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Textdaten
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Autor: H. N.
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Titel: Ein deutscher Sänger
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 646-648
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Gartenlaube (1860) b 645.jpg

Ludwig Uhland.

[646]
Ein deutscher Sänger.
(Mit Abbildung.)

      „Singe, wem Gesang gegeben
  In dem deutschen Dichterwald!
  Das ist Freude, das ist Leben,
  Wenn’s von allen Zweigen schallt.“       Uhland.

Sei gegrüßt, Württemberg, du freundliches Hügelland, reich an Naturschönheiten und herrlichen fruchtbaren Thälern! Wie lieblich lächeln uns deine reichen Fluren, deine üppigen Weingärten entgegen! Wie winken uns traulich die herrlichen Wälder, die deine Berge krönen; wie anziehend flüstern deine Burgen von alten gewaltigen Zeiten, während deine großen und reinlichen Dörfer und deine vielen gewerbreichen Städte und Städtchen von der biedern Einfachheit und dem Fleiße deiner Bewohner erzählen! Du bist so recht ein Land der Romantik und der Poesie, und kein Wunder ist es, wenn einer deiner wackersten Sänger uns so recht aus vollem Herzen zuruft:

„Singe, wem Gesang gegeben
In dem deutschen Dichterwald!
Das ist Freude, das ist Leben,
Wenn’s von allen Zweigen schallt!“

Und wahrlich! in Schwaben ist schon manch’ herrlich Lied angeschlagen worden und hat hinausgeklungen über alle deutsche Gauen und sein freudiges Echo gefunden in allen deutschen Herzen! Standen hier doch die Wiegen eines Wieland, Schiller, Uhland, Schwab, Kerner, Hauff, Pfizer, Mörike. Schenkten diese prächtigen Gauen dem deutschen Vaterlande doch schon so viele bedeutende Männer wie: Spittler, Moser, Paulus, Strauß, Schelling, Hegel, Danneker etc. In der That erhob sich denn auch hier eine ganze Dichterschule, die „Schwäbische Dichterschule“ genannt, auf die wir mit gerechtem Stolze blicken dürfen.

Was den Inhalt dieser schwäbischen Poesie betrifft, so waren es zunächst die landschaftliche Natur, die sich ja im schönen Schwabenlande so reizend und so reich entfaltet, und die Gemüthsstimmungen, welche durch die Einwirkungen der Naturschönheit hervorgerufen worden, die in musikalisch innigen Liederklängen ausathmeten. Das einfache kindliche Gemüth dieser schwäbischen Sänger vermied jedes herausfordernde Virtuosenthum der Empfindung, alle kühnen Griffe und schwindelnden Probleme des Gedankens; es war ganz Hingabe, Sinnigkeit, Innigkeit und Naturandacht. So ward – wie Justinus Kerner selbst sagt – die Natur die Meisterin der schwäbischen Dichterschule. Aber die schwäbischen Dichter unterscheiden sich nicht allein durch die Reinheit ihrer Naturauschauung von den Romantikern, sondern auch durch die schlichte und klare Auffassung des Mittelalters, das sie in ihren Romanzen und Balladen verherrlichen. Sie rufen hier meist schöne und doch naturwüchsige Gestalten herauf; es sind nicht Fouqué’s sentimentale Raufbolde, nicht Brentano’s schwarzbärtige Zauberer, nicht Tieck’s ironische Purzelmännchen im Harnische, es sind Menschen mit edler, warmer Empfindung, gültig für alle Zeiten und allen Zeiten verständlich. Auch sucht diese Poesie nicht ängstlich jede Berührung mit der Gegenwart zu vermeiden, sondern proclamirt in energischer Form den frischen, kräftigen Freiheitssinn der Zeit.

An der Spitze dieser „schwäbischen Dichterschule“ steht nun der wackere Ludwig Uhland, Deutschland längst bekannt durch seine trefflichen Poesien, wie durch seine politische Gesinnungstüchtigkeit. Johann Ludwig Uhland, dessen nach einer wohlgelungenen Photographie gefertigtes Portrait wir hier geben, wurde am 26. April 1783 zu Tübingen geboren. Schon sein Großvater, Ludwig Joseph, ein vielseitig gebildeter Mann und einer der ausgezeichnetsten damaligen Theologen, war hier ansässig gewesen und bekleidete seit 1777 das Amt eines Professors der Geschichte an der dortigen Universität, während Uhland’s Vater im Laufe der Zeit die Stelle eines Universitäts-Secretair einnahm.

Schlicht und einfach, wie des Kindes Statur und Wesen, war auch die Erziehung, die es im elterlichen Hause genoß; aber es fehlte hier wie dort nicht an jener stillen Gediegenheit, die Uhland für sein ganzes Leben auszeichnete. Uhland bildete sich auf der gelehrten Schule und Universität seiner Vaterstadt, wo mit ihm zugleich und in freundschaftlichen Verhältnissen Justinus Kerner und – in dem Winter 1808 – auch Varnhagen von Ense studirten. Varnhagen erinnert sich noch in seinem Alter mit Freuden an dies, wenn auch nur kurze, Zusammenleben. „Es waren zwei liebe, herrliche Menschen,“ sagt er von Uhland und Kerner, „echte ursprüngliche Seelen, reich begabt mit innerem Leben und äußerem Talent.“

Uhland, damals noch wenig bekannt, hatte im Stillen schon manch hübsches Gedicht in tief bewegter Seele empfangen und Einzelnes auch in den Musenalmanachen von Leo von Seckendorf veröffentlicht. Kerner brachte dem gemeinsamen Freunde Varnhagen ein ganzes Päckchen derselben. Da war es Varnhagen, als tauche seine Seele in frische Dichtungsfluth! Er fand Uhland’s Lieder „Goetheisch“, d. h. nicht Goethen nachgeahmt, sondern in gleichem Werthe mit dessen Liedern: eben so wahr und so rein, so frisch und lieb! Besonders gefiel ihm, daß sich Uhland nie mit Worten und Redensarten befaßte, sondern nur das Gefühl und die Anschauung sprechen ließ. Natürlich war dadurch der Ausdruck immer echt. Die Natur, die ihn umgab – und die ja namentlich um Tübingen herum so schön und lieblich ist –, die Vorzeit, deren Sagen er in seinem dichterischen Gemüthe leise verhallen hörte, bezeichneten schon damals den Kreis seiner Dichtungen. Dennoch wurzelte schon der Jüngling mit kräftigem Geiste in seiner Zeit, umfaßte die ganze Bildung derselben, und war somit, der Auffassung und Wirkung nach, durchaus modern. Vaterlands- und Freiheitsliebe durchströmten ihn und machten ihn somit Varnhagen doppelt lieb und werth.

Aus jener Zeit klingt uns „des Knaben Berglied“ herüber:

„Und wann die Sturmglock’ einst erschallt,
Manch Feuer auf den Bergen wallt,
Dann steig’ ich nieder, tret’ in’s Glied,
Und schwing’ mein Schwert, und sing’ mein Lied:
Ich bin der Knab’ vom Berge!“

Auch „die drei Lieder“ stammen aus jener Zeit und manch ander wackeres Gedicht.

Merkwürdiger Weise entsprach aber, selbst in jenen schönen Jünglingstagen, das Wesen Uhland’s und sein Aeußeres keineswegs dem so bedeutenden Inneren. Die äußere Erscheinung kann nicht anders, als eine in der That gewöhnliche genannt werden, und dabei war Uhland unzugänglich und blieb es für sein Leben. Eine dem Dichter sehr nahestehende liebe Dame hat ihn sehr richtig mit den Worten portraitirt: „Uhland ist wie eine Nachtigall, man muß ihn nur singen hören, aber nicht sehen.“ „Umgang,“ sagt Varnhagen von Ense, „hab’ ich nicht viel mit ihm, und nur durch Kerner’s Vermittlung, denn er ist der entschlossenste, hartnäckigste Schweiger, der mir noch vorgekommen! Keine Verlegenheit, keine Angst wirkt auf ihn, er wartet es ab, was daraus werden möge, und schweigt. Redet er aber einmal, so ist, was er sagt, gediegen, klar, zweckmäßig und möglichst kurz; ohne alle Absicht und Ziererei ist es so, aus freier Natur heraus. Ist das nicht schön? Und so ist der ganze Mensch! Seine Redlichkeit, Hochherzigkeit und Treue preist Jeder, der ihn kennt, als unerschütterlich und probehaltig. Er wird nächstens die Universität verlassen und eine Reise nach Paris unternehmen. Er ist im Ganzen nicht rauh und herb, aber die Franzosen werden ihn doch nicht glätten und noch weniger gesprächig machen.“

So urtheilte 1808 Varnhagen über Uhland, und Uhland’s ganzes Leben hat dies Urtheil bestätigt.

Noch in demselben Jahre wurde Uhland Advocat und bald darauf Doctor der Rechte. Jetzt führte er auch die Reise nach Paris aus, woselbst er auf der königlichen Bibliothek die vorhandenen Manuskripte des Mittelalters fleißig studirte. Früchte dieser mühevollen, aber mit erstaunlicher Gründlichkeit betriebenen Arbeit bot Uhland der Welt in Uebersetzungen altfranzösischer Gedichte. Sie finden sich in der zweiten Anflage seiner Gedichtsammlung. Aber in Paris war seines Bleibens nicht. Uhland kehrte schon 1812 nach Stuttgart zurück, wo er eine Zeit lang im Bureau des Justizministeriums arbeitete. Da kamen die welterschütternden Jahre 1813 bis 1815 mit ihren Stürmen und Wettern heran; wie hätten sie an einem so durchaus deutschen, edlen und freisinnigen Manne, wie Uhland, ohne den tiefsten, gewaltigsten Eindruck vorüber gehen können? Wie ein Riese richtete sich sein Geist empor, die Lieder der Liebe, die Huldigungen der Natur verstummten, und wie einen kecken Trompetenruf schmetterte er sein „Vorwärts!“ [647] hinaus. Uhland schloß sich jetzt in seinen patriotischen Gedichten den Sängern der Befreiungskriege an.

Hiermit aber war auch die Saite angeschlagen, die den Grundton seines Lebens austönen sollte: Uhland trat als einer der beharrlichsten Kämpfer für „das alte, gute Recht“ auf, unmittelbar an die kurzen, schlaghaften Kampfeshymnen reihte sich die Forderung der „Volksrechte“, die mit majestätischem Orgelklange im Octobergesange einherbraust:

„Wenn heut ein Geist herniederstiege,
Zugleich ein Sänger und ein Held,
Ein solcher, der im heil’gen Kriege
Gefallen auf dem Siegesfeld:
Der sänge wohl auf deutscher Erde
Ein scharfes Lied, wie Schwerterstreich,
Nicht so, wie ich es künden werde,
Nein, himmelskräftig, donnergleich.“

Gewaltig hallten diese Klänge durch ganz Deutschland wieder, und wahrlich, sie sind in den Herzen der Deutschen noch nicht verklungen! An Uhland’s Gedichten hob und entflammte sich der Patriotismus des Volkes, kräftigte sich der gute Sinn der Volksvertreter. Ruft diesen doch der Dichter zu:

„Tadeln euch die Ueberweisen,
Die um eigne Sonnen kreisen,
Haltet fester nur am Echten,
Alterprobten, einfach Rechten.“
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„Und wie man aus versunknen Städten
Erhab’ne Götterbilder gräbt,
So ist manch’ heilig Recht zu retten,
Das unter wüsten Trümmern lebt.“

Daß Uhland’s Begriff vom „alten, guten Recht“ ein für unsere Zeit etwas sehr eingeengter war, ist nicht zu leugnen. „Dies alte Recht“, sagt der schon genannte Literarhistoriker in Beziehung auf Uhland, „soll Öffentlichkeit der Gerichte, mäßige Steuern, Schutz der Wissenschaft, allgemeine Wehrberechtigung der Freien und Freizügigkeit wiederbringen. Diese etwas schwerwuchtigen politischen Begriffe hat Uhland in ein sehr graziöses poetisches Flügelkleid gehüllt, so daß man sie kaum wiedererkennt. In Wahrheit ist aber diese Begeisterung für das gute alte Recht, dies Zurückgehen auf frühere Zustände, nur lyrische Politik ….… eine Politik des Gemüthes. Die Vernunft würde solche Ansprüche nicht auf früheren Bestand, sondern auf ihre innere Berechtigung gründen. Das gute alte Recht in Bausch und Bogen würde auch Uhland nicht zurückwünschen können.“

Wie dem aber auch sein mag, die edle Absicht des Mannes darf so wenig verkannt werden, wie sein bedeutendes Wirken in den Kammern. Als nämlich König Friedrich von Württemberg 1815 die Stände zusammenrief, um dem Lande eine constitutionelle Verfassung zu geben, trat auch Uhland in die Reihe der Vertheidiger der Rechte und Freiheiten des Vaterlandes. In Folge dessen ward er 1819 von dem Oberamte Tübingen und 1820 von seiner Vaterstadt zum Mitglied der Ständeversammlung gewählt. Uhland gab sich diesem Amte mit ganzer voller Seele hin; ja der Gedanke einer würdigen und thatkräftigen Vertretung des Volkes durchdrang ihn so gewaltig, nahm ihn so vollständig in Anspruch, daß er – nachdem er 1829 außerordentlicher Professor der deutschen Sprache an der Universität Tübingen geworden war – bald darauf diese Stelle wieder niederlegte, um seinen Pflichten als Abgeordneter ganz leben zu können.

Hier nun entfaltete sich denn auch die Hauptthätigkeit seines Lebens. Besonders hervorragend war sein Wirken auf dem Landtage von 1821 bei der Aufhebung des unseligen „Schreiberinstitutes“ in Württemberg. Uhland vor Anderen erzielte die Beschlüsse, daß die Verwaltungsgeschäfte der Gemeinden und Oberamtsdistricte von den Rechtsgeschäften getrennt und beide nicht mehr durch eine Person besorgt, daß die Justizbeamten auf fixe Gehalte gesetzt und daß die Verwaltungsangelegenheiten der Gemeinden für eine durch Vertrag bestimmte Belohnung besorgt werden sollten.

Diese Beschlüsse gaben nicht nur der Willkür der bisherigen Stadt- und Amtsschreiberei, sondern auch dem ganzen unseligen „Schreiberinstitute“ überhaupt den Todesstoß, …..… einem Institute, das noch aus Deutschlands rohem Zeitalter stammte, das den Württembergern zu allen Zeiten laute Seufzer und Klagen in Masse erpreßte, das den trägen Gang aller in die Staatshaushaltung und das Privatleben eingreifenden Geschäfte verewigte und zugleich das ganze Rechnungswesen in einen wahrhaft gordischen Knoten verwickelte.

Lebhafte Debatten erregte auf demselben Landtage der Antrag auf völlig freien Handelsverkehr, Aufhebung aller inneren Zölle und Verbot des schändlichen Büchernachdruckes. Auch hier war es vor allen Dingen Uhland, der, zumal gegen das Rechtswidrige und Unmoralische des Nachdruckes, mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft und Energie auftrat. Weber, Abel, Keßler, Schott, Schmidt, Cotta schlossen sich ihm mit gleicher Entschiedenheit an. Ueberhaupt gehörte Uhland von Anfang an zu jener gesinnungstüchtigen Opposition in der württembergischen Kammer, die mit überwiegender Geisteskraft der freien, gesetzlichen Entwickelung des Volkes Bahn brach.

So kamen auf dem Landtage von 1833 die Verhältnisse zum deutschen Bunde zur Sprache, und mit ihnen die großen Fragen in Bezug auf Preß- und Wahlfreiheit. Die Opposition bewährte dabei glänzende Talente. Die Regierung war aufgebracht und verlangte, daß Pfizer’s Motion über die Bundestagsbeschlüsse vom 28. Juni 1832 mit „verdientem Unwillen“ verworfen werde; da trat Uhland, als Berichterstatter der staatsrechtlichen Commission, auf und verlas eine von ihm verfaßte Adresse, in welcher sich die Kammer gegen solche Anträge der Regierung mit Würde und Entschiedenheit verwahrte. Diese Adresse ging am 11. März 1833 mit großer Stimmenmehrheit durch, hatte aber zur Folge, daß die Kammer wenige Tage später aufgelöst wurde.

Uhland wurde von Stuttgart, Pfizer von Tübingen wiedergewählt. Im Jahre 1836 war Uhland unter den neunzehn Oppositionsmitgliedern, welche bei Gelegenheit der Abstimmung über das Finanzgesetz das Budget aus staatsrechtlichen Gründen verweigerten. Mit Uhland gingen damals namentlich Pfizer, Klett, Raidt, Schott, Nefflen, Pfaff, Walz, Römer, Murschel, Pflanz, Menzel, Pfäfflin, Baumann und Düvernoy. So wirkte Uhland mit Muth und Kraft in der Württembergischen Kammer, wie er in den Sturmjahren 1848 und 1849 seine volksfreundlichen und echtdeutschen Gesinnungen im Parlamente zu Frankfurt a. M. und im Rumpfparlamente zu Stuttgart bewies.

Trotz der Erfüllung all dieser vaterländischen Pflichten schlief aber Uhland’s Dichtertalent nicht ein. Fand sich doch manche Gelegenheit, es zu üben. 1833 erschienen seine Gedichte in sechster Auflage. Sie hatten einen schönen und großen Zuwachs durch seine patriotischen Lieder gefunden, in welchen er das begeisternde Wort als die ihm verliehene Waffe für des Vaterlandes Wohl schallen läßt. So in seinem herrlichen Octoberlied:

„Ihr Völker, die ihr viel gelitten,
Vergaßt auch ihr den schwülen Tag?
Das Herrlichste, was ihr erstritten,
Wie kommt’s, daß es nicht frommen mag?
Zermalmt habt ihr die fremden Horden,
Doch innen hat sich nichts erhellt,
Und Freie seid ihr nicht geworden,
Wenn ihr das Recht nicht festgestellt.“

Uhland’s lyrische Gedichte sind sämmtlich Ergießungen eines tiefen, zarten, für alle Saiten der Natur und des Lebenn empfänglichen Gemüthes, aber sie sind dabei nicht kränkelnd, sondern im Gegentheil kerngesund. Gerade durch diese Züge echter Gesundheit aber, wie durch die künstlerische Klarheit und Vollendung der Form reihen sie sich an die gleichartigen Schöpfungen Goethe’s würdig an. Besonders gelungen sind Uhland auch seine Balladen und Romanzen, die bei Anschaulichkeit, Lebendigkeit und scharfer Zeichnung ein echt deutsches Gepräge tragen und ganz den rechten Ton des Volksliedes treffen. Hier kam ihm sein tieferes Verständniß und sein gründliches Studium der Poesien des Mittelalters sehr zu statten. Zu den trefflichsten dieser Romanzen und Balladen gehören: des Sängers Fluch, Klein Roland, König Karls Meerfahrt, die Bidassoabrücke, Sängerliebe, der Schenk von Limburg und Eberhard der Rauschebart. Auch im Drama hat sich Uhland versucht und außer dem Fragment „Konradin“ die Dramen „Herzog Ernst von Schwaben“ und „Ludwig der Baier“ geschrieben, jedoch mit weniger Glück, obgleich die Composition correct und folgerichtig, die Sprache einfach und edel gehalten ist. Auch als Literarhistoriker über fremde und einheimische Poesie hat sich Uhland Verdienste erworben und eben so reiche Kenntnisse als Gründlichkeit dabei gezeigt. Es beweisen dies seine Abhandlung über die nordfranzösische Poesie, die Bearbeitung „Walter’s von der Vogelweide“ [648] und sein neueres Werk über die alten hoch- und niederdeutschen Volkslieder. Endlich gehört Uhland zu den tüchtigsten Mitarbeitern des grossen Grimm’schen Sprachwerkes.

So darf Deutschland mit Stolz von Uhland sagen, daß er einer seiner edelsten Söhne sei, ein echter „deutscher Sänger“ – ein biederer, ehrenfester Charakter, ein Mann von Muth und hohem Sinn. Er lebt noch jetzt still thätig in Tübingen. Möge er dem deutschen Vaterlande noch lange erhalten bleiben!
H. N.