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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1875
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1875) 797.jpg
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[797]

No. 48.   1875.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennige. – In Heften à 50 Pfennige.



Der Doppelgänger.
Erzählung von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)


Englisches Gold! Das brachte eine Ideenverbindung hervor, in der etwas wie eine Aufklärung lag. Das englische Gold war damals überall da, wo es sich um Anstrengungen und Agitationen wider die französische Macht handelte; englisches Gold war wie das Blut, das durch die Adern der allgemeinen Empörung pulsirte, die sich gegen den großen Verderber erhoben hatte, und so war der Fremde vielleicht auch eines der Werkzeuge des großen Weltkampfes, ein Werkzeug, das sich noch verborgen hielt, vielleicht im Verborgenen wirken, vielleicht auch eine bestimmte Stunde abwarten sollte, bis die Zeit des Wirkens da war.

Das waren die Gedanken, welche in Prinzessin Elisabeth aufstiegen, als die Meyerin ihr von dem englischen Golde sagte, obwohl es dann wieder sehr räthselhaft wurde, wie der Fremde in Spanien mit dem Anerben dieses Hofes zusammengetroffen sein konnte, der doch dort unter französischen Fahnen diente.

„Hat er Euch nichts von Eurem Sohne erzählt,“ fragte sie deshalb, „wie und wo er mit diesem zusammengekommen?“

Die Meyerin schüttelte den Kopf. „Der Meyer,“ antwortete sie, „sagt, er habe ihm wohl allerlei erzählt, wie sie in einer Stadt zusammen im Quartiere gelegen, in einem Platze, wo die Engländer die Herren gewesen und wo sie unseren Anton als Gefangenen gehabt, den sie doch nachher den Franzosen wieder herausgegeben, aber weiter habe ich nicht viel davon begreifen können, und der Meyer wohl auch nicht. Aber meiner Seele, das ist ja der Herr selbst, der dort über die Laufbrücke kommt!

Die Prinzessin schaute auf; sie sah in der That den Fremden über die schmale Holzbrücke herankommen, welche drüben an der anderen Seite des Hauses über den Fluß führte; er ging langsam, die Hände auf dem Rücken, die Blicke nachdenklich auf den Boden gerichtet. Als er dann, sein Haupt wie zufällig erhebend, die Prinzessin wahrnahm, richtete er seine Schritte geradenwegs auf sie zu, ohne die letzteren doch im geringsten zu beeilen oder zu verlangsamen.

Die Prinzessin fühlte, daß sich ihre Farbe ein wenig veränderte, als sie den Mann, mit dem sich ihre Gedanken so viel beschäftigt hatten, jetzt unerwartet vor sich treten sah, und das Gefühl, daß sie erröthete, nahm ihr etwas von ihrer sonst nicht leicht zu erschütternden Unbefangenheit. Dazu kam, daß er seine unter den breiten Lidern halbverschleierten Blicke mit nichts weniger als dem Ausdrucke großer Ehrfurcht, sondern ganz keck und verwegen und so wenig demüthig auf ihr ruhen ließ, als ob er eine von des Meyers Hofmägden vor sich sehe.

Er zog seinen Hut jedoch mit einer sehr galanten weltmännischen Verbeugung und ließ sich ruhig auf den Stuhl, den die Meyerin ihm hinstellte, nieder, indem er sagte:

„Ich bin sehr glücklich Sie zu sehen, Durchlaucht; wie glücklich, das kann ich Ihnen freilich nicht deutlich machen; dazu müßten Sie, wie ich, den ganzen Tag Geschichte studirt und mit Ihren Gedanken sich in eine todte Welt eingewühlt haben, um dann, aus diesem Versunkensein erwachend, die grauenhafte Leere Ihrer Gegenwart, der stillen Kötterwelt um Sie her, zu fühlen. Dann erst würden Sie das Gefühl verstehen können, mit dem ich hier ein Stück lebendigen, reizenden Lebens finde, das nun plötzlich alle Schatten der Vergangenheit vor einer einzigen Gestalt der Gegenwart die Flucht ergreifen läßt. Seien Sie gesegnet dafür, obwohl Sie gewiß nicht mit solcher Absicht herkamen!“

„Nein,“ versetzte die Prinzessin lächelnd, „ich kam nicht mit der Absicht her, solch metaphysische Complimente zu ernten, auch nicht in der Erwartung, Jemand in unserer bewegten Zeit von der ‚Leerheit unserer Gegenwart‘ reden zu hören …“

„Davon redete ich nicht; ich sprach von der grauenhaften, gottverlassenen Leere der Welt um mich her und verstand darunter nicht die Gegenwart überhaupt, sondern zunächst nur den Bering einer ärmlichen Kötterei, in welcher ich lebe.“

„Hindert Sie etwas diesen Bering zu verlassen und für die Gegenwart zu leben, da, wo sie eben aller männlichen Kräfte zu ihren Kämpfen bedarf?“

„Es muß wohl so sein, Durchlaucht,“ versetzte er leise mit dem Kopfe nickend. Und dann nach einer Pause setzte er hinzu: „Ich bin sehr lange im Kriege gewesen; ich habe den Krieg in seiner herzzerreißendsten Gestalt kennen gelernt; ich war in Spanien und habe dort Monate lang die heißesten aufreibendsten Kämpfe mit den Guerillas durchfechten helfen müssen; ich habe Scheußlichkeiten angesehen, bin durch Blutlachen gewatet, habe mich durch Feuer und Flammen schlagen müssen – das war endlich nicht mehr auszuhalten; ich gerieth in einen Zustand von innerem Elend, von Empörung über dieses Leben, das ich zu führen gezwungen war, und nahm es als eine wohlthätige Erlösung auf, als ich endlich wegen eines Subordinationsvergehens –“

„Sie hatten Ihren Cameraden durch den Kopf geschossen, [798] wie Sie neulich erzählten,“ fiel die Prinzessin mit einem halb ernsten, halb ironischen und Zweifel ausdrückenden Tone, ein, „war es Das?“

„Richtig! Das war es, und Das rettete mich aus einer ganz unerträglichen Lage. Weil ich ein Deutscher war, dem sie schon nicht mehr recht trauten, erwiesen mir nämlich die Franzosen, unter denen ich diente, die Wohlthat, die Sache ungewöhnlich ernst zu nehmen und mich vor ein Kriegsgericht zu stellen, das mich zum Füsilirtwerden verurtheilte?“

„Ich bitte Sie – das ist ja schrecklich.“

„Es ist so. Füsilirt ohne Appell und Gnade. Das Urtheil mußte vom Divisionsgenerale bestätigt werden, und weil der Divisionsgeneral eben entfernt und vor dem Feinde beschäftigt war, habe ich zwei Tage als Verurtheilter warten müssen, bis diese Bestätigung herbeigeholt war. Zwei Tage lang. Haben Sie eine Ahnung davon, was Das sagen will? Zwei Tage, während welcher man keinen Schritt sich nahen hören kann, ohne zu erwarten, daß es der des Mannes ist, der eintreten wird, um zu sagen: ‚Komm! Der Augenblick ist da!‘ Zwei Tage! Und dann, o, die Nächte! die Nächte!“

Der Fremde fuhr mit der Hand über sein sprechendes Gesicht, das mit seinem wechselnden Ausdrucke beim Reden etwas eigenthümlich Anziehendes erhielt; es schien, als ob er die verschleierten Augen schließen wolle vor den Schatten der grauenhaften Erinnerung, welche er heraufbeschworen hatte.

„Mein Gott,“ sagte die Prinzessin tief athmend und furchtbar erschüttert, „zwei Tage lang, zum Tode verurtheilt, auf den Augenblick des Todes warten zu müssen – wie ist es möglich, das auszuhalten – wie können Menschen einander solche Qualen auferlegen?!“

„Daß es möglich ist, es auszuhalten, sehen Sie an mir, Durchlaucht; denn ich lebe noch; ich wandle wirklich noch im Fleische umher, wenn ich nicht irre; denn zuweilen kommt es mir vor, als irre ich, als gehöre ich der Welt, die mich umgiebt, dieser mir völlig fremden Welt, diesen ganz fremden Leuten, unter denen ich umhergehe, und diesen ganz fremden Interessen, für die sie existiren, durchaus nicht mehr an, als sei ich eigentlich ein Todter, aber ein verirrter, der den Weg in’s Jenseits, die Thür in die andere Welt nicht habe finden können, und laufe ich nun so ziellos umher, um nächstens vielleicht als Stellvertreter für den ewigen Juden eingestellt zu werden.“

„Aber erzählen Sie doch weiter! Was ward daraus? Wie wurden Sie gerettet?“ fiel die Prinzessin ein.

„Wie ich gerettet wurde? Wunderlich genug! Die Bestätigung des Todesurtheils kam gegen Abend an. Es sollte noch in derselben Stunde ausgeführt werden. Ich wurde aus dem Kerker geführt, die Hände auf den Rücken gebunden, den unerläßlichen Kapuziner neben mir; vor dem Gebäude marschirte das Detachement auf, welches mich escortiren und draußen vor der Stadt in die andere Welt befördern sollte. Während es sich in Marsch setzte und wir durch die engen, schon dämmernden Gassen der kleinen spanischen Stadt schritten, vernahm ich in der Ferne Flintenschüsse; man achtete nicht darauf; dann aber vermehrten sich die Schüsse. Sie kamen von der Seite her, nach welcher wir marschirten. Der commandirende Officier ließ die Truppe ihren Marsch beschleunigen. Wir passirten das enge Stadtthor; wir betraten bereits den Anger vor dem Thore, auf welchem ich den Hügel Erde erblickte, der aus meinem Grabe aufgeworfen war – da ertönte plötzlich hinter uns, im Innern der Stadt, der Generalmarsch und zugleich erneutes Schießen, als ob die Stadt irgendwo von einer entgegengesetzten Seite angegriffen würde. Mein Detachement setzt sich in heftige Bewegung, um sich rasch meiner zu entledigen und ein Ende mit mir zu machen; schon commandirt der Officier ‚Halt?‘ – da plötzlich fällt vor uns ein Schuß; auf dem mit verbranntem Gras bedeckten Höhenkamme, der den Anger begrenzt, tauchen Männer und zugleich vor und zwischen ihnen blaue Rauchwölkchen auf; sie vermehren sich – es sind Guerillas, die, mit anderen Trupps combinirt, einen Angriff auf die Stadt machen und sie durch einen Ueberfall zu nehmen versuchen. Unser Officier, in seiner Ueberraschung, verliert den Kopf; er befiehlt, vorzugehen auf die angreifenden und sich jetzt den Hügel herunterstürzenden Banden, sieht, daß diese Banden sehr stark über den Höhenkamm heranfluthen, wendet sich, will den Rückzug commandiren, erblickt jedoch seine Leute bereits im vollen Laufe dem Stadtthore zu, um sich hinter demselben zu retten. Niemand kümmert sich dabei um mich, auch bin ich sehr bald von den Guerillas umringt, angeschrieen und zum Gefangenen gemacht. Als ich dann erkläre, ich sei ein eingefangener Engländer und habe, weil man mich für einen Spion gehalten, erschossen werden sollen, überläßt man mich mir selber und ich säume natürlich nicht, mich aus dem Staube zu machen. Nachdem ich die Nacht durchwandert, gelingt es mir, ein englisches Corps zu erreichen, dem ich mich als geborenen Deutschen und französischen Officier; mit der Angabe vorstelle, daß ich den Ueberfall durch die Guerillas benutzt, um auszureißen. Sie müssen wissen, daß es eben häufig vorkam, daß Deutsche aus den Reihen des französischen Heeres sich zu den Engländern flüchteten. Als ich bei diesem Corps verweilte, stieß ich auf einige den Franzosen bei einer ganz frischen Affaire abgejagte Gefangene. Es war darunter ein Mann aus dieser Gegend, der früher in meiner Compagnie gestanden und der mir sehr zugethan war – der Sohn des Meyers; da ich ihm sagte, daß ich über England hierher reisen wolle, gab er mir die Empfehlung an seinen Vater mit …“

„Ist er denn Gefangener?“

„Nicht mehr. Er wurde nach wenigen Tagen bereits, als ein Gefangenenaustausch stattfand, umgewechselt.“

„Und Sie?“

„Ich reiste nach einigen Wochen, sobald es mir gelungen war, mir Geld zu verschaffen, das ich aus Deutschland über England kommen lassen mußte, nach England und von dort nach einem deutschen Hafen.“

„Und dort drängte es Sie nicht, in die Reihen Derer einzutreten, welche eben für Deutschland kämpfen?“

„Nein – ich mag nicht mehr Soldat sein. Ich kann es nicht mehr. Begreifen Sie es nicht?“

„Gewiß! Aber nun haben Sie sich unter falschem Namen hierher gewagt, denn der richtige würde Sie immer, wenn die französischen Behörden Sie hier fänden, in große Gefahr bringen.“

„Unter falschem Namen?“

„Nun, sicherlich – der Name, den Sie sich beilegten, ist doch nicht der Ihre? Er gehört einem Andern – das wissen Sie doch? Nehmen Sie sich deshalb in Acht! Man könnte Sie zur Rechenschaft ziehen.“

„Freilich, man könnte das.“

„Nun ja, glauben Sie, Herr von Uffeln sei in sein eben gefundenes Gut, in seine neue Herrlichkeit und in das Liebesleben, das sich für ihn daran geknüpft hat, so versunken …“

„Ein Liebesleben?“

„Man sagt ja, daß er Fräulein Adelheid von Mansdorf heirathen wird.“

„Sagt man das?“

„Freilich – und es ist ja auch so natürlich, daß hier die Hände, wie die Interessen sich verknüpfen.“

„Das ist es,“ versetzte der Fremde und verfiel dabei in ein dumpfes Brüten.

„Worüber denken Sie nach?“

Er fuhr, wie erwachend, mit der Hand über die Stirn und sagte:

„Reden wir von anderen Dingen! – Was führt Sie hierher, Durchlaucht? Die Liebe zu diesen schönen alten Bäumen? Sie haben Recht, daß Sie ihnen Ihre Liebe zuwenden.“

„Sie erwidern sie nur nicht.“

„Es ist glücklicher Menschen Loos, zu lieben, ohne Erwiderung zu finden.“

„Glücklicher? Wie paradox!“

„Und doch wahr. Eine erwiderte Liebe, die auf dem alltäglichen Wege zur hausbackenen Ehe führt, geht sehr bald im Philisterthume unter; der Duft, die Poesie verflüchtigt sich da, und das Gemüth kommt gar nicht dazu, die Blume des Lebens sich entwickeln, entknospen, aufblühen zu lassen – die eigentliche Blume des Lebens, die Leidenschaft. Sind das nicht unglückliche Menschen, die, ohne je die Leidenschaft kennen zu lernen, durchs Leben gehen, träumend, schlummernd? Nur wer so glücklich ist, unerwidert zu lieben, der lernt sie kennen, der erfährt etwas vom Dämonischen der [799] Existenz, dem reißt das Leiden alle dunkeln verborgenen Ströme des Innern auf, der erkennt des Menschenthums ganzen Umfang, seine ganze Tiefe. Ist er deshalb nicht glücklich zu schätzen?“

Die Prinzessin schüttelte, verwundert über solche Ansichten, nachdenklich den Kopf. Nach einer Pause sagte sie lächelnd:

„Dann hatten Sie freilich Recht, sich bei Ihrer Liebe gründlich vor einer Erwiderung sicher zu stellen.“

„Bei meiner Liebe? Ach, ich erinnere mich, was ich Ihnen damals sagte – wie war es doch?“

„Wie, Sie hätten Ihre arme Nonne schon vergessen? So muß diese Leidenschaft keine sehr große gewesen sein.“

„Vielleicht,“ entgegnete der Fremde, mit einem feinen, bedeutungsvollen Lächeln die Prinzessin träumerisch anblickend, „ist sie verdrängt durch eine neue, größere.“

Die Prinzessin erröthete und stand auf. Das war zu viel der Unbefangenheit, der Offenheit, falls es das war, oder der Keckheit ihr gegenüber. Ihr durchlauchtiges Blut empörte sich über so viel Verwegenheit. Sie sprach noch ein paar Worte zu der Meyerin, die während der ganzen Unterhaltung als stumme Zuhörerin dagesessen hatte; sie reichte dann dieser die Hand, trug ihr Grüße an den Meyer Jochmaring auf, winkte ihre Marianne herbei und ging – ging davon, ohne den verwegenen Mann, der sie so beleidigt hatte, auch nur noch eines Blickes zu würdigen.

Dieser blickte ihr nach, sinnend, ruhig, ernst und mit einem leisen Lächeln, das um seine Mundwinkel spielte. Dann wandte auch er sich zum Gehen, er ging, nachdem er der Meyerin die Hand gegeben, schweigend fort.

Die Prinzessin schritt sehr rasch ihres Weges. Sie war offenbar in hohem Grade erregt. Marianne, die einige Male ein Gespräch zu beginnen versuchte, erhielt keine Antwort.

Endlich, als sie bereits nahe dem Schlosse von Idar waren, sagte die Prinzessin laut und heftig:

„Ich glaube, er ist ein ganz abscheulicher Lügner und lacht nun über mich, weil ich ihn so kindlich gläubig angesehen habe, während er mir das Unmöglichste aufband. Der impertinente Mensch!“

Sie war in einem furchtbaren Zorne gegen ihn. Je mehr sie jetzt über die ihr erzählten Geschichten nachdachte, desto klarer und offenbarer wurde es ihr, daß sie sammt und sonders erdichtet und erlogen seien, daß solche wunderbare Abenteuer, wie er sie gehabt haben wollte, ganz unmöglich sich wirklich zugetragen haben könnten, daß er nur ihrer Leichtgläubigkeit gespottet, und dieser Spott, dieses übermüthige Spielen mit ihr, das sich solch ein unter gestohlenem Namen umherlaufender, vor der Obrigkeit sich verbergender Mensch, der irgend ein Verbrechen begangen haben mußte, erlaubt hatte – das empörte sie grenzenlos.

Und was sie innerlich noch obendrein kränkte, das war ihr eigenes Benehmen. Es kam ihr vor, als habe sie ihm viel zu viel Ehre damit angethan, daß sie ihm ihr Beleidigtsein gezeigt; sie hätte seine letzten Worte gar nicht verstehen müssen. Das allein wäre ihrer würdig gewesen. Sie machte sich bittere Vorwürfe, daß sie sich so tactlos benommen!




5.

Unterdessen hatte sich Herr Ulrich Gerhard mit seiner ruhigen Anspruchslosigkeit wie ein Mitglied der Familie auf Haus Wilstorp eingewöhnt und eingelebt. Er stopfte Herrn von Mansdorf die Pfeifen und trank mit ihm; er hörte Frau von Mansdorf mit der gewinnendsten Aufmerksamkeit an, wenn diese ihm die ganz außerordentlich schwer zu begreifende Verwandtschaft zwischen denen von Uffeln und denen von Mansdorf auseinander setzte und ihn in die übrigen genealogischen Verhältnisse der Gegend und namentlich auch die des Fürstenhauses zu Idar einweihte. Fräulein Adelheid aber machte er mit einer gewissen schüchternen Befangenheit den Hof, obwohl ihm diese von Allen das wenigste Entgegenkommen zeigte. So offenherzig und liebenswürdig Fräulein Adelheid gegen Jedermann war, so auffallend war es, daß sie diese gewinnenden Eigenschaften dem Lehnsvetter am wenigsten zeigte und ihn mit einer Kühlheit zu behandeln begann, welche den liebenswürdigen Charakter dieses jungen Mannes nur noch in einem schöneren Lichte zeigte, da er sich durch eine persönliche Empfindlichkeit, die bei solcher Behandlung so natürlich gewesen wäre, nicht im Geringsten in der treuen Verehrung stören ließ, die er gleichmäßig fortfuhr ihr zu widmen. Uebrigens mochte, wenn Adelheid sich ungewöhnlich ablehnend und unfreundlich gegen ihn benahm, dies auch mit ihrem körperlichen Zustande zusammenhängen, der sich offenbar nicht gebessert hatte; sie sah angegriffen aus und klagte oft über Ermüdung und Kopfschmerz – ein Zustand, der doch ihrer Mutter keinerlei Sorge einzuflößen schien, denn diese sagte mit strenger Miene nichts dazu als:

„Es wird schon vorübergehen, wie es oft vorübergegangen ist. Nach Doctor Günther darum zu senden, ist durchaus nicht nöthig. Ich will den Doctor nicht ewig mehr im Hause sehen; wir werden uns jetzt schon selbst helfen können. Dank der Güte des Vetters Uffeln, welcher uns seinen ganzen noch auf dem Gerichte liegenden Antheil an den Holzschlaggeldern, und was ihm sonst nachzuzahlen ist, zur Disposition gestellt hat, werden wir für den Winter in den Süden gehen – das wird Dich gründlich curiren.“

Adelheid mußte sich nicht so zuversichtlicher Hoffnung über die Heilkraft eines Winters im Süden hingeben, denn als die Mutter sie verlassen hatte, schoß ihr ein Strom von bitteren Thränen in die Augen und tröpfelte über ihre bleich gewordenen Wangen.

Es war offenbar so, wie Prinzessin Elisabeth gesagt: das bereits umlaufende Gerücht von einer Verbindung der Hände wie der Interessen auf Hans Wilstorp hatte seinen guten Grund; denn Frau von Mansdorf war sehr entschlossen, eine solche Verbindung durchzusetzen. Und so hatte sich für Adelheid die Ankunft des Lehnsvetters durchaus nicht zu dem freudigen Ereigniß gestaltet, das sie für alle Anderen war.

Für alle Anderen sagen wir und müssen doch noch eine zweite Ausnahme machen – die eines zierlich gebauten jungen Mannes mit feinen klugen Zügen und schöngelocktem dunklem Haar, der, während Adelheid so im Stillen Thränen vergoß, in dem Arbeitszimmer des Justitiars Plümer saß und in der vornehmen Anmuth, die über seine ganze Persönlichkeit ausgegossen war, einen eigenthümlichen Contrast zu dem ältlichen Herrn im zerrissenen Schlafrocke und der schnupftabakbeschmutzten Wäsche bildete, in dessen intelligente und verschmitzt dreinschauende Augen er blickte. Von des fleißigen und vielbeschäftigten Actenmannes Umgebung dagegen konnte man nicht sagen, daß sie nicht mit seiner Persönlichkeit in Harmonie gestanden. Dies kleine mit zwei Guillotinefenstern auf den Marktplatz des Städtchens Idar hinausgehende Arbeitsgemach war außerordentlich dürftig eingerichtet und, trotz seines überquellenden Actenreichthums an allen Wänden, ein ärmlich aussehender Raum. Tische mit Oelanstrich, Stühle mit Strohsitzen, Repositorien, an denen der Firnißüberzug schon von einem gewissen Luxus sprach – das genügte in jenen anspruchslosen Tagen für die Einrichtung eines Geschäftslocals eines „Honoratioren“ in solch einer kleinen Stadt, deren „Marktgewühl“, auf das der Justitiar eben nachdenklich hinausblickte, aus einem ausgespannten Bauernwagen, einer am Marktbrunnen pumpenden Magd und zwei ihrer Kerkerhaft entlaufenen muthwilligen Ferkeln bestand.

„Das Leben ist eben eine trübselige Sache, mein lieber Adolf,“ sagte der Justitiar, „was Du ja hinreichend an Deinen Krankenbetten hast einsehen lernen können. Was Du vielleicht nicht so gründlich zu erkennen Gelegenheit gehabt hast, das ist die Wahrheit des Satzes: ‚Eines muß der Mensch haben, das ist Vernunft – oder einen Strick sich zu hängen.‘ Ich denke, Du wirst die Vernunft haben.“

„Ich habe Vernunft,“ versetzte der junge Arzt, „ich glaube sie hinreichend dadurch bewiesen zu haben, daß ich nicht schon längst nach Wilstorp gegangen bin, um eine offene Auseinandersetzung mit diesem Burschen, diesem Uffeln herbeizuführen und ihm zu erklären …“

„Was könntest Du ihm erklären, was die Lage der Dinge um ein Haarbreit änderte? Sieh, die Einkünfte von Wilstorp reichen für zwei Familien nicht aus. Wenn dieser Uffeln heirathet, eine fremde Frau, und sie in’s Haus bringt, zahlreiche Kinder dazu bekommt, und das Alles soll da zusammen leben und zehren, so wird für alle diese Menschen ein Hundeleben [800] daraus entstehen. Da ist das einzige Gescheidte, das Nächstliegende, das ganz Natürliche, daß Uffeln in die Familie eintritt, daß er Adelheid heirathet. Damit ist Alles geschlichtet, jedem möglichen Conflicte der beiderseitigen Interessen für die Zukunft vorgebeugt. Und für Adelheid selbst ist es doch auch ein Glück, heirathen zu können, ohne darum das Elternhaus verlassen zu müssen …“

„Heirathen – einen fremden Menschen, den sie nicht mag, nicht will … ich bitte Dich, Oheim, sprich das Wort nicht aus, ruf’ mir diese Vorstellung nicht wach, oder Du machst mich rasend.“

„Deine Raserei wird sich legen müssen – und am ersten, denk’ ich, legt sie sich, wenn Du bedenkst, daß solch eine standesmäßige Heirath mit ihrem Vetter eine viel dauerhaftere Bürgschaft für Adelheid’s Glück ist, als wenn sie Dich nähme und aus ihrem schönen alten Schlosse zu Dir in Dein bescheidenes Bürgerhaus zöge – es gehört zu den besten, wohleingerichtetsten, Vermögen hast Du auch, ich weiß, ich weiß – aber solch einem adeligen Gemüthe genügt auf die Dauer die solideste und respectabelste Bürgerlichkeit nicht, und …“

„Ach, das ist ja Alles keine Vernunft, was Du da redest, Oheim, sondern das lautere destillirte Philisterthum,“ fiel Adolf ihm in’s Wort. „Ich bin Adelheid’s Neigung sicher; sie hat mir gestanden, daß sie kein größeres Lebensglück verlange, als ein Leben an meiner Seite, und Bürgerlichkeit oder Adel haben damit Nichts zu schaffen. Was aber damit zu schaffen hat, das ist Adelheid’s Gesundheit; diese ist angegriffen, und wenn man sie zwingt, sich gegen ihre Neigung zu verbinden, wenn man ihrem Gefühle, ihrem Herzen, ihrem innersten Leben Gewalt anthun will, so schleudert man sie dem Tode in die Arme. Das muß ich als Arzt wissen.“

Der Justitiar schwieg eine Weile.

„Freilich,“ sagte er dann, „wenn Gott Aesculap sich als Vermittler in die Sache mischt, muß ich schweigen. Dem Herrn Neffen habe ich als Mittel gegen seine Verzweiflung Vernunft angerathen – gegen Frauenkrankheiten ist dieses Mittel nicht wirksam. Uebrigens kommt mir Deine Prognose ein wenig mehr leidenschaftlich als wissenschaftlich vor.“

„Nein, nein, das ist sie nicht,“ rief Adolf aus, „ich weiß, welch zartes Wesen Adelheid ist, wie tief sie empfindet und wie sehr ihr Wohlsein von einer ungetrübten Seelenruhe abhängt. Hat sie sich nicht in den letzten Monaten ganz außerordentlich wohl befunden? Waren nicht alle krankhaften Symptome der Anämie bei ihr verschwunden? Nun wohl, das trat ein mit dem Augenblicke, wo wir Beide uns gegen einander ausgesprochen hatten, wo ich ihr meine Leidenschaft für sie bekannte, wo der Zustand von peinigender Seelenunruhe aufhörte, der immer …“

„Bald ‚himmelaufjauchzend‘, bald ‚zum Tode betrübt‘ macht,“ fiel der Justitiar ein. „Nun ja, ich beuge mich, wenn Du’s so auf empirisch wissenschaftlichem Wege festgestellt hast, kann Dir dann aber nicht den geringsten Rath geben. Frau von Mansdorf bringst Du von ihrem Plan und Beschluß nicht ab, wenn es Dir auch gelingen könnte, ihren Gatten zu erweichen. Er ist nur leider nicht das bestimmende Princip im Hause, und sie ist sonst auch eine brave Frau; nur übt auf ihren Willen fremder Widerstand eine chemische Wirkung aus; wenn Beide zusammen kommen, so entwickelt sich eine böse Säure in ihr, und die krystallisirt sich dann zur störrigen Hartnäckigkeit eines Maulesels. Im Grunde werden Beide, der Mann wie die Frau, von Herrn Fäustelmann gelenkt, dieser lebendigen Beschämung unserer Philosophie, die sich von gewissen Dingen bekanntlich nichts träumen läßt, welche Herr Fäustelmann doch ganz klar leibhaftig mit seinen Schelmenaugen sehen kann; er braucht nur ein wenig Mondschein zu haben – und ganz allein zu sein. Was aber diesen frommen Herrn Fäustelmann angeht, der keinem Kinde etwas zu Leide thut, keinem Pferde auf den Huf und Keinem, der stärker ist als er, zu nahe tritt, so haßt er uns, weil wir uns seinen Vorgeschichten gegenüber ein wenig skeptisch verhalten. Er wird sicherlich gegen Dich sein. So bliebe Dir freilich nichts übrig, als es bei diesem Uffeln selbst zu versuchen und ihn mit der Lage der Dinge bekannt zu machen. Er scheint ja ein weicher, gutmüthiger Mensch, und wenn Du Deine Beredsamkeit bei ihm versuchst, verzichtet er vielleicht auf die Hand Adelheid’s und gelobt Dir dabei, ewig als ein unbeweibter Vetter auf Wilstorp zu privatisiren, um der Familie Mansdorf nicht ihre Plätze am Herdfeuer zu beschränken.“

Adolf Günther schüttelte den Kopf.

„Er mag gutmüthig und anspruchslos genug sein,“ sagte er. „Aber er macht mir auch den Eindruck eines charakterlosen Gesellen, der thun wird, was Frau von Mansdorf und sein – Eigennutz ihm sagen.“

„Hm, ja,“ versetzte der Justitiar, „ich denke auch, daß ein Schritt bei ihm so aussichtslos für Dich wäre, wie ein Proceß um eine holländische Erbschaft.“

Es folgte eine Pause. Der Justitiar Plümer stand endlich auf, putzte seine Brille, ging seine Pfeife zu stopfen und wandte sich dann zu einem seiner Repositorien, um ein Actenstück zu suchen. Er war offenbar ermüdet von der Besprechung einer Sache, die ihm so aussichtslos schien.

„Höre,“ sagte er, indem er eines der Actenbündel hervorzog, „da ein guter Jurist seinen Clienten doch nicht ganz ohne einen Rath fortsenden darf, so will ich Dir einen geben. Vertraue Dich der Prinzessin Elisabeth an. Sie ist ja Deine große Gönnerin, dieses weise Huhn, und auch voll Freundschaft für Fräulein Adelheid. Wenn irgend Jemand hier helfen kann, so ist sie es, die im Stande, Mittel und Wege zu erdenken. Allen Respect vor ihr! Ich versichere Dich, es kommt öfter in der Burg zu Idar vor, daß Knoten, über die Keiner hinwegzukommen weiß, von ihren feinen hochfürstlichen Fingern gelöst werden.“

„Du hast Recht, Oheim,“ versetzte nach einer Pause der junge Arzt, „ich habe schon selbst daran gedacht.“

„Hat sie diesen Uffeln gesehen?“

„Ja, er hat einen Besuch im Schlosse gemacht.“

„Nun, so kennt sie ihn also. Solch’ einen Menschen durchschaut sie mit einem einzigen Blicke. Darin ist sie groß. Ich bin oft erstaunt gewesen, wenn ich mit ihr geredet habe, wie sie ihre Menschen weg hat. Geh’ zu ihr und vertrau’ ihr Deinen Kummer an!“

Adolf stand auf und griff nach seinem Hute.

„Du willst mich los sein, Oheim,“ sagte er. „Ich gehe auch; ich habe im Schloß einen Kranken – vielleicht treffe ich die Prinzessin bei ihm; sie ist immer voll Sorge für alle diese Leute. Also auf Wiedersehen!“

Der Justitiar entließ ihn mit einem freundlichen Nicken des Kopfes, und der junge Doctor ging und begab sich raschen und festen Schrittes durch die Straßen der kleinen Stadt zum Schlosse. Als er vor diesem angekommen war, wandte er sich links durch ein offen stehendes Gitterthor in den Park, und hier, die Arme über die Brust verschlingend, den Kopf gesenkt und die Blicke auf den Boden heftend, wandelte er langsam unter den hohen alten Bäumen auf und ab, denen Meyer Jochmaring seine Anerkennung versagt hatte, weil sie nicht seinen Eichen gleich kamen.

(Fortsetzung folgt.)




Aus dem Leben eines deutschen Vorkämpfers.
(Schluß.)


Man ersieht aus den zuletzt angeführten Aeußerungen zum Jubiläum des „Leben Jesu“, daß es Strauß nicht gleichgültig war, die Rolle des „Verfehmten“ zu spielen, welche die Jämmerlichkeit der Zustände ihm auferlegte. Der ganze Mann spricht aus jenen Worten, sein tiefes Leid, aber auch der jubelnde Triumph, mit dem er in der stolzen Vornehmheit seines Selbstgefühls über das ihm angethane Unrecht sich erheben konnte. Es gehört nicht in das Ehrenbuch der deutschen Hochschulen und Facultäten, daß sie eine so imponirend sich bekundende, hoch über das Mittelmaß hinausragende Kraft unbeachtet am

[801]
Die Gartenlaube (1875) b 801.jpg

„Schaut’s Leute, das ist der Brief des Königs! Nun glaubt halt dem König und folgt dem Herrn Kaplan!“
Nach seinem eigenen Oelgemälde auf Holz gezeichnet von Ed. Kurzbauer.

[802] Wege stehen ließen, daß Jahrzehnte hindurch nicht eine einzige dieser akademischen Körperschaften das wissenschaftliche Anstandsgefühl, den Muth und die Selbstverleugnung zeigte, eine Berufung des Mannes zu verlangen. Bei Strauß schreibt sich wohl auch aus diesem Umstande der Ton verschärfter und rücksichtsloser Bitterkeit her gegen eine gewisse Art von zünftiger Wissenschaft, deren Bemühen darauf hinaus läuft, ihren Ueberzeugungen die Spitze abzubrechen, mit der Unwahrheit einen künstlichen Vertrag herzustellen, um sich Amt und Wirksamkeit nicht zu verscherzen. Hätte ihn der frühe schon reichliche Ertrag seines freien Leistens und die strenge Ordnungsmäßigkeit seines Wandels nicht hinlänglich vor materieller Sorge geschützt, so würde unsere Geschichte auch von diesem großen deutschen Schriftsteller zu erzählen haben, daß der Kampf mit der gemeinsten Noth sein Dasein verwüstet habe. Auch ein anderes Begehren seiner Natur, die Gründung eines traulichen Heim, die Sehnsucht nach häuslichem Glücke an der Seite eines geliebten Wesens sollte sich ihm nicht dauernd erfüllen. Die Wiener Sängerin Agnese Schebest hatte bei einem Gastspiele in Stuttgart durch den Zauber ihres Gesanges und die classische Vollendung ihrer Darstellung die hohe Bewunderung des Kunstkenners erregt, während die Anmuth ihres Wesens und ihrer Erscheinung unwiderstehlich sein Herz gewann. Die berühmte Primadonna ward die Gattin des stillen Gelehrten; die Neuvermählten wohnten zuerst in einem schön gelegenen Schlößchen bei Heilbronn, dann in Heilbronn selbst in freundschaftlichem Verkehr mit einer Anzahl hochgebildeter Familien; aber die Ehe war eine unglückliche, und die Gatten trennten sich nach fünf Jahren ohne gerichtliche Scheidung. Ihre beiden Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, blieben erst bei der Mutter; nach einigen Jahren nahm sie der Vater zu sich und gewann dadurch allerdings einen Quell der Beseligung und des reinsten, ungetrübtesten Glückes.

Der Schiffbruch seiner Häuslichkeit hatte Strauß in ein Wanderleben geworfen, aus dem er fortan nicht wieder herauskam. An den verschiedensten Orten schlug er sein Zelt auf und brach es nach einigen Monaten wieder ab. Von Heilbronn war er unter dem Verbrausen der Revolutionsstürme von 1848 nach München gegangen, dessen Kunstschätze ihn anzogen, dann verlebte er mit seinen Kindern eine Zeit in Weimar, die Erinnerungen an die goldene Zeit deutscher Poesie pflegend und namentlich den Spuren Goethe’s nachgehend, dessen wärmster Bewunderer er immer gewesen ist. Von Weimar zog er nach Köln, dem Wohnorte seines Bruders, von dort später nach Heidelberg, das ihn sechs Jahre fesselte, und das er dennoch mit Darmstadt vertauschte, wo er fünf Jahre wohnte. Dazwischen lagen kürzere oder längere Aufenthalte in Heilbronn, Berlin, Bonn, München, Bieberich, Baden-Baden etc. Der Wegzug wurde häufig durch den Tod oder Abgang von Freunden veranlaßt; für die Wahl entschied der geistig angeregte Verkehr des Ortes, die Darbietung von Kunstgenüssen, das Vorhandensein der literarischen Hülfsmittel, die Nähe angenehmer Waldspaziergänge, auch die Rücksicht auf das Gedeihen und die Ausbildung der Kinder. Im Ganzen jedoch hat Strauß unter der Ungemüthlichkeit dieses seinen innersten Neigungen widerstrebenden Wechsels schwer gelitten – er persönlich empfand diese Ungebundenheit als ein Uebel in seinem Dasein, aber der deutschen Nation und ihrer Literatur ist sie zu Gute gekommen, da wir unstreitig nur seiner unabhängigen Muße und der vollen Hingebung, welche sie ihm gestattete, jene reichen Schöpfungen zu danken haben, welche der freieren Thätigkeit dieses Schriftstellers entsprossen sind, in dessen Ausdruck und Styl Lessing und Goethe eine Wiedergeburt in Deutschland gefeiert haben.

Es ist hier nicht unsere Absicht, die ganze Reihe der weiteren Strauß’schen Werke vorzuzählen oder auch nur Einzelnes davon zu charakterisiren, aber Hauptsächliches muß doch genannt werden. Als Strauß nach und nach in kleinen wie umfassenden Schriften sein Werk hinreichend vertheidigt und in dieser Hinsicht mit wuchtiger Schärfe Alles erschöpft hatte, was er zunächst sagen konnte, als neben ihm auch Jünger und ebenbürtige Mitstreiter erstanden, die den begonnenen Kampf auf seinen Wegen fortsetzten, wandte er gegen das Ende der vierziger Jahre der Theologie den Rücken, um den anderweitigen in ihm arbeitenden Kräften und Antrieben seiner vielfältigen Bildung Genüge zu thun. Obwohl er aber, seiner Gewohnheit nach, unablässig las und studirte, fand er doch mehrere Jahre hindurch keinen Gegenstand, der ihn so stark zum Schreiben angeregt hätte, wie es bei ihm nöthig war. „Ich muß zornig sein, wenn ich schreiben soll,“ hatte er einmal einem Freunde gesagt. Der glückliche Instinct seiner großen Begabung aber ließ ihn bald schon die richtige Bahn finden. Unter den Gegenständen, die ihn unwiderstehlich anregten, stand oben an das Geheimniß des Menschenbildes, das innerste Wesen und Weben der menschlichen Persönlichkeit; ein tief in ihm lebender Drang führte ihn auf die oft so dunkeln und verworrenen Lebensgänge bedeutsamer und interessanter Männer, mißhandelter, verkannter oder nicht hinreichend gewürdigter Geisteskämpfer, in denen ihr Zeitalter sich gespiegelt oder die über dasselbe hinaus gewachsen waren. Hier eröffnete sich ihm ein weites und noch unbebautes Feld befriedigendster Thätigkeit, hier konnte der feine und scharfe Zergliederer, der humane Ergründer des Menschenherzens und seines Thuns und Leidens Genüge finden; hier konnte der Geschichtsforscher, der Literatur- und Kunstverständige seine Kraft erproben, hier auch konnte der Poet in ihm, der Drang nach künstlerischer Gestaltung zu vollstem Ausdrucke kommen. Fünfzehn Jahre im Leben unseres Schriftstellers und von ihm fast ausschließlich dieser Thätigkeit gewidmet worden, aus der jene anziehenden und imposanten Lebensgemälde, classisch vollendete Meisterwerke, hervorgegangen sind, die zweifellos auch allen zukünftigen Geschlechtern als hohe und genußreiche Zierden unseres Schriftenthums erscheinen werden. Mit seinem scharfen und durchdringenden Geiste seiner säuberlichen und gesunden Schlichtheit, mit „dem großen, hellen und ruhigen Auge“, das Fr. Vischer an ihm rühmt, hat Strauß die Biographie zu einem lebendigen, lebensvoll ausgestalteten Kunstwerk erhoben und es bleibt ihm das als eines seiner glänzendsten Verdienste.

Sollen wir einzelne Erzeugnisse nennen, so leuchtet uns hier neben „Schubart’s Leben in seinen Briefen“, neben „Nikodemus Frischlin“, neben „Märklin“, dem Lebens- und Charakterbilde eines Jugendgenossen, in das der Autor gleichsam ein beträchtliches Stück seiner eigenen Entwickelungsgeschichte verwebt hat, vor Allem das große und sturmbewegte „Leben Ulrich’s von Hutten“ entgegen, sowie das brillante Buch „Voltaire“, das fast gleichzeitig mit dem plötzlichen Hereinbruche des letzten Franzosenkrieges erschien und trotz dieser Stürme einen so großen Eindruck machte, daß sofort eine zweite und 1872 schon eine dritte Auflage nöthig wurde. Alle diese Lebensschilderungen stehen aber nicht etwa als bloße Kunstwerke da zu ästhetischer Beschauung und müßigem Genuß, sondern zu den Helden, die er mit plastischer Kraft vor uns aufleben und an uns vorüberziehen läßt, hat es den Bildner hingezogen, weil er mit ihrem Bilde seiner Zeit etwas Nothwendiges sagen konnte, weil er in ihnen bereits die warme Blutwelle der Lebensströmung wahrgenommen, die unsere Gegenwart bewegt, weil ihr Kampf und ihr Geschick ernste Lehren und Mahnungen enthält für das Streben und Ringen unseres Jahrhunderts. In Bezug auf seinen „Hutten“ hat Strauß über diesem Punkt sich deutlich ausgesprochen. „In Zeiten der Drangsale wie der Wohlfahrt,“ so schrieb er 1870 in der Vorrede zur zweiten Auflage, „rufen die Völker gern die Geister ihrer großen Todten herauf; es sind dies meistens Kämpfer, die für das Licht gegen die Finsterniß, für die Freiheit gegen Despotendruck gestritten haben. Eine Wolke von Zeugen dieser Art um sich zu wissen, darin besteht der Adel einer Nation, und wenn eine eines solchen Adels sich rühmen kann, so ist es die deutsche. Eine Gestalt aus dieser Wolke habe ich ehedem hervorgerufen in einer bösen Zeit. Es waren die Jahre, da Germania nach einer erschöpfenden Fehlgeburt in tiefer Schwäche lag, da die großen und kleinen Dränger ihrer von Neuem Meister geworden waren, da übermüthige Nachbarn sie verhöhnten, da selbst jene schwarzen Vögel, als wäre sie schon eine Leiche, herangeflogen kamen und sie krächzend umschwärmten. Es war die Zeit der Concordate, jener Knechtungsverträge mit Rom. Damals rief ich: Ist denn kein Hutten da? Und weil unter den Lebenden keiner war, unternahm ich es, das Bild des Verstorbenen zu erneuern und dem deutschem Volke vor Augen zu stellen.“

Es geht daraus hervor, daß Strauß selbst in der Zeit scheinbarer Abwendung der Sache der religiösen Befreiung seine volle Theilnahme bewahrt hatte. Nachdem er Jahre hindurch,

[803] dem hochaufwogenden Streite der religiösen Fragen gegenüber, ein tiefes Schweigen beobachtet hatte, trat er 1864 mit jener umfassenden Weiterführung, Berichtigung und Bearbeitung seines Hauptwerkes hervor, die unter dem Titel „Das Leben Jesu, für das deutsche Volk bearbeitet“, allen Gebildeten bekannt geworden und von welcher bereits in dem schon erwähnten früheren Artikel gesprochen ist. Mit dieser bedeutsamen Leistung und zwei 1865 erschienenen kleineren Schriften („Der Christus des Glaubens“ und „Die Halben und die Ganzen“) hat Strauß seine Thätigkeit für die religiöse Befreiung abgeschlossen, so weit dieselbe in den thatsächlich sich vollziehenden Fortschrittsbewegungen ihre Wurzeln hatte. Das Buch „Vom alten und neuen Glauben“ mit welchem er sechs Jahre später die Welt überraschte, steht auf einem ganz anderen, durchaus neuen Boden; es wirft Fragen der Zukunft in Betreff der höchsten Dinge und Menschheitsziele auf, welche die Welt an den Kritiker des Bestehenden und Ueberlieferten nicht gerichtet, deren Beantwortung sie zu seinen Aufgaben nicht gerechnet hatte; es wendet sich an eine kleine Gemeinde innerhalb der Geistesaristokratie und läßt das noch ungeklärte und unsicher tastende Vorwärtsringen des Volkslebens wie einen verlorenen Posten achtungslos zur Seite liegen. Wir gehören aus dem letzteren Grunde nicht zu den Freunden dieses Buches, aber mit Unzähligen, die sein Inhalt befremdet und theilweise abgestoßen hat, verkennen wir nicht, daß es durch tiefsittliche Beweggründe veranlaßt wurde, daß es große Fragen aufgeregt und in Wunden der Zeit greift, vor Allem aber nicht, daß es wissenschaftlich und schriftstellerisch ein Meisterwerk ist und erhabenes Zeugniß ablegt von der ungebrochenen Kraft und dem Werthe seines Meisters. Es war sein Schwanengesang. Mitten im Tosen des gewaltigen Sturmes, den das Buch nach allen Seiten hin geweckt, war er 1872 von Darmstadt in die idyllische Stille seiner Geburtsstadt Ludwigsburg übergesiedelt, der er immer eine treue Anhänglichkeit bewahrt hatte. Hier in der Nähe seines Sohnes, der als Militärarzt in Stuttgart weilte, wollte er, gepflegt von einer alten Dienerin und Freundin seines elterlichen Hauses, den erquickenden und sänftigenden Athem seiner Kindheits- und Jugenderinnerungen auf sich wirken lassen. Aber kaum hatte der bis dahin fast jugendlich rüstige Sechsziger in der Heimath seine bescheidene Junggesellenwohnung sich eingerichtet, so erfaßten ihn die Vorboten der furchtbaren Krankheit, die ihn bald niederwarf und den Kämpfer vorzeitig hinwegführte in das Reich des Friedens.

Vier Jahrzehnte hindurch hatte unter den hervorragenden Geistern, welche unserer Culturepoche, ihren Stempel aufgeprägt, der eigenartige und machtvolle Glanz dieses Mannes, ein Stern erster Größe, über Deutschland gestrahlt. Nicht immer wohlthuend und erquicklich wie mildes Frühlingslicht, hier und da sogar in schrillem und schroffem Widerspruche mit einem unleugbar guten Wollen, einer zweifellos gerechten Forderung des Freiheits- und Humanitätsstrebens, immer aber von der Höhe in die Tiefe leuchtend, immer auf große Ziele weisend, immer fördernd, rufend, weithin und tief die Geister erregend, und dies Alles stets in einer so mächtigen Weise, daß Feind und Freund nicht gleichgültig darüber hinwegsehen konnten. Rufen wir uns sein Bild vor das Auge,wie es die unparteiische Zukunft erschauen wird, so fällt unser Blick nicht blos auf einen großen Denker und auf ein großes Talent, wir sehen noch etwas viel Erhebenderes, wir sehen den mannesstarken Ueberzeugungs- und Wahrheitsmuth eines großen Charakters, der niemals seine Erkenntniß verhehlte oder umhüllte, niemals danach fragte, ob Das, was er war und sagte, ihm Schaden oder Nutzen bringe, ob es auch Anderen gefalle oder nicht. Wie er in den Reihen der Theologen sich die Anhängerschaft Derer verscherzte, die bei einiger Rücksicht seinerseits ihn zum Haupte einer großen Partei gemacht hätten, wie er unter Umständen über Fürsten und Regierungen seine Geißel schwang, so hat er auch niemals die vertrauensvoll zu ihm aufschauende Massendemokratie darüber in Zweifel gelassen, daß er nicht ihr Mann, sondern in wesentlichen Hauptpunkten ihr eifriger Gegner und Bekämpfer sei. Aus der urwüchsigen Unbefangenheit dieses heroischen Wahrheitsmuthes, der alle unwahren Mischungen haßte, wie einst Lessing sie gehaßt, entsprang von seinem ersten Auftreten an das Zündende seiner Wirkungen, die Schlagkraft seiner öffentlichen Thaten. Gern hätten die Pfaffen und Pfäffischen unter seinen zahlreichen Widersachern, ihrer Art gemäß, da seiner wissenschaftlichen Erscheinung sich nichts anhaben ließ, seinen Privatcharakter verkleinert und in den Staub gezogen, aber auch hier mußten ihre Künste die Segel streichen vor der musterhaften Lauterkeit eines stillen und schlichten, ausschließlich auf hoher Bahn sich bewegenden Wandels, dem das Gemeine, das Kleine und Niedrige so fern lag wie alles excentrische Wesen, alles Spiel der Eitelkeit und des renommistischen Dünkels.

Von seinen Jugendgenossen ist der spätere „Erzketzer“ geschildert worden als ein „Johanneskopf“, als eine halb schüchterne, vornehme Gelehrtennatur, ein zart besaitetes, leicht erregbares, poetisches Gemüth, aber als ein ungezwungener und liebenswürdiger Camerad, ein durchaus heiterer und witziger Gesellschafter. So ist er, trotz aller verbitternden Erfahrungen, bis an sein Ende geblieben. Seine Erholung und Erfrischung nach strenger Arbeit suchte er immer nur im stillen Naturgenusse, in der Beschäftigung mit Kunst und Poesie, namentlich in der Musik, vor Allem aber in einer: geistig belebten Gesellschaft, im Umgange mit gebildeten Männer- und Frauenkreisen, auf welche die Anmuth seines Wesens einen unwiderstehlichen Zauber übte. Strauß war notorisch ein liebevoller Sohn, ein anhänglicher Bruder, ein überaus zärtlicher und aufopfernd pflichtgetreuer Vater, ein treuer und warmer Freund seiner Freunde, und es ist ihm die Liebe, welche er reichlich ausgab, auch in reichem Maße erwidert worden.

Nur ein einziger Schatten, den der nie ermüdliche Klatsch denn auch weidlich ausgebeutet hat, scheint auf seinem Leben zu ruhen: die unglückliche und bald schon wieder aufgelöste Ehe mit einer vielbelobten Gattin. In Bezug auf diese so delicate und rein persönliche Angelegenheit forderte die scandalsüchtige Neugier eine Rechtfertigung von ihm, und weil er sie natürlich nicht gab, war des Gezischels der klugen Leute und bösen Zungen kein Ende. Aber auch dieses Dunkel fängt jetzt sich nachträglich zu lichten an.

In einem Anhange zu dem kürzlich erschienenen zweiten Bande seiner „Religiösen Reden“ theilt nämlich Heinrich Lang in Zürich einen vertraulichen Brief mit, den bereits 1846 eine württembergische Frau an eine Freundin geschrieben und dessen Original sich in Lang’s Händen befindet. Aus diesem Briefe geht zur Genüge hervor, daß Strauß in seiner fünfjährigen Ehe mit außerordentlicher Liebe, Geduld und Seelengüte ein Martyrium durchlitten hat, wie es viel geringere Männer als er vielleicht nicht ein paar Monate ertragen hätten. Erst als das Schlimmste hereindrohte, der Untergang seiner geistigen Persönlichkeit, löste er das Band mit der ihm ganz verständnißlos gegenüberstehenden Künstlerin. An ihm bleibt hier keine Schuld bestehen, als die Unbesonnenheit der Wahl, bei der er sein Wesen und namentlich die gewohnheitsmäßige Schlichtheit seiner Lebensführung nicht in Rechnung brachte. – Ein anderer Vorwurf, der ihm von der linken Seite des Liberalismus gemacht wird, bezieht sich auf seinen politischen Standpunkt, und in der That lag hier ein Widerspruch. Der Mann, welcher auf dem religiösen Gebiete mit so radicaler Entschiedenheit aufräumte, huldigte in der Politik conservativen Neigungen. Er, der die Geburt und das dunkle Werden einer Weltreligion im Volksgeiste einer fernen Vergangenheit mit feinem Ohre erlauscht hatte, zeigte kein Verständniß und keinen Blick der Liebe für die gährenden Wiedergeburtsbewegungen des ihn umgebenden Volkslebens.

Es war das ein Mangel in seiner Natur, aber nicht mit Unrecht wird derselbe auf jene besonderen Vorzüge zurückgeführt, welche seinen Werken die Kraft und den Reiz gegeben, auf die Gedankenschärfe, der alles Unklare, Phrasenhafte, Confuse und Unreife zuwider war, auf den feinfühligen und geschmackvollen Künstlersinn, der sich durch Ungeordnetes und Wildes, durch Lärmendes und Gewaltsames erschreckt, verletzt und abgestoßen fühlte. Immerhin jedoch war es ein Mangel, und es ist zu bedauern, daß Strauß der Sinn abging für die thatsächlichen Entwickelungsgesetze, wie sie leidenschaftlich und geräuschvoll in großen Volksstürmen sich vollziehen. Nur möge deshalb Niemand glauben, daß Strauß nicht ein Mann der modernen Freiheit gewesen sei, daß er, im Widerspruche mit seiner Aufgabe, Unrecht, Unterdrückung, Erhaltung veralteter Knechtungswirthschaft gewollt habe nach irgend einer Seite hin. Deutschlands Macht und Größe, so schrieb er 1872, habe er sich immer nur begründet gedacht auf [804] menschlich freier, von keiner Clerisei, keiner kirchlichen Satzung beengter Geistesbildung, und wie er in dem soeben beendigten Kriege unter den Vordersten gegen den äußeren Feind mitgefochten haben würde, so würde er jetzt abermals unter den Vordersten gegen den inneren Feind der Freiheit und der Bildung kämpfen. Gegen einen Zusammenhang mit den Absichten der politischen Reaction schützte ihn schon seine klarblickende Vaterlandsliebe – er war einer unserer wärmsten und besten Patrioten.

Als 1870 der Krieg ausgebrochen war und im innersten Gewissen der von starker Leidenschaft emporgerissenen, begeisterungsvoll aufflammenden Nation noch der beklemmende Zweifel bebte, ob es nicht eine blos von der Noth gebotene, sondern auch eine sittlich berechtigte, vor der Gerechtigkeit bestehende That sei, zu der sie das Schwert ergriffe, da war der Verfasser des „Leben Jesu“ unter den Wortführern deutscher Wissenschaft der erste, der das Schweigen brach und aus der Stille seines Studirzimmers jene gewaltigen Manifeste, jene offenen Briefe an Renan in die Welt sandte, die jedes Bedenken lösten und diesem Kriege gaben, was er fordern durfte: das Zeugniß des Gedankens, die Weihe des freien, keinem Befehl und Commando unterworfenen Geistes. Nicht allein wegen der Größe des Moments, den sie begrüßten, sondern auch durch ihren Gehalt und ihre Form gehören die genannten Briefe zu den bedeutsamsten und wirkungsvollsten Aeußerungen, welche die Geschichte unserer nationalen Kämpfe aufzuweisen hat, und wie ein frischer Lorbeer haben sie sich um das ergrauende Haupt des Mannes gelegt, dem blinder Parteigroll auf dieser und jener Seite so gern das Herz abgesprochen hätte und die Wärme des Empfindens für große Zwecke der lebendigen Allgemeinheit.

Als seinen „Meister“ hatte im Beginne des großen Nationalkrieges der berühmte Franzose Renan mit ehrfurchtsvoller Betonung den deutschen Gelehrten angeredet und dabei sicher mit Unzähligen von uns nur die Meisterschaft auf dem Gebiete des Wissens, des forschenden Denkens und seines Ausdrucks im Auge gehabt. Daß an der Ueberlegenheit dieses heldenmüthigen Verstandes, der mit seiner unerbittlichen Schärfe eine Welt des Irrthums und versteinerten Mißbrauchs aus ihren Angeln gehoben, auch ein edles und reiches Gemüthsleben betheiligt war von seltener Tiefe und Innigkeit, das hatte in den Wirren stürmischer Jahrzehnte nur Wenigen selbst unter Denen sich ganz deutlich gemacht, die es aus den kleinen Schriften des Kritikers, – z. B. aus der schönen Grabrede auf seinen Bruder (1863) und aus den Erinnerungen an seine Mutter („geschrieben am Confirmationstage meiner Tochter“) – hätte wisse können. In voller Klarheit stieg vielmehr sein Charakterbild erst vor den Augen der Zeitgenossen auf, als glaubwürdige Stimmen hervorragender Männer von der wunderbaren „Geistes- und Seelengröße“ erzählten, mit welcher der vielgeschmähete „Apostel des Unglaubens“ das Zusammenbrechen seiner Manneskraft, die fürchterlichen Qualen seiner letzten, immerhin langwierigen Krankheit ertrug. Nicht gar lange hatte er in Bezug auf die Rettungslosigkeit seines Zustandes einer Täuschung sich hingegeben. Ueber seinem Schreibtisch im Ludwigsburger Wohnzimmer hingen bezeichnend genug zwei stimmungsvolle Bilder Wächter’s: „der sterbende Socrates“ und „Hiob mit seinen drei Freunden“. Als Strauß mit diesem Dulder der altjüdischen Dichtung sich sagen mußte: „Mein Odem ist schwach, und meine Tage sind abgekürzet; das Grab ist da“ – schloß er mit den Kämpfen seines Daseins ab und las nichts mehr, was über sein letztes Buch geschrieben wurde. Sich selbst getreu, mit voller Ruhe und unbewölkter Heiterkeit des Geistes ging er dem Tode entgegen und legte ungelesen die Bekehrungsbriefe zur Seite, mit welchen die dummdreiste Zudringlichkeit alberner Frömmlinge selbst an diesen Sterbenden sich heranwagte. Jede leidliche Stunde aber widmete der Kranke der Lectüre und geistigen Thätigkeit, der warmen Theilnahme für die Angelegenheiten des Vaterlandes und vor Allem dem liebevollsten mündlichen und schriftlichen Verkehr mit Allen, die seinem Herzen nahe standen und mit Beweisen inniger Liebe und zarter Sorge Licht und Erfrischung in seine verdüsterten und schmerzenreichen Tage brachte. Alle, die ihn besuchten, sprachen es aus, daß sie stets mit einem Eindrucke sittlicher Weihe und Erhebung dieses Krankenzimmer verlassen hatten, von dem auch noch manche bedeutsame Aeußerung, mancher herrliche Brief in die Welt gegangen, in welchem auch unter den schwersten Leiden jene eben so reizenden wie ergreifenden, vom reinsten Liebesathem durchhauchten Gelegenheitsgedichtchen des Vaters an die Kinder geschrieben wurden, mit denen Professor Zeller seinem hier vielfach von uns als Hauptquelle benutzten Werkchen „David Friedrich Strauß“ einen so überaus lieblichen Schmuck verliehen hat.

Weit und breit blieben die gebildeten Kreise nicht gleichgültig bei dieser traurigen Geschickswendung des wirkungsreichen Zeitgenossen, und zu den bemerkeswerthen Symptomen des Zeitumschwunges gehört es jedenfalls, daß unter den zahlreichen Männern und Frauen in der Nähe und Ferne, die den Vorkämpfer der Geistesfreiheit in seinen Leiden nicht ohne erquickende Zeichen der Hochachtung und des herzlichsten Mitgefühls ließen, auch zwei Fürstinnen sich befanden: die deutsche Kronprinzessin Victoria und ihre Schwester, die Prinzessin Alice von Hessen-Darmstadt. Vergebens aber hoffte die Theilnahme auf Genesung: um die Mittagsstunde des 8. Februar 1874 hauchte der Hartgeprüfte sanft und ruhig in den Armen des Sohnes sein Leben aus. Noch in den letzten Tagen vor seinem Tode hatte er Plato’s „Phädon“ in der Ursprache gelesen, und „wenn besuchende Freunde,“ so schreibt Zeller, „jedes Mal mit den Empfindungen von ihm geschieden waren, wie sie uns Platon am Schlusse seines ‚Phädon‘ geschildert hat, so war dies nicht ohne Grund. Denn mit ähnlicher Fassung und Gesinnung, wie dort der alte, wandelte hier ein Weiser und Philosoph unseres Jahrhunderts den letzten Weg.“

Die „Gartenlaube“ hatte im vergangenen Jahre ihren Lesern das Bildniß des lebenden Strauß gezeigt, durch eine freundliche Hand sind wir in den Stand gesetzt, unserem diesmaligen Rückblicke das Bild des Verklärten einzufügen (Nr. 44), von dem alle Zeugen sagten, daß er nach seinem Hinscheiden dagelegen „wie ein Schlummernder, die Züge des Antlitzes von überwältigender Hoheit“. Um dieses bleiche Antlitz, auf das die heiße Thränen trauernder Kinder fielen und dem Verehrung den reichverdienten Lorbeer um die Stirn gewunden, hatte am 10. Februar 1874 eine zahlreiche Schaar erlesener Menschen sich versammelt, die bei der Todeskunde von verschiedenen Seiten herbeigeströmt waren und unter denen wohl kein Einziger sich befand, der nicht mit innerster Ergriffenheit die Größe des Verlustes gefühlt und ermessen hätte. Ohne das übliche Glockengeläute und ohne geistliche Begleitung, wie der Verstorbene es selber angeordnet hatte, aber in langem und feierlichem Zuge führte man ihn über die stillen und schneebedeckten Straßen seiner Vaterstadt hinaus auf den freundlichen Kirchhof. Und wie er es selber gewünscht, so wurden auch an seinem offenen Grabe nur ein paar Lieder gesungen und ein paar kurze Worte des Abschieds gesprochen, dann rollte die winterliche Heimathserde herab auf die erloschenen Reste eines Lebens, dessen Bild fortan die ideal gesinnten Väter unserer Zeit ihren Söhnen hinstellen mögen als ein Muster und Beispiel, da es ein in seinem Leisten gewaltiges, in seinem Streben und seinen Zwecken großes, in seinem Wandel reines und – dem salbungtriefenden Gezeter aller professionirten Heiligkeit zum Trotz – wahrhaft heiliges Leben gewesen ist.

Alb. Fr.





Die mystische Krankheit.
Nebst Winken, wie man ein Wunder daraus macht.
I.

Als Professor Virchow im vergangenen Jahre den Fall Lateau auf der Breslauer Naturforscherversammlung zum Gegenstande einer vielfach angefochtenen Rede machte, sein Urtheil zu den Worten: Betrug oder Wunder! zusammenfaßte und noch weiter dahin ausführte, daß hier ein sehr grober Betrug vorliegen müsse, wenn nicht ein Wunder angenommen werden solle, da ließ der berühmte Forscher außer Betracht, daß es zwischen seinem nach zwei Seiten hin verletzenden Entweder-Oder doch noch einen versöhnlicheren mittleren Ausweg geben könne, nämlich eine durch sehr auffallende Krankheitserscheinungen [805] beförderte, mehr oder weniger entschuldbare Selbsttäuschung.

In der That haben die inzwischen angestellten wissenschaftlichen Untersuchungen belgischer Aerzte das kaum erwartete Resultat ergeben, daß diese regelmäßigen Freitagsblutungen an wohlabgegrenzten Körperstellen ohne alle mechanische Nachhülfe eintreten, daß es also eine wirkliche mystische Krankheit giebt, wie vorurtheilsfreie Köpfe, z. B. Montaigne, seit Jahrhunderten vermuthet haben. Wir werden sehen, daß eine solche Krankheit nur als das höchst künstliche Erzeugniß einer tief irregeleiteten Menschennatur zu verstehen ist, daß sie ein außerordentliches Interesse darbietet, sofern sie zeigt, wie weit die Macht der Einbildungskraft über den Körper reicht, und daß in dieser unbefangenen Betrachtungsweise die Wunden wunderbarer als Wunder erscheinen, daß vielmehr der Betrug unter Umständen ein so feiner sein kann, daß weder die Anstifter noch die Opfer dieser schrecklichen Verirrung jedesmal bewußte Betrüger zu sein brauchen. Es eröffnet sich, wenn wir an der Hand sorgfältiger ärztlicher Beobachtungen ein Verständniß dieser Krankheitsvorgänge suchen, unseren Blicken ein Abgrund, von welchem wir uns schaudernd abwenden, ein Abgrund, in welchem es dennoch nicht an lockenden Gewalten fehlt, um den einmal daran Stehenden unwiderstehlich hinabzuziehen. Nur die Aufklärung über das innere Wesen solcher Nervenkrankheiten vermag ihre Verschleppung und die oft beobachtete ansteckende Macht derselben zu hindern, und während die neuere Medicin die Teufelskrankheiten der Alten, die Epilepsie und Hysterie, nur ihres dämonischen Ansehens zu entkleiden im Stande war, wird sie die Kreuzigungskrankheit ganz aus der Welt schaffen können, denn diese steht und fällt mit dem Vertrauen auf ihren übernatürlichen Ursprung.

Man möge nicht einwerfen, daß dieser Krankheit in unserer Zeit der Boden bereits entzogen sei. Im Gegentheile, kein früheres Jahrhundert ist so „begnadigt“ mit Kranken dieser Art gewesen, wie das neunzehnte, und die Aufregung unserer Zeit läßt noch manches Opfer befürchten, wenn nicht eben jetzt, wo eine ausgezeichnete Gelegenheit sich dazu bietet, der Spuk völlig aufgeklärt wird. Noch am 7. November 1874 forderte diese entsetzliche Krankheit zu Termonde in Ostflandern das Leben eines zwanzigjährigen Mädchens zum Opfer. Isabella Hendrick hatte, was nicht überflüssig scheint zu bemerken, niemals irgend welchen Schau-Zwecken gedient; sorgfältig vor den Blicken neugieriger Fremden gehütet, erlag die schwärmerische Kranke dem Blutverluste aus ihren erst seit sieben Wochen geöffneten Wunden. Auf eine ganz kürzlich und diesmal glücklicher Weise zur rechten Zeit in verständige ärztliche Behandlung gerathene Stigmatisationscandidatin zu Altbreisach werden wir später zurückzukommen haben. Sollte die unnatürliche Krankheit in der seltenen Entwickelung, wie sie Louise Lateau darbietet, noch ferner in sorgfältiger Weise studirt werden, so ist kein Zweifel, daß man dem „Kleinen Franzosen“ oder der Kunst, in sechs Stunden fertig französisch zu sprechen, bald eine unfehlbare Anleitung, in sechs Wochen ein vollkommener Heiliger zu werden, wird gesellen können, und so eine den Klöstern gegenüber „als Manuscript gedruckte Anleitung“ würde sehr viel Nutzen stiften können.

Das schätzenswerthe Material zu einer solchen Anleitung ist bereits ziemlich ansehnlich. Auf meinem Schreibtische haben sich mehr als ein Dutzend Abhandlungen, Schriften und Bücher belgischer, französischer, englischer und deutscher Aerzte über den Fall Lateau angefunden, die alle zu dem Schlusse gekommen sind, die Lateau und wohl noch manche ihrer zahlreichen Leidensschwestern der Heiligenlegende seien weder als Betrügerinnen noch als Gottbegnadigte, sondern vielmehr als beklagenswerthe Kranke zu betrachten. Wir haben nun zunächst diejenigen Umstände in’s Auge zu fassen, welche zu der Annahme gedrängt haben, daß in diesem zu europäischem Rufe gelangten Falle nicht Alles auf Lug und Trug beruht. Im vergangene Jahre legte der Dr. Charbonnier-Debatty in Brüssel der belgischen Akademie der Wissenschaften eine umfangreiche Arbeit über die mystischen Krankheiten vor, welcher, obwohl sie selbst nur literarisch-kritisch verfährt, wenigstens das Verdienst nicht abgesprochen werden kann, allgemeine Gesichtspuncte aufgestellt, und vor Allem eine gelehrte Körperschaft halb widerwillig dazu gezwungen zu haben, aus ihrer Gleichgültigkeit und Gemüthsruhe einem allgemeinen Scandale gegenüber herauszurücken. Charbonnier geht von der auffallenden Uebereinstimmung aus, welche man in der Vorbereitung zur Heiligenlaufbahn, den Reinigungen, Kasteiungen und dem Fasten bei Altindern, classischen Völkern, Juden und Christen nachweisen kann. Und zwar glaubt er den eigentlichen Kunstgriff in der allmählichen Gewöhnung des Körpers an eine unzureichende Nahrung, in einer planmäßigen Störung der regelmäßigen Verdauungsthätigkeiten zu finden. Schon Swedenborg, der in seinen jüngeren Jahren ein gepriesener Naturforscher, ein angehender Humboldt des Nordens gewesen, hatte diesen Zusammenhang seiner schlechten Verdauung mit seinen Geistererscheinungen wohl erkannt, und da die letztere verkörperte Gedanken sind, ließ er sich mit Recht von einer derselben die Donnerworte zurufen: „Iß nicht so viel!“ Zahlreiche Aerzte haben den nahen Zusammenhang der Unterleibskrankheiten mit der Entfesselung des phantastischen Vermögens, welche auch die Grundlage der Kreuzigungskrankheit ist, auf das Klarste nachgewiesen.

Nachdem Charbonnier gezeigt hat, daß von dem ersten Stigmatisirten, dem hl. Franciscus von Assisi, an sämmtliche Nachfolger ihren Weg mit Fasten und Kasteien begonnen haben, führt er den bis auf Louise Lateau ausgedehnten Nachweis, daß sie sämmtlich Schwerkranke waren, und tritt damit insbesondere dem in dieser Angelegenheit vielgenannten ultramontanen Professor Lefèbvre von Löwen entgegen, welcher die Stirn gehabt hat, zu behaupten, die Lateau sei kerngesund und werde alle Tage gesünder. Er meint, daß das Blut, welches bei gesunden Menschen den Verdauungsorganen zuströme, bei diesen Kranken vielmehr nach außen gedrängt werde, woselbst es sehr bald dazu gelange, die zarten Schleimhäute, welche die inneren Körperhöhlungen, Mund, Augenhöhlen und Nase auskleiden, zu durchbrechen. In der That bringt er die Belege bei, daß nicht nur der hl. Franz, sondern alle Stigmatisirten, deren Krankheitsgeschichte genau bekannt ist, wie Veronika Giuliani, Colette von Gand, Maria von Moërl, Louise Lateau u. s. w., bevor die härtere Oberhaut bei ihnen durchbrochen wurde, Blut aus Mund, Nase und Augen (sogenannte blutige Thränen) verloren haben, daß u. A. die heilige Therese, wie die oben angeführte Isabella Hendrick, an solchen inneren Blutverlusten erstickt ist.

An den bis hierher wohlbegründeten Nachweis einer durch Kasteiung beförderten Neigung zu allgemeinen Blutverlusten knüpfte Charbonnier die unbewiesene und schwerlich haltbare Vermuthung, daß der menschliche Körper, dessen Wärmeverlust in südlichen Gegenden, wenn er nicht arbeitet, gering ist, durch eine sehr allmähliche Entwöhnung zu einer fast vollkommenen Einstellung der Verdauungsthätigkeiten gelangen könne, daß die Lunge in solchen Fälle eine Stickstoff-Aufnahme aus der Luft vermitteln möchte, und daß also auch an der immer wiederkehrenden Behauptung, diese Mystiker äßen nicht, oder lebten, wie die indischen Fakire ausdrücklich behaupten, gleich den Pflanzen von Luft, etwas Wahres sein könnte. Obwohl zwei berühmte Chemiker, Regnault und Reiset, eine derartige unmittelbare Stickstoffaufnahme durch die Lunge bei einigen Thieren nachgewiesen haben und obwohl eine gegenseitige Vertretung von Körperorganen unter Umständen zweifellos eintritt, erscheint diese Annahme vor der Hand völlig aus der Luft gegriffen, wenn man auch nicht sagen kann, daß sie etwas Unmögliches behauptet.

Die Brüsseler Akademie beauftragte drei Naturforscher und Aerzte Fossion, Maskart und Warlomout, über die Charbonnier’sche Arbeit zu berichten. Der Doctor Warlomont glaubte aber vor Allem feststellen zu sollen, ob der Fall Lateau überhaupt zu einer ernsthaften Untersuchung geeignet wäre. Statt eine genaue Prüfung der Charbonnier’schen Arbeit anzustellen, begann er vielmehr die Kranke zu beobachten, und obwohl er somit seinen Auftrag mißverstanden und der Akademie Gelegenheit zu einem Tadel gegeben, hat er doch nicht nur den Beweis geführt, daß, wie Charbonnier behauptet hatte, die Stigmatisation eine Krankheit ist, sondern auch das erste vertrauenswürdige Material zum wissenschaftlichen Studium dieser Krankheit geliefert.

Er untersuchte zunächst die Wunden und stellte fest, daß das Blut aus angeschwollenen, aber unzerrissenen Aederchen hervortritt, er prüfte sodann das Blut mikroskopisch und fand, [806] daß es ein krankes Blut sei, welches sich durch eine ungewöhnliche Armuth an rothen Blutkörperchen und ein großes Uebermaß von Blutwasser (Serum) auszeichnet. Dies genügt, die der Kirche so werthvolle Behauptung des Professor Lefèbvre, Louise sei kerngesund, zu widerlegen, was aber das Heraustreten der rothen und farblosen Blutzellen durch unverletzte Gefäßwandungen anbetrifft, worin der Ebengenannte den bindenden Beweis eines übernatürlichen Vorganges gefunden haben wollte, so hat der deutsche Physiologe Professor Cohnheim inzwischen bewiesen, daß die Blutkörperchen im Stande sind, durch die engsten Gewebeporen hindurchzuschlüpfen, indem sie sich, wie ein Thier, welches durch schmale Spalten kriecht, ganz schlank machen.

Nachdem Warlomont sich völlig überzeugt, eine Kranke vor sich zu haben, kam es ihm zunächst darauf an, festzustellen daß bei dem Aufbrechen der Wunden, welches regelmäßig in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag vor sich geht, keine äußere Nachhülfe stattfinde. Profesor Lefèbvre hatte sich begnügt, für diese Probe der Kranken Handschuhe anzuziehen, deren Armschluß durch Siegel verwahrt wurde, aber es ist klar, daß dieselben eine mechanische Reizung nicht hätten verhindern können. Dr. Warlomont schloß deshalb an einem Donnerstage im Beginne dieses Jahres die rechte Hand der Kranken in einem geräumigen Glaskolben so ein, daß sie sich in demselben frei bewegen konnte; der Hals des Kolbens wurde mittelst einer Art von enganschließendem Gummileinwand-Aermel mit Bändern, deren Enden versiegelt waren, mit Kautschukauflösung etc. so fest am Oberarme angeschlossen, daß nach Ansicht Warlomont’s und der Aerzte, die ihn bei der Anlegung und Abnahme des Verbandes unterstützten, jede mechanische Berührung des Handrückens – der Handteller blieb den Fingernägeln zugänglich – ausgeschlossen war. Eine gebogene Röhre erlaubte der Luft freien Eintritt in den Kolben, um aber eine Luftverdünnung durch Ansaugen mit dem Munde unmöglich zu machen, wurde die ganze Vorrichtung noch einmal in einen weiten luftdichten Beutel eingeschlossen, dessen Anschluß am Oberarm ebenfalls wohl verwahrt wurde. Mit einem Worte, die Aerzte hatten die Ueberzeugung, jeden äußeren Eingriff abgeschlossen zu haben, und gleichwohl fanden sie bei der Eröffnung des völlig unberührt gebliebenen Behälters Handteller und Rücken, wie gewöhnlich am Freitage, blutend und den unteren Theil des Behälters mit einer geringen Blutmenge angefüllt.

Soweit es eine Untersuchung ohne beständige Ueberwachung zuläßt, scheint damit festgestellt, daß für jetzt die Blutung freiwillig in den regelmäßigen Perioden eintritt, dagegen konnte Warlomont verschiedene andere Angaben der Herren Lefèbvre, Rohling, Majunke, Imbert Gourbeire, van Looy, und wie die zahlreichen Propheten des Wundermädchens sonst heißen, durchaus nicht bestätigen. Was zunächst die Angabe betrifft, daß die Wunden bereits am Sonnabend geheilt und mit einer glatten, schorflosen Haut bedeckt seien, fand er vielmehr, daß sie noch am Sonntage weit von einer vollständigen Heilung entfernt waren, auch scheint die Schorfbildung dauernd geworden zu sein. Besonders wichtig sind nun ferner die Warlomont’schen Beobachtungen hinsichtlich der Ernährungsfrage. Um festzustellen, ob in dem kranken Körper ein regelmäßiger, von Charbonnier in Frage gestellter Stoffwechsel stattfinde, und ob bei Louise, wie bei andern Menschen, nur durch Essen ersetzbare Körperstoffe im Blute zu Kohlensäure und Wasser verbrannt werden, ließ er sie nun zunächst mittelst eines Röhrchens anhaltend durch klares Kalkwasser athmen, während er selbst mit einer zweite, gleichen Vorrichtung zeigte, wie sie dies machen sollte. Und siehe da! Louisens Kalkwasser wurde ebenso schnell trübe wie das des Doctors, zum Beweise, daß sie, wie er, beständig Kohlensäure ausathmet, die sie doch vermuthlich aus nichts Anderem bereitet, wie er selbst, nämlich mittelbar aus Brod und anderer Speise. Zum Ueberflusse sammelte Warlomont eine größere Menge der von Louise ausgeathmeten Luft in einem besonderen Behälter, um dieselbe von Professor Depaire genau analysiren zu lassen. Es ergab sich dabei zwar ein etwas geringerer Gehalt an Kohlensäure und Wasserdunst, als ein gesunder Mensch ausscheidet, allein dies erklärt sich schon durch das etwas tiefere Einathmen bei dem Versuche, sofern dadurch der Procentgehalt der Ausscheidungen bedeutend herabgestimmt werden muß.

Der Untersuchende zog hieraus den Schluß, daß die Kranke esse, wenn auch vielleicht nicht eben reichlich, und wunderte sich deshalb auch nicht, einen in ihrem Wohn- und Schlafzimmer aufgestellten Schrank mit denjenigen Gottesgaben – Brod und Früchten – angefüllt zu finden, die sie angeblich vor vier Jahren zum letzten Male genossen haben soll. Er veranlaßte sie sodann, in seiner Gegenwart fünfzehn Gramm Brod und dreißig Gramm Kaffee zu genießen, um zu sehen, ob sie, wie die Parteigänger des Wunders einstimmig behaupten, wirklich diese geringe Nahrungsmenge alsbald wieder von sich geben würde. Er wartete fünf, zehn Minuten, ein halbe Stunde, und ging dann fort, ohne daß, trotz vielen Würgens, von diesen Dingen etwas wieder zum Vorscheine gekommen wäre. Natürlich versicherte ihm der gute Pfarrer Niels, daß dies alsbald nach seinem Fortgehen geschehen sei, allein auf’s Gewissen befragt, gestand er, daß er das nicht selber gesehen und daß Louise es nur gesagt hätte. Obwohl somit Warlomont einzig Beweise gegen die kostlose Lebensweise der Kranken erhalte hatte, wußten die ultramontanen belgischen Blätter alsbald triumphirend zu berichten, Herr Warlomont von der Akademie habe ebenso wie die Freiwilligkeit des Blutens auch das Hungerwunder lediglich bestätigen müssen. Er verwahrte sich nachdrücklich in den Zeitungen gegen derartige Verdrehungen der Wahrheit, allein trotzdessen wird er in der vor wenigen Monaten erschienenen Schrift des Abbé Cornet, „Louise Lateau und die deutsche Wissenschaft“, ruhig als Zeuge für die Enthaltsamkeit angeführt. Wir werden das entsetzliche Lügensystem, durch welches diese merkwürdige Krankheit zu einem Wunder aufgeblasen wurde, weiterhin noch an einem viel stärkern Beispiele kennen lernen, um daran zu sehen, wie die Wunder, nachdem sie im Rohen fertig sind, ihren letzten Schliff und die Politur erhalten. Erst dann werden wir die ganze Schwierigkeit einer derartigen Untersuchung, bei welcher die Trennung der unbewußten von der bewußten Lüge keineswegs leicht ist, übersehen können.

Unsere Kranke hat vor zwei Jahren zu den für spätere Bedürfnisse bereits angelegten Heilige-Acten erklärt, daß sie (damals) seit drittehalb Jahren nichts weiter genossen habe, als die Hostie und sehr wenig Wasser, und hat diese Aussage durch einen Eid vor dem Crucifixe bekräftigen müssen. Da es allbekannt ist, daß Nervenübel derjenigen Art, von denen Louise heimgesucht wird, beinahe regelmäßig von einem unerklärlichen Hange zum Verbergen der Wahrheit begleitet sind, so ist die Abnahme eines derartigen Eides ein ebenso schweres Unrecht, als wenn man einen Berauschten vereidigen wollte. Warlomont macht auf die Möglichkeit aufmerksam, daß die Kranke vielleicht unbewußt esse. Er bringt den Umstand nämlich in Verbindung mit ihrer Angabe, daß sie seit ungefähr derselben Zeit nicht mehr geschlafen habe. Befragt, was sie denn die ganze Nacht treibe, hat sie verwirrt gestanden, daß sie, auf dem Stuhle sitzend, mitunter längeren Geistesabwesenheiten unterliege. Da sie nun während ihrer Ekstase einen ähnlichen Zustand darbietet, wie der Pariser Automatmensch (Gartenlaube Nr. 36 dieses Jahrgangs) oder ein sogenannter Nachtwandler, so wäre es möglich, umsomehr da ihre Schlafstube zugleich die Speisekammer der Schwestern ist, daß sie in diesem bewußtlosen Zustande den Speiseschrank öffnet und ißt. Warlomont, der, wie man sieht, kein Mittel unversucht lassen möchte, an die Aufrichtigkeit Louises noch ferner zu glauben, erzählt in seinem ausführlichen Berichte zwei Fälle von Kranken, die in ähnlichen Zuständen Speise nahmen. Der merkwürdigere derselben betrifft eine jetzt lebende Londoner Dame, welche die Speisen, die sie im wachen Zustande genießt, nicht im Magen behält, dagegen Alles wohl verdaut, wenn sie vorher durch ihren Arzt in den sogenannten magnetischen Schlaf versetzt wird. Seit drittehalb Jahren folgt sie ihrem Arzte, ohne den sie nicht leben kann, wie sein Schatten auf allen seinen Reisen. Sie würde, setzt Warlomont hinzu, wenn man ihr nicht das Gegentheil oft erzählt hätte, „vor dem Crucifixe, auf’s Evangelium oder bei dem Haupte ihrer Kinder schwören, daß sie während dieser ganzen Zeit weder etwas gegessen, noch etwas getrunken habe“. Wir werden sehen, daß der Zustand der mystischen Kranken in [807] ihren Ekstasen etc. die größte Aehnlichkeit mit dem der Nachtwandler und Magnetisirten darbietet, und begreifen die Nothwendigkeit einer genaueren Untersuchung mit völliger Bewachung, wie sie Warlomont am Schlusse seines Berichtes betont, vollständig. Er hat gezeigt, daß Louise Lateau ein ausgezeichnetes Beispiel einer Krankheit, deren Vorhandensein man bisher geleugnet hat, darbietet, und daß es somit unverzeihlich sein würde, wenn die belgische Regierung nicht den Aerzten die Möglichkeit gewähren wollte, diese Kranke ohne Einmischung der sie bisher streng überwachende Klerisei zu untersuchen. Natürlich würde es im eigenen Interesse der medicinischen Wissenschaft liegen, daß die Kranke mit der größten Schonung behandelt und wie bisher eher in dem Glauben, daß ihre Krankheit einen übernatürlichen Ursprung habe, bestärkt werde, als daß man ihr alsbald mit geistigen und körperlichen Pflastern zu Leibe gehen dürfte.

Carus Sterne.     



Der amerikanische Reporter.
Von Max Horwitz.

Oft und viel ist über das amerikanische Zeitungswesen geschrieben worden. In gelehrten Abhandlungen hat man seine Vorzüge und Nachtheile hervorgehoben. Als ausgesprochenster Vertreter jener Großmacht, welche man vor der Neugestaltung Italiens als die sechste zu bezeichnen pflegte, der öffentlichen Meinung, hat es sich einen Namen gemacht. Hin und wieder hat man ungläubig den Kopf geschüttelt, wenn man las, daß eine Zeitung aus eigenen Mitteln eine Frage löste, mit der Nationen sich Jahrzehnte vergeblich beschäftigt, wie der „New-York-Herald“ die Auffindung Livingstone’s durch Stanley, aber endlich hat man sich denn doch überzeugt von dem Rechte der Presse, sich eine Großmacht zu nennen. Es soll in diesen Zeilen auf den Unterschied zwischen den Zeitungen diesseits und jenseits des Oceans nicht eingegangen, vielmehr stillschweigend zugegeben werden, daß der tiefe sittliche Gehalt, der die Presse auszeichnen soll, in den Zeitungen Deutschlands stärker ausgeprägt ist, als in denen Amerikas.

Das, was die amerikanische Zeitung sein will, drückt sie ganz genau in ihrem Namen aus: ein news-paper, ein Neuigkeitsblatt. Diesem Generaltitel wird sie nie untreu, unter welchem Namen sie auch erscheinen mag. Der politische Artikel, das Besprechen der Neuigkeit kommt erst in zweiter Reihe – das erste Erforderliche ist die Neuigkeit selbst in möglichster Breite und Tiefe. Das amerikanische Lesepublicum ist von der in ewigem Wettrennen befindlichen Presse verwöhnt – in Amerika giebt es weit mehr Zeitungsleser als in irgend einem anderen Lande der Welt – und zwingt die Presse nun selbst, auf dem einmal betretenen Pfade vorwärts zu gehen; sie befindet sich in der Lage des Zauberlehrlings und wird die Geister nicht wieder los, die sie rief. Ob es sich um welterschütternde Ereignisse oder um die unbedeutendsten, ja gleichzeitig verwerflichsten Dinge handelt, ob auf dem Schlachtfelde von Sedan Germanen und Gallier in heißem Kampfe um die Erleuchtung oder Verfinsterung der Welt ringen, oder ob Jimmy Mac Guire’s Bulldogge und Mike O’Reilley’s Neufundländer in fünfundzwanzig Rundgängen sich zerfleischen, um ihrem Besitzer den Betrag der über den Ausgang des Kampfes gemachte Wette einzubringen, gilt ganz gleich, – der Bericht darüber wird erwartet. Die Aussteuer der Tochter des Präsidenten muß bis auf die geheimste Gegenstände der weiblichen Toilette eingehend beschrieben sein, aber auch über den Ball, mit dem Miß Castello, Vorsteherin eines unmoralischen Institutes, ihr neues Haus einweiht, erwarten die Leser vieler Blätter eine eingehende Besprechung. Es giebt nichts unter der Sonne, soweit es im Bereiche menschlicher Erforschung liegt, das sich der öffentlichen Besprechung entziehen könnte. Mit derselbe Treue werden eine Reise des Präsidenten und ein Picnic der Schusterjungen besprochen. Die Zeitung muß an jedem Morgen ein getreuer Spiegel der Vergnügungen und Ereignisse des vorhergehenden Tages sein. Eine Zeitung, die sich von diesem ersten Erforderniß des ‚news-paper‘ lossagen wollte, dürfte sich ruhig zu den Todten rechnen.

Die absonderliche Blüthe, und zwar specifisch amerikanische Blüthe, welche diese Eigenthümlichkeit der amerikanische Presse getrieben, ist der Reporter oder Berichterstatter. Es müßte interessant sein, ein Exemplar dieser Species, der seinem Berufe eine Reihe von Jahren treu gedient hat, nach dem Ableben anatomisch untersuchen zu lassen. Es würde sich da ganz sicherlich herausstellen, daß drei Theile seines Körpers sich ganz besonders entwickelt haben: die Ohren, welche fast Ungesprochenes hörten, die Augen, welche nahezu durch Mauern sahen und schließlich, und nicht am unwichtigsten, die Beine, – Beine mit unsichtbaren Meilenstiefeln, welche im Fluge die Ohren und Augen bald hierhin, bald dorthin trugen, die unermüdlich und rastlos überall und nirgends waren. Diese drei Dinge bilden das Handwerkszeug des Reporters; mit ihm ausgerüstet, stürzt er sich täglich hinein in den Strudel des öffentlichen Lebens, von welchem er allerdings manchmal auch, wenn er nicht geschickt zu steuern weiß, ergriffen und in den Abgrund gerissen wird. Mancher Bericht fand seinen Abschluß mit dem Begräbnisse des Schreibers – „eine Kugel kommt geflogen“ – –

Nun, mich hat keine getroffen, obwohl eine wenigstens mir sicher zugedacht war, und so kann ich denn aus meinen Erinnerungen und dem, was zu meiner Kenntniß gekommen, Einiges hier anfügen.

Die amerikanische Zeitung – auch die deutsche Zeitung in Amerika – hat ihren eigenen Stab von Reportern. Der Localredacteur – ein literarischer Moltke – sitzt an seinem Pulte und entwirft früh Morgens den Schlachtplan für den ganzen Tag. Auf ein volles Jahr hinaus ist jedes bevorstehende Ereigniß, auch das kleinste, soweit man von seinem Stattfinden Kenntniß erhält, in einen Tageskalender eingetragen, so daß man genau darüber unterrichtet ist, welche Dinge sich abspielen werden. Aus der Reihe seiner Reporter, die sich bei nennenswerthen Blättern englischer Sprache selten unter fünfzehn beziffert, wählt er dann für jede Berichterstattung den ihm am geeignetsten erscheinenden aus. Für die Dinge aber, welche sich nicht angemeldet haben, schickt er eine Anzahl anderer Reporter aus.

Nun ist dem Berichterstatter das Arbeiten im Großen und Ganzen allerdings leicht gemacht. Er steht mit dem Publicum auf dem beste Fuße, denn er ist ein einflußreicher Mann. Wo das, über was er berichten soll, nicht absolut heimlich gehalten werden soll, bringt man es ihm fast entgegen und mit Routine und Arbeitskraft kommt er durch. In Versammlungen findet er einen Tisch und gute Schreibmaterialien neben der Rednerbühne; Beschlüsse überreicht man ihm fast immer in sauberer Abschrift. Bei einem Festessen ist sein Couvert so gelegt, daß er Alles überblicken kann. Seine Karte öffnet ihm unter normalen Verhältnissen jede Thür. Jedes Schloß springt vor ihm auf. Selbst der Präsident läßt sich nicht verleugnen und mancher Bankpräsident ist schon spät Nachts aus dem Schlafe geklingelt worden, um durch den Reporter eine Frage an sich gerichtet zu sehen. Der Allgefürchtete geht durch die städtische und Staatsbureaux, unterbricht die Beamten in ihrer Arbeit, spricht mit ihnen, liest die auf dem Pulte liegenden Papiere und schnüffelt in den Büchern, wenn sie nicht schnell genug vor ihm versteckt worden. Er ist als kriegführende Macht anerkannt; man weiß, daß er auf Raub aus ist, und man verübelt ihm nicht nur nicht, wenn er alle Mittel in Bewegung setzt, Neuigkeiten zu erhaschen, sondern lobt ihn noch, etwa mit alleiniger Ausnahme Desjenigen, den er überrumpelte. Er ist also schlau und – es sei ein Ausdruck gestattet, der bezeichnend ist – „unverfroren.“

Vor ungefähr drei Jahren, als der damalige Beherrscher New Yorks, Tweed, die ersten Stimmen der über ihn ergangenen Anklagen auszuhalten hatte, die ihn ja auch in’s Zuchthaus brachten, zu jener Zeit, als man ihn beschuldigte, nicht weniger als zwölf Millionen Dollars aus dem Stadtsäckel gestohlen zu haben, war es der Ehrgeiz jeder Zeitung, eine Unterredung mit [808]

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Beim Pas-de-deux.
Aus dem Album „Der erste Ball“ von K. Koegler.


ihm selbst zu haben. Tweed aber blieb unsichtbar für Alle, die er nicht sehen wollte, und zu ihnen gehörten vor Allem die Reporter. Er wollte den langen Verhören Unberufener aus dem Wege gehen und hatte strenge Ordre gegeben, Niemanden vorzulassen. Aber selbst Tweed hatte die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Obwohl ein Reporter nach dem andern den Versuch, zu ihm zu dringen, aufgab, Einer, ein junges Bürschchen, das sich seine Sporen verdienen wollte, hielt aus. Er eröffnete eine förmliche Belagerung. Sein Fuß wich nicht von der Schwelle. Man sagt, daß er selbst mit der Negerköchin eine Liebelei anbandelte, um wenigstens bis in die Küche zu gelangen. Jeden Tag, ja fast jede Stunde wanderte seine Karte hinein: „Der Reporter des ‚Sun‘ bittet um eine Unterredung“. Eine abschlägige Antwort entmuthigte ihn nicht; seine Ordre war, Tweed zu sprechen, und wie ein Soldat hatte er diese Aufgabe zu lösen. Endlich mochte seine Ausdauer Tweed rühren, und als der Reporter sich schließlich mit einer einzigen Frage zu begnügen versprach, öffnete sich ihm die so lange verschlossene Pforte; er stand dem Gewaltigen gegenüber. Aber er durfte nur eine Frage thun. Wie viel hätte der Mann mit den drei Wünschen von ihm lernen können! Auch nicht einen Augenblick war er in Verlegenheit, sondern fragte nach artiger Begrüßung im naivsten Tone:

„Sagen Sie, Herr Tweed, aber auf Ihre Ehre, sind Sie wirklich ein Dieb?“

Und Tweed warf ihn nicht zum Tempel hinaus, sondern lachte herzlich und gestattete ihm weitere Fragen.

Nicht minder heiter ist ein kleiner Vorfall in Chicago. Der Mayor der Stadt, ein von Natur freisinniger, aber schwacher und leicht bestimmbarer Mann, war den Temperenzlern in die Hände gefallen und bedrohte die Sonntagsfreiheit der Deutschen. Darüber entstand ungeheuere Aufregung. Joseph – wir wollen ihn bei seinem Vornamen nennen – wurde von Deputationen der Mucker und ihrer Gegner fast erdrückt. Jede, selbstverständlich am nächsten Morgen gedruckte Meinungsäußerung wurde ihm die Veranlassung zu neuem Aerger. So beschloß er denn, den Reportern gar Nichts mehr zu sagen, und war stumm, wie das Grab. Seine Conferenzen über diesen Gegenstand hielt er bei verschlossenen Thüren, vergaß aber die Schlüssellöcher zu verstopfen. Als er sich in ein Zimmer unter dem Dache flüchtete, wurde die Luftheizungsröhre dienstbar gemacht; sie trug den Schall der Worte weiter. Aus einzelnen Schlagwörtern reimte man sich den ganzen Inhalt des Gesprächs zusammen. Allerdings war Joseph etwas schwerhörig und bediente sich einer Ohrtrompete, sodaß mit ihm gewöhnlich ziemlich laut gesprochen werden mußte; er selbst hatte sich das laute Sprechen angewöhnt. Schließlich, als Tag für Tag ein Bericht über die geheimsten Sitzungen in den Zeitungen stand, entschloß er sich zu einer allergeheimsten Sitzung in dem aus starken, colossalen Mauern und eisernen Thüren bestehenden feuerfesten Gewölbe des Rathhauses. Lächelnd schritt er an den Reportern vorüber; schwer fiel die eiserne Thür hinter ihm in’s Schloß – am nächsten Morgen stand der Bericht in den Zeitungen. Joseph hatte seine Ohrtrompete nicht mit sich genommen, da drinnen durfte ja laut gesprochen werden, und da hatten die Reporter eine Anleihe bei ihm gemacht, hatten die Oeffnung der Ohrtrompete an das Schlüsselloch gelegt und so doch den Inhalt der Verhandlungen aufgefangen. Von dem Augenblicke an gab Joseph seine Heimlichkeiten auf. Er bekannte sich lachend als besiegt. Hatte doch der Reporter des Blattes, dessen Redacteur Joseph gleichzeitig war, den Reigen der Cameraden geführt.

Nicht immer aber steht der Reporter auf so sicherem Posten. Vor wenigen Monaten fand man am Gestade des Michigansees die gebleichten Gebeine des lange vermißten neunzehnjährigen Grimwood. Er war von seinem Localredacteur dazu bestimmt worden, eine Fahrt des Luftschiffers Donaldson zu beschreiben, also war er mit aufgestiegen. Eine halbe Stunde später brach ein orkanartiger Sturm los, der den Ballon zerfetzte. Die Gebeine der Verunglückten wurden nur durch die daneben liegenden Papiere recognoscirt. In Grimwood’s Notizbuch stand mit Bleifeder geschrieben: „Fünftausend Fuß über der Erde. Ich hoffte immer, ich sei zu Höherem geboren. Aber die Aufgeblasenheit regiert auch hier oben.“ In diesem Tone ging es eine Weile weiter. Die letzten Zeilen enthielten eine Andeutung über das Unwetter und eine Todesahnung. Er starb in seinem Berufe.

Wie die Rücksichtslosigkeit gegen Andere, so ist dem Reporter auch die gegen sich selbst in Fleisch und Blut übergegangen. Ich erinnere mich, daß am 14. Juli 1874, als die Stadt Chicago zum zweiten Male mit Vernichtung bedroht wurde, ein ganzer Schwarm von Reportern mit in die Häuser ging, welche wenige Minuten später in die Luft gesprengt werden sollten und in denen Alles zur Sprengung vorbereitet war, während ein wahrer Feuerregen sich schon auf sie ergoß. Mußten sie doch am nächsten Morgen genau beschreiben, wo die Lunte angelegt worden. Ja, als man vor einigen Tagen Schauerdinge über die Verwaltung eines Staatsirrenhauses von New York erzählte, ließ sich ein Reporter Namens Chambers in aller Form Rechtens und von Gerichtswegen für irrsinnig erklären und lieferte nach vier Wochen einen Bericht, der eine Abstellung der Mißstände zur Folge hatte.

Gleichviel welche Motive zu solch außerordentlichen Thaten veranlassen – oft ist es nur die Absicht, „Sensation“ zu machen; oft liegen andere Gründe vor – so viel steht fest, daß durch den Reporter schon sehr viel Gutes geschaffen wurde, neben manchem Bösen, das seine Rücksichtslosigkeit herbeiführte. Zwar deckt er fast immer nur die Schäden und Schwächen der Gegenpartei auf, aber es ist doch immerhin Jemand da, der den Beamten scharf auf die Finger sieht. Jede Ungehörigkeit rügt er. Allgemeine Mißstände werden hervorgehoben, beleuchtet und mit Scherz und Ernst bekämpft, bis sie gehoben sind. Trotz einer erklärlichen leichtfertigen Auffassung des Lebens ist er durchaus gutmüthig. Persönliche Gefahr kennt er nicht. Ich [809]

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Zu heiß im Saale!
Aus dem Album „Der erste Ball“ von K. Koegler.


habe Reporter gesehen, die sich kaltblütig ihre Bleifedern spitzten, als in ihrer Gegenwart von erregten Männern der Vorschlag gemacht wurde, sie jämmerlich durchzuprügeln, weil ein von ihnen verfaßter Bericht Mißfallen erregt hatte. Und der echte Reporter ist gewandt. Nicht nur daß er Berichte über Reden in französischer, italienischer, deutscher und skandinavischer Sprache ziemlich getreu anfertigt, obwohl er selbst meisthin nur Englisch versteht, er beschreibt Morgens eine Dampfmaschine, Mittags die Blumenausstellung, berichtet Nachmittags über eine politische Versammlung und kritisirt Abends die italienische Oper. Tief geht sein Wissen natürlich nicht, aber so wenig er auch von dem einen oder andern Dinge versteht, er besitzt doch die Fähigkeit, sich über Alles schnell und leichthin zu informiren.

Der amerikanische Reporter steht mit Jedermann auf gutem Fuße. Er drückt dem Polizeipräsidenten und wenige Minuten darauf dem Spielhöllenbesitzer die Hand. Er wandert direct von der Hinrichtung eines Mörders zur Prüfung in einer höheren Mädchenschule. Er hat ein Herz, sogar ein großes, aber er hat gelernt, es nach Bedarf in Bewegung oder in Ruhe zu versetzen. So lange er im Dienste ist – und er ist immer im Dienst – giebt es für ihn nur das eine Wort: Neuigkeiten. Allerdings setzt ihn die Zeitung, für die er arbeitet, in die Lage, Neuigkeiten zu erhaschen. Vor Kosten, und seien sie noch so bedeutend, ist eine amerikanische Zeitung noch nie zurückgeschreckt, wenn es gilt, etwas Interessantes zu erfahren. Der bedeutendste Vorzug des amerikanischen Reporters aber ist, daß er zu schreiben versteht. Dem unbedeutendsten Dinge weiß er eine interessante Fassung zu geben. In den meisten steckt etwas von Mark Twain oder Bret Hart, eine stark ausgeprägte humoristische Ader, die überall zum Durchbruche kommt. Ein amerikanischer Bericht zeichnet immer gleich den Hintergrund, auf dem sich die Dinge abspielen. Er liefert ein kleines Genrebild, das oft ein längeres Leben verdient, als den Augenblick, für den es ursprünglich bestimmt war.

Daß sich neben so vielem Lichte auch sehr viel Schatten finden muß, liegt auf der Hand. Gesinnung irgend welcher Art wird man bei einem amerikanischen Reporter vergebens suchen, es sei denn, daß er sich schon einen Namen gemacht hat. Gewisse Zeitungen, wie z. B. die „Chicago-Times“, die als der Typus der schmutzigsten Journalistik gelten darf, bilden ihre Reporter zu Spionen aus, die sich in das innerste Familienleben drängen und schon oft unsägliches Unheil angerichtet haben. Die Sucht, es einander zuvorzuthun, hat jene an und für sich ganz hübsche Erfindung der Unterredungen so ausarten lassen, daß sie zu einer wahren Landplage geworden sind.

Was aus dem Reporter wird? Oft ein hervorragender Politiker; häufig arbeitet er sich in der Presse bis zum Sessel des Chefredacteurs hinauf. Man begegnet ihm als dem Geschäftsführer bei Theatergesellschaften, im Circus und bei verwandten Unternehmungen, weil seine Bekanntschaft mit der Presse ihn werthvoll macht. Die Zahl Derer, welche in andere Berufskreise übergehen, ist nicht sehr groß. Nicht gering aber sind Diejenigen vertreten, denen die aufreibende, Körper und Geist ermüdende und anstrengende Thätigkeit ein frühes Grab bereitet. Man macht nicht ungestraft zehn Jahre lang die Nacht zum Tag und den Tag zur Nacht, besonders nicht, wenn einem die Gelegenheit zur Befriedigung der nationalen Neigung zu geistigen Getränken so leicht und so kostenfrei geboten wird, wie dem amerikanischen Reporter.



Zur Naturgeschichte des deutschen Komödianten.
8. Intendanten und Directoren.

Die Stellung eines Bühnenleiters ist eine hoch verantwortliche in mehr als einer Beziehung. Der Leiter einer Bühne ist verantwortlich der Kunst, den Dichtern, den Künstlern, sich selbst und – leitet er ein Institut von hohem Range – sogar der Nation. Wohl müssen, um eine Nationalbühne zu schaffen, verschiedene Kräfte zusammenwirken. Der wohlwollende Staat vermag das Meiste und Beste zu thun. Die Leugnung der Würde der Bühne von Seiten des Staates ist der Anfang vom Ende des letzteren. Nicht weniger maßgebend neben dem Staate sind aber auch die Dichter und die Bühnenleiter. Diese drei sind es, von welchen man eine Blüthezeit der dramatischen Kunst zu hoffen hat und die ersten Schritte zur Neuschaffung derselben fordern darf. Der Einfluß des ausübenden Künstlers steht erst in zweiter, der des Publicums gar erst in dritter Linie. Das, was der ausübende Künstler giebt, wird immer den Dichter

und bei aller Wahrung der Selbstständigkeit des subjectiven Talentes – den Bühnenleiter widerspiegeln. Das Zusammenspiel nun gar liegt ganz in der Hand des Bühnenleiters, denn er ist entweder selbst sein Regisseur oder trifft doch die Wahl desselben und trägt also auch die Verantwortung. Und das Publicum? – Das Publicum, ich wage es zu behaupten, läßt sich erziehen zum Guten, wie zum Bösen, womit nicht gesagt sein solle daß seine Erzieher nicht geschickte Pädagogen von Herz und Kopf sein müssen.

Die Bühnenleiter, d. h. die Intendanten und Directoren, sind auf’s Engste mit der Naturgeschichte des deutschen Komödianten verwachsen. Wir widmen ihnen daher in dieser Artikelreihe ein Viertelstündchen ernster Betrachtung und scherzhafter Beleuchtung.

Beginnen wir mit den Intendanten! Die Hoftheater-Intendanten konnten natürlich nicht früher da sein als die [810] Hoftheater. In jener fein-sinnlichen, barocken, geistreichen, empfindsamen und herzlosen Zeit, die wir einfach und bezeichnend Rococo nennen, in der Zeit des aufgeklärten Absolutismus und des Landeskinderverkaufs, in der Zeit Eckhof’s, in welcher der goldene Leichtsinn der verachteten Komödianten sich noch nicht in den Sinn für schweres Gold verwandelt hatte, bekamen die großen und kleinen Landesväter des heiligen römischen Reichs deutscher Nation plötzlich Lust ein wenig Louis XIV zu spielen. Sie ahmten ihn sclavisch nach, den Mann, welcher der Staat selbst war. Sie mußten demnach auch ihr Hoftheater und ihre Hofkomödianten haben. So wurden sie hereingeholt von der Landstraße, die besseren Komödiantentruppen, und sie fanden auf kürzere oder längere Zeit ein ungewohntes Quartier in Räumen, die von Gold, Seide und Sammet strotzten. Diese Räume hatten sich die hohen Herren geschaffen, um nach dem Essen zur Verdauung ein Stündchen Schauspiel genießen zu können. Oder sie lauschten in diesen Räumen an bestimmten Abenden den schmeichelnden Melodien einer Modeoper und erfreuten das höchsteigene, etwas genußmüde Auge durch die Pas und Entrechats einer französischen oder italienischen Ballerina. Deutsche Ballerinen von Ruf gab es damals noch nicht. Die deutschen Mädchen begriffen das System der Tricots und Tanzkleidchen etwas schwerer als die geweckteren romanischen Schwestern.

In dieser Zeit also entstand der Hoftheater-Intendant, der „intendant des spectacles“. Es war eine Hofcharge, wie es deren an den damaligen Höfen so viele gab, weiter nichts. Die Cavaliere, welche man mit dieser Stellung betraute, nahmen ihr Amt auch gar nicht ernst. Sie bekümmerten sich wenig um die Komödianten. Höchstens befahlen sie auf Befehl ihres Herrn bestimmte Galavorstellungen und protegirten dann und wann „une petite actrice“. Der Intendant des Rococo lebte in einem goldenen Nichtsthun.

Die Zeiten änderten sich. Es war ein Dalberg da; ein Nationaltheater erblühte, und ein Iffland schuf und glänzte. Die Intendanten wurden ernste, kunstbegeisterte Leute. Hatten sie doch an dem ernsten, kunstbegeisterten, wenn auch etwas zaghaften Dalberg ein so leuchtendes Vorbild. Sie mußten ihre Pflicht ernster nehmen – der Stolz des Cavaliers verlangte es so. Es kamen ja auch die herrlichen Tage Weimars, und Schiller und Goethe traten für die Nationalbühne ein. So wurden die Intendanten ernst und kunstbegeistert, und bis in die Mitte unseres Jahrhunderts können wir die Küstner, Redern, Gall u. A. mit künstlerischem Sinne wirken sehen.

Es war mir vergönnt, dem General-Intendanten Karl Theodor von Küstner näher zu treten. Freilich war er damals schon ein Greis und ein Pensionär, aber die alte Kunstbegeisterung war ihm treu geblieben und dazu ein Herz voller Humanität. Seine Güte war sprüchwörtlich, und ich kann mir den gutmüthigen Herrn Generalintendanten noch vorstellen mit all’ seiner unfreiwilligen Komik, wenn er bei der Crelinger, der „Katze“, wie sie Ludwig Devrient nannte, kraft seines Amtes etwas durchzusetzen versuchte.

In seinem freundlichen Heim in der Elsterstraße zu Leipzig waren wir jungen Schauspieler des Stadttheaters gern gesehene Gäste, und er suchte uns auch an schönen Sommernachmittagen häufig bei Kintschy im Rosenthale auf. Gutmüthigkeit und Häßlichkeit waren zu gleichen Theilen in seinem immer freundlichen Antlitze vertreten. Grundsätzlich vermied er, sich äußerlich acceptabler zu gestalten. Seine Perrücke spielte bereits in mehreren Farben und fand ihren festesten Halt durch die Seitenfedern einer großen goldenen Brille. Von ehrwürdigstem Alter waren Kopfbedeckung und Garderobe. So kam er eines Tages freudestrahlend bei Kintschy an und rief glücklich im „reensten“ Leipziger Dialekt aus:

„Gott sei Dank, Kinder, nu weeß ich doch, daß ich noch zum Theater gehöre. Heute war ein durchreisender Schauspieler bei mir und holte sich Reisegeld. So lange, wie se noch Vorschuß bei mir holen, bin ich ooch noch Director.“

Mit dem lebhaftesten Interesse und der größten Bescheidenheit sprach er von seinem Wirken. Ein strenges Gerechtigkeitsgefühl zierte ihn. Folgendes Geschichtchen mag das illustriren.

Im October 1863 feierte der verdienstvolle, noch heute wirkende „erste Vater“ der Leipziger Bühne, Heinrich Stürmer, sein fünfundzwanzigjähriges Engagementsjubiläum. Zur Festvorstellung war Gutzkow’s „Zopf und Schwert“ bestimmt, denn König Friedrich Wilhelm der Erste ist eine der besten Leistungen des Jubilars. Durch die Krankheit eines Darstellers, der den „Eversmann“ zu geben hatte, wäre die Festvorstellung in letzter Stunde gescheitert, wenn nicht ein jüngeres Mitglied das Wagestück unternommen hätte, ohne Probe für den Erkrankten einzutreten. Es gelang. Stürmer’s Ehrentag war gerettet und der Direction ein übervolles Haus. Zwei Tage später begegnet Küstner in der Nähe des Theaters jenem jungen Schauspieler und spricht sich ihm gegenüber anerkennend über das Gelingen des Wagestückes aus. Plötzlich fragt er naiv:

„Was ham Se denn gekriegt?“

„Wie meinen Herr Generalintendant?“

„Nu, ich meene – sind se denn da oben – er zeigte mit der Hand nach den Fenstern der Theaterkanzlei – „nich dankbar gewesen?“ Der junge Mann zuckte die Achseln.

„Ich habe bis jetzt noch nicht ein Wort des Dankes empfangen.“ Ganz entrüstet platzt da der alte Herr los:

„Ne, da hört aber wirklich Alles uff! – So ä volles Haus – bei so enner Gelegenheit und nich ’mal: Danke scheene! – Ne, heeren Se, das hätt’ ich nich sein dürfen! Da wär’ mersch, weeß Gott, uff e Paar Louisdors nich angekommen. Ei Herr Jeeses, das nehm’ mer Keener übel – ne –“ Und kopfschüttelnd setzte er seinen Weg fort.

Die Intendanten der neuen Schule sind andere Leute. Sie gehen meist aus zwei sehr verschiedenen Berufsclassen hervor. Ursprünglich sind sie sehr häufig Officiere oder Schriftsteller. Die Ersteren leisten als Bühnenleiter beinahe noch Besseres als die Letzteren. Sie haben jedenfalls Sinn für Disciplin, und eine energische Disciplin gehört zu einer erfolgreichen Bühnenleitung. Ferner haben sie die Offenheit, sich einzugestehen, daß das Theater nicht ihr eigentliches Terrain ist und daß man Dinge, die man gedeihlich betreiben will, ihrem vollen Umfange nach verstehen muß. Darum halten sie auf tüchtige Regisseure.

Die Schriftsteller-Intendanturen sind im Allgemeinen weit weniger ersprießlich für die Kunst, obgleich man das Gegentheil glauben sollte. Es sind Ausnahmen vorhanden: Laube, Dingelstedt, Wehl. Das sind Praktiker. Sie haben sich angelegen sein lassen, den Organismus der Bühne kennen zu lernen; sie haben sich nicht auf den Standpunkt gestellt: „Als Dichter sind wir geborene Bühnenleiter.“ Dieser Standpunkt ist ein schlimmer Irrthum, und selbst ein Immermann hat seine bösen Folgen empfinden müssen. Die Theorien allein thun es eben nicht. Darum haben diese Praktiker der Bühnentechnik im weitesten Sinne nachgespürt, und sie sind nicht nur im Aristoteles und Lessing zu Hause, sondern auch in der Garderobe des Schauspielers und auf dem Schnürboden des Maschinisten.

Wir begrüßen nun zunächst die Directoren der stabilen Stadt- und Privattheater. In neuerer Zeit ist das Wort Director etwas aus der Mode gekommen. Man bedient sich jetzt statt dessen – vermuthlich aus Gründen des Wohlklangs – des Ausdrucks: Bühnenvorstand. Unter den Bühnenvorständen sind die Commissionsräthe ganz besonders stark vertreten. Es giebt nur wenige Ausnahmen unter diesen Leitern großer stabiler Bühnen, deren Brust nicht mit einem oder mehreren Orden geziert ist. Meist sind es recht praktische Geschäftsleute. Einzelne unter ihnen sind indessen wirklich im Stande, der Kunst aus vollem, ehrlichem Herzen Opfer zu bringen. Das sind gewesene Schauspieler oder Sänger, welche die Ideale ihrer Jünglingszeit noch nicht vergessen haben. Sonst wissen sich die meisten dieser Herren „trefflich mit dem Blutbann abzufinden“.

Die Directoren der Stadttheater zweiten Ranges – auf sie findet der „Bühnenvorstand“ seltener Anwendung – bieten im Allgemeinen kein unerfreuliches Bild. Sie sind meist aus dem Stande der ausübenden Künstler hervorgegangen, und der größte Theil sorgt und müht sich redlich, den Anforderungen gerecht zu werden, welche die Neuzeit mit ihren hohen Gagen und theuren Autorenhonoraren stellt. Die Mehrzahl dieser Directoren würde vielleicht gern künstlerischer vorgehen, wenn es ihr überhaupt nur möglich wäre. Aber es ist schwer möglich. Das Budget dieser Stadttheater zweiten Ranges ist kolossal angeschwollen in Folge der neuen Verhältnisse, und dennoch dürfen sie kaum wagen – was doch ganz naturgemäß wäre – ihre Eintrittspreise zu erhöhen. Würden sie es thun, so wäre es bei [811] der heutigen Zeitrichtung unausbleiblich, daß sich der größte Theil des noch treu gebliebenen Publicums über Hals und Kopf in den Strudel des Tingeltangelthums stürzt. Das Unwesen der Tingeltangelei macht sich auch in kleineren Städten schon gewaltig breit, und wie sehr dies der Kunst schadet, sieht man am deutlichsten an dem kümmerlichen Vegetiren dieser kleinen Stadttheater, die nur mit großen Opfern ihrer ehrlichen Directoren dem Bankerott entgehen, der ihnen fortwährend droht.

Die neue Theatergesetzgebung hat eine neue Classe von Directoren geschaffen, die Classe der „dramatischen Bierwirthe“. Das sind die Besitzer großer Restaurationslocalitäten, die sich in den Kopf gesetzt haben, auch Theaterdirectoren sein zu wollen. Diese dramaturgischen Anwandelungen verdanken sie dem Wunsche, möglichst viel Geld zu verdienen. Das thun sie auch. Der dramatische Bierwirth engagirt sich einen „technischen Leiter“ oder einen „Oberregisseur“, zahlt auch sehr häufig nicht unbedeutende Gagen und macht fast immer sein Geschäft. In Bezug auf das Institut der dramatischen Bierwirthe haben die Schauspieler den Witz gemacht: „Heute frische Blutwurst! Dazu: Die Braut von Messina!“ Wenn das nun auch übertrieben ist, so ist manches Andere noch schlimm genug. Ich kannte einen dramatischen Bierwirth ersten Ranges. Er war sogar Mitglied des deutschen Bühnenvereins und bot seinen Schauspielern etwa folgendes Wochenrepertoire für den Winter:

Sonntag: Vorstellung im Etablissement von sieben bis elf Uhr Abends bei mörderischem Tabakrauch. – Montag: Probe. Direct nach Tisch Abreise mit der Bahn nach einer vier Meilen entfernten Stadt. Nach Ankunft Probe. Abends Vorstellung. – Dienstag: Früh sechs Uhr Abreise. Nach Ankunft Probe. Abends Vorstellung im Etablissement wie oben. – Mittwoch: Zwei Proben. – Donnerstag: Probe. Abends Vorstellung im Etablissement. – Freitag: Früh sieben Uhr Abreise per Omnibus nach einer sechs Meilen entfernten Stadt. Nach Ankunft Probe. Abends Vorstellung. – Sonnabend: Früh sechs Uhr Abreise per Omnibus nach dem sechs Meilen entfernten sogenannten Domicil. Um ein Uhr Ankunft, um drei Uhr Probe und so weiter mit Grazie bis in’s Unendliche. Dabei war der liebeswürdige Mann so freundlich, seinen Mitgliedern geheizte Zimmer in den Gasthöfen zu verweigern, weil „nach ärztlicher Aussage das kalte Schlafen und kalte Waschen sehr gesund sei“. Wann die abgehetzten, katarrhalisch und rheumatisch afficirten Mitglieder ihre Rollen lernen sollten – danach zu fragen, trug er nie Verlangen. Zur Erholung durften sie in Maskenzügen mitwirken, wenn er öffentliche Maskenbälle veranstaltete. Und für das Alles hatte der dramatische Bierwirth in seinen Contracten einen Schein des Rechts und war äußerst empört, daß ihm die Schauspieler in hellen Haufen contractbrüchig wurden. –

Ein fernerer Blick in die Rangliste der deutschen Theater zeigt uns nunmehr die sogenannten „reisenden Gesellschaften“ und ihre Directoren. Ich meine hier zunächst die „reisenden Gesellschaften“ besserer Art. Sie sind mit Unrecht in schlechten Ruf gekommen. Geistreiche Feuilletonisten, die auf einer Sommerreise irgendwo einmal einer „Schmiere“ oder einem „Meerschweinchen“ begegneten, amüsirten sich köstlich und schrieben äußerst pikante, humoristische Artikel über das Leben und Treiben der „reisenden Gesellschaften“. Aus diesem Grunde betrachtet[1] das große Publicum diese Institution als eine höhere Vagabondenschule. Sehr mit Unrecht. Was bedeutet heutzutage überhaupt „reisende Gesellschaft“? Es wird beim deutschen Theater jetzt so viel gereist, dasselbe zahlt so viele Thaler jährlich für Hausirgewerbescheine, daß man den Begriff „reisende Gesellschaft“ kaum noch präcisiren kann. Die Directoren der guten „reisenden Gesellschaften“ sind fast immer Ehrenmänner von etwas veralteten Ansichten, die über den Schwindel der Neuzeit den Kopf schütteln und ihre Gagen prompt bezahlen. Die Leistungen ihrer Bühnen stehen sehr häufig ganz auf gleicher Höhe mit denen der Stadttheater zweiten Ranges. Freilich – die scenische Ausstattung, die Costüme lassen oft viel zu wünschen übrig. Tritt der Zuschauer in die glänzenden Auditorien großer Theater, so erfolgt zunächst ein „Ah“ der Bewunderung. Der Glanz und die Pracht nehmen ihn gefangen. Der Gedanke, daß auch an einem „großen“ Theater eine schlechte Komödie gespielt werden könne, kommt nur schwer auf. Dem gegenüber ist der Mime der „kleinen“ Theater ganz auf sein künstlerisches Können angewiesen. Nichts hebt, nichts deckt die etwaige Schwäche seiner Leistung. Darum aber auch bedeuten seine Erfolge oft mehr. Und war denn Burbage ein schlechter Schauspieler, weil sein Director Shakespeare nur über einen Bühnenapparat der bescheidensten Art verfügen konnte? Waren die Ludwig Devrient, die Karl Grunert oder hundert Andere nicht schon Genies und Talente ersten Ranges, als sie das Wanderleben der „reisenden Gesellschaften“ theilten? Begannen und beginnen nicht noch heute die Talente ihren Siegesflug als Mitglieder der kleinen Theater?

Wir kommen nun zu den Abarten der reisenden Gesellschaften, den „Schmieren“ und „Meerschweinchen“, wie die technischen Ausdrücke lauten. Der Schmierendirector zahlt Gage – wenn er sie einnimmt oder das Geld nicht anderweitig braucht. Die „Meerschweinchen“ dagegen sind sogenannte „Theilungsgesellschaften“, d. h. die Mitglieder theilen sich social-demokratisch in den Ertrag ihrer Arbeit. Der Director, auch „Häuptling“ genannt, fährt dabei nicht schlecht. Erstens bekommt er einen „Theil“ als Director, zweitens einen für das „Werk“ (Decorationen), drittens einen für die „Bibliothek“, viertes einen als Schauspieler, fünftens einen als Cassirer und – sehr häufig – sechstens einen sogenannten „Abnutzungstheil“. Die Stellung eines „Häuptlings“ ist also gewinnbringend. Das Geschäft kann sich sogar noch besser gestalten. Ist der „Häuptling“ verheirathet, wirkt seine Gattin mit und zählen etwa auch seine Kinder zu den ausübenden Künstlern, so erhält jede dieser Persönlichkeiten natürlich auch ihren „Theil“. Schließlich bezahlt der „Häuptling“ alle seine Bedürfnisse bei Bäcker, Schlächter und Bierwirth mit Billets – man sieht, die Stellung ist nicht ganz „ohne“. –

Zu den „Meerschweinchen“ gehören auch die sogenannten „Familiengesellschaften“. Ihre Entstehungsgeschichte ist gewöhnlich folgende: Ein Schauspieler Müller, Vater einer zahlreichen Familie, hat vor mehreren Jahren den nicht mehr ungewöhnlichen Einfall gehabt, Theaterdirector zu werden. Sein Kindersegen zwang ihn zu diesem heroische Entschlusse. Anfangs gab er mit seiner Gattin kleine Lustspiele, die nur zwei Personen beanspruchten, und sein Nachwuchs agirte in „Kinderkomödien“. Als die Kinder mehr und mehr gedeihlich heranblühten, begriff Müller, daß es Zeit sei, das Geschäft zu vergrößern. Er besitzt vier Sprößlinge, zwei Söhne und zwei Töchter. Er engagirt zwei junge Damen, und seine Söhne heirathen dieselben schleuigst. Nicht minder schnell wissen seine Töchter zwei junge Schauspieler in eheliche Fesseln zu schlagen. Der Zufall und ihr Unglück haben diese jungen Leute in das Fabrikdorf geführt, wo sich damals der Karren befand. Die Gesellschaft Müller ist nunmehr vollzählig, und das Publicum ist zufrieden. Höchstens beklagt sich einmal der Dorfschulze, daß der Name „Müller“ auf dem Theaterzettel so oft vorkommt. Dieser Theaterzettel ist manchmal gedruckt, häufiger geschrieben und wird stets „am folgende Tage wieder abgeholt“.

Sachsen, Böhmen und Bayern haben die zweifelhafte Ehre, für das Eldorado der „Schmieren“ und „Meerschweinchen“ zu gelten. Wie deutlich schwebst Du vor meinem inneren Blick, ehrlicher „keeniklich sächscher gonzessionirter Deaderderekt’r“! Du botest Deinem Publicum viel. Sogar „lebende Bilder“ auf der Drehscheibe. Eines schönen Abends stand auf der Drehscheibe eine herrliche Frauengruppe, darunter Deine „Braut“. Da schlich sich ein toller Bursche unter das Podium und half dem „Deadermeester“ die nicht leichte Last im Kreise wälzen. Aber der tolle Bursche drehte nicht im Gleichmaß, und die Frauengruppe – darunter Deine „Braut“ – purzelte über den Haufen. Ich sehe Dich noch vor mir stehen an dem engen Eingange, der unter das Podium führte. Du fuchteltest mit einem alten, verrosteten Hirschfänger in der Luft herum und führtest Wuth und Knotenstock im Blicke. Donnernd entströmten Deinen „keeniklich sächschen gonzessionirten“ Lippen die Worte:

„Nee, so änne Gemeenheet! Kumm’ Se nor ’raus – ich schlitze Sie den Bauch uff.“ –
Arno Hempel.

[812]
Blätter und Blüthen.

Der erste Ball (Mit Abbildungen, S. 808 u. 809 ) Sechszehn Jahre und Nachbars Lieschen! – Es war ein warmer Spätsommerabend. Wir saßen auf dem hohen eisenumgitterten Granitvorbau, welcher als gemeinsame Estrade vor den beiden alterthümlichen Hansahäusern, meinem und ihrem Elternhause, hinlief. Der Abendsonnenschein fiel röthlich durch Giebel und Erker auf die breite, helle Straße herab, und vom nahen St. Marienthurm klang bei jedem Stundenschlag – wir hatten gar so lange geplaudert und geträumt – das prächtige mittelalterliche Glockenspiel helltönig zu uns hernieder. Von den Tagen der frühesten Kindheit hatten wir geplaudert, da wir noch in traulicher Winterstille in der engen Mansarde oder, wenn der lustige Frühling kam, auf dem geräumigen hallenden Hofe hinter dem Hause gespielt, von den seligen Tagen der Kindheit, die nun längst dahin waren – längst; denn wir waren ja vernünftige, große Menschenkinder geworden, ich sechszehn- und sie vierzehnjährig. „Ja, was jetzt nur kommen mag?“ fragten wir uns heute; lag doch die Welt geheimnißvoll, wie ein fernherwinkendes Fragezeichen, vor uns – und was da kam, das war etwas Großes, Welterschütterndes – der erste Ball. Werner’s Fritz gab einen Thé-dansant, und wir waren dazu geladen.

Es ist ein seltsam Ding – was ich da auf meinem ersten Balle erlebte, das finde ich, als hätte ein unsichtbarer Geist meine Jugendliebe belauscht und in Wort und Bild festgehalten, heute, nach so viel Jahren, in einer glänzend ausgestatteten Sammlung von Zeichnungen und Versen wieder, die soeben für den diesjährigen Weihnachtstisch in die Welt hinausgeht. „Der erste Ball“ (Stuttgart Julius Hoffmann) ist eine Reihe von Radirungen nach Skizzen von K. Koegler, trefflich in Stahl gestochen von Professor Rudolf Geißler und begleitet von einem ansprechenden poetischen Texte von J. Trojan.

Der erste Ball! Ich sehe mich noch heute, gerade wie der junge Fant auf dem vordersten Bilde der Koegler’schen Zeichnungen, im schmucken Tanzcostüm durch die Straßen der alten Stadt gehen, das Herz von stolzer Siegesahnung voll – denn Lieschen sollte ja auch kommen. Und sie kam. Ich tanzte mit ihr ein Pas de deux, wie der junge Cavalier mit dem anmuthigen Backfischlein auf unserem Bilde, nur drehten wir uns nicht mit der unanfechtbaren Grazie, die der talentvolle Zeichner den liebreizenden Gestalten dieser, wenn ich so sagen darf, Tanzidylle geliehen hat. Grazie oder nicht Grazie – einerlei: Lieschen legte ihre kleine Hand so sanft in die meinige, und unsere Augen lernten an diesem Abende – wie mochte das nur geschehen? – eine ganz neue Sprache sprechen. Der Cotillon kam; ihre Blicke fanden mich, und unter Erröthen – Herr Koegler, trefflicher Schilderer mit dem Griffel, Sie müssen uns wirklich belauscht haben – heftete sie einen großen bunten Orden an meine hochklopfende Brust, ich aber hätte in diesem Moment mit keinem Könige der Erde getauscht.

Was wir sprachen? Welche Frage! Worte, nicht für das Ohr eines Dritten gemacht. Drum suchten wir – es war uns zu heiß im Saale – ein stilles einsames Fleckchen auf, indem wir, dennoch heiße Worte hinter Lieschen’s Fächer flüsternd, tänzelnd durch den Saal und in das stillere Nebenstübchen schritten – ganz wie die Liebenden auf unserem zweiten Bilde. Ah, dieser Zeichner ist ein gefährlicher Mensch; mit gewandter Feder schreibt er das Leben ab; denn just wie der verliebte Knabe hier entfloh ich, mein Lieschen am Arme, dem Gedränge und Gesumme der Tanzenden. Endlich allein! Ja, Herr Koegler, Sie haben scharfe Augen; denn die Scene, welche Sie auf Ihrem nächsten Bilde mit so unübertrefflichem Humor gezeichnet, wir haben sie aufgeführt. So, gerade so saßen wir auf dem schön gepolsterten Sopha im stillen Gemach, die Liebe von sechszehn Jahren in eigenster Person. Und die folgende Scene? Nun – wie hätte es anders kommen können? – es brannte Mund an Mund in seligem Entzücken, nur nicht mit der vollendeten künstlerischen Technik, die unser Zeichner auf seinem Bilde entwickelt. Es ist doch etwas Wunderbares um den ersten Kuß, aber flüchtig, wie alles Schöne auf der Erde, war auch diese Minute.

„Kinder, seid Ihr des Teufels?“ erscholl eine Stimme hinter uns, die Stimme von Lieschen’s Mutter. Genau wie in dem Album rang sie komisch-ernst die Hände, schmollte halb und lachte halb, und mit einer sehr verständlichen Handbewegung nach der Thür lieh sie ihrem Zorne eine mimische Verdeutlichung – lautlos verduftete ich. Das war das schreckliche, allzu frühe Ende meines Liebesromans, von dem ich geträumt hatte, er solle mein Leben ausfüllen. Liebe von sechszehn Jahren, auf wie schwachen Füßen stehst du doch! Am anderen Morgen begrub ich in Thränen des Katzenjammers meine holde „Jugendeselei“, wie das geflügelte Wort jene Flitterwochen des Lebens nennt. Damit schloß mein Hangen und Bangen von damals, und mit einem ähnlichen Bilde schließt heute die reizende Sammlung der Zeichnungen unseres Künstlers. Dann kamen andere Zeiten für mich – was weiß ich, wo meine Liebe hin ist? Heute erwacht sie wieder, die so lange versunkene Erinnerung – und daran sind Sie schuld, Herr Koegler mit Ihrem „Ersten Ball“, und Sie, Herr Professor Geißler, der Sie diese auf graziösen Kinderzehen schwebende Liebesgeschichte so prächtig in Stahl gestochen.

Lebt mein Lieschen noch? Weilt sie noch, nun wohl eine stattliche Elisabeth, in der alten Stadt mit den hohen sonnendurchleuchteten Giebeln und Erkern? Wer weiß es! Wohl möchte ich noch einmal durch jene breiten Straßen gehen – und das müßte am Weihnachtsabend sein. Dann legte ich ihr heimlich auf den lichtbestrahlten Festtisch diesen „Ersten Ball“ – ein Lied aus der alten Zeit, aus den sonnigen Tagen der Kindheit, da wir noch auf der hohen eisenumgitterten Estrade saßen vor dem Hause der Eltern und das helle Glockenspiel zu uns herniederklang von Sanct Marien.


Von einem Vielgenannten. Durch die Freundlichkeit eines angesehenen Mitbürgers ist uns ein von hervorragender Seite an denselben gerichteter Privatbrief zugestellt worden, der eine auf die „Gartenlaube“ bezügliche Stelle enthält. Bei dem Belang des darin berührten Punktes glauben wir der betreffenden Aeußerung hier einen Platz vergönnen zu müssen. Es heißt in dem Briefe:

„Ihre Frage nach bestimmter Auskunft über das Befinden des Dr. Lasker kann ich nur dahin beantworten, daß sich derselbe zwar in erfreulicher Weise von seiner lebensgefährlichen Krankheit erholt hat, daß seine Gesundheit aber noch immer angegriffen ist und der sorgfältigsten Schonung bedarf. Es widerlegen sich durch diesen so einfachen Umstand alle jene Gerüchte, die das Publicum unserer für Geschichtenträgerei und Mythenbildung so empfänglichen Tage schon hier und da nach sachlich gar nicht vorhandenen Gründen suchen ließen, durch welche das Ausscheiden Lasker’s aus der Justizcommission des Reichstags veranlaßt sei. Er wird eben aus naheliegenden Gesundheitsrücksichten noch längere Zeit seine parlamentarische Thätigkeit einschränken müssen, und es ist zu wünschen, daß er diesen Vorsatz festhält, da die Nation doch wahrlich kein Interesse daran hat, ausgezeichnete und ihrer Sache nothwendige Männer vorzeitig im Dienste derselben sich aufreiben zu sehen. Da ich aber von der Neigung unserer Zeit für Gerüchts- und Sagendichtung spreche, kann ich nicht umhin, einer recht curiosen, ja frappirenden Bemerkung zu gedenken, die sich in dem letzten jener Artikel findet, welche die ‚Gartenlaube‘ seit einigen Monaten über den Börsen- und Gründungsschwindel bringt.

Man braucht Lasker nicht sehr nahe zu stehen, um zu wissen, daß schon seinem klaren Einblicke in die Verhältnisse ein abenteuerliches Speculiren auf einen ‚Ministersessel‘ jederzeit gänzlich fern gelegen hat. Wer kann vorher sagen, ob ihn und manchen Anderen nicht einmal ein schwieriger Moment, eine ernste Wendung im Vaterlande auf einen hohen Verwaltungsposten berufen wird? Träte aber eine solche Forderung an ihn heran, so würde er bei dem strengen Gedankenernste, bei der Idealität und bescheidenen Selbstlosigkeit seines genügsamen und uneigennützigen Wesens das auf sich nehmen wie eine schwere Pflicht, der er sich nicht entziehen dürfe, der er mit ausdauerndster Hingebung seine ihm so lieb gewordene Unabhängigkeit und den letzten Tropfen seiner Kraft zu opfern habe. Es würde genug sein, wenn in dem betreffenden Passus jenes Artikels nur hätte angedeutet werden sollen, daß Lasker sein Streben und Sein auf die Erlangung eines Ministerpostens eingerichtet habe. Es ist aber mehr darin gesagt; es wird sogar dieses angebliche Streben Lasker’s in einen aller Welt bisher unbekannt gebliebenen Zusammenhang mit dem verwerflichen Börsen- und Gründungsschwindel gebracht, und man läßt die Vermuthung durchblicken, Lasker habe in dieser Schwindelzeit wohl nur ‚reine Hand‘ gehalten, weil ihm ein Portefeuille erstrebenswerther erschienen, als bloßer Geldbesitz. Allerdings gestattet der Verfasser seinen Lesern einige Zweifel darüber, ob diese so genaue Kenntniß der innersten Triebfedern Lasker’s sein eigenes Verdienst ist, oder noch dem Gedankengange des eben citirten Löwenfeld angehört, aber um so mehr erregt die zur Sache gänzlich unnöthige Bemerkung den Eindruck eines beweislos und auf gutes Glück in die Welt gespielten Vorwurfs, gleichviel ob ihre Autorschaft auf Herrn Löwenfeld oder Herrn Glagau zurückzuführen ist. Es wäre der Mühe werth, wenn Sie bei der sonst doch so besonnenen, inhumanen Gehässigkeiten niemals ihre Spalten öffnenden Redaction der ‚Gartenlaube‘ einmal anfragten: ob ihr der volle Sinn jener kleinen, scheinbar nebensächlich hingeworfenen und doch unstreitig argen Schlußpointe nicht im Drange der Geschäfte vielleicht entgangen ist? Was hier einem notorisch so reinen Charakter wie Lasker begegnet ist, das kann im nächsten Augenblicke jedem anderen ehrlichen Manne begegnen. Findet ein Uebelwollen nichts an ihm, was Stoff zu einem Angriffe auf seine Ehre giebt, so schreibt man nur in die Welt: er würde unehrlich sein, wenn ihm die Ehrlichkeit nicht größeren Vortheil brächte. Das kann doch nicht erlaubt sein.“

Da mehrfach schon ähnliche Anfragen an uns ergangen sind, so ergreifen wir gern die Gelegenheit ausdrücklich zu bemerken, daß wir bei dem Zusammenhange des betreffenden Satzes mit den vorhergehenden Löwenfeld’schen Auslassungen leider nicht sofort herausgefühlt haben, daß dieser Passus Nr. 44 einer Auffassung begegnen könne, wie sie in dem obigen Briefe sich ausspricht. Was unsere Ansicht über den Charakter des Abgeordneten Lasker betrifft, so sind wir mit dem Briefschreiber vollständig einverstanden und verweisen außerdem auf die in Nr. 8 und 34 dieses Blattes (1873) abgedruckten Charakteristiken des Vielgenannten, die deutlich genug für unsere Anschauungen sprechen.


Marlitt’sZweite Frau“ ist nunmehr auch in einer englischen Uebersetzung erschienen, nachdem französische, holländische und russische Uebertragungen bereits im Laufe des vorigen Jahres auf den literarischen Markt kamen. Die Londoner Verlagsfirma Rich. Bentley and Son hat den Roman als Prachtausgabe in drei Bänden zur Erscheinung gebracht und von Sachverständigen wird die Uebersetzung von Anna Wood – im Gegensatz zu der französischen Verballhornisirung der Mdme. Raymond – als eine sehr correcte und elegante gerühmt. – Bei dieser Gelegenheit wollen wir auf die vielfach an uns gerichteten Anfragen den Lesern unseres Blattes zugleich mittheilen, daß die neue Erzählung von

nunmehr ganz bestimmt mit der ersten Nummer des neuen Jahrganges beginnen wird.


  1. Vorlage: „betrchtaet“