Der Nestor der deutschen Bühnendichter

Textdaten
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Autor: Hermann Uhde
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Titel: Der Nestor der deutschen Bühnendichter
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 293–296
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Der Nestor der deutschen Bühnendichter.
Die Gartenlaube (1870) b 293.jpg

Karl Toepfer.

Der „Aufruf an mein Volk“ war erschienen. Friedrich Wilhelm der Dritte weilte in Breslau – damals für kurze Zeit das Herz Deutschlands, ja, gewissermaßen Europa’s. Nach jahrelanger Nacht der Unterdrückung und des Elends leuchtete unserem Vaterlande eben das erste Morgenroth der Freiheit wieder. Der Himmelstochter gewaltiger Odem hatte jedes Herz ergriffen; selbst in dem Busen Solcher, welche nur die Künste des Friedens pflegten, entbrannte patriotische Begeisterung für den heiligen Kampf, den es galt, und machte sich Luft auf alle Weise. Besonders die Jünger jener Kunst, welche vor vielen berufen ist, das Volk unmittelbar zu bewegen und zu rühren – der Schauspielkunst – benutzten die häufige Anwesenheit des Königs und seiner Familie im Theater, ihrem Tyrannenhasse freien Lauf zu lassen und ein Witzwort, eine satirische Anspielung in die Massen zu werfen.

So gab man eines Abends den „Herodes vor Bethlehem“, vortreffliche Mahlmann’sche Parodie von Kotzebue’s „Hussiten vor Naumburg“. Ludwig Devrient, damals im Zenith seiner Kraft und eine Zierde der Breslauer Bühne, spielte den thränenreichen Viertelsmeister Wolf, der die Stadt Bethlehem gegen Herodes zu vertheidigen hat. Im dritten Acte sollen die Truppen gegen den Feind geführt werden, und Wolf hat dieselben zur Bravour anzufeuern.

Helden meiner Wachtparade –
Zupft den Busenstreif gerade!“

beginnt Devrient voll Pathos. Da erscheint als letzter dieser Helden, die ihre Courage durch Zittern und Beben an den Tag zu legen suchen, einer mit zerrissener französischer Uniform, in Lumpen und Pelze gehüllt, vor Frost klappernd. Die Zuschauer, welche ähnliche Jammergestalten auf dem Wege von Rußland her zahlreich hatten ankommen sehen, brachen über die schlagende Satire in wildes Hurrahgeschreih aus, und lange, lange hielt der Jubel an. – Der Schauspieler, welcher es verstand, auf so einfache Weise ein ganzes Publicum patriotisch zu entzünden, war aber auch kein Geringerer, als – Karl Toepfer. Er, bei dessen Namen wir uns gegenwärtig zunächst der genußreichen Stunden erinnern, welche seine Lustspiele uns verursacht, war früher darstellender Künstler. Der Verfasser so vieler geist- und wirkungsvoller Bühnendichtungen kennt die Scene aus eigener praktischer Erfahrung. –

Geboren im December des Jahres 1792 zu Berlin, zählt Toepfer gegenwärtig achtundsiebenzig Jahre und dürfte somit wohl [294] für den Nestor der deutschen dramatischen Schriftsteller gelten. Sein Vater war Geheimer Archivar, der Sohn sollte ebenfalls in den Staatsdienst treten und lag zu diesem Zwecke den vorbereitenden Studien ob; doch, mochte seine Theilnahme für die erhabene Welt antiker Classicität noch so blühend sein: mächtiger zog es ihn zu jener Idealwelt auf dem bretternen Gerüst der Scene, von deren zauberischer Gewalt ein jugendlich-schwärmerischer Sinn selten ganz unberührt bleibt. Das Verlangen, dieser romantischen Wunderwelt selber anzugehören, regte sich immer mächtiger in Karl Toepfer, und so verließ, nicht eben nach dem Wunsche seines Vaters, der Neunzehnjährige seine Geburtsstadt, um sich nach Mecklenburg-Strelitz zu einer wandernden Schauspielergesellschaft zu begeben.

Man nennt den Stand des Mimen so oft ein „glänzendes Elend“; Toepfer sollte vorerst nur das Elend kennen lernen. Auf ihm, der in behäbigem[WS 1] Wohlleben erzogen worden, lastete die Misere der kleinen Wandertruppe doppelt schwer; kein Wunder, daß er dem Druck derselben schon nach sechs Wochen wieder entfloh und nach Berlin in das elterliche Haus zurückkehrte. Aber der Beruf Toepfer’s zur Kunst hatte sich doch dargethan, und so ergab sich denn der Vater in das Unabänderliche und benutzte seine Verbindungen, um dem Sohne ein ehrenvolles Engagement bei dem Theater in Breslau zu verschaffen, welches damals unter der Leitung des kunstsinnigen Regierungsraths Streit stand.

Ein edler Kreis bedeutender Talente war zu jener Zeit dort versammelt; in ihre Mitte trat der rüstig Strebende. Munter förderte ihn Beispiel und Lehre; namentlich genoß er den Unterricht der berühmtem Tragödin Henriette Händel-Schütz.

So wirkte er mehrere Jahre in Breslau, bis ihn ein ehrenvoller Ruf nach Brünn und bald darauf nach Wien zog, wo der um die Kunst hochverdiente Schreyvogel das Hofburgtheater leitete. Das war im Jahre 1815.

Der Erfolg auf diesem schwierigen Boden war ein glänzender, und fortan, eingereiht unter die Würdigsten und Besten, thätig unter der geistvollen Führung eines so bedeutenden Mannes wie Schreyvogel, war Karl Toepfer auf dem Wege zur höchsten Staffel der Kunst.

Der Lehrer, gefesselt durch die reiche Bildung, den warmen Eifer seines Schützlings, wurde bald zum Freunde; und das Band der Intimität schlang sich um so fester, als Schreyvogel, der unter dem Namen C. A. West vielfach literarisch thätig war (wir verdanken ihm bekanntlich eine Reihe wahrhaft mustergültiger Uebersetzungen namentlich spanischer Dramen), auch bei Toepfer schriftstellerische Gaben entdeckte. Er regte den Trieb nach einer Nebenbeschäftigung mit der Feder bei dem jungen Darsteller mehr und mehr an; und dieser begann, sich mit Entwürfen kleiner, von Schreyvogel controlirter Lustspiele zu versuchen. Das gelang über Erwarten, und wie der Mensch mit seinen größeren Zwecken wächst, glückte es Toepfer gar bald mit umfangreicheren Arbeiten.

Die ersten seiner Stücke, welche durchschlagende Erfolge erzielten, waren das vieractige Schauspiel „Hermann und Dorothea“ (1820) und „Des Königs Befehl“ (1821) – jenes hat vor Kurzem den fünfzigjährigen Geburtstag seiner ersten Aufführung erlebt, und es zeugt von der strotzenden Lebensfülle desselben, daß es auf uns noch mit der nämlichen Frische wirkt wie auf unsere Väter.

„Hermann und Dorothea“ ist bekanntllch nach Goethe’s gleichnamigem Gedichte bearbeitet. In den letzten Monaten des Jahres 1819 für das Hofburgtheater geschrieben, ward es dort im Januar 1820 zum ersten Male aufgeführt. Toepfer, damals noch Mitglied jener Bühne, hatte gleichwohl keine Rolle übernommen: er wollte den Gang des Ganzen und den Erfolg unbehindert überwachen und widmete sich der Scenirung mit äußerster Sorgfalt.

Das Elternpaar, die Hauptgruppe des Genrebildes, fand treffliche Vertreter in dem alten Eckardt gen. Koch und Frau von Weißenthurn, als dramatische Schriftstellerin bereits Notabilität und dem jungen Kunstcollegen geistverwandt; in ihren feinen häuslichen Cirkeln verlebte er fröhliche Stunden.

Mit dieser Besetzung gefiel das neue Stück, dessen erster Aufführung Kaiser Franz, die Kaiserin, alle Erzherzöge und der ganze Hofstaat anwohnten, überaus; sämmtliche Darsteller wurden gerufen – eine Ehre, welche am Schlusse auch dem Verfasser zu Theil wurde. Nicht wenig hatte zu dieser Wirkung die technische Ausstattung beigetragen: Ritter von Stubenrauch hatte die Figurinen behufs der Costüme gezeichnet und die Anfertigung der Decorationen auf’s Sorgfältigste geleitet. Von den Logen aus sah man in dem Brunnen wirklich das Bild Dorothea’s und des hinter ihr stehenden Hermann erscheinen, ein Effect, der durch einen mit Gaze bedeckten Spiegel hervorgebracht war; und einen magischen Eindruck machte es, als die hinter den mit weißen Aehren bedeckten Hügeln untergehende Sonne die in Hermann’s Arme gesunkene Jungfrau mit goldigem Schimmer der Abendröthe umwob.

Nachdem so die Dichtung in Wien ihre Feuerprobe mit Glück bestanden, richtete der Verfasser sein Auge dahin, wo die Wiege der Idee stand, welche dem Schauspiel zu Grunde gelegen: nach Weimar. Dort unter den Augen des Dichterfürsten Goethe sein Stück aufgeführt zu sehen, mußte den Stolz des jungen Bühnenschriftstellers ausmachen; er legte deshalb seine Arbeit dem Regisseur Genast, welchem er das Manuscript zusandte, warm an’s Herz, bevorwortete indessen selbst, daß eine Aufführung nur stattfinden dürfe, wenn Altmeister Goethe seine Zustimmung ertheile.

Nicht lange sollte Toepfer auf Antwort von Genast harren, und – was er kaum zu hoffen gewagt! – Goethe urtheilte mit großer Wärme über die Dramatisirung seines Idylls. Genast’s Schreiben enthielt eine mündliche Aeußerung des Alten von Weimar, welche dieser gethan, nachdem er das Schauspiel gelesen. „Schreiben Sie dem Verfasser,“ hatte Goethe gesagt, „das sei sehr geschickt gemacht. Hätte ich gefunden, daß in dem einfachen Idyll solche Theaterwirkung stecke, so wäre die dramatische Bearbeitung von mir selbst unternommen worden. Uebrigens ist es mir lieb, wenn das Stück überall gegeben wird; da es die Quelle angiebt, so wird man aus Neugier nach meinem Gedichte, das bis jetzt wenig populär geworden ist, greifen. Sagen Sie aber auch dem Verfasser, daß er es mit den Abschriften etwas zu leicht nähme; er liest sie gar nicht durch – in dem Exemplar fehlt eine ganze Zeile, wodurch der Sinn in Unsinn verkehrt wird – ich habe aber die Zeile hineingedichtet.“

Das ist gewiß ein herziger, liebenswerther Zug des großen Todten, eines jener kleinen Merkmale, welche geeignet sind, dem leider noch immer verbreiteten Wahne entgegenzutreten, es habe dem edlen Goethe an Gemüth gefehlt!

Da „Hermann und Dorothea“ auch in Weimar mit Erfolg gegeben worden, so konnte es nicht fehlen, daß die Bühnenleitungen auf das Stück aufmerksam wurden, und bald wanderte dasselbe von Theater zu Theater. Noch war es indessen nicht in des Autors Vaterstadt, in Berlin, gegeben worden – erst wenn es auch hier mit Ehre bestanden, wollte Toepfer seinen Triumph für vollkommen erkennen.

Da es sich in den Augen des jungen Schriftstellers um Sein oder Nichtsein handelte, so beschloß er, sich der Scenirung von „Hermann und Dorothea“, wie in Wien, so auch in Berlin selbst zu unterziehen, und begab sich zu solchem Zwecke nach dieser Stadt. Hier fand er am Grafen Brühl, welcher nach Iffland’s Tode die Leitung übernommen, einen ebenso gebildeten wie kunstbegeisterten Intendanten, und zu so großer Intimität führte bald die Uebereinstimmung Beider in theatralischen Fragen, daß Toepfer einen kleinen Schlüssel für die Hinterthür des Intendanturbureaus erhielt, damit er nicht zu antichambriren brauchte.

Um einige seiner Lustspiele zur Darstellung vorzubereiten, wurde Toepfer vom Grafen Brühl die Regie übertragen; eine Maßregel, von welcher das Hoftheaterpersonal mittelst Circular in Kenntniß gesetzt wurde, und mit der Aufforderung, den Anordnungen Toepfer’s unbedingt Folge zu leisten. Diese Bestimmung, ohne des Letzteren Wissen getroffen, brachte ihn in Conflict mit seinem ehemaligen Breslauer Collegen Ludwig Devrient, der den Titel eines Regisseurs führte, sich aber so wenig mit den Geschäften eines solchen zu befassen hatte, wie ein Hofrath in die Lage kommt, dem Hofe Rath zu ertheilen. Auf Zureden beruhigte sich denn auch Devrient bald, und die Leseprobe von „Hermann und Dorothea“ wurde angesetzt.

Der Künstlerkreis, welcher Toepfer empfing, suchte seines Gleichen. Als Darsteller des Elternpaares standen der geistvolle, ebenfalls literarisch thätige Pius Alexander Wolff, bekannt als Verfasser der „Preciosa“, und dessen treffliche Gattin Amalie geb. Malcolmi oben an; Beide, unter Goethe’s Leitung in Weimar gebildet, waren noch von Iffland für die Berliner Bühne gewonnen worden. Den Apotheker spielte kein Geringerer als der [295] geniale Ludwig Devrient, während ein Künstler wie Lemm, der Darsteller erster Partieen wie Wallenstein und Götz, die Episode des Rectors, und der gleichfalls bedeutende Beschort diejenige des Richters übernommen hatte. Die Titelrollen befanden sich in den Händen eines Lieblingsschülers von Iffland einerseits: Rebenstein – und der später so berühmten Madame Stich(-Crelinger) andererseits; eine Besetzung, welche gewiß auserlesen zu nennen ist.

Kaum war Toepfer, um die Leseprobe zu leiten, in diesen edeln Verein großer Talente getreten, so wandte sich Madame Wolff an ihn mit der Bitte, der Versammlung sein Stück vorzulesen. Der Bescheidene lehnte ab und wies darauf hin, daß „solche Künstler …“ – „Nein, nein,“ unterbrach ihn die Wolff, „wir wollen das Stück ganz so spielen, wie Sie es sich gedacht haben; lesen Sie nur, lesen Sie!“

Toepfer mußte sich fügen. – Nach seinem Vortrage schüttelten ihm die Schauspieler die Hände; Amalie Wolff rief voll Wärme: „Nun wollen wir getrost auf die Bretter gehen; Sie werden zufrieden sein!“

Schon bei der ersten Theaterprobe ging der Dialog fließend und pointirt. Nur Ludwig Devrient wußte von seiner Rolle nicht ein Sterbenswort. Der Souffleur wurde für des Apothekers immerwährendes Stocken verantwortlich gemacht. „So thun Sie doch den Mund auf!“ rief ihm Devrient zu, „mit dem Menschen ist es unmöglich zu probiren!“ – Dann kehrte er sich zu Toepfer und sagte: „Du brauchst nicht bange zu sein; Abends geht es doch!“ – „Spiele immerhin, wie Du gewohnt bist,“ beruhigte ihn Toepfer. „Wir sind ja alte Freunde und kennen uns nicht erst seit heute!“

Der arme Mensch da unten im Kasten soufflirte nun, daß ihm der Angstschweiß auf die Stirn trat – aber der Apotheker war wie mit Taubheit geschlagen. Nach ein paar Sätzen ging das Schelten wieder an, und da Devrient Miene machte, Toepfer zuzurufen: „habe keine Angst …“, so kehrte dieser mit einem verdrießlichen: „Laß mich zufrieden,“ der Bühne den Rücken, weil er glaubte, der reizbare Künstler ließe sich durch die fremde Regieführung beirren.

Bei der zweiten und dritten Probe ging es ebenso. Toepfer hielt sich während der Scenen Devrient’s hinter den Coulissen und beobachtete von dort aus mit gelindem Grauen, wie dieser bis auf den letzten Moment nicht eine einzige Rede ohne merklich lautes Vorsagen des Souffleurs zu recitiren wußte. So rege Befürchtungen indeß der junge Schriftsteller in Betreff eines tadellosen Ineinandergreifens der Vorstellung hegte: er schwieg, aus Rücksicht für Devrient’s Empfindlichkeit.

Der Abend kam. Das Haus war von Zuschauern gedrängt voll. Toepfer’s Herz schlug gewaltig – handelte es sich doch um das Schicksal seines ersten bedeutenden Stückes in der Vaterstadt, waren doch seine Eltern, seine Verwandten, seine Jugendfreunde als Zeugen gekommen, zu seinem Triumphe – oder zu seiner Niederlage.

Allein bald löste sich der Felsblock, der ihm den Athem hemmte, von der Brust des Bangenden – die Darstellung war von einer unvergleichlichen Trefflichkeit. Das Wolff’sche Künstlerpaar überbot sich selbst, gleicherweise die Inhaber der übrigen Rollen; und Devrient –? Devrient gab den alten Junggesellen mit so scharfem und doch graziösem Humor, groß, wenn er sprach, und noch größer, wenn er nur mimisch an der Handlung Theil nahm, stattete er den Charakter mit einer solchen Fülle lebenswahrer Nuancen aus, daß das Publicum ihn mit Beifall überschüttete. Er trieb die Figur fast zu sehr in den Vordergrund, Wolffs mußten sich mit ihm in die Lorbeeren des Abends theilen – ein Erfolg, der nur einem so wunderbar begnadeten Genius, wie dieser, erreichbar war. Stück und Darstellung wurden mit wahrem Jubel aufgenommen; man sprach in den Zeitungen von einem Weiheabend, und gegen fünfzig Mal wurde das einfache Schauspiel im ersten Jahre wiederholt.

Reich mit Lorbeeren beladen, kehrte Toepfer nach Wien in sein Engagement zurück. Auf der so erfolgreich betretenen Bahn rüstig fortschreitend, schrieb er schon im nächsten Jahre sein vaterländisches Lustspiel „Des Königs Befehl“, welches den Helden des siebenjährigen Krieges, Friedrich den Großen, auf die Bretter brachte und schnell die Runde über alle deutschen Bühnen machte, während er als Schauspieler mit Erfolg weiter wirkte.

Trotzdem Toepfer solchergestalt eine sehr hervorragende Stellung in der deutschen Theaterwelt bekleidete, reifte doch gerade damals der Entschluß in ihm, der praktischen Bühnenthätigkeit zu entsagen und sich gänzlich der Dramaturgie und der Feder zu widmen. Er mochte die Wahrheit des Goethe’schen Ausspruchs über die Schauspielkunst an sich erfahren haben: „Ist wohl irgend ein Stückchen Brod kümmerlicher, unsicherer und mühseliger in der Welt? Beinahe wär’s eben so gut, vor den Thüren zu betteln.“ Nur mit Mühe konnte der beliebte Darsteller seine Entlassung bekommen; ja, man bot ihm an, seine Stelle ein Jahr lang offen zu halten, damit er sie wieder einnehmen könne, wenn seine Ansichten sich geändert hätten. Toepfer wußte, daß dies nicht geschehen würde, und verließ Wien. Die Richtung seiner Reise ging nach Norden; Hamburg war der Ort, den er sich zu seinem Domicil auserwählt.

Um jene Zeit, und zwar im Juni 1822, ernannte ihn die Universität Göttingen zum Doctor der Philosophie, „post exhibita ingenii specimina“, wie es in dem Diplom heißt. Im Hannöverschen war der junge Autor wohlbekannt; hatte er doch ein Bändchen Novellen, „Zeichnungen aus meinen Wanderjahren“, im Verlage der renommirten Hahn’schen Hofbuchhandlung erscheinen lassen.

In Hamburg sich eine Stellung zu gründen, war dem begabten Manne, dem liebenswürdigen Gesellschafter rasch gelungen – bald schuf er sich denn auch einen häuslichen Heerd, indem er sich im Jahre 1831 mit Fräulein Friederike von Hafften aus Bützow in Mecklenburg-Schwerin vermählte. Mit ihr lebt er seit achtunddreißig Jahren in glücklichstem Vereine; ein Sohn, welcher aus dieser Ehe hervorging, advocirt in Hamburg, nachdem er zum Dr. jur. utr. promovirt worden.

Die literarische Wirksamkeit Toepfer’s in Hamburg erstreckte sich anfangs auf die Redaction der Zeitschrift „Thalia“, welche er sieben Jahre hindurch leitete; dann gründete er zunächst die „Originalien“, ein schnell renommirt gewordenes Blatt, welches seiner Zeit die vorzüglichsten Namen zu seinen Mitarbeitern zählte, und später die kritische Wochenschrift „Der Recensent“. Für diese Blätter war Toepfer zugleich neben der Oberleitung noch mannigfach selbstschöpferisch thätig: so schrieb er mehrere kleine Romane, die später im Buchhandel erschienen, aber jetzt sämmtlich vergriffen sind, und dichtete neben verschiedenen Balladen eine Menge lyrischer Kleinigkeiten, von denen einst Heinrich Heine, der mit Toepfer befreundet war, sagte, daß sie ihm den ersten Anstoß zum lyrischen Dichten gegeben hätten.

Toepfer’s langjährige und ersprießliche Thätigkeit als Dramaturg ist bekannt; befanden sich doch unter seiner Leitung Künstler von dem Renommée eines Hendrichs und einer Krebs-Michalesi. Aus weiter Ferne kamen sie, um bei Toepfer einen Cursus durchzumachen. Dabei lag auch die dramatische Schriftstellerei nicht still. Die Zahl der von Toepfer auf die Bühne gebrachten Werke beläuft sich auf zweiunddreißig, theils Originale, theils Nachbildungen fremder, namentlich englischer Stücke. In allen klingt als Grundton jene Seite des Toepfer’schen Wesens wieder, welche schon dessen schauspielerische Gebilde vortheilhaft charakterisirte und welche auch dem Menschen so zahlreiche Freunde erworben hat: innere Liebenswürdigkeit und reichste Herzensgüte. – Auf dem Repertoire befinden sich gegenwärtig noch: „Hermann und Dorothea“, „Des Königs Befehl“, „Die Einfalt vom Lande“, „Nehmt ein Exempel dran“, „Zurücksetzung“, „Freien nach Vorschrift“, „Der Pariser Taugenichts“, „Bube und Dame“, „Karl der Zwölfte auf der Heimkehr“, „Der reiche Mann, oder: Die Wassercur“, welches in Wien eine so lange Reihe von Darstellungen erlebte, daß man dem Verfasser aus freien Stücken das Honorar noch einmal zahlte – und manches andere. Sämmtlich vor Erlaß des Tantièmegesetzes abgefaßt, gewähren sie ihrem Autor nicht den mindesten Vortheil. Nur „Rosenmüller und Finke“ ward nach Erlaß jenes Gesetzes zur Darstellung gebracht; von diesem Lustspiel allein zahlen Wien und Berlin Tantième.

Dieser Thatsache eingedenk, veranstaltete das Hamburger Thalia-Theater am 29. Januar dieses Jahres eine fünfzigjährige Jubiläumsfeier von „Hermann und Dorothea“, die Einnahme des Abends dem greisen Bühnendichter überweisend. Die Vorstellung wurde mit wahrhaft festlicher Stimmung aufgenommen, die sich namentlich gegen die Darsteller des Ehepaares Feldern – Heinrich Marr und Frau Petzold – in unablässigem [296] Beifall kund gab und am Schlusse in dem einmüthigen Hervorrufe des Verfassers Ausdruck fand. Hamburgs Publicum aller Gesellschaftsschichten hatte sich an dem Ehrenabend so zahlreich betheiligt, wie derselbe durch Zweck und Gegenstand verdiente, und damit den ersten Anstoß gegeben, eine Ungerechtigkeit des Schicksals auszugleichen. Denn der Ertrag von „Hermann und Dorothea“ allein würde dem Verfasser eine ansehnliche Lebensausstattung verliehen haben, hätte die damalige Gesetzgebung einen Schutz der Autorrechte gekannt. Doch gleich so Vielen hat Toepfer nur gesäet, um Andere die Frucht seiner Mühen ernten zu sehen.

Das ist nun Gottlob anders; aber wie warm auch die Gesetze gegenwärtig für das geistige Eigenthum eintreten, sie können nicht wieder gut machen, was früher vernachlässigt worden. Nur die deutschen Theater, dem Beispiele von Hamburgs Thalia-Bühne folgend, können dem Nestor der dramatischen Schriftsteller durch späte, aber gerechte Anerkennung seines Wirkens den Lebensabend verschönen.

Es ist Ehrensache der Bühnenleitungen, des literarischen Veteranen ihres Repertoires und der Verpflichtung gegen denselben eingedenk zu sein. Es gilt, Karl Toepfer die verdienten Beweise pietätvoller Erinnerung zu geben, und zu handeln im Geiste des Dichterwortes:

„Wer mit Schädel und mit Hirn
Hungernd pflügt – sei nicht vergessen!

Hermann Uhde.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: behäbigen