Die Gartenlaube (1870)/Heft 15

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1870
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 15. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Der Fels der Ehrenlegion.
Novelle von Berthold Auerbach.


1. Maskerade auf der Eisenbahn.

Auf dem Bahnhofe einer mitteldeutschen Gebirgslandschaft hielt ein schöner mit zwei Schimmeln bespannter offener Wagen im Schatten einer großen, mit frischem Frühlingsgrün belaubten Buche. In die gelblichen damastenen Kissen zurückgelehnt saß eine jugendliche, in Grau gekleidete Frauengestalt; sie hatte die Arme übereinander gelegt, und ihre großen dunklen Augen waren nach dem Gebirge gerichtet, das in schön geschwungener Wellenlinie sich darstellte.

Jetzt warf sie den Kopf zurück, auf dem eine Art modischen Tirolerhutes mit durcheinander wehenden grünen Hahnenfedern saß; sie erhob sich, nahm eine große in grau Leinen gebundene Mappe aus der Seitentasche des Wagens und begann zu zeichnen, bald rasch in die Landschaft hinausschauend, bald den Blick streng auf das Papier geheftet. Ihre Züge nahmen einen tiefernsten Ausdruck an, das längliche Gesicht, etwas bräunlich angehaucht, von nicht mehr erster Jugendfrische, durchzog sich mit einer leichten Röthe. Sie preßte den schöngeschnittenen Mund, auf dessen Oberlippe sich ein leichter Flaum zeigte, wie in Aerger zusammen; ihre Arbeit schien sie nicht zu befriedigen; sie setzte mehrmals ab, schüttelte den Kopf, ja sie schlug sogar einmal das Buch zu. Vor sich hinnickend, wie sich selber Muth zusprechend, öffnete sie es wieder und arbeitete weiter; allgemach gewannen ihre Mienen einen beruhigten, ja fast zufriedenen Ausdruck.

Durch Anlage der Eisenbahn war ein neuer Standpunkt zur Betrachtung der landschaftlichen Schönheit gewonnen, dessen man vielleicht nie inne geworden wäre; denn das ist nach allen Seiten hin ein auszeichnender Charakter unserer Zeit, daß uns Alles in neue Gesichtswinkel gerückt wird.

Die Zeichnerin wurde immer heftiger in ihrer Arbeit. Trotz des nur mildwarmen Frühlingstages schien es ihr heiß zu werden. Sie nahm rasch den Hut vom Kopfe und legte ihn neben sich. Das dunkle Haar, über der Stirn schlicht angelegt, war in zwei starken Flechten im Nacken aufgesteckt, die Stirn, nicht besonders groß, ließ zumal beim Ernste eine durch die Mitte sich hinziehende Falte wahrnehmen, deren Spur auch bei ruhigem Verhalten noch zu erkennen war. Das ganze Antlitz zeigte deutlich, daß der Ernst des Lebens seine Merkmale darauf zurückgelassen.

Durch den Lerchensang in der Luft und Finkenschlag in dem Baume tönte aus der Ferne ein langgezogener, schriller Ton der Locomotive. Die Zeichnerin machte noch rasch einige Striche, schlug das Buch zu, verbarg es wieder, setzte den Hut auf, und die Arme übereinander schlagend schien sie wieder ruhig warten zu wollen.

Ein Diener in brauner Livree trat zu dem Kutscher, der die Pferde am Lenkriemen hielt, er lüpfte den Hut mit der schwarzen Cocarde und sagte zu der Dame - er nannte sie „Fräulein“ - der Zug sei bereits signalisirt. Er öffnete den Schlag und machte eine Bewegung, als wollte er der Dame aus dem Wagen helfen. Diese aber sagte, ohne den Diener anzusehen, in die Luft hineinstarrend: „Ich steige nicht aus, bringen Sie Fräulein von Korneck hierher.“ Im Ton ihrer Stimme lag ein herrischer, vielleicht auch verdrossener Ausdruck.

Louise Merz, dies ist der Name der Wagenbesitzerin, erwartete eine Jugendfreundin, zu der sie jene Intimität des Pensionats hatte, die sich nur selten fortführt, die aber hier mit ständiger Beflissenheit erhalten wurde: Es war, als ob die Erwartete bereits die Unruhe verursachte, die sie immer mit sich brachte; denn Louise stand auf und setzte sich wieder, sie schien zu überlegen, ob sie nicht doch die Freundin beim Aussteigen begrüßen solle; aber als sie jetzt bemerkte, daß die Beamten des Bahnhofes, die auf den Perron getreten waren, nach ihr schauten, ja sogar Anderen sie zeigten und nach ihr hindeuteten, hielt sie sich wieder ruhig. Die Leute sollten nicht sehen, daß sie eine Freundin von so beweglichem Wesen hatte, die sich gewiß sehr erregt benehmen und Aufsehen erregen wird. Die ganze Umgegend sollte wissen, daß Louise Merz mit dem Leben abgeschlossen und eine matronenhafte Haltung habe.

Die Pferde mußten im Zügel gehalten werden, da jetzt der Zug so nahe heranbrauste. Ein weißes Tuch wehte aus einem Wagen zweiter Classe. Jetzt hielt der Zug an. Eine Frauengestalt reichte dem Diener behutsam ein Wickelkind aus dem Wagen heraus und legte es ihm auf den Arm, dann stieg sie aus; sie war von schlanker Gestalt, hellfarbig gekleidet; sie grüßte nochmals an den Wagen zurück und grüßte nach der wartenden Freundin unter dem Baume. In ihren Bewegungen war eine behende Lebhaftigkeit und sie schaute in die Luft, in die Gesichter der Menschen, als wollte sie ständig fragen, ob es nichts zu lachen gebe. Schachteln und Handtaschen wurden schnell auf den Boden gestellt. Die Angekommene nahm dem Diener das Eingewickelte ab, es schien ein junges Kind zu sein; sie hielt es behutsam und eilte damit zu der Freundin. Die Diener gingen mit dem Gepäck hinterdrein, auch der Bahnhofs-Inspector trug eine Tasche, er

[226] kannte die Angekommene, deren Vater einst sein Hauptmann gewesen war.

Als sie bei der Freundin am Wagen stand, rief sie mit heller Stimme: „Louise, was sagst Du dazu, daß ich ein Kind mitbringe?“

Noch ehe die Staunende antworten konnte, wickelte sie die Kissen auseinander und aus denselben sprang ein braun und weißgefleckter Wachtelhund, schüttelte die langen Ohren, wie wenn er aus dem Wasser käme, sprang hin und her und schaute auf seine Herrin, die ihn aber keines Blickes würdigte, sondern unter dem Gelächter der Umstehenden, bald zu dem Inspector, bald zu Louise gewendet, rief: „Ist dies nicht ein artiges Kind unter zehn Jahren? Die reglementstarren Herren Bahnbeamten wollten mir nicht erlauben, meinen wohlerzogenen Freund Scheck mit in den Wagen zu nehmen. Nun denn! Die Tyrannei macht die Menschen klug! Ich habe Scheck als Kind maskirt, und habe damit die lustigsten Abenteuer erlebt. Die Mode, daß man jetzt nur kinderlose Miether in den Häusern haben will, dehnt sich auch auf die Eisenbahnen aus. An mehreren Wagen, wo ich mit dem vermeintlichen Kinde einsteigen wollte, hat man mir sehr menschenfreundlich zugerufen: ‚Hier ist kein Platz mehr!‘ und als ich endlich zornig eingestiegen war, wollten die Frauen das verschleierte Kind sehen, und ein noch sehr acceptabler Wittwer, dem ich gestehen mußte, daß ich keinen Mann hätte, machte mir einen halben Heirathsantrag. Herr Inspector,“ wendete sie sich zu diesem, der übermäßig lachte, „Herr Inspector, ich hoffe, Sie sind kein Philister, daß ich Strafe zu zahlen habe.“ Und als jetzt der Hund, der wissen mochte, daß von ihm die Rede sei, an seiner Herrin emporsprang, sagte sie zu ihm gewendet: „Ja, du warst sehr artig; du hast Menschenverstand.“

Die Bahnbeamten und alle Reisenden, die hier ausgestiegen waren, standen umher und lachten, ja die Kellner aus der Restauration kamen herbei und die Köchin erschien unter der Küchenthür, blickte nach der Gruppe und betrachtete ihren Anzug, der ihr nicht erlaubte, sich von ihrem Reiche zu entfernen. Der Hund schien etwas davon zu ahnen, daß dort ein gutes Herz für ihn sei, denn er verschwand plötzlich.

Mitten in der Heiterkeit der Umstehenden schaute Louise verdrossen drein. Sie bat, daß man fortzukommen eile. Dieser übermüthige Scherz der Freundin war ihr unbehaglich. Kisten, Schachteln und Handtaschen wurden aufgepackt, und als man eben abfahren wollte, fehlte Scheck. Auf wiederholtes Rufen kam er aus der Küche, er leckte sich noch die Lefzen ab, schaute noch einmal zurück zu seiner Wohlthäterin und wurde in den Wagen zu seiner Herrin gesetzt. Die Diener mußten sich offenbar Mühe geben, um nicht fort und fort zu lachen.

Der Wagen rollte auf der Landstraße dahin, die auf dem Bahnhofe Zurückbleibenden schauten ihm lange nach. Der Inspector erzählte den mit den Menschen in der Umgegend minder Bekannten, wer die beiden Damen seien. Der Wirth und die Wirthin gaben Ergänzungen, aber sie wußten doch nicht Alles.




2. Die Tochter des Parlaments.

Die Meinungen sind getheilt, die Einen behaupten, Louise sei erst fünfzehn, die Anderen, sie sei schon achtzehn Jahre alt gewesen, als ihr Vater, der reiche Fabrikant Merz, vor zehn Jahren zum ersten Mal zum Abgeordneten gewählt, mit seinem einzigen Kinde nach der Hauptstadt übersiedelte. Als unabhängiger, erfahrungsreicher und gebildeter Mann war Herr Merz ein angesehenes Mitglied der freisinnigen Mehrheit, die ein Ministerium ihres Charakters hatte. Dieses Ministerium war freilich noch nicht streng verfassungsmäßig aus der Mehrheit des Hauses hervorgegangen, vielmehr aus der Wahl des Fürsten, aber es herrschte doch eine eigenthümlich gehobene Stimmung, da man sich einer Regierung erfreute, die mit der allgemeinen Richtung wesentlich übereinstimmte.

Herr Merz hatte kaum mit einer nennenswerthen Gegnerschaft zu kämpfen gehabt, und er nahm das Mandat um so lieber an, als er seinem Naturell nach nicht gerne zur ständigen Opposition gehörte, sondern sich freute, seinen Grundsätzen getreu, loyal sein zu können. Freilich wurde es ihm schwer, seinen großen Fabrikbetrieb einem wenn auch vertrauenswürdigen Geschäftsführer zu überlassen, aber er hoffte auch durch Ortsveränderung und neue Thätigkeit seinen tiefen Lebensschmerz zu verwinden und zeitweise zu vergessen, denn er hatte vor Kurzem seine Gattin, mit der er in vollkommen glücklicher Ehe gelebt, verloren.

In der Miethswohnung, die man in der Residenz bezogen hatte, gestaltete sich bald eine anmuthende Häuslichkeit, der die Schwiegermutter, die den Sohn und die Enkelin begleitete, vorstand.

Die öffentlichen Kammerverhandlungen brachten keine Rede des Herrn Merz, um so wirksamer und geltungsvoller arbeitete er aber in den Abtheilungen, sogenannten Commissionen; er vollführte mit Eifer jene Arbeiten, die wie die Grundmauern eines Gebäudes nicht zu Tage treten, aber den Bau tragen.

Die Großmutter und Louise saßen halbe Tage lang auf der für die Angehörigen der Abgeordneten aufbehaltenen Gallerie. Die Herren unten im Saale blickten oft hinauf nach der würdigen Matrone und dem schönen Mädchen an ihrer Seite, das im Trauerkleide um so anmuthiger erschien. Oft auch kam in Pausen oder langwierigen Abzählungen dieser und jener von den näheren Bekannten aus den Abgeordnetenkreisen auf die Gallerie zu den Damen und unterhielt sich mit ihnen. Louise war meist schweigsam, aber die vielen Dinge, die sie hörte, bildeten eigenthümliche Elemente ihres innern Lebens.

Der Frühling, das Ende der Tagsatzung, wurde wie eine Befreiung begrüßt. Als man auf die Fabrik zurückkehrte, war es Allen, als ob man jetzt erst in’s Freie käme aus der schwülen Luft des Abgeordnetenhauses. Louise zumal schien neu aufzuleben.

Als sie mit Vater und Großmutter im Herbste wieder in die Residenz kam und jetzt nicht mehr in Trauerkleidern, wurde sie von einem großen Kreise als traute Bekannte begrüßt. Auch andere Abgeordnete hatten Frauen und Töchter mitgebracht, und es bildete sich ein eigner Kreis, der seinen besonderen Reiz darin hatte, daß nicht nur eigenthümliche Naturen aus allen Theilen des Landes sich zusammenfanden, sondern auch, daß man monatelang in der Fremde mit einer besonders gearteten Häuslichkeit lebte.

Im dritten Jahre fand sich eine belebende Neuerung. Eine Pensionsfreundin Louises, Marie von Korneck, war mit ihrem Vater nach der Residenz versetzt worden. Die beiden Mädchen waren wohl Freundinnen in der Pension gewesen, ohne sich derart zu verbinden, daß sie diese Beziehung über die Trennung hinaus aufrecht erhielten. Jetzt aber war es, als ob man in der innigsten Freundschaft gestanden hätte: man hatte gemeinsame Jugenderinnerungen, man hatte einander viel zu erzählen von den in alle Welt zerstreuten Genossinnen, von den Pedanterien der Erzieherinnen und einzelner Lehrer, aber auch von jenem Geschichtslehrer, in welchen alle Schülerinnen verliebt waren. Gerade die Gegensätzlichkeit, die in dem Wesen der beiden Mädchen bestand, schien eine neue Anziehungskraft zu üben. Marie hatte etwas soldatisch Entschlossenes, sie war fertig im Wort und sah das Leben als heiteres Spiel an; Louise dagegen hatte etwas Bedachtsames, sie hatte keine raschen Einwürfe und Zwischenreden, sie hörte aufmerksam und ruhig zu, und wenn sie dann sich äußerte, so geschah das in wohlgeordneter geschlossener Rede. Auch die Väter fanden freundlichen Anschluß, und da eben ein liberales Ministerium obenauf war, als dessen Stütze die Partei des Herrn Merz erschien, hatte der Major Korneck keinerlei Hinderung, mit einem politischen Manne von entschieden liberaler Richtung freundschaftlich zu verkehren. Marie von Korneck war rasch in die gesellschaftlichen Vergnügungen der Residenz eingetreten, sie kannte die besten Tänzer, die amüsantesten alten Herren, und der junge Fähnrich von Birkenstock, der ein weitläufiger Verwandter von ihr war und sie Cousine nennen durfte, war ihr dienstwilliger Verehrer, der sich auch der Freundin ergeben zeigte.

Louise wurde bald in den Strudel der Wintervergnügungen gezogen. Den Abgeordneten und ihren Angehörigen waren die Salons der Minister und die ersten gesellschaftlichen Kreise geöffnet. Durch manchen Ballsaal gingen Louise und Marie Arm in Arm, und viele bewaffnete und unbewaffnete Augen richteten sich auf sie.

Man sprach auch von Bewerbern um Louise, aber diese war gleichmäßig freundlich gegen Jedermann und bevorzugte Niemand. Sie war ein belebendes Element in den Männerkreisen, schlagfertig und entschieden in den Antworten; sie hatte nicht umsonst mehrere Tagsatzungen mit angehört, sich bei der Debatte bald für diesen, bald für jenen Redner entschieden, um zu erkennen, daß es ihr an Selbstständigkeit des Urtheils fehlte, bis sich diese herausbildete.

[227] Ein ganz neues Leben that sich ihr auf, als sie mit Marie in die Malerschule eintrat, die ein namhafter Künstler ausschließlich für Mädchen errichtet hatte. Marie verstand gut, menschliche Figuren zu zeichnen, aber sie liebte es noch weit mehr, Carricaturen zu fertigen; Louise hatte Neigung und Talent für die Landschafterei. Im Atelier führte Marie das große Wort, sie wußte von Allem, was in der Residenz vorging, besonders aber in militärischen Kreisen. Wie von selbst aber bildete es sich heraus, daß Louise als die Urtheilsvollste angesehen wurde, und wenn sie um eine Meinung gefragt wurde, gab sie solche mit einer Begründung und einem Eingehen auf etwaige Einwendungen, daß sie, wie von selbst, den Namen erhielt: „Tochter des Parlaments“.

Marie war überaus lustig und heiter und besonders neckisch gegen den Vater Merz. Dieser hatte sich gelobt, nach dem Tode seiner Frau ausschließlich seinem Kinde und den allgemeinen Anliegen des Vaterlandes zu leben, aber schon im ersten Winter, als Marie täglich im Hause verkehrte, fand er eine solche Anmuthung im Umgange mit ihr, die jede Stunde erheiterte, daß er in seinem Vorsatze schwankend wurde. Marie, der diese Neigung nicht entging, hatte nichts Ablehnendes; ja, sie war besonders zutraulich gegen ihn, und selbst der Major hatte ein Benehmen gegen Herrn Merz, als wollte er beständig sagen: Warum bist Du denn so zaghaft, alter Knabe? Die Sache wäre ja mit zwei Worten abgemacht. ...

Wochenlang hörte Herr Merz nichts von den Debatten, die um ihn her im Abgeordnetenhause gehalten wurden, denn er hörte nur die Debatten in seinem Innern, und diese waren so stürmisch, die Parteien kämpften so unparlamentarisch, daß der Vorsitzende, als ruhiger Verstand, sie oft zur Ordnung rufen mußte.

Herr Merz verschloß jede Kundgebung seiner Herzensbewegung, aber diese entging doch seiner Schwiegermutter nicht. Wenn Alles von dem muntern Wesen Mariens entzückt war, Vater und Tochter in ihrem Lobe mit einander wetteiferten, und man sich nach ihrem Weggange so öde und leer vorkam – da schüttelte die alte Dame oft verweisend ihr graues Haupt und löste die feine Hand von dem Strickzeuge, indem sie sagte: „Schade, schade! Fräulein von Korneck wäre die beste Schauspielerin!“

Herr Merz bezwang sich und wiederholte mit Geflissentlichkeit, sowohl vor Marie, wie vor ihrem Vater, daß er auf jede eigne Lebenserneuerung unbedingt verzichtet habe und Alles nur noch von Louise erwarte. Er hoffte immer, daß sein Kind doch bald den Mann finden würde, der diese Fülle von Herz und Geist und diese tiefe Begabung zu würdigen wisse. Auch Louise war frei genug, zu gestehen, daß sie sich zu verheirathen wünsche; aber Jahr um Jahr verstrich, Louise stand mit den besten Männern des Landes in freundlicher Beziehung, anfangs scherzend, dann immer ernster sagte sie, es scheine, daß nur verheirathete Männer sich ihr als tüchtig und geradezu darstellten; die Ledigen wollte sie immer geckenhaft oder sentimental finden, und bald auch glaubte sie, daß dieser und jener nur ihres zu erwartenden bedeutenden Reichthums wegen sich ihr nähere.

Im Sommer kam ein Brief von Marie, worin sie anzeigte, daß ihr Vater gestorben sei und sie nun allein und verlassen dastehe. Louise wünschte, daß der Vater Marie zu sich in’s Haus nehme; aber dieser, der sonst seinem Kinde keinen Wunsch versagte, lehnte es auf das Entschiedenste ab. Er behauptete, daß Louise durch den Anschluß an die Freundin dann ganz sicher kein eignes Leben gewinnen werde; sie sollte eine gewisse Sehnsucht nicht loswerden, um doch noch zu einem eigenen Hausstande zu kommen; in’s Geheim aber hatte er einen Widerwillen gegen Marie, der seltsamer Weise aus der bezwungenen Neigung stammte. Marie schrieb bald darauf, daß sie sich entschlossen habe, mit einer alten Dame auf Reisen zu gehen.

Herr Merz, der sich immer mehr nur dem politischen Leben widmen wollte und es für Pflicht hielt, daß Männer von unabhängiger Stellung sich solchem ausschließlich hingäben, verkaufte seine Fabrik. Er wollte ganz in der Residenz bleiben, aber auf Andringen Louisens zog er nach dem Landgute, das er im Gebirge besaß. Aber eben das Jahr darauf, als er sich völlig frei gemacht hatte, um sich nur dem staatlichen Leben zu widmen, wurde er nicht wiedergewählt. Nach dem ersten Schmerze der Zurücksetzung getröstete er sich aufrichtig – es war nicht bloße Redensart – daß es so viele tüchtige Menschen gebe, welche die Angelegenheiten des Vaterlandes vertreten können. Er sagte oft: man muß dem Rufe folgen, aber man muß auch still abwarten können, wenn man nicht gerufen wird, bis wieder die Zeit kommt.

Daneben war ein Umschwung in den Verhältnissen eingetreten, der es ihm seiner Gemüthsart nach erwünscht machte, nun nicht zur strengen Opposition gehören zu müssen. Er war keine kämpfende Natur, die sich in schroffem Widerstreit wohl fühlt; er liebte die Verträglichkeit, natürlich nur so weit sie mit seinen Grundsätzen vereinbar.

Jetzt konnte er die Sündfluth, die das Chaos zu bringen schien, in seiner behaglichen Arche abwarten. Die Tauben, die ihm die Nachrichten vom Wasserstande draußen brachten, waren die Zeitungen. Er las mit großem Eifer die Kammerverhandlungen; er hatte treffende und auch rednerisch wohlgeordnete Entgegnungen im Kopfe, die er nun leider nicht mehr anbringen konnte. Er widmete sich mit Eifer den Angelegenheiten der Gemeinde und der Landschaft, aber er empfand doch immer noch eine Leere und hoffte eine Erfrischung seines Lebens nur noch von der Verheirathung Louisens. Aber diese hatte das Vierteljahrhundert überschritten und bekannte nun offen, sie habe endgültig mit dem Leben abgeschlossen und wolle sich ganz ihrem kleinen Talente widmen.

Marie war von ihrer mehrjährigen Reise zurückgekehrt und wohnte mit der alten Dame in der Garnisonstadt. Als sie zum Besuche auf das Landhaus des Herrn Merz kam und mit ihm allein war, erkannte sie schnell dessen Befangenheit und sagte im heitersten Tone: „Ach, Herr Merz, warum haben Sie mich nicht vor Jahren geheirathet? Jetzt ist es zu spät, ich bin verlobt.“

„Darf man wissen, mit wem?“ fragte Herr Merz.

„Nein, das darf man nicht wissen.“

Seit jenem ersten Besuche hatte man sich nicht wiedergesehen. Jetzt war Marie eingeladen worden, da man noch einige Tage zusammen sein wollte, bevor Herr Merz und seine Tochter nach Italien reisten.




3. Auf eigenem Boden.

In raschem Trabe fuhr der Wagen mit den beiden Mädchen die Landstraße entlang.

„Ach, wie glücklich bist Du, solchen Wagen Dein eigen zu nennen!“ rief Marie. „Man sollte gar nicht glauben, daß man so finster drein schauen kann, wenn man im eigenen Wagen dahinfährt.“

Louise kannte das beständige Hadern der Freundin mit ihren ökonomischen Verhältnissen und sie nickte dazu, daß Marie durch allerlei Scherz sich die eigentlich traurige und abhängige Lage erheiterte und befreite. Marie mochte den Gedankengang der Freundin ahnen; sie erklärte, daß das Leben eitel Possenspiel sei, und das Beste wäre, man spiele frischweg mit. Sie erzählte mit großer Lustigkeit, welche Abenteuer sie unterwegs gehabt.

Louise lenkte sie hiervon ab und fragte, wie es ihr bei der Dame gehe, bei der sie jetzt als Gesellschafterin lebte.

„Ach!“ rief Marie, „sie klagt immer über ihre früheren Gesellschafterinnen und klagt zu Anderen gewiß auch über mich. Die edle Dame will immer sehr geliebt sein und dabei sehr wenig Honorar geben! Kehrbesen und Staubwedel sollten sich auf ihrem Wappen kreuzen, denn Auskehren und Abstäuben sind ihre beiden Lebensziele. Jeden Abend muß ihr das Dienstmädchen eine alte Zeitung in kleine Schnitzel zerreißen, diese zerstreut sie dann in die Stuben in alle Ecken, um anderen Tages sicher zu sein, daß überall gekehrt worden ist.“

„Du mußt doch aber froh sein, einen Beruf zu haben,“ suchte Louise abzulenken.

„Beruf? Ich sage wie Rückert – oder ist es nicht von Rückert? – ‚Hätt’ ich auch hunderttausend Thaler Renten, ich hätte mich Euch niemals aufgetischt.‘ Beruf? Sag’ mir doch das Wort nicht mehr. Wenn ich reich wäre, ich heirathete einen Mann, der mir gefällt, und ließe Anderen den Beruf.“

Ein ernster Ton wurde nun von Marie angeschlagen, da sie die Freundin ermahnte, doch nicht fort und fort die Spröde zu bleiben und alle Bewerber abzulehnen.

Louise entgegnete, daß sie mit dem Leben abgeschlossen habe.

„Abgeschlossen?“ lachte Marie. „Warum sagst Du nicht auch: ‚Ich habe ausgerungen, überwunden‘? Du bist ja ein Jahr jünger als ich. Ach, wenn nur Jemand käme, der Dich einmal bändigte!“

„Bändigte? Bin ich denn wild?“

[228] „Nein, nimm mir’s nicht übel, im Gegentheil, Du bist zu zahm, ich meine zu gebildet.“

„Zu gebildet?“

„Ja, Du hast zu viel gesehen, zu viel gedacht. Du erkennst an Jedem sofort die Mängel und daneben denkst Du: der will nicht mich, der will mein Geld. Bei jeder Erscheinung eröffnet sich in Dir eine parlamentarische Debatte. Du bist die Tochter des Parlaments.“

„Gut! Nun hast Du Alles gesagt, nun, bitte, sprich hierüber nichts mehr.“

Louise sagte dies in entschiedenem Tone, und man fuhr geraume Zeit still dahin. Man näherte sich den landwirthschaftlichen Gebäuden, die eine kleine Strecke von dem Herrenhause entfernt waren. Die Hofhunde bellten, sie merkten wohl den neuen Ankömmling, und Scheck war, wie seine Herrin, schnell zur Antwort bereit. Aber Marie befahl ihm, nicht das letzte Wort zu behalten, er gehorchte und schwieg.

Der Wagen hielt vor der Freitreppe des Herrenhauses. Herr Merz hieß Marie willkommen. In das Antlitz des älteren Mannes, das glatt rasirt war, trat eine leichte Röthe; er hatte es vielleicht doch noch nicht ganz verwunden, daß er einstmals zur Freundin seiner Tochter eine vorübergehende, besiegte Neigung empfunden hatte. Marie schlug sofort den neckischen Ton gegen Herrn Merz an und dieser erwiderte ihn mit Freundlichkeit.

Marie wurde auf ihre Zimmer geführt, aber sie kam bald wieder herab und ging mit Herrn Merz vor dem Hause auf und ab. An einem neuen, noch nicht fertigen Anbau, der ein großes Fenster mit einer einzigen Scheibe hatte, fragte sie, was das sei. Herr Merz erwiderte, daß er für Louise ein Atelier gebaut habe, es solle während der Reise nach Italien, die man vorhatte, fertig gemacht werden, da Louise sich ganz ihrem künstlerischen Talente widmen wollte.

„Das ist sehr unrecht von Ihnen. Das durften Sie nicht thun!“ rief Marie trotzig. Auf die verwunderte Frage des Herrn Merz erklärte sie, er hätte nicht willfahren dürfen, daß Louise ihren Vorsatz, mit dem Leben abzuschließen, zur Ausführung bringe. Jetzt habe ein Freier eine neue Concurrenz zu bestehen.

„Ich bleibe dabei,“ rief sie, „Louise muß heirathen. Und wenn ich den Schwanenritter her beschwören muß, sie soll heirathen. Abgeschlossen haben mit dem Leben! Fertig sein! Hat man je so etwas gehört von einem schönen, reichen Mädchen, das – nun ja – das sechsundzwanzig Jahr ist! Geben Sie mir Vollmacht, was ich will, in Bewegung zu setzen?“

„Und wenn ich sie Ihnen nicht gebe?“

„Da haben Sie Recht, dann thue ich’s doch. Aber es ist besser, daß ich’s gesagt habe. Diese Urlaubstage sind mein, ich will sie nützen,“ recitirte sie mit Pathos.

Louise kam herab und der Vater entfernte sich bald. Die beiden Mädchen hielten sich umschlungen und gingen miteinander in den Park.

Plötzlich hielt Marie an und rief: „Ach, ich möchte wissen, wie man auf eigenem Grund und Boden spazieren geht. Also so tritt man auf!“

Sie hob ihr Kleid etwas in die Höhe, ein kleiner Fuß in braunen Stiefeletten zeigte sich und sie setzte ihn mit Nachdruck auf den Boden. In überschwänglichen Ausdrücken führte sie dann weiter, wie glücklich doch Menschen sein müssen, die ein Stück Erde ihr eigen nennen und eine feste Heimath haben. Louise widersprach nicht, denn sie war von tiefem Mitgefühl beherrscht für ein Mädchen, das, aus der höheren Gesellschaftsschichte stammend, heimathlos in der Welt war und das Brod der Dienstbarkeit essen mußte, einer Dienstbarkeit, die sich noch mit einem Scheine der Freiwilligkeit umgab. Sie entgegnete nur endlich, daß Marie reich genug sei, denn sie besitze einen unerschöpflichen Schatz von Humor.

„Berufe mir das nicht!“ rief Marie mit Aengstlichkeit. „Wenn man so etwas beruft, ist es vorbei.“

Die beiden Mädchen waren in ein Dickicht eingetreten, wo die Vögel lustig sangen. Louise stand still und fragte die Freundin, ob sie ihr nicht endlich Näheres sagen wolle zu Andeutungen in einem Briefe, daß sie auf ihrer Reise ein Herz gewonnen habe.

„Jetzt noch nicht,“ fiel Marie rasch ein, „aber bald werde ich es Dir sagen. Bitte, frage mich nichts weiter. Wenn es Zeit ist, werde ich Dir Alles erklären und Du sollst mir helfen.“

Sie sprachen nun von der beabsichtigten Reise nach Italien, und Louise bedauerte, daß Marie sie nicht begleiten konnte. Sie wäre eine gute Führerin gewesen, denn sie kannte Alles bereits.

Marie wußte es und Louise ahnte etwas davon, warum der Vater, der sonst seinem Kinde keinen Wunsch versagte, entschieden ablehnte, daß Marie sie begleite. Schweigsam gingen sie durch den Garten und den Park und kehrten endlich in das Haus zurück. Die Großmutter, die den Tag über unwohl gewesen, hatte sich am Abend erholt. Man saß wohlgemuth beisammen, und nach dem Abendessen begann Marie noch eine Schachpartie mit Herrn Merz. Sie war eine sehr gewandte Schachspielerin, die Partie dauerte sehr lange, die Großmutter und Louise zogen sich zurück und Marie saß allein mit Herrn Merz.

Kaum aber waren sie allein, als Marie die Figuren zusammenwarf und sagte, sie müsse nochmals von Louise sprechen. Herr Merz solle ihr doch die Männer der Umgegend bezeichnen, die auf Morgen zu Gaste kommen sollten, welche darunter seien, die sich um Louise bewerben und welchen der Vater am meisten wünsche; denn es sei von großer Bedeutung, wenn eine Freundin ihr Wohlgefallen an einem Bewerber kundgebe, und sie hoffe damit einen Entschluß Louisens zu Stande zu bringen. Der Vater nannte mehrere, ein Gutsbesitzer und ein junger Beamter aus der nahen Kreisstadt waren ihm gleich werth, aber Louise schien gegen beide Bewerber gleichgültig.

Marie blieb dabei, daß sie die Freundin doch zu einem Entschluß bringe.

(Fortsetzung folgt.)




Der Wander-Professor deutscher Literatur.

„Nicht so vieles Federlesen,
Laßt mich immer nur hinein!
Denn ich bin ein Mensch gewesen,
Und das heißt ein Kämpfer sein.“

Mit diesen trotzigen Worten erzwingt sich ein Held Goethe’s Einlaß in den Himmel. Unser Prutz braucht so etwas gar nicht mehr zu sagen: er ist schon ein Stern am Himmel unserer Literatur, ein anerkannter, vom deutschen Volke verehrter Kämpfer und Wanderprediger, der von Stadt zu Stadt die ewigen Schätze unserer Literatur verkündet. Und ein Mensch ist er auch gewesen und ist es noch. Wir wollen uns das gesagt sein lassen, um nicht der ziemlich allgemein herrschenden Krankheit des Idealisirens und redensartigen Aufputzens unserer Helden zu verfallen.

Robert Prutz ist bekanntlich einer der gefeiertesten Literatur-Rhapsoden unserer Zeit und arbeitet so mit seinen Genossen, außer für die Gegenwart, noch viel segensreicher für die Zukunft. Er schöpft seine Stoffe aus den Schätzen des achtzehnten Jahrhunderts, das die ewige kräftige Quelle des unsrigen, des neunzehnten, ist. Aus diesen reichen wissenschaftlichen und idealen Schätzen des achtzehnten Jahrhunderts aber vermögen wir vielleicht allein die wahren Mittel zur neuen Erhebung unserer tief in Materialismus versunkenen Zeit zu gewinnen. Und gerade deshalb erscheinen mir die Vorträge von Robert Prutz für die großen Massen aller Stände von so großer Wichtigkeit und versprechen einen Segen, der erst gewürdigt und genossen werden mag, wenn die ausgestreuten Saaten als gereifte Früchte zur Volksnahrung werden und wieder und wieder gesäet auf gebildeterem Boden immer reichlichere Früchte tragen.

Wie ist er’s geworden? Eine lange Leidensgeschichte wie die unserer meisten Kämpfer des neunzehnten Jahrhunderts. Er sieht eben so beleibt und beliebt aus, wie Fritz Reuter und Karl Vogt. Aber wer ihn im vorigen Winter mühsam die paar Stufen auf die blumenbekränzte Rednerbühne zu Berlin wanken sah, merkte wohl, daß dieser kräftige Bau in seinen Grundpfeilern bereits erschüttert war. Aber welch’ ein Triumph! Eine dichtgedrängte Schaar, stehend und sitzend und sich durch die nicht verschließbaren Thüren drängend, freudig begrüßend und Wort für Wort eifrig und andächtig lauschend – dieselben begeisterten Schaaren in Stettin, [229] Bremen, Breslau, Frankfurt, Hannover, Braunschweig, Stralsund, Rostock etc. und viel weiter, das war und ist doch vieler Thränen und Leiden der Vergangenheit werth! Vieler, aber nicht so vieler, nein, nein, so vieler nicht! Die meisten hätten ihm Polizei und Cultusminister ersparen können, ihm und unzähligen seiner Zeit- und Leidensgenossen. Fast sein ganzes Leben und Streben war ein quälerischer Kampf gegen geistige Zwerge, die nur mit ihren geistespolizeilichen Waffen sich stärker erwiesen, als er in seiner ursprünglichen, derb pommerschen Natur und der ihm angeborenen, redlich fortgebildeten Geisteskraft. Er war eben aus langen Leiden und Lähmungen mühsam wiedererstanden, als er im vorigen Jahre zum zweiten Male in Berlin begrüßt ward. Was hätte er in freieren Staaten zwischen glücklicheren Menschen, wenn nicht gefördert, so doch ungehindert und ungehetzt während der dreißig Jahre nach seinem Doctorexamen in Halle wirken können! Wie stämmig, hoffnungsblühend stand der lockige Jüngling vor zweiunddreißig Jahren in der Aula des neuen Hallischen Universitätsgebäudes unter der lächerlichen Doctormütze, welche er sich eben im besten Latein erdisputirt hatte, und die ihm der Decan der philosophischen Facultät mit lateinischen Segenssprüchen auf den vollen Lockenkopf hielt! Der zweiundzwanzigjährige Doctor war fertig. Es war schnell gegangen.

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Robert Prutz.

Am 30. Mai 1816 in Stettin geboren, daselbst als Gymnasiast aufgewachsen und in Berlin, Breslau und Halle als frischer und fleißiger Student in einem frischen Kampfe geistiger Bestrebungen und Gegensätze gereift, war der bürgerlich noch Unmündige in der Welt der Wissenschaft schon ein königlich preußisch geprüfter Lehrer.

Auf den Universitäten regte sich damals ein neuer Geist der Wissenschaft, und der unvergeßliche Cultusminister von Altenstein pflegte nicht nur seine Blumen, sondern zog auch berühmte Professoren mit neuen, frischen Richtungen nach Preußen. Die alten Demagogenhetzer Kamptz, Schmalz und Tschoppe hatten ausgetobt, und manches Opfer ging kräftiger aus dem Gefängnisse hervor, besonders gerüstet Ruge in Halle. Die schwarz-roth-goldenen Bänder und Pfeifenquasten kamen ebenfalls wieder zum Vorschein, und sonstige Verbindungen wurden wenigstens im Stillen geduldet. Freilich waren die meisten Studenten in Halle mehr „Kümmeltürken“, Studenten, die mit Lebensmitteln vom Hause versorgt werden, und „Kameele“, als forsche „Paukanten“ auf dem Fechtboden. Dafür betheiligten sie sich um so freudiger an den Kämpfen der wissenschaftlichen Geister, die gerade zu unserer Zeit mit der „Werdelust des Hallischen Dichterbundes“ und den „Hallischen Jahrbüchern“ so recht kräftig aufeinander platzten. Ruge und Leo, Leo und Diesterweg, Wegscheider und Tholuck, alte Kantianer und Jung-Hegelingen und sonstige alte Krippensetzer der Romantik und hölzerner Abfächerung im ohnmächtigen Kampfe gegen lebendiges, belebendes Wissen.

Das war eine herrliche Zeit! Die Hallischen Jahrbücher hieben unbarmherzig mit den blanken Waffen Hegel’scher Dialektik [230] in den alten Kram überlieferter, fester Sätze und auf die Krämer los. Wir hatten besondere Lesecirkel für dieselben, und der alte Schneider, der sie umhertrug, war den ganzen Tag auf den Beinen und lebte davon. Und welche Wonne, als unsere ersten Beiträge darin erschienen! Prutz war einer der stämmigsten und schlagendsten Freiwilligen unter diesen Mitarbeitern, und wir jauchzten ihm zu. Erfüllt und gekräftigt von diesem Kampfe, dessen Helden sich zutrauten, die Welt zu überwinden und neu zu gestalten, fühlte er sich bald getrieben, die Städte vieler Menschen zu sehen, ihren Sinn zu erkennen und zu singen. Von seinen Weisen klangen deshalb bald Lebenszeichen, meist duftige Blüthen der Poesie, in unser altes rauchiges Halle hinein. Ich, nach Berlin verschlagen, verlor ihn seitdem fast für immer aus den Augen, aber seit dem Jahre 1840, dem von mir auf zweihundertvierzig Seiten besungenen, censirten und confiscirten „Jubeljahre“, sang er unter den neuerwachten, zum Theil stürmischen Haß predigenden und „die Kreuze aus der Erde reißenden“ Dichtern so frisch und reich an freudigen Illusionen mit, daß die leibliche Abwesenheit wenig beachtet ward. Herwegh, Prutz, Freiligrath und unzählige dünnere Stimmen, die klanglosen, prosaischen „vier Fragen eines Ostpreußen“ – Geisterdrang aus den Hörsälen der Wissenschaft in das Leben, in den Staat, dessen Kampf dagegen – Hin- und Hergeschiebe von Hoffnungen und Befürchtungen, von Zugeständnissen und Verboten – Prutz fast immer mitten darunter. Er war viel mäßiger und edler, als die eigentlichen Revolutionäre, geachteter durch seine positive und prosaische Arbeit, blieb aber doch viele Jahre lang ein polizeilich verfolgter, gemaßregelter, hin- und hergehetzter Lieblingsfeind der frommen Herren in Berlin, welche allmählich den reichen und des Edelsten fähigen Geist Friedrich Wilhelm’s des Vierten verwirren und zerstören halfen.

Was hatte er denn eigentlich begangen? I nun, den „Moritz von Sachsen“, sein feurigstes, gelungenstes dramatisches Gedicht, oder vielmehr seinen Dank für die stürmisch begeisterte Aufnahme im Berliner Schauspielhause. Es war im oder bald nach dem Jubeljahre. Das vollste Haus mit einem auserwählten Publicum, wie damals bei allen ersten Aufführungen. Ausbrüche des Beifalls und der Begeisterung durch alle Acte hindurch. Endlich vor den gefallenen Vorhang: Prutz, Prutz, Prutz! und immer wieder und immer stürmischer: Prutz! bis er, mit weißen Handschuhen den schwarzen Hut schwingend, hervortrat. Dank, herzlichster Dank mit warmer, klangvoller Stimme, aber auch die Mahnung, Dichterworte der Freiheit und der Menschenerlösung nicht blos im Theater zu beklatschen, sondern vielmehr im Leben geltend zu machen. – Dafür mußte er büßen. Ausgewiesen oder bedroht oder ohne polizeiliche Erlaubniß, sich ernähren zu dürfen, finden wir ihn Jahre lang ohne sicheren Wohnsitz in Jena, Halle, Dresden, Hamburg, wieder in Halle, wieder in Berlin, in seinem Geburtsorte, in Leipzig, mehr oder weniger behindert und gehetzt, immer in überhäufter Arbeit, so daß er wohl mancher Bestellung, manchem Verleger untreu ward, auch nicht selten im tragikomischen Kampfe mit den unerbittlichen Forderungen des prosaischen Lebens. Der begeisterte Idealist und Dichter hatte in Dresden noch eine schöne Künstlerin von den idealen Brettern her und vor dem Altare vorbei heimgeführt. Nun galt es doppelt, sich mit kräftigem Ruderschlag durch die Wogen zu steuern, harte, mühevolle Arbeit kam Jahr aus, Jahr ein, bis endlich für Prutz das Ziel seiner wahren Wirksamkeit erreicht war und damit die Aussicht auf einen schönen, ruhigen, von der Ehre und Liebe eines ganzen Volkes sonnig erleuchteten und erwärmten Lebensabend. Die Werke des Literarhistorikers und Dichters finden wohl kaum in dreißig Bänden Raum. Manches war Kind der Zeit, hat seine Dienste gethan und ist vergessen; aber sein „Göttinger Dichterbund“, Geschichte des „deutschen Journalismus“ und des „Theaters“, die „Zehn Jahre“ (1840 bis 1850), das „literarhistorische Taschenbuch“ (1843 bis 1848) bieten der Erkenntniß unserer Zeit noch werthvolle Lichter. Von den Romanen: „Die Schwägerin“, „Felix“, „Das Engelchen“ und „Oberndorf“ wird sich namentlich der vorletzte als eine Erquickung edler Gemüther gegen Vergänglichkeit zu schützen wissen. Seine dramatischen Dichtungen, schon vor sechszehn Jahren in vier Bänden erschienen, spielten kaum eine bedeutende Rolle auf den sich immer mehr deutschem Geiste und Streben entfremdenden Bühnen, und „Moritz von Sachsen“ wurde blos aufgeführt, um verboten zu werden.

Solche Schicksale und Zustände reizten zur Satire, in welcher er trotz seiner mehr pathetischen und lyrischen Natur durch die „Politische Wochenstube“ zum deutschen Aristophanes ward. Das „Deutsche Museum“ war seit 1851 beinahe fünfzehn Jahre lang eins der edelsten Organe für die Erscheinungen und Bestrebungen in unserer Literatur, aber auch Quelle vieler Leiden, wozu noch seine Professur in Halle kam. Also war er doch wirklich Professor geworden? Ja, 1849 außerordentlicher, und zwar der Literaturgeschichte. Der erste Lehrstuhl dafür auf deutschen Universitäten, ein kurzer Jammer und dann seitdem der letzte für die reichste Quelle unserer Größe, unseres idealen Ruhmes auf der Erde, unseres wahren Herzensglückes. Die Facultäts-Professoren, der Cultusminister von Raumer, Verdrießlichkeiten und Krankheiten aller Art verwandelten diese außerordentliche Ehre in damals wieder ordentliche Polizeiquälerei. Davon krank und niedergeworfen, raffte er sich blos auf, um sich aus dieser Hölle zu befreien und in seiner Vaterstadt Stettin einen neuen Kampf gegen Krankheiten und Entbehrungen aller Art aufzunehmen. Während aller dieser niederdrückenden Schicksale blieb ihm die Gabe Gottes, zugleich tröstend für die Welt dichterisch zu sagen und zu singen, was er leide, eine treue Gattin und neben seinem Schmerzenslager hold erblühende Töchter. „Gedichte“, „Neue Gedichte“ in zwei Bänden und mehreren Auflagen „Aus der Heimath“, „Aus goldenen Tagen“, „Herbstrosen“ und endlich „Das Buch der Liebe“ gaben uns einen Dichter, dessen bald elegische, bald anmuthig tröstende und immer herzerquickende Töne wohl niemals in dem klangreichen deutschen Dichterwalde verstummen werden. Die große Welt weiß sie freilich kaum zu würdigen. Man findet Dies und Jenes hübsch, schön, niedlich, und Dies und Jenes noch besser, und wie sonst die holden Damen urtheilen; aber nur Wenige ahnen, wie der Schmerz die Tiefen des Gemüthes befruchtend aufwühlte und die Passionsblumen solcher Lieder mit den Marterwerkzeugen in ihren Kelchen hervortrieb. Doch mag manche Thräne aus schönen Augen als Perlenthau beschwichtigten Schmerzes darauf zittern. –

Gebrochen in seiner körperlichen Kraft und Gesundheit, aber geistig gereifter und gerüsteter als je, erhob er sich endlich aus niederdrückender Krankheit und Noth zu seiner wahren, höchsten Wirksamkeit als Wanderprofessor der deutschen Literaturgeschichte. Der Staat, die Universitäten haben keinen einzigen armseligen Platz dafür; Prutz schuf ihr allein eine gute Anzahl von Lehrstühlen und zauberte freudig gedrängte und lauschende Schaaren um sie her. „Der Vortrag macht des Redners Glück“ und zwar ein schöneres, verdienstvolleres, als die meist unbeholfen sprechenden oder ablesenden Universitätsprofessoren ahnen. Prutz verdankt einen guten Theil des Erfolges und Ruhmes der schön ausgebildeten seltenen Gabe seines lebendigen, mit kräftiger Mannesstimme wahr, warm, frei und klar fließenden Vortrags. Dazu kommt: „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen.“ Und er fühlt es nicht nur, er weiß es auch; er beherrscht den mächtigen Stoff, in welchem wir den wahren Stolz Deutschlands ahnen, als Meister. Dabei dürfen wir seine Vergangenheit, sein tragisches Geschick, den Lorbeerkranz, welchen ihm die Muse deutscher Dichtkunst auf die Stirn drückte, nicht übersehen. Diese Verhältnisse wirkten glücklich zusammen, um ihm den Weg zu seinem jetzt erreichten Ziele zu bahnen oder wenigstens abzukürzen. Und doch ist wohl sein eigentlichstes Thema, dieses achtzehnte Jahrhundert, die Hauptmacht. Freilich haben auch viele andere nicht unbedeutende Männer gut und glücklich darüber geschrieben und gelesen ohne das Volk zu packen und zu erwärmen. Deshalb ist es auch wieder zweifelhaft, ob wir den Mann oder sein Material an die Spitze stellen sollen. Das Beste wird sein, sie neben einander innigst verbunden aufzufassen. Die Tausende, welche ihn gehört haben, werden auch gern bezeugen, daß sie gerade in dieser innigsten Durchdringung so erwärmend und geistig verklärend wirkte. Ja, so muß man den Stoff beherrschen, geistig durchdrungen haben, im Innersten fühlen und mit urkräftigem Behagen ausströmen lassen, um die Herzen aller Hörer zu zwingen! Dieses achtzehnte Jahrhundert steigt vor uns in dem ganzen Umfange seiner Größe und Bedeutung, seinen gewaltigen Ideen und großen Männern, seinem Riesenkampfe gegen die steinernen Gäste mittelalterlicher Romantik, die Bastille des Despotismus, verknöcherte Satzungen der Schulweisheit und die französische Louis- und Maitressenwirthschaft auf. Die Haupthelden und Märtyrer Englands, Frankreichs und Deutschlands [231] erheben sich aus ihren Gräbern und wirken oder wehklagen wieder vor unseren Augen. Voltaire, Rousseau auf der einen, Kant, Lessing auf der andern Seite werden vor uns wieder lebendig, sie geben Zeugniß von der großen Zeit unserer Wiedergeburt und weisen uns mit bedeutungsvollen Winken auf die Aufgaben unseres Jahrhunderts, denen wir uns theils durch Gewalt, theils aus eigener Verirrung so oft schon jämmerlich entfremden wollten.

H. B.




Aus den Zeiten der schweren Noth.
Der „Löwenstein“ von Braunschweig.

An einem sonnigen Augusttage des Jahres 1806 zog eine Schaar Menschen aus dem Herzogthore von Wolfenbüttel, Jung und Alt einander nacheilend, wie es das stille Städtchen sonst nur an einem Tage im Jahr, wenn die Bürgerschaft zum Freischießen den festlichen Auszug hielt, zu schauen gewohnt war. Das Ziel dieser Wanderung war ein Gasthaus, an der nach Braunschweig führenden Heerstraße gelegen und „zum Forsthause“ genannt. Vor der Einfahrt zu diesem Gehöft, dessen Stallungen und Gärten sich weit an der Straße hinziehen, hielten zwei elegante Reisewagen, welche die in ihre Staatslivrée gekleideten Postillons eben mit frischen Pferden zu bespannen beschäftigt waren, dicht umdrängt von der neugierigen Menge, der sie sich kaum bei ihrer Arbeit zu erwehren vermochten. Eine halbe Stunde wohl hatten die Versammelten auf der schattenlosen, staubigen Heerstraße Stand gehalten, als endlich das Interesse der Zuschauer von den Equipagen ab sich der Thür des Gasthauses zuwandte, aus welcher dann zwei Herren in preußischen Uniformen erschienen, um die Pferde zu besteigen, welche von Reitknechten in braunschweigischer Hoflivrée eben vorgeführt wurden. „Das ist der Herzog,“ lief es flüsternd durch die Menge, und man deutete verstohlen auf den älteren Herrn, einen schönen stattlichen Greis, mit dem in Brillanten funkelnden Stern des schwarzen Adler-Ordens auf der Brust, der jetzt trotz seiner siebenzig Jahre so aufrecht und elegant zu Pferde saß, als wäre er zwanzig Jahre alt und eben erst von der Wiener Reitschule heimgekehrt. Mit dem abgenommenen Tressenhut nach den Fenstern des ersten Stockes salutirend, an welchen sich mehrere Damen zeigten, sprengte dann Herzog Karl Wilhelm Ferdinand, denn dieser war es, vom Hofe mitten durch die ehrerbietig zurückweichende Menge, ihm nach seine Begleiter, und fort ging es in gestrecktem Galopp auf der Straße nach Braunschweig zu.

Nachdem die Zuschauer die Reiter bald aus den Augen verloren hatten, wandte sich ihre Aufmerksamkeit wieder den noch harrenden Equipagen zu. Jetzt erschien ein Diener und öffnete den Schlag des ersten Wagens für eine Dame, welche dicht hinter ihm aus dem Hause trat. Sie trug ein nach damaliger Mode knapp anschließendes weißes Reisekleid, den Kopf bedeckte ein feines Spitzentuch, das unter dem Kinn durch eine Brillantnadel zusammengehalten wurde, während unter demselben hervor eine Fülle blonder Locken auf Schultern und Nacken niederwallte. Die Frau war von so überraschender Schönheit, die ganze Erscheinung so voll Majestät und Engelsmilde zugleich, daß die Menge wie gebannt dastand. – Einige Augenblicke unter der Thür verweilend, erwiderte sie die Grüße der Nahestehenden mit bezaubernder Freundlichkeit, dann bestieg sie ihren Wagen, in welchem eine ältere Dame neben ihr Platz nahm, während drei jüngere von einem Cavalier zu der zweiten Equipage geleitet wurden. Noch einmal, während die Postillons eine schmetternde Fanfare bliesen, die das Echo des nahen Waldes wachrief, grüßte die schöne Frau aus dem geöffneten Wagenfenster, und fort ging es auf demselben Wege, welchen zuvor der Herzog eingeschlagen hatte.

Während die Zuschauer sich gemächlich nach der Stadt zurückbegaben oder in die nahen Gärten zerstreuten, mit einander besprechend, was sie eben gesehen und gehört hatten, langte der Reisezug in Braunschweig an und hielt vor dem „Corps de Logis“ des herzoglichen Residenzschlosses. Unter dem Hauptportale dieses bei dem Schloßbrande von 1830 in Asche gelegten Prachtbaues stand, umgeben von einem glänzenden Hofstaate, Herzog Karl Wilhelm Ferdinand. Der greise Herr hatte während der wenigen Minuten, welche er durch den scharfen Vorausritt von Wolfenbüttel her gewonnen, die Uniform abgelegt und trat jetzt im galonnirten Hofkleide und Escarpins an den Schlag des ersten Wagens, half der schönen Frau beim Aussteigen und führte sie, während die am Schloßplatze aufgestellte Ehrenwache salutirte und die Trommeln wirbelten, die breite Marmortreppe hinauf, wo sie von seiner Gemahlin empfangen wurde.

Die mit so großen Ehren aufgenommene Frau, welcher Herzog Karl Wilhelm Ferdinand mit der Galanterie eines jungen Cavaliers entgegengeritten war, und die in der folgenden Nacht im Braunschweiger Schlosse schlief, war die Königin Louise von Preußen. Es war eine Mission ernster Art, welche sie zu dieser Reise veranlaßte. Sie hatte Berlin verlassen, um Sachen von hoher Wichtigkeit mit dem Herzoge zu bereden – und die guten Braunschweiger, welche bis zum späten Abend den Schloßplatz und den Garten füllten, in der Hoffnung, die allbewunderte Königin werde sich noch einmal zeigen, ahnten nicht, wie folgenschwer dieser Besuch auf sie selbst zurückfallen würde.

Der Krieg, welchen Preußen mit dem Welteroberer um seine Existenz zu führen sich gezwungen sah, war vor der Thür. Zuversichtlich blickte die Monarchie auf die Armee, welche noch aus der Schule des großen Friedrich stammte, und auf die Führer derselben, welche zum Theil noch im Schmuck der Lorbeeren einherwandelten, welche die Siege Friedrich’s auf ihre Häupter gesammelt hatten. An der Spitze des Heeres stand als Generalissimus der Herzog von Braunschweig. Auf ihn, den Helden des siebenjährigen Krieges, den einst von Friedrich selbst besungenen Sieger von Hastenbeck, waren auch die Blicke Friedrich Wilhelm des Dritten gerichtet, als es sich um den Führer für das Heer handelte. Karl Wilhelm Ferdinand aber war einundsiebenzig Jahre alt; das von ihm in den Krater der französischen Revolution geschleuderte unglückliche Manifest vom 25. Juli 1792, das die französische Nation mit Schimpf und Spott und mit der Hinrichtung Ludwig’s des Sechszehnten beantwortet hatte, dann der schmachvolle Rückzug der Verbündeten aus der Champagne – dieses Alles hatte niederschlagend auf den Greis gewirkt, und der Kummer über den entblätterten Lorbeer wurde nur durch die ungeheuchelte Liebe und Verehrung gemildert, welche ihm seine Unterthanen entgegen brachten. Der Herzog erkannte mit klarem Blick, daß es sich jetzt um die Bekämpfung eines andern Feindes handle, als der war, welchen der unter seinen Trophäen in der Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam ruhende Heldenkönig einst mit der „Berliner Wachtparade“ geschlagen hatte; die Zeit war über seinem Haupte hinweggeschritten, er fühlte das, und hatte das Commando abgelehnt. – Da kam die Königin Louise. – Und siehe, was weder das Wort des Königs noch die Zurede der höchsten Generale vermocht hatte, das gelang den Bitten Louisens; der Herzog sagte zu, und die Königin kehrte voll neuer Zuversicht nach Berlin zurück, ihrem Gemahl diese Nachricht selbst zu überbringen.

Dieser verhängnißvolle Besuch der Königin von Preußen war der letzte Glanzpunkt für den Braunschweiger Hof gewesen. Schwärzer und immer schwärzer stiegen die Wetterwolken am Horizont empor, noch wenige Wochen, und ein Fürstenhaus, um das sich die Bewohner eines gesegneten Ländchens in Liebe geschaart hatten, das den Musen eine sichere Zufluchtsstätte gewesen, war in alle Welt zerstreuet. – Am 10. September, Morgens fünf Uhr, verließ der Herzog Braunschweig und begab sich zu der in Sachsen zusammengezogenen Armee, die Sorge für sein Land hatte er dem Geheimenrath Grafen Wolffradt, späteren Minister König Jerôme’s, übergeben. „Der Herzog,“ schreibt dieser einige Tage vor der Schlacht bei Jena, „ist voller Zuversicht, heute ist noch Alles sicher, eine einzige verlorene Bataille, und wir sind hin!“ – Nach dem am 10. October erfolgten ersten Zusammenstoße mit dem Feinde, bei Saalfeld, wo in Louis Ferdinand von Preußen dem Vaterlande das erste blutige Heroenopfer gebracht war, wurde das Hauptquartier von Weißenfels nach Auerstädt verlegt. Vier Tage später erfolgte auf den Feldern von Jena jene furchtbare Niederlage des preußischen Heeres, welche Deutschland die Freiheit [232] und dem Herzoge sein Leben kostete. Durch eine Flintenkugel am Haupte tödtlich verwundet, flüchtete der Feldherr von der Wahlstatt, ihm nach die Trümmer des Heeres in einer Unordnung, wie die Welt es unter ähnlichen Verhältnissen nicht wieder gesehen hat. Der „arme blinde Mann“, wie er sich selber nannte, wurde auf einer Tragbahre über den Harz nach Braunschweig gebracht; „welcher Schimpf, welche Schande!“ war Alles, was man in den ersten Tagen aus seinem Munde hörte. Unterwegs schon wurde der Oberkammerherr von Münchhausen an Napoleon abgesandt, um Schonung für das Herzogthum und den todtkranken Fürsten zu erbitten. Die Sendung blieb ohne den gehofften Erfolg, und der Kaiser wies den Oberkammerherrn mit den bekannten Worten ab: „Das Haus Braunschweig hat zu regieren aufgehört; mag der General Braunschweig gehen, sich ein anderes Vaterland jenseits des Meeres zu suchen; sobald ihn meine Truppen finden, wird er ihr Gefangener sein. Ich will ihn und seine ganze Familie vernichten.“ –

Die Flucht wurde nun am 24. October von Braunschweig ab weiter fortgesetzt, bis hinauf in das neutrale dänische Gebiet; nach vielen Tagen ruhelosen Umherirrens bot ihm endlich ein schlichtes Gasthaus im Dorfe Ottensen bei Altona die Stätte, wo er sich zum Sterben niederlegen durfte. Am 10. November starb Karl Wilhelm Ferdinand; fünfzehn Jahre lang barg derselbe Kirchhof seine Leiche, auf welchem auch Klopstock unter der Linde ruhet, – die Hände, welche ihm die Pforte zu der Gruft seiner Ahnen öffnen konnten, lagen bereits in den Fesseln der Tyrannei –

„Zu Ottensen an der Mauer
Der Kirche ist ein Grab,
Darin des Lebens Trauer
Ein Held geleget ab.“

Das prophetische Wort Wolffradt’s: „eine einzige verlorene Bataille, und wir sind hin“, es erfüllte sich nach dem Tage von Jena in drastischster Weise. Schon am 27. October, nachdem Kleist Magdeburg auf so schmachvolle Weise übergeben hatte, hielt Napoleon seinen Einzug in Berlin, drei Tage später nahm der kaiserliche Kriegscommissair Malraison Besitz vom Herzogthum Braunschweig, und vor Allen sollten nun die ehemaligen Unterthanen des „General Braunschweig“ erfahren, was es heißt: fremde Hand im Vaterland. Noch am Tage der Ankunft der Franzosen in der Hauptstadt wurden von allen öffentlichen Gebäuden die herzoglichen Wappen entfernt, und man ging in der Fürsorge, Alles zu beseitigen, was an die gestürzte Dynastie erinnerte, so weit, daß man die Besitzer mehrerer Gasthäuser zwang, ihre Schilde mit Bezeichnungen, wie „Zum Prinzen Friedrich“, „Prinz Wilhelm“, „Prinz Leopold“ etc., zu entfernen. –

Malraison wurde durch Bisson, der zum Gouverneur ernannt war, abgelöst, neben ihm fungirte Martial Darü als Intendant, der Gouverneur nahm Wohnung im Bevern’schen Palais, der ehemaligen Domprobstei, gegenüber der alten Domkirche, welche die Asche Heinrich’s des Löwen birgt. Die dem Ländchen auferlegte und binnen vier Monaten zu beschaffende Contribution betrug ein und eine halbe Million Thaler; kaum war diese zusammengebracht, so folgte eine gezwungene Anleihe von zwanzig Millionen Franken, und als diese nicht ausreichte, wurde eine zweite von zehn Millionen decretirt. Wie diese Contributionen in klingender Münze, decretirte der neue Landesherr den Unterthanen auch den schuldigen Tribut an Liebe und Ergebenheit; bereits am 2. December 1806 mußte in allen Kirchen das Te Deum gesungen werden, nachdem zuvor über das Schriftwort gepredigt worden war: „Jedermann sei unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat, denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott.“

Neben diesen Gelderpressungen waren es vor Allem die Kunstschätze, danach die Sieger begierig die Hände ausstreckten, und Braunschweig bot ihnen dafür eine Fundgrube, wie sie solche kaum in Berlin ergiebiger angetroffen hatten. Da war in erster Reihe das Lustschloß Salzdahlum, das Braunschweiger Versailles, mit seiner einst vom Herzoge Anton Ulrich angelegten und von seinen Regierungsnachfolgern vermehrten Bildergalerie. Da war ferner die berühmte Wolfenbütteler Bibliothek, unter ihren vielen tausend Bänden einen reichen Schatz von Handschriften enthaltend; da war auch das herzogliche Museum in Braunschweig selbst, mit seinen herrlichen Antiken-, Schnitzwerk-, Kupferstich- und Handzeichnungs-Sammlungen, die vielen einzelnen Kunstwerke ungerechnet, welche in Kirchen und öffentlichen Gebäuden zerstreut sich befanden. Um die Hauptstücke dieser Sammlungen für die kaiserlichen Museen auszuheben, kam der General-Inspector derselben, Dominique Vinant Baron Denon, noch im December 1806 in Braunschweig an.

Denon, zu Chalons 1747 geboren, war ein künstlerisches Universalgenie; er schrieb Lustspiele, Abhandlungen über Kunst, malte in jedem Genre, und stach vortrefflich in Kupfer. Von Ludwig dem Fünfzehnten bereits zum Gentilhomme ordinaire du Roi ernannt, ging er als Gesandtschafts-Attaché nach Petersburg, dann nach Neapel, doch überall mehr dem Studium der Kunst als der Diplomatie lebend. Nach der Revolution von David an Napoleon empfohlen, begleitete er diesen nach Aegypten. Vom Kaiser zum General-Inspector der neuen Museen ernannt, folgte er diesem dann auf seinem Siegeszuge durch die eroberten Länder, um dort die Kunstschätze auszuwählen, welche als Trophäen nach Paris wandern sollten, ein Handwerk, für das ihn der Volksmund mit dem Titel „Kunsträuber“ beehrte. Jetzt kam Denon von Berlin, wo er eben seine Plünderung beendet hatte, und ging, trotz der winterlichen Kälte, welche in den Sälen und Galerien herrschte, mit einer Hast an’s Werk, als könne ein Aufschub die rächende Hand der rechtmäßigen Herren herbeiführen.

Der Anfang wurde mit Salzdahlum gemacht, aus dessen Galerie er über zweihundert kostbare Gemälde auswählte; dann kam das Museum an die Reihe. Hier war er außer sich vor Entzücken ob des über alle Erwartung reichen Fundes an kostbaren Handzeichnungen der berühmtesten Maler, besonders aber über die Majolica. Alles, was künstlerisches oder historisches Interesse hatte, wanderte in die bereit gehaltenen großen Kisten.

Für den Augenblick berührte diese Plünderung wohl am schmerzlichsten die Beamten, welche ihr ganzes Leben diesen Sammlungen geweiht hatten und nun macht- und hoffnungslos einem Zerstörungswerke zuschauen mußten, das ihnen ein Stück vom Herzen zu reißen schien. Wer sich irgend welche Einsprache erlaubte, wurde derb abgefertigt; Graf Sierstorf, ein offener deutscher Mann, selbst Besitzer einer Gemäldegalerie, der es nicht unterlassen konnte, sein Bedauern über diese Zerstückelung gegen Denon auszusprechen, erhielt von diesem die kurze Abfertigung: „Mein Herr, Sie sind ein Dummkopf, was wollen Sie machen, wenn ich Alles nehme?“ – Trotz der Wachsamkeit der Franzosen hatte man doch aber Gelegenheit gefunden, das kostbarste Stück des Museums, das sogenannte Mantuanische Gefäß, eine aus einem großen Onyx geschnittene antike Kanne mit silbernem Deckel, Henkel und Ausguß, zu retten. Wie man sagt, sei dieses kostbare Stück durch treue Hände dem Herzoge Friedrich Wilhelm zugestellt worden. Denon aber fluchte und wetterte wegen des Fehlens des Gefäßes und schwur, daß es den Beamten den Kopf kosten solle, wenn es nicht herbeigeschafft würde. Um den Wüthenden zu beruhigen, wandte sich der spätere Präfect Henneberg an den Herzog Friedrich Wilhelm mit der Bitte, das Gefäß gegen die Summe von hundertfünfzigtausend Thaler herauszugeben, es geschah aber nicht, und jenes kostbare Erbstück im Hause Braunschweig machte damals den Zug nach Paris nicht mit, ist indeß jetzt dennoch dort, und zwar im Besitz des durch die Revolution von 1830 vertriebenen Herzogs Karl von Braunschweig.

Nachdem gleichzeitig unter dem Bücherschatze der Wolfenbütteler Bibliothek eine ähnliche Auswahl getroffen war, gingen zu Anfang Januar 1807 einundzwanzig große Kisten mittels Kriegsfuhren nach Paris ab; doch war mit dieser reichen Ausbeute die Raubgier noch keineswegs befriedigt, gierig durchstreiften die Kunsträuber Straßen und Plätze der Stadt und nahmen nicht Anstand auch Hand an solche Gegenstände zu legen, welche Jahrhunderte lang öffentlichen Plätzen und Gebäude als Schmuck gedient hatten.

Fast im Mittelpunkte der Stadt, auf dem Burgplatze gegenüber dem St. Blasiusdome, in dessen Mittelschiff der Ahnherr des Hauses Braunschweig, Heinrich der Löwe ruht, steht auf hohem Postamente das Wahrzeichen Braunschweigs, der bronzene Löwe. Heinrich ließ diesen Löwen im Jahre 1166 als Zeichen seiner Macht vor der Burg aufrichten, den geöffneten Rachen des königlichen Thieres nach Osten gekehrt, wie zum Kampfe bereit nach der Himmelsgegend ausschauend, wo eben damals die zahlreichen Feinde des Welfen in Merseburg seinen Sturz beschließend versammelt waren. Dann aber diente der „Löwenstein“ auch als Rugesäule, an welcher der Herzog öffentlich zu Gericht saß. Mit poetisch-phantastischem Gewande hat die Sage Herzog Heinrich [233] und den Löwen umkleidet, und die daraus entsprungenen Heldengeschichten sind es, in welchen beide noch heute im Munde und Herzen des Volkes fortleben. Der Herzog, so heißt es dort, kam auf seiner Rückkehr aus dem gelobten Lande eines Tages durch einen tiefen Wald. Durch das klägliche Winseln eines Thieres noch weiter in das Dickicht gelockt, sieht er sich plötzlich einem ungeheuren Drachen gegenüber, der einen Löwen im Kampf umschlungen hält. Da jammert den Herzog das schöne, ihn wie um Hülfe anflehende Thier, und rasch entschlossen stößt er dem Drachen das Schwert in den giftsprühenden Rachen, daß er verendend niedersinkt. Sanft wie ein Lamm nähert sich nun der befreite Löwe dem Fürsten, leckt ihm dankbar die ritterliche Rechte, weicht seit jener Stunde nicht mehr von seiner Seite und begleitet ihn über’s Meer nach dem kalten Norden. Bis zu Heinrich’s Tode, so schließt die Sage, sei der Löwe sein treuer Gesellschafter gewesen; und als man den Helden endlich im Jahre 1195 in den Dom zu Grabe getragen, da habe das treue Thier an der Pforte des nördlichen Querschiffes so wüthend geheult und gekratzt, daß die Spuren seiner Tatzen noch bis auf diesen Tag an dem Mauerwerk zu schauen sind.

Ein hochpoetischer Hauch zieht durch den Schluß dieser alten Legende. Dem vom Schicksale tief gebeugten greisen Helden, der, des größten Theils seiner Besitzungen beraubt, einsam und verlassen des Lebens Rest auf seiner Burg Dankwarderode vertrauert, stellt sie den treuen Löwen zur Seite, der, treu auch über das Grab hinaus, an die Grabespforte pocht und sich davor lagert, bis er selbst verendet.

Und siehe, – der romantische Faden, welcher den Herzog und den Löwen verbindet, er spinnt sich fort bis in unsere Tage, denn an die Stelle des fabelhaften tritt der eherne Löwe, der noch heute Wacht hält neben dem Blasius-Münster, der alten Grabeskirche Heinrich’s und seiner Enkel.

Auch dieses alte Löwendenkmal, dieses Wahrzeichen Braunschweigs, war von Denon mit auf die Proscriptionsliste gesetzt; es sollte, wie die Quadriga des Brandenburger Thores in Berlin, mit nach Paris wandern. Die erste Nachricht von diesem Vorhaben fand wenig Glauben; man hielt es für unmöglich, daß die Räuberei so weit gehen würde. Als aber die Absicht mit immer mehr Gewißheit auftrat, als man gar den Tag nannte, an welchem der Löwe den Platz verlassen sollte, wo er sechs Jahrhunderte lang gestanden hatte, da ging ein Schrei der Entrüstung durch die ganze Bevölkerung. Ungeachtet der mit einem solchen Schritte verbundenen Gefahr faßte ein Mann den Entschluß, dieser allgemeinen Erbitterung Ausdruck zu geben und gegen die Wegführung des Denkmals Einsprache zu erheben. Dieser Mann, der sich durch seinen ungebeugten Muth in jenen Tagen der schweren Noth, durch seine Redlichkeit und seinen Patriotismus ein unvergängliches Denkmal im Herzen seiner Mitbürger gegründet hat, war der spätere Präfect Henneberg; er hatte sich vorgenommen, einmal deutsch mit den Franzmännern zu reden, und die Gelegenheit hierzu stellte sich ein, ehe er es noch erwartet hatte. Der Zufall fügte es, daß Henneberg unvermuthet mit Denon auf dem Burgplatze zusammentraf, Beide allein mit einander, Stirn gegen Stirn; das kam dem deutschen Manne gerade gelegen.

„Herr Director,“ redete Henneberg den Franzosen nach kurzer Begrüßung an, „ist es wahr, daß auch der Löwe dort mit nach Paris gehen soll?“

Denon wich einen Schritt rückwärts. Die plötzliche Anrede und der feste, fast drohende Ton, in welchem sie gesprochen war, hatte ihn überrascht; doch bald wieder gefaßt, antwortete er in höhnischem Tone: „Der Löwe steht auf meiner Liste und geht nach Paris; – wollten Sie das vielleicht verhindern?“

„Hindern,“ fuhr Henneberg fort, sein flammendes Auge auf den Gegner gerichtet, „hindern, sobald Sie Ernst machen! – Heute aber, wo der Löwe noch unangetastet dasteht, spreche ich im Namen der gesammten Bürgerschaft dieser Stadt die Bitte aus: von der Wegführung abzustehen. Wir haben geschwiegen, wenn auch mit blutenden Herzen, als jene Kunstsammlungen zerstückelt wurden, auf welche wir einst stolz waren; legen Sie aber Hand an diese ehrwürdige Rugensäule, – bei dem allmächtigen Gott! dann,“ mit erhobener Rechte nach den Domthürmen hinaufweisend, „dann sollen jene ehernen Zeugen dort oben das Signal zu einem Sturme geben, den zu bannen Ihnen schwer fällen möchte!“

Ohne weitere Erwiderung abzuwarten, schritt Henneberg über den Platz hin, über alle Furcht vor den Folgen dieses gewagten Schrittes durch das Gefühl erhaben, seiner Pflicht genügt zu haben. – Diese kurze Unterredung, wegen welcher die Freunde Henneberg’s für ihn das Schlimmste fürchteten, hatte den Löwen gerettet. Er wurde von der Proscriptionsliste gestrichen, und statt seiner ging ein Bericht an den Kaiser nach Paris, darin Herr Denon gelahrt auseinandersetzte: der Löwe sei ein elendes byzantinisches Machwerk und kaum des Transports werth.

Seitdem steht der Löwe ungestört auf seinem alten Platze. Geschlecht um Geschlecht ist im Laufe von sieben Jahrhunderten an ihm vorübergezogen; er aber hat ausgehalten in Sturm und Sonnenschein. Er stand da, als seine Dränger landflüchtig wurden und jene Glocken hoch über ihm auf den Domthürmen mit ernsten Feierklängen den Sieg von Leipzig verkündeten; – er sah im Festschmuck herab auf die freudig bewegte Menge, welche die Rückkehr des rechtmäßigen Herrschers begrüßte, und bald darauf schaarte sich um ihn auch jener Zug hochbepackter Wagen, welcher die einst in den Tagen der schweren Noth von Denon entführten Kunstschätze heimbrachte. Schauerlich beleuchtet von brennenden Pechpfannen stand er auch da in jener dunklen Juninacht des Jahres 1815, als die Braunschweiger ihren Heldenherzog Friedrich Wilhelm zu Grabe trugen, das letzte Heroenopfer für Deutschlands Befreiung von fränkischem Joch. – Und noch viele Jahre wird er dastehen, der alte eherne Löwe, und den Enkeln erzählen von ihren Vätern wie sie einzeln geknechtet, aber wieder stark und frei wurden, als sie einig waren.
C. St––n.


In den Vorproben zum diesjährigen Passionsspiel in Oberammergau.
Von Herman Schmid.

Durch die Blätter jeder Gestalt und Farbe im Walde der Zeitungen geht ein gemeinsames Rauschen und Tönen, daß die Bewohner des Dorfes Ober-Ammergau im baierischen Gebirge wieder daran sind, ihr großes Passions-Schauspiel aufzuführen, und was darüber aller Orten verlautet, läßt erwarten, daß das Zuströmen von Zuschauern aus aller Herren Landen zu dem seltenen und durchaus eigenthümlichen Schauspiele um so größer sein werde, als dasselbe nur in jedem zehnten Jahre zur Darstellung kommt. In der letzten Decade hatte auch ich zu den zweifelnden Neulingen gehört, welche, von dem wunderbaren Rufe der Darstellung angezogen, in die Berge wanderten, um selbst zu sehen und zu hören, wie viel von diesem Rufe echt sei und wie viel der religiösen Ekstase oder Uebertreibung anheimfalle; – was ich damals den Freunden der Gartenlaube erzählte, bewies, daß ich die hochgespannten Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen gefunden hatte.

Der Entschluß, das Schauspiel in diesem Jahre noch einmal zu sehen und zu prüfen, ob der Eindruck derselbe bleibe, stand daher schon lange in mir fest; noch mehr aber drängte es mich, zu erfahren, wie bei Lösung einer so gewaltigen Aufgabe durch eine kleine Dorfgemeinde zu Werke gegangen, wie jene überraschende Wirkung erzielt werde, deren Erinnerung in mir nach zehn Jahren noch so frisch war wie am ersten Tage. Das gewordene Werk kannte ich; mir lag Alles daran, es in seinem Werden kennen zu lernen, das Fertige im Entstehen zu belauschen.

Wohl ging das Gerücht, daß die Ammergauer in bescheidener Erkenntniß ihrer Stellung und im Bewußtsein, daß sie eben leisten, was sie können und daß sie nur das zum Ausdrucke bringen, was in ihnen lebt, es nicht lieben sollen, bei ihren Uebungen und überhaupt bei den Vorbereitungen von fremden Augen beobachtet zu werden; dennoch entschloß ich mich, einen Versuch zu wagen – durfte ich doch hoffen, im baierischen Gebirge überall wie heimisch so auch willkommen zu sein, und hatte ich doch insbesondere den Ammergauern die Geschichte vom „Holzgrafen“ erzählt und dabei gezeigt, daß ich für ihr Sein und Leben, in dessen Mitte „der Passion“ wie eine Art Krystallkern sitzt, doch wohl einiges Verständniß mitbringe.

[234] Trotz des unerbittlichen Winters, den ich in den Bergen noch strenger und stärker anzutreffen fürchten mußte, machte ich mich daher auf den Weg und dampfte dahin zwischen schwarzen, unter der Schneelast ächzenden Tannen und kahlen Buchen, denen der rasche Eintritt des Winters nicht einmal Zeit gelassen hatte, die dürren rothbraunen Blätter völlig abzuschütteln, dann den festgefrorenen Starnberger See entlang, der sich ansah wie ein riesiges mattgewordenes Spiegelglas, hinein in den undurchdringlichen Nebel, hinter welchem die Berge in feierlicher Unsichtbarkeit thronten, bis an den Fuß des Peißenberges. Spät Abends erst, durch Finsterniß und Schneegestöber, brachte mich ein sogenannter Post-Omnibus und dann ein flüchtiges Carriolwägelchen an das Ziel der winterlichen Fahrt, vor die gastliche Thür des vielbelobten „Schwabenwirths“; – trotz des Schneewehens schimmerte gegenüber eine lange Reihe hellbeleuchteter Fenster, und ein Festmarsch, von einem starken „türkischen“ Musikchor kräftig und sicher ausgeführt, schmetterte mir wie zum Gruße entgegen. Ich schien es gut getroffen zu haben, denn wie der gesprächige Postillon mir während des Aussteigens vertraute, wurden von der dreißig Mann starken Truppe der Ammergauer Musiker soeben die Märsche probirt, womit nach altem Brauche am Vorabend der Spieltage die Gäste begrüßt und am Morgen derselben geweckt zu werden pflegen. Bald saß ich in einer Ecke der schlichten Gaststube, unbekümmert darum, daß man den ungewohnten Gast mit einiger Verwunderung begrüßt hatte und wohl für einen „Musterreiter“ halten mochte, wie man auf dem Lande die Geschäftsreisenden aller Art zu bezeichnen liebt; ich hatte Muße, mir die Stube und die Gesellschaft darin zu betrachten, bei einem Glase Murnauer Biers, das, wenn es zur Passionszeit in gleicher Güte verabreicht wird, wohl geeignet ist, den verblaßten Ruhm des „baierischen Nationalgetränks“ wieder etwas aufzufärben. Die Decke der getäfelten Stube ist alt und an den Balken derselben sind reihenweise geschnitzte Wappenschilder angebracht – eine Erinnerung an die Zeiten, als noch der Welthandel aus dem Süden den Weg über Partenkirchen und Ammergau nahm und die Ammergauer das kaiserliche Privilegium hatten, daß alle Waare bei ihnen eingelagert werden mußte und nur von ihnen weiter geführt werden durfte. Die hohe Fluth des damaligen Ansehens und Reichthums ist längst verflossen und hat als Zeugen ihres Daseins nichts zurückgelassen als die Wappen der Kaufherren und Rollfuhrmänner. Die Gesellschaft hatte ebenfalls ein eigenthümliches Gepräge, völlig von dem verschieden, wie man es sonst in Dörfern anzutreffen pflegt; sie bestand aus einer Anzahl meist junger Leute, die sich in munterer, aber sehr ruhiger Weise mit Kartenspiel unterhielten – die typisch gewordene graue Joppe mit stehendem Kragen war das einzige Ländliche an ihnen; der Schnitt der Köpfe, die meist langen wallenden Haare, die wohlgepflegten Bärte erinnerten an eine Gesellschaft angehender Maler oder Kunstschüler. Das trog auch nicht; sie gehörten dem Geschäfte an, welches seit dem Versiechen der obigen Quellen der Haupterwerbszweig von Ammergau geworden ist und welches gegenwärtig von mehr als drei Viertheilen seiner Bewohner betrieben wird – sie waren Bildschnitzer. Offenbar hatte auch Mancher davon „im Passion“ eine Rolle zu spielen und bei Zeiten daran gedacht, seine äußere Erscheinung derselben anzuformen.

Ich erfuhr auf oberflächliche Anfrage, daß vom Beginn der Fastenzeit jeden Sonntag Spielprobe, jeden Donnerstag Musikprobe gehalten und dabei immer der halbe Passion durchgenommen werde; der andere Tag war ein Sonntag, ich mußte daher eilen, wenn ich meine Zeit nicht umsonst aufgewendet haben wollte, und wanderte Tags darauf eilig dem Pfarrhofe zu, einem klosterartigen, etwas öden Gebäude, das sich nicht rühmen kann, einen anheimelnden Eindruck zu machen; desto angenehmer wirkte die Freundlichkeit des Herrn Pfarrers Müller, der meinen Wunsch in wohlwollendster Weise aufnahm, zu meiner nicht geringen Enttäuschung aber zugleich die Unmöglichkeit seiner Erfüllung erklärte, weil, so viel ihm seit seiner noch nicht langen Amtsführung bekannt geworden, es feststehender Grundsatz sei, keinen Fremden bei den Proben zuzulassen. Es war ein leidiger Trost, als er hinzufügte, daß heute seines Wissens überhaupt eine Probe nicht stattfinde; man habe in Hoffnung milderen Wetters vorgehabt, heute auf dem bereits erbauten Passionstheater zu probiren, habe deshalb den Schnee wegkehren lassen, da sich aber neuer noch stärkerer darauf gelagert, habe man vorgezogen, diesmal ganz auszusetzen.

Der Anblick meiner Enttäuschung, meine geringe Beredsamkeit, wohl mehr aber der zur Vorsicht mitgenommene Empfehlungsbrief eines einflußreichen Freundes veranlaßten indessen den freundlichen Pfarrherrn zu der weitern Erklärung, er wolle sehen, ob eine Probe zu Stande komme, und wolle, wenn dies der Fall sei, bei den versammelten Spielern – denn von ihnen allein hänge die Entscheidung ab – einen Versuch machen, meine Zulassung zu erwirken; ich solle in meinem Gasthause in Geduld der Dinge harren; er werde mich rufen lassen, wenn, woran er übrigens zweifle, der Bescheid ein günstiger sei.

Daß eine Probe im Werke war, entnahm ich, über meinen Mittagsbraten hinweglugend, gar bald aus der Zahl der hin und wider Eilenden; aber meiner schien man nicht zu bedürfen. – Viertelstunde um Viertelstunde verging, und schon wollte ich, eingedenk der Inschrift über Dante’s „Hölle“, alle Hoffnung lassen, als der Gemeindediener, hier Wächter genannt, erschien, um mich an’s ersehnte Ziel zu geleiten.

Ich trat in einen übermäßig langen, durch das Ausbrechen mehrerer Mittelwände gewonnenen, etwas niedrigen, trotzdem mit Menschen vollgepfropften Saal und befand mich mitten unter den bereits in voller Probe begriffenen Darstellern. An einem Tische saß mit dem jetzigen der frühere Pfarrer, der geistliche Rath Daisenberger, welchem der Text des Passionsspieles seine jetzige Form und Einrichtung verdankt und der, nachdem er über ein Vierteljahrhundert thätig gewesen, sich mit einem mehr als bescheidenen Beneficium begnügt, um das zur Heimath gewordene Dorf nicht verlassen zu dürfen. Einer der Ortsbewohner saß nebenan, hatte das Spielbuch vor sich und las den Text mit. Um nicht zu stören, trat ich mit kurzem Gruße in ein Fenster und war bald vollständig von dem Schauspiele gefesselt, wie ich ein solches noch niemals vor Augen gehabt.

Ich hatte schon manche Bühnenprobe gesehen und mitgemacht, aber mit dem ersten Blicke war mir klar, daß es sich hier wirklich um etwas ganz Anderes als um ein Schauspiel im gewöhnlichen Sinne handle und woher zugleich die außerordentliche Wirkung stammt, welche dem Spiele dieser einfachen Dorfbewohner zugestanden werden muß. Zunächst drängte sich die Wahrnehmung auf, daß der Ernst des Gegenstandes, die Wucht der in ihm liegenden welterschütternden Tragik auch über allen Vorbereitungen liegt und Alles von ihnen abstreift, was mit anderen ähnlichen Uebungen an Hast, Unruhe und Zerstreuung verbunden ist. Die Darsteller denken hier nicht entfernt daran, daß sie spielen, daß sie etwas außer ihnen Liegendes machen wollen oder sollen; sie sprechen und geberden vielmehr in der Rolle ganz sich selbst, sie geben ihre eigene einfache Empfindung ohne alle Kunst, ohne jedes Studium; aber gerade in dieser vollständigen Unbefangenheit, in dem gänzlichen Fehlen aller verstimmenden Absicht liegt das Geheimniß einer künstlich nicht zu erreichenden Naturwahrheit und damit auch der Wirkung. Kein Regisseur leitete den Gang der Scenen, kein Inspicient wachte über deren Reihenfolge; es bedurfte deren nicht, denn Alle hörten und sahen ununterbrochen in schweigender Theilnahme zu und Jeder griff oder sprach im richtigen Augenblick ein – kaum daß ein paar Mal der Mann mit dem Spielbuche nöthig hatte, eine kleine Auslassung zu rügen. Jede Rede wurde ohne Stocken und vollkommen rechtzeitig gebracht, jede Bewegung wurde angedeutet und trotz des ungünstigen, die volle Entfaltung verhindernden Raumes wurden sogar die Massenscenen mit einer Ruhe und Sicherheit ausgeführt, welche geradezu Staunen erregt, so z. B. die Gefangennehmung Jesu am Oelberg und das Uebereinanderstürzen der vor seinem Entgegentreten erschreckenden Soldaten, welche wirklich wie vom Blitze getroffen mit Einem Schlage und doch in wohlgeordneter, in sich aufsteigender Gruppe da lagen, ohne daß außer den Worten des Dialogs auch nur eine Sylbe gesprochen oder ein Zeichen gegeben worden wäre. Was muß der Director einer weltlichen Bühne reden, vormachen, bitten und – fluchen, um etwas Derartiges in Scene zu setzen, und wie weit wird das Erreichte noch immer hinter dem hier Geleisteten zurückbleiben! –

Die Erklärung liegt aber nahe.

Die Spielenden führt nicht Eitelkeit oder Gewinnsucht zusammen, sie üben eine Art moralischer Verpflichtung aus und sind daher mit Leib und Seele bei der Sache – noch mehr aber, das Passionsspiel im großen Ganzen sowohl, als in jeder einzelnen Scene, Gestalt und in der Auffassung derselben ist etwas durch Ueberlieferung Feststehendes; ein Gesammteigenthum, das gleichsam [235] im Gedächtniß der ganzen Einwohnerschaft fortlebt, so daß man ohne Uebertreibung sagen kann, ein großer Theil der Mitwirkenden wisse nicht nur alle Rollen, sondern auch die Art und Weise auswendig, wie jede derselben gespielt wird, so daß jede Stellung, jede Gruppe ihre historische Berechtigung hat, und die Kinder, wenn sie in die jüngeren und dann in die Hauptpartieen einrücken, dieselben schon können und wissen und nur das eigene Individuum zum willigen Träger des Ueberkommenen und Bewährten zu machen brauchen. Dasselbe gilt auch von den Aufzügen, welche die Bewunderung aller Bühnenkundigen sind, und von den mitunter sehr verwickelten lebenden Bildern, und diese Bewunderung erscheint um so gerechtfertigter, wenn die Menge der mitwirkenden Kräfte erwogen wird, denn das Passionsspiel enthält nicht weniger als hundertundvier Sprechrollen für Männer und fünfzehn für Frauen. Werden die stumm Mitwirkenden, etwa zweihundertundfünfzig mit Einschluß der Kinder, hinzugezählt, der singende Chor der Schutzgeister, das Orchester, die Theaterleute, Aufseher etc., so ergiebt sich ein Gesammtpersonal von nahezu fünfhundert Personen, mehr als die Hälfte der gesammten Einwohnerschaft. Es ist strenge Regel, daß nur eingeborene oder doch eingebürgerte Ammergauer mitwirken dürfen, und wenn man hie und da eine leise Andeutung vernimmt, daß es schwer werde unter ihnen alle die nöthigen Kräfte aufzufinden, weil von den Eingewanderten nur Wenige zum Spiele zu gebrauchen seien, so erklärt sich das nach dem Obigen vollkommen dadurch, daß sie eben nicht wie die Eingeborenen mit dem Spiele auf- und in dasselbe hineingewachsen sind.

Vieles mag die vorwiegende Beschäftigung mit dem verwandten Kunstzweige der Bildschnitzerei beitragen; von wesentlicher Bedeutung ist unstreitig auch, daß man sich bemüht, bei der Vertheilung der Rollen, welche durch die bedeutend verstärkte Gemeindevertretung mittels Abstimmung geschieht, diejenigen Spieler, welche ihre Tüchtigkeit bereits bewährt haben, beizubehalten. So sind der Bildschnitzer Hett, welcher den Apostel Petrus mit unnachahmlich einfacher Treuherzigkeit giebt, so wie sein Genosse Lechner, der treffliche Darsteller des Judas, im Besitze ihrer Partieen geblieben, wie nicht minder Kaiphas der Hohepriester (Schnitzwaarenverleger Lang), Annas, Pilatus, Nikodemus, Joseph von Arimathäa und andere. Neubesetzt ist Christus (der frühere ist von Ammergau fortgezogen) und zwar durch den Schnitzer Joseph Maier, einen jungen Mann von hoher schlanker Gestalt, ernstem Angesicht mit dichtem dunklen Bart und reichem langen Haar, würdiger Haltung und gutem Organ, so daß er wohl hinter seinem ausgezeichneten Vorgänger nicht zurückbleiben wird, wenn auch vielleicht seiner Nase etwas mehr ideale Länge zu wünschen wäre. Neu ist auch die Maria, Franziska Flunger, die Tochter des Schnitzers und Zeichnungslehrers, welcher vor zwanzig Jahren den Christus gespielt hat und nun wiederholt den Hohepriester Annas darstellt, eine schlanke, zarte, echt jungfräuliche Erscheinung von mildem und angenehmem Gesichtsausdruck und einem nicht starken, aber angenehmen Organ, das namentlich die etwas hohe weinerlich schrillende Sprechweise vermeidet, von der die frühere Maria nicht freizusprechen war. Es macht allerdings einen eigenthümlichen Eindruck, wenn Christus seiner Mutter beim Abschiede für die seit dreiunddreißig Jahren erwiesene Liebe und Sorge dankt, und diese, die hiernach doch immerhin schon eine reife Frau sein müßte, ihm in jugendlicher Mädchenerscheinung gegenübersteht, allein mit der Vorstellung der Madonna ist im Sinne des Volks die der Jungfräulichkeit so verwachsen, daß sie gar nicht anders gedacht werden kann als in ewiger Jugend. Endlich hat auch der Lieblingsjünger Johannes einen neuen Vertreter gefunden in dem Bildschnitzer Johann Zwink, einem Jüngling, der mit aller hierzu erforderlichen Erscheinung so vollständig begabt ist, daß er, mit den üblichen Gewändern bekleidet, den Eindruck machen muß, als wäre er aus dem Rahmen irgend eines alten Kreuzbildes herausgetreten. Auch Martha und Magdalena sind sehr glücklich ausgewählt, jene ganz die einfache häuslich sorgsame, diese die mehr ideal-schwärmerische Frauennatur.

Noch während der Probe wurde mir mehrfach die schüchtern besorgte Frage gestellt, wie ich wohl zufrieden sei und was ich auszusetzen habe; man bat mich, es ja zu sagen, damit man sich etwa darnach richten könne, aber ich hütete mich wohl, irgend einen Tadel auszusprechen. Was wollte es auch sagen, wenn hie und da einer der Kehltöne, die der Ammergauer mit dem Tiroler gemein hat, etwas stärker hervortrat, oder wenn manchmal das Wort Vater, zu scharf ausgesprochen, wie Vatter klang, oder wenn ich mir sagen mußte, daß ein kunstgemäß geschulter Vortrag irgend einen Satz vielleicht anders gestaltet haben würde! Ich trug die Ueberzeugung in mir, daß das Ganze nur durch seine unberührte Naivetät und Eigenthümlichkeit von Bestand und Bedeutung sei, und daß an diese nicht getastet werden dürfe, ohne Unsicherheit und mit ihr Künstelei hervorzurufen.

Abends fand sich ein kleiner geselliger Kreis zusammen; nachdem die Scheu vor dem Fremden überwunden war, galt er nicht mehr als fremd, sondern wurde mit zu dem Hause gezählt, in dessen Inneres er eingetreten: man wollte ihm zeigen, daß „der erste Passionsgast“ willkommen war. Wir saßen ziemlich lange in vertraulichem Gespräche beisammen; Petrus mit seinem ehrlichen Gesicht, der mit dem natürlichen Kahlkopf und Bart jeden Augenblick einem Bildner zum Modell dienen könnte; Judas mit seinem rothen Vollbart, dem bleichen klugen Angesicht und den dunklen Augen voll eigenthümlichen Feuers; Annas ein von schwarzgrauem Bart umrahmtes Antlitz von ernst sinnendem, um nicht zu sagen schwermüthigem Ausdruck. Es sind einfache, aber wohlunterrichtete, offene Männer, deren Leben in dem schlichten, kaum sehr einträglichen Geschäft dahingeht und, wie die Weltgeschichte durch große glänzende Ereignisse, so durch die Passion in seine Epochen getheilt wird, von ganzer Seele erfreut über die wachsende Theilnahme an demselben und nicht minder besorgt, ob es ihnen auch gelingen werde, vor derselben zu bestehen. Die Rollen, die sie darin gespielt, das war nicht zu verkennen, bildeten die Kleinode ihrer Erinnerung, und Annas schien nur mit einer Art Ehrfurcht der Zeit zu gedenken, da er den Heiland gespielt und am Kreuze gehangen. Es war anziehend zu hören, wie ihm zu Muthe gewesen, als er zum ersten Male mit dem Kreuze sich emporgehoben fühlte, von dessen Höhe (neun Schuh von den Füßen bis zum Boden) es sich wie in einen Abgrund herniederschaue, wie das Kreuz trotz anscheinender Ruhe immerwährend schwanke und nach vornüber zu stürzen scheine, daß wohl starke Nerven dazu gehörten, um nicht von Schwindel ergriffen und von Grauen überwältigt zu werden. Durch das Hängen am Kreuze, das immerhin über eine Viertelstunde dauert, trete überdies, obwohl der Körper in einem Gürtel hängt und auch die Arme leicht umschlungen sind, eine zuletzt schmerzliche Anspannung der Brustmuskeln ein und die Hände werden dunkelblau, so daß bei der Kreuzabnahme jede rasche Bewegung sorgfältig vermieden werden müsse. Das Gespräch kam auch auf die Vorbereitungen zum Passionsspiele während der zehnjährigen Zwischenräume, in welchen zur Uebung und Heranbildung des schauspielerischen Geschicks allerlei dramatische Vorstellungen stattfinden, früher in einer alten wegen Feuergefährlichkeit abgebrochenen Scheune, dann bei günstigen Umständen in der Mittelbühne des großen Passionstheaters, welche immer stehen bleibt, und dann auch den Zuschauerraum in sich aufnehmen mußte. Es waren meist religiöse Stücke, welche zur Darstellung kamen, wie die „Kreuzschule“ oder „Sanct Herminigild“ oder „Die Gründung von Kloster Ettal“; doch fehlten auch weltliche Werke nicht, darunter Körner’s „Toni“ oder „Der Karfunkel“ von Graf Pocci oder vollends Schiller’s „Wilhelm Tell“ – für ein Dorf ein wahrlich nicht zu unterschätzendes Unternehmen!

Tags darauf durchwanderte ich den im Schulhause befindlichen Malersaal, wo eben die Architecturverkleidungen für das Proscenium und der Hauptgiebel der Mittelbühne gemalt wurden und ich mich mit Vergnügen überzeugte, daß man den in dieser Hinsicht laut gewordenen Tadel wohl beachtet und sich bemüht hatte, den etwas stark zopfigen oder eigentlich räthselhaften Baustyl der Straßen Jerusalems durch eine historisch richtige Architectur zu ersetzen. Auch in den Costümen war das gleiche Streben erkennbar; sie nehmen ein ganzes Stockwerk eines hübschen Landhauses ein, das ein wohlhabender Ammergauer Bürger – der Sänger des Prologs – sich an sehr angenehmer Stelle erbaut hat und woselbst er die Anfertigung der neuen Anzüge, so wie die Umgestaltung der alten überwacht; ein Saal sitzt voll emsig beschäftigter Nähterinnen, ein großes Gemach nebenan ist mit Stoffen aller Art gefüllt. Die Trachten sind ebenfalls den geschichtlich richtigen näher gebracht und im Allgemeinen nach den in der Alliolischen Bibel gegebenen Bildern gehalten. Der Besuch der Bühne machte mich neuerdings die außerordentlichen Hülfsmittel derselben bewundern.

[236]
Bei den Enkeln.
Die Gartenlaube (1870) b 236.jpg

Der Gartenlaube gewidmet von E. Schulze in Barmen.

„Du liebe, Du gute Großmama!
Ich hab’ Dich am liebsten! Nicht wahr? – Ja ja!“
Und schmeichelnde Stimmchen dagegen: „Nein, nein!
Ich hab’ Dich am liebsten, lieb Großmütterlein!“
O glückliche Alte im Enkelhaus!
Sie weiß fast vor Liebe nicht ein noch aus.

Das Eine betrachtet den freundlichen Mund,
Denn der giebt die schönen Geschichten kund
Von den Zwergen in Bergen und Nixen im Thal –
Und das Andere kann an des Augen Strahl
Der Großmama nicht satt sich sehn:
An der Großmama ist ja Alles so schön!

Wie der Mutter der jubelnden Enkel blüht
Im seligen Antlitz die Lust im Gemüth
Vor solchen Sternen! Ihr Licht bescheint
Drei Lebensalter in Liebe vereint:
Drei Geschlechter in einem Glück geweiht!
Gott schirm’ dich, glücksel’ge Dreieinigkeit!

Friedr. Hofmann.

[237] Sie bildet einen ungeheuren, nahezu viereckigen Raum, in dessen Mitte ein mit einem Vorhang verschließbares Theater von der allgemein üblichen Form (mit je zwölf Coulissen Tiefe) sich befindet. Dasselbe ist ganz an die Hinterwand zurückgestellt, so daß vor demselben ein mächtiger Streifen als Proscenium entsteht, während zu beiden Seiten sich große Vertiefungen bilden, welche als Straßen von Jerusalem geschmückt und benützt werden. Die beiden Ecken der Mittelbühne werden durch prakticable Gebäude, die Paläste des Pilatus und Herodes, mit zwei Stockwerken übereinander gebildet, so daß also nicht weniger als acht verschiedene Räume gegeben sind, in welchen zu gleicher Zeit gespielt und eine Massengruppe aufgestellt werden kann, wie keines unserer modernen Theater sie zu stellen vermag. Nur hiedurch kann eine Wirkung erzielt werden, wie beim Einzuge des Heilands oder bei der Scene, wo er dem Volke gezeigt wird und dieses tobend die Freigebung des Barnabas verlangt.

Offenbar hat sich hier in dem Proscenium ein Rest der antiken Bühne erhalten und zugleich mit Bestandtheilen der vieltheiligen Mysterienbühne des Mittelalters verschmolzen – eine Verbindung, die reicher Entwicklung und Fortbildung fähig ist und zumal bei Festen so recht geeignet wäre, großen National-Schauspielen zu dienen und so das deutsche Nationaltheater der Zukunft anzubahnen, das sicher erstehen wird, sobald nur erst – die Nation erstanden ist!

Gegen Abend fand, um das mir gebotene Bild möglichst vollständig zu machen, in einem ähnlichen, aber akustisch keineswegs günstigen Saale auch eine Musikprobe statt, und war meine Ueberraschung schon Tags vorher eine vollständige gewesen, so mußte ich doch bekennen, daß sie von der heutigen überboten wurde. In der That, ich glaube nicht, daß irgendwo noch ein Dorf zu finden ist, in welchem sich ein so vollständiges, mit allen Instrumenten versehenes und dreißig Mann starkes Orchester mit einem Singchor von einigen zwanzig Stimmen findet, das im Stande wäre, ein so großes musikalisches Werk, das aus mehr als vierzig Nummern besteht, so rein, präcis und, man darf wohl sagen, schön durchzuführen. Zumal die Kraft und Frische der Singstimmen, der Mädchen sowohl als der Männer, war ebenso anmuthend als staunenswerth und unter den Solosängern befanden sich Stimmen, welche mancher Bühne wohl angestanden haben würden. Die Musik rührt ebenfalls von einem Ammergauer, dem früheren Lehrer Dedler, her und ist im Style der Haydn’schen Oratorien gehalten, aus welchen sich nicht selten, zumal in den Recitativen, ziemlich unverblümte Anklänge finden; sie ist einfach, wie sie es nach den ausführenden Kräften sein muß, aber sie ist melodiös und bei aller Kindlichkeit niemals trivial; nicht selten zumal in den Ensembles und Chören, erhebt sie sich zu einem Schwunge, welcher in dem unbekannt gebliebenen Landschullehrer ein tüchtiges Talent erkennen läßt – dahin gehört namentlich der durch einfache Kraft imponirende Chor beim Einzug und das Halleluja am Schlusse, so wie ein dem Hohen Liede entnommener Zweigesang von seltener Anmuth und Innigkeit. Die drei starken Bände umfassende Partitur ist von einem bekannten Münchener Musikmeister in der Instrumentation verstärkt worden und hat dadurch ganz entschieden an Fülle für den großen Raum, dem sie genügen muß, gewonnen. Der Chor der singenden Schutzgeister, welche zwischen den einzelnen Abschnitten des Dramas erscheinen, um, wie der Chor der Alten, die Stimmung zu erhöhen und auszusprechen, zugleich aber die eingeschobenen lebenden Bilder aus dem alten Testamente zu erklären, ist gegen früher ebenfalls ansehnlich vermehrt worden und enthält, wie erwähnt, recht schöne Kräfte; gleichwohl ist man nicht ganz zufrieden und sucht nach einer ersten Sängerin, die sich aber nicht mehr zu Hause, sondern auswärts in einem Kloster befindet, um als Nonne eingekleidet zu werden. Eine Deputation war eben abgegangen, um sie zu holen, da ihrer Mitwirkung Schwierigkeiten gemacht werden, während sie doch nicht daran denkt, in der Welt zu bleiben – ihr Wunsch ist nur, im Passionsspiele mitwirken zu können und dann für immer in ihre Zelle zurückzukehren; groß und allgemein war die Spannung, ob es gelingen werde, sie dem Werke zu gewinnen.

Soweit war der Zweck meiner Winterfahrt vollständig erreicht; es blieb nur übrig, einen Tag zum Durchwandern des Dorfes selbst und zum Besuch einiger Häuser zu benutzen und einen Blick in die Schnitzwerkstätten zu thun. Es sind wenige Häuser, in denen man nicht eine Schnitzbank und darüber einen Rahmen mit den mancherlei Schnitzern, Messern, Meißeln, Sticheln, Sägen und all’ dem Geräth anträfe, das nöthig ist, die Blöcke oder Klötzchen von Apfel- oder Birnholz oder von Ahorn und Spindel in Crucifixe, Madonnen, Heilige oder andere Gestalten zu verwandeln. Freund Judas traf ich, wie er eben eine Maria auf der Flucht nach Aegypten, auf dem Esel reitend, aus dem Rohen herausgearbeitet hatte und das niedliche Figürchen eines auf seine Harfe gestützten Walter von der Vogelweide begann. Eine unglaubliche Menge wird an Rahmen aller Art, an Nipp- und eigentlichen Kinderspielsachen gefertigt, die dann meist aus Fichtenholz gearbeitet und um der beliebten Buntheit willen mit Farben bemalt oder „gefaßt“ werden. Es bestehen noch einige Verleger, welche den Schnitzern die fertige Arbeit abkaufen und mit dieser dann Handel treiben und sie auf Lager halten, doch arbeiten Viele auch auf eigene Faust, allein oder in Genossenschaften; der erleichterte Verkehr hat auch hier die alten hemmenden Fesseln freier Bewegung gesprengt. Zu den geringern Arbeiten, namentlich beim Fassen, helfen auch Alte und Kinder mit, an der Schnitzbank sitzen nicht selten auch die Mädchen, wie die künftige Maria und ihre Schwestern, was sie aber nicht hindert, den Haushalt zu besorgen und im Sommer, da die Leute alle nebenbei eine kleine Oekonomie besitzen, mit hinauszugehn auf Wiese und Alm, um mit Sense und Rechen das nöthige Heu zu machen und hereinzuschaffen. Das Dorf selbst ist in zerstreuten Gassen gebaut und hat meist wohl aussehende gemauerte Häuser mit vorspringendem Giebeldach, bunt verschlungenen Arabesken um die Fenster und nicht selten mit einem ganz leidlich gemalten Heiligenbilde auf den Wänden; es giebt aber auch noch manch altes halb aus Bretern gebautes und zum Theil auf ganz einfache hölzerne Tragbalken gestütztes Häuschen, auf dem das Auge noch viel lieber verweilt, ob der schlichten Bauweise und des unvergleichlichen kräftigen Holzbrauns.

Als der Morgen des Scheidens gekommen, sauste ich im Schlitten die Straße nach Ettal dahin, um von dort in’s Loisachgebiet hinabzusteigen; die Grüße der rasch bekannt und lieb Gewordenen geleiteten mich und der vielstimmige Wunsch des Wiedersehens beim wirklichen Passion; einen Augenblick schienen sogar die Berge, die trotz ihrer handgreiflichen Nähe beharrlich unsichtbar geblieben waren, sich eines Bessern besinnen und meinen Besuch mit einer kleinen Artigkeit erwidern zu wollen. Das Gewölk begann sich etwas zu heben und der Kofel, jene schroffe thurmartige Felszinne, die, unmittelbar hinter Ammergau aufsteigend, dem ganzen Landschaftsbilde den eigentlichen Charakter giebt, nahm, wie zum Gruße, die Nebelmütze ab. Hierher, an den Fuß dieses Kegels sollte nach einem Wunsche König Maximilian’s die Passionsbühne verlegt werden, weil er dort zwischen zwei sich gegenüber liegenden Anhöhen eine überraschende Aehnlichkeit mit der Lage und den Ueberresten des römischen Amphitheaters zu Palermo fand; – es unterblieb, der Entfernung und des feuchten Bodens halber, wohl aber auch, weil der Kofel ein unheimlicher Geselle ist, in dessen gemsbewohnten Klüften es beständig sich rührt und rieselt, daß es schwer ist, gute Nachbarschaft mit ihm zu halten. Die Sonne drang einen Augenblick durch, als die Bergecke erreicht war, um welche die Ammer herangezogen kommt. Die Aussicht in das Graswanger Thal that sich auf; wundervoll, auch im Winterkleide. Das Grau der Felsen schien durch den Schnee stellenweise mit weißen Lichtern besetzt, schwarze Tannenwälder, ebenfalls silberüberflort, stellten sich wie starke Schatten daneben und hie und da schoben noch beblätterte Buchen ihr warmes wohlthuendes Rothbraun hinein; an den Schrofen des Nothberges hing ein mächtiger gefrorener Wasserfall wie eine grüne Krystallsäule hernieder und ein einziger Sonnenblick machte im Hintergrunde eine eisige Bergspitze leuchten. Mein Fuhrmann freute sich ob des Wohlgefallens, das ich an der Landschaft hatte.

„Ja,“ sagte er zutraulich, „wenn es die Leute nur wüßten – im Winter ist es erst recht schön bei uns, und wenn es hell wäre, dann würden wir gar den Brunnenkopf sehn, das ist der allerschönste, aber heut’ geht er nit heraus, heut’ ist er benebelt.“

Rasch ging es nun über Murnau nach Weilheim zurück, um von dort wieder mit der Bahn den Frauenthürmen zuzusausen, und da ich doch vom Ammergauer Passionsspiel erzählt und vielleicht Manchem die Lust angeregt habe, es zu sehen, so will ich auch gleich den Fremdenführer machen und Jedem rathen, diesen Weg zu wählen; er ist der kürzere und landschaftlich angenehmere; auch für Fahrgelegenheit und gute Verpflegung ist auf ihm wohlgesorgt, [238] und so erübrigt nur, daß die Bauernregel Recht behält und auf die schönen drei Faschingstage ein schöner, zum Reisen lockender Sommer folgt; wer nach Ammergau geht, wird es sicher nicht bereuen. Wem das religiöse Element vorwiegt, dem wird ein erhebender unauslöschlicher Eindruck bleiben; der weltlicher Gesinnte aber wird bewundernd vor einem Schauspiel stehn, das in seiner Art wohl einzig in der Welt ist und das so recht zeigt, was Gemeinsinn zu leisten vermag, Begeisterung und – Eintracht!




Aus eigener Kraft.
Von W. v. Hillern geb. Birch.
(Fortsetzung.)


17. Im Bann der Schuld.

Im Laufe des Nachmittags trat Alfred, wie zum Ausgehen gerüstet, vor das Haus. Er sah sich halb ängstlich um und hinkte dann, so schnell er konnte, von dannen. An der Straße nach Zürich setzte er sich in eine Droschke. „Zum Director Zimmermann,“ sagte er dem Kutscher. Es war ein weiter Weg zu dem Genannten. Nach einer langen halben Stunde hielt der Wagen vor dem prachtvollen Gebäude der orthopädischen Anstalt Zürichs. Alfred hieß den Kutscher warten und stieg die breiten Treppen hinan bis zur Wohnung des Directors. Ein Diener ließ ihn ohne Weiteres eintreten, denn Alfred’s eingeschnalltes Bein war ihm Legitimation genug. Alfred befand sich allein in einem schönen hellen Gemach, dem Wartesalon des Directors und Professors der Chirurgie an der Züricher Hochschule, Doctor Zimmermann.

Die Wände waren mit den Bildern fast aller berühmten Aerzte Europa’s geschmückt. Auf Marmortischen lagen kostbare Albums, womit sich die armen ihres Schicksals harrenden Kranken die Zeit vertreiben konnten, bis der gefürchtete und doch ersehnte Mann erschien, von dessen Ausspruch Heil oder Unheil abhing. Alfred versuchte auch zu blättern und sich damit zu zerstreuen, bis er sich gestehen mußte, daß er nicht sah, was er sah, und nicht las, was er las! Sein Herz schlug ihm, daß es seine Weste hob. Es war aber auch so schrecklich still um ihn her und seine Gedanken waren so schrecklich laut. Er trat an’s Fenster und sah hinab. Es ging nach dem Garten. Da spazierten lauter Verwachsene hin und her, ein trostloser Anblick. Auch Fahrsessel und Tragkörbe mit verkrüppelten Gestalten darin fehlten nicht. Man hätte in diesem Hause den Glauben verlieren können, daß es noch Menschen mit geraden Gliedern gäbe. Alfred seufzte tief. Da öffnete sich die Thür und der berühmte Chirurg trat ein. Alfred kämpfte männlich seine bange Aufregung hinunter vor der imponirenden Persönlichkeit des Arztes.

„Wollen Sie hereinkommen!“ sagte dieser und führte den Knaben in sein Studirzimmer.

Alfred sah mit geheimem Schauder ein paar Gypsmodelle von verkrümmten Körpertheilen herumliegen, auch an sonstigen unheimlichen Attributen eines chirurgischen Studirzimmers fehlte es nicht.

„Setzen Sie sich,“ sagte der Doctor freundlich, und Alfred sank in die Kissen eines großen Lehnstuhls neben dem Schreibtisch. „Sie kommen wegen dieses Beins und so allein?“

„Ja, Herr Director,“ begann Alfred erst ängstlich, aber allmählich sicherer werdend. „Ich bin der Sohn des Barons von Salten draußen in der ‚Enge‘. Niemand weiß, daß ich zu Ihnen ging – ich that es auf meine eigene Hand. Meine Eltern sind sehr ängstlich, sie würde es nicht zugegeben haben, oder sich um mich beunruhigen, und das wollte ich ihnen ersparen.“

„Aller Ehren werth,“ meinte der Doctor.

„Unser Hausarzt,“ fuhr Alfred fort, „äußerte einmal, mir könne nur eine Operation helfen, als er aber den Schrecken meiner Eltern über dieses Wort sah, widersprach er sich und meinte, es werde sich vielleicht auch so machen, und ich sei noch zu schwächlich zu einem gewaltsamen Eingreifen. Seitdem habe ich kein Vertrauen mehr zu diesem Manne. Er spricht den Eltern nur nach dem Munde, das ist nicht rechtschaffen von einem Arzte. Sie verzärteln mich immer mehr, der Doctor, – die Mutter und die Tanten, so kann nichts Ordentliches aus mir werden, und ich bleibe meine Lebtage ein Krüppel an Leib und Seele! Ich habe aber in letzter Zeit gesehen, welch verächtliches Ding solch ein Schwächling, wie ich, ist. Ich mag nicht mehr länger so fortleben und will endlich wissen, ob mir zu helfen ist oder nicht. Sie, Herr Director, sind ein berühmter Mann, Sie brauchen Niemand nach Gefallen zu reden wie unser Hausarzt, Sie werden mich heilen oder, wenn das nicht sein kann, mir es ehrlich sagen!“

Der Arzt sah den Knaben, der am ganze Leibe zitterte, während er so sprach, mit Theilnahme an. „Hm,“ sagte er, „so zart und doch so energisch! Schwache Nerven und ein starker Wille, das verträgt sich schlecht. Na, wollen sehen, was zu machen ist.“ Er stand auf und löste die Maschine von Alfred’s Bein. „Liederliche Bandage! – Entkleiden Sie sich,“ befahl er.

Alfred that wie ihm geheißen. Der Professor untersuchte genau und gewissenhaft. Als er das Kniegelenk bog, trat Alfred vor Schmerz das Wasser in die Augen, aber er verbiß den Schrei. Der Arzt beobachtete ihn scharf dabei. Nach einer vollständigen Percussion und Auscultation aller Organe des Knaben that er endlich den Ausspruch: „Sie haben keinen organischen Fehler, der eine besonders verzärtelnde Erziehung bedingt, Ihr Instinct ist ganz richtig, wenn Sie sich nach einer freieren Lebensweise sehnen, Sie werden allmähliche Abhärtung ertragen. Das Leiden an Ihrem Bein ist eine falsche Anchylose, das heißt eine lockere Verwachsung der Gelenksflächen und Contractur der Beugesehnen.“

„Und ist da zu helfen?“

„Ja, aber allerdings nur durch eine der schmerzhaftesten Operationen, die es giebt.“

„O Herr Director, bitte, sagen Sie mir, welche – ich bitte Sie, betrachten Sie mich nicht als ein Kind, ich bin zu Allem entschlossen, was meinem unerträglichen Zustand ein Ende macht,“ rief Alfred leidenschaftlich.

„Nun denn, mein kleiner nervöser Held,“ lächelte der Arzt. „Ich sehe wohl, man kann mit Ihnen sprechen, wie mit einem Manne. Die Operation besteht in einer gewaltsamen Streckung des Beines, wodurch die verwachsenen und zusammengezogenen Sehnen künstlich zerrissen werden. Man legt Sie auf das Gesicht, schnallt Sie fest und – knack! breche ich Ihnen das verkrümmte Gelenk von innen nach außen gerade. Dann kommt das Bein in einen erstarrenden Verband, Sie müssen sechs Wochen liegen, aber wenn das überstanden ist – haben Sie zwei gleich lange Füße!“ – Der Professor hatte das Alles mit lachendem Munde gesagt, die beste Art, dem Patienten eine beängstigende Mittheilung zu machen. Alfred fühlte aber den furchtbaren Ernst wohl heraus. Seine Pulse stürmten. „Würde ich diese Operation aushalten?“ fragte er.

Der Arzt betrachtete ihn nochmals prüfend. „Sie fiebern schon bei dem bloßen Gedanken. Aber Sie sind eine von den feinen Naturen, die durch Willenskraft oft mehr aushalten als robuste Leute. Ich glaube, Sie werden es überstehen, eine Garantie läßt sich freilich in derartigen Fällen nicht leisten!“

„Herr Director,“ sagte Alfred mit Festigkeit, „ich will die Operation machen lassen, gleich morgen, wenn es Ihnen recht ist.“

„Potz Tausend,“ rief der Doctor, „das nenne ich rasch entschlossen. Wissen Sie aber auch, was Sie thun?“

„Ja, ich kam zum Aeußersten bereit hierher. Darf ich mich bei Ihnen in der Anstalt operiren lassen und auch die ganzen sechs Wochen der Heilung bei Ihnen zubringen?“

„Warum nicht?“

„Darf ich morgen kommen?“

„Ja denn, wenn Ihre Eltern nichts dagegen haben!“

Alfred erschrak. „Meine Eltern? Müssen es denn Die wissen?“

„Ei nun, das versteht sich – denken Sie, junger Herr, ich werde eine solche Cur ohne Einwilligung der Angehörigen an einem Unmündigen machen? Das wäre noch schöner!“

Alfred sank entgeistert in den Sessel zurück. „Dann werde ich niemals geheilt werden,“ sagte er leise, „Meine Eltern geben es

[239] nicht zu, das weiß ich. Herr Director, haben Sie Mitleid und erlauben Sie mir, daß ich heimlich komme. Wenn es vorbei ist, lassen wir dann den Meinigen sagen, wo ich bin, und sie werden es Ihnen und mir danken, daß wir das Nothwendige thaten, ohne ihnen die schwere Verantwortung und Angst vorher aufzubürden.“

Der Director rieb sich die Hände. „Ein ganzer Junge – bei Gott – ein ganzer Junge! Hätten wir lauter solche Patienten, – das Schneiden und Sägen wäre ein Vergnügen. Aber es geht nicht, Freundchen, auf mein Wort! Ohne die Erlaubniß des Herrn Papa darf ich kein Härchen auf diesem Eisenkopf krümmen. Sela! Auf Wiedersehen morgen, aber nur mit elterlichem Erlaubnißschein! Bst, nicht gemurrt – Sie stehen doch auf festen Füßen, wenn auch der eine ein bischen kürzer ist als der andere. Adieu!“ Er hatte Alfred zur Thür hinausgeschoben, und dieser stand wieder in dem jetzt mit Wartenden angefüllten Vorzimmer. Die neugierigen Blicke der Leidensgefährten folterten ihn, und er hinkte so schnell wie möglich fort.

Er warf sich wieder in die Droschke und fuhr nach Hause. Die verschiedensten Pläne durchkreuzten seinen brennenden Kopf. Sollte er seine beiden Eltern fragen oder nur den Vater? Mit dem Vater allein hoffte er besser fertig zu werden als mit der Mutter. Jedenfalls wollte er es nur ihm sagen, vor Allem aber den Rath seines besten Freundes, des Candidaten, einholen. Er ließ den Wagen an der „Enge“ halten, um nicht durch das Geräusch des Wagens die Familie auf seine Rückkehr aufmerksam zu machen. Er wollte und konnte in dieser Aufregung Niemanden sehen. Als er durch den Garten hinter dem Hause schlich, hörte er zu seinem großen Schrecken die Stimme seines Vetters, der ihn rief.

„Alfred, Alfred! Wo hat sich die Milbe nur wieder verkrochen?“ schrie Victor immer näher kommend.

Alfred wollte seinem Vetter in dieser Stimmung um keinen Preis begegnen, er mußte sich verbergen. Dort der vergessene abgelegene Pavillon – dort hinein flüchtete er sich. Die von dichtem Gestrüpp überwucherten Fester hatten keine Scheibe, und statt ihrer waren Vorhänge von Segeltuch da, um gegen die Zugluft zu schützen. Er verbarg sich zwischen einem solchen Vorhange und dem Fenster. Victor eilte achtlos an dem dunkeln Gebüsch vorbei, das ringsum den Pavillon einschloß. Alfred wollte aufathmen und seinen Schlupfwinkel verlassen, da näherten sich wieder Stimmen. Es war ihm, als käme Victor zurück; dann schien es ihm wieder die Stimme seiner Mutter und Egon’s zu sein. Nun suchten ihn auch diese Beiden, das war das Aergste. Egon am wenigsten durfte wissen, was er vorhatte, und was würden sie sagen, wenn sie seine erhitzten Wangen, seine innere Bewegung sähen? Was sollte er antworten, wenn sie ihn nach der Ursache fragten? Seine Angst wuchs von Secunde zu Secunde; sie kamen näher, diesmal wirklich auf den Pavillon zu – er drückte sich klopfenden Herzens hinter die Vorhänge; vielleicht warfen sie nur einen flüchtigen Blick herein und gingen wieder, wenn sie ihn nicht fanden.

Die Thür ward geöffnet, Adelheid und Egon erschienen in derselben, sie schienen ihn gar nicht zu suchen, es war ein Spiel seiner durch den ersten Schritt, den er sich ohne Wissen der Eltern erlaubt, sehr beunruhigten Phantasie gewesen. Aber was wollten sie sonst hier, wenn sie nicht ihm nachforschten? Was hatten sie für Heimlichkeiten mit einander?

„O Liebster,“ sagte Adelheid, als zögerte sie, die Schwelle zu überschreiten, „es ist nicht recht, daß ich Dir hierher folge, und doch – seit Du mir sagtest, daß Du fort mußt, möchte ich alle Süßigkeit meines Gefühls für Dich zusammendrängen in diese letzten Stunden und Dir meine ganze Liebe zeigen, wie man wohl auch seinen Garten plündert, wenn der Geliebte scheidet, und ihm zum Abschied noch den schönsten Strauß mit auf den Weg giebt, ob auch keine einzige Blume dann den verödeten Garten mehr schmücke!“

„Engel meines Lebens,“ rief Egon, „das erste Wort, die erste That, die mir zeigt, daß Du mich liebst! O komm, komm an meine Brust, süßes, Tod und Leben bringendes Weib! Laß mich sie einmal ausathmen, die ganze Fülle dieses treuen Herzens und dann – sterben! Adelheid!“ flehte er nochmals dringender – sie aber wehrte seine ungestüme Umarmung ab.

„Nicht eher, als bis Du mir sagst, warum Du so schnell fort willst.“

Willst?“ rief Egon – „o welch ein Hohn! als hinge das von meinem Willen ab! Erst küsse mich, Adelheid, dann will ich Dir Rede stehen. Deine Küsse sind die Rosen in dem Strauße, den Du mir bestimmt, – laß mich sie pflücken, so viel Du ihrer hast, und wären’s Tausende!“

Alfred lauschte dem Allen mit Entsetzen. Es schnürte ihm den Hals zu; eine ganz neue, unerklärliche Angst überkam den Knaben. Er wollte vortreten und hatte doch nicht den Muth dazu. Er wußte nicht, warum er sich jetzt weniger als vorher entschließen konnte, seiner Mutter gegenüber zu stehen. Er schämte sich – aber er konnte sich nicht Rechenschaft geben, für wen – für sich oder für seine Mutter? Jetzt erscholl ein Geräusch wie von einem langen leidenschaftlichen Kusse. Er hörte, fühlte, daß die Beiden sich umarmten! Dem Knaben sträubte sich das Haar, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Ein Widerwille; ein Abscheu, ein unerklärlicher Ekel bemächtigte sich seiner. „Jage sie auseinander!“ schrie es in ihm, „laß das Entsetzliche nicht geschehen!“ – er wollte hervortreten – wollte sich zwischen sie werfen; aber da thürmte sich unübersteiglich eine Mauer vor ihm auf und hielt ihn gefangen und jede Bewegung und jeden Laut. Es war die Scham, die ärgste, die unüberwindlichste, die eines Kindes für seine Mutter! Er konnte sterben in diesem Augenblicke vor Schmerz und Wuth; aber vor seine Mutter hintreten und ihr sagen: „Mutter, ich war Zeuge Deiner Schmach!“ das konnte er nicht! Ein Verworfener, ein Verfluchter war er sich, daß er das erlebt; wie konnte er mit dem Gedanken dieses Gräuels in der Seele noch einem reinen Menschen in’s Auge schauen? Er war kein Kind mehr von diesem Augenblicke an; aber was ihn zum Jüngling machte, es war nicht eine holde keimende Frühlingsahnung – es war das Entsetzen über ein Verbrechen, das im Sturmesaufruhr die Knospenhülle von seiner Seele streifte. Und heiße Thränen flossen endlich wie der quellende Saft aus der verletzten Blüthe über seine Wangen, Thränen um die verlorene Kindheit!

Er versuchte sich leise auf das Gesims zu schwingen, um so durch das Fenster zu entfliehen, aber er wagte den Sprung nicht, es war zu hoch für seine Unbeholfenheit und bei einer gewaltsamen Bewegung konnte sein gepanzerter Fuß an die Wand schlagen und ihn verrathen. Hülflos, rathlos kauerte er in seinem Versteck wie von einem Zauber gelähmt, gebannt. Er hielt sich die Ohren zu, schloß die Augen und mußte doch hören, was sie sprachen – und was er mit dem äußeren Auge nicht sah, das sah er mit dem inneren, denn die Hülle war ja von seiner Seele genommen, er war sehend geworden! Die Zähne schlugen ihm aneinander, daß er sich zu verrathen fürchtete, und kalter Schauer schüttelte ihn. Was war dagegen die Marter in den Banden und Riemen des Operationstisches, mit deren Schilderung ihn der Arzt abschrecken wollte? Sie erschien ihm leicht, ja Wohlthat gegen das, was er jetzt durchmachte, der Sohn im Bann der Schuld seiner Mutter!

„Egon,“ flüsterte Adelheid; es war ein süßes Flüstern, wie Egon es noch nie von ihr gehört. „Nun sprich, weshalb mußt Du so plötzlich fort? Darf ich es nicht wissen?“

„Nun denn ja! Der Candidat hat mir gedroht, wenn ich Zürich nicht binnen drei Tagen verlasse, müsse ich sterben oder ihn tödten. Da ich aber weder Deinen Schützling morden, noch selbst auf ein Leben verzichten will, das der Glanz Deiner Liebe verschönt, so beschloß ich, ihm zu willfahren!“

„Der furchtbare Mann!“ sagte Adelheid erschrocken, „er bleibt sich immer gleich.“

Egon beobachtete Adelheid, er sah, daß ihr das Benehmen des Candidaten mehr Bewunderung als Zorn einflößte, und die Eifersucht schlug wieder zur helle Lohe auf. „Adelheid,“ rief er, „ist das Alles, was Du mir auf diese Nachricht zu sagen hast? Adelheid, wenn es wahr wäre, wenn Du diesen Mann doch tiefer im Herzen trügst, als Du gestehst – heute noch müßte Einer von uns Beiden fallen!“

„Um Gotteswillen, Egon, wozu diese Drohungen? Darf ich denn nichts bewundern und verehren außer Dir? O Egon, ich liebe Feldheim, wie ich die Tugend liebe, von der ich abgefallen bin. Darfst Du eifersüchtig sein auf das Gefühl, das mich zu dem reinen Sinn der Unschuld hinzieht? Könntest Du einst vertrauend Deine Ehre in meine Hände legen, wenn Du mich so leicht getröstet sähest über so schwere Schuld? Du weißt nicht, Egon, was es für mich ist, dem fehlerlosen strengen Manne jetzt vielleicht verächtlich zu erscheinen. O Gott, Du weißt nicht, wie bitter es ist, verachtet zu sein!“

[240] „Adelheid, geliebte Adelheid, Thränen in diesen Augen, das ertrag’ ich nicht!“ Und er küßte ihr die heißen Tropfen von den Wimpern. „Komm, tröste Dich! Wie lange kann es denn noch dauern, so legt Dein Gatte sein müdes Haupt zur Ruhe, dann bist Du mein – und Deine Ehre ist gerettet! Adelheid, kann es denn etwas Heiligeres, Reineres geben, als eine Liebe, die, fast aus der Kindheit stammend, eine Trennung von fünfzehn Jahren überdauert? Sieh, meine Adelheid, dieser Gedanke wurde der Leitfaden meines ganzen Lebens, dieser Schmerz um Dich wurde der Grundzug meines Charakters. Meine Cameraden nannten mich einen Sonderling – um ihrem Spott und ihrer Verführung zu entgehen, wählte ich mir einen meiner Stimmung angemessenen Beruf – ich trat in den Johanniterorden ein und stellte ihm, da ich keine Mittel besaß, meine Person zur Verfügung. Man schickte mich in den Orient, ich scheute weder Mühe noch Gefahr mit Deinem Bilde im Herzen. In dem Brand der Wüstensonne reifte meine Liebe zu Dir. Im Dienst der höchsten und heiligsten Ideen läuterte sich meine Seele, um ein würdiges Gefäß des köstlichen Inhalts zu werden, den Du einst hineingießen würdest. Und als ich endlich zurückkehre, finde ich Dich so schön, so liebenswerth, wie Du nie warst – so schön, daß alle meine Träume von Dir als blasse Schemen verbleichen vor der bezaubernden Wirklichkeit.“

Adelheid war von seiner Leidenschaft wie in einen Gluthstrom getaucht, sie athmete tief auf, als drohten sie die heißen Wellen zu ersticken, sie vermochte nicht zu sprechen. Es dunkelte in der kleinen unter Bäumen versteckten Hütte, kein Strahl der Abendsonne drang durch das Dickicht. An der gewölbten Balkendecke summte ein Käfer und stieß prasselnd mit dem dicken Kopf gegen das Holz an. Sonst war es so still und einsam um die Beiden her, und mit den Schatten der Dämmerung wallten die betäubenden Düfte der Wachholderbüsche von draußen herein und durchzogen den engen Raum wie Weihrauch eines Liebesgottesdienstes. Da war es Adelheid plötzlich, als riefe eine Stimme „Helione!“ und eine geisterhafte Gestalt stand vor ihr und blickte sie traurig an, so unaussprechlich traurig! Es durchschauerte sie. Was wollte der finstere Gast in dieser Stunde? Was kümmerte es ihn, wenn sie einem Andern gab, was er verschmähte? Sie ließ sich zu Egon auf die Bank nieder. Aber der Schatten wich nicht, immer und immer ruhte Feldheim’s dunkeles Auge auf ihr, immer wieder mußte sie den Blick zu ihm erheben und ein Schmerz erfaßte sie, ein wunderbar süßer Schmerz um den stillen traurigen Schatten. Und sie riß sich los von Egon, sie eilte ein paar Schritte der warnenden Erscheinung entgegen. Sie wollte ihm zu Füßen sinken und ihn anflehen: „Rette mich, noch ist es Zeit – Alles, Alles will ich Dir hingeben, wenn Du Dich meiner erbarmen willst!“ Sie rang die Hände nach ihm empor, sie wollte sich an ihn anklammern, um nicht hinabgerissen zu werden von diesem Strudel ihres eigenen wallenden Blutes. Aber der finstere Mann machte eine abwehrende Bewegung gegen sie, wie damals, als sie sich ihm liebend und selbstvergessen genaht, es tönte ihr schneidend im Ohr: „Auch Sie haben Ihre Sonnenflecken!“ Und die Gestalt wandte sich verächtlich von ihr ab.

Ein warmer Athem streifte sie, zwei Arme legten sich mit leisem Druck um ihren schlanken Leib. „Was kämpft meine Adelheid?“ fragte Egon’s melodische Stimme. Da zerfloß die Erscheinung rascher und rascher in nichts, und ein brennender Schmerz war Alles, was in Adelheid’s Busen zurückblieb. Warum sollte sie dieses Herzeleid ertragen? Und sie warf sich dem Geliebten in die Arme und suchte Heilung für eine unheilbare Wunde, Betäubung für einen unerträglichen Schmerz.

Eine aufrichtige Dankbarkeit und Reue ergriff sie für den treuen Mann, dessen einziger Lebensinhalt sie war. Und dieses warme, immer gleiche Herz hatte sie verrathen wollen! Nachdem sie seine Jugend vergiftet hatte durch seine Vermählung mit Salten, war sie jetzt wieder nahe daran gewesen, ihn auch um die Hoffnung seiner ganzen Zukunft zu betrügen und sich einem kalten herzlosen Manne hinzugeben – der sie verschmähte! Unrecht und Irrthum, wohin sie sich wandte! Wo war der Weg, auf dem sie sich zurückfand zu der seligen Unschuld ihrer Jugend? Hier war er – nur hier an der treuen Brust ihres einstigen Geliebten. Er hatte ihr zur Seite gestanden von Kindheit an, bei ihm wollte sie ausharren – in ihm fand sie ihre Jugend wieder und, meinte sie – auch ihre Unschuld! Aber ach, mit Schrecken fühlte sie, daß sie ihn nicht mehr liebte! Und dennoch – seltsamer Widerspruch – weil sie dies fühlte, wollte sie ihm die verlorene Liebe durch doppelte Zärtlichkeit ersetzen!

„Egon,“ flüsterte sie, „was kann ich thun, um gut zu machen, was ich an Dir gefehlt? Wie kann ich Dir meine Reue, meine bittere Reue beweisen?“

„Versprich mir, daß Du Alles daran setzen willst, um bald nach M*** überzusiedeln, ich muß Dich in meiner Nähe haben, wenn mich die Leidenschaft für Dich nicht wahnsinnig machen soll!“

„Ich verspreche es Dir, sofern es nicht auf Kosten von Alfred’s Wohlergehen geschehen muß! Du weißt ja, wie furchtbar ihn der bloße Gedanke daran erschütterte.“

Egon warf sich vor ihr auf die Kniee: „Adelheid, denke nicht immer an das Kind! Wie könnte ich hoffen, daß wir je glücklich werden, wenn Du dem Knaben stets mich und unsere Interessen aufopferst? Bedenke, wie nothwendig es ist, daß er meinen Grundsätzen und Anschauungen allmählich näher gebracht werde, bedenke, daß ich einst sein Vater werde. Wir haben viel zu thun, wenn wir gut machen wollen, was Dein Mann und dieser den Brutus spielende Erzieher an dem Knaben verdorben! O, lerne nur endlich einmal lieben mit der echten Liebe, die Du nicht kennst, und Du wirst Dich stark zum Entschlusse fühlen. O Adelheid, wenn Du so warm wärst, wie Du schön bist, die Göttinnen würden Dich, die Götter mich beneiden: Du würdest, ein weiblicher Jupiter, mit dem Goldregen Deines Haares den armen Sterblichen überschütten, daß er in dem Uebermaß der Wonne vergehen müßte!“

Er legte den Kopf auf ihre Kniee, sie bog sich leise zu ihm herab und löste ihre Locken und Flechten auf, daß der goldene Regen in dichten Strömen über das Haupt des Glücklichen niederfluthete. Da gab es keine Worte mehr, ein süßes Verstummen ergriff sie. Plötzlich fuhr Adelheid zusammen: „Was ist das? Was regte sich dort?“

Egon sprang auf wie aus einem Traume und eilte zum Fenster, wo sich der herabgelassene Vorhang stark bewegte. Er riß ihn auf und sah hinaus. Es raschelte etwas in dem Gestrüpp, aber er konnte nichts erkennen. „Es wird eine Katze gewesen sein,“ beruhigte er das erschrockene Weib. – –

Der Freiherr saß allein bei seiner Zeitung am offenen Fenster, er konnte nicht mehr lesen, es war zu dunkel. Er ließ die Zeitung auf seine Kniee sinken und stützte den Ellenbogen auf das Gesims und das matte Haupt in die Hand. Er schaute dem mächtigen Zuge der Abendwolken nach, deren feurige Säume sich von Zeit zu Zeit aufleuchtend und wieder verschwindend in dem See spiegelten. Wo zogen sie hin? Die Schiffe und Kähne auf der Fluth steuerten langsam heimwärts, auch dem alten Manne war es plötzlich, als sollte er bald – heimwärts steuern. Eine Thräne schlich ihm über die vertrocknete Wange. Es war ihm wie ein nahes Abschiednehmen, und der Abschied wurde ihm schwer, er hatte noch so Vieles, wovon sich das Herz ungern losriß. „Der Tod ist nichts als ein Augenblick, der vorübergeht,“ sagt Pestalozzi. Der Freiherr wischte sich die Thräne von der Wange und sah still ergeben dem Verglühen des Abendhimmels zu. Friede ruhte auf seinem greisen Haupte, Friede mit sich und Gott. –

Da schleppte sich eine schwankende Gestalt durch den Garten her; war das Alfred? Er trat in’s Haus und kam in’s Zimmer. Der Freiherr wandte sich erschrocken nach ihm um. Seine Hände waren geschunden von dem Sturz, als er endlich doch in der höchsten Angst mit dem lahmen Fuß zum Fenster hinausgesprungen; seine Kleider waren zerrissen von dem Gestrüpp, durch das er sich gewunden. Sein Gesicht war aschfahl, voll tiefer Furchen und Ringe um die Augen, seine Lippen bläulich wie eines Sterbenden. Mit schlotternden Knieen ging er auf den Vater zu. „Vater, mein armer, lieber Vater!“ schrie er auf und warf sich mit dem Ausdruck liebender Verzweiflung an des Freiherrn Brust, als sei diesem ein großes Unglück geschehen – oder ein großes Unrecht!

(Fortsetzung folgt.)



Inhalt: Der Fels der Ehrenlegion. Novelle von Berthold Auerbach. – Der Wander-Professor deutscher Literatur. Mit Portrait. – Aus den Zeiten der schweren Noth. Der „Löwenstein“ in Braunschweig. – In den Vorproben zum diesjährigen Passionsspiel in Oberammergau. Von Herman Schmid. – Bei den Enkeln. Gedicht. Von Friedrich Hofmann. Mit Abbildung. – Aus eigener Kraft. Von W. v. Hillern. (Fortsetzung.)



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.