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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1865
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1865) 673.jpg
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[673]

No. 43.   1865.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1½ bis 2 Bogen. 0Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.




Prinzessin Champagner.

Der Tag aller Seelen, der 2. November des Jahres 184*, neigte sich, der Abend nahte mit leichten Schritten. Ein dichter Nebel, der sich allmählich in eisige Tropfen auflöste, hing über der ruhelosen Riesenstadt London. Unaufhörlich wogte und strömte das Leben durch die Straßen, rollten die Wagen, kreischten die Stimmen der Verkäufer, klagte das Elend; es war ein athemloses Jagen und Rennen, Rufen und Drängen, Mühen und Sorgen, Ringen und Hasten um – ein Leichentuch, das Ende allen Strebens. Eine kurze Spanne Zeit und Andere beteten für Jene, die da eben vorübereilten, wie diese am Morgen für ihre Todten gebetet.

All diesen Lärm, sowie die melancholische Unbehaglichkeit der Atmosphäre, ahnte Niemand in jenem reizenden Salon der gefeierten Tänzerin Cyrilla, die von ihren Bewunderern „der Abendstern“ genannt wurde. Die dunkelrothen Seidengardinen waren zugezogen, es glühte und flackerte im Kamin, ein Meer von Licht ergoß sich von den Kronleuchtern und Girandolen auf die heitere Gesellschaft, die sich hier versammelt und in anmuthigen Gruppen auf den Sammetdivans und in den tiefen Fauteuils Platz genommen hatte. Im Nebensaal stand eine reichbesetzte Tafel, funkelnd von Silbergeschirr und geschmückt mit Blumen. Man wollte fröhlich sein und heut’ am Tag aller Seelen nicht der Todten gedenken, sondern sie vielmehr jetzt um jeden Preis vergessen. Heute Morgen in der Kirche hatte man seine Pflicht gegen sie erfüllt, der Rest des Tages gehörte den Lebenden. Etwa fünfzehn Personen, Schauspielerinnen vom Drurylane-Theater, Sänger von der italienischen Oper, einige junge Tänzerinnen, Schülerinnen der Cyrilla, mehrere der vornehmsten jungen Männer der Londoner Aristokratie, der alte Herzog von D., langjähriger Beschützer der gefeierten Tänzerin, und eine Cousine des Abendsterns, eine Pariserin, seit mehreren Wochen Cyrilla’s Gast – das war die Gesellschaft in dem eleganten Salon. Die Pariserin war die Sonne der Variétés, bekannt unter dem Namen Melusine. Ihre intimeren Freunde nannten sie Prinzessin Champagner. Es war eine Vereinigung von weiblichen Schönheiten, die sich in diesem Zimmer zusammengefunden, und auf den ersten Blick erschien Melusine die unbedeutendste. Die junonische Schönheit Cyrilla’s blendete besonders bei Kerzenlicht. Dies zarte Weiß und Roth erschien so echt, die Augen so leuchtend in dem Schmuck tiefschwarzer Wimpern und Brauen, das dunkle Haar so üppig, Arme und Hände so verführerisch, das ganze Wesen so bezaubernd im Glanz der ausgesuchtesten Toilette. Nach ihr fiel die blonde Arabella auf, die zweite Tänzerin mit dem holdseligsten Madonnengesicht und einer Fülle goldenen Haares, das wie ein Mantel um ihre vollendete Gestalt floß, wenn sie es, wie sie das zuweilen zu thun pflegte, löste. Die jungen Schülerinnen der Cyrilla waren blendend schöne Geschöpfe, und die drei Schauspielerinen von Drurylane hübsch und geistvoll. Alle plauderten und scherzten lebhaft durcheinander, nur Melusine war heut auffallend still. Sie saß auf einem Tabouret neben dem Kamin und hatte, wie das ihre Art, die Hände um ihre Kniee gefaltet. Es lag etwas Träumerisches in ihrer Haltung und in dem Ausdruck ihres Gesichts. Wie erloschen blickten die großen, in unbestimmter Farbe schillernden Augen vor sich hin. Ein klein wenig zusammengezogen hatten sich die fein gezeichneten Brauen über der Nasenwurzel, die Lippen waren fest geschlossen. Hellbraune Locken hingen an den Wangen nieder, das blasse Gesicht mit den feinen Zügen einrahmend. Die junge Schauspielerin trug tiefe Trauer, schweren Taffet und Krepp, im grellen Gegensatz dazu eine rothe Rose im Haar.

War das wirklich jene gaukelnde Sylphide der Variétés, die gefeierte Königin des Lustspiels, der Liebling der Pariser, dessen Erscheinung alle Sorgen verscheuchte und ein Lächeln selbst auf jene Lippen zauberte, die längst das Lachen verlernt; dies übermüthigste Geschöpf in ganz Paris, war das unsere Prinzessin Champagner?

„Sie hat wieder ihren dunkeln Tag,“ lächelte Cyrilla, „laßt sie gewähren!“

„Warum in Trauer, Melusine?“ fragte ein Mann von vornehmem Wesen und echt englischer Schönheit nachlässig, der ihr gegenüber in einem Fauteuil ausgestreckt lag. „Welche wunderliche Caprice!“

Melusine antwortete nicht, veränderte auch keinen Zug ihres Gesichts.

„Kind! bist Du zu Stein erstarrt?“ lachte Cyrilla. „Hörst Du nicht, daß Lord Francis mit Dir redet?“

Und der Herzog von D. warf eine Camellie nach ihr.

Melusine fuhr auf. Ihre Augen funkelten in seltsam grünem Licht, eine Röthe überflog einen Augenblick Wangen und Stirn. Verächtlich schleuderte sie die Blume von sich, wie ein widerliches Insect.

„O weh, die arme Blume!“ rief Arabella. Sie dachte daran, daß diese prächtige weiße Camellie sicherlich heut Morgen mit einem halben Sovereign bezahlt worden war.

„Warum thatet Ihr das, Herzog?“ fragte jetzt eine erregte Stimme, und von einem Kissen am Boden, zu den Füßen Melusine’s, erhob sich die Gestalt eines sehr jungen Mannes. Er lag halb auf den Knieen und sah drohend nach dem Angeredeten hin. Zugleich zerrissen seine Finger mit konvulsivischer Hast die weißen Blumenblätter. Es war Guy, der jüngste Bruder des Lord Francis.

[674] Der alte Edelmann lächelte. „Mein Knabe, es galt nicht ihr,“ sagte er besänftigend, „ich wollte Euch treffen, ich glaubte Euch eingeschlafen.“

Ein stolzer Blick war die Antwort, die Lippen des Jünglings zuckten.

„Was hast Du, Guy?“ fragte Francis sich zu ihm herabneigend. In demselben Augenblick berührte die Hand Melusine’s das dunkle Haar ihres jugendlichen Bewunderers, Fast unmerklich glitten sie darüber hin, die schmalen Finger, aber die Wirkung war eine zauberische. Guy zuckte zusammen und wendete den Kopf nach der Schauspielerin um.

„Seid ruhig!“ flüsterte sie mit halbem Lächeln und tauchte ihre Nixenaugen in die seinen. „Ich will, daß Ihr ruhig seid!“

Melusine war in diesem Augenblick die schönste Frau unter diesen blendenden Schönheiten, und nicht nur hier. Dies Lächeln, dies Aufleuchten der Augen war von dämonischem Zauber. Nichts reizt ja weniger, als die Schönheit allein, nur das Fremde, Wunderbare, Ungewöhnliche ist’s, was uns blendet und verwirrt und die Seele in jenen Strudel von Leidenschaft reißt, aus dem es kein Entrinnen giebt. Die Art der Haltung, der Gang, eine gewisse Bewegung, eine Falte zwischen den Augenbrauen, der Ton einer Stimme, der Blick, die Form eines Mundes – alle diese Einzelnheiten können einen Reiz ausüben, der zur Klippe wird, an welcher unser Herz wie unsere Sinne, Tugend und Ehre Schiffbruch leiden.

„Warum tragt Ihr nicht Weiß, wie immer, so oft ich Euch sah?“ fragte Guy jetzt.

„Weil heut’ mein Todestag ist,“ antwortete die Schauspielerin der Variétés.

„Theuerste, keine Gespenstergeschichten, sie sind nicht mehr guter Ton,“ warf Lord Francis hin.

Sie hob den Kopf, um ihn hochmüthig anzusehen. „Plaudert mit den Andern, wenn Ihr Euch fürchtet!“ sagte sie leichthin. „Ich habe eine Frage Eueres Bruders beantwortet. Ja, mein junger Freund,“ fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort, sich wieder zu ihrem jugendlichen Anbeter wendend, „ich werde sicherlich einstmals am 2. November sterben, glaubt es mir. Jedes menschliche Geschöpf fühlt durch viele Jahre seinen Sterbetag heraus aus den anderen Tagen.“

„Wie meint Ihr das?“

„Habt Ihr nicht bemerkt, daß an irgend einem Tage Euch Alles ganz besonders schwer erscheint, daß es ohne alle äußere Veranlassung wie Bergeslasten auf Euch liegt; daß Euch nichts gelingt und Euch nichts zerstreut? Erinnert Ihr Euch nicht an Tage, wo Ihr Euch vor Euch selber fürchtet und nicht allein sein mögt? Die Kinder sind an solchen Tagen eigensinnig und trotzig oder weinen viel, die großen Menschen begehen in ihrer dumpfen Angst irgend eine Sünde oder thun einem Andern ein Herzeleid an und werden erst wieder ruhig, wenn jener bedeutungsvolle Tag vorüber. Aber er kommt wieder jedes Jahr, und immer schleicht jene seltsame Todesangst, jene schwere Mahnung durch Leib und Seele, doch wir vergessen, daß er schon einmal da war, denn es kommen oft graue, schwere Tage, und so wissen wir nicht mehr, welcher der graueste, schwerste. An solchen Tagen verräth ein Mann seine Geliebte und verleugnet seinen Freund. Und ein Weib? Nun, ein Weib zieht ein schwarzes Kleid an. Da habt Ihr die Erklärung.“

„Pfui, sei still!“ sagte Cyrilla zusammenschauernd.

„Wenn Ihr an solchen Gespenstertagen spielen solltet, wie dann?“ fragte Marino, der italienische Sänger, den alle Frauen anbeteten.

„Ich würde nie spielen, die Leute müßten sich dann vor ihrem eigenen Lachen fürchten. Aber so schwer, wie heute, war mir noch nie; ich bin wie ein Gespenst, das umherschleicht und jeden warmen Menschen mit aufgehobenen Händen bittet: erlöse mich!“

„Seid barmherzig, schöne Geisterseherin, und ringt Euch um unsertwillen aus Euren dunklen Gedanken. Wir wollen keine Kassandra sehen, wir wollen unsere Prinzessin Champagner bewundern,“ rief ein junger Douglas.

Diese Worte waren kaum verhallt, als ein helles Glockenspiel ertönte, das Zeichen zum Beginn der Tafel. Man erhob sich. Guy’s Blicke hingen an seinem Bruder, Blässe und Röthe wechselten auf seinem Gesicht. Ein schwermüthiges Lächeln zuckte um die Kippen des Lord Francis. „Laß es sein, mein Liebling,“ sagte er scherzend in leisem Ton, „Feuer verbrennt.“ Und er näherte sich Melusinen, um ihr den Arm zu bieten. Sie berührte ihn mit den Spitzen ihrer Finger, aber sie wendete sich, ehe sie ihrem Führer folgte, noch einmal zu dem jungen Guy um. Wieder dies wunderbare Lächeln – wieder dieser lange flimmernde Blick. „Mein Freund,“ sagte sie dann, „dort die blonde Ellinor verwendet keinen Blick von Euch – geht, macht sie glücklich und führt sie zu Tisch.“ Aber Guy schüttelte den Kopf und schlenderte allein in den Speisesaal.




Lord Francis hatte in einem Anfall von Ueberdruß an dem Londoner high life ein Jahr in Paris verlebt. Dort ging die Sonne der Variétés, Melusine mit den seegrünen Augen, vor ihm auf, und er gerieth in eine Leidenschaft für diese wunderbare Schauspielerin, die ihn beinah dazu gebracht hätte, ihr seine Hand und seinen altaristokratischen Namen zu Füßen zu legen. Daß es nicht leicht war, bei ihr Zutritt zu erlangen, steigerte nur sein Verlangen nach ihrer Bekanntschaft. Man erzählte von ihr, daß sie in die tiefste Trauer versunken sei um einen jungen, schönen Schauspieler, der vor wenigen Monaten in Folge eines Sturzes mit dem Pferde gestorben, als er mit ihr um die Wette ritt. Sie erschien zu keinem jener Feste, deren Krone sie sonst zu sein pflegte, und zeigte sich außer auf der Bühne nur in ihrem Wagen öffentlich. In die Polster ihres kleinen eleganten Coupés gedrückt, lag sie anscheinend theilnahmlos, umgeben von Wolken von schwarzem Flor und Seide. Der Wind hob zuweilen den langen schwarzen Kreppschleier ihres Hütchens und ließ das bleiche Gesicht und die halbgeschlossenen Augen erkennen. Es war ein anmuthiges Bild der Apathie. Melusine sah aus, als ob sie sich nicht geregt haben würde, selbst wenn es den Pferden beliebt hätte, mit ihr einem Abgrunde zuzujagen. Und am Abend eines solchen Tages, an dem sie so im Bois de Boulogne erschienen war, trat sie vielleicht in einem Molière’schen Lustspiele auf. War das dieselbe Melusine?

Wer dies wunderbare Geschöpf auf der Bühne sah, in einer classischen Schöpfung oder in irgend einem jener Ephemeridenstücke, denen sie erst Leben und Seele einhauchte, der mußte daran zweifeln. Das sprudelte und vibrirte, lächelte und flog, scherzte und kokettirte, wagte und gewann – als keckster, graziösester Uebermuth, der je über die Breter gegaukelt. Ihr Geist schuf jede Rolle – sie malte jede Gestalt nach ihrer Weise – und immer war sie lebens- und effectvoll. Die Lichter und Schatten waren oft frappirend, aber immer naturwahr. Ihre Frische der Auffassung entzückte und riß den kältesten Philosophen hin. Der blasirte Lord fühlte sich bald von ihr in einer Weise gefesselt, wie ihn nichts zuvor festgehalten. Er sah, dachte und träumte nichts mehr, als die junge Schauspielerin der Variétés. Daß seine prächtigen Bouquets zurückgeschickt wurden, seine kühnen Reiterkünste vor ihren Fenstern keine Beachtung fanden, entflammte ihn nur noch mehr. Er hatte aber Glück. Melusine’s Pferde gingen eines Tages durch und er warf sich ihnen entgegen, mit fester Hand in die Zügel greifend und die wilden Thiere bändigend. Da der Kutscher vor Schrecken unfähig geworden war zu fahren, so stieg Lord Francis auf den Bock und kutschirte die Angebetete seines Herzens nach Hause mit der äußersten Gewandtheit.

Die Art, wie er nach beendigter Fahrt sich ihr vorstellte, mußte ohne Zweifel piquant genannt werden, auch war der Fremde schön genug, einer Frau zu gefallen. Melusine dankte denn auch ihrem Retter durch ihr gefährlichstes Lächeln und erlaubte, daß er sich am nächsten Tage nach ihrem Befinden erkundigen dürfe. Ihre zarten Wangen waren bei diesem Unfslle aber nicht um einen Schein blässer geworden, kein Schrei war ihren Lippen entflohen, die junge Schauspielerin hatte nur die Augen geschlossen und den kleinen Fächer in ihren Händen in Stücken gebrochen – das war Alles. Sie zeigte ihn scherzend ihrem neuen Bewunderer; Lord Francis erbat sich das zertrümmerte Spielzeug zur Erinnerung an diese erste Begegnung und erhielt es auch. Seit jenem Tage kam Lord Francis häufig und immer häufiger, und allmählich versuchte sich die Pariser jeunesse dorée darein zu finden, daß ein Ausländer ihr in der Gunst der schönen Melusine den Rang abgelaufen. Nun, die Sonne hat das unbestrittene Recht, auf Gerechte und Ungerechte zu scheinen; jetzt trafen die glühenden Strahlen einen Ungerechten, man nahm sich vor, geduldig zu warten, bis ein Gerechter wieder dieses Glückes theilhaftig werden würde. Melusine war also die erklärte Freundin des Fremden, und nie [675] hatte er sich daheim, neben den wappengeschmückten Equipagen der vornehmsten Schönen Altenglands, in Hyde-Park oder in Kensington-Garden, so stolz gefühlt, wie hier in Paris, wenn die Schauspielerin der Variétés ihm gestattete, sie auf der Promenade des Bois de Boulogne zu begleiten.

Ein Jahr war vorüber und Lord Francis dachte an die Rückkehr nach London. Nicht, daß er des Lebens in Paris und der Sonnenstrahlen aus Melusinens Augen müde geworden wäre, das wunderbare Mädchen fesselte ihn noch wie am ersten Tage, und Paris war und blieb ein entzückender Aufenthalt für jeden reichen, schönen, unbeschäftigten Mann, aber man wünschte ihn seinen Sitz im Parlament einnehmen und verheirathet zu sehen. Zudem folgte seine Schwester jetzt ihrem Gatten nach Indien, und so blieb sein jüngster Bruder Guy ohne Halt und Stütze. Das letztere war es hauptsächlich, was ihn bestimmte abzureisen. Eine zärtliche, fast leidenschaftliche Liebe zu diesem Bruder erfüllte sein Herz, und Melusine hatte sich oft im Scherz eifersüchtig gezeigt über diese Zuneigung. Nie war Francis beredter, als im Lobe Guy’s. Seinen Schilderungen nach war dieser der schönste und geistvollste Jüngling Englands, der liebenswürdigste Idealist, das wunderbarste Gemisch von Feuer und Träumerei, Tollkühnheit und Zagen, Weichheit und unbeugsamstem Trotz.

„Ich fürchte für ihn, wenn die Liebe einst Besitz von seinem Herzen nimmt, die Flammen werden zu hoch emporschlagen, eine irdische Frau wird sich fürchten vor solcher helllodernder Gluth,“ sagte er einmal.

„Ich möchte ihn kennen lernen,“ antwortete Melusine.

„Nein, das darf nicht sein. Ihr würdet Euch hassen und das ertrüge ich nicht,“ gab Francis zur Erwiderung.

„Meint Ihr?! Es wäre interessant, zu untersuchen, ob Ihr Recht habt,“ sprach Melusine.

„Vielleicht bringe ich ihn Euch einmal, wenn ich ihn nach Italien führe. Er ist zart und seine Gesundheit macht mir oft Sorge.“

„Laßt ihn endlich ein wenig bei Seite, mein Freund, und sagt mir, wie ich Euch gestern als Lesbia gefiel.“




Der Abschied von Melusine fiel dem Scheidenden schwerer als er geahnt. Seine Leidenschaft für sie stand noch in voller Blüthe, als er sie zum letzten Mal an sein Herz zog. Sie war so ganz anders, als alle Frauen, die er bis zur Stunde gekannt, immer voller Räthsel, immer von einem dämonischen Zauber, immer unberechenbar. Ob sie ihn liebte? Trotz seines täglichen Verkehrs mit ihm hatte sie es ihm noch nie gestanden. Keine Bitte, keine Zärtlichkeit hatten ihr das magische Wort zu entreißen vermocht. „Verlangt kein Geständniß,“ sagte sie. „Unsere Trennung mag den Beweis liefern, welche Liebe die dauerhafteste, die des Wortes, oder die der That, die Eure oder die meine.“

Lord Francis überwand den Abschied nur durch das Versprechen Melusine’s, möglichst bald ihrer Cousine Cyrilla in London einen längeren Besuch abstatten zu wollen.

Ob die gefeierte Schauspielerin der Variétés dies Versprechen in dem Rausche ihres bewegten Lebens vergaß, oder ob man ihr den Urlaub verweigerte, wer konnte es sagen? Genug. es vergingen fast zwei Jahre, ehe Melusine nach London abreiste. Während dieser Zeit flogen anfänglich viele Briefe über den Canal herüber und hinüber zwischen den beiden Getrennten: allmählich wurden sie seltener, Lord Francis war so viel beschäftigt! Anfangs waren es Briefpakete, nach und nach wurden es Briefe und endlich Briefblätter, arme, durchsichtige Zettel. Er war wirklich viel beschäftigt, der schöne Freund Melusine’s. Seit sechs Monaten der Verlobte der stolzen Lady Geraldine und Mitglied des Parlaments, konnte man keine tagebuchähnlichen Berichte mehr an eine Schauspielerin der Variétés schicken! Melusine war thöricht, daß sie das erwartete, daß sie jene leichten, dünnen Enveloppen prüfend in der Hand wog, ehe sie das Siegel brach, daß ihr Gesicht todtenbleich wurde und ein Zug verzweifelten Schmerzes um ihre Lippen zuckte beim Anblick des armen, winzigen Blattes mit den kalten, kurzen Zeilen.

Lord Francis schrieb groß und fest! Sie fing an, die Worte, dann die Buchstaben zu zählen, die arme Prinzessin Champagner! Wenn sie nur begriffen hätte, wie man nicht Zeit finden konnte zu einem Briefe an die Frau, die man liebt! Von der Existenz einer Lady Geraldine wußte sie nichts. Francis nahm sich bei jedem Briefe vor, es ihr zu schreiben, und erst wenn er das Blatt abgesandt, fiel ihm ein, daß er es wiederum vergessen hatte. Als er im Herbst einige Wochen auf dem Landsitz seiner künftigen Schwiegereltern verlebte, ging gar kein Brief an die bekannte Adresse nach Paris. Da geschah es denn, daß Melusine plötzlich ohne alle Vorbereitung nach London abreiste. Nur der Director der Variétés erfuhr von ihrem Plane. Die Freunde der Schauspielerin fanden die Jalousien geschlossen, die Teppiche auf den Treppen aufgenommen, den reizenden kleinen Salon verödet; der niedliche Käfig war leer, der Wundervogel ausgeflogen. Als sie bei ihrer Cousine eintrat, fiel Cyrilla fast in Ohnmacht vor Schrecken.

„Du kommst wohl zur Hochzeit des Lord Francis?“ fragte sie dann scherzend. „Er heirathet im December!“

„Du hast mich errathen,“ sagte Melusine ruhig, „ich wollte mich vor allen Dingen überzeugen, ob die Braut mir ähnlich sieht.“

„Ganz und gar nicht, Schatz, sie ist groß wie ein Thürsteher, ganz blond und stolz wie eine morgenländische Sultanin,“ berichtete Cyrilla.

„Kommt er noch zu Dir?“

„Ja, aber selten. Sein Bruder ist häufiger bei uns. Du wirst ihn sehen, ein schöner, wunderlicher Träumer, ein Kind!“

Am nächsten Abend sah Melusine den Geliebten wieder in jenem kleinen Kreise, der sich so häufig in dem Salon der berühmten Tänzerin versammelte. Sie saß am Kamin, als die beiden Brüder eintraten. Ein Ausdruck fast des Entsetzens glitt bei ihrem Anblick über das Gesicht des Lords.

„Melusine, welche Thorheit!“ stammelte er völlig fassungslos.

Ihre Augen hielten die seinen fest, er konnte den Blick nicht abwenden; tief und lange sah sie ihn an, es war ein Abschied, welchen die Liebe nahm, der Haß zog in die Wohnung, die jene soeben verlassen.

„Thorheit?“ wiederholte sie dann in scherzendem Ton, „warum? Ich fühlte plötzlich das Verlangen, Cyrilla und London zu sehen und vor allen Eueren Bruder kennen zu lernen. Dies ist Guy, nicht wahr?“ und sie reichte dem Jüngling die Hand hin, wie eine langjährige Freundin es gethan haben würde.

Francis hatte seine Fassung wieder gefunden. Er wurde gesprächig und fast heiter, als er sah, wie unbefangen Melusine sich ihm gegenüber zeigte, wie lebhaft sie augenscheinlich die Schönheit Guy’s bewunderte. Wie eine Bergeslast fiel es ihm vom Herzen, er hatte sich seit seinem Verhältniß zu Lady Geraldine so oft ein solches Begegnen ausgemalt, so oft mit banger Sorge daran gedacht, ohne den Muth zu finden, durch ein offenes Geständniß seiner Verlobung solch’ Zusammentreffen zu verhindern. Er hoffte, nach Männerart, auf die Gunst des Zufalls, auf die wunderbar bewegliche Natur Melusine’s, auf die Unbeständigkeit der Frauen, zu Zeiten sogar auf ein Wunder des Himmels. Es giebt Lebenslagen, in denen die Ungläubigsten zu kindlich Gläubigen werden und mit gefalteten Händen auf die Erscheinung eines helfenden Engels warten, welcher die Folgen ihrer Sünden von ihnen abwende. Die Beziehungen des Lords zu der reizenden Schauspielerin der Variétés ließen sich, das empfand er deutlich ihren Briefen gegenüber, nicht so leicht abstreifen wie jene leichtgeschürzten Verbindungen, die er früher eingegangen und gelöst, eine Melusine konnte man nicht vergessen und verlassen, wie eine andere hübsche Frau. Der Zauber ihres Wesens wirkte nicht nur Auge in Auge, er drang auch in die Ferne. Solche Grazie des Geistes, solche Gluth des Empfindens hatte Francis bei einem Weibe nie geahnt, sie waren von einem dämonischen Reiz für sein Herz wie für seine Sinne. Die wohl temperirte Liebe seiner Braut erschien ihm arm und kalt, ihr ganzes Sein so glanzlos, so gleichförmig, so nüchtern neben der Erscheinung einer Melusine! Und doch wollte und mußte dies verführerische Geschöpf aus seinem Leben gestrichen werden, Lady Geraldine duldete keine Nebenbuhlerin.

Er fing an sich zurückzuziehen, er schrieb weniger, kälter – endlich gar nicht mehr. Melusine sollte in ihren Briefen klagen, fragen, sich erzürnen, dann wollte er ihr die Wahrheit sagen: „Ich darf und will Dich nicht mehr lieben, ich gehöre einer Andern.“

Nichts von alledem, was er erwartete, geschah; es war eben keine Frau wie alle Anderen, deren Herzen er den Todesstreich versetzen wollte. Sie wehrte den Streich ab, er konnte ihr nicht nahe kommen. So ließ er sie denn das Unabwendbare errathen. Und nun war sie plötzlich in London, stand plötzlich vor seinen [676] Augen! Hatte sie es schon errathen? Kam sie, um ihn zu bestrafen oder ihm zu vergeben? Er beobachtete sie lange und immer vergebens. Sie schien ihm gegenüber völlig gleichgültig und vermied jedes Alleinsein mit ihm. Francis war ihr anfangs dankbar, daß sie sich mit Guy so angelegentlich beschäftigte, bald aber beschlich ihn ein Gefühl von eifersüchtiger Sorge und Furcht bei der wachsenden Vertraulichkeit Beider. Guy war eine Natur, die für Melusine einen Reiz haben mußte. Eine Künstlerseele schlief in dieser zarten und schönen Hülle, die sich in jener wunderlichen Welt, in welche sie sich geschleudert sah, offenbar so unbehaglich fühlte, wie ein Schmetterling an einem kalten Tage. Ein Dichtertalent schlummerte in Guy Howard, es trieb dann und wann eine Purpurblüthe, an deren Duft sich Tausende erquickt haben würden, wenn er sie nicht vor Aller Blicken verborgen hätte. Für seine Familie war er von Jugend auf der Gegenstand zärtlichster Sorge gewesen. Man beschränkte ihn in keiner Weise in seinen Studien und Neigungen und hoffte ihn dermaleinst die Stelle eines Geistlichen bekleiden zu sehen, die ihm Muße genug ließ, seinen Büchern zu leben. Lord Francis versuchte die ideale Richtung seines Wesens etwas der Wirklichkeit zuzuwenden, indem er ihm das Leben und – die Frauen zeigte, allein seine Bemühungen waren umsonst. Guy sah nur, glaubte nur, was er sehen und glauben wollte. An der Stelle jeder zerstörten Blüthe sproßte augenblicklich eine neue hervor. Seine Augen blickten tief wie echte Dichteraugen und entdeckten in jedem Wesen einen idealen Zug, unter jeder Maske das wahre Bild. Lüge und Berechnung, wo sie sich ihm enthüllten, machten ihn nur traurig, nicht bitter und hoffnungslos.

Und Guy sah und hörte Melusine. Wie elektrische Funken flog es von ihr zu ihm hin, als er zum ersten Mal vor ihr stand. Der eine Augenblick, als ihre seegrünen Augen unter dem Schleier der langen Wimpern ihn anstrahlten wie ein Meer, über dessen zitternden Spiegel Wolken hinfliegen, entschied über sein Geschick. Es giebt eine magnetische Wirkung der Seele auf die Seele, ein Verlorensein auf den ersten Blick, ein Gefühl der Rettungslosigkeit einem Augenpaar gegenüber, was auch die Skeptiker dagegen sagen mögen. Guy empfand dies Alles bei der ersten Begegnung mit Melusinen. Welch’ eine seltsame Frau! Und diese Frau hatte sein Bruder geliebt – liebte sie nicht mehr! Konnte man aufhören diese Frau zu lieben, wenn ihre Lippen einmal die Lippen eines Mannes berührt, wenn ihre Hand in der seinen gezittert? Aber hatte Melusine seinen Bruder je geliebt? So fragte er sich oft. Ihre Augen waren unergründlich wie das Meer, dessen Farbe sie trugen, ihre Hand legte sich so langsam, ohne alle bebende Hast in Franeis’ Hand, ihre Stimme blieb so ruhig, als sie ihn begrüßte.

Melusine dachte nach jenem Wiedersehen den ganzen folgenden Tag an Guy, in dessen Antlitz kein Zug sie an den Geliebten erinnerte.

„Wie schön ist Guy und wie ähnlich seinem Bruder!“ sagte Cyrilla zu ihrer Cousine, als sie allein waren.

„Ich finde Francis häßlich und langweilig geworden,“ antwortete Melusine. Er hat rothe Wangen bekommen und wird stark. Wie kann man den blassen, dunkellockigen Knaben mit ihm vergleichen! Die Beiden stellen Tag und Nacht vor. Ich liebe den Mond mehr als die Sonne – Du weißt es!“

Seit jenem Tage begleitete Francis seinen Bruder stets zu Cyrilla und war Zeuge, wie sich allmählich ein wundersames Verhältniß bildete zwischen der Frau, die ihn einst um die Besinnung gebracht, und dem Jüngling, welchen er so sehr liebte.

(Schluß folgt.)




Eine Leipziger Künstlerwerkstatt.

Ich war fertig mit Allem, was es in Leipzig zu „sehen“ giebt; das ist für den durchreisenden Fremden, der nicht kauft oder verkauft und nicht Zeit hat zu näherer Bekanntschaft mit der Leipziger Gesellschaft, nicht eben allzuviel. Das Rosenthal mit seinen schönen Bäumen und Wiesen – der Stolz der Stadt – war geschaut und gekostet, d. h. Kaffee getrunken in dem auch auswärts renommirten „Schweizerhäuschen“; das Museum mit seiner kleinen, aber zum Theil sehr werthvollen Gemäldesammlung durchwandelt; eine Fahrt über die Hauptpunkte des Schlachtfeldes unternommen; ein Abend bei Concert und bunten Lichtern im Schützenhausgarten verbracht worden, – es war Mittag und erst Abend ging der Bahnzug ab, der mich weiter tragen sollte … wie konnte ich die Stunden tödten bis dahin?

Etwas mißmuthig über die drohende Langweile, saß ich an der Wirthstafel meines Hotels, neben mir ein ältlicher Herr, in welchem die weiche Aussprache seines Deutsch und der singende Accent den geborenen Leipziger nicht verkennen ließen.

„Wissen Sie, daß Werner zurück ist von seiner Reise in den Orient?“ wandte er sich zu seinem Gegenüber, einem echten pleißathenischen Cockney.

„So,“ erwiderte dieser. „Hat er hübsche Sachen mitgebracht?“

„Ganz prächtige Skizzen, wie ich höre; namentlich aus Jerusalem,“ versetzte der Andere. „Ich will ihn diesen Nachmittag in seinem Atelier besuchen und seine neueste Mappe durchblättern.“

„Schade, daß ich nicht mit kann, ich muß in die Vorstandsitzung der … Eisenbahn,“ sagte das vis-à-vis.

Die Unterhaltung der Beiden hatte mich aus meiner mürrischen Gleichgültigkeit gerissen.

„Nimmt Werner in seinem Atelier auch den Besuch von namenlosen Fremden an?“ frug ich meinen Nachbar.

„Warum nicht?“ lautete die Antwort; „er ist der liebenswürdigste Mann, den man sich denken kann.“

Und so war es denn bald abgemacht, daß ich den alten Herrn zu dem Künstler begleitete.

Der in einer der westlichen Vorstädte gelegene sogenannte Lehmann’sche Garten – ehedem ein wirklicher großer Garten, jetzt meist parcellirt und mit casernenartigen Häuserzeilen bebaut – war das Ziel unserer Wanderung. Ziemlich am Ende des Grundstücks stieß uns ein alleinstehendes, von Blumen und Büschen umgebenes freundliches Haus entgegen.

„Hier wohnt Werner,“ erklärte mein Begleiter. „Sie sehen, er hat sich ganz leidlich zu betten gewußt.“

Wir traten ein. Der erste Blick bekundete mir, daß hier eine künstlerisch empfindende Frau dem Hauswesen vorstand; Treppe, Vorsaal, Zimmer – überall war der Rücksicht auf Schönheit ebenso viel Rechnung getragen, wie der auf Bequemlichkeit und Comfort. Das Allerheiligste des Hauses aber, das Atelier, erwies sich als eine rechte Heim- und Arbeitstätte der Kunst, zeigte daß ein Mann hier waltete, der sein ganzes Leben der Kunst gewidmet und sich durch sie die äußeren Mittel erworben hat, welche den Genuß des Daseins erheitern und erheben.

An der Thür zur Künstlerwerkstatt sehen wir einen schwerseidenen Thürvorhang herabrollen, welcher einst dem durch seine Ausgrabungen in Rom berühmten Cardinal Albani gehörte. In dem Zimmer selbst befinden sich geschnitzte Schränke aus Raphael’s Zeit, florentinische Arbeit; ferner ein altvenetianischer Bücherschrank aus Titian’s Tagen, ein Schränkchen von Salvator Rosa mit zwei Skizzen von demselben, einst auch in dessen Besitz. Die Stühle und Tische sind altitalienisch, die letzteren mit altitalienischen Decken belegt. An der Wand hängen mittelalterliche Lauten und Mandolinen, desgleichen mittelalterliche Waffen, unter diesen eine altitalienische Armbrust. Auf den Schränken stehen chinesische Vasen.

Inmitten dieser altehrwürdigen Erinnerungen an große Künstler und große Kunstzeiten steht der lebende und lebensvolle Künstler an seiner Staffelei und zeichnet und malt mit sicherer Hand und Alles wohlberechnendem Auge. Er ist von mittlerer, kräftiger Gestalt, lebhaft und leichtbeweglich. Sein Kopf, von blondem Haar und vollem Bart geziert, trägt das Gepräge einer höheren Geistesrichtung, wovon auch die Züge seines Antlitzes Zeugniß geben. Ein Grundzug seines Wesens ist eine sich stets gleichbleibende Heiterkeit, zu der sich eine freundliche, allseitig wohlwollende Güte gesellt, der wohlzuthun Freude ist.

Alljährlich einmal – so erzählte er mir selbst – veranstaltet er eine Bilderschau: da verwandelt er alle seine häuslichen Räume zu Ausstellungshallen, wo die zahlreich eingeladenen Beschauer einen hohen Genuß finden durch die Betrachtung der vortrefflichen Kunstwerke und der künstlerisch ausgestatteten Räumlichkeiten.

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Die Gartenlaube (1865) b 677.jpg

Karl Werner in seinem Atelier.
Nach dem Leben gezeichnet von A. Neumann.

Karl Werner ist einer der geschicktesten deutschen Maler unserer Zeit. Seine Hauptmeisterschaft bewährt er in der Architecturmalerei, dies ist seine eigentliche Specialität, daher er sich auch vorzugsweise als Architecturmaler zu bezeichnen pflegt. Die verschiedensten Arten von Bauwerken: Kirchen, Paläste, Burgen, Säle, Ruinen, Trümmerhaufen und Trümmerstücke finden durch seinen Pinsel die naturgetreueste Wiedergabe, so daß seine Bilder eine in der That täuschende Wahrheit besitzen und dem Beschauer gleichsam erst den Gestalten- und Farbenreichthum der Wirklichkeit zum vollen Bewußtsein bringen.

[678] Früher malte Werner in Oel, und seine Oelgemälde fanden verdiente Anerkennung; in Italien entschied er sich für die Benutzung der Wasserfarben. Diese geben, ohne durch den fettigen Glanz der Oelfarben den Eindruck zu stören, ein helleres Licht, womit sich eine größere Durchsichtigkeit der Farben verbindet. Der Reichthum und die Weichheit dieser Wasserfarben, sowie deren leichte Mischung verleihen den Bildern Werner’s ihren eigenen Zauber.

Zu der Vortrefflichkeit der Bauwerke und der Landschaft tritt bei ihm die Lebendigkeit und Naturtreue der menschlichen Gestalten, da er auch als Geschichts- und Volksleben-Maler Tüchtiges leistet. Dieser Vorzug Werner’s ist besonders hervorzuheben, da bei den Bauwerk- und Landschaftsmalern die Gestalten belebter Wesen häufig gar Manches zu wünschen übrig lassen.

Vor Allem aber müssen wir an Werner’s Bildern den dichterischen Hauch rühmen, welcher über seinen Gemälden schwebt und dieselben sichtbar und unsichtbar durchdringt. Dieser dichterische, echt künstlerische Geist zeigt sich zuerst in der Wahl und sodann in der Zusammenstellung der Gegenstände zu einem lebendigen Ganzen, von dem jedem einzelnen Theile eine Sorgfalt zugewendet ist, als ob er die Hauptsache wäre: und doch ist das einheitliche Ganze und das in demselben athmende Leben voll Empfindung und Gedanke die Hauptsache, die durch die sorgfältige Ausführung des Einzelnen zur vollen Geltung gelangt. Da tritt uns ein Stück geschichtlichen oder volksthümlichen Lebens in bezeichnenden Gestalten im Vordergrunde vor die Augen; im Hintergrunde gewahren wir ein steinernes Baudenkmal, eine Kirche oder eine Tempelruine, und ringsum lacht uns eine zauberische Landschaft entgegen, über welcher sich ein tiefblauer Himmel wölbt; denn vorzugsweise sind es Motive aus dem Süden, die sich Werner zu seinen Aquarellen wählt.

Karl Friedrich Heinrich Werner ist den 4. October 1808 in Weimar geboren. Sein Vater war in Weimar ein geachteter Gesang- und Clavierlehrer, und seine Mutter Corona geb. Becker, die Tochter von Christiane Neumann, welche Goethe in dem Gedicht „Euphrosyne“ besungen, eine beliebte Sängerin und Schauspielerin. Künstlerisches Denken und Wirken umgab also bereits die Wiege des künftigen Künstlers und blieb ihm als elterliches Erbtheil für sein ganzes Leben. 1809 siedelten die Eltern nach Mannheim über, von wo sie Küstner 1816 nach Leipzig rief.

Zuerst für das Baufach bestimmt, besuchte Werner 1824–1827 die unter Schnorr’s Leitung stehende Akademie der bildenden Künste, um sich im Zeichnen zu üben, und ging dann, nach bestandener Reifeprüfung, nach München, um unter Gärtner seine Baustudien fortzusetzen. Hier in München wandte er sich, angeregt durch den Umgang mit jungen Landschaftern, von der Baukunst der Malerei ausschießlich zu und machte in dieser Kunst so ausgezeichnete Fortschritte, daß er 1833 von München aus der sächsischen Regierung zur Unterstützung empfohlen wurde. Diese gewährte ihm ein Reisegeld auf drei Jahre, damit er jenseits der Alpen das gepriesene Land der Kunst und dessen Schätze mit eignen Augen schauen und dort die Meisterschaft sich erringen könne.

Italien wurde Werner’s zweite Heimath; er lebte hier fast durch zwanzig Jahre. Außer Venedig bot ihm besonders Rom so viele Herrlichkeit, daß er hier seine bleibende Wohnung aufschlug. Die Schätze der frühern und gegenwärtigen Kunst, die Bauwerke und Trümmer der alten und ältesten Zeit eröffneten dem jungen, mit Aug und Herz Alles in sich aufnehmenden und verarbeitenden Künstler ein weites und reiches Feld. Berufsgenossen und Freunde, zum Theil von höchster künstlerischer Bedeutung, wie die Bildhauer Thorwaldsen und Wagner, arbeiteten an seiner Seite und förderten sein Streben.

Neben den Beschäftigungen des erwählten Berufs betrieb Werner zu jener Zeit in Rom auch freie Künste, wir meinen die Reit- und Jägerkunst. Er war ein kühner Reiter, und fleißig durchstreifte er mit der Büchse die pontinischen Sümpfe, um dort die wilden Enten und Schnepfen zu jagen. 1840 stiftete er zu Rom den deutschen Künstlerverein, welcher noch jetzt besteht und dessen langjähriger Vorsitzender er war; diese Gesellschaft ist der Vereinigungspunkt der in Rom verweilenden deutschen Künstler und zugleich ein einflußreiches Mittel, die Kunst selbst zu fördern.

Von Rom aus machte er größere Ausflüge, um das ganze schöne Italien kennen zu lernen, z. B. 1835 nach Neapel und Sicilien, sowie wiederholt nach Florenz, Venedig und Genua. Als er am 3. Septbr. 1844 die letztere Stadt verlassen wollte und bereits sein ganzes Reisegepäck und seine reichgefüllte Malermappe auf das abfahrende Dampfboot gebracht hatte, um auf demselben die Nacht zu schlafen, wurde er von dem Geschäftsführer des Bootes aufgefordert, die Nacht auf dem Lande zuzubringen. Er ging darauf ein, da eben bei einem heftigen Schneegestöber ein gewaltiger Sturm wehte und das Boot in fortwährende Bewegung versetzte. Während er nun am Lande sich ruhig dem Schlummer überließ, wurde das Boot ein Raub der Flammen, ebenso ward sein Reisegepäck und seine Mappe in Asche verwandelt – ein für ihn höchst einpfindlicher Verlust. 1838 besuchte er Ungarn, 1853 Dalmatien, sowie England, was von da an alle Jahre geschah; 1856 Spanien, welcher Reise wir ein Heft „Alhambrabilder“ verdanken; 1857 verlegte er endlich seinen festen Wohnsitz nach Leipzig.

Im Jahre 1862 unternahm er eine größere Künstlerwallfahrt nach Palästina, wo er sich während des ganzen Winters in Jerusalem aufhielt und außergewöhnlicher Weise die Erlaubniß erhielt, die Moschee des Omar zu betreten und darin zu malen. Vermöge dieser Gunst haben wir zuerst durch Werner Ansichten von dem Innern dieser sonst allen Nichtmahomedanern verschlossenen Moschee erhalten. Besonders heimisch aber ist Werner in England; hier finden seine Bilder vorzugsweise Freunde, Bewunderer und Käufer.

Im Herbst 1864 unternahm er in Begleitung seiner treuen Lebensgefährtin, welche ihn auch schon nach Spanien und Jerusalem begleitet hatte, jene Reise nach Aegypten, Palästina und Syrien, von welcher er unlängst mit reich gefüllten Mappen zurückgekehrt war. Die Ausführung dieser Skizzen, die er uns mit größter Bereitwilligkeit durchblättern ließ, beschäftigte ihn eben, wie der Plan, demnächst eine Ausstellung ihrer vorzüglichsten Stückc zu veranstalten. Ein seltner Genuß erwartet da die Beschauer; sie werden aus dem alten Wunderlande Aegypten, sowie aus dem heiligen Lande und von den Bergen und Thälern des Libanon naturgetreue Darstellungen in neuer, echt künstlerischer, wahrhaft dichterischer Auffassung sehen und bewundern können.




Das Rauhe Haus.[1]
Ein Charakterbild aus dem Reiche der innern Mission.
II. Behandlung der Zöglinge. – Innere Mission. – Beschützer und Vorstände derselben. – Ihre Literatur und ihr Kampf gegen den Fortschritt. – Die Gönner und Colporteure des Rauhen Hauses. – Die rettende Liebe und der streitende Glaube.

Es verstrichen ein paar Wochen, bis das im ersten Abschnitte erwähnte Gespräch wieder aufgenommen wurde. Inzwischen hatte ich in Begleitung eines auswärtigen jungen Freundes der Anstalt noch einmal einen Besuch gemacht, bei dieser Gelegenheit den Inspector Rhiem getroffen und mit ihm eine mehrstündige Unterhaltung gehabt, durch die sich mein Urtheil über die Organisation und das Wesen des Rauhen Hanses in Einzelheiten klärte und im Ganzen befestigte. Ich fasse für den Leser in möglichst gedrängter Kürze zusammen, was ich der Freundin in behaglicher Breite auseinandersetzte.

Indem ich wiederum von der Kinderanstalt ausgehe, muß ich zunächst, wenn ich so sagen darf, die Anerkennung, die ich ihr hie und da gezollt, vervollständigen, oder richtiger die Vorurtheile, die ihr gegenüber herrschen, beseitigen. Man sagt, die Kinder werden dort mit barbarischer Strenge behandelt, bekommen viel Prügel, müssen hungern u. s. f. Diese Nachrede ist ohne Zweifel falsch. Sie ist, wie die andern sogleich zu erwähnenden, im Allgemeinen auf die instinctive Abneigung der hamburgischen Bevölkerung gegen die specifisch christliche Rettungsmethode überhaupt, im Besonderen auf einzelne in die Oeffentlichkeit gedrungene Fälle aus dem Leben des Rauhen Hauses zurückzuführen. Es kam und kommt vor, daß Kinder entlaufen, es kam sogar vor, daß Kinder sich zu entleiben versuchten, und das Publicum machte daraus seinen Rückschluß auf die Behandlung der Kinder. Wenn man jedoch bedenkt, daß [679] in der Anstalt Zöglinge sind, welche vor ihrem Eintrit den Diebstahl schon handwerksmäßig betrieben hatten, in die Reize eines liederlichen Vagabundenlebens und die Genüsse berauschender Getränke bereits tief eingeweiht waren, so verlieren diese ohnehin verhältnißmäßig seltenen Fälle ihr Auffallendes. Eine straffe Disciplin ist für eine solche Anstalt unerläßlich; von einer barbarischen Disciplin sind trotz der Wachsamkeit des Hamburger Publicums und trotz der offenen Thüren keine Fälle constatirt. Auch zu der landläufigen Behauptung, das Rauhe Haus erziehe die Kinder zu Kopfhängern und Pietisten, muß ich einen Vorbehalt machen. Was man für gewöhnlich Kopfhängerei nennt, der mondsüchtige, süßliche, sentimentale Pietismus der Romantiker regiert im Rauhen Hause nicht. Nicht, als ob es an Gewinsel über Sünde und Sündhaftigkeit fehlte, aber dasselbe hat ein Gegengewicht an dem Nachdruck, der auf den rechten Glauben, auf das orthodoxe Bekenntniß gelegt wird.

Endlich ist man in Hamburgs liberalen Kreisen wohl nicht immer ganz gerecht in Bezug auf die praktischen Leistungen der Kinderanstalt. Ich habe zahlreiche Hamburger Handwerker gefragt und von ihnen die einstimmige Antwort erhalten: „Man nimmt die Zöglinge des Rauhen Hauses ungern als Lehrlinge, sie werden leicht rückfällig oder sind heuchlerische Betbrüder.“ Es wird etwas Wahres hieran sein. Die Alternative, Rückfällige oder Heuchler zu werden, liegt für junge Menschen, welche aus einer mit Religion übersättigten Treibhausluft in die kühlere wirkliche Welt treten, sehr nahe. Der Unterschied ist zu groß, die meisten Zöglinge ergreifen ein Handwerk, gehen in Seedienst oder werden Knechte und Mägde – wer die religiöse, Freunde des Rauhen Hauses sagen natürlich die irreligiöse, Stimmung dieser Hamburger Kreise kennt, wird es von vornherein bezweifeln, daß die von Wichern und den „Brüdern“ gegebene Parole dort durchweg befolgt wird. Indeß muß man Zweierlei in Anschlag bringen: erstens, daß der in unserm großstädtischen Leben sonst ganz allgemeine Trieb, im Leben emporzukommen und es weiter zu bringen als es die Eltern gebracht haben, in der Kinderanstalt nicht nur nicht gepflegt, sondern eher systematisch unterdrückt wird; man giebt den austretenden Zöglingen durchschnittlich nur die dürftigsten Kenntnisse mit und predigt ihnen unter dem Namen der christlichen Demuth das bescheidene und resignirte Verharren auf den untersten Sprossen der socialen Rangleiter. Zweitens bemüht sich die Verwaltung des Rauhen Hauses nach Kräften, die Verbindung mit den entlassenen Kindern aufrecht zu erhalten, sie sorgt für deren Unterkommen bei frommen Meistern, in „christlichen“ Familien; sie versieht sie mit Lectüre, läßt sie durch Sendbrüder besuchen und heißt sie willkommen in der Anstalt, wenn sie dort Rath und Hülfe suchen oder die Festlichkeiten des Rauhen Hauses mit begehen wollen. Wie der niedrige Stand der Bildung aber ein Präservativ gegen die Heuchelei, so ist der dauernde Zusammenhang mit dem Mutterhause ein Präservativ gegen den Rückfall in alte Fehler oder Laster. Fasse ich Alles in Allem zusammen, so möchte ich dem Rauhen Hause das Verdienst nicht bestreiten, daß es jährlich zwanzig bis dreißig Kinder von der Gasse hinwegnimmt und an ein geordnetes, den Gesetzen entsprechendes Leben gewöhnt.

Und doch war die Rede von den schlimmsten Gegnern? Gewiß. Verirrt sich die in Hamburg herrschende Antipathie gegen die Rettungsanstalt auch hier und da zu schlechtbegründeten Anklagen und kleinlichen Urtheilen, so ist der antipathische Instinct im Ganzen doch nur zu wohl berechtigt. Ich habe schon einmal gesagt, daß man die Kinderanstalt nicht ablösen darf von dem Gesammtzweck des Rauhen Hauses: sie ist ein festeingefügtes Glied des Ganzen, ein integrirender Bestandtheil des großen, dem Dienste der inneren Mission geweihten Instituts.

Das Rauhe Haus mit allen seinen Verzweigungen ist ein geschlossener Cirkel. Brüder arbeiten als Missionäre in Hamburg und schaffen das lebendige Material für die Kinderanstalt; die Kinderanstalt ist das Recrutirungsmagazin für die „Brüderschaft“, denn die fähigeren unter den Kindern werden zu Gehülfen ausgebildet; die Kinder sind das Object, an dem die Brüder ihre Studien machen. Die literarische Propaganda wirkt für die Kinderanstalt; die letztere als in die Augen springendes Monument des Strebens und Schaffens für die Brüderanstalt und die Literatur des Rauhen Hauses. Dazwischen eingefügt, der Kinderanstalt coordinirt, steht das Pensionat, den höheren Sphären der Gesellschaft bietend, was jene den niederen Kreisen leistet. Alles aber – Unterricht und Literatur, Brüderschaft und Rettungsinstitut – durchdringt derselbe Sinn, derselbe Gedanke, derselbe Geist, der Geist der innern Mission.

Der Geist der innern Mission! Die innere Mission datirt in ihrer äußern und innern Bestimmtheit bekanntlich vom Jahre 1848. In Wittenberg trat damals eine Versammlung von etwa fünfhundert Personen, großentheils protestantische Geistliche, zusammen, das eigentliche Gegenparlament der Frankfurter constituirenden Versammlung. Sie schleuderte ihr Anathema gegen die volksthümlichen Bestrebungen, das Vaterland einig und frei zu machen, proclamirte das Festhalten am positiven, geoffenbarten Glauben als Mittel und Zweck ihres Wirkens und Strebens und setzte, energischer als das Frankfurter Parlament, sofort einen Vollziehungs-Ausschuß nieder, den Central-Ausschuß für die innere Mission. Der Central-Ausschuß hatte seinen Sitz in Hamburg und in Berlin. Wichern war die Seele des Ausschusses, wie er es noch heute ist. Was bisher an christlichen Rettungshäusern, christlichen Vereinen vereinzelt bestanden hatte, wurde nun in Zusammenhang gebracht. An die innere Mission klammerten sich alle religiösen, der freien Entwicklung feindlichen Elemente. An ihr rankten der preußische Treubund und ähnliche Vereine empor. Auf sie stützten, mit ihr verbündeten sich die Regierungen, von Manteuffel bis zu Hassenpflug und Hannibal Fischer und Bismarck. Hauptquartier und Arsenal ward das Rauhe Haus. Der geschmeidige Wichern besaß das Vertrauen Friedrich Wilhelm’s des Vierten und seiner Gemahlin Elisabeth; er wußte auch die höchsten Persönlichkeiten des jetzt regierenden Königshauses zu gewinnen. Er schlich sich mit bewundernswerther Gewandtheit von der Manteuffelei durch die „neue Aera“ zur neuesten Reactionsperiode. Er spielt, mutatis mutandis, bei den Hohenzollern der Gegenwart die Rolle des Pater Joseph bei dem Habsburger Ferdinand des siebzehnten Jahrhunderts. Von Missionswegen predigt man Gehorsam gegen die factisch bestehende Obrigkeit; von Regierungswegen empfiehlt man die Schriften der inneren Mission, leistet ihr Vorschub an allen Ecken und Enden und nimmt die Dienste der „Brüder“ in Anspruch.

Es ist eine ganz unverkennbare Aehnlichkeit zwischen dem Jesuitismus in der katholischen Kirche und der innern Mission in der protestantischen Welt. Beide bezeichnen ein krampfiges Emporraffen der altgläubigen gegen die ungläubige Welt. Die innere Mission will gleich der Gesellschaft Jesu den großen welthistorischen Proceß der Entwicklung aufhalten; als eine geharnischte Glaubensarmee wirft sie sich in die Bresche, welche Wissenschaft und Leben in die Dogmatik der protestantischen Secten, in den Buchstabenglauben, in die Lehren der Bibel gebrochen. Alles, was noch fest hält am Bekenntniß, am Buchstaben der Schrift, will sie sammeln; sammeln unter einer Fahne, in einem großen Heer, gegen einen Feind. Darum erscheint sie und erscheinen ihre Jünger in gewissem Sinne vorurtheilslos. Die Parole der innern Mission ist: kein Zank und Zwiespalt unter den Gläubigen; kein Streit um die alten Differenzpunkte unter den protestantischen Parteien, keine Polemik gegen den Katholicismus; fechten die Parteien immerhin unter den alten Fähnlein, wenn sie nur zusammenstehen unter der großen Fahne, als eine geschlossene Phalanx im Kampf gegen die rationalistische, ungläubige und halbgläubige, fortschrittliche oder indifferente Menschheit. So saßen oder sitzen Stahl und Wichern, Rathusius und Bethmann-Hollweg, Nitzsch und v. Tippelskirch, Snethlage und Senfft v. Pilsach (Oberpräsident von Pommern) brüderlich vereint im Central-Ausschuß für die innere Mission. Mögen sie abweichender Meinung sein in Bezug auf diese oder jene dogmatische Subtilitäten oder in Bezug auf einzelne politische Fragen: in der Hauptsache, in der Bekämpfung des gemeinsamen Gegners, sind sie einig.

Diese allerdings sehr begrenzte Vorurtheilslosigkeit hob der Inspector Rhiem, als ich mich mit ihm über die Tendenz des Rauhen Hauses unterhielt, sehr nachdrücklich hervor. „Man identificirt uns häufig mit der Kreuzzeitungspartei,“ sagte er, „aber das ist unrichtig.“ Ich fand keinen Grund, diese Behauptung zu bestreiten; denn in der That steht die Sache so, daß das Rauhe Haus und die innere Mission allerdings nicht eine Fraction der Kreuzzeituugspartei sind, daß die Kreuzzeitungspartei aber eine Fraction der Partei der innern Mission ist. Eine über die oben skizzirten Grenzen hinausreichende Vorurtheilslosigkeit jedoch, die der Inspector [680] Rhiem dem Rauhen Hause vindiciren wollte, konnte ich nicht gelten lassen. „Wir wollen,“ sagte Jener, „im Grunde nur dasselbe, was Schulze-Delitzsch mit seinen Genossenschaften, das Volk emporheben aus dem physischen und sittlichen Elend!“ – „Das kommt mir seltsam vor,“ entgegnete ich, „denn noch vor ein paar Tagen las ich in Wichern’s ,fliegenden Blättern aus dem Rauhen Hause (1864)’ einen von Wichern geschriebenen Aufsatz, worin derselbe constatirt, daß die Berliner Arbeiter und Genossenschafter sich auf das allen Religionen gleich heilige Gebot der Nächstenliebe und auf den Satz: .Bedenke, Mensch, wie groß Du bist, Dein Wille Dein Erlöser ist,' berufen, und in Folge deß ein Lamento anstimmt, daß man vom Christenthum nichts mehr wisse.“ – „Ich erinnere mich deß nicht,“ meinte Herr Rhiem, „aber – Wichern ist doch auch nicht das Rauhe Haus.“

Demjenigen, der das Rauhe Haus und die innere Mission kennt, wird diese, – darf ich sagen Verleugnung? – des Meisters nicht gar zu auffallend erscheinen. Die Partei weiß sich – auch darin ihrem katholischen Vorbilde ähnlich – nach dem Erforderniß des Augenblicks zu richten und nach der Decke zu strecken. „Bei Jünglingen,“ räth der Stuttgarter Prälat von Kapff, in einer vom Rauhen Hause verlegten, vom Centralausschusse der innern Mission herausgegebenen, gekrönten Preisschrift, „bei Jünglingen dürfen wir aber nicht zu fromm sein.“ Und als mein Freund Ludwig Walesrode vor mehreren Jahren die Anstalt in Horn besuchte, entschuldigte sich ihm gegenüber einer der höheren Beamten des Instituts wegen der Inverlagnahme und wegen des Vertriebs des berüchtigten schmutzigen Romans „Eritis sicut deus“ damit, daß derselbe von hoher Hand dem Rauhen Hause übermittelt worden. Eine Entschuldigung freilich, aber was für eine!

Indeß über das Wesen und die Tendenz des Rauhen Hauses kann trotz alledem für jeden nur ein wenig schärfer Hinblickenden kein Zweifel sein. Die Gesammtliteratur, der Gesammtverlag des Instituts ist eine untrügliche Quelle und ein unverdächtiger Zeuge.

Auf die eben citirte Schrift von Kapss, „die Revolution, ihre Ursachen, Folgen und Heilmittel“, mache ich vor allen Dingen aufmerksam. Sie ist ihrem Inhalte nach gleichsam das Compendium der Tendenzen der innern Mission, und der Preis, der ihr ertheilt ist, bürgt für das Ansehen, in dem sie steht. Nach ihr giebt es nur eine gemeinsame Quelle alles Bösen – den unkirchlichen, unchristlichen, ungläubigen Sinn, nur ein Heilmittel – den positiven Glauben. Zu dem grausen Bilde, das dort von der Revolution entworfen wird, haben die Schriften Heinzen’s, wie die Crawalle von 1848, die Bestrebungen der Demokratie, der liberalen Opposition und des flügellahmsten Fortschritts die Farben liefern müssen; Atheismus und Communismus, Rationalismus und Republicanismus ist bunt durcheinandergemengt; Alles, was freie Menschen lieben, wird verketzert, verdammt und denuncirt. Unsere Dichter, unsere Philosophen, unsere politischen Märtyrer werden begeifert; die Ideale Schiller’s sind nicht „hoch“ genug, weil der Glaube darin fehlt; gegen die Entwicklung der Wissenschaft, gegen die Freiheit der Presse und der Vereine ruft man das Evangelium und daneben den Polizeistaat zu Hülfe. Mit ekelerregender Lust wühlt der Prälat in den menschlichen Fehlern und Lastern, mit widerlichem Behagen verweilt er bei den einzelnen, bei jedem versichernd, daß die unchristlichen und unkirchlichen wie die rebellischen Gesinnungen daraus hervorgingen. Ich glaube, es giebt keine Gemeinheit, die der würtembergische Generalsuperintendent nicht hervorzieht. Er spricht des Breiteren von der Sünde Onan’s und setzt hinzu: „Wie bei vielen Ungläubigen, so gewiß (was wohl ein Lessing’scher Graf Appiani zu diesem „gewiß“ sagen würde?) bei vielen Revolutionären ist diese Sünde der Wurm, der das Herzblatt des Lebens zerfressen hat und taub macht gegen jede bessere Stimme.“ Er deutet auf den Gräuel Sodoms hin und fügt bei: „So beschmutzte Seelen sind natürlich Empörer gegen Gott und gegen alles göttliche und menschliche Gesetz.“ Jene jesuitische Methode, wonach die Wurzel aller freien Bestrebungen in den unfläthigsten Lastern, die Wurzel der unfläthigsten Laster im Abfall vom Glauben gesucht wird, jene Methode ist die des Prälaten Kapff und der inneren Mission überhaupt.

Denn die Winke, die der Prälat giebt, sind in den übrigen Schriften des Rauhen Hauses nur zu gut befolgt. Ich habe die meisten dieser Schriften gelesen, darunter gegen sechszig „Schillingsbücher“. Die letzteren verdienen vor allen Dingen Beachtung. Es sind lauter kleine Hefte von wenigen Bogen, großentheils je eine tendentiöse, novellistische Erzählung enthaltend. Ich weiß nicht, was ich an ihnen mehr bewundern soll, das Geschick, auf die verschiedensten Interessen, Bedürfnisse und Ideen des Volks einzugehen, oder das Geschick zu verleumden. Die Personen, welche redend und handelnd eingeführt werden, sind aus allen Sphären des niedern Lebens: das eine Mal ein reicher Bauer, das andere Mal eine arme Näherin, dann ein paar Buchdrucker, ein Messerschmied, ein Stadtsoldat, ein Schiffer etc. Bald ist die Tendenz recht grell aufgetragen, bald so versteckt, daß sie nur der Kundige findet, etwa in einem Hinweis auf die segensreiche Wirksamkeit Wichern’s und des Rauhen Hauses. Das ganze Register der specifisch-christlichen Töne, von der drastischen und cynischen Sprache der „Kreuzzeitung“ bis zu der jeden Anstoß meidenden Redeweise des „Daheim“, kann man da studiren. Auf die ökonomischen und materiellen Verhältnisse der kleinen Leute nehmen die Schillingsbücher besondere Rücksicht. Manchmal scheint es deshalb bei flüchtiger Lectüre sogar, als sei die Empfehlung der Sparsamkeit, der Ordnung, kurz der wirthschaftlichen und bürgerlichen Tugenden der einzige Zweck, bis man genauer nachsieht und den Hinweis auf den Glauben entdeckt. Tugend ohne den Glauben ist keine Tugend. „Ehrlichkeit,“ heißt es in einer Erzählung, „ist nur ein leeres Traumbild ohne die schauerlich bestätigende Bürgschaft des Himmels und der Hölle.“ Auch die reactionäre politische Tendenz offenbart sich oft nur in scheinbar ganz beiläufig hingeworfenen Bemerkungen; so etwa, wie in der Erzählung „Mönchsküche“ am Schlusse ein Säugling auftaucht mit einer schwarz-weißen Fahne in der Hand, oder wie in dem Schillingsbuche „nur ein Schwein“ den königstreuen Sackträgern von Danzig, denen gegenüber „die Demokraten und Rebellen sich nicht hätten mucksen dürfen“, eine Standrede gehalten wird.

Viele Schillingsbücher aber gehen directer auf das Ziel der innern Mission los und lassen deren Fahne freier flattern. Die politisch-religiöse Reaction spricht aus ihnen ohne Blume und ohne Scham und behandelt in allen möglichen Nüancirungen das Thema: aus der moralischen Verkommenheit entspringen der Unglaube und der politische Liberalismus und umgekehrt. Hier macht man sich die Sache einfach: man hält sich nicht etwa bei den Abstufungen des politischen und religiösen Liberalismus auf, man verurtheilt in Bausch und Bogen; man spricht sein Schuldig auf Motive hin, welche zwar nicht der Sache selbst entnommen, aber dem Volke verständlich sind; die Personen der Gegenpartei, welche geschildert werden, entbehren aller Moralität, sie sind schlechte Haushalter, unordentliche Leute, Verschwender, Trunkenbolde, Lügner etc. Die Demokraten, die Republicaner, die Freien und Freigemeindler, diejenigen, welche die Portraits freigemeindlicher Prediger oder dasjenige Robert Blum’s auf ihrem Zimmer hängen haben, sind regelmäßig verluderte Subjecte. Die Handwerkervereine – natürlich die Jünglingsvereine der innern Mission ausgenommen – sind die Brutstätten des liederlichen und lasterhaften Lebens; der schwarze Kasten am Rathhause, wo man die Civilehen proclamirt, wird signalisirt als ein Schlupfwinkel für liederliche Dirnen und unehrliche Mädchen.

Was die Wirkung dieser vergifteten Pfeile, welche die Schillingsbücher in Gestalt von Anklagen auf Immoralität und von Denunciationen auf den gesammten Liberalismus abschießen, glücklicherweise schwächt, ist die anderweitige Inhaltlosigkeit und geistige Armuth jener Scharteken.

Auf eine Widerlegung der gegnerischen Meinungen, auf Gründe lassen sie sich nicht ein. In einem der Hefte wird einem Gläubigen eine Schrift gegeben, welche die Wunder Jesu kritisirt und von Widersprüchen in der Bibel redet; es wird sodann gefragt: „Was sagst Du dazu?“

„Gar nichts!“ sagte der Gefragte.

„Gar nichts?“

„Nein, gar nichts, denn mit Leuten, die dergleichen schreiben und die dergleichen für wahr halten, läßt sich nicht disputiren und aus dem Disputiren kommt ohnedies nichts heraus. Ich für meinen Theil thue dies nicht mehr. Wer zum Glauben nicht Lust hat, wird ihn aus dem Disputiren nicht lernen.“

Selbstverständlich sind damit die Schriften Strauß’s, Renan’s, Sckenkel’s, Wislicenus’ und die Bestrebungen des Protestantentags verurtheilt.

[681] Mit dieser Theorie machen die Schillingsbücher in der That Ernst. Sie discutiren über den Inhalt und die Berechtigung der freieren Ansichten nicht, sie begründen den Glauben nicht, sie stellen ihn nur hin als eine conditio sine qua non des sittlichen Lebens und der Seligkeit, als das höchste Gut. Der Glaube hat einen unschätzbaren Werth an sich und deckt vieles Andere zu. Von diesem Standpunkte aus kann man einen Werth darauf legen, wenn ein wüster, zum Nachtwächter degradirter, aber zum Glauben bekehrter Bauer in seinem nächtlichen Rundgesange den dreieinigen Gott lobt, aber außer der Predigt von Buße und Glauben, von Gehorsam gegen die Obrigkeit und von der Sünde und den Sündern bringt man dem Volke auch nichts. An dessen intellectuelle Fähigkeiten wendet die innere Mission sich nicht, dessen geistigen Horizont sucht sie nicht zu erweitern. Diese Welt soll womöglich bleiben, wie sie ist, dörflich, spießbürgerlich, die Vernunft in den Fesseln des Glaubens. Wie man sein Schwein mästet und seinen Acker baut, darüber hinaus soll man nicht denken! Man hat den Katechismus und die Sonntagspredigt, darüber hinaus soll man nicht grübeln!

Mit dieser geistigen Bettelhaftigkeit, die sich nicht nur in den Schillingsbüchern, sondern auch in dem Unterrichtsplan des Rauhen Hauses ausprägt und in dem übrigen Treiben der innern Mission nur mit Mühe verdeckt wird, – mit dieser geistigen Bettelhaftigkeit wäre die innere Mission und mit ihr das Rauhe Haus auch niemals die Macht geworden, die sie sind, wenn sie an dem reactionären Staate unseres Jahrhunderts nicht eine Stütze gefunden hätten. An der Hand des vormärzlichen hamburgischen Polizeistaates kam das Rauhe Haus empor; Senatoren saßen im Verwaltungsrath desselben, die Polizei vermittelte anfangs dem allgemein verbreiteten Gerüchte zufolge, daß die Kinderanstalt Zöglinge bekam, der öffentliche botanische Garten in Hamburg lieferte für die Anlagen in Horn Pflänzlinge von Bäumen und Gesträuchen. Der nachmärzlichen politischen Reaction hat sich die innere Mission mit ihrem Centrum, dem Rauhen Hause, unentbehrlich zu machen gewußt: sie gilt jener als der festeste Damm, der sich der freien Entwickelung entgegenbauen läßt.

Niemand wird verkennen, von welch’ bedeutendem Einfluß es schon sein muß, wenn die höchsten Würdenträger des Staats, die, wie die Listen der Beiträge zum Rauhen Hause ergeben, die Hauptgönner und Förderer derselben sind, mit freigebiger Hand ihre Schatullen öffnen zum Besten eines Bundes von Gläubigen, die es meisterhaft verstehen, diese Huld der „Großen“ mit christlicher Demuth bei „kleinen Leuten“ zu verwerthen. Wenn der König von Preußen für das nach dem Muster des Rauhen Hauses gegründete und organisirte Johannesstift in Berlin Tausende schenkt, und wenn die Königin einen „Bruder“ des Rauhen Hauses zu ihrem Almosenier ernennt, so sind das Signale, die von den Staatsministern, den auf Avancement hoffenden Beamten, dem Hofadel und dem weiblichen Personal der Reaction rasch verstanden werden. Aber dieser Einfluß maßgebender Personen, so nützlich er der Partei ist, hat immerhin doch nur einen privaten Charakter. Indeß er erstreckt sich weit über die Privatschatulle hinaus. Zunächst auf die Kirche, deren wichtigste Aemter zum großen Theil unter gar keiner oder unter einer sehr beschränkten Mitwirkung der Gemeinden von den fürstlichen summis episcopis besetzt werden. In Mecklenburg, in Hannover, in den Lippe’schen Fürstenthümern und vor Allem in Preußen sind z. B. die höchsten Kirchenämter durchweg im Besitz von Parteigängern der innern Mission. Unter ihrem geistlichen Druck bilden und erweitern sich Missionsvereine, werden Rettungshäuser gestiftet und wird die literarische Propaganda organisirt. Von der Kirche rückt der Einfluß dann weiter auf die Schule: der Lehrstoff wird für sie zugemessen und zugeschnitten nach rauhhäuslerischem Maß, und manchem armen rationalistischen Volksschullehrer wird von seinem Geistlichen das irdische Leben so lange heiß gemacht, bis er empfänglich geworden ist für das himmlische Commißbrod eines Wichern und seiner schwarzen Garde.

Und auch hiermit ist die Unterstützung, die der Staat dem Wirken dieser die Freiheit, Vernunft und Wissenschaft bekämpfenden religiösen Fraction leistet, nicht erschöpft. Die zweitausend Thaler Kostgeld, die aus preußischen Staatsmitteln an die Brüderschaft des Rauhen Hauses gezahlt wurden, sind zwar auf Veranlassung des Abgeordnetenhauses zurückgezogen, und ich kann nicht behaupten, daß ein Landesfonds gemeint ist, wenn Wichern berichtet, daß der Staatsminister Graf zu Eulenburg „einen zu seiner Disposition stehenden Fonds von 2500 Thalern“ dem Johannesstift überwiesen habe. Aber die Verwendung der Brüderschaft, der geistlichen Corporation, im Dienste des preußischen Staats, in den Strafanstalten desselben – eine Verwendung, die von Holtzendorff mit Recht so scharf gerügt worden ist – dauert fort, und, was praktisch noch viel bedeutsamer, der Staat gewährt dem rauhhäuslerischen Treiben auf dem Boden des Vereinslebens und der Presse eine völlig privilegirte, monopolisirte Stellung. Den Verfolgungen und Maßregelungen von Arbeitervereinen, freien Gemeinden und liberalen Preßorganen muß man die ungehemmte Bewegung der Missionsvereine und die ungestrafte Circulation der rauhhäuslerischen Literatur, worin ein unbedingter Gehorsam gegen die „Obrigkeit von Gott“ gepredigt und verfassungsmäßige Institutionen des modernen Staats geschmäht und verketzert werden, nothwendig entgegenhalten, um eine richtige Vorstellung von der Lage der Dinge zu gewinnen.

Aber immer noch nicht genug: der Staat, d. h. die Inhaber der Staatsgewalt, helfen selbst bei der Verbreitung der Literatur der innern Mission. An sich ist die literarische Propaganda allerdings auch schon wohl organisirt. Die Brüder des Rauhen Hauses in der Fremde sind die natürlichen buchhändlerischen Agenten. Sie stehen meist in der Mitte von Vereinen, deren Mitglieder Abonnenten auf die fliegenden Blätter des Rauhen Hauses und Abnehmer anderer Schriften sind. Diese Abnehmer vertheilen die Schriften gratis. Aber die Missionsvereine oder in ihrem Namen die „Brüder“ engagiren auch besondere Colporteure, die entweder jahraus jahrein oder jährlich ein paar Monate lang je einen bestimmten Bezirk bereisen und gegen einen Taglohn oder gegen Rabatt ihre Schriften an den Mann zu bringen suchen. In den Städten ist der Absatz meist gering, auf dem Lande größer. Die Colporteure dieser billigen, nur nach Pfennigen berechneten Broschüren sind ohne Concurrenten und würden auch bei eintretender Concurrenz in den von der Cultur wenig beleckten ländlichen Districten, zumal wenn ihnen das Fürwort des Pfarrers oder Küsters nicht fehlt, einstweilen noch siegreich bestehen. Indeß, wie gesagt, auch hier hilft der Staat. Nicht nur durch die officielle Empfehlung der Literatur des Rauhen Hauses und der innern Mission, sondern in den fliegenden Blättern Wichern’s lese ich in dem Bericht eines schlesischen Missionsvereins, daß den Landräthen von einer Schrift je hundert Exemplare zugeschickt wurden. Daß diese sie an die Dorfschulzen u. s. w. befördert haben, steht nicht dabei, aber nach dem, was mit den reactionären politischen Blättern vorgekommen, ist nicht daran zu zweifeln.

Die innere Mission und das Rauhe Haus sprechen von der „rettenden Liebe“, allein dasjenige, um das es ihnen eigentlich und hauptsächlich zu thun, ist der „streitende Glaube“. Auf diese Predigt des streitenden verfinsternden Glaubens hin giebt ihnen der Absolutismus ein Privileg und ein Monopol. Und in dieser privilegirten Stellung, die sie in dem größten Staate Deutschlands einnehmen, ruht die Gefahr, womit sie das deutsche Leben bedrohen.

Um so mehr Ursache haben die Philanthropie und der gesammte Liberalismus, dem Rauhen Hause und Allem, was mit ihm zusammenhängt, gegenüber, die Augen offen zu halten. Hier ist das Hauptquartier eines gefährlichen, gemeinschaftlichen Gegners. Es mag als eine komische Consequenz erscheinen, wenn der rationalistische Hamburger Hauptpastor Schmalz es einstens ablehnte, der Uebermittler einer für das Rauhe Haus bestimmten Gabe zu sein, aber im Grunde hatte der Mann doch Recht. Mit dieser jedem Fortschritt sich entgegen stemmenden Institution, mit diesem nach rückwärts gewandten Verein, mit diesem auf dem positiven Glauben und dem mittelalterlichen Dogma fußenden Bruderbunde sollten wir Kinder der modernen Welt, die wir nur ein Fünkchen von Liebe hegen für die Freiheit und für freie Einrichtungen, freie Kunst und freie Wissenschaft, keine Gemeinschaft haben, ihnen keinerlei Vorschub leisten.

Karl Volckhausen.



[682]
Vom Marschall Vorwärts unter den Lehrern.
Vom Director Wichard Lange in Hamburg.
Zur Geburtstagsfeier eines Gemaßregelten.


1. Die Achse bricht.

Ein alter klapperiger Postwagen fuhr in die große Friedrichsstraße Berlins. Darinnen saß eine Familie, bestehend aus zehn, zwei älteren und acht jugendlichen, Häuptern. Der Mittelpunkt des Kreises, ein breitschultriger Mann von untersetzter Gestalt, hoher Stirn und buschigen Augenbrauen, unter denen ein paar tiefliegende Augen hervorblitzten, betrachtete die hohen Gebäude zur Rechten und zur Linken mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit. Um den scharf zugekniffenen, fast lippenlosen Mund zuckte es bisweilen, als verdrängte ein Gefühl das andere und als wogten große Entschlüsse in der Seele des Mannes. Selbst die feingeschnittene Adlernase verrieth in ihren leisen Bewegungen die innere Unruhe. Das Ziel der Reise lag nahe. Der alte Postwagen bog ein in die Oranienburger Straße. Die letzte Schwenkung, welche man ihm zugemuthet hatte, schien er übel vermerkt zu haben. Er stöhnte und knarrte verdächtig, erlaubte sich reglementwidrige Bewegungen und stand endlich still: die Achse war gebrochen. Der Mittelpunkt des Kreises aber ließ sich nicht wesentlich durch diese Tücke alteriren. Er stand fröhlich auf, zählte wohlgemuth die theuren Häupter seiner Lieben und schritt mit ihnen einem unansehnlichen Hause zu, das seine zukünftige Werkstatt bilden sollte. Hier, in dem ehemaligen Entbindungsinstitute, sollte er die Geister der Jugend hinfort entbinden, die der schulpflichtigen Kindheit und die der Jünglinge, die da berufen waren, die Söhne des Volks zu erziehen und zu bilden, weil „Gott will, daß allen Menschen geholfen werde, und daß sie alle zur Erkenntniß der Wahrheit kommen.“

Diesterweg – denn er war’s, der am 5. Mai 1832 am Morgen, als gerade der Mercur durch die Sonnenscheibe ging, in Berlin einzog – hatte sich bereits in Mörs in Rheinpreußen seit 1820 als ein Meister in der Kunst der Menschen- und Lehrerbildung bewiesen. Sein Ruf durchdrang die pädagogische Welt. An der neuerrichteteten Anstalt in der „Metropole der Intelligenz“ sollte der Hervorragendste und der Beste wirken. Männer, wie der Bischof Roß, Kortüm und Strauß hatten es so gewollt, und der Minister Altenstein hatte es also beschlossen. Und so beriefen sie nach Berlin den Pionier der Volksbildung, über dessen Wirksamkeit am Rhein sich Schmitthenner also geäußert hatte: „Preußen hat am Rhein in Coblenz, Köln und Wesel drei furchtbare Festungen gebaut und ausgebaut zum Schutz und Trutz gegen die Nachbarn und zur Sicherung des Reichs. Aber es hat eine andere aufgethürmt, die ist noch stärker und fester, das ist die Cultur des Volks. An dieser nun hat der Dr. Diesterweg bauen helfen und beim Geniewesen tüchtige Dienste gethan, wie er denn ein ziemlicher Meister ist in Licht und Feuerwerk. Darum hält ihn der Staat in Ehren.“ Er hielt ihn wenigstens damals in Ehren, und der Meister begann seine Wirksamkeit mit aller Energie und aller Begeisterung, wie sie einer großen, sich ganz an eine Idee verlierenden Seele eigen zu sein pflegen.

Da sitzen die neuaufgenommenen Jünglinge im Saale der Anstalt und harren halb freudig, halb ängstlich des Meisters. Er tritt mit schnellen, ja hastigen Schritten mitten unter sie. Die linke Hand ruht in der Westentasche, die rechte fährt in raschen Wiederholungen über die breite und hochgewölbte Stirn. Er setzt sich und richtet durchbohrende Blicke auf die Einzelnen, als wollte er Jeden fragen: „Wer bist Du und was willst Du hier?“ Es entspinnt sich schnell ein lebhafter Dialog. Heraus müssen Alle aus ihrem Häuschen, denn die Macht des Geistes ergreift sie und führt sie in neue, noch nie von ihnen erschaute Welten. Und welche Ueberraschungen erfahren sie in diesen Welten! Der Eine glaubt zu wissen, und siehe, er erfährt, daß er nichts weiß; der Andere hält etwas auf die Vorzüge seines Geistes, und siehe, er erscheint sich selber schließlich einfältig und der Klarheit und geistigen Schlagfertigkeit in hohem Grade bedürftig; ein Dritter glaubt es in der Tugendhaftigkeit schon einigermaßen weit gebracht zu haben, und siehe, er erschrickt vor der Hoheit des Ideals, das der Meister ihm gezeichnet hat, vor den riesigen Anforderungen, die er an den Erzieher stellt, der sich für den Zögling zu heiligen und ihm vorzuleben habe, wie ein vollkommenes und zu allen guten Werken geschicktes Menschenbild sein müsse. Und da gehen sie schließlich hinaus, die Jünglinge, fast verstört und verwirrt. Alle durchdringt nur ein Gefühl, das der geistigen Armuth nämlich; Alle sind sich bewußt, ein heiliges Land betreten zu haben, in welchem nur die größte Arbeitsamkeit und Strebsamkeit, die vollste Hingabe und Aufopferungsfähigkeit des Gemüths, nur Seelenreinheit und Tugendhaftigkeit zum Ziele führen kann. Und sie fangen an zu ringen „mit Furcht und Zittern, daß sie selig werden“. Der Meister läßt ihnen keine Zeit zu Albernheiten und Nichtsnutzigkeiten. Er erfaßt und disciplinirt sie innerlich und läßt sie äußerlich unbeschränkt ihre Wege gehen, alle klösterliche Eingeschnürtheit, alle äußere despotische Knechtung als unverträglich mit der Bildung zur freien Strebsamkeit und Selbstständigkeit vermeidend. Und wenn sie reifer geworden sind und die ersten praktischen Studien unter seinen Augen und seiner unerbittlichen Kritik gemacht haben, dann führt er sie hinein in die Bildungswerkstätte der Kindheit. Er flößt ihnen Respect ein vor der Menschennatur, die da ist ein Strahl aus der unermeßlichen Tiefe des göttlichen Geistes und dabei eine „Repräsentation der Menschheit in eigenthümlicher Mischung ihrer Elemente“.

Der Mensch ist wie eine Blume im großen Garten Gottes. Er ringt, das, was der Schöpfer in ihn hineinlegte, aus sich heraus zu gestalten. Nichts kann aus ihm „gemacht“ werden; er muß sich entwickeln „nach dem Gesetz, wonach er angetreten, und kann sich nicht entfliehen“. Der Erzieher hat zu wachen, daß keine schädlichen Einflüsse hemmend und störend auf die Werdelust einwirken, welche jedem Kinde innewohnt. Er hat für Licht und Luft zu sorgen; er hat gesunde Nahrungsmittel zu bieten, so zu bieten, daß überall Maß gehalten werde und daß durch die Aufnahme der geistigen Nahrung der Geist selber erstarke und sich lustig entwickle, wie die Pflanze an einem wohlgeschützten und gepflegten, nahrhaften Platze im Garten. Das Lernen in wirkliche geistesnährende und geistesentwickelnde Assimilation zu verwandeln, das ist Methodenkunst; den Zögling dahin zu bringen, daß er selbst denkt und urtheilt, daß er im Stande ist, kräftig und energisch auszuführen, was Vernunft und Gewissen von ihm fordern, sein Gemüth zu richten vom Irdischen und Vergänglichen auf das Ewige und Unvergängliche, den Entschlnß in ihm anzuregen, in dem großen Schulhause, auf der Erde, sich seinem göttlichen Vorbilde so viel als möglich zu nähern, ihn endlich auszustatten mit praktischer Tüchtigkeit für dieses Leben und seinen irdischen Beruf und seine physische Kraft zu wahren und zu stärken – das ist Erziehungskunst. Und in diese Kunst suchte der Meister, der die Meißel vortrefflich zu führen verstand, seine Jünger recht tief einzuweihen. Er brachte sie auf eine Bahn, die der einigermaßen Tüchtige unmöglich wieder verlassen konnte, verurtheilte oder begnadigte sie zu des „Weiterschreitens Qual und Glück“ und lehrte sie ruhelos ringen nach den höchsten Idealen der Menschheit. –

2. Er trägt die Büste Pestalozzi’s.

Der 12. Januar 1846, der hundertste Geburtstag Pestalozzi’s, kam heran. Große Seelen sind auch immer in unbeschränktem Maße dankbar. Er, der Meister, schrieb von den Erfolgen, die er errang, recht wenig auf seine Rechnung und recht viel auf die des schweizerischen Liebeshelden, bei dem alle deutschen Lehrer in die Schule gegangen sind und dessen Werk von Niemand mehr gefördert worden ist, als von unserem Marschall Vorwärts. Wie hätte er es unterlassen können, auf den Geburtstag Pestalozzi’s hinzuweisen und zu einer erhebenden Feier aufzufordern! Wir kamen zusammen im Englischen Hofe in Berlin und saßen an gemeinschaftlicher Tafel. Herrlich ertönte die Musik und kräftige Männerstimmen sangen:

„Meine Brüder, welche Zeit
Hat uns Gott gegeben!
Um das Allerhöchste Streit,
Kampf auf Tod und Leben.
Sollen wir in träger Ruh
Säumig sie verpassen?
Nein, ihr Brüder, immerzu:
Nur nicht locker lassen!“

[683] Herz und Mund förderten die schönsten Ideen zu Tage. Er aber ergriff schließlich die Büste Pestalozzi’s und trug sie im Saale umher. Eine feierliche Procession erfolgte. Sein Herz floß über von Verehrung und Dankbarkeit, und unvergeßliche, das ganze Sein bis auf das Mark erschütternde und zur Treue und zur That entflammende Worte entströmten seinen Lippen. Die Feier rauschte vorüber. Wir jungen Männer aber fühlten in tiefster Seele, was Pietät, was Dankbarkeit sei, und wir nahmen uns vor, treu zu bleiben, auch wenn sie Alle untreu würden, und für die freie Entwickelung der Menschennatur und die Entwickelungsfreiheit der cultivirten Menschheit, für die Pestalozzi den Kampf auf dem Gebiete der Erziehung eröffnet hat, unser Leben voll und ganz einzusetzen.

Es entstand der Gedanke, für die Waisenerziehung im Pestalozzi’schen Sinne durch Errichtung von Pestalozzistiftungen zu wirken. Er fiel auf fruchtbaren Boden, und an verschiedenen Punkten des deutschen Vaterlandes blühten derartige Anstalten auf – schöne Denkmäler jener erhebenden Feier! Zur Gründung derselben war natürlich die Beihülfe Vieler erforderlich. Ein Gesuch um Unterstützung gelangte auch an die höchste Stätte. Es wurde abschlägig beschieden. Der Geist, so hieß es, der sich in Diesterweg’s Bestrebungen und namentlich in der Pestalozzifeier kund gegeben, sei nicht der Pestalozzi’sche Geist, und man werde seine Unterstützung so lange zurückhalten, bis man die Ueberzeugung gewonnen habe, daß man es sich zur alleinigen Aufgabe mache, „in wahrer christlicher Liebe und Selbstverleugnung die Idee der Waisenerziehung verwirklichen zu helfen.“

Wie war uns jungen Leuten denn? War das keine christliche Liebe und Selbstverleugnung, die sich in der ganzen und vollen Hingabe Diesterweg’s an die erziehliche Aufgabe der Gegenwart, an seinen Beruf kundgab, die ihn in der frühesten Frühe an den Arbeitstisch und zu der rastlosesten Anstrengung zum Wohle der Kindheit und des Lehrerstandes trieb, die ihn 1820 den festen Entschluß fassen ließ, abzusehen von der Wirksamkeit an den Gelehrtenschulen und Angesichts der geistigen und materiellen Noth des Volks mit allen Kräften, die ihm Gott verliehen, für die Bildung des Volkes zu wirken? War das nicht Selbstverleugnung, welche Diesterweg trieb, sich als einen geringen Schüler des Mannes hinzustellen, dessen Menschenliebe die Quelle der heutigen Volkserziehung geworden ist und der trotz aller welterbarmenden Liebe und Hingabe dennoch der Unchristlichkeit bezichtigt wurde?

Es war eine andere Zeit gekommen. Auf das Ministerium Altenstein folgte das Ministerium Eichhorn. Das Hegelthum beherrschte nicht mehr die Geister, sondern hatte einer orthodoxen, sogenannten neulutherischen Richtung Platz gemacht, und diese Richtung, welche mit dem Pestalozzi’schen Principe der freien Entwickelung und der Erziehung zur Selbstthätigkeit und Selbstständigkeit, zur geistigen Freiheit des Individuums in unversöhnlichem Gegensatze steht, gelangte zur Macht und zu einem Alles bestimmenden Einflusse.

3. Die Achse bricht wieder.

Es traten in Berlin Vereine für das Wohl der arbeitenden Classen in’s Leben. Es gebührt dem Jugendschriftsteller Ferdinand Schmidt die Ehre, in Betreff ihrer Errichtung und Förderung bestimmenden Einfluß ausgeübt zu haben. Die Leute, welche sich zum Wohle des Volks zusammengethan hatten, hielten gar lebhafte und bewegte Versammlungen. Es nahte eine neue Zeit. Schon waren die Sturmvögel im Anzuge. Und sie benützten jede Gelegenheit, sich bemerkbar zu machen. So auch die Versammlungen des Vereins für das Wohl der arbeitenden Classen. In einer besonders stürmischen Sitzung war der Präsident, ein Bürgermeister Berlins, nicht vorhanden. Hatte er geahnt, was kommen werde? Diesterweg, der Vicepräsident, präsidirte gezwungen und nothgedrungen. Die Versammlung nahm einen für die damalige Zeit auffälligen, ja unerhörten Verlauf. Die Zeitungen verkündeten das Schreckliche. Diesterweg hatte am Präsidententische gestanden: die Achse knarrte.

Im Jahre 1845 feierte man im Tivoli bei Berlin unsern Pädagogen, der vor einundzwanzig Jahren das Seminardirectorat in Mörs übernommen hatte. Die Sturmvögel hatten sich auch diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Wieder berichteten die Zeitungen; wiederum hatte Diesterweg an der Spitze gestanden: die Achse knarrte zum zweiten Male. Vor den Jünglingen im Seminar erschien mitunter ganz plötzlich, wie ein Dieb in der Nacht, ein kleiner, freundlicher Mann mit geröthetem Gesichte. Alle freuten sich über seine Erscheinung und beantworteten gar gern seine Fragen, die Menschenfreundlichkeit, Wohlwollen, geistige Tüchtigkeit und Gelehrsamkeit verriethen. Er stand offenbar mit unserm Meister in dem freundschaftlichsten Verhältnisse und Einer freute sich, wenn der Andere erschien. Dieser Mann, der Schulrath Lange, blieb plötzlich aus und an seine Stelle trat eine breite, vierschrötige Gestalt mit einem Auge und sehr entschlossenen, aber auch geistvollen Zügen des Antlitzes. Die Jünglinge betrachteten diesen Wechsel mit Bangen; denn der Meister hielt sich verschlossen und still; ja er scheute offenbar jede Begegnung mit dem neuen Schulrath Otto Schulz. Der Mann zeigte sich übrigens leutselig und freundlich; aber der Meister verschwand, und das war genug, um Alle mit banger Besorgniß zu erfüllen.

Das Jahr 1847 kam in’s Land. Eine Untersuchungscommission erschien. Der Director blieb im Kämmerlein und ließ Alle untersuchen, die Lust dazu hatten. Wer hätte etwas Anderes finden können, als eine wohlorganisirte und eigenthümlich geleitete Schule, einen Kreis begeisterter und strebsamer Jünglinge, ein geeinigtes und anhängliches Collegium? Dennoch wurden die Gemüther wie durch Gewitterschwüle geängstigt und zusammengepreßt. Die Jünglinge steckten die Köpfe zusammen und erzählten von gar sonderbaren Fragen, die der eine Untersuchungsrichter in Betreff ihres Directors an sie gerichtet habe. Dieser Eine unterrichtete auch die Seminaristen. „Es sei keine Kunst,“ so redete er zu ihnen, „tüchtig zu antworten bei einem solchen Lehrer, wie ihr Director einer sei; er wolle sehen, ob man auch unter der Führung einer geringeren Größe zu folgen wisse.“ Und so fragte er, und die Antworten erfolgten, wie die Fragen lauteten, und die durch böse Ahnungen gefolterten Seelen gaben sich einer wunderbaren Naivetät und Offenherzigkeit hin. Die Augen des so innig Verehrten leuchteten; sein Antlitz lächelte: er erkannte die Seinen. Man sollte anklagen und mußte doch laut loben. Fast schien es, als seien die Untersuchenden die Angeklagten. – Und dennoch! Einige Monate gingen vorüber. Am Eingange in die erste Etage des Hauses Nr. 29 in der Oranienburger Straße standen die Worte: „Diesterweg in Amtsgeschäften zu sprechen um 12 Uhr“. Eine jugendliche Hand hatte dabei bemerkt: „Leider nicht mehr!“ Die Achse war wieder gebrochen. Im Juli 1847 wurde der Meister seines Postens enthoben.

4. Am Hafenplatz.

Und jetzt wohnt der Meister in einem hübschen Hause am Hafenplatz. Und vor ihm liegt das Denkmal auf dem Kreuzberge, welches an das Kreuz erinnert, an welches das nicht volksthümliche Preußen bereits genagelt war, und an den gewaltigen Sprung, den das volksthümliche Preußen vom Kreuze herab that und der so kühn war, daß der größte militärische Genius unserer Zeit dadurch von seiner Höhe herabgestürzt wurde. Der Geist, welcher den pädagogischen Altmeister stürzte, hat sich seinen Ausdruck gegeben in den bekannten preußischen Regulativen, deren Forderungen alle dem entgegen stehen, wofür er ein langes Leben hindurch gerungen und gearbeitet hat. Er hat diese Regulative bekämpft mit aller Schärfe und Energie seines Geistes; er ist auch am Hafenplatz nicht müde geworden, für die Geltendmachung des Princips der freien, organischen Entwicklung in der Schule und im Leben zu wirken. Er ist aus dem letzten Unfalle unversehrt hervorgegangen, wie damals an der Ecke der Oranienburger Straße. Geblieben ist ihm seine volle Arbeitskraft, seine geistige Frische, die Liebe seines Herzens zur Menschheit, die ihn stets getrieben hat, gegen sein eigenes Interesse für Wahrheit, Recht und Menschenwohl, für Freiheit und Freimachung der Geister zu kämpfen und zu dulden. „Er durfte nur wie Andre wollen, und wär’ nicht leer davon geeilt.“ Geblieben ist ihm endlich die Liebe zu unserer Nation, der er gern zu einer wahrhaften National-Volksschule, die an die Stelle der Confessionsschule zu treten hätte, verhelfen möchte. Er schätzt nach wie vor mit Lessing das Streben nach Wahrheit höher als die Wahrheit selber, haßt die Charakterlosigkeit, Lug und Trug und sucht die Lehrerwelt anzufeuern zu selbstständiger ruheloser Strebsamkeit. Er sucht ihnen, den Lehrern, eine bessere Stellung zu erringen, der Schule eine gedeihliche Unabhängigkeit zu erkämpfen.

Immer noch arbeitet er wie ehedem; ja, obgleich er dem ihm eigenthümlichen Boden entrissen ist, aus dem er stets reichliche [684] Nahrung für seinen Geist und Anregung zu neuer That sog, so nimmt er sogar noch Theil an den methodischen Bestrebungen der Gegenwart und erfreut die vorwärtsstrebende Lehrerwelt nicht allein durch die Lichtblitze und Leuchtkugeln seiner rücksichtslosen Kritik, sondern auch noch durch eigene Schöpfungen, wodurch er die überaus zahlreichen Produkte seines Geistes noch immer zu vermehren weiß. Wer kennt sie nicht? Wer ist nicht durch sie angeregt und belehrt worden? Wer unter den strebsamen Lehrern hat nicht seinen anregenden, läuternden und erhebenden Einfluß verspürt? Sein Geist steht da in voller Blüthe, während der Leib fast als ein zu armseliger Träger dieses Geistes erscheint. Und diesen Leib schont der gegen sich rücksichtslose Mann in keiner Weise. Kaum kann er sich überwinden, dem nagenden Zahne der Zeit irgendwelchen Einfluß einzuräumen. Eine Lehrerversammlung ist in Potsdam. Er muß hinüber und mitten unter denen sein, die sich im Dienste der Sache versammeln, der er sein reiches Leben gewidmet hat. Auf der Rückreise versagt im Wartezimmer der wackelige Stuhl seinen Dienst. Er fällt und bricht den dritten Finger der rechten Hand. Der Finger blieb steif; aber er hinderte ihn nicht, mit der verstümmelten Hand die FedeR eben so eifrig zu führen, wie sonst. Und jetzt, am 29. October d. J., tritt er ein in sein sechs- und siebenzigstes Lebensjahr.[2]

Die Gartenlaube (1865) b 684.jpg

Diesterweg.
Marmorbüste von Albert Wolf.

Die Anerkennung, welche er im Alter in den oberen Regionen nicht gefunden, ist ihm unten zu Theil geworden. Die Stadt Berlin wählte ihn zu ihrem Stadtverordneten und wiederholt in die Kammer hinein. Seine Wirksamkeit als Abgeordneter und seine Parteistellung sind bekannt. Diesterweg ist freilich kein Politiker, sondern durch und durch Pädagoge. Schule und Erziehung bieten die eigentliche Stätte seiner Wirksamkeit; die deutsche Jugend und die deutsche Lehrerschaft genießen die Früchte seiner Saat. Darum ist es in der Ordnung, daß die deutschen Lehrer ihn nicht erst sterben lassen, um dem Todten zu räuchern, sondern ihm einen Theil der schuldigen Dankbarkeit schon bei seinen Lebzeiten abtragen und sich dadurch selber ehren. Das charakterlose und furchtsame Gesindel unter den Lehrern wird sich freilich hüten, dem Mißliebigen kund zu thun, was es für ihn empfindet; aber die Charaktervollen treten gottlob hervor. Sie haben von Meisterhand eine Büste anfertigen lassen, deren Bild hier wiedergegeben ist. Mögen sie diese Büste mit denselben Gefühlen nur tragen, wie er dereinst Pestalozzi’s Büste getragen hat! Auch in weiteren Kreisen regt sich’s, und die deutschen Lehrer werden dem deutschen Manne hoffentlich ad oculos demonstriren, „daß Dankbarkeit auf Erden nicht ausgestorben sei“.


  1. S. Nr. 41.
  2. Ein ausführliches Lebens- und Charakterbild Diesterweg’s brachte die Gartenlaube bereits 1857, Nr. 10 und 11.



[685]
Bilderschau in meinem Zimmer.[1]
Erinnerungsblätter von Franz Wallner.
II.

Da hängt ein schlechtes Bildchen des Schauspielers Börner, seiner Zeit der „Kluck-Spieler“ genannt, weil er auf die Darstellung einer einzigen Rolle, des Maurer Kluck im „Fest der Handwerker“, den er mit unübertroffener Virtuosität spielte, an allen deutschen Bühnen gastirend auftrat. Mit diesem „Kluck“ kehrte er immer und immer wieder, verdiente anfangs mit diesem Paradepferde, zu dem er leider kein zweites vorzuspannen hatte, viel Geld an großen Hofbühnen; jedoch alle übrigen Leistungen des „berühmten Kluckspielers“ waren gar erbärmlich anzusehen, und so sank der sonst überaus witzige Komödiant von Stufe zu Stufe tiefer, bis sich zuletzt auch die Directoren der kleinsten Schmieren weigerten, ihr Publicum mit der unzählige Male abgespielten Aufführung des Angely’schen Vaudevilles abermals zu langweilen. Nun warf sich Börner auf’s Collectiren bei seinen Collegen, fuhr von einem Ort zum andern, kneipte sich bei einem seiner Cameraden so lange fest, bis dem Gastfreund die Geduld riß und Börner den weißen Stab wieder weiter setzen mußte. Derart hat der arme Thespiskarrenjünger vor seinem Ende noch das ganze Elend des Theaterwanderlebens durchgekostet, nachdem er in der ersten Zeit seiner Laufbahn Summen verdient und vergeudet hatte, mehr als hinreichend, um den Mangel von ihm fern zu halten.

Börner war eines der größten Originale der an originellen Menschen so reichen Theaterwelt. Mit einer reichen Witzader und einer fabelhaften Portion Unverschämtheit begabt, war er überall ein, wenn auch manchmal lästiger, doch stets erheiternder, nicht ungern gesehener Gast. Von seiner Erfindung sind die überaus ergötzlichen Schwänke, die er dem bekannten Theaterdirector Böttner angedichtet hatte und die von den „Fliegenden Blättern“ aus die Runde durch alle Journale machten. Böttner rühmte sich gern intimer Bekanntschaften mit bedeutenden Persönlichkeiten, und so soll er, nach Börner, als Schiller einst in großer Geldverlegenheit war, diesem zugerufen haben: „Aber Mensch, schreibe doch Deine Räuber, so ist Dir gleich geholfen!“ was der geniale Dichter auch sofort gethan und folglich seinen Ruhm nur dem Rathe seines Freundes Böttner zu danken haben soll. Böttner soll auch, wie Börner behauptete, der wirkliche Lorenzo aus der Oper Fra Diavolo gewesen sein und den berüchtigten Räuber eigenhändig eingefangen haben. Durch diese Heldenthat gerührt, gab der Gastwirth Matteo in Terracina seine Weigerung auf und vereinigte die Liebenden, Lorenzo-Böttner mit seiner geliebten Zerline. Oft, wenn Böttner von Fra Diavolo sprach, pflegte er auszurufen: „Kinder, was wahr ist, muß wahr bleiben, eine prachtvolle Tenorstimme hatte der Kerl, aber – kein Spiel.“

Zu den unzähligen Vorwänden, unter welchen sich Börner in der absteigenden Linie seiner Laufbahn Geld zu verschaffen wußte, gehörte die Lage seiner Frau. Niemandem, selbst seinen nächsten Freunden nicht, war das arme Geschöpf je zu Gesicht gekommen; die Frau saß, nach seiner Angabe, stets eine oder zwei Stationen von seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort fest, darum brauchte er stets „zwei oder drei Thaler“, um die unglückliche Frau nachkommen zu lassen. War er in Leipzig, so saß das arme Weib in Halle; befand er sich in Berlin, so bedurfte er eine Kleinigkeit, um das verlassene Wesen von Potsdam zu sich zu rufen; tauchte er in Wien auf, so mußte ihm ein Freund die bewußten paar Thaler borgen, damit, der Freund wisse es ja, ein Börner nicht genöthigt sei, sein braves Weib wie ein Schuft in Neustadt allein sitzen zu lassen.

Als der berühmte Eßlair in Innsbruck starb, gastirte Börner gerade wieder ein Mal zur Abwechslung als Kluck. Da die ganze Gesellschaft dem großen Künstler das feierliche Geleite gab, borgte sich Börner, der ja bei einer solchen Pflichterfüllung nicht zurückbleiben konnte und dessen schwarzer Frack mit seiner übrigen Garderobe bei seiner „armen Frau“ auf der letzten Station, ich glaube in Hall, zurückgeblieben war, von einem jungen Studiosus das zum Leichenbegängniß unumgänglich nöthige Kleidungsstück. Wer das Zurückstellen desselben aber vollständig vergaß, war mein Börner. Abend für Abend sah der arme Musenjünger mit Entsetzen zu, wie „Vater Kluck“ mit dem feinen Bratenrock auf der Bierbank herumwischte und den Rücksichten der Sauberkeit und Billigkeit vollkommen Hohn sprach. Da zarte Anspielungen keinen Erfolg hatten, faßte sich der junge Mann ein Herz und bat, dem Künstler seinen Wunsch leise zuflüsternd, um Zurückstellung des geliehenen schwarzen Frackes. „Unmöglich,“ entgegnete laut und lakonisch Börner, „beim besten Willen jetzt unmöglich, wir haben sechs Wochen Trauer.“

Einst gastirte er bei einem Theaterdirector, dessen Cassenabrechnungen in der Kunstwelt etwas anrüchig waren. Börner sollte den dritten Theil der Einnahme erhalten. Am ersten Abend war das Haus ziemlich leer, und um den Gast nicht gleich von vorn herein kopfscheu zu machen, fiel die Abrechnung ausnahmsweise ehrlich aus. Bei der zweiten Vorstellung, die viel besser besucht war, als die erste, erhielt Börner um ein Ansehnliches weniger auf seinen Antheil, als das erste Mal. Sein drittes Auftreten bewirkte ein in allen Räumen ausverkauftes Haus. Mißmuthig ging er zum braven Director und erklärte ihm, er wolle heute gar nicht spielen.

„Aber was fällt Ihnen denn ein, lieber Börner!“ rief der Chef aus, „es ist ja ganz überfüllt.“

„Eben darum,“ entgegnet ihm Börner, „da bekomme ich heute gar nichts.“

Unzählige kleine Gelegenheitswitze, wovon sich die besten leider in guter Gesellschaft nicht erzählen lassen, cursiren von ihm noch immer in der Theaterwelt.

Börner war bei Director Maurice in Hamburg engagirt, als sich der Letztere von seiner kleinen unansehnlichen Bühne in der Steinstraße lossagte und in das neuerbaute prachtvolle Thaliatheater übersiedelte, zu welchem ihm seine Geschäftskenntniß, seine rastlose Thätigkeit und seine unverbrüchliche Reellität verholfen hatten. Natürlich wurden in den eleganten Räumen neue, besonders in Bezug auf Reinlichkeit sehr nöthige Theatergesetze publicirt. Als Börner gefragt wurde, wie die Schauspieler im neuen Hause zufrieden wären, antwortete er mit größter Selbstzufriedenheit: „Vortrefflich, Alles sauber, nobel, elegant. Teppiche, feine Möbel – aber sehr kostspielig. Du brauchst nur zwei Mal auf der Bühne auszuspucken, so hast Du zwanzig Silbergroschen verzehrt, Du weißt nicht wie.“

Einst hielt er sein Nachtlager bei Anton Ascher, auf einem etwas baufälligen Sopha, dessen Federn immer unter dem darauf Liegenden auf die Seite rutschten. Nachdem er sich stundenlang herumgewälzt, rief ihm Ascher zu, er möchte doch Ruhe halten, damit er schlafen könne. „Entschuldige, lieber Bruder, ich möchte gern neben mir selber liegen,“ entgegnete Meister Kluck.

Jetzt hält er sich ruhig, und auch die meisten Derjenigen, die er durch seine Laune und seine Bosheit geärgert und zum Lachen gebracht hat. –

Es war ein bitter kalter Februarabend im Jahre 1838, als ein armer polnischer Schauspieler mit klopfendem Herzen durch die Straßen von Warschau in das Teatr Rozmaitoska (Théâtre des variétés) eilte, wo heute sein erstes Debüt stattfinden sollte. Wenn dieses gut ausfiel, so sollte er mit einer Monatsgage von neunzig polnischen Gulden – fünfzehn Thalern – am kaiserl. Hoftheater angestellt werden. Es schien dies dem armen Jungen ein so unermeßlicher Glücksfall zu sein, daß er standhaft dem Andrängen eines Provinzdirectors, eines gewissen Schmidtkow, widerstand, der den offenbar talentbegabten Menschen überreden wollte, mit ihm sein Glück in Wilna zu versuchen, wo er ihm einen Gehalt von eilf Ducaten pro Monat zusichern könnte. Der weite Weg aus der entfernten Vorstadt, in welcher seine Wohnung lag, ließ dem Kunstjünger hinlänglich Zeit, darüber nachzudenken, ob er mit der entschiedenen Abweisung dieses außerordentlichen Antrages auch klug gethan. Sein Gewissen gab ihm Recht. Einmal Hofschauspieler, wenn auch in noch so bescheidener Sphäre, mußte er ja, bei seinem Wissen, bei seinem eisernen Fleiß, bei seinem wunderbar klangvollen sympathischen Organ, vorwärts kommen, rasch vorwärts kommen, ja, vielleicht würde er noch die unbeschreibliche Freude erleben, seiner Mutter, seinem guten, armen Mütterchen, ein sorgenfreies Alter, eine bequeme Existenz bereiten zu können.

[686] Bei diesem Gedanken schlug sein Herz höher und heiße Tropfen drängten sich ihm aus den Augen. So kam er an den Kunsttempel, in dem er heute die ersten Sporen verdienen sollte, und eilte über die Bühne weg in seine Garderobe. Als er über das Podium schritt, ertönte im Zuschauerraum ein dumpfes Gemurmel und zwischendurch ein langgezogenes, schmerzliches Gestöhn, ein Wimmern, so markerschütternd, daß den jungen Künstler ein Schauer überlief, von dem er sich keine Rechenschaft zu geben wußte. Vergebens suchte er eine Oeffnung in der Gardine zu erspähen, um hinauszublicken; die Zeit drängte, er mußte sich in’s Costüm werfen, wollte er nicht seine ganze Existenz auf’s Spiel setzen. Auf die Frage, was denn im Theater passirt sei, erhielt er die Nachricht, eine arme Frau sei von der Galerie in’s Parterre gestürzt und habe sich schwer verletzt. Sie habe den Eingang nicht erwarten können, sei hastig vorwärts geeilt, um auf der vorderen Bank noch einen guten Platz zu finden, habe die Brüstung in dem noch nicht erleuchteten Hause übersehen und sei mit zerschmetterten Gliedern in die Reihen der glücklicherweise noch leeren Parquetsitze herabgestürzt.

Umsonst suchte der Musenjünger den unbegreiflich qualvollen Eindruck von sich abzuschütteln, welchen die bangen Schmerzenstöne aus dem Zuschauerraum auf ihn ausgeübt, diese Töne, die ihm gänzlich fremd und doch so bekannt erschienen waren und die ihn selbst während der Aufregung des Spiels in fieberhafter Spannung erhielten! Der Vorhang war, der Debütant hatte gefallen. Schon nach der ersten Scene trat der Director auf ihn zu und erklärte ihm, daß er seine Anstellung als definitiv betrachten könne. Wie kam es, daß dieses früher so heiß ersehnte freudige Ereigniß ihn jetzt kalt und zerstreut ließ? Immer weilten seine Gedanken bei jenen Tönen, die ihm durch Mark und Bein schnitten. Das Stück ist beendet; im Begriff, das Haus zu verlassen, tritt dem jungen Mann der Regisseur entgegen.

„Muth, mein Junge, Muth! Eile nach Hause, Deine Mutter –“

„Meine Mutter!“ kreischt der arme Künstler auf, „meine Mutter, sie war jene Frau –“

„Ja wohl, mein guter Bursche.“

Seiner nicht mehr mächtig, zitternd, greift der Jüngling in die Tasche, kein armer Pfennig ist darin zu finden. Woher Geld nehmen zu einer Droschke, die ihn mit Windeseile an das Schmerzenslager der armen Frau führt, die mit zerbrochenen Gliedern ihren Sohn erwartet, den zu sehen sie in’s Schauspielhaus geeilt war, wo sie vor Aufregung über die Barriere stürzte, weil sie nicht Geduld genug besaß, die Erleuchtung des Theaters abzuwarten, da ihr sonst Andere zuvorkommen und die besseren Plätze hätten wegnehmen können? Der Arme schämte sich, Jemandem seine bittere Noth zu gestehen und die paar Groschen für ein Fuhrwerk zu erbitten. So schnell ihn seine Füße tragen, läuft er wimmernd und unter Thränenströmen der fernen Vorstadt zu, wo wir ihn hingestürzt über den zerschlagenen Körper der Mutter finden, in einem dunklen Kämmerchen auf dem ärmlichsten Lager. Und nichts, nichts auf der Welt sein zu nennen, um ihr die geringste Erleichterung zu schaffen! Der Arzt hatte sich nach dem nöthigen Verband schnell entfernt, einige Nachbarn, ebenso arm wie die Verunglückte, hatten sich eingefunden, mehr aus Neugierde, als aus Theilnahme. Man denke sich den Jammer des armen Burschen! Da plötzlich zuckt ihm ein Gedanke durch’s Gehirn! „Nein, Mutter,“ ruft er entschlossen aus, „Du sollst nicht mehr hungern und darben; ich fühle es, wir stehen am Wendepunkte unseres Geschickes, ich schwöre Dir, meine arme, gute Mutter, Dein Sohn wird für Deine Zukunft sorgen.“

Mit dem Morgengrauen verkauft der junge Mann sich und sein Talent an den Bandenführer Schmidtkow, der ihm eine Monatsgage als Vorschuß bewilligt. Freudestrahlend legt er die eilf Goldstücke in die Hände seiner Mutter, entsagt den langgepflegten Hoffnungen einer schnellen Laufbahn am kaiserlichen Hoftheater und bricht am nächsten Morgen mit seinem neuen Chef, dessen Hauptstütze er wurde, nach dem fernen Wilna auf.

„Du sollst Vater und Mutter ehren
Auf daß es dir wohl ergehe auf Erden.“

Man hat von mehrern Seiten behaupten wollen, jener Unfall der armen Frau bei dem Debüt ihres Sohnes habe nicht stattgefunden, allein ich muß dabei stehen bleiben, daß sich die Scene wirklich zugetragen hat, wie ich sie schilderte, denn der Sohn selbst hat sie mir erzählt.


Eine lange Reihe von Jahren ist vergangen. Wir sind im September 1865. Am großen kaiserlichen Hoftheater in Warschau drängen sich schon um die Mittagsstunde Schaaren von Schaulustigen. Der Abend findet Alles dort versammelt, was an glänzenden Namen, an hervorragenden Persönlichkeiten in der reichen polnischen Hauptstadt zu finden ist.

Eine endlose Reihe von Equipagen harrt am Ausgange ihrer glücklichen Besitzer. Ein armer polnischer Knabe hatte sich durch seinen eisernen Willen, durch sein Genie emporgearbeitet zum hochgefeierten deutschen Künstler; heute hat er sich bewegen lassen, die Bühne seiner Vaterstadt zu einem wohlthätigen Zweck zu betreten, seiner Vaterstadt, in welcher er anwesend ist, zum Besuche seiner Mutter, seiner Mutter, der er sein Wort redlich eingelöst hatte. Wieder finden wir die arme Frau mit gebrochenem Arm, abermals hatte sie die Sehnsucht, den heißgeliebten Sohn, der ihr Segensengel geworden war, recht früh zu sehen, hinausgetrieben; sie war unglücklich gefallen und hatte dadurch das eben erwähnte Unglück erlitten. Aber wir finden die alte Frau auf einem Krankenlager, welches mit allem Comfort umgeben ist, den Wohlstand und die zarteste Kindesliebe nur ersinnen können. Da die Mutter sich nicht entschließen konnte, die wechselvollen unruhigen Künstlerfahrten des berühmten Sohnes zu theilen; da sie mit Zähigkeit an der Heimath fest hielt, so wurde ihr diese verschönt mit Allem, was der verwöhnteste Geschmack zu fordern berechtigt ist.

Jede Ovation, die ein entzücktes und dankbares Pnblicum erdenken kann, wurde an jenem Abend dem genialen Künstler zu Theil, aber keine hat ihn mehr beglückt, als das dankbare Lächeln, mit welchem ihm seine Mutter bei der Heimkehr aus dem Theater die gesunde Hand entgegenstreckte.

Ich erzähle diese einfache Geschichte aus der Laufbahn eines Künstlers, weil in diesem Moment mein Blick auf dessen Medaillon fällt, welches von dem trefflichen, leider bereits Heimgegangenen Bildhauer Ritschel in Marmor ausgeführt ist. Die Umschrift trägt den Namen: Bogumil Dawison.




Die Locke der Charlotte Corday.
(Schluß.)

Unruhig schritt die junge Frau auf und ab, dann blieb sie stehen und preßte ihre Stirn an die Scheiben. Unten im Park war schon Alles in tiefe Finsterniß gehüllt.

„Nicht wahr, Du liebst ihn, Kind?“ rief das Fräulein voll heller Freude. „In solche Unruhe geräth man nur um einen Mann, den man liebt. Gott sei gelobt! Dein Herz ist erwacht!“

Melanie antwortete nicht, aber sie wendete sich langsam zu der treuen Pflegerin ihrer Kindheit um, schlang die Arme um ihren Nacken und brach in ein heftiges Weinen aus. „O, wie das Herz mir schwer ist, so schwer, als ob ich ein Verbrechen verübt!“ rief sie.

Mit sanften Worten redete ihr Ludmilla Köhler zu. Sie küßte die Thränen von den schönen Wangen und bat Melanie wiederholt, an Paris und ihr lustiges Leben dort zu denken und an tausend Dinge, die der Seele der jungen Frau jetzt so fern lagen, wie man ein Kind tröstet, das um ein zerbrochenes Spielzeug schluchzt. Aber es wollte eben nichts helfen, und erst als der Schritt des Dieners hörbar wurde, richtete sich die junge Frau hastig auf und trocknete ihre Thränen. Es war Jacques, der ein wenig verstört eintrat und berichtete, wie sein Herr in der Begleitung eines Fremden in sein Zimmer gegangen; dort habe er ihn laut und heftig reden hören, und dann seien Beide in den Park hinabgegangen, wohin sein Herr ihm aber zu folgen verboten.

[687] „Mein Gott, wie romantisch!“ sagte die Köhler. „Was ist daraus zu machen?“

„Ich will ihn suchen!“ sagte die junge Frau plötzlich fest, „Jacques mag mitgehen!“

„Gütiger Himmel, Kind, Du träumst! Es regnet und Du bist im Brautanzuge. Laß Jacques allein gehen oder kleide Dich wenigstens erst um. Es wird ein Scherz sein, eine Verkleidung, eine verzweifelnde Geliebte, die in Männerkleidung zu ihm kommt,“ flüsterte sie; „man kennt das Leben der jungen Elegants in Paris.“

„Warten Sie hier auf mich, ich bin gleich wieder da, liebe Köhler,“ bat Melanie, indem sie einen Regenmantel überwarf, der ihre ganze Gestalt umhüllte. Die Capuze zog sie über den Kopf.

„Komm, Jacques,“ sagte sie dann fast gebieterisch und wandte sich rasch der Treppe zu.

„Aber Melanie, ohne Ueberschuhe!“ rief das Fräulein verzweifelnd.

Keine Antwort. Unaufhaltsam eilten die kleinen Füße die Treppenstufen hinab über den Gang durch eine Seitenthür in den Park. Hier traten die Atlasschuhe auf feuchtes Laub, ein feiner Regen rieselte nieder, die junge Frau schauerte fröstelnd zusammen.

Weiter und weiter flog sie an all’ jenen Plätzen vorüber, wo sie so fröhlich gewesen, wo sie, in träumerisches Glücksgefühl versenkt, auf- und niedergegangen. Dort war die große Buche, unter deren Schatten so oft der Zeichentisch stand – da der heitere Rasenplatz, wo sie Reifen gespielt – wie ungeschickt jener Eine oft gewesen war! – hier tauchte die kleine Gruppe Trauerweiden auf, wo sie so manche Stunde verplaudert – wie Alles verwandelt aussah, so fremd und schauerlich! Immer näher kam der melancholische Tannenwald mit dem kleinen Teich und dem großen, freien Platz, in dessen Mitte die kleine Einsiedelei stand. Jacques vermochte ihr kaum zu folgen. Aber wie still war Alles, keine Antwort kam auf ihre rufende Stimme, nur das Rieseln und Tropfen des Regens schlug an ihr lauschendes Ohr. Vorwärts, weiter! Endlich bog sie um die Ecke. Still! Seufzte da nicht ein Mensch so recht aus der tiefsten Tiefe der Brust? Sie blieb stehen. Alles Blut erstarrte in ihren Adern, das Herz stand still vor Schrecken. Und jetzt noch einmal! Wieder ein unbeschreiblicher Seufzer.

„Wir hätten die Laterne mitnehmen sollen,“ stammelte Jacques furchtsam.

Sie antwortete nicht, sondern schritt zögernd weiter. Plötzlich stieß sie einen hellen Schrei aus; vor ihr am Boden, bei einer Biegung des Weges, am Eingang zum Platze der Einsiedelei, lag ein menschlicher Körper, der Körper eines Mannes, so dicht, daß ihr Fuß ihn berührte.

Die junge Frau sank neben ihm in die Kniee. Zitternd tastete sie nach dem Kopfe. Er war verhüllt in den Falten eines schwarzen Mantels. Ihre bebenden Hände rissen ihn weg, ihre Augen bohrten sich in die bleichen Züge, die ihr jetzt entgegenstarrten. Sie erkannte das Gesicht trotz der Dunkelheit, als sie mit den Fingern darüber hinglitt. „Licht, Hülfe!“ schrie sie auf.

Dann bettete sie das gesunkene Haupt an ihre Brust. Sie riß ihren Mantel ab, um ihn bequemer zu unterstützen. Ein tiefer, klagender Seufzer zog in demselben Augenblick wieder über die Lippen des Bewußtlosen. Melanie neigte ihr Gesicht zu ihm herab, dicht auf seine Stirn; sie redete zu ihm fliegende Worte voll wahnsinniger Zärtlichkeit, voll glühender Leidenschaft. Der Regen hatte aufgehört, die Wolken zerrissen, wie von einer mächtigen Hand bei Seite geschoben, ein kalter Mondschimmer flog daher und beleuchtete die todestraurige Gruppe: eine Frau von wenig Stunden, in Spitzen und Schleier neben einem Sterbenden knieend, seinen kaum hörbaren Lauten lauschend und ihre Lippen auf die seinen pressend, Stirn an Stirn, Hand in Hand mit ihm. So fanden sie die Diener, so das jammernde Fräulein, so der alte Herr und ein Theil der entsetzten Hochzeitsgäste. Die Kunde, der Bräutigam, der heitere, liebenswürdige Alphons, der unvergleichliche Gesellschafter, sei ermordet, hatte sich mit Blitzesschnelle verbreitet. Man wurde plötzlich rein menschllch und stürzte in einer Aufwallung von wirklichem, thatendurstigem Mitleid in den Garten. Licht, volles Licht fiel auf eine ohnmächtige Frau und einen Todten, den sie fest in ihren Armen hielt. Ihr Brautschleier und die Fluth ihres gelösten Haares floß über ihn hin. Aus einer Wunde in der Brust war das Lebensblut dahingeströmt. Das Spitzenkleid war in Blut getaucht, der blutgetränkte Myrthenkranz lag auf dem Saume des Mantels. Mit einem Weheschrei stürzte der Vater auf sein Kind zu, und während er sanft die Tochter aufzuheben, loszulösen versuchte, richtete eine andere Hand das todte Antlitz des Mannes empor. Ein Gemurmel des Entsetzens wurde laut, alle Augen hatten das schöne, traurige Gesicht des fremden Malers erkannt, der vor wenigen Monaten der Gast des Schlosses gewesen, der Ermordete war – Gaston Dumont.

Alphons Dacier war zu derselben Stunde entflohen. Ein an seinen Schwiegervater am andern Tage eintreffender Brief zeigte diesem seine Reise nach Amerika an und verhieß in Kurzem nähere Aufklärung über das beklagenswerthe Ereigniß. Mittlerweile lag die junge Frau bewußtlos darnieder und die Leiche Gaston’s wurde in die M.’sche Familiengruft auf dem stillen Dorfkirchhof zur Ruhe gebracht. Als das Gitterthor des Parkes sich öffnete, um den Trauerzug hinauszulassen, saß Ludmilla Köhler am Bette ihres todtkranken Pfleglings und las in ihrer Angst und Trauer das Lied von den Schlafenden:

„Wie sie so sanft ruhn –-“

Aber das schöne Wesen mit den fieberglühenden Wangen und irren Augen hörte nicht auf die frommen Trostworte. In ihren Phantasien erschien im hellen Sonnenlicht „der heitre Garten“, wo sie seiner zu warten pflegte. Sie redete laut mit dem Geliebten, sie lächelte ihm zu, sie schalt ihn zärtlich, daß er immer den schwarzen Mantel trage.

Und das Fräulein schlug das Buch leise zu und faltete ihre Hände: da war die Tragödie, die Ludmilla Köhler zu erleben sich so frevelhaft ersehnt!


Die versprochene Aufklärung des düstern Vorfalls, der die ganze Gegend aufregte, ließ nicht lange auf sich warten. Alphons schrieb von Hamburg aus, am Bord der Helena, daß er an jenem Hochzeitstage auf die Meldung, daß ein Fremder ihn eilig zu sprechen wünsche, Gaston in seinem Zimmer gefunden habe. Seine tiefe Trauerkleidung und sein seltsam feierliches Wesen haben ihm sofort den Zweck seines Kommens erklärt. „Ich bin frei und werfe Ihnen den Feigling in’s Gesicht zurück!“ habe er ihn angeredet, „vor acht Tagen begrub ich meine Mutter. Sie starb in Frieden. Heut komme ich nur, um Sie zu fragen, wann Sie bereit sind sich mit mir zu schlagen!“

Alphons fühlte eine wilde Gereiztheit in sich aufwallen.

„Zur Stelle!“ hatte er übermüthig geantwortet.

„An Ihrem Hochzeitstage?

„Ja, ich brenne vor Verlangen, Ihren Muth zu erproben. Wer weiß, Sie kamen wohl nur in der Voraussetzung, daß ich mich nicht schlagen werde an dem heutigen Tage, und hätten nachher geprahlt in beimlichen Briefen an mein Weib!“

Ein Schlag in’s Gesicht war die Antwort.

Eine halbe Stunde später stand man mit den Waffen in der Hand auf dem Platze vor der Einsiedelei einander gegenüber.

Die entschiedene Absicht, ihn zu schonen, die aus allen Ausfällen Gaston’s hervortrat, erbitterte seinen Gegner nur noch mehr. Er haßte ihn, er wollte ihn für immer aus der Nähe Melanie’s entfernen, er ahnte, wie gefährlich er dem Herzen seiner Braut geworden war, und wenn ihn auch nicht gekränkte Liebe zu dieser Wuth stachelte, denn seine Neigung zu dem jungen Mädchen war kaum mehr als ein ziemlich lebhaftes Wohlgefallen, so trieb ihn gekränkte Eitelkeit, diesem Mann irgend einen empfindlichen Streich zu spielen. Ihn zu tödten, daran hatte er nicht gedacht; der unglückliche Streich, der Gaston niederwarf, entsetzte ihn über alle Maßen. Er schilderte den Zustand seiner Seele als einen verzweifelten und bat seine junge Frau flehentlich, ihm zu verzeihen und seinem Herzen die Hoffnung zu lassen, sie einst wiederzusehen. In Baltimore wartete er auf die Nachrichten aus dem grauen Schlosse.

Lange Zeit blieb der Zustand der jungen Frau zweifelhaft, man fürchtete abwechselnd für ihr Leben und ihren Verstand. Aber sie genas allmählich vollständig und lieferte ihrer alten Erzieherin den Beweis, daß die Menschen in der Wirklichkeit viel seltener an Herzeleid sterben, als in den Romanen, und daß der Tod nie kommt, wenn man ihn ruft. Melanie’s Ehe wurde auf ihren festen und bestimmten Wunsch, der gar keinen Widerspruch zuließ, getrennt. Sie lebte fort und fort bei ihrem Vater, der in rührender Weise bemüht war, ihren blassen Lippen [688] ein Lächeln zu entlocken. Es währte aber doch lange, ehe er es wagte, eine Kiste in ihr Zimmer tragen zu lassen, die unter dem Poststempel Paris, mit einem Begleitschreiben von unbekannter Hand, im Auftrage des Malers Gaston Dumont, eine Woche nach dem Tode desselben angekommen war. Fast bereuete er es jetzt noch, denn die tiefe Erschütterung seines Kindes ängstigte ihn namenlos. Aber Melanie faßte sich wieder und bat, das Vermächtniß des Todten ihr nicht länger vorzuenthalten.

Man öffnete die Kiste. Sie enthielt das von Jacob Hauer’s Hand gemalte Portrait der Charlotte Corday, dessen Anblick der unglücklichen Laura so oft das Herz zerrissen. Aber auch ein Profilkopf Gaston’s, eine wunderbar schöne Zeichnung, war beigefügt. Ein kleiner Zettel, der daran befestigt war, enthielt nur die Worte, die Melanie einst selbst für den Geliebten niedergeschrieben: „Vergiß mich nicht, wie ich Dich nicht vergessen werde, so lange ich athme.“ Diese letzten Worte waren verwandelt: „in alle Ewigkeit!“ hatte Gaston geschrieben.

Seine Malergeräthschaften hatte er ebenfalls beigepackt und im Fall seines Todes seinem gütigen Frennde Herrn M. vermacht. Und ganz unten auf dem Boden der Kiste, in einem besonderen Kästchen, fand man den Portraitkopf Melanie’s, mit einem Glanz und einer Grazie, mit einer Wärme und Schönheit gemalt, die wahrhaft hinreißend wirkten. Es war ein Tizian’sches Colorit, Tizianische Goldlichter und Schatten. Daneben stand: „in doloribus pinxit“ (er hat es in Schmerzen gemalt).


Mit all’ diesen Schätzen hat sich Melanie später jenes Erkerstübchen des linken Flügels ausgestattet, das sie vorzugsweise liebte und ausschließlich bewohnte. Die Fenster dieses Gemachs gingen auf die Terrasse und auf den Park. Dort war ihr liebster Aufenthalt, dort zog sie ihre Blumen, dort träumte, las und zeichnete und – weinte sie, und keine fremde Hand durfte hier schalten und walten. Unter diesen Reliquien wartete sie geduldig auf ihre Vereinigung mit dem Geliebten. Sie führte kein thatenloses Leben der Trauer, sie blieb ihrem Vater eine zärtliche, sorgende Tochter, war geduldig und freundlich den immer deutlicher hervortretenden romantischen Neigungen ihrer alten Pflegerin gegenüber und wurde von allen Armen der Gegend gekannt und geliebt, so daß man sie später die heilige Elisabeth nannte.

„Laß mich nicht allein, das ist Alles was ich von Dir erflehe!“ hatte ihr der Vater in jener ersten Trauerzeit immer und immer wieder gesagt, und sie hatte ihre feinen Finger in seine Hand gelegt und lieblich gelobt: „Ich gehe nicht vor Dir zu ihm!“

Und sie hielt Wort. Der alte Herr lebte noch manches Jahr in rüstiger Gesundheit und unermüdlicher Thätigkeit in seinem Atelier. Seit er mit der Palette Gaston’s malte, behauptete er den Fleischton der großen Meister gefunden zu haben; zum Schrecken der Köhler malte er nur noch unbekleidete Figuren. Er schonte aber ihr jungfräuliches Gefühl, indem er sie nie einlud, seine Schöpfungen zu bewundern, noch weniger sie bat, ihm ihre Arme, ihren Nacken oder ihre Schultern als Modell zu leihen, was sie heimlich immer fürchtete.

Seit jenem ersten Roman sind noch zehn andere geboren worden, abgesehen von leichtfüßigen Novellen und flatternden Gedichtschmetterlingen, in denen es mehr oder weniger grausam hergeht. Sie hatte sich aber entschlossen, ihre Gesammtwerke erst zwölf Jahre nach ihrem Tode herauszugeben und einem namhaften Buchhändler Leipzigs zu vermachen, mit der Bestimmung, den Ertrag zur Erbauung eines stattlichen Hauses für unbemittelte Schriftstellerinnen zu verwenden, die von den Sorgen des Lebens unberührt zu arbeiten wünschten.

Ob jener Buchhändler, für den die sechs Kisten noch im alten grauen Schlosse stehen, sich freuen wird über dies Vermächtniß? Ich kenne seine Adresse.

Leider sind erst zehn Jahre seit dem Tode der Ludmilla Köhler verflossen, sie überlebte alle Bewohner im grauen Schlosse. Den alten Herrn fand man eines Mittags todt vor seiner Staffelei, und ein Jahr später schlief, in ihrem geliebten Erkerstübchen, die noch immer schöne Melanie für immer ein. Ihr von Gaston gemaltes Portrait hängt in demselben Zimmer mit dem Bilde der Charlotte Corday, es ist ein so frischer bedeutungsvoller Mädchenkopf, daß man die Augen nicht von ihm abwenden kann. Das Fräulein hatte doch Recht: sie sieht aus, als müsse sie Etwas erleben. – Hat sie nicht genug erlebt?




Blätter und Blüthen.


Erklärung. Gestatten Sie mir, gegen den Artikel in Nr. 21 der Gartenlaube von 1865 Einspruch zu thun. Meine Persönlichkeit wie meine Wirksamkeit sind darin in solcher Weise überschätzt und mit so wenig passenden Bezeichnungen belegt, daß ich im Bewußtsein, wie wenig ich in Wirklichkeit eine solche Charakteristik verdiene, keineswegs angenehm davon berührt werden konnte.

Erlauben Sie mir die nothwendigsten Zurechtstellungen. Der seit längerer Zeit in der russischen Presse zu Tage tretende Haß gegen die Deutschen rührt durchaus nicht von einer altrussisch aristokratischen Partei her, er stammt aus ganz andern Quellen und Ursachen, die hier auseinanderzusetzen viel zu weit führen würde. Meine schriftsstellerische Thätigkeit bei der St. Petersburger Zeitung beschränkte sich in den letzten Jahren auf politische Leitartikel und das Feuilleton. Die Polemik mit den russischen Zeitungen führte mein treuer College und Mitarbeiter, Herr Friedrich von Stein; und wenn ich, wie sich von selbst versteht, die ganze Verantwortlichkeit seiner Artikel übernahm, so kann ich unmöglich das Verdienst derselben, besonders in Bezug auf das erwachte Selbstbewußtsein der hiesigen Deutschen, mir zuschreiben lassen. Zum Schweigen hat die St. Petersburger Zeitung hier Niemanden gebracht, das würde Ihnen am deutlichsten die Fülle der deftigen Angriffe beweisen, welche die Deutschen, die St. Petersburger Zeitung und meine Person fast täglich in den russischen Zeitungen zu erdulden haben.

Was die Schillerfeier betrifft, so ging zwar die erste Anregung von mir aus, doch habe ich sonst um dieselbe kein größeres Verdienst als jedes Mitglied des damals in allgemeiner Versammlung gewählten Comités.

In Hochachtung und Ergebenheit
St. Petersburg, den 13. Juli 1865.
Dr. C. F. Meyer.


Der Verfasser des Artikels: „Ein deutscher Mann in Rußland“, dem obige Erklärung vorher von der Redaction zugeschickt ward, fügt hinzu, daß die Thatsachen zu diesem Artikel auf Mittheilungen von Mitarbeitern des Herrn Dr. Meyer und eigenen Erfahrungen aus einer mehr als zehnjährigen literarischen Verbindung mit der St. Petersburger Zeitung beruhen. Ich habe seit einer Reihe von Jahren mich und Andere über die oft entmuthigende Trostlosigkeit unserer engeren Vaterlands-Verhältnisse durch Hervorhebung der Verdienste Deutscher in aller Herren Ländern rund um die Erde herum zu trösten gesucht, und die kosmopolitische Mission und Thätigkeit Deutscher unter fast allen Längen- und Breitengraden ist eine erbebende und immer tröstlicher werdende Thatsache. Auch der kleine Artikel in der Gartenlaube über die Wirksamkeit des Dr. Meyer entsprang aus diesem Motive, nur daß darin die Verdienste eines Einzelnen neben wirklich und besonders vermeintlich größeren deutschen Männern in Rußland zu einseitig hervorgehoben wurden.

Einen anderen Fehler, als den dieser Einseitigkeit, erkenne ich nicht an. Daß Herr F. von Stein seit vier Jahren hauptsächlich die kräftigen Artikel zur Vertheidigung deutscher Cultur gegen russische Verleumdung schrieb und schreibt, war mir unbekannt. Wenigstens sind irrthümliche Nebensachen, wie das Privilegium Deutscher auf Weißbrodbäckerei, wovon ich in einem altem Buche über Petersburg gelesen, eben nur Nebensache. (Es hat doch wohl ein solches Privilegium existirt?)

Es haben sich aber, wie mir aus Petersburg geschrieben ward, Russen und Deutsche in Bosheit und verletzter Eitelkeit nicht damit begnügt, solchen Nebendingen große Köpfe zu machen, sondern auch allerhand Verleumdungen und Lügen daran zu kleben. Als ein derartiger Artikel zeichnet sich eine Correspondenz aus Petersburg in der Augsburger Allgemeinen Zeitung Nr. 192 aus. Für diese „schrieb“ Dr. Minzloff, der einst sich mit Dr. Meyer um die Petersburger Zeitung bewarb und über dessen wissenschaftliche Heldenthaten seine Collegen an der Bibliothek eine „öffentliche Erklärung“ unterzeichnet und publicirt haben. Das Actenstück ist noch vorhanden und liegt mir gedruckt vor, sowie eine andere Thatsache dazu dienen würde, diesen Herrn zu charakterisiren.

Diese Correspondenz in der A. A. Ztg. spricht die Vermuthung aus, daß Dr. Meyer den Artikel in der Gartenlaube selbst geschrieben habe und daß der wackere Deutsche und christliche Westphale ein Jude sei. Damit glaubte der Correspondent, der hoffentlich nicht Dr. Minzloff heißt, gewiß keinen ehemaligen glücklichen Mitbewerber in den Grund gebohrt zu haben. Allerdings ist Meyer wirklich kein Jude, und wenn er auch einer wäre, würde er zu den vielen gehören, die wir Deutsche als Deutsche ehren. Dem starken Deutschfresser, der bei allen russischen Redactionen herumlief, Uebersetzung und höhnische Exegese des Artikels in der Gartenlaube besorgte, können wohl zwei Redacteurs nur dankbar sein. Ich bin es auch.

Dr. H. Beta.


Aus Reuter’s Festungszeit. Das Beiblatt der Gartenlaube, die „Deutschen Blätter“, bringt in der neuesten Nummer (42) einen Auszug aus einem demnächst in Berlin erscheinenden sehr interessanten Buche „Fritz Reuter und seine Dichtungen“ von Otto Glagau, auf das wir hiermit die allgemeine Aufmerksamkeit lenken wollen. Dies Buch hat sich die dankenswerthe Aufgabe gestellt, Fritz Reuter auch hochdeutschen Lesern, die des Plattdeutschen nicht mächtig sind, zugänglich zu machen und sie damit in einen Dichter und Humoristen einzuführen, welchen jeder Deutsche kennen lernen sollte. Der von den „Deutschen Blättern“ mitgetheilte Abschnitt aber verdient auch um seines Gegenstandes willen noch besondere Beachtung; er schildert in ergreifender Weise ein Stück jener schmachvollen Verfolgungen, unter denen in der Periode der großen Demagogenriecherei und Demagogenhatze ein gut Theil der edelsten Blüthe deutscher Jugend zu leiden hatte und erliegen mußte.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. S. Nr. 36, Seite 568.