« Cantate Wilhelm Löhe
Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)
Register der Winter-Postille
Himmelfahrtstag »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|

Am Sonntage Rogate.

Evang. Joh. 16, 23–30.
23. Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet in Meinem Namen, so wird Er es euch geben. 24. Bisher habt ihr nichts gebeten in Meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei. 25. Solches habe Ich zu euch durch Sprichwort geredet. Es kommt aber die Zeit, daß Ich nicht mehr durch Sprichwort mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von Meinem Vater. 26. An demselbigen Tage werdet ihr bitten in Meinem Namen. Und Ich sage euch nicht, daß Ich den Vater für euch bitten will; 27. Denn Er Selbst, der Vater, hat euch lieb, darum, daß ihr Mich liebet und glaubet, daß Ich von Gott ausgegangen bin. 28. Ich bin vom Vater ausgegangen und gekommen in die Welt; wiederum verlaße Ich die Welt und gehe zum Vater. 29. Sprechen zu Ihm Seine Jünger: Siehe, nun redest Du frei heraus und sagst kein Sprichwort. 30. Nun wißen wir, daß Du alle Dinge weißt, und bedarfst nicht, daß Dich jemand frage. Darum glauben wir, daß Du von Gott ausgegangen bist.

 DIeses Evangelium schließt sich eng an das Jubilateevangelium „Ueber ein Kleines“ an, und der ganze Inhalt desselben ist nichts als eine Fortsetzung und Vollendung der Antwort Christi auf die Frage der Jünger von dem Ausdruck „Ueber ein Kleines“ und dem Hingang zum Vater. Er handelt ganz von der seligen Frucht des Hingangs JEsu, welcher sich am Himmelfahrtstage vollendet hat. Die Antwort,| welche in den Worten unsers Evangeliums auf die Frage der Jünger liegt, befriedigte diese selbst vollkommen. Sie war ihnen nicht bloß völlig klar, sondern sie erkannten aus ihr auch die Allwißenheit JEsu, vermöge welcher Er nicht bedurfte, daß Ihn jemand fragte, weil Er Selbst alle Dinge wußte, − und sie schloßen aus ihr auf Seinen Ausgang von Gott. Ganz gemäß der Erkenntnis, welche die Jünger damals hatten, ist auch die unsrige. Auch wir erkennen in dem HErrn den allwißenden Lehrer, der von Gott ausgegangen ist. Ja unsre Erkenntnis könnte zum mindesten klarer und fester sein als die der Jünger, da wir nicht wie sie in der Zeit vor dem vollendeten Hingang JEsu leben, sondern nach demselben. Jedoch nicht von der Erkenntnis der Person JEsu Christi reden wir heute, nicht wer Er Selbst sei, werde heute ausgelegt. Was dieser Hohe und Erhabene im heutigen Evangelium zu Seinen Jüngern sprach, der Hauptinhalt Seiner Worte, sei Gegenstand unsrer Betrachtung.

 Das ganze Evangelium handelt vom Gebet und man nennt daher diesen Sonntag den Betsonntag. Der HErr, welcher die Worte unsers Textes ganz im Hinblick auf Seinen Hingang, auf Seine Himmelfahrt gesagt hat, welcher schon vor Seinem Leiden im Gedanken Seiner Vollendung und ewigen Herrlichkeit lebte, wollte, daß die zwischen Ihm und Seinen Gläubigen bestehende, durch Ihn zwischen Seinem Vater und Seinen Gläubigen aufgerichtete Verbindung auch dann fortbestehen sollte, wenn Er Selbst nicht mehr sichtbar unter ihnen wandeln würde. Als Verbindungsmittel, und zugleich als Mittel Sein Leben und Andenken immer aufs Neue zu erfahren, bestimmte Er das Gebet. Wir sollen beten, Er aber will von dem Throne Seiner Ehre Erhörung senden. An unserm Beten will Er unsre fortdauernde Liebe zu Ihm, an der Erhörung sollen wir Sein fortdauerndes Andenken an uns merken. Gebet und Erhörung sollen gegenseitige Lebens- und Liebeszeichen zwischen dem HErrn und Seinen Gläubigen sein.

 Jedoch redet der HErr nicht vom Gebet überhaupt, sondern von einer besondern Art des Gebetes, vom Gebet in Seinem Namen. Die Worte des HErrn sind immer voll unverhofften Sinnes und übersteigen, wenn Er sie spricht, all unser Ahnen. So ist es auch hier. Kein Mensch hätte sich einfallen laßen, auch hätte es keiner durch eigenes Nachdenken ausfindig machen können, daß es ein Gebet in JEsu Namen auch nur gebe, und daß es über alle andere Arten und Stufen des Gebetes erhaben sei. Es gehört dieß Gebet zu denjenigen Dingen, von welchen geschrieben steht, daß Gott sie über Bitten und Verstehen der Menschenkinder gebe und thue. Es steht unter den wunderbaren Gnadengaben des Reiches Gottes, welche die Welt nicht faßt, nicht versteht, mit oben an. − Um zu verstehen, was ein Gebet in JEsu Namen sagen will, wollen wir uns einmal den Ausdruck „im Namen eines andern etwas thun“ recht klar machen. Wer etwas im Namen eines zweiten thut, thut es nicht bloß in deßen Auftrag, so gewis auch das sein muß, sondern er thut es auch an seiner Statt und Stelle, als sein Stellvertreter. Des Königs Gesandte befehlen uns etwas in des Königs Namen, das heißt doch, sie befehlen uns so, daß wir ihre Befehle als Königsbefehle annehmen müßen, daß wir nicht sie, sondern den König ehren oder beleidigen, je nachdem wir gehorchen oder widerstreben. Gerade so ists nun mit dem Ausdruck: „Im Namen eines andern beten.“ Wir wollen uns einmal vorstellen, ein Israelite hätte das Recht gehabt, im Namen des Hohenpriesters ins Allerheiligste zu gehen und für seine Brüder zu beten. Was würde das geheißen haben, wenn nicht: Der Israelite, der in des Hohenpriesters Namen eintreten darf, ist zur Zeit seines Eintritts von dem, der im Allerheiligsten wohnte, dem Hohenpriester gleich geachtet; wenn er betet, so ist sein Gebet ein hohenpriesterliches Gebet. Daraus mache nun ein jeder den Schluß auf das Gebet in JEsu Namen. Wenn der Herr Seinen Jüngern zuläßt, in Seinem Namen zu beten, so legt Er auf sie alle Seine Würdigkeit, Sein Verdienst, Seine Herrlichkeit, kleidet sie in Seine hohenpriesterliche Zier und gibt ihnen die Versicherung, der Vater im Himmel werde sie eben so ansehen, als käme Er Selbst, der wahre, ewige Hohepriester, der Sohn Gottes und der Menschen, − werde auch ihre Gebete als eitel Gebete Seines eigenen Mundes, als hohenpriesterliche ansehen. Liebe Brüder! Wenn ich in eurem Namen am Altare stehe und bete, da bin ich vor Gott geachtet gerade wie ihr, − meine Würde ist keine andere, als die eure, eure Würde ist auf mich euern Stellvertreter übergegangen. Was ist aber das für eine kleine Würde gegen die, welche ich habe, wenn ich in JEsu Namen beten darf! In| JEsu Würde vor Gott treten zu dürfen, von Ihm wie JEsus empfangen zu werden, Seiner Ohren Aufmerken, Seines Herzens Neigung, Seiner Hände Macht besitzen wie der betende JEsus, was ist das für eine Würde, für eine Herrlichkeit! Damit greifen wir in die Ewigkeit hinein, nehmen Theil an Christi ewigem Priestertume, ärnten Ehre, die wir nicht gesäet haben, ärnten die Ehre des Leidens und Vollendens JEsu in nie erbetenem, nie geahntem Maße ein.

 Dieß Gebet in JEsu Namen, wo man also vor Gott und im ewigen Heiligtum Christum vertreten darf, wie Er uns am Kreuze vertrat, war vor dem Hingang JEsu nicht geboten, nicht erlaubt, auch nicht offenbart, denn es war vorher nicht möglich. So lange Sich der HErr nicht aufgeopfert hatte, so lange Er nicht gethan und gelitten hatte, was Er hernach wirklich that und litt, konnte Er Selbst der Menschheit nach nicht eingehen zu den ewigen Ehren und zu der Gewalt, vermöge welcher nun alle Gotteswerke durch Seine Hand fortgehen, durch welche Er beides ein allmächtiger Hohenpriester und König geworden ist. Erst durch Seine Auffahrt kam Er in den Besitz des großen Namens, vor dem sich Erd und Himmel neigt, und welchen auch der allerhöchste Vater ehrt. − Und so lange Er nicht in dieser Seiner Größe erkannt und gepredigt wurde, konnten auch die Menschen dasjenige Vertrauen nicht auf Ihn setzen, in welchem alleine man es wagen kann, Seines Namens Nennung als Beweggrund der Erhörung unserer Gebete vor Gott und Menschen anzuführen und betend zu gebrauchen. Nachdem Er aber hingegangen und erhöht und in Seiner Herrlichkeit den Menschen offenbart war, wurde auch unter ihnen Sein Name groß und alle, die Gott versehen hatte, setzten auf diesen Namen ihr Vertrauen und sprachen St. Petro nach: „Es ist in keinem andern das Heil, ist auch kein anderer Name dem Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden.“ Seitdem ist erkannt, seitdem weiß man, daß sich in JEsu Namen alle Kniee beugen sollen derer, die im Himmel und auf Erden, und unter der Erden sind, daß Ihn alle Zungen als HErrn zur Ehre Gottes des Vaters bekennen sollen, seitdem kann man fröhlich glauben, daß des Vaters Herz durch Berufung betender Seelen auf den Namen JEsu erfreut wird. Seitdem thut man es auch − man tritt vor des Vaters Thron in JEsu Namen und es ist der Tag gekommen und währt noch, von welchem der HErr spricht: „Bisher habt ihr nichts gebeten in Meinem Namen;“ aber: „An demselben Tage werdet ihr bitten in Meinem Namen.“


 Ich habe so eben gesagt, der Tag sei angebrochen und dauere noch, wo man in JEsu Namen beten darf. Und das ist ganz wahr. Aber wird nun diese große Ehre und Würde, in JEsu Namen beten zu dürfen, einem jeden Menschen ohne Unterschied zukommen? Gewis nicht; es wird sichs auch nicht jedermann anmaßen dürfen, ohne in Gottes Strafe zu fallen. Ihr habt wohl alle vor wenigen Minuten gesungen: „Wohl mir, ich bet in JEsu Namen, der mich zu Deiner Rechten Selbst vertritt;“ aber ich muß leider bezweifeln, daß ihr alle diese Worte mit Wahrheit gesungen habet, daß ihr alle wirklich in JEsu Namen betet. Ja wenn ihrs euch auch ernstlich vornehmet es zu thun; wenn ihr in der Einbildung lebetet, es wirklich zu können und zu thun: es wäre deswegen doch nicht gewis, daß Gott euch von Seinem Himmel herunter an Seines Sohnes Statt erblicke und wie Seinen Sohn anschaue. Man kann jetzt in JEsu Namen beten; das Kleid, in welchem man vor Gott erscheinen muß, ist gewoben. Aber es erscheinen wenige drinnen, wenige können es auch, wenige dürfens. Es ist daher der Mühe werth zu fragen: wer darf in JEsu Namen beten? − Suchen wir auf diese Frage Antwort in unserm Texte, so finden wir, daß der HErr vom Gebet in JEsu Namen nicht zu allen Menschen spricht. Es ist keine Rede, unter der Menge des Volkes gehalten und an das ganze Volk gerichtet, die wir lesen; sondern das Wort ergeht nur an die Jünger, die Er auch sonst durch so vieles vom Volke unterscheidet. Es sind also allein Seine Jünger von Ihm berechtigt, in Seinem Namen zu beten, − und wer kein Jünger ist, der darf es nicht wagen, so wenig als überhaupt irgend jemand sonst, als der allein, dem das aufgetragen oder erlaubt ist, in seines Nächsten Namen handeln darf. Die Jünger JEsu beten in JEsu Namen und zwar auch diese nicht eher, als nach Seinem Hingang, nach Erkenntnis Seines Todes, Seiner Auferstehung, Seiner Himmelfahrt. Denn erst dann ist die Schule JEsu zu dem Hauptstück des vollen Glaubens vorgeschritten,| welcher die Jünger fähig macht, das gewobene Priestergewand des Verdienstes Christi zu ergreifen und anzuziehen, in welchem allein man vor Gott erscheinen darf, um in JEsu Namen zu beten. Nur wer wirklich mit lebendigem Glauben im Verdienste Christi ruht, welchem es zur unumstößlichen Gewisheit und Zuversicht geworden ist, daß Christus an seiner Stelle Sünde, Tod und Teufel überwunden, Leben und Gnade ans Licht gebracht habe, nur wer im heiligen Geiste vor aller Welt bezeugen kann, daß er durch Christum mit Gott versöhnt sei, daß Christus ewig herrsche und lebe und mit Christo er, daß er mit Christo ein Miterbe der ewigen Güter sei und einen offenen Zugang zu dem Vater habe: nur der ist fähig in JEsu Namen zu beten. Es scheint damit viel zum Gebet in JEsu Namen gefordert zu sein; aber es scheint doch nur gefordert, weil ja nichts gefordert wird, was Gott nicht JEsu Jüngern gerne gibt, was Er nicht den Jüngern und Aposteln nach Seiner Auffahrt gegeben hätte. Es scheint damit viel gefordert und man kann auch sagen, es sei viel, denn es ist ja ein großer Reichtum des innern Lebens, welcher damit angedeutet ist. Aber er ist auch allen Gläubigen beigelegt, und nur nicht jeder erweckt in sich und gebraucht die Gabe, welche ihm Gott geschenkt hat. Vor dem schüchternen Gläubigen scheint mein öfter gesprochenes „Nur der, nur der − darf in JEsu Namen beten“ wie eine Verweigerung des hohen Glückes zu klingen, das im Gebet in JEsu Namen liegt. Aber ich will es am Ende auch nicht an Ermunterung an redliche Gläubige fehlen laßen, ihre Würde zu erkennen und ihr heiliges Vorrecht trotz aller Schwachheit auszuüben. Aber freilich, zu leicht darf man auch wieder die Erlaubnis zum Gebet in JEsu Namen nicht machen. Nur der redliche Jünger kann ermuntert, der falsche, der eingebildete Jünger muß von dem Dienst an dem ewigen Altare JEsu abgewiesen werden. Wer ohne redlichen, wahrhaftigen Glauben in JEsu Namen zu beten wagen würde, könnte zur Antwort eine Stimme aus dem Allerheiligsten vernehmen, wie die: „Geht weg von Mir, ihr Verfluchten, Ich habe euch nie erkannt.“ Der Vater könnte Seinen Sohn durch falsche Berufung auf Deßen Namen verlästert, der Sohn den Vater verhöhnt und Sein Blut gemisbraucht sehen, der Geist der Gnaden über die ungeheure Lüge betrübt und entrüstet werden. Darum seufze, rufe, schreie, bete − aber vermiß dich nicht, ohne Glauben in JEsu Namen zu beten. Glaubst du, so bete, − du wirst davon selige Erfahrungen bekommen; du wirst dich freuen, und deine Freude wird niemand von dir nehmen.
 Die Freude eines solchen Beters wird hienieden schon so vollkommen werden, als es möglich ist in diesem armen Leben. Sie wird vollkommen werden durch Erhörung. „Wahrlich, wahrlich, spricht Christus, Ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet in Meinem Namen: so wird Ers euch geben. Bisher habt ihr nichts gebeten in Meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei.“ − Es gibt eine verschiedene Erhörung des Gebetes; sowie das Gebet selbst verschieden ist. Ein Christ betet, er mag in einer Lage sein, in welcher es auch sei; wie das Leben nicht vom Athem, so wird das Christentum nicht vom Gebete geschieden. Es ist die ordentliche Gnadengabe aller Christen, daß siebeten. Aber es gibt neben der ordentlichen Gnadengabe des Gebetes auch eine außerordentliche, wie sie die heiligen Apostel hatten und übten. Bei der ordentlichen Gnadengabe des Gebetes ist keine besondere Weißagung wörtlicher Erhörung: Ergebung in Gottes Willen ist die größte Tugend; Zeit, Ort und Weise der Erhörung werden ganz in des HErrn Wohlgefallen gestellt. Bei der außerordentlichen Gnadengabe des Gebetes aber ist der Beter der wörtlichen Erhörung vollkommen gewis; er genießt eine besondere Leitung des heiligen Geistes für die Fälle, in welchen, und für die Dinge, um welche er beten soll; er redet mit der Zuversicht eines Propheten und übt betend eine Macht aus, welche an jene heilige Macht des ersten und des zweiten Adams über die Creaturen erinnert. Zunächst der außerordentlichen Gabe des Gebetes in JEsu Namen ist wohl die Verheißung gegeben, die wir in unserm Texte lesen: „Bittet, so werdet ihr nehmen;“ das zeigt uns ja der Erfolg, den wir in der Geschichte der Apostel so vielfach lesen. Die außerordentliche Gabe des Gebetes ist nun allerdings auch jetzt noch nicht zu Ende, sie wird dauern bis ans Ende. Gott erweckt sie insonderheit und wird sie erwecken und zu Kraft und Leben bringen, wo es die Gründung und Unterhaltung Seines Reiches gilt, − und wenn die Augen der Gläubigen sie suchen, werden sie dieselbe öfter finden auch in unserm armen, gewohnten| Leben, als es zuvor scheint. Aber gleichwie nicht allein das außerordentliche, sondern auch das ordentliche Gebet in JEsu Namen geschehen soll, so ist auch beiden in JEsu Namen Erhörung zugesagt. Bleiben auch Zeit, Ort und Weise der Erhörung dem Beter verborgen, die Erhörung ist dennoch gewis. So gewis es ein Vorrecht aller Gläubigen ist, in JEsu Namen zu beten, so gewis dürfen sie sich der Erhörung getrösten. Das Gebet in JEsu Namen kann nicht unerhört bleiben, sondern es muß erhört werden, wie das Gebet JEsu selber, weil es für ein Gebet JEsu selber gilt.

 Ist aber das gewis, so ist dem Beter auch seine versprochene vollkommene Freude gewis. − Erhört werden ist eine große und selige Freude. Man denke sich nur die Freude des dankbaren Aussätzigen, als er auf dem Wege zu den Priestern die Erhörung seines Gebetes inne ward, − die Freude des Hauptmanns zu Capernaum, als er wahrnahm, daß sein Knecht wirklich zu der Stunde genesen war, da Christus gesprochen hatte: „dein Knecht ist gesund,“ − die Freude des cananäischen Weibleins, da sie ihre Tochter genesen fand. Es ist etwas Köstliches, Erhörung glauben können; aber es ist doch etwas viel Ergreifenderes, eine vollkommenere Freude, Erhörung zu sehen. Es ist ein Unterschied wie zwischen glauben und schauen, zwischen hier und dort überhaupt. Hast du das nie erfahren? Hast du nie gebetet und Erhörung gesehen? Waren diese Stunden nicht deine seligsten auf Erden?

 Woher kommt es doch, meine Freunde, daß diese Stunden so selig sind? Es ist ein Geheimnis dahinter und ich könnte und wollte auch nicht um die Welt das Himmlische in den Staub ziehen. Aber etwas wahres läßt sich dennoch davon sagen. Der Mensch wandelt auf Erden wie in einem dunkeln Thale und unter allen seinen Anfechtungen ist keine, die tiefer in die Seele griffe und peinlicher wäre, als der Zweifel an einer unsichtbaren Welt, an einem Reiche der Geister und Gottes, an einem Jenseits. Nichts wünscht die edle Seele sehnlicher, als recht kräftig überzeugt zu werden, daß es mit dem Jenseits, mit dem unsichtbaren Reiche Gottes mehr als ein bloßer Name sei. Selbst mit Beschämung diese Ueberzeugung einzuholen, ist selige Freude. Nun drängt sich die Ueberzeugung eines unsichtbaren Gottes und Seines Reiches durch nichts mehr auf als durch Erhörung des Gebets. Denn wenn ich bete und meine Bitten Gewährung finden, wenn was ich heimlich spreche zu dem unsichtbaren Allgegenwärtigen, mir öffentlich und sichtbarlich vergolten wird, und meine Wünsche in Dingen und Verhältnissen hinausgehen, in denen und über welche weder ich noch sonst ein Mensch Gewalt üben kann; ists da nicht eben, als ob es hieße, als ob es aus der tiefsten Seele aufjauchzete und riefe: ja, es gibt ein Ohr, ein Auge, ein Herz, einen Gott im Himmel, und dieser Gott achtet mein, ich bin von Ihm verstanden und mit Ihm in Zusammenhang? Ich habe mit meinem Gott ein Geheimnis gemeinsam, das weiß niemand: es ist mein Gebet und deßen Erhörung? In diesen heimlichen Gedanken liegt eine Befriedigung, eine Freude, die man um alle Schätze der Welt nicht gibt: es ist die Freude der gefundenen und bestätigten Heimat und eines ewigen Lebens. − Wenn zwei in einem Walde verschiedene Wege gehen müßen und es ihnen schaurig wird, so ruft einer dem andern mit lauter Stimme zu und einer antwortet dem andern: das erhält sie alle beide muthig, macht sie getrost und fröhlich auf einsamen Wegen: man ist allein und doch auch wieder nicht allein. Das ist eine ähnliche Freude und doch ganz verschieden von der viel größeren Freude göttlicher Erhörungen. Denn da geht Stimme und Zuruf nicht neben hin, zum Freunde, der auch wie wir auf dunkeln Wegen geht, sondern aufwärts zum Freunde, der im ewigen Lichte und in göttlicher Macht wohnt. Zu Ihm geht der Ruf, von Ihm geht die Antwort aus. Dazu wandeln wir vorwärts zu Ihm und je näher wir zu Ihm und Seinem Throne kommen, desto lauter wird Ruf und Antwort, Gebet und Erhörung, bis endlich die volle Erhörung kommt und man den HErrn, den Freund der Seele, von Angesicht sieht. − Möchte man nur recht beten und ohne Unterlaß beten und im Namen JEsu beten! Der im Namen JEsu betet, wird ohne allen Zweifel erhört, weil er JEsu Stellvertreter ist, also eben so wenig abgewiesen wird und unerhört bleibt, als JEsus Selber. In JEsu Namen beten und erhört werden, das hängt unzertrennlich zusammen − und Erhörung und immer vollkommenere Freude hangen gleichfalls unzertrennlich zusammen.


 Wenn man diese Lehre vom Gebet im Namen JEsu weiß, so hat man sie lieb. Man wünscht sich in JEsu Namen zu beten, man wagt es im Glauben, man wird erhört und hocherfreut. Allein grade durch| diese Erfahrung wird das Gebet im Namen JEsu zu einer so majestätischen und wunderbaren Handlung, daß man sich ihrer scheut und fürchtet. Man weiß, daß man so klein und nichts ist, und findet sich in dem Gebet so hoch erhaben, so weit über die eigene Höhe hinaus erhöht. Da fragt man denn immer und immer wieder mit klopfendem Herzen: „Darfst du denn wirklich? Frevelst du nicht?“ Und wenn das der Geist der Anfechtung gewahr wird, so säumt er nicht, er schießt mit seinen Pfeilen drein und macht die Verwirrung vollends unerträglich. Es ist drum nöthig, sich für das böse Stündlein in dieser Lehre recht fest zu gründen. Diese Gründung und Begründung sei, geliebte Brüder, das Letzte, wovon wir heute noch miteinander sprechen.

 Unser Recht, in JEsu Namen zu beten, beruht erstens − damit ich wiederhole, was schon angedeutet ist, auf dem Hingang JEsu Selbst. Er hat unsre Sünden im Anfang Seiner Heimkehr durch Sein Leiden und Sterben gebüßt. Alle unsre Missethat ist versöhnt − und vergeben ist dem, der an Christum glaubt. Kein Fluch mehr haftet an der erlösten Seele. Keine Strafe wartet ihrer. Kein Zorn ist mehr im Himmel. Das Auge Gottes ruht mit Wohlgefallen auf ihm. So gewis der HErr auferstanden und eingesetzt ist als König auf Seinem heiligen Berg Zion, so gewis ist das, und wir dürfen uns deshalb unserer Unwürdigkeit wegen nicht fürchten, ins Allerheiligste zu gehen.

 Und ob wir uns auch fürchteten trotz deßen, was wir eben sagten, so haben wir doch den Befehl unsers HErrn JEsu. Er hat es befohlen, daß wir ins Allerheiligste gehen und in Seinem Namen beten sollen. So hat Er gesagt, Sein Apostel hat es aufgezeichnet, Seine Kirche hat es Jahrtausende geglaubt, kein Mensch hat es widerlegt, die ganze Hölle hat es nicht umzustoßen vermocht, trotz ihres Zähneknirschens und aller Anfechtungen haben es viele Tausende gethan und erprobt. Es ist also der bestimmte, und nicht bloß der bestimmte, sondern auch der gesegnete Wille des HErrn. Was sollen wir uns also fürchten, Seinen Willen zu thun? Ihn nicht zu thun, müßten wir uns fürchten; aber ihn zu thun, da braucht es keine Furcht. Auf Sein Wort wagen wir die große Seligkeit mit Furcht und Zittern: Wir sind nicht frech, nicht frevelhaft, nicht hochmüthig, wenn wirs thun. Gehorsam, der von Herzen kommt, ist Demuth! Wer glaubt, der thue, was ihm der HErr befiehlt, und freue sich in dem HErrn.

 Es ist freilich wahr, geliebte Brüder, der Mensch ist schüchtern, und wenn man recht bedenkt, was es heißt, in JEsu Namen beten, so muß man ja erschrecken. Dafür geht er aber auch nicht allein ins Heiligtum und zum Vater. Er geht in JEsu Namen, im Vertrauen auf JEsu Hingang, auf JEsu Befehl; aber JEsus geht auch Selbst mit ihm. Zwar spricht der HErr: „Ich sage euch nicht, daß Ich den Vater für euch bitten werde;“ aber das heißt ja nicht: „Ich bitte nicht für euch,“ das ist ja keine Aufkündigung, keine Niederlegung Seines hohenpriesterlichen Amtes. Er redete nur nicht in unsrer Stelle von Seinem Amte, Er wollte nur unser Gnadenrecht zum Gebete aufs Stärkste hervorheben; aber damit ist nicht aufgehoben, was durch andere Stellen der heiligen Schrift unerschütterlich fest steht. Keines unter allen Gottesworten kann gebrochen werden, jedes steht fest. Der HErr hat es gesagt und Seine Apostel lehren es, daß Er für uns bitten und unser Fürsprecher sein werde; darum wißen wir auf das allergewisseste, daß wir im Gebete vor Gott nicht allein stehen. Der HErr steht bei uns und so oft wir in Seinem Namen beten, betet Er neben uns in unserm Namen, wiewohl in eigener Würdigkeit. Das unterliegt keinem Zweifel mehr. Wenn es uns also zu hoch, zu groß dünken will, vor den HErrn zu treten; so wißen wir ja, wer uns unterstützt, neben wem wir im Geiste stehen, wer ohne Zweifel neben uns steht. Warum also zagen und klagen? Laßet uns fröhlich zum Gnadenthron treten und beten!

 Und wenn uns dennoch das „Abba, lieber Vater“ nicht vom Herzen, vom Munde sich lösen will, wenn uns der Hingang JEsu und deßen Ueberlegung nicht fröhlich und kräftig genug macht, vor Gott zu treten, Befehl und Unterstützung JEsu uns nicht ermuthigt; so vollführe in uns das Wort des HErrn JEsu Seinen Willen, nemlich das Wort: „Er Selbst, der Vater, hat euch lieb, darum daß ihr Mich liebet und glaubet, daß Ich vom Vater ausgegangen bin.“ Lieben wir denn unsern HErrn nicht? Ist Er nicht unser Hort? Was in aller Welt ist, das uns theurer wäre? Der Gedanke an Ihn ist mehr als alles andere, geschweige Er Selbst und Seine allerheiligste, ewig nahe Person. Es ist wahr, wir lieben| Ihn nicht in der Weise, wie wir sichtbare Menschen lieben. Die Liebe zu sichtbaren Wesen ist lebhafter, rühriger, auffallender, die Liebe zum unsichtbaren Gott ist stiller, aber auch tiefer, weniger geschäftig, aber drum nicht weniger mächtig, weniger auffallend im gewöhnlichen Leben, aber dennoch wahrhaftig und wenns gilt, jeder Aufopferung, jeder Schmach, jedes Todes fähig. Oder ist es nicht so? Es mag bei vielen unter euch, die hier sitzen, nicht also sein; aber ists nicht doch so bei Christen, die den Namen mit Wahrheit tragen? Wenn nun diese wißen, daß sie den HErrn, ihren Heiland also lieben, was hindert sie denn, die Worte: „Er Selbst, der Vater, hat euch lieb“ − auf sich zu beziehen? Doch nicht Neid und Hohn der Welt? Wenn sie der ewige Vater liebet, was kümmert sie die Welt? Und wenn Er sie liebt als Vater, warum wollte dann der Vaternamen nicht aus dem Herzen, von den Lippen? Ist denn nicht Pfingsten, seitdem der HErr aufgefahren ist? Welcher Jünger hat aber nach Pfingsten noch gezweifelt also, daß er verzweifelte? Zwar sagten die Jünger wohl: „Wir glauben, daß Du von Gott ausgegangen bist, − Du weißest alle Dinge, Du bedarfst nicht, daß Dich jemand frage, − Du redest frei heraus. Du sagst kein Sprichwort“ − und wurden hernach dennoch wieder betrübt und irre, als sie Ihn sterben sahen. Aber wir, die wir Ihn nicht mehr sterben sehen, die wir wohl wißen, daß Sein Tod nach richtiger Betrachtung ein Werk von ewigem und unaussprechlichem Ruhm gewesen ist, das der Vater durch die Auferweckung geehrt hat! Wir, hinter denen achtzehn hundert Jahre voll Erfahrung göttlicher Gnade und Erbarmung liegen, wir sollten zweifeln, wir wollten zweifeln? Das sei ferne! Des Vaters Liebe erwecke mächtig unser Vertrauen, und unsre Liebe zu Ihm werde kindlich, fröhlich und freimüthig durch das süße Wort: „Der Vater hat euch lieb.“ Wir wollen aufstehen vom trägen Sitz und wollen unsern Schmuck anlegen, uns kleiden in den Rock der Gerechtigkeit und in die priesterliche Zier: wir wollen unsre Füße waschen und unsre Hände reinigen, daß wir sie aufheben können sonder Zorn und Zweifel, und dann wollen wir priesterlich im Namen des Hohenpriesters beten. Und weil unser keiner allein ist, weil Sich der HErr ein priesterlich Volk erkauft hat, eine Gemeinde, die an Ihm hängen soll, wie am Haupte der Leib, durchdrungen von dem Einen Geist des Hauptes; so wollen wir im Namen JEsu auch nicht allein in unsern Kammern beten, sondern wenn wir zusammen sind in dieser Hütte Gottes, da werde im Namen JEsu das „Abba, lieber Vater“ gebetet wie ein Strom, − da rausche das Gebet aufwärts mit Macht und die Erhörung komme uns mit göttlicher Gewalt!
 So können und dürfen wir also beten, wir, die wir glauben, die wir unsern HErrn lieben, zu denen Er nicht mehr in dunkeln Sprüchen redet, die wir Seines Herzens Sinn und Meinung recht verstehen. − Aber freilich, wenn wir auch in Demuth, nicht in eitler Selbsterhebung sprechen dürfen: „Wir können beten,“ wenn wir schon fröhlich wie Engel vor Gottes Angesichte stehen und das Gebet in JEsu Namen üben: so haucht uns doch auch wieder Traurigkeit und Wehmuth an, wie naßer Herbstwind, wenn wir um uns schauen und sehen, wie wenige mit uns beten, wie finster es bei so vielen unter unsern Nachbarn ist. Wie viele wandeln im Dunkeln, wie viele hören und verstehen nicht, was JEsus in Seinem Worte spricht! Ach es sind so viele, vor denen das gesammte Reich unsers HErrn JEsus wie eine nächtliche Wüstenei liegt, weil es in ihnen finster ist, weil Sündenliebe sie beherrscht. Solche verstehen nicht, was wir, glauben drum auch nicht mit uns, lieben nicht mit uns und beten auch nicht mit uns! Wer ein Knecht der Sünde ist, kann überhaupt nicht beten, geschweige in JEsu Namen beten. − Was sollen wir thun? Laßt uns in JEsu Namen beten für diejenigen, welche nicht in JEsu Namen beten können. Zwar hilft denen kein Gebet, die der Fürbitte widerstreben und wider das Annahen des Geistes Gottes kämpfen und wider die gütigen Kräfte der zukünftigen Welt. Aber es hat der Mensch seine Stunden, in denen er minder widerstrebt, und der HErr kennet diese Stunden und möchte etwa in solchen Stunden auf unser Beten siegreich und mit Erhörung kommen! Wir wollen beten und es ja nicht unterlaßen! − Wir wollen aber auch für uns selber beten. Denn wie der Mensch seine beßeren Stunden hat, so hat er seine schlimmeren. Wie ihm in jenen der HErr kräftiger nahet, so naht ihm in diesen kräftiger der Teufel. Laßt uns beten, daß uns der Feind nicht übermanne, daß wir siegen können.| Und ob wir strauchelten, HErr JEsu, heiligster, treuester unter allen unsern Betgenoßen, so hilf uns Du! Im bösen Stündlein bete Du für uns. Je leiser wir werden, desto lauter rufe Du, − und wenn wir etwa − HErr, es geschehe uns nicht, aber wenn es uns geschieht, wenn wir etwa gar verstummen, dann zeige, daß Du ein allmächtiger Beter bist, dann erhöre, was wir jetzt beten, dann wecke uns auf, gib uns unsrer Seelen Athem und unsers Gebetes Stimme wieder und laß uns beten mit Dir und in Deinem Namen, bis all unser zeitliches Beten zu ewigem Lob und Danklied werde! Erhöre uns, o Du großer Hoherpriester! Amen.




« Cantate Wilhelm Löhe
Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)
Himmelfahrtstag »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).