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Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg (Die Gartenlaube 1857/10)

Textdaten
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Titel: Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg (Die Gartenlaube 1857/10)
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10-11, S. 136-139, 151-152
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg.

Es mag wohl kaum ein zweites Institut der bürgerlichen Gesellschaft geben, über welches so viele, sich geradezu widersprechende Urtheile laut werden, als über die Schule. Jede politische, jede religiöse, jede sociale Partei beurtheilt sie nach ihren Grundsätzen, jede stellt an sie gebieterische Forderungen, ja, sucht ihre Zukunft auf sie zu gründen, jede feindet sie an, je weniger sie den von ihr gestellten Forderungen entspricht. So wird sie von allen gemustert, gerichtet und nicht selten verurtheilt. Die Gebrechen der Gesellschaft, des Hauses, des Staates, der Kirche, ja selbst der Revolution, Alles wird auf ihr Kerbholz geschrieben, sie, die so wenig gehört und beachtet wird, deren Forderungen oft geradezu schnöde zurückgewiesen, sie soll zuletzt für Alles verantwortlich

[137]
Die Gartenlaube (1857) b 137.jpg

Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg.

gemacht werden, während man ihre Leiter, die vielbeaufsichtigten, gemaßregelten und gehudelten, als die allgemeinen Sündenböcke für alle Mißgriffe und Zustände hinzustellen beliebte. Als ob die Schule das Leben zu machen, zu leiten vermöge, nachdem das Leben, und zwar nicht selten ein verkehrtes und in Grundirrthümern befangenes, zum größten Theile die Schule gemacht hat und noch fortwährend an ihr herumarbeitet, so sehr auch dieselbe sich aus allen sie drückenden, beengenden und beschränkenden Fesseln herausarbeiten möchte. Da gibt es Kampf und nicht selten trägt der Feind der Wahrheit den augenblicklichen Sieg davon, und die Menschheit wird in ihrem Streben wieder zurückgeworfen, während die edelsten Kämpfer für Wahrheit und Recht das Märtyrerthum ihrer Sache schwer erdulden müssen. Nur die Zukunft lohnt mit Siegeskränzen, zwar spät, doch sicher. Einem solchen Kämpfer für die Wahrheit mögen die nachfolgenden Zeilen gewidmet sein.

Adolph Diesterweg ist unbestritten Deutschlands größter jetzt lebender Schulmann, jene gewaltige Natur, die seit drei Jahrzehnten den bedeutendsten Einfluß auf die deutsche Volksschule und ihre Lehrer ausgeübt hat, jener allezeit rüstige und schlagfertige Kämpfer, der bald mit der Kelle am Gebäude eines Geist bildenden Unterrichts und einer naturgemäßen Erziehung zu arbeiten, bald mit dem Schwerte des Geistes wider alle Finsterlinge und Dränger der Schule und ihrer Lehrer zu streiten hatte und der in nie ermüdender Thätigkeit seine Stimme über die wichtigsten Fragen der Schule und des Lebens abgegeben, seit beinahe zehn Jahren zwar seiner amtlichen Stellung enthoben und in Ruhestand versetzt, dessenungeachtet aber noch immer in ungeschwächter, ja vielleicht noch entschiedenerer Weise für die Rechte der Schule und eine vernünftige Volksbildung als tüchtigster Anwalt in die Schranken tritt. Diesterweg ward am 29. Oktober 1790 geboren zu Siegen im Nassauischen, jetzt zum Regierungsbezirk Arnsberg, Provinz Westphalen, gehörig. Hier wirkte sein Vater als Justizamtmann und erwarb sich durch Tüchtigkeit und Redlichkeit die allgemeine Liebe. Seine außerordentliche Lebhaftigkeit, sein Feuereifer ist auf den Sohn übergegangen, Diesterweg interessirt sich für die wichtigsten Fragen der Gegenwart, weiß ihnen Zeit und Kraft zu widmen, ist bei Allem, was er unternimmt, mit ganzer Seele, ist ein ganzer Mensch, ein ganzer Lehrer und ein ganzer Kämpfer. Schon im Knaben zeigte sich der Mann. Diesterweg war kein Stubenhocker; nach der Schule und der Beendigung der von ihr geforderten Arbeiten besuchte er die Werkstätten der Handwerker seiner Vaterstadt, half mit, wo er konnte, und ließ sich von ihren Reisen erzählen. Sein Jugendunterricht trug die Gebrechen seiner Zeit an sich; daß er der wohlunterrichtete, umsichtige und außerordentlich belesene Mann geworden, das ist ganz das Werk späterer Jahre und eigener Selbststandigkeit. Nachdem er die lateinische Schule seiner Vaterstadt besucht hatte, bezog er die Universität Herborn und vollendete später seine Studien, anfangs Theologie, in Tübingen. 1811 finden wir ihn, nachdem er sich vergeblich um eine Stellung bei der damaligen geographischen Vermessung des Herzogthums Westphalen beworben hatte, als Hauslehrer in Mannheim, im folgenden Jahre als Lehrer in Worms und bereits 1813 folgt er einem Rufe an die Musterschule zu Frankfurt a. M. Bald erkannte man in ihm nicht nur den wissenschaftlich gebildeten, sondern auch den praktisch gewandten Schulmann. Als Mitglied der „Frankfurtischen Gesellschaft zur Beförderung nützlicher Kenntnisse und ihrer Hülfswissenschaften“ errichtete er durch dieselbe in den Hungerjahren [138] 1816–17 eine Sonntagsschule für Lehrlinge und Gesellen und betheiligte sich an ihr, trotz seiner dreißig wöchentlichen Lehrstunden, zu denen der Subsistenz willen noch zwölf bis sechzehn Privatstunden kamen, mit ganzer Kraft in vor- und nachmittäglichen Lehrstunden auf die uneigennützigste Weise. Noch heute spricht er mit Begeisterung von seinem damaligen Wirken. Schon im Jahre 1818 finden wir Diesterweg an der lateinischen Schule zu Elberfeld, zwar nur bis 1820 an derselben thätig, doch ist diese Zeit für ihn von entscheidender Wichtigkeit. Elberfeld brachte ihn mit dem berühmten Schulmanne Friedrich Wilberg, dem „Meister am Rheine“ in Verbindung. Dreißig bis fünfzig Schulmänner sammelten sich hier allwöchentlich um Wilberg, Diesterweg unter ihnen. Gewiß hat Wilberg auf den Entschluß Diesterwegs, seine Thätigkeit dem Volksschulwesen zu widmen, großen Einfluß gehabt. Hören wir ihn selbst, als er im Jahre 1820 zum Seminardirector nach Mörs berufen ward: „Einst, als ich freiwillig, nachdem ich die materielle und geistige Noth des Volkes erkannt und die Zustände und Verhältnisse vieler Lehrer wahrgenommen, den Entschluß faßte, von der Laufbahn eines Lehrers an Gelehrtenschulen abzugehen und mich für immer dem Volksschulwesen, und was damit zusammenhängt, zu widmen, that ich das Gelübde, die Kräfte, die mir Gott verliehen, die Gelegenheiten, die er mir senden, die Mittel, die er mir spenden werde, dazu zu benutzen, daß es mit der Sache des Volkes, seiner Unterweisung und Erziehung etwas besser werde, damit ich nicht umsonst gelebt haben möge. Diesen Schwur habe ich bisher nach Möglichkeit zu halten gesucht.“

Pestalozzi’s Ideen über die entwickelnd erziehende Menschenbildung, welche nothwendig durch Selbstthätigkeit zur Selbstständigkeit und dadurch zur Selbstregierung leiten, durchzuführen, ward ihm Aufgabe seines Lebens. Ihrem Ausbau hat er Zeit und Kraft gewidmet, Wort und Schrift haben dazu beitragen und unermeßlich ist der Segen, welchen er hierdurch gestiftet. Kein Pädagog hat so wie Diesterweg auf diese allein wahren Grundsätze hingewiesen, für ihre Verwirklichung gearbeitet, für ihre Anerkennung gekämpft. Hören wir ihn selbst: „Wo das Schulwesen verfallen ist, ist es durch die Lehrer verfallen; wo es sich gehoben hat, hat es sich durch die Lehrer gehoben. Es gibt keinen andern Weg. Möglichst hohe Geistesbildung ist daher die Hauptaufgabe eines Seminars. Geweckte, denkende, selbstständige, folglich prüfende, untersuchende, reife Menschen – nur solche sind des Lehramtes würdig. Durch Vordenken und Nachsprechen, unbedingtes Annehmen vorgelegter Wahrheiten u. s. w. wird kein Mensch selbstständig, geistig lebendig und geweckt. Nichts ist mir in der Rede mehr zuwider, als die schemenartige Einerleiheit der Menschen, die Ausgelerntheit, Stocksteifheit der Pedanten, die todte Nachbeterei der Lehrformeln, das Prokrustesbett der Ausrecker und Kopfzuspitzer. Sie machen das Leben nicht nur langweilig und unausstehlich, sondern sie bringen durch den Despotismus, den sie wissend und nichtwissend auf die lebensfrohe, freithätige Jugend ausüben, um die frische und freie Naturwüchsigkeit und Eigenthümlichkeit, und tragen dazu bei, daß wir so wenige individuell gestaltete und in ihrer Sonderheit ausgezeichnete Menschen haben. Ein pedantisches Volk, diese Deutschen, sprechen die freieren Völker; kennt man einen, kennt man sie alle. Dieser Zustand ist zum großen Theil eine Frucht unserer zopfsteifen Schultyrannen.“ – Zwölf Jahre verlebte Diesterweg zu Mörs, geliebt und geachtet von Jedermann, ein glücklicher Lehrer trotz äußerlich jammervoller Lage. Seine Schüler hingen mit Verehrung an ihm, die Richtigkeit seiner Bildungs- und Erziehungsgrundsätze zeigte sich an allen, seine Vorgesetzten achteten und unterstützten ihn in allen seinen Unternehmungen. Ein Kreis von gleichgesinnten Freunden bildete sich um ihn, unter denselben Carl Hoffmeister, der berühmte, geistvolle Biograph und Commentator Schiller’s. Ueber confessionelle Verschiedenheiten war Diesterweg hinweg, darum nahmen an den Lehrcursen zu Mörs evangelische und katholische Zöglinge Theil, und Lehrer von beiden Konfessionen versammelten sich unter seiner Leitung zu Conferenzen: „die gemeinsame Liebe zu höheren Dingen erhebt über Verschiedenheit mancherlei Art, und geistig gesunde Menschen wählen ihre Freunde nicht nach kirchlichen Ansichten.“ Dagegen haßte er alle Pietisterei und allen Mysticismus, heilte die von diesen Verschrobenheiten befallenen Jünglinge, zog sich aber auch dafür die Feindschaft der Finsterlinge zu. Durch pietistische Pinselei und muckerisches Wimmern würde er sich ihre Freundschaft mehr, als durch die Richtung der Jünglinge auf das Ideale und die Weckung ihrer schlummernden Kräfte, erworben haben. Diesterweg liebte an seinen Zöglingen die aufrechte, senkrechte Stellung; durch naturgemäße Bildung die Entwickelung der Volkskraft, der Volksintelligenz, der Vernunft des Volkes durch vernünftige Schullehrer. Dadurch versah er es bei Jenen, welche hiermit Mangel an Bescheidenheit, an Demuth, Gehorsam, Kirchlichkeit und anderen Eigenschaften verbinden und meinen, durch solches Streben erziehe man Verstandeswüthriche und Hochmuthsteufel. Ein gewichtiges Wort Schmitthenners über Diesterwegs Wirksamkeit in Mörs und unter den Lehrern der Rheinlande mag hier eine Stelle finden: „Preußen hat am Rhein in Coblenz, Cöln und Wesel drei furchtbare Fenstungen gebauet und ausgebauet zum Schutz und Trutz gegen die Nachbarn und zur Sicherung des Reiches. Aber es hat eine andere aufgethürmet, die ist noch stärker und noch fester, das ist die Cultur des Volkes. An dieser nun hat der Dr. Diesterweg bauen helfen und beim Geniewesen tüchtige Dienste gethan, wie er denn ein ziemlicher Meister ist in Licht- und Feuerwerk. Darum hält ihn der Staat in Ehren.“ Und er hielt, müssen wir zusetzen, ihn damals in Ehren, später ist es leider anders geworden.

Schon 1830 hatte man ihm unerwartet eine Versetzung nach Berlin als Director an das zu begründende Seminar für Stadtschulen angeboten. Männer wie Bischof Roß, Kortüm und Strauß kannten seine Wirksamkeit vom Rheine her, Minister Altenstein war ihm gewogen. Gleichwohl sagte das Berliner Leben und Treiben ihm nicht zu, die Bedingungen waren nicht sonderlich günstig. Er stellte eine höhere Forderung, meinend, daß man nicht darauf eingehen werde, erhielt jedoch noch vor seiner Abreise von Berlin die schriftliche Zusage, daß man auf seine Wünsche eingegangen, und bald darauf kam ihm auch die Berufung zu. Die 1831 in Berlin wüthende Cholera verzögerte indeß seine Uebersiedelung, die erst im Mai 1832 ausgeführt ward. Lassen wir ihn seine Ankunft in Berlin selbst erzählen: „Es war am 5. Mai 1832 Morgens gegen 10 Uhr, gerade wahrend des Durchgangs des Merkurs durch die Sonne, als ich mit Frau und acht Kindern in Berlin ankam. Am Rheine hatte ich einen alten Postwagen zur Reise gekauft. Er hatte bis dahin gut gehalten. In dem Augenblicke aber, als der Postillon in die Oranienburger Straße, in welcher meine künftige Wohnung lag, einbog, brach er zusammen. Es ward indessen Niemand verletzt und Niemand war erschrocken, es kam uns vielmehr lächerlich, fast natürlich vor, das alte Gestelle hatte ja seine Dienste geleistet; wir stellten uns auf die Beine und zogen zu Fuß in das Seminar ein. Ich habe indessen später oft an diesen Spuk denken müssen.“

Mit großer Freudigkeit trat Diesterweg in sein neues Amt. Die Sache ging, der rechte Mann lenkte das Schiff, die Seminaristen zeigten sich rüstig zur Arbeit, es waren wackere junge Leute darunter, ein tüchtiger Mann, der als naturhistorischer Schriftsteller bekannte, leider früh verstorbene Dr. Gabriel stand ihm als Lehrer zur Seite. Nur ein Wetter zeigte sich drohend am Horizonte: der ihm vorgesetzte Schulrath Otto Schulz, vor welchem er schon vor seinem Amtsantritte gewarnt worden war. Diesterweg hatte sich fest und heilig vorgenommen, alles Mögliche, was nur in seinen Kräften stand, zu thun, um mit ihm in gutem Vernehmen zu bleiben und, wie er selbst spricht, „die Jahre 1832–39 und die Geschichte meines inneren Lebens in diesen sieben Jahren können davon Zeugniß ablegen, ob ich das mir gegebene Versprechen gehalten habe oder nicht.“ Doch wir brechen hier augenblicklich ab, um Diesterweg’s literarischer Arbeiten ausführlicher zu gedenken, da diese, zwar schon in Mörs begonnen, doch in Berlin besonders gepflegt, ihn in den weitesten Kreisen zu dem gemacht haben, als welchen wir ihn mit Freuden anerkennen, zu Deutschlands bedeutendstem und einflußreichstem Schulmann der Gegenwart.

Diesterweg’s schriftstellerische Thätigkeit beschränkte sich außer einigen in die Volkspädagogik einschlagenden Broschüren und Aufsätzen fast nur auf die Angelegenheiten der Schulen, auf ihre äußeren und inneren Verhältnisse. Enthalten sind diese Arbeiten theils in selbstständigen Werken und Broschüren, theils in fast zahllosen Journalartikeln, namentlich in den von ihm seit 1827 herausgegebenen Rheinischen Blättern für Erziehung und Unterricht, einem Journale, welches des Trefflichen, Anregenden, die Schule Umgestaltenden unendlich viel mehr, als jede andere [139] Zeitschrift, enthält und sich in diesen, 30jährigen Zeitraume trotz aller ungünstigen Verhältnisse und aller Verbote in gleicher Achtung bei allen strebenden Lehrern erhalten hat. Schon im Jahre 1846 zählte man 42 selbstständige Werke von Diesterweg, 260 Aufsätze in den Rheinischen Blättern, ungerechnet die in andern Zeitschriften und die zahllosen Recensionen über alle Zweige des Unterrichts, der äußern und innern Angelegenheiten der Schule. Es würde den Zweck dieser Blätter weit überschreiten, wollte man hier specieller in Diesterweg’s literarische Thätigkeit eingehen, und eine nähere Aufzählung seiner Arbeiten vornehmen; anderntheils können wir uns aber auch zum Verständniß des Wirkens dieses großen Mannes nicht versagen, bei den Hauptseiten seiner literarischen Thätigkeit ein wenig zu verweilen und den Leser einige Blicke in seine Werkstatt thun lassen. Es sind ja Blicke in das Gebiet der Erziehung und des Unterrichts, ein Gebiet, für welches sich fast in jedem Hause, jeder Familie Material in der Kinderwelt vorfindet, und das dem denkenden, gewissenhaften Vater, der sorgenden Mutter schon manche Stunde Ueberlegung gekostet hat, sei es bei Beurtheilung der Schule und des daselbst üblichen Unterrichts, sei es bei den Vorfällen und Erfahrungen innerhalb[WS 1] des Kinderkreises selbst.

Im Jahre 1833 schrieb Diesterweg die erste Abhandlung seiner Lebensfragen der Civilisation. Nur Weniges möge daraus hier eine Stelle finden. Es betrifft die Nothwendigkeit der Erziehung der untern Classen. „Der Anblick derselben, besonders in den großen Städten, überzeugt uns von ihrer ästhetischen, nähere Bekanntschaft mit ihnen von ihrer intellectuellen und moralischen Rohheit, also von ihrer Rohheit überhaupt. Sie werden von Leidenschaften regiert. Diese Leidenschaften sind immer vorhanden, nur nicht immer in dem Zustande der Erregung. Aber sie sind da; es bedarf nur eine Gelegenheitsursache, und sie zeigen sich in ihrer rohen, zerstörenden Natur. Sie gleichen aufgehäuftem Brennstoffe, den jeder Funke zur zerstörenden Flamme entzünden kann. Der schlafende Tiger kann durch Ereignisse, die gar nicht in unserer Macht liegen, geweckt und gereizt werden, und ein in Madrid, Paris, London oder Wien zündender Blitz kann den sichern Bestand aller Dinge unter uns in Frage stellen. Der ungeschlachte Haufen ist der innere Feind des Staates. Wir müssen eine Radicalcur des Uebels versuchen – durch Erziehung und durch die Umänderung der äußeren Lage. Ohne die genügende Lösung jener dringenden Aufgabe erblicke ich die schlimmsten Folgen für alles Bestehende, für Gesetz und Recht, Leben und Eigenthum. Ich schaue in den Abgrund einer vielleicht über unsere Fluren sich ergießenden Revolution. Dürfen wir uns dem Wahne überlassen, daß die starken Bewegungen und Erregungen durch Befehle, Ordonnanzen, Beschlüssen u. s. w. entfernt oder unterdrückt, oder in regelrechte Bahnen gelenkt werden? Lasset noch ein oder drei Jahrfünf also verstreichen, und ihr könnt das mögliche Endresultat errathen. Man handle, ehe es zu spät dazu werden könnte.“

Diesterweg sprach als Menschenfreund, als Seher, drei Jahrfünf vor 1848. Hmte denkt, spricht, fühlt jeder Denkende so, jede Staatsregierung läßt sich von ähnlichen Betrachtungen leiten, Diesterweg ward es 1833 verargt, man witterte einen Demagogen in ihm, der an der Vortrefflichkeit unserer gesellschaftlichen Zustände zu zweifeln wagte. Seine Vorschläge zur Hebung des Uebels waren Erziehung und Organisation der Massen. – Die Schrift „Ueber das Verderben auf den deutschen Universitäten“ erschien im Jahre 1836, enthielt des Wahren und Beachtenswerthen unendlich viel, zeigte, wie diese obersten Bildungsanstalten in eine falsche Wissenschaftlichkeit hineinführen, während sie das verweigern, was der praktische Lebensberuf von Jedem fordert, der nur Erträgliches leisten will. Eine Menge Gegenschriften erschienen, Diesterweg ward nicht widerlegt. Fünfzehn Jahre später spricht er von dieser Schrift: „In dem Frankfurter Parlamente saß die Elite der Nation beisammen, saßen die berühmtesten Geschichtsforscher. Sie wußten alle Geschichten der Welt; aber hatten sie aus der Geschichte etwas gelernt? Die Unreife unserer Nation, der höhern wie der niedern Stände, die Tollheiten derselben wie ihre Energielosigkeit, besonders aber der furchtbare Mangel an Sinn für Gesetzlichkeit, womit die Leichtigkeit, der Nation die erworbenen Rechte wieder zu entreißen, verbunden ist, sind Folgen, nothwendige Folgen der verkehrten und aller Strenge entbehrenden Erziehungs- und Bildungsweise auf den Hochschulen und in den höhern Schulen.“

Dies Einiges aus der literarischen Thätigkeit unsers Diesterweg. Wir haben ihn meist selbst sprechen lassen, um zu zeigen, wie er zu den Fragen des Tages und der Gesellschaft steht, und auf welcher Seite das Recht war, als man ihn darob anfeindete. Doch wir wenden uns seinen pädagogischen Schriften zu, je nachdem sie das Aeußere oder Innere der Schule betreffen.

[151] Seit Jahren ist Diesterweg der Vorkämpfer für die Stellung der Schule; die meisten Feinde auf dem Gebiete der Kirche überhaupt, namentlich der orthodoxen, mag er sich durch diesen Streit gemacht haben. Seine Entscheidung ist Lebensfrage für das wahre Gedeihen der Schule. Man mag dieselbe auf einige Zeit durch Mittel aller Art zu verzögern suchen, endlich muß sie doch erfolgen, erfolgen nach den Grundsätzen einer rationell entwickelnden nationalen Erziehung. Die Volksschule ist ursprünglich nach Entstehung und Zweck Kirchschule. Die Kirche rief sie in’s Dasein, jede Confession die ihrige, oder bildete sie darnach um. So ward die Schule Confessionsschule, die Erziehung oder Belehrung der Kinder im kirchlich-confessionellen Glauben die wesentliche Bedingung des Lehrers. Auf die Bekenntnißschriften seiner Confession wird er als solcher verpflichtet, der Geistliche zur Ueberwachung seiner Bekenntnißtreue ihm zum Inspector und Vorgesetzten gegeben, die kirchlichen Lehrbücher ihm vorgeschrieben. Dies seine innere Stellung zur Kirche, die äußere, namentlich der früheren Zeit, doch auch noch an vielen Orten der Gegenwart, ist derselben entsprechend. Der Lehrer bekleidet meist kirchliche Aemter, er ist Küster, Cantor, Organist. Diese sind sein Hauptamt, gewähren ihm den Haupttheil seines Einkommens in Geld, Liegenschaften (Aeckern) und Nahrungsmitteln (Getreideschutt, Brot u. s. w.). Das Schulgeld war und ist noch meist gering. Dies Verhältniß hat sich im Laufe der Zeit etwas geändert, die Schule ward mehr weltlich. Die weltliche Obrigkeit, zum Theil der Staat, stellte die Lehrer an, das Schulamt ward zur Haupt-, die Küsterei zur Nebensache. Die Oberaufsicht geschah im Namen des Staates, aber nebenbei blieb der Geistliche in seinem Verhältnisse zum Lehrer. Diesterweg kämpft für Selbständigkeit der Schule als besondere Anstalt, will sie von der kirchlichen Aufsicht und Leitung befreit haben, ihr eigene, vom Staate ernannte, sach- und fachkundige Behörden vorsetzen, die Achtung und Stellung der Lehrer erhöhen, die Kirchschule in eine Nationalschule verwandeln, im Religionsunterrichte nur das Sittlich-Religiöse, nicht das Speciell-Confessionelle behandelt haben, so daß Kinder aller Confessionen dieselbe Schule besuchen (England und Holland haben bereits dergleichen Nationalschulen als Gegensatz zu Kirchschulen) und verlangt ausschließlich eine Bildung fürs Leben. Den Lehrern ist ein auskömmliches Gehalt zu sichern. Das Wenigste von alle Diesem ist erreicht, im Gegentheil ist man in neuester Zeit bemüht, den Schulen einen speciell konfessionellen Charakter einzuprägen, den Lehrer vom Geistlichen noch mehr abhängig zu machen. Als in neuester Zeit ein Franzose, Herr Rendu, Chef im Ministerium des öffentlichen Unterrichts, die norddeutsche Volksschule mit Heftigkeit dieser Strebungen halber angriff (der Mann hatte Deutschland im Fluge durchreist und dabei sein Schulwesen „gründlich“ studirt, auch einen öffentlichen Bericht darüber in höchst abfälliger Weise abgelegt – Arago nennt die herrschende Leidenschaft seiner Landsleute, Alles mit größter Geschwindigkeit zu thun, „Tollheit“ –) so fand er an Diesterweg seinen Mann, gleichwie ihn seiner Zeit Cousin für die Lobhudeleien des deutschen Schulwesens fand.

Die Unterrichtsgegenstände der Schule des sechzehnten Jahrhunderts waren Religion, Lesen und Singen. Dem Religionsunterrichte ward mehr als die Hälfte der Zeit gewidmet, Lesen und Singen standen nur im Dienste desselben. Allmälig kam das Schreiben, noch später das Rechnen zu den obigen Gegenständen. Schon das siebzehnte Jahrhundert brachtn einiges aus den sogenannten gemeinnützigen Kenntnissen dazu, das achtzehnte erweiterte diesen Kreis, das neunzehnte stellte den Lectionsplan so her, wie wir ihn noch vor Kurzem fanden. Dies Alles ging nicht ohne Kampf ab, man brachte gegen solchen „gottlosen, verweltlichenden“ Unterricht die trivialsten Gründe vor. Die Mädchen sollten nicht schreiben lernen, damit sie nicht Liebesbriefe schrieben, die Knaben aber nicht zu querulirenden Suppliken an Serenissimum und an die hohe Obrigkeit befähigt werden, woraus für letztere nur Incommodirung und Molestirung entständen, auch würde der Bauer und gemeine Mann durch solchen Unterricht nur weltlich gesinnt, übermüthig, superklug und widerspenstig, die Berufsarbeit werde ihm verleitet, sei ihm zu niedrig. In neuester Zeit, namentlich nach dem Erscheinen der sogenannten preußischen Regulative vom 1., 2. und 3. October 1854, sucht man den Unterricht in diesen Fächern sehr zu beschneiden, dagegen die Religionsstunden bedeutend zu vermehren. Diesterweg kämpft seit Erscheinen jener Verordnungen mit Entschiedenheit gegen sie, und kann er auch der physischen Macht nicht gebieten, so befestigt er doch die moralische in den Herzen aller strebsamen Lehrer für seine Sache. Eine strenge, dauernde Durchführung jener Vorschriften über den Unterricht ist nicht glaublich, das deutsche, namentlich das preußische Volk ist in seinen intelligenten Provinzen zu weit vorgeschritten, als daß ihm Stillstand und Rückschritt geboten werden könnte. Mag es sein, daß man die strebsamen Lehrer entmuthigt, daß man gegen andere deutsche Staaten zurückbleibt, eine Zukunft haben jene Regulative ebenso wenig, als Wöllners Religionsedicte zu Ausgang des vorigen Jahrhunderts. Mag Englands Machtstellung im Capitale ruhen, die des deutschen Volkes liegt in der Bildung. Bildung ist Macht! Ihre Verkümmerung ist Schmälerung des Nationalwohlstandes und rächt sich sicher. Die „Rheinischen Blätter“ von 1855 und 1856, sowie die besondern Broschüren Diesterwegs bekämpfen die Tendenzen jener unterrichtlichen Verordnungen mit außerordentlicher Schärfe.

Auch für die Lehrerbildung ist Diesterweg vielfach in die Schranken getreten. Stellte das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert Handwerker, ehemalige Schüler der Lateinschulen und verdorbene Theologen als Lehrer an, so begann man, namentlich in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, mit der Errichtung besonderer Lehrerbildungsanstalten, und fuhr im Laufe des gegenwärtigen damit fort. Auch diese Anstalten, deren Mängel nicht in Abrede gestellt werden sollen, wurden vielfach, besonders von den Strenggläubigen unter den Geistlichen angefeindet, indem man den daraus hervorgegangenen Lehrern Mangel an religiösem, besonders kirchlichem Sinn, Halbbildung und Hochmuth vorwarf. Die Männer der Reaction stimmten mit ein, und so ist man an Beschränkung und Verlegung der Seminare in neuester Zeit gegangen, während die Geschichte bereits das Resultat feststellt, „daß sich das Schulwesen besonders seit Errichtung der Seminare und durch dieselben gehoben hat.“ Man vergleiche in dieser Beziehung das englische, französische und österreichische Schulwesen mit dem des übrigen Deutschland. Diesterweg ist allezeit für tüchtige, durchgebildete Lehrer in die Schranken getreten, und als man um die sogenannte wechselseitige Schuleinrichtung Dänemarks der deutschen Schule empfahl, die Regierungen Fachmänner zur Prüfung derselben nach Dänemark abordneten, von denen Einige günstig berichteten, so trat Diesterweg, er war auch in jenen Schulen gewesen und hatte schärfer als viele gesehen, entschieden gegen sie [152] auf. Heute spricht Niemand mehr davon, Kinder können nicht Lehrer von Kindern, Unterofficiere die Leiter von Schulen sein. Der Lehrer muß selbst ein geistig entwickelter Mann sein, soll die geistige Entwickelung der Kinder ihm gelingen.

Wir könnten dem geehrten Leser noch Vieles über Diesterwegs literarische Thätigkeit und seine beständigen Kämpfe mit allen Gegnern der Volksbildung berichten, namentlich auf dem großen Gebiete der Methodik, müßten wir nicht fürchten, ihn zu ermüden. Wir eilen deshalb zum Schlusse dieses Artikels.

Diesterweg ward im Juli des Jahres 1847 mit Belassung des ganzen Gehaltes seines Amtes entbunden, ja erhielt noch ein ansehnliches Reisegeld, um Pestalozzistiftungen besuchen zu können. Anfeindungen von kirchlicher Seite hatten es, namentlich seit 1840, dahin gebracht. Selbst die strengste Untersuchung konnte keinen Grund zur Amtsentsetzung gegen ihn vorbringen. Es geschah unter dem Ministerium Eichhorn. Diesterweg schied ungern aus dem ihm liebgewordenen Amtskreise. Noch vor der Entscheidung suchte er um eine Audienz beim Minister nach. Sie ward ihm bewilligt. Er erzählt darüber: „Ich verließ dieselbe mit mehr Achtung, als ich gekommen. Der Herr Minister war offen und entschieden. Dies weckte auch in mir die Offenheit. Als ich eine halbe Stunde mit ihm gesprochen, ergriff er meine Hand und sagte, er bedaure, mich nicht früher kennen gelernt zu haben, dann wäre es wohl soweit nicht gekommen; dieses Weitgekommensein bestehe darin, daß beschlossen worden, mich aus dem Amte zu entfernen. Warum? Welche Thatsachen? Welche Amtsverletzungen? u. s. w., u. s. w.? Auf solche Fragen erklärte der Herr Minister, es sei einmal beschlossen, er könne selbst nichts mehr daran ändern. Ich wurde dann noch aufgefordert, selbst Vorschläge zu machen, wohin mit mir. Meine Rathschläge wurden nicht angenommen, der unwiderruflich gefaßte Beschluß aber wiederholt.“

Hören wir Diesterwegs Vertheidigung über seinen amtlichen Schiffbruch.

„Wir Lehrer haben es mit der Schule, d. h. mit der Jugend des Volkes zu thun, und ich habe es nur damit zu thun gehabt. Mir ist es nie in den Sinn gekommen, direct auf Staatsformen wirken zu wollen. Denn ich betrachte diese, wenn sie gut sein sollen, als eine Wirkung und nothwendige Frucht der Entwickelung des Menschen und der Nation. Auf diese nach Kraft und Gelegenheit zu wirken, war auch meine Aufgabe, wie es die jedes Lehrers ist. Der Pädagog will die Bildung der Nation befördern, die Bildung der Erkenntniß, des Gefühls, des Willens. Menschen dieser Art folgen der Vernunft, stiften ein Reich der Vernunft und der vernünftigen Freiheit. Nach ihrer Ansicht gibt es nichts Tolleres, Naturwidrigeres und Verderblicheres, als die nach ihrer Idee freieren und beglückenden Zustände machen, auf dem Wege der Ueberredung oder der Gewalt einführen zu wollen. Oeffentliche Zustände, Einrichtungen, Verfassungen, welche, dem Bildungsgrade einer Nation nicht entsprechend, künstlich eingeführt worden sind, dauern nie lange, verschwinden mit Nothwendigkeit nach kurzer Zeit wieder, verbreiten dadurch Mißmuth und Mißtrauen und versenken das Volk in niedrigere Zustände. Wie daher ein wahrer Pädagog niemals auf die Entwickelung des Menschen verzichten kann und wird, eben so wenig wird er jemals ein Demagog sein. Er will Alles auf dem Wege der natürlichen Entwickelung; diese aber will er immer und überall. Ihre Folgen können nur gute, nur beglückende sein. Denn die Bestimmung des Menschen liegt in der ihrer Natur entsprechenden Thätigkeit, und das menschliche Glück fällt mit der Erreichung der Bestimmung zusammen. Diese Sätze bezeichnen den Grund, das Ziel und die Grenze meiner Thätigkeit. Weniger, als sie sitzen, habe ich nicht gewollt, aber auch nicht mehr.“ –

Möge nun der geehrte Leser das Schuldig oder Nichtschuldig über Diesterweg aussprechen!

Doch Diesterweg sollte noch Bittreres erleben. Das Jahr 1848 brachte ihm unter dem Minister Graf von Schwerin Aussicht auf Wiedereinsetzung in sein Amt. Doch das Ministerium war bald, wie auch das des Herrn Rodbertus, der Sense der Zeit verfallen. Im Frühjahr 1849 ward ihm die commissarisch zu verwaltende Stelle eines evangelisches Schulrathes in Marienwerder, später eine dergleichen in Hinterpommern, in Köslin, vom Minister von Ladenberg angetragen. Er konnte sich nicht entschließen, in jene entfernte Provinz auf Zeit und unter Umständen zu gehen, in denen er voraussichtlich nichts wirken konnte, zumal seine Anstellung keine definitive war. Die zweite Kammer strich im Februar 1850 seinen bisher bezogenen vollen Gehalt vom Budget, trotz der Verwendung von Ladenberg’s, und so ward er im Juli 1850 unfreiwillig in den Ruhestand versetzt.

Zum Schlusse noch Einiges über Diesterweg’s Persönlichkeit. Sein Angesicht zeichnet sich durch eine hohe Stirn aus, diese selbst klar, gewölbt, faltenlos, nichts weniger als düstere Fläche. Das Blitzen seiner fast tiefliegenden Augen kann unser wohlgetroffenes Portrait nicht wiedergeben. Ihr Blick ist scharf und durchdringend, in das Innere des Menschen hineintastend, doch allezeit von Wohlwollen, das ihn bis in den innersten Nerv durchdringt, freundlich und zutraulich verklärt. Die Bewegung der Augenlider ist schnell und aufeinanderfolgend. Die etwas gebogene Nase dünn und spitz, der Mund von dünnen, schmalen Lippen umschlossen; das mit einem Grübchen versehene Kinn hervorstehend und kühn. Diesterweg ist mittelmäßig groß, aber breitschultrig. Sein Gang außerordentlich rasch, doch fest, er läuft mehr spazieren als daß er geht; seine Körperhaltung ist durchaus männlich, die ganze Haltung äußerst beweglich, fast unruhig; die Muskeln spielen häufig. Geht er spazieren oder sitzt er im Freien, so wird jeden Augenblick die Mütze gelüftet, die innere Bewegung seines Geistes setzt auch den Arm in stete Bewegung.

Wo Diesterweg hinkommt, da ist Leben und Streben, da heißt es: vorwärts! da regt und bewegt sich Alles. Es ist unmöglich, theilnahmlos zu bleiben. So war’s am Rhein, so an der Spree, Keiner hat wie er den vieltausendgliedrigen Schulkörper in Bewegung zu setzen vermocht. Seine Schreibweise ergreift, beherrscht den Leser, läßt ihn nicht wieder los. Und neben dieser Thätigkeit nach Außen, welche Thätigkeit in stiller Klause, am Schreibtische und unter seinen um ihn herum auf Repositorien aufgestellten Büchern. Einen Tag verloren zu haben, dies ist ein schrecklicher Gedanke für Diesterweg. In früher Morgenstunde erhebt er sich vom Lager, setzt sich an sein Arbeitspult, und nun rauschen alle Flügel seines schöpferischen Geistes; bis gegen die achte Morgenstunde – so war es früher – gelangen ihm die trefflichsten Arbeiten. Die Morgenstunde hat bei ihm nicht blos Gold im Munde, sondern auch Eisen, womit er auf seine Gegner niederschlägt. Die Stunden, die ihm übrig bleiben, verwendet er zum Studium der eingegangenen, seinen Arbeitstisch bedeckenden Bücher und Zeitschriften. Auf der Höhe der Schule stehend, weiß er sofort das Tüchtigste aus jeder Schrift herauszufinden, alles Andere überschlägt er. Außerordentlich federgewandt, streicht er selten aus, der Strom der Gedanken fehlt ihm nie, die Form beherrscht er vollkommen. In geselligen Kreisen, in freundschaftlicher Debatte ist er der toleranteste, humanste Streiter gegen Jeden, dem es um die Besprechung edlerer Gegenstände zu thun ist. Man glaubt gar nicht, den immerwährmden Kämpfer auf der offenen Arena der Schule vor sich zu haben. Er geht auf jede Meinung ein, vorausgesetzt, daß sie nicht zu fade ist, oft unterstützt er seinen Gegner mit neuen Waffen gegen sich selbst. Alles Niedrige, Gemeine haßt er; glaubt er gute Eigenschaften an einem Menschen entdeckt zu haben, so duldet er nie, und wäre er sein schärfster Gegner, daß er ins Niedrige heruntergezogen wird. Stets nimmt er sich des Geschmäheten mit Entschiedenheit an, er ist ein Mann des Rechts, ein unerbittliches Gerechtigkeitsgefühl wohnt in ihm. Darum spricht er auch: „So viel aber stehet vor meiner Seele, dies eine fühl’ und erkenne ich klar: jede an einem Menschen verübte Unbill ist ein Vergehen; die unverdiente Drangsalirung eines Lehrers aber, dessen Beruf, wie die eines wohlklingenden Instrumentes, eine klare Stimmung fordert – ist ein Verbrechen, ein Verbrechen am Seelenleben des Menschen und an dem der Jugend. Johannes von Müller hat Recht, wenn er sagt: Das wisse jeder Fürst, jedes Volk, daß die Unterdrückung eines gerechten Mannes ein Schandfleck in allen Geschichtsbüchern ist.“



 

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: innnerhalb