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Textdaten
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Autor: A. Wulfert
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Titel: Ein Reiseabenteuer am Nicaragua-See
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 134-136
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein Reiseabenteuer am Nicaragua-See.

Die Hauptmerkwürdigkeit des großen langgestreckten Ländergebiets, das unter dem Namen Central-Amerika bekannt ist, und dessen Staaten in unsern Tagen ein Feld geworden sind, auf welchem die rivalisirende Politik Englands und der Vereinigten Staaten trotz aller bisher geschlossenen und noch zu schließenden Verträge immer auf’s Neue wieder feindlich gegeneinander stoßen muß, ist der Nicaragua-See, in allen Beziehungen eine der schönsten Wassermassen auf dem Continent. Seine Größe ist eher unter- als überschätzt worden; wahrscheinlich beträgt seine Länge 120 und seine Breite 50–60 (engl.) Meilen. An seinem südlichen Ufer liegt die alte Stadt Granada, der wichtigste Handelsplatz der Republik Nicaragua. Einige Meilen unterhalb dieser Stadt erblickt man den in den See vortretenden Vulkan Momobacho, der zu einer Höhe von fast 5000 Fuß emporsteigt. An seinem Fuße im See liegen zahllose kleine Inseln vulkanischen Ursprungs, die sich in Kegelgestalt von 20 bis 100 Fuß Höhe erheben und mit üppigem Pflanzenwuchs überdeckt sind. Einige derselben, auf denen sich fruchtbares Erdreich befindet, werden von Indianern bewohnt, deren von schlanken Palmen überragte Hütten mit einem Hintergrunde von breitblättrigen Pisangs ein Bild geben, das nicht malerischer gedacht werden kann.

Ich hatte bereits mehrere dieser Inseln besucht und schickte mich eben an, auf meinem Lagerplatz am Ufer des Sees Vorbereitungen zur Rückreise nach Granada zu treffen, als ich durch das Erscheinen zweier Reiter überrascht wurde, die, wie ich bald erfuhr, ebenfalls eine Tour in’s Land hinein unternommen hatten, um die Naturschönheiten desselben, namentlich aber die Ufer des Sees mit ihren tausend Wundern in Augenschein zu nehmen. Der Eine dieser Wanderer, ein hübscher junger Mann von gefälligen, einnehmenden Manieren, war ein Kaufmann aus Chinandega, der einer in Granada verheiratheten Schwester einen Besuch abgestattet hatte und in den nächsten Tagen nach seinem Wohnort zurückzukehren gedachte, der Andere dagegen, eine derbe, gedrungene Gestalt, stellte sich mir als ein Mechaniker vor, der von einigen Pflanzern der Umgegend den Auftrag erhalten hatte, Verbesserungen an den hier zu Lande im Allgemeinen noch ziemlich unvollkommenen Mühlen und Maschinen anzubringen, welche bei der Bereitung des Zuckers und anderer der vielen werthvollen Landesprodukte in Gebrauch sind. Beide, Nordamerikaner von Geburt, gehörten zu den Menschen, welchen man es auf den ersten Blick ansieht, daß sie das Zeug dazu haben, den Kampf des Lebens aller Orten und unter allen Verhältnissen muthig und beharrlich durchzukämpfen.

Nachdem wir die ersten Begrüßungen ausgetauscht, und einander gegenseitig Auskunft über unsere persönlichen Verhältnisse gegeben hatten, begannen meine neuen Freunde, mich über verschiedene ihnen als ganz besonders sehenswerth bezeichnete Punkte zu befragen und baten mich schließlich, dieselben in ihrer Gesellschaft zu besuchen. Obgleich ich beschlossen hatte, mich am folgenden Tage wieder nach Granada aufzumachen, ging ich doch nach einiger Ueberlegung auf ihren Wunsch ein, unterließ aber zugleich nicht, sie darauf aufmerksam zu machen, daß sie sehr unvorsichtig gehandelt hätten, indem sie sich ohne alle dienende Begleitung auf eine solche Wanderung begeben, da es dringend nothwendig sei, in diesen Gegenden stets ansehnlichen Mundvorrath mit sich zu führen; „und,“ fügte ich hinzu, „haben Sie denn auch gar nicht erwogen, daß es durchaus nicht zu den unmöglichen Dingen gehört, ganz unerwartet einigen jener Teufelskerle zu begegnen, die sich seit der Besiegung des wilden Somoza[1] noch hie und da im Lande umhertreiben?“

Beide sahen mich ein wenig verdutzt an, denn sie fühlten wohl, daß meine Rüge am Platze war, aber im nächsten Augenblick lachten sie hell auf und betheuerten, sie besäßen Muth und Ausdauer genug, um jeder kommenden Gefahr die Spitze bieten zu können.

„Vor dem Verhungern kann ich Sie schützen, meine Herren,“ sagte ich, auf die Vorräthe an Lebensmitteln deutend, die in den großen Quersäcken unter den Bäumen lagen, „und was die Kerle des Somoza betrifft, so werden wir wohl, vorausgesetzt, daß ihrer nicht zu viele uns in den Weg kommen, mit ihnen fertig werden können, da die drei Indianer, welche ich mitgenommen, und mein Diener Pedro, der, wie Sie sehen, dort unter dem großen Pisangbaume Mittagsruhe hält, alle ihren Mann auf sich zu nehmen im Stande sind.“

Während dieser Auseinandersetzung hatten die beiden Reisenden die wenigen Kleidungsstücke, welche sie in Reserve mit sich führten, und ihre Waffen abgelegt, und setzten sich nun mit mir auf einen im Grase liegenden Baumstamm, um ein wenig auszuruhen, während meine Begleitung sich der beiden Pferde der Fremden annahm, die sich auch sogleich in Frieden und Freundschaft meinem braven Renner zugesellten, der vor dem schlafenden Pedro bedächtig auf und ab schritt.

Ich stand gerade im Begriff, den Schläfer zu wecken, als er urplötzlich aufsprang, einen lauten Schrei ausstieß und sich dann mit Mienen des Entsetzens überall hin umschaute. Der arme Bursch zitterte am ganzen Leibe, und es dauerte einige Zeit, ehe er die Sprache wieder erlangte, um die Ursache seines so jähen und schreckensvollen Erwachens erklären zu können.

Mittlerweile hatte einer der Indianer, der in der Nähe gestanden, die Sache bereits aufgeklärt. Wenige Schritte von der Stelle, auf der Pedro gelegen, ringelte sich eine kleine Schlange, und wahrscheinlich war diese dem Schlafenden über das Gesicht gekrochen.

„Ja, so war es!“ seufzte Pedro mit schwacher Stimme; „aber es schien mir eins der größten dieser Ungeheuer zu sein, als ich die Augen aufschlug, und sie dahingleiten sah.“

Meine beiden neuen Freunde lachten hell auf, als sie diese Bemerkung meines Dieners vernahmen.

„Du bist ein Hasenfuß, mein Lieber!“ rief der Mechaniker ihm zu; „wer sieht doch wohl eine Maus für einen Löwen an!“

Diese Worte gaben Pedro vollends die Besinnung wieder. Schnell wie der Blitz wandte er sich gegen den muthwilligen Sprecher und sah ihn wild und zornig an.

„Hasenfuß?“ schrie er, wie außer sich, „so hat mich bis auf den heutigen Tag noch Niemand genannt! Beschimpft mich nicht, Señor, ich besitze Muth, das wird mein Gebieter Euch bestätigen!“

Ja, Du warst ein muthiger Bursch, mein armer Pedro, davon sollten wir Alle uns bald genug überzeugen! –

[135] Es gelang mir ziemlich leicht, den beleidigten Pedro zu beruhigen, denn, wenn auch sehr reizbar, war er doch im Grunde eine sehr gutmüthige Haut, die leicht Kränkungen verzieh und vergaß, wenn man gelegentlich wieder ein freundliches Entgegenkommen zeigte. Auch beeilte der Mechaniker sich sofort, dem Beleidigten einige entschuldigende Worte zu sagen, und ein tüchtiger Schluck Aguardiente,[2] den er ihm aus einer am Sattel der Pferde hängenden Flasche verabreichte, spülte vollends den Groll hinweg.

Nach diesem ein wenig unerquicklichen Intermezzo machten wir uns an die Berathung über einen Feldzugsplan. Die Debatte war nur von kurzer Dauer, da meine Freunde erklärten, sie würden mit Vergnügen den Rathschlägen folgen, welche ich in Bezug auf die zunächst einzuschlagende Route zu geben hätte. So ward denn festgesetzt, daß wir bis zum Abend das Ufer durchstreifen und in einige Schluchten hinabsteigen sollten, um dann bei eintretender Dunkelheit Quartier in einer Hacienda[3] zu machen, deren Besitzer mich Tags zuvor mit großer Gastfreiheit bewirthet hatten.

Eine halbe Stunde war kaum verflossen, als unsere Kolonne sich in Marsch setzte. Voran ging Pedro, der ganz heiter das Nationallied pfiff, dann folgten die beiden Yankees und ich, einzeln hinter einander fortreitend, und den Beschluß machten die drei Indianer, welche unsere Lebensmittel und einige Kleidungsstücke trugen.

Der anfangs ziemlich ebene Weg wurde bald schon schwieriger zu passiren, und endlich mußten wir uns mehr dem freien Abhange eines Hügels zuwenden, der zu unserer Rechten aufstieg, um nur vorwärts zu kommen. So schritten und ritten wir langsam vorwärts und gewahrten schon nach Verlauf einer Stunde wieder die von den Sonnenstrahlen vergoldete Fläche des Sees, als plötzlich unsere Avantgarde, der lustige Pedro, Halt machte und uns hastig zuwinkte, ein Gleiches zu thun.

Wir hielten unverzüglich unsere Pferde an, und rasch sprang ich von dem meinigen herunter, um Pedro entgegen zu eilen und ihn nach der Ursache seiner ängstlichen Bewegungen zu befragen. Aber schon im nächsten Augenblick schoß er wie der Blitz auf uns zu und berichtete mit athemloser Hast, er habe einen Trupp Bewaffneter am Rande der vor uns liegenden, zum See hinabführenden Schlucht bemerkt.

„Es sind gewiß Leute von der Bande des Somoza!“ rief er aus, „wenigstens sind’s keine Soldaten der Regierung, das habe ich an der Kleidung der Kerle gleich erkannt.“

Pedro’s Vermuthung schien mir nicht so ganz aller Begründung zu entbehren, denn mehrfach hatte ich in Granada gehört, daß einzelne Flüchtlinge des Insurgentenhaufens bis hierher gekommen waren, und daß sie seither allen Nachstellungen Seitens der wachsamen Behörden sich zu entziehen gewußt hatten.

Was war zu thun? Unsere Berathung dauerte nur wenige Augenblicke, denn Pedro machte den Vorschlag, wir möchten ihn auf Kundschaft aussenden, eine Maßregel, die ja am Ende auch durch die Umstände geboten war, wollten wir anders nicht vorziehen, den Rückweg anzutreten, um hinterher vielleicht zu erfahren, die Kerle seien keine Banditen, sondern ganz ehrliche Leute aus einem benachbarten Orte gewesen.

Der Mechaniker maß meinen Diener mit gar erstaunten Blicken, als dieser sich einen kurzen Säbel, der sich bei den von den Indianern getragenen Sachen befand, um den Leib schnallte, und zwei Pistolen, die ich ihm reichte, in den Gurt steckte, und zwar dies Alles mit der größten Ruhe und Gelassenheit.

„Ich bin kein Hasenfuß, Señor,“ sagte Pedro lächelnd, als er sah, daß der Yankee ihn so aufmerksam betrachtete; „Ihr sollt sehen, daß ich mich zu vertheidigen wissen werde, wenn die Banditen mich bemerken, und mir auf den Leib rücken sollten.“

Dann reichte er mir die Hand und im nächsten Augenblick war er in dem dichten Unterholz, der den waldigen Uferabhang bedeckte, verschwunden.

Aber – so fragten wir schon im nächsten Augenblick einander – dürfen wir, während der brave Mensch sich in vielleicht große Gefahr begibt, unthätig bleiben? Müssen wir nicht vielmehr darauf bedacht sein, ihm beizuspringen, falls er von den Bewaffneten angegriffen und verfolgt wird?

Rasch entschlossen übergaben wir unsere Pferde der Obhut der Indianer, denen ich die gemessene Weisung ertheilte, auf der Stelle, wo wir uns jetzt befanden, unsere Rückkehr zu erwarten, und eilten dann, sorgfältig den Schutz des Gebüsches suchend, den schmalen Pfad hinab, den wir Pedro hatten hinuntergleiten sehen.

Als wir wenige Minuten nachher in geringer Entfernung die gedrungene Gestalt des kecken Burschen erblickten, wie er bemüht war, die Baumäste und Blätter zu entfernen, die ihm die Aussicht auf die Schlucht benahmen, machten wir wieder Halt.

Pedro arbeitete aus Leibeskräften, ohne sich auch nur einen Augenblick umzusehen. Endlich war er fertig, und nun begann er auf allen Vieren bis an den Rand des Abhanges zu schleichen. Wir folgten langsam und vorsichtig, und es gelang uns, unsern wackern Kundschafter stets im Auge zu behalten. Plötzlich warf er sich platt auf die Erde nieder.

Was war das? – Zu unserer Rechten vernahmen wir ein Geräusch, wie wenn Jemand sich Bahn bräche durch Gestrüpp und Zweige. Jeder von uns spannte den Hahn seiner Büchse und schaute mit athemloser Spannung nach der Richtung hin, woher der Lärm zu kommen schien. Als ich auf einen Augenblick wieder zurückblickte, sah ich Pedro noch immer am Boden liegen.

Es vergingen noch einige Minuten, da trat aus dem Gebüsch ein Mann hervor, der in dem Augenblick, als er unserer ansichtig ward, erschrocken stehen blieb und das Gewehr, das er in der Hand hielt, zu Boden fallen ließ.

„Du bist des Todes, wenn Du Dich rührst, oder um Hülfe rufst!“ flüsterte ich dem Bestürzten drohend zu, während ich ihm den Lauf meiner Flinte auf die Brust setzte.

Er sagte kein Wort, sondern fiel kraftlos zu Boden, indem er die Hände flehend gegen uns erhob.

Der Mensch sah erbärmlich genug aus. Seine Kleider waren zerrissen und mit Staub und Schmutz bedeckt, sein Haar hing in langen Büscheln wirr um Stirn und Schläfe, und sein blasses, abgemagertes Gesicht verkündete nur zu deutlich, daß ein heftiges Fieber in ihm tobte.

„Wer bist Du, und woher kommst Du?“ redete ich ihn an, indem ich neben ihm niederkniete.

„Ich bin ein Flüchtling von der Armee Somoza’s, dort unten lagern meine Genossen,“ flüsterte der Elende; „ich verließ sie, um zu den Meinen nach Leon zurückzukehren, weil ich des Umherirrens müde bin.“

Seine Brust keuchte schwer und er senkte das Haupt vor Erschöpfung.

„Schont meiner,“ bat er dann wieder nach einer Pause, „schont meiner, ich habe eine alte Mutter in Leon, die mich liebt und die mir verzeihen wird, daß ich sie verließ.“

Schwere Thränen rollten über seine bleichen Wangen, als er diese Worte sprach.

„Sei ruhig, fürchte nichts von uns, wenn Du uns die ganze Wahrheit berichtest,“ entgegnete ich, meine Versicherung mit einem Händedruck bekräftigend.

Der Flüchtling erhob sich mühsam, und mich ängstlich anblickend, sagte er schnell:

„Zwei Legua’s von hier in der Ebene nach Süden soll eine Hacienda liegen, die wollen meine Genossen heute Abend plündern; eilt den Bedrohten zu Hülfe, wenn Ihr könnt.“

Das mußte das Gehöft meines freundlichen Wirthes Ramirez sein, der Punkt, den wir noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen gedachten.

„Wie stark ist die Zahl Deiner Genossen?“ fragte ich, rasch aufspringend.

„Es sind ihrer noch zehn, und alle wohl bewaffnet.“

Unser Entschluß war gleich gefaßt: dem Bedrohten mußte Hülfe gebracht werden. –

Mittlerweile war auch Pedro zu uns herangekommen. Als er das Geräusch in den Büschen vernahm, hatte er sich auf die Erde geworfen und in dieser Stellung so lange ausgeharrt, bis er uns erspäht und sich so das Vorgefallene klar gemacht hatte. Ich befahl ihm, den kranken Flüchtling zu den Indianern zu führen, ihn der Obhut eines derselben zu überlassen und dann unsere Pferde und die zurückgelassenen Waffen in Bereitschaft zu halten. Inzwischen wollten wir untersuchen, ob sich ein Weg, der nicht von der Schlucht aus beobachtet werden konnte, am Ausgange der Holzung nach der Ebene zu öffne. Nach halbstündigem Suchen [136] fanden wir, was wir wünschten. Der Pfad lief an dem Fuße eines kleinen Hügels vorbei, der die Schlucht, in der die Bewaffneten lagerten, verdeckte; wir durften also hoffen, die Ebene unbemerkt zu erreichen.

Als wir wieder bei den Unsrigen anlangten, fanden wir sie damit beschäftigt, dem Kranken Wasser und Früchte zu reichen. Ich befahl zweien der Indianer, ihn nach unserm verlassenen Lagerplatze zu führen, dort zu verpflegen und unserer Rückkehr zu harren. Den dritten ließ ich mein Pferd mit besteigen, während Pedro auf dem des Mechanikers mit Platz nahm.

So machten wir uns auf, durchtrabten rasch die Ebene und erreichten, als die Dämmerung hereinbrach, die Hacienda des Don Ramirez.

Der würdige Mann war nicht wenig erstaunt, eine so seltsame Cavalcade durch sein Hofthor reiten zu sehen; seine Verwunderung ging aber in dankbare Rührung über, als ich ihm in kurzen Worten den Zweck unseres Kommens erklärte.

„Und hier,“ fügte ich hinzu, „stelle ich Ihnen zwei Freunde vor, die eigentlich nur in diese Gegend gekommen sind, um die Schönheiten derselben zu beschauen, die mir aber nicht zürnen werden, weil ich sie veranlaßt habe, sich bei der Vertheidigung eines Mannes mir zur Seite zu stellen, dessen edelmüthige Gastfreundschaft ich erst gestern genossen habe.“

„Ihnen zürnen?“ riefen meine Freunde lachend; „im Gegentheil, solch’ ein Reiseabenteuer ist ja köstlich!“

Dabei sah sich der Mechaniker nach Pedro um. Der hatte sich aber gleich bei unserer Ankunft fortgeschlichen und war jetzt beschäftigt, das Hofthor gehörig zu verrammeln, wobei ihm die sechs Leute unseres Wirthes nach Kräften behülflich waren.

Diese Vorsichtsmaßregel erschien bei genauerer Besichtigung des Terrains als ziemlich zwecklos, denn die Umzäunung der andern Seiten des Hofes war so niedrig, daß sie leicht überstiegen werden konnte, und ich befahl deshalb meinem eifrigen Diener, seine fortificatorischen Talente lieber auf die Verrammelung des Hauses selbst zu verwenden, das wir alsbald in eine kleine Festung umzuwandeln begannen. –

Mitternacht war schon vorüber, als wir unsere Arbeit vollendet hatten. Wir waren alle in dem großen Zimmer versammelt, aus welchem man unmittelbar durch das große Portal in den Hof hinaustritt, und harrten gespannt der Dinge, die da kommen würden. Die sechs Leute des Don Ramirez, tüchtige, handfeste Bursche, hielten, theils mit Flinten, theils mit langen Säbeln bewaffnet, an den bis zur halben Höhe verschanzten Fensteröffnungen Wache, während unser Wirth, meine beiden Freunde und ich in Obacht nahmen. Pedro und der Indianer schlichen im Hofe umher, und in einem der Seitenzimmer waren die Frau und zwei Kinder nebst den drei Mägden verborgen.

So harrten wir fast eine volle Stunde, und schon stieg der Argwohn in mir auf, der in unsere Gewalt gerathene Flüchtling habe uns getäuscht, als Pedro plötzlich leise an die Thür klopfte. Ich öffnete und ließ ihn eintreten.

„Unter den Cacaobäumen wird’s lebendig,“ raunte er mir zu, „es bewegen sich dort Gestalten hin und her, und ich sah Waffen blitzen.“

Der Mond schien hell und beleuchtete die Gegend, welche wir vor der Fronte des Gebäudes übersehen konnten. Ich erstieg die Verschanzung vor einer der Fensteröffnungen und gewahrte nun auch mehrere Männer, die im Schatten der Baume hin und her gingen. Ihre Zahl mochte fünf oder sechs betragen, aber schon im nächsten Augenblick traten noch einige hinzu, und nach kurzem Verweilen schritten alle langsam und vorsichtig auf die Umzäunung des Hauses zu.

Als sie bei derselben angelangt waren, späheten sie nach allen Teilen umher und begannen dann sie zu übersteigen.

Wo befand sich der Indianer? Pedro hatte ihn aus den Augen verloren, als er fortschlich, um mir die Nachricht von dem Herannahen der Banditen zu bringen. Ich konnte ihn nirgends im Hofe entdecken.

Die Bewaffneten hatten jetzt sämmtlich den Zaun überstiegen und schlichen leise der Hauptthür zu, die ich wieder verriegelt hatte.

Wir waren alle an die Fensteröffnungen getreten, und auf meinen Commandoruf feuerte jetzt Jeder nach der Richtung hin, wo die Räuber standen.

Diese erste Salve war von schrecklicher Wirkung. Vier der Kerle lagen am Boden und ein fünfter sprang heulend bei Seite. Die übrigen, wildaussehende Menschen von riesiger Gestalt, blieben muthig stehen, und als wir nun das Thor aufrissen und allgesammt hinausstürzten, schickten sie sich zur verzweifeltsten Gegenwehr an.

Der Mechaniker, der seine Flinte weggelegt und dagegen einen Stoßdegen in die Hand genommen hatte, stürzte sich auf den zunächst stehenden der Banditen, wurde aber nach kurzem Gefecht zu Boden geworfen, und schon zückte der Gegner den langen Dolch auf seine Brust, als Pedro herbeistürzte und den Kerl mit einem kräftigen Kolbenstoß bei Seite warf. In demselben Augenblick aber sank er selber zur Erde, ein Pistolenschuß hatte ihn kampfunfähig gemacht.

Da erschien plötzlich die Gestalt des vermißten Indianers im Rücken der fechtenden Räuber. Mit wildem Geschrei stürzte er sich auf diese, welche, durch den unvermutheten Ueberfall außer Fassung gebracht, sofort die Flucht ergriffen und über den Zaun zu entkommen suchten. Aber es war schon zu spät. Wie der Blitz waren die Leute unseres Wirthes ihnen auf den Fersen, und in den nächsten Minuten lagen sie entwaffnet am Boden.

Der Mechaniker, welcher beim Fallen nur eine leichte Contusion erhalten hatte, war inzwischen wieder auf die Beine gekommen und hatte seinen tapfern Retter, meinen braven Pedro, in’s Haus getragen. Die Wunde des armen Menschen blutete stark. Anfangs vermutheten wir, es sei ihm ein Knochen im Arm zerschmettert, es zeigte sich jedoch bald bei genanerer Untersuchung, daß nur das dicke Fleisch des Oberarmes zerrissen war. Donna Ramirez, eine gewandte, erfahrene Dame, legte dem Verwundeten sogleich einen Verband an, und als man den beim Beginn des Gefechtes verwundeten Banditen hereintrug, war sie mit derselben Bereitwilligkeit zur Hand, auch diesem ihre Sorgfalt und ihr Erbarmen zu widmen.

Die Gefangenen hatten wir indeß gefesselt und in einen kleinen festen Stall gesperrt, wo die Dienerschaft sie streng bewachte; die Todten schleppten wir in einen tiefen Graben am Eingänge zu den Cacaogärten und bedeckten sie dann am folgenden Morgen mit Erde und Rasen. Den Indianer ließ ich mein Pferd besteigen, um eiligst Nachricht von dem Vorfalle an die Behörden in Granada zu bringen.

So endete unser Abenteuer in der Hacienda des edlen Don Ramirez. Als am folgenden Morgen die Sonne strahlend emporstieg und wieder Wald und Feld und die fern rauschenden Wogen des Nicaragua Sees mit goldigem Schimmer übergoß, trat ich an das Lager meines Pedro, an dem der Mechaniker die ganze Nacht gewacht hatte. Pedro schien sich ziemlich wohl zu befinden. „Armer Freund,“ sagte ich, ihm herzlich die Hand drückend, „wie schmerzt es mich, daß Du so leiden mußt.“

„O das wird bald überstanden sein, Señor,“ erwiederte er lächelnd, „und dann habe ich ja auch diesem Herrn,“ dabei sah er den Yankee schelmisch an, „deutlich beweisen können, daß wir Leute von Nikaragua keine Hasenfüße sind.“
A. Wulfert. 
  1. Somoza war der wegen seiner Grausamkeit allgemein gefürchtete Chef eines Insurgentenhaufens während der letzten bürgerlichen Unruhen. Vom General Munoz geschlagen und gefangengenommen, ward er standrechtlich erschossen.
  2. Inländischer Rum.
  3. Gehöfte.