Fritz Gerstäcker

Textdaten
Autor: Wilhelm von Hamm
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Titel: Fritz Gerstäcker
Untertitel:
aus: Gesammelte kleine Schriften von Dr. Wilhelm Ritter von Hamm. 2. Band, S. 271–282
Herausgeber: Leo Pribyl
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: A. Hartleben
Drucker:
Erscheinungsort: Wien
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Gartenlaube (1870) b 245.jpg
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[271]
Fritz Gerstäcker.

Selten hat mich – und gewiß Viele mit mir – eine Todesnachricht so tief erschüttert, wie diejenige vom 31. Mai 1872. Fritz Gerstäcker todt – aber das kann ja gar nicht möglich sein! Ihm gegenüber, der sich niemals verändert hatte, der als Mann von 56 Jahren noch ebenso frisch und zäh aussah wie ein Dreißiger, der mit ewiger Jugend nicht blos des Geistes, sondern auch des Körpers begabt schien, konnte Niemand auf den Gedanken an ein plötzliches Sterben kommen. Zwar hatte er durchgemacht, was nur wenige Menschen auf der Erde durchmachen, aber eine Erschlaffung, eine Abnahme seiner körperlichen Kräfte war niemals an ihm wahrzunehmen gewesen. Auf der Jagd, deren er kundig war wie Wenige, that er es immer noch den Jüngsten zuvor, und während er sich im Jahre 1870 nach seiner eigenen Ausdrucksweise „unter den Kriegsbummlern“ befand, ertrug er die härtesten Strapazen mit einer so spöttischen Leichtigkeit, daß ihn gar mancher seiner federheldischen Collegen darum beneidete. Er hatte sich aber auch ein ganz besonderes System der Abhärtung geschaffen, dem er unter allen Verhältnissen treu blieb; er lebte mäßig, schlief bei offenen Fenstern, trug nur leichte Kleidung, machte viele Bewegung und hielt auf streng geordnete Lebensweise. Eigentlich krank war er wohl niemals gewesen, dagegen hatte er während seiner Irrfahrten in den entlegensten Ländern ein paarmal Anfälle von räthselhaften tiefen Ohnmachten – ohne jede vorhergegangene Ursache – gehabt und behauptete auch öfters, daß er einst in dieser Weise sterben werde. Ganz ist es nun nicht so gekommen, aber doch beinahe. Nach einem keineswegs Bedenken erregenden Unwohlsein weniger Tage raffte ihn plötzlich ein Schlaganfall hinweg. So aber hatte er es sich gewünscht; wie oft habe ich ihn sagen gehört: „Nur keine langwierige Krankheit, nur kein sieches Alter!“ Aber wer dachte an Siechthum und Alter, wenn er ihn anschaute, noch wenige Tage vor seinem Tode!

[272] Im Jahre 1847 habe ich Fritz Gerstäcker zum erstenmale gesehen in Leipzig. Es hatte sich damals, hauptsächlich auf Arnold Ruge’s Anregung, ein Künstlerverein gebildet, welcher zum Mittelpunkte des geistigen Verkehres der Stadt werden sollte, aber schon nach dem ersten Halbjahre wieder einschlief, zugrunde gerichtet durch langstielige Vorlesungen und Mangel an verständiger Leitung. Gerstäcker hatte demselben angehört, und wir lernten uns bei den Zusammenkünften im „Hôtel de Pologne“ kennen. Er war es, der im Herbste des Jahres den Künstlerverein auf einer neuen Basis wieder in’s Leben rief und recht eigentlich dessen Seele ward. Bei der Einladung zur Theilnahme war wählerisch zu Werke gegangen worden, und so fand sich denn auch in dem neuen Local der Börsenhalle bald wöchentlich eine Gesellschaft zusammen, deren Elemente trefflich aufeinander paßten, so daß sich die Vereinsabende recht hübsch gestalteten. Außer ihm fanden sich ein die Schriftsteller Gustav Kühne, Wilhelm Wolfsohn, Julian Schmidt, Gustav Freytag, Wilhelm Gerhardt, Aurelio Buddeus, Ernst Willkomm, Adolf Wilda, Robert Gisecke, Ferdinand Mikowetz und Andere; die Maler Richter, Merkel, Georgi, Schlick; die Architekten und Bildhauer Ungewitter, Rohde, Purfürst, Knaur; die Musiker und Componisten Lortzing, Netzer, Böhme, Wasilewsky, Riccius, Reimers, Meinhardus, Leonhardt; die Bühnenkünstler Wohlbrück, Richter, Keller, Behr, Henry, Salomon, Widemann, Meixner und Andere. Die Architekten und Bildhauer hatten dem Vereine einen classisch modellirten Humpen gestiftet, welcher fleißig die Runde machte, es wurden Bilder ausgestellt, Poesien vorgetragen, Musik gemacht – Gerstäcker erzählte wunderbare Reise-Abenteuer, welche er stets mit der Einbegleitung versah: „Meine Herren, jeder Reisende lügt, auch Alexander Humboldt war nicht frei von diesem Fehler, ich aber bin es!“ und rief damit wahre Lachkrämpfe hervor – kurz, es war ein höchst heiteres, ungezwungenes Zusammensein, das auch nicht der ernsthaften Anregung entbehrte. Alle Strahlen des Vereines in einen Brennpunkt sammelte der glänzende Festball, den er in den ersten Tagen des Jahres 1849 veranstaltete, zu welchem eine Einladungskarte erhalten zu haben, für ein wahres Glück galt. Nicht allzu oft dürfte ein an den verschiedensten Genüssen so reiches Programm sich abspielen, wie das dieser unvergeßlichen Nacht. Eine Scene daraus steht mir vor Allem noch im Gedächtnisse. Gustav Kühne hatte ein höchst elegantes, distinguirtes Wachsfiguren-Cabinet gezeigt und geistreich erklärt; der Vorhang war gefallen, noch rauschte der Applaus, da sprang ein neuer Erklärer auf das Podium. Es war Gerstäcker im polnischen Schnürrock, abenteuerlichst aufgeputzt. „Hoher Adel und verehrungswürdiges Publikum!“ rief er im Marktschreierton, „das Ihnen vorgeführte Wachsfiguren-Cabinet war gar nicht das echte, dessen Besitzer bin ich, schauen Sie her!“ Und sogleich hob sich wieder die Courtine – da stand eine neue Sammlung von Wachsfiguren, lauter Caricaturen, in der tollsten Weise ausstaffirt, aber meisterhaft gestellt. Niemand im Saale, außer den Mitwirkenden, die das Geheimniß fest bewahrten, hatte eine Ahnung von dem Einschiebsel [273] gehabt, um so größer war die Ueberraschung. Mit unglaublicher Volubilität brachte nunmehr Gerstäcker seine von Witzen und Anzüglichkeiten strotzende Erklärung vor; äußerst verdutzt schaute sein Vorgänger auf den Streich, der ihm den wohlvorbereiteten Triumph entzog, und mußte sich sogar zwingen, einen kleinen Aerger niederzukämpfen, als der neue Rhapsode, nachdem er die unterschiedlichsten Curiositäten – so z. B. „Wallenstein’s Lager“ „Hamlet’s Frack“ u. s. w. – vorgeführt hatte, einen riesigen Quader herbeischleppte mit den Worten: „Und hier zum Schlusse der Stein, der dem Doctor Kühne vom Herzen gefallen ist, als er endlich glücklich fertig war!“ – Der ganze Auftritt, der in der Beschreibung verliert, war zum Todtlachen. Vielleicht würden wir heute nicht mehr so darüber lachen, allein damals waren wir jung.

Ein paar Monate darauf folgte ein Abend der Trauer – Gerstäcker nahm Abschied von seinen Freunden für lange Zeit, um seine zweite große, seine erste Weltreise anzutreten. Fast wäre ich sein Begleiter auf derselben geworden; während ich häufig mit ihm die Stadt durchlief, um ihm bei der Auswahl seiner Effecten, die sich auf das Nothwendigste belaufen sollten, insbesondere der Waffen, ein wenig zu helfen, hat er mir verschiedenemale so dringlich zugeredet, daß wirklich nur die strengen Verpflichtungen, welche auf mir lagen, mich abgehalten haben, einen thörichten – vielleicht auch einen gescheidten, wer weiß? – Streich zu machen. Am Trennungsabend kam er ganz spät noch einmal in den Kreis des Künstlervereins, der ihm das Geleite zur Bahn geben wollte. Mehrere von uns hatten einen Lese-Abend bei Gustav Kühne vorher zu überstehen gehabt, niemals ist wohl dem guten Calderon so mitgespielt worden, wie damals. Dennoch kamen wir noch rechtzeitig genug, aber nur um ihm die Hand zu schütteln und ein wehmüthiges: „Auf fröhliches Wiedersehen!“ nachzurufen. Die projectirte Begleitung hatte er, ernstlich bittend, abgelehnt, überhaupt vermied er jederzeit gern Abschiedsscenen und öffentliche Sentimentalität.

Hier ist nun eine schickliche Pause, um einen gedrängten Lebensabriß Fritz Gerstäcker’s einzuschalten. Er wurde geboren am 10. Mai 1816 zu Hamburg als Sohn eines renommirten Tenoristen, in dessen Adern orientalisches Blut floß, der, eine echte Künstlernatur und ein unruhiger Geist zugleich, sich niemals lange wohl befand an demselben Orte und diese Eine Eigenschaft auch auf den Sohn vererbt hat. Er starb, ehe der Letztere seine Erziehung vollendet hatte, welche nun ein Onkel in Braunschweig übernahm. Hier trat Fritz zuerst bei einem Uhrmacher in die Lehre, that aber nicht gut, und ebensowenig in einem Materialwaaren-Geschäfte zu Kassel, wo der Versuch gemacht werden sollte, einen Kaufmann aus ihm zu schnitzen. Nach damals beliebter Uebung ward er denn zum Oekonom bestimmt und erlernte den praktischen Theil der Landwirthschaft auf dem Rittergute Döben bei Grimma in Sachsen von 1835 bis 1837. Als er sich in letzterem Jahre genug ausgebildet glaubte, um einen amerikanischen Farmer abgeben zu können, wanderte er aus. In Newyork traf er mit einem Bekannten [274] zusammen, der ihn beredete, sein bischen Vermögen in einem gemeinschaftlichen Cigarrengeschäfte anzulegen. Dies ging anfangs auch ganz vortrefflich, so daß Gerstäcker endlich der verzehrenden Sucht nach Jagd und Abenteuern eine Abschlags-Concession machen zu dürfen glaubte. Er übergab dem Compagnon die Führung des Geschäftes, schulterte die Büchse, warf das Blanket über und verfügte sich in die Wälder des Nordwestens. Zwei Monate lang durchzog er die Wildniß als Gast der Indianer, Pelzjäger, Trapper und Waldläufer; die Jagd, mit der es ihm anfangs schlecht ging, gewährte ihm zuletzt reichlichen Unterhalt. Nur ungern kehrte er nach Newyork zurück. Als vollkommener Hinterwäldler trat er vor seinen Laden – eine andere Firma ist angebracht. Bestürzt fragt er – der wackere Compagnon hat mittlerweile die Handlung verkauft, Alles, auch des Freundes Effecten, zu Geld gemacht und war dann verschwunden. Da stand denn Gerstäcker „omnia sua secum portans“ in Nordamerika. Aber augenblicklich erwachte die Spannkraft seines Geistes – er lachte hellauf, verwendete das bischen Baarschaft, was ihm noch geblieben war, zum Ankauf von Pulver und Blei – dann machte er rechtsum Kehrt und marschirte getrost wieder zurück in die Wildnisse der Alleghanies. Sechs Jahre lang trieb er sich in ihnen herum; während dieser Zeit hatte er mehreremale zu Fuß das ganze ungeheure Gebiet vom Grand Decharge River in Canada bis zu den Mississippi-Bayous, von den Wäldern des Ohio bis in die Prairien des fernen Westens durchmessen. Größtentheils lebte er von der Jagd; häufig aber zwangen ihn die Verhältnisse zu anderem Erwerbe. Bald half er den Farmern ackern, ernten und dreschen gegen Lohn, bald stand er als Kellner an dem Bar einer Urwaldschänke; einmal war er in einer Hütte am Ufer des „Vaters der Gewässer“ angesiedelt, um Holz zu schlagen für die vorüberbrausenden Dampfschiffe; das anderemal wieder verrichtete er den Dienst des Heizers auf einem derselben. Mit einem Jagdgefährten unternahm er kühne Canoefahrten auf dem Mississippi, um in dessen Sümpfen Rohre zu schneiden, welche, in Neworleans als Cigarrenspitzen verkauft, so guten Gewinn abwarfen, daß Beide ein Hôtel zu Point-Coupie pachten und halten konnten. Inzwischen hatte Gerstäcker viele so frische, gewinnende Schilderungen seiner abenteuerlichen Kreuz- und Querzüge nach Deutschland gesendet, daß die ersten Blätter ihnen gern ihre Spalten öffneten und ihn zur Fortsetzung ermuthigten. Mehr bedurfte es nicht, um ein schon lange in ihm kämpfendes Heimweh zur verzehrenden Flamme anzufachen; rasch entschlossen, warf er Alles hinter sich und kehrte wieder nach Europa zurück. So vielen Anklang aber auch seine ersten zusammenhängenden Schriften fanden, so bald mußte er dennoch erfahren, daß das Literatenthum gar bitteres Brod bietet. Er hatte schwere Kämpfe durchzumachen; zwang ihn zuletzt doch sogar die Noth, sich als Uebersetzer jenem berüchtigten sogenannten „literarischen Comptoir“ des Dr. Philippi in Grimma zu verdingen, von dem in unseren Kreisen die Sage ging, daß die darin Beschäftigten wöchentlich einen Thaler neben der Kost, halbjährig ein Paar Stiefel und zu Weihnachten [275] einen Stollen nebst einer Flasche Meißner als Extra-Gratification erhielten, dafür aber von sechs Uhr Früh bis sechs Uhr Abends unter strenger Clausur gehalten würden. Aber auch diese Misère durchbrach Gerstäcker mit zäher Arbeitskraft; er war unglaublich productiv und gelangte rasch zur Geltung. Im Jahre 1846 verheiratete er sich mit Fräulein Anna Sauer, früher Soubrette am Dresdener Theater, einer feinen, gebildeten und liebenswürdigen Frau, welche es verstand, dem Vielgewanderten ein trauliches Heim zu bereiten. Ich denke noch mit wehmüthigem Entzücken an die schönen Abende im Parterre-Locale der Salomonstraße zu Leipzig, welche ich mit dem prächtigen Paare beim Thee verbrachte, und der köstlichen Erzählungen des Freundes, die der mahnenden Uhr unbesiegbar Paroli bogen. Wir hatten im Winter 1848 49 besonders viel mit einander zu verkehren; außer dem Künstlerverein hatte Gerstäcker noch ein anderes Institut gegründet, welches nach vieler Richtung hin Furore machte, die Scharfschützen-Compagnie der Leipziger Nationalgarde. Sie bestand aus der Elite der Bevölkerung und hatte mit der Tradition des Uniformrockes und des Käppi gebrochen; wir trugen graue Blousen mit Ledergürtel und schwarze Calabreser mit Schildhahnbuschen; als Hauptmann war ein geachteter Kaufherr, Karl Uhde Bieber, erwählt worden, der unter zwölf Schüssen wenigstens dreimal „Nagel“ schoß.

Die ganze Organisation war Gerstäcker’s Werk gewesen, es lag ihm daher viel daran, sie vor seiner Abreise möglichst sicher zu stellen und ihr zuverlässige Freunde zu gewinnen. So ward ich denn sein Nachfolger in dem beneideten Range eines Zugführers. Als ein Jahr darauf die Reaction wiederum Oberwasser hatte, war es eine ihrer ersten Maßregeln, die staatsgefährlichen Calabreser und Blousen durch den conservativen Waffenrock mit Käppi zu ersetzen.

Gerstäcker hatte seine Weltreise angetreten mit einer Unterstützung der damaligen Reichsregierung, deren Haupt, der Reichsverweser Erzherzog Johann von Oesterreich, ihn persönlich beauftragt hatte, das Auswanderungswesen eingehend zu studiren. Außerdem hatte ihn die Cotta’sche Buchhandlung engagirt. Seine lebenswarmen Berichte in der „Allgemeinen Zeitung“ gaben Anlässe zu der bekannten, viel belachten Charge von Karl Reinhardt in den „Fliegenden Blättern“, die ihn porträtähnlich darstellt im gleichzeitigen Kampfe mit Indianer, Bison, Schlange, Krokodil und anderen Bestien, und der Unterschrift: „Hurrah, das giebt wieder einen prächtigen Artikel für die Augsburgerin!“[1] – Im Juni 1852 kehrte er zurück. Er hatte die südamerikanischen Pampas von Buenos-Ayres bis Mendoza durchritten, die Cordilleren mitten im Winter überklettert, in Californien Gold gegraben, Holz geschlagen und Bier gebraut, hatte in der Südsee auf Wale gekreuzt, den Haifisch in seinem eigenen Element bekämpft und vor der Königin Pomare Zither gespielt; von Sidney aus war er, der erste europäische Pfadfinder, durch das Murray-Thal ganz allein nach Adelaide gewandert und zuletzt in Java fast festgehalten worden von den [276] Reizen der Wunderinsel. Sein fünfbändiges Werk über diese Reise ist wohl das beste, welches er geschrieben; es schließt mit den Worten: „Mit den Schwalben habe auch ich mein Nest wiedergefunden, der Wandervogel steckte seine Flügel in die Tasche und ist jetzt fest entschlossen, in der Heimat zu bleiben!“ – Allein das kann kein Wandervogel, wenn sich die Sehnsucht in ihm regt, dann muß er fort. Auch den armen Freund hat es niemals allzu lange im warmen Neste gelitten. Hatte er sich doch den Wahlspruch erkoren: Rast’ ich, so rost’ ich! den das wohlbekannte Siegel führte, und ihm ist er treu geblieben sein Lebenlang, daheim und draußen.

Zunächst schlug Gerstäcker nunmehr seinen Wohnsitz in Plagwitz bei Leipzig, dann in letzterer Stadt selber auf. Natürlich war der freundschaftliche Verkehr sofort wieder im Zuge, auch der Künstlerverein erwachte durch seine Bemühungen vom Scheintode, aber nur zum Scheinleben; wer konnte in die alte Heiterkeit zurückfallen in jenen düsteren bedrängten Jahren? Doch fehlte es nicht an mancherlei Freuden und Scherzen. Wir zogen fleißig auf die Jagd nach Zweenfurth, Wolfshain, Beucha, Schönau u. s. w., überall war Gerstäcker ein willkommener Gast, schon als unübertrefflicher, ruhiger Schütze und Kenner des Waidwerks. Daneben war er ungemein fleißig. Manchmal unterbrach er aber gern die Arbeit, um eine Stunde unter Freunden zu sein. Dies sah seine Frau während des Tages ungern, sie war damals schon kränklich und ungemein reizbar. Er mochte sie um keinen Preis erzürnen; glücklicherweise erfand er ein Auskunftsmittel. Sein Arbeitszimmer in einem Gartenhause des Schrötergäßchens hatte zwei Ausgänge. Er verschloß sich darin mit dem gemessenen Befehle, ihn unter keinen Umständen zu stören; dann nahm er seine Zeit wahr und entwischte in den Club, der ihn regelmäßig erwartete. Manchmal[2] that ihm einer seiner Freunde den Gefallen, sich während dessen bei der verlassenen Gattin nach ihm zu erkundigen und sie zu beschwören, sie möge ihren Mann vor Ueberarbeit hüten.

Im Jahre 1854 machte ihm Herzog Ernst von Coburg den Vorschlag, er möge in seine Residenz übersiedeln; er nahm ihn an, nachdem er die einsam aber wunderschön gelegene Rosenau, über eine Stunde von der Stadt entfernt, sich als Wohnsitz ausgewählt hatte. Mancherlei hämische Gerüchte von einem subalternen Dienstverhältniß, in das er getreten, durchliefen damals die Zeitungen; es war kein Wort daran wahr. Mit dem Herzog stand er durchaus auf dem Fuße ehrerbietiger Freundschaft und ließ sich durch ihn von keiner seiner Gewohnheiten abbringen. So war er durchaus nicht dazu zu bewegen, in den Gesellschaften bei Hof, zu welchen er regelmäßig geladen ward, in Frack, mit weißer Halsbinde und Cylinder zu erscheinen; er kam hartnäckig im kurzen schwarzen Gehrock, den Kragen übergeschlagen und mit einer Matrosenschleife geknüpft. Erst in der allerletzten Zeit seines Coburger Aufenthaltes ließ er sich durch eine liebenswürdige List der Herzogin zum schwarzen Frack verleiten, aber ich glaube auch, daß ihm das den Hof völlig verhaßt gemacht hat. Er begleitete den [277] Herzog auf alle Jagden, besonders jährlich auf die Gemsjagd bei der Hinter-Riß in Tirol, die er auch in einem Prachtwerke trefflich geschildert hat.

Einmal schrieb er mir einen dringlichen Brief um ein paar amerikanische Aexte; er war eine Wette eingegangen und gewann sie, indem er in Gegenwart der fürstlichen Familie und des gesammten Forstpersonals einen Baum in kaum der Hälfte der Zeit fällte, die zwei geübte Holzschläger mit ihren einheimischen Werkzeugen zur Niederlegung eines gleichen Stammes brauchten. Im August 1857 besuchte ich ihn auf der Rosenau, um ein paar frohe Tage mit ihm zu verleben, die er jedoch durch eine gebotene Reise nach Weimar zur Enthüllung des Dichter-Heroen-Monuments verkürzen mußte. Er wohnte dort äußerst lieblich in dem Schweizerhause, über dem prachtvollen Kuhstall; rings um seine Wohnung lief eine Galerie mit der schönsten Aussicht auf das Schloß, saftgrüne Matten und stolze Baumgruppen des unvergleichlich schönen Parks. Doch klagte er schon damals über die Nachtheile der Entfernung von Stadt und Menschen. Vielleicht entwickelte sich daraus die Unruhe, welche ihn 1860 wiederum über den Ocean trieb, trotz aller Vorsätze und öffentlicher Versprechen. Diesmal richtete sich seine Fahrt zunächst im Interesse einer englisch-deutschen Colonisations-Gesellschaft nach Ecuador in Südamerika, wo er in den Wildnissen des Pailon lange Zeit unthätig auf das Auswandererschiff „Kittiwake“ warten mußte; dann durchstreifte er Peru und Chili, während der Versuch, in Patagonien einzudringen, fehlschlug, weshalb er von Valparaiso aus um das Cap Horn die deutschen Ansiedelungen in Buenos-Ayres, Uruguay und Brasilien aufsuchte, endlich von Rio de Janeiro über Bordeaux heimkehrte. Das Ergebniß dieser Reise war das dreibändige Werk: „Achtzehn Monate in Südamerika und dessen deutschen Colonien.“ Es schließt mit den Worten: „In Paris traf ich auf einen Bekannten – von ihm erfuhr ich, daß ich kein Weib, keinen eigenen Herd mehr habe, und das war mein Willkomm in der Heimat.“ – Seine Frau, schon längere Zeit an der Tuberculose leidend, war kurz vor seiner Wiederkunft schmerzlos gestorben; ihr letztes Wort war der Name des geliebten Mannes gewesen. Glücklicherweise stand seine Mutter (vordem die Sängerin Friederike Herz, Schwester des Münchener Hofschauspielers) dem Verlassenen treulich zur Seite und nahm ihm mindestens theilweise die schwere Sorge der Erziehung seiner drei unmündigen Kinder vom Herzen. Durch eisernen, fast ununterbrochenen Fleiß gelang es ihm, seines Kummers Herr zu werden; aus jener Zeit stammen einige seiner schönsten Romane.

Im Jahre 1862 begleitete er den Herzog von Coburg und seine Gemalin auf einen Jagdzug nach Abyssinien. Diese unter so glücklichen Auspicien angetretene Reise war aber diejenige, welche Gerstäcker am wenigsten befriedigte; zwar äußerte er sich nur höchst zurückhaltend darüber, hat auch, ganz entgegen seiner sonstigen Gepflogenheit, nichts darüber veröffentlicht, allein es blieb ein innerliches Zerwürfniß zurück, welches ihn veranlaßte noch in demselben Jahre seinen Wohnsitz von Coburg nach Gotha zu verlegen. [278] Hier besuchte ich ihn am 23. Januar 1863, um der ersten Aufführung seines Dramas: „Der Wilderer“ auf der dortigen Hofbühne beizuwohnen. Ich hatte dasselbe schon am 14. October 1862 in Leipzig über die Bretter gehen sehen; es war eine dramatisirte Novelle, bühnengeschickt gemacht und reich an ergreifenden Scenen, aber verletzend für das Gefühl bis zum Abstoßenden. In Gotha war der Hof, das Publicum in ungewöhnlicher Zahl vertreten; aber auch da brachte, trotz der günstigen Stimmung und dem brillanten Spiele der Versing-Hauptmann, des Stück es nicht über einen Succès d’estime. Damals vertraute mir der Freund an, daß er sich wieder zu verheiraten gedenke, und bald darauf erfolgte die Anzeige seiner Verlobung mit Louise Visscher von Gaasbeck. Die Braut war die Tochter eines früheren holländischen Residenten, welchen Gerstäcker in Java kennen gelernt hatte; ihre Erziehung war in dem Marien-Institut und in einem befreundeten Hause zu Gotha vollendet worden.

Ich kann mich nicht enthalten, hier das Hochzeitsgedicht mitzutheilen, das ihm ein Freund zu seinem Ehrentage widmete und welches der Schwiegervater dem Ueberraschten während der Festtafel, unter ungeheurem Jubel der Gäste, vortrug; poetischen Werth hat es freilich nicht, aber es war so ganz in seiner eigenen Manier gehalten und so reich an Bezügen zu seinen Erlebnissen, daß es zünden mußte. Es lautete:

     Zum 24. Juli 1863.
Was klingt und singt heut’ alle Welt?
Hört Ihr des Lärmes Brausen
Vom Cap der Hoffnung bis zum Belt,
Von China bis Mülhausen?

Es drehen sich im Freudentanz
Der Erde Nationen,
Ob sie in Grönland’s eis’gem Glanz,
Ob unterm Gleicher wohnen.

Heut’ trägt die schönste Büffelhaut
Der Schwarzfuß-Indianer,
Heut’ trommelt noch einmal so laut
Der Südsee-Insulaner.

Heut’ sind die Placers alle leer
Im californ’schen Goldland,
Heut’ winden Blumen um den Speer
Die Wilden in Neuholland.

Mit frischer Butter salben sich
Heut’ Abyssiniens Kinder,
Und der Chinese – wunderlich! –
Riecht heute gut nicht minder.

Heut’ sind Australiens Nasen rein
Und leuchtend alle Blicke;
Heut’ trinkt vom Faß den Apfelwein
Der würdige Kazike.

[279]

Am tollsten aber rollt die Lust
Im Zauberlande Java,
Dort gährt’s und sprüht’s aus jeder Brust
Wie frisch ergoss’ne Lava.

Und laut von Pol zu Pole schallt
Ein Jubel und Gekicher,
Daraus der Ruf vernehmlich hallt:
„Jetzt sind wir vor ihm sicher!“

Heil ihr, der es so schön gelang,
Uns ganz vor ihm zu retten –
Und möge sie ihn halten lang
Ja immer fest’ren Ketten!“

Einen hübschen Triumph feierte Gerstäcker am 7. April 1865. Er war in Begleitung seines Schwagers, des genialen Sängers Hölzel, aus Wien nach Leipzig gekommen, woselbst der Letztere in mehreren Gastrollen auftrat – besonders sein Bruder Tuck in Marschner’s „Templer und Jüdin“ machte Furore nach dem unverdienten Schicksal, das diese Rolle über ihn gebracht hatte. An jenem Abend sang er mit wahrer Meisterschaft seine Lieder, unter welchen namentlich das von Gerstäcker gedichtete oder nachgedichtete nordamerikanische Volkslied: „Wir kommen, Vater Abraham, dreihunderttausend mehr!“ außerordentlichen Beifall fand. Der Sturm des Applauses galt aber ebensowohl dem im Parquet anwesenden Dichter, welchen Jedermann kannte und nach dem sich alle Blicke richteten. Dann sah ich ihn wieder im Frühjahre 1866 zu Gotha, auf dem Rückweg vom Inselsberg, den ich auf Pfingsten im Schnee gefunden hatte; es ward mir Gelegenheit, zu beobachten, welcher allgemeinen Verehrung sich Gerstäcker unter der Bürgerschaft seines damaligen Wohnortes erfreute; jedes Kind auf der Gasse grüßte: „Guten Tag, Herr Gerstäcker!“ Dennoch vertrieb ihn bald darauf das unfreundliche Klima jener Stadt; seiner Frau zuliebe siedelte er im Herbst 1866 nach Dresden über.

Nach langem Suchen fand er, nicht weit von der Villa seines Freundes Dawison, eine hübsche Gartenwohnung, dort, „wo die letzten Häuser stehen“, und richtete sich darin comfortabel ein. Sein Arbeitszimmer war wirklich sehenswerth, es hatte sechs Wände, und an fünfen davon waren die Welttheile repräsentirt in einer reichen ethnographischen Sammlung, Frucht seiner Reisen, an deren jedem Stücke eine Erinnerung haftete. Am drolligsten präsentirte sich Europa mit dem abgelegten Coburger schwarzen Frack, Vatermördern, Cylinder, gelben Glacéhandschuhen etc. in der Mitte. Sein Freund, der Maler Herbert König, der bei der Decoration das Beste gethan, hat sie jüngst in der „Gartenlaube“ treulich abconterfeit.[3] Aber auch in diesen gemüthlichen Räumen ließ er sich nicht lange fesseln, auch die kühne Voraussetzung des Hochzeitsliedes machte sein unruhiger Geist zu Schanden. Schon im Jahre 1867 brach er wieder auf, zum viertenmale, um mit eigenen Augen die ungeheure Entwicklung Nordamerikas nach dem Bürgerkriege zu sehen; er drang bis in den fernsten Westen, durchstreifte [280] Mexico, Central-Amerika, Westindien und kehrte Ende 1868 wieder heim. Zum letztenmale habe ich ihn gesehen und flüchtig gesprochen während einer Durchreise zu Dresden in der Restauration der Brühl’schen Terrasse im Mai 1869. Im Herbst desselben Jahres zog er nach Braunschweig, den Ort seines Anfanges, der auch derjenige seines unerwarteten Endes sein sollte. Auf Ernst Keil’s, eines seiner intimsten Freunde, Veranlassung ging er 1870 als Berichterstatter mit den deutschen Heeren nach Frankreich. Dort war er aber nicht blos mit der Feder thätig, sondern widmete sich unverdrossen der Ueberbringung von Transporten, der Krankenpflege, der Sorge für die heimkehrenden Verwundeten; er war eine allgemein gekannte, verehrte Gestalt im Lager wie im Felde.

Fritz Gerstäcker’s Wesen und Bedeutung als Schriftsteller ist so oft gewürdigt worden, so allgemein bekannt, daß ich nur Weniges zur Ergänzung darüber zu äußern brauche. Vorher aber drängt es mich, noch ein paar Worte über den Menschen zu sagen. Sein Aeußeres ließ den großen Reisenden kaum errathen. Er war kaum von Mittelgröße, aber untersetzt und kräftig gebaut; an seinem Körper kein Loth überflüssiges Fleisch. Mit hellen grauen Augen blitzte er über der gebogenen Nase in die Welt; das braune Haar hing ihm, in den letzten Jahren etwas sehr geschwunden, in Locken um den kräftigen Kopf, den ein starker Vollbart umrahmte; er behauptete, sich niemals in seinem Leben rasirt zu haben. Ganz köstlich war sein Lachen mit verbissenen Lippen; Schalkhaftigkeit und Humor zuckten dann in jeder Faser seines Gesichtes. So blickt er mich denn auch an aus dem unvergleichlichen Porträt von Adolph Neumann, das die „Gartenlaube“ wiederholt gebracht.[4]

In allen Leibesübungen war Gerstäcker wohl erfahren; ein trefflicher Schwimmer, Reiter, Fechter. Daneben besaß er zahlreiche manuelle Fertigkeiten, wie sie der Pionnier der Wildniß braucht. Er war ein vorzüglicher Familienvater, ein zuverlässiger Freund, ein warmer Eiferer für alles Gute, ein abgesagter Feind des Hohlen und Schlechten. Die „Knopflochsucht“ war ihm ein Gräuel, ebenso das Titelwesen; wenn man sich einen Scherz erlauben wollte, so schrieb man an ihn: „Euer Hochwohlgeboren!“[5] Den deutschen Namen hielt er hoch und war stolz auf sein Vaterland, dessen Ruhm er in alle Zonen trug. Seine Kühnheit, sein kaltes Blut, seine Geistesgegenwart, die ihn aus hundert Lebensgefahren gerissen, waren ohnegleichen; er war aber auch ebenso beharrlich und fest, wenn es ein Ziel zu erreichen galt. Seiner werkthätigen Verwendung haben Viele, sehr Viele ihr Lebensglück zu verdanken gehabt; nicht Alle sind dankbar dafür gewesen; dies irrte ihn aber niemals. Er war wahrhaftig ein ganzer Mann! Für die deutsche Auswanderung, für Verbreitung von nützlichen Gewächsen, als Pfadfinder für Handel und Verkehr und in manchen anderen realen Richtungen hat er Bedeutendes geleistet. Für alles Gemeinnützige sprang er sofort ein; zahlreiche, häufig von schlagfertiger Entrüstung eingegebene Veröffentlichungen sind ein Zeugniß dafür.

[281] Gewöhnlich wird, wenn von Gerstäcker’s schriftstellerischer Thätigkeit die Rede ist, nur an seine Romane und Reisebeschreibungen gedacht; außer diesen hat er sich aber noch auf gar manchen anderen Gebieten mit Geschick und Glück bewegt. Besonders verdienen seine Jugendschriften hervorgehoben zu werden, deren Inhalt er vorerst seinen eigenen Kindern vorerzählte, ehe er sie in die Welt sendete; es ist darin eine Fülle von Phantasie und Humor neben tüchtiger pädagogischer Begabung zu finden. Auch die Jagdwissenschaft hat er zum Gegenstande mehrerer werthvollen Arbeiten gemacht. Als gemüthvollen Liederdichter lernten ihn wohl nur die nächsten Freunde kennen; es ist nicht zu zweifeln daran, daß in seinem Nachlasse sich eine große Zahl von Poesien, darunter besonders gelungene Uebersetzungen, vorfinden wird. In Witz und Humor war er der besten Einer. Er ist wohl der älteste und fruchtbarste Mitarbeiter der „Fliegenden Blätter“ gewesen, in welchen zahllose Schwänke von ihm zu finden sind. Wer erinnert sich nicht an den „Senfhund“ und ähnliche Schnurren! Ueberhaupt war er ein Meister in der Cultur des höheren Blödsinns, deren Berechtigung in Zeit und Literatur ich einmal ein besonderes Capital zu widmen gedenke. Er verstand es, selbst ernsthafte Leute zu bekehren und zur Nachahmung zu verführen, ward auch gar nicht böse darüber, wenn man ihn selber zum Stichblatt einer gutmüthigen Persiflage erkor. So ist die „Bärengeschichte“ ein Abschnitt aus einer projectirten Parodie: „Fritz Kornäcker’s wunderbare Fahrten zu Wasser und zu Land“, an deren Entwurf er selber seinerzeit den lebhaftesten Antheil nahm.

Wie ich schon oben mitgetheilt, hat sein Drama: „Der Wilderer“ kein Glück gemacht. Er durfte sich aber damit trösten, daß kein Dramatiker der ganzen Welt, weder Shakespeare noch Kotzebue, nicht Kalisch und nicht Schiller so oft seine Gestalten hat über die Bretter gehen lassen, als Gerstäcker. In Dresden führte ihn nämlich eines Tages der Zufall in die elende Markt-Theaterbude der Witwe Magnus. Was er da gesehen hat, ist in den „Fliegenden Blättern“ unter „Freischütz“,[6] „Don Juan“ und Anderem höchst ergötzlich geschildert und illustrirt. Die Directrice klagte ihm bei näherer Bekanntschaft die schlechten Zeiten und ihr Leid. Gerstäcker versprach ihr zu helfen, und schrieb das wunderbare Drama „Kuno von Eulenhorst, oder: Der geschundene Raubritter“.[7] Er schenkte es der Frau, und ihr Glück war gemacht. Denn von nun an spielte sie nichts Anderes mehr und brauchte nichts Anderes mehr zu spielen. Ich selber habe während der Dresdener „Vogelwiese“ einer Vorstellung des großartigen Meisterwerkes beigewohnt, fast erdrückt vom Publicum, welches zuletzt, wüthend vor Theilnahme und Begeisterung, brüllte: „Da capo! Noch einmal! Noch einmal schinden!“ Und das Stück wurde gespielt Tag für Tag, von Morgens Früh um 8 Uhr bis in die tiefe Nacht hinein, und alle halbe Stunde von neuem, denn länger dauert es nicht, aber auch das war noch immer zu lang für die außen wartende Menge. Wer daher sehen will, was ein volksthümliches Theaterstück ist, der besuche nur einmal das Volksfest der Dresdener [282] „Vogelwiese“, wo heutzutage noch Gerstäcker’s „Geschundener Raubritter“ mit gleichem Enthusiasmus ad infinitum gespielt und gehört wird wie vor zwanzig Jahren.

In der Mitte des Monats Mai 1872 erhielten die Wiener Freunde die freudige Nachricht, Fritz Gerstäcker werde in den nächsten Wochen eintreffen. Er wollte Abschied nehmen von seiner Schwester und deren Familie, denn schon wieder bereitete er sich auf einen neuen Weltgang vor, der diesmal umfassender ausfallen sollte, als alle früheren. Statt seiner kam die erschütternde Kunde von seinem plötzlichen Tode. So hat er denn den letzten Weltgang angetreten ohne Wiederkehr. Die Ruhe, die er selber sich niemals gegönnt, sie ist ihm nun geworden. Sein Andenken aber steht in Ehren!

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Friedrich Gerstäcker auf der Reise. „Hurrah! das gibt wieder einen prächtigen Artikel für die Allgemeine Zeitung!“ Fliegende Blätter, Band 15, 1852, Nr. 350, S. 32 UB Heidelberg
  2. Vorlage: Manchmnl
  3. Im Artikel: Daheim in der Fremde. Die Gartenlaube, 1872, Heft 37, S. 601
  4. In: Geschichte eines Ruhelosen, von Friedrich Gerstäcker, 1870, Heft 16, S. 245; und Von Friedrich Gerstäcker, von Herbert König, 1872, Heft 26, S. 419
  5. Siehe auch die Artikel: Wohlgeboren und Hochwohlgeboren, Die Gartenlaube, 1862, Heft 46, S. 736; und Erklärung, Die Gartenlaube, 1865, Heft 11, S. 176
  6. Der Freischütz. Scene aus dem Dresdner Leben von F. Gerstäcker. Fliegende Blätter, Band 6, 1847, No. 136, S. 121–125 UB Heidelberg; No. 138, S. 138–141; No. 139, S. 145–148
  7. Kunibert, von Eulenhorst oder der geschundene Raubritter. Ritterschauspiel in 5 Acten und 1 Schluß. Illustrirter Dorfbarbier. Ernst Keil, Leipzig, Jahrgang 1856, No. 12, Seite 92–93; No. 13, Seite 100–101 Google