Die Gartenlaube (1875)/Heft 13

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1875
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[209]

No. 13.   1875.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennige. – In Heften à 50 Pfennige.



Ein kleines Bild.
Von Ernst Wichert.
(Fortsetzung.)


„Was steht zu Ihren Diensten, mein Herr?“ fragte sie, als Rose ihr nun gegenüberstand und sich höflich verbeugte. „Wir sind erst vor wenigen Tagen hier wieder eingezogen, und es fehlt uns selbst so sehr am Allernothwendigsten daß wir …“

„Ich habe um nichts zu bitten, als um ein kleines Logis für meine Person,“ antwortete Rose im besten Französisch. „Es wäre mir lieb, wenn ich mich in diesem Hause einquartieren könnte, das mir gefällt.“

„Ah! Sie sprechen unsere Sprache,“ bemerkte die Dame, und ein momentan freundliches Lächeln drückte ihre Befriedigung darüber aus. „Wir werden uns also verständigen können. Treten Sie ein, mein Herr, treten Sie ein!“

Sie öffnete die Thür zum Salon und nöthigte den sicher sehr unwillkommenen Gast in denselben. Arnold warf einen Blick durch die Portière auf den Schreibtisch – da stand noch der leere Bilderrahmen. Er hatte beim Eintreten geschwankt, ob er es nicht bei einer Visite bewenden lassen solle; nun mahnte das kleine Bild in seiner Brieftasche wieder stark an seine Zusammengehörigkeit mit diesem Hause, von dem er gleichsam ein Stück schon Monate lang mit sich herumgetragen hatte. Die Dame ließ sich auf dem Sopha nieder und bot ihm einen Sessel daneben an.

„Ich erwarte meinen Mann jeden Augenblick zurück,“ sagte sie. „Er ist ausgegangen, um sich nach einem Dienstboten für uns zu erkundigen. Aber es hat jetzt seine Schwierigkeiten, einen Menschen zu ermitteln, der Andern Dienste zu leisten bereit ist, da Jeder mit sich selbst genug zu thun hat. Wir haben unsere Leute entlassen müssen, als der Feind anrückte; ihre Furcht war zu groß, obgleich sie gerade am wenigsten zu fürchten hatten. So blieb auch uns nichts übrig, als dieses Haus zu verlassen und uns zu Verwandten zu flüchten. Aber auch deren Lage hat sich in letzter Zeit so sehr verschlimmert, daß wir ihnen nicht länger zur Last fallen durften, und so zogen wir es vor, die Gefahr für unsere Person nicht zu berücksichtigen und hierher zurückzukehren.“

„Sie ist, hoffe ich, nicht groß,“ sagte Arnold freundlich.

„O, daß Sie Recht hätten!“ rief die Dame lebhaft. „Aber die Grausamkeiten, von denen die Blätter berichten … Verzeihen Sie!“ fügte sie schüchtern und den Kopf senkend hinzu, „ich vergaß, daß ich mit Einem von Denen spreche, die sie dem verhaßten Feinde gegenüber gut heißen werden.“

„Sie irren, Madame,“ entgegnete Arnold ruhig. „Ich heiße nicht gut, was das menschliche Gefühl empört, und ich erkenne nicht an, daß es irgend eine Nothwendigkeit giebt, die dergleichen Barbarei rechtfertigt; der Krieg ist ohnedies schrecklich genug.“

Sie sah überrascht zu ihm auf. „Mein Herr … Sie verdammen Ihre eigenen Landsleute? So viel Gerechtigkeitssinn –“

„O, nicht doch!“ unterbrach er. „Sie sind schwerlich über die Vorfälle, an welche Sie denken, gut unterrichtet. Ich will nicht bestreiten, daß gegen einige Gemeinden mit Energie, sagen Sie meinetwegen: mit Härte, eingeschritten ist, aber sie verschuldeten ihr Unglück selbst durch die Begünstigung von Freischärlern, die wir Räubern gleichzuachten haben.“

„Sie vertheidigen ihr Vaterland, mein Herr,“ wendete die Dame ein. „Ist nicht jeder Bürger dazu berufen?“

„Wenn er sich entschließen kann, als Soldat mitzukämpfen,“ entgegnete Arnold ernst.

Madame Blanchard seufzte tief und schwieg. Sie fühlte, daß sie dieses Gespräch nicht mit der Freiheit fortsetzen könne, die eine Gleichstellung mit dem Gegner bedingt.

„Wir haben nicht erwarten dürfen, mein Herr,“ brach sie nach einer Weile ab, „von Einquartierung verschont zu bleiben, aber daß so bald nach unserer Rückkehr, ehe wir uns selbst noch eingerichtet haben …“

Rose lächelte freundlich. „Ich glaube, es geschieht zu Ihrem eigenen Besten, Madame,“ sagte er, „wenn Sie mich ohne jede Weigerung aufnehmen. Sie beurtheilen Ihre Lage ganz richtig; von der Einquartierungslast werden Sie nicht verschont bleiben, und wahrscheinlich ist dieses Haus bisher nur deshalb unbelegt geblieben, weil man es noch für unbewohnt hielt. Das rothe Kreuz sagt Ihnen, daß Sie es nicht mit einem Krieger, sondern mit einem Manne zu thun haben, der sich freiwillig die Aufgabe gestellt hat, zur Heilung der Wunden beizutragen, die der Krieg schlägt. Ich diene so gut Ihren unglücklichen Landsleuten, wie den meinigen – ich darf ehrlich sagen, ohne Ansehen der Person. Diese meine Beschäftigung sollte wohl geeignet sein, Ihnen Vertrauen einzuflößen. Wer weiß, wenn ich Sie von meiner Gegenwart befreite – was leicht geschehen könnte, Madame – mit wem Sie es morgen zu thun haben würden? Freilich kann ich Ihnen keine Garantie dafür bieten, daß ich Ihr einziger Gast bleibe, aber vielleicht gelingt es mir, weitere Zumuthungen von Ihnen fernzuhalten, und [210] jedenfalls kann ich Ihnen durch meine Kenntniß der französischen Sprache als Vermittler nützlich sein.“

Madame Blanchard nickte zustimmend, ohne zu dem wunderlichen Menschen aufzusehen, der so freundlich bat, wo er befehlen zu können schien. Die geschilderten Vortheile leuchteten ihr ein, aber sie begriff nicht sogleich, welches Interesse der Fremde haben könne, sie anzubieten und wurde dadurch wieder zum Mißtrauen geneigter. „Es würde mir nichts nützen, zu widersprechen,“ sagte sie, „haben Sie also die Güte, zu bestimmen, welches Quartier Sie einzunehmen wünschen! Ich würde Sie nur bitten, so zu wählen, daß Ihre Wohnung möglichst von der unserigen abgeschlossen gehalten werden kann. Mein Mann ist so nervös angegriffen durch all die Leiden und Widerwärtigkeiten, die wir seit einem halben Jahre fast ununterbrochen …“

„O, wir werden ganz gut mit einander leben können,“ versicherte der junge Mann, „wenn Sie nur zum kleinsten Theil den guten Willen dazu haben, wie ich. Ich liebe den Frieden, und den Hausfrieden ganz besonders. Mir genügen zwei Zimmer, das eine für mich, das andere für meinen Burschen, und ich schlage Ihnen vor, sie mir in Ihrem Parterre anzuweisen, das ja jetzt ganz unbenutzt zu sein scheint.“

„Es fehlt da sehr an Möbeln, mein Herr …“

„Sie haben ja hier im Ueberfluß dergleichen. Ja, ganz ohne Unbequemlichkeiten wird es nicht abgehen, Madame! Aber wenn Sie mir lieber diesen Salon abtreten wollen –“

„Nein, nein!“ fiel sie ihm rasch in’ Wort, „ich acceptire Ihren Vorschlag gern. Wollen Sie gleich jetzt? …“ Sie horchte auf ein Geräusch draußen und erhob sich schnell. „Ich glaube, mein Mann. … Entschuldigen Sie einen Augenblick!“ Sie eilte nach der Thür, zögerte und wandte sich noch einmal zurück. „Und wenn ich Sie bitten darf, auf seine mitunter etwas heftigen Aeußerungen nicht gereizt zu antworten – seine Nerven sind in der That … O! ich sehe es Ihnen am Gesicht ab – Sie sind gut und mild.“ Ohne seine Antwort abzuwarten, verließ sie den Salon.

Arnold hörte Mann und Frau draußen mit einander conversiren. Er sprach anfangs laut und heftig, von Zeit zu Zeit einen kräftigen Fluch einfügend, sie immer leise und begütigend. Endlich schien er sich denn auch zu beruhigen. Wieder nach einer langen Weile, die dem Wartenden sehr lang dünkte, traten Beide ein.

„Ich höre, mein Herr, daß Sie mich aus meinem Geschäftslocal austreiben wollen,“ begann Herr Blanchard, ein kleiner, sehr beweglicher Mann mit einem langen hageren Gesicht, dünnem schwarzem Haar, hoher Stirn, scharfer Nase, schmalem Kinn und lebhaften grauen Augen. Er steckte die rechte Hand in die Weste, warf den Kopf zurück und musterte so den Eindringling. „Wir sind allerdings augenblicklich im Nachtheil und müssen uns der Gewalt fügen, aber noch steht Paris, und so Gott will –“

„Lassen wir die Politik, mein Herr!“ unterbrach ihn Rose mit so scharfer Betonung, wie sie Madame Blanchard an ihrem Gast noch fremd war. Es schien ihm nöthig, sich gleich von Anfang an in das richtige Verhältniß zu seinem Wirth zu setzen. „Sie sind ein Franzose, und ich bin ein Deutscher, vergessen wir das Beide nicht, und ersparen wir uns Erörterungen, bei denen wir unmöglich einer Meinung werden können.“

Herr Blanchard sah erst trotzig zu seinem einen Kopf höheren Gegner auf und dann, da derselbe ihm durch seine ruhige Haltung doch überlegen schien, seitwärts zu seiner Frau hinüber, als erwartete er von ihr eine begütigende Aeußerung, um seinen Rückzug zu decken.

„Du willst es, mein Engel,“ sagte er darauf mit komischer Resignation, „Du willst, daß ich mich nicht aufrege. Gut! ich werde mich nicht aufregen; ich werde jede ungerechte Forderung mit der Seelenruhe eines Mannes über sich ergehen lassen, der da weiß, daß der Tag der Rache kommt, daß unfehlbar –“

„Charles –!“ bat die Frau.

„Gut, gut! Ich stehe zu Ihren Diensten, mein Herr. Mein Haus steht zu Ihren Diensten, mein Herr – Ihre Zimmer sollen unten ganz nach Ihren Wünschen eingerichtet werden, sobald ich eine Magd oder einen Diener auftreibe. Mein Gott! oder erwarten Sie, daß wir selbst Hand anlegen? Sie finden ein Sopha vor, einen Tisch, einige Stühle – auf dem Sopha werden Sie zur Noth schlafen können; verlangen Sie Alles von uns, nur nicht Matratzen und Betten! Die haben uns die verdammten Prussiens –“

„Charles –!“ unterbrach wieder Madame Blanchard mit sanftem Vorwurf.

Er warf ihr flüchtig eine Kußhand zu. „Ich werde mich nicht aufregen, mein Engel; sei ohne Sorge! Es war ja auch nur zum kleinsten Theil unser Eigenthum. O, die armen Nachbarn! Sie vertrauten der Festigkeit unserer Keller und einer vermauerten Thür. Als ob diesen Spürnasen … Schon gut, schon gut! ich sage nichts. Andere haben noch mehr verloren. Das ist der Krieg!“

Rose mußte in sich hineinlachen: er war ja selbst der Entdecker dieser Schätze gewesen. „Es kann Sie vielleicht ein wenig trösten,“ bemerkte er, „daß auf diesen Matratzen und Betten in unserem Lazarethe ebenso viel Franzosen wie Deutsche ihre wunden Glieder strecken. Die Humanität selbst gebot diesen Eingriff in’s Eigenthum.“

„Ich beklage mich nicht, mein Herr,“ rief Blanchard, „ich beklage mich nicht. Sie haben das Recht, weil Sie die Macht haben. Es bleibt also dabei: Sie und unser lieber Gast … Darf ich um Ihren werthen Namen bitten?“

Der junge Mann reichte ihm aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte, sorgsam das kleine Bild versteckend, das sich in demselben Raume befand. „Wenn es Ihnen gefällig ist …“

„Arnold Rose – so, so! Rose – ich kenne ein Handlungshaus Philipp Rose und Compagnie … in – in –“ Er schien sich auf den Namen zu besinnen und nannte ihn dann mit möglichst falscher Aussprache.

„Philipp Rose war mein Großvater,“ bemerkte Arnold. „Meine Mutter ist jetzt Inhaberin des Geschäfts – sie verwaltet es für mich, da ich ihr einziges Kind bin.“

Der Franzose schien ungläubig. Er musterte den jungen Mann, der in grobes Soldatentuch gekleidet vor ihm stand, mit zwinkernden Augen, und ein Lächeln des Zweifels zog um seinen Mund. „Ihr Großvater – Ihre Mutter – so, so! Und Sie, mein Herr? …“

„Ich diene freiwillig meinem Vaterlande, so gut ich kann. Sollten Sie mit unserem Hause in Geschäftsverkehr stehen?“

„Mit Philipp Rose und Compagnie – früher, früher allerdings. Habe mitunter Aufträge auf Weinlieferungen effectuirt – hoffe, zur Zufriedenheit. Mit Ausbruch des Krieges natürlich jede Verbindung abgebrochen – für alle Zeit, mein Herr, für alle Zeit. Zwischen Frankreich und Deutschland giebt es fortan … Gut! ich sage nichts; ich mäßige mich. Aber das Haus war gut, sehr gut.“

„Ich habe das Recht, die Firma zu zeichnen, Herr Blanchard,“ bemerkte Arnold in seiner ruhigen Weise. „Wenn Sie also doch anderen Sinnes werden sollten und einen hübschen Posten Ihres ausgezeichneten Rothweines nicht zu theuer –“

„Ah! kein Tropfen davon geht mehr über die Grenze, kein Tropfen!“ eiferte der patriotische Kaufmann. „Ich wünschte, der Wein in meinem Keller wäre Gift gewesen, und die Herren Prussiens. die ihn ausgetrunken, wären sämmtlich daran –“

„Aber Charles –!“ bedeutete wieder die Frau, „vergiß nicht, zu wem Du sprichst!“

„Bitte, bitte!“ entschuldigte Arnold. „Thun Sie sich keinen Zwang an! Ich würde ebenso ungehalten über die Franzosen sein, wenn sie Gelegenheit gehabt hätten mir meinen Rheinwein auszuräumen – vielleicht noch ungehaltenen denn sie verstehen ihn nicht immer so gut zu würdigen, wie wir ihren Rothen. O, ich hoffe, wir werden noch ganz gute Freunde werden, Herr Blanchard. Auf Wiedersehen!“

Er reichte dem etwas verdutzten Hausherrn die Hand hin. Herr Blanchard legte zögernd zwei Fingerspitzen hinein und zog sie sogleich wieder fort, mit komischem Eifer den Kopf schüttelnd. –

Arnold Rose glaubte mit dem Ausfalle dieser seiner ersten Visite gar nicht unzufrieden sein zu dürfen. Er hatte sich eingeführt; die Frau gefiel ihm, und mit dem Manne meinte er fertig werden zu können. Einige Stunden später zog er mit seinem Burschen, einem ehrlichen und dienstwilligen Altpreußen, Namens Kruttke, in das Parterre der Villa ein. Madame Blanchard wies oben die nöthigen Möbel an, und Kruttke trug [211] die schwersten Stücke auf seinem breiten Rücken wie Spielzeug die Treppe hinunter. Dann ließ er sich die Küche zeigen und begann aus den vom Proviantmeister reichlich gelieferten Lebensmitteln ein Mahl zu bereiten, so gut seine Kochkunst es verstand.

„Ich möchte nur wissen, wovon die da oben eigentlich leben, Herr Rose,“ bemerkte Kruttke einige Tage später, als er eine Fleischsuppe mit Nudeln auftrug. „Es kommt kein Fleischer und kein Bäcker in’s Haus. Herr Blanchard freilich geht aus und mag wohl irgendwo seinen Mittagstisch finden, aber die arme Frau … sie bekommt wahrhaftig nichts Warmes in den Leib und sieht schon ganz verstört aus. Ich denke mir, sie könnt’s nicht übel nehmen, wenn wir ihr einmal einen Teller Suppe anbieten möchten.“

„Versuch’s einmal!“ antwortete Rose; „aber die Herrschaften sind verdammt stolz –“

„Ah! wenn man nur Hunger hat!“

„Gut! mir ist’s recht.“

„Ja – aber wie bringt man der Madam das bei, wenn man nicht Französisch sprechen kann? Deutsch versteht sie nicht.“

„Um so besser! Du bist dann außer Stande, ihre Entschuldigungen anzunehmen.“

Kruttke kratzte sich hinter’m Ohre. „Das schon, Herr Rose, aber …“

„Gut denn, so will ich Dir’s schriftlich geben.“ Er schrieb einige Worte auf eine Visitenkarte und gab sie dem braven Burschen mit, der inzwischen seinen Anzug in Ordnung gebracht und das Bärtchen, das ihm im Kriege gewachsen war, aufgestutzt hatte.

Nach einigen Minuten kam Kruttke zurück. Sein Gesicht strahlte vor Freude. Schon in der Thür rief er: „Sie hat gelacht und die Suppe angenommen, Herr Rose.“ In der Hand hielt er eine ansehnliche Tüte von weißem Papier und ein Kärtchen. „Sie hat Ihnen auch etwas aufgeschrieben, Herr Rose – da! Und zu mir hat sie recht schnakisch gesagt: ‚Monsieur Krütt, Sie sein ein kutes Mensch!‘ Und das da –“

„Was bringst Du da in der Tüte?“

„Das hab’ ich durchaus für Sie annehmen müssen, da half kein Widerstreben. Ich glaube, davon fristet die Madame ihr Leben. Na – es mag ganz gut schmecken, wenn man satt ist.“

Das Papier enthielt Biscuits und Chocoladenplättchen. Auf der Karte stand: „Marie Blanchard – bittet, sich dieses Dessert gut schmecken zu lassen.“ „Den Tausch können wir acceptiren,“ meinte Rose. „Wenn Deine Suppe nur besser gekocht wäre, Kruttke – Deine Recepte sind so entsetzlich einfach.“

Damit war nun ein Verkehr eingeleitet, und der wackere Bursche sorgte dafür, daß er nicht wieder ganz einschlief. Ihm gefiel nun einmal „die bleiche Madame“, die ihn „ein gutes Mensch“ genannt hatte, und er ließ sich’s nicht ausreden, daß sie hungern müsse. Er konnte sich überhaupt schwer vorstellen, daß Jemand noch aus anderen Gründen bleich aussehen könne, als weil ihn hungere, und sein mitleidiges Herz wurde durch nichts mehr erregt, als durch den Gedanken, daß es einem lebendigen Geschöpfe – Mensch oder Thier – an dem fehlen könne, was ihm das höchste aller Güter schien: am Sattessen. Er trug Madame Blanchard also allerhand Lebensmittel zu und suchte sich auch sonst nach Kräften nützlich zu beweisen, indem er ihr mancherlei Arbeiten abnahm, die sonst ihre Magd hätte verrichten müssen. Auf Dank dafür rechnete er schon deshalb nicht, weil sie ja „Französisch sprach“. Sie ließ sich aber auch seine Dienste gern gefallen und half ihm zum Entgelt manchmal in der Küche beim Kochen, was wieder Rose zu Gute kam. Selbst Herr Blanchard wurde freundlicher, klopfte Kruttke im Vorbeigehen vertraulich auf die Schulter und schickte auch einmal eine Flasche Wein, die Beiden trefflich mundete. Endlich glaubte Arnold die Zeit gekommen, einen Schritt näher wagen zu dürfen.

An einem Nachmittage, als er die Eheleute zu Hause wußte, klopfte er an die Thür des Salons. Herr Blanchard hielt sich freilich für verpflichtet, ein sehr verwundertes Gesicht zu zeigen und die Hand in die Weste zu stecken, wie er zu thun pflegte, wenn er imponiren wollte. Aber seine Frau bot dem Gaste doch einen Stuhl an, und Arnold ließ sich nicht so leicht einschüchtern.

„Wir sind Feinde,“ begann er. Herr Blanchard nickte. „Wir sind Feinde und haben alle Ursache, uns dessen hier vor Paris, wo uns täglich der Donner der Kanonen weckt und zu Bett begleitet, bewußt zu bleiben.“

„Paris wird nicht fallen, mein Herr,“ bemerkte der Kaufmann eifrig.

„Es hält sich so tapfer,“ antwortete der Gast verbindlich, „daß es ihm keine Schande wäre, schließlich die Thore öffnen zu müssen.“

Diese Schmeichelei schien gut aufgenommen zu werden. Herr Blanchard wiederholte zwar: „Paris wird nicht fallen,“ aber nicht mehr in jenem bissigen Tone, sondern gleichsam mit lächelnder Stimme. Es war eine Art von Brücke über den Strom geschlagen, auf der man sich einander nähern konnte, so schwankend sie sein mochte.

„Geben wir zu,“ fuhr Arnold fort, „daß unsere beiderseitige Situation nicht angenehm ist. Nun, bei einem Schiffbruche gewinnen zwei Matrosen ein Boot. Sie sind Todfeinde und messen einander mit grimmigen Blicken. Jeder kann den Anderen verderben, wenn er die Ruder über Bord wirft, aber die Folge ist leider, daß er dann ebenfalls zu Grunde geht. Was werden sie thun? Ich denke, sie rudern Beide tüchtig mit allen Kräften, um sich an’s Land zu bringen, und schlagen dann aufeinander los, wenn sie wieder festen Fuß haben. Freilich jedes Gleichniß hinkt, und das meinige ist, wie ich zugebe, recht lahm –“

Herr Blanchard nickte.

„– aber etwas lernen kann man doch daraus. Ich kann Paris nicht nehmen, und Sie können es nicht halten. Der Kampf ist für uns Beide wie ein Sturm, den wir auswüthen lassen müssen, und wir sitzen hier im Boote und haben die Wahl, ob wir uns gegenseitig ganz nutzlos am Rudern hindern, oder ob wir mit vereinten Kräften für einen erträglichen Zustand sorgen wollen.“

„Herr Blanchard strich nachdenklich sein langes Kinn. „Erklären Sie sich deutlicher!“ bat er nach einer Weile.

„Mit einem Worte: machen wir gemeinsame Oekonomie! Kruttke und ich haben, was Ihnen vielleicht oft fehlt, Lebensmittel in Fülle; die Lieferungen des Proviantmeisters sind meist gut und reichlich. Aber wir können nicht den wünschenswerthen Gebrauch davon machen. Weshalb? Weil Kruttke in der edlen Kochkunst ein sehr bescheidener und nicht einmal talentvoller Anfänger ist, der ganz unmäßig Material verschwendet, um die kleinsten Erfolge zu erzielen –“

Hier nickte Madame Blanchard zustimmend.

„Ich für meinen Theil, obgleich ich kein Kostverächter bin und auf den Kriegszustand alle billige Rücksicht nehme, bekenne doch gern, daß ich lieber gut als schlecht esse, und daß ich vor allen Dingen gern in Gesellschaft esse. Nun sitze ich freilich lieber bei Freunden als bei ‚Feinden‘ zu Tische. –“

Hier lächelten Mann und Frau einander an.

„Aber es giebt Feinde, mit denen man sich ganz gut befreundet, und es ist ja nicht gerade nöthig, daß man stets über Principien debattirt. Ich mache nun folgenden Vorschlag: alle Naturalien, die wir geliefert erhalten, wandern in Ihre Küche, meine beste Madame Blanchard. Sie übernehmen mit Kruttke’s Beistand die Zubereitung. Was wir ferner für Geld haben können, schaffen wir gemeinsam dazu; ich denke, meine Connexionen werden dabei von Nutzen sein. Herr Blanchard gestattet freundlichst, daß ich an seinem Tische Platz nehme, und hat die Güte, selbst mit uns zu speisen. Es ist ihm erlaubt, so oft es ihm beliebt, eine Flasche seines vortrefflichen Rothweins aufzustellen, wovon er sicher noch ein hübsches Lager irgendwo in der Nähe geborgen hat, und ich verpflichte mich, ihn zu trinken, ohne zu fragen, woher er kommt. Wie gefällt Ihnen dieses Arrangement?“

Die Eheleute forderten zwölf Stunden Bedenkzeit. Schon vor Ablauf derselben erklärten sie, einverstanden zu sein, allerdings unter einigen feierlichen Bedingungen seitens des Herrn Blanchard. Kruttke war seelenvergnügt, mit Madame Blanchard zusammen wirthschaften zu können, und schleppte an Eßwaaren heran, was er irgend im Proviantamte oder auf der Landstraße erhaschen konnte. Bald zeigte sich’s, daß der bissige Franzose ein ganz gemüthlicher Tischnachbar sein konnte, und seine Frau erholte sich sichtlich. Rose fühlte sich an der hübsch gedeckten kleinen Tafel „wieder als Mensch“, und schlürfte nach dem Essen [212] den Kaffee aus dem bunten chinesischen Täßchen beinahe mit so gutem Appetite, wie zu Hause neben seiner Mama und Onkel Helmbach.

Es kam nun auch in mehr und mehr vertraulicher Weise Manches zur Sprache, was die Familie näher anging. Madame Blanchard hatte doch nicht, wie Kruttke meinte, ihre bleiche Gesichtsfarbe nur dem Hunger zu danken gehabt; schwere Sorge um ihren einzigen Sohn Victor bekümmerte sie. Sie wußte, daß er bei Sedan verwundet worden war; dann aber fehlte jede sichere Nachricht über ihn. Der Papa versicherte, daß er sich „mit Löwenmuth geschlagen“ und als „ein Wunder von Tapferkeit“ bewährt habe, und berief sich auf den Bericht des Obersten seines Regiments an einen gemeinsamen Freund; er behauptete, jedes Mal wörtlich zu citiren, und jedes Mal wuchsen die Heldenthaten. Aber lebe er noch? Sei er „in der barbarischen Behandlung der Feinde“ seinen Wunden erlegen? Er habe nicht geschrieben, da er die Eltern wahrscheinlich in dem belagerten Paris glaube, jedenfalls ihren jetzigen Aufenthalt nicht kenne. „Er wird als Gefangener irgendwo in Deutschland zurückgehalten werden,“ suchte Arnold zu beruhigen. „Das hoffe ich,“ sagte Madame Blanchard, eine Thräne aus dem Auge wischend, während ihr Mann hastig schluckte, als ob er eine bittere Pille hinunterwürgen müßte. „Als Gefangener – als Gefangener … In der That, es wäre möglich. Denn, vergessen Sie nicht, er war verwundet.“ Arnold versprach, Nachforschungen nach dem Vermißten anzustellen, und hielt Wort.

So war nun also der junge Krieger mit dem Feldherrnblicke, dessen Bild dort auf dem Schreibtische der Dame vom Hause stand, glücklich untergebracht. Arnold fand sie oft in Betrachtung des Bildes vertieft. Er wagte einmal zu fragen, was der leere Rahmen nebenan bedeute.

„O, mein Herr,“ sagte sie lächelnd, „das ist eine sehr wundersame Geschichte. Sie wissen, daß man unsern Keller erbrochen und beraubt hat – aber das wissen Sie noch nicht, daß der Feind auch unsere Wohnung durchsuchte. Freilich … wir selbst wüßten es nicht, wenn nicht diese kleine Photographie verschwunden wäre. Denken Sie, mein Herr, einzig und allein diese Photographie. Ist das nicht sehr wundersam? Wir hatten so eilig fliehen müssen, um nur unsere Personen in Sicherheit zu bringen, daß wir nicht daran denken konnten, die mancherlei Stücke von theilweise nicht unbeträchtlichem Werthe zu verstecken oder mit uns zu nehmen, die Sie in diesen Zimmern bemerkt haben werden. Wir machten uns darauf gefaßt, nichts oder wenig davon wiederzufinden. Und siehe da! nicht die geringste Kleinigkeit fehlte – bis auf dieses Bild. O, Juliette, der wir davon schrieben, war außer sich darüber. Welche Unverschämtheit, ihr Portrait zu entführen – recht auffällig, nur ihr Portrait! Ja, sie ja ganz ihres Vaters Tochter – eine brave Patriotin!“

Arnold fühlte sein Herz heftiger pochen unter dem Bilde dieser braven Patriotin. Er hätte laut auflachen mögen bei der Erzählung der ahnungslosen Frau, und doch war es ihm wieder, als ob ihm etwas die Kehle zuschnürte, daß er sein Leben lang nicht mehr lachen solle. Juliette hieß das reizende Geschöpfchen also, das ihn schon so viel beschäftigt hatte – der Name gefiel ihm. Er klang so weich, so einschmeichelnd; er stimmte zum Glück gar nicht zu der Schilderung der Frau Mama. Das Eis war gebrochen; er wollte nun das Schifflein seiner Neugierde ganz flott machen.

„Ihr Fräulein Tochter!“ rief er mit gespielter Ueberraschung. „Sie also gehört in diesen leeren Rahmen, über den ich mir schon so viel den Kopf zerbrochen habe. Ich wette, der gute Landsmann, der sie Ihnen entführt hat, wußte, was er that, als er nur Augen für sie hatte. Fräulein Juliette sieht Ihnen ähnlich, Madame, nicht wahr?“

Er erschrak selbst über diese doch zu handgreifliche Schmeichelei, aber Madame Blanchard sah darin durchaus nichts Arges. „Wer mich gekannt hat, als ich noch jung war, behauptet es allerdings,“ antwortete sie mit befriedigtem Lächeln. „Jetzt freilich …“

Arnold hatte nicht weiter schüchterne Zurückhaltung nöthig. „Sie haben sich aber überraschend gut conservirt,“ versicherte er mit der aufrichtigsten Miene von der Welt. „Hätte ich’s nicht aus Ihrem eigenen Munde, daß Sie die Mutter eines Offiziers der französischen Armee sind –“

Madame Blanchard konnte nicht umhin, einen Blick in den Spiegel seitwärts zu werfen. „Ich habe früh geheirathet,“ antwortete sie mit einem leichten Seufzer, „und Juliette ist jünger als ihr Bruder, sehr viel jünger.“

„Sehr viel jünger?“

„Nun – fast acht Jahre. Victor zählt vierundzwanzig.“ Die reizende Juliette war also siebenzehn Jahre alt – eine neue und sehr wichtige Bereicherung seiner Kenntnisse. „Und Sie haben sich von dem jungen Mädchen getrennt?“ fragte er, die Recognoscirung fortsetzend.

„Sehr ungern, mein Herr; aber es war nothwendig. Juliette ist in einer ausgezeichneten Pension erzogen – das Pensionat befindet sich in einem alten Schlosse nicht weit von Orleans und zählt zu seinen Schülerinnen selbst junge Damen von ältestem Adel. Sie hatte ihren Cursus bereits[WS 1] durchgemacht – das fleißige Kind – als der Krieg ausbrach, sind wir nach Hause zurückgekehrt. An ihrem siebenzehnten Geburtstag gerade ließ sie sich photographiren, um uns eine Freude zu bereiten. Es war der letzte glückliche Tag in unserer Familie. Bald darauf begannen die Feindseligkeiten; der Abschied von Victor war sehr traurig für die Mutter und für die Schwester, wenn auch damals unsere zuversichtlichen Hoffnungen … Lassen wir diese Erinnerungen! Unsere Kinder correspondirten eifrig; Juliette nahm den lebhaftesten Antheil an den Operationen. Stundenlang konnte sie vor einer Karte des Kriegsschauplatzes sitzen und mit kleinen Fähnchen die Routen der Gegner abstecken; jeder unserer Verluste erfüllte sie mit größerer Erbitterung – diese leidenschaftliche Natur! Dann kam der Unglückstag von Sedan, dann die Einschließung von Paris. Wir glaubten das junge Mädchen in unserm elterlichen Schutz nicht genug gegen alle Zufälle des Krieges gesichert und schickten sie wieder nach der Pension zurück, so sehr sie sich auch gegen die Trennung sträubte. ‚Ich behalte Dein Bild,‘ sagte ich ihr beim Abschied, ‚und wir werden einander wieder sehen, mein theures Kind.‘ Ach! es war ein böses Omen, mein Herr, als ich in diese verlassene Wohnung eintrat und das Bild nicht wieder fand. Gebe der allmächtige Gott, daß ich Juliette nicht verliere! Seit Wochen sind wir ohne eine Zeile von ihr, da die Postverbindung durch die Preußen gestört ist. Armes Kind!“

Arnold war im Innersten gerührt. Viele, viele Thränen waren sicher seinetwegen geweint; er hatte der Mutter den Trost geraubt, sich an dem Bilde des geliebten Kindes zu erfreuen, das sie in Zeiten der Gefahr von ihrem Herzen hatte lassen müssen. Schon griff seine Hand unter den Rock nach der Brieftasche. „Da ist das Bild,“ konnte er ja sagen, „nimm es – es gehört Dir.“ Aber stärker als das Mitleid war doch wieder ein anderes Gefühl in seiner Brust. Er hätte es Selbstsucht nennen müssen, wenn er ihm einen Namen hätte geben wollen oder können – Abneigung, einen Besitz aufzugeben, an dessen Unzertrennlichkeit er sich nun schon gewöhnt hatte und der ihm unversehens mehr geworden war, als er bei der Aneignung für möglich halten durfte – Eigensinn, eine Beute zu behaupten, an die sich die Erinnerung eines kleinen Abenteuers knüpfte, das noch immer fortwirkte. Sonst nichts? Schwerlich. Er würde sich jedenfalls über den Gedanken, daß ihn die hübsche Französin selbst zu fesseln drohe, sehr aufrichtig ausgelacht haben. Nein! sein Herz durfte er noch für ganz frei halten, denn auch Cousine Clärchen zu Hause, mit der ihn die Commerzienräthin zu necken liebte, weil sie die Partie wünschte, hatte es nicht verwundet – kaum leicht geritzt. Aber wenn er jetzt das Bild hätte abgeben müssen, es würde ihm doch ein Schmerz gewesen sein – wahrhaftig! ein Schmerz, den er schon jetzt in den Fingerspitzen fühlte, als sie die Brieftasche berührten. Er zog eilig die Hand zurück.

In diesem Augenblicke trat Herr Blanchard in’s Zimmer. Er kam von der Straße, grüßte sehr flüchtig, winkte seiner Frau, ihm nach dem Cabinete zu folgen, zog schon unterwegs einen Brief hervor und sprach dann eine Weile leise, aber anscheinend sehr erregt mit ihr. Als sie zurückkehrten, hielt Madame Blanchard ihr Taschentuch vor die nassen Augen, und ihr Mann ging mit großen Schritten im Salon auf und ab, von Zeit zu Zeit sein Kinn in die Hand stützend oder das dünne Haar aus der Stirn streichend.

„Ach, Juliette, unser liebes Kind!“ seufzte die Dame.

[213]
Die Gartenlaube (1875) b 213.jpg

Ein öffentlicher Schreiber in Tunis.
Nach der Natur aufgenommen von Robert Leinweber.

[214] „Juliette? Was ist’s mit Fräulein Juliette?“ fragte Rose theilnehmend.

Madame Blanchard sah ihren Mann fragend an, der gerade in ihre Nähe kam und nun stehen blieb. „Mag er’s doch wissen!“ sagte er in geändertem Tone. „Vielleicht kann er einen guten Rath geben.“

„Das ist auch meine Hoffnung,“ bestätigte seine Frau. Sie wandte sich dann schnell zu Rose: „Das Pensionat, in dem unsere Juliette sich befindet, wird bis auf Weiteres aufgelöst, mein Herr. Blanchard hat durch einen Expressen diesen Brief erhalten mit der Aufforderung, über seine Tochter zu verfügen. Sollen wir sie nun weiter nach dem Süden schicken, ganz allein, ohne eine zuverlässige Begleitung? Ich würde sie am liebsten hier in unserem Hause haben; aber wie sie hierher schaffen, wie sie durch die Linien der Feinde bringen? Es ist unmöglich!“

„O, ich würde sie abholen,“ meinte der Kaufmann, „aber man könnte mich leicht wie einen Spion behandeln, wenn man mich ertappte, und am nächsten Baume aufknüpfen. Ist es nicht schon vielen friedlichen Bürgern so ergangen?“

Rose mußte lachen, so ernst ihm auch zu Muthe war. „Wollen Sie meine Begleitung annehmen?“ fragte er schnell entschlossen.

„Ihre Begleitung?“

„Ja! Ich bin im Stande mich überall zu legitimiren, und daß ich nicht mit einem französischen Spione reise, wird man mir schon glauben.“

Madame Blanchard reichte ihm die Hand. „Auf ein so gütiges Anerbieten durften wir allerdings nicht rechnen. Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank! Sie erleichtern die Sorge einer Gattin und einer Mutter sehr. Auch Juliette wird sich dem unbekannten Manne verpflichtet fühlen, dessen großmüthige Theilnahme für unser Geschick...“

Das drohte ihrem vorsichtigen Manne zu viel zu werden. „Zu allen Gegendiensten gern bereit, mein Herr,“ fiel er schnell ein. „Niemand kann vorher wissen, wie sich das Blatt einmal wendet. Ich bin zwar nur ein einfacher Kaufmann, habe aber einflußreiche Freunde und Gönner, die meiner Verwendung Gewicht geben können.“

Der junge Mann versicherte, daß er sich dessen mit Freuden erinnern werde. Es gelang ihm leicht, eine Art Paß für Blanchard und seine Tochter zu erhalten, worin zugleich eine Anweisung an die Commandanten von Truppenkörpern und an die Behörden gegeben war, die in seiner Begleitung Reisenden nach Möglichkeit zu befördern. So ausgerüstet, kamen sie verhältnißmäßig schnell an ihren Bestimmungsort.

Das Pensionat fand man in größter Aufregung. Ein Theil der jungen Damen war schon abgereist, andere erwarteten ungeduldig die Abholung. Die Sachen der Lehrerinnen standen gepackt. Preußische Ulanen durchstreiften die Gegend, und ihre Fähnchen wurden aus den Fenstern des Schlosses nicht bemerkt, ohne jedesmal neue Schrecken zu verbreiten. In geringer Entfernung südwärts standen französische Truppenkörper der von Gambetta gebildeten Armee und die jungen Fräulein schalten ihre Unbeweglichkeit, indem sie am liebsten einige Regimenter zu ihrem Schutze um das Schloß gelagert gesehen hätten. Rose war es gelungen, ein Fuhrwerk zu requiriren, das zwar nur aus einem schlechten Bauerwagen und zwei ziemlich abgetriebenen Gäulen bestand, aber doch die Möglichkeit schnelleren Fortkommens bot. Er selbst führte als Kutscher die Leine, und das rothe Kreuz verschaffte ihm überall Durchlaß.

Natürlich war er auf die erste Begegnung mit Juliette nicht wenig gespannt. Das Bild sollte nun Farbe und Leben erhalten. Würde die Wirklichkeit sein Phantasiestück in Schatten stellen, oder hinter seiner Erwartung zurückbleiben? Endlich kam sie, in Pelz und Capote gehüllt, am Arm ihres Vaters die Rampe vor dem Portal herab; ein Diener trug einige Kistchen und Kästchen und packte dieselben vorn neben dem Kutscher in den Wagen, als ob das gerade so sein müsse. Arnold stand neben dem Vorderrade, den Rücken den Pferden zugewendet, hielt die Hand mit der Leine auf dem Strohgefäß und sah zu. In einiger Entfernung vom Wagen schien Blanchard seiner Tochter etwas zuzuflüstern. Sie zuckte leicht die Achseln und warf, ohne den Kopf zu wenden, einen schnellen Seitenblick auf den jungen Mann, gab aber sofort wieder ihren Augen eine andere Richtung, da sie sich von ihm beobachtet sah. Der Kopf richtete sich dabei höher auf, und auf dem bis dahin freundlichen Gesicht zeigte sich plötzlich ein eisiger Zug von hochmüthiger Zurückhaltung. Mit ihrem Vater näher tretend, würdigte sie den Deutschen kaum des flüchtigsten Grußes und machte sofort Anstalt, auf den Wagen zu steigen. Arnold bot ihr die Hand; sie stützte sich aber, als ob sie es gar nicht bemerkte, auf ihren Vater und schwang sich rasch und geschickt vom Trittbrett auf das hintere Strohgefäß. Dann blickte sie nach dem Schlosse zurück, wo an einem der oberen Fenster einige junge Mädchen standen und der Scheidenden zunickten. „Warum zögern wir länger?“ fragte sie, ohne umzuschauen.

Blanchard stand noch neben dem Wagen, augenscheinlich in einiger Verlegenheit über das Benehmen seiner Tochter. Er blinzelte mit den Augen, lächelte und schien etwas sagen zu wollen, aber nicht die passenden Worte zu finden. Juliette’s Frage machte diesem peinlichen Zustande ein Ende. Offenbar entschlossen, sich ihrer Leitung zu überlassen, machte er nun ebenfalls Anstalt, aufzusteigen und bemerkte dabei: „Ja, fahren wir ab!“

Rose stand unbeweglich. Er suchte ein leicht erklärliches Gefühl des Unmuths zu unterdrücken und konnte sich doch nicht bis zu der Gleichgültigkeit herabstimmen, die absichtlich unartige Behandlung der jungen Dame unbeachtet zu lassen. „Wollen Sie nicht die Güte haben,“ wandte er sich an Blanchard, „mich Ihrem Fräulein Tochter vorzustellen?“

„Es ist nicht nöthig,“ antwortete Juliette nachlässig. Ihr Papa hüstelte halb in Verlegenheit, halb um ihr ein Zeichen zu geben, sich zu mäßigen.

(Fortsetzung folgt.)



Der Baum des Lebens.
Von Carus Sterne.

Wenn wir, den kurzen Sonnenschein eines kalten, heitern Wintertages benutzend, im entlaubten Parke einen Spaziergang machen, so fallen uns wohl vor Allem ein paar Bäume wegen des kläglichen Anblickes auf, welchen dieselben zur Zeit bieten, die sogenannten Lebensbäume. Es sind besonders zwei hochwachsende Arten dieses unserm Wachholder verwandten Geschlechtes der Zapfenbäume, welche wir in unsere Gärten und auf die Kirchhöfe pflanzen und welche man bei aller sonstigen Aehnlichkeit schon nach dem äußeren Habitus unterscheiden kann: der aus Nordamerika stammende abendländische Lebensbaum (Thuja oder Biota occidentalis) mit wagerecht ausgebreiteten Zweigen und einer kleinen erhabenen Drüse auf jedem Blattschüppchen und der aus Asien zu uns gekommene morgenländische Lebensbaum (Thuja orientalis) mit senkrecht ausgebreiteten Zweigen und einer Furche an Stelle der Drüse. Beide haben ihr zartes zierliches Schuppenkleid in den Winterstürmen behalten, aber nur mit Unrecht würde man sie darum zu den immergrünen Bäumen rechnen dürfen, denn ihr im Sommer so lebendig und frisch grünes Laub sieht jetzt todtenhaft lederbraun oder rostfarbig aus, und das ganze Gewächs macht den Eindruck, als ob es erfroren, vollkommen verwelkt und abgestorben wäre. Aber laßt einige Tage die warme Frühlingssonne darauf scheinen, und Ihr werdet die wunderbarste Verwandlung wahrnehmen. Dasselbe Laub, das jetzt dem Abfallen nahe erscheint, gewinnt seine frische und freudig grüne Farbe wieder, das ganze Gewächs scheint sich zu verjüngen und von schwerer Krankheit, ja vom Tode wieder zu erstehen.

Ganz anders als die alljährliche Neubelaubung unserer im Winter kahlen Wald- und Gartenbäume wirkte diese Verjüngungserscheinung auf den aufmerksamen Naturbeobachter und besonders auf die ersten Europäer, welche das Wunder vor ihren Augen geschehen sahen.

[215] Es war im Schloßgarten von Fontainebleau, wo man unter der Regierung König Franz des Ersten, vielleicht auch schon etwas früher, den schönen kanadischen Baum zuerst als Ziergewächs angepflanzt hatte. Der berühmte Botaniker Clusius (1526 bis 1609) sah ihn daselbst und erzählt, daß man ihn wegen seines immergrünen (?) und starkduftenden Laubes für ein Symbol der Heilung und Unsterblichkeit angesehen und Baum des Lebens, arbor vitae genannt habe. Seine Angabe trifft doch nicht ganz den Kern der Sache, und sein College, Landsmann und Zeitgenosse Dodonäus bezeichnet, nachdem er vorausgeschickt, einen andern Grund der Benennung nicht zu kennen, die Veranlassung jedenfalls genauer, indem er sagt: „In der Kälte des Winters leidet der Baum; ihr elegantes Grün verlierend, nehmen Zweige und Blätter in den Wintermonaten eine schwärzliche Färbung an, leben aber im Frühjahre wieder auf und gewinnen den Glanz des vorigen Grüns wieder, so daß er nicht ohne guten Grund Baum des Lebens genannt worden zu sein scheint.“ Man wollte nun aller Orten das Mysterium dieses Gewächses schauen, und da der Leibarzt Franz des Ersten, Nicolas Rassius, den dieserhalb an ihn gerichteten Gesuchen bereitwillig entgegenkam, so verbreitete sich das vegetabilische Wunder schnell über Belgien nach Deutschland, sowie nach Italien, überall mit Staunen empfangen. Der orientalische Lebensbaum, sowie die anderen Arten dieses schönen Pflanzengeschlechts, welche heute unsere Parke zieren, kamen erst viel später nach Europa.

Die christliche Mystik sah mit Entzücken in diesem Baume die Verkörperung eines alten religiösen Symbols und nahm, da man damals noch nicht ahnte, daß auch den Pflanzen bestimmte natürliche Grenzen ihrer Verbreitung gesetzt seien, den amerikanischen Lebensbaum ohne Weiteres für den Lebensbaum des Paradieses. Man pflanzte ihn in die Mitte der botanischen und zoologischen Gärten, die man damals, wegen der friedlichen Vereinigung so vieler Pflanzen- und Thierformen, allgemein Paradiese nannte, und so führt unser Lebensbaum schon bei Clusius den Namen des Pariser Paradiesbaumes (Arbor paradisaea Lutetorum). Der so oft mit dem Baume der Erkenntniß zusammengeworfene, aber 1. Mose 2, 9 deutlich von demselben unterschiedene Baum des Lebens scheint ein aus persischen und ägyptischen Religionsvorstellungen in die hebräische Tradition hinübergenommenes Symbol zu sein, ebenso wie dem Baume des Erkenntnisses in dem drachenbewachten Apfelbaume der Hesperiden und in dem Apfelbaume Iduna’s entsprechende Seitenstücke der griechischen und nordischen Mythe entgegenzustellen sind.

Aus ägyptischen Gräbern wie auf dem Deckel der Mumiensärge hat man häufig wahrhaft künstlerisch gedachte Darstellungen des Lebensbaumes, als eines Symboles der Unsterblichkeit, angetroffen. Man sieht dort die mit dem Baume identificirte Göttin Isis-Hathor aus dem Gipfel der immergrünen Persea hervorsprossen und der unten harrenden vogelartig gebildeten Seele des Begrabenen das „Wasser des Lebens“ spenden. Die Hebräer und ersten Christen haben diese Symbolisirung des Glaubens als einer Unsterblichkeit verleihenden Pflanze mit Vorliebe in ihrer bilderreichen Sprache angewendet, und in diesem Sinne wird in der Bibel öfter von den gesundheitverleihenden Blättern des Lebensbaumes und von dem Holze des Lebens aus dem Paradiese Gottes, welches er Denen zu essen geben will, die da überwinden (Off. Joh. 2, 7 und 22, 2), geredet. Die jüdischen und christlichen Gelehrten des frühen Mittelalters nahmen diese Bildersprache wörtlich und glaubten fest an die Existenz des Lebensbaumes und seiner gepriesenen Kräfte, ja die Kirchenväter verhandelten mehrfach über die Natur und Art dieses Baumes. Talmudisten und christliche Mystiker wetteiferten darin, die Naturgeschichte desselben mit wunderlichen Mythen auszuschmücken.

Ein selten gewordenes Buch, „Die Buße Adam’s“ betitelt, hat einen förmlichen Roman aus den Schicksalen des Lebensbaumes gemacht, und die rabbinischen Sagenkreise gruppiren sich ungefähr folgendermaßen: Seth hatte das Paradies auf Geheiß des sterbenden Vaters aufgesucht und von dem bewachenden Engel drei Samenkörner vom Lebensbaume erhalten, die er dem Leichname Adam’s in den Mund steckte. Daraus erwuchsen drei Triebe, von deren Holz nicht allein die Stäbe des Moses und Aaron stammten, sondern auch der Baum, mit dessen Holz das bittere Wasser der Wüste süß gemacht wurde. Aus demselben Holze wurde der Tempel David’s gebaut und die Bank gemacht, auf welcher die heidnische Sibylle die Ankunft des Messias verkündete, und schließlich aus dem in Canaan eingepflanzten und zum Baume gewordenen Stabe Mosis das Kreuz Christi, der neue Lebensbaum, gefertigt, welches uns das durch die Sünde Adam’s verscherzte ewige Leben wiedererwerben soll.

Diese weitverzweigte Sage ist häufig bildlich dargestellt worden, z. B. in dem berühmten Altarwerk zu Leyden, auf welchem von Cornelis Engelbrechtsen (1468 bis 1533) der todte Adam dargestellt ist, aus dessen Leichnam der Baum des Lebens emporsproßt. Ganz allgemein in Kirchenliedern und Predigten wurde hiernach dem adamitischen Lebensbaum das erlösende Kreuz verglichen, und kaum ein Gleichniß gab es, welches in der Kanzelsprache populärer gewesen wäre, als gerade dieses. Sehr lehrreich für den Ursprung des ganzen Vorstellungskreises aus Aegypten ist die Legende, welche der Kirchenhistoriker Sozomenos aufbewahrt hat, daß zu Hermopolis in Oberägypten der Baum Persis (die Persea) gestanden, dessen Früchte, Blätter und Rinde die Kraft hätten, Kranke durch bloße Berührung gesund zu machen. Als Maria auf der Flucht nach Aegypten bei dem Baume vorüberkam, oder wie spätere mohamedanische Sagen berichteten, darunter ausruhete, neigte sich der ägyptische Lebensbaum in seiner ganzen Größe tief vor dem Christuskinde, dem neuen Unsterblichkeit verleihenden Lebensbaume.

Man kann sich leicht die Freude vorstellen, welche frommen und sinnigen Gemüthern aus der Gelegenheit erwuchs, endlich jene Vorstellungen auf ein bestimmtes und obendrein sehr zierliches Gewächs übertragen zu können, in welchem sich das Unsterblichkeits- und Wiederbelebungswunder augenfällig vollzog. Es erklärt sich daraus, weshalb wir den Lebensbaum so häufig auf Kirchenbildern aus der Zeit seines Bekanntwerdens dargestellt finden. In einem der ältesten Kräuterbücher, welches wir besitzen, dem gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts zuerst gedruckten „Garten der Gesundheit“ (Hortus sanitatis) wird von dem Lebensbaume erzählt, sein Holz besitze die „natürliche“ Eigenschaft, daß, wer davon esse, dadurch gefestet werde gegen alle Krankheit, Schwachheit und Altersschwäche, ja sein Leib werde unverwundbar wie der des Achilles. Wer aber das Grüne als Salat genieße, vergesse alle andere Nahrung und Sorgen. Das Letztere ist nicht unmöglich, denn das starkduftende Laub macht ganz den Eindruck, als könne es Jemanden dahin befördern, wo er weder Nahrung gebraucht, noch Sorgen hat. Die Medicin hat von den gepriesenen Wunderkräften keinen Gebrauch gemacht, nur die Homöopathie bedient sich der Thuja als eines ihrer Wundermittel.

Kommen wir nunmehr zu der Frage nach den inneren Vorgängen bei der winterlichen Verfärbung des Lebensbaumes und seinem Neuergrünen im Frühjahr, so müssen wir zunächst erwähnen, daß ihm diese Erscheinung nicht ausschließlich eigenthümlich ist, sondern daß fast alle Bäume und Sträucher, welche in der Strenge unseres Winters ihr Laub oder ihre Nadeln erhalten, einen ähnlichen Wechsel ihres Kleides bieten. Am meisten fällt die Erscheinung in’s Auge bei den glänzenden Blättern der Stechpalme, und des strauchigen Buxbaumes, sowie den Taxus, Cypressen und Sadebäumen unserer Parkanlagen, doch auch bei den Nadelhölzern unserer Wälder, z. B. bei der Kiefer ist der Unterschied des Grünes vom Winter und Sommer sehr merklich. Sie alle erscheinen düster, farbenmatt und gleichsam traurig gestimmt während der kalten Jahreszeit, und wenn gleich weniger von dem Wechsel der Jahreszeiten berührt, lächeln sie doch mit in den Frühling hinein. „Der Frühling webt schon in den Birken, – und selbst die Fichte fühlt ihn schon,“ sagt Faust, die geringe Erhöhung der Farbe mit einem Worte plastisch andeutend. Viel größer als bei jenen an sich schon düster gefärbten Nadelhölzern ist der Contrast bei unseren Lebensbäumen, deren Sommertracht bei einzelnen Arten maien-, ja goldig-grün schimmert. Man hat sich sonst begnügt, die Erscheinung auf eine allgemeine Herabstimmung der Lebensenergie der Pflanzen durch die Temperaturerniedrigung zurückzuführen, aber durch Versuche, welche der Professor Kraus in Erlangen in neuerer Zeit angestellt hat, wissen wir nunmehr viel genauer, was bei jenem Farbenwechsel im Innern der Pflanze vor sich geht.

[216] Bekanntlich verdanken die grünen Theile der Gewächse ihre Farbe der Gegenwart kleiner grün gefärbter Körnchen, die besonders reichlich in den der Oberfläche zunächst liegenden Zellen des Pflanzenkörpers enthalten sind. Diese Körnchen bestehen jedoch nicht völlig aus jenem Blattgrün oder Chlorophyll genannten Farbstoffe, sondern enthalten außer stickstoffhaltiger Materie einen innern Kern von Stärkemehl, welches sich unter dem Einflusse des Sonnenlichts aus dem Chlorophyll bildet. Professor Kraus beobachtete nun, daß in allen den Gewächsen, die im Winter ihre frische grüne Farbe einbüßen, die Chlorophyllkörner zunächst mißfarbig, dann gelblich oder röthlichbraun werden, ihre Form verlieren und sich zu einer wolkigen Masse auflösen, die sich von der äußern Wandung nach dem Innern der Zelle zurückzieht, und dort zu einem gestaltlosen Klümpchen zusammenbäckt. Allein damit ist dieser Zelleninhalt, welchem die hauptsächlichste Lebensthätigkeit der Pflanzen, die Aufnahme und Verarbeitung der Luftkohlensäure im Sonnenlicht zufällt, keineswegs durch den Frost getödtet, denn wenn man im Winter einen Zweig vom Lebensbaum, Buxbaum oder der Stechpalme im warmen Zimmer in ein Glas mit Wasser stellt, so erlangt er schon nach wenigen Tagen die frühere lebendig grüne Färbung wieder.

Man kann sich noch durch einen anderen sehr augenfälligen Umstand von der Richtigkeit dieser Annahme überzeugen. Wenn man nämlich den verfärbten Lebensbaum oder ein anderes sich ähnlich verhaltendes Gewächs genauer betrachtet, so bemerkt man, daß die Unterseite der Blattschüppchen oder die von anderen Zweigen bedeckten Partien ihre grüne Färbung bewahrt haben, so daß also nur diejenigen Theile, welche ihre Eigenwärme gegen den freien Himmel ausstrahlen konnten, und dadurch besonders stark abgekühlt wurden, mißfarbig geworden sind. Bei den hierhergehörigen großblättrigen Gewächsen, dem Strauchbuxbaum oder der Stechpalme, sieht man die Blätter, welche von anderen beschützt wurden, genau so weit entfärbt, wie die Schutzdecke sie frei ließ. Ein anderer Botaniker, Batalin, der über denselben Gegenstand neuerdings Studien angestellt hat, glaubt diese Verfärbung des unbeschatteten Blattgrüns vielmehr den Sonnenstrahlen zuschreiben zu müssen. Er glaubt, daß diese Verfärbung im Winter nur deshalb auffälliger ist, weil sich das Blattgrün dann nicht so schnell neu erzeuge, als im warmen Sommer.

Aber wenn wir auch das Mysterium des Lebensbaumes als einen einfachen, durch Wärme-Zu- und Abnahme erzeugten physiologischen Proceß erkannt haben, wird uns dadurch die Poesie des in der Frühlingssonne aus seinem Winterschlaf oder Scheintod erwachenden Baumes nicht verkümmert werden. Schon die geistreiche Frau von Sevigné stimmte ihrer Tochter bei, welche auf die langweiligen immergrünen Bäume des südlichen Frankreichs gescholten hatte, und setzte hinzu, es sei schöner neu zu ergrünen, als immerfort grün zu bleiben. Allein noch nicht genug mit jener alljährlichen und darum alltäglich gewordenen Verjüngung im Frühjahre, bieten die meisten Lebensbaumarten noch eine andere geheimnißvollere Erscheinung dieser Art, die man erst in neuerer Zeit studirt hat, und die es vollends rechtfertigt, wenn man in diesen Bäumen ein besonderes Verjüngungs-Mysterium gesucht hat. Das aus dem Pflanzenreiche entlehnte Symbol der Unsterblichkeit und Auferstehung verhält sich nämlich ganz ähnlich demjenigen aus dem Thierreiche, welches die Christen auf ihren Grabsteinen abbilden, das heißt wie die sich aus der Chrysalide entpuppende Psyche. Denn eine Verwandlung, ähnlich jenem so oft von Dichtern und bildenden Künstlern gefeierten Vorgange, bietet auch der Lebensbaum, indem er sich in einer bestimmten Altersperiode plötzlich in ein ganz verschieden aussehendes Gewächs verwandelt.

Unsere meisten Lebensbaumarten besitzen bekanntlich in dem erwachsenen Zustande, in welchem sie unsere Aufmerksamkeit erregen, statt der spitzigen Nadeln ihrer nächsten Verwandten, kleine, weiche und fleischige, sich in zierlicher Anordnung dachziegelförmig deckende Schüppchen. Wenn man aber die Samen unseres amerikanischen Lebensbaumes keimen läßt, so erzieht man daraus ein Pflänzchen, welches gleich dem Wachholder statt der Schuppen spitzige Nadeln aufweist und der Mutterpflanze gar nicht ähnlich sieht. Kaum erreicht es jedoch das Alter weniger Jahre, so zieht der Adamsbaum den alten Adam aus, und an Stelle der abstehenden Nadeln erscheinen an den Zweigspitzen angedrückte Schüppchen, und der stachlige Charakter weicht einer anmuthigen, wir möchten sagen weiblichen Zierlichkeit. Pfropft man jedoch einen solchen jungen, noch mit seinen Nadeln versehenen Trieb auf einen älteren Stamm, so treibt das Pfropfreis immer wieder Nadeln, und ähnlich verhalten sich einzelne Exemplare auch freiwillig, die dann der gewöhnlichen Form des Lebensbaumes so wenig gleichen, daß sie von tüchtigen Botanikern für ganz verschiedene Nadelholzarten angesehen und unter den Namen Retinospora ericoïdes und juniperoïdes beschrieben worden sind. Eine Form des amerikanischen Lebensbaumes, deren untere Zweige Nadeln, die oberen Schuppen tragen, wird von den Gärtnern mit dem Namen Retinospora Ellwangeri bezeichnet. Uebrigens ist auch diese Erscheinung nicht auf die Lebensbäume allein beschränkt, sondern den meisten Nadelhölzern aus der Abtheilung der Cypressen eigen, die in ihrer ersten Lebensperiode, mögen sie nachher aussehen, wie sie wollen, in einem dreigliedrigen Quirl stehende Nadeln zeigen. Bei solchen ausländischen Nadelhölzern, die aus dem Samen gezogen wurden, welchen man aus der Ferne gesandt erhalten hatte, brachte diese Art der Verwandlung zuweilen das höchste Erstaunen ihrer Züchter hervor, zum Beispiel bei der chinesischen Trauercypresse (Cupressus funebris), welche ihre Physiognomie allmählich vollständig änderte. Eine ähnliche Schalkheit sind wir bekanntlich von unserm Epheu gewöhnt, welcher, wenn er in der Blüthezeit seines Lebens steht, zu klettern aufhört und seine schöne stilvolle fünflappige Blattform mit einem schlichten Oval vertauscht.

Das sind Erscheinungen, die den Forscher mit Nachdenken erfüllen, da sie in mancher Beziehung an den Generationswechsel der Thiere erinnern und kaum aus äußeren Rückwirkungen zu erklären sind, wie jener periodische Farbenwechsel, der dem Volke als Sinnbild des auf- und abwogenden Lebens, des Sterbens und Wiedererwachens aus der Mumie erschien.





Eine Pyramiden-Bowle bei Vollmondschein.
Von Adolf Ebeling.

Wir saßen in heiterer Gesellschaft auf dem Balcon des Bey’s und erfrischten uns an der Abendkühle, die von dem jenseits liegenden Palmengarten zu uns herüberwehte. Der Diener des Hauses, der dunkelbraune Ali, in buntem Turban und weißem Gewande, ging ab und zu mit Kaffee und Limonade, und ein schwefelgelb gekleideter kleiner Neger, schwarzblank wie ein frisch gewichster Stiefel, präsentirte die Tschibuks und sorgte dafür, daß die ellenlangen Pfeifen nicht ausgingen. Die Damen rauchten kleine türkische Cigaretten, was ihnen sehr gut stand und, wie sie versicherten, noch besser schmeckte. … In Kairo rauchen bekanntlich alle Damen, und die europäischen machen gern die Mode mit. Der Mond war bereits über dem Mokattamgebirge heraufgekommen: eine große, mattbleiche Kugel, die aber mit jeder Viertelstunde silberner und silberner und zuletzt zu einer goldenen wurde, die alsdann mit einer Lichtfülle die ganze Landschaft übergoß, so magisch, so blendend, wie sie eben nur dem ägyptischen Himmel eigen ist.

„Wenn die Citadelle mit ihren Kuppeln und Minarets uns nicht die Aussicht verdeckte,“ sagte Einer aus unserer Gesellschaft, „so müßte man hier von diesem Balcon aus die Pyramiden sehr gut sehen können.“

„Die Pyramiden!“ rief in plötzlichem Enthusiasmus ein Maler, der sich gleichfalls unter uns befand, „meine Herrschaften, das bringt mich auf eine Idee, und ich mache einen Vorschlag zur Güte: wie wär’s, wenn wir hinausführen, um die Pyramiden im Mondschein zu besuchen? Heute ist es zu spät, aber morgen Abend, und morgen ist noch dazu gerade Vollmond. Was sagen Sie dazu? Darf ich abstimmen lassen? Ich fange bei den Damen an, die mir gewiß keinen Korb geben werden.“

Während des Hin- und Herredens benutze ich die Gelegenheit,

[217] dem freundlichen Leser die Gesellschaft vorzustellen. Zunächst der Hausherr, der Bey, aber ein deutscher Bey, mit seiner jungen Gattin, einer liebenswürdigen Wienerin … alle Wienerinnen sind liebenswürdig, hatte man noch vor wenigen Minuten behauptet, und die Frau Bey strafte diese Behauptung wahrlich nicht Lügen – alsdann der Schwager des Bey, ein Banquier aus Alexandrien, gleichfalls mit seiner Gattin, einer Rheinländerin, die dasselbe Prädicat wie die Wienerin verdient; ferner der Doctor F., ein angesehener Arzt von Kairo, endlich der Maler, dann noch ein junger Engländer und zuletzt meine Wenigkeit. Also sämmtlich Deutsche mit einer einzigen Ausnahme, aber dies traf sich gut, denn ein Engländer gehört einmal zu jeder Pyramidenfahrt. Der Maler stieß indeß bei seiner Abstimmung auf einigen Widerspruch. Zunächst opponirte der Doctor: die Pyramiden seien etwas Altes und er sei Gott weiß wie oft schon dagewesen; endlich fügte er sich, jedoch nur unter einer Bedingung.

„Unter welcher?“ fragten mehrere Stimmen.

„Unter der Bedingung eines guten Soupers,“ antwortete der Doctor pathetisch. Wir lachten und sagten, daß sich das von selbst verstände. „Und zu einem guten Souper,“ fuhr der Doctor fort, „gehört in erster Reihe eine Bowle, und zwar eine Bowle, wie eigentlich nur ich sie zu machen weiß.“

„Gut,“ rief der Bey, „dann sollen auch Sie, Doctor, und kein Anderer sie machen.“

„Also ein Piknick!“ sagte die Gattin des Banquiers und fragte an, für welchen Theil der Mahlzeit sie zu sorgen hätte.

„Ein Piknick! Ein Piknick!“ hieß es nun von allen Seiten, bis sich die Frau vom Hause in’s Mittel legte und um das Wort bat. Sie erklärte, da die Partie bei ihr zur Sprache gekommen sei, auch das Souper höchstens unter Beihülfe ihrer Schwägerin übernehmen zu wollen, erlaubte uns aber, weil wir Einwendungen machten, einige Kleinigkeiten mit beizutragen.

„Die Bowle ist aber keine Kleinigkeit,“ warf der Banquier ein, „und die bleibt dem Doctor.“

„Die Bowle bleibt dem Doctor!“ riefen wir im Echo, und dieser versicherte energisch, er ließe sie sich auch gar nicht nehmen, und wir sollten unsere Sache nur ebenso gut machen wie er.

„Auch das Eis darf nicht vergessen werden,“ sagte der Bey, und der Maler verpflichtete sich zur Eislieferung. Ich bat um die Erlaubniß, Früchte mitbringen zu dürfen, was gleichfalls zugestanden wurde. Jetzt blieb nur noch der Engländer übrig, und die Damen trugen ihm auf, für Salz und Pfeffer zu sorgen; aber der rothblonde Sohn Albions verneigte sich verbindlich und erklärte, er würde auch das Seinige beisteuern, bäte aber, es geheim halten zu dürfen, denn es solle eine Ueberraschung sein. Auch dies wurde angenommen, nicht ohne neugierige Fragen; aber der Gentleman blieb stumm.

„Also morgen Nachmittag präcise vier Uhr, hier im Hause des Beys, wo die Abfahrt stattfinden soll, und damit Gott befohlen!“ rief der Doctor, aber unten, bevor wir uns trennten, mußte er es sich noch einmal gefallen lassen, daß wir ihm die Bowle an’s Herz legten.

„Nur unbesorgt! Verlassen Sie sich ganz auf mich!“ entgegnete stolz der Medicus. –

Ich war am Nachmittage des folgenden Tages der Erste auf dem Rendezvous im Hause des Beys, der die Freundlichkeit gehabt, mir einen Platz in seinem Wagen anzubieten. Ein Araber folgte mir mit einem verdeckten Korbe, der mein Contingent zum Piknick enthielt: frische Datteln, Bananen und Feigen, köstliche Weintrauben aus Fayum, jener einige Meilen südlich von Kairo liegenden Oase, dem eigentlichen Blumen- und Fruchtgarten Aegyptens, und (am Nil eine große Rarität!) einige Pfund Kirschen.

Mittlerweile war auch der Schwager mit seiner Gattin angekommen, und die Damen hatten alle Hände voll zu thun, um noch die letzten Anordnungen zu treffen. Die Diener trugen mehrere Körbe hinunter und vertheilten sie in den Sitzkasten der beiden Kaleschen. Dann begaben wir uns auf den Balcon, um die anderen Herren zu erwarten. Nach einigen Minuten bog auch schon ein bunter, stattlicher Läufer um die Ecke, dem ein Wagen folgte, in welchem der Doctor mit dem Maler saß. Vor ihnen auf dem freien Rücksitze stand, mit einer Decke verhüllt, die der Doctor beim Hinaufgrüßen fortnahm, die Bowle, groß und silberglänzend, ein wahres Cabinetsstück. In demselben Momente erschien auch der Engländer und zwar zu Pferde, im Jagdcostüme, die Flinte über der Schulter. Sein Diener, ein kleiner schwarzer Sclave, den ihm ein Freund als Geschenk aus Oberägypten mitgebracht hatte und der nach Landessitte nebenher traben mußte, trug zwei prächtige Bouquets, die unser Cavalier den Damen überreichte, welche unterdeß herabgekommen waren. „Das war also die Ueberraschung?“ fragte man.

„O nein,“ entgegnete der Engländer, „die Ueberraschung kommt später, aber unsere Damen durften doch nicht ohne Blumen abfahren.“

„Die Bowle voran!“ rief der Banquier, als wir einstiegen, und der Wagen des Doctors war der erste, der abfuhr, und erst nach ihm kamen wir übrigen Sterblichen, auf die zwei anderen Wagen vertheilt. Der Engländer galoppirte lustig nebenher, und sein kleiner Schwarzer galoppirte ebenso lustig an der Seite seines Herrn, aber auf seinen eigenen Beinen. Auch unsere Läufer tanzten leichtfüßig vorauf, wenigstes so lange es durch die Stadt ging, um uns durch ihr lautes „guarda! guarda!“ das sie unaufhörlich in das Menschengewühl hineinschrieen, Platz zu machen. Als wir aber an die große Nilbrücke kamen, hießen wir sie, sich neben die Kutscher setzen, und documentirten uns durch diese humanen Befehl als Ausländer; denn der Inländer, und vorzüglich der echte Türke, läßt die armen goldgestickten Burschen stundenlang seinem Wage vorauftraben, wie seine Pferde, die ihm überdies weit mehr am Herzen liegen. Dem kleinen Schwarzen des Engländers wurde der Bedientensitz hinten auf unserm Wagen angewiesen; er kletterte wie eine Katze hinauf und schnitt so vergnügte Grimassen und fletschte so hübsch mit den schneeweißen Zähnen, daß Darwin seine Freude an ihm gehabt haben würde.

Auf der großen Brücke ließen wir einige Minuten anhalten, um einen Blick hinunter auf den wogenden, schäumenden Nil zu werfen. Ein gewaltiges, wirklich majestätisches Schauspiel! Der Fluß war in diesen Tagen (gegen Ende September) fast auf seine höchste Höhe gestiegen, gegen achtundzwanzig Fuß höher, als sein niedrigstes Niveau zu Anfang des Sommers, und er wälzte seine ungeheuren Wassermassen unaufhaltsam nach Norden, um das Delta zu überfluthen und sich dann in’s Mittelländische Meer zu ergießen … gewissermaßen ein Meer in ein anderes. Und doch war dieser Blick von der Brücke herab nur ein Vorspiel dessen, was uns jenseits derselben erwartete, denn kaum hatten wir sie passirt, als sich eine unermeßliche Wasserfläche vor uns ausbreitete, ein weiter, glänzender Spiegel bis zum fernste Gesichtskreise. Das war das überschwemmte Nilthal, nur von hohen schmalen Dämmen durchschnitten, auf deren einem wir selbst dahinfuhren. Was aber in andern Ländern Noth und Verderben bringen und eine furchtbare Heimsuchung sein würde, das ist hier in Aegypten ein Segen des Himmels, ja eine Grundbedingung der gesammten materiellen Existenz des Landes. Hunderte von halb- oder ganz nackten dunkelbraunen Kindern waren bei den Erdarbeiten beschäftigt und schleppten unter einförmigem und sehr disharmonischem Gesange von den höher gelegenen Punkten Erde in Körben herbei; als sie aber unsere Wagen sahen, waren sie nicht mehr zu halten; sie warfen ihre Körbe fort und umschwärmten uns mit unaufhörlichem Geschrei um „Bakschihsch“. Bakschihsch ist bekanntlich das gewöhnlichste Wort in ganz Aegypten, weil dort Jeder ein Trinkgeld verlangt. Wir warfen ihnen eine Hand voll Kupfermünzen zu, um die sie sich rissen und balgten, wobei einige fast in’s Wasser gefallen wären. Aber auch das wäre kein großes Unglück gewesen, den sie schwimmen Alle wie die Enten.

Als wir rechts in die sogenannte neue Allee einbogen, lagen die Pyramiden bereits vor uns, obwohl noch in ziemlicher Entfernung. Dieser Moment bleibt immer ein großartiger, selbst für Den, der die Tour schon oft gemacht hat; auf den Neuling aber, den Fremden, der sie zum ersten Male sieht, ist der Eindruck wirklich grandios und unvergeßlich. Da liegen sie also, die ewigen Wächter der Wüste, deren Alter nach vielen Jahrtausenden zählt und die schon Moses und Alexander der Große geschaut, wie wir jetzt. Menschengeschlechter waren und sind für sie wie Sandkörner, und fast jedes andere menschliche Bauwerk auf der Erde ist ein Kinderspiel im Vergleiche zu ihnen. Die Sonne bestand bereits tief im Westen, und die ungeheuren [218] Dreiecke zeichneten sich wie scharfgeschnittene Riesenschatten vor der rothen Abendgluth.

„Wir müssen uns beeilen,“ sagte der Engländer, der nach wie vor auf seinem muntern kleinen Araberhengste hin- und hergaloppirte, „wenn wir noch vor Sonnenuntergang dort sein wollen.“

Und „Jallah, jallah!“ riefen unsere Kutscher, und die Läufer sprangen hinunter und „wehten“ vorauf, um die Pferde schneller laufen zu machen. Wir überholten fast die Bowle, aber der Doctor trieb seinen Kutscher ebenfalls mit lautem Zurufe an und blieb glücklich an der Spitze des Zuges. Auch auf diesem Damme hatten wir zu beiden Seiten Wasser – Wasser, so weit unsere Blicke reichten, und vor vier Monaten waren wir auf demselben Wege zwischen blühenden Mais- und Durrahfeldern gefahren, und nach vier weiteren Monaten, im Januar, werden all diese jetzt überschwemmten Felder wieder in üppiger Blüthe stehen. Hier kommen immer die Beduinen aus den nahen Dörfern herbeigelaufen, um den Reisenden ihre Führerdienste bei den Pyramiden anzubieten. So war es auch heute, nur mit dem Laufen ging es diesmal nicht, aber wir sahen sie deutlich von ihren etwas höher gelegenen Hütten in's Wasser springen und dem Damme zuschwimmen; das blaue Baumwollenhemd, ihre ganze Bekleidung, balancirten sie dabei sehr geschickt auf dem Kopfe. In kaum zehn Minuten waren sie bei uns, einige zwanzig schwarzbraune Burschen. Sie machten schnell Toilette – „Shocking, shocking!“ würden unsere Damen gerufen haben, wenn sie Engländerinnen gewesen wären – und trabten dann wohlgemuth neben unseren Wagen her. Viele kannten den Bey und begrüßten ihn ehrerbietig mit „Saláhm alékum!“ und auch ich fand unter ihnen manchen alten Bekannten. Die Meisten verstehen und sprechen recht gut englisch, französisch und deutsch, und pfiffig und durchtrieben sind sie Alle.

„Halt!“ hieß es plötzlich, und unsere Wagen hielten an. Wir waren an dem Ende der Fahrstraße angelangt, und die letzten paar hundert Schritte pflegt man wegen des tiefen Sandes zu Fuße zu machen. Die leeren Wagen folgten uns langsam nach. Der Doctor ging aber dicht neben dem seinigen her. „Die Sache ist zu wichtig,“ sagte er ernsthaft, „ich darf sie nicht einen Augenblick allein lassen, daß heißt sie, die Bowle mit Allem, was dazu gehört.“

Der kurze Weg durch den tiefen Sand, in den wir bis über die Knöchel einsanken, gab uns einen Vorgeschmack von einer Wüstenreise.

„Meine Herrschaften,“ rief der Banquier, „wir haben die Bowle endlich verdient! Zwölf Stunden möchte ich, bei allem Interesse für Wüstenlandschaften, nicht so marschiren!“

Der Engländer, was er gar nicht nöthig hatte, war auch abgestiegen und führte sein Pferd am Zügel; er könne unmöglich bequem reiten, sagte er, wo die Damen zu Fuße gingen. Die ganze Noth dauerte indeß kaum zehn Minuten, und gerade dieser kurze, aber beschwerliche Weg bergan schien eigens dazu gemacht zu sein, uns den erhebendsten Contrast um so lebendiger fühlen zu lassen. Soeben noch, von den Mauern des Weges eingeschlossen, ein überprosaisches Waten im Sande, und jetzt, auf dem Gipfel des Plateaus angelangt, eine hochpoetische Phantasmagorie, großartig, fast überwältigend. Der ganze westliche Horizont stand in Feuer, und vor dieser dunkelrothen Gluth ragten die Pyramiden wie himmelhohe Felsen. Wir stiegen noch schnell eine kleine Anhöhe hinauf und hatten nun den freien Blick in die libysche Wüste und auf die untergehende Sonne: eine wallende, wogende Farbenfluth von Roth und Gelb, und darin der Sonnenball wie eine Kugel von flüssigem Golde. Aber Alles war nur ein Schauspiel von kaum mehr als einer Minute; denn sowie die Sonne versunken war, lösten sich die Flammen in ein sanftes Rosenroth und dann in ein mattes Violett auf, und nicht gar hoch stand die Venus als Abendstern im durchsichtigen Blau.

„Bitte, drehen Sie sich nun, meine Herren und Damen!“ rief der Banquier und wies auf den entgegengesetzten Horizont nach Osten: dort stieg eine große röthlich-bleiche Scheibe herauf, wie ein gigantisches Menschenantlitz, fast drohend anzuschauen – der Vollmond.

Wir hatten also Tag und Stunde auf das Beste getroffen: Sonnenuntergang und Mondaufgang in einem Bilde. Dort die unermeßliche, ewig unveränderliche, schweigende Wüste, hier eine unabsehbare Wasserfläche, das überschwemmte Nilthal, aber zugleich das Paradies des Landes, und wir selbst auf einem erhöhten, weit hinaus ragenden Felsplateau neben den Steincolossen der Pharaonenzeit. Wir waren Alle von diesem großartigen Schauspiele ergriffen, mit alleiniger Ausnahme des Doctors, der unten bei den Wagen zurückgeblieben war und auf der breiten Terrasse des Plateaus schon mit den nöthigen Vorbereitungen des Soupers begann. Dort liegt nämlich eine Art Schweizerhaus, das der Vicekönig bei Gelegenheit der Suezfestlichkeiten für seine hohen Gäste und speciell für den Prinzen von Wales erbauen ließ, und dessen untere Räume seitdem gegen ein Trinkgeld allen Pyramidenbesuchern geöffnet sind. Aus dem einen Zimmer hatte der Doctor bereits einen großen Tisch und die nöthigen Stühle in's Freie bringen lassen, und die Diener hatten außerdem auf der breiten Steingalerie die einzelnen Körbe aufgestellt und waren mit dem Auspacken derselben beschäftigt. Der Doctor reclamirte jetzt unsere Hülfe, da er unmöglich Alles allein besorgen könne, zumal er mit der Bowle schon genug zu thun habe. Wir mußten ihm Recht geben.

So machten wir uns denn an die Arbeit, und ich unterwies Jussuf, den kleinen Schwarzen des Engländers, die Teller mit den Couverts recht sorgfältig hinzustellen, was er unter sehr vergnügten Grimassen that. Der Banquier leistete dem Doctor die nöthigen Handreichungen zur Bereitung der Bowle. Zwei große gläserne Flacons mit eingemachten Ananas wurden zuerst entleert; „das ist die Basis,“ sagte der Doctor mit ernster Miene, fügte den nöthigen Zucker hinzu, goß alsdann vier Flaschen Moselwein hinein und rief nach Eis. Ich hatte gerade mit Jussuf die dicke wollene Decke, in welche das Eis eingewickelt war, fortgenommen und ein prächtiger Block kam zum Vorschein, durchsichtig wie der reinste Krystall. Einige faustgroße Stücke wurden in die Bowle versenkt, dann setzte der Doctor den Deckel darauf, um sie „ziehen“ zu lassen, wie er sagte, und musterte mit der Frau Bey, die hierin ein sehr geübtes Auge hat, die gedeckte Tafel. Ich hatte von den Dienern Wasser verlangt, und zwei Beduinenknaben brachten welches in zierlichen „Kullen“, jenen porösen Thongefäßen, die das Wasser auch bei der stärksten Hitze frisch erhalten; der Doctor protestirte energisch, weil er meinte, sie seien für die Bowle bestimmt, aber ich verwendete sie für die beiden Bouquets, um die Tafel damit zu schmücken. Auch die Weintrauben wurden in Eis gelegt, und der Doctor entkorkte gravitätisch eine Flasche Rüdesheimer, als weitere Zuthat für seine Bowle. Alsdann kam das eigentliche Specificum, wie er es nannte, nämlich zwei kleine Krystallfläschchen, Maraschino in dem einen und Kirsch in dem anderen; er goß von jedem Liqueur einen guten Eßlöffel voll in die Bowle, und das mit einer Miene, die deutlich genug sagte: trinkt und richtet! Zwei Flaschen Moët standen noch im Hintergrunde, aber sie sollten erst im Momente des Servirens geöffnet werden.

Die starke Hitze des Tages hatte gleich nach Sonnenuntergang bedeutend abgenommen; die Luft war jetzt lau und mild, wie bei uns daheim eine schöne Juninacht und dabei so windstill, daß die vier Kerzen, die wir zum Ueberflusse mitgebracht hatten, hier draußen im Freien so ruhig brannten, wie in einem Zimmer. Der Mond war höher gestiegen und hing wie eine blendende silberne Ampel über uns – der schönste Kronleuchter für unser Pyramidensouper, den man sich wünschen konnte.

Wir gingen zu Tische. Die Wüste macht Hunger, sagt ein altes arabisches Sprüchwort … „und Durst,“ setzte der Banquier hinzu und wies auf die Bowle, die in der Mitte des Tisches den Ehrenplatz einnahm. Man setzte sich, füllte die Gläser und trank. „Meine Herren und Damen,“ sagte der Bey, „Ehre dem Ehre gebührt! Sie ist vortrefflich!“ „Vortrefflich!“ riefen wir Alle; „nur etwas zu stark,“ setzten die Damen schüchtern hinzu. „Für zarte Constitutionen sind zwei Flaschen Selterwasser da,“ bemerkte der Doctor, „aber Wasser in die Bowle selbst zu gießen, wäre Profanation; ich appellire an alle Kenner.“ Wir Herren gaben ihm Recht; übrigens diente schon das Eis, das sowohl in die Bowle wie in die einzelnen Gläser gelegt und immer erneut wurde, zu einiger Verdünnung. –

Nach diesen Präliminarien kann sich der Leser leicht denken, daß unser Souper heiter und amüsant war; auch an Toasten [219] fehlte es nicht; zuerst ließ man natürlich die Damen leben, aber nicht allein die anwesenden, sondern auch die vielen anderen daheim an der Elbe und am Rheine etc., und beim Nachtische, wo eine große Torte neben der Bowle paradirte und wo (ich muß es durchaus sagen, denn es ist die Wahrheit) meine Früchte allseitigen Beifall fanden, hielt der Banquier eine sehr humoristische, aber etwas kunterbunte Rede – wir hatten schon alle der Bowle stark zugesprochen – in welche er Moses und Pharao, Kleopatra und Jenny Lind, Bismarck und den Suezcanal und Gott weiß wen und was sonst noch Alles hineinbrachte und die mit einem Hoch auf den Doctor und seinen unvergleichlichen Trank schloß. Der Engländer schoß unter dem lauten Hurrah, das dieser Rede folgte, seine Doppelflinte ab, zum nicht geringen Schrecken der Damen; aber das Echo, das an den ungeheueren Wänden der Pyramiden entlang und bis in die Wüste hineinrollte, gefiel ihnen so sehr, daß sie nachher selbst um Wiederholung der Schüsse baten.

Die Kanonade hatte übrigens noch mehr Beduinen herbeigelockt, die sich zu den anderen gesellten, welche in ziemlicher Entfernung in verschiedenen Gruppen am Boden hockten; gleich darauf erschien auch der Scheich von Gizeh, der von der Ankunft des Bey’s gehört hatte und gekommen war, um Sr. Excellenz und den übrigen erlauchten Herrschaften seinen unterthänigsten Respect zu bezeugen. Der Orientale spricht bei solchen Gelegenheiten immer in den höchsten Superlativen. Der Bey antwortete in unser aller Namen sehr freundlich und ließ dem Scheich, der in seinem bunten Turbane, mit dem weißen faltenreichen Gewande und den gelben Lederpantoffeln sehr malerisch aussah, Früchte und Cigarren reichen (Wein durfte er ja als Mohamedaner nicht trinken) und nahm auch seine Begleitung nach der Sphinx an, wo wir den Kaffee trinken wollten. Dies hatten wir nämlich schon vorher auf Vorschlag des Malers beschlossen, um unserer nächtlichen Partie noch einen weiteren originellen Reiz zu geben. Der Scheich ließ zwei Fackeln anzünden und durch zwei seiner Leute vorauftragen; wir gaben unseren Dienern noch die nöthigen Befehle wegen des Einpackens, wobei ihnen natürlich die Reste des Soupers überlassen wurden; der Doctor stellte zu seiner Bowle, die noch nicht ganz geleert war, einen besonderen Wächter, und dann machten wir uns auf den Weg. Hinter uns zogen die Beduinen als Gefolge, aber sie hüteten sich wohl, uns irgendwie zu belästigen, weil sie den Scheich in unserer Gesellschaft wußten.

In gerader Richtung liegt die Sphinx, von der zweiten Pyramide nur wenige hundert Schritt entfernt, da aber das Terrain sehr uneben ist und durch Felsentrümmer aller Art unterbrochen wird, so dauert der Weg eine kleine Viertelstunde. Er ist aber jedenfalls, wenigstens nach europäischen Begriffen, eine Abendpromenade der seltensten, ja wunderbarsten Art. Zur Rechten die bis in den Himmel hineinragenden Pyramiden, vom Mondlicht ganz mit Silber übergossen, und hinter ihnen die mattgelbe Wüste, bis in die Unendlichkeit hinein sich verlierend; zur Linken das überschwemmte Nilthal, aus dessen unabsehbarer Wasserfläche einzelne Palmengruppen und Fellahdörfer als Inseln hervortreten, im Wasser selbst das Spiegelbild des Mondes in zahllosen Silberwellen vervielfältigt und der Boden, auf dem wir wandeln, von Monumenten aller Art übersäet, die nicht nach Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden zählen und die uns die Wiege der gesammten Menschheitsgeschichte vor die Seele rufen. Und nun – bei einer Wendung des Weges – das gewaltigste dieser Wunder: das furchtbare Wüstenphantom, die Sphinx, die nun schon vier, ja nach Anderen gar sechs Jahrtausende nach Osten schaut, „und kein Sterblicher weiß, was sie bedeutet und was sie sinnt.“

Die Fackelträger hatten sich mit ihren brennenden Kienspähnen zu beiden Seiten der Sphinx postirt, und die flackernden Flammen warfen gespensterhafte Lichter auf das Riesenantlitz, das trotz aller Verstümmelung noch immer einen gewaltigen Ausdruck hat; man breitete einige mitgenommene Decken zum Sitz für die Damen aus, und wir Anderen machten es wie die Beduinen, das heißt, wir hockten mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden, eine Positur, die gar so unbequem nicht ist, Notabene, wenn man sich etwas darauf versteht. Der Kaffee, den uns der Scheich auf arabische Manier in kleinen Schälchen und unter vielfachen Complimenten, serviren ließ, war köstlich, echter Mokka, das Lebenselixir der Wüstensöhne.

Auf einmal hörten wir zwei Schüsse schnell aufeinander und, seltsam genug, wie hoch aus der Luft kommend, und während wir erstaunt uns in Muthmaßungen ergingen, sahen wir einige Leuchtkugeln von der Spitze der Cheopspyramide aufsteigen. Nun hatten wir auch die Lösung des Räthsels: „Der Engländer!“ riefen wir einstimmig und bemerkten zugleich, aber erst jetzt, daß er nicht unter uns war. In dem allgemeinen Trubel des Tafelaufbruchs hatte Keiner an ihn gedacht. Der Anblick der steigenden Leuchtkugeln und einiger kleiner Raketen, die sich im Zerplatzen als goldener Sternregen auflösten, war über alle Beschreibung schön; die Pyramiden schienen durch diese Lichteffecte in’s Unendliche zu wachsen, und als das Feuerwerk, dem noch zwei Schüsse folgten, vorüber war, standen sie in der Silberfluth des Mondes nur noch verklärter da.

Das war also die versprochene Ueberraschung des Engländers, der auch, als er sich nach einer Viertelstunde wieder bei uns einfand, allgemeinen Dank erntete, und nicht Dank allein, sondern auch Bewunderung für seine kühne That. Denn diesen Namen verdiente die nächtliche Pyramidenbesteigung, noch dazu, da er, wie wir nachher erfuhren, von nur einem Beduinen begleitet war, der ihm nicht einmal behülflich gewesen, sondern ihm nur seine Flinte und das Päckchen Feuerwerk getragen hatte.

„Ich schlage vor, dem Gentleman den Rest der Bowle abzutreten,“ sagte der Banquier, „es ist die höchste Belohnung, die mir in diesem Augenblick einfällt.“

Aber der Doctor erklärte, er habe noch eine Flasche Champagner in petto, der wir noch vor unserer Abfahrt den Hals brechen würden und zwar zu Ehren dessen, der Gottlob den seinigen nicht gebrochen. Die beiden Damen hatten mittlerweile aus kleinen Wüstengräsern und einer zierlichen gelbblühenden Eispflanze eine Art Kranz geflochten und dem Engländer trotz seines Widerstrebens, aufgesetzt; so führte ihn der Maler bis dicht unter die Sphinx, und die ganze Gesellschaft, die Beduinen mit eingerechnet, die unmerklich den Halbkreis um uns herum immer enger gezogen hatten, applaudirte mit lebhaftem Händeklatschen.

Unbeweglich schaute das Riesenweib auf die bunte, lustige Scene; die Fackeln waren erloschen, der Vollmond dagegen stand fast im Zenith und machte die Nacht zum Tage, aber zu einem märchenhaften Tage, wie wenn die Helle durch Silberschleier gedämpft wäre … die echte Tieck’sche „mondbeglänzte Zaubernacht“, wie sie der nordische Poet vielleicht in seiner Phantasie geträumt, aber gewiß nie in Wirklichkeit geschaut.

Als wir auf das Plateau zurückkamen, standen die ruhig brennenden Kerzen noch auf dem Tische, aber der Tisch selbst war abgedeckt und leer, denn die Diener hatten bereits Alles wieder in die Körbe gepackt und in die Wagen geschafft. Nur von der steinernen Brüstung her leuchtete die silberne Bowle mit ihren Gläsern zu uns herüber, und vor ihr auf dem Boden kauerte der schwarze Ali und hielt getreulich Wache. Keine profane Hand hatte sie während unserer Abwesenheit berührt. „Was diese Wüste für Durst macht!“ rief der Banquier und vertheilte den Rest der Bowle so gewissenhaft wie möglich; aber der Doctor war mittlerweile zu seinem Wagen gegangen und kam mit der versprochenen Flasche Champagner zurück. Er ließ den Stöpsel knallen, füllte die Gläser und brachte die Gesundheit des „Pyramiden-Feuerwerkers“ aus, die allgemeinen Anklang fand.

Doch Alles, Alles geht hienieden zu Ende: volle Flaschen und Gläser, lustige Wüstenpiknicks und Ananasbowlen … mit anderen, mehr prosaischen Worten: Wir mußten an die Heimfahrt denken, obwohl es noch sehr früh war, wie der Bey ganz richtig bemerkte, denn es war erst ein Uhr nach Mitternacht. –

Am folgenden Abend saßen wir wieder auf dem bekannten Balcon im Hause des Beys, der uns zu einer kleinen Nachfeier eingeladen hatte. Das Gespräch drehte sich natürlich zumeist um die gestrige Partie, und der Maler zeigte bereits eine sehr gelungene Skizze unserer Kaffeegesellschaft am Fuße der Sphinx vor. „Wenn der Pinsel unser Piknick verewigt, da sollte doch auch die Feder nicht zurückbleiben,“ sagte der Banquier und wies dabei auf mich. Ich erklärte mich sofort bereit, eine Schilderung unserer Fahrt zu verfassen und nach Deutschland zu senden. Als dies der Doctor hörte, zog er mich ernsthaft des Seite.

„Ich habe nichts dagegen,“ sagte er, „aber ich bitte Sie nur, falls Sie der Bowle Erwähnung thun“ – „die soll obenan [220] stehen,“ unterbrach ich ihn – „sie genau so auf dem Papier zu bereiten, wie ich es in Wirklichkeit gethan. In Deutschland giebt es Kenner, und ich möchte gern mit Ehren bestehen.“

Ich beruhigte den Medicus mit eigenen Worten die er uns damals zugerufen: „Nur unbesorgt! Verlassen Sie sich ganz auf mich!“




Ein Sonntagskind.

Der 5. October des Jahres 1834 war ein Sonntag. In dem Dorfe Groß-Tschacksdorf in der Niederlausitz ruhten alle Hände von den Mühen der Woche, und in der Schenke tönte

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Paul Thumann
Nach einer Photographie.

wohl die Fidel zum lustigen Tanze, als in den Jubel die Kunde erscholl dem Lehrer F. Thumann sei ein munterer Junge geboren. „Ein Sonntagskind – ein Glückskind!“ – dieser Zuruf, mit welchem man den Knaben schon in der Wiege begrüßte, hat sich an dem Jünglinge und Manne reichlich und köstlich bewahrheitet: wenn man heute die besten Namen der deutschen Kunst nennt, dann bleibt auch Paul Thumann’s Name nicht ungenannt. Und das mit Recht! Hat er doch in seinem Schatten vor allem demjenigen Element einen reinen und vollgültigen Ausdruck geliehen, welches man das wahre Element aller lebensvollen Kunst nennen darf, dem Volksthümlichen; ja, war der Meister ein Sonntagskind, so war seine Kunst ein Volkskind und darum ein echtes Musenkind; denn daß die wahre Kunst ein Kind des Volkes ist und nicht bei den „Höfischen“ in die Schule geht, daß des Volkes Kraft und Gesundheit ihre eigentlichen Zeugerinnen, des Volkes Gemüth und Phantasie ihre besten Erzieherinnen sind, das lehrt uns tausendfältig die Geschichte. Immer und immer strömt das Quellwasser der echten Kunst daher, wo auch echte und schlichte Menschennatur ist – aus der Mitte des Volks.

Ein deutsches Dorfschullehrerheim und darin ein Leben voll Arbeit und Mühe, voll Sorge und Entsagung – das sind die frühesten Erinnerungen unseres Künstlers. Die Eltern hatten rechtschaffen zu thun, um mit den geringen Mitteln eines Lehrers die nöthigsten Bedürfnisse zu bestreiten, ein Zustand, der auch noch andauerte, als der Vater im Jahre 1838 als Kantor und Organist nach dem benachbarten Pförten versetzt wurde. Während die gute Mutter von früh bis in die Nacht hinein bemüht war,

[221]
Die Gartenlaube (1875) b 221.jpg

Luther´s Ankunft auf der Wartburg.
Nach seinem Gemälde auf Holz gezeichnet von Paul Thumann.

[222] durch strenge Ordnung und kluge Eintheilung zu erhalten, was des Vaters Fleiß erworben, widmete dieser selbst jeden Augenblick der Vermehrung seines kargen Einkommens; in seinen Mußestunden verfertigte er mit anerkannter Accuratesse Thermometer und Barometer und betrieb abwechselnd Baum-, Seidenraupen- und Bienenzucht. Wir erwähnen dies absichtlich als ein nicht unwesentliches pädagogisches Moment im Leben des jungen Thumann. So wurde ihm schon frühzeitig der für den Künstler so wichtige Sinn für die praktische Seite des Lebens geweckt und ihm dadurch ein Schutzmittel gegen so mancherlei idealistische Verirrungen eingeimpft, welchen künstlerische Naturen nur allzu oft ausgesetzt sind.

Aber bei Weitem maßgebender als dieses Moment war für des Knaben spätere Lebensrichtung eine andere Lieblingsbeschäftigung des Vaters: die Portraitmalerei, welche er mit Glück und Geschick in seinen beschränkten dörflichen Kreisen betrieb. „Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen“. Bleistift und Farbenkasten waren des jungen Paul liebste Gesellschafter. Wenn er in diesen Tagen der frühesten Jugend, wo die Künstlerseele in ihm zuerst die Schwingen regte, in der kleinen Bildersammlung zu Pförten saß – sie enthält eine Reihe guter Copien von Gemälden der Dresdener Galerie, die von einem Maler Lindner herrühren – dann mochte wohl vor seinem inneren Auge ein Bild dessen stehen, was er erreichen und werden sollte, dann mochte wohl eine erste Vorahnung seines künftigen Berufes sein Gemüth durchziehen. „Diese kleine Bildersammlung,“ schreibt er uns, „war mir ein Heiligthum.“

Schnell tauchte in ihm der Wunsch auf, Künstler, Maler zu werden, und dieser Gedanke bemächtigte sich immer mehr und mehr seines Innern. Seine Eltern wollten ihm eine tüchtige Vorbildung, wenn möglich auf einem Gymnasium, geben lassen – aber woher die Mittel nehmen? Da fügte das Schicksal, daß um jene Zeit ein trefflicher Mann, der Rector Schneider (jetzt Pastor zu Gr.-Kreuz bei Potsdam), in die zweite Predigerstelle zu Pförten eintrat und damit dem jungen Thumann ein stets bereiter Rather und vorzüglicher Lehrer in allen Gegenständen des Schulunterrichts gegeben wurde.

Die Idee, sich der Malerei zu widmen, erhielt in dieser Zeit in dem nunmehr etwa zehnjährigen Knaben eine mächtige Anregung, als er einmal bei seinem Lehrer und Beschützer Ludwig Richter’s herrliche Illustrationen zu den deutschen Studenten- und Volksliedern zu Gesicht bekam. Dieser Eindruck ist für das ganze spätere Schaffen unseres Künstlers bestimmend geblieben. Thumann ist einer der hervorragendsten und glücklichsten Schüler und Nacheiferer jenes genialen Volkszeichners geworden.

„Noch heute,“ sagte uns Thumann einmal, „ist meine Verehrung jenes trefflichen Meisters ebenso groß, wie das freudige Staunen des zehnjährigen Knaben war.

Jahre hindurch nährte das lebhafte Knabengemüth den feurigen Wunsch, ein zweiter Richter zu werden. Als aber in seinem fünfzehnten Jahre die Pflicht, einen Beruf zu wählen, an ihn herantrat, da war es wieder, wie so oft im Leben, die eiserne Nothwendigkeit, welche seine flammenden Herzensträume mit ihrem kalten Nein! durchkreuzte. Der sanguinische Jüngling, der sich schon in die Hörsäle der Akademie geträumt hatte, mußte sich entschließen, in das kartographische Geschäft von C. Flemming in Glogan einzutreten, wo er bis zu seinem neunzehnten Jahre angestrengt thätig war. Dann aber, der ihm widerstrebenden nüchternen Thätigkeit müde, ging er doch noch nach Berlin, trat als Schüler in die dortige Akademie ein und hatte das Glück, an Professor Holbein einen vorzüglichen und wohlwollenden Lehrer zu finden. Dem Muthigen gehört die Welt, und redliches Streben verfehlt niemals das Ziel. So waren denn auch die Studien Thumann’s in Berlin und Dresden, wohin er sich später wandte, mit Erfolg gekrönt. In Dresden arbeitete er im Atelier des Professor J. Hübner und malte sein erstes selbstständiges Werk, ein Altarbild für die Pfarrkirche in Liegnitz, die heilige Hedwig darstellend.

Eine äußerst rege Thätigkeit aber entwickelte unser Künstler erst von dem Momente an, wo er seinen Wohnsitz – er hatte sich inzwischen verheirathet – noch dem gewerkthätigen, alles Tüchtige fördernden Leipzig verlegte. Hier war es besonders die „Gartenlaube“, welche ihm durch Anregung zu illustrativen Arbeiten ein ihm bisher ganz fremdes Gebiet erschloß. Er trat nun mit Vorliebe als Illustrator auf. Die Holzzeichnungen zu „Berthold Auerbachs Kalender 1862“ wurden ihm übertragen und damit die lange Reihe seiner Illustrationswerke eröffnet, unter denen besonders seine vom Dufte echter Poesie durchwehten vortrefflichen Zeichnungen zu Marlitt’s „Goldelse“ hervorgehoben werden müssen. Leipzig konnte den Künstler auf die Dauer nicht fesseln. Mit seiner Uebersiedelung nach Weimar, im Sommer 1863, wohin ihn besonders Professor Pauwell zog, beginnt in Thumann’s Schaffen ein neuer Abschnitt. Er wandte sich jetzt vorwiegend der Malerei zu und zeichnete fast nur noch in seinen Mußestunden. Daß der Meister während der Jahre 1866 bis 1872 als Lehrer an der Weimarischen Kunstschule wirkte und dann wieder dauernd nach Dresden übersiedelte, wo er noch heute in der Vollkraft seines Schaffens lebt, ist allbekannt.

Die Zahl der Thumann’schen Bilder ist keine große. Seine Thätigkeit als Illustrator und mehrere längere Reisen ließen ihn in früheren Jahren nur selten die Muße zu Schöpfungen großen Styls finden. Eine kritische Würdigung der Thumann’schen Werke vom Standpunkte der Kunst aus, wenn auch nur in kurzen Zügen, wäre hier nicht an ihrem Platze. Zu seinen hervorragendsten Leistungen – soviel sei nur bemerkt – gehören ohne Frage seine Lutherbilder, nämlich das 1871 für die Verbindung für historische Kunst vollendete und den Lesern der „Gartenlaube“ bekannte herrliche Bild „Die Trauung Luther’s“ und die in den beiden nächsten Jahren entstandenen großartig gedachten und meisterhaft ausgeführten fünf Lutherbilder auf der Wartburg. Eines derselben führt die heutige Nummer dieses Blattes den Lesern vor.

Der Gegenstand dieses Bildes ist ein überaus anziehender und bedeutender. Der große Reformator hat zu Worms auf dem Reichstage die schwerste Schlacht seines Lebens siegreich geschlagen. Auf der Rückreise von dort wird er, wie bekannt, bei dem Schlosse Altenstein, unweit Liebenstein, mit seinem Bruder Jakob und Nicolaus von Amsdorf von fünf gewappneten Reitern überfallen und, nachdem sein Bruder sich durch schnelle Flucht gerettet, aus dem Wagen gerissen und über den Rönnsteig nach der Wartburg geführt. Es waren Johann von Berlepsch, der Schloßhauptmann zu Wartburg, und Burkhard Hund von Wangenheim mit drei Knappen, Anhänger der Reformation, welche im Auftrage des fürsorglichen Kurfürsten von Sachsen den gefährdeten Luther auf diese sichere Burg brachten. Da tritt er denn nun ein, der streitbare Ritter vom Geiste, ganz ein Mann der Kraft, der Geduld und der Frömmigkeit, in die altertümlichen Hallen der Wartburg. Noch lebt in leisem Anfluge die Anstrengung des Kampfes in seinen Zügen, des Kampfes, der, heilig und trotzig zugleich, mit den Worten endete. „Hier steh’ ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen!“ Aber die gute Sache hat triumphirt. Aus den Augen des Mönches von Wittenberg strahlt beendigend das stolze und doch so fromme Bewußtsein des Sieges. Der Maler hat diesen Moment trefflich erfaßt und mit Meisterschaft wiedergegeben, namentlich aber auch das Locale der alten Burg, wie es auch noch heute jedem Besucher derselben darstellt, äußerst glücklich getroffen. Ist es nicht, als ob wir die klirrenden Schritte der Männer in den hallenden Gewölben der alten Burg wiedertönen hörten, gleich dem Gewaltschritte der ehernen Zeit, der sie angehörten? Ist es nicht, als ob wir das Licht ihrer Fackeln von diesen weißen Wänden zurückstrahlen sähen, leuchtend und klärend, wie das Licht der Wahrheit, das der gewaltige Streiter da vor uns sich rüstet von diesen Räumen auszugießen durch seine deutsche Bibel? Fast gemahnt es uns, als müßte der Athem des lebenzeugenden Frühlings, der da draußen in den Thälern und Schluchten des stolzen Thüringerwaldes just sich zu regen beginnt, in dieser Maiennacht durch die Fenster der Burg hereinwehen, allen Staub und Schutt auskehrend, gleich dem Helden von Worms, der, ein unerschrockener Herold, mit eiserner Faust und einem Haupte voll weltbezwingender Gedanken seiner Zeit voranschritt.

Paul Thumann hat durch dieses charakteristische Lutherbild, welches in der Farbenpracht des Originals natürlich einen doppelten Reiz ausübt, seinem Kranze ein frisches Blatt beigefügt – und wahrlich nicht das schlechteste.

E. Z.
[223]
Um meiner Lieben willen!
Von Ernst Scherenberg.

Was einst in Schmerz und Kleinmuth ich erfleht,
Heut’ schien’s in düst’rem Traum sich zu erfüllen:
Von Todesschatten fühlt’ ich mich umweht;
Schon wollte Nacht mein brechend Aug’ umhüllen.
Da plötzlich schlug ein Schluchzen an mein Ohr –
Mein Weib, die Kinder sah ich mich umgeben.
„O Gott,“ ich rief’s und rang mich wild empor
„Um meiner Lieben willen laß mich leben!

Sie sind das unzerreißbar starke Band,
Mit dem du mich an diese Welt gekettet;
Weh’ mir, wenn mich zu frühe deine Hand
Dahin, wo keine Wiederkehr, gebettet!
Des Gatten und des Vaters jäh beraubt,
Wie würden schutzlos sie im Sturme beben! –
Zu dir, o Gott, heb’ ich mein flehend Haupt:
Um meiner Lieben willen laß mich leben!

Nicht feige Sorge für das eig’ne Ich
Hat je die stolze Lippe mir bezwungen.
War’ einsam dieses Herz, ich spräche: ‚Brich !
Du hast genug gelebt, genug gerungen.‘
Das aber macht’s, daß mir vor’m Sterben graut:
Nicht mir – den Meinen gilt mein ganzes Streben. –
Du Gott, der mir die Pfänder anvertraut,
Um meiner Lieben willen laß mich leben!

Wohl, wenn die Menschenblumen voll erblüht,
Die heute kaum die ersten Knospen tragen,
Wenn, von der Gluth, die ich geschürt, durchglüht,
Aus eigner Kraft sie neue Wurzeln schlagen:
Dann mag mein Geist, woher er einst entstammt,
Schmerzlos in’s unerforschte All verschweben –
Bis ich, o Gott, vollzog mein heft’ges Amt,
Um meiner Lieben willen laß mich leben!“


Blätter und Blüthen.

Angebliche Convertiten-Begräbnißscandale. In derselben Nummer ultramontaner Blätter (der Passauer „Donau-Zeitung“ und des „Fränkischen Volksblatt“ in Würzburg), welche die große, von Robert Keil in Nr. 8 der Gartenlaube als „jesuitisches Bubenstück“ gezüchtigte Neuigkeit in die Welt schleuderten, daß Friedrich Schiller katholisch gestorben und zur Strafe dafür ehrlos von Schneidergesellen nächtlicher Weile in eine Kalkgrube begraben worden sei, in derselben Nummer stehen noch zwei andere Behauptungen, deren Wahrheit auf ebenso festen Säulen steht, wie jene Schiller-Geschichte.

Um durch Thatsachen zu beweisen, daß „das ehrlose Begräbniß während der Nacht in Norddeutschland für Convertiten schon förmlich Brauch zu sein scheint“ – erzählen jene Blätter folgende zwei Geschichten aus Süddeutschland:

1) „Erst im Jahre 1864 starb König Wilhelm von Württemberg. In vielen Stücken war er ein vortrefflicher Regent gewesen, aber von seinen Vorurtheilen gegen die katholische Kirche konnte er sich sein Lebenlang nicht losmachen. Sein Bruder Paul trat zur katholischen Kirche über, was den König förmlich indignirte, und als der Prinz starb, wollte er die Leiche desselben nicht einmal in die Familiengruft beisetzen lassen. Prinz Paul Karl Friedrich August von Württemberg ist am 17. April 1852 gestorben.“

Auf Anfrage an geeigneter Stelle in Stuttgart über diese Behauptung erhielten wir folgende authentische Benachrichtigung:

„Auf die Frage, welche Ihr Schreiben vom zweiten dieses Monates mir stellte, bin ich nach Erhebung des actenmäßigen Thatbestandes in der Lage zu antworten:

Daß die Beisetzung der Leiche des Prinzen Paul von Württemberg am 29. August 1852 Vormittags acht Uhr genau mit dem bei allen königlichen Prinzen in Anwendung zu bringenden Ceremoniel vollzogen worden ist. Die Morgenstunde war der großen Hitze wegen gewählt worden. – Am Sarge standen die beiden Söhne des Verstorbenen. Daß sonst von der königlichen Familie Niemand anwesend war, erklärt sich aus der gewohnten allsommerlichen Verlegung der Residenz. Des Königs Fernebleiben konnte nicht auffallen, da derselbe – mit Ausnahme seiner Gemahlin Königin Katharina – keiner Beisetzung je angewohnt hatte, selbst der seiner von ihm sehr geliebten Schwester, der Königin von Westphalen, nicht. – Die zwischen dem Tode des Prinzen Paul und der Beisetzung in der Familiengruft zu Ludwigsburg verstrichene viermonatliche Zwischenzeit erklärt sich nicht aus irgend einem Widerstreben des Königs, wie jene ultramontanen Verdächtigungen glauben machen wollen, sondern einfach daraus, daß die Leiche des Prinzen der anfänglichen Bestimmung nach in Paris, beigesetzt werden, respective (in der Kirche Madeleine, wo die Funeralien stattgefunden hatten) beigesetzt bleiben sollte, und daß der Sohn Prinz Friedrich von Württemberg erst später dem Könige den Wunsch aussprach, die Ueberreste seines Vaters in die Ludwigsburger Familiengruft übertragen zu sehen. Dem ausgesprochenen Wunsche folgte sofort der Befehl des Königs zu den entsprechenden Anordnungen.

Die Leiche des Prinzen Paul befindet sich in der katholischen Abtheilung der Gruft bei den übrigen Fürsten des Hauses, welche dem gleichen Bekenntniß angehörten.“

Weit schärfer, als diese erste, tritt die andere Verdächtigung auf. Wir lesen nämlich als

2. Geschichte: „Gerade zehn Jahre später (das heißt nach dem Tode des Herzogs Paul von Württemberg), 1862, wurde in Coburg der Scandal mit der Leiche der Herzogin von Coburg-Kohary aufgeführt. Alle Welt erinnert sich noch daran. Die Fürstin war in früheren Jahren katholisch geworden; als sie 1862 starb, wurde sie in der aufgeklärten Stadt Coburg unter der glorreichen Regierung des sehr aufgeklärten Herzogs Ernst, weiland des ‚Schützenkönigs‘, in finsterer Nacht wie eine Selbstmörderin in das ‚Mausoleum‘ geschafft.“

Diese schauerliche Geschichte hat nun ihre ganz besonders heitere Seite. Das ungarische Magnatengeschlecht der Kohary war von je so strengkatholisch, daß 1816, wo der protestantische Prinz Ferdinand von Sachsen-Coburg sich mit der Erbtochter des letzten Fürsten vermählte, sofort die katholische Erziehung der Kinder festgesetzt wurde; ja, es ging auch noch das Gerücht und ist sogar in manche biographische und historische Schriften übergegangen, Prinz Ferdinand sei im Jahre 1818 bewogen worden, selbst zur katholischen Kirche überzutreten, um seinem Hause den Gesammtbesitz des Kohary’schen Familienreichthums zu erhalten.

Nun wäre doch wohl, gemäß jener „norddeutschen“ Bosheit gegen die Convertiten, eine Mißhandlung der Leiche des angeblich katholisch gewordenen Prinzen Ferdinand, der noch dazu ebenfalls 1852 starb, das Nächstliegende für das „aufgeklärte“ Coburg gewesen. Aber nein, sondern „alle Welt erinnert sich noch daran“, daß die Herzogin (Antonie) von Coburg-Kohary 1862 „wie eine Selbstmörderin in das Mausoleum geschafft worden ist“.– Und warum? Weil sie katholisch geworden sein soll. Das war freilich gar nicht möglich, weil sie ihr Lebenlang katholisch gewesen ist, – aber die Pfaffenblättchen brauchen zur Bestärkung des schiller’schen Katholicismus und ehrlosen Schneiderbegräbnisses einige höhere abschreckende Convertiten-Beispiele, und „was gemacht werden kann, wird gemacht“.

Um auch über diese Angelegenheit vollständige Klarheit zu erlangen, wandten wir uns sogleich an die höchsten Stellen. Die von dem Herzoglichen Geheimen Cabinet uns zugegangene Auskunft auf unsere Anfrage berichtigt zugleich die bisher fälschlich verbreitet gewesene Angabe über den Prinzen Ferdinand, indem sie sagt: „Prinz Ferdinand ist niemals katholisch geworden; der Uebertritt ist auch gar nicht nöthig gewesen, um die Kohary’schen Familiengüter zu erben; der Prinz hat endlich nie den Namen Kohary angenommen. Richtig ist nur, daß sofort die katholische Erziehung der Kinder festgesetzt wurde. Die Prinzessin, um deren Beisetzung es sich handelt, ist, wie Sie ganz richtig hervorheben, immer katholisch gewesen. Was aber Leichenbegängnis und Beisetzung der hohen Verblichenen (anstatt in der katholischen Kirche) im protestantischen Mausoleum, zur Seite ihres dort ruhenden Gemahls, anbetrifft, so ist dieselbe auf bestimmte Verfügung der Hochseligen Fürstin selbst erfolgt. Das läßt Ihnen Seine Hoheit ausdrücklich mittheilen und alle anderen Angaben für lügenhaft erklären.“ – Aus dem herzoglichen Ministerium erhielten wir die weitere Notiz: „Die Beisetzung der auf der Eisenbahn hierher gebrachten Leiche der Fürstin erfolgte allerdings zur Nachtzeit, indessen in solennester Weise unter Begleitung der Söhne der Verstorbenen, des Herzogs August und des Prinzen Leopold, mit Hofgefolge, sowie unter Mitwirkung der hiesigen katholischen Geistlichen und mit den bei Katholiken üblichen Feierlichkeiten.“ –

Das ist also der Coburger „Scandal“ und die Art, wie man „Selbstmörderinnen“ bestattet!

Seltsamerweise steht gerade das Fürstenhaus Coburg als das notwendig toleranteste da, weil seine Glieder in jeder der vier Hauptkirchen des christlichen Europa zu finden sind: die lutherischen in Coburg-Gotha, die römisch-katholischen in Belgien und Portugal; eine Prinzessin gehörte als Großfürstin von Rußland der griechischen und der Coburger Stamm in Großbritannien gehört der anglikanischen Kirche an. Die vielen gegenseitigen Besuche beweisen, daß alle diese Glieder des einen Hauses und so verschiedener Confessionen in Lieb’ und Frieden mit einander leben – und da vergessen plötzlich diese „aufgeklärten Coburger“ und ihr „sehr aufgeklärter Herzog, weiland der Schützenkönig“ ihre gute Erziehung so vollständig, daß sie an dieser katholischen Herzogin ihre Schandthat in finsterer Nacht vollbringen! Ja, ja, es ist ausdrücklich gesagt: in finsterer Nacht! Sie warteten damit, bis es gerade einmal recht finster war.

Wahrlich, es erfordert eine Stirn von besonderer Beschaffenheit, vor den Augen aller Zeitgenossen eine solche Fälschung von Thatsachen vorzunehmen, und zwar mit dem Trumpfe: „Alle Welt erinnert sich noch daran!“ und der wiederholten Betheuerung: „Alles, was wir geschrieben haben über das Begräbniß des Prinzen Paul von Württemberg, der Frau Herzogin von Coburg-Kohary und insbesondere über die Mißhandlung der Leiche Schiller’s – Alles halten wir aufrecht.“

Fr. Hfm.

[224] Ungedruckte Briefe von Ernst Moritz Arndt. Es liegt uns eine Reihe interessanter Briefe von Vater Arndt vor, welche derselbe in den Jahren 1805 bis 1850 an eine Freundin schrieb. Indem wir aus der für unsern großen Patrioten und edlen Dichter so bezeichnenden Correspondenz im Nachstehenden einige Proben mittheilen, können wir die Hoffnung nicht unterdrücken, diesen Arndt'schen Briefen demnächst im Buchhandel zu begegnen – einen Wunsch, dessen Erfüllung die deutsche Nation um einen werthvollen literarischen Besitz reicher machen würde.

Sehr bezeichnend für Arndt's Auffassung der ersten Zeit der Napoleonischen Herrschaft ist die folgende Stelle aus dem Briefe vom December 1805 aus Greifswald:

„Verstand und Männlichkeit sind unter den Menschen wunderbar im Abnehmen, sowie Albernheit und Eitelkeit im Zunehmen sind, und selten begegnet einem ein Menschengesicht, das Ernst und Liebe, oder nur besonnene Tüchtigkeit in sich trüge, denn auch damit kann man oft schon ausreichen, wenn man die ersten beiden mit sich wohnen hat. – – In einer verdorbenen und überklugen Zeit, wie die, worin wir leben und welcher wir entgegen leben, ist selbst in den Reinsten und Unschuldigsten Klarheit und Wissen, und Festigkeit in der geistigen Bildung des Zeitalters wünschenswerth, aber das Schönste bleibt ewig Einfalt und Menschenvertrauen auch ohne alles Wissen. – – Ich habe die Welt so ziemlich gesehen und ihre Freuden und ihr Leid vielfach gefühlt; die Natur und Zeit bat mir eine feste Brust gegeben, doch möchte ich oft weinen bei der Armuth unserer verkümmerten und verworrenen Zeitgenossen.“

Sehr charakteristisch ist ferner, was Arndt unterm 15. Juli, ebenfalls aus Greifswald, schreibt:

„Ein anderes Gesetz herrscht für den Mann, ein anderes für das Weib: Sie ist das Bild des ruhenden Gottes, der ruhenden Welt, er das Bild der bewegten Welt, ja der zerstückelten, und ein Spiel ihres Weberschlages, bis er oft selbst in Stücke fällt. Was soll er reden, wenn alles zerstückelt, zerrissen, vereinzelt ist, wie jetzt? Hinein soll er; er darf nicht immer in einer fremden und schöneren Welt schwelgen; er soll Mühe, Arbeit, Gefahr suchen, wenn sie ihn nicht sucht. Und was ist sein Gefühl, wenn er immer leerer zurückkommt aus dem Getümmel, als er ausging? Wenn nichts Volkliches, Menschliches, Allgemeines um ihn werden will, wohin soll er mit den vielen kleinen Arbeiten, Sorgen und Verdrüssen. die häufiger kommen, je mehr das fehlt, was Alle tragen und binden könnte? Ich glaube, ich bin von vielen Thoren nicht der verständigste, doch sehe ich täglich, wie die meisten Zeitgenossen sich in einem wunderlichen Wahn treiben, auch die Allerbesten, und wie das Uebel eigentlich nirgends recht bei der Wurzel angefaßt, nach Wahrheit und Tugend bis auf den tiefsten Grund des Unterganges untergetaucht wird, damit das Gefundene sich mit dem Leben verbinden könne.“

Vor Allem interessant erscheint uns aber eine Charakteristik Berlins und des Königs Friedrich Wilhelm des Vierten. Vater Arndt läßt sich im Jahre 1844 in einem Briefe aus Bonn folgendermaßen vernehmen:

„Wie viel leerer Spectakel und Hühnergekakel in Berlin auch sei, und zwar solcher Hühner, die immer über Eiern, die sie doch nicht herauskriegen können, kakeln und spectakeln, wir müssen gegen unsern Norden und gegen unser nördliches, sandiges Berlin doch billig sein. Viel Sand, viel Juden, viel Franzosen – das Alles haben sie gehabt und haben sie zum Theil noch, und das hat sie wohl in vielem dümmer und spitziger gemacht. Geist genug, Witz eben nicht viel, obgleich eine unendliche widerlichste Witzjagd, und nun kommt der König auch dazu, auch in Berlin geboren und erzogen, der dies Uebel ganz unschuldig und unbewußt, was er thut, noch mehren und fördern würde, wenn die Zeit seinen Berlinern und ihm selbst nicht zu mächtig wäre. Ich muß bei dieser Gelegenheit ein Wort über unsern Herrn sprechen: Er wird viel verkannt, weil er die Zeit nicht erkennt, weil er sie auch oft wohl verkennt. Viele meinen, er spiele bewußt, dem widerspreche ich aus innerer, reiner Ueberzeugung. Er spielt nicht mit Bewußtsein des Spiels; er spielt nicht des Spiels wegen, sondern er spielt als ein leichter, liebenswürdiger Spieler; seine spielende Natur geht häufig nur zu sehr mit ihm durch. Geist, Witz, Beredsamkeit viel, auch etwas Phantasie, die aber oft phantastisch ausschlägt. Wäre das mehr mit klarem männlichem Verstande versetzt, wodurch Haus und Vieh allein wohl regiert werden können, so wäre dieser sicher ein gewaltiger König. Aber leider sind ihm die Augen oft mit allerlei Blendwerk der Vergangenheit verdunkelt, und er läßt sich zu manchem buntem Spielwerke verführen, was der jetzt lebenden Welt kaum noch Spielwerk däucht. Der gute König, da es ihm an heiterer Ausdauer und Geduld des Verständnisses der Zeitnothwendigkeit fehlt, kurz, da er sich nicht grämen mag, so wird er sich noch viel ärgern müssen. Wir nun sollen uns über ihn freilich nicht ärgern, aber grämen müssen wir uns schon für ihn und für uns. Der König hat sich gegen meine Wenigkeit äußerlich zwar sehr gnädig bezeigt; wofür er mich eigentlich hält, kann ich nicht wissen, aber die Welt und Zeit und ihre Noth und ihr Streben steht allerdings durchaus anders vor meinen Augen, als vor den Augen meines Königs. Wir können viel Wunderliches – wende Gott das Heillose! – erleben, wenn er gegen Millionen Stimmen, auch der mäßigsten und gehorsamsten Unterthanen, den Tauben und Ablehnenden zu spielen fortfährt. Das geht Alles scheinbar so fort, bis einmal wieder eine recht große Noth wie ein Blitz vom Himmel darein schlägt. Die Könige wollen nicht begreifen, daß seit einem halben Jahrhunderte Alles ganz anders geworden ist, als Anno 1770 und 1780.




Hoffmann von Fallersleben als Irrlicht. In der Mitte der vierziger Jahre genoß Hoffmann von Fallersleben, damals wegen seiner „Unpolitischen Lieder“ als Breslauer Professor abgesetzt und aus mehreren deutschen Bundes-Vaterländern verwiesen, die Gastfreundschaft eines Mecklenburger Gutsbesitzers in Holdorf. Schon Monate hatte er ein beneidenswerthes Leben der Freiheit und des Genusses geführt, als ihm Etwas passirte, das die Erinnerung an diese „schönen Tage von Aranjuez“ ihm besonders tief einprägte. Unseres „unpolitischen“ Dichters liebstes Vergnügen war, in dunklen Nächten im Garten, Parke und Hof zu lustwandeln, wobei ihm natürlich die getreue Cigarre niemals ausging. Für die Tagelöhner und Dienstleute des Gutes gehörte eine solche Passion geradezu zu den unbegreiflichen Dingen, und es ist ihnen nicht zu verargen, wenn sie jedesmal, sobald sie den fremden wunderlichen Herrn seine Nachtwandelung antreten sahen, ihre bedenkliche Frage wiederholten: „Worüm de Kirl woll ümmer in de Nacht rüm spöken deiht?“

Eines Nachts nun, wo Hoffmann vor einem drohenden Gewitter früher als gewöhnlich dem Hause zuschritt, hörte er auf dem Hofe die Worte sagen: „Töff! den Flimmstirn, den griep ick mi!“ vernahm das Geräusch des Herannahens und spürte plötzlich eine so gediegene Ohrfeige, daß ihm Hören und Sehen verging. Schreien war das Erste, was er that, und es geschah erfolgreich genug, um in kurzer Zeit den Herrn sammt allem Hausgesinde um den dichterischen Gast zu versammeln. Mit aller Entrüstung erzählte der schwer Beleidigte das schreckliche Attentat auf sein würdiges Haupt. Der Gutsherr brauste nicht weniger auf und fuhr mit der Frage nach dem Verbrecher unter seine Leute, aber Alles vergebens; alle Anwesenden waren die reine Unschuld, und es blieb der ehrenwerthen Versammlung schließlich nichts übrig, als sich aufzulösen, und zwar, nach dem klugen und ehrlichen Vorgange des Dichters, mit herzlichem Lachen.

Erst am andern Morgen kam die Erklärung des geheimnißvollen Ereignisses und zwar in Gestalt eines Zimmergesellen, der erst Tags vorher in Arbeit auf dem Gute getreten war. Wie glücklich ihm auch die Flucht nach seiner kühnen That gelungen war, so peinigte ihn sein Gewissen doch so, daß er Alles, selbst eine strenge Strafe riskiren wollte, um sein Herzklopfen los zu werden. Und so gestand er dem mit Gutmüthigkeit nach seinem Begehr fragenden Dichter, daß er es gewesen sei, der dem Herrn Professor unversehens den gräulichen Schlag versetzt habe.

„Unversehens?“ rief Hoffmann. „Und warum denn?“

Nun folgte eine Erklärung, welche dem geschlagenen Manne einen förmlichen Lachsturm entlockte. Es herrscht nämlich in Mecklenburg und gewiß auch anderwärts der Aberglaube, daß Derjenige, welcher ein Irrlicht einfange, im Leben immerdar Glück habe. Die Irrlichter heißen dort auch Glimm- oder Flimmsterne. In der leuchtenden und im Munde Hoffmann's auf und ab und hin und her sich bewegenden Cigarre, hinter welcher in der finstern Nacht der Träger derselben nur wie ein Schatten erschien, glaubte der nach Glück lüsterne Zimmermann einen solchen Flimmstern zu erkennen, und so ging er denn auf den Fang aus.

„Aber warum schlugst Du denn so mörderlich zu?“ fragte Hoffmann.

„Ick müßt' den Flimmstirn doch irst dahl slahn, dat ick em griepen kunn.“

„Also so war's gemeint? 'Dahl slahn' – zu Boden schlagen – ?“ meinte der Dichter. „Ich danke. Ich bin mit dem Geleisteten zufrieden.“ Damit versöhnte er sich mit dem Manne und entließ ihn mit beruhigtem Gewissen. Aber dem Gutsherrn versicherte er am Schlusse seiner Mittheilung: „Einmal Irrlicht gewesen und nicht wieder!“




Ein öffentlicher Schreiber in Tunis. (Mit Abbildung, S. 213.) Das niedliche Bild fordert zu einem pikanten Text heraus. Aber wir wollen schweigen, wie der Mund des allen Mustapha, der die Geheimnisse der schönen Welt des Orients für wenige Denare zu Papier bringt. Es ist ein schalkhafter Mund, der da dictirt. Glücklicher Mustapha! Was in jungen Tagen Dein Herz höher schlagen machte, der Liebe Lust und Leid, in grauen Haaren siehst du es täglich sich um dich verjüngen – das junge Tunis trägt es täglich in deine Hütte.




Lutherbilder. In Ergänzung unseres heutigen Artikels „Ein Sonntagskind“ möchten wir noch auf das vortreffliche Werk „Lutherbilder auf der Wartburg. Nach den zwölf Originalgemälden von Ferd. Pauwell und Paul Thumann, photographirt von Franz Hanfstängl. Mit Text von Dr. C. Hase“ hinweisen.


Kleiner Briefkasten.

Herrn Rohrmoser in Guatemala. Ihre Tertia ist eingegangen, und haben wir Valuta dem Denkmale auf dem Niederwalde zugewandt.


Nicht zu übersehen!

Mit dieser Nummer schließt das erste Quartal. Wir ersuchen die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das zweite Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.


Die Postabonnenten machen wir noch besonders auf eine Verordnung des kaiserlichen General-Postamts aufmerksam, laut welcher der Preis bei Bestellungen, welche nach Beginn des Vierteljahrs aufgegeben werden, sich pro Quartal um 10 Pfennige erhöht (das Exemplar kostet also in diesem Falle 1 Mark 70 Pfennige anstatt 1 Mark 60 Pfennige). Auch wird bei derartigen verspäteten Bestellungen die Nachlieferung der bereits erschienenen Nummern eine unsichere.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: bereis