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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1875
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[157]

No. 10.   1875.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennige. – In Heften à 50 Pfennige.



Das Kind.

Ich kann den Blick nicht von Dir wenden,
Du, mein geliebtes, süßes Kind,
Wie Du, mit still gefalt’nen Händen,
Im Bettchen schlummerst leis und lind.
Der heil’ge Zauber Deiner Züge
Hat mich in seinen Bann gethan;
Aus jedem Deiner Athemzüge
Weht es wie Gottes Hauch mich an.

Die ew’ge Seele, deren Weben
Den Stoff belebt, den Geist beschwingt,
Die mit allgegenwärt’gem Leben
Staubkorn wie Sonnenball durchdringt,
Die sich verhaucht in Blumendüfte,
Und die den Aar in stolzem Flug
Im Sturme trägt durch alle Lüfte,
Lebt auch in Deinem Athemzug.

Ein Ich, ein Glied im Ring der Wesen,
Deß End’ und Anfang Niemand mißt,
Bist Du und bist doch nicht gewesen,
Du warst noch eben nicht und bist.
Ich stand vereinsamt und verlassen,
Und plötzlich lacht mich hold und mild
– Wer kann das süße Räthsel fassen? –
In Dir mich an mein eigen Bild.

Geheimnißvolles Geistertauschen!
Nun bist Du ich und ich bin Du;
Dem eignen Laut glaub’ ich zu lauschen,
Hör’ Deiner Stimme Klang ich zu.
O Glück, drum mich die Engel neiden!
Was frag’ ich länger, wie’s geschah?
Ich will mich fromm und still bescheiden,
Dein Lächeln sagt ja: „ich bin da!“

Ja, wie die Rose sich erschlossen
Nach träum’risch sel’ger Frühlingsnacht,
So bist auch Du zum Licht ersprossen,
Bei’m Kuß der Liebe Du erwacht.
Gleichwie aus stillem Heiligthume,
Aus Deiner Mutter keuschem Schooß,
Rangst Du, o schöne Menschenblume,
Zum holden Sonnenlicht Dich los.

O, zaub’risch wundervolle Spende,
Die Gott in Dir mir hat gethan!
Ich falte dankend meine Hände
Und forsche nicht und schau’ Dich an.
Denn ob ich jedes Räthsel löste,
Hier steh’ ich offnen Auges blind;
Von allen Wundern bleibt das größte,
Das schönste, heiligste das Kind.

Herman Semmig.




Die Kaiserin von Spinetta.
Eine italienische Dorfgeschichte. Von Paul Heyse.

In der Ebene von Alessandria, eine Stunde von dem Dorf Marengo entfernt, liegt ein anderes Dorf, Spinetta genannt, das der Glanz seines weltberühmten Nachbarn vollständig verdunkelt hat. Kaum einmal in genaueren Kriegsgeschichten wird sein Name erwähnt, und die Fremden, die auf dem Schlachtfelde Marengo’s jeden Steinhaufen mustern, würdigen im Vorbeifahren das bescheidene Spinetta keines Blickes. So ist es auch nur den Wenigsten bekannt, daß dieser unscheinbare Ort einmal einen Tag erlebt hat, wo ein Kaiser und eine Kaiserin mit feierlichem Pomp hier gekrönt wurden, und wie es hernach mit der Herrlichkeit dieser Majestäten ein seltsames Ende nahm. Nur ein fliegendes Blatt, dergleichen auf ländlichen Messen und Jahrmärkten für eine kleine Kupfermünze zu Tausenden verkauft werden, hat die nachdenkliche Geschichte dieser Kaiserkrönung aufbewahrt, und die dichtende Phantasie der piemontesischen und lombardischen Landleute umrankt den historischen Kern mit allerlei wunderlicher Zuthat, so daß es heutzutage schwer ist, Geschehenes und Gedichtetes vollkommen zweifellos zu scheiden. Im Wesentlichen aber hat das Ereigniß sich so zugetragen, wie es in den folgenden Blättern berichtet werden soll.

Zu Anfang der zwanziger Jahre, als Karl Felix, nach der Niederschlagung aller Umsturzversuche der Carbonari, unangefochten auf dem Throne von Piemont sich behauptete, lebte in einer der ärmsten Hütten am Rande des Dorfes Spinetta ein schönes Schwesternpaar, das wegen seiner Bravheit und Frömmigkeit allgemein geachtet wurde. Sie hatten beide Eltern schon früh verloren, als die Jüngere, Margheritina, kaum drei Jahre alt war. Damals starb die Mutter aus Kummer über das traurige Ende ihres Mannes, der Napoleon’s Zug nach Moskau als Sergeant mitgemacht und im Eise der Beresina den Heimweg verloren hatte. Die genaue Bestätigung, daß er wirklich todt und nicht etwa gefangen oder irgend wohin verschlagen sei, kam erst einige Jahre nach jenem furchtbaren Völkertrauerspiel, und mit dem Fünkchen Hoffnung, das die gute Frau immer noch genährt hatte, erlosch auch ihre schwache Lebensflamme. Das ältere Mädchen, Pia genannt, war erst fünfzehn Jahre, als sie mit ihrem Schwesterchen zur Waise wurde. Sie wollte aber nichts davon wissen, das Kind fremden Leuten zu übergeben, um selbst in einem ländlichen Dienst sich ihren Unterhalt zu erwerben; sondern sie blieb in dem Häuschen, das noch ihr Vater gebaut hatte, ernährte sich und das Kind mit dem Ertrage ihrer Spindel und der Ernte eines kleinen Maisfeldes, das sie selbst bestellte, und hielt dabei sich und die Kleine so anständig in Kleidern und in so tadelloser Zucht und Ehrbarkeit, daß man ihr großes Lob zollte und die Mütter ihren Töchtern diese beiden Waisenkinder als Muster guter Aufführung hinzustellen pflegten.

[158] Es war freilich ein sauer verdienter Ruhm; denn bei ihrer Armuth mußte sie vom Morgen bis in die Nacht die Hände regen, um sich nur durchzubringen, und durfte nicht einmal an Feiertagen den Spinnrocken in die Ecke stellen. Und sie konnte es so viel bequemer haben, wenn sie nur gewollt hätte. Nicht nur daß man ihr von vielen Seiten Hülfe und freundliche Gaben anbot und auch die Kleine ihr gern abgenommen hätte, da es ein so liebliches und kluges Kind war; auch für sie selbst fand sich mehr als Eine sehr annehmbare Versorgung, denn sie galt für das schönste Mädchen im Dorfe, und überdies wäre Jeder, auch der Reichste, mit einer solchen Hausfrau wohlberathen gewesen. Sie aber schüttelte zu allem guten Willen rings um sie her den Kopf, verbat sich jegliches Geschenk und ließ von den jungen Leuten, die ihr den Hof machten, einen nach dem andern mit langem Gesicht und schwerem Herzen abziehen.

Dieses spröde Betragen wurde ihr natürlich von Alten und Jungen schwer verdacht, und sogar der Pfarrer des Dorfes fand sich endlich bemüßigt, sein wunderliches Beichtkind über den räthselhaften Stolz, mit dem sie sich ganz auf sich selbst zurückzog, zur Rede zu stellen. Was sie ihm zur Aufklärung sagte, war nichts irgend Sündhaftes, weßhalb sie es auch nicht unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses ihrem Seelsorger anvertraute. Und so wußte denn bald das ganze Dorf, aus was für Augen die Pia ihre Zukunft betrachtete.

Sie war nämlich gerade an jenem 14. Juni des Jahres 1800 zur Welt gekommen, als die Schlacht von Marengo in so naher Nachbarschaft von Spinetta geschlagen wurde. In ihrer bangen Stunde hatte die Mutter die Kanonen der Franzosen herüberdonnern hören und in doppelten Aengsten geschwebt, da ihr Mann unter Desaix' Truppen an diesem Tage mitfocht. War das Kind also unleugbar unter dem Gestirn des Mars geboren worden und hatte einen Helden zum Vater, den der erste Consul auf dem Schlachtfelde selbst belobte und zum Sergeanten beförderte, so wurde das Selbstgefühl der Familie noch erhöht, als fünf Jahre später der Gewaltige, vor dem alle Reiche der Welt zitterten, wieder in die Nähe ihres namenlosen Dorfes kam, jetzt als Kaiser der Franzosen und im Begriff sich in Mailand auch die Krone von Italien aufs Haupt zu setzen. Auf dem Schlachtfelde von Marengo hielt der Kaiser eine große Heerschau ab. Da hatte das Weib des Sergeanten der Versuchung nicht widerstehen können, war mit ihrem Kinde aufgebrochen und nebst der ganzen Bevölkerung des Dorfes dem herrlichen Schauspiel nachgewandert. Das fünfjährige muntere Dirnchen begriff freilich noch nicht recht, was dies Alles zu bedeuten habe. Als aber die Musterung der Truppen beendet war und der Kaiser mit seinem glänzenden Gefolge langsam die Straße nach Alessandria zurückritt, stand die Mutter in der vordersten Reihe des unabsehbaren Spalieres, das die Bauern der Umgegend gebildet hatten, und hatte die kleine Pia, die sonst schon rüstig auf ihren eigenen Füßchen stand, auf den Arm genommen, damit das Kind den Kaiser sich recht genau betrachten könne. Wie es nun hieß: „Da kommt er! Das ist er! Der da vorn auf dem Schimmel Evviva l'Imperatore!“ – streckte das kleine Mägdlein, als der Blitz des dunklen Kaiserauges sein roth und weißes Gesichtchen streifte, wie in plötzlicher Verzückung die beiden nackten Arme gegen den wunderbaren Helden aus und rief mit so heller Stimme sein Evviva! – daß der kindische Jubel durch alle anderen Stimmen hindurch an das Ohr des Herrschers drang und er einen Augenblick die Zügel anzog. Im nächsten hatte er das schlanke Mägdlein zu sich auf den Sattel gehoben, sah ihm ein Paar Secunden lang mit festem Blick in die großen schwarzen Augen, die nicht mit einer Wimper zuckend diesen dämonischen Blick aushielten, küßte die kleine, von krausen Härchen umflogene Stirn und reichte dann das Kind der Mutter wieder zurück, die sprachlos vor Entzücken über diese unerhörte Gunst wie eine Bildsäule am Wege stand und über dem davonsprengenden Triumphator sogar den eigenen Mann nicht gewahrte, als dieser bald nachher ermattet und bestäubt mit seinem Regimente an Frau und Kind vorbeimarschirte.

Niemand wird es verwundern, daß dieses Ereigniß auf alle Augenzeugen, zumal auf die nächsten Bekannten aus dem Dorfe, einen ungewöhnlichen und lange nachwirkenden Eindruck machte. „Das ist die Pia, die der Kaiser geküßt hat,“ hieß es noch Jahre lang, wenn etwa einem Fremden in Spinetta das schöne, schlanke Mädchen auffiel, welches auch seinerseits in einer gewissen aparten Haltung, sowohl in seinen Kleidern, als im Betragen, an den Tag zu legen schien, daß es sich gleichsam geadelt fühlte durch jenes märchenhafte Erlebniß aus der Kinderzeit. Trotz ihrer dürftigen Lage ging Pia stets in Schuhen und Strümpfen duldete nie einen Flecken an ihrem Röckchen oder an dem groben Linnenzeug, das sie selbst gesponnen und gewebt hatte, und ihre langen, schweren Zöpfe trug sie in einer breiten Flechte vorn über der Stirn, die fast einem schwarzen Diadem gleichsah. Ihre Gespielinnen liebten sie nicht sonderlich, nannten sie „die Prinzessin“ oder gar „die Kaiserin“, was sie sich wie etwas ganz Natürliches gefallen ließ, und suchten sie bei den jungen Burschen in den Verdacht einer Närrin zu bringen.

Diese Nachrede aber verfing bei dem männlichen Theile der Jugend nicht im Geringsten, zumal sie in der That dem sonderbar schönen Geschöpf Unrecht that. Pia verachtete keinen Menschen darum, weil sie auf sich selbst etwas hielt, und wenn jener Kuß des Kaisers hinter ihrer jungen Stirn Unfug angestiftet hatte, so war es doch nichts Schlimmeres, als ein träumerisches Sinnen und Brüten, das sie manchmal überfiel, wo sie dann geheime Stimmen zu vernehmen glaubte, die ihr von einer herrlichen Zukunft in Glanz und Ehren vorerzählten, so daß sie genau denselben wonnigen Schauder von Kopf bis Fuß sich wieder überrieseln fühlte, wie in jenem Augenblicke, als der Sieger von Marengo sie zu sich aufs Pferd hob. Sie war verständig genug, diesen Einflüsterungen ihrer Träume nicht zu glauben, sobald sie sich mit wachen Augen wieder umsah in ihrem armen Mutterhause, und als sie vollends für das Schwesterchen ganz allein zu sorgen hatte, kamen diese Phantasieen seltener und seltener; doch war es immerhin um ihretwillen, daß sie sich weigerte, in irgend einen Dienst zu treten, und wenn sie auf ihren Anzug bei aller niederen Arbeit besondere Sorgfalt verwendete, spielte der Gedanke heimlich mit, daß wohl gar eines schönen Tages wieder ein Fürst vorbeisprengen und den Blick auf sie richten möchte, wo sie sich dann hätte schämen müssen, wenn sie unsauber und unordentlich einhergegangen wäre.

Ihre Abneigung indessen, einen ihrer vielen Bewerber zu erhören, rührte nicht etwa davon her, daß sie sich nur für einen hohen Herrn gut genug dünkte, sondern, wie sie auch dem Pfarrer mit Erröthen eingestand, gerade im Gegentheil von ihrer festen und treuen Neigung zu dem allerärmsten Burschen des ganzen Dorfs. Es war dies ein gewisser Maino, ein Bauernbursche, der gleich ihr selbst schon früh seine Eltern verloren hatte und sich erst als Tagelöhner, dann als Maurergeselle ehrlich, aber kümmerlich durchschlagen mußte. Das hatte ihm weder den Muth, noch selbst den Uebermuth gelähmt, und es gab weit und breit keinen munterern, keckeren und zu lustigen Streichen aufgelegteren Gesellen als ihn. Auch war er ein bildhübscher Bursch mit dichtem Kraushaar und feurigen schwarzen Augen, breiter Brust und Schenkeln wie ein Hirsch; dazu hatte er eine schöne helle Stimme und wußte tausend Rispetti und Ritornelle, die er auf der Guitarre begleiten konnte. Sein einziger Fehler, außer der großen Armuth, war ein allzu heißes Blut, das ihn häufig in Raufhändel verwickelte, wo dann die Messer lockerer, als gut war, in der Scheide saßen. Es war aber immer noch ohne den schlimmsten Ausgang abgelaufen, und je älter Maino wurde, desto mehr hielt, nicht etwa die Vernunft, sondern ein übermächtiger Stolz seine Leidenschaften im Zaume, so daß er gemeinen Zänkereien auswich und seinen Zorn für größere Anlässe sparte.

Auch die Liebe hatte ihren Antheil an dieser Bändigung des Wildlings. Die Pia war noch ein halbwüchsiges Jüngferchen, als Maino ihr schon erklärt hatte, daß sie keinem Andern gehören dürfe, als ihm, und trotz aller kaiserlichen Träume hatte das Kind Nichts dagegen einzuwenden gehabt. Die Armuth ihres jungen Verlobten schreckte sie nicht von ihm zurück. Sie erfuhr es ja an sich selbst, daß wahrer Adel und fürstliche Gesinnung auch in geringen Kleidern sich bewähren konnten. Nur wie die Mutter gestorben war, bestand sie darauf, daß er sich von ihr fern halten und gegen Niemand von ihrem heimlichen Einverständnisse reden sollte, bis er es so weit gebracht, einen eigenen Herd gründen zu können, an dem auch für Margheritina ein Plätzchen frei sein müsse. Sie wolle gern [159] auf ihn warten, aber er müsse es weiter bringen, als bis zum Gesellen, da sie nur einem freien und selbständigen Meister ihre Hand reichen werde. Sie mochte wohl wissen, daß es nöthig war, ihn zu stetigem Fleiße anzuspornen, da er sie am liebsten vom Fleck weg, wie sie Beide gingen und standen, geheirathet und dann ein sorgloses Leben von der Hand in den Mund begonnen hätte.

Seitdem sie nun, um den Verdacht des Hochmuths von sich abzuwälzen, dem Herrn Pfarrer vertraut hatte, wie sie mit Maino stand, und diese ungeahnte Aufklärung überall großes Aufsehen machte, glaubte auch der Jüngling nicht länger sich zurückhalten zu müssen, sondern fand sich an allen Feiertagen und oft auch im Vorbeigehen am Werkeltage bei seiner Geliebten ein, die ihn aber nie über die Schwelle ihres Hauses ließ. Man konnte sie dort an schönen Abenden, oft bis tief in die Nacht hinein, auf einem Bänkchen sitzen sehen, das Kind Margheritina zu ihren Füßen spielend, bis es endlich einschlief, die Arme um den Hals des Hündchens Brusco gelegt. Dann erst durfte Maino sich einige unschuldige Liebkosungen gegen seine schöne und züchtige Braut erlauben. Bei allem Ungestüme seines zärtlichen Blutes hielt ihn doch auch die Verehrung, die er für sie wie für ein höheres Wesen hegte, in gewissen Grenzen. „O Pia,“ sagte er mehr als einmal, „ich weiß es, daß ich zu schlecht für dich bin, und wenn ich mir einbilden könnte, daß irgend ein sterblicher Mensch dich besser und treuer zu lieben vermöchte, als der arme Maurerbursche – beim Blute Christi, ich hinge mich an den ersten besten Baum und ließe dich glücklich werden, wie du es verdienst. Aber habe nur Geduld! Es geschehen noch alle Tage große Dinge in der Welt, wahrhaftige Mirakel, und ebenso gut, wie der namenlose Corse ein großer Kaiser und der Herr der ganzen Welt hat werden können – seine Herrlichkeit ist freilich zu einem schnöden Ende gekommen, weil er sich selbst mehr geliebt hat, als die Völker – ebenso gut kann der arme Bauernkerl Maino noch einmal ein großer Herr werden und dich wie eine Fürstin in seinem Hause halten.“

Sie lächelte ungläubig zu solchen Worten und suchte ihrem Liebsten dergleichen Hirngespinnste auszureden, damit er nur um so eifriger darauf bedacht wäre, ohne Hoffnung auf Wunder dem Ziel ihrer Wünsche nachzustreben. Aber Etwas, das einem Wunder nicht allzu unähnlich sah, ereignete sich in der That und rückte dieses Ziel, das noch um Jahre entfernt schien, plötzlich in die allernächste Gegenwart.

Eines schönen Tages, lange vor Feierabend, erschien Maino im Dorfe mit strahlendem Gesicht. Er hatte gegen den Willen seiner Braut es nicht versäumen wollen, dem Glück ein Pförtchen offen zu lassen, und scharf in der Lotterie gespielt. Nun war das seit Menschengedenken Unerhörte geschehen und die vier Nummern, die er gesetzt, sämmtlich herausgekommen. Diese benedeite Quaterne hatte ihm einen ganz ansehnlichen Haufen Lire ins Haus gebracht, mit dem er wohl wagen durfte, sich als Meister zu setzen, ein Geschäft und einen eigenen Hausstand anzufangen und ein Mädchen, welches der Kaiser auf die Stirn geküßt, heimzuführen.

Auch willigte seine Braut ohne Widerstreben ein, die Seinige zu werden. Nicht sowohl das Geld war es, was sie zu der raschen Hochzeit geneigt machte, als vielmehr der Umstand, daß ihnen dasselbe von der Glücksgöttin selbst ins Haus beschert worden. Sie betrachtete Maino seitdem mit anderen Augen, als einen Liebling höherer Mächte, und wenn sie auch zu verständig war, um zu glauben, daß ihm eine so glänzende Bahn bestimmt sei, wie dem corsischen Unterlieutenant, so sah sie ihn doch im Geiste mit allerlei Ehren und Würden geschmückt, als den ersten Mann im Dorfe, oder wer weiß gar noch als Podestà einer der Nachbarstädte, wenn das Glück ihm treu bliebe.

Ueberdies war sie nun zweiundzwanzig Jahre, hatte den verwegenen guten Jungen von Herzen lieb und sehnte sich danach, sein Weib zu werden.

Es sollte hoch hergehen bei ihrer Hochzeit, davon ließ sich der glückliche Bräutigam nicht abbringen. Was irgend mit dem Schwesternpaare nah oder fern versippt war, und das war das halbe Dorf, wurde in die Schenke geladen, Musiker von Alessandria her verschrieben und für ein hinlänglich ausgiebiges Faß des besten Nostrale gesorgt. Daß Maino seine Braut und das Kind Margheritina von Kopf bis Fuß aufs Schönste in neue Kleider steckte, braucht kaum gesagt zu werden. Auch das Hündchen Brusco erhielt ein hochzeitliches Halsband von rothem Sammet mit einer kleinen silbernen Schelle, und seit der Quaterne kam sein Freund Maino nie zu seiner Verlobten, ohne dieser einen Blumenstrauß und dem Hunde ein Würstchen mitzubringen.

Als nun in der zweiten Woche nach dem Glücksfalle der Hochzeitstag angebrochen war, erschien der Bräutigam zu Pferde mit vier oder fünf seiner guten Freunde, die gleichfalls trefflich beritten waren, da das Dorf San Giuliano Vecchio, wo sie sämmtlich in Arbeit standen, eine ziemliche Strecke von Spinetta entfernt an der Straße nach Tortona liegt, und Hochzeiter doch nicht in bestaubten Schuhen und Kleidern auftreten dürfen. Die Braut empfing ihn von ihren Brautführerinnen umgeben, die Schönste und Königlichste von Allen, mit einem so liebestrahlenden Lächeln, daß dem guten Jünglinge der Himmel sich aufzuthun schien, und er große Mühe hatte, an sich zu halten, um nicht die verrücktesten Freudensprünge zu machen. Er schwang sich wie eine Feder vom Rosse, reichte seiner Liebsten die Hand und trat ungesäumt, mit möglichster Würde, wie die uralten Dorfsitten es erheischten, den Kirchgang mit ihr an.

Nun hatte es seit unvordenklichen Zeiten zu einer richtigen Hochzeit in Spinetta gehört, daß auf dem Wege zur Kirche, und nach der Trauung wiederum bis zum Wirthshause hin, von den Freunden des Bräutigams kleine Böller gelös't, Flinten und Pistolen und was irgend knallen wollte blind in die Luft hinaus abgefeuert wurden. Seitdem aber Karl Felix sein unumschränktes Regiment ausübte, durfte, da die Furcht vor heimlichen Anschlägen der Carbonari noch nicht ganz beseitigt war, kein Bauer eine Schießwaffe sehen, geschweige denn hören lassen. Die königlichen Gensdarmen, die überall auch auf den Dörfern vertheilt waren, hatten strenge darauf zu sehen, daß dem Waffenverbot nirgend zuwidergehandelt wurde, und selbst das Freudenschießen bei Hochzeiten war seit Anno Einundzwanzig verstummt.

Bisher hatte die muntere Dorfjugend, der bei jedem Feste der Lärm die Hauptsache ist, sich knirschend in den Verzicht gefügt. Maino aber war nicht gesonnen, seinen Hochzeitstag ohne diese kriegerische Musik zu feiern. Er glaubte es schon seiner Braut schuldig zu sein, deren Vater als tapferer Soldat gefallen war, und wenn auch nicht so viel Pulver draufgehen konnte, wie bei der Krönung des großen Soldatenkaisers, oder bei seiner Heirath mit der österreichischen Kaiserstochter – ganz wie jeder andere Bauernbursche durfte doch Dessen Ehrentag nicht vergehen, der eine Quaterne in der Lotterie gewonnen hatte.

Als daher der festliche Zug etwa die Hälfte des Kirchwegs zurückgelegt hatte, fingen Maino's Freunde an, unter lautem Jauchzen und schallenden Evvivas ihre Büchsen abzuschießen, und der Bräutigam selbst, sobald er diese langentbehrten Töne hörte, griff in seinen Gürtel, holte ein paar alte, aber schön gearbeitete Taschenpistolen heraus und feuerte aus ihnen, trotz des inständigen Bittens der Unheil ahnenden Pia, mit einem hellen Jubelrufe in die blaue Luft.

Nun wäre unter gewöhnlichen Verhältnissen diese Uebertretung des Gesetzes wohl nicht strenger geahndet worden, als mit einer nachträglichen Geldbuße oder gar nur einer scharfen Vermahnung der Schuldigen. Zum Unglück aber war einer der beiden Gensdarmen, die in Spinetta ihr Standquartier hatten, selbst ein Anbeter der Braut gewesen, hatte sich, seines obrigkeitlichen Ansehens wegen, mit kühnen Hoffnungen getragen und es als eine persönliche Beleidigung, wo nicht gar als eine Schmälerung seiner Amtsehre empfunden, daß es nun doch zwischen der schönen Pia und diesem armseligen Maurerburschen richtig wurde. Er war Rache und Verderben brütend die Tage vor der Hochzeit herumgegangen, hatte seine Kameraden in den Dörfern Parodi und Mandrogne benachrichtigt, daß sie sich am Hochzeitstage nach Spinetta begeben sollten, da es dann leicht zu Händeln kommen möchte und, wenn der Wein dem Bauernvolk erst zu Kopfe stiege, sie Beide allein nicht ausreichten, um Unfug zu verhüten.

Wie nun jene völlig harmlosen Freudenschüsse zu knallen anfingen, erschienen die sechs wohlbewaffneten Gensdarmen plötzlich mitten auf der Straße, forderten die Auslieferung der Waffen, und jener verschmähte Nebenbuhler des Bräutigams – der den Spitznamen Barbone trug – trat mit triumphirender [160] Miene gerade auf Maino zu, um ihn als den Anstifter des ganzen Lärms gerade aus dem Brautzuge weg in Haft zu führen. Mochten die jungen Leute nun schon vorher, bei ihrem Ritte nach Spinetta, dem rothen Vorjährigen zugesprochen haben, oder der Ingrimm über diese ausgesuchte Bosheit ihnen zu Kopfe steigen, genug, sie widersetzten sich offen der obrigkeitlichen Macht, und Maino selbst, dem die Demüthigung vor den Augen seiner Braut fast die Besinnung raubte, erwiderte dem Barbone mit so schneidigem Hohne, daß zwar alle Zuhörer vom Dorfe in schallendes Gelächter ausbrachen, der wüthend gemachte Gegner aber nun auch alle Schonung vergaß und seinen spottenden Feind beim Kragen ergriff, um ihn eigenhändig in den Kerker zu schleppen. Im nächsten Augenblicke blitzte das Messer Maino's mit seinen sprühenden Augen um die Wette. Ein Ringen Faust gegen Faust, Dolch gegen Säbel entspann sich; die Weiber und Kinder schrieen; die Männer tobten wild durcheinander. Barbone's Kameraden waren mit den Brautführern handgemein geworden, und erst als der Pfarrer, der von fern in der Kirche das Getümmel des Kampfes vernommen, im vollen Ornat auf der Schwelle des Portales erschien und seine warnende Stimme erschallen ließ, trat eine plötzliche Stille ein. Man sah nun mit Entsetzen, daß der Barbone und zwei seiner Gefährten aus mehreren Wunden blutend am Boden lagen, während auch die hochzeitlichen Kleider Maino's mit Blut bespritzt waren und aus einem Schlitz in seinem sammetnen Aermel schwere Tropfen hervorquollen.

Eine düstere Pause, ein lautloses Umherstarren war auf den wilden Tumult gefolgt. Man sah den Geistlichen eilfertig sich nähern, und Niemand wußte, was nun aus der blutig verstörten Feier werden sollte. Maino aber hatte sich zuerst gefaßt. Nur noch einen Blick tödtlichen Hasses warf er auf den ächzend am Boden liegenden Barbone, dann raunte er seiner sprachlos versteinerten Braut ein Wort ins Ohr, das Niemand verstand, umarmte sie heftig und küßte sie auf den entfärbten Mund, gab dann seinen Genossen ein Zeichen und war im Umsehen durch das dichtgeschaarte Volk verschwunden, gerade als der Pfarrer keuchend herankam, den Namen des Bräutigams rufend, um von ihm Aufklärung über den Hergang zu verlangen.

Die Schüsse, die er schon vorher vernommen, und der Anblick der hingestreckten Hüter des Gesetzes konnten ihn freilich zur Genüge belehren, und er hatte noch kaum nach dem Bader schicken und die Verwundeten befragen können, wie sie sich fühlten, als schon die Nachricht kam, der Bräutigam habe sich mit seinem ganzen Geleit wieder auf die Pferde geworfen und sei wie das Ungewitter davongesprengt, wahrscheinlich in die Waldberge nahe bei Tortona, wenn die Flüchtigen nicht etwa diese Straße nur gewählt hatten, um die Verfolger irre zu leiten. Dann würden sie wohl in dem Busch- und Bergland um Novi herum ihre Schlupfwinkel suchen.

Ein so trübseliges Ende hatte diese Hochzeit genommen. Der Bräutigam war als ein dem Gesetz Verfallner, ein Bandito, in die Wälder geflohen; der Braut blieb Nichts übrig, als in ihr einsames Häuschen zurückzukehren und das alte ledige und langweilige Leben mit ihrem Schwesterchen wieder zu beginnen.

Nach dem ersten Schrecken aber schien dem schönen und gedankenvollen Geschöpf dieser Entschluß nicht eben schwer zu werden. Sie wich allen Beileidsbezeigungen aus, nahm Margheritina bei der Hand und schlug den Weg nach ihrem verlassenen Hause ein, wo man sie noch denselben Tag in ihrem Alltagsgewande gleichmüthig schaffen und sich rühren sah.

Dem Pfarrer, der sich noch gegen Abend bei ihr einfand, um sich nach ihrem Seelenzustande zu erkundigen, erklärte sie, es sei ihr freilich leid um diesen bösen Handel, aber sie vertraue auf ihren und ihres Maino Stern. Sie seien ganz gewiß Beide zu einem hohen und ungemeinen Glücke bestimmt, nur müßten sie sich das Warten nicht verdrießen lassen.

Es war aus ihren Reden abzunehmen, daß ihr Verlobter ihr mehr als je ins Herz gewachsen war, seit er so heroisch sich gegen kecke Vergewaltigung zur Wehre gesetzt. Ueber diesen Punkt wollte sie auch von dem geistlichen Herrn sich keines Bessern belehren lassen. Auch der Kaiser Napoleon würde, behauptete sie, nicht halb so große Dinge erreicht haben, wenn er sich von jedem ersten besten Gensdarmen an die bestehenden Verordnungen hätte mahnen lassen.

Der Pfarrer sah mit Betrübniß, daß eine Art von Kaiserwahnsinn sich dieses stillen Weiberkopfes bemächtigte. Er beschloß, nach Kräften dagegen zu arbeiten. Das ging aber freilich nicht auf einmal.

Bald vernahm man nun im Dorfe, daß Maino mit seinen Spießgesellen in der That um Novi herum sich hatte blicken lassen. Die Wunden des Barbone und seiner Kameraden waren zwar unbedenklich. Aber Regierung und Polizei durften nichtsdestoweniger die Sache nicht leicht nehmen, in Zeiten, wo der eben gedämpfte Carbonarismus überall noch unter der Asche fortglimmte und beim ersten Windstoß hell aufzuflackern drohte. Es wurde daher auf den entwichenen Friedensbrecher und seine Helfershelfer eifrig gefahndet, im Stile all' jener polizeilichen Razzias, bei denen dem gejagten Wilde immer zum Entkommen Zeit gelassen wird, gleichsam um das Jagdvergnügen selbst möglichst zu verlängern. Auf diese Weise bildete die Staatsgewalt aus den armen Teufeln, die anfangs nur aus Noth sich als Dilettanten im Räuberhandwerk gezeigt hatten, die trefflichsten Virtuosen heran, die aus der Noth endlich eine Tugend machten und die neue freie Kunst um keinen Preis wieder gegen ihr altes kümmerliches Gewerbe vertauscht haben würden.

Pia hörte all' diese Dinge erzählen und schien sie als selbstverständlich und keinenfalls ehrenrührig oder verzweifelt zu betrachten. Daß ihr Maino das Räubergeschäft auf eine hochherzige Manier betrieb, die Armen und Elenden schonte oder gar ihnen half, nur an die Großen und Mächtigen sich wagte und sich nirgend mit Mordlust oder tückischer Grausamkeit befleckte, rühmten ihm Alle nach. Das Dorf Spinetta, in welchem er bisher kein sonderliches Ansehen genossen hatte, begann jetzt von diesem seinem berühmten Sohne mit Hochachtung und Bewunderung zu reden. Wer ihm zufällig in den Bergen begegnet war, wußte nicht genug zu sagen, wie schön und stattlich er aussehe und wie er seine Landsleute als Galantuomo behandle. Dem Barbone dagegen, der nach einigen Lazarethwochen wieder dienstfähig war, wenn er auch wegen einer Wunde im Schenkel am Stock herumhinkte, wich Jedermann aus, und er mußte sich trotz seiner amtlichen Würde schiefe Gesichter und verstohlene Flüche gefallen lassen, wo er sich nur blicken ließ.

(Schluß folgt.)




Erinnerungen an Ledru-Rollin.
Von Karl Blind.
(Schluß.)


Mehr als zwanzig Jahre hindurch in London wohnend, blieb Ledru-Rollin der politischen, literarischen und wissenschaftlichen Welt Englands gänzlich unbekannt. Wohlhabend, von feingebildetem Geschmacke, kinderlos, dabei in vollkommener Muße lebend, hielt er sich in gänzlicher Zurückgezogenheit. Von „Engländern“, wenn man so sagen darf, sah er in letzter Zeit nur eine irische und eine schottische Familie. Er schien förmlich zurückzufliehen vor der Berührung mit Allem, was wirklich Englisch war. Der ganze gesellschaftliche und politische Luftkreis des Landes behagte ihm nicht. So kam es, daß er höchstens mit dem Einen oder dem Anderen Verkehr pflog, der gewissermaßen einer widerhaarigen oder halb widerhaarigen Nationalität des britischen Reiches angehörte. Die Iren und die Schotten sind aus alter Zeit her Freunde der Franzosen gewesen. In diesem Punkte war Ledru-Rollin Franzose über die Maßen.

Ein paar französische und zwei deutsche Freunde, und von Italienern Mazzini bildeten, nachdem der Verkehr mit Kossuth abgebrochen war, seinen Umgang. Ab und zu kam noch etwa ein Pole, der dem italienischen Führer als Sendling [161] diente. So hielt Ledru-Rollin es wenigstens in den letzten fünfzehn Jahren; die paar ersten seines Hierseins waren etwas bewegter gewesen. Als nächste Nachbarn, nur durch eine Straße getrennt, sahen wir uns am häufigsten und kamen auch wiederholt im Sommer an Seebadeorten zusammen. Oft war es mein Bemühen, bei dem Manne, der eine so hohe Begabung, einen so freien Blick und für die Volkspartei seines Landes eine so große Bedeutung hatte, eine Umstimmung in Bezug auf England anzubahnen. Vergebens! Selbst die englische Sprache war ihm zuwider, und er hat sie nie bemeistert, obwohl seine Gattin, die theils spanischer oder baskischer, theils irischer Abkunft ist, sie gleich einer Eingeborenen redet.

Das Buch „Von dem Niedergange Englands“ („De la Décadence de l'Angleterre“) war es, was ihn sofort in feindliche Berührung zu dem Lande gesetzt hatte, in welchem er als Flüchtling Schutz gesucht. Es war ein bedauerlicher Irrthum des etwas heißblütigen Volkstribuns, der das Werk verfaßte, nachdem er kaum einige Monate in England verweilt!


Die Gartenlaube (1875) b 161.jpg

Ledru-Rollin.
Nach einer Photographie.


Die Gegenkritik ließ englischerseits nicht auf sich warten. Daraus entstand dann bei ihm eine Verbitterung gegen England, welche ihn nur allzu oft zum härtesten Urtheile veranlaßte.

Die kleine Londoner Zeitschrift „Le Proscrit“, an welcher er in Gemeinschaft mit namhaften Gesinnungsgenossen verschiedener Nationalität nach 1849 betheiligt war, ging bald ein. Der „Central-Europäische demokratische Ausschuß“, in welchem er Frankreich vertrat, löste sich nach kurzer Thätigkeit ebenfalls auf. Dann folgte bei Ledru-Rollin eine lange Ruhepause. Sein Name trat in den Hintergrund; höchstens zerrte die französische Polizei denselben hervor, indem sie ab und zu den ruhig lebenden Verbannten fälschlicher Weise in eine Verschwörung gegen das Leben Ludwig Napoleon’s verwickelte. Man wußte, wie Ledru-Rollin in dieser Sache dachte. Da jedoch keine That und kein Beweis vorlagen, die als Inzichten hätten dienen können, so erfand man solche. Auf Grund falscher Anklagen und Verurtheilungen schloß man ihn von jeder Amnestie aus. Sogar ein Auslieferungsgesuch wurde, wie mir aus bester Quelle bekannt, bei einem dieser Anlässe von der französischen Regierung hier übergeben. Es war in der Blüthezeit der Freundschaft Englands mit „unserem erlauchten Verbündeten“, wie Napoleon der Dritte damals hieß. Palmerston versuchte sein Möglichstes, um diesem „erlauchten Verbündeten“, dessen Staatsstreich er auf eigene Faust anerkannt hatte, in Bezug auf die Flüchtlinge dienend entgegen zu kommen. Die Gefahr schien nicht gering, daß Ledru-Rollin zum Opfer fallen werde.

Keine Londoner Zeitung nahm sich seiner an. Mit der einzigen Ausnahme eines radicalen Blattes war die gesammte Tagespresse damals von bitterster Feindschaft gegen die Demokratie erfüllt. Glücklicher Weise hatte das Haupt des Cabinetes alle Ursache, sich gerade dieses Blatt nicht zum Gegner zu machen. Mir gelang es, die Vertheidigung Ledru-Rollin’s darin auf’s Entschiedenste zu führen und die öffentliche Meinung zur Aufrechthaltung des alten, den Verbannten aller Parteien gewährten Schutzes zurückzurufen. Ledru-Rollin sprach dafür seinen innigsten, wärmsten Dank aus: die Auslieferung wäre für ihn gleichbedeutend mit dem Tode gewesen.

Wie ich später erfuhr, war die von Napoleon geforderte Auslieferung im englischen Cabinetsrathe blos mit Einer Stimme Mehrheit abgelehnt worden. –

Von da an verhielt sich Ledru-Rollin wo möglich noch stiller. Wohl gehörte er fortwährend zu dem engeren Kreise der Wenigen, die von den Vorbereitungen für den sicilianischen Aufstand von 1860, wie auch für den polnischen Aufstand von 1863, und später für die spanische Revolution von 1868, lange Zeit vorher unterrichtet waren. Mazzini (nicht Garibaldi, wie man gewöhnlich annimmt) hatte die sicilianische Erhebung geplant. Sechs Wochen nach Ausbruch derselben unter Rosolino Pilo führte Garibaldi durch die Landung der Tausend den Aufstand siegreich bis nach Neapel durch. Ich kann aus persönlicher genauer Kunde bezeugen, daß Mazzini die Erhebung angelegt und daß Mazzini’s Vertraute sie zuerst leiteten. Ledru-Rollin, der ebenfalls von allen Vorbereitungen wußte, hoffte aus dem Siege italienischer Einheit und Freiheit einen Umschwung in Frankreich. Noch erinnere ich mich, wie er, sehnlichst die Nachrichten aus Palermo erwartend, mir eines Tages mit dem Ausrufe entgegenkam: „Die Wochen vergehen. Der Aufstand läßt lange auf sich warten. Sind wir wieder getäuscht?“ Ich sprach ihm Hoffnung zu, und er athmete befriedigt auf.

Der Sturz der neapolitanischen Bourbons gelang; doch am Volturno trat eine Wendung ein, welche die erhoffte revolutionäre Rückwirkung auf Frankreich hintertrieb. Mazzini’s Plan, dem Garibaldi zugestimmt hatte, nach erfolgter Befreiung Süd-Italiens auf Rom loszumarschiren und dorthin eine italienische Nationalversammlung zu berufen, wurde durch den von Napoleon angeregten piemontesischen Einmarsch vereitelt. Garibaldi mußte seine Dictatur niederlegen; Mazzini verließ Neapel. Für die in das innere Getriebe der italienischen Actions-Partei eingeweihten französischen Republikaner war eine Aussicht zunichte geworden.

Jahre vergingen. Ich fand, daß Ledru-Rollin sich allmählich immer mehr in Studien und Kunstgenüsse vertiefte; beim Beginn eines Gespräches liebte er es, an wissenschaftliche, künstlerische oder philosophische Fragen anzuknüpfen. Erst nach und nach, wenn wir längere Zeit darüber geredet, war ein Uebergang zur Politik möglich, deren Besprechung ihn augenscheinlich aufregte. Ein guter Kenner von Gemälden, hatte er seine Wohnung mit den Erzeugnissen manches älteren Meisters geziert und beschäftigte sich viel mit dem Aufsuchen verdunkelter Bilder, deren Ursprung zweifelhaft geworden. Stets war er froh, wenn er uns etwas neu Entdecktes dieser Art wieder zeigen konnte. Nach und nach nahm ihn die Beschäftigung mit diesen Dingen beinahe ausschließlich in Anspruch.

Mit Vorliebe wandte er sich in der Unterhaltung den Fragen über den Urgrund, über Ziel und Zweck der Dinge und über die Bestimmung der Menschen zu. Allen Kirchenglauben, alle priesterschaftlich religiösen Vereinigungen verwarf er mit großer Entschiedenheit. Die Bibelkritik übte er im vollsten Maße. Er huldigte der Geistesrichtung Voltaire’s; die Büste des Philosophen von Ferney zierte seinen Schreibtisch. Gleich Voltaire glaubte er an ein höchstes Wesen und an die Unsterblichkeit der Seele; diese Ansicht verfocht er nicht blos als nothwendige Ergebnisse seines Denkens, sondern mit einer gewissen religiösen Gluth. Er wurde leicht ungeduldig, wenn ihm etwa vom Standpunkte naturwissenschaftlicher Forschung Einwände gemacht oder [162] auch nur Zweifel an der Möglichkeit, solche Fragen überhaupt zu lösen, entgegengehalten wurden. Auf die geringste Gegenbemerkung antwortete er dann mit einer Fluth von Beredsamkeit. An den beiden Hauptlehrsätzen („Gott und Unsterblichkeit“), welche den meisten, obwohl nicht allen Religionen eigen sind, hielt er mit Wärme, sogar mit Heftigkeit fest. Oft erwähnte er, er sei mit einem Werke über den Gegenstand beschäftigt. So viele Jahre sind seitdem verflossen, daß sich ohne Zweifel unter seinen hinterlassenen Papieren eine fertige oder nahezu fertige Abhandlung darüber vorfinden muß.

Abgesehen von seiner Bekanntschaft mit Dem, was sich aus dem Kreise demokratischer Verbannten heraus in Italien, Russisch-Polen und anderwärts gestaltete, verhielt sich Ledru-Rollin als ruhiger Zuschauer. Eine Ausnahme machte er in einem einzigen Falle, bei welchem Frankreich näher in’s Spiel kam. Ich meine den Krieg Napoleon’s gegen die mexicanische Republik.

Als dieses Verbrechen gegen die Unabhängigkeit eines freien Volkes versucht wurde, das später zu Queretaro seine blutige Sühne fand, entstand eine tiefe Bewegung unter denen, welche der politische Schiffbruch von 1848 bis 1849 an Albions Ufer geworfen hatte. Noch war der Sturm der Sclavenhalter-Empörung nicht über die nordamerikanische Union losgebrochen. Aber schon sahen die Weiterblickenden, wie sich auch diese Wetterwolke rasch am Himmel zusammenzog und die Republik der Vereinigten Staaten mit Zerschmetterung bedrohte. Einer Thatsache sei hier erwähnt, welche beweist, mit welchen Plänen Napoleon der Dritte sich damals schon gegenüber Deutschland trug. Mir ist bekannt, daß der Franzosenkaiser im Jahre 1862, mittelst des Ratazzi’schen Cabinets, Italien zur Theilnahme am mexicanischen Kriege veranlassen wollte. War der mexicanische Krieg glücklich beendigt, so sollte ein gemeinsamer Angriff Frankreichs und Italiens gegen Deutschland erfolgen, wobei eine italienische Heeresabtheilung am Rhein mit den Franzosen, eine französische mit den Italienern von Süden her gegen uns zusammenwirken sollte. Für Garibaldi sollte im Orient ein Feld der Thätigkeit geschaffen werden, um Oesterreich zu beschäftigen und abzuziehen. Ueber die näheren Einzelheiten gehe ich hier weg. Nur Das sei gesagt, daß Garibaldi, dem betreffende Eröffnungen gemacht wurden, den ganzen Plan durch den Zug gegen Rom durchkreuzte. Wohl unterlag er bei Aspromonte; allein mit dem neuen französisch-italienischen Bündnisse war es von da an aus. Die mexicanische Republik sowohl, wie die deutsche Nation, schulden ihm daher für die That von 1862 nicht minder Dank, als die Italiener selbst. Dies muß trotz seiner Betheiligung am Kriege von 1870 bis 1871 offen und frei anerkannt werden.

Doch zu Ledru-Rollin zurück! Ihn bewegte es tief, daß, nachdem die römische Republik durch Frankreichs Waffen gefallen war, nun auch der Freistaat Mexico unter französischem Schwerte verbluten sollte. Der Vorschlag, den ich ihm machte, an den Präsidenten Lincoln eine Mittheilung abgehen zu lassen, welche darauf berechnet war, die demokratischen Kräfte Frankreichs gegen die napoleonische Politik in’s Feld zu führen und dadurch Mexico Luft zu verschaffen, fand deshalb bei ihm williges Gehör. Die republikanische Partei war damals in Paris und anderen größeren Städten Frankreichs wieder stark in der Bildung begriffen. Unter dem französischen Heere selbst, das bekanntlich die überseeischen Feldzüge nicht liebt, herrschte tiefe Verstimmung, die sich in einzelnen Fällen bis zur Meuterei steigerte. Bei solcher Lage war es nicht allzu schwer, den bewegenden Hebel anzusetzen. Für die Vereinigten Staaten mußte es von Wichtigkeit sein, der französischen Unternehmung ein baldiges Ende gemacht zu sehen, denn hatte sich einmal ein „Lateinisches Kaiserreich“ am Golf festgesetzt, so war für die Sclavenhalterliga, deren Anfänge sich schon zeigten, ein starker Rückhalt gegeben. Französische Truppen und französische Kriegsschiffe würden dann an der Zerstörung der vierten Republik (nach der Zerstörung der römischen, französischen und mexicanischen) theilgenommen haben.

Ledru-Rollin ließ sich bewegen, zum Zwecke einer Erhebung in Paris neue Anknüpfungen zu machen. Waren genügende Mittel vorhanden, so konnte die Mißstimmung unter den französischen Truppen zu einem Schlage verwerthet werden. Die vertrauliche Zuschrift an den Präsidenten Lincoln, von mir entworfen, trug Ledru-Rollin’s, Mazzini’s und meine Unterschrift. Lincoln wies den ihm entwickelten Plan nicht von der Hand, behielt sich aber die Entscheidung für den äußersten Fall vor. Mittlerweile rangen die Unionsheere mit den Südbündlern. Als ein Augenblick kam, wo jener Plan hätte verwirklicht werden können, fiel der treue Beamte der Republik, unter der Hand von Ravaillac Booth.




In dem Maße, wie in Frankreich die Bewegung gegen die tyrannische December-Herrschaft an Stärke wuchs, erschien es um so wünschenswerther, daß auch im Kreise der verbannten republikanischen Führer jenes Landes größere Einigkeit wieder hergestellt, daß die Trennung zwischen Alt- und Neurepublikanern, zwischen Socialisten und „Blauen“, und wie die inneren Gegensätze alle heißen, endlich aufhöre. Ein Mann von Victor Hugo’s Bedeutung durfte bei einem Einigungsversuche nicht außer Acht gelassen werden, wenn er auch einsam auf seinem Inselfelsen, außerhalb der Strömungen Londons, saß. Ledru-Rollin konnte sich, als Hugo vor Jahren bei ihm hatte vorsprechen wollen, leider nicht überwinden, ihn zu sehen. „Der Geächtete,“ sagte er, „hat mit dem Aechter nichts zu thun.“ Dies bezog sich auf Victor Hugo’s Theilnahme an dem Beschlusse, durch welchen nach dem 13. Juni 1849 der Belagerungszustand über Frankreich verhängt wurde.

Louis Blanc, der socialistische Arbeiterführer Greppo und Andere, mit denen ich befreundet oder bekannt war, zeigten sich zur Einigung willig und beabsichtigten, von Zeit zu Zeit durch eine gemeinsam unterzeichnete Druckschrift die Versöhnung aller republikanischen Parteibruchtheile zu beweisen. Leider gelang es nicht, Ledru-Rollin, dem ich auf den Wunsch der französischen Freunde den Gedanken mittheilte, zum Beitritte zu bewegen. Bei zufälliger Begegnung von Louis Blanc und ihm in meinem Hause sah ich indessen mit Freude, daß die Spuren früherer Mißverständnisse in der Wärme des persönlichen Verkehrs rasch schwanden. Eine leicht bewegliche Natur, gab Ledru-Rollin sich bei solchen Anlässen auf’s Liebenswürdigste. Doch war er nicht dazu zu bringen, seinen Verkehrskreis zum Nutzen politischer Zwecke dauernd zu erweitern. Gegenüber Manchem, den zu sehen für ihn von Nutzen gewesen wäre, schloß er sich fast mit Strenge ab.

Als Garibaldi seinen Triumph-Einzug in London hielt und ganz England, vom Arbeiter bis zum Lord, in einem Begeisterungsfieber zu sein schien, war es nur naturgemäß, daß zwei einander zwar bisher persönlich unbekannte, aber durch Opfer für eine gemeinschaftliche Sache durch die That verbundene Männer sich freundschaftlich nähern, ihre Meinungen austauschen, vielleicht auch wegen der Zukunft sich berathen sollten. Garibaldi war das Schwert des römischen Freistaates gewesen. Kurz vor seinem Zuge von 1862 hatte er den Beschluß wieder veröffentlicht, durch welchen die römische Nationalversammlung, kurz vor dem Eindringen der Franzosen, ihm die Vollmacht ertheilte, bei günstigen Umständen die Volksfahne wieder zu erheben. Seinerseits war Ledru-Rollin zum Ehrenbürger dieser römischen Republik ernannt worden und hatte um ihretwillen bereits fünfzehn Jahre Verbannung durchgemacht. Sollten zwei Männer von solcher Stellung einander fremd bleiben?

Und gleichwohl, ergaben sich Schwierigkeiten. Im Palaste des Herzogs von Sutherland wohnend, war Garibaldi von Einflüssen umringt, die ihn von der engeren Berührung mit seinen wirklichen Gesinnungsgenossen abzuhalten suchten. Tag um Tag fast hülflos da und dorthin geschleppt, war er weder Herr seiner Zeit noch seiner Bewegungen. Mir war es, in Folge seiner freundschaftlichen Einladung, möglich gewesen, bereits vor seinem Einzuge in London, ruhig und ungestört im Hause des Parlamentsmitgliedes Seely auf der Insel Wight mit ihm zusammen zu sein, ehe ich im Namen einer Massenversammlung von Londoner Deutschen, in Begleitung von Freiligrath, Kinkel und Anderen, als Sprecher ihn zu begrüßen hatte. Gleich bei erster Begegnung fand ich Garibaldi begierig, mit den hervorragenden demokratischen Parteiführern zusammenzutreffen, deren Namen ich ihm nannte.

Durch ein Gefühl bewegt, das ich wohl begriff, aber nicht theilte, hielt Ledru-Rollin es als Franzose für richtig, daß nicht er zu Garibaldi, sondern Garibaldi in das Haus des französischen [163] Verbannten gehe, dessen Name gleichbedeutend war mit der Sympathie des republikanischen Frankreich für die italienische Sache. Garibaldi war dazu rasch bereit. Von meinem Hause aus begaben wir uns zuerst zu Ledru-Rollin, dann zu Louis Blanc, die Beide in der Nähe wohnten und deren Freundschaft mir gleich werth war. Die Zusammenkunft des italienischen Volksmannes mit den beiden französischen Freunden war eine herzliche. Offen erklärte er bei dieser Gelegenheit, daß seine Gesinnungen noch die alten von 1849 seien. An demselben Tage theilte er mir die überraschenden Einzelheiten der Unterredung mit, welche Gladstone und Shaftesbury mit ihm gehabt und in Folge deren er England plötzlich verließ. „Ich sehe Bonaparte’s Hand in der Sache,“ setzte er hinzu.

So feindlich Ledru-Rollin den herrschenden Classen Englands und dem Engländerthum überhaupt war, so folgte er doch mit Antheilnahme den Fortschritten der Freiheitsbewegung innerhalb der englischen Volksmassen. In der irischen Frage dachte er wie die meisten Franzosen aller Parteien. Er hielt die Trennung von England für das Richtige, während eine solche doch nur jener ultramontanen Partei zu Gute käme, gegen die er sich mit aller Entschiedenheit aussprach. Mazzini, der zwar auch allem Kirchenglauben abhold, aber sonst von einer gewissen mystisch-religiösen Neigung war, hatte in einer besonderen Schrift abermals seine alte Ansicht entwickelt, daß das „Rom der Republik“ und das „Rom der Päpste“ eine von der Vorsehung bestimmte Sendung erfüllt habe und nimmermehr berufen sei, eine dritte Sendung als Anreger einer neuen Religion zum Nutzen wahrer Menschlichkeit und Volksfreiheit auszuführen. Ledru-Rollin flammte heftig auf, als er das „Rom der Päpste“, wenn auch in geschichtlichem Rückblick, so als eine richtige Folge, statt als ein verderbliches, scheußliches Hemmniß des menschlichen Entwickelungsganges behandelt sah. Es wurde mir, der ich Ledru-Rollin’s Meinung vollkommen theilte, nicht leicht, einen drohenden Bruch zwischen den beiden alten Freunden zu verhüten; doch ließ sich glücklicherweise das gute Vernehmen schließlich wieder herstellen.




Sein langes öffentliches Schweigen brach Ledru-Rollin zuerst wieder im Jahre 1865, als er eine im edelsten Geiste gehaltene Zuschrift zu Gunsten italienischer Einheit und zur Bekämpfung der damals noch von Thiers verfochtenen gegnerischen Meinung an mich richtete. Die Zuschrift war für den „Deutschen Eidgenossen“ bestimmt, der damals unter meiner Leitung und unter Mitwirkung von Louis Büchner, Georg Fein, Ludwig Feuerbach, Ferdinand Freiligrath, M. Gritzner, General Haug, Friedrich Hecker, Th. Mögling, K. Nauwerck, Theodor Olshausen, Gustav Rasch, Emil Rittershaus, General Franz Sigel, F. W. Schlöffel, Arnold Schloenbach, Gustav Struve, J. D. H. Temme und N. Titus erschien.

Ledru-Rollin und Mazzini, Garibaldi[1] und Louis Blanc sprachen durch Einsendungen ihre warme Theilnahme aus. Der Erstere nannte in der seinigen die weltliche Herrschaft des Papstthums „einen Hohn auf die Sittlichkeit wie auf die Religion, und ein beständiges Hinderniß der Einheit Italiens, dem es zur Geißel geworden“, Aeußerungen, die bereits Macchiavell vor Jahrhunderten gethan. Am Schlusse der Abhandlung war gesagt: – „Bedürfte es, um die herrschende Erstarrung aufzurütteln, eines gewaltigen Beispiels, nun, so laßt uns dasjenige benutzen, welches uns die unbezwingbare amerikanische Republik gegeben hat. Dieser Sieg, der die Rechte der Menschlichkeit, die Gleichheit der Racen, die vollkommene menschliche Brüderlichkeit bestätigt; dieser Sieg, der nach dem großen Heldengedicht von 1792 der Welt einen neuen Beweis giebt, daß ein freies Volk ein Volk von Riesen ist – dieser Sieg ist der Sieg aller Demokratien.“ Unter Napoleon dem Dritten waren die Preßgesetze damals derart, daß Ledru-Rollin nichts in Frankreich veröffentlichen konnte. Diese an eine deutsche Zeitschrift gerichtete Abhandlung wurde dann insgeheim in Frankreich als Flugblatt verbreitet.

In mehreren in England erschienenen Lebensbeschreibungen hat man Ledru-Rollin zum Communisten stempeln wollen. Nichts könnte mit seinem ganzen Bekenntnisse, seinem Leben, seiner Handlungsweise in grellerem Widerspruche stehen, als diese falsche Behauptung. Gleichwie Mazzini, hegte Ledru-Rollin vielmehr geradezu Haß gegen eine Lehre, welche die verschiedenen Seiten der menschlichen Natur außer Acht lasse und durch Erregung utopischer Hoffnungen, wie auch durch gehässige Aufrührung eines Classenkampfes innerhalb der Bewegungspartei selbst, jeden wirklichen Fortschritt störe. Von Jahr zu Jahr, namentlich als in Frankreich die Freiheitsbewegung wieder im Steigen war, drückte sich Ledru-Rollin mit immer größerer Bitterkeit über die communistische Richtung aus. Er war ein entschiedener Anhänger des deutschen und englischen Genossenschaftswesens. In einem Briefe an die Brüsseler „Association“, ein Blatt, das damals als Sprechsaal von Genossenschafts-Bestrebungen diente, sprach er sich darüber aus, indem er Fourier, St. Simon und Proudhon bekämpfte, andererseits aber die herzlose volkswirthschaftliche Lehre des bloßen „Gehenlassens“ und „Geschehenlassens“, wobei die Armuth unter die Speichen des Triumphwagens der Geldaristokratie geräth, mit ebenso großer Entschiedenheit verwarf. Ueber die Leiden der Armen habe ich seinen Lippen oft Aeußerungen des innigsten Mitgefühls entströmen hören. In solchen Augenblicken fühlte man an ihm die Herzenswärme des echten Volksfreundes.

Die Frage tauchte auf, ob die Altrepublikaner den vorläufigen Eid leisten dürften, um ihre Wahl in den gesetzgebenden Körper möglich zu machen. Den hierher gekommenen Pariser Abordnungen gegenüber sprach sich Ledru-Rollin aus Nützlichkeitgründen bejahend aus. Rochefort, Gambon und Andere erschienen bei ihm und drängten ihn stark, er möge sich als Bewerber für einen Abgeordnetensitz aufstellen lassen. Die Unterhandlungen, die mehrmals dem Abschlusse im Sinne der Annahme ganz nahe schienen, wurden im entscheidenden Augenblicke immer wieder abgebrochen. Die lange Unthätigkeit hatte des Magnetes Kraft geschwächt. Ledru-Rollin konnte sich, trotz wiederholten Eingehens in die Sache, nicht genügend entschließen.

Er besprach in jenen Tagen Alles mit mir. Da der Sturz Napoleon’s unvermeidlich schien, suchte ich ihn, wie ich es gegenüber anderen französischen Führern oft gethan, darauf aufmerksam zu machen, daß eine Republik, wenn auch durch einen kühnen Schlag in Paris errungen, unmöglich sich halten könne, so lange man bei dem jetzigen Zustande der geistigen und politischen Volkserziehung in Frankreich die alte Stimmrechtsformel beibehalte. Allgemeines, gleiches Stimmrecht, sagte ich, sei gewiß grundsätzlich zu wünschen. Allein um unter gegenwärtigen Verhältnissen die etwa durch ein glückliches Ereigniß gewonnene Freiheit zu halten, erscheine es mir für Frankreich nothwendig, den Städten eine verhältnißmäßig größere Anzahl von Abgeordneten zuzutheilen, wie dies auch in anderen Ländern der Fall ist. Vielleicht empfehle es sich überdies, an das Wahlrecht die Bedingung zu knüpfen, daß, wer den Staat wolle mitregieren helfen, des Lesens und Schreibens kundig sein müsse. Ledru-Rollin, der „Vater des allgemeinen Stimmrechtes“, wollte davon nichts hören.

Ich hatte 1869 die obige Ansicht in einer Abhandlung[2] entwickelt und that es nochmals im Jahre 1871.[3] Manche französische Freunde stimmten mir zu, glaubten jedoch, sich öffentlich [164] nicht im gleichen Sinne äußern zu dürfen. Ledru-Rollin war indessen auch grundsätzlich nicht für eine solche Uebergangsmaßregel zu gewinnen. Für ihn war eine zeitweilige Umkehr in dieser Frage allerdings doppelt schwierig. Nicht blos war wesentlich durch ihn das allgemeine Stimmrecht eingeführt worden, das zehn Millionen Wähler an die Stelle der bisherigen zweihunderttausend brachte, sondern er selbst hatte auch im Jahre 1849 nahezu eine Million Stimmen auf sich vereinigt.

Im Jahre 1870, vor Beginn des Krieges, kehrte er zum ersten Male wieder nach Frankreich zurück. Wir waren so lange an das öftere Zusammensein mit ihm und seiner Gemahlin gewöhnt gewesen, daß uns sein Scheiden schmerzlich traf, nach dem so manche deutsche, italienische und andere Freunde im Laufe der Zeit London verlassen hatten. Auf kurze Zeit kam er allerdings wieder nach England, bald nahm er jedoch seinen bleibenden Wohnsitz drüben. Während des Krieges war er in dem belagerten Paris eingeschlossen. Seine bereits wankende Gesundheit litt stark unter den Aufregungen; das über sein Land hereingebrochene Unglück erfüllte seinen Geist mit tiefem Kummer. Als er Paris wieder verlassen konnte, fand er seinen Landsitz in Fontenay-aux-Roses furchtbar verwüstet, die Hauptzerstörung war allerdings, wie er selbst überzeugt war, nachträglich durch politische Feinde, namentlich Bonapartisten, an seiner Behausung verübt worden. Seit jenen Ereignissen habe ich ihn nicht wieder gesehen.

Den Abgeordnetensitz in der Versammlung zu Bordeaux nahm er nicht an, da er offenbar den Friedensbedingungen nicht zustimmen wollte. Sein späteres einmaliges Auftreten in Versailles hatte den Zweck, das allgemeine Stimmrecht gegen die Beschränkungen zu vertheidigen, welche die royalistische Rückschrittspartei in ihrem Sinne einzuführen keinen Anstand trug. Die Gegner empfingen den schon so sehr leidenden Mann, als er zu sprechen begann, sofort mit Lärm und reizten ihn durch beständige boshafte Unterbrechungen. Seine im Uebrigen beredte Ansprache wurde dadurch übel zugerichtet, hinterher sprachen die Feinde dann von einem „Fiasco“.

Nur wenige Monate verflossen – und die Herzkrankheit, an der er seit einiger Zeit litt, machte seinem Leben durch einen plötzlichen Schlag in Gegenwart seiner tiefbewegten Lebensgefährtin ein Ende, deren Liebe und Hingebung in Freud’ und Leid stets die treueste gewesen. Wie verschieden auch die Parteiansichten über ihn sein mögen, die Worte bleiben wahr, welche Herr Maillard an seinem Grabe sprach: „Frankreich und die Republik werden seiner stets gedenken.“


Thier-Charaktere.
Von Gebrüder Adolf und Karl Müller.
Unsere Hauskatze.

Wie das wilde Thier im gezähmten Zustande und unter dem Einflusse menschlicher Behandlung an seiner Eigenartigkeit verliert und eine gewisse Aenderung mit Beibehaltung der charakteristischen Grundeigenthümlichkeiten wahrnehmen läßt, so erkennen wir auch eine teilweise Annäherung und Rückkehr zum ursprünglichen Wesen und Leben, wenn eines unserer zahmen Thiere verwildert. Was eine unübersehbare Periode der Vergangenheit bewirkt hat, das kann die verschwindend kurze Lebenszeit eines Thieres nicht verwischen, und es kann hier nur von Andeutungen die Rede sein, welche uns zu dem Schlusse berechtigen, daß bei verwilderten Thieren unter der Voraussetzung ununterbrochener Verwilderung die Nachkommenschaft einer fernen Zukunft sich von Generation zu Generation dem Urtypus mehr nähern würde. Am langsamsten scheint diese Rückkehr zur Ursprünglichkeit in der äußeren Form und Gestaltung, in den sichtbaren Unterscheidungsmerkmalen von ehedem und jetzt, am schnellsten in der Lebensweise und der sensuellen Begabung stattzufinden. Man nimmt bei verwilderten Katzen, von denen ich besonders reden werde, einen unverkennbaren Unterschied im Vergleiche zu den an Haus und Hof gefesselten zahmen Katzen wahr, theils in Rücksicht der Größe des Körpers, der Stärke und Ausbildung der Gliedmaßen, der Gewandtheit in Ausführung von Unternehmungen, sowie in der Zeichnung, die sich derjenigen der Wildkatze allmählich zu nähern scheint, theils aber vorzugsweise in der Wildheit der Natur und der Schärfung der Sinne wie in der Kühnheit der Raubthaten. Mit dieser Verwilderung betritt unsere Hauskatze ein anderes Gebiet des Wirkens und der Lebensweise, auf dem sie zwar der Hauptsache nach das bleibt, was sie war, aber, auf sich selbst nun angewiesen, Zögling ihrer Erfahrungen und der dargebotenen Gelegenheiten und Umstände wird. Ihre Stellung zum Menschen, ihr Verhalten und ihre Leistungen gegenüber seinen Forderungen, eingedenk des guten Rufs der Hauskatzen wegen ihres wesentlichen Eingriffs in das schädliche Heer der belästigenden Nager, wird von Neuem geprüft werden müssen, und zwar vorurtheilslos, frei von Voreingenommenheit und Nachbeterei. Und man täusche sich doch nicht in dem Glauben, das Richterwort über den Nutzen oder Schaden unserer Thiere sei endgültig gesprochen.

Wer an exacte Forschung nicht gewöhnt ist, der kann sich kaum einen Begriff machen von der Schwierigkeit der Beurtheilung der Thiere in ihrem Verhältniß zu den mannigfaltigen Interessen der Menschen, und gar leicht wird er versucht, mit Geringschätzung von Arbeiten zu reden, deren Werth er nicht versteht, weil er ihnen seine warme Theilnahme nicht zuzuwenden vermag, in wie hohem Grade sie auch allgemeine Aufmerksamkeit verdienen. Vorurtheil, Wahn, Täuschung – sie sind die rechten Kinder der Oberflächlichkeit, des Mangels an Untersuchungstrieb, des Festhaltens an dem Autoritätsglauben, an dem Dogma, das nicht blos in der theologischen, sondern auch in derjenigen Wissenschaft noch teilweise den Kopf einnimmt, die vorzugsweise berufen ist, sich frei und unbefangen zu bewegen und Gründe anzugeben. Schon der Kampf gegen wissenschaftliche Irrthümer ist für den Forscher Genuß, doppelt lohnend aber wird sein Streben, wenn für die Menschheit zu verwertende Ergebnisse erzielt werden, wenn für praktische oder auch ideelle Ansprüche befriedigender Nutzen und Vortheil errungen wird.

Gelegenheit und Erfahrung bedingen in hohem Maße das Verhalten und die Unternehmungen vieler Thiere. So auch würde man sehr irren, wenn man die Katze ihrer Unentbehrlichkeit wegen als Hausgenosse der Menschen für unbedingt nützlich erklären und ihr uneingeschränktes Walten und Hausen auf ihren Raubzügen gestatten wollte. In unzähligen Haushaltungen sind die Katzen angewiesen, sich außerhalb zu ernähren, und man hält sie daheim in der Absicht an Nahrung knapp, um sie zum eifrigeren Mäusefang zu zwingen. Thorheit! Denn der hungernden Katze wird Geduld und Ausdauer zum Lauern an den Löchern und sonstigen Verstecken der Mäuse fehlen und ihr Sinn hauptsächlich auf Naschen und Stehlen gerichtet sein, nur um den Ernährungstrieb zu befriedigen, der unbefriedigt nothwendig Unruhe, Hast und Zugreifen des Aufgefundenen und Dargebotenen zur Folge haben muß. Eine Katze von zuverlässiger Abstammung, ausgestattet mit den wünschenswerthen Anlagen einer echten Katzennatur, fängt Mäuse, um in erster Linie den Trieb zu dem mit listigen Unternehmungen verbundenen Raubfange zu befriedigen. Diese Thätigkeit nimmt das Thier mit allen seinen Sinnen in Anspruch und übt auf das Seelenleben desselben einen überwältigenden Reiz aus, steigert mit der Leidenschaft zugleich ihm den Genuß. Erst in zweiter Linie steht das Behagen am Schmause. Ich kannte viele Katzen, die unmittelbar nach der Küchenmahlzeit statt zur Ruhe auf die Lauer sich begaben und stundenlang unverdrossen auf das Erscheinen von Ratten oder Mäusen warteten, ja, die ein halbes Dutzend Mäuse fingen, ohne auch nur eine einzige derselben nach vollzogener Tödtung anzurühren. Das ist seelische Leidenschaft oder, wie hohe Herren es nennen, Passion, noble Passion, die mich nebenbei zu einer Vergleichung veranlaßt. Die Leidenschaft, welche den gebildeten, echten Waidmann in Auffassung und Ausführung der Jagd beseelt, ist eine ganz andere, als die habgierige und mordsüchtige des rohen Wildschänders. Freilich findet vor der Katze auch das zarteste junge Mäuslein keine Gnade, [165] und in dieser Beziehung giebt es für den Waidmann keine Parallele, wohl aber für den „Aasjäger“, dem die niedere Mordgier inne wohnt, welche ihn des zarten Kitzchens und der trächtigen Häsin nicht schonen läßt.

Unsere Hauskatze muß entschieden vor Verwilderung, ja selbst vor periodischer Entfremdung vom Hause bewahrt bleiben, sonst fühlt sie sich nur wohl draußen in Gärten, Wiesen und Feldern.

Sehen wir uns zunächst einmal nach ihrem Hausen in den Gärten um. Mit scharfen Sinnen verfolgt sie den Wandel der Vögel. Erfahrung belehrt sie über die Eigenthümlichkeiten derselben; sie lernt ihre Schwächen und Stärken, die Mittel und Wege zu ihrer Erhaltung, Sicherheit und Rettung kennen; sie zieht Schlüsse aus ihren Tönen, ihrem Fluge, ihrem Wesen und Benehmen; sie fühlt aus allen diesen Aeußerungen den Seelenzustand, in welchem sich die Thierchen befinden, heraus, ihre Furcht, ihre Angst, Verlegenheit, Verzweiflung und Besorgniß um Nest und Brut. Da darf eine Maus den Weg kreuzen, die vogellüsterne Katze sieht ihr entweder im Kampfe mit vorübergehender Unschlüssigkeit in der Wahl nach, oder sie verfolgt nach rasch vollzogenem Fange ihren ursprünglichen höheren Zweck, die getödtete Maus zur Seite legend. Was hilft nun die List der ihrem Naturtriebe folgenden Grasmücke, welche sich zur Rettung der Brut in der Absicht, den Feind abzulenken, zur Erde niederfallen läßt und in täuschender Verstellung die mühsam dahinflatternde Flügellahme darstellt? Die Katze hat das schon öfters gesehen, und ihre mißlungenen Sprünge nach der trefflichen Schauspielerin haben sie bereits von der Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen überzeugt. Eingedenk so mancher glücklichen Entdeckung, späht und lauscht sie umher. Zuweilen führt das Auskundschaften aus den nächststehenden Büschen und Stauden zum Ziele, sicherer aber das zurückhaltende Lauern. Denn entweder kehren die Eltern bald mit Futter zur Brut zurück, oder diese letztere verräth durch Locken den Stand des Nestes und nun hat die Katze nur zu prüfen, wie sie zum Sitz der ausersehenen Opfer gelangen kann. Hier erreicht sie durch Klettern die auf Büschen und Bäumen stehenden Nester; dort weiß sie durch einen Sprung Nest und Inhalt mit sich hinabzureißen. Hier greift sie mit der Pfote möglichst tief in den Staarenkasten hinein; dort fängt sie auf der Lauer die Ernährer vor der Oeffnung weg, so daß die Insassen jämmerlich verhungern oder, wenn sie flügge genug sind, futtergierig schreiend hervorlugen und sich von der Mörderin ergreifen lassen.

Gelungene Unternehmungen reizen und treiben zu neuen an, und da die Vogelbeute für den Katzengaumen eine wahre Leckerspeise ist, so wird der Sinn der also lüstern gewordenen Katze mit aller Entschiedenheit und Bevorzugung auf solche Raubzüge hingelenkt. Die Folge ist empörend genug, denn die Verheerungen sind oft der Art, daß fast kein einziges Vogelnest in den Gärten den Sommer hindurch verschont bleibt, die von Katzen beschlichen und ausgespürt werden, ausgenommen diejenigen Nester, welche auf äußerst schwanken Zweigen und in den unzugänglichen Kronen der Bäume angebracht sind oder in engen und tiefen Höhlungen stehen.

Den Erdnistern geht es in Feld und Wiese nicht besser, womöglich noch schlimmer, denn die Katze nimmt zu wie an Alter so an Schlauheit und ersprießlicher Ausnutzung ihrer im Gedächtniß haftenden und Neigung wie actuelle Richtung bestimmenden Erlebnisse und Erfahrungen. Hier erweitert sich der Kreis ihrer Raubthaten, und Uebung mit Erfolg führt sie vom Kleinen zum Großen, von der Lerche zum Rebhuhn, von der Maus zum jungen Hasen. Da ist es nicht bloß die brütende Wachtel, das brütende Rebhuhn, die sie über dem Neste fängt, sondern ihr Verstand leitet sie zu weit bewundernswürdigeren Ausführungen fein ersonnener Thaten. Das allabendliche Locken der zerstreuten Hühnerketten weckt ihren Unternehmungsgeist. Sie hat das Aufstehen der jungen Hühner in der Dämmerung gesehen und das „Einfallen“ derselben in ihrer Nähe begünstigte einen Sprung nach einem derselben. Nun steht die Kenntnißreiche zur Dämmerzeit mit gespanntem Gehör und geschärftem Gesicht an den Plätzen, wo die Hühner sich zusammenrufen oder „einzufallen“ gewohnt sind. Gelegenheit macht Diebe – Uebung macht den Meister – Erfahrung bildet aus und um! Unsere verwilderte Katze fängt nun lieber Hühner, Wachteln, Lerchen und Wiesenschmätzer, als Mäuse. Aber noch nicht genug. Es rede das Räuberleben eines alten Katers, den ich persönlich kannte und der weniger verwildert, als vielmehr periodisch der Heimath entfremdet war. Eines Morgens sehe ich ihn mit einem jungen Häschen vor der Thür seines Herrn auf das Oeffnen derselben warten. Unversehrt liefert er die Beute der heraustretenden Magd ab, und der Hausbesitzer versicherte, daß dies der fünfte Hase in der zu Ende gehenden Woche sei, den ihm der Kater gebracht habe.

Zur Erläuterung dieses Auftritts möge die genügend verbürgte und sicher festgestellte Beobachtung dienen, daß Katzen, welche nicht gänzlich dem Hause entfremdet sind, den großen Raub nach Hause schleppen. Verwilderte Katzen dagegen, die sich von Haus und Hof ganz und gar entfernt haben und eigentlich nirgends daheim sind, thun dies selbstverständlich nicht, sondern verzehren auch den größeren Raub an sicherem Ort. Uebrigens sind es vorzugsweise die starken, alten Kater, welche sich sowohl durch Mannigfaltigkeit der Raubthaten, wie auch durch regelmäßiges Heimtragen der größeren Beute auszeichnen.

Solchen Ausschweifungen unserer Katzen muß Einhalt gethan werden, und wie sehr ich einerseits dem nützlichen Walten unserer Hauskatzen meine volle Anerkennung zolle, so entschieden spreche ich mich gegen Duldung verwilderter oder ausgearteter Katzen aus. Doch die Verhütung der genannten Uebel für die künftige Generation der Hauskatzen ist die beste Empfehlung, die ich geben kann, und folgende Regeln mögen als Schutzmittel gegen bedeutendere Ausschreitungen gelten.

Vor Allem gebe man der Katze von früher Jugend an, wie dem Hunde, eine vernünftige Dressur, die sich streng an die Principien der allmählichen Entwickelung und Ausbildung der thierischen Anlagen anschließt und die Sonderheiten der Race wie der individuellen Begabung in Rechnung bringt. Der Umgang mit Menschen fördert an sich schon seelische Bildung, wie viel mehr wird das Thier aber darin wachsen, wenn dieser Umgang zur förmlichen Erziehung sich gestaltet! Wer mit Geduld und Umsicht sich der Mühe einer solchen durchaus nicht zeitraubenden Erziehung seiner Katze widmet, der findet in der Artung des Zöglings bald Lohn. Die Kleine muß nach und nach an den Anblick der Vögel in Käfigen gewöhnt, ja, in ein gewisses Freundschaftsverhältniß womöglich versetzt werden, und das gelingt durch Verbringen in ihrer Nähe unter Aufsicht und Bewachung des Verhaltens der Katze, das stets in die nöthigen Schranken gelenkt werden muß.

Unvergeßlich bleibt in meiner Erinnerung das Verhältniß, in welchem eine Katze mit einem Staare und einem Rothkehlchen in der Stube lebte. Sie fraßen alle Dreie zusammen aus einem Napfe und nie unterstand sich die Katze, auch nur eine drohende Miene gegen diese Vögel anzunehmen. Mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit wich sie den Neckereien des Staares und seinen zeitweise nach ihr gerichteten Schnabelhieben aus; ihr Gewissen ließ die Kleinodien ihrer Herrschaft gleichsam als heilig gesprochene und dem Cultus der häuslichen Frömmigkeit geweihte Wesen vor ihren Augen erscheinen, und diese Würdigung des herrschaftlichen Vertrauens auf Verleugnung und Zurückdrängung des Naturtriebes war der Sieg, mit welchem eine ebenso einfache wie vortreffliche Erziehung triumphirte.

Ist die Katze mit dem Vogel in der Stube vertraut geworden, dann trägt man sie zu Nestern, lehrt sie da Entbehrung, Zurückhaltung, Selbstbeherrschung, Schonung, schärft ihr das Gewissen, so daß sie nach und nach die freilebenden Vögel ebenso respectiren lernt wie die gefangenen. In gleicher Weise verfährt man, um die Katzen vor dem Raube an jungen Hasen zu bewahren. Hierzu eignen sich junge Kaninchen, die man unter strenger Aufsicht in ihre Gesellschaft bringt. Der Erfolg dieser Erziehungsmittel wird überraschen. Die Katze ist bildsamer und lenkbarer, als man im gewöhnlichen Leben glaubt. Schon ihr scharfer Orts- und Orientirungssinn, der sie befähigt, mehrere Meilen weit den Rückweg zur Heimath zu finden, giebt ihr das Gepräge eines höher begabten, intelligenten Thieres. Verhätschelung muß natürlich der Erziehung fern bleiben; sie gehört ja auch nicht zu ihr, sondern zur Verziehung.

Eine zweite Grundregel, welche die Katze vor Ausschreitungen bewahrt und Entfremdung wie Verwilderung verhütet, ist die Einrichtung einer täglichen, zur bestimmten Zeit wiederkehrenden Fütterung.

[166] Endlich mache ich noch auf einen Umstand aufmerksam, der viele unserer Katzen im Winter zur Vogelräuberei verführt, nämlich das Ansammeln der Vögel an Gebäuden und in der Nähe von aufgeschichtetem Holz, von wo aus die Katzen im Sprung aus dem Hinterhalt die Futtersuchenden überlisten. Deshalb füttere man die Vögel an möglichst freigelegenen Plätzen, natürlich auch mit Berücksichtigung des Schutzes vor Habichten und Sperbern. Diese Maßregel empfiehlt sich hauptsächlich bei tiefem Schnee und hartem Frost, weil da die Vögel matt und dreist sich der Gefahr aussetzen. Ein von Schnee entblößter Platz mit ausreichendem und der Ernährungsweise der zusammengeschaarten Vögel entsprechendem Futter wird so zur doppelten Rettungsanstalt für die bedrängten Standvögel.

Wie sehr die erwähnten Maßregeln zu Gunsten einer für den Besitzer von Hauskatzen vortheilhaften Lebensrichtung dieser Thiere beherzigt zu werden verdienen, so wenig täusche ich mich über den Erfolg meiner Mittheilungen, denn die meisten Katzenhalter werden zu bequem und zu gleichgültig sein, um meine Rathschläge zu befolgen. Wirkt mein Wort aber nur bei Einigen, so geht es nicht zwecklos verloren, und der Grund zu weiteren Erfahrungen ist damit gelegt.

Karl Müller. 





Räuber und Wegelagerer im Pflanzenreich.
Studie von Carus Sterne.

Pflanzen, die ihres Gleichen anfallen, um sich auf ihre Kosten zu ernähren, sogenannte Schmarotzer, sind in großer Anzahl bekannt, die meisten verrathen sich schon äußerlich durch ihre bleiche, oft keine Spur von Grün enthältende Tracht. Die kleinsten Formen derselben, dem unbewaffneten Auge zum Theil unsichtbare Schimmelpilze, wagen sich wohl sogar, Ausschläge und andere Krankheiten erzeugend, an den lebendigen Thierkörper und massenhaft auftretend gelingt es ihnen nicht selten, denselben zu überwältigen und zu tödten. Alles das und durch lange Erfahrung unserem Verstande geläufige Erscheinungen, aber daß es höhere, mit allem Reize der Blumenschönheit geschmückte Gewächse giebt, welche mit Vergnügen ein kleines englisches Beefsteak verzehren, und zum guten Theile vom erbeuteten Wildpret leben, das ist eine erst durch neueste Untersuchungen glaubhaft gemachte und außer Zweifel gestellte Thatsache.

Die erste ausführliche Nachricht über einen solchen eingewurzelten Rinaldini gab der englische Naturforscher Ellis im Jahre 1768 in einem Briefe an Altmeister Linné. Man hatte ihm das grausame Gewächs lebend aus den Sumpfgründen Carolinas zugesendet, so daß er seine raubgierigen Gewohnheiten selbst beobachten konnte. Er gab das Steckbrief-Signalement des Banditen ungefähr folgendermaßen: Die Pflanze treibt aus einer Rosette sonderbar gestalteter Wurzelblätter einen Blüthenschaft empor, der einen Strauß so schöner, weißer, unserer Sumpfparnassie im Bau ähnlicher Blüthen trägt, daß Ellis den Namen Venusfliegenfalle (Dionaea muscipula) vorschlug, der dann auch Linné’s Beifall erhielt. Die Blätter sind mit wimperartigen Fransen eingefaßt und auf jeder Hälfte der Blattoberfläche stehen außerdem drei oder auch vier scharfe Borsten. Zwischen den letzteren sondern kleine röthliche Drüsen eine schleimige Flüssigkeit ab, durch welche Insecten angelockt werden, das gefährliche Parquet dieser Blätter zu betreten. Kaum ist dies geschehen, so klappen die beiden Halblappen zusammen, ihre Randwimpern verschränken sich wie die Finger eines Betenden so fest ineinander, daß man sie eher zerreißen als öffnen kann. Ellis behauptete, daß das Insect dabei gleichzeitig durch die erwähnten Borsten der Blattfläche gespießt werde, so daß man durch seine Beschreibung an die sogenannten eisernen Jungfrauen der mittelalterlichen Folterkammern erinnert wird. Indessen das Spießen war eine Uebertreibung, und Linné scheint den ganzen Brief für eine solche gehalten zu haben, denn er wollte nichts von der Verdauungskraft der Pflanzen wissen, welche Ellis bereits vermuthet hatte, er hielt die Venusfliegenfalle einzig für eine neue Art der sogenannten Sinnpflanzen und glaubte deshalb, daß das Blatt nur so lange geschlossen bleibe, wie das Insect mit seinen Bewegungen es reize, und sich nachher öffne, ohne einen Nutzen von dem eingefangenen Cadaver zu haben. Schon Ellis hatte nämlich bemerkt, daß auch die Reizung der Blattoberfläche mit einer Nadel oder einem Strohhalme das Blatt zum Zusammenklappen bringt, allein wenn es merkt, daß es kein Insect gefangen hat, öffnet es sich bald wieder, während dies sonst nicht geschieht. Linné’s Ansicht blieb indessen maßgebend, nur Darwin, der Vater, glaubte doch irgend einen Nutzen hinter der Jagdliebhaberei des Gewächses vermuthen zu müssen und meinte, daß sich die Blüthe vielleicht deshalb mit diesem Kranze von Fußangeln umgebe, damit kein Insect zu den Blüthen emporklettern könnte, um daselbst Zerstörungen anzurichten.

Darwin, der Sohn, hat bekanntlich nächst den deutschen Botanikern Sprengel und Müller am klarsten den Nutzen dargethan, welchen die blühenden Pflanzen aus dem Insectenbesuch ziehen, den sie, weit entfernt ihn verhindern zu wollen, durch Honigausschwitzungen und ein buntes Farbenkleid möglichst befördern. Wir ziehen an unseren Gartenlauben häufig ein Schlinggewächs mit großen herzförmigen Blättern und röhrenförmigen Blüthen, die gemeine Osterluzey, deren Blüthen auf’s Haar einer gewissen Art von Mausefallen gleichen. Der Hals der Blüthenröhre ist nämlich dicht mit steifen Härchen besetzt, die alle gegen den unteren bauchigen Hohlraum der Blüthe gerichtet sind, so daß sie ein Insect wohl hinein, aber nicht heraus kriechen lassen, wenigstens nicht eher, als bis es mitgebrachten Pollenstaub von andern Blüthen dort auf die Narbe abgestreift und neuen Pollenstaub dafür aufgenommen. Ist dies geschehen, so erschlaffen die gedachten Härchen, das Insect spaziert frei heraus, um, ungewitzigt durch die Gefangenschaft, bald genug in eine neue Falle zu gehen und dort seine Geschäfte zu wiederholen. Nur vor den Studien des jüngeren Darwin’s konnte man glauben, daß die so viel sinnreicheren Fangvorrichtungen der Venusfliegenfalle dieser gar keinen Vortheil einbringen sollten.

In der That bemerkte ein Landsmann der Pflanze, Dr. Curtis zu Wilmington in Nord-Carolina (1834), daß die todten Insecten im Innern der Blätter nach und nach unter Einwirkung eines schleimigen von den Blattdrüsen ausgeschiedenen Saftes aufgezehrt werden. Derselbe Beobachter erkannte auch den eigentlichen Sitz der Reizbarkeit in den erwähnten drei Borsten, und ein vorsichtiges Insect, welches zwischen ihnen, ohne sie zu berühren, hindurchwandelt, entgeht damit der drohenden Gefahr. Die Dreihaarigkeit ist eben überall verhängnißvoll. Ein anderer amerikanischer Naturforscher Canby vervollständigte vierunddreißig Jahre später (1868) diese Beobachtungen, indem er zeigte, daß kleine auf dem Blatte niedergelegte Fleischstückchen das Blatt gleichfalls zum Schließen reizten und bis auf einen geringen Rest völlig verdaut wurden, worauf sich das Blatt wieder öffnete, bereit, eine neue Mahlzeit einzunehmen. Er bemerkte ferner, daß Käse als zu schwer verdaulich nicht aufgenommen wurde, sondern im Gegentheil nicht selten das betreffende Blatt tödtete. Zu diesen gewiß schon an sich sehr merkwürdigen Beobachtungen kam vor zwei Jahren noch die des englischen Physiologen Dr. Burdon-Sanderson, daß der Nerv des reizbaren Blattes der Dionäa ganz ebenso wie die Muskeln und Nerven des thierischen Körpers von elektrischen Strömen durchkreist wird, die genau denselben Gesetzen folgen, wie jene, so daß hier eine sehr auffallende Aehnlichkeit zwischen beiden Reichen, sowohl hinsichtlich der Bewegung, wie der Verdauungsorgane, besteht.

Glücklicherweise brauchen wir nicht bis nach Amerika zu reisen, um ein solches Wunder der Pflanzenwelt zu erschauen; unsere Torfsümpfe und Moorbrüche enthalten fast überall in Mitteleuropa einige Pflanzenarten, die nicht nur ganz entsprechende Erscheinungen darbieten, wie die Dionäa, sondern geradezu zu den beachtenswerthesten und zierlichsten Bürgern unserer Flora gehören. Wir meinen die Sonnenthau-Arten, die freilich den meisten unserer Leser unbekannt sein werden, weil sie sich vor Betreten der Moore, aus Furcht vor nassen Füßen, [167] stets weislich in Acht genommen haben. Schon unsere ältesten deutschen Botaniker schauten mit einem Gemisch von Bewunderung und Ehrfurcht auf diese kleinen Gewächse, deren Anblick einem Jeden unvergeßlich bleibt, der sie je in ihrer Pracht gesehen. Mitten im Torfmoose eingebettet finden wir im Hochsommer, umkränzt von den immergrünen myrtenblättrigen Ranken der Moosbeere, eine Rosette kleiner hellgrüner verhältnißmäßig langgestielter Blätter, aus welcher ein höchstens fußhoher Blüthenschaft emporsteigt, der nur der Mittagssonne seine winzigen weißen Sternblumen erschließt. Die Letzteren interessieren uns aber weniger als die Blätter. Diese, von rundlichem Umriß bei der am häufigsten vorkommenden Art (Drosera rotundifolia), von länglicher Gestalt bei den etwas selteneren Schwestern (D. longifolia und intermedia), sind auf ihrer Oberfläche und am Rande mit zahlreichen röthlichen oder lebhaft rothen, mehrere Linien langen Drüsenhaaren besetzt, die am Grunde fleischig grün sind, an der verjüngten Spitze rothe, kölbchenartige Verdickungen tragen. Jedes dieser Wimperhaare trägt einen ganz kleinen Tropfen krystallklarer Flüssigkeit an seiner Spitze, so daß das Blatt mit einem Brillantendiadem umgeben scheint, wobei der Contrast des maigrünen Blattes mit dem purpurnen Haar und den schimmernden nie zusammenfließenden zahllosen Tröpfchen einen wunderzierlichen Anblick giebt.

Unsere tiefsinnigen Vorfahren, welche in der heißen Mittagsgluth, wenn aller übrige Thau von dem Rasen verschwunden war, die Tropfen auf diesen Gewächsen allein ausdauern sahen, vermutheten, und wie wir nun sehen mit Recht, ein Naturwunder dahinter und nannten die Pflanze Sindau, das heißt Immerthau, ebenso wie Singrün Immergrün, und Sinfluth nicht Sündfluth, sondern die große, allgemeine Fluth bedeuten sollte. Später wurde daraus nicht weniger bezeichnend Sondau, Sonnenthau, Ros solis. Damals, wo man aus der äußeren Ausgestaltung eines Naturkörpers seine Signatur, das heißt den medicinischen oder sonstigen Zweck, zu dem ihn Gott erschaffen, herauszulesen vermeinte, glaubte man im Sonnenthau ein Naturheilmittel gegen austrocknende, zehrende Krankheiten, namentlich also gegen die sogenannte Schwindsucht gefunden zu haben. „Denn,“ sagt Dodonäus in der Einleitung seines großen Kräuterbuchs, „wie das Kraut auf das Zäheste den auf ihn gefallenen Thau zurückhält, so daß die brennendste Sonnengluth ihn nicht zu verzehren vermag, so glaubt man, daß es die natürliche Feuchtigkeit im menschlichen Körper erhalten könne.“ Die Kräuterweiber rechneten den Sonnenthau zu den zauberkräftigen Wiederthon-Arten, einer Gruppe von Moosen und kleinen Farnkräutern, mit denen man Jemandem „die Kraft abthun und wiederthun“ zu können glaubte, und in der That haben die Sonnenthau-Arten etwas an Moose und Farnkräuter Erinnerndes, nicht allein in ihrer zierlichen Liliputgestalt, sondern auch darin, daß ihre jungen Blätter und Triebe – eine seltsame Ausnahme unter den blühenden Pflanzen – gleich den Farnwedeln, an der Spitze eingerollt sind.

Auch die Alchymisten wurden durch die Absonderlichkeit der Tracht unserer Sumpfpflanze angezogen und hofften eine Zeitlang, in diesem sonnenbeständigen Thau das Material zur Goldtinctur und zum Unsterblichkeitselixir entdeckt zu haben. Insbesondere trug der Chemiker Arnoldus de Villanova, der zu Ende des sechszehnten Jahrhunderts als Professor zu Barcelona lebte, später aber von der spanischen Geistlichkeit als Goldmacher und Teufelsschüler vertrieben wurde, zum Rufe der Pflanze bei. Er bereitete nämlich in Italien, wohin er sich geflüchtet, aus dem Sonnenthau sein berühmtes Goldwasser (Aqua auri), welches, wie heutzutage der Königstrank, alle Krankheiten heilen sollte, und da es in Gestalt eines wohlschmeckenden Liqueurs dargestellt wurde, unter dem Namen Rosoglio (von Ros solis, Sonnenthau) noch heute in Italien bereitet und genossen wird.

Der Erste, welcher über die Natur und Bedeutung der sogenannten Thautropfen dieser Pflanze, deren Reste als Torf unsre Oefen wärmen, in’s Klare kam, war der deutsche Botaniker Roth, welcher seine Beobachtungen schon im Juli 1779 anstellte. Es war ihm aufgefallen, daß bei einzelnen Blättern sämmtliche Drüsenhaare auf einen Punkt der Blattoberfläche zusammengeneigt waren und daß sich dem entsprechend auch die Ränder dieser Blätter ein wenig nach innen gebogen hatten. Als er einige dieser einer vielfingrigen geschlossenen Faust vergleichbaren Blätter untersuchte, fand er jedesmal ein todtes, mehr oder weniger verwestes Insect darin. Er setzte darauf einige Exemplare in Töpfe, um in seiner Behausung genauere Studien anzustellen.

Wenn er nun eine lebende Ameise oder einen kleinen Käfer auf das Blatt setzte, so heftete sich die Ausscheidung der Drüsenkölbchen in Gestalt feiner umstrickender Fäden an die Füße des Thieres und vereitelte zunächst seine Fluchtversuche. Allmählich begannen darauf die Härchen sich zu krümmen, zuerst die kürzeren der Blattfläche, dann die längeren Wimpern des Randes, und nach kurzer Zeit hatten sie sämmtlich ihre Kölbchen auf den Körper des Thieres gesetzt, welches, wie von den Fangarmen eines Polypen ergriffen, gewöhnlich nach einer Viertelstunde bereits verendet schien. Es vergingen aber Stunden, ehe das Blatt seine vollkommenste Aushöhlung erreichte, wobei die Lage der Wimpern derjenigen im jungen unentwickelten Blatte gleicht. Derselbe sorgfältige Beobachter bemerkte auch bereits, daß die Blätter bei Sonnenschein und warmer Luft viel reizbarer sind, als bei kühler und regnerischer Witterung, daß sie gegen die Berührung unorganischer Körper durchaus weniger empfindlich erscheinen, als gegen die Berührung lebender, und daß diejenigen der langblättrigen Arten sich um ihren Fang zusammenrollen, während das runde Blatt der gewöhnlichsten Art sich nur ein wenig vertieft und die Hauptarbeit seinen Fangarmen überläßt. Diese wiederholt von anderen Botaniker bestätigten Beobachtungen wurden indessen achtzig Jahre lang nicht erweitert, bis die Pflanze in neuester Zeit wieder die Aufmerksamkeit der Forscher auf sich zog.

Außer den englischen Naturforschern Darwin und Bennett und dem Franzosen Ziegler hat sich als einer der ersten Beobachter namentlich eine amerikanische Dame, Mrs. Mary Treat, ausgezeichnet. Sie experimentirte sowohl mit der aus unseren Mooren nicht seltenen langblätterigen Art, wie auch mit der bei uns nicht vorkommenden Drosera filifera, und sah nicht allein kleine Insecten, Ameisen, Spinnen, Fliegen, Mücken, sondern auch zuweilen größere, Motten u. dgl. gefangen. Legte sie in den warmen Tagesstunden todte Insecten oder kleine Bissen rohes Rindfleisch auf die Blattfläche der langblättrigen Art, so dauerte es nicht ganz zwei Stunden, bis sich das Blatt so vollkommen über seine Beute zusammengerollt, daß die Blattspitze den Stiel berührte. Sämmtliche Drüsenfäden convergirten dann auf dem Beutethiere[4] wie die Spieße auf der Brust des Winkelried in der Sage. Während ein Bissen rohes Fleisch das Blatt fast ebenso schnell wie ein lebendiges Thier reizte, äußerten trockene mineralische Substanzen, kleine Quarzkörner, Stückchen Kalk etc. selbst nach vierundzwanzig Stunden keine Wirkung. Nasser Kalk freilich reizte die Blätter vermöge seiner ätzenden Schärfe. Es gab sich also unzweifelhaft ein Unterscheidungsvermögen, oder sagen wir ein verschiedenes Verhalten für mineralische und animalische Körper kund, ja, Mrs. Treat glaubt sogar beobachtet zu haben, daß letztere schon aus einiger Entfernung von den Blättern empfunden werden. Sie befestigte im Juli 1873 eine lebende Fliege einen halben Zoll hoch über dem Blatte und sah dasselbe nach vierzig Minuten merklich aufwärts gebogen, nach weiteren zehn Minuten hatte es das Thier ergriffen und in seinen Fangarmen festgehalten.

Noch merkwürdiger klingen die Mittheilungen, welche der Botaniker Ziegler im Beginne des Jahres 1872 der Pariser Akademie über die Sonnenthau-Arten gemacht hat. Derselbe will festgestellt haben, daß alle todten thierischen Eiweißsubstanzen nur dann einen Reiz auf die Blätter der Sonnenthau-Arten hervorzubringen vermögen, wenn man sie vorher eine kurze Zeit zwischen den Fingern gehalten hat. Legte er sie, ohne die Finger zu gebrauchen, mit einer Zange auf die Blätter, so übten sie keine Wirkung. Befestigte er andererseits einen Klumpen Bluteiweiß, welchen er vorher eine halbe Stunde lang in der Hand gehalten, in der Nähe der Pflanze, so hatte sie nach vierundzwanzig Stunden gänzlich ihre Empfindlichkeit für Eiweißstoffe verloren. Dagegen wurden die Blätter nunmehr durch Chinin, welches in Papier eingeschlagen war, gereizt. Mag es sich aber mit diesen Erscheinungen verhalten wie es wolle, jedenfalls kann man sich auch die einfachsten dieser Reizwirkungen kaum ohne die Vermittelung von Empfindungsnerven denken, welche den Reiz fortpflanzen und den Muskelapparat zur Thätigkeit anregen.

[168]
Die Gartenlaube (1875) b 160.jpg

Pflanzen als Insectenfänger.
Nach der Natur aufgenommen von E. Schmidt.

[169] In der That hat man bei diesen wie bei anderen zur Gruppe der Sinnpflanzen gerechneten Gewächsen allerlei andere auf Nerventhätigkeiten hindeutende Erscheinungen wahrgenommen. So vermochte Darwin durch Nadelstiche die Bewegungsfähigkeit des Sonnenthau-Blattes zu lähmen, und Heckel in Montpellier, wie schon andere Botaniker vor ihm, hat gezeigt, daß Aether und Chloroform-Dampf die Sinnpflanze ebenso betäuben und unempfindlich gegen Berührung machen, wie große und kleine Thiere, z. B. auch Fliegen. Natürlich darf man daraus nicht auf ein centralisirtes Nervensystem wie bei den höheren Thieren schließen: die Reizbewegungen der Pflanzen würden vielmehr den Reflexbewegungen entsprechen, die z. B. ein enthaupteter Frosch ausführt, welchen man in’s Bein kneipt. Wirklich hat auch der Botaniker Nuttall frisch abgerissene Blätter der Dionäa im Sonnenscheine ähnliche Bewegungen, wie die der ungetheilten Pflanze, ausführen sehen, obgleich die Reizbarkeit schnell abnahm.

Jedenfalls ergiebt sich, daß die Pflanze nicht ein so völlig empfindungsloses und indifferentes Wesen zu sein braucht, wie man in der Regel annimmt, und der Spott des heiligen Augustin über die Manichäer, welche die Pflanzen als beseelt ansahen und die Ernten des Ackerbauers als einen Massenmord bezeichneten, verliert an treffender Schärfe. Auch die frommen, keine Thiere tödtenden Hindus und die Gemüseheiligen der alten Welt müssen einen sonderbaren Eindruck von diesen Pflanzen empfangen, welche mit Ausdauer Thiere tödten und verzehren.

Denn um ein Verzehren scheint es sich in der That zu handeln. Der Engländer Bennett stellte fest, daß sich bei den Drüsen des Sonnenthaues die Abscheidung des schleimigen Saftes vermehrt, sobald ein Insect gefangen ist, gerade wie die Magendrüsen zu träufeln beginnen, sobald ein Bissen im thierischen Magen anlangt. Fleisch erscheint durch diesen Saft in kurzer Zeit sehr verändert. Schon seit alten Zeiten kannte man die Schärfe des Saftes der Drosera und schrieb der mit Salz zerquetschten Pflanze blasenziehende Eigenschaften zu. Schon immer hat man die Blätter der Pflanzen im Allgemeinen wegen ihrer ernährenden Thätigkeit dem Magen der Thiere verglichen, aber man ahnte nicht, das es solche Blätter gebe, deren Oberfläche wie die Magenwand mit Verdauungssaft aussondernden und Nährstoff einfangenden Drüsen versehen wären. Nunmehr aber ist man aufmerksam geworden auf eine Gruppe von Pflanzen, deren Blätter stets einen mit Flüssigkeit gefüllten Hohlraum darstellen, auf die sogenannten Schlauch- und Kannenpflanzen. Man hat von diesen sonderbaren Sumpfgewächsen, die namentlich zu den drei Geschlechtern Nepenthes, Sarracenia und Darlingtonia gehören, viele poetische Schilderungen entworfen, nach denen sie dem Wanderer, der in weitem Sumpflande dem Verschmachten nahe sei, einen erfrischenden Trunk reserviren sollten, und selbst Linné berichtete von den Sarraceniaarten, daß ihre Flüssigkeit dürstende Vögel erquicke. Allein in Wirklichkeit findet man die von der Pflanze ausgesonderte Flüssigkeit in den oft künstlerisch schön geformten Krügen, deren Inhalt zuweilen durch einen besonderen Deckel gegen die Verdunstung und das Hineinregnen geschützt ist, stets mit zahlreichen Insectenleichen gefüllt, denen dann zuweilen insectenfressende Vögel nachgehen mögen. Die lebhafte Farbe und honigartige Ausschwitzungen am Eingange dieser Schläuche (die bei der californischen Gattung Darlingtonia oft einem aufgesperrten Reptilienrachen gleichen) locken diese Insecten an, die in Masse dort ertrinken.

Schon im Jahre 1791 hatte William Bartram vermuthet, daß diese Flüssigkeit in den Blattschläuchen einer nordamerikanischen Damensattelblume (Sarracenia variolaris) auflösende und verdauende Eigenschaften äußern möge, und im Jahre 1829 hat Burnett diese Muthmaßung bestätigt, während Dr. Mellichamp, ein Arzt in Südcarolina, diese Vermuthung durch neuere Versuche fast zur Gewißheit erhoben hat. Er beschreibt den abgesonderten Saft dieser Pflanze als von Geschmack schleimig zusammenziehend, und als giftig oder wenigstens betäubend für die Insecten. Die hineingefallenen Thiere werden nämlich schon nach einer halben Minute bewegungslos, erholen sich aber, wenn man sie bald rettet, allmählich wieder. Die Verdauung sei mehr einer beschleunigten Zersetzung zu vergleichen.

Die Säfte der vielfach in unseren Gewächshäusern wegen ihrer der zierlichsten getriebenen Goldschmiedsarbeit gleichenden Deckelkannen gezogenen Nepenthesarten hat Dr. Hooker in Kew auf ihre verdauenden Fähigkeiten geprüft und die lösende Einwirkung auf gekochtes Eiweiß, rohes Fleisch, Knorpelsubstanz etc. ganz erstaunlich gefunden. Mitunter waren die Stücke in Zeit von zwei bis drei Tagen völlig aufgelöst und zwar viel schneller im Schlauche selber, als wenn die Flüssigkeit in ein Glas abgefüllt worden war. Dr. Hooker schließt daraus, daß die innere Schlauchfläche entsprechend der Menge vorhandener Eiweißsubstanzen beständig einen dem Pepsin des Thiermagens vergleichbaren Stoff absondern möge.

Dieser räuberische Trieb scheint im Uebrigen ganz besonders der kleinen Familie der Sonnenthaugewächse, zu denen die Venusfliegenfalle ebenfalls gehört, eingeboren zu sein, denn im Hochsommer des vorigen Jahres beobachtete der Obergärtner B. Stein aus Berlin dieselbe Gewohnheit in einem besonders ausgeprägten Grade bei einer in Südeuropa wahrscheinlich mit dem Reiß aus Ostindien eingewanderten Droseracee, der Aldrovanda vesiculosa. Er fand dieses Wassergewächs auf einer Excursion in Schlesien massenhaft blühend in einem Teiche unweit Rybnik und überzeugte sich, daß jedes der in der Mittagssonne geschlossenen Blätter ein gefangenes Insect einschloß. Ja, dieses Gewächs zeigte sich bei warmer Wassertemperatnr (30° R.) als das empfindlichste aller seiner Verwandten, denn der Beobachter brauchte die Fläche eines geöffneten Blattes nur ein wenig mit einem Platindraht zu kitzeln, um es sofort energisch längst der Mittelrippe zusammenklappen zu sehen. Eine darauf geworfene Stecknadel wurde alsbald geschickt gefangen und erst nach achtzehn bis vierundzwanzig Stunden wieder fallen gelassen. Doch zeigte sich diese hochgradige Reizbarkeit eben nur bei sehr warmer Luft, wie schon der älteste Beobachter einer Sonnenthau-Art Aehnliches bemerkte. Bei niederer Temperatur bleiben sämmtliche Blätter der Aldrovanda zusammengelegt, und ebenso wenn man die Pflanze aus dem Wasser nimmt.

Seitdem hat Professor Cohn in Breslau noch bei einer anderen in unseren Wiesengräben nicht seltenen Pflanze, dem sogenannten Helm- oder Blasenkraut (Utricularia vulgaris) eine äußerst räuberische Einrichtung kleiner Schläuche entdeckt, die an den untergetauchten fadenartigen Blättern sitzen. Diese Schläuche haben nämlich eine ventilartige Thür, die sich nur von außen öffnen läßt, den hineinspazierten Thieren aber den Ausweg verweigert. Sie sind darum stets mit den Leichen und Hautskeleten von Wasserflöhen, Würmchen, Krebs-Thieren kleinster Art und Wasser-Käferchen gefüllt, deren Körper von der Pflanze ausgesogen worden sind. Wir können uns einer ausführlicheren Beschreibung dieser Pflanzen enthalten, da die Meisterhand Emil Schmidt’s uns das ganze Räubergeschlecht in einem wohlgetroffenen Bilde vorgeführt hat. Die obere Hälfte zeigt Vertreter der drei hauptsächlichsten Gattungen der vorerwähnten Schlauchpflanzen (Nepenthes, Darlingtonia und Sarracenia), die untere Hälfte, in derselben Reihenfolge von links nach rechts aufgezählt, die Venusfliegenfalle, das letzterwähnte Blasenkraut, die Aldrovanda, den rundblättrigen und den langblättrigen Sonnenthau.

Zum Schlusse will ich nicht unterlassen, Leser und Leserinnen auf das Vergnügen aufmerksam zu machen, welches ihnen das Selbstbeobachten der Jagd und Wegelagerei des in den meisten Torfsümpfen zu findenden Sonnenthaus bereiten würde. Wenn man eine handbreite Fläche Torfmoos aushebt, kann man mit Leichtigkeit mehrere dieser reizenden Ziergewächse damit nach Hause tragen und in eine mit Torfgrus gefüllte Schale verpflanzen. Ich habe mich des reizenden Gewächses mit seinem immerwährenden Thau und seinen Bewegungen wochenlang erfreut. Für unsere Terrarien kann es schon an sich keinen größeren Schmuck geben, als den Sonnenthau, den ich trotzdem noch nie in einem Terrarium gesehen habe. Welches Vergnügen, am Morgen nach den Goldfischen auch dem Sonnenthau unter der Glasglocke ein Stückchen Fleisch zu Erquickung zu reichen und zu sehen, wie es ihm wohlschmeckt! Gewappnet gegen die Fastenpredigten der Vegetarianer, kehren wir wohl dann zu unserem Mittagstische zurück, denkend, daß eine gebratene Gans auch am Freitage so gar sündhaft nicht sein könne, da selbst die unschuldigen Blumen ein kleines Beefsteak nicht verschmähen.


[170]
Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin.
Von Otto Glagau.
4. Die „Prospecte“.

In den Jahren 1871 und 1872 sah man die Berliner und auch die größeren Provinzialzeitungen unförmlich anschwellen, nicht den politischen Theil oder das Feuilleton – die vielmehr merklich zusammenschrumpften –, wohl aber die Börsenabtheilung und die Annoncen. Blätter, wie die Vossische und die National-Zeitung, glichen in jeder Nummer einem dicken Actenstücke, brachten täglich fünf bis zehn Bogen Beilagen, die von oben bis unten nur mit Inseraten bedeckt waren, und zwar in der Hauptsache mit solchen, die Gründungen und Emissionen verkündigten. Jede Nummer brachte ein paar „Prospecte“, und jeder „Prospect“ nahm eine oder ein paar Folioseiten ein, indem er in Druckerschwärze und weißen Zwischenräumen wahrhaft schwelgte, in der denkbar fettesten Schrift und in riesigen zollhohen Buchstaben sich präsentirte. Das war eine fette Zeit für die Zeitungen, und sie verstanden’s, das Fett abzuschöpfen. Sie ließen die Annoncenspalten schmäler und schmäler werden und erhöhten trotzdem die Insertionsgebühr in raschen Sprüngen um das Doppelte und Dreifache. Große Blätter mögen damals für Inserate zwei- bis fünftausend Thaler täglich eingesäckelt haben. Die Berechnung ist einfach. Die Seite kostet z. B. in der National- und in der Vossischen Zeitung circa 125, der Bogen etwa 500 Thaler. Vier bis sechs Bogen Inserate – während der Gründerzeit das Gewöhnliche – brachten also 2 bis 3000 Thaler, und wenn es acht bis zehn Bogen waren, was an vielen Tagen vorkam, 4 bis 5000 Thaler. In der „Kölnischen Zeitung“ stellen sich die Annoncen noch theurer. Aber der „Große Krach“ hat auch die Einnahmen der Zeitungen stark beschnitten. Statt der goldenen Inseratenfluth von damals ist heute die kläglichste Ebbe eingetreten; es werden nicht mehr so viele Hunderte eingenommen wie früher Tausende.

Die „Prospecte“ waren Entbindungsanzeigen. Eine neue Gründung war vollbracht, eine neue Actiengesellschaft hatte das Licht der Welt erblickt, und das liebe Publicum wurde zur Gevatterschaft eingeladen. „Prospect“ heißt bekanntlich zunächst Anblick, Aussicht, Fernsicht, und deshalb war das Wort sehr glücklich gewählt, überaus bezeichnend. Die „Prospecte“ können nicht besser verglichen werden als mit den Guckkastenbildern, wie man sie auf Kirmessen und Jahrmärkten zeigt. Man guckt in den Kasten und glaubt ein herrliches Schloß zu sehen, oder ein Bergwerk in vollem Betriebe, oder eine paradiesische Landschaft, aber in Wahrheit ist es nur eine grobe dicke Farbenkleckserei. Die „Prospecte“ freilich waren in der ersten Zeit der Gründungen nicht solch plumpe, sondern eine weit feinere, mehr künstlerische Arbeit, sodaß sie sich zuweilen wie ein farbiges Feuilleton oder gar wie ein schwungvolles Gedicht lasen. Man höre z. B. den „Prospect“ der „Ersten Altenburger Zuckerfabrik-, Kohlenabbau- und Landwirtschaftlichen Industriegesellschaft“: „Zu den gesegnetsten Fluren des deutschen Vaterlandes gehört der Ostkreis des Herzogthums Sachsen-Altenburg. Die vorzügliche Fruchtbarkeit seines Bodens ist allgemein anerkannt. Aber er birgt auch die werthvollsten unterirdischen Reichthümer – ein Braunkohlenlager von seltener Mächtigkeit, das für diese Gegend eine industrielle Entwickelung in Aussicht stellt, welche nur der weckenden und fördernden Hand wartet, um rasch eine dauernde Blüthe zu erlangen. – Inmitten dieses Bezirks liegt das Rittergut Zechau, unter diesen reichen Geländen die Krone der dortigen Landgüter etc.“

Der verlockenden Schilderung des Gründungsobjects folgte stets eine noch hinreißendere „Rentabilitäts-Berechnung“. Den Actionären wurde ein Gewinn verheißen, der den Edelmuth der Gründer in das hellste Licht stellte und es fast unbegreiflich erscheinen ließ, wie sie solch kostbares hocheinträgliches Object überhaupt weggeben konnten. Allermindestens wurde eine Verzinsung von zehn Procent in Aussicht gestellt, aber in der Regel weit mehr. Das Vergnügungsetablissement „Flora“ in Charlottenburg rechnete zwölf Procent Dividende heraus; trotzdem ist der Cours heute nur 20. „Berlin-Charlottenburger Bauverein“, eine Schöpfung des Herrn Richard Schweder, versprach nicht blos eine derartige Dividende, sondern stellte schon im „Prospect“ einen Gewinn von dreizehn Procent als vollendete Thatsache hin, weshalb die Actien auch zum Course von 110 aufgelegt wurden; – merkwürdiger Weise ist dieser aber auch inzwischen bis auf 35 gesunken. Maschinenfabrik von vormals Egells versprach in den ungünstigsten Jahren fünfzehn Procent, sonst mehr: – heutiger Cours 28. Kattun-Manufactur von vormals Schwerdtfeger in Eilenburg wies siebenzehnundeinhalb Procent als frag- und zweifellos nach: – heutiger Cours 50. Bei vielen anderen Gesellschaften ist das Mißverhältniß noch weit größer; wir wollen nur einige anführen:

Joseph Beer selige Wittwe in Liegnitz versprach für die „Schlesische Wollwaaren-Fabrik“, welche „aus dem vorigen Jahrhundert datirt“, „eines Weltruhms genießt“ und ein Waarenhaus besitzt, dessen „sehr ausgedehnte Räume von Einem Punkt aus übersehen werden können“ – fünfzehn bis zwanzig Procent Dividende. Heutiger Cours 20.

Herr Naumann, herzoglicher Domainenpächter, rechnete für die „ Altenburger Zuckerfabrik und Kohlenabbau-Gesellschaft“ einen Gewinn von 113,000 Thalern jährlich heraus, und zwar auf einen Zeitraum von einhundertzwanzig Jahren. Heutiger Cours 4.

Herr Jean Fränkel verhieß für die „Märkische Torfgräberei“, mittelst welcher er Berlin mit billigem Brennmaterial versorgen wollte – fünfzehn Procent Dividende. Heutiger Cours 4 Brief.

Freiherr von Werthern versprach für die von ihm verkauften „Vereinigten Oderwerke“ eine Dividende von neunzehn Procent. Heutiger Cours – 0.

„Remscheider Stahlwerke“ von vormals Arntz u. Co., mit 110½ an der Börse eingeführt, ließen eine Dividende von über dreißig Procent erwarten. Heutiger Cours – 0.

Um dies erschreckliche Mißverhältniß einigermaßen aufzuklären, wollen wir uns zu ein paar Bemerkungen verstehen: „Altenburger Zuckerfabrik“ den Actionären mit 700,000 Thaler überwiesen, kam kürzlich unter den Hammer des Subhastationsrichters. Das Meistgebot war etwa 200,000 Thaler, ging aber auch nur von den Hypothekengläubigern aus, die so ihre Forderungen retten wollten. Für die Actionäre selber ist kaum etwas zu hoffen. „Vereinigte Oderwerke“ bestanden in einem Lehmstich mit Ziegelei, welche der Gesellschaft 162,000 Thaler kosteten. „Märkische Torfgräberei“, von der Börse, welche eine sehr feine Nase hat, alsbald „Märkische Todtengräberei“ benannt – war gleichfalls nur eine Torfwiese, und noch dazu eine sehr fragwürdige, welche Herr Jean Fränkel den Actionären mit 210,000 Thalern in Rechnung stellte. Diese Summe war so haarsträubend, daß selbst der Vorbesitzer darob erschrak, wiewohl auch er die Torfwiese gewiß nicht billig abgegeben hatte, und in einem anonymen Inserat das auf „Märkische Todtengräberei“ begierige Publicum höflichst einlud, sich nach der Moritzstraße 5, parterre, links, bemühen zu wollen, wo man ihm über die Gründung reinen Wein einschenken werde.

Herr Jean Fränkel aber, obgleich er nur zu den Gründern zweiter oder gar dritter Classe gehört, verdient etwas näher in’s Auge gefaßt zu werden. Er ist nämlich ein Mann von Charakter und Consequenz. Andere seiner Berufsgenossen haben, sei es aus Laune, sei es aus Versehen, mitunter eine mehr oder minder lebensfähige Gesellschaft in die Welt gesetzt. Das aber hat Herr Jean Fränkel, gleichsam des Princips wegen, nie gethan. Unter den faulen Gründungen der Schwindelperiode sind die von ihm begangenen die faulsten. Sie stinken sämmtlich zum Himmel. Selbst die Börse, die in solchen Dingen nicht wählerisch, nicht ekel ist, kann die Gründungsleichen des Herrn Jean Fränkel nicht handeln, ohne daß ihr eine Gänsehaut über den Rücken läuft. Neben der „Märkischen Todtengräberei“ sind noch zu nennen: „Berliner Weißbierbrauerei“, vormals Gericke – heutiger Cours 20, „Charlottenburger Baugesellschaft“, unter Mitwirkung des Bürgermeisters von Charlottenburg, Herrn Bullrich, verübt – heutiger Cours 8, und „Nieder-Schönhausener Baugesellschaft“, die gar nicht mehr notirt wird. Der Besitz dieser Gesellschaft besteht in einem Sandplatze, der ihr für 230,000 Thaler aufgehalst wurde. Während der Verkäufer [171] des Torfbruchs von Skaby nur anonym protestirte, erhoben die Bauern von Schönhausen ein lautes zorniges Protestgeschrei, aber Herr Jean Fränkel kümmerte sich ebenso wenig um das eine wie um das andere. Und warum auch? Was die Vorbesitzer gegen ihn trieb, war sicher nicht Mitleid mit den betrogenen Actionären, sondern das Verlangen, auf den Attentäter eine Pression zu üben, zu versuchen, ob sich nicht nachträglich noch etwas von ihm herausschlagen ließe.

Da wir einmal von oberfaulen Gründungen sprechen, so verlangt die Gerechtigkeit, daß wir hier auch Herrn Robert Baumann einschalten. Allerdings rangirt er etwas höher als Herr Jean Fränkel, denn er hat etwa drei Mal so viel wie dieser gegründet, und darunter auch einige erträgliche Sachen; z. B. „Berliner Bank“, „Bank für Rheinland und Westphalen“, „Hessische Bank“, „Hessische Brauerei“ und „Zeitzer Eisengießerei“. Auch „Egells’sche Maschinenfabrik“ wollen wir ihm hingehen lassen. Aber ganz und gar nicht zu entschuldigen sind: „Allgemeine deutsche Handelsgesellschaft“ – heutiger Cours 13, „Berliner Nord-Eisenbahn“ – heutiger Cours 8, und vor Allem nicht der so entsetzliche, heute mit ¼ Brief notirte „Thüringer Bankverein“ in Erfurt, dessen Directoren, Moos und Uhley, bekanntlich durchbrannten und dann im „Kladderadatsch“, unter Beifügung ihres Portraits, steckbrieflich verfolgt wurden. Auch an der „Deutschen Buchhändler-Bank“ war Herr Robert Baumann mit thätig, einer Gründung, die, obgleich hier als Geburtshelfer solch berühmte Volkswirthe wie Julius Faucher und Karl Braun-Wiesbaden fungirten, dennoch todt zur Welt kam.

Endlich ist Herr Robert Baumann auch der wahre Urheber der „Altenburger Zuckerfabrik“, nur daß der hochpoetische „Prospect“ nicht von ihm selber herrührt. Nach der „Stilprobe“ zu urtheilen, die einst die „Neue Börsenzeitung“ von ihm veröffentlichte und in der er sich gegen gewisse Anschuldigungen in Sachen „Berliner Bank“ und „Nordbahn“ zu rechtfertigen versuchte, scheint er nicht gerade ein „Held der Feder“ zu sein. Um seine Gründungssünden in etwas wieder wett zu machen, vielleicht auch nur, um die Aufmerksamkeit von ihnen abzulenken, paradirte er mit dem „Invalidendank“, gab und sammelte er ostensibel zu patriotischen und wohlthätigen Zwecken, suchte er mit der Aristokratie anzuknüpfen. Dessenungeachtet blieb er titel- und ordenlos, was uns billig Wunder nimmt.

Nach dieser Abschweifung zu Gunsten der Herren Jean Fränkel und Robert Baumann kehren wir zu den „Prospecten“ zurück. In zahlreichen Fällen wurde eine Dividende nicht nur verheißen und ausgerechnet, sondern von den Vorbesitzern resp. Gründern auch garantirt. Herr Leuffgen versprach für die von ihm verkaufte Glasfabrik „Albertinenhütte“ bei Charlottenburg eine Verzinsung von 16 Procent und garantirte eine Minimaldividende von 10 Procent auf fünf Jahre; trotzdem ist der Cours bis auf 19 zurückgegangen. Die Herren Schöller und von Alpen garantirten für die „Aachener Tuchfabrik“ gleichfalls 10 Procent Dividende für die ersten fünf Jahre; in Folge dessen wurden die Actien mit 105 aufgelegt, sind aber schon lange nicht mehr auf dem Courszettel zu finden.

Aehnliche Zinsgarantien leisteten Herr Hermann Lehl für die „Dampfmühlen-Gesellschaft in Stralsund, Joseph Beer selige Wittwe in Liegnitz für die „Schlesische Wollwaarenfabrik“, Herr J. C. Harkort für die „Gesellschaft für Eisenindustrie und Brückenbau“ in Duisburg – lauter Actien, deren Coursstand schon seit Jahr und Tag jeder Zinsgarantie Hohn spricht. Der schreiendste Fall ist jedoch „Bergbrauerei Hasenhaide“ in Berlin: mit 8 Procent Dividende garantirt, ist der heutige Cours – 1¼ Brief!! Entweder war die Zinsgarantie auch nur ein Versprechen, das man auf sich beruhen ließ, oder wenn die Verkäufer wirklich die betreffende Summe sicher stellten, gehörte diese schon zu den Gründungskosten, steckte sie eben im Actiencapital, so daß sie thatsächlich von den Actionären selber aufgebracht wurde und es sich wieder um eine bloße Augenverblendung handelte.

Daß die „Prospecte“ hinsichtlich der Rentabilitätsberechnung wie des Erwerbspreises, also in den beiden wesentlichen Punkten, fast regelmäßig arge Täuschungen und grobe Unwahrheiten enthielten, sprach die „Spener’sche Zeitung“ in ihrer Börsen-Rückschau vom 31. December 1872 offen an. Es war dies um so verdienstlicher, als das Blatt damals, von Herrn Wehrenpfennig redigirt, der „Preußischen Boden-Credit-Actien-Bank“ angehörte, an deren Spitze Herr Richard Schweder stand, der Gründer par excellence. Leider wird das Verdienst der genannten Zeitung dadurch etwas geschmälert, daß sie jene freimüthige Aeußerung so spät that, als der Gründungsschwindel bereits so gut wie zu Ende war.

Die „Prospecte“, gewöhnlich unter juristischem Beirath entstanden, sind mit einer wahren Meisterschaft abgefaßt. Sie versprechen Alles und verpflichten zu Nichts. Nur höchst selten haben die Gründer sich im „Prospect“ eine Blöße gegeben oder auf Grund des „Prospects“ zur Rechenschaft gezogen werden können, und noch seltener haben die betrogenen Actionäre wirklich etwas zurückerhalten. Nur Ein nennenswerthes Beispiel schwebt uns augenblicklich vor. Es ist der Fall der „Sudenburger Maschinenfabrik“, vormals F. A. Klusemann in Magdeburg, wo die Uriane einen Theil ihres Raubes factisch herausgeben mußten. –

Der „Prospect“ wurde in etwa zwanzig bis dreißig Zeitungen gerückt, und zwar nicht ein Mal, sondern mehrere Male. Die Veröffentlichung des „Prospects“ und sonstige Insertionskosten machten eine Ausgabe bis zu zehntausend Thalern und mehr nöthig,[5] woraus man entnehmen kann, daß die Gründungsspesen nicht klein waren. In erster Reihe erhielten das Inserat sämmtliche Börsenblätter, die damals wie Pilze emporschossen, sodann die großen politischen Zeitungen und auch wohl verbreitete Localblätter. Es handelte sich um die größtmöglichste Publicität; es handelte sich aber auch um Unterstützung, wenigstens um Schonung. Deshalb wurden auch solche Blätter bedacht, die keinen besonderen Leserkreis hatten, aber doch irgendwie zu fürchten waren. Alle Blätter, groß wie klein, lechzten nach Gründungs- und Emissionsanzeigen; die kleineren bewarben sich darum, oder druckten sie unaufgefordert ab und schickten Belag nebst Rechnung ein, die in der Regel auch bezahlt wurde, denn man verstreute ja das Geld. Erst als die Schwindelperiode zu Ende ging, ward man sparsamer, und da findet sich denn unter den Inseraten der für die meisten Leser gewiß räthselhafte Vermerk: „Nachdruck wird nicht honorirt.“ Blätter, die mit den Anzeigen nicht „betheiligt“ wurden, erhoben wohl ein Geschrei, griffen die Gründung versteckt oder offen an. Das war ein Wink für die Gründer. Sie holten das Versäumte nach, und nun brachte dasselbe Börsenblatt eine sehr günstige Besprechung, empfahl das Unternehmen als durchaus solide und höchst rentabel.

Das bloße Inserat genügte nicht, die Gründung mußte auch im redactionellen Theil erwähnt, der „Prospect“ hier theilweise übernommen oder umschrieben werden. Kleinere Blätter besorgten das schon um des Inserats willen, die größern aber nur gegen besonderes Honorar, und dieses betrug in der Regel weit mehr als die Insertionsgebühr. Ohne Rücksicht auf das Inserat wurde in den tonangebenden Börsenblättern manche Gründung erbarmungslos angegriffen und erst hinterher, nachdem sie sich ihrer Schuldigkeit bewußt geworden, zu Gnaden angenommen. So hatte, um ein Beispiel für hundert anzuführen, ein sehr bekanntes Börsenblatt zunächst „Berliner Weißbier, vormals Gericke“, nach Gebühr verarbeitet, aber ein paar Tage später legte sie dieser Tochter des Herrn Jean Fränkel, diesem Monstrum, die Hände segnend auf das Haupt und sprach mit dem Grafen von Savern:

Dies Kind, kein Engel ist so rein,
Laßt’s Eurer Huld empfohlen sein!

Weit geschickter verfuhr in solchen Fällen die „Neue Börsen-Zeitung“, ja nicht ohne Humor und Schalkhaftigkeit. So schrieb sie. „Wir finden in verschiedenen Blättern eine Aufzählung der Leistungen der Maschinenfabrik ‚Berliner Vulkan‘. Wir können es uns um so mehr versagen, auf die Einzelheiten näher einzugehen, als denselben durch die übereinstimmende Reproduction in den übrigen Blättern eine mehr als hinreichende Publicität gegeben ist. Unsere Aufgabe dürfen wir als erfüllt betrachten, wenn wir darauf hinweisen, daß die Leistungen der Fabrik für [172] uns die gute Verzinsung des nur 450,000 Thaler betragenden Actiencapitals außer Zweifel stellen.“ – Nur 450,000 Thaler!! Fürwahr eine Kleinigkeit! Und auch mit der „guten Verzinsung“ hatte die „Neue Börsenzeitung“ Recht. Im „ersten Geschäftsjahr vertheilte der von Herrn Leopold Hadra aus der Michalkowsky’schen Fabrik componirte „Vulcan“ wirklich sieben Procent Dividende, seitdem aber keinen Heller mehr. Deshalb notirt ihn die Börse auch heute mit 16; wir fürchten sogar, daß er sich auf dieser Höhe nicht lange erhalten, sondern noch tiefer, viel tiefer sinken wird.



Blätter und Blüthen.


Salicylsäure. Die diesjährige Nr. 7 der „Gartenlaube“ hat einen sachgemäßen kurzen Aufsatz über Salicylsäure gebracht, welcher einiger kleiner Berichtigungen bedarf. – Die nach dem dort mitgetheilten und in allen Staaten Europas und für Amerika patentirten Verfahren gewonnene Salicylsäure wird nicht so in den Handel gebracht, sondern zuvor einem sorgfältigen Reinigungsprocesse unterworfen, um sie von anfänglich noch beigemengten harzigen und färbenden Verunreinigungen zu befreien. Man würde zuversichtlich der rohen unansehnlichen Salicylsäure nicht die freundliche Aufnahme bereitet haben, der sich jetzt die schneeweiße reine Verbindung rühmen darf.

Irrthümlich in jenem Aufsatze ist die Angabe, daß die durch ihre antiseptischen Wirkungen ausgezeichnete Salicylsäure, in kleiner Menge dem Biere beigemischt, das Sauerwerden desselben verhindere, auch wenn dasselbe in offenen Gefäßen der Luft ausgesetzt ist. Nicht das Sauerwerden des Bieres vermag die Salicylsäure unter jenen Umständen zu hindern, wohl aber und vollständig jegliche Pilz- und Schimmelbildung, d. h. das Rahmigwerden des Bieres. – Die Fähigkeit der Salicylsäure, Kuhmilch eine Zeitlang vor dem Sauerwerden und Gerinnen zu bewahren, steht außer Zweifel; aber da hierbei die Temperatur und die Menge der beizumischenden Salicylsäure, auch die Art und Weise des Eintragens von Belang sind, so bedarf es, um jene Eigenschaft praktisch zu verwerthen, erst noch einer Anzahl von Versuchen, welche am besten von intelligenten Landwirthen in größerem Maßstabe angestellt werden.

Dasselbe gilt vom Conserviren des Fleisches. Wenn schon die Versuche im Kleinen überaus günstige Resultate gegeben haben, so ist auch hier das zweckmäßigste Verfahren, große Mengen Fleisch wochenlang vor Fäulniß zu schützen und wohlschmeckend zu erhalten, durch besondere Versuche noch zu ermitteln.

Die unlängst im „Journal für praktische Chemie“ veröffentlichte Arbeit des Professors Neubauer in Wiesbaden über die gährunghemmende Wirkung der Salicylsäure, welche in Bezug auf die Weingährung die schon früher von Professor Kolbe und Dr. von Meyer gemeinschaftlich gemachte Beobachtung bestätigt, daß kleine Mengen Salicylsäure die gährungerregende Wirkung der Hefe auf Zucker zu hemmen oder ganz zu vernichten vermögen, verspricht besonders für die Weintechnik von großer Wichtigkeit zu werden. Professor Neubauer spricht sich darüber am Schlusse seiner Abhandlung mit folgenden Worten aus. „Die Nachgährungen sind und bleiben eine Calamität für den Weinproducenten wie für den Weinhändler; sollte es gelingen, sie durch Salicylsäure zu beseitigen, und ich zweifle keinen Augenblick daran, so hätte die Weintechnik einen ungeheuren Fortschritt gemacht. Ebenso steht zu erwarten, ja ist mit Sicherheit anzunehmen, daß sämmtliche Weinkrankheiten, die durch Pilze eingeleitet werden, sich durch Salicylsäurezusatz werden verhindern lassen.“ –

In überraschender Weise scheint die von Professor Kolbe ausgesprochene Vermuthung sich bestätigen zu wollen, daß die mit so hervorragenden antiseptischen Eigenschaften begabte Salicylsäure nach innerlichem Gebrauche als Arzneimittel bei Diphtheritis, Masern, Scharlach, Pocken, Cholera und andern Blutkrankheiten von günstigem Erfolge sein möge. Von mehreren anerkannt tüchtigen Aerzten sind in dieser Beziehung, zumal bei Diphtheritis, bereits glänzende Resultate erzielt worden.

Endlich sei noch die Bemerkung gestattet, daß mit den in Nr. 7 dieses Blattes erwähnten Zahnmitteln wohl die in ganz vortrefflicher Weise bereiteten Zahnpulver und Mundwässer der Engelapotheke in Leipzig (R. H. Paulcke) gemeint sein dürften, sowie daß die Salicylsäure selbst dem größeren Publicum nur nach und nach durch die Droguenhandlung zugänglich gemacht werden kann, da mein Etablissement erst seit Kurzem in größeren Betrieb gekommen ist und deshalb die massenhaften Aufträge eben noch kaum zu bewältigen sind.

Dresden.

Dr. F. von Heyden.


Klagen einer Mutter. Erstaunlich ist es, welche Grundsätze gerade jetzt das Herz und die Vernunft eines heranwachsenden Weltbürgers zu verwirren drohen.

Vor kurzer Zeit kam z. B. mein Töchterchen aus der Schule zurück, wo eben ein junger Professor der Naturwissenschaften einen Feuerbrand in die jungen Seelen geworfen hatte. „Mama, denke nur, der Herr Professor hat heute gesagt, der liebe Gott bekümmere sich blutwenig um das, was wir Menschen hier unten machen – ist denn das wahr?“ Diese gefährliche Doctrin zu bekämpfen war nun meine Sache.

Kaum eine Woche nachher kam die Kleine wieder ganz erregt, ganz Feuer und Flamme für das Wundertractätlein, demzufolge das Mädchen in Bois d’Haine schon seit 1872, außer der täglich genossenen Hostie, ganz ohne Nahrung geblieben sein und jeden Freitag aus den deutlichen Wundmalen Christi an Händen und Füßen Blut ausgeschwitzt haben soll. Der Religionslehrer – sonst ein sehr liebenswürdiger und toleranter Mann – hatte doch nicht umhin gekonnt, dieses jüngste kirchliche Märchen mit den entsprechenden Deutungen als die neueste göttliche Offenbarung zu verkünden.

Nun frage ich Einen, ob man nicht wahrhaft Salomonischer Weisheit bedürfte, um ein Kinderherz durch solch widerstreitende Angriffe, wie die beiden angeführten Fälle sind, schadlos hindurchzuführen.

Die Erzählung des albernen Märchens halte ich jedenfalls immerhin noch für unschädlicher, als die unzeitige Offenherzigkeit des Naturforschers. Letzterer beraubt das Kinderherz, ohne ihm Ersatz bieten zu können, während der eifrige Diener der Kirche so übermenschlich viel giebt, daß jede gesunde Natur sofort das Uebermaß zurückstößt. Wie sehr wäre zu wünschen, daß Lehrern der Jugend das Maßhalten als erste Pflicht vorschwebte. Man glaubt nicht, wie instinctiv ein Kind jedes Ueberschreiten der Grenzlinie würdevoller Mäßigung empfindet und wie sehr gerade in den Augen der Kinder ein Erwachsener verliert, der – ob Lehrer oder nicht – Ansichten preisgiebt, mit denen er vielleicht selbst noch nicht ganz im Reinen ist.



Amerikanischer Humbug. Ein Thee- und Kaffeehändler in Boston, der zu den Feiertagen ein gutes Geschäft machen wollte, stellte vorn in seinem Laden einen kolossalen Theekessel zur Schau aus und lud Jedermann ein, dessen ungefähren Inhalt zu schätzen, wobei er für diejenigen, welche am besten riethen, zwei Preise aussetzte: eine Kiste Thee und fünfundzwanzig Pfund Kaffee. Zwölfhundert Competenten ließen ihre Schätzungen von zehn bis dreitausend Gallons registriren. Am Neujahrstage wurde in Gegenwart von fünf- bis sechstausend Menschen der Theekessel öffentlich gemessen und die zwei Preise vertheilt. Der Kessel maß genau zweihundertsiebenundzwanzig Gallonen, zwei Quart, ein Pint und drei Gills. Die nächste Schätzung reichte bis drei Gills, und acht Personen hatten dieselbe gemacht, weshalb ihnen die Theekiste zur Vertheilung unter sich gegeben wurde. Den zweiten Preis, die fünfundzwanzig Pfund Kaffee, hatten sieben Personen unter sich zu theilen, welche bis auf fünf Gills richtig gerathen hatten. Selbstverständlich machte der Mann, der diesen echten Yankee-Einfall hatte, ein enormes Geschäft.



Von Karl Schurz, unserem Landsmanne in Amerika, ist eine „Geschichte der Vereinigten Staaten“ zu erwarten, welchem Werke er seine jetzige volle Muße widmen will. Ein hervorragender Amerikaner hat in Bezug hierauf schon vor einigen Jahren die Aeußerung gemacht, „daß der einzige Mann, der die politische Geschichte Amerikas gründlich kennt, ein Deutscher ist“, dem auch alle Fähigkeiten zur Verfassung eines solchen Werkes im höchsten Grade gegeben seien.



Bitte. Eine seit drei Jahren durch Gelenkgicht gelähmte Dame wendet sich mit der inständigen Bitte an solche Leidensgefährten, welche. die Höhle Monsummano in Toscana besucht haben, ihr möglichst genaue Auskunft über dieselbe, über den wirklichen Erfolg der Cur und die Art und Dauer des Leidens, gegen welches sie gebraucht worden, zu geben. – Gütige Mitteilungen wolle man an die Redaction der Gartenlaube richten.




Kleiner Briefkasten.

Anonymus A. Z. Geruch aus dem Munde entsteht durch Zersetzungsprocesse; eine radicale Beseitigung des Uebels ist nur durch Entfernung der Ursache möglich. Worin bei Ihnen die Ursache liegt, wird Ihnen wahrscheinlich jeder rationelle Arzt sagen können.

Langjähriger Abonnent in Breslau. Ein Arzt, welcher ein werthvolles neues Heilverfahren entdecken und dasselbe als Privatgeheimniß für sich ausnutzen würde, wäre in den Augen seiner Collegen und aller rechtlichen Menschen als Verräther an der Ehre seines Berufs geächtet. Er würde sich übrigens durch ein solches Verheimlichen auch vom rein „geschäftlichen“ Standpunkte mehr schaden als nützen. Sie können vollkommen sicher sein, daß die Geheimmittel-Doctoren ohne Ausnahme Schwindler sind.

M. in P. Der fragliche Briefwechsel ist bei Hoffmann u. Campe in Hamburg erschienen, und kostet der erste Band, worin das Gewünschte abgedruckt ist, drei Thaler.

Alter Leser in Lg. Von Zeit zu Zeit werden gewisse Substanzen unter chinesischen Namen als Heilmittel angepriesen; dahin gehört auch das Pen-tsao. Der einzige wirklich werthvolle Arzneistoff, welchen uns Ostasien liefert, der Rhabarber, ist bereits regelmäßig noch Europa gebracht worden, bevor es einen directen Verkehr mit China gab. Würden die Chinesen noch irgend welche andere besonders ausgezeichnete Arzneimittel besitzen, so würden wir dieselben längst auf dem gewöhnlichen Handelswege erhalten haben. Die übertriebenen Anpreisungen von angeblich chinesischen „Heilmitteln“ sind daher einfach als Geschäftsreclamen zu betrachten, da keine der chinesischen Arzneipflanzen – Rhabarber ausgenommen – wesentliche Vorzüge vor den einheimischen besitzt.

Abonnent in Gießen. Die Erzählung von E. Werber: „Eine Leidenschaft“ ist ebenfalls in der Gartenlaube und zwar im Jahrgange 1872 erschienen.

B. in O. Trunksucht läßt sich nicht heimlich und nicht ohne die willenskräftige Mitwirkung des Patienten heilen. Am meisten Aussicht auf Erfolg bietet ein längerer Aufenthalt in einer Anstalt für Nervenkranke; lenksamere Naturen, die an jenem Uebel leiden, werden auch in einer Kaltwasserheilanstalt genesen können. Sie werden sich vielleicht schwer zu einer solchen Cur entschließen, allein Sie dürfen nicht vergessen, daß durch das Probiren von allerlei Mittelchen kostbare Zeit verloren geht, während welcher das zu bekämpfende Leiden festwurzelt.

Austriacus, H. E. und B. Walther. Nicht geeignet. Das Manuscript steht zu Ihrer Verfügung.



  1. In der Gartenlaube erschien unlängst von R. H. ein schönes, kraftvolles Gedicht: „An Garibaldi“, welches mit den Worten beginnt: „Endlich, Alter von Caprera, stimmst Du ein in Deutschlands Ruhm, und von deutscher Kraft erwartest Du ein würdig Menschenthum.“ Es dürfte daher von Interesse sein, Garibaldi’s Worte aus dem „Deutschen Eidgenossen“ vom Juli 1865 hier auszugsweise mitzutheilen. „Der Fortschritt der Menschheit ist in’s Stocken gerathen … Es fehlt der Welt ein Führer-Volk: nicht um sie zu beherrschen, sondern um sie zu leiten auf dem Pfade der Pflicht, welch’ letztere in nichts Anderem besteht, als in der Verbrüderung der Nationen und in dem Umsturze der Schranken, die von der Selbstsucht gezogen worden sind … Dieser Ehrenposten, den die Wechselfälle der Zeiten unbesetzt gelassen haben, könnte füglich von der deutschen Nation eingenommen werden. In dem ernsten und philosophischen Charakter Ihrer Mitbürger liegt eine Gewähr des Vertrauens für die Zukunft Aller … Bildet Ihr daher im Herzen Europas die achtunggebietende Einheit Eurer fünfzig Millionen – und wir Alle stürzen uns mit Begierde und Entzücken in Eure brüderlichen Reihen! …“ Mit seinem neuesten Briefe, den R. H.’s Gedicht so eindrucksvoll feiert, ist der italienische Führer somit zu seiner früheren Meinung zurückgekehrt. Nicht blos die Einheit jedoch, sondern auch die Freiheit Deutschlands betonte Garibaldi in jenem Schreiben von 1865 mit außerordentlicher Kraft.
  2. The Condition of France.
  3. The French Republic and the Suffrage Question.
  4. WS: Im Original Beutelthiere
  5. Wieder eine kleine Berechnung. Nahm der „Prospect“ nur eine Folioseite ein und wurde er nur in zwanzig Zeitungen, in jeder drei Mal abgedruckt, so kostete das circa 7500 Thaler. Erging er sich aber über zwei Seiten, so betrugen die Insertionskosten das Doppelte.