ja wohl,“ seufzte Kordel wieder, „… und ich wär’ glücklich, wenn ich frei wär’ und fort könnt’, wie Du! Mir graust, wenn ich d’ran denk’, wie der Winter hinüber gehen soll!“

„Das kann ich mir gar nit vorstellen!“ rief Evi verwundert. „Du bist doch auf der Ledermühl’ daheim, hast Vater und Mutter … ich hab’s meiner Lebtag nit so gut gehabt! Ich bin ein armes, ledig’s Kind – meine Mutter ist gestorben, wie ich noch so klein gewesen bin, daß ich’s nimmer denk’ … von meinem Vater weiß ich nichts, als daß er selbigesmal, wie sie hineinmarschirt sind in’s Rußland, nicht mehr zurückgekommen und mit den Andern erfroren ist. Ich bin im Hüthaus und im Gemeindhaus aufgewachsen und alleweil unter fremden Leuten ’rumgefahren … ich weiß nit, wie das thut, wenn man sagen kann, daß man auch einen Menschen hat, dem man angehört!“

Kordel war noch trauriger geworden und hielt den Kopf gesenkt. „Ich weiß nit, was besser ist,“ sagte sie kummervoll, „gar keine Heimath und keine Eltern haben, oder … Aber ich mag nit reden davon; sie bleiben doch meine Eltern und mein armer guter, guter Vater. … Man hört Dir’s an, Evi, daß Du noch kein Jahr in der Ramsau bist und daß Du noch nie in die Ledermühl’ kommen bist, Du thätst Dich sonst nit wundern, warum ich Sorg’ hab’ auf den Winter. … Aber ich glaub’ gar, ich hab’ nasse Augen?“ lachte sie scharf auf, indem sie die Schürze an’s Gesicht drückte. „Die könnt’ ich gerade brauchen! Fort mit den traurigen Gedanken! Ich mein’, es ist nit umsonst, daß wir heuer miteinander zusammen ’kommen sind auf der Alm und daß wir so gute Cameradinnen ’worden sind! Ich denk’, wir fahren im Auswärts wieder miteinander gen Alm … Warum sollt’st nimmer da sein, Evi? Ich mein’, es gab’ doch genug Bandeln, die Dich halten könnten in der Ramsau …“

„Was meinst damit?“ fragte Evi, indem sie das Gesicht abwandte, um ein leichtes Erröthen zu verbergen, das doch im Dunkel nicht mehr sichtbar gewesen wäre.

„Sei so gut und stell’ Dich an, als wenn Du’s nit wüßtest!“ lachte Kordel. „Meinst, ich hab’ keine Augen im Kopf, weil ich eine lustige Gesellin bin? Kennst dasselbe Gassel-G’sangel nit?

Die heilig’n drei König
Hab’n ein’ einzigen Stern:
Drei Bueben hat ’s Dirndl,
Wie wird denn das wer’n?“

Sie lachte muthwillig auf nach dem Gesang und hielt Evi’s Hand gefaßt, die ihr diese vergebens zu entziehen trachtete. „Laß mich aus, Kordl,“ sagte sie verlegen, „und häng’ mir Deinen Namen nit an! Ich mein’, Du sollst Dich selber bei der Nasen nehmen, wenn Du an den Brigadeer, an den Grenzwächter und an Deinen Schatz, den Quasi denkst …“

Aus Kordel’s Wesen und Miene war auf einmal wieder die Lustigkeit entwichen; sie senke den Kopf wie eine niedergeregnete Blume und sagte mit dem Tone herzlicher Betrübniß: „Ja, der Quasi macht das Kraut erst fett! Ich mag keinen Grünling, keinen Stichauf, der sein Brod davon hat, daß er and’re Leut’ in’s Unglück bringt – und der Quasi ist … ein Lump!“

Ueberrascht wandte Evi sich zu der Redenden. „Wirst doch nicht selber schlecht reden von Deinem eigenen Schatz!“ rief sie. „Oder ist’s aus mit Euch Zweien?“

„Ich weiß, was ich sag’, und ich wollte ich hätt’ den Quasi nit gesehen mein Leben lang! – O mein’ Evi, wenn ich noch einmal siebzehn Jahr alt werden könnt’, ich wollt’ meine Sache wohl so gescheidt machen, daß die Leut’ Recht haben, wenn sie sagen, daß ich eine lustige G’sellin bin … aber ich hab’ die Kappen verschnitten!“

„Red’ nur, was Dir ist, Kordl!“ rief Evi theilnehmend. „So hab’ ich Dich ja noch nie geseh’n!“

„Was wird mir sein!“ antwortete diese, in lautes unaufhaltsames Weinen ausbrechend. „Betrübt bin ich, daß ich mich der Läng’ nach in’s Grab legen möchte. Ja, Du – Du hast es gut … Du kannst einmal in Ehren und mit dem Kranzl zum Altar gehen, aber ich … O mein Gott, mein Gott!“ schluchzte sie noch stärker, „warum bin ich nit gestorben selbiges Mal! Neben meinem armen Würm’l wär’ ich am besten aufgehoben gewesen. …“

Evi war der Freundin näher gerückt, hatte ihr den Arm um die Hüfte geschlungen und drückte sie tröstend an sich. „Du machst mir ja ganz bang,“ sagte sie herzlich. „Sei doch gescheidt und laß Dir das Herz nit so völlig hinunter fallen. …“

Kordl biß, sich ermannend, die Zähne zusammen und faßte die Hand der Freundin. „Es ist so gefährlich nit, Evi,“ sagte sie. „Wenn mir das Herz auch hinunter fallt, wie in einen Ziehbrunnen – es hängt an einer starken Kette und ist das Auf- und Abwinden schon völlig gewohnt … es braucht nur ein paar Rucker, so ist’s wieder oben und so lustig wie zuvor! Wer wird sich ein graues Haar’l wachsen lassen um die Mannerleut …“

Dabei sprang sie auf und lachte so hell und laut, daß Evi ihr verwundert nachsah. „Na, Du hast wirklich das Lachen und Weinen in Einem Säck’l beisammen,“ sagte sie, „Du bist ein seltsames Leut!“

„Hörst?“ rief Kordel, wie um eine Antwort zu vermeiden. „Der Gaisbub schreit herüber von meiner Hütten. … Er wird die g’scheckete Pinzgauerin gefunden haben, die sich verstiegen hat und die wir g’sucht haben den ganzen Nachmittag – muß doch nachschau’n, ob Alles in Ordnung ist. … Es kommt mir auch vor, als wann Du mich nimmer brauchen thätst. … Hörst?“

Ein starker lustiger Juchzer klang unfern aus dem Gestein.

„Ich mein’, den Juchezer kenn’ ich!“ fuhr sie fort. „Du nit auch, Evi? Es wird wohl Numero Eins von den heiligen drei Königen sein. … B’hüt’ Dich Gott, Evi; ich komm zu Dir in Dein’ Kaser in Heimgarten, wann ich Dir nit im Weg umgeh!“

Sie ging und war bald im Dunkel verschwunden, während Evi sich bückte, um die Alpenrosen am Boden aufzulesen und in ihre Schürze zu sammeln. Nur wenige Augenblicke waren vergangen, als hinter ihrem Rücken aus dem Gestein die dunkle Gestalt eines Mannes hervorkam, der mit Hut, Rucksack und mächtigem Bergstock in der Entfernung von einigen Schritten stehen blieb. „Was ist denn das wieder für ein neuer Brauch?“ rief er mit wohlklingender, aber unwilliger Stimme. „Seit wann giebt einem denn die Sennerin keine Antwort, wenn man sie anschreit?“

„Du bist’s, Mentel?“ sagte Evi sich aufrichtend. „Ich hab’s wahrhaftig nit beacht’, daß Du mich angeschrieen hast. …“

„Hast es so nothwendig? Hast gewiß angenehme Gesellschaft gehabt? Schneid’ nur nit lang um und sag’s gerad’ heraus, ich hab’s doch geseh’n, daß Jemand justament weggewitscht ist von Dir!“

„- Und wenn’s so wär’?“ sagte sie, sich zum Gehen anschickend. „Ging’s Dich was an, Mentel? Bin ich etwa nit mein eigner Herr?“

Sie wollte rasch hinweg, aber noch rascher und wie im Sprunge war der Bursche neben ihr und hatte sie so fest am Arme gefaßt, daß ihr das Ende der Schürze entglitt und die Alpenrosen daraus zu Boden fielen. „Sag’ so was nit, Evi,“ rief er mit zorngedrücktem Tone, „Du weißt, daß ich’s nicht hören kann! Bleib’ da, ich muß mit Dir reden!“

„Laß mich aus – ich muß fort und nach dem Vieh umschau’n. …“

[163] „Hör’ mich an,“ rief er und hielt sie stärker. „Du mußt dableiben, Evi – ich will’s haben!“

„Das ist was anders!“ erwiderte sie gelassen und fast spöttisch, indem sie stehen blieb. „Wann Du so redst, muß ich wohl bleiben – Du bist der Sohn vom Haus und ich bin die Magd, der man anschaffen kann. Also was willst? Hat Dich wohl der Vater ’raufgeschickt gen Alm?“

„… Ich schaff’ Dir nichts an, Evi,“ sagte der Bursche milder, „ich komm’ auch nit von daheim; ich bin übern Hochkaltern her vom … Nun, Du weißt schon, wo ich gewesen bin!“

„Ich wollt’ lieber, ich wüßt’ es nit …“ flüsterte sie ernst und beinahe vorwurfsvoll.

„Red’ nit so, Evi … ich kann doch nicht anders! Das Wildpretschießen ist einmal meine Freud’, von der ich nit lassen kann! Das muß man von mir nit verlangen, daß ich mich daheim mit der Bauernarbeit plagen und schinden soll, wie ein Vieh! Soll ich den Mist hinauftragen auf die Berg’ statt den Hirschen nachzugehn und denen Gambs? Sollt’ ich Schachteln schneiden und Stuben hocken, statt in der freien Luft herum zu streichen? Ich kanns nit aufgeben, das frische Wildschützenleb’n!“

„In Gott’s Namen … Du wirst schon erfahren, wohin das Leben führt!“

„– Und wenn ich’s aufgeben wollt’, Evi … meinst, ich könnt’s thun, so für nichts und wider nichts? Umsonst ist nit einmal der Tod, denn der kost’s Leben … was sollt’ ich dafür kriegen, wenn ich’s aufgeb’? Ja, wenn Du wolltest, Evi …“

Das Mädchen war bewegt und mußte sich Gewalt anthun, es zu verbergen. „Wie Du daher schmatz’st!“ sagte sie mit möglichster Zurückhaltung. „Ich bin der Gar-Niemand – wie sollt’s auf das ankommen, was ich will?“

„Verstell’ Dich nit, Evi – Du weißt es lang, daß ich Dich gern hab’, lieber als Alles … fast gerad’ so lieb wie mein frei’s, lustig’s Wildschützenleb’n! – Der Vater will, ich soll das Heimathl übernehmen, soll gut thun und die Heugabel statt dem Stutzen in der Hand halten. … Wenn ich jetzt sagen thät’, ich will ein Bauer werden und bleiben – aber die Bäuerin muß Evi heißen?“

Das Mädchen schwieg; sie athmete tief auf, und es war gut, daß die Dunkelheit das Glühen ihrer Wangen verhüllte. Sie schien nach einer Erwiderung zu suchen. „Kannst mich denn gar nit leiden,“ fuhr der Bursche fort, „weil Du mir nit einmal eine Antwort giebst? Ich hab’ Dir’s schon so oft zu merken ’geben, Du bist mir allemal ausgewichen … heut hab’ ich eigens den weiten Weg herüber gemacht, um mit Dir noch einmal da heroben in der Freiung zu reden, eh’ wir wieder unter den Leuten und Giebachteln sind … willst mich ohne Bescheid fortgehen lassen?“

„– Und wenn ich gar nichts sag’, ist das nit auch ein Bescheid?“ erwiderte endlich das Mädchen mit unsicherer Stimme, die erst allmählich einige Festigkeit gewann. „Ich will aber auch gerad’ heraus reden, Mentel, und will Dir sagen, daß Du Dir das aus dem Sinn schlagen mußt! Mit uns Zwei kann’s nie was werden! Du bist ein reicher Bauernsohn, ich bin ein armer Dienstbot’; Du bist ein Ramsauer – ich bin fremd, ein hergelaufenes Hüterdirndl aus dem Laupgries … das giebt Dein Vater in Ewigkeit nit zu!“

„Er thut’s, Evi!“ rief der Bursche feurig. „Er muß – für das laß mich sorgen, wenn ich nur erst weiß, daß Du mich magst! Red’ – magst mich nit? Was hast gegen mich?“

Sie sah ihn entschlossen an; sie hatte ihre ganze Fassung wieder gewonnen. „Du bist mir zu wild, Mentel!“ sagte sie. „Zu unordentlich! Das könnt’ ich nit vertragen, wenn wir ein Paar wären … ich thät’s nit leiden, und Du thätst es nit lassen, wenn Du’s auch versprichst. … Schau, das könnt’ nit gut thun, und so ist’s das Gescheidteste, ich sag’ im voraus Nein. …“

„Das ist nur so eine verblümelte Weis’,“ rief Mentel mit auflodernder Hitze. „Warum magst mich nit? Weil ich Dir zu wild bin? Das sind Faxen, Evi … weil Dir ein Anderer lieber ist als ich – das ist der richtige Grund! Der Jäger ist es, der Lump, der mich ausgestochen hat, nit wahr … aber gieb’s Acht, Evi, es giebt ein Unglück, wenn ich das erfahr’! In der Mitt’ brech’ ich ihn ab, den Grashupfer den grünen, und Dich dazu!“

Evi trat ihm einen Schritt näher. „Ich fürchte Dich nit, Du Baumausreißer,“ sagte sie, „und wenn Du noch so wild thust! Wenn Du aber glaubst, Du g’fallst mir um das besser, bist auch auf dem Holzweg … ich hab’ meinen Kopf zum Aufsetzen, so gut wie Du, und …“ fügte sie etwas innehaltend bedächtiger hinzu … „und mein Herz auch!“

„Dein Herz?“ rief Mentel freudig. „Wenn Du’s nur noch hast, Dein Herzl – das ist ja das Einzige, um was ich mich sorg’! Wenn Du’s noch an keinen Andern verschenkt hast, nachher ist Alles gut – nachher mußt Du doch noch mein werden. … Kein Anderer soll Dich haben, und ich will nit rasten, bis Du als Bäuerin droben sitz’st am Schwarzeck auf dem Bühelgut! … Ich will auch nit mehr so wild sein … ich will Dir’s zeigen und gleich das Blumwerk aufklauben, das Dir aus dem Fürtuch gefallen ist wegen meiner Reschheit (Heftigkeit)! – Schau!“ fuhr er fort, indem er sich bückte und die zerstreuten Blüthen eilfertig zusammenraffte, „lauter frischer Almenrausch! Wo hast’n her?“

„Ich hab’ ihn selber geholt, droben am Gewandt beim Geisterbrünnl …“

„So? Das trifft sich ja prächtig!“ rief Mentel rasch. „Ich hab’ derweil’ Edelweiß gebrockt … da schau’ her, die schönsten frischesten Stern’ und so lind als wie Sammet; es wachst nirgends so schön, als drüben am Bartelmä-See, wo’s in’s Lauthal hinein geht! Gieb mir einen Buschen von Deinem Almenrausch!“

Er ergriff einen Zweig, nahm den Hut ab und befestigte die Alpenrosen neben dem Strauße von Edelweiß, womit er geziert war. „Die zwei fürnehmsten Blumen, die auf den Bergen wachsen,“ sagte er dabei, „die müssen bei einander sein! Und Du – Du sollst auch das Edelweiß von mir tragen. …“ Damit hatte er ihr den Hut, den sie in der Hand getragen, entrissen und ihn mit Edelweiß besteckt. „So,“ rief er, indem er ihr den Hut auf den Kopf drückte, „jetzt kannst sagen, was Du willst, Evi – jetzt ist’s richtig mit uns Zwei – denn Almenrausch und Edelweiß, die g’hören zusamm’!“

Das Mädchen war verwirrt, die Antwort wurde ihm aber erspart, denn von der Sennhütte her ließ sich Gesang vernehmen und unterbrach das Gespräch gerade im entscheidenden Augenblick. In ländlicher Weise, aber mit keineswegs bäurischem Ton klang es herüber:

„Sennrin, wo bleibst so lang?
Hast mich für’n Narrn?
Geh’, bring mir a Mili
und koch’ mir an Schmarrn!“

„Ist das nit der Maler?“ sagte Mentel, indem er mit Evi der Hütte zueilte. „Was nur der alleweil da heroben ’rumzusteigen hat?“

„Er ist schon seit ein paar Tagen in der Näh’,“ antwortete Evi, „ich glaub', er will das blaue Eis abmalen droben auf dem Hochkaltern. …“

Jetzt war die Hütte erreicht; in der offenen Thüre stand der Maler, eine fein gebaute, fast zarte Gestalt, von dem dahinter glimmenden Heerdfeuer in den Umrissen schwach röthlich beleuchtet. Er trug Gebirgshut, Joppe, Wadenstrümpfe und nagelbeschlagene Bändelschuhe; der an einem Bande über der Schulter hängende Malkasten, der Regenschirm und der zusammengelegte Feldstuhl aber zeigten, daß es kein Bauer war, der im Scharten-Kaser einsprach.

„Grüß’ Enk Gott, Herr Reinthaler!“ sagte Evi hinzutretend und bot ihm die Hand, in die er lustig einschlug. „Laßt’s Enk auch wieder einmal sehn’ da heroben?“

„Freilich, Evi,“ war die Antwort. „Ich will morgen in die Stadt zurück und mußte mich ja eilen, wenn ich die Hütte nicht schon gesperrt und die schöne Sennerin ausgeflogen finden wollte. Du mußt mir Nachtherberge geben; es ist zu spät und zu weit hinunter in’s Ramsauer Wirthshaus, und meine Schuhe halten nicht mehr aus – der Höllenweg über das Felsengeröll am blauen Eis herunter hat sie ganz hin gemacht!“

„Die schaun freilich übel aus!“ lachte Evi, indem sie die Schuhe des Malers betrachtete, aus welchen die Zehen vorsahen. „Kommts nur herein; ich koch’ Euch einen Schmarrn, Milch ist noch da, ein Glasl süßer Schnaps wird sich auch finden, und meine Lagerstatt im Kreister könnt Ihr auch haben!“

„Wo legst nachher mich hin?“ rief Mentel dazwischen. „Ich kann heut’ auch nit mehr hinüber aufs Schwarzeck!“

„Ah, Du bist nicht allein!“ sagte Reinthaler, indem er den Burschen, den er bis dahin nicht bemerkt hatte, prüfend betrachtete. „Alle Wetter, das ist ein hübscher Bursch … das ist wohl gar Dein Schatz, Evi?“

[164] Mentel, im Lichte des Heerdfeuers stehend, rechtfertigte die Bewunderung des Malers. Er war groß und schlank, von anscheinend nicht sehr kräftigem, aber sehnigem Gliederbau. Das Gesicht hatte etwas von Kordel’s südlicher Färbung, aber es war angenehm geröthet, und das pechschwarze krause Haar wie die dunklen Augen ließen vermuthen, daß die Gemüthsart der äußern Erscheinung nicht widersprach. Er that, als ob er die Frage und das Staunen des Malers gar nicht beachtete, warf den Rucksack ab und lehnte den Bergstock in die Ecke, aber ohne den Blick von Evi zu verwenden. Er wollte die Antwort, die doch kommen mußte, auch in ihren Mienen lesen. – Evi stand am Heerd, hatte den darüber hängenden Kessel bei Seite gedreht und Holz zugelegt, daß die Flamme hochauf prasselte; es war nicht zu unterscheiden, ob es Reinthaler’s Frage oder der Wiederschein des Feuers war, was ihre Wangen so glühend färbte. „Ich hab’ keinen Schatz,“ rief sie, „und das ist der Sohn von meinem Dienstbauern!“

Mentel, der in der Ecke an der Fensterbank niedergesessen war, drehte grimmig an seinem Schnauzbart und lachte eigenthümlich vor sich hin. Es konnte dem Maler nicht entgehen, daß das Lachen einige Beziehung auf ihn haben müsse. Er blieb vor ihm stehen.

„Was lachst Du, guter Freund?“ sagte er. „Mir scheint, meine Gegenwart ist Dir nicht angenehm?“

„Angenehm!“ lachte Mentel wie zuvor. „Ich hab’ mir nur Eure Schuh betrachtet, wo die Inwohner zum Fenster ’raus schau’n, und da hab’ ich lachen müssen über die Herrischen, die’s drunten im Thal und drinnen in der Stadt viel angenehmer haben, als bei uns! Das weiß unser lieber Herr-Gott, was so ein Maler auf den Bergen herumzusteigen hat!“

„Ich hoffe allerdings,“ sagte Reinthaler mit würdigem Ernst, „daß unser lieber Herr-Gott davon weiß, warum ich auf den Bergen herum steige. Sind sie nicht geschmückt mit auserwählter Schönheit? Bleibt nicht die Erde und ihr Kummer unten in der Tiefe? Ist man nicht näher am Himmel und an der Unendlichkeit? Meinst Du, das sei für Euch Bauern allein? Glaubst Du, wir Herrischen verstehen das nicht auch? Weil aber nicht Alle von uns so hoch hinauf steigen können, laß’ ich mir die Mühe nicht verdrießen und male, was ich sehe, damit die Andern sich auch an Gottes Herrlichkeit mitfreuen und das mitempfinden können, was Einem durch’s Herz geht bei ihrem Anblick!“

Evi trat hinzu und gab dem in Eifer Gerathenen die Hand. „Das ist schön von Euch, Herr Reinthaler,“ sagte sie, „mit dem stützigen Trutzkopf da müßt Ihr Euch gar nit einlassen – mir aber, mir müßt Ihr’s nachher noch zeigen, was Ihr wieder Schönes gemalen habt …“

„Es ist nicht viel,“ entgegnete Reinthaler. „Ich will den blauen Eis-Gletscher malen … aber es ist Alles so groß und gewaltig, das Licht ist so wundervoll, und das armselige Papier so klein, unsere Farben sind so matt … wollte man die Wirklichkeit wiedergeben, man müßte den Pinsel in die Abendröthe tauchen können …!“

„Ja, ja,“ lachte Evi, die sich wieder am Heerde zu schaffen machte und die Pfanne mit dem prasselnden Schmarrn über die Flamme hielt, „der liebe Gott laßt sich halt nit in’s Handwerk pfuschen! Ich hoff’ aber, Ihr werdet drum nicht den Appetit verlieren und meiner Kocherei Ehr’ anthun – ich bin bald fertig damit. Setzt Euch nur daweil’ und holt Euch die blechenen Löffel dort vom Gestell herunter!“

Mentel und Reinthaler folgten der Einladung; sie nahmen Platz auf der hölzernen Einfassung des Heerdes und führten eben die Löffel nach der dampfenden Schüssel, als Zuruf von der Thüre her sie unterbrach.

„Darf man vielleicht auch mithalten?“ rief eine rauhe Stimme über das geschlossene Halbgitter der Thür herein, und ein schmales schwarzbärtiges, verwegen geschnittenes Gesicht wurde in derselben sichtbar. „Grüß’ Gott, Herr Reinthaler, kommen wir da wieder zusammen?“

„Nur herein, Jäger-Gaberl!“ erwiderte der Maler. „Es wird wohl für uns Alle langen!“

„Und einen Platz auf dem Heu wird’s auch geben,“ sagte der Eintretende. „Was meinst, Evi?“

„Mir liegst gut droben im Heu!“ erwiderte das Mädchen, während der Jäger etwas abgewendet die Waidtasche abnahm, über den Stutzen hing und Beides neben der Thüre an die Bank lehnte. „Ein elender Hundsweg da vom Hochkaltern herunter! Ich kann doch sonst was vertragen, aber ich spür jedes Bein’l im ganzen Körper,“ fuhr er dabei fort. „Hab’ einen Wilddieb auf dem Korn gehabt und hab’ ihn scharf hineingesprengt in’s Gewandt, in der Zwielichten aber …“

In diesem Augenblick wandte er sich um, erblickte Mentel, der ihm bis dahin durch den Maler und Evi verdeckt gewesen war, und sprang mit einem raschen Satz bis an die Thüre zurück. Ebenso schnell hatte er den Stutzen ergriffen und schrie, die Hände am Schloß, um den Hahn zu spannen: „Himmelsacrament, Wilddieb, verfluchter, wie kommst Du da herein?“

„Geht’s Dich was an, Jager?“ rief Mentel entgegen, der sich in die Ecke gestellt hatte, in welcher sein Bergstock lehnte. „Sorg’ lieber, daß ich nit den Stiel umkehr’ und frag’, wie Du herein kommst! Der Scharten-Kaser gehört dem Bühelbauern von Schwarzeck – das ist mein Vater, also bin ich da in meinem Eigenthum!“

„Sei mir nit so frech, Kerl,“ eiferte der Jäger, „ich leid’s nit! Noch ein Wörtl, und ich sag’ Dir, wer heut’ den Zwölfender geschossen hat, droben am Hochkaltern! Meinst, ich hätt’ den Wilddieb nit durch die Boschen und Latschen schlupfen sehn? Kein anderer Mensch ists gewesen, als Du mit Deiner grauen Joppen … mach’ nur noch einen Schnaufer, so verarretir’ ich Dich!“

„Aber Gaberl,“ rief Evi, indem sie begütigend dazwischen trat, und auch Reinthaler gab dem Erzürnten gute Worte, ihn zu besänftigen. Mentel aber stand kaltblütig in einer Ecke und hatte den Bergstock ergriffen. „Probir’s einmal, Grünling, wenn Du Schneid’ hast … beim Verarretiren müssen Zwei dabei sein!“

„Gleich legst den Bergstock weg!“ schrie der Jäger, sich von den Friedensstiftern losmachend. „Ich hab’s schon gehört, daß Du einen Stutzen zum Abschrauben hast … her mit dem Stock! Gewiß steckt der Lauf drinnen – ich muß ihn visitiren!“

„Visitiren laß’ ich meinen Stock nit!“ rief Mentel und schwang denselben, so hoch es die Decke der niedrigen Hütte gestattete. „Aber verkosten kannst, wie er ausgiebt!“

Drohend standen sich die ergrimmten Gegner gegenüber, als Evi sich wieder dazwischen warf und, nachdem die Bitte nicht gefruchtet hatte, es mit ernsten Worten versuchte. „Stell’ Deinen Stock ins Eck, Mentel!“ rief sie befehlend. „Und der Jäger legt den Stutzen weg und giebt Ruh’ oder er geht wieder hin, wo er her’kommen ist! Wenn er dem Mentel was will, kann er ihn morgen finden … aber in meinem Kaser da leid ich keine Streitereien und da bin ich der Herr im Haus – Verstanden?“

Mit lächelndem Wohlgefallen betrachtete der Maler das Mädchen, wie es unerschrocken zwischen den Männern stand, und wie diese wirklich nicht zögerten, sich ihrem gebieterischen Worte zu fügen. Wie mechanisch stellte Gaberl den Stutzen zurück, nachdem Mentel ebenfalls den gefährlichen Stock abgelegt hatte. „So,“ sagte Evi dann begütigt, „jetzt setzt Euch wieder und laßt den Schmarrn nit kalt werden!“

[177] Die Gesellschaft folgte schweigend Evi’s Einladung und aß schweigend. Der Jäger saß neben dem Maler, denn die Sennerin hatte die Kriegslist gebraucht, den Bauernburschen in die Ecke des Heerdes zu postiren, so daß sie eine Art Feuermauer zwischen den grollenden Gegnern bildete.

„Nichts für ungut,“ unterbrach Gaberl nach einiger Zeit das unheimliche Schweigen, indem er sich entschädigend gegen Reinthaler wendete. „Sie glauben nit, was wir Jäger auszustehen haben! Es muß in der ganzen Welt kein solches Wildschützen-Nest geben, wie die ganze Ramsau. Keine Stunde ist unser Einer seines Lebens sicher … es ist kein Wunder, wenn es Einem dabei heiß aufsteigt!“

„Es ist freilich schlimm,“ entgegnete der Maler, „wenn der Sinn der Ungesetzlichkeit so sehr überhand genommen hat, aber begreiflich und entschuldbar bleibt es bei alledem, wenn die Bewohner einer so wildreichen und einsamen Gegend den Lockungen der Jagd nicht widersteh’n! Seh’n ihnen doch die Hirsche beinahe zu den Fenstern hinein! Es wird schwer halten, sie davon abzubringen, und mit der bisherigen Strenge wird es wohl am wenigsten gelingen!“

„Womit sonst?“ erwiderte der Jäger. „Man soll die Bauern wohl noch obendrein recht schön bitten, sie möchten doch so gut sein und das Wildern bleiben lassen?“

„Das nicht – aber man muß ihnen durch Belehrung das Unrechtmäßige, das Gesetzwidrige ihrer Handlungsweise begreiflich machen und die Strafen mindern. Bei einem Vergnügen, wie das Wildern, ist die strenge Strafe keine Abschreckung: sie ist eine Gefahr und darum noch ein Reiz mehr!“

„Warum nit gar! Für einen Wilddieb kann gar keine Strafe zu streng sein!“ grollte der Jäger. „Wenn’s mir nachginge, ich ließ sie heut’ noch auf Hirsche schmieden und todthetzen!“

„Eben deswegen,“ entgegnete Reinthaler ernst, „ist es gut, daß nicht, wie in frühern Zeiten, uns’re großen Herren bloße Jäger sind und daß daher nicht mehr die Jäger allein die Jagdgesetze machen! – Wie jetzt die Sachen steh’n, ist der Unglückliche, der sich zum Wildschießen hat verleiten lassen, wenn er dem berechtigten Jäger begegnet, in einer Art von Verzweiflungs-Zustand. Er hat nur die Wahl zwischen einer entehrenden langjährigen Strafe, die ihn und seine Angehörigen ruinirt, und zwischen einem noch größern Verbrechen, das ihm vielleicht Sicherheit und Straflosigkeit verschafft. Daher dieser immerwährende Krieg zwischen Jäger und Wildschütz, dieser stete Kampf auf Tod und Leben … Eine geringe Strafe würde der Mann ruhig über sich nehmen und das Handwerk zuletzt mit der Gefährlichkeit seinen Reiz verlieren!“

„Bilden Sie sich so was nicht ein,“ erwiderte der Jäger gereizt. „Da kenn’ ich die Bauern besser! Leben muß man unter ihnen, Herr Reinthaler, leben wie Unsereiner … Sie seh’n dieselben nur wie im Feiertaggewand! Aber es ist gut, daß es mit den geringen Strafen noch seine guten Wege hat!“

„Hoffentlich nicht mehr lange,“ war des Malers Antwort. „Die Zeit ist nicht mehr fern, in welcher man einen Menschen höher anschlagen wird, als einen Hasen! Dann wird man sich mit dem nöthigen Schutze des Wildes begnügen, und Bauer und Jäger werden sich vertragen!“

„Das sind ja recht schöne Grundsätz’!“ sagte Gaberl noch giftiger. „Da ist es kein Wunder, daß die Bauern stützig werden, wenn die Stadtleut’ so daher reden! Hoffentlich bin ich nimmer auf der Welt, wenn das geschieht!“

Der Jäger hatte seinen kurzen Pfeifenstummel angebrannt und qualmte seinen Zorn in mächtigen Rauchwolken aus; Mentel, der zuerst nicht übel Lust gehabt hatte, sich in’s Gespräch zu mischen und dem Jäger nach seiner Weise heimzugeben, unterließ es jetzt und sah mit Behagen auf Reinthaler; sein halb eifersüchtiger Unmuth gegen den Maler begann zu weichen, weil er für Bauern und Wildschützen so warm das Wort genommen. Jedes von den Anwesenden war eine Weile mit seinen eig’nen Gedanken beschäftigt, und ein minutenlanges Schweigen ruhte auf der Gesellschaft, daß man den Wasserquell hereinplätschern hörte, der draußen im Mondenschein in den Brunnentrog niederströmte.

Niemand ward Kordel gewahr, die schon einige Augenblicke an der Thüre stand und die gekreuzten Arme auf das Halbgitter der Thür stützend die Hütte überblickte. Sie hatte jetzt das Kopftuch abgenommen und sah so noch schöner, wenn auch noch blässer aus. Ein Streifen des Feuers reichte bis an ihr Gesicht und das rothe Busentuch ihres Mieders; die Umrisse ihrer Gestalt waren dunkel und hoben sich kräftig von dem grünlich-klaren Mondhimmel ab, der durch den unverdeckten Theil des Thürraumes sichtbar war.

„Hat Eins die Füß’ über’s Kreuz,“ rief sie endlich lachend, „daß Ihr Alle da sitzt, als wenn Ihr auf’s Maul gefallen wär’t? Das muß ich sagen, wegen der Lustigkeit ist es schon der Müh’ werth, daß man auf den Scharten-Kaser in’ Heimgarten geht!“

„Nur geschwind herein, Du lustige Gesellin!“ rief der Maler aufspringend. „Du kommst eben recht, um uns auf and’re Gedanken [178] und ein anderes Gespräch zu bringen! … Nimm nur gleich die Cither und spiel’ uns einen lustigen Ländler auf!“

„Mit der Cither wird’s nit viel sein!“ sagte Evi mit verlegenem Erröthen, indem sie das Instrument vom Sims herunterholte. „Die Hauptsaiten sind ab!“

„Das schadt nix“ drängte Kordel, die sich rasch zurecht setzte und sich den Drahtring an den Daumen drehte. „Wer gern tanzt, dem ist leicht pfeifen! Es muß so auch geh’n – und liegt nicht da droben hinter den Weidlingen (Schüsseln) eine Schwegelpfeifen? Der Mentel kann sie ja blasen, daß es lauter geht …“

„Ich hab’ eine Maultrommel bei mir,“ sagte der Jäger lachend und langte in die Tasche, während Mentel die Schwegel ansetzte und probirte.

„Das giebt eine Musik, schöner als bei mancher Kirchweih!“ rief Kordel wieder. „Frisch, Maler, mach’ den Anfang; zeig’, daß die Herrischen nit bloß gemalene Füß’ haben!“

Der Maler war lachend bereit und faßte Evi’s Hand. „Es soll schon geh’n,“ sagte er, „daß ich den Stadtleuten keine Schande mache – aber mit den Tanzschuhen bin ich schlecht bestellt!“

Die Hütten ist ja auch viel zu klein, sagte Evi, die sich leicht sträubte. „Wer kann denn auf dem Nudelbrett tanzen?“

„Es muß nit allemal Langaus geh’n,“ erwiderte Kordel und begann eine muntere neckische Tanzweise zu spielen. „Thut’s nur ein bissel Tellerreiben … es ist gewiß nit das erste Mal, daß im Scharten-Kaser getanzt wird!“ Mentel pfiff dazu die Schwegel, und der Jäger ließ, so gut es ging, seine Maultrommel darein summen; das Paar aber war zum Tanze angetreten, den Evi mit ungekünstelter Zierlichkeit, Reinthaler nicht ungeschickt ausführte. „Das geht prächtig,“ rief die munt’re Citherspielerin, „an dem Maler ist ein Bauer verloren ’gangen! Und jetzt geschwind, Numero Zwei – daß die Tanzerin warm wird und der Boden nit kalt! – Voran, Gaberl, wenn’st nit steif bist vom Gamsfangen!“

Der Jäger sprang auf. „Ich bin gerad’ so steif, wie meine Gambs – wer’s mit mir aufnehmen will, der kommt zu kurz …“ Er hatte Evi rasch und keck ergriffen und tanzte mit dem sichtbaren Bemühen, es recht schön zu machen, ein Gemisch, das nicht ländlich und nicht städtisch war. Mentel hatte die Schwegel weggelegt; er wollte seinem Feinde nicht zum Tanze spielen und entschuldigte sich damit, daß er den Ländler, den Kordel spielte, nicht kenne. Reinthaler half dafür aus; er war oft und lang in der Gegend und mit den Vergnügungen ihrer Bewohner vertraut geworden.

„Sakra!“ rief Kordel, als sie endete. „Der Jäger tanzt justament wie ein Frackischer! Was meinst, Mentel, – ob Du Dir nachzutanzen ’traust?“

„Herrisch bring’ ich’s freilich nit zuwegen,“ sagte Mentel spöttisch, „aber was ein Bauer kann, werd’ ich wohl zeigen!“

Kordel begann, und das Paar führte seinen ländlichen Tanz, so gut der enge Raum es gestattete, in allen eigenthümlichen zierlichen Eigenheiten und Wendungen so gelungen aus, daß Reinthaler vor Vergnügen die Schwegel weglegte, um dem schönen Paare besser zusehen und Beifall klatschen zu können. Auch die summende Maultrommel verstummte, aber nicht aus Vergnügen, sondern aus Aerger. Zuletzt hatte Mentel Evi’s eine Hand gefaßt und ließ sie, während er selbst auf seinem Platze sich stampfend und springend drehte, um sich herum kreisen; mit der andern Hand schwang er juchzend den Hut, und wenn Evi auch mit niedergeschlagenen Augen, wie es die Sitte will, dahin tanzte, zeigte doch die höhere Röthe ihrer Wangen, daß es ihr nicht entging, wie bedeutungsvoll er dabei den Strauß an seinem Hute zu wenden und zu zeigen wußte.

Als der Tanz geendet und Kordel’s und Reinthaler’s Lob erschöpft war, nahm Alles wieder auf dein Heerde und um ihn Platz; eine freiere, versöhnlichere Stimmung war eingetreten und gab sich bald dadurch kund, daß die Lust zum Gesange sich regte. Allerlei Lieder ertönten, kurz und lang, munter und traurig, einstimmig und vielstimmig. Alle waren hochvergnügt, besonders Kordel, über deren bleiche Wangen die Freude einen rosigen Schimmer hauchte. „Das ist einmal ein richtiger Abschied von der Alm!“ rief sie, „aber wir müssen doch ein End’ machen, morgen ist auch ein Tag, und da heißt’s früh auf sein. Die Evi nehm’ ich mit in mein’ Kaser, damit ich auch eine Cameradschaft hab’ – die Manderleut’ werden schon zurechtkommen mit einander. Zuvor aber singen wir noch Eins zur guten Letzt!“

Ein langes Lied ward gesungen, die Geschichte eines Liebespaares erzählend, das trotz alles Mißgeschicks mit unerschütterlicher Treue an einander hing, ohne das Ziel der Vereinigung zu erreichen. Es schloß mit einer allgemeinen Betrachtung.

„Und Aepfelblüh’ und Weichselblüh’
Wachst niemals auf Ein’ Stamm:
Was für einand’ nit b’schaffen is,
Das kommt auch niemals z’samm’!“

Man trennte sich dann. Unter Lachen wurde der Jäger Gaberl über die Leiter hinauf im Heuboden oberhalb des Stalles untergebracht und der Maler feierlich in das gewöhnliche Lager der Sennerin eingewiesen. Es war der Kreister, eine Bettstelle, hoch mit Heu gefüllt, das mit einem weißen Tuche bedeckt und mittels desselben niedergebunden war. „Ich bleib’ gleich da auf der Heerdbank liegen,“ sagte Mentel und lehnte sich an die Thür, als die „gute Nacht“ rufenden Mädchen in’s Freie hinausgetreten waren. Man hörte sie noch von ferne juchzen und jodeln; der Bursche horchte, und als sie verstummten, sang er ihnen erwidernd nach:

„Und Aepfelblüh’ und Weichselblüh’
Wachst niemals auf Ein’ Stamm:
Aber Almenrausch und Edelweiß,
Die g’hören dennerst (dennoch) z’samm’!“




2. Tochter und Mutter.

Der Abend des nächsten Tages ging noch schöner zu Ende. Wohl lag drüben auf der Schattenseite der Ramsau – von den Bewohnern die Schadseite genannt – schon tiefe, an Dunkelheit grenzende Dämmerung; aber gegenüber dehnte sich noch das breite Lattengebirge hell besonnt vom todten Mann an bis zum Schwarzeck, wo die meisten Häuser zusammengedrängt liegen; hinüber bis zur Mordau und gegen den einsamen Taubensee hinan. Saftvoll glänzten die grünen Hänge, durchschnitten von braunrothen Ackerstreifen, unterbrochen und geschmückt mit breiten Säumen und Flecken von Ahorn und Buchen mit ihren herbstlich gelben und gerötheten Wipfeln, eingerahmt von schwarzen Tannenrändern, über denen der klare Himmel mit seinen auftauchenden Sternen ruhte. Die Luft war rein und klar und trug mit voller Schärfe jeden Laut die Höhen hinan, bald den vereinzelten Ton einer verspäteten Heerdenglocke, bald das feierliche Abendläuten vom Ramsauer Kirchthurme. Sichtbar war es hohe Zeit, daß man von den Almen abgetrieben und das Vieh sicher untergebracht hatte, denn diese klare, kühle Helle verkündete, daß der Winter bald und rasch seinen Einzug halten werde.

Auch auf dem breiten, tief eingeschnittenen Ledergraben ruhte noch der Sonnenschein und durchbrach das Blattgewölbe der Buchen, die zu beiden Seiten hoch und schlank wie Säulen emporstiegen. Darunter, nur stellenweise erhellt, rauschte im Dunkel der klare Bergbach nieder, bald in weißen Schaum gelöst über eine Höhe stürzend oder sich an glatt gespülten Felsblöcken brechend, bald, aufgehalten durch sie, sich zu kleinen Tümpeln ansammelnd, in denen die Forelle haust, bald wieder wie nach kurzem Besinnen sich zu neuem Sprung und Sturz aufraffend. Etwa auf dem vierten Theil der Berghöhe erweitert und öffnet sich der am Gestade aufkommende steinige Pfad zu einer kleinen waldumfangenen Rasenblöße, in deren Mitte die Mühle stand. Sie war hart an den Graben angebaut; fast in gleicher Höhe mit dem niedrigen Dache stieg der hölzerne Mühlschuß empor, der einen Theil des Bergbachs auf die Schaufeln des schadhaften Triebrads fallen ließ, um ihn dann wieder in das allgemeine Rinnsal zu leiten. Das unansehnliche Gebäude sah braun, verwittert und herabgekommen aus; es war fast ganz aus Holz gebaut, und nur ein Theil des Erdgeschosses bestand aus roh übertünchtem Mauerwerk. Die kleinen Fenster schimmerten in der Abendsonne; die Büsche und Wipfel leuchteten, das Wasser am Mühlschuß flimmerte und rauschte, Friede und Anmuth schienen rings ihren Wohnsitz aufgeschlagen zu haben, und dennoch machte das kleine Gehöfte in der lieblichen Umgebung keinen freundlichen Eindruck: er wurde verscheucht durch die überall unverkennbaren Spuren hoffnungslos verkommender Armuth.

Auf der Bank vor dem Hause saß ein Weib und war beschäftigt, Werg an den Rocken zu legen. Es war eine schlanke, fast magere Gestalt in unscheinbarem bäuerischem Kittel, verschossenem Mieder und unsauberen Hemdärmeln. Schwarze, stark mit Grau gesprengte Haare hingen ungepflegt und unordentlich um den [179] Kopf und das hagere Gesicht mit faltigen hängenden Wangen, deren unnatürliche Röthe unwillkürlich den Verdacht erweckte, als ob sie ihren Ursprung zerstoßenen Ziegelsteinen oder dem Safte rother Rüben danken. Von Zeit zu Zeit schossen unter den starken Augenbrauenbüscheln scharfe graue Augen nach allen Seiten herum, wie wenn sie Jemand suchten oder erwarteten.

Nebenan am Rande des Rinnsals regte es sich im Grase und rauschte durchs Gebüsch; eine sonderbare Erscheinung kroch unter den Zweigen am Baden hin, dem Gange nach ein Thier, denn es bewegte sich auf allen Vieren, nach Gestalt und Antlitz ein Mensch, wenn auch in traurigster Verkümmerung. Wie ein Hund auf der Lauer lag es jetzt im Gebüsch und ließ den Eingang der Mühle nicht aus den Augen; nur manchmal schielte es ängstlich gegen das Weib hin, gleich als fürchtete es, von diesem bemerkt zu werden. Nach einiger Zeit erhob sich das Weib und ging auf der Gräd vor bis an die Ecke des Hauses, von welcher man weiter in den Ledergraben und auf den Weg hinabsehen konnte. Diesen Augenblick benutzte der Kriechende und kam rasch aus dem Gebüsche auf den Rasen hervor. Es war die Gestalt eines Mannes, dem ein schweres Rückenleiden unmöglich machte, aufrecht zu gehen, und der es gewohnt geworden, Hände und Füße zu gebrauchen, um fortzukommen. Er war dürftig, nur mit grobem Hemd und Zwillichhosen bekleidet, die von Schmutze starrten und wovon die Fetzen niederhingen. Der Kopf war ganz mit weißem wirrem Haar und struppigem Bart derselben Farbe umgeben; in dem breiten fleckigen Angesicht und den starren blatten Augen lag der Ausdruck des Stumpfsinns. Rasch lief der Blöde über den Rasen und hatte beinahe die Gräd erreicht, als das Weib zurückkam und mit drohend erhobener Hand abwehrend ihm entgegen sprang. „Was willst Du da?“ schrie sie ihm zu. „Marschir’ weg; Du hast im Haus nichts zu thun!“

Der Mann vermochte nicht zu sprechen; er brachte nur dumpfes, undeutliches Gebrumm hervor, von welchem nur einzelne Laute den Tönen menschlicher Sprache ähnelten und als verstümmelte Worte verständlich wurden. „Kalt …“ stieß er hervor, „… Ofen …“

„Nichts da! Kann nit aufgeführt werden!“ schrie sie ihm entgegen. „Heut’ kommen Leut’, vor denen Du Dich nit seh’n lassen darfst! Ich müßt mich ja schämen!“

Der Vierfüßige hatte sich wie ein Hund halb aufrecht auf zwei Beine und eine Hand gesetzt; er verzog schmerzlich das verwilderte Gesicht und führ mit der freien Hand über die Augen, als ob er weinen wolle; es kam aber keine Thräne, und er brummte nur noch dumpfer und unverständlicher etwas, was sich anhörte, wie „Herr“ und „Haus“.

„Was? Du willst noch Herr im Haus sei?“ schrie ihn das Weib an. „Auf der Stell’ packst Dich fort, oder ich zeig’ Dir, wo Du hingehörst und wer Du bist!“ Damit hatte sie einen Prügel vom Wege aufgerafft und schwang ihn drohend über dem Elenden.

Dieser schoß ihr einen wildfunkelnden Zornblick zu, aber er entfloh eilig und kroch der Nebenthüre zu, die in den Stall führte. Dort verbarg er sich neben der einzigen Kuh in das Stroh; das Thier schien ihn zu kennen und gewohnt zu sein; es regte sich nicht, als er sich hinzu schmiegte, und leckte ihm wie mitleidig die braunen rindenharten Hände.

Die Müllerin war inzwischen in die Stube gekommen und hatte Feuer angemacht, in dem großen Ofen, der, aus dunklen, runden Thonstücken zusammengesetzt, ein Viertel des Raumes einnahm. Durch die Ritzen des locker gebrannten Lehms fiel der Schein der Flammen auf den dunklen Breterboden und ließ die Umrisse der Stube erkennen, deren schwarzbraune niedrige Balkendecke tief in die weißen Wände hereinreichte. Man unterschied die kleinen runden bleigefaßten Scheiben der Fenster und die um den Ofen und längs der Wand hinlaufende Sitzbank. Die Frau hatte einen Spahn angezündet und machte sich damit an einem Schränkchen zu schaffen, das in die Wand eingelassen war und dessen zierlich geschnitztes Thürchen von bessern Tagen, die das Haus gesehen, zu erzählen schien. Nachdem sie ein schmutziges Oellämpchen angesteckt und in die dreieckge Mauernische daneben gestellt hatte, begann sie den Inhalt des Kästchens zu mustern. Er bestand aus einem Weidenkörbchen mit allerlei Nähgeräth, aus einigen Büchern mit braunen abgegriffenen Blättern, aus ein paar alten Kalendern, einigen halbblinden Flaschen und Gläsern und einem Bündel Lumpen und Flickzeug. Die Müllerin beachtete all dies nicht, sondern zog unter den Fetzen eine schmutzige Schweinsblase hervor, deren Inhalt sie mit unverkennbarem Wohlgefallen musterte. Es waren einige Thaler, ein in ein Papierchen eingewickeltes Goldstück und Gegenstände weiblichen Schmucks, eine zerbrochene Busennadel, ein einzelner Ohrring in Tropfenform. Das Aufleuchten in den Augen des Weibes verrieth, daß die Habsucht in ihr mahnte und daß trotz Alter und Häßlichkeit die Putzsucht und Eitelkeit noch nicht von ihr gewichen war. Sie zog das Halstuch zurecht, und strich vor dem Spiegelscherben, der an der innern Wand des Schrankthürchens angebracht war, das verworrene Haar zurecht; dann hielt sie den Tropfen an das Ohr und besah sich von allen Seiten. „Es sollt’ mir schon ansteh’n,“ murmelte sie vor sich hin, „es kommt nur darauf an, daß man’s hat – dann glauben’s die Leute auch … und ich will’s und muß es haben … ich mag nicht länger so …“

„Heda! Pst! Müllerin!“ rief es durch’s Fenster, und eine kräftige Hand pochte an die schwirrenden Scheiben. „Ist’s leer im Kasten? Ein Mahlgast will zufahren!“

„Wer bei der Nacht zugefahren kommt, der kann zum Teufel geh’n!“ rief das Weib, indem sie hastig ihre Schätze zusammenraffte und verbarg und das Schrankthürchen unwillig zuwarf.

Es erfolgte keine Antwort von draußen, aber im nächsten Augenblick ging die Stubenthüre auf, und ein Bauernbursche in schwarzer Manchester-Jacke, auf dem Kopfe den breiten Hut mit goldenen Schnüren und Troddeln, trat ein. „Du bist es, Quasi?“ rief die Müllerin brummend. „Wo kommst Du her um die Zeit?“

„Komm’ ich Dir etwan nit gelegen, Müllerin?“ fragte der Bursche, indem er sich ohne Anfrage oder Entschuldigung an den Tisch setzte. „Du darfst es nur sagen – so geh’ ich wieder; ich find’ überall Platz für meine Thaler!“ Damit hatte er einen Blasenbeutel hervorgezogen und schlug ihn auf den Tisch, daß die Münzen darin klangen.

Die Müllerin horchte hoch auf und kam schnell besänftigt herbei. „Mußt es nit übel nehmen, Quasi,“ sagte sie zutraulich keck, „weißt ja, daß Einem oft ’was über’s Leberl laufen kann! Bist mir doch Einer von den Liebsten, die zukehren. … Du hast ja heute ganz gewaltige Span’ (Spähne),“ fuhr sie fort, indem ihre Augen begierig an der vollen Börse hafteten. „Das scheppert ja, wie wenn’s lauter Kronthaler wären. … Laß doch seh’n. …“

Sie griff nach dem Beutel, aber der Bursche zog ihn an sich. „Hat keine Eil’,“ sagte er lachend. „Kannst leicht selber mehr solches G’lump haben, wenn Du gescheidt bist – jetzt bring mir ein Quartl Pomeranzen … ich brauch’ was zum Aufwärmen für die Nacht!“

Die Müllerin eilte an das Wandkästchen und drückte inwendig an eine Feder; ein verborgenes Fach öffnete sich darin, aus welchem sie das Verlangte hervorholte, und das durch seine Heimlichkeit verrieth, daß in der Ledermühle eine Winkelschenke gehalten wurde. Sie stellte Quasi das gefüllte Glas hin und rief, indem sie ihm auf die Schulter klopfte: „Gesegn’ es Gott, Quasi ich will nur geschwind hinaus, und will die Läden zumachen und die Hausthür’, damit uns die Grünen nit unversehens auf den Hals kommen.“

Sie ging; der Bursche that einen tüchtigen Zug aus dem Glase und sah dann nachdenkich vor sich hin, während er einige verschüttete Dropfen auf der Tischplatte wie unbewußt mit den Fingern in unregelmäßige bedeutungslose Striche und Formen auseinander zog. Er war noch jung und sein Gesicht von schönem, kräftigem Schnitt, aber über Jugend und Schönheit war ein Sturm dahingegangen und hatte seine Spuren zurückgelassen, wie der Hagelschlag an einem jungen fruchtknospenden Baume: das Stämmchen hat zwar die Zerstörung überdauert, aber es kränkelt seitdem, und Rinde, Blatt und Frucht tragen die Zeichen der Verheerung. Es war etwas Wüstes und Unstetes in den dunklen Augen, und ein häufiges Zucken der Mundwinkel gab dem ganzen Gesichte einen unheimlichen, fast widrigen Ausdruck.

„Bist nit gut aufgelegt?“ fragte die Müllerin, als sie zurückkam und sich ihm gegenüber setzte. „Was studirst denn aus?“

„Wie wir auseinander kommen, Müllerin,“ sagte der Bursch. „Es thut nicht mehr gut mit uns Zwei’ …“

„Warum nit gar!“ rief sie mit gezwungenem Lachen. „Trink, Quasi, trink, damit Dir andere Gedanken kommen! Als wenn Du nit wüßtest, was heut’ für ein Tag ist! Als wenn Du nit gerade deswegen heut’ gekommen wärst!“

„Ich weiß wohl, aber es nutzt doch nichts. Ich bin erst neulich [180] bei ihr auf der Alm gewesen – die Kordl ist ganz umgewend’t, es ist nichts zu machen mit ihr!“

„Sie ist eine verrückte Person!“ eiferte die Müllerin. „Mußt ihr den Kopf zurecht setzen und sie nit so leicht aufgeben! Und bin ich nit auch da? Hab’ ich nit auch noch ein Wörtl d’rein zu reden? Und ich mein’, ich hätt’ Dir schon in früheren Zeiten gezeigt, ob ich was auf Dich halt’ und ob ich was ausrichten kann bei dem Mädel! Aber Du mußt halt Geduld haben – es will seine Zeit!“

„Ich hab’ aber keine Zeit zum Verlieren und keine Geduld zum Warten!“ entgegnete Quasi ärgerlich. „Das Bertelsgadener Landgericht ist hinter mir her! Der gestreng’ Herr sagt, ich wär’ ein Lump, ein Schwärzer, ein Wilddieb; ich müßt’ mich ausweisen, von was ich leb’; ich sollt’ in die Arbeit gehen oder in einen ordentlichen Dienst, sonst will er mich aufzuheben geben in Kaisersheim …“ Mit einem Fluch unterbrach er sich selbst und schlug die geballte Faust auf den Tisch. „Wenn der Kriegelhof noch mein wär’, ließ er sich’s wohl nit einfallen, so zu reden mit mir!“

„Ja, der ist hin!“ lachte die Müllerin spöttisch. „Der ist hinuntergeschwommen!“

„Und warum ist er hin?“ rief Quasi noch wilder. „Weil sie mir ihn abgelogen haben und abbetrogen, das Landgericht und der Vorsteher und die ganze Bande miteinander! Ich hätt’ noch lang forthausen und mir wieder aufhelfen können; aber das haben sie nit gewollt, weil ich kein Duckmäuser bin und ihnen niemals einen gehorsamen Diener ab’geben hab’! D’rum haben sie mich hinausgejagt und mir den Hof verkauft. Niemand ist schuld daran, als die miteinander! Niemand als die – und die Kordl mit ihrer ewigen Ziererei und Spreizerei. … Aber das muß anders werden! Heut’ noch muß ein End’ hergeh’n! Wo ist die Kordl?“

„Ich weiß nit; hab’ sie nicht wiedergeseh’n, seit sie gen Alm’ ist …“

„Sie haben heut’ abgetrieben, ich hab’s erfragt. Sie muß schon lang fertig sein bei ihrem Dienstbauern und muß jeden Augenblick kommen.“

„Wann sie nur überhaupt kommt!“ entgegnete die Müllerin zweifelnd. „Sie ist nit gern daheim bei uns!“

„Wo soll sie sonst hin? Der Dienst ist aus; sie kommt jedenfalls und will in der Mühl übernachten … d’rum muß es heut noch richtig werden mit mir und ihr!“

„Wie denn?“ fragte sie mit listig frechen Blicken. „Du bist wohl ein schneidiger Bursch, aber die Kordl ist widerspenstig und scheu, wie eine wilde Katz …“

„Dafür laß mich sorgen! – Schlaft sie droben in der Kammer, wie sonst? – Merkst was?“ fuhr er fort. „Ich will schon sorgen dafür und will’s erzählen, daß ich zu ihr Gassel ’gangen bin und daß sie mich wieder angenommen hat; wenn sie sieht, daß sie doch nimmer loskommen kann von mir, dann wird sie sich wohl d’rein finden und klein beigeben …“

„Aber wenn’s so ist – was nutzt es Dir nachher?“

„Was? Daß ich dem Gered’ und Gefrag’ am Landgericht ein End’ machen kann! Bin ich mit dem Madl in Ordnung, so übergiebst Du ihr die Mühl’, und wir heirathen – ich kann nachher doch thun und treiben was ich mag, und die Schergen müssen mich in Ruh’ lassen!“

„Uebergeben! Als wenn das so leicht ging’! Bin ich denn allein Herr? Gehört das Sachel nit auch dem Müller? Was kannst mit ihm anfangen, seit ihn der Schlag getroffen hat? Ich hab’ schon ferten (im vorigen Jahr) angefragt beim Landgericht, wie das wär’, da hat’s geheißen, man müßt’ einen Curater aufstellen für ihn – etwa den Vorsteher droben am Bühel!“

„Möcht’ der auch wieder die Hand im G’spiel haben? Das wär’ gerade der Rechte! Nein, Müllerin, mit einem Curater ist es nichts!“

„Und anders geht’s nit.“

„Anders geht’s nit? – Ein so gescheidt’s Leut, wie Du, Müllerin, und redest so daher? Laß Dich nit auslachen! Es geht wohl anders auch!“

Die Blicke Beider begegneten sich mit dem Aufblitz eines unheimlichen Verständnisses.

„Ist der Müller nit ein elender Mensch?“ fuhr Quasi leiser fort. „Ist er nit ein Krüppel, dem kein Mensch mehr helfen kann? … Ich mein’, es wär’ ein Glück für Dich und eine Wohlthat für ihn, wenn er von seinen Leiden erlöst wär’! – Ein lebendiger Simpel muß wohl einen Curater haben – ein G’storbener braucht Keinen mehr!“

„Nein, Quasi … nein,“ sagte das Weib, indem sie sich abwandte und ihr etwas wie ein Schauder den Rücken überlief. „Das ist nichts – davon will ich nichts wissen … ich will doch lieber mit dem Vorsteher reden. …“

„Das kannst thun – der Leut’ wegen,“ entgegnete der Bursch, „vom Andern brauchst nichts zu wissen, das ist meine Sach’ …“

„Ich hör’ was draußen auf der Gräd,“ unterbrach ihn die Müllerin leise, „es kommt Jemand …“

„Das wird die Kordl sein,“ flüsterte er entgegen, „ich will fort; laß mich hinten hinaus, daß sie mich nit sieht und etwan aufmerksam wird! Richte auch den Beutelkasten und die Truhen her in der Mühl’, damit Alles leer ist, wann wir kommen. Es giebt heut Nacht eine große Schwärzerei … die Tyroler bringen eine Menge Seidenzeug herüber und goldene Uhren. … Bei Dir soll’s versteckt werden – ein ganzer Hut voll Kronthaler ist unser, wann’s gut geht. … B’hüt Gott,“ sagte er, sein Glas ausstürzend, „und wann etwa der Brigadeer nach mir fragt – nachher wirst schon wissen, was Du ihm zu sagen hast!“

Wenige Secunden später pochte es an der Hausthüre, die Müllerin öffnete, und Kordel trat ein, das Kopftuch auf und den Hut darüber, die gestrickte braune Jacke über das Mieder gezogen, ein Bündel mit Kleidern in der Hand. „Grüß’ Gott, Mutter,“ sagte sie, „das ist ja ungewohnt, daß bei uns die Hausthür’ schon so früh geschlossen ist!“

„Grüß’ Gott,“ erwiderte die Mutter, „das kommt Dir nur so vor, weil Du spät d’ran bist mit dem Kommen. Man muß sich wohl vorseh’n da heroben in der Einöd’, es giebt gar zu viel Schelmenleut’“

„Ich bin nit eher fertig geworden,“ sagte Kordel, in’s Zimmer eintretend, „hab’ erst das Vieh besorgen müssen – sie haben mich gar so hart fortgelassen beim Bauer. … Aber wo ist denn der Vater?“

„Nun, es ist schon recht, weil Du nur da bist – es geht manchmal gar nit mehr recht fort mit mir; es giebt so viel zu thun, und ich kann Dich nothwendig brauchen, Du mußt jetzt schon dableiben, Kordl.“

„Nit gern, Mutter,“ sagte das Mädchen zögernd, indem sie sich auf die Bank setzte und vor sich niedersah. „Du weißt von früher her, daß es nit recht gut thut, und weißt auch warum. … Ich möchte am liebsten bei meinem Bauern bleiben, dem wär’s auch ganz recht. …“

„Nichts da!“ rief heftig und herrisch die Frau. „Du gehörst zu uns – Vater und Mutter haben das erste Recht auf Dich! Sollen wir uns schinden und frellen, und unser Kind die Füß’ alleweil unter fremder Leute Tisch haben?“

„Aber wo ist denn der Vater?“ fragte Kordel ausweichend, indem sie im Zimmer umher sah.

[193] Die Müllerin beachtete die Frage Kordel’s nach dem Vater nicht, sondern fuhr eifrig fort: „Wir wollen uns auch einmal zur Ruh’ geben, wollen’s auch einmal gut haben – d’rum sollst Du die Mühl’ übernehmen, sollst sie wieder herrichten auf den Glanz, sollst uns unsern Austrag geben und heirathen. …“

Kordel schüttelte schwermüthig den Kopf. „Das geht nit, Mutter,“ sagte sie, „das mußt Dir schon aus dem Sinn schlagen. Ich bin das Leut’ nicht, das so was unternehmen könnt’, da gehört eine revierische Person dazu – und wenn ich auch wollt’, … es wird Keiner die Ledermühl’ haben wollen … und mich noch weniger. …“

Die letzten Worte hatte sie nur gehaucht; sie gingen in dem rohen Gelächter verloren, das die Müllerin aufschlug. „Wie Du daher redst!“ rief sie. „Wofür wär’ denn der Quasi da?“

„Der Quasi ist für mich nimmer auf der Welt – er ist gestorben und begraben, wie mein armes Würmel, mein Roserl. … Das wär’ gerade der Rechte, um die Mühl’ wieder herzurichten! Nein, Mutter, mit all’ dem ist es nichts – und d’rum ist es auch wohl das Gescheidtere, wenn ich wieder geh’. …“

„Und Du mußt bleiben, sag’ ich!“ rief die Frau zornig, indem sie hart vor Kordel hintrat und ihr drohend die Fäuste vor’s Gesicht hielt. „Ich will’s einmal haben – ich will doch seh’n, ob nicht geschieht, was ich haben will! Ich bin die Mutter, und Du bist mir noch lang nit zu groß, als daß ich Dir nicht zeigen sollt’, daß Du mir folgen mußt!“

„Schlag’ mich, Mutter,“ sagte Kordel sanft, indem sie sich erhob und ihre Hand ruhig auf die geballten Fäuste der Zürnenden legte. „Ich will’s aushalten ohne Widerred’, denn ich weiß, daß ich Dir Gehorsam schuldig bin … aber das mußt nit verlangen, Mutter, denn ich kann wahrhaftig nit bleiben; ich kann den Quasi nit heiraten – und ich will auch nicht! … Mutter,“ fuhr sie ernsthaft und beinahe feierlich fort, indem sie ihr mit den großen schwarzen Augen fest und durchdringend in’s Angesicht sah – „denk’ daran, wie’s vor vier Jahren gewesen ist! Ich bin ein unschuldig’s Ding gewesen, noch ein halbes Kind … was hab’ ich davon verstanden, wie der Quasi ’kommen ist und hat sich an mich angemacht? Mir hat’s gefallen, wenn er mir schön gethan und vorgered’t hat, wie er mich zur Bäuerin machen wollt’ auf dem Kriegelhof. … Du hättest es besser versteh’n, hättest mir abreden sollen … aber statt mich zu warnen, hast Du mich noch angereizt; wo Du hättest abwehren sollen, da hast Du geholfen, Mutter … Du hast …“ Sie biß sich auf die Lippen, um nicht mehr zu sagen. „Denk’ d’ran, Mutter,“ fuhr sie dann fort, „und sag’, ob Du von mir einen Gehorsam verlangen kannst. – Ich will Dir folgen in Allem, was richtig ist, aber in der Sach’ geh’ ich meinen eigenen Weg. … Die Nacht schlaf’ ich in der Mühl’ … aber bleiben, Mutter, bleiben thu’ ich nit!“

Die Müllerin stand betroffen und schweigend, Kordel aber fuhr fort: „Aber wo ist denn der Vater? Warum seh’ ich ihn nicht? Wie geht’s ihm denn? … Ich muß mich schon umschauen nach ihm!“

Hastig verließ sie die Stube und eilte rufend den kleinen Hausgang entlang: „Vater … Vater! Wo bist’ denn? Komm doch! Ich bin’s! Die Kordel ist da!“ Eine dumpfe Stimme antwortete; sie ging dem Schalle nach, riß die Stallthüre auf und stürzte mit einem Aufschrei des Entsetzens und Jammers auf den unglücklichen Blöden nieder, der ihr entgegen gekrochen kam. „Vater, Vater …“ schrie sie unter stürzenden Thränen, indem sie ihn sorgsam emporrichtete, „wo muß ich Dich finden? Bist Du’s denn wirklich? … O Du armes, armes Vaterl …“ Sie vermochte nichts mehr hervorzubringen, aber ihre Thränen überströmten das Silberhaar des Greises, in das sie ihr brennendes Antlitz drückte. Die dumpfen Laute des Müllers antworteten; es war nichts davon verständlich, als der Name des Mädchens, aber die Thränen, die ihm kurz vorher versagt gewesen waren, kugelten in dicken Tropfen über das verwitterte Gesicht, und die plumpen, narbenreichen Hände tasteten liebkosend und streichelnd an Haar und Antlitz des geliebten Kindes herum.

Sie konnte nur weinen und geleitete den halb und mühsam Aufgerichteten, der ohne Unterstützung nicht zu gehen vermochte, in die Stube auf den bequemsten Platz am wärmenden Ofen. Die Müllerin schoß wütende Blicke nach Beiden, aber sie wagte kein Wort des Widerspruchs; ein einziger Blick Kordel’s, als sie mit dem Vater an ihr vorüberschritt, hatte genügt, sie einzuschüchtern – aller Vorwurf, alle Klage, aller Schmerz war darin zusammengedrängt. Sie schob dem Müller ein Kissen zurecht, während er mit blödem Wohlbehagen die erstarrten Hände an den Ofen hielt und nach wenigen Augenblicken einschlummerte.

Als er schlief, stand Kordel auf und trat vor die Mutter hin.

„Du hast Recht gehabt,“ sagte sie finster, „daß ich daheim am nothwendigsten bin … ich bleib’ da!“

Dann kehrte sie zum Vater zurück, kniete vor dem Schlummernden nieder und ließ die Augen auf der zerstörten Jammergestalt des Geliebten ruhen, während ihre Lippen sich im stillen Gebete bewegten.

[194] Starke Schläge an der Hausthüre unterbrachen das Schweigen der einsamen Stube; die Müllerin öffnete und kam mit dem Brigadier der Gensd’armerie-Station zurück, der in voller Bewaffnung mit Ober- und Untergewehr, sich in der niedrigen Thüre bückend, eintrat. „Ist der Quasi nicht hier gewesen?“ rief er mit barscher Stimme. „Ist er etwa noch hier versteckt? Was für Gesindel habt Ihr sonst im Hause? Macht mir keine Flausen vor,“ fuhr er fort, als die Müllerin antworten wollte, „ich glaub’ Euch doch nichts! Ich werd’ selber nachsehen und Haussuchung halten!“

„Thu’ das der Herr,“ sagte Kordel vortretend „Ich weiß nit, ob der Quasi da war, und will nit hoffen, daß er noch da ist – aber von der Stund’ an bleib’ ich in der Ledermühl’ und steh’ dem Herrn gut, daß er nit wieder hereinkommt!“

Der Brigadier hatte Kordel sogleich respectvoll und soldatisch begrüßt. „Die Jungfer ist hier?“ rief er jetzt. „Sehr charmirt! Schon zurück von der Alm? Hab’ der Jungfer oft nachgefragt … sollte nicht mehr auf die Alm’ gehen, ist keine Beschäftigung für Sie! Wenn Sie Augen haben wollte, es gäbe Männer, die sehr charmirt wären – angesehene Männer …“

„Ich versteh’ den Herrn nicht…“

„Wird schon kommen! Sehr charmirt, daß die Jungfer im Hause bleibt – werde einsprechen! Sie wird nichts Unrechtes dulden im Hause, keine Schwärzer, keine Schnapssäufer…“

„Sicher nicht!“

„Weiß das vorher! Und wäre im Augenblick doch charmirt, wenn die Mühle eine Winkelkneipe wäre … ein Gläschen käme mir nicht ungelegen.“

„Damit kann ich doch aufwarten,“ sagte Kordel und holte ein Fläschchen aus ihrem Bündel hervor, „ich hab’ das dem Vater mitgebracht – es soll gut sein für den Magen und soll die Glieder schmeidig machen. …“ Sie schenkte dem Brigadier ein Glas ein, das er ausstürzte und sich schüttelte. „Ein bischen stark,“ sagte er, „aber eine wahre Herzstärkung! Sehr charmirt! Kann’s brauchen, wir haben einen harten Strauß vor. … Gute Nacht, Jungfer – sehr charmirt!“

Er ging. Bald waren seine Tritte den dunklen Bergweg hinunter verhallt, und nichts regte sich im Umkreise der einsamen Mühle. Nur in dem Gebüsche des Grabens, wo den Tag über der Blöde seine vierfüßigen Spaziergänge gemacht hatte, lauschte wieder eine dunkle Gestalt und starrte unbeweglich zu einem kleinen Fensterchen im obern Stockwerk der Mühle empor, in dessen halberblindeten Scheiben nach kurzer Zeit ein trüber Lichtschimmer aufgegangen war. Der Lauschende war Quasi. Lange und regungslos wartete er und zählte Viertelstunde für Viertelstunde die Schläge der Thurmuhr, welche von der nahen Ramsauer Dorfkrche herauf klangen. „Schon zehn Uhr,“ murrte er endlich, „und um elf Uhr muß ich auf meinem Posten sein! Aber ich geh’ nit von der Stell’, bis ich weiß, wie ich d’ran bin! Ich kann ja dann geschwinder laufen und das Versäumte wieder herein bringen!“

Das Licht war in der Schlafstube Kordel’s, die träumerisch vor sich hinstarrend auf dem armseligen Lager saß. Die Vergangenheit zog an ihr vorüber, eine Reihe trüber Erinnerungen, in welchen dunkle Ranken die wenigen lichten Stellen überwucherten, die etwa aus Tagen aufblickten, da sie als Kind mit den Kieseln des Mühlgrabens gespielt und mit den gefiederten Bewohnern seiner Büsche um die Wette gezwitschert hatte. Dann wandte sie den Blick in anderer Richtung der Zukunft zu, um einem Gewühle von noch dunkleren und unheimlicheren Gebilden zu begegnen. Sie sah eine trostlose, nicht endende Ebene vor sich, ohne jede lockende Erhöhung, ohne erquickende Quellen, ohne stärkenden Schatten – eine Wüste, der Frucht wie der Blüthe beraubt. Sie hatte sich die Verhältnisse im elterlichen Hause schlimm vorgestellt und erwartet, aber noch schlimmer gefunden; der Zustand des unglücklichen Vaters war noch trostloser, noch verwahrloster, der häusliche Verfall noch größer und sichtbarer, als sie Beides bei ihrem Scheiden hinterlassen hatte. Sie durfte, sie konnte nicht mehr fort, das stand klar vor ihrer Seele; dennoch entdeckte sie keine Hoffnung, daß sie durch ihr Opfer etwas bessern und dem Einen oder Andern abhelfen könne. Sie vermochte nichts Gedeihliches zu erwarten von dem Zusammenleben mit ihrer Mutter, deren leichtsinniges Wesen der Zartheit des ihrigen so durchaus widersprach.

Um sich zu beruhigen und auf andere Gedanken zu bringen, ging sie daran, ihre Kleider und Habseligkeiten in den blau angestrichenen und buntgeblümten Schrank einzuschichten, der in der Kammer stand. Sie fand ein Gebetbuch, legte es auf das Bett und kniete davor, indeß hie und da eine Thräne auf die großen Druckbuchstaben und das vermürbte Papier fiel; zuletzt, überwältigt von Müdigkeit, löschte sie das Licht und legte sich, wie sie war, angekleidet auf das Lager.

Kaum war sie eingeschlafen, als sich in der Mühle Geräusch hören ließ; die Holzklinke an der hintern Thüre des Mühlenwerks wurde behutsam und geräuschlos ausgehoben, und Quasi schlüpfte herein. Es war daselbst vollständig finster, aber wohlvertraut mit der Oertlichkeit tastete der Bursch sich an dem einzigen Mahlgange vorüber bis zu den hölzernen Stufen, welche steil und geländerlos auf den Umgang zum Aufschütten des Getreides und von dort in die obern Kammern des Wohnhauses führten. Er stand bald vor Kordel’s Thüre, horchte daran mit angehaltenem Athem, und als nichts in dem Stubchen sich regte, versuchte er, selbe zu öffnen; sie wich seinem Druck, in seiner kummervollen Betrübniß hatte das Mädchen nicht daran gedacht, sie zu verschließen. Mit geräuschlosen Katzentritten schlich er dem Lager zu, das bei dem graulichen Scheine des Fensters trotz der Dunkelheit wohl zu erkennen war. Schon war er nahe an der Bettstelle und konnte schon die Umrisse von Kordel’s Gestalt unterscheiden; schon streckte er die Arme aus, sie zu umfassen, als die Schlafende, von dem Vorgefühl einer unheimlichen Annäherung geweckt, auffuhr und mit einem Schrei dem Fenster zusprang.

„Sei still … mach’ keinen Lärm’,“ rief Quasi halblaut, „ich bin’s!“

„Wer?“ entgegnete sie entsetzt. „Hinaus – ich kenn’ Dich nicht! Wer’s auch ist, hinaus aus der Kammer … hinaus!“

„Bin ich Dir so ganz fremd ’worden, Kordel? Ich bin’s – der Quasi!“

„Hinaus mit Dir, frecher Mensch … was willst bei mir?“

„Eine g’spaßige Frag’! Was will der Bue, der zu seinem Schatz fensterln geht? Plauschen will ich mit Dir und spenzeln und fragen, wann wir die Stuhlfest machen!“

Er versuchte sich ihr zu nähern, aber sie stieß ihn mit entrüstetem Abscheu von sich. „Komm’ mir nit zu nah’,“ rief sie, „mach’ Du die Stuhlfest, mit wem Du willst – ich hab’ Dir’s schon gesagt, daß ich nichts mehr wissen will von Dir!“

„Das ist nichts als Spreizerei!“ entgegnete er zudringlich. „Warum willst wohl nichts mehr wissen von mir? Du hast doch schon einmal Dein Klamperl (Makel) von mir und mußt aushalten bei mir – also gieb Dich lieber gutwillig drein!“

„Das sagst mir selber in’s Gesicht und schamst Dich nit?“ sagte Kordel mit wiederkehrender Besonnenheit, aber bebend vor Entrüstung und Unmuth. „Und doch wird’s nit so sein, wie Du meinst! Daß ich Dir einmal angehört hab’, das bring’ ich freilich nit wieder los … aber die Leut’ sollen seh’n, daß ich wenigstens nit d’rin stecken bleiben will in der Schand’!“

„In der Schand’?“ rief Quasi mit wutherstickter Stimme. „Also eine Schand’ wär’s, wenn Du mein Weib werden thätst? Das will ich Dir merken, Kordel! Das sollst mir nit umsonst gesagt haben. … Und jetzt sollst Du erst ganz gewiß mir angehören! Jetzt mußt aushalten mit mir in meiner Schand’ … wann sie so tief wär’ wie der Hintersee … hinein mußt, Kordel, und hinunter bis auf den Grund. …“

Er wollte auf sie eindringen, als von der Straße her ein leiser schrillender Pfiff erscholl, wie der Schrei eines Nachtvogels. „Halt’ Dich still,“ rief Quasi, indem er Kordel ergriff, vom Fenster wegriß und auf’s Lager schleuderte. „Das kommt gerade recht!“ Ehe das halb betäubte Mädchen es fassen und hindern konnte, hatte er das Fenster aufgerissen, wiederholte den Pfiff und rief leise hinunter. „Wer ist da? Was willst?“

„Bist Du’s, Lateinischer?“ rief eine gedämpfte Stimme entgegen; der „Lateinische“ war der Spitzname, unter welchem er bei Schwärzern und Landstreichern bekannt war, weil ihnen der Name des heiligen Quasius zu befremdlich und unbekannt dünkte. „Wie kommst da hinauf?“

„Ist das nit der Hennenrupfer? Grüß Gott und frag’ nit so dumm – wie kommt der Bue zu sein’m Schatz!“

„Zu der Kordel! Hat’s doch geheißen, sie mag Dich nit mehr! Hat also doch wieder klein beigeben?“

„Weißt ja, wie’s geht mit den Madeln!“ lachte Quasi frech. „Aber wo kommst her, Hennenrupfer, wo gehst hin?“

„Ich hab’ mich verspät’ unterwegs, auf’m Wachterl droben, [195] Da hab’ ich nur anrufen wollen, ob’s nit einem Andern auch so ’gangen ist! Komm’ bald nach, Lateinischer – ich geh’ in die Kirch’, sie haben schon zusammengeläut’t!“ Unter der Kirche war der Sammelplatz der Schmuggler gemeint.

„Geh voran … ich komm’ bald nach; bis Du zu der Sag (Sägemühle) kommst, hab’ ich Dich lang’ eingeholt!“

Der Schmuggler ging, und Quasi schloß das Fenster. „So,“ sagte er höhnisch, „jetzt thu’, jetzt red’, was Du magst! Es hilft Dich doch nichts mehr – in zwei Tagen weiß die ganze Ramsau, daß Du mich Nachts in Deine Kammer gelassen hast – jetzt bist Du doch mein und kommst lebendig nimmer von mir los!“

Kordel saß noch immer wie betäubt; erst die wiederholte Annäherung des Burschen, der sich zu ihr drängte und sie umschlingen wollte, brachte sie wieder zu voller Klarheit. Sie wehrte ihn ab und rang mit ihm, gestützt von der ganzen Stärke ihres Abscheus, ihres reinen Willens, aber der zarte Körper war der rohen Gewalt des Burschen nicht gewachsen … sie fühlte ihre Kraft erlahmen, eine ungeheuere unsägliche Angst überkam sie … sie rief Gott und alle Heiligen an und ohne selbst zu wissen, was sie that, drängte sich das Wort „Mutter“ auf ihre Lippen. „Hilf, Mutter, hilf,“ schrie sie außer sich, „hilf … Mutter, Mutter!“

„Ruf’ ihr nur,“ lachte Quasi, „da kannst lang’ warten, bis die kommt! Dumm’s Ding, Deine Mutter weiß, daß ich da bin!“

Statt sie zu entmuthigen, gab dies Wort Kordel neue Kraft des Widerstandes. Ein betäubender Schmerz bäumte sich in ihrem Herzen empor; Verzweiflung faßte sie, sich von der verrathen und preisgegeben zu wissen, die vor Allen sie beschützen und wahren sollte, und mit der Wuth der Verzweiflung packte sie den Burschen, daß er keuchend sich ihrer erwehren mußte und unter dem wortlosen grimmigen Ringkampf die Dielen der Kammer krachten. Dennoch neigte sich auch jetzt das Uebergewicht auf Quasi’s Seite; schon war das ächzende Mädchen halb zu Boden gedrückt und beinahe wehrlos. …

Da wurde Quasi plötzlich von gewaltigen Fäusten im Nacken gepackt und zurückgerissen, und wilde brummende Töne verriethen, wer zu Kordel’s Befreiung herbeigekommen. Der blöde Müller, dessen Lager in der Mühle unter der Treppe stand, war über dem Lärm erwacht und die Treppe heraufgekrochen. „Mein … Kordl mein,“ knurrte er mit den Tönen eines wilden Thiers. „Umbringen…“

„Verfluchter Fex!“ schrie Quasi und suchte vergeblich, sich von den Fäusten des Müllers loszuringen. „Führt der Teufel Dich auch daher?“ Er mußte von Kordel ganz ablassen und sich nur gegen diesen Angreifer wenden, denn die Wuth gab dem halbverthierten Menschen ganz ungewöhnliche Kraft.

„Hinunter,“ brummte der Alte, „… hinunter … Hals brechen. …“

„Oder Du, alter Racker!“ rief Quasi. „Komm’ nur her – so geht’s gleich in Einem hin!“ Er gab dem Alten nach, der ihn durch die offene Thüre nach der Stiege zu zerren strebte, suchte und wußte es aber so einzurichten, daß der unbehülflichere Blöde zuerst auf dem schmalen, geländerlosen Raume ankam – er dachte ihn über den Rand zu drängen, daß er in die Mühle hinunterstützen und auf dem Ziegelboden das Genick brechen sollte. Seine Absicht war erreicht; der Blöde hing schon halb über der Tiefe und klammerte sich an Arme und Kleider seines Gegners – da eilte Kordel herbei; sie hatte schnell Licht gemacht und erschien gerade im rechten Augenblicke, um den Vater am Arme zu fassen und zurückzureißen. Er stand auf der Treppe, während Quasi sich nicht mehr zu halten vermochte und hinunter taumelte.

Blitzschnell hatte Kordel den Vater zu sich in die Thüre gezogen und diese geschlossen; den Burschen hatte seine Körpergewandtheit vor dem Sturze bewahrt. Er war mehr gesprungen als gefallen und tobte im nächsten Augenblicke die Stiege wieder herauf, um an der Thüre zu poltern und zu drohen. Bald sah er die Vergeblichkeit seiner Bemühungen ein und ging. „Das sollst Du mir entgelten – wart’!“ schrie er und verließ die Mühle.

Kordel, erschöpft von Anstrengung und Schrecken, war in halber Ohnmacht auf’s Lager gesunken; der Alte hatte sich zu ihren Füßen auf den Boden gekauert, streichelte ihr Hände und Gewand und brummte. „Mein Kordel … nichts thun lassen … Kordel mein …“

– – – Tief in den Bergen hatte indessen längst ein verdächtiges Regen, eine geheimnißvolle Thätigkeit begonnen. Der Mond war nach Mitternacht hinuntergegangen, und fast undurchdringliches Dunkel lag auf dem wilden Waldthale, durch das die Wimbach rauschend ihr steiniges Bette wühlt. Kaum in nächster Nähe war es möglich, die Umrisse der Seitenberge und ihrer Waldgruppen zu unterscheiden, und die schauerliche Felspyramide des Hundstodes, der wie eine riesige Mauer das Thal abschließt, hob sich nur schwach von der Schwärze des Nachtimmels ab. Todesstille waltete weit und breit; nur manchmal tönte der Schrei einer Eule, und in den Latschen und Zwergföhren rauschte es hin und wieder von unheimlichem Leben.

Im Hintergrunde des Thals, am Fuße des Hundstods saßen zwei Männer in bäuerischer Kleidung; mit geschwärzten Gesichtern, den Stutzen zwischen den Beinen, kauerten sie unter einem überhangenden, durch Tannengestrüpp verborgenen Felsblock und schauten spähend in die Nacht hinaus.

„Es dauert lang’,“ flüsterte der Eine, „wenn sie nur nit erwischt worden sind!“

„Warum nicht gar!“ erwiderte der Andere ebenso. „Wer sollt’ sie erwischen? Aber es ist ein weiter Marsch von Saalfelden herauf bis zu uns, und der Weg am Funtensee-Tauern, über den Trischübel und das steinerne Meer herunter ist keine Kleinigkeit!“

„Haben ja den schönsten Mondschein gehabt! – Soll einen Hauptfang geben diesmal!“

„Das will ich meinen! Die Tyroler kommen mit einer ganzen Ladung Tabak und Uhren und Seidenzeug … wir haben nichts zu thun, als die Päck’ vollends hinaus tragen, bis in die Ledermühl … und kriegt jeder baare fünf Gulden. …“

Der Andere winkte ihm zu schweigen und horchte noch gespannter als zuvor. „Hörst nichts?“ sagte er dann. „Ich hab’ gemeint, ich hör’ was gehen, dort am Steinberg herunter. …“

„Ich hör’ nichts. Vielleicht sind einige von den Unsrigen. Wer sollt’ es sonst sein? Die Grenzwächter sind irr’ gemacht und vigiliren heut’ Alle drüben, nach der Schönau zu; wir haben ihnen weiß gemacht, es käm’ ein Zug über den Bartlmäsee her. … Haben wir doch überall unsere Schildwachen ausgestellt. …“

Er verstummte und lauschte eine Secunde, indem er die Hand an’s Ohr hielt und sich auf den Boden niederbückte. „Jetzt hör’ ich auch was,“ sagte er, „da kommt wirklich was daher. … Halt, Kerl,“ rief er lauter, aber mit unterdrückter Stimme. „Keinen Schritt – oder ich laß’ Dich meinen Stutzen verkosten!“

Der Angehaltene blieb stehen und hatte rasch die Büchse herabgerissen, die über der Schulter hing. Es war Mentel, der mit rascher Bewegung hinter einen Baum getreten war. „Thu’ Deine Spritzen weg!“ sagte er, „oder es schnallt bei mir! Was haltet Ihr mich an? ich hab’ nichts zu schaffen mit Euch!“

„Den kenn’ ich,“ sagte der eine Schwärzer zu seinem Cameraden. „Das ist der Mentel vom Bühelhof – den haben wir nit zu scheu’n!“

„Was willst nachher um die Zeit in der Wimbach?“ fragte mißtrauisch der Andere.

„Auf den Hundstod will ich hinauf,“ sagte Mentel, „will mich auf ein Gamsel anpürschen – da heißt’s früh beim Zeug sein, wenn Du’s verwinden (ihnen den Wind abfangen) willst!“

„Das kann sein und kann nicht sein auch,“ entgegnete der Schwärzer wieder. „Besser ist besser; jetzt bleibst einmal bei uns, damit Du uns nit verrathen kannst. …“

Mentel wollte Einwendungen machen, aber im nämlichen Augenblick war er von rückwärts gepackt und der Stutzen ihm aus der Hand gerissen. Der andere Schwärzer hatte ihn unbemerkt umgangen und Beide hielten ihn nun lachend fest. „Gieb Dich, Wildschütz, gieb’ Dich,“ rief der Eine, „es ist nit soweit gefehlt, wenn Du bei Schwärzern bist … aber halt’ Dich ruhig, wenn Du nicht meinen Schnitzer zwischen den Rippen haben willst!“

Leises Pfeifen tönte jetzt gegenüber von den Bergen herab; es war ein schrillender, schwirrender Ton, wie jener der Wassernatter, wenn sie Nachts den Kopf aus dem Graben oder dem nassen Grase hebt. „Sie sind da!“ flüsterte es. „Die Tyroler sind’s!“ und bald tauchte unter den Latschen und Felstrümmern eine ziemliche Anzahl wilder geschwärzter und bewaffneter Gestalten empor und drängte sich im Knäuel zusammen. Von den steilen Bergwänden aber stieg eine Reihe von Männern in breitkrempigen Pinzgauer Hüten herab, schwere Anhängsäcke auf dem Rücken, in der einen Hand den Bergstock, in der andern das Rohr des über die Schulter hängenden Stutzens.

Sie traten zu den Anwesenden; sie begrüßten einander, aber kein lautes Wort wurde gewechselt; unter halblautem Flüstern und [196] beim Schein einer kleinen Laterne legten die Einen ihre Ladung ab, die Andern schickten sich an, sie aufzunehmen. Die Schnapsflasche ging dabei fleißig in der Runde herum, um Jene nach der ausgestandenen Mühe zu erquicken und Diese zur neuen Arbeit zu stärken.

Eben wollte man sich, lautlos wie man gekommen war, trennen, als eine wilde Stimme gebieterisch von einer nahen Höhe herunter rief: „Halt, Ihr Kerls! Diesmal haben wir Euch – Keiner rührt sich von der Stelle, oder er wird niedergeschossen!“

Ein einziger Schrei antwortete dem Ruf. „Die Grünen!“ hieß es, und „Lichter aus!“ und im Augenblick war von den Schwärzern nichts mehr zu sehen, nichts war zu hören, als das Knacken der aufgezogenen Hähne an den Gewehren.

„Gebt Euch gutwillig,“ rief es wieder. „Legt die Stutzen nieder – Ihr seid umringt!“

Kein Wort wurde erwidert; als einzige Antwort knallte ein Stutzen nach der Richtung hin, von welcher das Rufen kam. Verdoppelt, verdreifacht kam der Knall von allen Seiten zurück, und eine überlegene Schaar von Jägern, Grenzwächtern und Gensd’armen stürzte rings auf die Ueberfallenen ein. Viele davon hatten sich im ersten Augenblick zerstreut und kletterten im Schutze der Nacht die Felsen hinan oder unter den Latschen dahin, die Zurückgebliebenen setzten sich mit dem Muthe der Verzweiflung und Todesverachtung zur Wehre, Jedem winkte noch die Möglichkeit des Entrinnens, Jedem schien ein rascher Tod wünschenswerther als eine lange, schwere entehrende Strafe. Ein wildes, blutiges Handgemenge entstand; der hing würgend an der Kehle des Andern, der hatte seinen Feind zu Boden gerungen und trachtete, ihm den Schädel an den schroffen Felskanten zu zerstoßen; der Eine hob die losgeschossene, in der Nähe nicht mehr brauchbare Büchse, um mit dem Kolben niederzuschmettern, ein Anderer hielt den Gegner um die Mitte und suchte ihn in das Flußbett der Wimbach hinabzuschleudern – dazwischen knallten die Stutzen, den Fliehenden nach und von ihnen zurück; Geschrei der Kämpfenden mischte sich in den Wehruf der Verwundeten und Stürzenden, und wie erfreut rollte der Wiederhall des Getöses an den nächtlichen Felswänden des Gebirges dahin.

Die Schwärzer unterlagen zuletzt; sie waren in der Minderzahl, und die Grenzwächter, denen der Anschlag verrathen gewesen, hatten ihre Vorkehrungen zu bestimmt und zu sicher getroffen. Alle Zugänge waren bewacht; es waren die Wenigsten, denen zu entrinnen gelungen war; die Meisten stöhnten verwundet, gebunden und geknebelt am Boden; die Angreifer hatten weniger gelitten – sie waren im Eifer über das Gelingen bemüht, zuerst den glücklichen Fang zu ordnen und zusammenzupacken, dann luden sie ihn den Gefangenen auf und begannen den Rückzug.

Auch Mentel war unter den Entronnenen. Als gewandter Jäger und wohlbekannt mit der Oertlichkeit hatte er im raschen Laufe einen Felszacken erreicht, jenseits dessen ein kleines schmales Thälchen anging und sich eine Strecke weit an der östlichen Seite des Steinbergs hinzog. Dort durfte er für den Augenblick einen sichern Versteck und bei Tagesgrauen einen nur Wenigen bekannten Ausweg hoffen, der in die Ramsau hinunterführte. Ein kühner Sprung mit eingesetztem Bergstock trug ihn in die Tiefe, doch erreichte er nicht das Ende des Abhanges: das Steingeröll, durch sein Aufspringen gelockert, machte sich los und riß ihn kopfüber eine beträchtliche Strecke hinab. Mit zerrissener Jacke, blutenden Händen und zerschundenem Gesicht raffte er sich wieder auf und eilte durch das Thälchen bis zu einer verlassenen Kohlstätte und Hütte. Er riß, da sie verschlossen war, mit kräftigem Ruck die rußigen Breter auseinander, stieg hinein und verwahrte von innen sorgfältig die Lücke. „Diesmal,“ sagte er vor sich hin, indem er sich auf die Streu im Winkel niederwarf, „diesmal bin ich hart am Erwischtwerden angestreift – da hat’s gegolten!“

Während dieser Vorgänge war Quasi durch die Ramsau im Dunkel der Erlen und Ahorn an der Ach dahingelaufen und hatte bald den Einschnitt erreicht, wo die Wimbach, nachdem sie sich durch die Klamm gestürzt und gedrängt, sich mit ihr vereinigt. Er flog die rasigen Hänge hinan und bog eben auf der Schneide nach dem Waldsaume ein, wo ihm am obern Ende der Klamm der Lauerposten angewiesen war. Vergebens hatte er sich überall nach dem vorangeeilten Gefährten umgesehen und war emsig daran, mit einer aufgerafften Kohle sich das Gesicht zu schwärzen. Da hielt er an und horchte hoch auf: die Schüsse krachten herüber aus dem Wimbachthal.

„Teufel,“ rief er, „die sind richtig mit den Grünen zusammengetroffen … Da geht’s scharf her … Schuß auf Schuß … Da kann ich auch nichts mehr helfen dabei – es ist gescheidter, wenn ich auf mich selber denke …“

Er untersuchte das Schloß seiner Büchse, lüftete in der Lederscheide das Messer, das er in der Tasche trug, und huschte unter den ersten Bäumen abwärts gegen den Ausgang der Klamm zu. In dem tiefen Rinnsal dachte er die Straße und die jenseitigen Höhen erreichen zu können, wo wenigstens für den Augenblick nichts mehr zu fürchten war. Eben wollte er sich an das Rinnsal hinunterlassen, als er, noch einmal die freien Hänge überblickend, von draußen her ein Blinken zu bemerken glaubte, das ihm verdächtig schien. „Da wär’ ich schön angekommen,“ murmelte er, „das ist ein Bajonnet, was dort so blitzt … da stehen Gensd’armen … ich will gleich in die Klamm hinein, da bin ich am sichersten …“

Der Gedanke war schnell ausgeführt; er huschte den engen Waldpfad hinab und betrat den schmalen, in die Felswände eingetriebenen Holzgang, unter welchem die sturzeswilde Wimbach schäumt und brandet und donnert. Obwohl das Gebrause den Hall seiner Tritte verschlang, schritt er doch nur behutsam vor, und spähte stehenbleibend vor sich und hinter sich. Ueber der grabesfinstern Schlucht begann schon der Morgen zu grauen, und bei dem fahlen Scheine, der davon oben durch den Spalt und die Bäume drang, erkannte er schon den quer über dem Hauptkessel angebrachten Steg. Dort war sein Ziel erreicht; unter dem Stege, wenig erhoben über dem rasenden Gewässer, wußte er ein Felsstück, in welchem eine Höhlung ausgewaschen war, groß genug ihn aufzunehmen und sicher vor jedem Späherauge. Er warf keinen Blick nach dem Wassersturze oder zu den zahllosen Quellen, die auf dem schwarzen Felsgrunde wie graue gespensterhafte Gewänder niederwallten … schon wollte er den Geländerbalken erfassen, als er zurücksprang und sich mit angehaltenem Athem gegenüber platt an die Wand drückte.

Er hatte eine dunkle Gestalt gesehen, die ihm entgegen um die Felsecke bog. Es war zu spät; auch der Kommende hatte ihn bereits bemerkt. Es war Gaberl, der Jäger, der die Klamm zu durchstreifen hatte, während die Uebrigen mit den Gefangenen und ihrer Beute das Bergsträßchen oben durch den Wald dahin zogen.

„Halt!“ tönte es Quasi entgegen, und da er nichts erwiderte, krachte ein Schuß durch den brüllenden Schlund, und die Kugel schlug hart neben dem Burschen an’s Gestein. Er wollte vorstürzen, denn jetzt war er im Vortheil gegen den Angreifer, der sich verschossen hatte, aber dieser war beinahe so schnell wie seine Kugel: er stand vor ihm, hielt ihn am Halse und drängte ihn an die Wand mit der Kraft des Bären, der seinen Raub umschlingt und erdrückt. Der Bursche wand und drehte sich unter den Eisenfingern des Jägers; die Jacke zerriß ihm über dem Ringen und er zerriß sich das Gesicht an den scharfen Knöpfen des Gegners, daß ihm das Blut herunterrieselte. „Wehr’ Dich wie Du willst,“ keuchte der Jäger, „ich hab’s immer gesagt. Du gehst mir einmal ein … ich kenn’ Dich doch, wenn Du auch nichts redst … lebendig lass’ ich Dich nimmer aus!“

Quasi schwieg, aber er wehrte sich und rang noch wilder als zuvor; es gelang ihm, eine Hand frei zu machen – blitzschnell hatte er sie in der Tasche, und ebenso rasch taumelte der Jäger mit einem schwachen Aufschrei, ihn loslassend, zurück.

Des Jägers Kniee knickten ein, er schwanke dem Geländer und dem Abgrunde zu – Quasi warf keinen Blick nach dem Verwundeten zurück und rannte den Felsensteig hinauf in den Wald.

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3. Vater und Sohn.

Frisch und scharf kam der Morgen in die Ramsau heruntergestiegen; die Häupter und Rücken der Berge waren mit grauem Gewölk bedeckt, aber es brach hie und da hell und sonnig durch die Massen und verkündete, daß der Nebel sich heben und das schöne Wetter des Spätherbstes beständig bleiben werde. Das Gewölke gerieth in Bewegung, wie ein weites wehendes Tuch; es wallte und stieg und stieg und zerriß und verflatterte zuletzt in kleine krause Wellen und Flocken, die glänzend und weiß im sonnigen Morgenhimmel dahin schwammen. Auf den Bergen selbst hatte sich ein anderer Bote beständiger Witterung eingefunden: es hatte angeschneit, und der Watzmann streckte sein silberglänzendes Horn über den breiten Rücken des Steinbergs herein, auf welchem hie und da ebenfalls die weiße Decke gebreitet lag und sich wie flatternde unregelmäßige Bänder in den Felsklüften und Steinrissen streifenweise gegen das Thal niedersenkte. Auch gegenüber auf der Sonnenseite war es winterlich geworden, und weiß schimmernder Reif hing an den starren Halmen auf den Wiesen und Bergweiden des Lattenbergs. Oben am Schwarzeck, wo sich eine Schaar Häuser in den Schutz des Tannenwaldes einschmiegt wie eine Heerde an einen windfreien Abhang, war Alles schon rührig und geschäftig, und die Arbeiten des Vorwinters hatten begonnen. Aus den Städeln tönten in abwechselndem vieltheiligem Takte die Schläge der Drischeln, während vor den Häusern die Flachsbrech’ klappte, und hie und da die Schafe blökten, die auf den überfrorenen Hängen genügsam herumgras’ten. Anderwärts waren Leute beschäftigt, einen Rest Grummet, der noch im Freien geblieben, an die Heuhütten heran zu bringen, die, auf schmalem Unterbau stehend, sich nach oben gleichmäßig erweitern und ausladen, daß sie das Aussehen haben, als wären es kleine, von einer ungeheueren Fluth auf den Bergrücken zurückgelassene Fahrzeuge; wieder an anderen Orten war man emsig daran, Dünger auf die Rasenhänge zu breiten, wenn sie auch mitunter so steil sich absenkten, daß es der Steigeisen bedurfte, um sich daran zu erhalten.

Im Hause des Bühelbauern am Schwarzeck war die erste Lege von Getreid’ durchgedroschen und die Ehhalten saßen in der schönen geräumigen Wohnstube um den mit grobem Linnen gedeckten Tisch, auf welchem die Schüssel mit Milchsuppe dampfte. Knechte und Mägde saßen durcheinander auf den Bänken und führten tapfer die Blechlöffel zu Schüssel und Mund, unter Späßen, Gelächter und Neckereien, wie die Arbeiten des Tages, Jahreszeit und Persönlichkeiten Anlaß gaben. Auch Evi war unter den Mägden, aber sie mischte sich nicht in das Gespräch und warf besorgte Blicke auf das Gesicht der Bäuerin, welche wohl mit am Tische saß, aber nach den ersten Bissen den Löffel weggelegt hatte, weil ihr gar so letz (übel) sei. Dann sah sie noch befremdeter nach dem Platze des Bauern, der ganz gegen seine Gewohnheit an der Morgensuppe nicht Theil nahm.

Auch ihr gegenüber war eine Lücke in der fröhlichen Reihe; sie vermißte Mentel’s dunkle Augen, die ihr sonst mit fragenden und betheuernden Blicken gar viel zu schaffen machten.

Die Bauerin war ein kleines, schwächlich aussehendes Weibchen; sie war, wie man das so häufig an Bauersfrauen findet, vor der Zeit gealtert; sie hatte das Aussehen, als habe sie sich überarbeitet und ausgearbeitet und als sei keine Kraft mehr zurückgeblieben, um den Körper frisch und rege zu erhalten für die Zeit, wo Ruhe Bedürfniß und Belohnung zu werden beginnt. Das schmale Gesicht war blaß und faltenreich und von grauschimmernden Haaren umgeben; es trug das Gepräge der Schlaffheit und der Ermüdung – nur in den blauen Augen glänzte ein Frauengemüth, dessen Reichthum an Liebe und Güte unversehrt geblieben war.

Ein Bild von ganz anderer Art bot der Bühelbauer, eine große und doch gedrungene Gestalt, welcher das Alter wohl äußerlich seine Spuren aufgedrückt, innerlich aber dessen Kraft höchstens starrer gemacht, doch nicht gebeugt und gebrochen zu haben schien. Wenn man sich die breite, vortretende und kahle Stirne statt des schmalen Silberkränzchens mit Mentel’s krausem, dunklem Gelock umgeben dachte, so hatte man in dem Vater das nur wenig gealterte, nur leicht verschärfte Ebenbild des Sohnes vor sich. Er saß seitwärts an einem kleinen in die Ecke geschobenen Tischchen, das zum Schreiben eingerichtet war; ein gläsernes Schreibzeug, einige langbärtige Federn und einige Bogen Papier zeugten ebenso davon, als das darüber angebrachte weißgehobelte Bretchen, auf welchem Bücher lagen und unter einigen Schreibereien sogar ein Stängen Siegellack hervorsah. Der Alte hatte einen Bogen Papier in der Hand, welchen die Form und das Siegel daran als einen landgerichtlichen Erlaß bezeichneten, aber obwohl er den Blick fest auf die Schrift richtete, waren seine Gedanken doch mit anderen Dingen beschäftigt; vergaß er doch, seine Nasenbrille aufzusetzen, ohne welche er nur höchst schwer und unvollständig zu sehen und zu lesen vermochte.

„Solltest dich auch hersetzen und einen Löffel Suppe mitessen,“ sagte die Bäuerin und unterbrach den Knecht, der eben [210] eine Erzählung von den Vorgängen der Nacht begonnen hatte, so weit sie durch das Gerücht schon bekannt geworden waren. „Es würde Dir gewiß gut thun!“

„Laß mich in Ruh’,“ erwiderte der Bauer, „mir ist aller Appetit vergangen. Der Hies soll weiter erzählen.“

„Das ist schon Alles, was ich weiß,“ sagte der Knecht. „Die Jäger und die Gensd’armen und die Grenzwächter sind im Wimbachthal mit den Tyroler Schwärzern zusammen ’troffen, und es ist scharf her’gangen. Ich hab’s vom Botenschuster gehört; der hat noch vor Tag einspannen und in aller Eil’ nach Bertelsgaden fahren müssen, den Bader zu holen – es liegen ihrer sieben oder acht schwer Blessirte draußen beim Bauern am Kniebis...“

„Das ist wohl nur ein Gered’,“ rief die Bäuerin, indem sie sorgsam nach dem Bauer blickte, als ob sie in seinen Mienen die Zustimmung zu ihren Worten lesen wollte. „Ein Jeder, der so was weiter erzählt, macht noch einmal so viel dazu.“

„Nein, nein, es ist Alles wahr!“ sagte der Knecht. „Und Einer geht ganz und gar ab – der Jäger Gaberl ist auch dabei gewesen, aber er ist nit mit heim ’kommen, und kein Mensch weiß, was aus ihm ’worden ist!“

Der Bauer erwiderte nichts, aber über sein Gesicht zuckte eine Bewegung, welche der ohnehin besorgten Mutter nicht entging. Auch Evi quoll der Bissen im Munde, und das Herz schlug ihr bis an den Hals empor; sie dachte an Mentel’s Abwesenheit, an seine offenkundige Feindschaft mit dem vermißten Jäger, und eine entsetzliche Möglichkeit zuckte ihr durch Sinn und Herz.

Eine peinliche Stille war eingetreten, und es war gut, daß die Schüssel geleert war und der Oberknecht durch sein Aufstehen das Zeichen zur allgemeinen Erhebung und zum allgemeinen Gebete gab. Der Reihe nach kniete Alles an den Bänken hin, die gefalteten Hände aufstützend und nachbetend, was die Hausfrau mit ihrer klaren, freundlichen Stimme vorsprach. Laut wurden dann die Bänke gerückt und Alle verließen die Stube, indem sie der Reihe nach in das zinnerne Weihwasserkesselchen am Thürgerüst langten, sich besprengten und mit dem Kreuze bezeichneten. Bald klangen die Schläge der Drischeln wieder von der Tenne herüber.

Evi war bereits unter der Thüre, als der Bauer sie zurückrief. „Ich hab’ dir nur sagen wollen,“ sagte er, indem er sie mit Wohlgefallen betrachtete, „daß ich zufrieden mit Dir bin. Du hast das Vieh schön und gut besorgt, hast keins abfallen lassen und hast mehr Butter und Käs zusammenbracht, als keine von meinen frühern Sennerinnen. Du bist eine ordentliche Person, und wenn’s dir recht ist, bleiben wir bei einander...“

„Mich freut’s, wenn Du einsiehst, daß ich meine Schuldigkeit thu’, Bühelbauer,“ erwiderte Evi, „und wenn’s Dir recht ist, daß wir bei einander bleiben, hab’ ich auch nichts dawider! – Willst sonst auch noch was?“

Der Bauer sah sie verwundert an; daß er Jemand solche Lobsprüche ertheilte, war etwas so Ungewohntes, daß er staunte, sie so gleichmüthig aufgenommen zu sehen. „Ob ich sonst noch was will?“ sagte er, beinahe lachend. „Nein, ganz und gar nichts! Sei nur nit harb, daß ich dich aufgehalten hab’!“ Sie ging, der Bauer aber sah ihr kopfschüttelnd nach. „Eine saubere Person,“ brummte er, „und eine prächtige Dirn – aber hoffärtig wie ein Pfau!“

„Das ist sie nit, Vater,“ sagte die Bäuerin, „sie hat nur ein so gesetztes Wesen an ihr – aber stolz ist sie nichts und hat gar ein gutes Gemüth!“

„Meinetwegen,“ rief der Bauer, indem er aufstand und mit bedächtigen Schritten die Stube durchmaß, „wenn sie ihre Schuldigkeit thut als Dienstbot, was geht mich dann ihr Gemüth an! Mir geht ganz ein anderes Gemüth im Kopf herum ...der Mentel macht mir Sorg’, Bäuerin, mit dem Mentel ist’s nit richtig!“

Er blieb vor ihr stehen und sah ihr, die Hände über’m Rücken gekreuzt, wie forschend in’s Gesicht. „Ach was,“ erwiderte sie und machte sich an dem Spulen ihres Spinnrades zu schaffen, um den Blick nicht aushalten zu müssen. „Was soll denn schon wieder nit richtig sein mit ihm? Du hast alleweil was auszusetzen und zu beschandeln an ihm – er läßt sich in keiner Arbeit spotten, mein’ ich...“

„Und ich bleib’ dabei, es ist nit richtig mit ihm! Er ist bei der Arbeit, ja – aber nur halb! Der beste Theil von seiner Kraft und seinen Gedanken ist anderswo und fliegt wahrscheinlich in der weiten Welt umeinander – vermutlich bei den Gambsen am Gewand und bei den Hirschen im Wald! Das verfluchte Wildpretschießen – – – wenn der Unglücksbub’ nur in seinem Leben keine Büchs zu sehen ’kriegt hätt’!“

„Mach’ dir keine unnütze Sorg’! Er wird’s wohl lassen, seit Du’s ihm verboten hast!“

„Verboten! Was braucht’s da noch Verbieten von meiner Seiten? Ist das Gesetz nit genug? muß ich ihm erst noch verbieten, daß er nit stehlen soll?“

„Stehlen! Wer red’t denn davon? das ist ja doch ganz was Ander’s!“

„Stehlen! Ich sag’s noch einmal! Oder ist das nit gestohlen, wenn er das Wildpret schießt, das nit ihm, sondern dem König gehört?“

„So hab’ nur Geduld – er wird’s wohl lassen, hoff’ ich...“

„Ich wär’ froh, wenn ich’s glauben könnt’, aber es schaut nit darnach aus. Wo treibt er sich alleweil ’rum, der Unnutz? Warum ist er heut wieder nit bei der Morgensuppe gewesen?“

Die Alte sah beklommen zu Boden. „Ich weiß es nit,“ sagte sie, „aber ich denk’ halt...“

„Ja Du denkst und denkst alleweil, wie du ihm hinaushelfen kannst!“ brauste der Bauer auf. „Warum ist er nit da? Wo kann er sein um die frühe Tageszeit?“

„Vermuthlich ist er schon fort in’s Holz...“ erwiderte stockend die Bäuerin. „Hast ihm nit angeschafft, er soll einmal den Schlag übergeh’n?“

„Hab’ mir’s eingebild’t, daß du was ausstudirst!“ lachte der Bauer unwillig. „Bäuerin, ich sag’ dir’s, wenn ich mir so Alles einfallen laß’, was möglich ist... es steigt mir ganz heiß auf in den Kopf! Wenn ich daran denk’, was passirt sein soll diese Nacht – und daß der Mentel vielleicht gar nit daheim gewesen ist...“

„Wer wird denn auch gleich das Schlimmste denken,“ sagte die Bäuerin anscheinend ruhig, aber innerlich von derselben Furcht noch ärger als der Alte gefoltert.

„Ich weiß nit, was ich thät’,“ fuhr der Bauer fort, „wenn etwas passiren thät’, ich will gar nit sagen, was... Das wäre so das Rechte für einen Gemeindevorsteher! Hab’ ohnehin Verdruß genug, Schererei und Lauferei mit der Vorsteherei, und was wird die Geschichte von heut’ Nacht wieder Alles zu thun machen! – Hab’ da erst heut’ wieder einen Befehl vom Landgericht bekommen, hab’s aber noch nit dazu bringen können, zu lesen, was drinnen steht! Ich hab’ meine Augengläser verlegt und kann nur so viel herausbringen, daß es sich um ein davongelaufenes Weibsbild handelt. …“

Er suchte unter den Papieren auf seinem Tischchen und auf dem tiefen Fenstergesims herum und tastete nach der Brille; dabei fiel sein Blick wie zufällig durch die Scheiben in’s Freie, und ein Ruf des Unmuths entfuhr ihm.

„Aber so fluch’ doch nit gleich so lästerlich!“

„Da müßt’ ein Kapuziner scheltend werden! da schau hinaus, Bäuerin, da kommt er just auf’s Haus zu, der Mentel! Ueber den Bühel, vom Thal kommt er her, nit vom Schlag! Und wie er ausschaut – ich brauch keine Brillen, um das zu seh’n! Blaß und übernächtig, verrissen, schmutzig und voll Ruß, kommt man so aus dem Schlag zurück? Da schau hinaus, Mutterl, weil Du doch alleweil hätschelst und pantschelst mit ihm... schau’ das Früchtel an und sag’ selber, ob der im Schlag gewesen ist... der Lump ist richtig gar nit daheim gewesen, die ganze Nacht!“ Während dieser Worte hatte er hastig den Fensterreiber aufgedreht und rief durch den halbgeöffneten Flügel hinaus: „Da herein, Mentel! Schleich nit um’s Eck’ in’s Haus, wie ein Dieb... da komm’ herein, wenn Du ein gutes Gewissen hast!“

Der Bursche stand und zögerte einen Augenblick, ob er dem Rufe folgen solle; er sah ein, daß wieder einer jener Auftritte zwischen Vater und Sohn bevorstand, wie sie leider seit geraumer Zeit keine Seltenheit mehr waren auf dem sonst so friedlichen Bühelhofe. Es war aber keine Möglichkeit, der unangenehmen Erörterung zu entgehen; deshalb wandte er sich entschlossen um und schritt der Hausthüre zu.

„Guten Morgen, Vater!“ sagte er beim Eintreten, indem er den Hut bei Seite legte, auf welchem neben Gemsbart und Spielhahnstoß der Strauß von Alpenrosen und Edelweiß prangte. „Was schaffst?“

Der Bauer hatte sich gesetzt und wehrte mit einer Handbegung [211] die Bäuerin ab, die ihm flüchtig zuwinkte und zunickte und flüsterte: „Sei gut mit ihm, Vater, und mach’s nit zu scharf!“

„Wo kommst her, Mentel?“ fragte er mit künstlicher Gelassenheit. „Hast Dich ja schon gewaltig früh aus den Federn gemacht! Oder,“ fuhr er in gesteigertem Tone fort, als der Sohn nicht augenblicklich antwortete, „bist vielleicht gar nit in’s Bett’ kommen? Bist herumgestreunt die ganze Nacht wie ein Landstreicher? Red“ schrie er aufspringend und ließ seinem Zorne freien Lauf. „Stier nit so vor Dich nieder auf den Boden, wie ein rechter verstockter Sünder – red’, wo bist gewesen?“

Mentel stieg es blutroth in’s Gesicht, aber er schwieg; es widerstrebte ihm zu lügen, und er wußte nicht, wie er die Wahrheit vorbringen sollte.

„Sag’ es,“ schrie der Bauer heftig, „oder soll ich Dir die Zung’ lösen und vorerzählen, wo Du gewesen bist? Soll ich Dir sagen, ob der schmuzige, zerrissene Janker und das verschundene Gesicht ein Aufzug ist für einen ordentlichen Burschen, für einen Bauernsohn und für meinen Sohn?“

„Und wenn ich’s sag’, was thät’s nutzen, Vater?“ sagte Mentel zögernd. „Es ist doch, wie’s ist!“

„Und ich will’s wissen! Ich will, daß Du’s sagst!“

„Ich bin doch kein Schulbub mehr, der sich muß ausfragen lassen!“ entgegnete Mentel trotzig und steigerte dadurch noch die Entrüstung des Alten.

„Ich hab’ ein Recht zum Ausfragen, kecker Bursch!“ rief er. „Bist Du mir nit Gehorsam schuldig als Deinem Vater? Bring’ mich nit auseinander, Mentel – gieb mir Antwort auf meine Frag’, damit nit ein Anderer über Dich kommt, der Dich zum Antworten zwingt! – Wo bist gewesen, Mentel?“

Der Sohn sah störrisch und finster zu Boden. „So red’,“ sagte die Mutter, indem sie ihm schmeichelnd die Hand auf die Schulter legte, „thu’ dem Vater seinen Willen und sag’s – es wird ja nichts Unrechtes sein!“

„Nichts Unrechtes?“ rief der Bauer. „Schau’ ihn an, Mutter, ob ihm nit das Unrecht auf der Stirn geschrieben steht: – so schaut das böse Gewissen aus! ... Mentel, wenn ich denken müßt’, daß das, was heut’ Nacht geschehen ist, Dich auch anging’, wenn ich denken müßt’ ...“

„Ich bin kein Schwärzer!“ sagte Mentel unwillig.

„Aber ein Wildschütz – ich kehr’ die Hand nit um zwischen Beiden! – Also ist es gewiß und wahr,“ fuhr er etwas gemäßigter fort, „und kann ich mich darauf verlassen, daß Du nichts davon weißt?“

„Ich weiß davon,“ antwortete Mentel, „aber ich bin nit dabei gewesen. Ich bin auf dem Weg gewesen, hab’ mich auf den Hundstod auf ein Gambs anpürschen wollen – da haben’s mich versprengt, und ich bin die ganze Nacht in einer Kohlhütten versteckt gewesen!“

„Wenn man Dich gefunden, wenn sie Dich mit den Schwärzern erwischt hätten!“ rief der Alte und schritt hastig die Stube auf und nieder. „Es wär’ mein Letztes! So lang mein Vater und mein Großvater auf dem Bühelhof gehaust haben, liegt kein Buchstaben beim Landgericht oder im Prälatenstock. Sie können kein Protokoll aufweisen von uns, und wenn mein Sohn der Erste wär’, der aus der Art schlagen thät ... Herrgott, Herrgott ... ich glaub’, ich müßt’ ein Narr werden!“

„Sorg’ nit, Vater!“ sagte Mentel. „Ich bin nit dabei gewesen und in Zukunft –“ er zögerte und das Kommende schien ihn offenbar Ueberwindung zu kosten ... „in Zukunft will ich das Wildschießen bleiben lassen... Die Nacht, wie ich so allein gewesen bin und hab’ mir vorgestellt, wie es hätt’ gehen können und wie nah’ ich hingestreift bin an’s Erwischtwerden ... da hab’ ich mir’s vorgenommen, daß ich es lassen will...“

„Mentel! Bub!“ rief der Alte und blieb stehen und streckte wie versteinert die Arme nach ihm aus.

„Siehst, Vater,“ sagte die Mutter zwischen Lachen und Weinen: „er ist doch ein gutes Kind – er will’s lassen!“

„Bub!“ rief der Alte wieder, und seine Stirne war sonnenhell und in seinem Auge schimmerte eine Freudenthräne. „Wenn das wirklich Dein Ernst wär’ – eine größere Freud’ könntest Du mir nit machen... Alles sollt’ verziehen und vergeben und vergessen sein!“

„Ich habs gesagt, Vater, und ich halt’s!“ erwiderte Mentel fest und streckte dem Alten die Hand hin, in die dieser freudig einschlug.

„Ich nehm’ Dich beim Wort!“ rief er. „Wirst es nit bereuen! Glaub’ mir, es wär’ noch einmal Dein Unglück geworden! Bleib’ dabei, Mentel, und wann Dir die Versuchung kommt, dann arbeit’ tüchtig und bet’ ein Vaterunser... und es geht vorbei, ich weiß es ja von mir selber! – Meinst, ich bin nit auch einmal jung gewesen? Meinst, es hätt’ mich in Deinem Alter nit gejuckt, wenn ich die Hirsch’ und die Gams’ g’seh’n hab’ im Wald und auf den Bergen, und hab’ gewußt, daß ich beim Scheibenschießen allemal in’s Schwarze hineing’langt hab’ und daß es nichts braucht, als den Finger rühren, so schnellt’s das schöne Thierl nieder? ... Da schau hinaus dort auf dem Abhang, wo sich das dichte Buschwerk nach dem Graben hinunter zieht... da bin ich einmal an einem Abend gestanden und hab’ auf einen Rehbock gepaßt, den ich am Tag zuvor gespürt hab im grünen Korn. Es hat auch keine halbe Viertelstund’ gedauert, so ist der Bock heraus’kommen, dort an der Waldspitz auf zwei Ackerläng’ und hat sich kerzengerad’ hingestellt, daß ich ihn nur hätt’ hinaufbrennen können, mitten auf’s Blatt. … Ich duck’ mich und spann’ den Hahn und will just auffahren, – da hat’s in der Ramsauer Kirche angefangen Ave Maria zu läuten... ich hab schon losdrucken wollen – da hat sich was Eigen’s gerührt in mir, und ich hab’ mir ’denkt, was gescheidter ist, zuerst schießen und dann beten oder zuerst beten und nachher schnallen lassen. … Das Beten geht doch vor, hab’ ich mir ’denkt und hab’ abgesetzt, bis das Läuten zu End’ gewesen ist – ich mach’ gerad’ das Kreuz und will wieder nach meiner Büchs langen ... da kracht’s auf einmal neben mir, der Bock stürzt, und der Jäger kommt keine dreißig Schritt’ von mir aus dem Gebüsch. … Hätt’ ich geschossen, so hätt’ er mich auf der That erwischt. … Das Vaterunser hat mich vom Zuchthaus gerettet, und das Wildpretschießen ist mir verleidet gewesen für alle Zeit! – Merk’ Dir’s, Mentel, und gieb mir noch ’mal Deine Hand darauf, daß es Dir Ernst ist mit dem Vorsatz!“

„Völliger Ernst!“ erwiderte Mentel und schüttelte dem Vater die Hand, der nun ebenso feurig in der Freude war, als er sich zuvor in Unmuth und Besorgniß ausgesprochen hatte.

„Dann will ich auch Ernst machen mit dem Vorsatz, den ich schon lang in mir herum trag’!“ rief er aus. „Was meinst, Bäuerin, wenn wir nächste Woche nach Bertelsgaden hineinfahren thäten und thäten uns beim gestrengen Herrn Landrichter einen Tag ausbitten? Wir geh’n in Austrag miteinander, der Mentel soll das Gut übernehmen und heirathen!“

Ueber Mentel’s dunkles Angesicht flog der Wiederschein einer freudigen Erregung, die zu rasch kam, als daß er vermocht hätte, sie zu bewältigen. Die Mutter aber trat zu dem Alten und sagte mit gerührtem Tone: „Ich will, was Du willst, Vater – der Mentel wird ja ordentlich sein, wird gut thun und wird uns gewiß in Ehren halten!“

Dem Bauer war die Gemüthsbewegung des Burschen nicht entgangen. „Schau, schau,“ rief er lachend, „wie ist denn das? Du bist ja auf einmal wie umgewandelt, und Deine Augen funkeln wie Pfenning-Lichteln! Ich hab’s also getroffen? Du hast Dir wohl gar schon was ausgesucht?“

„Wär’ das möglich?“ sagte die Mutter. „Ich hab’ doch gar nichts gemerkt!“

„Ja, Vater,“ sagte Mentel zutraulich und warm, „ich hab’ mir Eine ausgesucht, die ich für mein Leben gern hab’... und wenn Du mir doch übergeben willst, Vater – die will ich zur Bäurin machen auf dem Bühelhof! ... Sie wird Dir wohl recht sein..?“ setzte er etwas unsicher und zaghaft hinzu.

„Warum sollt’ sie mir nit recht sein?“ sagte der Bauer fröhlich. „Ich hab’ nichts dagegen! Du wirst Dir Keine ausgesucht haben, die man zum Spatzenschrecken brauchen könnt’... und dann, Du mußt mit ihr hausen, Mentel, nicht ich! Auf’s Geld brauchst Du, Gott sei Lob und Dank, nit aufzupassen, und sonst weißt Du ja so gut wie ich, was Brauch ist in der Ramsau!“

„Und brav und ordentlich,“ schaltete die Mutter ein, „wird sie ohnedem sein!“

„Ob sie brav und ordentlich!“ rief Mentel begeistert. „Es ist keine auf sieben Meilen Wegs...“

– Die Thüre ging auf und Evi trat ein. „Es ist Zeit zum Kochen,“ sagte sie zur Frau, indem sie einen raschen verwunderten Blick auf die vergnügte Gruppe der Anwesenden warf. „Du sollst das Schmalz zu den Nudeln hergeben“

„Ich hab’ jetzt wahrhaftig keine Zeit,“ sagte diese und reichte [212] Evi ihren Schlüsselbund. „Gieb du das Schmalz her, du weißt es so gut wie ich …“

Die Dirne nahm die Schlüssel und wollte sich wieder entfernen, Mentel aber hielt sie bei der Thüre an. „Da schaut’s her, Vater und Mutter,“ rief er, indem er die Staunende ihnen entgegen in die Mitte des Zimmers führte, „die ist’s!“

Eine selige Ahnung durchzuckte das Mädchen, aber sie war stark genug sie niederzukämpfen. Gelassen entzog sie Mentel die Hand und sah ernsthaft um sich. „Was soll das bedeuten?“ fragte sie. „Was soll ich sein?“

Die Bäurin war bei den Worten Mentel’s in einem Athemzug kirschroth und todtenblaß geworden; der Bauer war von dem Stuhle, den er behaglich wieder eingenommen hatte, blitzschnell aufgefahren, aber ebenso geschwind auf den Sitz zurückgekehrt. „Das ist ein dummer G’spaß!“ sagte er. „Den kannst bleiben lassen!“

„Es ist kein G’spaß, Vater,“ rief Mentel herzhaft entgegen, „es ist mein völliger Ernst. Warum sollt’s die Evi nit sein? Was hast dagegen, Vater?“

„Das ging’ mir just noch ab,“ lachte der Bauer roh, „und ein Loch im Kopf dazu! Ein Dienstbot’, ein hergelaufenes Weibsbild, das nichts ist und nichts hat, als wie sie geht und steht!“

Der Sohn mochte den Widerstand in einiger Weise erwartet haben, er hielt daher an sich und erwiderte in gemäßigtem Tone: „Hast ja selber erst vor zwei Minuten gesagt, daß ich auf’s Geld nit zu schauen brauch – dafür ist sie brav und ordentlich!“

„Wie kann ich, wie kannst du das wissen?“ zürnte der Alte. „Da gehört mehr dazu, als daß man eine Kuh ordentlich melken und einen Kaser zusammenhalten kann! Weil sie Dir die Augen eingefüllt hat, glaubst du, es müßt’ dem Vater auch so gehen? Und wenn Alles wär’ was nit ist – sie ist eine Fremde, sie ist keine Ramsauerin!“

Mentel sah ihn bedächtig und fragend an. „So was sollst nit sagen, Bühelbauer!“ sagte er. „Wenn’s der Gemeind’ Vorsteher hört, müßtest du dich schämen! Wie lang ist es denn her, daß Du’s selber mitgebracht hast vom Herrn Landrichter, daß es nit gut ist, wenn die Ramsauer alleweil untereinander heirathen?“

„Der gestreng’ Herr,“ entgegnete der Bauer, „kann sagen, was er will, das versteht er nit! Ich hab’ mit dem Herrn Vikari geredt – der hat’s in den alten Büchern gefunden, daß wir Ramsauer ein ganz besonderer Stamm sind und eine ganz extere Abkommenschaft haben! Wir haben Recht, wenn wir zusammenhalten und Niemand hereinlassen – und kurz und gut, ich leid’s einmal nicht! Eine fremde Magd wird niemals meine Schwieger, und dabei bleibt’s!"

Evi war während dieses Gesprächs unbeweglich gestanden, wenn auch ihre funkelnden Augen verriethen, wie sehr sie an demselben Antheil nahm. Mentel’s wiederholte Versuche, sich ihr zu nähern und ihre Hand wieder zu fassen, hatte sie kurz und entschieden zurückgewiesen und stand so kaltblütig entschlossen dem zürnenden Bauer gegenüber, als sie im Scharten-Kaser die ergrimmten Feinde auseinander gebracht hatte.

„Seid Ihr jetzt bald fertig miteinander?“ sagte sie in einem Tone, der sogar von einem spöttischen Anfluge nicht frei war. „Mir kommt’s beinahe vor, als wenn die Sach’ mich auch anging’ und als wenn ich auch was drein zu reden hätt’!“

„Du hast gar nichts zu reden, du … du Verführerin!“ brach der Bauer auf sie los. „Thät’s dir gefallen, dich mit deinem Wanderbündel hereinzusetzen in einen prächtigen Hof? Hast gemeint, du kriegst mich auch so leicht herum, wie meinen Lappen von Sohn?“

„Nimm’ dich in Acht, Bühelbauer,“ erwiderte Evi zitternd, „damit Du nit zu viel redst! Ich soll deine Schwieger werden? Der Mentel will mich heirathen? Eh’ du darüber einen solchen Lärm’ aufschlagst, wär’s doch das Gescheiteste, denk’ ich, daß Du mich fragst, ob es mir recht ist? ob die fremde Dirn’ Deine Schwieger werden mag?“

Der Alte erwiderte nur durch Achselzucken und höhnisches Lachen; Mentel aber trat rasch zu ihr, faßte kräftig ihre widerstrebende Hand und rief feurig: „Sei nit bös’, Evi, daß es noch nit geschehen ist, wie sich’s gehört – das Ganze ist so unverhofft daher ’kommen! Aber ich frag’ dich jetzt, Evi – ich sag’ dir’s vor meinen Eltern, daß ich dich gern hab’, wie man ein Madel nur gern haben kann – daß ich das Wildpretschießen verred’t hab’ um deinetwegen – daß ich kein Glück und keine Freud’ haben werd’ mein Leben lang, wenn du nit mein Weib und meine Bäurin wirst … Da ist meine Hand, Evi! denk’ an den Scharten-Kaser und an den Buschen dort auf meinem Hut – schlag’ ein und gieb mir auf meine ehrliche Frag’ eine fröhliche Antwort!“ [225] Evi’s Wangen glühten, ihre Pulse flogen; der Athem stockte, und der Busen schien das Mieder sprengen zu wollen, dennoch gewann sie es über sich und vermochte gelassen zu antworten. Eine lachende wonnevolle Aussicht, ein Bild voll Liebe und Glück hatte sich wie durch einen Zauberschlag vor ihren Blicken aufgethan, aber sie schloß herzhaft die Augen davor zu und wandte sich von der Lockung ab, nach einer Zukunft hin, eben so reich an düstern und farblosen Tagen der Freudlosigkeit, als die andere Seite von Leben und Sonnenschein schimmerte. „Es ist nicht das erste Mal, daß Du mich so fragst,“ sagte sie, „und ich mein’, ich hab’ Dir schon geantwort’ darauf! Warum soll ich heut’ anders reden, als vorgestern auf dem Scharten-Kaser? Ich sag’ Dir, wie dazumal, Mentel, daß Du Dir das aus dem Sinn schlagen mußt – mit uns Zwei kann’s niemals nichts werden!“

„Red’ nit so, Evi!“ erwiderte zärtlich drängend der Bursche. „Ueberleg’ Dir’s wohl, denn es ist mein Unglück, wenn Du dabei bleibst … aber es ist nit Dein Ernst! Du sagst jetzt nur so, weil Du meinst, Du willst mir einen Verdruß ersparen, oder aus Zorn, weil Du Dich nit aufdringen willst!“

Evi senkte die Augen. „Ich hab’ Dir’s gesagt, wies ist!“ flüsterte sie.

„Wie’s Dir um’s Herz ist? Gewiß und wahrhaftig so? … Ich kann’s nit glauben, Evi … Es ist schon neulich was in Deiner Red’ gewesen und in Deiner Weis’, was mich gemahnt hat: Glaub’ ihr nicht … sie verbirgt’s nur … im Herzensgrund hat sie Dich doch gerad’ so gern, wie Du’ sie. Und jetzt ist es wieder so! Und wenn Du’ auch noch so ein böses Gesicht machst … es ist was in mir, was mir sagt: Glaub’ ihr nit – Almenrausch und Edelweiß die g’hören all’mal z’samm!“

„Du bildst Dir viel ein, Mentel,“ erwiderte sie verwirrt.

Er trat ihr näher, legte den Arm um ihre Hüfte, ohne daß sie es hinderte, und sagte noch herzlicher. „Ich bild’ mir’s nit blos ein, Evi, daß Du mich auch gern hast – ich weiß es gewiß! Inwendig, da in mir drin, hab’ ich’s schon lang gespürt,“ fuhr er zärtlich fort, indeß sie wortlos stand in steigender Verwirrung „… seit heut’ Nacht aber weiß ich’s gewiß …! Wie ich fort bin auf die Pürsch, bin ich an Deiner Kammerthür’ vorbei kommen, Evi … da bin ich einen Augenblick stehen blieben und hab’ Dir eine gute Nacht gewünscht in Gedanken … der Mond hat glöckelhell hereingeschienen auf den Boden – da hab’ ich vor Dein’ Thürgeschwell’ was Weißes liegen seh’n, und wie ich mich gebückt hab’ darnach, ist’s der Zettel da gewesen … Es steht ein Spruch d’rauf: hör’ zu, Evi, ob Du ihn nit kennst!“

Er las, während Evi gluthroth sich in die Lippen biß und mit den Blicken am Boden festgewurzelt schien:

„Hier liegen drei Buchstaben,
Damit will ich Dich begaben:
Der erst’ ist Gold und Edelstein,
Ich will Dich lieben ganz allein;
Der Zweit’ ist Sammt und Seiden,
Will niemals von Dir scheiden;
Der Dritte der heißt Rosenroth –
Ich will Dich lieben bis in’ Tod!“

„– Das ist ein altes Sprüchel –“ stammelte Evi.

„Aber ist es nit von Dir? Hast es nit Du geschrieben? Von Einem von den Weiberleuten im Haus muß es sein – meinst, ich weiß nit, daß keine Andere drunter ist, die so schreiben kann wie Du? – Wirst den Zettel wohl aus Deinem Kasten verstreut haben oder aus Deinem Gebetbüchel! – Red’, ist er nicht für Deinen Schatz?“

„– Und wenn’s so wär’ – warum müßtest gerad’ Du der Schatz sein?“

„Weil in dem einen Eck von dem Zettel,“ sagte der Bursche zärtlich, „Dein Nam’ steht, Evi, und in dem andern – der meinige! Willst es jetzt noch leugnen, Evi …?“

„… Das sind Kindereien …“ sagte sie entschieden, wenn auch etwas unsicher, und machte sich von Mentel frei. Dieser konnte nichts erwidern, denn der Bauer, der inzwischen die Mutter in eine Ecke hineingezogen und zornig in sie hinein geredet hatte, brach wieder los.

„Wie lang soll die Komödie noch dauern?“ rief er. „Es wird doch nichts d’raus in alle Ewigkeit, und wenn Ihr Euch noch so viel Müh’ gebt, mir und Euch selber was weiß zu machen!“

„Hab’ keine Sorg’, Bühelbauer,“ sagte Evi und trat ihm ernst und ruhig einige Schritte näher. „Wenn ich auch keine [226] Ramsauerin bin, sondern nur ein hergelaufenes Weibsbild, so bin ich doch aus dem Lenggries daheim und viel zu stolz, als daß ich mich in ein Haus einbetteln möcht’, wo man mich nit haben will! Und wenn mir das Herz brechen thät’, lieber will ich meiner Lebtag als Dienstbot ’rumfahren mit meinem Wanderbündel, als so heirathen! Ich nehm’ Keinen, Bühelbauer, wenn nicht der Schwiegervater zu mir kommt und mich bitt’, daß ich seinen Sohn nehmen soll! Ja,“ fuhr sie gereizt fort, als der Bauer in spöttisches Lachen ausbrach, „so wie ich jetzt vor Dir steh’, mit aufgehobenen Händen muß er kommen und mich bitten!“

„Da kannst lang’ warten.“ rief der Bauer und lachte noch höhnischer und lauter.

„Das ist meine Sach’ und mein Ernst ist es auch!“ entgegnete Evi rasch. „Also sind wir fertig mit einander, glaub’ ich, und wenn Du mich vor einer Stunde noch so gelobt hast, ist meines Bleibens doch nimmer auf dem Bühelhof und in der Ramsau … also zahl’ mich aus, Bauer, und laß mich in Gottes Nam’ um ein Haus weiter geh’n mit mein’ Wanderbündel!“

„Vater, thu’s nit“ rief Mentel heftig. „Laß’ sie nit geh’n – ich kann die Evi nit lassen, und wenn sie fort muß, lauf’ ich auch auf und davon!“

„So lauf’ zu, Unnutz!“ zürnte der Bauer. „Lauf’ ihr nach, wenn sie Dir mehr ist als Vater und Mutter und Haus und Hof! Hinaus kannst jede Stund’ – ich werd’ Dich nit aufhalten – aber herein kommst Du mir nimmer, so lang ich ein offenes Aug’ hab’! Ich brauch’ Dich nit, Mentel – lauf zu und probir’s, ob Du’s zuwegen bringst ohne mich!“

„Thu’s nit, Mentel,“ sagte Evi und bot ihm die Hand, indem sie ihn mit einem Blicke ansah, wie ihm aus diesen schönen blauen Augen noch keiner begegnet war. „Denk’ an’s vierte Gebot und sei gescheidt! Du wirst es schon verwinden, Mentel – glaub’ mir’s, Du wirst ein viel besseres und schöneres Weib finden. …“

„Und Du, Evi, Du? Du wolltest wirklich fort? Was willst Du anfangen?“

„– Ich will ein ehrlicher Dienstbot’ bleiben und Gott vor Augen haben wie bisher … Was liegt an einem solchen hergelaufenen Weibsbild, wie ich bin!“

Ihre Stimme brach in mühsam zurückgehaltenem Schluchzen; der alte Bauer aber trat fest vor sie hin. Er hielt das landgerichtliche Schreiben in der Hand, das er, wie von einem plötzlichen Einfall überrascht, während der letzten Reden des Paares ergriffen und durchflogen hatte. „Und hab’ ich Dir Unrecht gethan?“ rief er streng. „Bist Du etwan nit, was ich Dich geheißen hab’? Hast Du nit selbst gesagt, Du bist aus dem Lenggries, und heiß’st Du nit Evi?“

„Eva Klostermairin,“ sagte sie ruhig, „das ist mein’ Nam’!“

„Und ein Jahr ungefähr bist bei uns herinnen in der Ramsau – nit wahr? Dann ist es schon richtig … dann will ich Dich nit aufhalten, Mentel,“ fuhr er, gegen diesen gewendet, mit verächtlichem Hohne fort, „dann geh’ nur – kannst Deine saubere Braut gleich hinein begleiten nach Bertelsgaden in’s Landgericht …“

„Vater …“ stammelte der Bursch, und auch Evi blickte entsetzt nach dem Bauer.

„Da in dem Schreiben steht’s,“ sagte dieser. „Es ist ein Befehl vom Landgericht an den Gemeindevorsteher – ich soll ein liederliches Weibsbild aufsuchen, aus dem Lenggries, das vor ungefähr einem Jahr in ihrer Heimath davon gelaufen ist und der Gemeinde ihr Kind auf der Schüssel gelassen hat. … Ich mein’ ich brauch’ mich nit viel anzustrengen mit dem Suchen … das Weibsbild heißt auch Eva Klostermairin. …“

„Mein Bas’l,“ flüsterte Evi in sich hinein, erschrocken und so leise, daß nur sie selber es vernahm.

Mentel hatte es getroffen, wie ein Blitz; mit brechenden Knieen schwankte er dem Tische zu. „Vater,“ rief er, „Du siehst ja, daß das nit sein kann! Das muß eine Irrung sein … solche Namen giebt’s mehr …“

„An einem und demselben Ort? – Aber meinetwegen, sie soll selber reden … Wann sie’s nit ist, die das Landgericht sucht, wird sie sich wohl ausweisen können!“

Evi schwieg und ließ ihren Blick finster und wie vorwurfsvoll von dem einen der Anwesenden zum andern gleiten. Zwischen ihr und Mentel hatte sich eine Kluft geöffnet, die unausfüllbar war, über welche keine Möglichkeit hinüberzutragen vermochte – wie eine Erleuchtung durchzuckte sie der Gedanke, Mentel die unvermeidliche Trennung weniger schmerzlich zu machen, wenn sie diesen Irrthum benützte und seiner unwürdig erschiene … dann war er geborgen für immer, war wieder ausgesöhnt mit Vater und Mutter …

„Red, Evi,“ sagte Mentel vor Aufregung fast keuchend, „mach’ Dich und mich nit unglücklich und red’! Nit meinetwegen, Evi – ich kenn’ Dich ja und leg’ die Hand für Dich in’s Feuer … aber red’, damit die zu Schanden werden, die so was von Dir glauben können! … Bist Du …“

„– Ich bin die Eva Klostermairin …“ sagte sie mit absichtlichem Doppelsinn. Wie besinnungslos taumelte Mentel von ihr hinweg; der Bauer hatte sich an seinen Tisch gesetzt, die Bäuerin hielt das Gesicht mit der Schürze verhüllt; eine schwere lastende Stille trat ein, wie nach einem zerschmetternden Gewitterstreiche Alles angstvoll lauscht und davor zurückbebt, den ganzen Umfang der Zerstörung zu überschauen.

„… Zahl’ sie aus, Bäuerin,“ sagte nach einiger Zeit der Alte, ohne sich umzublicken. „Sie soll fort geh’n in der Still’ – ich will nichts davon wissen, wer sie ist – aus meinem Haus soll sie nit auf’s Landgericht geliefert werden – dem, was ihr gehört, lauft sie doch nicht davon!“

Mentel lag mit Gesicht und Armen unbeweglich über den Tisch gebeugt; nebenan zählte die Frau Evi in klingenden Stücken den Liedlohn vor. „Ich bedank’ mich für Dein’ Dienst, Bühelbäuerin, und für alles Gute, was Du mir gethan hast …“ sagte sie mit schmerzgepreßter Stimme und haschte nach ihrer Hand, um einen Kuß darauf zu drücken. Die Frau zog hastig die Hand zurück und sagte halblaut und abgewendet. „Behüte Dich Gott – mach’ nur, daß Du bald heim kommst zu Deinem verlassenen Kindel …“

Evi eilte schluchzend der Thüre zu; Mentel machte eine Bewegung, als wolle er aufspringen und sie zurückhalten, sank aber im nächsten Augenblick in seine vorige Stellung zurück.

Die Thüre ging auf – und in ihr stand der Gensd’armerie-Brigadier.

„Da haben wir’s,“ sagte der Bauer, ihn erblickend, und flüsterte Evi, die zurückgetreten war, wie entschuldigend zu: „Das ist nit meine Schuld, so hab’ ich’s nit gewollt, daß sie Dich vom Bühelhof wegführen sollen. … Was verschafft uns die Ehr’, Herr Brigadier?“ sagte er dann, während dieser das Zimmer und die Anwesenden überblickte und mit seinem Eintritte zögerte.

„Es thut mir leid,“ erwiderte der Brigadier, „sehr leid, daß ich es sagen muß – aber ich such’ einen Arrestanten!“

„In Gottes Namen!“ sagte der Bauer. „Wenn’s nit anders sein kann, muß man sich d’rein geben!“ Die Bäuerin aber weinte und jammerte über die Schande, die dem Bühelhof widerfuhr.

„Nun,“ sagte der Gensd’arm etwas verwundert, „wenn Ihr es schon wißt …“

„Wir wissen Alles …“

„Dann bin ich um so mehr charmirt, daß Ihr so gefaßt und so resolut seid! Ihr habt auch Recht – vielleicht geht’s besser aus, als man denkt! – Also voran, Mentel – ich hab’ keine Zeit zu verlieren!“

„Was wollt Ihr mit meinem Sohn?“ rief der Bauer, während Mentel betroffen aufsprang. „Dort steht der Arrestant!“

„Die da?“ sagte der Brigadier, das Mädchen musternd. „Hab’ noch keinen Befehl dazu – jetzt bin ich wegen dem Mentel da!“

„Wegen meinem Sohn? Und warum?“

„Habt Ihr nit gesagt, Ihr wißt Alles schon? – Er hat den Jäger-Gaberl gestochen heut Nacht – der liegt draußen am Kniebis auf Leben und Sterben!“

Wie eine Maschine, deren Räderwerk plötzlich abgerissen, klappte der Alte in seinen Stuhl zusammen; die Mutter stand zuckend und noch bleicher als sonst – Mentel fuhr sich wie rasend über Haar und Stirn. „Vater – Mutter,“ schrie er außer sich, „laßt Euch nit erschrecken! Es ist nit wahr – es muß eine Irrung sein – ich bin unschuldig!“

„Das wird sich wohl zeigen,“ entgegnete kaltblütig der Brigadier. „Der Gaberl ist schon verhört worden, weil er wahrscheinlich den Abend nicht mehr erlebt – er hat auf seinen Eid ausgesagt, daß Du ihm heut Nacht begegnet bist in der Wimbach-Klamm und hast ihm den Stich versetzt!“

„Also doch?“ rief der Bauer, der sich wieder zu sammeln begann [227] und wie krampfhaft aufrichtete. „Also bist Du so schlecht und hast mir noch so frech in’s Gesicht gelogen?“"

„Ich bin gewiß und wahrhaftig unschuldig,“ jammerte Mentel, „ich bin mit keinem Fuß hinein gekommen in die Klamm!“

„Das hilft nichts,“ sagte der Brigadier achselzuckend, „es trifft Alles gar gut zusammen. Warum ist Dein Janker zerrissen und Dein Gesicht blutig geschunden – accurat, wie’s der Jäger angegeben hat?“

„Weil ich gestürzt bin – über eine Schneid’ hinunter gestürzt …“ rief Mentel hastig.

Der Brigadier aber fuhr unerschütterlich fort: „Was hast nachher draußen zu thun gehabt in der Nacht? Der Gaberl hat Dich ganz deutlich erkannt, trotz der Finsterniß und trotz Deines geschwärzten Gesichts!“

„… Ich war aber gar nicht geschwärzt!“

„Das kannst leicht sagen. Wirst Dich wohl abgewaschen haben … und woher kommt denn nachher der Ruß – da am Ohr’ und am Backen?“

„Weil ich mich in eine Kohlhütten geflüchtet hab’,“ sagte Mentel tonlos und selbst erliegend unter der Last der Anschuldigungen, denen er nicht zu widerstehen vermochte.

„Sehr charmirt,“ sagte der Brigadier, „wenn Du das beweisen kannst! Jetzt liegt einmal der Verdacht auf Dir, und ich kann Dir nicht verhehlen, daß es schlimm aussieht mit Dir – also mach’ Dich reisefertig; bei Gericht drinnen werden sie’s schon auseinander klauben!“

„Ich gehe nicht,“ rief Mentel wie ein Rasender. „Vater, hilf mir … bei meiner Seel’ und Seligkeit – ich hab’s nit getan!“

„Verschwör’ nit auch noch Dein ewig’s Glück,“ sagte der Bauer abgewendet, „Dein zeitliches hast schon verscherzt und verloren! Geh’ lieber in Dich und leg’ Dich nit auf’s Leugnen, wie die rechten Spitzbuben!“

„Jesus – Maria!“ schrie Mentel wieder, „sag’ das nit, Vater! Stoß Dein’ Sohn nit so von Dir!“

„Ich hab’ keinen Arrestanten zum Sohn,“ sagte der Alte hart, „und keinen, der auf dem Weg ist in’s Zucht…“

„So glaubt mir denn kein Mensch, daß ich unschuldig bin?“ jammerte der Bursche und sank vor der Bäuerin in die Kniee, das Gesicht in ihrem Schooße verbergend. „Du, Mutter – Du kennst mich – Du mußt mir glauben!“

„Wie kann ich denn, wenn Alles gegen Dich zeugt?“ erwiderte sie weineud.

„… Ich glaub’ Dir, Mentel!“ sagte Evi, welche leise hinzugetreten war und ihm die Hand auf die Schulter legte.

Als ob ihn eine Natter berührt hätte, schüttelte er die Hand ab und sprang auf: „Weg von mir, Du Abscheuliche!“ rief er. „Rühr’ mich nit an! Ich bin ein verlorener, ein elender Mensch … aber Du hast mich am elendesten gemacht! Geh’ mir aus dem Weg’, und wenn ich in’s Zuchthaus muß, so will ich ein ehrlicher Kerl bleiben und nichts mit Dir zu thun haben, Du Vagabundin, Du!“

Evi erwiderte nichts, sondern schritt der Thüre zu, während Mentel dem Brigadier zurief: „Gehen wir, Herr Brigadier – ich bin fertig auf dieser Welt!“

Der Gensd’arm hatte seine Brieftasche hervorgezogen und zögerte noch etwas. „Es fehlt nur noch, daß der Vorsteher mir meinen Rapport unterschreibt … aber ich will zum Gemeindspfleger gehen – das wär’ doch zu hart für den Vater …“

„Geben Sie den Zettel her,“ sagte der Bauer, „so lang’ ich Vorsteher bin, thu’ ich meine Schuldigkeit …“

Er unterschrieb mit sicherer Hand und blieb aufrecht stehen, bis der Brigadier mit seinem Gefangenen aus der Stube war. Evi hatte sich schon zuvor unbeachtet hinausgeschlichen. Als die Thüre sich schloß, knickte er schweigend in den Stuhl zusammen; die Mutter tastete wie schwindelnd um sich und glitt neben der Bank zu Boden. „Jetzt ist es aus,“ stöhnte sie, „ganz aus. … Jetzt kannst alle Stund’ gehn, Vater, und kannst mir die Truhen bestellen!“




4. „Die heiligen drei König.“

Mehr als ein halbes Jahr und mit ihm der Winter war vorüber; das sonnige Pfingstfest hatte dessen Macht auch in den innersten Bergthälern gebrochen, und es war erklärlich, warum vor dem Wirthshause „Am Stein“ bei Berchtesgaden so ungewöhnlich viel Gäste versammelt waren und sich im Freien herumtrieben. Die Luft war warm, würzig und mild; der „Stein“, der riesige Felskoloß, welcher das in seinen Schutz geflüchtete Wirthshaus gewaltig überragt, war schon mit Grün bedeckt, denn die herabhängenden Flechten und Moose trieben neue Spitzen, an Weide, Hartriegel und Wildrose brachen frische Blätter auf, und dazwischen hatte der Schlehenstrauch die nackten schwarzen Spitzen über und über mit weißen Blüthen besteckt. Die Wiesen, links vom Hause, über welche man fernhin Dächer und Thürme des Marktfleckens erblickt, leuchteten im saftigsten Rasenschmuck, reichlich verziert mit Primeln und Ranunkeln, Feldnelken und Vergißmeinnicht, die wie verschüttet streckenweise dicht bei einander standen; rechts hoben sich die stattlichen Buchen und Ahornbäume, unter welchen Sitzplätze für die Gäste angebracht waren, und rauschten mit den jung belaubten Kronen lustig ineinander – gegenüber, getrennt durch das jenseit des Sträßchens steil absinkende Thal, richtete sich der hohe Göll breit, ernst und erhaben empor in dem frischen Rasenkleide, das seine Sohle umwallt, mit dem dunklen Waldgürtel, der seine Mitte schürzt, mit dem Schneeschmuck auf der Brust und dem Eisdiadem um die Felsenstirne, das nur manchmal und auch dann nicht völlig der glühenden Julisonne weicht. Zudem war „Freinacht und Tanzmusik“ im Wirthshause, denn es galt die Nachkirchweih’ in dem unscheinbaren, aber baumumrauschten und andachtschauernden Kirchlein, das damals – vor genau vierzig Jahren – noch nicht um eine frostige gothische Capelle vertauscht und als Eigenthum eines Großen der Erde öde gelegt und umzäunt worden war.

An den Tischen unter den Bäumen lebte und schwirrte und summte es wie um einen schwärmenden Bienenstock; aus allen Thälern und von allen Hängen ringsum waren die Bauern herzugewandert, mit Weib und Kind, Burschen und Mädchen in ihrer eigenthümlichen, damals von städtischen Schnitten und Mustern noch weniger entstellten Bergtrachten. Unter den Landleuten fehlten hie und da auch Gruppen von Bewohnern des nahen Marktes nicht, Bürger und Salinen-Arbeiter, die einen freien Abend hatten, Holzschnitzer, die es einmal gewagt, sich von der Werkbank loszuschrauben, und etwa der Oberschreiber vom Rentamt oder Landgericht als Wurzel-Ausläufer des regierenden Beamtenthums. So munter und laut es vor dem Hause zuging, wurde die Fröhlichkeit doch übertroffen und übertönt durch Clarinette und Trompete, die aus den offenen Fentstern des Hauses schmetterten und pfiffen, und vom mürrischen Gerumpel einer Baßgeige unterstützt, es weithin verkündeten, daß das junge Volk sich dort zu den Freuden des Tanzes zusammengefunden.

Zwischen den Zechtischen und Bänken vor dem Hause schritt der Jäger Gaberl im grauen, grünverbrämten Sonntagsrocke mit Stutzen, Jagdtasche und Hirschfänger hin und wieder und spähte mit steigendem Mißmuth ringsum nach einem leeren Platze, um sich niederlassen und auch an dem allgemeinen Vergnügen Theil nehmen zu können. Die Bauern bemerkten ihn und seine Absicht wohl; es wäre auch möglich gewesen, durch Aneinanderrücken ein annehmbares Plätzchen zu gewinnen, aber sie wollten nicht und machten sich’s noch bequemer und breiter als zuvor. Jeder Jäger war ihnen verhaßt: die Jagd war damals noch ein ziemlich allgemeines Vergnügen der Bauern in jenen Gegenden; es war, als ob sie noch eine dunkle Erinnerung aus der Zeit bewahrt hätten, in welcher sie als Herren von Grund und Boden auch den Wildbann geübt, und die strenger gehaltene Ordnung des seit einem Jahrzehnt eingezogenen baierischen Regiments wollte ihnen nach der schwachen Herrschaft nicht einleuchten, die ihnen aus den letzten Jahren der macht- und kraftlos gewordenen gefürsteten Probstei noch in der Erinnerung war. Gegen Gaberl hatte die Abneigung noch einen besonderen Grund; ihm gab man die Schuld, daß der Mentel vom Bühelhofe in der Ramsau, einer der saubersten, kräftigsten und wackersten Burschen der ganzen Landschaft, in Schande und Strafe gerathen war. Man fragte und grübelte nicht viel darüber, ob es mit Recht oder Unrecht geschah, ob Mentel schuldig war oder nicht; selbst alle die kleinen Fehden und Feindschaften zwischen den Burschen der einzelnen Thäler oder Dorfschaften, sonst auf Leben und Tod verfochten, waren vergessen und ruhten eine Weile; das Volk vereinigte seinen Haß gegen den gemeinsamen Feind.

Dem Jäger war diese Stimmung kein Geheimniß, aber sie [228] irrte ihn nicht, und die Abneigung, die man ihm erwies, gab er reichlich zurück; er wandte ihnen hinwieder den Rücken zu und sah sie mit Blicken der Geringschätzung an, die denen ihres Hasses ebenbürtig waren.

„Guten Abend,“ rief ihn einer der Burschen mit spöttischem Seitenblicke an, „es ist recht schad, daß Ihr so spät kommt – vor einer halben Viertelstund’ hätt’s noch Platz genug gegeben, da bei uns!“

„Ich will keinen Platz bei Euch!“ erwiderte Gaberl giftig. „Der Platz, wo Ihr Alle von Rechtswegen hingehört, ist ganz anderswo!“

„Und wo denn nachher?“ rief es grollend entgegen.

„Das sag’ ich Euch, wenn ich einmal besser Zeit habe,“ war die Antwort; „jetzt mag ich nur mit ordentlichen Leuten zu thun haben!“ Damit schritt er dem Ende der Sitzplätze zu, wo unweit der Straße ein kleines Tischchen angebracht war, mehr um den Ueberblick der Gegend zu geben, als um zum Zechtisch zu dienen. Die Bauern sahen ihm grimmig nach und steckten flüsternd die Köpfe zusammen; das Unwetter stand ausgebildet im Luftkreise, aber noch grollte es von ferne und harrte des Augenblicks, sich entladen zu dürfen.

„Mit Verlaub,“ sagte der Jäger zu dem dort allein sitzenden und städtisch gekeideten Gaste. „Da giebt’s wohl noch ein Plätzchen für mich! – Was seh’ ich!“ rief er dann, als der Fremde sich ihm zuwendete und leicht bei Seite rückte. „Der Herr Reinthaler! Sind Sie auch wieder da! Habe Sie ja seit vorigem Herbst nicht mehr gesehen – wissen Sie, seit dem fidelen Abend, wo wir damals im Scharten-Kaser zusammengetroffen sind! Da sieht man’s – Berg und Thal kommen nicht zusammen, aber die Leut’!“

„Ich bin gestern angekommen,“ sagte der Maler, „und will den Sommer in der Schönau zubringen! Die Gegend ist unerschöpflich an Schönheit aller Art!“

„Das wohl,“ entgegnete achselzuckend der Jäger, „die Gegend wär’ schon recht – aber die Leut’, die Leut’, die sind einmal zu schlecht! Wenn ich die Gegend anschaue, kommt mich das Fortgehn auch schwer an, wenn ich aber an die Leute darinnen denke, geh’ ich lieber heut’ als morgen!“

„So wollt Ihr fort?“

„Allerdings. Ich habe heut’ beim Forstmeister in Berchtesgaden meine Abschieds-Aufwartung gemacht, drum bin in solcher Gala. Ich bin hinaus versetzt worden in die Ebene, bin selber Forstwart geworden … es hätte auch nicht mehr gut gethan, mit mir und dem Bauernvolk!“

„Ich glaube das,“ erwiderte der Maler. „Ihr habt es etwas gar scharf angepackt, und wie ich Euch schon bei unerem letzten Zusammentreffen gewarnt habe. … Allzu scharf macht schartig!“

Der Jäger hob eben den frisch gefüllten Maßkrug und blies den Schaum davon hinweg, schielte aber dabei spöttisch nach dem Maler hinüber. „Ja so,“ sagte er, nachdem er getrunken, „das hätt’ ich beinahe vergessen! Sie sind ja auch ein Wilddiebs-Advocat, Einer von denen, die’s den Spitzbuben recht bequem machen wollen und sie mit Pelzhandschuhen anfassen möchten! Sind Sie denn noch der alten Meinung? Ich hab’ wohl Unrecht gethan, daß ich den Kerl hineingebracht habe? Ich hätte wohl fein still halten und mich von ihm abstechen lassen sollen?“

„Ich versteh’ Euch nicht. Ich bin, wie gesagt, gestern angekommen und weiß nicht, was geschehen. Von wem redet Ihr?“

„Von wem sonst, als von dem übermüthigen, fürwitzigen Burschen, mit dem ich schon voriges Jahr im Scharten-Kaser aneinander gerathen bin! Sie waren ja dabei und haben mich zurückgehalten! Ich habs damals schon gewußt, daß er mir noch einmal eingeht – und es ist auch so eingetroffen schon am andern Tag. Mich wundert, wenn in der Stadt nichts von der Geschichte erzählt worden ist – aber wenn Sie’s nit wissen, kann ich’s Ihnen wohl sagen …“

Er erzählte und blies dabei mit sichtbarem Wohlbehagen die Tabakwolken aus seiner Ulmerpfeife vor sich hin. „Er hat freilich geleugnet bis auf den letzten Augenblick,“ schloß er dann, „aber es hat ihm nichts geholfen – die Ueberweisung war allzu stark. Die Schwärzer hatten auf ihn ausgesagt, daß er in der Nähe gewesen, als Wilddieb war er auch bekannt und als ein abgesagter Feind von mir, so hat man nicht viel Federlesen mit ihm gemacht. Es war sein Glück, daß der Stich nicht tiefer gegangen war und daß ich mit acht, neun Wochen Betthüten davon gekommen bin, sonst wär’s ihm an den Kragen gegangen. So ist das Messer abgeglitscht, und er ist davon gekommen mit Zuchthaus auf unbestimmte Zeit!“

„Armer Bursche!“ seufzte Reinthaler. „Das ist ein schlimmer Boden für die an frische freie Luft gewöhnte Bergpflanze! Aber der Fall beweist wieder, wie sehr ich Recht habe … die Furcht vor großer Strafe hat den Burschen in eine noch größere hineingejagt! Armer Bursche,“ wiederholte er und setzte noch betrübter hinzu: „Und armes Mädchen!“ Vor seiner Seele stand das volle Bild des fröhlichen Almerlebens im Scharten-Kaser, und die damals aufgegangene Vermuthung warf ihr Streiflicht darüber. „Wo ist das Mädchen hingekommen?“ fragte er dann.

„Sie meinen wohl die Evi, die Sennerin?“ entgegnete der Jäger mit lauerndem Blick. „Die ist von ihrem Bauern mit Schand’ und Spott fortgejagt worden – sie hat sich auch schlecht ausgeführt … Man redt nicht gern davon!“

„Unbegreiflich!“ sagte Reinthaler mißtrauisch. „Sollte ich mich in diesem Mädchen so sehr betrogen haben? Und wo ist sie jetzt?“

Der lauernde Blick des Jägers wurde noch schärfer. „Stellen Sie sich nicht an, als wenn Sie’s nicht wüßten …“

„Wie sollt’ ich! Muß ich Euch nochmal sagen, daß ich erst gestern angekommen bin?“

„So schauen Sie dorthin!“ sagte Gaberl leise und deutete mit dem Finger unmerklich in das Gedränge. Der Maler verfolgte mit den Augen die eingeschlagene Richtung, und über seine Züge glitt ein flüchtiges Roth, das dem spähenden Jäger nicht entging. „Steht es so?“ brummte er in sich und seinen Krug hinein. „Ist es mir doch schon im Kaser verdächtig vorgekommen – aber weil ich die Fährte einmal habe, will ich sie so wenig wieder verlieren, als mein Schweißhund!“

„Das Mädchen ist noch schöner geworden!“ rief Reinthaler, der inzwischen Evi nicht aus den Augen verloren hatte, wie sie, sich durch das Gedränge windend, dem Schenkmädchen einen Arm voll Krüge nachtrug. „Und wie der grüne Lenggrieser-Hut sie kleidet! Ich brauche eine solche Figur in eins meiner Bilder – ich muß sie begrüßen und anreden, daß sie mir dazu sitzt!“ Er erhob sich rasch und wollte fort, hielt aber flüchtig inne, um noch dem Jäger zuzurufen: „Wir treffen uns wohl wieder?“

„Gewiß,“ erwiderte Gaberl tückisch, „und das vielleicht recht bald!“

Er sah Reinthaler nach, dann stützte er die Ellbogen auf den Tisch und den Kopf darein und sah unbeweglich vor sich hin – dunkle Pläne und Vorsätze jagten durch sein Gemüth wie Wetterwolken durch einen rauhen sonnenlosen Tag. Er bemerke darüber nicht, wie es dämmerte und wie allgemach die meisten Gäste sich verloren, entweder die verschiedenen Wege in ihre Heimat antretend oder sich dem Hause zuwendend, in welchem der Polsterl-Tanz oder der Kaminkehrer getanzt wurde, einer der landesüblichen Scherze, wie sie bei keiner Nachkirchweih fehlen durften. [241] Die Mägde fingen an, die Tische abzuräumen; Evi war darunter und kam in Gaberl’s Nähe.

„Nun,“ rief er ihr sich aufrichtend zu, „Jungfer Kellnerin, oder muß man vielleicht schon Mamsell sagen – gar keine Zeit?“

„Zeit? Zu was?“ fragte Evi, ohne sich irre machen zu lassen.

„Wozu sonst, als zum Plaudern!“

„Wüßt’ nit, was wir Zwei zu plaudern hätten miteinander!“

„Was? Behüt’ Gott sagen wenigstens, wenn’s auch sonst nichts gäbe! Ich geh’ fort!“

„Glück auf den Weg!“

„– Und Du fragst gar nit wohin?“

„Mir ist’s gleich; Dein Weg ist doch nit der mein’!“

„Wer weiß!“ sagte er leiser, da sie eben an den Tisch neben ihn herankam. „Ich komm’ hinaus in die Gegend von Benediktbeuren, das ist nimmer weit von Deiner Heimath von Lenggries!“

„… Ich hab’ nichts zu suchen im Lenggries,“ sagte sie nun muthig und wollte fort, weil ihre Arbeit beendigt war. Er hielt sie am Rocke fest und schlug ein wildes Gelächter auf.

„Man findet oft, was man nicht sucht!“ sagte er. „Weißt, Evi, ich frag’ nichts darnach, was die Leut’ von Dir reden – ich kümmere mich um das nicht, was früher gewesen ist – aber ich begreif’s, daß Du nicht in Deine Heimath zurück willst, und daß Du hier herum in die Länge nicht bleiben kannst, mußt Du spüren, … ich wüßt’ einen Ausweg! – Ich bin Forstwart geworden!“ sagte er näher rückend, als sie schweigend stand. „Ich hab’ mein gutes Auskommen, hab’ ein schönes Häuschen mitten im Wald, in einem grünen Schlag, wo kein Mensch hinkommt und Einem die ganze Welt auf den Buckel steigen kann – nichts geht mir ab drinnen als eine saubere fidele Haushälterin … Was meinst, Evi, das wär’ ein Plätzchen für Dich!“

„Ich muß’ leiden,“ sagte Evi, glühend vor Scham und Entrüstung, „daß Du mir einen solchen Antrag machst! Es wird ja doch wieder einmal eine andere Zeit geben, und ich kann Dir wenigstens drauf sagen, daß ich mir nicht getrauen thät’, mit Dir unter einem Dach zu sein!“

„… Warum?“ fragte er mit funkelnden Augen.

„Weil ich fürchten thät’, es müßt’ heut’ oder morgen einstürzen über dem, der einen unschuldigen Menschen in’s Unglück gebracht hat!“

„Pfeift der Wind aus diesem Loch?“ lachte der Jäger. „Eine saubere Unschuld das! Und wenn er unschuldig wär’, geht’s mich was an? Das Gericht hat ihn verurtheilt!“

„Auf Deine Aussag, daß Du ihn genau und gewiß erkannt hast – auf Dein Zeugniß hin, das Du beschworen hast. … Und Du getraust Dir, allein im Wald zu leben? Fürchtest Du nit, daß er lebendig wird und daß jeder dürre Ast Dir die drei Finger zeigt, mit denen Du Gott zum Zeugen angerufen hast für die Unwahrheit?“

„Wer sagt das?“ fuhr der Jäger auf. „Wer kann das sagen? Wer getraut sich, mir das in’s Gesicht zu behaupten? – Der Mentel ist’s gewesen, sag’ ich, und kein anderer Mensch!“

„Und ich sag’, er ist’s nit gewesen!“ rief Evi sich losmachend. „Beweisen kann ich’s freilich nit, aber die Stund’ wird nit ausbleiben, wo Alles aufkommt!“

Sie eilte fort; Gaberl sah ihr durch die Dunkelheit nach. „Das will ich abwarten, denk’ ich,“ murmelte er. „Also diesmal wär’ ich abgefahren! – Und warum wohl? Weil sie den Mentel wirklich für unschuldig hält? – Bah, wenn es sie auch wurmt, daß sie nicht Bühelbäuerin geworden ist, wie sie sich vielleicht gedacht hat, … das ist vorbei, der kommt nicht mehr heraus aus dem Schlaghäusel … auf den kann sie nimmer rechnen, wegen dem also hat sie mich nicht ausschlagen. – Es muß was Anderes dahinter sein! – Etwa der Maler? Unmöglich wär’s nicht – ich will immerhin meine Augen aufmachen. Daß er so ganz zufällig daher gekommen sein sollte und sich in der Schönau einquartiert, kommt mir ganz sonderbar vor … warum nicht in der Ramsau, wie im vorigen Jahr? Will mir der Farbenklexer auch in’s Gehege kommen? Er soll sich in Acht nehmen, er hat ohnehin etwas bei mir auf dem Kerbholz. … Und wenn sie sich noch so sehr sperrt und spreizt … kein Anderer soll sie haben, so lang ich einen Finger rühren kann; so muß sie zuletzt noch froh sein, wenn ich mich annehme und ihrer erbarme!“

Er nahm Büchse und Ranzen auf und schritt durch die Bäume, unter denen es ganz still und einsam geworden war, dem Hause zu, aus dessen Fenstern rother Lichtschein in die Dämmerung fiel. Die Jungen tobten nach Lust und Kraft oben auf dem Tanzboden aus; die Alten saßen in der Zechstube im Erdgeschoß und hielten sich mit gleichem Eifer an das Ersatzmittel in den Krügen.

Reinthaler war inzwischen noch eine Strecke gegen Berchtesgaden hinaus gegangen, um Abendluft und Abendstille zu genießen und die letzten rothen Lichter an den Felsen des hohen Göll verglimmen zu sehen. Er war in einer ihm selbst unerklärlichen befangenen Stimmung; es war ihm fast feierlich zu Muthe, als sollte irgend ein ernstes unerwartetes Geschick in sein Leben eintreten. [242] Vergebens sann er darüber nach. War es das Wiedersehen der lieben langentbehrten Bergwelt, die den warmherzigen Verehrer und Freund geistig in die Arme preßte? – War es das Wiederfinden jenes eigenthümlichen Mädchens, der Sennerin vom Scharten-Kaser, deren liebliche Züge ihm selbst in den Zerstreuungen der Stadt nicht wieder aus der Seele geschwunden waren? Hatte ihn das Schicksal des armen Burschen so sehr erweicht, mit dem er den heitern Abend in der Almhütte verlebt hatte? Er fand es nicht aus und war eben wieder in der Nähe des Wirthshauses am Stein angekommen, als er an der gegen die Wiesen gewendeten freien Seite desselben eine Gestalt in weißen Hemdärmeln bemerke, in welcher er Evi zu erkennen glaubte. Rasch schlug er den schmalen Wiesenpfad ein und stand, ehe er bemerkt worden war, neben dem Mädchen, das vor einem kleinen Bildstöckchen kniete. Der Stock trug ein roh gemaltes, kaum mehr kenntliches Bild der armen Seelen, die in den Flammen des Fegefeuers sitzend dem Verübergehenden die gerungenen Hände entgegen strecken, um ein Vaterunser zu erbitten als Labsal in ihrer Feuerpein und ihm zum Dank dafür das darunter um einen Todtenkopf angemalte Sprüchlein zuzurufen:

„Ich bin einmal gewesen das, was Du heute bist;
Was ich bin, wirst Du werden – geh’ zu, mein lieber Christ!“

„Grüß Gott, Evi!“ sagte Reinthaler herzlich, während sie sich erhob und mit niedergeschlagenen Augen und beklommener Stimme den Gruß erwiderte. „Ich wollte Dich schon vorhin anreden,“ fuhr er fort, „aber ich habe die Wirthin nach Dir rufen und zanken gehört, und da ich weiß, daß sie ein strenges Commando führt, unterließ ich es, um Dir nicht Verdruß zu bereiten. …“

„Ich bin jetzt fertig mit der Arbeit,“ erwiderte sie, „es ist einen Augenblick Ruh’, d’rum bin ich da heraus und hab’ frische Luft geschöpft. …“

„Und für die armen Seelen gebetet – nicht wahr?“

„Ja wohl,“ rief sie mit ausbrechenden Thränen, „für eine gar arme, arme Seel’! O mein Herr Reinthaler, was ist der Mensch für ein heutiges Geschöpf. … Sie sollten ein Bild malen davon! Wie kurz ist die Zeit, seit Sie bei mir ein’kehrt sind im Scharten-Kaser, und wie hat sich Alles verändert seitdem!“

„Leider ich habe davon gehört. Und auch Dich treffe ich hier, in beschränkten, offenbar nicht angenehmen Verhältnissen und nicht als frische Sennerin auf frischer, grüner Alm?“

„Das ist wohl vorbei für alle Zeit,“ sagte sie traurig. „Ich werd’ wohl da auch nit bleiben und den Weg wieder unter die Füß’ nehmen … vielleicht find’ ich in der Stadt einen Platz, ich hab’ ein weitschichtiges Basl in München. …“

„Und glaubst Du Dir dort zu behagen?“ fragte der Maler, indem er neben Evi dem Hause zuschritt. „Ich hab’ es ganz anders im Sinn. Ich habe bisher das ganze Jahr in der Stadt gelebt; der Besuch der Kunstsammlungen, die Anregung des Umgangs mit Freunden schien mir unentbehrlich, und nur einige Monate brachte ich auf dem Lande zu, meine Naturstudien zu machen. Jetzt habe ich es gerade umgekehrt vor: ich will von nun an ganz auf dem Lande wohnen und bleiben und nur im Winter einige Wochen in die Stadt gehen zu Gallerien und Genossen – ich will mich ganz der Natur an’s Herz werfen, in diesen Bergen leben und mich in ihnen begraben lassen…“

„Da wird’s viel schöne Gemäl’ geben,“ meinte Evi.

„Gott geb’ es. Eines liegt mir sehr am Herzen – es ist der hohe Göll mit diesem Thal bei Sonnenuntergang. Das Bild ist schon fast fertig und ist schuld, daß ich heuer etwas früher kam, als sonst; ich wollte dem großen Künstler da oben erst noch einige Farbentöne ablauschen.“

„Es ist schad’, daß unser Eins das nit zu seh’n bekommt!“

„O, Du kannst es seh’n, Evi! Ich wohne keine Viertelstunde weit, drüben in der Schönau, wo ich mir ein Bauergütchen gekauft habe und mir ein recht freundliches Heim bereiten will. Komm’ nur und besuche mich – ich möchte Dich ohnehin gern malen und Deinen Kopf für ein Bild benützen.“

Evi erwiderte nichts, aber sie schritt hastiger vorwärts. „Du sagst nichts?“ fragte er. „Ich verstehe Dich – mein Antrag hat Dich verletzt; aber sei unbesorgt, Du kannst ohne Scheu zu mir kommen – ich werde heirathen…“

„Da thun Sie Recht daran – ich wünsch’ alles Glück. …“

„Ich glaub’ es und danke Dir. Und Du fragst nicht einmal, wen ich heiraten will?“

„Ich werd’ die Fräule doch nit kennen…“

„Doch – Du kennst sie; es ist kein Fräulein. Ich will auf dem Lande und nur der Natur leben, die ich nachzubilden trachte – in so einfache Verhältnisse paßt keine Städterin mit ihren Ansprüchen. Ich habe mir ein Landmädchen ausgesucht – kurz, ich will Dich heiraten, Evi – wenn Du mich willst!“

Sie blieb stehen und schlug die mächtigen blauen Augen fest zu ihm auf. „Sie sind kein Solcher,“ sagte sie schmerzlich, „der eine Fopperei treibt mit einer so ernsthaften Sach’ … für was soll ich also eine solche Red’ nehmen? Ich bin eine ungelehrte Bauerndirn’, arm wie eine Kirchenmaus, – die man nur so aus Gottes Gnad’ und Barmherzigkeit mit fortkommen laßt … die gar nichts hat, gar nichts – nit einmal ein’ ehrlichen Namen!“

„Dein Stand, Deine einfache Natürlichkeit ist es, was mich zu Dir führt,“ erwiderte Reinthaler. „Deine Armuth kommt nicht in Betracht; was ich verdiene und habe, genügt für Beide … das Andere – was man Dir nachredet, habe ich wohl gehört – aber es stört mich nicht, denn ich glaube es nicht.“

„Ist das wahr?“ rief Evi mit einem Tone, der aus dem tiefsten Herzen kam, und hatte im Augenblick seine beiden Hände zwischen die ihrigen gefaßt. „Ist das wirklich wahr?“

„Gewiß – Deine Augen, Deine Stirne können nicht täuschen und ein beflecktes Bewußtsein bergen! Du selbst bist mir Bürge für Dich! Zeitlebens bin ich bestrebt, die Geheimschrift zu enträthseln, die Gott in seiner ewig herrlichen Natur geschrieben hat, und sollte diese wenigen durchsichtig klaren Züge mißverstehen?“

„O, das thut wohl … das ist wie ein frischer Trunk Wasser …“ stammelte Evi und beugte die weinenden Augen auf die Hände des Malers.

„Und Du willigst ein?“ sagte er, indem er sie sanft an sich zog und einen leichten Kuß auf ihre Stirne drückte. „Du sagst Ja?“

Sie wehrte ihn ab, richtete sich auf und schüttelte den Kopf. „Nein, Herr Reinthaler,“ sagte sie fest, „es wär’ wohl ein großes Glück für mich, ein Glück, wie ich’s gar nit werth bin, – aber ich will gar nit heirathen – ich will ledig bleiben. …“

„Du bist nicht klug,“ erwiderte Reinthaler lächelnd. „Welchen Grund hättest Du dazu? Glaube mir, ich verlange nicht, daß Du gleich Feuer und Flamme sein sollst für mich – aber ich meine, Du sollst gut fahren mit mir und mich lieb gewinnen, wenn Du mich nur erst näher kennst und wenn … das ist allerdings ein bedenkliches Wenn! – wenn Du nicht schon einen Andern lieb hast. … Sei aufrichtig, Mädchen – ist das der Grund?“

„Ich will’s sein,“ sagte sie fest. – „Sie haben’s errathen. …“

„Und dieser Andere? Wirst Du ihm je angehören können? Wirst Du ihn heirathen?“

Evi schüttelte nur den Kopf; reden konnte sie nicht.

„Und dennoch?“

„– Er ist im Elend … er kann mich vielleicht noch einmal brauchen – ich will aushalten bei ihm!“

„Ich verstehe Dich,“ sagte Reinthaler weich, „und danke Dir dafür. …“

„– Und Sie sind mir nit bös derentwegen?“ flüsterte sie durch Thränen.

„Wie könnt’ ich! Ich ehre das schlichte Herz, das zart genug ist, den einen Eindruck, dem es sich geöffnet, für immer zu bewahren. … Komme, was da will, – sei überzeugt, Du wirst immer einen treuen, brüderlichen Freund an mir haben! …“

Schweigend und Hand in Hand erreichten sie das Haus, aus welchem ihnen die Töne eines neubeginnenden Ländlers entgegen schallten. „Wir wollen für heut’ von etwas Anderem, von heitern Dingen reden,“ unterbrach Reinthaler die Stille. „Warum tanzest Du nicht, Evi? Ist das auch gegen die Treue für Deinen unglücklichen Schatz?“

„Mir ist nit tanzerisch,“ sagte sie, „und wenn’s wär’, von den Burschen tanzt Keiner mit mir … Sie wissen ja warum!“

„Dann tanze ich mit Dir.“ rief der Maler, „sie sollen es Alle sehen und sich schämen! Gieb mir Deine Hand, Evi – wenn auch für’s Leben, aber für den Tanz darfst Du sie mir so wenig verweigern, als damals auf dem Scharten-Kaser!“

Mit einem Anfluge seiner sonstigen freundlichen Laune führte er das nur schwach widerstrebende Mädchen die halbdunkle Stiege hinauf in den großen Vorplatz, der trotz holperigen Bodens und niedriger Decke zum Tanzsaale diente. An den weißen Kalkwänden [243] brannten einige Talgkerzen vor schimmernden Blechschilden und reichten eben nothdürftig hin, um den Knäuel der Tanzenden und die kleine vergitterte Erhöhung zu erhellen, auf welcher die Musikanten sich abarbeiteten im Schweiße ihres Angesichts. Die Burschen und Mädchen machten auf Reinthaler’s Ruf dem ankommenden Paare Platz, aber es schien nicht gern zu geschehen; befremdliche Blicke fielen auf dasselbe. Alles steckte die Köpfe zusammen und zischelte. Einem Andern wäre der Zutritt kaum gestattet worden, aber der Maler, der schon seit einigen Jahren in die Gegend kam, war allgemein bekannt; denn damals war ein Maler dort noch etwas Seltenes. Ueberdies war er allgemein beliebt, und das auf Städter doppelt aufmerksame und mit dem Spotte wie der ernsten Rüge gleich bereitwillige Volk wußte nicht das Mindeste davon zu erzählen, daß er in irgend einer Weise Anstoß oder Verdacht erregt habe. Er erfuhr daher keinen Widerspruch, als er den Musikanten ein Geldstück hinwarf und rief: „Laßt mir den Extra-Tanz, Ihr Buben! den nächsten laß’ ich Euch aufspielen! Und schaut mir meine Tänzerin freundlicher an – sie ist ein braves Mädchen, das sag’ ich Euch, und Ihr werdet’s auch noch erfahren!“

Der Tanz begann, die Bauern sahen ruhig zu, wenn sie auch ihre eigenen schmähsüchtigen Gedanken nicht so schnell loswerden konnten. Hinter ihnen aber stand Gaberl und betrachtete das Paar mit zornfunkelnden Blicken; er hatte Evi vermißt, gesucht und dann mit dem verhaßten Maler im vertraulichen Gespräche hinter dem Hause erblickt. Unbemerkt war er ihnen auf der Stiege nachgeschlichen und brütete darüber, wie er seine eifersüchtige Wuth an ihnen auslassen könne. Im Vordrängen kam er mit einem Burschen in etwas unsanfte Berührung; es war derselbe, mit dem er kurz zuvor unter den Bäumen den kleinen Wortwechsel gehabt hatte. „Was will der Grünling da?“ rief der Bursche. „Was hat der unter uns zu thun?“ Das Wort wirke wie der Funke auf lange vorbereiteten dürren Zunder, es hallte von dreißig Kehlen wieder, und im Augenblicke waren die Bursche um den Jäger herum in einander gedrängt und verwickelt, daß er sich nicht zu rühren und zu regen vermochte. „Auseinander, Ihr Kerle!“ rief er. „Oder ich mache mir Luft und steche ein Paar über den Haufen!“ – „Was willst, grüner Lump?“ tobte es ihm entgegen. „Laß Dein Käsmesser stecken und scher’ Dich zum Teufel, wo Du hingehörst!“ – „Nein,“ schrie ein Anderer, „er soll uns zuerst sagen, wo wir hingehören, weil er sich doch unter uns mischt! Er soll sich jetzt die Zeit nehmen und soll uns sagen, wo wir hingehören!“ – „Ja, das soll er, das muß er!“ schrie der Haufen, während einige Aeltere und Besonnenere bemüht waren, die Streitenden zu trennen und den Jäger von den würgenden Händen der Gegner zu befreien. Der Knäuel wälzte sich der Treppe zu, als einer der Rauflustigen mit ein paar Schlägen die Kerzen von den Leuchtern schlug und völliges Dunkel über das Gewirre hereinbrach. Sie war das Zeichen zum allgemeinen zweck- und sinnlosen Kampf. Man sah nur eine ringende Menge, hörte nur das Krachen der abgetretenen Stuhlbeine, das Schmettern der an die Wand fliegenden Krüge, das dumpfe Klatschen schwerer Hiebe und das verworrene Durcheinanderrufen von wuthentbrannten Stimmen.

Reinthaler und Evi waren beim Beginn des Gedränges in eine Beugung des Stiegengeländers getreten, welches einen freien Raum bildete, aus dem eine Thür in ein Gastzimmer führte. „Um Gotteswillen,“ rief der Maler, als sich die dunkle Menge gegen sie heranwälzte, „das wird gefährlich! Sie bringen den Jäger um, wenn man ihn nicht wegbringen kann … Mach’ die Thüre hinter uns auf, Evi … ich reiße ihn heraus und stoße ihn da hinein ...“ Vergebens wollte sie ihn zurückhalten; im entscheidenden Augenblicke war der muthige Mann bereits hinzugesprungen und hatte den Jäger blitzschnell herausgerissen, denn von dieser Seite hatte Niemand Angriff oder Hülfe erwartet. Er drängte ihn in die geöffnete Thüre, nicht ohne Widerstand, weil dieser glaubte oder sich wenigstens so anstellte, als sei es einer seiner Feinde, der ihn umschlungen halte. Er hatte den Hirschfänger gezogen; bei dem schwachen Scheine des Lichtes, mit welchem die schreiende Wirthin von unten herbei kam, sah man das Eisen blinken – ein schwacher Schrei ertönte, und die Thüre flog hinter dem entronnenen Jäger in’s Schloß ...

Das Licht kam herbei und löste augenblicklich die Verwirrung; die Wuth der Kämpfenden war wie mit einem Schlage entflogen und machte dem Jammer und der Trauer Platz. Zwischen Stiegengeländer und Thüre lag der Maler bewußtlos und ein breiter Blutstrom quoll unter seinen Kleidern hervor auf den Boden. Die Bursche brachen bei dem erschütternden Anblick in ein Wehegeschrei aus. „Der gute freundliche Herr!“ riefen sie durcheinander. „Unser Maler, der kein Kind beleidigt hat! Das hat kein anderer Mensch gethan, als der vermaledeite Jäger – wir haben unsere Fäuste und unsere Stecken und höchstens einen ehrlichen Schlagring! Lauft’s ihm nach! Fangt’s den Spitzbuben, den Mörder!“

Im Augenblick eilten Einige die Stiege hinab und umliefen das Haus, Andere drangen in das Zimmer, in das Gaberl sich geflüchtet hatte; sie trafen nichts, als das geöffnete Fenster, durch das er mit keckem Satze entsprungen war.

Der ohnmächtige war indessen in das Zimmer auf’s Bett gebracht worden. „Lauft hinein in den Markt!“ schrie die Wirthin. „Holt den Doctor und das Landgericht und den Herrn Cooperator – der arme Narr stirbt uns unter den Händen! – Muß mir das in meinem Hause passiren! Und Du,“ fuhr sie Eva an, die Reinthaler mit hereingetragen hatte und nun zu Füßen des Bettes stand, den Verwundeten mit erschrockenen thränenlosen Augen anstarrend, „Du machst, daß Du mir je eher je lieber aus dem Haus kommst! Ich hab’s schon von den andern Mägden gehört, daß Du mit dem Maler schön gethan hast und mit dem Jäger! Du willst allen Mannsleuten den Kopf verdrehn – Du bringst überall den Unfrieden hin und Mord und Todschlag!“

Evi erwiderte nichts; sie blieb in der Nähe des Kranken, bis der Arzt kam, und ging mit der Hülfe an die Hand, die sie leisten konnte. Die Untersuchung der Wunde, die den Unterleib getroffen hatte, brachte Reinthaler zum Bewußtsein zurück. Er verbiß den Schmerz, überblickte die Umstehenden und errieth schnell den Zusammenhang der Ereignisse. „Sagen Sie nur offen, wenn es Gefahr hat,“ sagte er zu dem Arzte, „ich möchte mich vom Tode nicht überraschen lassen ...“

„Sie scheinen eine unverdorbene Natur zu haben und gesunde Säfte,“ erwiderte dieser achselzuckend, „die haben schon oft Wunder gewirkt!“

„Auf ein Wunder wollen wir nicht warten,“ sagte Reinthaler mit schwachem Lächeln. „Ich weiß genug … mein großes Bild bleibt unvollendet! Was ist es doch um unsere Hoffnungen und Entwürfe! Sie zerbröckeln und zerfließen wie Ufersand am Wasser! Meine Pläne sind hinter mir … die Sonne meines eigenen Tages neigt sich zum raschen Untergang, und nur die eine Hoffnung wird wahr, – ich werde begraben sein zwischen meinen geliebten Bergen!“

„Sie müssen ruhig sein, Herr,“ unterbrach ihn der Arzt. „solche traurige Gedanken verschlimmern Ihren Zustand.“

„Ich bin nicht traurig,“ sagte er, „ich bin nur ernst, wie es bei der großen Reise ziemt, die ich so plötzlich antreten muß.“

Der Landrichter erschien, um die Aussage des Sterbenden aufzunehmen. Er hatte nur wenig anzugeben, und der Beamte schien damit nicht zufrieden zu sein. „Und dabei bleiben Sie stehen, mein Herr?“ sagte er mit vollster Amtsmiene. „Wollen Sie diese Angabe mit hinübernehmen in die Ewigkeit?“

„Ich bleibe dabei und will es verantworten,“ sagte er. „Es war nicht böse Absicht, es war ein unglücklicher Zufall. Der Jäger hatte den Hirschfänger zu seiner nothwendigen Vertheidigung gezogen –ich riß ihn hinaus und bin in dem Gedränge selbst in die bloße Klinge gerannt ...“

Er unterzeichnete das Protokoll mit erlöschender Kraft; der Beamte schüttelte ihm ernst und schweigend die Hand und ging. In der Thüre erschien der Kaplan mit den Sterbesacramenten, der klingelnde Meßner ihm zur Seite.

„Leben Sie wohl,“ sagte Reinthaler – „Du auch, Evi ... verlaß mich jetzt … ich hab’ es gut mit Dir im Sinne gehabt ... ich habe nur noch kurze Zeit vor mir – die gehört dem höchsten Herrn ...“

Weinend gingen Alle; fast eine Stunde war der Geistliche allein bei dem Leidenden. Als er die Thüre wieder öffnete, war der Maler verschieden. Das Auge, das so treu und liebevoll an Gottes schöner Natur gehangen, war gebrochen, um sich jenseits für die eine ewige Schönheit zu öffnen. ...

Von dem Jäger war nirgends eine Spur zu finden; als man in Evi’s Kammer nachsah, hatte sie ihre Habseligkeiten zusammengepackt und war verschwunden.

Einige Tage später wurde Reinthaler begraben; die ganze Bevölkerung war leidtragend herbeigeströmt; nach der sinnigen Sitte [244] des Berchtesgadner Ländchens wurde er als Junggeselle von Greisen zum Grabe getragen. Sechs alte Männer in blauen Kitteln hatten den Sarg auf den Schultern, die Silberhaare mit frischen Rosen, den Erstlingen des Jahres, bekränzt. Manche Thräne, manches herzliche Gebet wurde dem Jünglinge zu Theil, dem mitten im vollen Leben und Streben eine unerbittliche Hand Einhalt geboten und ihn sammt seinen Entwürfen und Hoffnungen in deren Heimath und Wiege begraben hatte.

Der Kirchhof war längst wieder stille und menschenleer, nur Evi kniete noch am frisch aufgeworfenen Hügel und schien sich nicht losreißen zu können von dem edlen Freundesherzen, das er deckte.

Nach einer Weile trat ein Mädchen zu ihr hin, faßte sie am Arme und sagte leise: „Komm mit, Evi ... es ist Zeit – es ist kein Mensch mehr auf dem Freithof.“

„Es hat auch kein Mensch mehr Ursache zum Weinen und Beten, als ich,“ erwiderte Evi, ohne sich von den Knieen zu erheben.

„Dasselbe ist leider wahr,“ sagte die Mahnerin. „Wie schlecht hab’ ich’s damals auf dem Scharten-Kaser errathen, wie ich Dich mit Deinen drei Schätzen geneckt und Dir das Schnaderhüpfel vorgesungen hab’ von den heiligen drei Königen …! Der Eine ist todt, der Andre ist auf und davon, der Dritte … ach daß Gott erbarm! Komm’ fort von hier, Evi, und sag’, wohin Du willst?“

„Ich weiß selber nit, Kordel – es ist Alles Eins!“

„Ich hab’ mir’s gedacht und bin deswegen herkommen. Wie wär’s, wenn Du mit mir gingst? Es ist das Beste, wenn Du den Leuten eine Zeit lang aus dem Gesicht kommst. Ich hab’s daheim nit ausgehalten in der Ledermühl’, wie’s aber Frühjahr ’worden ist, da bin ich wieder auf den Steinberg auf meine Alm, und daß ich keine Sorg’ hab’ wegen daheim, hab’ ich mein’ guten alten Vater mit hinauf genommen. Wie wär’s, wenn Du mit mir ginst? Meinem Bauern ist’s recht … droben sind wir allein, Evi, mit unserm lieben Herrgott allein und können unser Leidwesen miteinander klagen und tragen!“

Weinend erhob sich Evi, fiel Kordel um den Hals und verließ mit ihr den Kirchhof. Der Abend brach ein, und der hohe Göll, vom Sonnenuntergang beleuchtet, stand allein Wache bei dem einsamen Künstlergrabe.

Bald hatten die Mädchen das Wirthshaus am Stein und rüstig ausschreitend die Schönau hinter sich; hatten sie doch noch ein gutes Stück Weges zurückzulegen, ehe sie die Ramsau erreichten, um dann des andern Tages die Alm in der Nähe des Scharten-Kasers zu besteigen. An der Ecke, ehe der Weg sich in den finstern Tannenwald thalwärts verliert, machten sie einige Augenblicke Rast. Ueber den langgestreckten Stangenzaun hin dehnte sich die reizende Hügelflur, die der gesunde Sinn des Volkes nicht umsonst mit dem Namen der Schönau bezeichnet hat. Wie friedliche grüne Wellen reihten sich die Höhen und Tiefen wiesengrün und saatgelb aneinander; dazwischen Hütten und Höfe, aus denen der Rauch gastlich über die Giebel und Obstbaum-Wipfel emporstieg; dunkelgrüne Schöpfe von Laubbäumen und schwarze Striche von Nadelholz, wie kräftige Schatten in dem lichtvollen Bilde, das breit hingelagert der Untersberg abschloß mit seinen rothen geheimnißvoll schimmernden Marmorklüften. Darüber hin schwebte der ländliche Gesang ferner fröhlicher Menschenstimmen, die Glocken des Weideviehs bimmelten und klangen, und von Berchtesgaden herauf tönten einzelne Schläge verwehten Abendgeläuts.

„Sei wohlgetröst,“ sagte Kordel, die auf dem Zaune Platz genommen hatte, zu ihrer Gefährtin, die ihr zu Füßen auf einem alten Baumstumpf saß und traurig in die verschwimmende Abendglorie hinaussah. „Nimm Dir ein Beispiel an mir, ich hab’ auch Alles schon verloren gegeben, und es ist mir doch noch besser gegangen, als ich gedacht hab’. – Der Quasi ist selbiges Mal mit verdächtig gewesen und eingesperrt worden, da hat er sich auf mich berufen, er könnt nit dabei gewesen sein, er sei in derselben Nacht und um dieselbe Zeit in meiner Kammer gewesen. Seine Cameraden haben es auch überall ausgesprengt, und Du kannst Dir einbilden, was es für mich gewesen ist, wie ich hinein gemüßt hab’ in’s Landgericht, zu der Verhör … ich hab’ aber Alles gesagt, wie’s die lautere Wahrheit ist, zuletzt haben sie’s doch geglaubt, und das Gered’ davon ist auch unter die Leut’ kommen. Dem Quasi ist nichts geschehen, aber ich bin doch los von ihm, denn der Landrichter hat ihm gesagt, ich sei ein ordentliches Mädel und wenn er mich nicht in Ruh lasse, hab’ er es mit ihm zu thun. Seitdem hat er keinen Fuß mehr in die Ledermühl’ gesetzt, und ist fort und vagirt draußen im Land herum, als Hafenbinder, wie ich gehört hab’, und soll immerfort betrunken sein von Branntwein. Nur manchmal kommt er in die Ramsau herein und stellt sich mir unverhofft in den Weg und erschreckt mich aber er ’traut sich nit, mich anzureden. So kann’s bei Dir auch gehn und so wird’s gehn – sie werden auch dahinter kommen, daß Du nit dieselbige bist, die sie in Lenggries suchen …“

„Mir ist’s nit so gut ’worden,“ entgegnete Evi, „mir haben sie nit so leicht geglaubt; der Schreiber hat mich angefahren, das könnt’ eine Jede sagen, und das Leugnen wär’ was Gewöhnlichs bei den – bei denen, wie ich eine wär! Mit Müh’ und Noth hab’ ich’s erbettelt, daß sie mich nit gleich mit Gewalt hinausgeführt haben nach Lenggries … Du weißt schon, wie … die schrecklichen Wörter bring’ ich nit über die Zung’. – Sie haben zuerst hinausgeschrieben und haben meine Angab’ nach Tölz hinaus geschickt, aber es ist keine Antwort zurück ’kommen, und wenn sie da ist, liegt sie am Landgericht und kein Mensch erfahrt’s und ich bring’s meiner Lebtag nimmer an, daß ich …“

„Du mußt es haben, armer Narr, Du hast Dir’s ja selber angethan. Aber es kommt schon noch auf, warum Du’s gethan hast, und wenn der Bühelbauer auch noch so viel herumgeschrieen hat, und hat den Leuten erzählt, warum er Dich Knall und Fall fortgejagt hat … die Leut’ meinen doch in der Still’, es könnt wohl ein bissel anders gewesen sein. Das kommt mir vor, als wenn Du was verlieren thätst in der Ramsau, und der Winter kommt und der Schnee liegt haustief, daß man meint, er wollt’ nie wieder weggehn … es wär’ umsonst, wenn Du Dich plagen wolltest mit Graben und Schaufeln im Schnee und wolltest das Verlorene suchen, aber wenn der Auferstehungstag vorbei ist, da geht er von selbst und schmilzt und verschwind’t, als wenn er nie dagewesen wär’, und was verloren gewesen ist, das liegt offen und frei da im Gras und zwischen den Blümeln …“ [257] Es war schon dunkle Nacht, als die Mädchen die Brücke der tosenden Ach überschritten und an den sausenden Wasserwerken von Ilsang vorüber der Schmiede zueilten, deren rothe Esse von ferne durch Nacht und Bäume schien. Bald war sie erreicht, und Evi hielt an dem Brünnlein daneben, um zu trinken und etwas an ihren Schuhen zu richten, während Kordel einen Blick in das weite feuerbeschienene Rußgewölbe warf, in welchem schwarze Gestalten zwischen Rauch, Ruß und Funken unter dem Brausen der Bälge, dem Schlage der Hämmer und dem Zischen der Feilen abenteuerlich wie Höllengeister durcheinander hantirten und einen wilden lärmenden Gesang ausführten. Sie schauderte im Weiterschreiten, und es war wohl begreiflich, daß sie erschrak, als in der verstärkten Dunkelheit des anstoßenden Bergwaldes zur Seite etwas sich regte und eine dunkle Gestalt aus dem Gebüsch auf die Straße herunter glitt.

„Wer ist da?“ rief Kordel mit ängstlich angehaltenem Athem. „Bist Du’s, Quasi? Was willst, daß Du mir in Weg kommst?“

„Ich will Dir nichts,“ schallte es ihr mit rauhem, heiserem Lachen entgegen. „Der Weg gehört mir so gut wie Dir, was kann ich dafür, wenn ich Dir begegne?“

„Dann geh’ Deiner Weg’ und schleich nit herum wie ein Gespenst ...“

„Ich kann’s nit anders, Kordl,“ tönte die Antwort zurück, wie zuvor. „Ich bin ja ein Gespenst … ich bin Dein böses Gewissen, das umgeht vor Dir! Ich wär’ ein braver ordentlicher Mensch ’worden, wenn Du gewollt hätt’st … wenn ich zu Grund geh’ an Leib’ und Seel’, Du bist schuld daran!“

„Nein,“ entgegnete Kordel beherzt, „Du allein bist schuld. … Lad’ mir von Dir nichts auf; ich hab’ genug zu tragen an meiner eigenen Burd’.“

„Du … Du allein bist schuld!“ rief Quasi wieder und trat etwas vor aus dem Dunkel. „Du hast mich veracht’ von der ersten Zeit an. … Du hast es so weit gebracht, daß ich mich bald selber veracht. …“

„Ich will den Vorwurf nit auf mir haben!“ entgegnete Kordel hastig. „Ich will mich frei machen davon, ganz frei. … Noch ist es zu Allem Zeit, Quasi! Wenn nur ein wahres Fäserl’ an dem ist, was Du sagst – so zeig’s! Thu’ gut! Geh’ in einen ordentlichen Dienst – arbeit’ wie ein redlicher Bauernknecht ... laß den Branntwein sein, Quasi, und mach, daß ich Dich jeden Sonntag richtig in der Kirch’ seh’, in Amt und Predigt … dann komm nach Jahr und Tag wieder … und ich versprech’ Dir, und Du weißt, daß ich Wort halt’ … ich will mein Herz zwingen und will Dich nit von mir weisen. …“

„Nicht noch länger?“ lachte der Verwilderte und sprang in’s Gebüsch, denn der nacheilenden Evi Schritt kam näher. „Ich will mir’s überlegen, Du hoffärtige Bauernprinzessin!“

Erschreckt flogen die Mädchen den dunklen Waldweg zum Kniebis hinan; hinter ihnen hallte Quasi’s Hohngelächter, und ein schwerer Stein, ihnen nachgeschleudert, prasselte auf die Straße. Aengstlich schmiegte sich Kordel an ihre Begleiterin und seufzte. „Alle guten Geister. … Du wirst es sehen, Evi – der Mensch ist doch noch mein Unglück!“ –

– Auf der einsamen Hochalm des Steinbergs verflossen den beiden Cameradinnen fleißige, stille, nicht ganz freudlose Tage. Tag über gab es wenig Muße zum Denken und Trauern, die Arbeit auf der Weide und im Stall verdrängte Alles, und Abends saßen Beide am Heerdfeuer beisammen, ferner Zeiten und Menschen gedenkend. Der alte Müller kauerte ihnen zu Füßen auf einem weichen, eigens bereiteten Lager. Der Unglückliche lebte wieder auf, so weit es möglich war; die reinliche, liebevolle Pflege der Tochter hatte ihm schon den Winter über höchst gedeihlich gethan, jetzt vollendete das sorgenlose Leben in freier Bergluft die karge Heilung. Bewegung und Sprache kehrten zwar nicht wieder, auch die gestörte trübe Seele klärte sich nicht mehr, aber der Zustand war doch im Ganzen gemildert, erträglicher durch die Gewohnheit und dem eines Menschen ähnlicher. Der einzige Lichtstrahl in dem dunklen Gemüthe war die grenzenlose Liebe zu seiner Tochter, der er folgte und anhing mit der Treue und Unzertrennlichkeit des Hundes. Unter Tags hütete er den Kaser oder lag mit den Kühen und Ziegen im hohen duftigen Alpengras, aber er ging nie weiter, als daß er Kordel noch sehen und ihre rufende Stimme ihn noch erreichen konnte.

Eines Tags hatte Evi den Buttervorrath wieder abgetragen und kehrte vom Schwarzeck nach der Alm zurück. Sie hatte den Weg schon oft gemacht, aber lieber einen beträchtlichen Umweg nicht gescheut, um nicht am Bühelhofe vorüber zu müssen. Diesmal war Alles noch auf den Feldern beschäftigt, und sie konnte hoffen, an dem Gehöfte unbemerkt vorüberzukommen, an welchem noch immer Herz und Seele hing. Eben bog sie um die Hausecke in den wohlbekannten Baumgarten, prallte aber erschreckt zurück, denn die Thüre stand offen, und vor derselben saß die kranke Bäuerin im Lehnstuhl, zwischen Kissen gebettet und an die sonnigste Stelle getragen. Evi wollte rasch umkehren, aber die Kranke hatte sie schon bemerkt [258] und winkte und rief ihr zu: „Komm nur her, Evi …“ sagte sie, „ich bin ganz allein – Du brauchst Dich nit zu scheuen vor mir!“

„Ich hab’ nur umkehren wollen,“ sagte Evi nähertretend, „weil ich gemeint hab’, es könnt’ Dir zuwider sein, wenn Du mich siehst – zu scheuen hab’ ich mich vor Niemand auf dem Bühelhof! – Wie geht’s Dir, Bäuerin?“ setzte sie theilnehmend hinzu. „Kannst immer noch nicht genug Atem schöpfen?“

„Schlecht geht’s mir, Evi – schlecht … Du kannst Dir denken, warum!“

„– Es wird wohl besser werden. …“

„Mit mir nimmer, ich spür’s; der Herbst nimmt mich mit und das fallende Laub’ … ich hab’ einmal zu viel ausgestanden! – Du bist ein gutes Leut, Evi, Du tragst es uns gewiß nit nach, was wir Dir zu Leid gethan haben. … Du nimmst gewiß Antheil an dem, was eine arme Mutter ausstehen muß! Wie sie mir den Buben fortgeführt haben aus dem Haus, das ist der Todesstoß gewesen … und wie es gar geheißen hat, daß sie ihn verurtheilt haben und haben ihn hineingefahren in Ketten und Banden nach München in’s … ich kann’s nit sagen, wohin … das war das Allerletzte, und ich kann’s nit begreifen, daß ich noch leb’! Und doch ich spür’s – wenn ich auch keine Kraft mehr hab’ zum Leben, ich kann doch auch nit sterben! Ich wär’ gern zu ihm hinein, eh sie ihn forthaben – aber der Vater hat’s nit erlaubt … und ich kann die Augen nit zumachen, ohne daß ich ihn noch einmal gesehen, ohne daß ich wenigstens gehört hab’ von ihm … Und zu all’ dem muß ich’s hinunter drucken in mich und darf nichts sagen … ich hab’ keine Seel’, der ich’s sagen könnt’, wie mir um’s Herz ist. …“

„Wenn das Dein Kummer ist, Bäuerin,“ erwiderte Evi herzlich, „da kann ich Dir ja vielleicht helfen. …“

„Ja thu’ das, Du gute Evi,“ sagte die Bäuerin eifrig, „führ’ mich in die Stube hinein, dort können wir besser reden miteinander … von meinem Buben, meinem armen Mentel – dort sieht auch keine Seele, und vor einer Stund’ kommt noch Keins vom Feld heim. … O ich hab’ so viel, so Schweres auf dem Herzen … ich will Deine Hand segnen, Evi, wenn Du mir’s leichter machst. …“

Mit liebevoller Sorgfalt geleitete sie die Bäuerin hinein; es war schon Abend, als sie hastig aus dem Hause schlüpfte und den Bergweg hinabeilte.

– Einige Tage später kniete sie in der Au, der Vorstadt von München, vor dem Standbilde des heiligen Johann von Nepomuk, das unter schattenden Bäumen stand. Damals ragte der prachtvolle gothische Dom noch nicht in Mitte einer breiten öden Sandfläche; die Sandfläche war damals üppig grünender Rasen, reich mit Gebüsch und mit Bäumen besetzt, unter denen das unscheinbare Pfarrkirchlein sich bescheiden verbarg. Ein zahlloser lärmender Kinderschwarm spielte im Gras und im Schatten und beachtete die einsame Beterin nicht. Endlich erhob sie sich mit gramvollem Herzen und wandermüden Füßen und schritt durch schmale Gäßchen dem ehemaligen Paulanerkloster zu, das zum Zuchthause umgestaltet war.

Ein unsäglicher Schmerz preßte ihr die Brust zusammen, als sie das ernste Gebäude mit den vielen schwer vergitterten Fenstern erblickte, als sie auf der Bank vor der Thüre einige Gerichtsdiener sitzen sah, den bloßen Säbel in der Hand, ihre ungeheueren Fanghunde neben sich. Sie schwankte, als sie nebenan einige Leute in Sträflingskleidern erblickte, welche an der Straße arbeiten und karren mußten; sie wußte kaum, was sie am Thor vorbrachte, und als die Eingangsglocke dröhnte und sie in der gewölbten düsteren Vorhalle, einem Theile der ehemaligen Kirche, stand, da glaubte auch sie sich verloren und für immer geschieden von der schönen, heiteren, schuldlosen Welt, die draußen leuchtete und sich freute.

Die erbetene Unterredung wurde gewährt.

Bald stand die Arme nebenan in einem kahlen, dürftigen Stübchen und hörte bald mit stockenden Pulsen das Herannahen schwerer klirrender Schritte.

Der Gerichtsdiener öffnete die Thüre – und vor ihr stand eine große Gestalt mit geschorenem Kopf, in grauer Jacke mit dunkelrothem Kragen, einen Eisenring um das Handgelenk, von welchem eine Kette herabhing und mit einem andern Reif am Fußknöchel verbunden war.

Das war Mentel.

Sie hätte ihn nicht wieder erkannt; er war bleich und aufgedunsen, der Mangel gewohnter Bewegung in freier Bergluft, der nagende Gram seiner Seele hatten seine Kraft und Frische gebrochen und ihm den Stempel des Gesängnisses aufgedrückt – sie hätte ihn nicht erkannt, denn ihre Augen verschwammen in Thränen.

Sie sah es nicht, wie eine glühende Röthe über das verkommene Antlitz flog, wie er die verkümmernden Arme nach ihr erhob – wie er auf sie zustürzen und sie umarmen wollte, wie ihn aber das Klirren der eigenen Kette davon zurückschreckte – wie er die Arme erblassend wieder sinken ließ und nichts hervorzubringen vermochte, als: „Evi … Du? Du kommst zu mir?“

Sie faßte sich, trat zu dem Erschütterten und ergriff seine Hand. „Grüß’ Dich Gott, Mentel,“ sagte sie, „ich bin’s wohl – die Mutter schickt mich zu Dir!“

„Du kommst zu mir?“ wiederholte er mit einem Tone, in welchem das tiefste Leid und die höchste Wonne sich umfingen. „Du gute, treue Seel’ … nach Allem, was geschehen ist, kommst Du zu mir?“

„Warum sollt’ ich nit? Du hast mir nichts angethan!“

„Sag’ das nit, Evi … thu’s nit beschönigen,“ rief er schmerzlich; „ich weiß gar wohl, was ich Dir angethan hab’! Aber wenn Du mich gesehen hättest, wie ich so manche Stund’ in der Nacht in meiner Keuchen aufgesessen bin auf meinem Strohsack und hab’ an Dich gedacht und Dich um Verzeihung gebeten … wenn Du gesehen hättest, wie viel blutige Zäher die Woll’ verschluckt hat, die ich hab’ kardätschen müssen … Du hättest mir längst Alles vergeben und vergessen!“

„Ich hab’ Dir nichts zu vergeben,“ erwiderte sie sanft, „aber von Deiner Mutter hab ich Dir zu erzählen. …“

„Von meiner Mutter!“ stöhnte der Sträfling und sank auf einen Stuhl, die Hände vor’s Gesicht schlagend. „Wie geht’s ihr? … Wie ist’s mit dem Vater?“

„Der Vater weiß nichts davon, daß ich da bin … der Mutter geht’s, wie Du Dir’s denken kannst … sie ist schwer krank … sie sieht das Laub wohl nit wieder fallen …“

Mentel weinte noch bitterlicher zwischen den festgeschlossenen klirrenden Händen hervor.

„Du sollst Dich d’rum nit kränken, laßt sie Dir sagen… es war ihr ja schon gar lang so letz – sie ist hergericht’ für die Ewigkeit und hat nur noch eine einzige Sorg’ auf dem Herzen – die Sorg’ wegen Deiner!“

„… Red’ …“ sagte Mentel dumpf und erhob das thränenüberströmte Kummergesicht.

„Sie kann nit leben und kann nit sterben,“ rief Evi nähertretend, „d’rum hat sie mir angeschafft, ich soll zu Dir gehen und soll Dich nochmal fragen, auf Dein Gewissen und auf Deine Seel’ und Seligkeit, ob Du wirklich unschuldig bist?“

Mentel stand auf und hob die gefesselte Hand wie schwörend zum Himmel, während er die andere auf die Brust legte. … „Ich bin’s,“ sagte er ruhig und ernst.

„Sie geht bald ein in die Ewigkeit,“ fuhr Evi fort, „dann sieht sie vom Himmel herunter in Dein Herz, ob Du sie nit mit einer Lüg’ hinübergeschickt hast. … Bist Du unschuldig, Mentel?“

„Ja!“ rief er feurig und fest, und Evi ergriff seine Hand, als wollte sie ihm beteuern, daß sie nie daran gezweifelt.

„Dann stirbt sie getröst’,“ sagte sie, „sie weiß ja, daß sie Dich wiedersieht im Himmel. …“

„Und das bald, Evi, bald!“ rief der Bursche in ausbrechendem Schmerz. „Das Leben da herinnen bringt mich um … sie wird in der Ewigkeit nit lang warten dürfen auf mich! … O Evi, Evi,“ schluchzte er, „es ist hart, es ist bitterhart, eine so schreckliche Straf’ leiden müssen und noch dazu unschuldig!“

„Die Mutter schickt Dir das kleine Kreuzel da,“ sagte Evi, und auch ihr begann die Stimme in Rührung zu brechen. „Du sollst unsern Heiland anschaun, den Herrn Jesum, den sie auch unschuldig an’s Kreuz geschlagen haben … Du sollst ihm Dein Leiden aufopfern, sollst sie und Dich und mich zu ihm hinhängen an’s Kreuz … damit Du Dich trösten kannst.“

„Ich kann’s nit,“ murrte er dumpf, „– ich halt’ es nit aus. …“

„Du kannst, Mentel – ich bring’ Dir den Segen Deiner Mutter – mit dem kannst Du’s!“

Wie unwillkürlich sank der Bursche in’s Knie; sie legte ihm die bebende Hand auf das verstümmelte Lockenhaar. „Denk’ es ist Deine Mutter, die Dir die Hand auf’s Haupt legt,“ flüsterte sie, [259] „sie segnet Dich und will beten für Dich am Thron Gottes, daß er Deine Unschuld an’s Licht kommen läßt.…“

Der Gerichtsdiener rasselte mahnend mit dem Säbel. Mentel faßte die niedergleitende Hand des Mädchens und drückte sie knieend an die Lippen. „Und von Dir selber sagst mir gar nichts?“ fragte er. „Nit ein einzig’s Wörtl, Evi?“

„– Was sollt’ ich Dir sagen. …“

„Was? Das Einzige nochmal, daß Du mir verziehen hast – das Einzige, um was ich Dich gefragt hab’, wie wir uns das letzte Mal gesehen haben … weißt Du’s noch? – Sag’, ob ich Recht gehabt hab’ dazumal?“

„… Wenn’s Dir eine Freud’ machen kann in Deinem Unglück,“ sagte Evi erröthend und richtete die treuen blauen Augen so recht innig auf ihn. … „Ja, Du hast Recht gehabt … ich trag’ Dein Edelweiß noch auf meinem Hut. …“

„Aber der Almenrausch ist lang abgefallen und verdorrt seitdem,“ sagte er traurig und doch entzückt … „es hat nit anders sein können … aber jetzt hab’ ich doch wieder Hoffnung, denn ich weiß, er blüht wieder auf’s Jahr, und Almenrausch und Edelweiß, die gehören dennerst (dennoch) z’samm’!“

Ein erste Umarmung – ein letzter Kuß – dann stand Evi wieder vor der Thüre des Zuchthauses und wanderte, ohne sich Rast zu gönnen, den Bergweg hinauf, der nach den ferne blauenden Gebirgen führt.



5. Noch einmal auf dem Scharten-Kaser.

Seitwärts vom Scharten-Kaser senken sich rasche Vertiefungen und Schluchten nieder, durch welche einst der Bergsturz sich den zermalmenden Weg gebahnt hat. Unregelmäßig liegen die Felsblöcke in wüstem Gewirre durcheinander, bald wie mächtige Leichensteine auf Grabhügeln, bald wie umgestürzte Burgen und Häuser, hier aneinander gelagert, dort sich bedeckend und überschoben, daß sie Risse, Höhlen und Winkel bilden, in denen der Bergrabe nistet und der Fuchs seinen Bau gräbt. Moos und Flechten sind darüber gewachsen und bilden mit der schwachen Erdschicht einen weichen Ueberzug, üppig schwellenden Polstern vergleichbar; mächtige Tannen ragen daraus empor, die ihre Wurzeln gleich sehnigen Armen um die Felsen spannen oder in dieselben treiben, wie Klammern und Keile, um sich daran zu halten. Es sind gewaltige Bäume mit graugrünen Moosbärten behangen, mit zerrissener Rinde um die Stämme, deren Narben von mehr als einem Jahrhundert erzählen, das sie aus dem verwitternden Bergschutt erstehen ließ. Durch diese grüne, dunkle, harzduftige Wildniß windet sich nur ein schmaler, einsamer Waldpfad, der Hirten und Jäger in das stille Geröhricht führt, das am linken Ufer des Hintersees rauscht. Hoch darüber an sammtgrünen, saftstrotzenden Hängen stehen einzelne zerstreute Bauernhäuser, und auf sie schauen aus noch höhern grasigen Blößen und Thälern die Almhütten herab, darunter auch die von Kordel’s Dienstbauern. Weiter vorwärts liegt der Scharten-Kaser, weit genug, daß der beste Stutzen seine Kugel nicht bis dahin zu tragen vermöchte, und doch so nahe, daß Gesang und Zuruf der nachbarlichen Sennerinnen deutlich hinüber reicht.

Auf den Steinen, wo im vorigen Jahre Evi allein gesessen war und in den Herbstabend hinaus jodelnd den Wiederhall geprüft hatte, saß sie wieder und Kordel ihr zur Seite. Der Sommeraufenthalt auf dem einsamen Steinberg hatte die Freundschaft der beiden Mädchen noch inniger gemacht; man sah ihnen an, daß sie Schicksals- und Leidensgefährtinnen waren sie ähnelten sich noch mehr, als sie vor einem Jahre sich geglichen. Evi’s kräftiges, fast keckes Wesen war etwas gemildert, die Farbe der Wangen und der Glanz der Augen waren verblichen vor dem strengen Lufthauch des Kummers; dagegen lag um Kordel eine höhere Frische, ihr Antlitz schien sich fast rosig röthen zu wollen, und statt der etwas gewaltsamen Lustigkeit blühte arglos ruhige Heiterkeit um die feinen Lippen auf. Sie sangen wieder wie im letzten Herbst, und der Gesang ließ erkennen, daß sie nicht blos äußerlich eingeübt, sondern auch innerlich zusammengestimmt waren.

„Und wenn der Auswärts wiederkommt,
Wo werd ich nachher sein?“

wiederholte Evi nachsinnend, als sie geendet hatten. „Es ist so viel anders worden – aber das Gesangel und die Frag’ gilt heuer wie ferten!“ (Im vorigen Jahr.)

„Das wollen wir dem lieben Herrgott überlassen.“ sagte Kordel und legte ihr die Hand auf die Schultern. „Es ist doch auch Vieles besser worden, wie ferten! Was hab’ ich selbiges Mal für eine Sorg’ gehabt auf daheim und auf den langen, langen Winter, und wie freu’ ich mich heuer drauf! Du, die mir die allerliebste Cameradin ist, Du bleibst bei mir in der Ledermühl’; was wollen wir da arbeiten und spinnen und zusammen singen und einander trösten, wenns Noth thut – so wie jetzt,“ fügte sie hinzu und fuhr ihr mit der verkehrten Hand über die Augen, „wenn so wie jetzt das Wasser heraussteigt durch die Fenster! Wer weiß, ob nit bis über’s Jahr der Mentel wieder da ist und auf dem Bühelhof als Bauer haust und eine Gewisse, die ich nit nennen will, als Bäurin neben ihm! Wer weiß, ob nit schon in dem Augenblick ein Engel die Hand ausstreckt und das Gewölk, das vor seiner Unschuld liegt, wegzieht – wie man einen Vorhang wegzieht? Wer weiß, ob’s nit das Gewölk ist, das dort so weiß über die Scharten hereinschaut?“

Evi sah sie befremdet an, denn in ihren Augen leuchtete ein eigenthümliches Feuer auf; dann blickte sie nach der bezeichneten Wolke und sagte lächelnd: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich, und ich wollt’s hoffen und wünschen, aber ich mein’, das Gewölk dort bedeut’ gar nichts Anderes, als daß wir Zeit haben, uns auf den Weg zu machen – denn das sieht mir ganz wie Schnee aus!“

„Es ist nit so gefährlich,“ erwiderte Kordel, „das kommt nit zu uns: der Wind jagt Alles in’s Pinzgau hinein; wir haben immer noch so viel Zeit, daß wir Eins singen können miteinander ... es ist doch wohl das Letzte, das mir Zwei auf der Alm miteinander singen!“

„Für heuer!“ sagte Evi, und ohne Verabredung, nur von der Uebereinstimmung der Gemüther geleitet, setzten Beide zum Gesange ein. Es war das Lied von dem unglücklichen Liebespaar, dem es nicht bestimmt mar, „zusammen“ zu kommen. Der letzte Absatz war erreicht, und die Mädchen begannen:

„Und Aepfelblüh’ und Weichselblüh’
Wachst niemals auf Ein’ Stamm –“

aber statt der Schlußverse mit der allgemeinen traurigen Bemerkung, sang Evi jene Zeilen, welche Mentel im Herbste zuvor aus dem Stegreif hinzugedichtet hatte. Sie kamen ihr unwillkürlich auf die Zunge, weil sie ihr fortwährend im Sinne lagen:

„Aber Almenrausch und Edelweiß,
Die g’hören dennerst z’samm’!“

Kordel hatte wohl mitgesungen, aber die Freundin befremdet betrachtet. „So heißt’s nit,“ sagte sie lachend, „aber wenn Du mich zum Trutzsingen herausfordern willst, laß’ ich mich auch nit spotten!“ Und nach der Regel an den Schlußgedanken der Vorsängerin anbindend, sang sie:

„Und Almenrausch und Edelweiß,
Das giebt ein’ schönen Strauß.
Und was ein’ Menschen beschaffen ist,
Das bleibt ihm niemals aus!“

„Aber jetzt mein’ ich auch, daß es Zeit ist zum Gehn,“ fuhr sie unmittelbar nach dem letzten Tone und aufspringend fort. „Es ist ein ziemlicher Weg bis hinunter in die Ramsau und dann wieder den Lattenberg hinauf – wir wollen geh’n und Alles herrichten – indessen wird wohl auch der Bub’ mit den Geißen zurückkommen!“

Schweigend eilten die Mädchen der Alm zu, um in Hütte und Stall noch Alles zu bereiten, was zur Abfahrt nöthig ist, oder vielmehr das längst Bereitete noch einmal zu überblicken und zu prüfen. Es war Alles nach Wunsch und Gebühr, und die Sennerinnen konnten jeden Augenblick aufbrechen, aber noch immer war der Hütbube, der die Aufsicht auf die Ziegen hatte, mit diesen noch nicht zurückgekommen. Die Thiere schienen zu wissen, daß die Zeit ihrer Freiheit zu Ende gehe, und hatten sich so ungewöhnlich weit verstiegen, daß der Bub schon länger als eine Stunde darauf aus war, sie zu suchen. Viertelstunde um Viertelstunde verstrich, ohne daß der Erwartete kam, und die Abfahrt konnte nicht länger verschoben werden, wollte man nicht mit dem Vieh, das ohnehin nur langsam von der Stelle kam, in die Mittagshitze gerathen. Endlich wurde beschlossen, Evi sollte mit der Heerde voranziehen und Kordel gegen Abend mit dem Buben, der inzwischen wohl eintreffen werde, nachkommen. Das Vieh wurde herausgelassen und mit Kränzen und Glocken behängt, während das nun entbehrlich gewordene bewegliche Hausgeräth in eine Kraxe (Rückenkorb) zusammengepackt und einem tüchtigen jungen Stiere als Bürde aufgeladen wurde. Die Thiere schienen sich in dem Schmucke zu gefallen, [260] denn sie streckten die sehnigen Nacken und schüttelten fröhlich brüllend die Köpfe, als prüften sie, ob die bunten Kränze auch fest säßen. Der alte blöde Müller kroch von dem Einen zum Andern und betastete mit wohlgefälligem Brummen die Kränze und stieß die Glocken an, daß sie noch stärker schwangen und klangen.

Es war kein Grund des Verweilens mehr gegeben; wie die Mädchen auch zögerten, es mußte Abschied genommen werden. „So geh’ denn in Gottes Namen zu,“ sagte Kordel und bot Evi die Hand, „bis zum Abend komm’ ich auch nach. Den Vater nimmst Du mit Dir – er ist bei Dir so gut aufgehoben, wie bei mir – die kleine Kalbin laß mir da, sie lauft am liebsten mit mir, seit die Alte verkauft worden ist, und ich hab ihr einen besondern schönen Kranz gebunden...“

„Ich weiß nit, wie mir ist.“ erwiderte Evi, die Hand der Freundin fest haltend, „aber ich hab’ eine ganz eigene Bangigkeit in mir und kann mir selber nit sagen, warum. Wie wär’s, wenn ich auch noch bleiben thät? Wenn wir doch miteinander abtrieben?“

„Es geht nit – was würd’ sich der Bauer denken, wenn zur angesagten Zeit das Almvieh nit da wär? Das gäb’ einen schiechen (wüsten) Lärm, von dem ich nichts wissen möcht’! Sei wohl getröst, Evi – was soll mir denn geschehen?“

„Ich weiß nit – aber mir gefallt halt das Wetter nit.… der Wind springt alle Fingerlang um und ist so flauderisch. …“

„Mach’ Dir nit selber Flausen in Kopf!“ lachte Kordel. „Treib’ ab und sorg, daß Ihr gut heimkommt, alle miteinander – bis im Abend bin ich auch schon dort, wohin ich gehör’!“

Evi konnte nichts einwenden; sie bekreuzte sich, trieb das Vieh an und rief ihm zu – unter Glockenklingen und lustigem Gebrüll setzte die Heerde sich in Bewegung. Kordel blieb unter der Thür der Almhütte stehen und juchzte den Scheidenden nach. Mit einem Male aber gewahrte der Alte, daß sie zurückblieb, und war, so schnell er vermochte, zu ihren Füßen, um sie am Rocke zu zerren und brummend zum Mitgehen zu veranlassen. „B’hüt Dich Gott, Vater,“ sagte sie schmeichelnd, „geh’ nur mit der Evi, ich komm’ gleich nach – die Evi sorgt für Dich und giebt auf Dich Acht, gerad’ wie ich selber – nit wahr?“ fuhr sie herzlich fort, indem sie Evi, die wegen des Müllers zurückgelaufen war, die Hand reichte. Diese drückte sie ihr schweigend und ging mit dem Alten, der ihr nur ungern und wider Willen zu folgen schien und oft anhielt, um nach seinem Liebling umzusehen.

Kordel lehnte unter der Sennhütte, bis der ganze Zug um die Bergschneide verschwunden war. „Es ist g’spaßig,“ sagte sie dann halb vor sich hin, „es kommt mich schier auch hart an, daß sie gehen und daß ich so ganz allein bin aus dem weiten Gebirg … Ganz allein!“ fuhr sie fort, indem sie nach den umliegenden zerstreuten Almen hinüber sah. „Es haben Alle schon abgetrieben! Wenn ich länger dableiben müßt’ als bis zum Abend, es könnt’ mir ganz scheusam werden in der Verlassenheit … Wo nur der Bub’ mit den Geißen so lang bleibt. …“

Geblök vom Stalle her brachte sie auf andere Gedanken. „Die Kalbin röhrt,“ sagte sie, „sie hört die andern gehen und hat Zeitlang darnach … muß doch nach ihr umschauen. …“

Die Umschau war keine erfreuliche; das Thier lag in der Streu und stieß klägliche Töne aus, aber, wie das Mädchen bald erkannte, nicht aus Verlangen nach den abziehenden Gefährten, sondern aus Krankheit und Schmerz. Die geübte Pflegerin sah sogleich, daß es schlimm stand; das Thier mußte offenbar mit dem Futter etwas Ungehöriges verschlungen haben, was es unfähig machte, sich zu erheben. „Jetzt ist es gut, daß ich Dich da behalten hab’,“ sagte sie die Kalbin streichelnd, „wenn uns das unterwegs aufgestoßen wär, wär’s noch schlimmer … ich will Dir gleich einen Trank kochen, der Dir wieder aufhilft. …“

Bald stand sie am Heerde und machte so emsig Feuer an, daß sie darüber gar nicht bemerke, wie eine verrissene, schmutzig aussehende Gestalt, die bald nach Evi’s Entfernung hinter den Felsblöcken bei der Hütte hervorgekrochen war, behutsam an diese heranschlich und, sich auf den Zehen emporhebend, durch das keine Fensterchen hineinsah. Jetzt erst gewahrte Kordel, daß etwas vom Fenster weghuschte, und sprang beherzt der Thüre zu. „Wer ist da?“ rief sie. „Wer schleicht da herum um meinen Kaser? Ah, Du bist’s, Quasi!“ setzte sie zurücktretend hinzu und ließ den Bergstock sinken, den sie wie zur Vertheidigung ergrissen hatte. „Traust Du Dir auch wieder herein in die Ramsau?“

„Versteht sich,“ erwiderte der Bursche keck, „muß doch zeigen, daß ich auch noch auf der Welt bin! Brauchst aber kein so fuchswildes Gesicht zu machen, Kordel, daß ich zu Dir komm’ … solltest Dich eher dafür bedanken! Ich bin Eurem Geißbuben begegnet – die Geiß’ haben sich verstiegen gehabt bis in die schwarze Leiten hinüber – er ist gleich den Graben hinunter, weil er sonst einen Umweg von ein paar Stunden machen müßt, bis er wieder da heraus käm’ … er laßt Dir sagen, er sei schon unterwegs, und Ihr sollt Euch nit aufhalten lassen wegen seiner. …“

„So weit hat das Vieh sich verstiegen?“ erwiderte Kordel, indem sie den Burschen argwöhnisch betrachtete. „Das ist ja sonst gar sein Brauch nit – das muß uns Jemand absichtlich versprengt haben! Meinst es nit auch, Quasi?“

„Ich mein’ nur,“ sagte er, ihrem Blick ausweichend, „daß es wohl ein Vergelt’s Gott verdienen thät’, daß ich da herauf gekraxelt bin, um Dir die Botschaft zu bringen … aber behalt’s, Kordel, wenn’s Dich so hart ankommt – ich bin jetzt einmal da, wir sind allein miteinander – jetzt möcht’ ich einmal richtig erfahren, wie es denn ist mit uns Zweien.“

„Das kannst lang wissen,“ sagte Kordel kurz und wieder am Heerde beschäftigt.

„Ich wohl,“ erwiderte er lauernd, „aber ob Du es auch noch weißt? Ob Du noch daran denkst, wie Du mir begegnet bist, selbiges Mal – von Bertelsgaden herein?“

„Warum nicht?“

„Du hast gesagt – wenn ich ein Jahr lang gut thun und in Dienst gehen wollt’ und wollt’ den Branntwein lassen … dann sollt’s wieder sein zwischen uns, wie vor und eh’ … Ich hab’s nit vergessen, Kordel! – Zuerst hab’ ich darüber gelacht und bin wüthig gewesen über Dich und Deinen Stolz und bin hinaus in die Ebne’t und bin mit dem Kastel über der Achsel und mit dem Draht herumgezogen im Land … aber es hat mir keine Ruh’ gelassen. Immer wieder ist mir Deine Red’ eingefallen und zuletzt. …“ Er hielt einen Augenblick inne, als ob es ihn Ueberwindung koste, das auszusprechen, was ihm auf der Zunge saß. … „Zuletzt“ sagte er wie beschämt und doch unwillig über diese Scham, „zuletzt hab’ ich mir vorgenommen, ich will – thun, was Du verlangst...“

Kordel blickte ihn an; in ihrem Blicke lag die Ueberraschung wegen dieses Entschlusses mit dem Unglauben an seine Ausführung gepaart. Quasi verstand den Blick und rief hastig, eh’ sie etwas erwidern konnte: „Ich weiß, was Du Dir denkst! Du glaubst es nit, daß ich das will – Du haltst es für ganz unmöglich, daß ich das könnt’; so schlecht komm’ ich Dir vor, daß Du meinst, an mir ist doch Chrisam und Tauf’ verloren! Gesteh’s ein, Du hast das selbiges Mal nur deswegen gesagt – weil Du gedacht hast, so bringst mich am Ersten an … denn was Du verlangst, das geschieht doch niemals …“

„Das ist nit wahr,“ sagte Kordel ruhig, „das hab’ ich nit gedacht – und denk’s noch nit … Zum Umkehren ist es niemals zu spät. …“

[273] Quasi ließ den funkelnden Blick wie durchbohrend auf Kordel haften. „Wenn ich Dir nur in’s Herz sehen könnt’!“ knirschte er. „Wenn ich wüßt’, daß es Dein Ernst wär’ … Du solltest schon sehen, ob der Quasi Wort halten kann! – Ich hab’ Dir’s geschworen, Kordel, und wenn meine Schand’ so tief wär’ wie der Hintersee, ich will Dich mit mir hinunterreißen bis auf den Grund … ich könnt’s vergessen, Kordel, wenn ich nit fürchten müßt’, daß Dein’ Falschheit so tief ist, wie meine Schand’ … Kordel, wenn ich Dich jetzt beim Wort nehmen thät’ …“

„Thu’s!“ rief sie rasch, aber noch rascher folgte Quasi’s Erwiderung.

„Ich hab’s schon gethan!“ sagte er, der Betroffenen näher tretend. „Deswegen bin ich wieder in der Ramsau – ich geh’ in Dienst: es ist Alles schon in Ordnung mit dem Hartelbauern … seit sechs Wochen hab’ ich keinen Tropfen Branntwein über die Lippen gebracht. …“

Kordel war zu überrascht, um sogleich eine genügende Antwort zu finden. „Das wird nur Dein eigener Nutzen sein …“ sagte sie halblaut.

„Mein Nutzen?“ rief er wild. „Auf den kommt’s nit an! Meinst Du, was ich thu’, ich thu’s meinetwegen? Deinetwegen geschieht’s! Dich will ich demüthig sehen – will Dich dahin bringen, daß Du Wort halten mußt, und dann vor mir stehst und Deine Lüg’ eingestehen und Dich schämen mußt … vor mir, vor dem schlechten Burschen schämen. …“

„– Das erlebst nit …“ erwiderte Kordel gefaßt.

„So beweise mir’s!“ rief er heftiger. „Ich hab’ schon angefangen, Dir den Willen zu thun … gieb Du auch nach! Morgen ist Sonntag … ich will in die Kirch’, in Amt und Predigt gehen. … Wenn dann die Burschen draußen vor der Freithofthür stehen und beim Herausgehen mit den Mädeln reden … versprich mir, daß ich Dich anreden darf. …“

„Nein. …“

„So leid’s wenigstens, daß ich Dich grüß’! Versprich mir, daß Du mir danken, daß Du Dich nit abwenden willst. …“

„Nein –“

„Nein?“ schrie Quasi losbrechend. „Und Du willst mir weiß machen, daß es Dir Ernst ist mit Dein’ Versprechen? Du willst, ich soll der Narr sein und Dir glauben? Auf was sollt’ ich mich verlassen dabei?“

„Auf mein Wort.“

„Da verlass’ ich mich lieber auf mich selbst!“ rief er wieder „Was brauch’ ich auch all das Zeug’ und das Warten und die Schererei! Jetzt bist wieder allein mit mir… weit und breit ist keine lebendige Seel’; jetzt bin ich sicher, daß der verrückte Alte mir nit in den Weg kommt. … Auf wen willst Du jetzt Dich verlassen?“

Kordel erwiderte kein Wort, aber sie deutete gen Himmel, und wie eine Antwort von dort fuhr auf einmal ein Windstoß um die Hütte, daß die Läden schlugen und vom steinbeschwerten Dache die Schindeln flogen.

„Was ist das?“ rief Quasi erschrocken und riß die Thür auf, die der Sturm ebenfalls zugeworfen hatte. Der ganze Himmel war mit schwarzem Gewölk bedeckt, das vom Winde gejagt in die Berge hereinflog und ihre ruhigen Häupter verhüllte. „Das bedeutet nichts Gutes!“ fuhr er fort. „Schließ den Kaser zu, Kordel, und mach’, daß wir weiter kommen!“

„Es hat keine Gefahr,“ sagte das Mädchen in den Sturm hinausblickend. „Es ist nur ein Gewölk – da hinten kommt schon wieder der blaue Himmel nach!“

„Nein, nein,“ erwiderte Quasi, „es kann leicht noch mehr nachkommen; die weißen Striche und das Gekräusel sehen gerade so aus, als wenn’s einen Schneesturm geben sollte! – Geschwind, Kordel, mach’, daß Du fortkommst!“

„Ich kann nit, wenn ich auch wollt’ – die Kalbin ist krank, ich kann das arme Thier nit allein verschmachten lasten! …“

„Aber wenn der Schneesturm käm’, könntest Du ein Unglück haben! Es ist doch besser, wenn Du gehst, die Kalbin kann man morgen nachholen…“

Aus Worten und Mienen des Burschen sprach so unverhohlene unverstellte Angst, daß es Kordel bewegte und sie ihn mit milderem gütigem Blicke ansah. „Das geht nit,“ sagte sie, „und was kann mir denn geschehen da in meiner Hütten? Wenn ich Abends nit daheim bin, kommt der Bauer mit den Leuten herauf und schaut nach und holt mich. … Aber weil Du doch gerade da bist und willst ein Uebriges thun, so lauf’ hinunter zu meinem Bauern – in zwei Stunden kannst unten sein … in zwei Stunden mach’ ich mich dann auf den Weg und geh’ ihnen entgegen bis zum Marterl, wo die drei Ahorn stehen. Sie sollen mit dem Karren herauf kommen – der Weg über’s Marterl ist wohl nit so gut, aber es ist um ein gutes Theil näher!“

[274] Quasi kannte das Mädchen genug, um zu wissen, daß weiterer Widerspruch nichts gefruchtet hätte. „Ich will thun, was Du haben willst,“ sagte er, „ich will laufen, was ich kann; Du sollst es sehen, daß ich auf das acht’, was Du verlangst, und daß ich’s ausführ’, wenn ich mir was in den Kopf gesetzt hab’. … Und wann seh’ ich Dich nachher wieder? Wann und wo kommen wir wieder zusammen?“

„Das überlaß unserm Herrgott,“ erwiderte Kordel fast feierlich, – „wann und wo’s aber geschieht, will ich Dich fragen, ob Du Wort gehalten hast!“

Der Bursche eilte hastigen Schrittes fort, Kordel trat an die Thüre, um nach dem Himmel zu sehen. Er war noch mit dichter weißgrauer Hülle bedeckt, und das ganze Gewölk jagte in unruhigem Zuge dahin, aber es hatte sich wieder gehoben und streifte nur die Berghäupter und Felsgipfel; die mittlere Berglage war wieder frei und ungefährdet. Der Trank für die kranke Kalbin, aus allerlei Kräutern zusammengebraut, war inzwischen fertig geworden und die Sennerin eilte damit nach dem Stall. Es stand noch übler mit dem Thiere, der eingegossene Heiltrank fruchtete nichts, und trotz aller Mittel und Versuche, welche Erfahrung und Uebung dem Mädchen an die Hand gaben, war es bald unverkennbar, daß es verloren war. Fast zwei Stunden waren über dieser Beschäftigung vergangen, als das Thier verendet hatte und jede weitere Sorgfalt überflüssig ward. „Jetzt hab’ ich mich so gefreut,“ sagte Kordel, es betrachtend, „daß wir auch heuer so glücklich gewesen sind, und jetzt im letzten Augenblick kommt noch ein solches Unglück! Der Bauer wird nit wenig aufbegehr’n – die schönste Kalbin und so auf einmal … es ist hell – licht, als wenn ihr Jemand was angethan hätt’. …“ Sie verstummte, aber ihre Gedanken folgten Quasi und der Möglichkeit, daß wohl er es gewesen, der die Ziegen versprengte – wenn er auch dem Thiere etwas gegeben hätte, vielleicht nicht um es zu tödten, sondern nur um sie in der Alm festzuhalten, nachdem alle Andern sich entfernt hatten? „Den schönen Kranz,“ sagte sie dann kopfschüttelnd, „den brauchst Du jetzt auch nit mehr – den nehm’ ich mit hinunter … und aufgehalten,“ setzte sie rascher hinzu, „bin ich jetzt auch von nichts mehr! – Ich will aber auch gleich fort; um die Kalben kann morgen der Bauer herauf kommen oder der Knecht … wenn ich mich jetzt auf den Weg mach’ und der Quasi die Botschaft ausgerichtet hat, müssen sie mir begegnen, eh’ ich zu dem Marterl hinunterkomm’ …“

In der schon vorher aufgeräumten Hütte war bald Alles wieder zurecht gestellt; sie ergriff den unnöthig gewordenen Kranz und trat unter die Hüttenthür, indem sie sich bekreuzte und mit Weihwasser besprengte. Das Gewölk jagte und flog wie zuvor, und vom Norden her pfiff es schneidig kalt. „Es sieht fast bedenklich aus!“ flüsterte sie, um sich herblickend, „vielleicht wär’s am Gescheidtesten, wenn ich im Kaser blieb, bis sie kommen und mich holen. … Aber warum soll ich ihnen den Schrecken machen? Bis zum Wald komm’ ich jedenfalls hinunter, und wenn ich nur den erreicht hab’, dann kann’s so weit nimmer gefehlt sein. … Also in Gottes Namen, vorwärts und frisch aufgetreten!“

Sie schloß die Thür und prüfte den Verschluß; dann eilte sie den grünen Almplatz dahin, welcher nach dem Thale zu von einem vorspringenden Felsknie wie von einer schützenden Mauer umgeben war. Der Wind hatte einen Augenblick nachgelassen und senkte die Flügel, als wolle er Athem holen zu erneutem Ansturm, das Gewölk benutzte die Ruhe, um sich in die Tiefe zu senken und wie eine riesige grauweiße Schlange den Steinberg herabzukriechen. Ungefährdet hatte Kordel den Felsvorsprung erreicht und war um die Bergschneide getreten – links stürzte die Wand neben dem schmalen Pfade senkrecht ab, daß die Tannengipfel von unten vergeblich sich in die Höhe streckten, zur rechten Seite lag wüstes, unwirthliches Felsengetrümmer wild durcheinander und stieg in eine schaurige Felsschlucht empor; es gab keinen Weg, als von schmalen Pfad, der zwischen dem Abgrund und dem Steingeröll sich zur Halde senkte, die in beträchtlicher Entfernung grün und freundlich vom Waldsaume herauf winkte. Kordel hatte eben die Mitte der gefährlichen Bahn erreicht – da tönte ihr entsetzliches Gebrüll in’s Ohr; durch die Bergschlucht herab fuhr der Sturm, wie aufheulend vor Wuth sein Opfer zu erfassen, und eh’ sie sich zu besinnen vermochte, stand sie mitten in dem Gewölk, das er vor sich her wälzte, und das sich in wirbelnden Schneemassen entlud. Sie vermochte kaum, sich aufrecht zu halten vor dem gewaltigen Anprall des Sturmes; in dem jagenden treibenden Gestöber vermochte sie nicht einen Schritt vor sich zu sehen – sie konnte nicht mehr nach der Almhütte zurück – sie vermochte keinen Schritt weiter zu setzen, denn jeder konnte sie in den Abgrund stürzen. „Heilige Mutter Gottes!“ rief sie erschrocken, „so hat’s mich doch erwischt … [1]das ist ein böses Schneewehen – hoffentlich dauert’s nit lang, weil’s gar so scharf anhebt. …“ Vorsichtig tastete sie dabei seitwärts unter den Felstrümmern hin und fand eine Stelle, wo zwei halb aneinander gelehnte, halb sich überschiebende Blöcke eine Art Nothdach bildeten, das mindestens für den Augenblick vor dem Schnee eine Zuflucht gewährte. Sie kroch hinein und kauerte sich nieder, so gut es ging, über den Felsen fiel der Schnee immer dichter und dichter, und der Wind sauste durch den Spalt, daß ihr das Mark in den Gebeinen schauerte.

Geduldig und gelassen harrte das muthige Mädchen in der furchtbaren Lage aus; sie that es in dem Gedanken, daß das Unwetter sich bald ausgetobt haben werde und daß, wenn es nicht geschah, die Ihrigen nicht mehr ferne sein konnten. Quasi hatte ihre Botschaft sicher ausgerichtet, also waren sie gewiß zur rechten Zeit aufgebrochen, das Unwetter beschleunigte ihre Schritte – sie hatte ihnen den Weg bezeichnet, sie mußten an ihr vorüber oder doch an sie heran kommen, daß sie ihnen zuschreien konnte! – Aber Secunde um Secunde verrann, der Wind schnaubte immer wilder und kälter, und vor ihrer Felslücke lag der Schnee schon über schuhtief zusammengeweht; da erfaßte sie mit einmal die Angst mit allen Schrecken ihrer Lage, und das Haar sträubte sich bei der Möglichkeit hier noch länger andauern zu sollen. Wenn der Schneesturm, statt nachzulassen, nur noch einige Zeit anhielt … wenn die Ihrigen sie in der Almhütte sicher und geborgen glaubten … wenn sie nicht kamen ... vor der Wuth des Wetters nicht kommen konnten … wenn sie hier bleiben, elend im Schnee erfrieren und begraben werden müßte. … Mit einem wilden Schrei des Entsetzens sprang sie aus ihrem Versteck hervor und stieß ihr verhallendes Hülfegeschrei in die tobende Luft und den schwer und stumm fallenden Schnee. „Heilige Mutter Gottes!“ rief sie und stürzte mit hoch aufgehobenen Händen in die Kniee, „verlaß mich nit und steh’ mir bei … laß mich nit so elend zu Grunde gehen … und so jung, so jung – und in allen meinen Sünden, ohne Beicht’ und Absolution. …“ – Keine irdische Hülfe antwortete, das Wetter scheuchte die Unglückliche wieder in ihren Schlupfwinkel zurück, aber der innere Trost blieb dem kindlichen Gemüthe nicht aus. „Ich will nit so ungestüm thun,“ sagte sie, „ich will auf unsern lieben Herrgort vertrauen und nit verzweifeln … er sieht mich in meiner Noth und wird’s recht machen … das ist wohl die Strafe, die er mir schickt … ich will’s geduldig ertragen und will beten. …“ Mit erstarrenden Händen faßte sie nach dem Rosenkranz, und über die frostzitternden blauen Lippen floß ein inbrünstiges, heißes Gebet. Sie ward immer kälter und starrer und bemerkte nicht mehr, daß der Schnee immer höher heraufstieg an dem Eingang ihrer Höhle – ein Gefühl unendlicher Ermüdung kam über sie und mit ihr der freundlichste aller Tröster, der Schlaf. Gedanken und Wahrnehmungen flossen ihr ineinander; es klang ihr in den Ohren und sie glaubte die Glocken der Pfarrkirche zu hören, die zum Hochamt riefen, sie sah mit verschwimmenden Augen die schimmernden Flocken und meinte, das Gewölbe in der Kirche zu sehen, an welcher die Glorie Gottes und der himmlischen Heerschaaren gemalt war … die Wolken wurden wirklich und senkten sich zu ihr herab, auf ihnen lächelnde Engelskinder … das eine nahm ihr den Kranz, den sie im Schooße liegen hatte, und winkte damit … das andere kam immer näher und lächelte ihr immer freundlicher zu … seine Züge veränderten sich … sie waren ihr bekannt und doch wieder so selig verklärt … es war das geliebte Antlitz ihres schuldlosen Kindes. … „Mein Kind … mein Roserl,“ sagte sie mit dem Lallen eines Träumenden – sie wollte die Arme ausbreiten gegen die selige Erscheinung – und war hinübergeschlummert – der Schlaf hielt sie fest und legte sie unfühlbar in die dunklen Arme seines ernsteren Bruders. …

Vor dem Felsen heulte und jauchzte der Sturm noch grimmiger und wirbelte den gefallenen und den fallenden Schnee durcheinander, daß er zusammengeweht sich wie ein Schlußstein vor das Felsengrab der Sennerin schmiegte.

– Indessen war Quasi mit hastigen Schritten den Berg hinab geeilt. Sein Eifer war so groß, daß er den gebahnten Weg verschmähte und als erprobter Bergsteiger die nähere Richtung durch Wald und Felsen einschlug, galt es auch manchen Sprung über [275] Bach oder Kluft zu thun. Schon war er wohlbehalten an der letzten Abdachung des Berges angelangt, wo ein Bach sich aus steiler Felskluft auf die Schaufelräder einer kleinen Mühle stürzt und neben der Mühle sich ein kleines Häuschen an den Waldhang lehnte, das nun verschwunden ist, damals aber den Holzknechten Aufenthalt gab, wenn sie der Winter aus ihrem Nomadenleben von Berg und Wald herabgescheucht hatte. Noch war das Wetter sich gleich geblieben, ja, von dem schmalen Thalgrunde sah es sich an, als sollte der ganze Sturm unschädlich vorüber ziehen; nur eisig kalt fuhren die Windstöße auch in dem niedern Grunde dahin.

Quasi wollte auch an der Hütte, die er sonst oft besucht, in rascher Beugung vorüber, als es von innen an die Scheiben des Fensterchens kopfte. Verwundert hielt er an, und im nächsten Augenblick stand ein anderer Bursche unter der Thür, sprang auf Quasi zu und hielt ihn am Arm, um ihn nach der Hütte zu zerren.

„Er ist es wahrhaftig!“ schrie der Mensch. „Ich hab’ fast meinen Augen nit getraut – aber Du bist es, Lateinischer! Wo kommst her und wo willst hin? Komm nur herein in die Hütten und erzähl’, wie’s Dir ’gangen ist!“

„Laß mich gehen, Hennenrupfer,“ sagte Quasi und wollte sich losmachen, „ich hab’ keine Zeit, ich hab’ eine wichtige Botschaft auszurichten. …“

„Die darf ich doch auch wissen, Brüderl?“ entgegnete der Andere. „Ich helf’ Dir, was es auch ist, wirst mich nit leer ausgehen lassen dabei! Kennst unsere alte Cameradschaft, und wir zwei taugen doch am allerbesten zusammen – Du hast Dich hinausgelogen selbiges Mal in der Wimbach, daß es eine Lust gewesen ist; aber ich hab’s nit schlechter gemacht! Sie haben mich lang genug herumgezogen, aber sie haben mir doch nichts anhaben können … ich bin wieder frei, Brüderl, und jetzt wollen wir dem Schergenpack erst zeiget, was wir können!“

„Es ist nichts Solches, was ich auszurichten hab’,“ sagte Quasi zögernd, „ich muß dem Bauer eine Botschaft thun – eine Kalm ist krank ’worden droben auf der Alm. …“

„Kalm? Bauer?“ lachte der Hennenrupfer spöttisch. „Ich glaub’ gar, Du willst zum Kreuz kriechen und gut thun, wie sie’s nennen ?“

„– Und wenn’s so wär’?“ erwiderte Quasi unsicher; er fand den Muth nicht in sich, die falsche Scham zu überwinden und ein offenes Ja auszusprechen.

„Dann thät’ ich Dich höchstens auslachen,“ war die Antwort, „und ließ Dich’s probiren, bis Du’s erfahren hättest, wie ich, daß Dir überall der Weg verrammelt ist! Aber meinetwegen – thu’ was Du willst, ich will Dich nicht aufhalten, aber so eilig wird’s doch nicht sein, daß Du nit ein Gläsl trinken könntest mit einem alten Cameraden? Komm herein – der Wind schneidet so grimmig kalt, daß Du die Erwärmung wohl mitnehmen kannst auf den Weg!“

Quasi wollte widerstreben, er wollte dem Verführer sagen, daß er keinen Branntwein mehr trinken wolle, daß er schon seit Wochen keinen mehr getrunken habe – aber es blieb beim Willen; Wort und That blieben aus, und ehe er eigentlich recht wußte, wie es geschehen war, saß er in der niedrigen dumpfen Stube neben dem Gesellen. Der war wie außer sich vor Freude und ließ den alten Kumpan gar nicht wieder los; wäre Quasi unbefangener gewesen, so hätte er aus seinen Blicken errathen, daß diese Anhänglichkeit weniger seiner Person galt, als der breitgliederigen silbernen Kette, welche Quasi trug und welche den Hennenrupfer auf das Dasein einer Uhr schließen ließ.

Mit sich selber kämpfend ergriff Quasi das so lang gemiedene verführerisch duftende Glas; er entschuldigte sich, daß er ja nicht aus Neigung trinke, sondern nur um sich gegen die Kälte zu stärken, daß er das Versäumte doppelt einholen werde, und daß es ja keine Gefahr habe bei dem anhaltenden Wind. Der erste Trunk war gethan und mit ihm die Mauer des Entschlusses durchbrochen; die alte Leidenschaft wühlte und spülte daran, bis der Vorsatz in Trümmern lag und die alte Fluth sich vernichtend darüber hinwälzte. Dem ersten Glase folgte ein zweites, diesem ein drittes und viertes, bis es ihm leidig ward und er des Zählens wie des Fortgehens vergaß – die lange Entbehrung machte die Wirkung des Getränks noch rascher und bedeutender; er sah es nicht, wie draußen der Schnee zu fallen begann, er fühlte es nicht in der Abstumpfung des Rausches, wie der treulose Kamerad ihm unmerklich Uhr und Kette aus der Tasche zog und sich zur Thüre hinausschlich – er war dem alten Dämon verfallen.

Auf der Ledermühle und im Hause von Kordel’s Dienstbauer stieg inzwischen Besorgniß und Unruhe mit jeder Minute. Der Bub’ war mit den Ziegen heimgekommen und erzählte, wie er der Sennerin durch einen fremden Burschen Botschaft gethan, sie solle nur allein abtreiben; sie war also ohne Zweifel aufgebrochen, und als es zu dämmern begann und sie noch nicht da war, stand die Gewißheit fest, daß sie durch irgend einen Zufall verspätet und in das Unwetter gerathen war, dessen Wüthen man auch im Thale spürte, wenn auch dessen volle Kraft an den Höhen sich austobte. Der Bauer schickte wiederholt nach der Ledermühle herüber und ließ nachfragen, ob das Mädchen nicht etwa doch noch gekommen und vielleicht zuerst an das elterliche Haus gegangen war; in diesem ging die Müllerin finster und trotzig hin und wieder, aber eben diese Unruhe ließ erkennen, daß die Sorge auch in ihr leicht geartetes Gemüth sich einzuschleichen begann. Der blöde Alte aber war von der Thüre des Hauses nicht wegzubringen; er lag buchstäblich auf der Lauer vor derselben und stieß nur manchmal dumpfklagende Töne aus, als ob er das schreckliche Geschick seines Lieblings ahnte und bejammerte.

Nicht minder entsetzt und aufgeregt war Evi; sie rannte rastlos von Gehöft zu Gehöft, und ihr war es zuzuschreiben, daß die Nachricht von Kordel’s Ausbleiben sich wie Feuer verbreitete, das der Windesflug von Giebel zu Giebel trägt. Bald hatte sich an der Kirche vor dem Hause des Pfarrvicars eine Anzahl Burschen und Männer versammelt, welche sich mit dem Vicar und dem Schullehrer beriethen, was geschehen könne, die Vermißte aufzusuchen und wo möglich zu retten. Schnell waren Laternen und Kienfackeln herbeigebracht; man rüstete Stangen und Stricke und beschloß, in zwei Abtheilungen den Berg zu ersteigen, welche sich wechselseitig anrufen und mit Feuern oder Flintenschüssen Signal geben sollten, sobald eine Spur gefunden war. Die eine Schaar zog beim Wirthshause über die tosende Ach den schmalen Steinpfad in den Tannenwald hinauf; dort mündete der gewöhnliche Almpfad, den die Sennerin vermuthlich eingeschlagen hatte. Bei ihnen war Evi, die sich nicht wehren ließ, die geliebte Genossin aufzusuchen, und todtenblaß, aber wort- und tränenlos neben dem Führer dahin schritt. Die andere Abtheilung ging der Straße nach bis gegen die Mühlen hin, wo ein zweiter Pfad auf die Almen führt, zwar beschwerlicher aber kürzer; es war daher nicht unmöglich, daß Kordel ihn eingeschlagen hatte. Einige furchtbare Stunden der Mühe vergingen den Suchenden unter hundert Gefahren, denn der Wind löschte die Fackeln, und trotz der Schneereife sanken die Männer oft in den mehr als knietiefen Schnee. Umsonst war alles Rufen und Spähen, kein Gegenruf antwortete, keine Spur der Verunglückten zeigte sich. Endlich war die Almhütte erreicht und damit auch die letzte Hoffnung verschwunden, denn die Hütte war wohl verschlossen und leer – nun bestand kein Zweifel mehr, das Mädchen war im Freien von dem Unwetter überrascht worden. Es fruchtete auch nichts, daß der Wind sich nach einiger Zeit legte und sogar der Mond einige Secunden durch das Gewölke brach; in dem aufgethürmten Schnee lag jede Spur begraben, und das fahle Licht diente nur dazu, die Trostlosigkeit weitern Suchens erkennen zu lassen. Dennoch ermüdeten die jungen Männer nicht, von Evi’s unermüdetem Eifer angespornt, welche nicht abließ, nach allen Seiten um die Hütte herum den Schnee zu durchwaten und zu durchsuchen. Mehrmals mußte einer der Männer die Ueberkühne zurückhalten. „Es geht nit mehr,“ sagte Kordel’s Dienstherr endlich, „es ist nirgends ein Zeichen zu finden von dem armen Geschöpf – und wir dürfen’s auch nicht wagen, weiter um die Bergschneide und gegen die Schlucht vorzudringen … der Schnee liegt gar zu tief und zu locker … ein einziger unrechter Tritt könnt’ machen, daß eine Lahn (Lawine) abgeht und uns Alle miteinander verschüttet oder hinunterreißt. …“ In dem Augenblick, als er das sagte, ließ sich ein leises, knisterndes Geräusch vernehmen, das mit rasender Geschwindigkeit näher kam und zum schmetternden Donnerkrachen anwuchs … unfern der bebenden und betenden Schaar tobte und stäubte die Schneemasse in der riesigen Felsrinne heran und wälzte sich, Alles in einen sprühenden Nebel umhüllend, in die Tiefe auf den krachenden Wald.

Trostlos und schweigend wurde der Rückzug nach der andern Seite angetreten, auf welcher die zweite Schaar herankommen sollte und bald, nicht minder trostlos und erschöpft, sich einfand. Gemeinsam [276] wanderte man dem Thale zu, an der Mühle und der Herberge der Holzknechte vorüber. Einem der Burschen fiel es ein, in der Hütte nachzusehen, ob auch da von der Sennerin nichts gehört oder gesehen worden war. Schlaftrunken kam der Bewohner herbei und beantwortete die Fragen der späten Besucher; bei dem Lichte ihrer Laternen erblickten sie Quasi, der aus der Ofenbank lag und schlief.

Der Schein der Lichter, der ihm auf’s Gesicht fiel, der Lärm der Stimmen weckte ihn – er sprang auf; bei dem Anblick der Versammelten verflog der Rest der Betäubung und des Schlafes, und eine entsetzliche Ahnung des Geschehenen schlug wie ein Blitzstrahl in seine Seele. Mit einem Sprunge war er in der Thüre, blickte in die Schneewüste hinaus und sank mit einem herzbrechenden Schrei, das Gesicht in den Händen verbergend, in die Kniee. „Die Kordel!“ schrie er entsetzt. „Jesus, Maria und Joseph … sie suchen die Kordel! Sie ist verschneit, und ich bin schuld daran. …“ In der ausbrechenden Wuth des ersten leidenschaftlichen Schmerzes zerraufte er sich das Haar und zerschlug sich Brust und Gesicht, er mußte mit Gewalt abgehalten werden, sich den Kopf an der Wand zu zerstoßen. Nur nach und nach und aus einzelnen Worten erfuhren die Landleute, was vorgefallen war, und beriethen eben, was zu thun sei, als der Pfarrer herankam. Er war mit den Sterbesacramenten herausgeeilt, um die Unglückliche, falls sie gefunden und nicht mehr zu retten sein sollte, mit den letzten Tröstungen des Glaubens zu stärken. „Jetzt wissen wir wohl die Richtung, die sie eingeschlagen hat,“ schloß der Bauer seinen Bericht an ihn, „aber es nutzt uns nichts – gerade dorthin ist die Lahn niedergegangen. …“

„Für das arme Mädchen,“ sagte erschüttert der Vicar, „ist es zu Ende mit Menschenhülfe und Menschentrost … wir vermögen nichts mehr, als sie Dem zu empfehlen, der da noch helfen und trösten kann! Wir wollen beten, daß er sie gnädig zu sich aufnehme, und wenn sie noch nicht überstanden hat, daß er sie vor Verzweiflung bewahre und stärke in ihrem furchtbaren Todeskampf.“

Der Pfarrer stand vor der Thüre der Hütte und ertheilte mit erhobener Monstranz den Segen nach dem Berge hinauf, wo Kordel lag. Der Meßner klingelte, und wie um ein Sterbebett knieten die Bauern entblößten Hauptes im Schnee und sprachen das Gebet des Herrn für das Heil der armen Seele.

Quasi hatte den Augenblick, als man seiner nicht achtete, benützt und war entflohen.

– Schnell war der Winter auf seinen Lieblingsthron in den Bergen gestiegen, streng hatte er ihn behauptet und nur mit widerwilligem Zögern schien er ihn verlassen zu wollen. Die Sonnenseite des Thals, der minder steile, breit gedehnte und fast überall urbar gemachte Lattenberg war schon schneefrei, während noch kein Sonnenstrahl die Schattenseite mit dem Steinberg getroffen hatte, und dort höchstens durch die allgemeine Erwärmung der Luft die oberste Schicht der Schneedecke sich zu erweichen und zu schmelzen begann. Endlich stürzten die Bergquellen und Bäche rauschender und übervoll in das Thal, als lebende Eilboten, daß auch hier die Herrschaft der Kälte gebrochen war und der Thauwind mit lauem Flügelschlag über den erstarrten Höhen dahinzog.

Eines Abends saß Evi auf der Hausbank vor der Ledermühle, die Mutter Kordel’s neben ihr. Sie war nicht von der Mühle gewichen und hatte den Alten als Magd gedient und sie wie eine Tochter gepflegt. Die letzten Worte der Freundin waren ihr ein heiliges Vermächtniß und ein Auftrag, den sie treulich erfüllen wollte. Ohne ihn, ohne das Geheimniß, das noch über Kordel’s Schicksal lag, wäre sie lang aus der Ramsau hinweggezogen, in welcher ihr so zu sagen auf Schritt und Tritt traurige Erinnerungen entgegen traten. Die Müllerin war noch hagerer als früher, und die frühere Lebhaftigkeit schien von ihr gewichen zu sein. Das traurige Loos des einzigen Kindes hatte sie erschüttert, aber sie wollte gefaßt erscheinen und war darüber in sich gekehrt und finster geworden. Sie trug die unverkennbaren Zeichen eines rasch entwickelten zehrenden Zustandes an sich, und die fliegende Fieberröthe der eingefallenen Wangen machte die Schminke überflüssig. Schweigend, die Spinnrocken vor sich, saßen Beide; Evi’s Gedanken aber schwebten um das noch immer unbekannte Grab der Freundin. Sie erinnerte sich der trüben Ahnung, die beim Abschiede von ihr sie auf einmtal überkommen hatte, des Widerstrebens, mit dem sie gegangen war; sie machte sich Vorwürfe darüber, daß sie es gethan, und wurde nicht müde, sich in träumerischer Selbstqual jedes Wort, jede Gebehrde der Unglücklichen in’s Gedächtniß zu rufen. Welch’ eine Fülle von Leiden war schon von diesen Bergen auf sie hereingestürmt – sie begriff selber nicht, woher sie die Kraft genommen, ihr nicht zu erliegen. Zwei Menschen, die ihr die besten Freunde gewesen, waren ihr in schrecklicher Weise entrissen worden … und als sie des Dritten, des Allerbesten gedachte, da brach ihr beinahe das schwergeprüfte Herz, und unbewußt schossen ihr die Thränen aus den Augen.

Die Müllerin achtete nicht darauf, aber der arme Blöde, der an der Schwelle gekauert lag, kam herbeigekrochen, zupfte sie am Rock und sah ihr mit dem traurigen verstörten Gesicht in die weinenden Augen empor, als wolle er sagen, daß er recht gut wisse, wem diese Thränen galten.

Nach einiger Zeit ertönten Fußtritte den Bergweg herauf, und der Brigadier schritt auf die Mühle zu, in welcher er seit Kordel’s Anwesenheit ein nicht seltener Gast gewesen war. Er blieb nach kurzem Gruße vor dem Hause stehen, daß Evi aufmerksam wurde und ihn genauer ansah. „Sie bringen eine neue Botschaft,“ sagte sie, „ich sehe es Ihnen am Gesichte an …“

„Die bring’ ich wirklich,“ erwiderte der Brigadier mit traurigem Ernste, „eine erfreuliche und doch gar sehr betrübte Botschaft! Ich bin eigens heraufgekommen, unm es Euch in aller Ruhe zu sagen … Jetzt sind alle Zweifel gehoben … sie ist gefunden …“

Evi’s Thränen strömten stärker; die Müllerin saß unbeweglich, als ob das Gehörte sie gar nicht berühre – der Blöde horchte und schien sich aufrichten zu wollen.

„Seit der Schnee etwas weg ist,“ fuhr der Mann fort, „ist kein Tag vergangen, an dem nicht gesucht wurde. Es hat sich recht gezeigt, wie allgemein beliebt das Mädchen war, und ich bin sehr charmirt, daß man ihr Gerechtigkeit hat widerfahren lassen … so eben sind sie hinauf mit dem Sarg, um sie herunterzubringen – morgen um neun Uhr findet die feierliche Beerdigung statt.“

Evi wollte etwas fragen, aber die Stimme versagte ihr.

„Ich weiß, was Du wissen willst,“ fuhr der Brigadier fort, „ich kann’s errathen … Sie lag keine zwei Schußweiten von der Bergschneide entfernt, dort wo die Schlucht heruntergeht … unter ein paar Felsblöcken lag sie da – in sitzender Stellung … den Rosenkrauz um die Finger gewunden … einen verdorrten Blumenkranz im Schooß … den Kopf ein wenig vorgeneigt, wie ein Schlafender … sie scheint nicht hart hinübergegangen zu sein …“

Dem festen Manne bebte die Stimme bei dem Bericht; die Müllerin stand hastig auf. „Wir müssen einmal Alle sterben …“ sagte sie hart und verschwand im Hause. Der Alte lag mit dem Gesicht im Grase und regte sich nicht. Der Brigadier nickte Evi noch zu: „Um neun Uhr … morgen …“ und war hinter den Bäumen verschwunden.

– Am andern Tage war die ganze Bevölkerung der Gegend in Bewegung. Die Ramsau ist nach uraltem Gebrauche in vier „Gnotschaften“ getheilt, die sämmtlich Eine Gemeinde ausmachen und deren Mittelpunkt die Kirche ist. Von dieser aus sind gerade Linien kreuzweise übereinander gezogen und so die Gnotschaften gebildet. Für je zwei derselben ist an dem das Thal durchziehenden Sträßchen eine sogenannte Todtencapelle erbaut, deren eine in der Richtung gegen die Wimbach und den Kniebis, die andere nach der Reualm und der Schwarzbach-Wacht hin steht. Bis zu diesen Capellen werden die Leichen aus den zerstreuten und hoch gelegenen Gütern und Häusern von ihren Angehörigen auf den Schultern heruntergetragen, oder wo der Weg es gestattet, auch auf Karren und sonstigem Fuhrwerk heruntergebracht. Dort erwartet sie der Pfarrer, um sie auszusegnen und, als kämen sie unmittelbar aus dem Sterbehause, nach dem Kirchhofe zu begleiten.

Eine zahllose Menschenmenge drängte sich um die Capelle auf dem Reichenhallersträßchen, denn Jung und Alt nahm an dem traurigen Geschicke der armen Kordel Antheil, und wer es irgend möglich machen konnte, unterließ es nicht, ihr die letzte Ehre anzuthun und ein Vaterunser für sie zu sprechen. Lautes Weinen und Rufen der Klage entstand, als die Männer, die sie aufgesucht hatten, mit dem Sarge herangeschritten kamen, auf den sie einen Kranz von den ersten Frühlingsblumen gelegt und damit Hut und Bergstock der Verunglückten verziert hatten – war sie doch in ihrem Berufe gestorben und im Sinne des Volkes der Auszeichnung so würdig, wie der in der Schlacht gefallene Krieger, dem man den bekränzten blutigen Degen auf die Truhe legt. Zwischen den Stimmen des Jammers und der Trauer wurde auch manche der Erbitterung [278] gegen Quasi laut, denn es ging von Mund zu Mund, wie Niemand Anderer den Tod des Mädchens auf dem Gewissen habe und wie wohl er thue, sich nirgends sehen zu lassen, denn von Seite des Volkes wenigstens würde ihm die Vergeltung nicht ausgeblieben sein.

– Schon waren die Worte und Gebräuche der Aussegnung vorüber und man wollte eben aufbrechen, als eine Bewegung in der Menge entstand und der alte Müller, der zu Hause entronnen war, sich gewaltsam durchdrängte und heulend über den Sarg warf … „Kordel …“ schrie er mit herzzerreißender Stimme, und die unsägliche Gewalt seines Schmerzes gab ihm sogar für einige Augenblicke die Fähigkeit, sich frei zu bewegen und aufzurichten, wieder. „Kordel mein! Komm wieder … ich laß Dich nit her … o Kordel … mein Kind …“ Alle standen erschüttert und bemühten sich vergebens, den Unglücklichen zu beruhigen oder zu entfernen; es gelang erst, als die gewaltsame Anspannung der Leidenschaft nachließ und er wieder in den frühern Zustand blöder Gleichgültigkeit versank und sich ohne Widerstreben wegbringen ließ.

Der kleine Friedhof der Ramsauer Kirche war zu eng, in seiner Ummauerung den ganzen Zug der Leidtragenden aufzunehmen. Evi ging hinter dem Sarge, als erste Klägerin; sie hatte sich ausgeweint und brachte nichts mit an das offene Grab der Freundin, als ein stummes im Leide fast brechendes Herz. Die Mutter lag krank in der Ledermühle und unfähig sich zu erheben. Auch Mentel’s Vater, der strenge Bühelbauer, fehlte nicht unter dem Todtengeleite; ihm zur Seite ging der Brigadier in straffer soldatischer Haltung, aber die Oberlippe mit dem mächtigen Schnurbart verrieth durch ihr Zucken seine innere Bewegung. Unter lautem Schluchzen wurde der Sarg versenkt, und die Thränen der Weiber und Mädchen flossen noch reichlicher, als der Vicar seine Anrede begann und die Trauernden zum Trost und zur Erhebung ermahnte und ihnen verkündete, daß die Berge um sie herum nicht fester ständen, als das Wort des Herrn, der versprochen habe, daß ohne sein Wissen kein Haar vom Haupte des Menschen fallen solle! Jedes Einzelne trat dann hinzu, um der Begrabenen mit einer Schaufel voll Erde den Wunsch ewiger Ruhe hinabzuschicken; dann ward das Grab eingefüllt, der Hügel leicht geformt und das Kreuz auf denselben gesteckt. Es trug Namen, Alter und Sterbetag, und erzählte in schlichten Worten die Todesart; über dem Weihbrunnkesselchen war noch ein besonderes Schildchen angebracht; der Lehrer, der in der Reimerei so wohl bewandert war, als im Malerhandwerk, hatte es eigens selbst gefertigt und hinzugefügt. Auf dem Schildchen war eine schöne blühende Rose gemalt, deren Stengel geknickt war, daß sie den Kopf zur Erde senkte. Darunter stand die Inschrift:

„Wie schön ist nicht die Rosenblüh’,
Stell’ Dich nur vor mich her,
Denn kommst Du wieder morgen früh
– Leicht findst Du mich nit mehr!“

Nach und nach ward es stiller und leer auf dem Kirchhof – nur die Mauer entlang schlichen noch ein paar Mütterchen, um nach Gräbern umzusehen, an deren Bewohner niemand mehr gedachte, als sie. Der Brigadier verweilte noch vor Kordel’s Grab, und nebenan bei einem auch erst unlängst aufgeschütteten Hügel stand der Bühelbauer, bleich und mit kummergebeugtem Nacken, und schien sein Weib um die sorgenlose Ruhe da drunten zu beneiden. Sie war mit den Blättern im Herbste gefallen, wie sie geahnt hatte – aber sanft und schmerzlos, denn Evi’s Botschaft vom Sohne hatte sie getröstet.

Auch Evi war noch in der Nähe und schritt der kleinen Capelle zu, die an der Mauer gegen die Kirche hin erbaut ist und damals zum Beinhause diente, denn unter dem Altare waren in einem vergitterten Behältniß Knochen und Schädel aufbewahrt, deren einstige Namen auf den unkenntlich gewordenen Stirnen beschrieben standen. Es war Evi nicht entgangen, daß, während die Aufmerksamkeit Aller auf Grab und Begräbniß gerichtet war, in der Capelle ein Männerkopf mit wüstem dunklem Haar sichtbar geworden, den sie nur zu wohl erkannte. Der Bursche wagte sich offenbar nicht aus seinem Versteck hervor und wollte doch Zeuge der traurigen Handlung sein; darüber tauchte in Evi’s Gemüth ein so tiefes inniges Mitleiden auf, und so abgeneigt sie ihm war, als demjenigen, der alles Leidwesen und selbst den Tod der Freundin verschuldet hatte, vermochte sie es doch nicht, so ganz gleichgültig und theilnahmlos an ihm und seiner Verlassenheit vorüberzugehen.

„Versteck’ Dich nit, Quasi,“ sagte sie, in die Kapelle eintretend, „ich hab’ Dich schon gesehen und es ist nur Deinetwegen, daß ich komm’ …“

Er hatte sich in den hintersten Winkel auf eine Betbank gekauert. „Laß mich gehen,“ murrte er. „Was willst von mir? Du kannst mir doch nit helfen …“

„Wer weiß!“ sagte sie nähertretend und herzlich. „Man muß niemals nit verzweifeln!“

„Für mich giebt’s nur noch Eins auf der Welt,“ erwiderte er dumpf. „Ich will warten, bis Niemand mehr draußen ist bei dem Grab – dann will ich auch hin und will ein Wörtl reden mit der, die drunten liegt … dann will ich schauen, wo der Hintersee am tiefsten ist!“

„Nein, Quasi, das ist’s nicht, was Du noch zu thun hast auf der Welt! Willst Du zu dem fremden Leben auch noch Dein eigenes auf Dein Gewissen nehmen? Mach das Gewicht lieber leichter als schwerer … Du kannst gar wohl noch was Andres thun auf der Welt!“

„Und was wär’ denn das?“

„Du kannst wieder gut machen …“

Quasi lachte wild auf. „Gutmachen?“ rief er, „kann ich den armen Wurm wieder lebendig machen, der durch mich so elend hat zu Grund geh’n müssen? Ja, ja … durch mich! Ich hab’ sie umgebracht – ich, der ich sie lieber auf den Händen getragen hätt’ – der … Aber ich mag nit reden davon, es glaubt mir’s doch kein Mensch, wenn ich sag’, wie gern ich sie gehabt hab’ …“

„Zeig’s, daß man Dir’s glauben kann,“ erwiderte Evi eifrig. „Du kannst sie freilich nit mehr lebendig machen, aber Du kannst thun, was sie verlangt hat von Dir …“

„Ja, ja,“ sagte der Bursche, finster vor sich hinstarrend. „Ueberlaß unserm lieben Herrgott, wann und wo wir wieder zusammen kommen, aber wann und wo’s geschieht, will ich Dich fragen, ob Du Wort gehalten hast …“

„Was meinst?“ fragte Evi verwundert. „Was ist das?“

„Das war ihre letzte Red’, wie ich von ihr ’gangen bin …“

„Und Du besinnst Dich noch, was Du zu thun hast? Werd’ ein ordentlicher Mensch, Quasi – kehr’ um auf Deinem schlechten Weg, bereu’ und geh’ in Dich – damit Du ihr einmal Antwort geben kannst auf die Frag’ …“

„Es ist unmöglich,“ entgegnete er fast tonlos, „einmal hab’ ich’s auch geglaubt, daß ich mich wieder heraus heben könnt’ ... ich hab’s erfahren, daß es nimmer geht; die Bürd’, die auf mir liegt, druckt mich hinunter … auf dem Grund, in der tiefsten Tiefen vom Hintersee, da ist mein Platz!“

„Nein, Quasi – die Kordel schaut Dir zu; sie langt Dir die Hand vom Himmel hinunter und hilft Dich hinauf ziehen, wenn Du nur willst!“

Er schwieg einen Augenblick wie nachsinnend. „Es geht nicht mehr,“ sagte er dann finster, „ich kann kein ordentlicher Mensch mehr werden – ich kann nit mehr gut machen, und wenn ich’s wollt … dann ist’s aus mit mir, dann hab’ ich meinen geweisten (gewiesenen) Weg!“

Evi ward aufmerksam. „Wie ist das?“ sagte sie. „So ist’s die Kordel nit allein … Du hast noch was Andres auf dem Gewissen? Vielleicht gar noch was Schwereres?“

„Mein Platz ist schon hergericht’,“ erwiderte er grinsend, „es darf nur ein Anderer aufstehen und mich hineinlassen … in’s Zuchthaus …“

„Wie ist das zu nehmen?“ rief Evi noch eifriger. „Hast Du was gethan, was eine so schwere Straf’ verdient, und ein Andrer muß sie aussteh’n statt Deiner?“

Quasi schwieg und sah vor sich nieder.

„Wenn Du’s mit der armen Kordel nur eine einzige Minuten aufrichtig gemeint hast,“ fuhr das Mädchen in steigender Aufregung fort, „so red’ jetzt und sag’ die Wahrheit … Am End’ bist Du’s gewesen, der den Jäger gestochen hat …“

Quasi schwieg, wie zuvor.

„Du bist es gewesen – sonst könntest Du nit schweigen auf diese Frag’. Und Du kannst es über’s Herz bringen, daß ein braver ordentlicher Bursch statt Deiner unschuldiger Weis’ im Zuchthaus sitzt? daß seine Mutter sich zu Tod gekränkt hat und der Vater auch nit mehr weit hin hat bis zu der Gruben? … O Quasi, Quasi … was hast Du Alles liegen auf Deiner Seel’ … und Du kannst nur einen Augenblick fragen, was Du zu thun hast? Geh’ hin zum Landgericht, sag’ die Wahrheit, mach’ daß der Lebendige wenigstens wieder frei und froh werden kann, wenn Du auch die Todten nimmer aufwecken kannst!“

„Das Zuchthaus,“ sagte der Bursche schaudernd und halblaut … „das Zuchthaus ist ein schreckliches Wort! Und für wen soll ich [279] das thun? Für die Andern? Was gehen die mich an … die sollen selber für sich sorgen! Oder für die Kordel? Für eine Person, die mich gehaßt, die mich veracht’ hat, wie eine Krott (Kröte) am Weg?“

„Und die durch Dich elend zu Grund ’gangen ist! Und wenn sie Dich veracht’t hat, hat sie nit Recht gehabt? Bist Du nit einem Jeden in der Ramsau zuwider, daß sie sich abwenden und ausspucken, wenn sie Dir begegnen? Aber wenn’s Dich wurmt, so zeig, daß sie Dir Unrecht thun – zeig’s, daß Du den Haß und den Abscheu nit verdienst … thu, was recht ist vor Gott und Deinem Gewissen, und schau’, ob die Leut dann nit anders von Dir denken …“

Der Bursche erwiderte nichts; er hatte die Hände vor’s Gesicht geschlagen.

„Du sagst, die Kordel hat Dich gehaßt,“ fuhr Evi dringender fort, „aber einmal – das weißt Du selber am besten, einmal hat sie Dich geliebt, und ein Herz, wie das ihrige gewesen ist, das kann nur einmal lieben und vergißt die Eine Lieb’ niemals mehr! Die Wurzel steckt noch in der Erden – und wenn Du das Unkraut hast wachsen lassen über der Lieb’ zu Dir … reiß’ es aus, Quasi, daß das zarte Pflanzel wieder Luft kriegt und Licht – mach’ daß sie Dich wieder gern haben kann … in der Ewigkeit …“

Quasi regte sich nicht, aber seine bebenden Hände zeigten, was in ihm vorging.

„Nit wahr, Du willst es thun?“ rief Evi wieder. „Ich darf sagen, was Du mir anvertraut hast? Ich darf’s allen Leuten sagen?“

Der Bursche schauderte wie zuvor. „Das Zuchthaus,“ murmelte er bewegt, „das ist ein schreckliches Wort und eine noch schrecklichere Sach’ … aber es wird nit lang dauern, hoff’ ich … Thu’ was Du willst, Evi – ich will machen, daß ich einmal der Kordel die Antwort nicht schuldig zu bleiben brauch’ …“

„O Du lieber Himmelvater da droben!“ rief Evi aufjauchzend, „wie soll ich Dir danken! Vergelt’s Gott tausendmal, Quasi – Du wirst es gewiß nit bereu’n!“ Fast außer sich, athemlos und wankend, eilte sie hinaus auf den Friedhof. „Kommts her,“ rief sie, „Herr Brigadeer – Bühelbauer … Alle kommt’s daher … es giebt eine große Neuigkeit und eine große Freud’ … Der Bühelbauern-Mentel ist unschuldig! Da in der Beinhauscapellen drinnen ist der Quasi … er hat’s mir eingestanden – er ist’s gewesen, der den Jäger-Gaberl selbigesmal gestochen hat in der Wimbachklamm … führt ihn auf’s Landgericht – er hat’s versprochen, er will Alles sagen …“

Sie mußte erschöpft innehalten. Der Brigadier, in seinem Geschäfte gewandt, hatte schon Quasi, der aus dem Beinhause hervorgetreten war, am Kragen und forderte die Bestätigung der überraschenden Angabe. Quasi sah ihn gelassen an, streckte die Hände hin und sagte: „Bind’ts mich nur – ich hab’s gethan und ich will haben, was mir gehört …“ Der alte Bühelbauer sagte nichts; ihm vergingen die Augen, und die ebenfalls herbeigeeilten Bauernweiber mußten den Zusammensinkenden wegführen – dem Leide hatte das starke Herz Stand gehalten, unter der Wucht der Freude drohte es zu erliegen.

Evi blieb allein auf dem Friedhofe zwischen den Gräbern der Bühelbäurin und Kordel’s. „So ist es doch gekommen, wie sie gesagt hat!“ rief sie. „Das selbige Gewölk hat’s wirklich an den Tag gebracht, und die Unschuld ist wieder gefunden, wie etwas was verloren und begraben gewesen ist im Schnee – das habt Ihr Zwei miteinander erbitt’ bei unserm Herrgott im Himmel!“



6. Wie im Himmel.

Wenige Wochen später war eine Feierlichkeit in der Ramsau, wie das stille Thal sie noch nicht schöner und freudiger gesehen hatte. Obwohl es nicht roth im Kalender stand und auch kein abgeschaffter Feiertag eine Ausrede bot, die Arbeit liegen zu lassen, ruhten doch auf allen Höfen die Hände und Ackerwerkzeuge; desto mehr hatten die Füße zu thun, denn bei der Todtencapelle am Berchtesgadner-Sträßchen schien schon die gesammte Bevölkerung des Thals versammelt zu sein, und noch nahmen die Fußgänger und Fußgängerinnen kein Ende, welche von allen Seiten herbeiströmten. Unweit der Capelle war aus Tannenreisern ein Bogen über die Straße gespannt und mit Bändern und Papierstreifen geziert, wie man zu thun pflegte, wenn etwa ein neuer Vicar in die Berggemeinde einzog, oder wenn gar aus dem benachbarten Berchtesgaden, seinem Lieblingsaufenthalte, König Max der Gütige zum Besuche hereinkam oder auf die Gemsjagd fuhr an den Hintersee.

Mentel wurde zurückerwartet; dem unschuldig Verurtheilten und nun Gerechtfertigten bereitete das Landvolk den festlichen Empfang.

In gedrängten Gruppen umgab es den Lehrer und den Brigadier, welche erzählten, wie Quasi wirklich Alles aufrichtig und vollständig eingestanden habe; wie da das Verfahren schnell zu Ende geführt und dem Mentel seine Freiheit angekündigt werden konnte. Der alte Bühelbauer stand seitwärts neben dem Herrn Vicar; er trug den Nacken wieder so gerade wie sonst, als sei er noch einmal jung geworden, und sprach leise und angelegentlich mit dem geistlichen Herrn und überhörte darüber beinahe, daß ein Wägelchen die Straße heranrasselte. „Er ist’s!“ schrie es. „Er kommt. Grüß’ Gott, Mentel, grüß’ Gott daheim in der Ramsau!“ und Alles drängte nach dem Wagen, daß Mentel kaum abzusteigen vermochte. Auch der alte Bauer wollte zum Wagen hin, aber er hatte sich doch in seiner Kraft getäuscht – es ging ihm wie damals auf dem Friedhofe und er wäre umgesunken, hätten ihn nicht Mentel’s Arme gehalten.

Vater und Sohn hielten sich umschlungen – lang und schweigend, ein solches Wiedersehen hat seine Sprache nur in Thränen, und auch gar Manchem im Umstand wurden die Augen feucht. „Vater – Vater!“ war endlich Alles, was Mentel herausbrachte, und der Alte konnte unter Schluchzen nichts Anderes erwidern als: „Daß das die Mutter nit erlebt hat … aber sie ist gestorben im Glauben an Deine Unschuld!“

Der Vicar benutzte den Augenblick, um in einer kurzen Anrede an seine letzte Grabpredigt anzubinden, und wie eine feierliche Bestätigung von oben klang es, als von der Kirche her die Glocken in seine Mahnung ertönten, wie der Herr sein ewiges Wort erfülle und kein Haar vom Haupte des Menschen fallen lasse ohne sein Wissen. Am Schlusse hieß er den dem Leben und der Gesellschaft Wiedergebenen willkommen und forderte ihn auf, den ersten Gang keinen andern sein zu lassen, als den zum Dankgebet in die Kirche.

Das gesammte Volk schloß sich an und drängte in das Gotteshaus, durch das bereits die Orgel erscholl. Durch die Grüßenden alle schritt Mentel an des Vaters Seite zu dem gewohnten Platz; er grüßte und dankte wieder, aber dem Alten entging es nicht, daß sein Blick dennoch wie irrend durch die Menge glitt, als suche er ein vermißtes Angesicht. Er wandte sich einem alten Nachbar zu und sagte ihm etwas in’s Ohr, worauf dieser kopfnickend und mit schlauem Lächeln die Kirche verließ.

In der Ledermühle war indessen Evi einsam gesessen und wehrte der Müllerin die Fliegen ab, die todeskrank und schwach auf einigen Kissen auf der Ofenbank lag und eingeschlafen war. Das arme Mädchen hatte einen harten Kampf gekämpft. Als Mentel’s Befreiung und seine Wiederkehr in die Heimath entschieden war, hatte sie keinen Augenblick mit dem Entschlusse gezögert, das Thal zu verlassen; es sollte nicht den Anschein haben, als wollte sie ihm wieder begegnen und frühere Beziehungen anknüpfen – es sollte das um so weniger, als der alte Bühelbauer seit der neuen Wendung der Dinge sich um sie gar nicht gekümmert und, in seinem Grolle verharrend, sie nicht einmal eines dankenden Wortes gewürdigt hatte. Dennoch hatte die Ausführung dieses Vorsatzes sich Tag um Tag verzögert, denn die von Kordel übernommene Verpflichtung lag ihr nicht minder warm am Herzen, und sie konnte es nicht über sich bringen, den hülflosen Blöden in seinem gesteigerten Stumpfsinn und das arme Weib zu verlassen, das sich in innern Vorwürfen und unausgesprochenem Grame verzehrte. Sie mußte jedenfalls so lange bleiben, bis eine taugliche und verlässige Person gefunden war, welcher man die Ledermühle und ihre unglücklichen Bewohner ruhig anvertrauen konnte, und eine solche war bei den bestehenden Verhältnissen nicht leicht zu finden. Endlich war eine Wahl, wenigstens zur Aushülfe, getroffen, und Evi hatte den Bitten der Müllerin so weit nachgegeben, daß sie in einiger Zeit wieder zu kommen versprach. Bis dahin durfte sie glauben, daß die Dinge auf dem Bühelhofe sich geändert haben würden, so daß ihrer Rückkehr, wenn sie dann noch nöthig war, nichts mehr entgegen stand. Darüber war der Tag herangekommen, an welchem Mentel’s Rückkehr erfolgen sollte und eine Zögerung nicht mehr möglich war. Die neue Wirthschafterin war noch in’s Dorf zum Krämer hinabgelaufen und kam immer noch nicht zurück; ängstlich, mit hochklopfendem Herzen trat Evi an’s Fenster und hörte das Glockenläuten, dessen Deutung sie nur zu wohl verstand. Endlich sah sie die Alte gegen die Mühle herankommen und ergriff hastig den schon bereit liegenden Wanderbündel. Die Müllerin schlief noch immer. Evi ließ die Alte, die von den Ereignissen im Dorfe [280] erzählen wollte, nicht zu Worte kommen und drängte sie in die Hausflur hinaus. „Grüß’ mir die Müllerin noch einmal,“ sagte sie, „sie soll sich nit zu sehr kränken; wie ich mich daheim ein bissel losmachen kann, bin ich wieder da … ich will rückwärts hinaus – damit ich dem Müller nicht begegne … es käm’ mich gar zu hart an; halt’ ihn fein gut, den armen Menschen. … Nit wahr?“

Damit wollte sie fort, aber die Frau ließ sie nicht los. „Was eilt’s Dir denn gar so sehr?“ rief sie. „Man kann Dir ja gar nicht ausrichten, was man auszurichten hat! Da drunten unter den Bäumen ist mir ein Mannsbild in den Weg gekommen und hat nach Dir gefragt und hat Alles so genau gewußt von Dir, daß es wohl ein guter alter Bekannter sein muß. Er will durchaus mit Dir reden und läßt Dich bitten um Alles in der Welt, Du sollst hinauf kommen zu dem großen Lindenbaum an der Wegscheid – dort will er auf Dich warten … er hat Dir was recht Nothwendiges zu sagen.“

„Mir?“ sagte Evi verwundert. „Wer soll das sein? Wie sieht er aus?“

„Ein kleiner hagerer Mann ist’s mit einem griseligen (graulichen) Bart und einem wachsgelben Gesicht. …“

„Mein Weg führt mich ohnedem an den Linden vorbei,“ sagte Evi sie unterbrechend, weil eine Ahnung in ihr aufzuckte. „Da werd’ ich ja sehen, was es ist und was er will. … Und so nochmals b’hüt Gott beieinander. …“

Sie eilte fort, auf der Berghöhe dahin, hinter den einzelnen Höfen und dem einsamen Kirchlein am Kunterweg, dessen Kuppel sich über Hügel und Wald emporhob. Schon nahte sie der Linde, die ihr tausendjähriges Laubdach frischgrün und weithin ausbreitete, groß genug, einem ganzen Wallfahrtszuge einen schattigen Ruheplatz zu gewähren. Sie erkannte schon von fern, daß ihre Ahnung sie nicht betrogen hatte – dennoch schrak sie wie unwilllürlich zurück.

Unter der Linde, auf einer der mächtigen aus dem Boden aufragenden Wurzeln saß der Jäger-Gaberl, nicht zu verkennen, wenn er auch nicht mehr das Gewand des Jägers trug, sondern etwas fremdartig gekleidet war.

„Du bist’s?“ rief sie unwillig. „Was kannst Du mir zu sagen haben?“

„Erräthst Du’s nicht?“ erwiderte er lachend. „Ich meine, ich sollte Dir just gelegen kommen! Du willst ja fort; da ist das, was ich bringe, gewiß am rechten Platz!“

„Geht’s Dich an, was ich im Sinn hab’?“

„Aha, Du bist noch immer so oben hinaus? Giebst es noch immer nicht wohlfeiler? – Anhören sollst Du mich wenigstens! Ich bin das letzte Mal fort in aller Eil’ …“

„Du weißt, warum!“

„Nichts weiß ich – eine Dummheit war’s! Wär’ ich geblieben, kein Mensch hätt’ mir ein Haar gekrümmt. Hab’ ich mich nicht meiner Haut wehren müssen? Hab’ ich in dem Getümmel wissen können, wen mein Hirschfänger trifft? Hat er’s nicht selbst gesagt, der … derjenige, den ich nicht nennen will?“

„Weil er ein goldenes Gemüth gewesen ist, das Du gar nit verstehst – weil er Dich nicht hat in’s Unglück bringen wollen!“

„Was hat’s mir genützt? Fort war ich einmal und auf meinen neuen Posten hab’ ich auch nicht mehr hingekonnt – da hab’ ich mich kurz resolvirt und bin ausgewandert, tief nach Ungarn hinunter! Da ist doch noch ein ungebundenes, ein fideles Leben, ich hab’ mir eine Schenkwirthschaft eingerichtet und lebe wie der Vogel im Hanfsamten! Jetzt bin ich noch einmal herauf gereist – ich wollte meine Mutter und meine Verwandten sehen und, wenn’s angeht, eine fidele Wirthin mitnehmen in’s Ungarland …“

„Ich hab’s schon einmal gesagt, Glück auf den Weg – und das bald! Es könnte leicht sein, daß Dir Einer begegnet und Dich fragt, ob Du ihn so gewiß erkannt hast, dort in der Wimbachklamm.“

„Er soll mir kommen – ich hab’s nicht mit ihm zu thun, sondern mit Dir … Dich will ich fassen und nimmer loslassen. …“

Er ergriff wirklich ihren Arm, aber sie sprang zurück und rief:

„Weg von mir mit Deiner blutigen, meineidigen Hand. …“

„Meineidig?“ höhnte er. „Ich glaube, Du träumst! Wer kann aufstehen und kann mir beweisen, daß ich ihn nicht dafür gehalten habe? Mehr hab’ ich nicht geschworen. … Aber Du – fürchtest Du Dich nicht noch weit mehr, daß Du dem Gewissen begegnest? Warum gingst Du sonst fort? Du siehst ein, daß Du nicht mehr bleiben kannst … daheim hast Du auch nichts zu suchen … es bleibt Dir doch nichts übrig, als Deiner Lebtag ein Dienstbot’ herumzufahren unter den fremden Leuten … Sei gescheidt, Evi, und geh’ lieber mit mir – im Ungarland da ist’s ein anderes Leben. …“

„Geh’ mir aus dem Weg,“ sagte Evi kurz, „lieber betteln, als Dir was verdanken – lieber sterben, als mit Dir gehen!“

„Zum Betteln kann’s mit der Zeit vielleicht kommen,“ höhnte der Jäger, „vom Sterben ist noch keine Rede! Jetzt soll’s aus einem andern Ton gehen, und der heißt – müssen“

„Wer will mich zwingen?“ sagte Evi stolz.

„Ich!“ erwiderte Gaberl. „Gehst Du nicht gutwillig mit mir, so gehst Du mit Gewalt!“ Er that einen gellenden Pfiff und fuhr fort: „Dort auf der Straße wartet mein Knecht mit meinen ungarischen Hetzern … er wird gleich da sein, dann heben wir Dich auf und tragen Dich in den Wagen und fort über die Grenz’ nach Ungarn – kein Hahn kräht Dir nach!“ Damit fasste er sie wiederholt am Arme und riß sie an sich. Sie hielt sich an den Stamm der Linde und bot alle Kraft zum Widerstande auf, um zu entrinnen, eh’ der Knecht eintraf, den sie schon über die Felder heranspringen sah. Sie rangen miteinander – da schlug fernes Geräusch an ihr Ohr – sie machte eine letzte verzweifelte Anstrengung sich loszureißen, welche gelang … ein hastiger Sprung in’s Freie – aber er war zu kurz und über eine der Riesenwurzeln der Linde stürzte sie zu Boden. …

– Als sie wieder erwachend die Augen aufschlug, war es ihr, als ob sie träume. Einige Augenblicke sah sie wie prüfend und sich besinnend im Kreise umher, und ein seliges Lächeln überflog ihr Gesicht. Um sie herum standen lauter fröhliche, lachende, ihr zunickende Menschen; es war die halbe Einwohnerschaft der Ramsau, darunter der Vicar und der Bühelbauer, der gar nicht so ernsthaft und streng aussah, wie sonst – und neben ihr kniete Mentel, hielt eine ihrer Hände an die Brust gedrückt und blickte ihr mit aller Innigkeit der Liebe in’s Gesicht. „Was ist denn das?“ stammelte sie. „Träumt mir denn oder bin ich gestorben und wach’ im Himmel auf – bei der ewigen Lieb’ und im ewigen Frieden?“

„Noch bist Du bei uns auf der Erden, Gott sei Dank,“ sagte Mentel zärtlich, – „aber die ewige Lieb’ ist doch bei Dir!“

„– Und der ewige Frieden!“ setzte der Bühelbauer nähertretend hinzu. … „Steh’ auf, Evi – ich sag’ Dir’s vor allen Leuten, Du bist die bravste Person, die ich kenn’, und ein ordentliches Madel; ich bin selbst draußen gewesen und hab’s so mit herein gebracht vom Tölzer Landgericht. Ich hab’ Dir unrecht gethan – Du aber hast Dich nit gerächt dafür; Du hast meiner lieben Bäuerin zu einer ruhigen Sterbstund’ verholfen und hast mir meinen Sohn wieder gebracht … dafür soll der Bursch’ auch Dein gehören, wenn Du ihn magst! Steh’ auf, es ist Alles schon hergericht’ in der Still’ – der Hof gehört’ von heut’ an dem Mentel, Eure Zeugnisse sind da – die Erlaubniß ist da – die Dispens ist da wegen der Verkündigung – wenn Du willst, kann am Sonntag die Hochzeit sein … gieb mir die Hand und schlag ein!“

Evi war an Mentel’s Arm aufgestanden; sie vermochte noch immer nicht sich in den schnellen Wandel zu finden und zu antworten. „Du sagst nichts?“ rief Mentel. „Willst Du’s nit wiederholen vor aller Welt und unter Gottes freiem Himmel, was Du mir nur an dem schrecklichen Ort gestanden hast, wo Du allein zu mir ’kommen bist, wie ein guter Engel?“

„Laß sie gehen, Meutel,“ sagte der Bühelbauer, nicht ohne einen Anflug von Mißmuth, daß das gehoffte freudige Ja sich so lange erwarten ließ. – „Ich weiß schon, was sie verlangt und auf was sie wartet. …“ Er trat etwas näher und wollte die Hände erheben, um sie wie ein Bittender zu falten, im selben Augenblick aber hielt Evi sie umfaßt und lag weinend an der Brust des nicht minder gerührten Alten. „Da ist Dein Platz jetzt, als meine liebe Schwieger,“ sagte er, indem er sie in Mentel’s Arme führte, der sie innig umschlang. „Und jetzt vorwärts!“ fuhr er fort. „Es ist Alles in Ordnung und gut hat sich’s betroffen, daß wir von der Mühl’ herauf ihr gleich nach sind und haben den Jäger, den schlechten Burschen, versprengt. – Jetzt hinunter in’s Dorf und auf den Bühelhof, und damit Dich Keins über die Achsel anschaut, weil Du fremd und nit reich bist, so nehm’ ich Deinen Wanderbündel in die Hand und trag’ ihn Dir nach in’s Haus als Gemeindevorsteher und Bauer!“

Jubelnd setzte der Zug sich in Bewegung und schlängelte sich den waldigen Kunterweg hinab; Jauchzen und Gesang erscholl, die Musikanten, die mitgegangen waren vom Hochamte her, bliesen [281] voran, und hinter ihnen kamen die Kinder, besonders die Mädchen in der festlichen Kirchentracht mit weißen Kleidern und offnen Haaren, durch das ein rothes Band geschlungen ist oder ein grüner Zweig.

Mentel zog seine überglückliche Braut an sich; sein Herz war so voll von Dingen, die er ihr alle zu sagen hatte, daß er aus Ueberfülle wortarm wurde wie sie. „Also gehörst jetzt mein, wirklich und wahrhaftig mein?“ flüsterte er. „Und dasselbe Zetterl, das ich gefunden hab in der bösen Nacht – es ist doch von Dir gewesen und für mich? Weißt Du die drei Buchstaben noch? Der dritte – der heißt Rosenrot. …“

„Ich will Dich lieben bis in Tod …“ erwiderte Evi und sank ihm an die Brust.

Die Hochzeit auf dem Bühelhof fand bald statt; sie war ein Fest nicht nur für die Bewohner des Gehöftes, sondern für jene der ganzen Ramsau – ein Fest, dem reine schöne Tage folgten, denn mit dem schwergeprüften Paare war fortan das Glück, und sie führten, nach der Bezeichnmtg des Volks, ein Leben „wie im Himmel!“

Quasi ertrug das Zuchthausleben nicht lang: er starb nach wenigen Monaten. Die Müllerin war ihm vorangegangen, von Evi bis zum letzten Athemzuge mit der Sorgfalt einer liebenden Tochter verpflegt. Die einsame Ledermühle wurde verkauft und der blöde Alte auf dem Bühelhofe untergebracht; aber er war fremd dort und wollte nicht bleiben – eines Morgens wurde er todt auf Kordel’s Grab gefunden.

Von dem Jäger kam keine Kunde mehr in’s Land; nach vielen Jahren kam ein landfremdes unbekanntes Weib und hing in der Kapelle am Kunterweg neben dem Altar einen Hirschfänger auf, wie die Jäger sie zu tragen pflegen. Sie war weit hergekommen deswegen und hatte, wie sie sagte, das letzte Gelöbniß eines Sterbenden damit erfüllt – diesen selbst nannte sie nicht, aber das Volk glaubte ihn zu errathen.

In der obern Stube des Bühelhofes hing Mentel’s Stutzen; darunter in einem immer frisch erhaltenen Kranze von Alpenrosen und Edelweiß eine unvollendete Farbenskizze aus Reinthaler’s Rücklaß, die fröhliche Gesellschaft darstellend, die sich einmal auf dem Scharten-Kaser zusammengefunden. Oft standen Mentel und Evi davor und dachten der edlen Todten, und wie von Allen ihnen allein das Leben sich entfaltet hatte zu Blüthen der Liebe und des Glücks. „Wir wollen Gott dafür danken alle Tag!“ sagte dann der junge Bauer, sein Weib an sich drückend, „aber wahr ist es halt doch geblieben, was ich damals gesungen hab’:

Denn Almenrausch und Edelweiß,
Die g’hören dennerscht z’samm!“


  1. WS: Im Original überzähliges Hochkomma entfernt.