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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1883
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[625]

No. 39.   1883.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt.Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis Bogen. 0 Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.


An unsere Leser und Freunde!

Mit dieser Nummer schließt das dritte Quartal dieses Jahrgangs unserer Zeitschrift.
Wohl fragen heute wieder Hunderttausende unserer Leser in ihrem trauten Familienkreise: „Was wird uns denn die ‚Gartenlaube‘ in dem vierten Quartal für die langen Winterabende bringen?“ Nun, wir sind in der glücklichen Lage, Allen das feste Versprechen geben zu können, daß die „Gartenlaube“ nie als ein langweiliger oder unliebsamer Gast in ihrem Hause erscheinen wird. Wir haben das Programm für das nächste Quartal so reichhaltig gestaltet, daß wir sicher den verschiedenartigsten Anforderungen unseres weiten Leserkreises genügen und in jeder Nummer Jedem etwas Neues und Interessantes bieten werden.

     Es sei uns gestattet, aus der Fülle des uns vorliegenden Materials nur Folgendes hervorzuheben:
     Wir eröffnen das vierte Quartal mit dem spannenden Roman:

„Die Braut in Trauer“ von Ernst Wichert.

in welchem der allgemein beliebte Verfasser ein fesselndes und charaktervolles Bild aus dem gesellschaftlichen Leben der Gegenwart vor unseren Augen entrollt, viele Mängel desselben mit seiner Satire geißelt und die Lichtseiten des schlichten bürgerlichen Hanshaltes in herzgewinnender Weise zur Geltung bringt. – Diesem Roman werden sich

„Glockenstimmen“ von Stefanie Keyser

anschließen. Die talentvolle und durch ihre im vorigen Jahre von uns veröffentlichte Novelle „Der Krieg um die Haube“ so rasch beliebt gewordene Verfasserin schildert in dieser Erzählung das originelle Leben und Treiben des urwüchsigen Kleinbürgerthums einer thüringischen Stadt unmittelbar nach den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges. Der seltene poetische Zauber und lebensfrohe Humor dieser Erzählung sichern ihr die günstigste Aufnahme von Seiten unserer Leser.

Von den zahlreichen belehrenden Artikeln, welche im nächsten Quartal veröffentlicht werden, nennen wir hier nur einige: „Das Thermometer in der Familie. Offener Brief an eine Mutter“ von Dr. L. Fürst. – „Der deutsche Hunenheld“ von Karl Blind. – „Der Leberegel“ von Professor Dr. R. Leuckart. – „Der Ablaßstreit im Jahre 1517“ von Emil Zittel. – „Die Faust-Sage“ von Fr. Helbig. – „Im Kampfe um’s Recht. Ein Zeitbild aus Siebenbürgen“ von O. Teutsch. – „Im Reiche der unsichtbaren Feinde“ von Dr. A. Bernstein. – „Deutsche Jagd- und Waidmannsbilder“ von L. Beckmann. – „Auf dem Aetna“ von F. Avenarius. – „Das deutsche Drama der Gegenwart“ von Rudolf von Gottschall. Ferner: „Gänge mit der Criminalpolizei durch Berlin“, „Der letzte Hohenrhätier“, „Die erste protestantische Kirche“, „Schutz dem Arbeiter!“, „Der deutsche Bergmannstag in Dresden“, „Der französische Hermann“ etc. sämmtlich von namhaften Autoren.

Die meisten dieser Artikel werden durch vorzügliche Illustrationen von den ersten deutschen Künstlern und viele belehrende Abbildungen im reichsten Maße geschmückt und erläutert.

So werden wir an der Hand kundiger Führer hinauswandern in das Reich des Wissens und der Kunst, in die lauten Werkstätten der modernen Industrie und in die stillen Arbeitszimmer der Erfinder, so werden wir unsere Leser vertraut machen mit den Fortschritten der Heilkunde und den gemeinnützigen Wohlfahrtsschöpfungen der Gegenwart, sie geleiten über ferne Länder und Meere und „einführen in die Geschichte des Menschenherzens und der Völker, in die Kämpfe menschlicher Leidenschaften und vergangener Zeiten“. Nach wie vor wird dagegen die „Gartenlaube“ die Kämpfe der wechselnden Tagespolitik nicht in den Schooß der Familie hineintragen und allen confessionellen Streit vermeiden, dabei aber das Banner der Gewissensfreiheit und Duldung hochhalten und im Sinne echter Freiheits- und Vaterlandsliebe aufklärend und anregend wirken.

So möge es uns gelingen, das Vertrauen der Hunderttausende unserer alten treuen Freunde zu rechtfertigen und uns neue Freunde zu gewinnen, denn die „Gartenlaube“ soll das bleiben, wodurch sie zu der verbreitetsten illustrirten Zeitschrift der Welt geworden:

Ein deutsches Volksblatt im besten Sinne des Wortes.
Die Redaction der „Gartenlaube“. 




Ueber Klippen.

Erzählung von Friedrich Friedrich.
(Schluß.)

Die Meisten hielten die Gefahr nun für überwunden, der Gewalt des Wassers schien Einhalt gethan zu sein. Man konnte den im Dorfe durch das Hochwasser angerichteten Schaden übersehen, derselbe war zu überwinden, wenn auch Einzelne hart betroffen waren.

Von der angstvoll durchwachten Nacht suchten die Meisten sich zu erholen.

Plötzlich ertönte der Ruf: „Das Wasser! Das Wasser!“ durch das Dorf hin und schreckte Alle auf.

[626] Mit donnerähnlichem Tosen wälzte die Fluth schäumend und an den Felsblöcken hoch aufspritzend sich in dem Flußbette daher. Die Wassermassen, welche oberhalb im Thale sich gestaut, waren durchgebrochen und stürzten nun mit furchtbarer Gewalt abwärts.

Noch begriffen die Wenigsten die Gefahr, in der sie schwebten. Vor der über den Fluß führenden Brücke sperrten angeschwemmte Bäume und Stämme die Strömung. Mit lautem Krachen brach die Brücke zusammen, aber der gewaltigen Masse des Wassers war dadurch wenig Luft gemacht, es durchbrach den Uferdamm und stürzte nun, Steine und Holzmassen mit sich führend, die Dorfstraße hinab.

Ein lauter Angstschrei ertönte von Hunderten. Die zwischen dem Fluß und der Dorfstraße gelegenen Häuser schienen unrettbar verloren zu sein. Die Männer zerrten die Kühe aus den Ställen und brachten sie nur mit größter Mühe über die überfluthete Straße, die einem wilden Strome glich. Die Frauen suchten die Kinder zu retten mit Gefahr ihres eigenen Lebens. In dem maßlosen Gewirr dachte Jeder nur an sich und an die Rettung der Seinigen.

Die Sägemühle war am schwersten bedroht. Schon stürzte das Wasser durch dieselbe hin. Der Müller und die Seinigen hatten sich gerettet, auch der Oberburgsteiner hatte sich durch das Wasser Bahn gebrochen und war am Abhange niedergesunken.

In dem verzweiflungsvollen Geschrei der Frauen, welche um ihr Hab und Gut klagten, in dem Geheul der geängstigten Kinder fragte Niemand, ob Alle gerettet seien, hatten doch selbst beherzte Männer den Kopf verloren.

Da ertönte aus der Sägemühle ein banger Schrei. Die Moidl erschien am Fenster und rief nach Hülfe. Der Weg durch die Thür war durch die Fluth versperrt, das ganze Thal erschien wie eine wilde, schäumende Wassermenge.

„Sie ist verloren – die kann Niemand mehr retten!“ riefen die Leute erschreckt.

Da kam Hansel. Das Unglück im Thale hatte ihn von seinem Gehöft getrieben. Noch wußte er nicht, worum es sich handelte.

„Sie ist verloren,“ riefen ihm Mehrere zu.

„Wer? Wer?“ fragte er.

Da hatte die Unglückliche ihn erblickt und ihr Hülferuf: „Hansel, Hansel, rette mich!“ übertönte das wilde Brausen des Wassers.

Der Schreck schien Hansel’s Kraft zu lähmen, aber nur für einen flüchtigen Augenblick.

Sein Auge schweifte Hülfe suchend umher.

„Ein Seil – ein Seil!“ rief er dann laut.

„Du kannst sie nicht mehr retten – Du bist selbst verloren!“ riefen seine Freunde und suchten ihn zurückzuhalten von dem tollkühnen Vorhaben.

„Dann bin ich verloren! Ein Seil!“ entgegnete er.

Das Seil wurde gebracht. Mit bebender Hand schürzte er sich dasselbe um den Leib.

„Haltet – haltet!“ rief er den Männern zu und stürzte sich in die wilde Fluth.

Mehr denn zwanzig kräftige Hände hatten das Seil erfaßt. Mehr denn einmal stürzte der Kühne nieder und das Wasser rauschte über ihn hin.

„Er ist verloren!“ schrieen die Frauen, aber an dem Seil wurde er gehalten und er raffte sich jedesmal wieder auf. Selbst die beherztesten Männer bangten um ihn.

Hansel rang sich bis zur Sägemühle glücklich durch. An dem Fenster, an welchem Moidl stand, klammerte er sich an, um seine erschöpften Kräfte zu sammeln. Dann löste er das Seil von seinem Leibe und schlang es fest um einen Pfosten.

„Moidl – Moidl, nun komm!“ rief er und hob die Zitternde aus dem Fenster.

„Umklammere mich fest, fest, so, daß ich die Arme frei behalte! Um Gotteswillen, Moidl, halt fest!“

„Ich halte mich,“ entgegnete das Mädchen, mit beiden Armen seinen Hals umschlingend.

Dann suchte er, mit beiden Händen an dem Seile sich haltend, mit ihr durch den reißenden Strom zu gelangen. Und die Männer am Ufer hielten fest.

Kein Ruf ertönte. Die Angst um zwei Menschenleben hielt jeden Laut in der Brust zurück. Nur einige Mal schrieen einige Frauen auf, als mächtige Baumstämme gerade auf Hansel zutrieben. Sie mußten ihn vernichten. Aber ob sie ihn auch trafen und ihm die Glieder zerstießen, seine Hände hielten fest, langsam – langsam arbeitete er sich weiter.

Als er die Strömung überwunden hatte, schienen die Kräfte ihn zu verlassen, er wankte, aber jetzt waren sie gerettet. Mehrere Männer stürzten sich in das Wasser und trugen Hansel und Moidl bewußtlos an’s sichere Ufer.

Ein Schrei der Freude tönte aus mehr denn hundert Kehlen. Die Angst, die sie Alle ausgestanden, löste sich. Alle wollten den Geretteten beistehen.

Man rieb Beiden Stirn und Schläfen, man flößte ihnen Branntwein ein, und sie kamen langsam zu sich. Hansel’s Brust dehnte sich und rang nach Athem, als wenn ein schwerer, schwerer Stein von ihm genommen wäre.

„Das macht ihm Keiner nach!“ riefen Mehrere.

Der Oberburgsteiner allein schien von dem ganzen Vorgange nichts bemerkt zu haben. Er saß auf einem Steine und starrte vor sich hin.

„Der Hansel hat Deine Tochter mit Gefahr seines eigenen Lebens gerettet!“ rief ihm ein Bauer zu.

„Wer – wer?“ rief der Oberburgsteiner wie aus einem Traume auffahrend.

„Der Hansel!“

Die große Gestalt des Bauern zuckte zusammen, als er den ihn verhaßten Namen nennen hörte.

„Wo – wo ist er?“ rief er mit wildem Blicke.

Kaum zehn Schritte von ihm entfernt kniete Hansel neben der Geliebten, die sich schwerer als er erholte.

Hastig schritt der Oberburgsteiner auf ihn zu. Mit fester Hand erfaßte er ihn an der Schulter und riß ihn zurück.

„Das ist meine Tochter!“ rief er heftig.

„Oberburgsteiner, Du gehst zu weit! Er hat ihr das Leben gerettet!“ riefen mehrere Männer unwillig.

Die große Gestalt des Bauern richtete sich fest empor. Sein Auge leuchtete, um seinen Mund zuckte es.

„Wer will mir vorschreiben, was ich zu thun habe?“ rief er mit drohender Stimme. „Und wenn er sie hundertmal gerettet, so –“

Ein lautes, donnerähnliches Geräusch über ihm unterbrach ihn.

„Der Oberburgstein!“ riefen Hunderte zugleich erschreckt.

Das Gehöft, welches dort oben so manches Jahr in’s Thal hinabgeleuchtet, der ganze Berg schien herabzustürzen. Es wälzte sich krachend nieder, bis die gewaltigen Massen im Thale aufschlugen. Wie lauter, grollender Donner hallte es an den Bergwänden wieder.

Bestürzt blickten Alle einander an. Der Oberburgsteiner hielt noch immer den starren Blick nach oben gerichtet. Er sah sein Gehöft nicht mehr – da brach er mit lautem, unheimlich klingendem Lachen bewußtlos zusammen.




Es war am Tage nach diesem bangen Ereignisse.

Der Regen hatte aufgehört. Wohl war der Himmel noch mit grauen Wolken bedeckt, aber diese gingen hoch. Die Gefahr des Hochwassers war vorüber, der Fluß, der die Dorfstraße sich zu seinem Bette gewählt hatte, war bedeutend gefallen, die Straße war an verschiedenen Stellen mit Balken und Brettern überbrückt.

Wohin das Auge blickte, sah es nur Schutt und Steine. Die meisten Häuser waren bis zur Höhe der Hausthüren damit umgeben und erfüllt. Von der Sägemühle war nur noch der Rest einer Giebelwand, die aus dem Schutte hervorragte, zu sehen.

Jammer und Elend herrschten im ganzen Dorfe, die Felder waren verwüstet, Viele hatten Alles verloren, und nur eine Beruhigung war ihnen geblieben, daß kein Menschenleben vernichtet war.

Hansel, von dessen kühner That trotz des eigenen Elendes Alle sprachen, war von mehreren Freunden zu dem Gehöft seines Vaters geführt und fast getragen, weil die Kräfte ihm den Dienst versagten. Er lag mit zerschundenen Gliedern im Bette, er war nicht im Stande, sich ohne die heftigsten Schmerzen zu rühren, aber seine Augen leuchteten dennoch, denn er hatte die Geliebte gerettet.

[627] Der Oberburgsteiner war in das Haus des Bezirksrichters gebracht und lag noch immer regungslos und mit geschlossenen Augen da. Seine Lippen waren fest auf einander gepreßt, seine Brust athmete schwer.

Der Arzt, der zu dem Kranken gerufen war, hatte constatirt, daß denselben ein Schlaganfall getroffen, und zu dem Richter hatte er offen gesprochen, daß er wenig Hoffnung auf eine Genesung des Oberburgsteiners habe.

„Ich vermuthe, es wird schnell mit ihm zu Ende gehen,“ hatte er hinzugefügt. „Und es ist vielleicht das Beste für ihn, denn den Verlust seines Gehöftes würde er doch nicht überwinden.“

Moidl war bei ihrem Vater und wich nicht von dessen Lager. Schrecken und Angst hatten sie zwar sehr mitgenommen, es lebte in ihr Alles noch wie ein wüster, entsetzlicher Traum, aber sie raffte sich gewaltsam zusammen, um dem Kranken beizustehen.

Nicht ohne Sorge dachte sie an den Geliebten, der, ohne sich zu besinnen, sein Leben für sie gewagt hatte. Ihre Rettung durch ihn erschien ihr wie ein Wunder, und wie sie geschehen war, konnte sie sich kaum noch entsinnen. In ihren Ohren klang nur noch das wilde Brausen des Wassers und der laut keuchende Athem Hansel’s, der in der Verzweiflung Uebermenschliches geleistet hatte.

Sie wagte nicht, nach Hansel zu fragen. Aber der Bezirksrichter errieth, was in ihr vorging, und ohne ihr Wissen stieg er hinauf zu dem Gehöft des Haidacher’s.

Als er zurückkehrte, war sein Gesicht heiter und er ließ Moidl in sein Zimmer rufen.

„Ich soll Dich von dem Hansel grüßen,“ sprach er zu der Eintretenden.

Des Mädchens bleiches Gesicht übergoß plötzlich eine dunkle Röthe.

„Sie sind bei ihm gewesen?“

„Ja.“

„Und wie geht es ihm?“

„Gut, Moidl! Er muß zwar noch still liegen, weil er arg zerschunden ist, aber es hat nicht die geringste Gefahr, und er schaut so lustig drein, als ob das ganze Dorf ihm gehöre. Und die Besitzung des Haidachers ist ohne Schaden davon gekommen. Das Wenige, was das Wasser angerichtet hat, läßt sich in acht Tagen wieder herstellen.“

Mit angehaltenem Athem hatte Moidl dem Richter zugehört, seine lustigen Augen sagten ihr deutlich, daß er die Wahrheit sprach.

Der Schrecken, den sie durchlebt, und das Unglück, welches ihren Vater betroffen hatte, waren noch nicht im Stande gewesen, ihre Thränen hervorzurufen. Es war ihr, als ob in ihrer Brust Alles erstarrt wäre. Jetzt weinte sie vor Freude und die Thränen schienen zu lösen, was sie so beängstigend bedrückt hatte.

Der Oberburgsteiner starb nach wenigen Tagen, ohne daß er noch einmal zum Bewußtsein zurückgekehrt war.

Es war ein neuer, schwerer Schlag für Moidl, aber sie fand in dem Bezirksrichter einen väterlichen Beistand.

„Du mußt es ertragen,“ sprach er in seiner ruhigen Weise zu ihr. „Dein Schmerz wird sich mildern, wenn Du daran denkst, was Deinem Vater vorbehalten gewesen, wenn er wieder genesen wäre. Den Verlust seines Gehöftes, auf das er stolz war, würde er nicht überwunden haben. Daß er denselben verschuldet hat, kann sich Niemand verhehlen. Der Bergsturz würde nimmer erfolgt sein, wenn er den Wald unterhalb seines Gehöftes nicht gefällt und in Acker verwandelt hätte. Die Bäume, deren Wurzeln fest in den Felsen eingedrungen waren, hielten die Erdschicht und gewährten dem Gehöft den sichersten Schutz. Er hörte nicht, als Andere ihn warnten und darauf aufmerksam machten, er folgte nur seinem eigenen eigensinnigen Kopfe, er lachte über die Warner, als der Acker reiche Ernten trug, mit Stolz blickte er auf sie herab, und wie schwer hat dieser Stolz sich gerächt! Ich habe kein Recht, ihm einen Vorwurf zu machen, und auch Du wirst es nicht thun, denn er hat nach seiner Ueberzeugung gehandelt, und es lag vielleicht in der Abgeschiedenheit seines Gehöftes, in der er aufgewachsen war, daß er nur seinem eigenen Kopfe traute. Aber wenn er am Leben geblieben wäre, so würde er selbst diesen Vorwurf sich gemacht und viel trübe Stunden sich bereitet haben. Es ist so am besten für ihn – und auch für Dich!“

Das Alles war zwar nicht im Stande, den Schmerz des armen Mädchens zu verwischen, aber es milderte ihn doch. Und Eines hatte vor Allem beruhigend auf sie gewirkt, der Richter hatte zu ihr gesagt:

„Du bleibst in meinem Hause. Ich werde Deine Angelegenheiten in die Hand nehmen und mit aller Gewissenhaftigkeit ordnen.“

Der Oberburgsteiner wurde mit allen ihm zukommenden Ehren begraben. Hatte er auch im Leben durch seinen harten Kopf Manchen zurückgestoßen, so hatte doch das ihn betroffene Unglück ihm die Theilnahme Aller verschafft, und alle Bauern des Thales gaben ihm das letzte Geleit.

Hansel fehlte in der Zahl derjenigen, welche dem Sarge folgten, denn er lag noch immer darnieder. Aber wenige Tage später, als die Herbstsonne wieder in all ihrer Freundlichkeit über den Bergen leuchtete, konnte er die Sehnsucht nicht länger beherrschen. Vergebens suchte seine Mutter ihn zurückzuhalten, auf einen Stock gestützt, stieg er langsam in’s Thal. Der Weg wurde ihm schwer, die Füße schmerzten, was that es! In ihm jubelte es laut.

Selbst als er den Blick nach der Stelle richtete, wo der Oberburgstein gestanden und ihm nur das graue Gestein des Berges entgegenstarrte, wurde seine lustige Stimmung nicht getrübt. Er hatte Moidl ja nie des Besitzes wegen geliebt, er hatte auch nie daran gedacht, daß der Oberburgstein sein Eigenthum werde, sondern er hatte sich stets nur ausgemalt, wie er das Gehöft seines Vaters freundlicher gestalten wolle, wenn er die Geliebte einst heimführe, und dieser Gedanke hatte seit dem Tode des Oberburgsteiners eine immer festere Gestalt für ihn gewonnen.

Jetzt konnte er schon die Monde zählen, bis sie die Seinige wurde, und er hatte sich in den letzten Tagen Vieles im Geiste zurecht gelegt, wie es werden solle. Der letzte Sommer hatte ihn schon tüchtig weiter gebracht, und seine Lust zur Arbeit war noch gewachsen.

Als er in das Dorf gelangte und die Verwüstung sah, welche das Wasser angerichtet hatte, als er die Stelle erblickte, wo er Moidl durch das wilde Wasser getragen, da zuckte er doch leicht zusammen, denn er begriff jetzt selbst nicht, woher er die Kraft genommen. Der Weg, den er mit der Geliebten durch das Wasser zurückgelegt, war nicht lang, er hatte vielleicht nur wenige Minuten dazu nöthig gehabt, aber es war ihm, als ob er eine Stunde gebraucht habe, denn die Angst hatte die Secunden zu Minuten ausgedehnt.

Hunderte von Händen waren beschäftigt, den Schutt fortzuräumen, und wo er vorüber kam, eilten Männer und Frauen auf ihn zu, um ihm die Hand zu schütteln.

„Das macht Dir Keiner nach, Hansel!“ rief ihm der Sägemüller zu.

„Geb’ Gott, daß es auch Keiner wieder nöthig hat,“ gab er zur Antwort.

Er eilte zur Geliebten. Zum ersten Male durfte er sie offen besuchen. Und als die Moidl ihn kommen sah, da eilte sie ihm entgegen und warf sich an seine Brust. Sie konnte es ja jetzt allen Leuten zeigen, daß ihr Herz ihm gehörte.

Sie hatten einander viel mitzutheilen, und der Richter ließ sie geraume Zeit allein. Dann trat er zu ihnen.

„Hansel, nun hab’ ich auch noch mit Dir zu reden,“ sprach er. Ich bin Moidl’s Vormund, und ein Jahr mußt Du sie mir schon noch lassen, ehe Du sie zu Dir hinaufholst. Ich habe aber schon Verschiedenes mit ihr besprochen, womit auch Du wohl einverstanden bist. Die Kühe ihres Vaters stehen noch auf dem Unterburgsteine; wähl’ Dir soviel aus, wie Du gut durch den Winter bringen kannst, die übrigen werde ich verkaufen. Ich weiß aus dem Hypothekenbuche, wie viel Geld ihr Vater auf anderen Grundstücken stehen hat, das ist ihr Eigenthum. Ich werde es kündigen und auf die Besitzung Deines Vaters schreiben lassen. Dann kannst Du alle Schulden Deines Vaters abtragen und wirst Luft bekommen. Die Felder und Wiesen des Oberburgsteins sind verloren, und ich glaube nicht, daß sie je wieder herzustellen sind, aber in dem Walde steckt noch ein großer Werth. Ich kann mich nicht darum kümmern, was dort oben geschieht, die Moidl ist deshalb damit einverstanden, daß Du ihn übernimmst und bestimmst, wie viel dort geschlagen werden soll. Meine Meinung geht dahin, daß Du Alles daran wendest, das [628] Gehöft Deines Vaters in besten Zustand zu bringen, und daß Du Deinem eigenen ausgenutzten Walde zum Nachwuchse Zeit läßt. Dann kann Dein Besitzthum es mit vielen anderen aufnehmen, groß genug ist es, es hat ihm nur seit langen Jahren eine feste Hand gefehlt. Dein Vater war stets kränklich, er ist auch von manchem Unfalle heimgesucht, das hat ihn herabgebracht. Ich hoff’ indessen, mit der Moidl wird dort oben ein neues Glück einziehen. Ich gönn’ es Euch und Andere auch.“

Hansel hatte mit freudig glühenden Wangen zugehört. Gern ging er auf die ihm gemachten Vorschläge ein.

„An mir soll’s nicht fehlen, Herr Richter!“ rief er. „Lust zur Arbeit hab’ ich und Kraft auch. Wenn mich kein Unfall trifft, dann soll die Moidl nach Jahren sich jeder Bäuerin im ganzen Thale dreist zur Seite stellen können!“

„Ich halt’ Dich beim Wort,“ entgegnete der Richter und streckte ihm die Hand entgegen.




Mehrere Jahre sind seitdem vergangen.

In dem Dorfe sind von den Verwüstungen, welche das Hochwasser augerichtet, kaum noch einige Spuren zu erkennen. Das Bett des Flusses ist verbreitert und fest. Steindämme engen das Wasser ein, wenn es im Frühjahr oder Herbst hoch anschwillt. Die Sägemühle ist neu erstanden und größer und stattlicher als zuvor. Die Aecker sind von Sand und Steinen gereinigt und tragen neue Ernten.

Viel Arbeit hat das Alles gekostet, aber die Bewohner sind an Arbeit gewöhnt und blicken nicht ohne Stolz auf das Wiedererrungene.

Moidl ist schon seit Jahren Hansel’s Frau. Wer das Gehöft des Haidacher’s seit Jahren nicht betreten hat, wird Manches kaum wieder erkennen. Da zeugt Alles von Ordnung und Wohlstand.

Die Leute sagen wohl, der Hansel habe viel Glück und auf seiner Hand ruhe ein besonderer Segen. Ja, an Glück fehlt es ihm nicht an der Seite seiner jungen Frau, aber der Segen, der auf seiner Hand ruht, das ist der Segen eines unermüdlichen Fleißes und eines klugen Kopfes, der Alles am rechten Ende anfaßt.

Hansel selbst scheint größer und stattlicher geworden zu sein, und doch ist er nicht um die Breite eines Strohhalmes gewachsen. Das Glück, welches aus seinen Augen leuchtet, läßt ihn größer erscheinen. Es geht ihm gut, es stehen ihm zwei Knechte zur Seite, aber er selbst ist stets der erste und letzte bei der Arbeit.

„Du könntest Dir etwas mehr Ruhe gönnen, es geht Dir ja gut,“ spricht der Richter, der ihn oft besucht, häufig zu ihm, und er drückt damit zugleich die Ansicht der jungen Frau aus, aber lustig entgegnet ihm Hansel jedesmal:

„Noch nicht, Herr Richter! Was ich Ihnen und der Moidl einst gelobt hab’, ist noch nicht erreicht, und ich wüßt’ auch nicht, weshalb ich nicht arbeiten sollt’, es macht mir Freude und bekommt mir gut. Es fährt noch mancher Gedanke durch meinen Kopf, und was ich mir gesetzt habe, muß ich erreichen.“

„Du willst mit Gewalt es zum reichen Manne bringen,“ wirft der Richter wohl scherzend ein.

„Das ist es nicht, Herr Richter, denn ich hab’ für mich ja mehr, als ich brauche,“ giebt Hansel zur Antwort. „Es ist etwas Anderes, was mich treibt, und Sie selbst haben es veranlaßt. Als Sie mich dort unten so lange in Haft hielten, da hab’ ich Tag und Nacht gesonnen, was ich nach meiner Entlassung thun könne, um die Besitzung meines Vaters emporzubringen und dann ruhig vor Moidl’s Vater hintreten und ihre Hand verlangen zu können. Da hab’ ich ausgesonnen, wie viel sich hier noch thun ließe, und hundertmal hab’ ich da jeden einzelnen Punkt erwogen und hin- und hergewendet. Ich will hier noch Manches ändern. Wohl hätt’ ich es jetzt nicht mehr nöthig, aber was ich dort unten mir ausgedacht habe, ist mir an’s Herz gewachsen, deshalb führ’ ich es aus.“

Der Blick auf die graue Stätte, an der einst das väterliche Haus gestanden, hatte anfangs in Moidl manche schmerzliche Erinnerung wachgerufen. Aber Eins war unberührt geblieben, die kleine Capelle, in der sie so oft gebetet. Hell und weiß schimmerte dieselbe zwischen den Bäumen hervor und jeden Morgen, wenn die Sonnenstrahlen darauf fallen, ist es Moidl, als ob ihr ein Gruß von drüben gesandt werde.

Und auch die Stätte, an der das Gehöft des Oberburgsteiners gestanden, wo seine Wiesen und Felder gewesen waren, hat den düsteren, grauen Schein verloren. Gräser sprossen zwischen dem Steingeröll empor, die Walderdbeere breitet ihre grünen Blätter weiter und weiter auf. Wind und Regen haben den Samen der Lärchen über die öde, steil abfallende Fläche getrieben, und wo sich eine Felsenritze findet, keimt der Samen und die jungen, zierlichen Sämlinge schießen schnell auf. Schon erscheint das Steingeröll aus der Ferne wie mit einem grünen Schimmer überzogen zu sein.

„Moidl,“ spricht der Hansel öfter, wenn er drüben nach den Holzknechten gesehen hat und zurückkehrt, „wo das Gehöft Deines Vaters gestanden hat, dort wächst ein neuer Wald auf und wenn uns der Himmel gnädig gesinnt ist, dann erleben wir Beide es noch, daß ich dort Bäume fällen lassen kann.“




Germania am Rhein.

Zur Einweihung des National-Denkmals auf dem Niederwald.

„Hurrah, du stolzes, schönes Weib,
Hurrah, Germania!
Wie kühn mit vorgebeugtem Leib
Am Rheine stehst du da!

5
Im vollen Brand der Juligluth,

Wie ziehst du risch dein Schwert!
Wie trittst du zornig frohgemuth
Zum Schutz vor deinen Herd!“

Das war ein deutscher Sängermund,

10
Der also sang und sprach!

Zur Kriegesstund’ und Siegesstund’
Klang’s in den Herzen nach.
Wie Blitz, der aus der Wolke fährt,
Schlug’s in die Seelen ein –

15
Da stand mit blankgezücktem Schwert

Germania am Rhein!

Mit scharfer Waffe in der Faust,
So ging’s hinaus in’s Feld,
Und, wie die Klinge niedersaust’,

20
Erbebt’ die halbe Welt!

Nicht ward in mancher Völkerschlacht
Geführt ein solcher Streich –
Da wurde freie Bahn gemacht
Für’s deutsche Kaiserreich!

25
Nun schaut ein Erzbild, riesenhaft,

Vom Rheinstrom in die Welt.
Als stolzes Sinnbild deutscher Kraft
Ist dort es aufgestellt.
Es schwingt kein Schwert mit ernstem Droh’n

30
Und nicht die Kriegesfahn’ –

Die Rechte reckt die Kaiserkron’,
Die deutsche, himmelan.

Friedfertig wendet’s das Gesicht
Zum Friedensengel hin. –

35
In blut’gen Schlachten suchen nicht

Wir Segen und Gewinn!
Nicht späht das Aug’ nach Beute aus,
Von Ruhmbegier umstrickt;
Wir freu’n uns, wenn ob uns’rem Haus

40
Die fromme Palme nickt!


Doch, wenn ein Feind den Krieg begehrt
Im frechen Uebermuth,
Noch scharfgeschliffen ist das Schwert,
Das in der Scheide ruht,

45
Und kriegsgeübt ist noch die Hand

Zu wucht’gem Hieb und Stoß! –
Für unser deutsches Vaterland
Kein Opfer ist zu groß!

Hoch schaut herab vom Felsgestein

50
Das Erzbild, spiegelblank.

Heut’ weih’n wir’s ein am deutschen Rhein!
Hab’, Herr im Himmel, Dank!
Was auch die Zeiten bringen, bleib’
In Gnaden Du uns nah’! – –

55
Hurrah, du stolzes, schönes Weib!

Hurrah, Germania!

28. September 1883. Emil Rittershaus. 



[629] 

Magda Irschick als Medea.
Originalzeichnung von Adolf Neumann.

[630]

Magda Irschick.

Von Rudolf von Gottschall.

Immer mehr verflacht sich das Niveau unserer Bühne; selbst die Anstandsrücksichten, welche die ersten Theater bisher dem höheren Drama gegenüber beobachteten, treten zurück gegen die Dictatur des höchsten Potentaten, der jetzt in Theatersachen gebietet, des Cassenrapports. Der Cassenrapport ist das A und O, der Anfang und das Ende; wenn er spricht, müssen alle Dramaturgen schweigen, ja ein ganzes Collegium von Preisrichtern vermag nicht gegen ihn aufzukommen und die von ihm preisgekrönten Stücke nicht auf die Bühne zu bringen, wenn er sein Veto einlegt.

Natürlich steht besonders die Tragödie mit dem Cassenrapport auf gespanntem Fuße. Es hängt damit zusammen, daß die Zahl begabter Tragödinnen immer mehr im Abnehmen ist. Die anmuthigen Lustspieltalente, die Ingénues jeder Art, wachsen stets von Neuem aus der Erde; das ist ein Gedränge von artigen, allerliebsten, niedlichen Persönchen, welche durch ihre Liebenswürdigkeit die Kritik entwaffnen, sobald sie sich auf den Brettern zeigen; auch an sentimentalen Liebhaberinnen fehlt es nicht, welche über den Augenaufschlag einer Thekla und Ophelia mit der nöthigen Schwärmerei verfügen; aber die eigentlichen Tragödinnen, die Heldinnen, die jenem Schicksal gewachsen sind, „welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt“, sind nahezu auf den Aussterbe-Etat gesetzt. „Ein Königreich für eine Heroine“, rufen selbst die königlichen Hoftheater aus, wenn sie überhaupt noch den Ehrgeiz besitzen, das erhabene Genre der Dichtkunst zu pflegen.

Eine Künstlerin vom echten Holz, aus dem man die Tragödinnen schnitzt, ist Magda Irschick; sie hat den Zug für das Schwunghafte und Große und in ihrem ganzen Wesen den Wiederhall, den das Macht- und Wuchtvolle des Trauerspiels von seinen Trägerinnen verlangt.

Magda Irschick ist an der blauen Donau geboren, im Jahre 1853 in Wien, als die Tochter eines geachteten Kunsttischlers. In schlichten bürgerlichen Kreisen aufgewachsen, empfing sie jene Anregungen, die für ihr künftiges Lebensgeschick so bedeutsam werden sollten, von dem Wiener Burgtheater, wo die Schauspielkunst stets in Blüthe gestanden hatte und in jener Zeit, in der Glanzepoche der Laube’sche Direction, recht frisch und fröhlich gedieh. Auf das junge Mädchen machte besonders Julie Rettich einen großen Eindruck. Die Freundin Friedrich Halm’s, eine liebenswürdige und kluge Frau, gehörte als Künstlerin nicht zur eigentlichen Laube’schen Schule, welche den poetischen Ausdruck auf der Bühne, im Interesse lebenswahrer Menschendarstellung, möglichst herabzustimmen und die Tragödie vom Standpunkte der Komödie und des bürgerlichen Schauspiels aus zu reformiren suchte. Julie Rettich war daher auch dem Altmeister der Wiener Burg nicht sehr genehm. Da er indeß mit dem Rufe einer so bedeutenden Künstlerin zu rechnen hatte, so gab er in seiner Schrift über das Wiener Burgtheater ein kleines Meisterstück dramaturgischer Sophistik, indem er zwar den Geist der Frau Rettich mit vieler Wärme anerkannte, aber doch meinte, daß dieser Geist ihrem eigentlichen Darstellungstalent im Wege gestanden habe. Jedenfalls war Frau Rettich eine Meisterin in einem schwunghaften und verständnißvollen Vortrag, und gerade diese Anregungen sollten für die junge Magda nicht verloren gehen. Ihre Begeisterung für die Bühne stieß im elterlichen Hause auf Widerspruch; Laube’s Autorität, der sie geprüft und in ihr ein schönes Talent entdeckt hatte, entschied indeß zu Gunsten ihrer Wünsche; denn auf die Entscheidung des dramaturgischen Altmeisters, die freilich sich nicht immer bewährt hatte, legten die Eltern Magda’s großes Gewicht.

Diese erhielt also die Erlaubniß, die künstlerische Laufbahn einzuschlagen. Laube wollte sie anfangs für kleine Rollen an der Burg behalten; doch sie sehnte sich von Hause aus nach einem größeren Wirkungskreise und nahm ein Engagement bei Maurice in Hamburg an, wo sie freilich mehr der heiteren Thalia huldigen mußte. Bogumil Dawison sah sie dort und überredete sie, mit ihm nach Amerika zu gehen: er brauchte für seinen Gastrollencyclus eine Partnerin, welche die ersten weiblichen Rollen spielte. Seine Wahl hatte den glücklichsten Erfolg: Magda Irschick gefiel den Amerikanern ungemein; das Zusammenspiel der Beiden war ein glückliches, denn ihr Naturell hatte eine unleugbare Verwandtschaft. Zwar das Declamatorische, das bei Magda glänzend in den Vordergrund trat, lag Dawison ferner; sein Organ hatte nicht die Fülle, sein Vortrag nicht die Breite, um es zu bewältigen; aber beiden gemeinsam war dasjenige, was man „Rasse“ nennen möchte, das eingeborene Feuer, welches die Stellen und Scenen des Affectes und der Leidenschaft, die Höhenpunkte der Tragödie mit hinreißender, blitzartiger Gewalt aufflammen ließ. Dawison erkannte auch das Talent seiner Begleiterin, die in New-York und im Westen Amerikas täglich mit ihm zusammenspielte und seine pecuniären Erfolge mit herbeiführen half, ohne jede künstlerische Eifersucht an. Bis an sein Lebensende correspondirte er mit ihr und ein silberner Lorbeerkranz, den er ihr als Zeichen seiner Verehrung widmete, schmückt noch heute ihr Zimmer.

Nach Dawison kam ein Schauspieler von durchaus verschiedenem Gepräge nach New-York: der preußische Hofschauspieler Hermann Hendrichs, ein Künstler, der durch die schöne Männlichkeit seines Wesens und das harmonische Gleichmaß seiner Darstellung stets einen wohltuenden Eindruck gemacht hat. Auch mit ihm spielte sie die weiblichen Hauptrollen in den Stücken, in denen er auftrat, und verließ mit ihm Amerika zum großen Leidwesen des New-Yorker Theaterpublicums, das ihr später bewies, daß es ihre künstlerischen Leistungen nicht vergessen hatte.

Nach Europa zurückgekehrt, trat sie in Berlin, Königsberg und Köln auf. In dieser Stadt nahm sie ein festes Engagement an und bildete sich ein größeres Repertoire, Publicum und Kritik zeigten ihr warmes Wohlwollen. Inzwischen hatte Clara Ziegler die Münchener Hofbühne verlassen, und der Regisseur derselben, Richter, durchreiste Deutschland, um einen Ersatz für sie zu finden. Er sah Magda Irschick in Köln als Maria Stuart und engagirte sie sofort für das Münchener Hoftheater an Stelle von Clara Ziegler. Als Brunhilde in der Geibel’schen Dichtung hatte sie einen durchschlagenden Erfolg. Sie trat dann unter anderem als Iphigenie, Medea, Jungfrau von Orleans, Thusnelda im „Fechter von Ravenna“, als Margaretha in den Shakespeare’schen Königsdramen auf und machte besonders mit der letzten meisterhaft durchgeführten Rolle auf das Münchener Publicum den größten Eindruck. In einer jener Separatvorstellungen, in welcher König Ludwig sich, ungestört von der mitgenießenden Menge, den Eindrücken künstlerischer Vorführungen hingiebt, sah er Magda und zeigte sich alsbald als begeisterter Mäcen der Künstlerin, welcher er zahlreiche Gnadenbezeigungen zu Theil werden ließ. Nicht die geringste darunter war ein zehnjähriger Contract am Münchener Hoftheater.

Sie hatte als Nachfolgerin der Clara Ziegler, als Liebling des Münchener Publicums jetzt einen Höhepunkt in ihrer künstlerischen Laufbahn erreicht. Als Mitglied eines gutgeleiteten Theaters ersten Ranges, als prima inter pares in einem vortrefflichen Ensemble, konnte sie ihr Repertoire erweitern durch Aufnahme der neuen Aufgaben, welche die von der Münchener Intendanz stets beachteten Werke der zeitgenössischen Dichter ihr stellten. In solcher Stellung ist eine gediegene und gleichmäßige Entfaltung des Talentes nach allen Seiten hin ermöglicht.

Doch es sollte anders kommen: der Friedensstörer war jener kleine Gott, den von Anakreon bis zu Ovid und Properz die alten Dichter besungen haben, dessen Geschosse indeß nicht blos die Herzen treffen, sondern auch in den Lebensverhältnissen manche Verwirrung anrichten. Magda reichte dem Neffen des Münchener Intendanten, dem Baron Perfall, ihre Hand – und Familienverhältnisse zwangen sie, den Contract mit der Hofbühne, zum großen Bedauern des dortigen Publicums, zu lösen.

Jetzt begannen ihre Schauspieltournées zuerst in Deutschland, wo sie in fast allen größeren Städten in ihren Hauptrollen auftrat, dann in Amerika, wohin sie sich im Jahre 1879 mit ihrem Gatten begab. Sie war die erste deutsche Künstlerin von Bedeutung, welche über das Felsengebirge bis an den Stillen Ocean vordrang und in San Francisco Triumphe feierte, wie neuerdings Franziska Ellmenreich. Ueber Mexico kehrte sie dann nach New-York zurück, spielte bei der Eröffnung des neuen deutschen Thaliatheaters die Medea unter großem Jubel und trat dann sechszigmal [631] bei fast immer ausverkauften Hause auf, gefeiert von der deutschen und amerikanischen Presse als eine Küntstlerin ersten Ranges. Mit Dollars reich beladen kehrte sie auf ihren Landsitz in Baiern zurück.

Im Jahre 1881 trat sie in Berlin auf und erzielte dort als Brunhilde in Geibel’s Tragödie großen Erfolg; daran schloß sich ein Gastspiel in Rußland. Das Jahr darauf nahm sie ein Engagement unter der Staegemann’schen Direction in Leipzig an, wo sie zuerst als Medea mit vielem Beifall auftrat. Doch Frau Magda Irschick, gewöhnt an die Freiheit des Gastspielwesens in zwei Welttheilen, fühlte sich durch die Bedingungen eines festen Engagements eingeengt, und da ein Unwohlsein von längerer Dauer hinzukam, so wurde der Contract auf ihren dringenden Wunsch wieder gelöst. Seitdem lebt sie auf ihrer Besitzung an dem schönen Schliersee in Baiern, doch lange wird ihre Wanderlust wohl nicht ruhen; wie wir hören, soll sie bereits wieder für Amerika einen Contract abgeschlossen haben, der sie zum dritten Male in der nächsten Saison über das Meer führt. Vor ihrem Scheiden beabsichtigt die Künstlerin noch auf einigen hervorragenden Bühnen Deutschlands aufzutreten.

Magda Irschick ist eine Darstellerin großen Stils, sie steht und fällt mit der Tragödie. Schon ihr schönes volltönendes Organ befähigt sie wie Wenige, der Sprache der Dichter gerecht zu werden. Es herrscht freilich jetzt, unter den Einflüssen der Laube’schen Schule, die Neigung, das Recht jener schönen Sprache auf der Bühne möglichst zu verkümmern, und je mehr man die Verse im Conversationston spricht, ihren Vollklang erstickt, ihre rhythmische Bewegung zu verbergen sucht, desto näher glaubt man dem Ideal der darstellenden Kunst zu kommen, für welches der dichterische Ausdruck nichts ist als ein nothwendiges Uebel. Wenn der Altmeister selbst die Verse bei den Proben mit hohlem Grabeston und verloschenem Colorit vortrug, so wandelte die Jünger ein Grauen an vor jener Erbsünde der Poesie, die sich bei einzelnen großen Dichtern, wie bei Schiller, gar nicht ganz ausrotten läßt.

Doch die Dichter machen ihre Verse nicht, damit sie auf der Bühne verstümmelt und ertödtet werden. Die dichterische Schönheit hat ihren eigenen Zauber, verlangt ihr volles Recht: wenn die Verse eines Goethe, Schiller, Grillparzer, Halm mit einem volltönenden und modulationsfähigen Organ vorgetragen werden, dann wird erst eine der Lebensbedingungen der dramatischen Dichtung erfüllt. Dies ist bei Magda Irschick stets der Fall und ein entschiedener Vorzug dieser Künstlerin. Freilich ist ihr oft der Vorwurf gemacht worden, daß sie in Bezug auf das sprachliche Colorit zu viel thue, daß sie zu sehr liebe, sich auf den rhythmischen Wellen der Declamation zu schaukeln und durch den Wohlklang ihres Organs einen gewissen Zauber auszuüben, daß sie hier und dort in eine singende Vortragsweise verfalle. Doch wer hat nicht den Fehler seiner Vorzüge? Frau Irschick bringt dafür auch alle poetischen Stimmungen ihrer Rolle zu ergreifendem Ausdruck: den düstern Groll der Medea, die zarte Hingebung der Griseldis, die leidenschaftliche Glut der Brunhilde weiß sie schon durch die sprachliche Beleuchtung wirksam hervorzuheben. Wo es eben dem tragischen Medusenblick gilt, da versagen Frau Irschick niemals ihre Mittel. Auf der tragischen Höhe hat sie stets etwas Imponirendes; die aufflammende Leidenschaftlichkeit einer Brunhilde und Medea wiederzugeben, vermag sie wie Wenige. In letzterer Rolle glänzt sie namentlich in jener Scene des zweiten Actes der Grillparzer’schen Dichtung, wo sie vergeblich durch ihr Saitenspiel Jason an sich zu fesseln sucht, der sich nur mit Kreusa beschäftigt, und wo die wilde Gluth der Eifersucht in ihrer Seele aufflammt: das ist die Situation, die unser Bild darstellt. Doch auch die edle Haltung einer Iphigenie mit schöner Plastik der Diction und der Attitüden, die zarteren Gemüthsstimmungen einer Griseldis darzustellen, ist ihr nicht versagt. In ihrer Elisabeth im „Essex“ weiß sie die psychologischen Nüancen fein herauszuarbeiten.

Eine eigenartige Schöpfung ist ihre Geierwally. Das Naturkräftige, Derb-Wilde dieser Gestalt ist ihr Element; dazu kommt, daß sie durch langen Aufenthalt in den oberbaierischen Bergen das volksthümliche Colorit studirt hat, das ihr für diese Rolle des wilden Bauernkindes sehr zu statten kommt. Jedenfalls kommen auch die grellen Accente, welche Frau von Hillern in diesem etwas wüst-genialen Erzeugniß ihrer Muse anschlägt, zu ihrem vollen Recht.

Als Jungfrau von Orleans zeigt die Darstellerin heroischen Schwung, und als Sarema in der „Rose vom Kaukasus“ weiß sie der Heldin ein farbenprächtiges, romantisches Colorit zu geben und den Ausdruck hingebender Liebe, elegischer Klage um das verlorene Glück der Heimath mit der Begeisterung heißlodernder Kampfeslust glücklich zu vereinen.

Wir haben die Hauptrollen erwähnt, welche Frau Magda Irschick bei ihren Gastrollen vorzuführen pflegt. Ihr Repertoire ist noch viel reichhaltiger, gleichwohl muß man bedauern, daß sie nicht durch ein festes Engagement an einer ersten Bühne Gelegenheit und Muße findet, in dasselbe noch mehr Gestalten aus den Schöpfungen neuer Dichter aufzunehmen. Dies Zusammenwirken der dichtenden und darstellenden Talente ist so förderlich für den Fortschritt der dramatischen Kunst, daß man nur mit Bedauern wahrnehmen kann, wie hervorragende schauspielerische Kräfte sich durch ein feststehendes Gastspielrepertoire selbst beschränken. Denn im Exiren neuer Rollen bewährt und steigert sich die schöpferische Kraft, während die beständige Wiederholung derselben Rollen leicht zur Ueberladung mit Nüancen verführt, in denen sich der zurückgedrängte Trieb nach neuer Gestaltung zu bewähren sucht.

Doch Frau Magda Irschick ist einmal an die transatlantischen Wanderschaften gewöhnt, und so muß man ihre freizügigen Neigungen gewähren lassen. Sie ist eine glänzende Vertreterin der deutschen Tragödie, und es ist erfreulich, daß sie das schöne Wort der deutschen Dichtung dort verkündet von Ort zu Ort, so weit die deutsche Zunge reicht in den Landen, über denen das Sternenbanner der großen Republik weht.




Die gewerblichen Anwendungen der flüssigen Kohlensäure.

W. Raydt’s Verfahren der Schiffshebung und Schiffsicherung. – Bierausschank mit flüssiger Kohlensäure. – Anwendung zur Fabrikation künstlicher Mineralwässer. – Feuerlösch-Apparate und Dampfspritzen mit Kohlensäurebetrieb. – Krupp’s Verfahren zur Herstellung dichter Metallgüsse und zum Auseinandertreiben gebrauchter Kanonen.

„Nur nicht den Muth verlieren!“ heißt der unentbehrliche Trostspruch des Erfinders von Beruf. Denn gar manche Erfindung braucht viel Zeit, um durchzudringen und Werth für das praktische Leben zu erringen, und so ist es auch der flüssigen Kohlensäure gegangen, über deren Darstellung und merkwürdige Eigenschaften wir den Lesern der „Gartenlaube“ im Jahrgange 1878 (S. 80) eingehende Mittheilungen gegeben haben. Wir erwähnten bei jener Gelegenheit, daß sie bisher fast nur als ein kostbares Product der chemischen Laboratorien zur Erzeugung intensiver Kältegrade benützt werde, daß aber amerikanische Ingenieure vorgeschlagen hätten, mit ihrer Hülfe entstehende Schiffsbrände zu bekämpfen. Seitdem haben erfinderische Köpfe eine ziemliche Anzahl anderer Anwendungsarten erdacht. Bekanntlich läßt sich die Kohlensäure, das moussirende Gas unserer Mineralwasser, Biere und Champagner, unter einem Druck von 50 Atmosphären und bei einer Temperatur von 15 Grad C. zu einer wasserhellen Flüssigkeit verdichten, die jedoch sofort in den gasförmigen Zustand zurückkehrt, sobald der Druck entfernt worden ist. Um nun die Anwendung der flüssigen Kohlensäure für gewerbliche Zwecke zu ermöglichen, preßt man in starke eiserne Flaschen gasförmige Kohlensäure unter gleichzeitiger Abkühlung hinein, bis dieselbe flüssig geworden ist, wozu das vierhundertfünfzigfache Volumen des Gases nöthig ist. Es ist nun klar, daß in jedem Augenblicke nicht nur diese bedeutende, auf den kleinsten Raum zusammengedrückte Gasmenge, sondern auch die zur Verflüssigung gebrauchte Druckkraft und Kälte aus solcher Flasche wieder gewonnen werden kann, die somit den dreifachen Charakter eines Gas-, Kraft- und Kältemagazins in ihrem metallenen Bauche vereinigt.

Ganz besonders ist es den Bemühungen des Dr. W. Raydt in Hannover zu danken, daß dieses verflüssigte Gas nunmehr bereits eine Anzahl verschiedenartiger und zum Theil sehr wichtiger Anwendungen erlangt hat, und wir freuen uns hier nach einer

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Johannes Schilling, der Schöpfer des Nationaldenkmals auf dem Niederwald. Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

eigenen Angabe des Genannten mittheilen zu können, daß ihm die Gartenlaube mit ihren zahlreichen Artikeln über die Bauerschen Schiffshebungsversuche die erste Anregung gegeben hat, der flüssigen Kohlensäure seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Bekanntlich benützte Bauer mit Luft gefüllte Ballons (sogenannte Kamele) zur Hebung gesunkener Schiffe. Raydt sagte sich nun, daß die Anwendung dieser Kamele um Vieles erleichtert sein würde, wenn man, statt sie nach Anbringung an den zu hebenden Schiffskörpern oder Schiffsgütern durch Compressionspumpen mit atmosphärischer Luft zu füllen, ihnen einen kleinen Behälter mit flüssiger Kohlensäure mitgäbe, um sie durch das Oeffnen ohne alle Mühe schnell aufzublähen.

Schon im August 1879 bewies Dr. Raydt durch einen im Ausrüstungsbassin der Kieler Werft angestellten Versuch die Tragweite seiner Erfindung, indem er mittelst eines solchen Ballons einen zehn Meter tief im Wasser liegenden Ankerstein von dreihundert Centner Gewicht emporhob. Acht Minuten nach Oeffnung des Kohlensäureventils erschien der Ballon mit seiner schweren Last an der Wasseroberfläche. Natürlich würden sich diese bequem zu handhabenden Kohlensäureballons ebenso praktisch zur Hebung gesunkener Schiffe anwenden lassen, denn ein derartiger Ballon von drei Metern Radius entwickelt im Seewasser eine Tragkraft von 113,000 Kilogramm. Sie werden aus starkem, gummirtem Segeltuch gefertigt, welches innen durch ein metallenes Längsgerüst gestützt wird, während außen ein Geflecht von Hanfgurten die Festigkeit der Außenwandung erhöht.

Vielleicht als noch folgenreicher dürfte sich eine weitere Idee Raydt’s erweisen, um durch Anbringung ähnlicher Ballons in nach außen sich öffnenden, dicht über dem Schiffsboden befindlichen Seitenkammern, die mit dem steigenden Verkehr immer häufiger vorkommenden Schiffsunfälle zu mindern, durch ihren Auftrieb angelaufene oder sonst beschädigte Schiffe über Wasser zu halten, oder wenigstens ihr Sinken derart zu verlangsamen, daß die Rettung der Passagiere und Mannschaften in Ruhe bewerkstelligt werden kann. Erinnert man sich, daß beim Untergange der „Cimbria“, wie in den meisten ähnlichen, keineswegs gänzlich zu verhindernden Schiffsunfällen, vor Allem die Schnelligkeit des Sinkens es ist, welche so verhängnißvoll einwirkt, indem sie das Aussetzen der Boote und alle Versuche, das Leck zu stopfen, vereitelt, so verdient Raydt’s Vorschlag, das ganze Schiff mit einem in der Stunde der Gefahr hervortretenden Rettungsgürtel von Ballons zu umgeben, gewiß die eingehendste Prüfung. Eine vom Decke aus in Thätigkeit zu setzende Vorrichtung würde die sämmtlichen Kohlensäure-Behälter und die Schiffsluken öffnen, durch welche die tragenden Ballons in dem Maße, wie sie durch das Kohlensäuregas angefüllt werden, zu beiden Seiten des Schiffes hervortreten.

Eine nähere Beschreibung der Vorrichtung findet der dafür sich interessirende Leser im laufenden Jahrgange (Nr. 32 und 33) des „Centralblattes der Bauverwaltung“. Wir wollen hier nur noch erwähnen, daß die Bildung einer Schiffsbergungs-Gesellschaft nach Raydt’schem Systeme im Gange ist und daß auf deren Veranlassung eine Kostenrechnung aufgestellt wurde, nach welcher die Einrichtung für einen Dampfer von der Größe der „Cimbria“ (deren Gewicht circa 3000 Tonnen betrug) einen Kostenaufwand von 19 bis 20,000 Mark, also eine im Verhältniß nicht beträchtliche Summe erfordern würde.

Viel schneller hat sich eine andere Anwendung der flüssigen Kohlensäure Bahn gebrochen, deren Vorzüge allerdings auf der Hand liegen und Jedem einleuchten müssen, der ihr nur einen Augenblick Aufmerksamkeit schenken will, nämlich der Bierausschank mittelst flüssiger Kohlensäure nach dem Systeme Raydt-Kunheim. Fachmänner, Chemiker, Gesundheits- und Sicherheitsbehörden, Gastwirthe und Publicum, kurz Sachverständige aller Classen, welche Gelegenheit hatten, diese Ausschanksweise zu prüfen, sind alsbald zu der Ueberzeugung gelangt, daß sie die Güte des Getränkes in höherem Grade sichert, als jede andere bisher gebräuchliche Methode, und, was die Hauptsache ist, von der Dauer des Ausschanks ganz unabhängig macht, sodaß das letzte Glas aus dem Fasse noch ebenso gut mundet und bekömmt, wie das erste. Jedem Biertrinker ist es ja hinlänglich bekannt, daß bei den bisherigen Ausschanksweisen, sei es durch bloßes Abzapfen oder durch Luftdruck, eigentlich nur die ersten Gläser ein Urtheil über die Güte des Getränkes erlauben, daß es in demselben Maße, wie es mit der Luft in Berührung kommt und die in ihm enthaltene Kohlensäure verliert, fortdauernd schlechter wird und bei längerem Zapfen zuletzt kaum noch genießbar bleibt, keinenfalls aber als ein zuträglicher, erquickender Trank gelten kann.

So bequem daher auch die häufig angewandte Methode, das Bier durch comprimirte Luft aus dem Keller in die Ausschankgefäße des Gastlocals zu heben, für den Wirth und seine Bediensteten war, so wenig konnte sie den Ansprüchen des Gaumens und des Wohlbekommens genügen. Schon die Berührung mit ganz reiner Luft bedingt ein allmähliches Abstehen des Bieres durch Kohlensäure-Verlust und langsame Säuerung, aber bei dem bisherigen Verfahren, welches daher auch wiederholt von der Gesundheitspolizei verboten werden mußte, handelte es sich obendrein häufig um ein gewaltsames Hineinpressen der ungesunden Kellerluft oder der verdorbenen, mit Cigarrendampf und anderen unnennbaren Gerüchen der Schanklocale verunreinigten Luft, was ein beschleunigtes Verderben des Bieres zur Folge hatte. Dasselbe gilt natürlich von der allgemein verbreiteten Praxis, dem Biere durch Aufspritzen mit der verdorbenen Luft des Locals den Anschein eines kohlensäurereichen, moussirenden Getränkes zu geben, eine Unsitte, die sich alle Trinker, da sie das Getränk noch mehr verschlechtert, entschieden und ein für allemal verbitten sollten.

Alle diese Uebelstände werden bei einem Ausschank vermittelst comprimirter Kohlensäure vermieden, und deshalb hatte man schon früher die Bierfässer, statt mit Luftdruckpumpen, mit Kohlensäure-Entwickelungsgefäßen in Verbindung gesetzt, wodurch das Abstehen verhindert und einem an Kohlensäure armen Biere unter Umständen sogar ein höherer Wohlgeschmack ertheilt werdelt kann.

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Bierausschank mit flüssiger Kohlensäure.
Nach dem System Raydt-Kunheim.

Die Verbindung der Kohlensäure-Flasche (a) mit dem Windkessel (b) und einem Bierfasse (c), wobei f das Sicherheitventil, k das Manometer und m einen Bierfang bedeutet, um das Zurücksteigen des Bieres in den Windkessel zu verhindern.

Allein diese Vorrichtungen litten häufig an dem Uebelstande, daß ihre Behandlung umständlich war und daß sie nicht immer eine reine, von Nebenbestandtheilen und Gerüchen völlig freie Kohlensäure lieferten, während bei dem Raydt-Kunheim’schen System eine vor ihrer Verflüssigung sorgfältig gereinigte Kohlensäure zur Verwendung kommt, die in der renommirten chemischen Fabrik von Kunheim u. Comp. zu Nieder-Schönweide bei Berlin im Großen bereitet und den Consumenten in meterhohen, schmiedeeisernen Flaschen von etwa zehn Liter Inhalt geliefert wird. Die Vorzüge dieser neuen Ausschanksweise sind so in die Augen springend, daß sich beispielsweise in Berlin bereits über hundert größere und kleinere Bierwirthschaften derselben bedienen, während sie sich andererseits an vielen Orten Deutschlands und selbst schon auf einigen Plätzen des Auslandes, wie z. B. in Antwerpen, Rotterdam und London, eingeführt hat. Die Kosten sind dabei so mäßig, daß sie beinahe schon durch die Brauchbarkeit des Bieres bis auf den letzten Tropfen aufgewogen werden, während sonst stets ein Theil unverwendbar blieb. Dazukommt aber die erhöhte Güte des Getränkes, welche dieser Ausschanksmethode bald die allgemeine Einführung sichern wird.

Was die Einrichtung selbst betrifft, so werden die von der obigen Firma hergeliehenen schmiedeeisernen Flaschen, welche circa acht Kilogramm flüssige Kohlensäure enthalten und zum Ausschank von sechszehn bis fünfundzwanzig Hectoliter Bier (je nach der Dichtigkeit der Fässer und Apparate) ausreichen, zunächst an die Zuführungsröhre eines metallenen Windkessels von erheblich größerem Rauminhalte, der mit Manometer und Sicherheitsventil versehen ist, angeschraubt (vergl. die obenstehende Abbildung).

Ein einziger Handgriff öffnet zugleich das Zuleitungs- und Sicherheitsventil des Windkessels, worauf man durch Oeffnen des [634] Flaschenventils soviel Kohlensäure einströmen läßt, bis ein am Manometer ablesbarer Druck von ein bis zwei Atmosphären im Windkessel erreicht ist. Hierauf schließt man zunächst das Ventil der Flasche, dann die beiden des Windkessels und öffnet dasjenige, aus welchem das gespannte Kohlensäuregas durch Röhren in die Fässer eintritt, aus denen das Bier emporgedrückt werden soll. Das einzige Bedenken, welches man gegen die in Rede stehende Vorrichtung geltend machen könnte, knüpft sich an die möglichen Gefahren, welche durch den beträchtlichen Druck in den Aufbewahrungsflaschen entstehen könnten. Dieselben sind aus starken schmiedeeisernen Röhren hergestellt, an deren beiden Enden dicke, sich nach innen conisch erweiternde Böden eingeschweißt sind, während die Anschlußöffnungen durch eine doppelte schmiedeeiserne Schraubenkappe verwahrt werden.

Diese Flaschen werden unter amtlicher Controlle einem Probedruck von 250 Atmosphären unterworfen, während der völlig ruhige und gleichmäßige Druck der Kohlensäure in denselben selbst bei einer Erwärmung bis auf 30 Grad nur auf 74 Atmosphären steigen würde. Aus diesen Gründen haben denn auch sowohl das Berliner Polizeipräsidium als das Reichseisenbahnamt die Gefahr eines Zerspringens der Flaschen für so völlig abgeschlossen erachtet, daß ersteres die Anbringung der Apparate anstandslos gestattet, und das letztere die Versendung der gefüllten Flaschen mit allen Zügen zuläßt. Beim Gebrauche kann schon deshalb keine Gefahr entstehen, weil der Handgriff, welcher den Windkessel an die Flasche anschließt, zugleich das Sicherheitsventil des ersteren öffnet. Auf dem im Juni dieses Jahres abgehaltenen deutschen Gastwirthtage wurden denn auch die vielseitigen Vorzüge des Verfahrens für Wirth und Publicum durch eine Prämiirung anerkannt.

Die durch diese bereits sehr ausgedehnte Verwendung hervorgerufene fabrikmäßige Darstellung einer chemisch reinen, flüssigen Kohlensäure zu ermäßigten Preisen hat alsbald zu dem Versuche geführt, dieselbe auch zur Herstellung der kohlensauren Wässer (künstliches Selter- und Sodawasser), sowie anderer moussirender Getränke zu benützen, und in dieser Richtung hat besonders der Apotheker Volk in Ratzeburg eingehende und mit dem besten Erfolge gekrönte Versuche angestellt. Bisher bereiteten die Mineralwasserfabrikanten die Kohlensäure selbst, indem sie dieselbe aus ihren mineralischen Verbindungen (Kreide, Magnesit etc.) durch Salzsäure oder Schwefelsäure austrieben, wobei aber, falls nicht eine sorgfältige Waschung des Gases stattfindet, leicht übelriechende und saure Bestandteile in das Mineralwasser gelangen und dessen Güte stark beeinträchtigen. Es ist dies der Grund, weshalb die Mineralwässer kleinerer Fabriken, deren Apparate entweder unvollkommen sind oder schlecht bedient werden, so häufig den Anforderungen des Wohlgeschmackes und der Zuträglichkeit nicht entsprechen.

Die Benutzung der chemisch reinen flüssigen Kohlensäure zur Mineralwassersfabrikation vereinfacht nicht nur die zur Darstellung der Wässer erforderlichen Vorrichtungen und Methoden erheblich, sondern erlaubt auch - was in heißen Sommern von Wichtigkeit ist - dieselben Mengen eines tadellosen Wassers in viel kürzerer Zeit herzustellen. Hierbei kommt noch, ebenso wie beim Bierausschanke nach dem Systeme Raydt-Kunheim, als begünstigender Umstand in Betracht, daß das durch Verflüchtigung der flüssigen Kohlensäure gewonnene Gas sich außerordentlich kalt erweist und dadurch die Auflösung im Wasser erleichtert, während es dort das Bier kühlen hilft. Natürlich muß bei der Mineralwasserfabrikation ein höherer Druck der Kohlensäure angewendet werden, was man ja völlig in der Hand hat, da die Kohlensäureflaschen schon bei einer Temperatur von 0 Grad einen Druck von 36 Atmosphären zur Verfügung stellen.

Aus letzterem Grunde eignet sich die flüssige Kohlensäure ferner in hohem Grade zum Betriebe von Feuerspritzen, deren Wasserstrahl sie zu jeder erforderlichen Höhe emportreibt. Die Kohlensäureflasche wird dabei unmittelbar neben dem Wasserkessel angebracht, und Major Witte, der Chef der Berliner Feuerwehr, hat eine derartige Kohlensäurefeuerspritze mit ununterbrochenem Betriebe construirt, bei welcher zwei Wasserkessel vorhanden sind, die abwechselnd mit Wasser gefüllt werden, sodaß der Strahl ohne Unterbrechung bald aus dem einen und bald aus dem andern Kessel aufsteigen kann. Es kommt auch hier in Betracht, daß das Wasser stark abgekühlt und mit Kohlensäure imprägnirt wird, was seine feuerlöschende Kraft bedeutend erhöht, wie dies schon aus dem Gebrauche der in allen möglichen Formen hergestellten Feuerlöscher (Extincteure) bekannt ist, deren Nützlichkeit im Wesentlichen auf der feuerlöschenden Kraft des kohlensauren Wassers und Gases beruht. Sobald nämlich der Strahl einer solchen Spritze in einen halb oder ganz abgeschlossenen Raum gelenkt wird, verbreitet das von dem Löschwasser entwickelte kohlensaure Gas die löschende Kraft über den unmittelbaren Wirkungsbereich des Wassers, indem es den erforderlichen Sauerstoff von den brennenden Stoffen abschließt und so das Feuer ersticken hilft.

Dementsprechend haben sich bedeutende Autoritäten auf dem Gebiete des Feuerlöschwesens dahin ausgesprochen, daß viele Theater-, Fabrik- und Schiffsbrände bei rechtzeitiger Anwendung Raydt’scher Kohlensäurespritzen im Keime erstickt werden könnten. Ein nicht gering ausschlagender Vorzug derselben, besonders gegenüber der mächtigen Dampffeuerspritze, die erst geheizt werden muß, besteht in der augenblicklichen Wirkung derselben, die in dem Momente eintritt, in welchem der Hahn der Kohlensäureflasche geöffnet wird. Daher hat auch Branddirector Major Witte in Berlin die bei großen Feuern in Anwendung kommenden Dampffeuerspritzen mit einer Nebeneinrichtung versehen lassen, um während des Kesselanheizens Kohlensäure in den Wasserbehälter eintreten zu lassen, damit die Spritze sofort in Thätigkeit gesetzt werden kann.

Hiermit sind aber die Anwendungen der flüssigen Kohlensäure keineswegs erschöpft. Ein mit ihr gefüllter Behälter läßt sich einem beständig geheizten Dampfkessel vergleichen, mit welchem man Arbeitsmaschinen aller Art, Straßenlocomotiven etc. treiben könnte, wenn nicht hierbei einigermaßen die bedeutende Wärmebindung der verdampfenden Kohlensäure und die Nothwendigkeit, dieselbe aus geschlossenen Räumen hinauszuleiten, hinderlich wären. Einige sehr interessante Anwendungen werden bereits seit einigen Jahren in den Eisenwerken von F. A. Krupp in Essen gemacht. Bei der einen handelt es sich um die Herstellung dichter, von Blasen und verborgenen Hohlräumen durchaus freier Metallgüsse, die dann natürlich ein besonders zuverlässiges Constructionsmaterial darstellen. Bei diesem Verfahren wird die Form unmittelbar nach dem Gießen luftdicht verschlossen und in dieselbe oberhalb des Metalls Kohlensäuregas von hoher Dampfspannung, die durch Erwärmen des Behälters mit der flüssigen Kohlensäure im Wasserbade noch erhöht werden kann, eingelassen, bis der Guß soweit erkaltet ist, daß keine Neigung zur Bildung von Hohlräumen mehr vorhanden ist. Von allen bisher angewandten Verfahren, die Metallgüsse während des Erstarrens zu pressen, gab das eben beschriebene, bei welchem man leicht den Druck auf zwölfhundert Atmosphären steigern kann, die besten Resultate, während es sich außerdem durch Einfachheit und Bequemlichkeit der Anwendung empfiehlt. Ebenso wie es in den Essener Werken vorzugsweise für Gußstahl angewendet wird, kann es natürlich auch bei anderen Metallgüssen dienen und wird von der Firma A. Krupp in Berndorff bei Wien beispielsweise mit gleichem Erfolge zur Herstellung von Neusilbergüssen angewandt.

Eine andere im Essener Etablissement erprobte Verwendung der flüssigen Kohlensäure besteht darin, mit ihrer Hülfe die äußeren Ringe von den durch Gebrauch abgenützten Kanonenläufen zu lösen. Sie wird zu diesem Zwecke direct in den Lauf hineingegossen, und entzieht demselben, indem sie sich in Gas verwandelt, so viel Wärme, daß sich das Rohr, in Folge der starken Abkühlung, genügend zusammenzieht, um die einst im glühenden Zustande aufgezogenen Ringe nunmehr mit Leichtigkeit herunterschlagen zu können, sodaß blos das Rohr umgegossen zu werden braucht. In demselben Etablissement wird die flüssige Kohlensäure auch zur Eisbereitung gebraucht, und so haben sich eine Fülle von Verwendungen für einen Stoff ergeben, den man bis vor wenigen Jahren nur in kleinen Mengen, als Rarität, in den chemischen Laboratorien erzeugte, um die in dem oben citirten Artikel beschriebenen physikalischen Experimente damit anzustellen. Seit sie nunmehr, und namentlich durch die Bemühungen von Dr. Raydt, so vielseitige Anwendungen gefunden, wird sie in der gedachten Fabrik so billig fabricirt, daß der berühmte Chemiker Professor A. W. Hofmann in Berlin keinen Anstand zu nehmen brauchte, nahezu einen halben Centner dieses Präparats zur Erläuterung eines Vortrages über „verflüssigte Gase“, den er im Beginn dieses Jahres zum Besten des deutschen Schulvereins gehalten hat, zu verbrauchen.

Carus Sterne.
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Das National-Denkmal auf dem Niederwald.

Von Ferdinand Hey’l.
2.00Ausführung und Vollendung.

Es ist billig, daß wir am heutigen Tage besonders des Künstlers gedenken, welcher das Meisterwerk des Nationaldenkmals geschaffen.

Johannes Schilling (vergl. das Portrait S. 632) ist am 22. Juni 1828 in Mitttweida in Sachsen geboren. Sein Großvater, Gustav Schilling, vordem Artillerie-Officier in der sächsischen Armee, hatte durch eine seltene Productivität seinen Namen schriftstellerisch allseitig bekannt gemacht. 1842 schon trat der Enkel, der reichbegabte Jüngling, als Schüler in die Dresdener Kunstakademie, der er drei Jahre angehörte, und mit siebenzehn Jahren wurde der junge Künstler schon in Ernst Rietschel’s Atelier aufgenommen, unter diesem Meister fünf Jahre lang strebend und arbeitend. Bei Professor Drake in Berlin und Professor Hähnel in Dresden setzte der in schneller Entwicklung fortschreitende Künstler seine Studien fort.

Einige Arbeiten (die Medaillons „Jupiter und Venus“) erwarben ihm ein Reisestipendium für Italien, wo er die Jahre 1854 bis 1856 verbrachte, in Rom sich der besonderen Förderung und Freundschaft des Meisters Cornelius erfreuend. In Italien war der Künstler nicht müßig. Seine Statue des verwundeten Achill, sein Relief „Centaurin und Amor“ machten ihn auch dort wie in der Heimath weiteren Kreisen bekannt. Heimgekehrt in’s Vaterland schuf er in Dresden die Gruppen „Morgen, Mittag, Abend und Nacht“, die den ersten Preis in der Kunstausstellung zu Wien 1869 davontrugen.

Die Nation verdankt Johannes Schilling ferner folgende Meistergestaltungen: Den Fries auf der linken Seite des Vestibuls des Museumgebäudes in Dresden, eine Bronzebüste des Turnvaters Jahn, aufgestellt in Freiburg an der Unstrut, eine Erzstatue des Oberbürgermeisters Demiani in Görlitz. Nach Meister Rietschel’s Tod übernahm Schilling die Ausführung der Figuren der Städte Augsburg und Speyer für das Luther-Denkmal zu Worms. Seit 1867 schmückt den Schiller-Platz zu Wien die Gestalt Schiller’s aus des Meisters Händen.

Selten vermag ein „Bildner“ auf eine größere Zahl durchweg vollendeter Gestaltungen zu schauen, als Johannes Schilling. Rietschel’s Denkmal auf der Brühl’schen Terrasse in Dresden, das Monument Kaiser Maximilian’s in Triest, das Kriegerdenkmal in Hamburg; aus etwas früherer Zeit die Gruppen: Vocal- und Instrumentalmusik im Dresdener Schloß, die Pantherquadriga auf dem Dresdener Hoftheater, die Phidias-Statue in der Loggia des Leipziger Museums und andere, sie alle sind Schöpfungen seines Geistes und seiner Hand.

Im Jahre 1874 wurde Schilling die Ausführung des Nationaldenkmals auf dem Niederwald übertragen, das, nun vollendet, den Ruhm des Meisters für alle Zeiten fest begründet, zur Freude und Ehre der deutschen Nation. –

Während der Meister die ersten Schritte zur Verwirklichung seiner Schöpfung that, ließ das Comité seine Thätigkeit nicht ruhen. Noch galt es die Mittel zu schaffen, die bei Weitem nicht zur Genüge angesammelt waren. War man auch aller Orten für den Gedanken begeistert, so wirkten doch die Nachwehen des Krieges, die Veranstaltungen für die localen Denksteine nicht förderlich auf die Sammlung der gemeinsamen Mittel.

Da traten die Gesang- und Kriegervereine zusammen und stifteten – durch Concerte und Veranstaltungen die ersteren, durch öffentliche Aufrufe die letzteren – die Gelder zur Herstellung der Figur des Krieges, die Schüler der höheren Gymnasial- und Realschulen die Mittel zur Beschaffung der Figur des Friedens. Kaiser Wilhelm aber lieh der Errichtung des Germania-Denkmals seine ganze Theilnahme, und es wurde eine Summe sicher gestellt, welche der Ausführung ferner ein Hinderniß nicht mehr bereitete. Die Fertigstellung war endlich gewährleistet.

Während mühsamer Arbeit von allen Seiten – denn die Verwirklichung der Ausführung bot nicht geringe technische Schwierigkeiten – konnte endlich am 16. September 1877 die Grundsteinlegung in feierlichster Form durch des Kaisers ehrwürdige Person vollzogen werden. Von Aßmannshausen aus, wo der Kaiser und die Kaiserin den Bahnzug – von Coblenz kommend – verließen, wurde die Fahrt zum Niederwald angetreten. Zwei rheinische Damen begrüßten die verehrten Majestäten in poetischer Form, den Wein und die Blumen des Rheins darreichend; durch festlich geschmückte Häuserreihen, durch Ehren- und Triumphpforten in Aßmannshausen und Rüdesheim, rechts und links des Niederwaldes, feierte die Gegend den glückverheißenden Tag. Zur Seite des Kaisers und der Kaiserin wohnten der Kronprinz des deutschen Reichs, Prinz Wilhelm von Preußen, Prinz Karl, Prinz Friedrich Karl, die Großherzoge von Mecklenburg und Sachsen, die Feldmarschälle Graf Moltke und von Manteuffel, die Generale von Roon, von Göben und viele andere dem feierlichen Augenblicke an.

Und als, trotz des ungünstigen, drohenden Wetters, die kernige Festrede des Oberpräsidenten, Grafen zu Eulenburg, verklungen war, als die Sonne durch die Wolken brach und der Held unseres Volkes – Kaiser Wilhelm – die ersten drei Hammerschläge that, da wollte des Jubels kein Ende sein, da salutirten die Kanonen von den Höhen, da läuteten die Glocken im gesegneten Rheingau, da mischte sich der Jubel der Versammelten in die Fanfaren der Musik, da feierte in der That die Nation „die Wiedererrichtung des deutschen Reichs“ – ohne Nebengedanken und ohne Hinweis auf vergangene Tage des rauhen Krieges.

Feierlich ertönten während der Hammerschläge die Worte des Kaisers: „Wie mein königlicher Vater einst dem preußischen Volke an dem Denkmal bei Berlin zurief, so rufe ich auch heute an dieser bedeutungsvollen Stelle dem deutschen Volke zu: den Gefallenen zum Gedächtniß, den Lebenden zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung.“

Ein weihevoller Augenblick in der That! Der Kronprinz that die drei bedeutungsvollen Schläge mit den Worten: „Mit Gott für Kaiser und Reich!“ und Graf Moltke fügte dem hinzu: „Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein!“, eine Rede, kurz, bündig und aus diesem Munde bedeutungsvoll genug, der ein Hurrah aus tausend Kehlen ein bedeutsames Echo gab.

Wir müssen es uns versagen, der in den Grundstein gelegten Urkunden, der kräftigen, bewegten Rede des Grafen zu Eulenburg weitläufiger zu gedenken, um so mehr, als diese Einzelheiten noch in der Erinnerung jener Tage bei unseren Lesern fortleben dürften.

Der Kaiser verließ nicht den Platz, ohne mit den Professoren Schilling und Weißbach von Dresden – unter der Leitung des Letzteren ist der Kolossal-Unterbau errichtet worden – die freundlichsten Worte gewechselt zu haben, gleichzeitig den Verfasser Dieses, ob der durch ihn zuerst in der Presse angeregten Idee, gerade hier das Denkmal zu errichten, beglückwünschend.

Das Fest verlief in glänzendster Weise – der Rhein hatte ein schöneres noch nicht gesehen – eine nationale Feier, dem Gedanken des Einigungsdenkmals in allen Theilen würdig.

Nun aber begann die ernste Arbeit der Vollendung und der weiteren Sammlung baarer Mittel. Der Unterbau wurde durch Professor Weißbach fertig gestellt, die Teerassen in dem steinigen Boden geebnet und aufgemauert, und die aufopfernde Thätigkeit des Staatsministers Grafen zu Eulenburg und des Comité-Geschäftsführers, Landesdirector Sartorius, ward gerade jetzt in beständiger Spannung erhalten.

Wer den Niederwald kennt, weiß die Schwierigkeiten zu schätzen, mit denen die Steigung des Berges überwunden werden mußte. Steine von nahe zweihundert Centnern Schwere mußten da hinaufgeschleppt werden. Ein einziger Stein bedurfte oft zum Transport bergauf zwei Tage und die Zugleistung von achtzehn Pferden. Steinmaterial aus dem Teutoburger Walde, aus dem Murgthal, aus Sachsen, aus der Nahegegend ist an den äußeren Flächen, solches an Ort und Stelle selbst gebrochen zu dem sechs Meter in die Erde versenkten Fundamente verwendet worden, der eigentliche Unterbau – durch die Firma Holzmann u. Comp. in Frankfurt hergestellt, zeigt eine Höhe von fünfundzwanzig Metern. Die Arbeiten zu den Gußtheilen waren vertheilt an die von Miller’sche Anstalt in München – die Statue der Germania –, die Statue des Krieges und des Friedens an Professor Lenz in Nürnberg,

[636]

Das National-Denkmal auf dem Niederwald und seine Umgebung.
Nach der Natur aufgenommen von Rudolf Cronau.

[637] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [638] Mosel und Rhein und Reliefs an die Erzgießerei von Bierling in Dresden und die Gladenbeck’sche Gießerei, die einzelnen Zierstücke und sonstigen Metalltheile, Kränze, eiserne Kreuze, heraldische Adler, Wappen und Schrift an die Erzgießerei Lauchhammer.

Als nun auch von allen Seiten die Kunde kam, daß ein glückliches Geschick über dem Gusse jedes einzelnen Theiles des Kunstwerkes gewaltet, daß ein Hinderniß nicht mehr bestand, als der Heldenkaiser dann den Monat September als den Zeitpunkt bezeichnete, an dem die Enthüllung in feierlichster Weise stattfinden sollte, da war des Jubels kein Ende auf und ab am Rhein.

Jetzt schon – in dem Augenblicke, da wir dies schreiben – steht das Werk vollendet da. Wir können uns der Schilderung der Schwierigkeiten enthalten, welche die nun folgende Herbeischaffung der Gußtheile und Aufstellung derselben an Ort und Stelle im Gefolge hatten, da die „Gartenlaube“ darüber ihren Lesern bereits ausgiebige Mittheilungen gegeben (vergl. Nr. 34). Auch die äußere Gestaltung des Denkmals ist rings im Vaterlande durch Bild und Schilderung bekannt.

Werfen wir noch einen flüchtigen Blick auf die wunderbare Rheinlandschaft, die sich vom Standpunkte des Denkmals aus vor dem Wanderer ausbreitet. Mitten in den Nebenhügeln stehend, dehnt sich zur Linken das poetische Rheingau zu unseren Füßen aus, dicht drunten Rüdesheim mit der Brömser- und Boosenburg, die Rheinufer mit ihren Weinorten, dem Johannisberg, Geisenheim, und am anderen Ufer Ingelheim mit den Resten des Palastes Karl’s des Großen, während fern in der Weite die Kuppeln von Mainz erglänzen. Drüben grüßt Bingen mit der Burgruine Klopp, der Nahe-Mündung und der alten Römerbrücke, darüber hin der von Goethe schon meisterlich geschilderte Rochusberg mit seiner Capelle und seitlich davon der weinberühmte Scharlachberg. Zu unseren Füßen die Ruine Ehrenfels und in nächster Nähe die Strudel des Bingerlochs mit dem Mäusethurm.

Seitwärts, direct nicht sichtbar, liegt das weinselige Aßmannshausen und der charakteristisch neuaufgebaute Rheinstein und drüber hinaus blauen der breitgestreckte Donnersberg, die Höhen des pfälzischen Wasgaues und der Vogesen. In der That ein Punkt so reich an Geschichte und Erinnerung, ein Punkt so poetisch, wie ihn unser Vaterland nirgends wieder bietet.

Treten wir noch einen Augenblick auf die prächtigen Steinterrassen hinaus, die sich stolz mitten auf den Rebhügeln des edelsten deutschen Weines, aus dem Rüdesheimer Berg erheben. In gewaltigem Anstreben wächst der massige Steinunterbau aus dem Berge heraus. Zu beiden Seiten schieben sich die umgebenden Terrassenmauern bis zu einem tiefer liegenden Vorplatze hin.

Den unteren Sockel der Mitte des Denkmals an der Vorderseite zieren die Gestalten des Rheines und der Mosel, in der Größe von etwa drei Metern ausgeführt. Vater Rhein reicht sein Wachthorn der Mosel, sinnig andeutend, daß ihr nunmehr die Wacht an den Grenzen des Vaterlandes zukomme. Der Rhein, ein Gebild ernster Würde, die Mosel, eine Gestaltung jugendlich-anmuthiger Schönheit.

Zur Rechten und Linken, dem Denkmale vorgeschoben, erheben sich als Eckzierden die Figuren des Krieges und des Friedens. Der Krieg, eine wilde, urkräftige Jünglingsgestalt, bewaffnet mit Schlachtschwert, mit fliegendem Mantel und erhobener Kriegstrompete, ist eine Figur von plastischer Wirkung. Den Friedenszweig aber reicht die gegenüberstehende edle Gestalt des Friedens, in der Linken ein Füllhorn tragend, dem Beschauer dar.

Der Mittelfries zeigt uns Strophen des Liedes: „Es braust ein Ruf, wie Donnerhall“, und in dem Bogen des Mitteltheiles oben erkennen wir den deutschen Reichsadler, im Begriffe seinen Siegesflug zu beginnen.

Das Hauptrelief selbst verkörpert die Wacht am Rhein, das heißt den Augenblick, da sich die Krieger des deutschen Heeres zum Vormarsch unter ihrem Heldenkaiser schaaren. Es sind etwa zweihundert Figuren, darunter Kaiser Wilhelm und die Heerführer in sprechendster Aehnlichkeit. Da treten neben dem Kaiser hervor: König Ludwig von Baiern, König Johann von Sachsen und die anderen Fürsten, die Staatsmänner, Heerführer, vor Allem Bismarck und Moltke, Prinz Friedrich Karl, August von Württemberg, Prinz Albrecht Vater, von Manteuffel, von Roon, Steinmetz, Thiele, Bose, von der Tann, Hartmann, Vogel von Falckenstein etc. – etwa hundertfünfzig treffliche Portraits in künstlerischer Modellirung. Zu beiden Seiten des Denkmals finden sich kleinere Reliefs: „Der Ausmarsch“ und „Die Heimkehr“. Beide sind von wundersam rührendem Eindruck.

Erhöht über den beiden Untersockeln erhebt sich das Postament, welches die Hauptfigur der Germania trägt. Um den Fuß der Kolossalstatue sind die deutschen Wappen gruppirt und in sinniger Weise wurden über den unteren Theilen des Gesammtdenkmals kolossale Kränze angebracht, so ein Fichtenkranz über des Kriegers Abschied, ein Eschenkranz über der Figur des Krieges, ein Lorbeerkranz über der Figur des Friedens, ein Lindenkranz über des Kriegers Heimkehr. In der That, die Anordnung ist eine meisterliche und in jeder Weise poetische. Auf dem freien Theile des Postamentes erglänzen in riesigen Buchstaben die Worte:

„Zum Andenken an die einmüthige, siegreiche Erhebung des deutschen Volkes und an die Wiedererrichtung des deutschen Reiches 1870–1871.“

Die Namen der Siegesorte: Weißenburg, Wörth, Spichern, Courcelles, Mars-la-Tour, Gravelotte, Beaumont, Sedan, – Straßburg, Metz, le Bourget, Amiens, Orleans, le Mans, St. Quentin und Paris rund um das Monument, gemahnen an die Heldenthaten des zur Einigung führenden Kampfes.

Sollen wir der Ausführung der Germania selbst noch ein Loblied singen? Sie bedarf dessen nicht – sie ist ohne Widerspruch eine der vollendetsten bildnerischen Gestaltungen unserer Tage. Stolz und doch weiblich schön, hochemporgerichtet vor dem mit Adlern geschmückten Thronsessel stehend, in reicher Gewandung, welche Andeutungen an die Sagen unseres Volkes, an Genoveva, Lohengrin und die deutschen Märchen zeigt, umfaßt ihre Linke das gewaltige Schwert mit zur Erde gekehrter Spitze. Ihre Brust umspannt ein prächtig gearbeiteter Gürtel. Die Rechte hebt die deutsche Kaiserkrone zum Blau des Himmels empor. Das Haupt mit der Fülle wallenden Haares ist durch einen Eichenkranz geziert und das ernst-milde Frauenantlitz zeigt weibliche Schönheit in Hoheit und Würde. In der That eine Germania, wie sie bis heute durch keines Künstlers Hand noch dargestellt worden!

Mit peinlichster Gewissenhaftigkeit sind die einzelnen Theile ausgeführt, die Arbeit des Ciseleurs ist so in das Einzelne übertragen, daß man staunen muß ob dieser Sorgfalt bei einem Denkmal, dessen Hauptfigur allein über 40 Meter mißt und deren Gewicht (allein das der Hauptfigur) über 700 Centner beträgt. Diese Germania wird glänzen auf lange Zeit, nicht nur als Sinnbild dessen, was sie verkörpern soll, sondern auch als Meisterwerk der deutschen Bildnerkunst. –

Und so steht sie denn droben, die „Wacht am Rhein“, die stolze Versinnlichung deutscher Kraft und Größe, deutscher Gesittung und Gesinnung. Die Glocken des Rheingaus werden am Festtage den Ruf in alle Lande tragen, daß Deutschland nun einen sichtbaren Freudenausdruck der endlichen Einigung gefunden, die deutschen Fürsten werden mit dem Volke hinauf wallen zu dem rheinischen Berge, das deutsche Lied wird erschallen, und mancher deutsche Mann wird empor zu dem Standbilde schauen, eingedenk der Tage und Stunden, die wir vor dreizehn Jahren durchlebt, eingedenk der Opfer, die wir gebracht, eingedenk unserer Stärke, wenn wir eins sind, aber auch eingedenk, daß wir kein Volk des Krieges, sondern ein solches des Friedens sein wollen, daß wir uns unserer Einigung erfreuen, ohne Nebengedanken, ohne Eroberungsgelüste. Wenn aber fremder Uebermuth den herrlichen Strom, unseren Rhein, nochmals bedrohen sollte, so gemahne dies Denkmal auch ernst an die „Errichtung des nunmehr in Wahrheit einigen deutschen Reiches“, so finde uns der Gegner vereint im Gefühle für das Vaterland, vereint in Gefahr und Kampf. Eine Friedensstätte zunächst soll das Nationaldenkmal sein – möchte es eine solche am deutschen Rheine für alle Zeiten bleiben.

Auf stolzer Höhe thront Germania,
Die Krone strahlt, des Sieges Banner wallen –
Da winkt sie wieder ihren Söhnen allen;
Die Menge drängt heran von fern und nah.
Auf, auf – so ruft sie – legt an’s Werk die Hand,
An’s Werk des Friedens – mit des Friedens Waffen!
An neue Pflichten mahnt das Vaterland,
Uns darf die Zeit der Ruhe nicht erschlaffen!
Und nicht den Waffen nur sollt ihr vertrauen,
Der Menschheit beste Güter müßt ihr pflegen,
Dann werdet ihr das Reich auf Felsen bauen.
Das walte Gott! Das sei des Friedens Segen!

[639]

Volks-Irrungen in der Sprache.

Wonnemonat. – Mäuselhurm. – Pilatus-Berg. – Rennsteig und Inselsberg. – Kyffhäuser und Judenkopf. – Wiesendangen, Wiesensteig und Wiesenthau. – Katzenellenbogen. – Personennamen. – Erlkönig. – Wüthendes Heer. – Schwager und Wäsche. – Budiker. – Hagestolz. – Vormund.

Wie nennst du, lieber Leser, unsern sogenannten „schönsten“ Monat, der in den letzten Jahren sich dieses Prädicates gar würdig gezeigt hat? Giebst du ihm nicht den Namen Wonnemonat? Und du denkst dir dabei einen Monat, in welchem der duftenden Blümlein wonniges Arom die reine, heilbringende Luft durchströmt, in welchem der Waldessänger wonniges Lied wieder unserm entzückt lauschenden Ohr ertönt, in welchem das Menschenherz selbst wie die Blumenknospe nach langem, ödem Winterschlafe sich öffnet und wie das Vöglein dem Schöpfer ein Danklied entgegenjubelt, in welchem es höher schlägt im Gefühl der Wonne bei der Betrachtung der neu erstandenen Schönheit und Pracht der Natur. Alle diese hochpoetischen Gedanken ruft das Wort Wonnemonat in dir hervor.

Es ist nun eine gewisse Grausamkeit, dein schönes Phantasiegebilde zu zerstören, allein, wenn du es hören willst, so vernimm, daß das Wort Wonnemonat nur einem Irrthum des Volkes seine jetzige Gestalt und seinen Inhalt verdankt. Früher, im Altdeutschen hieß es wunni mânôd, und so benannte auch Karl der Große den Monat der Maja, als er anstatt der bisherigen römischen Benennungen deutsche Monatsnamen in Gebrauch kommen ließ; wunni aber bezeichnet Wiesenland, Trift und alliterirt mit dem fast gleichbedeutenden weide in wunne und weide. Der wunni mânôd also, den das Volk sich später in Unkenntniß des ursprünglichen Sinnes des ersten Bestandtheiles zum Wonnemonat umwandelte, ist eigentlich nur der Monat, in welchem das liebe Vieh zur Weide getrieben wird.

Wie prosaisch! wirst du sagen. Anstatt aber nun über deine Enttäuschung zu klagen, bewundere lieber den poetischen Sinn des Volkes, welches, von der eigentlichen Bedeutung abirrend, in das ursprünglich prosaische Wort so tiefe Gedanken zu legen verstand. Von diesem Gesichtspunkte aus wirst du es gern ertragen, wenn auch im Folgenden dir hier und da eine überaus prosaische Enthüllung einen Schatten auf die schönen Bilder deiner Einbildung werfen wird.

Man erzählt sich eine schöne Sage vom Mäusethurm bei Bingen und dem Bischof Hatto, die gewiß jedem bekannt und von Kopisch dichterisch behandelt ist – aber der Mäusethurm hat mit dem Worte Maus nicht das Geringste zu thun; das Wort stammt von dem altdeutschen motan, mutan, lateinisch mutare, austauschen, Zoll nehmen her. Ehemals wimmelte unser schöner Fluß von Zollstellen, die freilich das Reisen sehr lästig machten, ich erinnere an Roquette’s bezeichnende Worte in seinem reizenden Idyll „Waldmeisters silberne Hochzeit“:

„Nur freilich war am Rhein der Zoll
Für all sein Gut verhängnißvoll,
Den sich mit scharfer Faust erbaten
Drei Dutzend kleiner Potentaten.
Bei jeder Biegung, jedem Riff
Begrüßt ein Zollhausthurm (Mauththurm) das Schiff,
Und ward das Gut durchwühlt am Land
Mit lüsterner, bewehrter Hand.“

Uebrigens findet sich das Wort Mauth, dem der Mäusethurm (Mausthurm) sein Dasein dankt, noch heute in Oberbaiern und in der Schweiz, und ein sehr hübsches, den musikalischen Leserinnen vielleicht bekanntes Tonbild Jungmann’s heißt „Das Mauthhäusel“.

Das poetische Volk der Schweizer hat sich seinen mons pileatus, also den Berg, dessen Haupt meist von einer Wolkenhaube bedeckt ist, in einen Pilatus-Berg umgeschaffen und erzählt nun, daß sich einst der biblische Landpfleger in Verzweiflung in die Tiefe des nahegelegenen Pilatus-Sees gestürzt habe, und daß er noch jetzt auf Berg und See sein tückisches Wesen treibe.

Der Thüringer nennt den langen Weg auf dem Kamme seines Waldes den Rennsteig und denkt dabei natürlich an rennen, laufen; aber schon Daniel’s „Geographiebuch“ weiß, daß die ursprüngliche Benennung Rainsteig, das ist Grenzsteig, war. Während der am meisten besuchte Berg des Thüringerwaldes jetzt Inselsberg, mit offenbarem Anklange an Insel genannt wird, hieß er früher der Enzenberg, das heißt der Riesenberg, oder auch Emsenberg, weil die Ems an ihm entspringt. In einer Zeit, in welcher der erste Bestandtheil des Wortes seinem Sinne nach dem Volke nicht mehr bewußt war, wandelte es sich denselben auf dem Wege Enzen, Enzel zu Insel um und schuf sich einen Inselsberg, während es in Oesterreich noch heute die Dörfer Enzendorf und Enzenkirchen, in Württemberg ein Enzenweiler giebt.[1][WS 1]

Wer Thüringen bereist, wird gewiß nicht verfehlen, einem der anziehendsten Punkte des Landes, dem sagenreichen Kyffhäuser, einen Besuch abzustatten, er wird beim Anblick des grauen zerrissenen Burgfriedes sich in die Zeiten unserer alten Kaiser zurückträumen, er wird vor Allem des großen Staufers gedenken, dessen Name besonders durch Rückert und Geibel so eng mit der ehrwürdigen Ruine verwachsen ist – wobei ihm ja immerhin einfallen kann, daß der in den Berg Gebannte ursprünglich nicht Friedrich der Erste, sondern Friedrich der Zweite war,[2] – er wird dann nicht unterlassen, einen Blick in die dunkelgrüne Schlucht zu werfen, welche den Kyffhäuserberg von der gegenüberliegenden hohen Bergkuppe trennt, er wird endlich, angezogen von der seltsamen Gestalt dieser Kuppe, nach dem Namen derselben fragen und sie Judenkopf genannt hören. Staunend wird er diese Benennung hinnehmen, ohne sich zunächst darüber klar zu werden, daß der Name Judenkopf aus dem dem Volke unverständlichen, richtigeren Jütenkopf entstanden ist. Fassen wir den „Kyffhäuser“ auf als von „Kuppe der Asen“ abgeleitet, als uralte Cultusstätte der germanischen Gottheiten des Lichts, so kann es uns nicht wundern, wenn ihm gegenüber, von ihm durch eine tiefe Kluft getrennt, die Kuppe des den Lichtgottheiten feindlichen Geschlechtes der Jötungen (Riesen) sich befindet, die Jöten- oder Jütenkuppe, welche der Volksmund in den Judenkopf umgewandelt hat.

Und wandert man nun, rings vom frischen Buchenwald umgeben, weiter dem freundlichen Soolbade Frankenhausen zu, so trifft man auf halbem Wege auf eine Lichtung, welche ein Jagdschloß des Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt trägt, und nebenbei eine schmucke Wirthschaft, in welcher man die Bedürfnisse des Magens sehr wohl befriedigen kann. Das Volk nennt diese Lichtung das Rathsfeld, obwohl es sich nicht zu erinnern weiß, daß der Platz jemals als Rathsstätte gedient habe: und das Wort hat denn auch wirklich mit dem Rathe ebenso wenig gemein, wie der gastliche Rathsberg bei der Universitätsstadt Erlangen, es würde richtiger Rodsfeld – das baierische Rodsberg – heißen, da es sich in seinem ersten Bestandtheile von roden, abroden herleitet, also in der Bedeutung mit dem Schweizer Rütli übereinstimmt.

Denken wir an Wiesendangen bei Winterthur, Wiesensteig bei Ulm und gar Wiesenthau bei Forchheim – eine wonnige Frühlingslandschaft zaubern diese Benennungen vor unser Auge; freilich verschwinden die schönen Bilder, wenn wir uns der ursprünglichen Namen Wisuntwanga, Wisontessteiga, Wisentouwa erinnern, welche heute mit Feld, Steig und Aue des Wisentochsen wiederzugeben sind. Und nun vollends das allerdings gar nicht poetische Katzenellenbogen, welches aus dem lateinischen Worte Cattimelibocus entstanden ist, gewährt es nicht einen trefflichen Einblick in das Wirken und Schaffen des Volkes in der eigenen Sprache? Für das fremde unverständliche Wort wurde ein lautlich nahe liegendes gesetzt und hat sich in seiner Gestalt und in seinem Inhalte bis heute in unveränderter Gunst namentlich der lieben Jugend erhalten. Und wenn man behauptete, daß selbst der Kanzler des deutschen Reiches, der große Einiger desselben, in der Ableitung seines Namens irrend denselben unrichtig schreibt? Wir leiten seinen Namen vom Orte Bismark her, der das Grenzstück (marc) eines Bisthums war, und wie nun aus Bischofsthum Bisthum wurde, so auch aus Bischofsmark Bismark.

Mit Erwähnung unseres eisernen Kanzlers sind wir den Personennamen nahe getreten, um auch unter ihnen einige wenige aufzusuchen, die in Folge einer sprachlichen Irrung des Volkes in der Bedeutung von ihrem ursprünglichen Sinne abgewichen sind.

Da giebt es einen Weinreich (Winrich), einen Weinhold (Wineholde), welcher allen deutschen Frauen recht bekannt sein sollte;[3] beide Namen sind mit Anlehnung an „Wein“ aus dem alten wine = lieb, theuer hervorgegangen; da begegnen wir einem Rothmann, der sich nicht von roth ableiten darf, sondern von dem altdeutschen hrôd (Ruhm), wie es auch in den Namen Roderich, Rüdeger, Rudolf, Ruprecht oder Robert steckt. In dem Namen Leopold, altdeutsch Liutpolt (kühner Volksheld), hat sich das lateinische leo breit gemacht und ist vom Volke mit offenen Armen aufgenommen. Glaubrecht und Liebrecht scheinen dem Volke Befehlsformen zu sein und haben doch in ihren ersten Bestandtheilen die altdeutschen Worte „glau“ einsichtsvoll und „liut“ Volk, welche mit der in altdeutschen Namen so häufig sich findenden Silbe „bercht“, „brecht“ oder „bert“, das heißt „glänzend“ zusammengesetzt sind. Die Familie Wohlfahrt würde sich richtiger Ableitung folgend mit gänzlich anderem Sinne Wolfhart schreiben, und wenn ein moderner Armin seinen aus dem unseres Nationalhelden verunstalteten Vornamen Herrmann schreiben würde, wie es bisweilen Vorkommen soll, so würde er durch diese Schreibart bezeugen, daß er der eitlen Ableitung des Wortes von Herr-Mann huldigt, anstatt von der richtigen „hari“ (Heer) und „man“ überzeugt zu sein. Sehr bekannt sind ferner Namen wie Lämmerzahl, Mäusezahl, Voszal (niederdeutsch vos gleich Fuchs), Weibezahl, dessen erstes Bildungsglied „weiben“ gleich schwanken, wedeln ist; zagelweiben heißt mit dem Schweife wedeln. Alle diese Personennamen dünken dem Volke in ihrem letzten Bestandtheile die Zahl zu enthalten, während das darin liegende Wort Zagel (englisch tail) gleich Schweif ist.

Was persönliche Begriffe betrifft, wer kennt nicht Goethe’s Erlkönig, wer aber denkt nicht auch bei Aussprache dieses Wortes zunächst an den Erlenbaum? Der Name heißt im Dänischen elvekonge und elverkonge, das heißt Elfenkönig, wurde dann nach Aehnlichmachung der Consonanten ellerkonge und auf diesem Wege, da Eller gleichbedeutend mit Erle ist, zu unserm Erlkönig. Eine ähnliche Spukerscheinung ist das sogenannte wüthende Heer, von dessen Zuge durch die Lüfte namentlich der leichtgläubige Bewohner der Berge und der Wälder Süddeutschlands immer noch fest überzeugt ist und das gar mancher wackere Schwabe gesehen zu haben vermeint; er nennt es aber nicht wie wir „das wüthende“, sondern des „Wuotes Heer“, und hat sich so die richtige Ableitung unseres volksirrthümlich gebildeten „wüthenden Heeres“ erhalten. Wer Julius Wolff’s „Wilden Jäger“ gelesen hat, weiß, daß auch er (Seite 107) den germanischen Allvater zum Führer des Geisterzuges, „des Wotansheeres“ macht.

Was nennst du alles „Schwager“? Erstens das bekannte verwandtschaftlich dir nahestehende männliche Wesen, dessen Benennung, altdeutsch „sweher“, einen uralten Wortstamm darbietet, ferner ein an deinem Körper befindliches Geschwür, dessen Scherzname Schwager aus dem altdeutschen [640] „swere“, „swer“ entstanden ist, und endlich – erinnere dich, wie in Lenau’s prächtigem „Postillon“

„Schwager ritt auf seiner Bahn
Stiller jetzt und trüber“ –

gar den wackeren Rosselenker der Post. Weshalb giebst du auch ihm die vertrauliche Benennung; fällt dir dabei ein, daß dieser Schwager seine Entstehung einer Entstellung des französischen chevalier verdankt? Und wenn du mit der Post zu reisen entschlossen bist und eine größere Anzahl von Gepäckstücken mit aufgiebst, so kann es sich ereignen, daß der Postkasten all das vorhandene Gepäck nicht faßt; in diesem Falle hilft sich dein biderber Schwager leichtlich, indem er das noch vorhandene Gepäck oben auf dem Postwagen anbringt und zur Sicherheit der Kisten und Kasten die „Wäsche“ darüber zieht. Bisweilen benennt er wohl auch, poetisch das Ganze für einen Theil einsetzend, die ganze Oberfläche des Wagens mit dem angeführten Namen, und du wirst schwerlich gleich darauf verfallen, diese „Wäsche“ von dem französischen Worte la vache abzuleiten, welches bekanntlich nicht nur die Kuh, sondern auch die Kuhhaut bezeichnet, eben die Kuhhaut, welche dein treuer Wagenlenker über die genannten Kisten und Kasten deckt. Unter den vielen Worten, welche aus dem um Ausbildung des postalischen Verkehrs verdienten Frankreich von uns herübergenommen sind und unter denen erst unseres deutschen Postmeisters sprachreinigende Thätigkeit aufgeräumt hat, befindet sich also auch eine Kuhhaut. –

Wir sprechen wohl von einem Budiker und unsere Schreibung begünstigt die Volksableitung seines Namens, von der Bude – die doch richtig nur auf das altdeutsche Wort búwen, bauen, zurückzuführen ist – indeß seine Budike ist ursprünglich das griechische Wort apotheke, welches durchaus nicht eine Apotheke in unserem Sinne, sondern eine Art Vorrathskammer bezeichnete; im Italienischen wurde dieses Wort schon mit der Bedeutung Bude zu bottega, französisch boutique, und gab so dem Inhaber einer boutique den Namen Budiker. Wenn besagter Budiker begeisterter Anhänger des Cölibates ist, so wird er voraussichtlich wohl Hagestolz bleiben und uns in dieser Gestalt wieder eine sehr anziehende Ableitung gewähren. Mit dem Stolze hat das Wort nichts zu thun – man soll auch gar keinen Stolz darein setzen, der göttlichen Ansicht, „daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist“, zuwider zu handeln –, sondern es findet seine Ableitung in den beiden Grundworten hac (Hag) und staldan (besitzen), bezeichnet also einen Hagbesitzer der Art, wie sie vor der Uebersiedelung der Angeln und Sachsen nach England im Sachsenlande in größerer Anzahl vorhanden waren.

Ein hagastalt war des hofbesitzenden Vaters jüngerer Sohn, welcher, da nach germanischem Recht nur der älteste Sohn den Hof erbte, mit einem kleinen eingefriedigten Ackerstücke (hac) abgefunden wurde, dessen Geringfügigkeit ihm nicht die Möglichkeit gewährst, einen eigenen Haushalt zu gründen, sondern ihn seine Blicke nach der Hand reicher Erbinnen richten ließ. War er so glücklich, seine Bewerbungen von Erfolg gekrönt zu sehen, so hörte natürlich sein Hagastaltenthum auf, blieben seine Bemühungen ohne Erfolg, so kam es oft vor, daß er auch sein kleines Grundstück noch gegen geringes Entgelt der Bewirthschaftung des ältesten Bruders überließ und in die Reihe der Krieger eintrat, daher denn auch hagastalt häufig geradezu durch Krieger wiederzugeben ist. Die heutige Färbung des Wortes, welches ja fast nur von alten Junggesellen gebraucht wird, lag in jener Zeit auch noch nicht darin.

Ein anderes urgermanisches Wort ist Vormund, bei dessen Ableitung das Volk sehr irriger Weise an den Mund denkt, der für einen andern redet. Wir betreten hier den Boden des Rechts; munt, lateinisch mundium, ist das gesetzliche Recht des Vaters über seine ganze Familie, womit denn auch Waffenschutz und Vertretung vor Gericht verbunden war, wie ja das Letztere noch heute zu den Obliegenheiten unseres Vormundes gehört. Fast bis zur unumschränkten Gewalt ausgedehnt ist die Mundschaft des Vaters über die Tochter; aus seinen Händen mußte diese Mundschaft über das Mädchen von dem gekauft werden, welcher es zu ehelichen begehrte.

„Das Verfügungsrecht über die Hand des Weibes von Seiten desjenigen, der die Mundschaft hat, ist altgermanisch. Der Vormund – also der, welcher das mundium hat – durfte es vermählen, wem er wollte, ohne auf seine Neigung und Einwilligung Rücksicht zu nehmen.“[4] Vielleicht darf man auch darin einen Beweis dafür suchen, daß man Unrecht hat, von einer allzu großen Achtung der alten Germanen ihren Frauen gegenüber zu reden. Auch ihnen hat erst das Christenthum die volle Achtung vor dem Weibe, die Anerkennung desselben als Lebensgenossin gebracht.

Das Mädchen wurde also vom Bräutigam gekauft, und der Preis, den er für dasselbe zahlte und der gemeiniglich in Vieh oder Waffen bestand, hieß der muntscaz, das heißt Mundschatz. Auf diese Art wurde die Tochter von der angeborenen Mundschaft des Vaters frei gemacht, im eigentlichen, heute meist nicht mehr verstandenen Sinne, gefreit und trat dann unter das Mundium des Gatten, der sie nun seinerseits lieb haben, achten, oder einem andern Manne verschenken, verkaufen, ja an einen andern verspielen konnte, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen werden zu können.

Dasselbe Wort Mund scheint mir auch in unserem Sprüchworte: „Morgenstunde hat Gold im Munde“, zu liegen, welches denn nach unserem Sinne eine Morgenstunde bezeichnen würde, die über Kostbares zu verfügen, und bei welchem man wohl kaum an einen Mund der Morgenstunde zu denken hat, wie der unvermeidliche Berliner Schusterjunge, welcher seinem zornigen, ihn mit diesem Sprüchworte zum Frühaufstehen mahnenden Meister mit tragikomischen Gefühlen erwiderte: „Ach, wenn sie es man mal ausspucken wollte!“
Dr. Söhns.




Blätter und Blüthen.

Phantome. An den Schaufenstern der Spielwaarenhandlungen erblickt man seit einiger Zeit unter obiger Bezeichnung Portraits bekannter Persönlichkeiten, bei denen in groben Umrissen die Schattenstellen weiß und die Lichtstellen schwarz ausgeführt sind; weshalb sie auf’s Haar den Vorlagen zu den bekannten „Schattenportraits“ gleichen, bei denen die schwarzen Stellen herausgeschnitten werden sollen. Sie sind indessen bestimmt, so wie sie vorliegen, einer optischen Spielerei zu dienen, die darin besteht, daß man zunächst einige Secunden lang mit beiden Augen ein auf der Mitte des Blattes angebrachtes schwarzes Kreuzchen zu fixiren hat, um hernach, sobald man die Augen von dem Negativportrait auf eine im Schatten liegende weiße Wand richtet, dort das vergrößerte Positivportrait schweben zu sehen, dessen matte Umrisse sich bald wie ein Phantom in Nichts auflösen. Es ist ein sogenanntes „Nachbild“, welches durch die vorübergehende Ermüdung der betreffenden Netzhautstellen, auf welchen sich die helleren Theile des Bildes abzeichneten, hervorgebracht wird, und das kleine zu fixirende Kreuzchen dient nur dazu, die Augen für eine kurze Weile derartig fest einzustellen, daß dauernd dieselben Netzhautpartien von den helleren und dunkleren Theilen getroffen werden.

Da auf den Plakaten, welche der „neuen Erfindung“ beigegeben werden, eine bestimmte Person als Erfinder genannt wird, so wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß schon im Jahre 1865 Dr. A. Refell ähnliche, nur viel schönere und in gleicher Weise mit einem Kreuzchen versehene Phantomerregungsbilder mit wissenschaftlicher Erläuterung in Buchform unter dem Titel „Trugbilder“ (Stuttgart, Rieger’sche Verlagsbuchhandlung) veröffentlicht hat, die insofern viel interessantere Wirkungen geben, als sie meist in lebhaften Farben ausgeführt sind. Man kann bekanntlich die Netzhaut ebenso für bestimmte Farben, wie für Licht überhaupt, ermüden, und das Auge erblickt dann die Ergänzungsfarben derselben, wie ein Jeder dies von den grünen Flecken weiß, die er nach dem Anstarren der untergehenden röthlichen Sonne erblickte. Auf den Farbentafeln des genannten Buches findet man z. B. einen goldgelben schwebenden Genius mit rothem Kranz, dessen Nachbild einen lichtblauen Genius mit grünem Kranze ergiebt. Ein grasgrüner Amor mit blauem Bogen verwandelt sich in einen röthlichen Amor mit goldenem Bogen, ein schwarzer Schimmelreiter in einen weißen Rappenreiter etc. Die Krone dieser Täuschungen wird jedoch durch einen in sehr grellen Farben (umgekehrter Reihenfolge) gemalten Regenbogen hervorgebracht, der sich überaus täuschend aus der Wand reproducirt und schöner, als es durch den Pinsel möglich wäre, in ein großes Landschaftsgemälde hineingeworfen werden könnte. Uebrigens hat diese Spielerei auch ihre bedenkliche Seite und darf keinenfalls von derselben Person lange fortgesetzt werden. Eine kurze Unterhaltung damit ist indessen sehr lehrreich und darf als völlig unbedenklich angesehen werden.

C. St.




Kleiner Briefkasten.

B. G. in D. Deutsches Forstwaisenhaus. Die Quittung über die für diesen wohlthätigen Zweck der „Gartenlaube“ ferner eingesandten Gaben wird in einer der nächsten Nummern unserer Zeitschrift erscheinen. – Nach einer Mittheilung der Berliner Zeitung „St. Hubertus“ beträgt der an der Centralsammelstelle bis jetzt eingegangene Fonds 18,600 Mark. Wir sind gern bereit, auch die kleinsten Gaben für das „deutsche Forstwaisenhaus“ anzunehmen und über dieselben zu quittiren, bitten Sie also, Ihren Beitrag schleunigst an die Adresse: „Verlagsbuchhandlung Ernst Keil in Leipzig“ senden zu wollen.

Abonnent aus St. Petersburg. Wie oft sollen wir noch die Bitte wiederholen, keine anonymen Anfragen an uns zu richten! Hätten Sie Ihrem Schreiben Ihren Namen mit genauer Adresse beigefügt, so konnten wir Ihnen sofort brieflich antworten; die Angelegenheit eignet sich für den „Briefkasten“ nicht. Geben Sie uns also Ihre Adresse an.

R. Th. in P. Schwindel!

H. Z. in F. Einen Artikel über Iwan Turgenjew finden Sie im Jahrgang 1881 der „Gartenlaube“ S. 578.

K. L. in Darmstadt. Ungeeignet!

L. G. in Straßburg i. E. An das Kriegsministerium.




Inhalt: Ueber Klippen. Von Friedrich Friedrich (Schluß). S. 526. – Germania am Rhein. Zur Einweihung des National-Denkmals auf dem Niederwald. Gedicht von Emil Rittershaus. S. 628. – Magda Irschick. Von Rudolf von Gottschall. S. 630. Mit Illustration. S. 629. – Die gewerblichen Anwendungen der flüssigen Kohlensäure. Von Carus Sterne. S. 631. Mit Illustration S. 633. – Das National-Denkmal auf dem Niederwald. Von Ferdinand Hey’l. 2. Ausführung und Vollendung. S. 635. Mit Illustration. S. 636 und 637 und Portrait von Johannes Schilling. S. 632. – Volks-Irrungen in der Sprache. Von Dr. Söhns. S. 639. – Blätter und Blüthen: Phantome. – Kleiner Briefkasten. S. 640.



Für die Redaction bestimmte Sendungen sind nur zu adressiren: „An die Redaction der Gartenlaube, Verlagsbuchhandlung Ernst Keil in Leipzig“.

Unter Verantwortlichkeit von Dr. Friedrich Hofmann in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Vergl. Andersen: „Deutsche Volksmythologie“.
  2. Vergl. „Die Sage vom Kaiser Friedrich im Kyffhäuser“, von Dr. Ernst Koch. Grimma.
  3. Karl Weinhold: „Die deutschen Frauen im Mittelalter“. Wien.
  4. Götzinger: „Reallexicon deutscher Alterthümer.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vergl. wirklich: Karl Gustav Andresen: Über deutsche Volksetymologie. Heilbronn, Gebr. Henninger, 1876.