Durch Indien ins verschlossene Land Nepal/In der Neisamstadt

Beim Brahmanen Durch Indien ins verschlossene Land Nepal
von Kurt Boeck
Spaziergänge durch Bombay
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Elefanten und Büffel in der Schwemme im Musi.[WS 1]

Neuntes Kapitel.
In der Neisamstadt.

In wenig anderen Großstädten des britischen Indiens trifft man so außerordentlich selten einen anderen Europäer und hat man so sehr das Gefühl, auf kritischem Boden zu wandeln, wie in der Hauptstadt des Neisams[WS 2] oder, in englischer Schreibweise, des Nizams von Heidrabad[WS 3]. Keinem Kenner indischer Zustände ist es unbekannt, wie tief gerade in dem großen, an Gold, Edelsteinen und Kohlen reichen Staate Heidrabad der Haß gegen die englische Fremdherrschaft bei Fürst und Volk unter scheinbarer Loyalität immer noch fortglimmt, ein Haß, der wiederholt ganz unverhüllt zu Tage getreten ist, so z. B. durch das Bestreben, die eigene Armee durch französische statt englische Offiziere auszubilden und durch das Fernbleiben des Neisams bei der Ankunft des Prinzen von Wales in Bombay; auch daß dem russischen Thronfolger bei seiner Reise ein Besuch Heidrabads von seiten englischer Behörden nicht auf das Reiseprogramm gesetzt wurde, hat Aufmerksame befremdet.

Die ganze Gegend um Heidrabad, zu deutsch „Löwenstadt“, ist der Schauplatz wichtiger Begebenheiten und heroischer Sagen: Von der Höhe grüßt uns eine Felsenfestung, die altberühmte Diamantenstadt Golkonda[WS 4] mit ihren prunkvollen Königsgräbern, im Hintergrunde breitet sich das waffenstarrende Heerlager bei Sikandrabad[WS 5] aus, wohl das größte, das die Engländer in Indien haben, und nicht weit davon befinden sich die Trümmer eines Räubernestes des berüchtigten Mahrattenhelden Morari Rao[WS 6], dessen grillenhafte Vorliebe für das Schachspiel denjenigen unter seinen Gefangenen, die ihn darin matt zu setzen vermochten, das Leben rettete, während verlierende Spieler von den Wällen des Schlosses gestürzt wurden. Fürwahr, mehr auf die Spitze kann Spielleidenschaft wohl nicht getrieben werden!

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Von den 450 000 Einwohnern der Stadt Heidrabad ist die übergroße Mehrheit aller Vornehmen mohammedanisch, wie der „Neisam“ selbst; dieser Titel, der zu deutsch etwa selbständiger Vizekönig bedeutet, wurde dem Urenkel eines Kadi aus Buchara vom Groß-Mogul[WS 7] verliehen, dessen Sohn dem Islam den Dienst erwiesen hatte, die Mahratten, die gefährlichsten Feinde der Mohammedaner in Indien, aufs Haupt zu schlagen. Der volle Name des Fürsten ist aber noch klangvoller, denn er lautet: Asaf Ja Muzaffur Mumulik, Neisam-ul-Mulk, Neisam-ud-daulah, Nahwab Mio Nahbub Ali Kahn Bahadur Feteh Jung.[WS 8] Mehr als zehn Millionen Bewohner zählt das Reich dieses Fürsten und stellt damit den bedeutendsten unter den indischen Vasallenstaaten Englands dar.

Wir treffen es günstig, nämlich gerade die für den Islam festlichste Zeit des Jahres; das neuntägige Fasten des Moharrem[WS 9] wird heute durch ein großes Fest beendet, das Erinnerungsfest an den Tod Hassans und Husseins, der beiden Söhne Alis[WS 10], des Schwiegersohnes des Propheten, die im Kampfe gegen die sunnitischen Mohammedaner unter Sultan Yazid im Jahre 680 in der Schlacht von Kerbela fielen.[WS 11] Heute ist der wichtige Tag, wo die prunkvolle große Lungar-Prozession[WS 12] stattfindet, in der die Fahne des Propheten durch die Straßen der Stadt geführt wird, um das fanatische Volk bis zum rasenden Toben zu entzücken. Bangen Herzens schleichen die brahminischen Hindus umher — wehe ihnen, wenn sie heute ihren aufgeregten muselmännischen Mitbürgern begegnen!

Wir verlassen unser Gasthaus, das, ebenso wie die mit einem Festungswall umgebene Residenz des englischen Gesandten und die Wohnungen der anderen Europäer in Heidrabad, in der Vorstadt Tschadar Ghat[WS 13] liegt, vier Kilometer abseits der Stadt. In der Nähe befinden sich einige Papier- und Baumwollenfabriken, und das Bearbeiten und Auskämmen der Baumwollenflocken ist eine Aufgabe, der sich die Mohammedaner mit Vorliebe zuwenden, während sie als Händler Parfümerien, Schmuckwaren und besonders Juwelen bevorzugen; hier im Staate Heidrabad war ja einst der Haupthandelsplatz für die Diamanten Indiens, die im nahen Golkonda kunstvoll geschliffen wurden, als diese Naturschätze in Indien noch nicht so vergriffen waren, wie heutzutage.

Überall wird wegen des hohen Festes gefeiert, und deshalb herrscht heute Sabbatstille in den Fabriken wie auf den Feldern, sei es aus Frömmigkeit, sei es aus Furcht.

Wir überschreiten den Musi auf granitner vielbogiger Brücke, die seit 1830 diesen in der Regenzeit viel wasserreicheren Zufluß des Kistna überspannt. Unten am seichten Ufer kommen und gehen die Elefanten aus dem Marstall des Neisams, um mit Sand und Asche, mit Hilfe riesiger Besen und halbierter Kokosnüsse gründlich abgescheuert zu» werden, ehe ihre zarte Haut zum Feste geschminkt wird. Die Standplätze dieser Elefanten in den Höfen des Neisampalastes bieten namentlich durch das drollige Benehmen der jungen Elefantenkälber und ihrer besorgten Mütter unerschöpflichen Stoff zur Ergötzung; dabei hat man oft, gerade wie beim Spielen junger Hunde, das Gefühl, als [110] hätten die Tiere eine Ahnung davon, wie wohltätig sie auf das menschliche Lachbedürfnis wirken.

Mit leuchtendem Rot und Gelb werden nach vollbrachtem Bade Stirn, Rüssel und Ohren der Dickhäuter in allerlei Mustern verziert, wodurch zugleich die Stirnzeichen verspottet werden sollen, mit denen die brahminischen Hindus sich und ihre Tempelelefanten bemalen, denn geärgert müssen die andersgläubigen Mitbürger werden, wo immer es angeht. Natürlich rächen sich diese dafür an anderen Orten, wo die Moslems in der Minderzahl sind, durch heimliches Anbinden von Schweinen in den Vorhöfen der Moscheen oder ähnliche sinnige Aufmerksamkeiten.

Nach der Bemalung werden die Elefanten aufgezäumt. Auf den Kopf kommt eine riesige Kappe, scharlachrot mit goldner Borte, auf den Rücken eine ebensolche Decke mit reicher Goldstickerei; Dutzende von Händen sind behilflich, auf diesen Rücken dann die ungeheueren, aus Silber und Gold getriebenen Haudahsessel[WS 14] zu schnallen. Über den Haudahs wölben sich scharlachfarbene, goldstrotzende Baldachine, die das Haupt des Neisams und anderer Nawabs des Dekhans[WS 15] oder der Würdenträger des Reiches während des Umzuges vor der sengenden Tropensonne schützen sollen. Schließlich werden goldene Ringe mit einem zierlichen pyramidenförmigen Ausputz glänzender Steine um die Stoßzähne der Tiere geschoben und die Zähne selbst nötigenfalls durch Ansätze künstlich verlängert, auch werden klirrende Silberketten um Hals und Füße geschirrt; dann lassen sich die Mahauts[WS 16] von ihren Elefanten mit dem Rüssel auf den Rücken des Tieres heben, stemmen die Füße zur Lenkung des Elefanten hinter dessen Ohren und erwarten ihre Herren. Am stolzesten und kostbarsten ist der Elefant angeschirrt, der die Fahne des Neisams und zugleich die schwergoldene „Lungar“ genannte Halskette trägt, die von der Mutter eines Prinzen gestiftet wurde, als dieser von einem bei einem solchen Fest durchgehenden Elefanten mit dem Rüssel erfaßt, aber wohlbehalten in einem Dickicht niedergelegt wurde.

Inzwischen sind wir vor der niedergelassenen Fallbrücke des Stadttores angelangt. Wie kindlich erscheinen heutzutage diese mittelalterlichen Verteidigungsmittel, die rosafarbigen Lehmmauern mit Schießscharten, diese veralteten von Elefanten gezogenen Geschütze des Neisams, dem die Engländer keine modernen Feuerwaffen erlauben.

Wir weisen unsere Erlaubniskarte zum Besuche der Stadt dem Torwächter vor, starren ihm aber verblüfft ins Gesicht, denn unser Auge fällt nicht auf die regelmäßigen Züge eines Hindu, sondern ein unverkennbarer Afrikaner fletscht uns seine schneeweißen Zähne entgegen; er gehört zu der arabischen Siddih-Leibwache[WS 17] des Neisams, deren uralte Feuersteinflinten vortrefflich zu ihrem mittelalterlich-wilden, räubermäßigen Aussehen stimmen.

Nun betreten wir die Stadt, jedoch nicht etwa zu Fuß, das würde sich für einen Vertreter des herrschenden weißen Volkes nicht ziemen. Nur in stolzer Karosse, auf dem Rücken eines edlen Pferdes oder Elefanten oder in [111] einer Sänfte darf sich der Europäer den gaffenden Hindus zeigen; wir besuchen die Stadt aber ganz auf unsere eigene Gefahr, denn kein einziger Europäer wohnt innerhalb der Stadtmauern, und nach einem Konsul würde man sich natürlich ebenfalls vergeblich umschauen. Werden uns von der fanatischen Menge die Knochen im Leibe zerbrochen, so zahlt uns niemand einen Pfennig Schmerzensgeld dafür!

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Arabische Leibwache des Neisams von Heidrabad.

Von fernher dringt das Brausen des Volkslärms aus der inneren Stadt. Indische Fuhrwerke aller Art, verhangene Ochsenwagen zur Beförderung von Frauen und ganz moderne Wägelchen englischer Herkunft rollen durch das Stadttor; auch eine Sänfte, ein Palankin oder Palki, begegnet uns. An dem großen weißen Namazeichen auf der Stirn des Mannes, der darin kauert, erkennen wir einen brahminischen vornehmen Hindu, der sich wohl geschwind aus der Stadt tragen läßt; weil er es vorzieht, sich draußen im Freien, etwa an den Ufern des nahen Hussein-Sagar-Teiches,[WS 18] seinen Curry-Reis auftischen zu lassen, statt im Innern seiner verriegelten Stadtwohnung, vor deren Tür bereits die brüllende Menge unter wütendem Anruf Hassans, Husseins und Mustapha Reimans[WS 19] in wüstem Takte die Brust zerschlägt.

Doch nun hinein in das Festgewühl des Bazars! Den Mittelpunkt der Stadt bildet der Palast Tschar Kaman[WS 20] mit vier Minarettürmen und vier Torbogen, unter denen sich die beiden Hauptstraßen der Stadt kreuzen; eine große Moschee, die nach dem Vorbild der Kaaba zu Mekka gebaute Dschuma-Moschee,[WS 21][112] steht in der Nähe. Wie ein Ameisenhaufen kribbelt das Volk auf den Straßen durcheinander, und dicht gedrängt stehen die buntfarbigen Massen auf den flachen Dächern der rosa, gelb oder lachsfarbig, also stets hell, getünchten Häuser; prächtige Teppiche hängen aus den Fenstern und von den Balkonen.

Schon naht der Zug, ein wahres Meereswogen greller Farben und ungeheuerlicher Gestalten. Voraus laufen, wie allerorten bei solchen Gelegenheiten, Pöbel und Straßenbuben; dann folgt der Polizeipräsident, der Kotwal[WS 22], auf seinem Staatselefanten. Zunächst erscheint eine Schwadron eingeborener Reiter, einzeln oder zu zweien auf ihren Kamelen hockend, sehnige, martialische Hindus oder Kamelreiter aus Sansibar, und hinter diesen kommen die trefflich einexerzierten, aber mit veralteten Waffen ausgerüsteten Fußtruppen. Moderne Waffen in Indien einzuführen ist nicht nur streng verboten, sondern bei dem von den Engländern in Indien benutzten Heer von Geheimpolizisten und bei der unablässigen Überwachung jedes Verdächtigen geradezu unmöglich. Somit blieb dem Neisam nichts anderes übrig, als seine Truppen wohl oder übel den Engländern zur Verfügung zu stellen, denn dort auf den Hügeln im Rücken der Stadt stehen die Batterien, die endlosen Zeltreihen des englischen Heerlagers bei Sikandrabad! Die Stadt Heidrabad ist zwar von englischen Soldaten entblößt, aber in demselben Augenblick, wo der Signalwimpel an dem hohen Mast im Burghof des englischen Residenten emporflattern oder der drahtlose Funkentelegraph hinaufmelden würde, daß der Neisam seine Vasallenstellung vergessen und den Versuch gemacht habe, in seinem Lande den Herrn zu spielen — in demselben Augenblicke wäre er selbst nebst seinem Palast und seiner Residenz mit ihrer halben Million Einwohner in Atome zerschmettert! Mit der größten Liebenswürdigkeit wird der Neisam zuzeiten eingeladen, sich auf dem Schießplatz von der Leistungsfähigkeit und Wirkung der englischen Granaten zu überzeugen, die in den Schanzen von Sikandrabad zu Tausenden lagern. Er begnügt sich weislich mit dem äußeren Schein von Macht, der sein öffentliches Auftreten, zumal an Festtagen wie dem heutigen, umgibt.

Dort thront er, der Neisam, schneeweiß gekleidet, Diamanten im Turban, in höchst eigener Person auf dem Balkon eines Palastes und nimmt die Heerschau, die siebenmal wiederholten Begrüßungsverbeugungen seiner Vasallen ab, umringt von seiner seltsamen arabischen Leibwache. Wie Söhne der Hölle gebärden sich diese Araber an dem heutigen Tage! Gräßlich, markdurchdringend schallt das schrille Quäken ihrer Querpfeifen, das wüste, wilde, unregelmäßige Stampfen und Trommeln auf ihren kupfernen Kesselpauken in das kreischende, fauchende Anrufen Alis und seiner Söhne aus den rauhen Kehlen opiumtoller Fanatiker. Mit den plumpen Kolben ihrer vorsintflutlichen, zwei Meter langen Gewehre stoßen und hauen andere Wächter der Ordnung in die Massen des Volkes um den unaufhaltsam vorwärts schreitenden, einander folgenden plumpen Elefanten den Weg zu bahnen, von denen in den weiten Höfen des Neisams nicht weniger als dreihundert solcher Festtage zu harren pflegen. Auch Reiter mit zweihändigen Schwertern auf Schimmeln mit rotgefärbten Mähnen, [113] Schweifen und Beinen oder in mittelalterlichen europäischen Uniformen, in Eisenharnischen und Schuppenpanzern sind in dem Zuge. Selbst die Scharfrichter mit ihren Richtschwertern und im erdfarbigen Gewande fehlen nicht.

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Vorträge einer Sängerin im Familienkreise.

Jetzt schwankt der Mittelpunkt all des Festjubels daher, die grünseidene Fahne des Propheten, hinter der die Modelle der Grabstätten der gefeierten Märtyrer getragen werden, die man nach Schluß des Festes in den Strom stürzt. Wo sich diese Fahne zeigt, steigt das Toben zum Wahnsinn: da krachen die Schüsse aus den alten Steinschloßflinten, die von den Arabern unermüdlich aus schneckenförmigen Pulverhörnern aufs neue geladen werden, da sausen Raketen und Schwärmer in das blendende Tageslicht, deren Knattern, durch Kanonenschläge verstärkt, den lauten Singsang der Tänzerinnen übertönt, die in dichter Schar den Fahnenelefanten umgaukeln und dabei Lanzen und Stäbe schwingen, an deren Spitzen Zitronen und Betelblätter gebunden sind.

Hierauf folgt ein unheimlich grotesker Zug von Maskenträgern, die Vögel, Ungeheuer und sonstige Tiere vorstellen, die den auf dem Schlachtfelde bei Kerbela gefallenen Helden als Wächter gedient haben sollen; die Hauptfigur spielt darunter ein als Tiger verkleideter Clown, der im Bunde mit anderen Tierkarikaturen den Festtaumel auf den Gipfel zu bringen versteht, so daß es unmöglich ist, einzelne Laute aus dem wild brandenden Meer von Tönen [114] herauszuhören, dessen Grundakkorde die von all diesen Tausenden unaufhörlich hervorgestöhnten, geschrieenen, geblökten oder erschöpft hingezischten Namen der gefeierten Märtyrer sind. Weherufe der Gequetschten und Zertretenen oder mit Stentorstimme gebrüllte Befehle, denen die entfesselten Horden den Gehorsam versagen, blöde Fisteltöne wahnsinniger Fakire, dazu das Geklirr der Waffen, das Rasseln des Elefantenschmuckes, das Geklimper der Ringe um Beine und Arme, in Nasen und Ohren der Tänzerinnen, die laute, mißtönende Musik — fürwahr, es ist ein Getöse, ganz dazu angetan, die durch reichlichen Opiumgenuß erhitzten Gemüter der Stadtbewohner zum Rasen zu bringen! Wie toll und blind rennen mit Flitterkram und Goldpapier geputzte Männer durch die Gassen, in der einen Hand den krummen Säbel, in der andern einen Knüttel, und schreien und gestikulieren und verfluchen alles, was anderen Glaubens ist als diese fanatischen Scharen.

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Fruchthändler und religiöser Bettler.

Bis tief in die Nacht währt das blendende geräuschvolle Treiben, das die Armen ihr Elend und die Kranken ihre Schmerzen vergessen läßt, denn selbst aus den Hospitälern klingt beim Vorbeiziehen der Prozession der heisere Anruf Hassans und Husseins; ja sogar aus dem winzigen Luftloch in einem vermauerten Turm, in dem ein kürzlich eingefangener Verschwörer gegen das Leben des Neisams lebendig begraben wurde, heult der wimmernde Ruf.

Ist der Jubel des Moharremfestes auf den Straßen der Stadt verstummt, dann haben die Sängerinnen im Innern der Häuser noch in später Nacht vollauf zu tun, der Festfreude zu dienen. Dann müssen sie den mohammedanischen, im Harem auf Ruhebetten bequem hingestreckten Frauen, die das Haus nicht verlassen dürfen, unter Begleitung von Trommel und Fiedel die Legenden vortragen, die sich auf das heutige Fest, auf Ali und seine Söhne, auf die blutige Religionsschlacht in der Ebene von Kerbela beziehen; dieselben Lippen, die sonst jauchzend die Freude der Liebe und des Lebensgenusses preisen, stimmen heute mit ein in die preisende Anrufung Hassans und Husseins, der Helden des Festtages.

Am andern Morgen nimmt dann die Stadt wieder ihr alltägliches Gesicht an: der brahminische Hindu öffnet ruhig wieder seine Geschäftsräume, und die [115] nackten, langhaarigen, mit Kuhdüngerasche bestäubten Gestalten brahminischer Bettelmönche und Jogis wagen wieder ebenso dreist wie die moslemitischen Fakire von einem Bazarhändler zum andern zu pilgern, um stillschweigend die Bettlerschalen auszustrecken, in die von mildtätigen Händen bald Früchte, bald Reis oder sonstige Speisen gelegt werden.

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Kamel-Kavallerist.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Musi: vergleiche Musi (Indien)
  2. WS: Neisam/Nizam: vergleiche Nizam
  3. WS: Heidrabad: vergleiche Hyderabad (Staat) und Hyderabad (Indien)
  4. WS: Golkonda: vergleiche Golkonda
  5. WS: Sikandrabad: vergleiche Secunderabad
  6. WS: Mahratten und Morari Rao: vergleiche Maratha (indisches Reich) und Murari Rao Ghorpade (1699-1779, General, en)
  7. WS: Kadi, Buchara, Groß-Mogul: vergleiche Qādī, Buxoro, Mogulreich
  8. WS: Asaf Ja Muzaffur Mumulik, Kahn Bahadur: vergleiche Asaf Jah VII., Khan Bahadur
  9. WS: Moharrem: vergleiche Muharram
  10. WS: Hassan, Hussein, Ali: vergleiche al-Hasan ibn ʿAlī, al-Husain ibn ʿAlī, ʿAlī ibn Abī Tālib
  11. WS: Yazid, Schlacht von Kerbela: vergleiche Yazid I., Schlacht von Kerbela
  12. WS: Lungar-Prozession: Erklärung des Namens durch Boeck auf Folgeseite (vergleiche etwa: Harriet Ronken Lynton: Days Of The Beloved, S. 77f. Digitalisat, en); alternativ auch ein Hinweis auf eine Langar-Speisung (vergleiche auch: Times of India, Langar Parade, en)
  13. WS: Tschadar Ghat: vergleiche Chaderghat (en)
  14. WS: Haudah: vergleiche Howdah
  15. WS: Dekhan: vergleiche Dekkan
  16. WS: Mahaut: vergleiche Mahut
  17. WS: Siddih'': vergleiche Siddi (Volk)
  18. WS: Hussein-Sagar-Teich: vergleiche Hussain Sagar (en)
  19. WS: Mustapha Reiman: konnte nicht identifiziert werden
  20. WS: Tschar Kaman: vergleiche Charminar
  21. WS: Dschuma-Moschee: vergleiche Mekka-Moschee, aber auch Kapitel 12
  22. WS: Kotwal: vergleiche Kotwal (en)