Die Gartenlaube (1871)/Heft 30

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1871
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 30.   1871.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Die stumme Signora.
Erinnerungsblatt aus der Mappe eines ehemaligen Leipziger Studenten.
Von Karl Wartenburg.
(Schluß.)


Man braucht nicht zu den Furchtsamen zu gehören, um in einer solchen Lage etwas Herzklopfen zu bekommen. Zwischen mir und dem Mordgesellen befand sich nur der Schreibtisch, ich hatte nicht die kleinste Waffe zur Hand. O, was hätte ich darum gegeben, wenn ich einen der Schläger gehabt hätte, deren Klingen dort an der Wand glänzten!

Indessen beschloß ich doch mein Leben so theuer als möglich zu verkaufen. Der Gedanke nach Hülfe zu rufen kam mir nicht in den Sinn, auch würde der Ruf in dem abgelegenen Hofe und dem öden Corridor zu später Nachtzeit ganz vergeblich gewesen sein.

„Ihr müßt alle Beide sterben,“ wiederholte mein Angreifer noch einmal und seine Augen waren wie mit Blut unterlaufen.

Ich heuchelte eine Kälte und Ruhe, die ich eigentlich nicht besaß. „Man stirbt nicht so leicht, Procop Makovetzky, zumal wenn man mit einem feigen Spion zu thun hat.“ Ich wußte, daß ich ihn mit diesen Worten auf’s Blutigste reizte und ihn schon deshalb erbarmungslos machte, weil er daraus erkannte, daß er entlarvt sei. Aber ich verband damit einen Plan, ich wollte ihn aufhalten, seine Neugierde anstacheln, Zeit gewinnen.

Sowie ich den Namen Makovetzky nannte, fuhr er zurück und starrte mich an wie ein Gespenst, seine weißen scharfen Zähne, die wie das Gebiß eines Raubthiers schimmerten, nagten an seiner Unterlippe und sein Blick wich dem meinigen aus.

„Procop Makovetzky,“ zischelte er endlich; „hat Dir das die Schlange da auch erzählt?“ und er deutete auf die Ohnmächtige; „haha,“ er lachte heiser, „Du und sie, Ihr werdet es Niemandem wieder erzählen. Die stumme Signora wird einen stummen Signor zum Gesellschafter erhalten.“

Ich warf ihm statt der Antwort den „Urwähler“ zu.

„Sie sind im Irrthum, guter Freund,“ sagte ich so ruhig, wie möglich, „Ihr Signalement steht schon in den Zeitungen.“

Er haschte begierig nach dem Blatt, sein Auge überflog die Correspondenz aus London, mit einer höhnischen Geberde ballte er das Papier zusammen. „Ihnen nützt die Warnung vor dem gefährlichen Menschen nichts,“ lachte er heiser und seine Hand faßte das Beil fester, „ein Stummer kann die Geschichte von Procop Makovetzky nicht weiter erzählen …“

„Noch bin ich nicht stumm,“ antwortete ich, den Arm erhebend, um den ersten Angriff zu pariren.

„Das wird gleich der Fall sein,“ sagte er mit dumpfer Stimme und seine Mordwaffe erhebend drang er auf mich ein, der ich ihm den Tisch entgegenstemmte, als plötzlich ein keuchender Ton auf dem Corridor laut wurde und sich zwischen der angelehnten Thür hindurchdrängend Tiras in’s Zimmer sprang.

„Tiras! zu mir!“ rief ich hochaufathmend und im Nu war das treue, muthige und starke Thier an meiner Seite, ein Wink und es stürzte sich auf den Mörder.

Aber Procop Makovetzky war wirklich ein feiger Meuchler. Er wartete den Angriff des Hundes nicht ab. Mit Blitzesschnelle sprang er zurück, zur Thür hinaus, diese hinter sich in’s Schloß werfend und den Schlüssel herumdrehend. Wir waren gefangen und der Meuchler hatte Zeit zur Flucht gewonnen. Doch das beschäftigte mich nicht, mochte Procop Makovetzky auch jetzt entkommen, er läuft doch, sagte ich mir, dem Zuchthaus oder Galgen in die Hände. Die ohnmächtige Signora, die noch immer bewußtlos auf der Diele lag, nahm jetzt meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

Ich rieb ihre Schläfe mit Salmiakspiritus und spritzte ihr kaltes Wasser in’s Gesicht. Lange waren meine Bemühungen erfolglos. Endlich gab sie Zeichen des wiederkehrenden Bewußtseins, sie schlug die Augen auf und versuchte sich emporzurichten. Sie sank auf einen Stuhl, strich sich das lange schwarze, dichte Haar aus Stirn und Gesicht und starrte schweigend vor sich hin. Zuweilen flog ein Schauder über ihre Gestalt.

„Wo ist er?“ frug sie endlich leise und vor Entsetzen zusammenbebend.

„Fort, entflohen, aber sagen Sie mir … War er wirklich Ihr Gatte?“ …

Sie nickte, sich das Gesicht mit den Händen bedeckend, und brach in ein krampfhaftes Weinen aus. Ich schwieg und zerbrach mir den Kopf, wie dieses liebliche Wesen das Weib eines solchen Menschen werden konnte. Tiras lag stumm zu den Füßen der Unglücklichen und starrte die leise Weinende aufmerksam mit seinen glänzenden braunen Augen an. Mit einem Male spitzte er die Ohren und schlug laut an. Er hatte Georg’s Tritt erkannt. Mein Freund war nicht wenig erstaunt, die Thür verschlossen zu finden, verdutzt aber prallte er zurück, als er beim Eintritt die Signora erblickte.

In fliegender Eile theilte ich ihm mit, was sich in seiner [498] Abwesenheit ereignet hatte. Mit athemloser Spannung lauschte er meinen Worten. Tiras war der Retter gewesen – und mit ihm unser wackerer Hausmann, der durstige Flickschuster, der sich heute Abend wieder so betrunken hatte, daß er das Zuschließen des Thorwegs vergessen. War dieser nicht offen, so hätte der Hund nicht in’s Haus gekonnt. Die Signora war indessen wieder sehr unwohl geworden, so daß wir unsere Wirthin wecken mußten, denn in das Zimmer, das sie mit ihrem Manne bewohnt, wollte sie um keinen Preis der Welt zurückkehren. Ich untersuchte dieses Zimmer. Es war leer, in Unordnung herumgeworfene Kleidungsstücke und andere Sachen verriethen die Hast, mit welcher der Elende die Flucht ergriffen hatte.

Indessen waren unsere Wirthsleute gekommen. Sie schlugen die Hände voll Verwunderung über den Bösewicht zusammen. Sie hielten es nicht für möglich, daß in einem anständigen Hause der guten Stadt Leipzig solche Geschichten sich ereignen konnten. Das Schrecklichste aber war dabei dem braven Wirth, daß der furchtbare Mensch, der Procop Makovetzky, die Rechnung der letzten drei Tage nicht bezahlt hatte.

Doch waren sie gutmüthig genug, die kranke junge Frau in ihr eigenes Wohnzimmer aufzunehmen und nach einem Arzt zu schicken. Die Signora hatte Fieber und phantasirte.

Wenige Tage der Ruhe genügten indessen sie wieder herzustellen. Sie schrieb während dieser Zeit eifrig und zeigte sich gefaßt und ergeben. Weder Georg noch ich hatten sie während dieser Tage gesehen, wir wollten nicht gleich die Erinnerung an jene Nacht in ihr auffrischen.

Als sie indessen wiederhergestellt war, bat sie selbst um unsern Besuch. Sie saß am Fenster, als wir eintraten, und sah hinaus auf den schneebedeckten Brühl, auf welchem sich die dunklen Gestalten der polnischen Juden in ihren langen, schwarzen Talaren in lebhaften Gruppen bewegten. Eine feine Blässe überflog, als sie uns sah, ihr blasses Gesicht. Sie reichte uns die Hand und dankte in tiefster Bewegung, daß sie durch uns von dem entsetzlichen Menschen befreit worden sei, an welchen sie ein trauriges Verhängniß gefesselt hätte.

„Sie haben mir das Leben gerettet, mehr als das Leben, denn das Dasein an seiner Seite war mir zur Höllenpein geworden. Hier in diesen Papieren werden Sie Aufschluß darüber finden, welche schreckliche Verkettung von Umständen mich in die Gewalt dieses Menschen brachte.“

Sie war bei diesen Worten auf’s Tiefste erschüttert. Georg, dessen Leidenschaft für die Unglückliche bei der Mittheilung, daß sie wirklich Makovetzky’s Gattin, sich in die herzlichste Theilnahme verwandelt hatte, versicherte ihr, daß er Alles, was in seinen Kräften stehe, thun würde, um ihr trauriges Loos zu mildern. Sie dankte mit einem unbeschreiblich sanften, traurigen Lächeln.

„Auf Wiedersehen … auf baldiges Wiedersehen!“ sagte Georg beim Abschied ihr die Hand drückend. Sie antwortete mit einem stummen, eigenthümlichen Blick.

Wir haben sie nie wiedergesehen. Am anderen Tag erfuhren wir von unseren Wirthsleuten, daß die Signora mit dem ersten Frühzug nach Dresden abgereist sei, noch tausend Grüße und Danksagungen für uns zurücklassend. Wir waren dadurch nicht überrascht. Nach dem, was wir in den Papieren der Signora gefunden, war uns diese Abreise ohne nochmaliges Wiedersehen sogar sehr erklärlich. Es würde nur eine schmerzliche, peinliche Scene geworden sein.

Ich will nach den Papieren der Signora kurz ihre traurige Geschichte hier erzählen.

Der Vater Laura’s von Petrino, so war ihr Familienname, war Italiener, hatte aber eine Deutsche, eine Wienerin, zur Frau. Er wohnte in Mailand, hatte sich mit seinem Sohne Giuseppe, dem einzigen Bruder Laura’s, an dem Aufstande gegen die österreichische Herrschaft betheiligt. Beide wurden gefangen und kriegsgerichtlich zum Tode durch Pulver und Blei verurtheilt. Dem Sohne gelang es, in der Nacht vor der Hinrichtung zu entfliehen, der Vater wurde in Mantua erschossen. Giuseppe war erst siebenzehn Jahre alt, ein Jüngling, schön wie Adonis, von einer fast mädchenhaften Zartheit in seiner äußern Erscheinung, aber muthig und tapfer wie Achilles. Die Militärbehörden schickten Steckbriefe hinter ihm her und setzten einen Preis von tausend Gulden auf seine Einlieferung aus, aber alle Nachforschungen waren vergeblich. Laura’s Mutter, Frau von Petrino, war indessen mit ihrer Tochter nach Wien gezogen, wo sie wohlhabende Verwandte hatte. Aber die Wiener Anverwandten, sogenannte Schwarz-Gelbe, wie man damals die österreichisch-habsburgisch Gesinnten nannte, wollten nichts von der Familie des Rebellen wissen. Frau von Petrino kam in sehr bedrängte Verhältnisse, da das wenige Geld, das sie mitgebracht, bald aufgezehrt, das Vermögen ihres Mannes aber confiscirt war. Trotz ihrer bedrängten Verhältnisse theilte sie das Wenige, was sie und ihre Tochter besaßen, mit einer Anverwandten, einem großen, schlanken blassen Mädchen, die in Folge eines unglücklichen Falles in ihrer Kindheit etwas hinkte. Sie war bald nach der Ankunft der Frau von Petrino in Wien angekommen, blaß, krank, zum Tode erschöpft, mit Mühe den Gefahren des Kriegs, der in Italien tobte und in welchem sie den Vater verloren, der ihre einzige Stütze gewesen, entronnen. So erzählte wenigstens Frau von Petrino den wenigen Leuten, mit denen sie in Berührung kam, da Isabella, so hieß die Anverwandte, sich wenig sehen ließ. Auch Procop Makovetzky, der sich damals in der österreichischen Hauptstadt aufhielt und in dem vordern Gebäude des Hauses wohnte, in dessen hinterstem Hof Frau von Petrino zwei kleine Zimmer inne hatte, erzählte sie es und sie wurde sehr verlegen, als Makovetzky die Bemerkung machte, es sei merkwürdig, daß ein Mädchen von so zarten Gesichtsformen wie Isabella einen so kräftigen Wuchs habe.

Um diese Zeit hielt Makovetzky, der vorgab, eine Stellung im Ministerium des Auswärtigen zu haben und ein Günstling des Fürsten Felix Schwarzenberg zu sein, um die Hand Laura’s an. Aber trotz ihrer bedrängten Lage und der ungewissen Zukunft wies das junge Mädchen die Hand des Mannes, gegen welchen sie einen unaussprechlichen Widerwillen hegte, zurück, und ihre Mutter stimmte ihr bei. Von da an stellte Makovetzky seine Besuche bei der Familie ein, er zog sogar wenige Tage später aus dem Hause fort, aber Laura und Isabella wollten bemerkt haben, daß er auf ihren Spaziergängen sie umschleiche. Diese Spaziergänge waren in der letzten Zeit häufiger geworden, während Isabella, wie schon erwähnt, früher sehr selten ausging. Aber der alte Doctor Giovanni Barletta, ein Italiener aus Modena, der jedoch schon seit fast vierzig Jahren in Wien lebte und welchen Frau von Petrino als Hausarzt angenommen, hatte verordnet, daß Isabella, bei welcher sich auch ein verdächtiger Husten eingestellt hatte, täglich ein paar Stunden frische Luft schöpfen solle.

Eines Tages, es war im März 1850, an einem wundervollen Frühlingstage, deren es in jenem Jahre, in welchem die Reaction in Europa ihre schönsten Triumphe feierte, so viele gab, kam Doctor Barletta athemlos, in höchster Aufregung zu Frau von Petrino. Sie hatten ein langes Zwiegespräch miteinander, an welchem später auch die von einem Spaziergange heimkehrenden Mädchen Isabella und Laura Theil nahmen. Als Doctor Barletta fortging, hatten Frau von Petrino und ihre Tochter rothgeweinte Augen, und nur Isabella saß, mit düsterem Blick, thränenlos und die Zähne fest auf die Unterlippe gepreßt, am Fenster und sah stumm hinunter auf den Hof. Selbst der alte Doctor wischte sich die Augen und schon unter der Thür kehrte er plötzlich noch einmal um, ging auf Isabella zu und umarmte und küßte sie, so zärtlich und innig, wie ein Liebhaber die Geliebte, oder auch wie ein Vater die Tochter.

Am Abend des andern Tages fuhr ein Fiaker an dem Hause vor, in welchem Frau von Petrino wohnte, und Laura stieg mit ihrer Verwandten Isabella ein. Frau von Petrino stand am Kutschenschlag und nahm noch einmal Abschied von den beiden Mädchen, die Reisekleider trugen und einen großen Mantelsack bei sich führten. Der Abschied von ihrer jungen Anverwandten schien ihr noch näher zu gehen, als der von der eigenen Tochter, denn immer und immer wieder umschlang sie Isabella’s Nacken und küßte sie. Endlich rollte der Fiaker fort. Todtenblaß, einer Ohnmacht nahe, wankte Frau von Petrino in’s Haus zurück, nachdem ihre Blicke dem Wagen, so lange sie denselben sehen konnte, gefolgt waren.

Der Fiaker rollte nach dem Nordbahnhof. Zu jener Zeit widmete die kaiserlich königliche Polizei den Bahnhöfen eine ganz besondere Aufmerksamkeit; es war nicht nur eine zahlreiche Polizeimannschaft, sondern auch Militärposten auf den Bahnhöfen. Man spionirte nach Hochverräthern, nach Rebellen gegen des Kaisers Majestät. Hing doch noch der Belagerungszustand drohend über der Donauhauptstadt. Und Welden, der kaiserlich königliche Feldzeugmeister [499] und Gouverneur von Wien, verstand keinen Spaß. Indessen, welches Interesse konnte die kaiserlich königliche Polizei an ein paar jungen Mädchen haben, die vielleicht in ein Bad oder sonstwohin reisen wollten? Laura schritt deshalb auch so unbefangen wie möglich durch die Menge der an den Eingängen stehenden Polizisten hindurch, der Billetcasse zu, während Isabella in den Wartesalon trat.

„Zwei Billets zweiter Classe nach Prag,“ sagte Laura zu dem Billeteur.

In dem Augenblick legte sich eine Hand leicht auf Laura’s Schulter. Das junge Mädchen sah sich unwillig nach Dem, der sich diese Vertraulichkeit erlaubte, um. Aber leichenblaß fährt sie zurück, sie starrt in des verhaßten Procop Makovetzky Gesicht, der mit einem lauernden Lächeln vor ihr steht.

„Wo wollen Sie hinreisen, Fräulein von Petrino?“ frug er mit leiser Stimme und seine stechenden Augen fest auf das junge Mädchen gerichtet und sie etwas bei Seite ziehend.

„Nach Prag und von da nach … Teplitz, in’s Bad …“ stotterte sie.

„Allein?“

„Ja, allein …“ flüsterte sie kaum hörbar.

„Aber Sie verlangten doch zwei Billets …“ fuhr er mit demselben Lächeln fort.

Laura wankte. „Meine Cousine Isabella … wollte mich … bis nach Brünn … begleiten.“

„Ah so … bis nach Brünn?“ … Aber wissen Sie, Fräulein von Petrino, daß mir soeben ein Polizeibeamter sagte, daß ihm Ihre Cousine Isabella, die dort in den Wartesalon getreten ist, verdächtig erscheine, verbotene Waaren bei sich zu führen. Sie wissen, wir leben unter dem Belagerungszustand und die Polizei ist sehr streng. Der Agent besteht darauf, Ihre Cousine in dem Zimmer dort visitiren zu lassen.“

Vor den Augen Laura’s dunkelte es. „Sie wissen Alles …“ stammelte sie.

Makovetzky senkte bejahend das Haupt.

„Gnade … Erbarmen …“ weinte sie, „es ist mein einziger Bruder … meine Mutter würde sterben …“

Makovetzky lächelte. „Ich bin nicht blutdürstig, und am wenigsten kann mir daran gelegen sein, meinen zukünftigen Schwager als Hochverräther am Galgen baumeln zu sehen. Laura, willigen Sie heute ein, die Meinige zu werden?“

Das junge Mädchen senkte wie ein Opferlamm das Haupt.

„Wollen Sie,“ wiederholte er noch einmal, „oder soll ich der Polizei sagen, daß die Signora Isabella Angelini, welche sich seit sechs Monaten bei Ihnen aufhält, der als Hochverräter steckbrieflich verfolgte Giuseppe von Petrino, Ihr Bruder ist, auf dessen Kopf eine Belohnung von tausend Gulden gesetzt ist?“

„Ich bin die Ihrige …“ flüsterte sie tonlos.

„Gut,“ antwortete Makovetzky in triumphirendem Tone, „so kehren wir sammt Isabella zu Ihrer Frau Mutter zurück, und an unserem Hochzeitstage wird die Signora Angelini mit einem guten Paß hinreisen können, wohin es ihr beliebt. Sie kann dann ruhig ihre Schußwunde am Fuß, sowie den Bajonnetstich in der Brust, der wieder aufgebrochen ist und ihr den garstigen Husten verursacht, heilen lassen, wo sie will.“

Makovetzky hielt Wort. Kannte doch Niemand von der Polizei, als er, der gewandte Spion, das Geheimniß des unglücklichen Jünglings, der sich unter tausend Gefahren, von Allem entblößt, nach seiner Flucht aus dem Gefängniß zu Mantua bis nach Wien zu seiner Mutter durchgeschlagen und hier ein Asyl gefunden hatte. Durch einen anonymen Brief hatte er den Doctor Barletta, der natürlich wußte, wer die vermeintliche Isabella war, gewarnt und die Flucht Isabellens, deren Geschlecht und Name verrathen sei, als einzige Rettung bezeichnet. Sein Plan gelang ihm vortrefflich. Die Geschwister liefen in seine Hände, und Laura wurde sein Weib. Mit cynischer Offenherzigkeit hatte er ihr später seinen Schelmenstreich gestanden. Aber damit war das grausame Schicksal, das sie verfolgte, noch nicht befriedigt. Von der Regierung, die seiner Dienste nicht mehr bedurfte, entlassen, ohne andere Mittel zum Unterhalt, wurde Makovetzky Spieler, um sich einen Erwerb zu schaffen.

Er reiste mit der armen jungen Frau, die er durch eine entsetzliche Eifersucht quälte, von Großstadt zu Großstadt, überall mit großer Geschicklichkeit die Spielerkreise auskundschaftend und sich in sie einführend. Eine Zeitlang trieb er diesen Industriezweig mit Erfolg. Aber dann verließ ihn das Glück. Als er nach Leipzig kam, bestand seine Baarschaft noch aus wenigen hundert Gulden. Der grüne Tisch im Café chinois raubte ihm auch diese. Er besaß noch einen Brillantring, den er einem standrechtlich erschossenen ungarischen Honvedofficier abgenommen hatte. Der Ring war einige hundert Thaler werth, und Makovetzky bot denselben dem alten Katzenellenbogen an, der ihm von einem der Spieler im Café chinois als Juwelenhändler bezeichnet worden war. So wurde er mit dem Juden bekannt. Mit der List, die ihm eigen, und die ihn auch zum Spion so außerordentlich befähigt hatte, wußte er sich bald über die Vermögensverhältnisse des Alten Auskunft zu verschaffen, ja sogar die Kenntniß davon, wo derselbe in seiner Wohnung seine Werthsachen verwahrt hatte. Nun reifte allmählich der Raub- und Mordplan in seiner Brust, den er seiner Frau nicht verbergen konnte, vielleicht auch, um sie durch ihre Mitwissenschaft mit desto stärkeren Ketten an sich zu fesseln, nicht verbergen wollte.

Das war die Geschichte der stummen Signora, eine Geschichte, wie sie nur die Einbildungskraft des Romandichters zu erfinden glaubt, und doch wahr, voll aus dem Leben herausgegriffen.




2.

Jahre waren seit jenen Ereignissen vergangen. Der Besitzer des Café chinois und der Restaurateur aus der Rauchwaarenhalle waren indessen längst zu ihren Vätern versammelt. Es war Ende Juli 186*. Ich befand mich mit meinem Freunde A. T., einem bekannten Dichter, auf einer Reise nach Frankreich in Straßburg. Wir hatten alle Merkwürdigkeiten der alten ehemaligen freien deutschen Reichsstadt, die nun wieder durch unser tapferes Heer unserem Vaterlande zurückerobert worden ist, in Augenschein genommen. Mit dem üblichen Respect hatten wir den Münster besucht und die Orte, an welchen Meister Wolfgang Goethe gehaust hatte … ein Straßburger Cicerone wollte uns sogar ein Gasthaus zeigen, in welchem Goethe, wie er behauptete, allabendlich im Sommer junge Hühner mit Spargel gegessen habe – wir hatten die Statue des berühmten republikanischen Generals Kleber auf dem gleichnamigen Platze bewundert und im Hôtel zum Rebstock gegessen und schlenderten ziellos in der Stadt herum. So kamen wir zufällig in die Nähe des Justizpalais, in dessen Thor wir einige Männer in der mittelalterlichen Amtstracht der französischen Advocaten eintreten sahen. Eine Menge Leute folgten ihnen. Wir schlossen uns dem Strome an und gelangten so in den Sitzungssaal, in welchem die Geschworenen des Departements des Niederrheins eine sogenannte cause célèbre, eine Anklagesache verhandelten, die damals großes Aufsehen erregte. Auf der Bahnlinie Paris-Marseille waren in dem letzten Jahre mehrere äußerst verwegene Raubmordanfälle auf Reisende der ersten Classe der Courierzüge, die allein in einem Coupé fuhren, vorgekommen. Eine alte russische Gräfin, die nach Nizza reisen wollte, war ermordet und beraubt worden, ohne daß die im nebenan befindlichen Coupé sitzende Kammerfrau nur das Geringste gehörte hatte; ein kränklicher französischer Kaufmann war halb strangulirt, geplündert und nur durch einen Zufall gerettet worden, ohne daß man eine Spur von dem Thäter entdecken konnte. Der Coupémörder, wie man den geheimnißvollen Verbrecher nannte, wurde der Schrecken aller Passagiere erster Classe.

Da ereignete sich vielleicht ein halbes Jahr vor der Zeit, in welcher wir nach Straßburg kamen, im Januar 186* ein dritter Raubanfall auf einen englischen Arzt, der von Paris nach Marseille fuhr. Aber der Engländer, obwohl im Schlafe überfallen, wehrte sich, und wenn ihm auch der Raubmörder mit seinem Todtschläger furchtbare Hiebe versetzte, so gelang es dem Arzt doch, die Hand des Verbrechers zu fassen und ihn in die Finger zu beißen. Trotzdem würde ihn der Räuber vielleicht getödtet haben, wenn nicht das plötzliche Anhalten des Zuges, an dessen Maschine etwas zerbrach, ihn gerettet und den Verbrecher zur Flucht genöthigt hätte. Einige Tage später arretirte man auf dem Bahnhof zu Zabern (Saverne) einen Mann von vielleicht achtundfünfzig bis sechszig Jahren, von großem, starkem Körperbau, auf welchen die Personalbeschreibung paßte, die der Ueberfallene von dem Mörder gegeben hatte und die man an alle Gensd’armerieposten an den Eisenbahnstationen telegraphirt hatte. Was den Verdacht gegen den Arrestanten noch mehr vermehrte, [500] das war eine tiefe Bißwunde, die der Verhaftete an dem mittleren Finger der rechten Hand hatte. Er behauptete zwar beim ersten Verhör und blieb sich auch später in seiner Aussage darin gleich, daß ihn ein Hund gebissen habe, indessen die Aerzte, die als Sachverständige herbeigezogen wurden, behaupteten, daß die Wunden von einem menschlichen Biß herrührten.

Weiter erklärte der Verhaftete, Matteo de Gustiani zu heißen und ein Römer zu sein. Sein Vaterland habe er aber wegen politischer Vergehen schon seit Jahren verlassen müssen. Sein Paß, der mit seinem Aeußern ziemlich übereinstimmte und der von dem englischen Gesandten in Bern visirt war, lautete auch auf diesen Namen. Zudem sprach er das Italienische mit dem römischen Accent geläufig, wie Jemand seine Muttersprache redet. Trotzdem waren die Verdachtsgründe gegen den Verhafteten, der mit dem Coupémörder identisch sein sollte, so groß, daß der kaiserliche Procurator die Fortsetzung der Untersuchung beantragte, deren Ergebniß die Verweisung vor die Assisen des Niederrheins war.

Betroffen sah ich in das blasse, durchfurchte, mit einem ungewöhnlich starken grauen Bart umrahmte Gesicht des Angeklagten, dessen dunkle Augen giftige Drohblicke nach dem kaiserlichen Gerichtsschreiber schossen, welcher mit jenem Pathos, das den französischen Gerichtspersonen bei den officiellen Reden eigen ist, die Anklageacte gegen Matteo de Gustiani verlas.

Matteo de Gustiani! Ich hatte den Namen nie gehört, nie eine Person dieses Namens gekannt, und doch waren mir die Züge des Mannes, der dort auf der Anklagebank zwischen den beiden Gensd’armen saß, nicht fremd. Aber wo hatte ich ihn gesehen? Ich zerbrach mir vergebens den Kopf, durchstöberte jeden Winkel meines Gedächtnisses und konnte mich doch nicht besinnen, wo ich mit dem Menschen zusammengetroffen. Das Zeugenverhör begann und als Hauptentlastungszeuge erschien jener englische Arzt. Der Angeklagte erklärte mit voller Entschiedenheit, den Zeugen nie gesehen zu haben, wodurch er denselben so verblüffte, daß dieser in der That schwankend wurde, zumal da der Ueberfall bei Nacht stattgefunden und das Coupé nachlässiger Weise nicht erleuchtet gewesen, so daß der Arzt die Gestalt des Raubmörders nur bei dem Mondenschein, der in den Waggon fiel, gesehen hatte. Da stellte der Generalprocurator bei dem Präsidenten des Gerichtshofes den Antrag, dem Angeklagten einen Todtschläger zu geben und diesen gegen den Zeugen erheben zu lassen.

Ueber das Gesicht des Matteo de Gustiani zuckte es, ein Schauer schüttelte seine Gestalt. Man konnte deutlich wahrnehmen, wie peinlich ihm der Antrag des Generalprocurators war. Der Todtschläger wurde gebracht, der Angeklagte mußte ihn ergreifen und die Geberde des Zuschlagens gegen den Zeugen machen.

„Ja, ja … er ist es … ich erkenne ihn … ich kann es mit tausend Eiden beschwören,“ rief der Arzt im Tone der tiefsten Ueberzeugung, während meinen Lippen unwillkürlich der Ruf „Procop Makovetzky!“ entfloh. Procop Makovetzky! So hatte er vor uns gestanden, mit dem Beil in der Hand in jener Decembernacht, in der Rauchwaarenhalle zu Leipzig. „Procop Makovetzky!“ wiederholte ich noch einmal, die Scene um mich vergessend. Ich glaube nicht, daß Jemand Anders als der Angeklagte, in dessen Nähe ich stand, den Namen gehört oder meinem Ausruf eine Bedeutung beigelegt hat; aber die Wirkung, die dieser Name auf den Angeklagten hervorbrachte, war unbeschreiblich.

„Ja, ich bin der Mörder … ich habe auch die Anderen ermordet … ich will Alles gestehen.“

Die Sitzung wurde sodann auf Antrag des Procurators aufgehoben und der Angeklagte in’s Untersuchungsgefängniß zurückgeführt. Eine neue Untersuchung über die früheren Eisenbahnmorde begann.

Vielleicht ein paar Monate später erhielt ich aus Straßburg den „Courier des Niederrheins“ zugeschickt. Das Blatt enthielt einen Artikel über den Coupémörder. Die letzten Sätze desselben lauteten ungefähr so:

„Procop Makovetzky hatte ein so unumwundenes Geständniß abgelegt, daß für die Vertheidigung auch nicht der geringste Spielraum mehr gelassen war. Er hat auch gestanden, daß der auf den Namen Matteo de Gustiani lautende Paß, den er führte, ein gestohlener war, daß er die beiden Raubmorde an der alten russischen Gräfin und dem Kaufmann aus Lyon verübt und daß er früher zur Zeit der ungarischen Revolution Spion im Solde Haynau’s, des berüchtigten Schlächters von Brescia, gewesen sei. Die Geschworenen erklärten ihn einstimmig für schuldig und verwarfen die Zulassung mildernder Umstände. Heute früh wurde er im Hofraume des Gefängnisses durch die Guillotine vom Leben zum Tode gebracht.“

So endete Procop Makovetzky, der Spion und Gatte der stummen Signora.




Eine Binnenseestudie aus den deutschen Alpen.


„Kein Mensch kann das uns geben,
Die Minne selber nicht,
Das sonnenwarme Leben,
Das hier zur Seele spricht!

Laß unsern Kahn nur treiben!
Allum ist’s fein und schön;
Hier ist vom Weltenbauherrn
Ein Meisterstück geschehn.

Hier prangen Gottes Wunder
In still beredter Pracht;
Fahr’ ab, verfluchter Plunder,
Der elend mich gemacht!“

In solch drastischen Worten schildert der „Trompeter von Säckingen“, der vielumhergetriebene, der geheimnißkundige Prophet der ewigen Schönheitsoffenbarung, wie sie in den Wundern der Natur niedergelegt ist, – so schildert Joseph Victor Scheffel in seiner „Frau Aventiure“ den Eindruck, den der Chiemsee in Oberbaiern, welchem die nachfolgende Studie gewidmet ist, auf sein begeistertes Gemüth gemacht hat.

Und in der That, er hat tief und wahr empfunden: wer einmal in den Zauberbann der Nixen des Chiemsees getreten ist, der bleibt von ihm umsponnen Zeit seines Lebens. Als ich, verlockt durch Ludwig Steub’s, des liebenswürdigsten Ethnographen, verführerische Schilderung von Frauenchiemsee, wie sie in seinem prächtigen Werke „Das bairische Hochland“ zu finden ist, im Mai 1865 das gepriesene Eiland zum ersten Male betrat, in der Absicht, blos zwei oder drei Tage dort zu weilen, habe ich den Mond dort dreizehnmal hintereinander wachsen und schwinden gesehen. Erst der Krieg von 1866 vertrieb mich von dort. Es war damals für einen Preußen in Baiern nicht gut wohnen, selbst nicht einmal in jenem stillsten aller Erdenwinkel. Das ist freilich jetzt ganz anders geworden. Jetzt haben sich die aus dem Felde zurückgekehrten oberbairischen Soldaten das Wort gegeben, Jeden niederzuschlagen, der über die Preußen schimpft, – und in diesem Punkte ist bekanntlich weder mit den Ober- noch Niederbaiern zu spaßen. Ueber ein Jahr hintereinander also habe ich auf der Fraueninsel im Chiemsee zugebracht, habe das Aufblühen des Frühlings, das Reifen des Sommers, die Ernte im Herbst und die todesstarre Einsamkeit des Winters dort mit durchgelebt.

Einen Winter in Frauenchiemsee, einsam und allein, – die Künstler alle, mit denen ich die sonnendurchgoldeten Tage des Sommers und Herbstes auf dem traulichen Eilande verlebt hatte, sie wollten mir nicht glauben, oder sprachen es mehr oder weniger unverblümt aus, daß sie mich für einen Narren und Sonderling hielten.

Aber sie wußten nicht, was sie sagten. Ein Sonnenaufgang oder Untergang allein, der die beschneite Insel mit ihrem Kloster und ihren Fischerhütten in pfirsichblüthnes Licht taucht, oder eine Vollmondnacht, wenn sie in vollem Sternenglanze und reiner Winterklarheit über die Riesenhäupter der Alpen, den gewaltigen See und das stille Inselchen herniederblaut, – das sind Erinnerungen für’s Leben. Oder wenn die Frostnebel kommen und sich als Reif ansetzen, so daß die viele Hundert Fuß langen Fischernetze, wenn sie zum Trocknen aufgehängt sind, in jeder ihrer Maschen wie aus Silber gewebt erscheinen, und die gewaltigen Lindenstämme, die die Insel zieren, wie riesige weiße Korallen in

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Die Gartenlaube (1871) b 501.jpg

Stürmische Heimfahrt auf dem Chiemsee.
Nach seinem Oelgemälde auf Holz gezeichnet von Professor Carl Raupp in Nürnberg.

[502] das dunkle Nebelmeer hineinragen, und wenn dann der Wind aufsteht, die Nebelfluth zu wallen und zu wogen beginnt, und zuletzt vom blauen Himmel die Sonne durchbricht und die Silberfiligranarbeit des Winters, der auch das kleinste Spinnewebchen nicht vergessen hat, strahlensprühend blitzt und funkelt, – wer das gesehen und erlebt hat, wird die Herrlichkeit eines solchen Schauspiels nie vergessen.

Auch jener Morgen wird mir immer im Gedächtniß bleiben, da ich den See zum ersten Male in eine einzige Eisfläche verwandelt erblickte. Die sonst so leicht bewegte, vor jedem Windhauch sich kräuselnde lebendige Fluth, in der sich die wundervolle Landschaft mit all den ihr eigenen magischen Lichteffecten, die die Gabe des Schauens zu einer unerschöpflichen Quelle wahren Hochgenusses erhöhen, „feucht verklärt“ widerzuspiegeln pflegte, – eine einzige Nacht hatte sie in die Fesseln der Starrheit geschlagen. Stumpf und matt warf das Eis die Strahlen der Sonne zurück, die gestern noch auf den Kämmen der Wellen gefunkelt hatte, daß das Auge geblendet von dem Glanze sich abwenden mußte. Mit ängstlichem Klageschrei flogen die Wasserenten hin und wieder, eine offene Stelle im Wasser suchend, das die Natur ihnen doch zu ihrem Lebenselemente bestimmt hatte und jetzt mit einem Male so hartherzig entzog. Mir war zu Muthe, wie wenn der liebe, schöne See gestorben wäre. Und wie dann die Sonne höher und höher stieg, – welche Töne! Dies Stöhnen und Wimmern, dies Flüstern und Knistern, dies Heulen und Jammern, dies Donnern und Krachen, – es war unheimlich, dämonisch, wie wenn die Seele des Sees aus der Noth des Todes, die ihn so plötzlich umfangen, unter wilden Jammertönen sich wieder zum Leben emporringen wollte. Und auch die Nacht gab keine Ruhe, – im Gegentheil: all die schaurigen Naturstimmen, die hier laut wurden, klangen durch die grabesstille Finsterniß nur noch viel öder und ergreifender. Ja, sie sind von solcher Wirkung, daß die jungen weiblichen Zöglinge des Instituts, welches das Benedictinerinnenkloster auf der Insel beherbergt, stets in Weinen ausbrechen und in ihrer Angst kaum zu beruhigen sein sollen, wenn sie zum ersten Male den See in der Nacht seine Winterklagelaute anstimmen hören.

Aber auch Freuden bringt das Eis, Freuden, von denen der Bewohner der Ebene kaum eine Ahnung hat. Ganz abgesehen von der Gelegenheit, die eine nahezu zwanzig Stunden in der Runde umfassende Eisfläche dem Schlittschuhläufer bietet, – noch viel interessanter ist die Fahrt auf den Handeisschlitten, wie sie auf den deutschen Alpenseen gang und gäbe sind. Ein kleines hölzernes Bänkchen von vielleicht zwei Fuß Länge und ein Fuß Breite auf zwei mit eisernen, die schmale Seite dem Eise zugekehrten Bändern beschlagene Schlittenkufen gestellt, bildet ein Fahrzeug, auf welchem man vermittelst zweier in einer ebenfalls eisernen Spitze endenden Stöcken, die mit beiden Händen in gleichem Tempo auf die hartgefrorene Fläche aufgesetzt werden, mit athemversetzender Eile dahinfliegt über den tiefdunkelgrünen See, aus welchem gegen Süden zu in warmen Tönen und edelsten Formen eine Alpenkette von ungefähr sechsunddreißig Stunden vom Schafberg im Salzkammergut bis zum Breitenstein weit jenseits des Inn, vom Gipfel bis zu den Füßen in Schnee gekleidet, in blendendem Glanze zu dem tiefblauen Himmel emporsteigt. Gefährlich sind dabei nur die sogenannten „Schläge“, Sprünge im Eise von zehn, zwölf und oft noch mehr Fuß Breite, von den sich befreienden Gasen unter furchtbarem Krachen über die ganze Länge des Sees, also oft viele Stunden weit, gerissen. Aber auch damit ist’s nicht so schlimm bestellt; denn einmal erkennt man sie in der Regel schon von fern durch die von den täglich sich wiederholenden Explosionen umhergeschleuderten Eisschollen; dann aber auch pflegen die Inselbewohner, die genöthigt sind, ihren Bedarf an Brennholz und anderen Lebensbedürfnissen ebenfalls auf Schlitten – für den Transport sind Hornschlitten am gebräuchlichsten – aus der Umgegend herbeizuführen, diese Schläge durch Bretter zu überbrücken und die sichere Bahn durch grüne in das Eis gesteckte Tannenzweige zu bezeichnen. Gleichwohl kommen auf dem See im Winter durchschnittlich mehr Menschen um, als trotz aller Stürme während seiner eisfreien Zeit.

Wenn man nun von einer solchen Fahrt, die heute an dieses, morgen an jenes Ufer des Sees geführt hat, sein Fahrzeug mit der untergehenden Sonne, die Gold und Purpur mit verschwenderischer Hand über die ohnehin schon entzückende Landschaft streut, wieder der Insel zuwendet und aus den Schornsteinen ihrer Fischerhütten graue Rauchsäulen kerzengerade in den winterlichen Abendhimmel steigen sieht, weithin sichtbare Zeichen eines warmen, behaglichen Daheim und als solche schon von den frühesten Geschlechtern der Menschen geachtet, wenn dann an dem immer dunkler werdenden Horizonte Stern auf Stern hervorspringt und bald der ganze Himmel in goldenen, grünen, rothen, blauen Lichtern glitzert und funkelt und dann still und hehr der Mond über den beiden Staufen heraufschwebt, die Welt mit seinem zauberhaften Lichte überfluthend, – dann kann man sagen, daß man in tiefen, frischen, gesunden Athemzügen eine Luft genossen hat, gegen welche das Raffinement auch der größten Stadt in keiner Weise aufzukommen vermag.

Ist aber der Winter trotz Kälte und Einsamkeit, – denn die gesellschaftlichen Bedürfnisse des Culturmenschen finden hier nach keiner Seite hin eine irgendwie nennenswerte Befriedigung, – so reich an den reinsten, herzerquickendsten Genüssen, so wird sich der Leser selbst einen Begriff davon machen können, bis zu welcher Höhe diese sich steigern, wenn auf den Fittichen des „Sunnwinds“, wie die Eingeborenen den lenzbringenden Südwind nennen, der Frühling mit seiner Blüthenpracht von den Bergen herniedersteigt. Dann liegt, von der Höhe aus gesehen, die Insel in der blauen Fluth da, wie ein grünes Lotosblatt, auf welchem die Nixen des Sees sich zum Spielzeug ein Klösterlein und ein Dörfchen von Fischerhütten gebaut haben, deren altersgraue, steinbeschwerte Schindeldächer anheimelnd aus dem Blüthenschnee der Obstbäume hervorragen. – Ist das Jahr bis zu seiner Höhe vorgerückt, so ist es besonders ein Tag, der einen unverlöschlichen Eindruck mit sich zu bringen pflegt, der Sanct Johannistag. Da leuchten, wenn der Abend sich herniedersenkt, die uralt heidnischen Sonnwendfeuer, kaum zu zählen, von der viele Meilen langen Riesenwand der Alpen hernieder, vom Untersberg an, auf den Staufen, dem Watzmann, dem Hochfelben, dem Hochgern, Eckalpenkogel, Fellhorn, der Hochplatte, der Kampenwand, dem Zellerhorn, der hohen Riß, den Heubergen bis zum Wendel- und Breitenstein und spiegeln sich wieder in der dunklen Tiefe des mächtigen Sees.

Dieser Zeitpunkt ist es auch, von dem aus bis in den Spätherbst hinein der See die höchste Fülle seiner Reize zu entfalten beginnt. Denn mit ihm hat die Sonne ihre höchste Macht der Lichtentwickelung erreicht; dazu kommt, daß jetzt bis in den bunten Herbst hinein die Farben viel kräftiger zu wirken beginnen, und daß mit den nunmehr eintretenden, ich möchte sagen leidenschaftlicheren Stimmungen der Natur, die in den über den See hereinbrechenden majestätischen Gewitterstürmen ihre Spannung und Lösung finden, auch ein leidenschaftlicheres Interesse in der Brust des Menschen eintritt, wie denn überhaupt allwegs die Leidenschaft wie im Leben, so in der Kunst und Natur das höchste menschliche Interesse in Anspruch nimmt.

Einen solchen leidenschaftlichen Moment, wie er in dem Leben des Chiemsees während der Sommermonate häufig wiederkehrt und in die Erscheinung tritt, hat der Maler des im Holzschnitt beigegebenen Bildes, Herr Carl Raupp, Professor der Malerei an der Kunstschule zu Nürnberg, ein würdiger Schüler seines großen Meisters Piloty, in unnachahmlicher, sprechender Schönheit festzuhalten gewußt. Das junge Ehepaar war nach der „Au“ gefahren, um für die Bedürfnisse des Tages zu sorgen, wie die Ladung des alten, trotzigen, verwitterten Einbaues zeigt. Aber auf der Heimfahrt hat sie ein Gewitter überrascht; denn der Meister Sturm sattelt und reitet schnell in den wetterfrohen Bergen. Von Nordwesten fährt er daher, in regenschauernde Wolken gehüllt, aus denen in nur unsicheren Umrissen dort der Staufen, hier die hohe Kampe hervortreten. Mit all seiner Macht stürzt er sich in den See, wühlt die Wogen auf, kämmt ihnen in seiner Wuth die weißen Schaumkronen ab und reißt sogar die Tropfen, zu Fäden gedehnt, von den Rudern. Wohl zittert und stöhnt der zum Fahrzeug ausgehöhlte Eichenstamm unter dem wilden Drange, aber er ist ein sicherer, treuer Freund und hat sich schon in noch ganz anderen Proben als zuverlässig bewährt. Ruhig legt sich die jähe, elastische Kraft des Mannes in die Ruder; vorwärts geht es, gerade dem Wind entgegen, wenn auch langsam, so doch stetig und sicher. Sturmgewohnt ist auch sein Töchterchen, das sich der empörten Wogen sogar freut und mit ihnen spielt, und die junge Mutter, die das Ruder weggelegt hat, um den Jüngsten, der allerdings [503] noch mit erschreckten Augen das Toben der Elemente ringsumher betrachtet, beschwichtigend an die treue Brust zu drücken. Sei still, herzlieber Bub’! Dort hinten grüßen schon der altersgraue Glockenthurm und das Kloster von Deinem heimathlichen Inselchen herüber, und die herrliche Lindengruppe, unter deren vielhundertjährigem Schatten Du Dich so gern jauchzend im Grase wälzest. Nicht weit davon steht eine friedlich stille Hütte, und in der Hütte eine Wiege, und in ihr wirst Du bald ruhen, von tiefem Schlafe umfangen, und alle Deine Angst vergessen haben!

Welch eine Gegend, welch ein Leben, die zu solchen Bildern begeistern kann! Und wie viele ähnliche herrliche Schöpfungen sind nicht schon auf dieser Stätte empfangen und geboren worden! Wer kennt nicht das „Ave Maria“ von Ruben, sei es auch nur aus einem der zahllosen Stiche, Schnitte und Lichtbilder, die von ihm durch die Welt gehen? Wer nicht ein oder das andere Bild von Max Haushofer, dem Chiemseemaler vor Allen? Und in Wien im Künstlerhause hängt, von dem berühmten Norweger Hans Gude gemalt, ein Chiemseebild von solch bezaubernder Wirkung, daß ich im vorigen Jahre aus der Welt des fanatischen Preußenhasses, der mir während des Krieges, wohin ich mich in der Kaiserstadt an der blauen Donau auch wandte, überall in hellen Flammen entgegenschlug, mich oftmals zu ihm rettete und wenigstens im Geiste in diesem Eldorado der Schönheit, des Friedens und der Ruhe schwelgte, bis mich zuletzt das Heimweh nach dem See und seinen Bergen in so überwältigender Weise überfiel, daß ich krank geworden wäre, wenn ich meiner Sehnsucht nicht nachgegeben hätte. Und wer traf wenige Tage nach mir auf Frauenchiemsee ein, ohne daß wir voneinander wußten? Professor Raupp, der liebenswürdige Meister unseres schönen Bildes, mit dem und dessen Schülern zusammen ich schon im Herbst 1869 unvergeßlich schöne Wochen hier durchlebt hatte.

Ja, ja, sie kommen alle wieder, die der Nixenzauber des Chiemsees einmal fest und voll in’s Herz getroffen hat, alle diejenigen, die über die Schönheit der Natur auf häuslichen Comfort und die conventionellen Vergnügungen der Gesellschaft zu verzichten wissen. Denn mit diesen letzteren Lebensingredienzien ist es allerdings hier das ganze Jahr hindurch sehr dürftig bestellt. Seit des verstorbenen weitberühmten Dumbser’s Tode weist das Gasthausleben der Insel fast nur noch Schattenseiten auf. Bei dem für die Verhältnisse übermäßig hohen Pachtzins, den Graf Hunoltstein, Pair von Frankreich, der Eigenthümer der großen Insel „Herrenchiemsee“, von dem ihm ebenfalls zugehörigen Wirthshaus auf der Fraueninsel zu erheben pflegt, ist jeder Pächter schon von vornherein darauf angewiesen, seine Gäste zu schrauben. Tritt dann bei diesem noch gar das Bewußtsein, daß er auf der Insel als der einzige Wirth unvermeidlich ist, durch Launen und Chicanen zu Tage, wie denn z. B. der vorletzte „Gasthalter“ seinen Gästen den Nierenbraten erst dann vorzusetzen pflegte, wenn er selbst vorher erst aus ihm die Nieren herausgeschnitten und verzehrt hatte, – so kann nach dieser Richtung hin das Leben daselbst stellenweise recht ungemüthlich werden. Kommt dazu noch etwa gar eine längere Regenzeit und ist man innerlich für eine solche nicht mit einem siebenfachen Erze gegen die Langeweile gepanzert, dann bricht auf der Insel unter den Fremdlingen in der Regel die helle Verzweiflung aus, die nach spätestens drei Tagen in wilder Flucht ihr Heil zu suchen pflegt. Nur der Eingeweihte, der sich, mit den Verhältnissen vertraut, mit einem allzeit wasserdichten Shakespeare, Schopenhauer, Goethe und anderen dergleichen probaten Entoutcas vorgesehen hat, harrt, seiner Belohnung sicher, geduldig aus, denn, – wie wiederum J. V. Scheffel singt:

„als das Wetter vertoset war,
Da wiegte der See sich wie blühend;
Da lachte der Himmel rosig klar,
Die Ferne färbte sich glühend.

Am Ufer blieben die Schiffer stehn,
Aus der Zelle lauschte die Nonne:
Noch niemals spielte im Thau so schön
Der Wundergluthhauch der Sonne.

Bergelfen hatten ein Feierkleid
Gewebt um der Alpen Zinnen:
Der Hochgern blinkend und frisch beschneit,
Wie ein Freier im Hochzeitslinnen.

Der Teisenberg, die Staufen auch
Getaucht in rothschimmernde Düfte;
Eisblau, durchsichtig wie ein Hauch
Des Watzmann fernheimliche Klüfte.“ –

Kurzum, ich weiß mir trotz aller Unbequemlichkeiten keinen Ort, wo ich lieber leben und sterben möchte, als die Fraueninsel auf dem Chiemsee. Welche Ruhe, welcher Friede auf dem stillen Eilande! Kein Geräusch, als das Brausen des Windes, das Flüstern der Blätter, das Rauschen der Wellen, das Plätschern der Ruder, Glockenklang und Chorgesang der Nonnen. Still und geräuschlos gehen die freundlichen, treuherzigen Eingeborenen ihrer Arbeit nach, die sie zum größten Theil auf oder über den See führt, wohin sie auch in der Regel die Kinder mitzunehmen pflegen. Ja, es ist so still hier, daß die Hunde im Laufe der Zeit sogar das Bellen verlernen. Selbst den Schall des Fußtritts verschlingt der fast überall mit üppigem Gras bewachsene Erdboden! Das ist, ganz abgesehen von den unversiechlichen auf allen Seiten herzuströmenden malerischen Schönheiten der Insel und des sie umfluthenden Sees, ein Aufenthalt für Nervenleidende sowohl, wie für solche, die sich ungestört geistiger Arbeit hingeben wollen, wie kein zweiter. Die doppelte Leuchtkraft der Sonne am Himmel und der sie wiederspiegelnden kolossalen Wasserfläche erzeugt eine so in sich gesättigte wunschlose Seelenstimmung, daß man schier meint, hier wäre allem menschlichen Sorgen und Klagen eine unüberschreitbare Grenze gezogen, wie dies auch der Dichter unseres Mottos mit der letzten Strophe in hinlänglich bezeichnender Weise ausgesprochen hat, wenn er sagt:

„Fahr’ ab, verfluchter Plunder,
Der elend mich gemacht!“

Ja, gewiß, lieber Leser:

„Hier ist vom Weltenbauherrn
Ein Meisterstück geschehn,“

und wenn Dich die München-Salzburger Bahn an dem Chiemsee vorüberträgt, so achte es nicht für Raub an Deiner Zeit, die vielbesagte und belobte Künstlerheimstätte Frauenchiemsee zu besuchen. Nur Eines lasse Dir dabei rathen: mach’s wie ich, und gehe auch in diesem Jahre an dem Wirthshaus soviel wie möglich vorüber. Willst Du mich nach den Gründen fragen, so will ich sie Dir gern schriftlich auseinandersetzen; für die Oeffentlichkeit ist ihre Mittheilung nicht recht geeignet. Der Aufenthalt in den Privathäusern auf der Insel ist jedenfalls vorzuziehen.[1]

Arthur Müller.




Aus den Tagen des Berliner Jubels.
(Schluß.)
Franzosenkanone an Franzosenkanone. – Die demokratische Verbrüderung der Stände. – Am Anhalter Bahnhofe. – Künstlerekstase.– Der große Tag. – Auf der Tribüne. – Zweifelhafte Musikgenüsse. – Der Kaiser. – Der Vorbeimarsch. – A. F. Nr. 16. – Limonade, Bier und Selterserwasser. – Französische Officiere als Zeugen ihrer Demüthigung. – Schluß.

Der folgende Tag war eine nach innen und außen in allen Beziehungen und Dimensionen vermehrte und verbesserte Auflage des gestrigen. Jetzt schon totaler Festrausch durch die ganze Stadt; bereits feierte alle Welt. Und wie weit waren die Zurüstungen inzwischen gediehen! Offenbar hatte man sich vielfach keine Nachtruhe gegönnt. Auch vom Potsdamer Thore längs dem Thiergarten bis zum Brandenburger stand nun, in Doppelreihe aufgefahren und zum Theil schon mit Laubgewinden umkränzt, Franzosenkanone an Franzosenkanone. Wie sich diese Herbeischaffung und Aufstellung im Laufe von zehn kurzen Stunden hatte bewerkstelligen lassen, das blieb uns ein Räthsel. Das ging noch über die berühmte affengleiche Preußengeschwindigkeit! Wie durch Magierhand herangezaubert, so nahmen die schweren Feuerrohre schon am frühen Morgen in schönster Ordnung die ihnen [504] bestimmten Plätze ein. Und nun die Königgrätzer Straße, die Hauptstrecke der Siegesbahn selbst! Ihr Anblick läßt sich nicht schildern – wem es aber zu schauen vergönnt war, der verliert dies Bild nimmermehr aus seinem Gedächtniß. Von ihrem Anfange am Thiergarten bis zu ihrem Ende am Bellealliance-Platze, wo die Statue der Berolina die einziehenden Sieger willkommen heißt, wer zählt die durch Laubgehänge verknüpften Wimpelmasten, welche in unabsehbarer Folge rechts wie links der Straße aufgerichtet prangen? Wer die Fahnen und Standarten in den preußischen und deutschen Farben, die hier wehen; wer die pompösen Banner mit den eingestickten Namen der erfochtenen Siege; wer die Kränze und Guirlanden quer über den Weg und an den Häuserfronten. Wer vermag eine Vorstellung zu geben von dem Leben, das, mit jeder Stunde steigend, vom Morgen bis zum Abend die mehr als eine Viertelmeile lange Straße erfüllt?

Rechts und links wälzt sich ein unermeßlicher Menschenstrom das Trottoir auf und ab, während in der Mitte bis zum Dunkelwerden eine zwiefache Säule von Equipagen, Kremsern, Droschken, Omnibus, Cabriolets, Schlächter- und Bäckerwagen, Brauer- und Sodawasservehikeln ohne eine Secunde Unterbrechung sich unaufhörlich hin und wider bewegt; und bunt wie die Art der Kutschen sind die In- und Aufsassen, die sie tragen: hocharistokratische Damen in blendenden Toiletten, Landleute mit vorsorglich mitgenommenen Fouragekörben und Brodkobern, malerisch in den Polstern liegende Stutzer mit Kneifern in den Augen, solide Bürgerfamilien mit ihrem gesammten Kindersegen, gleich Häringen zusammengeschichtete Provinzialen in altfränkischen Röcken und thurmhohen Cylinderhüten, pensionirte Officiere nebst gnädigen Frauen und Töchtern, angeheiterte Studenten, gravitätische Reichstagsmitglieder – eine demokratischere Verbrüderung aller Stände zur einträchtigen Verfolgung eines und desselben Zieles läßt sich nicht wohl denken, ebensowenig ein härterer Frohntag für das arme Pferdegeschlecht.

In all dem Gewimmel aber ward noch eifrig gehämmert und genagelt, getüncht und bekleidet an den Dutzenden von Tribünen, die sich vom Brandenburger bis zum Halle’schen Thore aneinanderreihen und nach den Hauptsiegen und Oertlichkeiten im letzten Kriege getauft sind: Tribüne Weißenburg, Mont Valérien, Sedan, Wörth und so fort, – kleine und große, theuere und billige, je nach Lage und Umfang, mit und ohne Erfrischungsstätten, bedachte und unbedachte – und auch die Parterre- und Ladenfenster richten sich allmählich zu Schaugalerien her, zu fünf, drei und zwei Thaler pro Stuhl. Will man jedoch einen annähernden Begriff erhalten von dem Fremdenzuflusse, der sich in unerschöpflicher Fülle noch fort und fort über Berlin ergießt, als käme die ganze Erde bei diesem zu Gaste gezogen, so muß man vor einem der großen Bahnhöfe Posto fassen. Etwa am Anhalter auf dem Askanischen Platze, zwischen den Denksäulen für die ersten großen Waffenthaten bei Weißenburg, Wörth und Spicheren, an der für die Berliner Schuljugend aufgebauten Riesentribüne, welche den Bewohnern der angrenzenden Häuser menschenfreundlich jede Aussicht auf das bevorstehende Schauspiel raubt. Unablässig pfeifen die Locomotiven, denn die regelmäßigen Züge zur Beförderung der zureisenden Massen reichen natürlich nicht hin; unablässig rollen die Droschken hinein uns heraus, keuchen die Dienstmänner ab und zu, kommen Frauen und Männer angeschwankt, die fast zusammenbrechen unter der Last ihrer Koffer und Nachtsäcke, und hülflos ausblicken nach einem Gefährt oder einem dienstbaren Geiste, von denen sich in Viertelstundenweite keine Spur erspähen läßt, brausen Hofequipagen heran mit Vorreitern und Jägern, welche Kaiser Wilhelm’s fürstliche Gäste in Empfang nehmen, marschiren Soldatenabtheilungen auf, die zum morgenden Einzuge commandirt sind, umarmen sich preußische, bairische, württembergische Officiere, welche sich seit Versailles und Paris, seit Le Mans und Belfort nicht wieder gesehen haben – welch Bild von unsäglichem Wechsel und Reize und trotz seiner Feierlichkeit wie voll der köstlichsten komischen Intermezzos! Unser künstlerischer Freund geräth ganz in Ekstase: der schöne Platz mit seinem monumentalen Festschmuck, das nicht versiechende Menschenmeer, die eleganten Carossen mit den edlen Gespannen, die mannigfaltigen Uniformen, dazu gelegentlich auf den die Straße entlang ziehenden Schienen der Verbindungsbahn ein schnaubender Lastzug mit endlosem Wagenconvoi, welcher auf Minuten alle Verbindung aufhebt zwischen Diesseits und Jenseits – wie unvergleichlich pittoresk!

„Daß ich nicht Stunden lang hier weilen und Hefte von Skizzen für die Gartenlaube voll zeichnen kann!“ klagte der Maler, als er einen Kunstgenossen erblickte, welcher sich’s im Schatten einer Thorfahrt auf seinem Feldstuhl bequem gemacht hatte und tapfer darauf los bleistiftelte. Allein die Pflicht duldete keine Rast; wir mußten noch etwas weiter Straßenbummler spielen, noch einmal vor Allem die Promenade unter den Linden durchschreiten, um die Hochfluth des Volksgewoges zu beobachten, das sich hier concentrirte, die Tribünen in Augenschein nehmen, welche mittlerweile ihre schmucke bunte Bekleidung angelegt hatten, die Bilder mit ihren Mottos und Denksprüchen betrachten, die zwischen den zehn Ehrensäulen nun vollzählig aufgehangen waren und in vortrefflichen Compositionen der ersten Berliner Maler Zweck und Gang des Krieges vergegenwärtigten, den Mastenwald mit den Flaggen aller Nationen beschauen, die von den neben der Schloßbrücke ankernden großen Kähnen herabflatterten, uns noch einmal weiden an der jetzt von ihrem Gerüste befreite Germania vor dem Mittelportale des Schlosses und unsere Wander- und Festrüstungsstudien mit einer Excursion nach dem fernen Dönhofsplatze beschließen, wo bereits die große Tanzbude und die vielen kleinen Erfrischungszelte für die Mannschaften aufgeschlagen wurden und sich schon des zahlreichsten, wenn auch noch ungelabten Zuspruchs erfreuten.

Dies Alles haben wir redlich vollbracht, und der Leser wird uns auf’s Wort glauben, daß die Ruhe wohl verdient war, der wir uns endlich in dem von bunten Lampen erhellten Vorhofe der weit bekannten Gratweil’schen[WS 1] Bierhalle dicht unter den Fenstern des jüngst in der Gartenlaube dargestellten Künstlerclublocales hingaben.

– – Und nun war er da, der lang erharrte große Tag, der größte, welchen Berlin jemals gesehen, und wie wir einen größern zu erleben weder hoffen noch begehren dürfen. Können wir doch nur wünschen, daß er den Janustempel des deutschen Reiches für alle Zeiten geschlossen haben möge! Den Tag zu schildern, liegt unserer Absicht und dem unserer Skizze vorgezeichneten Programm fern. Auch scheuen wir uns nicht zu bekennen, daß unsere Feder zu schwach ist, seinem überquellenden Reichthum gerecht zu werden. Was sich in ihm in der schmalen Spanne weniger Stunden zusammengedrängt hat, – des Inhalts war es übergenug für Monate, genug zum Erinnerungsschatze für das Leben. Es war ein Fest- und Weihetag der gesammten deutschen Nation, von welchem die Geschichte den spätesten Geschlechtern erzählen wird, ein Tag höchster Ehre, ungetrübter Begeisterung und reiner Freude, vor dessen heiterem Glanze selbst der Schmerz, die thränenschwere Ernte des großen Kampfes, momentan zurückwich.

Unserm Reporterthum getreu, überall zu sehen und zu hören und uns nach jeder Ausstrahlung hin in die wogende Strömung zu mischen, hatten wir einen uns zu Ehren der Gartenlaube gebotenen Tribünensitz verschmäht und wollten zunächst im Menschenspaliere der Königgrätzer Straße uns einen Stehplatz erkämpfen, da lockte uns ein improvisirtes Podium unmittelbar an der Ecke des Leipziger Platzes in die nächste Nachbarschaft des erwähnten Trophäenberges mit den Straßburg und Metz versinnlichenden, doch etwas allzu reichlich ausgefallenen Figuren. Die Estrade war nichts als eine Planke auf einigen stützenden Böcken, auf die ein Consortium Berliner Packträger eine Reihe von Stühlen gestellt hatte; aber die Lage dieser Schaubühne erschien uns als eine so günstige, daß wir uns nicht besannen, für’s Erste mindestens darauf Fuß zu fassen neben einer interessant zusammengewürfelten Gesellschaft von dicken Pächterfrauen und ausgetragenen Berliner Kindern, die selbstverständlich in „schnoddrigen Redensarten“ und drastischen Witzen Erkleckliches leisteten und damit die Zeit des Wartens nach Möglichkeit zu kürzen suchten.

Wir haben die Wahl unseres Standortes nicht zu bereuen gehabt. Der größere Theil der Berliner Gewerke mit ihren uralten und funkelnagelneuen Panieren und dem tollsten Mixtum Compositum von Musikbanden, zu denen sämmtliche Flecken und Dörfer auf Meilen in der Runde ihr Contingent gestellt haben mochten und deren Repertoire sich doch regelmäßig zwischen dem „Pariser Einzugsmarsche“, der „Wacht am Rhein“ und „Fein’s Liebchen mein unter’m Rebendach“ ableierte, zog an uns vorüber; [505] zweimal rollten die Sechs- und Vierspänner mit den von Seiden- und Gazewolken umflossenen Majestäten, kaiserlichen, königlichen und simplen Hoheiten vorbei; zweimal konnten wir Kaiser Wilhelm bejubeln, den erhabenen Greis mit dem sympathischen Gesicht und der jugendlichen Haltung, zweimal die schöne, kraftvolle Kriegergestalt des Kronprinzen bewundern, der seinen sammetumwundenen Marschallstab fort und fort so graciös und huldvoll zum Gruße senkte, während Prinz Friedrich Karl mit dem wettergebräunten Antlitz neben ihm so auffallend ernst auf die ihm zujauchzende Menge hinabschaute und den salutirenden Damen drüben auf der großen Magistratstribüne kaum einen Blick gönnte; zweimal dem Reichskanzler, der mit der ihm eigenthümlichen scherzhaften Galanterie die ihm zugeworfenen Bouquets und Kränze in die Damentribünen hineinschleuderte, und seinem Nebenmann, dem „großen Schweiger“, huldigen, dessen feste Lippen heute aber doch ein gar freundliches Lächeln umspielte – kurz, zweimal ward uns der Anblick der großen Kaisersuite mit ihrer Uniformen- und Ordens- und Rossepracht, mit ihren Prinzen und Fürsten, ihren Feldmarschällen und Generälen ihren Flügel- und Generaladjutanten, ihren Johanniter- und Malteserrittern, ihren Stabsofficieren und Generalärzten zu Theil.

Man braucht nicht Militär, auch nicht einmal absonderlicher Mililärfreund zu sein, um den Eindruck dieser Pracht geradezu für überwältigend zu erklären. Wie eine Zaubererscheinung schwebte die glanzvolle Procession an uns vorüber, und gewiß Jeder bedauerte, daß der brillante Zug den staunenden Blicken so schnell entschwand. Mit ihm erschöpfte sich indessen auch das äußere Interesse an dem officiellen Schauspiele. Was nun folgte, der endlose Einmarsch der verschiedenen Regimenter, von denen, wenigstens für das nicht militärische Auge, im Allgemeinen eines immer aussah wie das andere, war in hohem Grade ermüdend für die einer unbarmherzig herabbrennenden Sonne ausgesetzten Zuschauer, wie er eine peinliche Anstrengung für die triumphirenden Krieger gewesen ist, von denen mehrere leider diesen ihren Ruhm- und Ehrentag mit dem Leben büßen mußten, nachdem sie aus so vielen mörderischen Schlachten unverletzt heimgekehrt waren. Daß dieser bittere Tropfen dem großen Freudenbecher des Tages nicht fern gehalten werden konnte, bleibt schmerzlich zu beklagen!

Nach dem Vorbeimarsch der Suite dachten wir unsern Tribünenplatz zu verlassen, um, durch dem Festzuge abgewandte Straßen eilend, unsere Beobachtungen Unter den Linden fortzusetzen; allein die findigen Berliner um uns her boten so mannigfaltige Gelegenheit zu Volksstudien dar, daß wir uns für’s Erste auf unserem Stuhle noch festhalten ließen. Eben schwirrten die „Maikäfer“ von links heran, da erhob sich, um ihre Lieblinge besser beaugenscheinigen zu können, eine unserer Nachbarinnen von ihrem Platze. „Sitzen bleiben!“ befahlen die Hintermänner sofort; „sitzen bleiben, Sie da, A. F. Nr. 16!“ Die Schaulustige hatte nämlich ihr Taschentuch über den Kopf gelegt, um sich vor der glühenden Sonne zu schützen, und unter den Merkzeichen ihres Tuches ward nun die in ihrem Patriotismus gegen die Höflichkeit Fehlende zur Ordnung gerufen. Aehnliche Berliner Geistesblitze gaben noch mancherlei Stoff zur Erheiterung, bis schließlich die einzelnen Unternehmer unserer Plattform sich über deren Erträgniß in die Haare geriethen und einer derselben, welcher die Stühle geliefert und dafür kein genügendes Aequivalent empfangen haben wollte, mit kurzem Proceß sein Eigenthum reclamirte und uns ohne Weiteres entthronte.

Dergleichen improvisirte Schauempore hatte übrigens die Siegesstraße eine Menge aufzuweisen: Handwagen, Hökerkarren, Fässer und Kisten, und dies Alles mußte, an passenden Stellen aufgebaut, als Tribüne dienen, und alle solche Speculanten machten blühende Geschäfte. Ebenso die improvisirten und ambulanten Restaurationen, die sich neben ihnen etablirten. Unsere Estrade ward in regelmäßigen Intervallen von einem vierschrötigen Gesellen besucht, welcher in einem großen Pferdeeimer Wasser, in einem ditto Gefäße Himbeersaft feilbot und, das Glas des also gemischten Trankes zu fünf Silbergroschen verkaufend, sich eines reißenden Absatzes erfreute. Wie kolossal der Verbrauch von durstlöschenden Mitteln von Seiten des schaulustigen Publicums überhaupt gewesen ist, mögen ein paar authentische Ziffern beweisen. Die Restauration der in der Königgrätzer Straße errichteten Victoriatribüne war für fünfundzwanzig Thaler verpachtet worden. Der Pächter aber schenkte in einer einzigen Stunde fünfundzwanzig Eimer Limonade, jedes Glas zu fünf Silbergroschen, und gleichzeitig zehn Tonnen Lagerbier aus, das Seidel zu zwei und einem halben Groschen. Aus dem letztern Getränke allein erzielte er mithin einen Reingewinn von hundertfünfzig Thalern. Von der Tribüne C am Pariser Platze wurden, außer Selterserwasser etc., siebenzehn Tonnen Bier consumirt, wodurch dem Erfrischungspächter ein Gewinn von mehr als dreihundert Thalern erwuchs!

Nach einigen verunglückten Anläufen drangen wir endlich durch die Friedrichsstraße glücklich bis nach den Linden vor und eroberten uns mit Todesverachtung einen Sessel auf Kranzler’s Perron, im Augenblick, als die reitende Garde-Artillerie im Trabe vorüberdefilirte, so daß ringsum die Erde bebte. Wer aber waren auf dieser süßen Tribüne unsere Nachbarn? Zwei französische Officiere, die, jedenfalls aus irgend einer preußischen Festung entlassen und auf dem Rückwege nach der Heimath begriffen, ehrlos genug waren, sich, bei einer Schale Eis, einen Triumphzug zu begaffen, welcher für ihre Nation ein Moment der tiefsten Demüthigung bezeichnet und die französische Gloire, dies Wahnbild ihrer Eitelkeit, wer weiß, für immer ausgelöscht hat. Bedarf es eines Commentars zu diesem neuen „Beitrage zur Völker-Psychologie“?

Sollen wir noch die festliche Erleuchtung schildern, die den blendenden Schlußact des großartigen Tages ausmachte? Wir meinen, nein – dergleichen Lichteffecte sind für Feder und Stift gleich undarstellbar. Wir können es aber auch einfach nicht, weil wir, abgehetzt und abgespannt bis zum Umsinken, fast theilnahmlos durch das gas- und lampenumschimmerte Menschenchaos zogen und nach dem Nachtlager in unserm stillen Vorstadtquartiere trachteten, nachdem wir uns eine Weile an der elektrischen Sonne ergötzt hatten, welche die Quadriga auf dem Brandenburger Thore mit dem Glanze des Tages umgab, und an den buntfarbigen Feuerkugeln, die neben ihr hoch in den wolkenlosen Aether hinaufzischten.
H. Scheube.




Ein moderner Eugen Aram.
Skizze aus dem amerikanischen Verbrecherleben.


Im großen Ganzen bieten die Vorkommnisse und hauptsächlich die Charaktere aus dem Bereiche der amerikanischen Verbrecherwelt höchst selten Gelegenheit dar, dieselben zum Gegenstande „unterhaltender“ Lectüre zu machen. Alle unsere Verhältnisse sind im Grunde genommen noch sehr ursprünglich, und so hat auch unsere Verbrecher und unsere Verbrechen noch nicht Europens übertünchte Höflichkeit beleckt. Ungenirte Rohheit ist hier zu Lande das charakteristische Merkmal der Verbrecher, es fehlt ihnen der Schliff der Civilisation, der die Bösewichte Europas gar häufig den Novellisten willkommene Vorwürfe zu interessanten und pikanten Romanfiguren bieten läßt.

Wenn ich es aber dennoch wage, die Leser der Gartenlaube hier einen Einblick in die amerikanische Verbrecherwelt thun zu lassen, so ist es nicht so sehr das Verbrechen selbst, das an und für sich nur dem Criminalisten von Interesse sein kann, welches mich zu einer Besprechung veranlaßt hat, sondern in erster Linie der wirklich eigenthümliche Charakter des Verbrechers, der nicht sowohl dem Criminalisten als dem Psychologen reichen Stoff zum Nachdenken darbieten dürfte. Ich bin mir wohl bewußt, daß meine Darstellung nicht erschöpfend sein kann, aber das überaus reichhaltige und schätzbare Material, das vor Allem in der New-Yorker englischen Presse in Folge dieser Cause célèbre aufgehäuft wird, bietet wenigstens Momente genug dar, um einen tiefen Blick in diese moderne Eugen-Aram-Natur thun zu lassen.

Zunächst erlauben Sie mir, in ganz kurzen Zügen die Momente des Mordprocesses, der dem Treiben eines wahren Scheusals ein Ende gemacht hat, hier anzuführen.

Am 11. Januar dieses Jahres wurde in Binghampton im Staate New-York Edward H. Rulloff wegen Mordes zum Tode verurtheilt, und am 3. März sollte er „am Halse aufgeknüpft [506] werden, bis er todt ist“. Folgendes ist der objective Thatbestand des Verbrechens.

In der Stadt Binghampton wurde am frühen Morgen des 17. August 1870 Frederick A. Mirick ermordet. Er war Commis in dem Modewaarengeschäft der Gebrüder Halbert, und schlief während der Nacht mit seinem Collegen S. Burrows in dem Geschäftslocale. Am fraglichen Morgen gegen drei Uhr wurde der Clerk des in der Nähe gelegenen „American Hotel“ durch den Schrei „Mord! Mord!“ geweckt. Er stürzte auf die Straße hinaus und begegnete hier dem Burrows, der ihm in der fürchterlichsten Aufregung mittheilte, daß sein Camerad ermordet worden sei. In dem Hôtel schlief der Polizeichef der Stadt Binghampton. Derselbe wurde geweckt, da aber das idyllische Städtchen Binghampton siebenzehntausend Einwohner, einen Polizeichef und – keinen Polizeidiener hat, so hatte der Polizeichef nichts Eiligeres zu thun, als in der Feuerwehrhalle die Alarmglocke ertönen zu lassen. Bald war denn auch Alles auf den Beinen und sofort wurden Banden organisirt und die ganze Stadt und Umgegend abpatrouillirt.

Eine andere Schaar begab sich dann mit dem Polizeichef nach Halbert’s Modewaarenhandlung, und dort fand man die Leiche des kaum achtzehnjährigen Mirick in einer Blutlache liegen. Er war durch den Kopf geschossen und das Gemach ließ die Spuren eines furchtbaren Kampfes erkennen. Alles lag durcheinander, die Hinterthür war erbrochen, von dem Mörder aber keine Spur, nur ein ganz eigenthümlicher Schuh wurde in der Nähe der Mordthat aufgefunden. Der hintere Theil des Ladens stößt an den Chenangofluß und man glaubte, der Mörder habe denselben durchwatet. Mit großer Sorgfalt wurde der Fluß durchsucht, aber lange vergeblich. Nach drei Tagen zog man indeß die Leichen zweier ertrunkener Männer aus dem Wasser. Ihre Gesichter und Leiber waren so zerschlagen und verstümmelt, daß man sie kaum noch für Körper menschlicher Wesen zu erkennen vermochte. In ihren Taschen fand man Einbrechwerkzeuge und andere Gegenstände, die deutlich erkennen ließen, daß es die Leichen zweier gefährlicher Individuen seien. Natürlich brachte man diese Leichen mit dem Mord in Verbindung.

Während der Coroner mit der Untersuchung dieses Falles beschäftigt war, wurde ganz in der Nähe der Stadt ein Mann unter eigenthümlichen Verhältnissen verhaftet. Er wurde mit den beiden Leichen confrontirt, seine Aussagen waren aber derart, daß sie trotz einiger Widersprüche keine feste Handhabe zur Einleitung einer Untersuchung darboten, so daß man das Subject schließlich laufen ließ. Zufälliger Weise begegnete jetzt der Angeklagte dem alten Richter Balcom. Der scheue Blick des Mannes fiel dem Richter auf, er hatte den Mann schon früher gesehen, doch hatte er nur unbestimmte Ahnungen, wer es sein könne. Nichtsdesto weniger ließ Balcom ihn wieder verhaften und stellte ein Verhör mit ihm an. Plötzlich wurden ihm seine Ahnungen zur Gewißheit.

„Ihr sagt, Euer Name sei William Smith?“

„Ja, Sir!“

Da sprang der Richter auf.

„Du lügst! Du bist nicht Smith, Du bist Edward H. Rulloff. Du hast vor mehr als zwanzig Jahre Deine Frau und Dein einziges Kind ermordet. Damals entkamst Du dem Galgen, aber ich verurtheilte Dich zu zehn Jahren Zuchthaus wegen Wegschleppung Deiner Familie!“

Gelassen und mit frecher Miene hörte Rulloff diese Anschuldigungen an. Doch wurden die Untersuchungen sofort wieder aufgegriffen; es stellte sich heraus, daß die beiden ertrunkenen Männer die Spießgesellen Rulloff’s waren. Der oben erwähnte unförmliche Schuh paßte genau an Rulloff’s linken Fuß, und schließlich wurde ihm die Mordthat bis zur Augenscheinlichkeit bewiesen.

Am elften Januar wurde der Proceß beendet und Rulloff zum Tode verurtheilt. Er hatte die ganze Zeit in dumpfem Schweigen dagesessen, und nur, als der alte Richter ihn in feierlichem Ernste ermahnte, seine Verbrechen zu bereuen und die kurze Spanne Lebenszeit als Vorbereitung zu seinem Tode zu benützen, überflog ein spöttisches Lächeln das düstere Gesicht des verhärteten Sünders.

Das ist der objective Thatbestand des Verbrechens. Während der Untersuchung ergaben sich ganz merkwürdige Aufschlüsse über das frühere Leben und die Eigenthümlichkeiten dieser seltenen Verbrechernatur. Im Jahre 1848 hatte Rulloff die Tochter eines Herrn Schmidt in Dreyden, N. Y., geheirathet. Später diente er als Provisor in einer Apotheke, zu Ithaca, N. Y. Dort beschuldigte er seine Frau der ehelichen Untreue und er behandelte sie mit einer wirklich teuflischen Bosheit. Einmal wollte er sie zwingen, Gift zu nehmen, und nur die zufällige Dazwischenkunft einiger Fremden vereitelte dieses Verbrechen. Rulloff war wütend und überhäufte sie mit den widerlichsten Schimpfworten.

Die geängstigte Frau fiel vor dem Wüthenden auf die Kniee und schluchzte laut auf: „O Edward, Edward, ich bin so unschuldig wie ein neugeborenes Kind!“

Der brutale Mensch aber trat sie mit Füßen und schrie: „Stehe auf! Gott verdamm’ mich, mache mir kein solches Geheul vor, wenn ich toll bin!“

Trotzdem hing die Frau mit blinder Liebe an diesem Dämon, sie wollte nicht in das Haus ihres Vaters zurückkehren und that sogar alles Mögliche, der Welt und ihren Verwandten gegenüber den wahren Charakter ihres Mannes zu verheimlichen.

Einige Monate nachher verließ er mit seiner Frau und seiner jungen Tochter Ithaca, um, wie er sagte, sie nach einer Farm zu bringen. Seitdem hat man sie nie wieder gesehen. Seinem Advocaten hat er aber eingestanden, daß er seine Frau erdrosselt und ihr dann eine Ader geöffnet habe, um sie zu Tode bluten zu lassen. Das Kind habe er erstickt. Das Verbrechen konnte ihm jedoch nicht erwiesen werden, und so wurde er wegen Wegschleppung seiner Familie zu zehn Jahren Zuchthaus verurtheilt. Im Jahre 1856 hatte er die Strafe abgesessen und sofort wurde dann wieder ein Proceß wegen Ermordung seines Kindes gegen ihn anhängig gemacht. Er wurde zum Tode verurtheilt, aber auf Appellation wegen mangelnder Beweise entlassen.

Es läßt sich denken, daß die Processirung eines solchen Menschen die Gegend ringsum in nicht geringe Aufregung versetzen mußte. Die Verhandlungen in Binghampton nahmen mehrere Tage in Anspruch; aber die ganze Stadt verfolgte mit Fieberspannung die einzelnen Phasen des Processes. Des Mörders Vertheidiger ein tüchtiger Advocat aus Binghampton, erhielt zahlreiche Drohbriefe, worin ihm die Strafe des socialen Ostracismus und vollständiger Verlust seiner Praxis angekündigt wurde, wenn er es wagen würde, zu Gunsten des Mörders zu sprechen. Auch wurde ihm mitgetheilt, daß im Falle einer Freisprechung das Volk selbst die Gerechtigkeit in die Hand nehmen würde. Sechs Stunden blieb die Jury in Berathung, die Aufregung während dieser Zeit wurde immer gewaltiger, und selbst, als die Jury endlich das „Schuldig“ aussprach und Rulloff, zum Tode verurtheilt, in das Gefängniß zurückgeführt wurde, bedurfte es aller Anstrengung, den Mörder vor der Volkswuth zu schützen.

Bis dahin habe ich Ihnen nur eine ganz gewöhnliche Mordgeschichte erzählt, die auch weiter kein lohnendes Interesse erwecke würde, wenn nicht eben die Natur des Mörders so mannigfache Anhaltepunkte zu interessanten Betrachtungen darböte.

Rulloff ist ein Mann von fünfzig Jahren und von deutsch-amerikanischer Abkunft. Er war Apotheker, Lehrer, Handwerker, gewöhnlicher Arbeiter etc.; aber er mochte sich in einer Lebensstellung befinden, wie immer, stets benutzte er jeden freien Augenblick zu den rastlosesten Studien. Ganz geläufig sprach er Französisch, Deutsch, Englisch und Latein. Die griechische Sprache konnte er durch und durch, und mit Leichtigkeit wußte er sich im Spanischen, Portugiesischen und Italienischen verständlich zu machen, sogar im Hebräischen und im Sanskrit hatte er sich die umfassendsten Kenntnisse erworben. Im Gefängnisse beschäftigte er sich viel mit juridischen Studien, besonders vertiefte er sich gern in interessante und verwickelte Criminalfälle. In der Technik, Physik, Chemie und den beschreibenden Naturwissenschaften war er sehr wohl bewandert; kurz, es gab kaum einen Zweig menschlicher Wissenschaft, dem er sich nicht mit Eifer zugewandt hatte. Ich will freilich nicht behaupten, daß er ein wirklicher Gelehrter war; aus eigenem Fleiße hatte er so ziemlich ohne System ein überreiches Material positiven Wissens sich angeignet; aber er besaß nicht die Gabe der wissenschaftlichen Absonderung und Scheidung, die Begriffe verwirrten sich leicht und das überreich aufgehäufte und gewissermaßen unverdaute Material brachte ihn dazu, bei jeder Gelegenheit sich mit seinem Wissen hervorzudrängen.

Das Studium seines ganzen Lebens hat er, wie er selbst sagte, in einem äußerst umfassenden Werke niedergelegt, das immerhin interessant genug ist, besprochen zu werden.

[507] Auf der Philologen-Versammlung in Poughkeepsie, N. Y., im Juli 1869 führte sich Rulloff als Professor E. Leurio aus Newyork ein und vertheilte an die Mitglieder der Gesellschaft ein Circular, dem wir Folgendes entnehmen:

Große Entdeckung!
Die Sprache der alten Griechen hergestellt!
Das Mysterium der neuen Sprachen erklärt!
5000 Beispiele,
entnommen der griechischen, lateinischen, deutschen, französischen und englischen Sprache, deren Formation vollständig klar und verständlich dargelegt wird.
Preis des Manuscripts – 500,000 Dollars!

Es wurde ein Comité von drei Professoren ernannt, welche dieses Werk, das der Verfasser für die Kleinigkeit von einer halben Million Dollars anbot, untersuchen sollten. Das Comité berichtete, daß die Versammlung sich nicht mit diesem Gegenstande befassen könne, ein kritisches Urtheil über das Werk gab das Comité nicht ab, nur ein Mitglied erklärte später, daß das Manuscript viel wichtige Schätze für die Sprachforschung enthalte.

Bei Gelegenheit des Processes ist nun auch das Manuscript wieder zur Sprache gekommen und vielfach argumentirt worden. Es umfaßt einen großen Folioband von sechshundert Seiten und zwei kleinere Bände. Die Handschrift ist eigenthümlich. Das Manuscript enthält sieben Theile unter folgenden Titeln:

1) Methode der Sprachformation. 2) Die Wurzeln der Sprache und ihre Analysis. 3) Die Form der Worte und ihre Modificationen. 4) Die methodische Erforschung der Wurzeln in der Formation der Sprache. 5) Die Bedeutung der Worte. 6) Der Ursprung der Partikel. 7) Fünftausend Beispiele.

Doch genug davon. Ich habe das Werk nicht selbst gesehen, kann nur aus den meist oberflächlichen Besprechungen der amerikanischen Presse schöpfen, und deshalb kann ich mir auch kein Urtheil über das Buch erlauben. Höchst wahrscheinlich wird es aber eine reiche Ausbeute interessanter Spracheigenthümlichkeiten enthalten, ohne daß es dem Verfasser gelungen ist, dieselbe in einem streng wissenschaftlichen System zusammenzufassen.

Zum Schlusse möge hier noch ein eigenthümlicher Zug im Charakter des gelehrten Scheusals Platz finden.

Als Rulloff im Gefängniß zu Ithaca saß, hatte er den Sohn des Sheriff, den jungen Jarvis, kennen lernen. Es war ein wilder, unbändiger Junge, und Rulloff unterrichtete ihn, aber nicht nur in den nützlichen Schulkenntnissen, sondern er bildete ihn auch zum abgefeimtesten Bösewicht heran. Rulloff hatte große Zuneigung zu dem jungen Manne gefaßt und später waren sie auch immer zusammen. Mehr als einmal hat Rulloff mit eigener Lebensgefahr aus den kritischsten Momenten ihn gerettet. Jarvis war auch einer der beiden Complicen, die bei dem Mordgeschäft in Binghampton betheiligt waren und die im Chenangoflusse ertranken. Bei der Untersuchung hat es sich herausgestellt, daß Rulloff bereits den Laden verlassen hatte, als der junge Jarvis, der noch mit den beiden Clerks zu kämpfen hatte, kläglich um Hülfe rief; sofort kehrte er zurück, um seinen Freund zu retten, er erschoß Mirick, konnte aber Jarvis nicht retten, und jetzt erlitt er selbst, als Letzter des würdigen Brüderpaares, den Tod am Galgen.

Erst am 17. Mai wurde der Mörder Edward H. Rulloff im Gefängnißhofe zu Binghampton, New-York, hingerichtet. Bei seiner Verurtheilung war der 3. März als Hinrichtetag festgesetzt. Er machte jedoch die größten Anstrengungen, nochmals processirt zu werden, und wirklich wurde der Executionstag hinausgeschoben. Der Appellhof beseitigte jedoch das Urtheil und so blieb nur der Gnadenweg noch übrig. Der gelehrte Mörder reichte eigenhändig ein Gnadengesuch ein. In demselben stützte er seine Bitte hauptsächlich darauf, daß sein Leben für die Wissenschaft erhalten werden müsse, da er mit seinem neuen Sprachsystem noch nicht ganz fertig sei, und dieses Wunderwerk müsse die Menschheit vollständig erhalten. Der Brief war übrigens in einem so abenteuerlichen Tone gehalten, daß der Gouverneur sich veranlaßt sah, die Zurechnungsfähigkeit des Mörders untersuchen zu lassen. Rulloff überzeugte aber die beiden Aerzte, daß er keineswegs an einer Geistesstörung leide. Ueberaus eifrig beschäftigte er sich dann mit seinen Studien und schrieb lange Artikel über vergleichende Sprachenkunde für ein Binghamptoner Journal. Dieselben waren aber meistens ganz unverständlich und seltsam in jeder Beziehung. Kaum erhielt aber Rulloff die abschlägige Antwort des Gouverneurs, da brach sich die bestialische Natur des Mörders Bahn. Er tobte und wüthete tagelang wie ein Besessener und lästerte in den gemeinsten Ausdrücken die Richter, den Gouverneur etc. – dann legte sich sein Paroxysmus wieder, er wurde wieder tiefsinnig, versenkte sich in seine Studien und bejammerte es kläglich, daß die Wissenschaft nunmehr um seine gelehrten Forschungen betrogen werde; je näher aber der Tag der Execution herannahte, desto eifriger schrieb und arbeitete er.

Im Ganzen sind seine philologischen Studien ziemlich unverdaulich und vielleicht möchte er den Namen „philologischer Mörder“ schon deshalb verdienen, weil er wirkliche Mordattentate auf die Philologie ausgeübt hat. Augenscheinlich studirte er jetzt nur aus Prahlerei, was sich ziemlich deutlich aus folgender verbürgten Thatsache erklären läßt. Er beklagte sich einst bei einigen Besuchern, daß ihm die portugiesische Sprache so viel Schwierigkeiten mache. Zufällig sprach einer der Herren geläufig portugiesisch und da stellte es sich denn heraus, daß Rulloff auch nicht ein Wort portugiesisch verstand.

Wenige Tage vor seinem Tode eröffnete er plötzlich dem Sheriff, er sei bereit, ein vollständiges Bekenntniß aller seiner Verbrechen abzulegen, wenn man – fünftausend Dollars an seinen Bruder auszahlen wolle. Es wurde an seinen Bruder telegraphirt, doch dieser lehnte mit Entrüstung das Anerbieten ab und ohne weiter ein Wort darüber zu verlieren, vertiefte er sich wieder in seinen Codex.

Ein paar Mal hatte er auch entsetzliche Wuthanfälle. Die letzten Stunden vor seinem Tode war er aber ruhig, eisig kalt! Er frühstückte Morgens mit großem Behagen, kleidete sich sehr sorgfältig an, schrieb noch ein paar Briefe und bestieg, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, das Schaffot; bis zum letzten Momente verharrte er in eisig kalter Ruhe. Rulloff war unzweifelhaft ein – interessanter Verbrecher. Sein Leben bildete eine fortgesetzte Reihe der entsetzlichsten Schandthaten, die nur zum kleinsten Theil an die Öffentlichkeit getreten sind. Und in dieser niedrigen Verbrechernatur barg sich ein ganz eigenthümlicher Schatz menschlichen Wissens. In keiner Beziehung kann Rulloff allerdings Anspruch darauf machen, ein Mann der Wissenschaft zu sein, dazu waren die massenhaften Kenntnisse zu wenig geordnet und ihm zu wenig zum Bewußtsein gekommen. Immerhin bietet aber der Contrast in der Natur dieses Menschen höchst eigenthümliche psychologische Räthsel dar, und unzweifelhaft bildet dieser Mensch eine der interessantesten Erscheinungen in dem Gebiete der Criminalistik. Rulloff wäre entschieden ein dankbares Bild in der Pitaval-Galerie.
C. A. Hontheim.




Die Zauberquelle und ihre Trinker.


Die diesjährige Badesaison scheint in Folge des vorjährigen Krieges und der damit verbundenen Schwierigkeiten und Hindernisse, welche die Mehrzahl der Hülfsbedürftigen in der Heimath fesselten, eine ungewöhnliche Höhe zu erreichen. Von allen Seiten pilgert die leidende Menschheit nach den bekannten und empfohlenen Heilquellen, unter denen Karlsbad noch immer einen ersten Rang einnimmt. Die Natur schuf in ihrer glücklichsten Laune diesen wunderbaren Zauberkessel, den sie verschwenderisch mit allen ihren Gaben und Reizen ausstattete. Die Stadt selbst liegt in dem herrlich romantischen Thal der Tepl recht wie ein verzogenes Schoßkind, rings von bewaldeten Bergen und Höhen bewacht und geschützt.

Länger als fünfhundert Jahre werden ihre heißen Quellen benutzt, anfänglich nur zu Bädern, bis der alte Brunnenarzt Wenzel Payer 1520 das Wasser auch zum Trinken verordnete. Unter den ersten Gästen, welche hier Genesung suchten, finden wir die schöne Philippine Welser, die Gemahlin des Erzherzogs Maximilian von Tirol, die wahrscheinlich an Gallensteinen litt. Es existirt noch ein von ihrem Leibarzt geführtes Tagebuch, das höchst interessante Bemerkungen über ihren Aufenthalt und die damalige Curmethode [508] giebt. Im Jahre 1631 besuchte Albrecht von Wallenstein, der berühmte Feldherr des dreißigjährigen Krieges, das bereits bekannte Bad. Ihm folgte 1711 Peter der Große, an den noch heute eine von russischen Curgästen errichtete Gedenktafel erinnert. Außer andern berühmten und vornehmen Curgästen verweilten hier der gelehrte Leibnitz, Prinz Eugen, „der edle Ritter“, Schwerin und Laudon, die Helden des siebenjährigen Krieges, Kaiser Joseph der Zweite, der fromme Gellert und der humane Herder.

Ein häufiger Gast war Goethe, der zum ersten Mal 1785 mit seiner geistreichen Freundin Charlotte von Stein in Karlsbad erschien und vierzehn Mal wiederkehrte. Zuletzt führte den damals vierundsiebenzigjährigen Dichter weniger ein körperliches Leiden her, als seine tiefe Neigung für das schöne Fräulein Ulrike von Levezow, das noch einmal sein jugendliches Herz entflammte. Hier gedachte er den in Marienbad angesponnenen Roman durch eine dauernde Verbindung glücklich abzuschließen, indem er der jungen, reizenden Dame seine Hand bot. Aber die Ungleichheit des Alters und noch manche andere Bedenken bewogen sie, die ihr angebotene Ehre, wenn auch in zartester Form, zurückzuweisen. Mit blutendem Herzen riß er sich von der holden Erscheinung los, schied er von ihr und dem sonst ihm so angenehmen Karlsbad, um Beide nie wieder zu sehen. Was und wie er damals empfunden und gelitten, sprach er in jener Elegie, dem Schwanengesange seiner Liebe, aus:

„Ein Kuß, der letzte, grausam süß zerschneidend
Ein herrliches Gebild verschlungner Minnen.
Nun eilt, nun stockt der Fuß, die Schwelle meidend,
Als trieb ein Cherub flammend ihn von hinnen!
Das Auge starrt auf düstren Pfad verdrossen,
Es blickt zurück, die Pforte steht verschlossen.“

Während der alte Goethe in Karlsbad von seiner Liebe für immer Abschied nahm, feierte hier Schiller im Jahre 1791 seine Flitterwochen, nachdem er sich kurz vorher mit seiner geliebten „Lotte“ vermählt hatte. Sieben Jahre später machte er in dem nahen Eger seine Studien zu der „Wallenstein-Trilogie“. Eine schwarze Tafel mit goldener Inschrift bezeichnet daselbst das Haus auf dem Marktplatz, wo er den Stoff zu seinem erhabensten und vollendetsten Drama sammelte. Der durch seinen Vater Schiller befreundete und einigermaßen geistig ihm verwandte Theodor Körner war 1811 und 1813 in Karlsbad, wo er die mächtigen, alten Eichen in dem alten „Dallwitz“ durch ein schönes Gedicht verherrlichte. Wenige Wochen später fiel der jugendliche Sänger von „Leier und Schwert“ durch eine französische Kugel im heiligen Kampf für das deutsche Vaterland. Noch zwei Helden der Befreiungskriege nennen die früheren Curlisten, den Fürsten Karl von Schwarzenberg und den alten Blücher. Von dem Letzteren erzählt der wackere Karlsbader Chronist Stöhr die humoristische Aeußerung: „Ich war immer ein Todfeind des Wassertrinkens und jetzt führt mich der Teufel daher, wo ich Wasser ex officio saufen muß.“

Auf die Helden folgten die Diplomaten, welche mit der Feder verdarben, was die Schwerter gut gemacht. Unter dem Vorsitz von Metternich und Gentz wurden hier jene berüchtigten „Karlsbader Beschlüsse“ gefaßt, die zwischen frivolen Zerstreuungen und Liebeshändeln Deutschlands Schmach decretirten. Bis in die neueste Zeit fehlte es in Karlsbad nicht an berühmten und hervorragenden Gästen, unter denen die Dichter und Schriftsteller Chateaubriand, Jesaias Tegnér, Mickiewitz, Fürst Pückler-Muskau, Herwegh, Max Waldau, Geibel, Gervinus, Halm etc. besonders bemerkenswerth erscheinen. Im Jahre 1864 sah man hier den österreichischen Kaiser an der Seite Königs Wilhelm von Preußen und Bismarck Arm in Arm mit dem damaligen Minister Grafen Rechberg in innigster Eintracht wandeln. Gegenwärtig findet man auch in der diesjährigen Saison so manche interessante Erscheinung, manche nennenswerthe Persönlichkeit, wie zum Beispiel jenen älteren Herrn mit dem ernsten, aber freundlichen Gesicht, dessen schlichtes, einfaches Wesen weder seinen hohen Rang noch seine nahe Verwandtschaft mit dem preußische Königshause verräth. Es ist der Prinz Adalbert, der Admiral der deutsche Flotte, und die schlanke Dame an seiner Seite seine Gemahlin, die Frau von Barnim, Schwester der gefeierten Tänzerin Fanny Elsler. Beide leben so still und zurückgezogen in Karlsbad, daß man kaum von ihrer Anwesenheit weiß. Dagegen dürfte es kaum möglich sein, dort die untersetzte Dame in ihrer mehr eleganten und auffallenden als geschmackvollen Toilette und mit ihrem lebhaften Wesen zu übersehen. Einst eine viel genannte Bühnenkünstlerin, hat sie das Podium mit einem Fürstenschloß und ihr Theaterdiadem mit einer wirklichen Herzogskrone vertauscht; aber trotz ihres hohen Ranges kann und will sie nicht ihre alten Gewohnheiten vergessen, woraus wir ihr jedoch keinen Vorwurf machen wollen. Mit lautem Gruß redet die hohe Frau einen alten Bekannten an, dessen mehr interessantes als schönes Gesicht mit dem gelblichen Teint, den blitzenden dunklen Augen und dem energischen Ausdruck keinen gewöhnlichen Geist verräth, während die elastische, gedrungene Figur eine trotz der Jahre und mannigfacher Leiden bewahrte unverwüstliche Jugendkraft verkündigt. Der wohlbekannte Gast, dessen charakteristische Züge jetzt ein feines, angenehmes Lächeln erhellt, ist kein Anderer, als Heinrich Laube, Deutschlands erster Dramaturg und einer unserer besten Bühnendichter. Wie seine äußere Erscheinung ist auch sein ganzes inneres Wesen und seine Unterhaltung elastisch, schlagfertig, scharf, ohne zu verletzen, schneidend, aber stets gerecht und wahr. Jetzt verabschiedet er sich von der Herzogin mit einer Verneigung, um seine Hand einem Künstler zu reichen, der mit einem seltenen Talent eine noch seltenere Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit verbindet. Im angeregten Gespräch wandert neben Laube der Meister und Begründer einer neuen Malerschule, dem wir die Bilder des „Wallenstein und Seni“, des dämonisch auf den Brand des angezündeten Roms niederblickenden „Nero“ verdanken, der geniale Piloty aus München. Dicht hinter dem Künstlerpaar geht die verkörperte Prosa, der „Herr in Grau“, mit grauem Haar, grauem Hut, grauem Rock, dem man wohl schwerlich ansieht, daß er im eigentlichen Sinne ein goldener Mann, der Repräsentant der so mächtigen materiellen Interessen, der Beherrscher von Millionen in des Wortes verwegenster Bedeutung, der König der europäische Börse, kurz, daß er der Freiherr von Rothschild aus Wien ist.

Immer größer wird der Kreis, der unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Dort an der Felsenquelle steht ein alter Bekannter der Gartenlaube, Franz Wallner, und erzählt den amüsirten Zuhörern mit der ihm eigenen drastischen Lebendigkeit von seiner Reise nach Aegypten, wo er wegen seiner leidenden und angegriffenen Gesundheit längere Zeit gelebt hat. Wenn er auch etwas von seinem früheren Embonpoint verloren, so hat er doch keineswegs den alten gemüthlichen Humor eingebüßt, womit er seine kleinen Scherze über die alten und modernen ägyptischen Mysterien und seine Geschichten von dem Ufern des Nils würzt. Zuweilen unterbricht ihn sein witziger College, dessen dunkler Teint und schwarze feurige Augen nicht den südlichen, wie ich glaube, französischen Ursprung verleugnen, obgleich es keinen besseren deutschen Theaterdirector als Herrn Maurice giebt, den Besitzer und Leiter der Hamburger Thalia-Bühne, von der Künstler wie Dawison, Friederike Goßmann, Charlotte Wolter etc. ausgegangen sind, die zum großen Theil ihren Ruf und auch öfters ihre Ausbildung ihm zu verdanken haben.

Auch die Wissenschaft hat ihre Vertreter nach Karlsbad gechickt; am Marktbrunnen sehen wir an der Seite der geistvollen Gattin den berühmtem Kunstkenner und Aesthetiker, Professor Lübke aus Stuttgart, eben so angenehm und wohlthuend im persönlichen Umgang, wie bedeutend und gediegen in seinen Schriften und Vorträgen, indem er das Schöne mit dem Wahren, die Aesthetik mit der reinsten Ethik zu verbinden weiß. Am Sprudel bemerken wir den in seiner äußern Erscheinung so liebenswürdigen, als in seinem Fache hochverdienten Physiologen Czermak aus Leipzig, dem die Medicin die hochwichtige Erfindung des „Kehlkopfspiegels“ und außerdem noch manche andere interessante Bereicherung verdankt. Ein wahrer Gentleman in seinem ganzen Wesen und Benehmen, besitzt er dazu noch den Fleiß, die Freundlichkeit und das tiefe Wissen des deutschen Gelehrten. In diesem Augenblick setzt er einem nicht minder talentvollen jüngern Collegen aus Dorpat die bedeutende Aufgabe auseinander, die er sich für den nächsten Winter gestellt hat, nämlich in einer Reihe populärer und allgemein verständlicher Vorträge, die mit demonstrativen Experimenten von ihm verbunden werden sollen, die bisher in den engen Kreis der Studenten gebannte Wissenschaft nach Art der Engländer allen Gebildeten zugänglich zu machen; wofür ihn sein Talent und seine ihm sonst zu Gebote stehenden Mittel ganz besonders befähigen, wie dies die von ihm bereits in Jena und Leipzig vor einem solchen

[509]
Die Gartenlaube (1871) b 509.jpg

X. A. v. R. BRENDAMOUR.

„Nanu, Bazaine, nu kannste nich ’raus!“
Nach seinem Oelbilde auf Holz gezeichnet von Jul. Geertz in Düsseldorf.



Publicum gehaltenen Vorlesungen mehr als genügend bewiesen haben.

Unter den anwesenden Damen giebt es ebenfalls so manche interessante Erscheinungen, die durch Anmuth, Talent und Geist sich auszeichnen. Um jedoch keine der Göttinnen zu erzürnen und möglicher Weise dadurch einen neuen trojanischen Krieg heraufzubeschwören, wollen wir lieber den Apfel des Paris zerschneiden, so daß jede ein Stück davon erhält. Das größte aber gebührt gewiß jener würdigen „Frau in Schwarz“, die sich um Karlsbad selbst das bedeutendste Verdienst erworben hat. Es ist dies Frau [510] Mathilde Arnemann aus Hamburg, deren ganzes Leben den Armen und Nothleidenden gewidmet war. Gleich der heiligen Elisabeth von Thüringen hat auch sie Wunder bewirkt und wie diese Rosen in Brod verwandelt. Am Pfingstabend des Jahres 1867 erschien nämlich eine Abgesandte des Himmels in einer heitern Gesellschaft, die sich in dem nahen Schönbrunn versammelt hatte, und überreichte der Frau Arnemann einen Korb, in dem unter frischen Rosen eine Sparbüchse sich barg. Mit beredten Worten forderte sie zu einer Sammlung für die zahlreichen armen Patienten in Karlsbad auf, welche außer mit ihrer Krankheit noch mit der Noth und Sorge für den Lebensunterhalt zu kämpfen haben, da die vorhandenen Anstalten nicht für alle Hülfesuchenden ausreichen. Die Sammlung ergab sofort eine ansehnliche Summe, die durch die hinzugetretene Schenkung der Frau Nanette von Harder, geborene Baronin von Stieglitz aus Petersburg und andere Wohlthäter bereits zu einer Höhe von fünfzehntausendsiebenhundertneunundachtzig Gulden angewachsen ist. Viele Leidende haben der wackern Frau Arnemann und ihren „Elisabeth-Rosen“ die nöthigen Mittel zur Cur, die liebevollste Unterstützung und somit ihre Genesung zu verdanken; weshalb wir auch den Lesern der Gartenlaube die segensreiche Stiftung dringend empfehlen. –

Außer diesen bekannten und berühmten Personen findet man in Karlsbad alle Stände, Berufsarten und Nationalitäten vertreten; gekrönte Häupter und Parvenus, Millionäre und Proletarier, Russen und Amerikaner, feurige Italiener und kalte Engländer, stolze Ungarn und versteckte Czechen, höfliche Sachsen und massive Baiern, stramme Preußen und gemüthliche Schwaben. Schon am frühen Morgen versammelt sich die ganze Gesellschaft an den verschiedenen Quellen, wo sich ein eigenthümliches, buntes Leben und Treiben bei den Klängen der berühmten Labitzky’schen Badecapelle entwickelt. In einer langen Kette, worin die Späterkommenden die letzten Plätze einnehmen, bewegt sich der öfters unübersehbare Zug im langsamen Gänsemarsch, um sich den Becher von den kleinen, sauber gekleideten Brunnenmädchen, armen Stadtkindern, füllen zu lassen; was bei schlechtem Wetter und strömendem Regen, abgesehen von der Langenweile des Wartens, keineswegs zu den Annehmlichkeiten des Bades gehört, dem leider noch immer eine anständige Trinkhalle fehlt. Zwischen jedem Becher wird eine Verdauungs-Promenade von zehn bis fünfzehn Minuten gemacht, wobei Freunde und Bekannte in leichter, den Geist nicht anstrengender Unterhaltung auf und nieder schreiten. Der Inhalt des Gespräches dreht sich meist um die Gesundheit, um die Wirkung des Brunnens, über die selbst zarte Damen mit naiver Ungenirtheit reden, eingedenk des alten Spruches: naturalia non sunt turpia.

Nach mehrstündigem Herumwandern schlägt endlich die schönste Stunde, welche den Höhepunkt des Karlsbader Daseins verkündigt. Der sehnlichst erwartete und sauer verdiente Moment ist gekommen, wo der hungrige Curgast sein Frühstück einnehmen und den classischen Kaffee mit den obligaten „Kipfeln“ genießen darf, die man sich selbst in der berühmten Manul’schen Bäckerei auf der „alten Wiese“ zu holen pflegt. Mit den rothen oder gelben Papierdüten in der Hand, worin die zarten Semmeln liegen, wandert die Menge an dem schattigen Ufer der Tepl nach dem nahen „Posthof“, oder nach dem ferneren „Freundschaftssaal“ und „Kaiserpark“, wo ihm der duftige Trank von den Händen junger Nymphen gegen ein entsprechendes Trinkgeld mit Grazie credenzt wird. An den zahlreichen sauber gedeckten Tischen sitzen Freunde und Bekannte bei ihrer „Rechten“ oder „Verkehrten“ unter den grünen Bäumen, die Damen mit einer weiblichen Handarbeit beschäftigt, die Herren die unentbehrliche Cigarre mit unbeschreiblicher Wonne rauchend. Dazu die erquickende Bergluft, der balsamische Duft der nahen Fichtenwälder, das Rauschen der kühlen Fluth, und man wird gestehen, daß es gut ist, Hütten zu bauen und länger zu verweilen.

Der Nachmittag und Abend ist ausschließlich dem Vergnügen und Ausflügen in die Nähe und Ferne gewidmet, wozu die wahrhaft entzückende Umgebung von Karlsbad hinlängliche Gelegenheit bietet. Auf herrlichen Waldwegen wandert man zu Fuß nach dem Hirschensprung oder Drei-Kreuzberg, von dem man die schönste Aussicht auf das saatenreiche Egerthal mit seinem silberglänzenden Flusse, auf das blaue Fichtelgebirge und auf die waldbekränzten Höhen des Erzgebirges genießt, während zu unseren Füßen Karlsbad selbst mit seinen weißen Häusern ruht. Weitere Partieen führen nach Dallwitz zu den prächtigen Eichen, nach Hammer, wo die berühmte Porcellanfabrik der Herren Mieg und Fischer sich befindet, die sich ebenso sehr durch ihre geschmackvollen Erzeugnisse wie durch billige Preise empfiehlt. Daselbst sind auch zahlreiche Kunsttischler, unter denen besonders der bekannte Günther durch seine kostbaren Arbeiten aus den feinsten Hölzern und seltensten Palmen einen wohlverdienten Ruf genießt. Für größere Ausflüge zu Wagen eignen sich das schön gelegene Aich mit seinem Hans-Heilingfelsen, in dem die von Marschner zu einer Oper, von Theodor Körner zu einer Novelle und von dem Dichter Vogel zu einer Ballade benutzte Volkssage einen versteinerten Brautzug sieht. Nicht minder belehrend ist die Tour nach Hauenstein und nach Gießhübel, wo sich ein renommirter Sauerbrunnen befindet, dessen Wasser mit Zucker und Wein gemischt ein dem Champagner ähnliches erquickendes Getränk giebt.

Alle diese Partieen tragen wesentlich dazu bei, die Cur durch die gebotene Bewegung und den Aufenthalt in der reinen Bergluft zu unterstützen. Vor Allem aber ist der schöne Wald mit seinem balsamischen Fichtennadelduft ein nicht hoch genug zu schätzendes Heilmittel. Leider aber sind die schönsten Bäume seit Jahren dem Verderben geweiht, indem der feindliche Borkenkäfer um Karlsbad sich eingenistet hat und die furchtbarsten Verwüstungen anrichtet, wogegen sich alle bisher angewendeten Maßregeln der Verwaltung fruchtlos erwiesen. Wir hoffen, daß es den Anstrengungen derselben noch gelingen wird, den bösen Feind und außerdem noch manche andere dringende Uebelstände zu beseitigen, wozu vor Allem der Mangel einer großen und geschützten Trinkhalle gehört. Den Fremden aber, welche nach Karlsbad zur Cur gehen, rathen wir, hauptsächlich eine angemessene Diät zu beobachten und die gebotenen Heilquellen, Zerstreuungen und Genüsse der Saison mit Vorsicht zu gebrauchen, besonders aber sich von allen Sorgen und Gemüthsbewegungen frei zu machen, so weit dies in ihren Verhältnissen nur möglich ist.
Max Ring.




Literaturbriefe an eine Dame.
Von Rudolf Gottschall.
VII.


Viele Dichter und Denker, verehrte Frau, haben das große Räthsel der Liebe zu lösen versucht,

Worüber schon manche Häupter gebrütet,
Häupter in Hieroglyphenmützen,
Häupter in Turban und schwarzem Barett,
Perrückenhäupter und tausend and’re
Arme, schwitzende Menschenhäupter –

und wie verschiedenartig klingen die Lieder der alten Sappho und des neuen Mirza-Schaffy, wie anders empfindet Schiller’s Thekla die Liebe, wie anders die Heine’schen Salondamen Angélique, Diane, Hortense!

Von allen neuen Dichterworten über die Liebe hat wohl keines eine größere Verbreitung gefunden, als die bekannten Verse:

Mein Herz, ich will dich fragen,
Was ist denn Liebe? sag’!
Zwei Seelen und ein Gedanke,
Zwei Herzen und ein Schlag.

Ein sehr gebildetes Mädchen aus dem alten Massalia, dem heutigen blutrothen Marseille, bekehrt durch diese Zauberformel einen wilden Tectosagen zu frommeren Sitten, und seitdem ist diese „Marseillaise“ der Liebe auf allen Clavieren und in allen Herzen heimisch geworden. Zuerst vernahm man sie in einem auf allen Bühnen erfolgreich aufgeführten Schauspiel: „Der Sohn der Wildniß.“

Warum ich Ihnen gerade heute vom „Sohn der Wildniß“ spreche? Sie glauben vielleicht, ich wolle die Zeit moderner [511] Culturbarbarei ironisch beleuchten! In der That, jene bildungsfähigen Tectosagen erscheinen in einem sehr milden friedlichen Licht, wenn man sie mit den Kindern der großen „Mutter der Civilisation“ vergleicht, den Parisern von 1871! In jenen Wäldern gab es noch keine Petroleumspritzen; jene Wilden raubten nur Schafherden, aber nicht Staatspapiere, schlachteten gelegentlich vereinzelte Opfer ihren Göttern, aber sie würgten nicht Tausende für die namenlosen Götzen confuser Begriffe. Ja, die neuen Kämpfe der Pariser und Versailler erinnern an die Kämpfe der tätowirten Söhne der Wildniß, und verglichen mit den Gräueln dieser Straßen- und Kirchhofgefechte erscheint das Skalpiren als ein gründlich harmloses Vergnügen.

Nein, wir wenden zugleich mit dem trauernden Genius der Menschheit unsere Augen ab von diesen Orgien und Bluthochzeiten, bei denen „Weiber zu Hyänen werden und mit Entsetzen Scherz treiben“. Jene Verse aus dem „Sohn der Wildniß“ sollen uns an einen deutschen Dichter erinnern, der in diesem an blutigen Opfern und großen Todten so reichen Jahre auch dahingeschieden ist.

Friedrich Halm heißt er bei den Musen des Parnasses, Freiherr Münch von Bellinghausen bei den sterblich redenden Menschen, in den Wiener Staatskanzleien, in der Hofbibliothek, in dem Hofburgtheater.

Es ist nicht immer ihr Bestes, wodurch die Dichter berühmt werden; aber sind sie es einmal geworden, so kommt auch ihr Bestes zu Ehren in der Schätzung der Menge. Jene Verse über die Liebe erfreuen sich einer beneidenswerthen Volksthümlichkeit, aber sie geben durchaus nicht den Maßstab für Friedrich Halm’s dichterische Bedeutung. Auch zweifeln wir, daß sie auf eine bärenhäutige Kraftnatur einen solchen Eindruck machen konnten, wie auf einen modernen Salonmenschen im Frack, wenn er, am Clavier stehend, einer singenden Parthenia das Blatt umwendet und, vom Feuer ihrer Blicke getroffen, empfindet, daß die Liebe „zwei Seelen und ein Gedanke“ sei – bis dieser eine Gedanke in Gestalt einer schöngestochenen Verlobungskarte der Welt offenbar wird.

Sie sind glücklicher Weise nicht alt genug, Madame, um sich der Zeiten zu erinnern, in denen Friedrich Halm’s erstes Drama „Griseldis“ eines der beliebtesten deutschen Bühnenstücke war. Nicht nur auf den großen Hof- und Stadttheatern erregte dies Schauspiel ein seltenes Aufsehen; auch auf den kleinsten Provinzbühnen kam es zur Darstellung. Ich selbst besinne mich, es in einem ostpreußischen Kreisstädtchen gesehen zu haben, in dem Saale eines Amtshauses, das auf den Trümmern einer alten Ordensburg errichtet war. Unvergeßlich bleibt mir die handfeste Griseldis, die sich in jedem Zwischenacte durch ein Gläschen Schnaps von Neuem für das Märtyrerthum stärkte, welches der grausame Junker Percival, ein Ahnherr der späteren Lords vom „Turf“, über sein liebendes Weib verhängte.

Heutzutage ist die strenge Kritik einig darin, diesem erfolgreichen Drama das Recht der Existenz abzusprechen. Ein Gatte, der sein Weib quält, um eine Grille seiner Eitelkeit zu befriedigen, eine Gattin, welche mit unglaublicher Anmuth und Resignation erträgt, was der Wille ihres Herrn und Gebieters über sie bestimmt, eine lebendige Illustration der Worte Schiller’s:

Gehorsam ist des Weibes Pflicht auf Erden,
Das harte Dulden ist ihr schweres Loos –

das sind nicht Helden eines Dramas, welche unserer Sympathien gewiß sein dürfen. Verletzend wirkt das Komödienspiel mit den heiligsten Empfindungen, und wenn Griseldis am Schlusse sich von Percival scheidet, wenn sie sich weigert, länger „der Willkür Spiel, der Laune Ball“ zu sein, so stimmen wir ihr zwar freudig bei, können aber in ihrem Entschlusse keinen Ersatz dafür finden, daß wir fünf Acte hindurch das Ballspiel der Willkür und der Laune mit ansehen mußten.

Und dennoch, wie erklärt sich trotz Allem der Erfolg des Stückes? „Rien ne réussit que le succès,“ sagen die Franzosen und haben die Wahrheit des Spruchs in neuester Zeit auf ihre Kosten erfahren. Es ist unglaublich, was Alles durch den Erfolg genießbar wird und wie er selbst das Urtheil der klügsten Leute zu benebeln vermag. Ist ein Dichter oder eine Dichtung Mode geworden, so mögen noch so viele geistig tapfere Männer innerlich dagegen raisonniren oder auch kritisch dagegen auftreten – die Mode läßt sich nichts abkämpfen, bis sie eines schönen Tages ganz von selbst sich in Dunst auflöst.

Halm’s „Griseldis“ wurde indeß nicht blos von der Gunst des Tages emporgetragen; sie hatte Vorzüge, welche den Erfolg rechtfertigten. Im Jahre 1835, als sie zuerst auf dem Wiener Burgtheater erschien, führten in Deutschland Raupach, Houwald und andere Dichter von etwas blasser Färbung das dramatische Scepter. Gegen ihre Jamben, welche wie die leblosen Gespenster der blut- und lebensvollen Verse Schiller’s gemahnten, stachen diejenigen von Friedrich Halm durch dramatische Frische und Kraft ab, ohne des einschmeichelnden lyrischen Zaubers zu entbehren. Was ein poetisches Talent vermochte, um einen spröden und mißliebigen Stoff durch die Behandlung anziehend zu machen, das war von Friedrich Halm in glänzender Weise geschehen – und wenn die rührenden Scenen, in welchen das demüthige Köhlermädchen sein edles Herz ausschüttet, auf die Schnupftücher wirkten, auch bei denjenigen Vertreterinnen des schönen Geschlechts, welche nicht gesonnen waren, solche Demuth nachzuahmen, so wirkte doch nicht minder die Anmuth und der Schwung der Verse auf jedes für poetische Anregung nicht unempfindliche Gemüth. Wer konnte dem hinreißenden Zauber innigen Gefühls widerstehen, wenn die verbannte Griseldis scheidend dem Gatten die von echter dichterischer Begeisterung eingegebenen Worte zuruft:

Leb’ wohl, mein Percival! Dies Herz voll Liebe
Wird nie vergessen, wie du es beglückt.
Gedenken wird es dein, wenn mein Gedächtniß
Hindämmernd längst verging in diesen Räumen;
Denn das Gewes’ne gleicht dem dürren Blatt,
Leicht weggeweht im Wirbel der Minuten,
Du aber lebe frohe Tage hin!
Mit seinem vollsten Strahlenglanz umgebe
Der Himmel segnend deine hohe Stirn;
Ganz überschütten soll er dich mit Lorbern
Und Kränze zahllos häuf’ er auf dein Haupt;
In edeln Sprossen grüne dir dein Name
Und ein geliebt’res Weib mag mich ersetzen.
O lächeln will ich, lächeln unter Thränen,
Wenn sie dich mehr beglückt; denn mehr dich lieben
Kann keine, keine auf dem Erdenrund.

Zu einem bedeutenderen Stoffe wandte sich Friedrich Halm in seinem „Adepten“; denn der Fluch des Goldes ist ein uraltes und ewig neues Thema der Dichtung. Doch gelang es ihm nicht, für dies mehr im Stile des „Faust“ und der Byron’schen Dichtwerke gehaltene Drama die allgemeine Theilnahme zu gewinnen. Auch „Imelda Lambertazzi“ und mehrere andere Dramen, denen man das Urbild spanischer Dichtweise anmerkte, machten nicht wie „Griseldis“ den beflügelten Rundgang über die deutschen Bühnen. Erst der „Sohn der Wildniß“ (1842) hatte wieder einen durchschlagenden Erfolg – kein erster Liebhaber, der nicht den muskelkräftigen Ingomar, keine erste Liebhaberin, welche nicht die zartsittige und doch so unternehmungslustige Parthenia gespielt hätte! Auch hier handelte es sich wie in „Griseldis“ um ein psychologisches Experiment: Liebe und Bildung zähmen die rohe Naturkraft, und der gebändigte Wilde wird ein wackerer Bürger der guten Stadt Massalia – vielleicht ein solcher Philister, wie der Waffenschmied Myron, sein Schwiegervater durch des Schicksals Willen wie durch der eroberungslustigen Parthenia erzieherische Talente. Auch in diesem Stoff lag etwas von jener „Dressur“, die in „Griseldis“ unangenehm berührte! Dort zeigte der Ehemann dem ungläubigen Hofe die treffliche Dressur seiner Gattin, die jedem seiner Winke gehorcht – hier führt triumphirend die Schöne von Marseille den Bären der Wildniß am seidenen Bande – und mancher hartherzige Splitterrichter mochte des Goethe’schen Verses gedenken: „Jetzt ist der Lümmel zahm!“ Aber auch der „Sohn der Wildniß“ war reich an poetischen Schönheiten. Die sichere Führung der Handlung und der Adel des Ausdrucks ließen den wohlgezogenen Liebling der Kamönen, den Zögling classischer Bildung nicht verkennen.

Und wieder verging mehr als ein Jahrzehent, ehe Halm einen neuen glänzenden Erfolg zu verzeichnen hatte. O Madame – die Stationen auf den Etappenstraßen des Ruhmes liegen oft weit auseinander und rücken erst in den Augen der Nachwelt näher zusammen. Manches Stück von kräftiger Haltung, wie „Sampiero“, hatte Halm gedichtet; doch der männliche Ton patriotischer Begeisterung, den er hier angeschlagen hatte, fand kein Echo in weiteren Kreisen – nach wie vor galt Halm für einen sentimentalen Poeten von weichlichen Neigungen, von etwas süßlichem Beigeschmack; denn seine Heldin Parthenia hatte in der That etwas Verbildetes und antik Gouvernantenhaftes.

Da erschien „der Fechter von Ravenna“ (1854), ein Drama [512] von schwunghaft patriotischem Geiste beseelt. Der Dichter hatte sich nicht genannt; man rieth auf Grillparzer, und ein bairischer Schullehrer Bacherl, der denselben Stoff in ähnlicher Scenenfolge, aber in unmöglichen Versen behandelt hatte, machte dem Verfasser des „Fechters von Ravenna“ seine Lorbeeren streitig, und wurde in München sogar als der legitime Autor des Stücks von dem Theaterpublicum verherrlicht. Dieser „Fechter von Ravenna“ ist Halm’s bestes Werk und sichert ihm dauernden Nachruhm. Die Charakteristik des Cäsarenwahnsinns im „Caligula“, der damaligen römischen Sitten in den Gladiatoren der Fechterschule und dem römischen Blumenmädchen Lyciska war voll Mark und Kraft; der Ausdruck deutschnationaler Gesinnung voll erhebenden Schwungs; die dramatische Gliederung und Entfaltung der Handlung verrieth eine kundige Hand und war in stylvollen Linien gehalten; auch fehlte es dem Drama nicht an tragischer Größe, wenngleich das Heldenthum einer Mutter, die den andersgesinnten, dem Vaterlande ungetreuen Sohn tödtet, für unser modernes Empfinden immer etwas Befremdendes hat.

Friedrich Halm’s spätere Dramen hatten nicht den gleichen Erfolg. Ein romantisch duftiges, aber wunderliches Schauspiel, „Wildfeuer“, dessen Heldin ein als Knabe erzogenes und ihres Geschlechts unkundiges Mädchen ist, machte trotz anziehender Einzelnheiten keinen wohlthuenden Gesammteindruck. „Iphigenie in Delphi“, eine Dichtung von edler Einfachheit und klassischem Adel, konnte wegen des antiken Stoffes nicht Fuß auf den Bühnen fassen und auch „Begum Sumro“, von allen Stücken Halm’s dasjenige, welches trotz seines indischen phantastischen Hintergrundes die meisten Beziehungen zu den politischen Fragen der Gegenwart hat, machte nicht die Runde über die deutschen Bühnen.

Friedrich Halm ist ein Dramatiker von feinem künstlerischen Sinn, von vorwiegender Neigung für gewagte Probleme, in der Einfachheit der Anlage, in dem poetischen Duft der Diction an das Vorbild Grillparzer’s erinnernd; aber mit größerer Vorliebe für die weichen Linien des Stils. Er ist ein Dichter von vornehmer Haltung, der aber doch große volksthümliche Wirkungen erzielt hat. Seine tragische Muse war Frau Rettich, die ihm die Gestalten seiner Dichtung so lebensvoll verkörperte; für sie schrieb „Thusnelde“; ihr widmete er den „Fechter von Ravenna“ mit dem zueignenden Sonett:

„Begünstigt das Geschick ein redlich Streben,
So fügt es, daß auf unserm rauhen Pfad
Ein freundliches Gemüth dem Wand’rer naht,
Erquickend Trost und Beistand ihm zu geben.

So sah ich meine Pfade Dich umschweben
Und pflegen meiner Lieder junge Saat,
Und wenn er schüchtern vor die Menge trat,
Des Dichters Traum verkörpern und beleben!

Ich gab das Wort; Du liehst ihm Fleisch und Blut,
Der Anmuth Zauber und der Wahrheit Gluth,
Und leg’ dies Lied ich huld’gend vor Dir nieder.

Ist mir zu Muth fast, große Künstlerin,
Als reicht’ ich nicht ein Weihgeschenk Dir hin.
Als gäb’ ich Deine Gabe nur Dir wieder.“

Im Salon der Frau Rettich entfaltete Halm die feine Liebenswürdigkeit seines Wesens, während er bei mehr amtlicher Begegnung vielleicht diesem oder jenem als ein zugeknöpfter Bureaukrat erscheinen mochte. Doch auch auf seinem Bureau in der Bibliothek der Burg konnte er in lebhaftem Gedankenaustausch alles Bureaukratische abstreifen. Noch heute tönen mir die Elegien im Ohr, die er mir über den Geschmack und das Publicum der Gegenwart vorklagte; seine Anschauung von den Zuständen unserer Literatur war eine verzweifelte; er meinte, daß unsere Dichtung keine Würdigung mehr finden könne. Und doch übernahm er als Generalintendant nach Laube’s Abgang das Steuerruder des Burgtheaters und mußte alsbald aus den scharfen Kritiken seines Vorgängers erfahren, daß schon in den ersten drei Wochen dies Institut unter seiner Leitung in tiefen Verfall gerathen sei.

Noch erinnere ich mich, verehrte Frau, eines Abends im Salon der Frau Rettich, welche nicht blos eine hervorragende Künstlerin, sondern auch eine geistreiche Frau war, und aus ihrem Salon ein „bureau d’esprit“ gemacht hatte. Es war ein schöner anregender Abend – aber wenn ich seiner gedenke, ergreift mich Wehmuth über die Vergänglichkeit des Irdischen. Es sind nur Schatten, die jetzt vor meiner Seele schweben! Dahingeschieden ist der Dichter selbst, dessen hohe Gestalt so stattlich die Gesellschaft beherrschte; dahingeschieden ist seine tragische Muse; auch der wackere Jean Paul Oesterreichs, der so gemüthreich aus den großen Augen sah, Adalbert Stifter, weilt nicht mehr unter den Lebenden. Soll uns Schiller’s Spruch trösten:

„Wenn der Leib in Staub zerfallen,
Lebt der große Name noch!“

Ach, der großen Namen sind so viele und immer schwächer wird das Gedächtniß der alternden Zeit!




Blätter und Blüthen.

Zwei neue Schwindel. 1) Ein Herr T. G. A. Koerner in Breslau macht neuerdings „die Unterhaltung mit Verstorbenen“ zu einem Marktgeschäfte, d. h. „einem Jeden zugänglich“, der ihm einen seiner neuen Psychographen abkauft, das Stück zu drei Thaler incl. Emballage und unter der Garantie: „daß durch dieselben vollständige Beweise und Aufschlüsse über jenseitiges Fortleben der Seele, Enthüllungen über alle, wenn auch noch so dunkel und verborgen gebliebene Gegenstände durch die Unterhaltung mit den Verstorbenen leicht und einfach erzielt werden.“

Man sieht, der Aberglaube zieht sich nicht mehr in die Winkel zurück, er hat die Scheu abgeworfen, wird frech und speculirt auf die Geldbeutel der noch Zweifelnden. Vielleicht ist einer der für drei Thaler Eingeweihten so freundlich, uns zum allgemeinen Besten ehrliche Mittheilungen zu machen.

2) Die Zeitungen brachten jüngst folgendes Inserat: „Dauernder Nebenverdienst mit fixem monatlichen Honorar, von jedem gebildeten Herrn oder Dame in freien Stunden und an jedem beliebigen Wohnorte leicht zu versehen. Offerten werden unter Angabe der genauen Adresse und Beilage von 10 Kr. in Briefmarken behufs Rückantwort sub R. R. 100 poste restante Salzburg erbeten.“ Spottbillig! Nur 10 Kr. Die werden riskirt – und der kreißende Berg, welch Mäuslein heckt er? Oho! Wir sehen vor uns nichts Geringeres als ein „österreichisches Centralbureau für Kunst und Literatur“ und „in zwei Abtheilungen: 1) Litterarisch-artistische Abtheilung. 2) Comerziele Abtheilung.“ – Buchstäblich so! –

Die Aufgabe von Nr. 1 besteht 1) „in der Herausgabe einer oder mehrerer belletristischen Zeitschriften“; – 2) „in der Uebernahme von Censuren aller Geistesproducte, seien sie politischer, comerzieler, nationalökonomischer oder belletristischer Natur“; – 3) in Vermittelung behufs honorirter Aufnahme derselben in die verbreitesten Journale; – endlich 4) „in der Drucklegung und Verlagsübernahme von Novellen, Romanen, historischen Werken etc. gegen mäßige Provision.“

Die Aufgabe von Nr. 2: 1) „Verwerthung von allen litterarischen Producten und Kunstgegenständen mittelst Lotterie; ferners (!) 2) „Vermittelung des Verkaufs von solchen Gegenständen“; – 3) „ratenweiser Verkauf von allen Gattungen der in Oesterreich erlaubten Lose“; – 4) „Besorgung von allen nur möglichen auf diese Gegenstände Bezug habenden Auskünfte.“

Dieses große „Bureau“ braucht nun vor Allem „Korrespondenten“ und „Agenten“. Erstere müssen offenbar Schriftsteller sein, denn, nach den Statuten, haben sie nicht nur „die in den ihnen zugewiesenen Bezirken vorfallenden Begebenheiten auf das eifrigste zu sammeln“, sondern auch, „je nach Auftrag der Zentralleitung, Zeitungsartikel, Rezensionen, Novellen, Romane, historische Werkeje nach Maßgabe ihrer Befähigung – zu verfassen!“

Und dies Alles sind „Geschäfte“, welche „täglich nur einige Stunden erfordern“ – und ein Honorar eintragen, welches zwar „jede beliebige Höhe erreichen kann, doch monatlich mit fünf bis zehn Gulden östr. Währung garantirt wird“! – –

Ein Nebenverdienst von monatlich fünf bis zehn Gulden durch Verabfassung von Geschichtswerken, Romanen, Novellen! – Das kennzeichnet den Bildungsgrad der Unternehmer so deutlich, daß wir die Orthographie- und Stylfehler ihrer Schriftstücke ganz in der Ordnung finden.

Schließlich fehlt auch nicht der Hase im Pfeffer, denn zu den Aufnahmebedingungen für die Theilnehmer gehört nicht nur „unbeanständetes Vorleben“ etc., sondern auch §. 4: „Bei Annahme obiger Beschäftigungen ist als Aufnahmstaxe und für Ausstellung des Diploms ein Betrag von einem Gulden österreichischer Währung (gleich zwanzig Silbergroschen) zu erlegen, resp. einzusenden.“

Als Tag der Eröffnung dieses merkwürdigen Bureaus ist der fünfzehnte Juli verkündet. Wir brauchen wohl zur Empfehlung des Unternehmens kein Wort weiter zu verlieren.


Gefunden! Von den Geschwistern Freyer aus Mohorn bei Tharand (Nr. 13 der Vermißten, S. 383, Jahrg. 1870 der Gartenlaube), die seit neun Jahren für die Ihrigen völlig verschollen waren, ist, in Folge unserer Nachfrage, bestimmte Nachricht aus Amerika gekommen. Hedwig, die Schwester, lebt mit ihrem Gatten, dem Gärtner Dietrich, in Baltimore, der eine Bruder, Franz, in Marietta, und der andere, Hugo, ist im Unionskriege gegen die Secessionisten bei einem Flußübergange ertrunken. – Warum die Geschwister in dieser langen Zeit nie den Ihrigen geschrieben – das ist auch in dieser „Vermißten“-Angelegenheit eine Frage, die man nicht ohne Kopfschütteln aufwerfen kann.


  1. Historisches Material über die Insel, von kundiger Hand zusammengestellt, findet der Leser in Nr. 28 des Jahrgangs 1867 der Gartenlaube.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Grattweil’schen