Hauptmenü öffnen

Textdaten
<<< >>>
Autor: Levin Schücking
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Bruderpflicht
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14–23
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Fortsetzungsroman in 10 Teilen (40 Seiten)
Teil 1
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[221]

No. 14.   1881.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.


Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Bruderpflicht.
Erzählung von Levin Schücking.


1.

Durch die vom Bahnhof führende staubige Akazien-Allee kamen zwei Männer dahergeschritten. Ein barfüßiger Junge lief vor ihnen her; er trug einen großen, schweren, aber sehr abgeschabt aussehenden Reisesack in der Hand, welcher vermuthlich dem wettergebräunten älteren Manne gehörte, der, einen breitrandigen Filz auf der grauen Löwenmähne, in dunkelcarrirtem Anzuge auf seinen schweren Sohlen so wuchtig zuschritt, als ob er dem hartgetretenen Boden seine Fußstapfen einprägen wolle, wie der Herr, als er dem fliehenden Petrus begegnete, oder auch als ob er mit dem Bewußtsein Fiesco’s: „die Blinden in Genua kennen meinen Schritt“ seinen Einzug halte in die vor ihm liegende deutsche Residenz, die freilich kein Genua war, nicht einmal eine große Seestadt, sondern nur eine hübsche moderne Landeshauptstadt, recht mitten in einem waldreichen Hügellande gelegen.

Der jüngere Mann, der jedoch auch schon den Vierzigern nicht mehr ganz fern stehen mochte, war das gerade Widerspiel des älteren; er war sehr elegant gekleidet, hatte ein feines, ovales Gesicht mit einer stark ausgebildeten Stirn über lebhaft glänzenden, blaugrauen Augen, eine hohe, schlanke und doch männlich feste Gestalt und etwas Aristokratisches in seiner Haltung, wenn auch nicht in den Zügen, welche die Spuren eines ernsten und angestrengten Gedankenlebens trugen. Vielleicht jetzt gerade mochte dieser Ausdruck besonders lebhaft hervortreten; denn es ließ sich nicht verkennen, daß er in großer Erregung war; er sprach, er bewegte sich lebhafter, als es zu der aristokratischen Erscheinung paßte; er legte sogar von Zeit zu Zeit seine Hand im hellen Glacéhandschuh auf den staubigen Arm des Begleiters.

Ein älterer Officier, auch dem Abzeichen an der Uniform ein General, kam ihnen entgegen – mit einem Lächeln, einem freundlichen Kopfnicken reichte er dem jüngeren Manne die Hand.

„Sie kommen doch pünktlich heut – um vier? Ohne auf sich warten zu lassen?“ fragte er.

„Gewiß, ich werde pünktlich bei Ihnen sein, Excellenz.“

„Na,“ bemerkte unwillig der ältere Herr, als der General weiter geschritten, „ich muß gestehen, diese Species von verthierter Soldatesca geht gewaltig formlos mit Dir um, Aurel; ich würde mir eine solche Herablassung von Leuten seiner Art nicht gefallen lassen. Er bestellt Dich pünktlich – um vier Uhr – just wie man seinen Raseur bestellt! Nun, Du bist auch“ – der Alte lachte jetzt laut auf – „wohl etwas wie sein Raseur, führst einen Proceß für ihn und barbierst ihn dabei nach Advocatenmanier über den Löffel?“

„Das weniger, lieber Vater,“ entgegnete Aurel, „ich bin nicht sein Advocat, sondern gehöre einer kleinen Gesellschaft an, die sich wöchentlich einmal bei dem guten alten Herrn versammelt.“

„Du? Bei einem General? Ich bitte Dich! Wie kommt Saul unter die Propheten?“

„Unter die Propheten geräth man auch wohl als Weltkind und bleibt trotzdem, was man ist.“

„Hoffentlich – doch läßt man die Propheten nachher laufen. Uebrigens sehe ich hier links den Eingang zu einem höchst einladenden Biergarten; ich habe einen cannibalischen Durst und ich muß den Staub der Eisenbahn ein wenig hinunterspülen, ehe wir weiter gehen; also fallen wir ein – hinein in’s Vergnügen!“

„Du in diesen Biergarten, Vater?“ fragte erschrockenen Tones der Sohn – aber wenn in diesem Ton ein Protest gelegen hatte, so kam er damit zu spät: sein Begleiter war mit einer raschen Wendung schon jenseits des grünangestrichenen Gitterportales und schritt auf dem weichen Kies, der zwischen den rechts und links angebrachten Bänken auf die Holzveranda des Hauses zuführte. Seine Erscheinung mußte auf die einzelnen Gruppen der trinkenden und Cigarren rauchenden Gäste eigenthümlich imponirend wirken; denn wohin unter dem breiten Filz hervor seine allerdings sehr herrisch um sich schauenden Blicke fielen, da verschwanden wie durch einen Zauber die Cigarren; die Leute schnellten von ihren Sitzen empor und grüßten respectvoll.

„Da schau,“ sagte der alte Herr, „da schau einer die Bedientenhaftigkeit hier im alten Lande an! Wie ehrfürchtig das thut! Sie halten mich für einen geheimen Kanzleirath, oder gar für einen Hofrath, glaub’ ich.“

„Schwerlich, bester Papa,“ entgegnete sein Sohn. „Du mußt gestehen, daß Du nicht aussiehst, als ob Du zum ‚Tschin‘ gehörtest.“

„Aber es ist doch nicht möglich, daß sie mich wiedererkennen und den alten Kämpfer von 1848 an mir ehren wollen? Oder hast Du vielleicht dafür gesorgt, daß Eure Blätter meine Rückkehr angekündigt haben?“

„Keineswegs – ich setzte durchaus nicht voraus, daß das Dir angenehm sein würde.“

„Angenehm? Nun, weshalb nicht? Laß die Blätter immerhin reden - je mehr, desto besser! – Unsereins ist das gewohnt – kann auch Dir und Deiner Praxis, calculire ich, nicht schaden, wenn da gedruckt zu lesen ist, etwa: ‚Unser früherer Mitbürger, der Veterinärarzt Doctor Lanken, ist nach fünfundzwanzigjähriger Abwesenheit in sein Vaterland zurückgekehrt; der bewährte Vorkämpfer [222] aus den Jahren 1848 und 1849 wird einer warmen Aufnahme bei allen denen gewiß sein dürfen, welche sich seiner ausgezeichneten Verdienste um die Sache des Volkes und der bürgerlichen Freiheit von damals erinnern. Herr Doctor Lanken, der sich durch seine Energie in den Vereinigten Staaten eine höchst geachtete Stellung geschaffen, hat diese doch aufgegeben, um den Rest seiner Tage in der alten Heimath bei seinem Sohne, unserm vielbeschäftigten und eminenten Rechtsanwalt Aurel Lanken, zu verleben.’ – Für so etwas oder dem Aehnliches könntest Du schon sorgen, denk ich, wenn“ – der alte Herr lachte plötzlich verachtungsvoll auf – „wenn Eure Censur es nicht streicht.“

„Wenn wir eine Censur hätten, bester Papa,“ entgegnete Aurel ziemlich trockenen Tones, „so würde sie Dir höchstens das – Doctor streichen, weil es Dir meines Wissens nicht zukommt – aber wir kennen keine Censur mehr. Ueberhaupt wirst Du Dich darauf gefaßt machen müssen, sehr viele Dinge hier völlig verändert zu finden und viele Voraussetzungen in Rauch aufgehen zu sehen, obwohl sie Dir vielleicht zu lieben Bedürfnissen geworden.“

„Glaubst Du, weiser Daniel? Na, wir werden ja sehen. Hoffenlich geht meine Voraussetzung, daß baierisches Bier hier zu Lande noch immer ein gutes Getränk sei, nicht durch den Stoff, den die Kellner dort herbeischleppen, in zuviel – Schaum auf!“

Sie hatten sich an einem der unbesetzten Tische niedergelassen – ein Kellner brachte mit großer Beflissenheit ein paar gefüllte Seidel und fragte dann mit tiefer Verbeugung, ob sonst noch etwas befohlen würde?

Da nichts befohlen wurde, schoß er davon.

„Befohlen’! Lakaienseele!“ sagte der alte Herr. „Kann der Mensch nicht mit aller Würde und dem Bewußtsein, daß seine Waare soviel Werth hat wie mein Geld, das Bier auf den Tisch stellen?“

„Ich zweifle nicht daran,“ versetzte Aurel, „obwohl ich nicht sicher bin, daß eine Zugabe von Kellnerwürde das Getränk schmackhafter machte.“

„Wär’ auch nicht nöthig,“ sagte der alte Herr, der eben einen tiefen Zug gethan und jetzt mit großen Aplomb das Glas auf den Tisch setzte. „Euer Bier ist gut – wahrhaftig es ist besser, als das drüben, jenseits des großen Teiches. Das räum’ ich Dir mit Vergnügen ein – aber Du trinkst nicht?“

„Nein – ich vertrage Bier nicht.“

„Ah – Du verträgst es nicht? Ein Volksmann, der … aber, Goddam, wenn ich Dich so ansehe, Aurel, machst Du mir überhaupt den Eindruck eines eingefleischten Aristokraten – siehst aus wie aus dem Ei geschält; auf Deinem Haupte leuchtet der Glanz eines Cylinders, der noch vorgestern der Stolz eines Hutmacherladens war; Dein Vollbart ist gestutzt und beschnitten, daß es eine wahre Freude für einen Friseur ist, es zu sehen –“

„Mein lieber Vater,“ unterbrach ihn Aurel mit einem halb spöttischen halb wehmüthigen Lächeln – „Du wirst Dich auch darein finden müssen, daß zu den Voraussetzungen, die Dir, wie ich sagte, in Rauch aufgehen werden, auch einige gehören, welche die Lage und die Verhältnisse Deines Sohnes nahe angehen. Es ist mir das freilich tief schmerzlich, und Gott weiß, daß ich nichts Besseres verlangte und keine größere Freude haben könnte, als wenn Du in Deinem einzigen Sohne völlig das fändest, was Du mit väterlichem Stolze in ihm zu finden erwartetest – einen treuen Erben Deiner Gesinnungen, einen schneidigen Anwalt Deiner Grundsätze – einen gefeierten Volksmann und Vorkämpfer für Alles, was den schönen Namen: ‚Fortschritt‘ trägt –“

„Und das werde ich nicht finden?“ fiel der alte Herr, ihn groß ansehend und das eben ergriffene Seidel auf dem halben Wege zwischen Tisch und Mund haltend, ein.

„Das wirst Du nicht finden: Deine politischen Ziele mögen auch die meinen sein, aber über die Wege zu diesen Zielen werden wir völlig verschieden denken. Ich bin auch nicht, wie Du meinst, Advocat, Parlamentarier, Oppositionsredner der äußersten Linken, Volksmann und dergleichen –“

„Aber ich bitte Dich – nicht mehr – Rechtsanwalt? Was denn anders? Wovon lebst Du denn und bezahlst den Friseur, der Dir so sauber den Bart beschneidet?“

„Das will ich Dir sagen, wenn ich Dir mit ein paar Worten erst den Weg angedeutet habe, den ich zurückgelegt habe und der mich ohne ehrgeiziges Streben meinerseits ganz wie von selber zu meiner jetzigen Stellung geführt hat. Ich habe Dir brieflich das nicht mittheilen wollen, weil ich wußte, ich würde doch nicht vermögen Deine Anschauungen so zu berichtigen und umzuwandeln, daß ich Dir keinen Verdruß mit der Wendung meines Schicksals bereitet hätte. Höre also! Als ich in der Kammer saß, vollzogen sich große Ereignisse hier in unseren deutschen Vaterlande, und diese waren es, die mich aus meiner tiefinnerlichsten Ueberzeugung heraus hinüberführten zu Denen, welchen wir Deutsche diese Wendung verdankten, zu den Männern –“

„Zu den Männern der Gewalt … zu den Leuten, denen das Volk und sein Wille nichts ist?“ fuhr der alte Herr auf; dann that er einen tiefen Trunk und setzte darauf sein Glas mit einem so pathetischen Nachdruck hin, als ob ihm durch diesen Schlag der Durst vergangen sei für alle Tage seines Lebens. – „Zu diesen Männern – Du – der Sohn –?“

Er wurde unterbrochen durch einen mit aufgeregter Miene herantretenden schwarzbefrackten Herrn, der eine große Verschwendung an weißer Wäsche zeigte und dem im respectvoller Entfernung ein Kellner folgte.

„Bitte um Entschuldigung, Excellenz!“ sagte der Mann sehr eifrig – „ bitte sehr um Entschuldigung, daß ich nicht eher mein Compliment machte! Höre eben erst, daß Excellenz mein Local beehren – wenn Excellenz geruhen wollten – ich habe sehr hübsche reservirte Zimmer oben – fürchte, daß es ein wenig sonnig ist hier vorn –“

„Sie sind der Eigenthümer des Gartens?“ sagte, mit einem herablassenden Kopfnicken die Verbeugungen des Herrn erwidernd, Aurel. „Es ist sehr hübsch bei Ihnen – ich danke Ihnen – dieser Platz convenirt uns – ich danke Ihnen.“

Er nickte wieder im derselben vornehmen Weise wie zur Entlassung, und der Wirth zog sich unter abermaligen Verbeugungen zurück.

„Excellenz? !“ rief jetzt der alte Herr. „Der Mensch wirft Dir eine Excellenz nach der anderen an den Kopf? Da steht mir denn doch der Verstand still. Was zum Teufel ist aus Dir geworden, Aurel? Eine Hofschranze? Ein Fürstenknecht? Ein Cärimonienmeister oder Kammerherr gar? Mich trifft der Schlag. Aurel Lanken, mein Junge, in der Taufe genannt nach dem großen Wahrheitsfreund und Philosophen Marc Aurel, ein Hofschranze!“

„Nicht ganz das, was Du darunter verstehst, lieber Vater – aber etwas im Deinen Augen Verwandtes. Ich bin der Minister unseres guten, aufgeklärten Fürsten – der Vorsitzende seines Ministeriums. Nicht mehr und nicht weniger! Darein mußt Du Dich nun einmal ergeben. ‚Das Unvermeindliche mit Würde tragen‘, Du weißt ja. Weshalb ich Dir nicht davon schrieb, so lange Du auf Deiner Farm hinten in Michigan lebtest, habe ich Dir eben angedeutet – für den Staat Michigan konnte es nicht von Erheblichkeit sein und für Deine persönlichen Gefühle nicht wohlthuend. Hättest Du mich früher von Deinem Plane, hierher zurückzukehren, unterrichtet, so würde ich es Dir natürlich mitgetheilt haben, aber Du schriebst mir erst, als Du bereits auf der Reise, bereits in New-York warst …“

„Verfluchter Querstreich! Excellenz, Minister! Was soll ich nun hier machen?“

„Ich denke nicht, daß darin etwas liegt, was Dir hier den Aufenthalt verbittern könnte.“

„Nicht? Denkst Du das?“

„Wenn Du nicht das Bedürfniß hast, gar zu arg über die Regierung zu räsonniren …“

Der alte Herr antwortete nicht. Er strich sich das Kinn und versank offenbar in tiefe Gedanken. Dann sagte er zerstreut und den Kops schüttelnd: „Ja, ja, ich fürchte, das Räsonnieren werde ich nicht lassen können. War immer meine Stärke, weißt Du.“

„Beobachte erst ein wenig den Lauf der Dinge hier – und halte an Dich! Gefallen Dir dann die Zustände nicht, so räsonnirst Du nachher nur desto ärger – ich will Dich nicht hindern.“

Der Alte schüttelte wieder trübselig den Kopf.

„Du ein Minister, ein Fürstenknecht!“ murmelte er, starr auf sein Glas blickend, und dann schien er vor dieser niederschmetternden Thatsache nur darin eine Rettung zu finden, daß er mit einer überflüssigen Energie den Zinndeckel seines Seidels klappen ließ, bis der heranstürzende Kellner es ihm genommen, um ihm ein neugefülltes zu bringen.

„Willst Du nicht anhören, wie ich dazu gekommen, ein Fürstendiener zu werden, lieber Vater, trotz aller republikanischen [223] Grundsätze und Gesinnungen, die ich, dank Deiner spartanischen Erziehung, mit der Muttermilch eingesogen?“

„Was brauch’ ich das anzuhören – kann mir’s ja denken,“ versetzte der alte Herr melancholisch, sein löwenmähniges Haupt auf den Arm stützend. „Sie haben Dir geschmeichelt, Dich gekirrt, Deinen Ehrgeiz geweckt, Dich bei der Eitelkeit gefaßt, Dir rothe Bänder mit allerlei Kindereien um den Hals gehangen – Geld natürlich wird auch seine Rolle gespielt haben, vielleicht auch die Weiber – Du liebe Zeit, so was kennt man ja – kenn’ ich ja von Anno dazumal her, ehe ich so gescheidt war, davon zu gehen über’s große Wasser. Was mich nur wurmt, ingrimmig wurmt, ist, daß ich beim ersten Schritt, den ich wieder – ich verdammter Narr – in’s alte Land setze, solch einen Abtrünnigen in meinem eigenen Sohne finden muß. Hätt’ ich Dich mit hinübergenommen damals!“ fuhr der alte Herr seufzend fort; „mit hinüber to the far west! Aber Deine Mutter wollt’s ja nicht – sie wollt’ es ja nicht, wie sie ja auch selber nicht mir folgen wollte – und diese Weiber haben nun einmal ihren Kopf.“

„Ihren Kopf, und wie Du nicht leugnen wirst, Vater, zuweilen wohl auch richtige Gedanken darin. Meine Mutter war eine schwache, leidende Frau, und ich damals ein Büblein von acht Jahren – was hätte aus uns werden sollen, wenn wir mit Dir so in’s Blaue hinrin, dem ganz ziellos Unbestimmten entgegen, in die weite Welt gezogen wären? Die Mutter wäre wohl auf der Reise schon gestorben, und ich hätte für die Ueberfahrt und alle Gefahren, die damit zusammenhängen, gewiß auch schwer büßen müssen – was,“ setzte Aurel lächelnd hinzu, „mich dann freilich vor meinem heutigen bitteren Schicksal, ein Minister sein zu müssen, bewahrt haben würde.“

Der alte Herr leerte schweigend sein zweites Seidel Bier und richtete dann seine Blicke mit dem Ausdrucke tiefer Wehmuth auf seinen mißrathenen Sohn.

„Du willst nicht die Erklärung anhören,“ hub dieser nach einer Pause wieder an, „wie ich, reisend an Alter und Erfahrungen, dazu gekommen bin, eine Stellung im Staatsdienst anzunehmen – Fürstenknecht zu werden, wie Du das nennst, und wie ich in diesem Staatsdienste gerade den Posten angenommen, von dem sich die Voraussetzung einer Dir verhaßten Gesinnung am wenigsten trennen läßt. Ich will Dich denn auch mit dieser Entwicklung nicht heimsuchen – sie brächte uns wohl in eine sehr lebhafte Debatte, und ich möchte nicht, daß wir unsern Aufenthalt in diesem Biergarten noch bedeutend verlängerten – aber eine Frage wirst Du mir doch wohl erlauben?“

„Frage!“

„Du bist ein Mann der allerentschiedensten Opposition. Du weißt, daß die Regierung den Staatswagen nach der einen Seite zieht, und hast Dich deshalb an die andere Seite gespannt. Dort ziehst Du – freilich siehst Du, daß unter solchen Umständen der Staatswagen nicht weiter rückt –“

„Sondern im Sumpf stecken bleibt – das ist richtig.“

„So kann Dir Niemand verdenken, daß Du die Zugkräfte da hinten, welche die Deinen und die Deiner Partei lähmen, mißbilligst. Nun aber hörst Du eines schönen Tages hinter Dir an der anderen Wagenseite ein ganz ungewöhnliches Klirren und Klappern, ein Geräusch, als ob Ketten fielen, ein Stampfen herankommender Rosse – Du siehst, daß diese Rosse an Deiner Seite, neben Dir, an den Staatswagen gehängt werden – daß sie, von einer mächtigen Hand gelenkt, mit hellem Wiehern muthig sich in’s Zeug legen – daß der Staatswagen aus dem jämmerlichen alten Sumpfe heraus vorwärts rollt – auf festem Boden triumphirend vorwärts – ganz in der Richtung, in welcher Du und die Deinen seit vielen, vielen Jahren zogen – was wirst Du nun thun, theurer ‚Governor‘, wie Ihr drüben, denk’ ich, sagt? Was wirst Du thun? Jubelnd über diese neue Wendung und treu Deinen alten Idealen, Deiner langjährigen Anschauung mitziehen am Staatswagen? Oder wirst Du die Treue gegen Dich selber darin suchen, daß Du Dir sagst: ‚ich bin einmal der Mann der Opposition und meine Bürgerpflicht gebietet mir, in der Opposition zu bleiben. Macht die Regierung den Staatswagen rollen – wohlan, ich bleibe fest auf der Höhe meiner staatsmännischen Mission und – werfe ihr Knüppel in die Räder‘?“

„Du willst doch nicht, daß ich glauben soll, Eure Regierungen hier ...“

„Ich will nichts, als daß Du Dich umschaust, prüfst, überlegst und dann erst urtheilst – als ein Mann ohne Vorurtheile. Seid Ihr nicht stolz darauf, Ihr drüben, keine Vorurtheile zu haben?“

„Ich denke, Dun wirst mir aber erlauben, so lange bei meinen Grundsätzen zu bleiben, bis ich herausfinde, daß sie Vorurtheile sind. Unterdeß will ich Dir den Gefallen thun und mit Dir aufbrechen, da es Deiner Excellenz doch nun einmal in diesem demokratischen Locale unbehaglich zu Muthe ist. Komm! Aber Eines sage ich Dir: In ein Ministerhotel bringen mich Deine umgespannten Regierungspferde, auch wenn sie alle zumal anziehen, nicht. Ich nehme Herberge bei meinem alten Freund Schallmeyer.“

„Aber, Vater,“ sagte Aurel erschrocken, „Deine Zimmer stehen in meinem Hause bereit – Du wirst doch bei Deinem Sohne wohnen?“

„Nimmermehr!“ versetzte der alte Herr bestimmt. „Soll ich mich da von Deinen Lakaien über die Achseln ansehen und von den Excellenzen, die Dich besuchen, durch ihre Pince-Rez beäugeln lassen, als wenn ich eine Rarität aus Barnum’s Museum wäre? Da kennst Du einen alten Republikaner schlecht. We live in a free country, Sir!

„Aber ich bitte Dich, es sähe aus, als ob ich den Vater verleugnete ... schon deshalb bitte ich Dich dringend ...“

„Nichts da, nichts da! Ich kann Dir nicht helfen, mein Sohn. Du wirst mir den Weg zu Schallmeyer zeigen.“

„Wenn Du es willst, aber Schallmeyer ist nicht Hotelbesitzer mehr; er ist heruntergekommen und hält nur noch ein kleines Hotel garni, so viel ich weiß – jedenfalls bist Du besser bei mir aufgenommen.“

„Kann’s mir denken, wirst ganz behaglich einquartiert sein – Du hast ja nur in den Staatssäckel zu greifen – würde mir da aber nicht recht schmecken – müßt’ an den Schweiß der armen Unterthanen denken; wenn Dein Champagner auch noch so gründlich in Eis gekühlt wäre, nnüßte doch an den Schweiß denken, der daran klebt – ich gehe lieber zu Schallmeyer. Er ist heruntergekommen, sagst Du? Desto besser – wird der rechte Mann für mich sein – war’s schon damals, 1848 – findiger Kopf – hatte Schneid, der rothe Schallmeyer!“

Dabei blieb der alte Herr, und nachdem die Excellenz bezahlt hatte, verließen Beide den Garten; der Junge mit dem Reisesack trabte wieder voraus und so zogen dieser, der alte Volksmann von 1848 und der Ministerpräsident von heute friedlich selbander in die Stadt ein und gelangten in die dem Thore nahe Gasse, wo der heruntergekommene Schallmeyer sein kleines Zimmervermiethungsgeschäft in einem mehr trist als gastlich dreinschauenden alterthümlichen Giebelhause betrieb.

Es sah in der That nicht sehr einladend aus. Die alten Quadern, aus denen es aufgebaut war, hatten eine wunderliche Farbe, als ob sie mit einem grünlichen Moder bedeckt seien, und das Ganze sah aus den braungestrichenen Fenstern mit den kleinen Scheiben mit einer unfreundlichen Lebensmüdigkeit darein. Die ausgetretenen Steinstufen, welche an die Hausthür führten, waren so weit vorgeschoben, als wollte das alte Haus boshafter Weise den in der Gasse Vorübergehenden damit ein Bein unterschlagen. Aurel sah ein wenig beklommen zu dem Bauwerk auf, während der Junge mit dem Reisesack die Klingel zog.

„Also wirklich – hier soll Dein Hauptquartier sein?“ fragte Aurel mit einem Seufzer.

„Hier soll es sein. Und Du thust mir einen Gefallen, Aurel, wenn Du mich nun mit dem alten Freunde allein lässest; ich mache das Weitere am liebsten mit ihm selbst ab und lege mich dann auf’s Ohr, die Reisestrapazen auszuschlafen.“

„Und wann kommst Du zu mir?“

„Morgen – in der Frühe morgen! Wir werden dann gründlich Alles durchsprechen. Alles! Habe Dir auch noch allerlei zu erzählen. Noch allerlei wunderliche Dinge. Mach’ Dich gefaßt darauf! Bis morgen also!“

Er reichte Aurel flüchtig die Hand und wandte sich dann, um durch die unterdeß geöffnete Thür zu treten, die sich hinter ihm und seinem Gepäckträger schloß. Aurel sah sich von seinem wunderlichen „Governor“ auffallend brüsk verabschiedet.




[224]
2.

Der alte Herr war unterdessen in das Haus eingetretenen; eine katzenhaft aussehende Frauensperson mit einer gefältelten Haube war ihm entgegengetreten und blinzelte nun, als ob ihr auf dem dunkeln Hausflur noch zu viel des Lichtes sei, fortwährend mit den kleinen müden Augen. Lanken fragte nach seinem alten Freunde, und die Sibylle ihm gegenüber rief nun nach dem rothen Schallmeyer.

Dieser erschien denn auch auf ihren fast wie ein Hülfeschrei ertönenden Ruf oben auf dem Treppenabsatz; seine Röthe – das sah Lanken auf den ersten Blick – war stark in’s Fahlgraue verschossen, das heißt da, wo ihm der Lauf der Jahre noch den Stoff zu solchem Farbenwechsel auf dem hohen dünnen Scheitel gelassen; daß er, wie seine Widersacher meinten, eine wenig Zutrauen erweckende Aehnlichkeit mit einem Fuchse habe, mußte dem alten Thierarzt nicht aufgehen.

„Schallmeyer! Altes Känguruh!“ rief er zu ihm hinauf. „Her mit Dir! Komm einmal herunter, einen alten Freund zu begrüßen! Wahrhaftig, er steigt die Treppe herab, so vorsichtig, wie eine Beutelratte von der Korkeiche. Kennst Du Lanken nicht mehr, Deinen alten Freund Lanken?“

„Sieh, sieh,“ sagte das Känguruh, das in Hemdsärmeln war und jetzt rascher niederstieg. „Du bist es. Hast Dich gut gehalten – merkwürdig gut! Ist das Dein ganzes Gepäck?“ fuhr er auf den Reisesack blickend fort.

„Imponirt es Dir nicht hinlänglich, um mir Zimmer in Deinem Hause zu überlassen?“

„Du kannst Zimmer bekommen, so viel leer stehen. Mit Deinem Gepäck brauchst Du nicht zu imponiren. Ihr Lanken seid ja jetzt große Leute hier im Lande geworden; mich wundert nur, daß Du vorlieb nehmen willst bei mir – Frau Förster, Nummer vier und fünf nach vorn heraus! – es sind unsere besten – kannst Deinen Sohn und das ganze Staatsministerum da empfangen – habe sie Dir gleich bestimmt, als Du uns angekündigt wurdest.“

„Angekündigt?“ fragte Lanken, lohnte den Träger ab und folgte nun seinem alten Freunde und dessen Hauskatze die Treppe hinauf auf Nummer vier und fünf.

Nummer vier war ein großes, sehr niedriges Zimmer, mit allerlei abgeschlissenen Möbeln, die augenscheinlich aus verschiedenen Entwickelungsperioden des deutschen Handwerkes stammten, aus jenen Zeiten, wo es den ehrgeizigen Gedanken des Kunsthandwerkes noch nicht gefaßt hatte.

„Daß, wenn ich hier das ganze Staatsministerum empfange, meine Bäume doch nicht in den Himmel wachsen – dafür ist gesorgt,“ sagte Lanken mit einem Blick zu der niederen Decke empor. „Wer bewohnt das Zimmer daneben?“ fragte er, auf eine fast quadratförmige braun gestrichene Flügelthür deutend, vor welche ein kleines mit schwarzem englischem Leder bezogenes Sopha gestellt war.

„Es wohnt die junge Dame da, die Dich uns angekündigt hat - sagte, sie kenne Dich von New-York her – eine stille junge Frau, die Dich nicht geniren wird – ist auch direct aus Amerika herübergekommen – weiß nicht, was sie eigentlich hierher führt – nennt sich Mistreß Brown –“

„Richtig, richtig,“ nickte der alte Herr. „Kannte ihre Eltern – nehme also das Zimmer für längere Zeit - und was die Dollars angeht, so wirst Du einen alten Freund nicht zu stark in die Kreide nehmen.“

„Darüber kannst Du beruhigt sein, alter Junge – Du bezahlst mich ja halb schon durch die Reclame, welche Du mir machst.“

„Der alte Lanken – aus Amerika zurückgekommen – ich glaub’s schon.“

„Ah bah,“ versetzte Schallmeyer, „aus Amerika ist Mancher zurückgekommen, aber der alte Lanken der Vater des Ministers – davon wird die ganze Stadt reden.“

„Hm – ist mein Geschmack just nicht, irgend Jemandes Schatten abzugeben, am wenigsten den meines eigenen Sprossen – was werd’ ich zahlen für die Zimmer?“

„Acht Thaler im Monat.“

„Wahrhaftig, ’s ist die Welt nicht,“ erwiderte Lanken, und, nachdem er noch einige Verabredungen in Betreff der weiteren Bedingungen mit dem alten Frennde getroffen, begann er, ihn über eine Anzahl von früheren Bekannten auszufragen. Schallmeyer antwortete ziemlich lakonisch und menschenfeindlich und nur dann mit einem Ton der Befriedigung, wenn er sagen konnte. „Der ist todt.

Lanken wusch sich während dieses Examens den Reisestaub ab, und als Beides, Examen und Wäsche, beendet war, ging Schallmeyer und ließ seinen Gast allein. Dieser trocknete sich Gesicht und Hände, öffnete die auf den Gang führende Thür, durch welche er eingetreten, und blickte vorsichtig hinaus. Dann schloß er diese Thür ab und ging zu der anderen, der Verbindungsthür, vor welche das kleine Sopha gerückt war, um in kurzen Pausen dreimal daran zu klopfen.

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: Levin Schücking
Titel: Bruderpflicht
aus: Die Gartenlaube 1881, Heft 15, S. 241-244
Fortsetzungsroman - Teil 2


[241] Sogleich wurde der jenseits im Schlosse steckende Schlüssel gedreht; Lanken schob das Sopha ein wenig bei Seite; die Thür öffnete sich, und eine schlanke junge Dame trat herein, mit feinen rosigen Zügen, blondem Haar und in schwarzer einfacher, aber völlig modischer Tracht – eine echt englische Schönheit. Eine romantisch angelegte deutsche Jünglingsseele hätte dieses reizende, ein wenig melancholisch aussehende Frauenbild nicht erblicken können, ohne eine starke Neigung zu empfinden, ihr eine Reihe Sonette zu widmen, die ihr unausbleiblich zarte, goldumsäumte Engelschwingen an die fein gerundeten Schultern gesetzt hätten.

Die Schwingen wären ihr freilich in diesem Augenblick ganz überflüssig gewesen; denn auch ohne diese flog sie mit hochgeröthetem Gesicht dem alten Thierarzt an die Brust und drückte einen herzhaften Kuß auf seine bärtige Wange.

„O theurer Papa,“ sagte sie, in Thränen ausbrechend, „wie gut, daß Du da bist – wie gut!“

„Ja, da bin ich, Du arme Grasmücke, armer kleiner Vogel,“ versetzte er, seine gewöhnlich sehr laute Stimme dämpfend, „da bin ich glücklich angekommen in meinem alten Nest – verdammt ruppiges Nest das – oder meinst Du, es sei just das richtige für einen alten Markolf, wie ich bin? Nun, setz’ Dich her zu mir! Erzähle mir, wie’s Dir ergangen ist, und erkläre mir, was all Deine geheimnißvolle, unverständliche Schreiberei bedeutet!“

„O Papa,“ sagte die junge Dame, sich neben ihn auf das kleine Sopha, auf das er sie niederzog, setzend und ihre Hand in der seinen lassend, „o Papa, wie anders habe ich Alles gefunden, als ich es erwartete!“

Der Alte lachte bitter auf.

„Wahrhaftig,“ sagte er, „mir ist’s nicht besser gegangen. Hab’ auch etwas gründlich anders gefunden, als ich erwartete. Der dumme Junge, der Aurel, ist nun Minister geworden. Minister! Es ist, um des Teufels zu werden! Mein Junge, mein Fleisch und Blut – Minister!“

„Das ist’s ja eben, Papa,“ sagte die junge Dame. „Und nun war ja alle meine Hoffnung, durch ihn etwas zu erreichen, geschwunden; er ist nicht blos Minister und die rechte Hand des Fürsten – dann hätte ich ja eine noch viel bessere Stütze an ihm gefunden, als an dem bloßen Advocaten – es ist noch viel schlimmer – noch viel, viel schlimmer.“

„Na, bin begierig zu hören, wie’s noch schlimmer sein kann.“

„Er geht ein und aus bei den Gollheim’s, und die Leute sagen, er sei verlobt mit der Comtesse Regine Gollheim, der jüngeren Schwester Ludwig’s –“

„Ach, das fehlte noch – verlobt mit der Schwester dieses vermaledeiten Schufts, der –!“

Die junge Dame hielt ihren Papa die Hand auf den Mund.

„Du sollst so nicht von ihm sprechen, Papa,“ sagte sie.

„Wie soll ich anders von ihm sprechen,“ versetzte er, zornig ihre Hand niederdrückend, „ein Schuft ist und bleibt er – und nun erzähle weiter!“

„Du weißt nun Alles – mein Bruder, an dem ich die beste Stütze zu haben hoffte, ist der beste Freund dieser Leute, und dazu ein allmächtiger Mann im Lande. Ich wagte seitdem nicht mehr, mich zu rühren; ich nannte Niemand meinen eigentlichen Namen; ich wagte kaum auszugehen aus Furcht, der fürchterliche Bruder könne mich von seiner Polizei aufheben und aus dem Lande schaffen lassen – ich wagte nichts, bevor Du hier warst. Dich wird doch dieser schreckliche Bruder nicht verleugnen können. Dir wird er glauben müssen.“

„Verzweifelte Geschichte das!“ rief der alte Republikaner. „Ehe wir etwas beschließen können, muß ich mit dem Aurel sprechen. War am Bahnhof, mich in Empfang zu nehmen – hatte ihm telegraphirt, daß ich kommen würde – war wahrhaftig so überrumpelt von seiner Ministerschaft, daß ich gar nicht die Courage fand, ihm von Dir zu reden – hätte weit ausholen müssen, weißt Du, und calculirte: hast du vor mir den Heimtücker gespielt und mir deine Fahnenflüchtigkeit, dein Hofschranzenthum verheimlicht – nun, so revanchiren wir uns ein wenig, mein Junge, und sagen dir vorderhand nichts von der kleinen Grasmücke, die wir hier haben, die uns in’s alte Nest vorausgeflogen ist. Ist immer noch Zeit – immer noch! Und auch das alte Känguruh von Schallmeyer braucht nichts davon zu erfahren, wie nah wir zusammengehören – würde ein hübsches Stadtgeklatsch geben, das dem Aurel seine Polizei zutragen würde, ehe noch drei Viertelstunden verflossen wären – kenne das, kenne das.“

„Dein alter Freund Schallmeyer, an den Du mich gewiesen hast, Papa,“ sagte die junge Dame, „ist ein unheimlicher Mensch, und die Haushälterin ist so neugierig; sie schleicht so lautlos umher und ist immer, wo man sie nicht erwartet. Jeden Augenblick tauchen neue Mägde auf –“

„Wenn es Mäuse wären,“ lachte der alte Herr, „würde ich denken, sie habe die früheren verspeist. Na, vielleicht finden wir ein gemüthlicheres Unterkommen. Für’s Erste werde ich zu Tische gehen – in irgend einem Restaurant in der Nähe –, dann meine Reisemüdigkeit ein wenig ausschlafen, und nachher werde ich [242] als Zimmernachbar und als Dein Landsmann von drüben her Dich um die Vergünstigung bitten lassen, Dir einen Besuch machen zu dürfen. Du wirst das passend finden, gelt, my darling? Du wirst herablassend den Besuch annehmen, und nachher werden wir merkwürdig gute Freunde werden – die Grasmücke und ich!“

„Ganz wie Du meinst, Papa! Also ich schlüpfe jetzt in mein Zimmer zurück; am Abende erwidere ich die Freundlichkeit Deines Besuches durch eine Einladung zum Thee.“

„Gut ausgesonnen,“ versetzte lächelnd der alte Herr. „Aurel’s Polizei wird hoffentlich nichts dagegen haben. Wir werden den Thee zusammen trinken und uns dabei unsere Reise-Abenteuer erzählen – aber auch unsere Schlachtpläne machen. Wenn ich nur erst ein wenig recognoscirt habe, wo der Feind steht und wie stark er ist! Werden ja sehen!“ – – –

Als Lanken nach einer kurzen Frist das Haus verließ und gestützt auf seine alte Localkenntniß leicht die Restauration ausfindig machte, welche ihm Frau Förster, die leise redende Wirthschafterin, bezeichnet hatte, fand er in dem nach seinen Begriffen sehr verräuchert aussehenden Local seinen Wirth bereits vor. Schallmeyer saß in der hintersten dunkelsten Ecke unter einer Gruppe biertrinkender Herren um einen runden Tisch und holte seinen Gast sofort zu dieser Gesellschaft heran. Lanken mußte unter ihnen Platz nehmen; Schallmeyer hatte offenbar eben die Tafelrunde von seiner Ankunft unterrichtet, und der alte Lanken von 1848 war sicherlich das Thema ihrer die großen Volksmänner von dazumal verherrlichenden Unterhaltung gewesen. Lanken sah sich mit einer Art löwenhaften Bewußtseins unter ihnen um, und indem er in die schweigend ihn anstarrenden Gesichter blickte, leuchtete aus seinen Augen ein stolzer Glanz; vielleicht war es der Abglanz einer Vorahnung des imposanten Fackelzuges, welchen ihm diese Biedermänner zu bringen gedachten und eben beriethen.

„Geräthst hier gleich in einen Kreis von lauter guten Freunden,“ sagte Schallmeyer vorstellend, „lauter Leuten auf der Höhe der Zeit; wirst schon sehen, daß die Uhren nicht blos bei Euch drüben vorwärts gehen, sondern hier zu Lande auch –“

„Und am meisten bei denen, die gar keine haben,“ warf hier mit einem unmotivirt rohen Gelächter ein vierschrötiger Herr mit einem dicken rothen Kopfe dazwischen.

„Calculire, ist ein wenig Euer Fehler hier,“ sagte Lanken, der sich breit und bequem aus dem Platz, den man ihm gemacht, niederließ, „keine Uhren zu haben.“

„Was willst Du damit sagen?“ fragte Schallmeyer.

„Damit will ich sagen, daß wir drüben doch ein wenig besser den Werth der Zeit kennen. ‚Time is money,‘ sagen wir drüben …“

„Und glauben Sie damit etwas sehr Gescheidtes gesagt zu haben?“ fragte hier ein noch junger Mann, der ein auffallend schönes Gesicht mit einem prächtigen dunkeln Haarwuchs hatte, wenn nur das Gesicht nicht so roth unnd nicht so wunderlich mit einer erschrecklichen Menge von Pusteln betupft gewesen wäre.

„Damit glaube ich allerdings etwas Gescheidtes gesagt zu haben,“ versetzte, durch die Querfrage betroffen, der ehemalige Thierarzt.

„Dann bedauere ich Sie,“ erwiderte still lächelnd der fleckige Apollokopf.

Lanken sah ihn verwundert an und wollte etwas Scharfes zur Antwort geben, als Schallmeyer ihn mit dem Arm anstieß und mit einer schadenfrohen Miene sagte:

„Laß Dich warnen, alter Freund, vor einem Disput mit diesem Herrn da; es ist Milchsieber – unser berühmter Milchsieber, ist mit dem echten socialdemokratischen Wasser getauft.“

„Meinethalben mag er getauft sein – was aber das socialdemokratische Wasser angeht, so fürcht’ ich mich nicht vor ihm; ist eine ganz verdammte, niederträchtige Fluth, die erst ablaufen muß, bevor der richtige Fortschritt sein Werk wieder aufnehmen und Euch zu den politischen Umgestaltungen führen kann, deren Ihr hier zu Lande bedürft.“

„Und ist Ihnen wohl klar geworden, welches die politischen Umgestaltungen sind, deren wir hier bedürfen?“ fragte Apollo-Milchsieber mit der bewundernswerthen Ruhe, welche die überlegenen Geister auszeichnet. Lanken maß ihn mit einem verachtungsvollen Blicke. Er war nicht gekommen, um sich hier so examiniren zu lassen – ganz im Gegentheil!

„Ich denke,“ sagte er, „da ich, noch ehe Sie geboren wurden, schon darüber meine Betrachtungen angestellt habe, kann es mir klar geworden sein. Und wenn Sie sich seitdem ein wenig mit der Geschichte von 1848 beschäftigt hätten, würden Sie wissen, daß der alte Lanken ein Republikaner von echtem Schrot und Korn war, und das ist er mit Gottes Hülfe auch geblieben. Außer der Republik kein Heil, und in der Republik Platz für die freie Entfaltung aller Kräfte, Schutz für alle Früchte, welche die individuelle Kraftentfaltung sich erringt: auf die individuelle Kraftentfaltung, darauf muß Alles gebaut sein, Herr, nichts auf die Vorzüge der Geburt und der Kaste, aber was der Einzelne für sich, seine Familie, seine Kinder erwirbt und erringt, das will ich ihm gesichert sehen für alle Zeiten, und wer mir mit Theorien kommt, wie: das Ergebniß meines Fleißes und meiner Intelligenz sei ein Raub an der Gesammtheit, den laß ich hängen in meiner Republik, Herr.“

„Danke, Herr,“ entgegnete mild lächelnd der Apollo mit den Tupfen, während Schallmeyer sagte:

„Alter Junge, Du bist bedauerlich hinter der Zeit zurückgeblieben mit Deinem Republikanerthum. Du willst zwar nicht, daß der Baron kraft seines Geburtsrechts den Leibeigenen ausbeutet, aber Du willst mit den Früchten Deines Fleißes, als Capitalist den Arbeiter, den Du Dir einspannst, ausbeuten.“

„Bourgeoistheorien!“ sagte hier der dicke Rothe wieder mit dem unmotivirten Auflachen.

„Diese Republikaner von Anno dazumal,“ bemerkte Milchsieber, seine Nachbarn rechts und links anschauend, als ob er ihnen eine Erklärung des Phänomens eines so wunderlichen alten Volksmannes schuldig sei – „diese Republikaner sind alle in dem betrübten Irrthum stecken geblieben, daß das Heil der Menschen von ihrer politischen Staatsform allein abhänge. Die Könige abgeschafft, die Staatsgewalt vom Willen des Volkes abhängig, das wieder vom Bourgeois abhängig ist – und das tausendjährige Reich ist für sie da. Welcher Blödsinn! Ob Sie ein glückliches menschenwürdiges Dasein führen, das, mein Bester, hängt nicht davon ab, ob Sie einen König, einen Präsidenten, einen Dictator oder gar nichts dergleichen haben, und wenn Sie darüber noch im Dunkel sind, so thun Sie wohl, daß Sie Ihr hinter der Zeit zurückgebliebenes Republikanerthum bei uns sich ein wenig darüber aufklären lassen.“

„Wirst bei mir täglich das Blatt, das Milchsieber redigirt, die ‚Rothe Flagge‘ lesen können,“ fiel Schallmeyer mit seinem Känguruhgesicht den alten Freund schadenfroh anlächelnd ein.

„Hole der Teufel Eure ‚Rothe Flagge‘ und die saure Milch, die darin gesiebt wird!“ antwortete Lanken ingrimmig – „bin gekommen, um hier eines Eurer ledernen Beefsteaks zu verzehren – mit dem nimmt’s mein Magen noch auf – aber Eure hirnverbrannte neueste Weisheit, Eure Socialdemokraten-Ideen, verdau’ ich ein- für allemal nicht – bleibt mir vom Halse damit!“

Der alte Thierarzt war in einen bitteren Aerger gerathen. Es war in der That eine verdrießliche Aufnahme, die er in seiner Vaterstadt gefunden hatte. Im Geiste hatte er über „dem alten Nest“ sich aufgehen sehen, wie ein hell erleuchtendes Fackellicht, wie ein Meteor der politischen Aufklärung, das in die dunkle Enge der deutschen Philisterköpfe Klarheit und Helle brachte, mindestens wie ein elektrisches Licht unter den dürftigen gelben Gasflammen. Und nun kamen ihm diese Menschen so! Wie einem Schulknaben, der lernen sollte, kamen sie ihm, dem alten Kämpfer, der gelitten hatte um der Freiheit, der Volksrechte, seiner politischen Ideale willen, der ihretwillen in die Verbannung gezogen war. Es war empörend. Wie er in seinem Mißmuthe so dasaß, sagte plötzlich der betupfte Apollo mit der Ueberlegenheit, welche ihm der Wiederschein der „Rothen Flagge“ gab:

„Schallmeyer, Sie sollten Ihrem Freunde nicht die ‚Rothe Flagge‘ zum Studium empfehlen, sondern irgend eine Anleitung, wie man sich hier zu Lande in gebildeter Gesellschaft ausdrückt – mir scheint, daß ihm das mehr noth thut.“

Das schlug dem Fasse den Boden aus. Lanken überwältigte der Zorn; rasend sprang er auf, und auf den Apollo eindringend, rief er ihm eine Fluth herausfordernder Worte zu. Die ganze Tafelrunde war aufgesprungen, und ein unbeschreibliches Durcheinander folgte, eine wüste Fluth gegenseitiger Herausforderungen, und um diesen stürmisch bewegten Knäuel von Streitenden bildeten die sämmtlichen andern Gäste der Restauration einen Kreis ergötzter Zuschauer. Aber unter diesen Zuschauern lief bald das Wort. „Lanken, der alte Lanken von 1848“ um. Ein paar von [243] ihnen mochten ihn erkennen oder sich seiner politischen Bedeutung von ehemals erinnern; sie schlugen sich respectvoll auf seine Seite; mehrere ältere Männer drängten sich vertheidigend um ihn.

Die stürmischen Gefühle des alten Herrn aber beruhigten sich, als er sah, daß er nicht mehr allein stand. Er wischte sich athemschöpfend die Stirn.

„Seh doch, daß es auch noch vernünftige Leute hier giebt,“ sagte er dabei zu Schallmayer, der jetzt den Arm unter den seinigen schob, um ihn fortzuziehen. „Ich komme schon, komme schon; such’ mir nur meinen Hut, und dann machen wir uns davon – dieser Eurer rothen Flagge bring’ ich schon noch ein ander Mal bei, auf halben Mast herunterzugehen.“

Und dabei stülpte er sich trotzig den breitrandigen Filz, den Schallmeyer ihm brachte, auf die erhitzte Stirn, und Beide verschwanden durch eine nahe in ihrem Rücken befindliche Hinterthür.

Als sie draußen auf der stillen Straße waren, sagte Lanken, den Arm Schallmeyer’s abschiebend:

„Daß Du zu diesen Menschen hältst, Schallmeyer, das gefällt mir nicht.“

„War’s denn nicht lustig?“ versetzte Schallmeyer. „Mußte Dir doch just zu Muthe sein, als ob Du in einer Washingtoner Parlamentssitzung wärest – nur ein paar Revolverschüsse fehlten.“

„So? Ist das Deine Vorstellung davon? Dann irrst Du gewaltig. Geht da Alles sehr würdig und gemessen zu, wie es sich für die gesetzgebende Versammlung eines freien Landes, für die Staatsmänner einer Republik geziemt.“

„Ah bah – Eure Republikaner kennen wir! Capitalisten sind’s, Bourgeoisleute, deren Söhne das Holz sind, aus denen man Minister machen kann. Nimm mir’s nicht übel, Lanken, aber für Deine Republik gebe ich keinen Schuß Pulver. Und wenn Du’s wissen willst – in Deinem Sohne steckt noch mehr als in Dir. Man hört doch zuweilen aus seinen Kammerreden noch einen großen Zukunftsgedanken heraus.“

„In der That? Nun meinethalb! Aber jetzt, Känguruh, thu mir den Gefallen und zeige mir eine andere Restauration, wo ich zu meinem Beefsteak kommen kann, ohne es mir von Eurer Politik verpfeffern lassen zu müssen!“




3.

Wenn man in der Hauptstraße unserer Haupt- und Residenzstadt westwärts wandelte, gelangte man auf einen mit grünen Rasenanlagen und schönen alten Bäumen geschmückten Platz, jenseits dessen sich das mit seinen Rococofronten und Mansardendächern durch die grünen Ulmen- und Ahornwipfel schimmernde Fürstenschloß erhob. Die Ausmündung der Straße aber, die auf diesen Schloßplatz führte, wurde durch zwei palaisartige Bauten gebildet, die beide zu gleicher Zeit nach dem gleichen Plane entstanden sein mußten; beide bestanden aus zwei im rechten Winkel zusammenschießenden Flügeln, deren äußerste Ecken durch eine niedere Mauer mit einem schönen und reichen Gitterwerk aus geschlagenem Eisen verbunden waren, welches nach dem Schloßplatz hin eine schräge Linie bildete. Das eine dieser Gebäude zeigte verschlossene Läden und schien für den Augenblick unbewohnt; desto belebter war das andere – auf dem kleinen, von dem schrägen Gitter abgeschlossenen Hofe waren Stallleute beschäftigt, eine Kalesche zu waschen; auf dem Balcon über dem durch eine vorgeschobene kleine Säulenhalle geschützten Portal stellte eine Zofe Blumen aus; an einem der Fenster wurden Vorhänge aufgezogen, die den Tag hindurch die Strahlen der jetzt untergehenden Sonne abgehalten hatten.

Es war Abend geworden, und in den hinteren nach Osten liegenden Räumen des Hotels, die auf einen mäßig großen, parkähnlich angelegten Garten mit alten Bäumen hinausgingen, dunkelte es bereits. Es waren große, hohe, aber ein wenig frostig und ungemüthlich ausschauende Gemächer, diese Räume, deren ursprüngliche Einrichtung zu vortrefflich mit dem ganzen Stil des Rococobaues harmonirte, als daß man wohl je auf den Gedanken gekommen, viel daran zu ändern. Nur die Zeit hatte mit leiser Hand daran gerührt, die Farben gedämpft, die Vergoldungen an den krummbeinigen Spiegeltischen ergrauen und die alten Oelgemälde so nachdunkeln lassen, daß man jetzt in dem abnehmenden Tageslicht schon gar nicht mehr sah, was sie darstellten. Aber auch wenn dies nicht der Fall und sie von der Hand des größten Meisters gemalt gewesen, hätte ihnen wohl Niemand Aufmerksamkeit geschenkt, der den kleinen ovalen Salon in der Mitte dieser Räume betreten – des reizenden lebenden Bildes wegen, das hier sein Auge gefesselt haben würde.

Die große, auf einen geräumigen Balcon hinausgehende Fensterthür stand offen; man blickte durch sie auf eine dichte grüne Laubwand hinaus, und auf diesem Hintergrunde sich abzeichnend, lehnte sich an den Rahmen der Thür eine hohe, schlankgebaute weibliche Gestalt in einem hellen Kleide von leichtem Stoffe; ihre Züge waren in dem Halbdunkel, das darauf lag, nicht scharf zu unterscheiden; man nahm nur ein vollkommen schönes Oval des Kopfes wahr, auf dessen kastanienbraunem, reichgelocktem und über die Schultern frei niederfallendem Haar goldene Lichter lagen, von einzelnen, durch die grünen Wipfel brechenden letzten Sonnenstrahlen darauf geworfen. In der Haltung der jungen Dame, in der Art, mit der sie wie müde ihr Haupt und die Schulter an den Thürrahmen lehnte, sprach sich eine gewisse Niedergeschlagenheit oder Ermattung wie unter der Last drückender Gedanken aus. Und dieser Eindruck konnte nur verstärkt werden durch den Reflex, den ihre Gemüthsstimmung in den Zügen eines jungen Mannes zu finden schien, eines verdrossen darein schauenden und hochaufgeschossenen Jünglings in der Mitte der Zwanziger, der unfern von ihr verkehrt auf einem Stuhle saß, die Arme auf die Lehne desselben stützend und seinen Kopf dem Lichte zuwendend, sodaß man seine aristokratischen, aber ein wenig bleichen und leidenden Züge wahrnahm. Die hellgrauen Augen schauten, wenn die breiten Lider, von denen sie halb bedeckt waren, sich hoben, merkwürdig matt darein – um den seinen Mund zuckte dann etwas wie Spott und Verachtung, aber in der ganzen Haltung und dem Wesen des jungen Mannes lag nichts von dem Ausdruck energischen Kraftbewußtseins, dem man die Menschenverachtung allenfalls verzeiht.

Von den beiden jungen Leuten durch einen in der Mitte des Salons stehenden Tisch getrennt, ging in der Tiefe des Gemachs ein älterer Herr auf und ab, der sehr lebhaft sprach; ein kräftig gebauter Mann mit starkem grauem Schnurr- und Backenbart, in weißer Binde und weißer Weste, aber in einer bequemen Jagdjoppe, in deren Seitentaschen er seine Hände gesenkt hatte; er trug den Kopf ein wenig vorgebeugt, warf ihn jedoch von Zeit zu Zeit wie mit einer Bewegung zornigen Stolzes in den Nacken und seine Stimme bekam dann jedesmal etwas von einem unangenehm scharfen Discant, der mit der breitschulterigen Gestalt gar nicht in Harmonie stand.

„Es ist ganz genau so zugegangen, wie ich Dir sage, Regina,“ sagte er; „der Becker, auf den ich mich von allen meinen Leuten am meisten verlassen kann, ist ja selbst dabei gewesen und hat es mir als Augenzeuge berichtet – die helle Wirthshausschlägerei unter diesen Socialdemokraten, und inmitten des Tumults des Vater Lanken, eben aus Amerika angekommen, um, wie es scheint, Bewegung in die Sache zu bringen. Es muß unendlich erheiternd für seinen Herrn Sohn sein – aber das geht diesen an – uns nur die Nothwendigkeit, die Verbindung mit diesen Leuten gründlich abzubrechen, wie Du nun endlich doch wohl einsehen wirst.“

„Seltsam, lieber Papa,“ sagte der junge Mann jetzt, indem er lässig in seine Brusttasche fuhr und ein Cigaretten-Etui hervorholte, um es dann jedoch nachdenklich wie ein Rad durch seine Finger kreisen zu lassen; „seltsam, daß Dein Herr Becker, ein Beamter des Oberstallmeisteramtes, in den Bierhäusern der Socialdemokraten verkehrt, um Dir zu berichten, was darin vorgeht!“

„Ich hindere meine Leute nicht, zu verkehren, wo es ihnen gefällt, wenn sie dienstfrei sind,“ antwortete der alte Herr zornig.

„Dienstfrei!“ wiederholte der junge Mann halblaut, als ob er Zweifel an der völligen Dienstfreiheit des Mannes hege, der so genau beobachtet und die Resultate seiner Beobachtungen seinem Chef hinterbracht hatte.

„Uebrigens,“ fuhr dieser fort, „kommt es ja gar nicht darauf an; die ganze Stadt wird morgen von dem Skandal wissen. Und ganz aufrichtig gesagt – mir ist die Sache ganz und gar nicht leid. Deinetwegen nicht, Regina. Man kommt dadurch zu einer ganz einfachen und klaren Position.“

„Du siehst darin heller und ruhiger als ich,“ sagte das junge Mädchen, mit einem Seufzer sich aufrichtend und ihre Stellung verändernd, indem sie nun mit dem Rücken sich an die Umrahmung der Glasthür lehnte und, die Hände über dem Schooße faltend, in das Abendlicht blickte, das jetzt einen eigenthümlichen feinen Goldschimmer auf ihre schönen ernsten Züge legte, Züge, welche [244] an die des jungen Mannes erinnerten, aber viel mehr gesunde Frische und selbstbewußten Jugendmuth zeigten, als die seinigen.

„Mag sein,“ versetzte der ältere Herr; „aber Du wirst mir zugeben, daß ich richtig sehe und daß es nun auch unnütz ist, über die Sache viel Worte zu verlieren. Was Aurel Lanken gegenüber etwa noch zu sagen wäre – vorausgesetzt, er wäre so tactlos noch eine Erklärung zu verlangen, das überlasse mir! Und was Dich betrifft, so kann doch die Sache nicht einfacher abgemacht werden, als indem Du, von Ludwig begleitet, morgen zu Deiner Tante Hedwig reisest und bei ihr den Herbst über bleibst, vielleicht für den Winter sie nach Nizza begleitest …“

Die beiden jungen Leute nahmen diese Anordnung mit einem gedankenvollen Schweigen auf; nur Ludwig nickte ein paar Mal zustimmend mit dem Kopfe.

„Du, Ludwig,“ fuhr darauf Graf Gollheim fort, „kommst jedoch augenblicklich von der Tante Hedwig zurück. Es ist Zeit, daß Du Dich wieder bei Deiner Truppe zum Dienst meldest.“

„Zum Dienst?“ fragte Ludwig mit einem bitteren Lächeln.

„Du fühlst Dich als freier Weltbürger wohl über den fleißigen pflichttreuen Dienst hinausgewachsen –“

„In der That, Vater – unmittelbar nach einer Weltreise lockt die Aussicht, wieder Recruten zu exerciren, nicht sehr.“

„Ich habe Dich doch die Weltreise nur machen lassen, damit Deine Gesundheit sich zum weiteren Dienst hinreichend kräftige. Das ist, gottlob, erreicht, und Du wirst nun wieder eine Beschäftigung, eine Pflichterfüllung auf Dich nehmen, welche Deinem Müßiggange ein Ende macht.“

„Ich bin nicht müßig, Vater – ich ordne meine Tagebücher, arbeite die Eindrücke meiner langen Fahrt aus –“

„Nun ja, kann mir’s denken. Die Eindrücke! Die Eindrücke haben immer eine große Rolle bei Dir gespielt. Hast Dich ihnen immer ziemlich kopf- und willenlos hingegeben. Ich will nun aber ein Ende dieser an Deine Eindrücke verwendeten Thätigkeit sehen. Hast Du’s bis zum Rittmeister gebracht, magst Du Deinen Abschied nehmen und das Majorat beziehen, das ich für Dich gründe, jetzt aber, sobald Du von der Tante Hedwig zurückgekehrt, zu der Du Regina begleitest, trittst Du Deinen Dienst an.“

Graf Gollheim sprach das mit solcher Bestimmtheit, daß man sah, Widerstand gegen die väterlichen Anordnungen gab es in diesem Hause nicht. Auch schien Ludwig Gollheim den Muth zu einem weiteren Widerstreben nicht zu finden; er murmelte nur noch leise ein paar Worte, als ob er irgend einem unterdrückten Gefühle damit Luft machen müsse. Dann schwiegen alle Drei, wie in ihre Gedanken, die sehr verschiedene Straßen ziehen mochten, versunken, bis Regina wieder das Wort nahm und mit einer gewissen Entschiedenheit und fest zu ihrem Vater aufblickend sagte:

„Ich möchte doch Lanken noch erst sprechen.“

„Unsinn! Das wäre völlig unzweckmäßig –“

„Zweckmäßigkeit und Nutzen,“ fiel sie bitter ein, „sind auch nicht das, was ich dabei im Auge habe, Vater.“

„Auch ich meine,“ bemerkte Ludwig, „wenn es zu Regina’s Beruhigung dient, solltest Du Dich nicht widersetzen, nachdem Du –“

„Nachdem ich – was?“

„Nachdem Du,“ antwortete Regina statt ihres Bruders, „so lange Lanken’s Annäherungen ermuthigt und begünstigt hast.“

„So lange? Wie lange? So lange ich ihn nicht kannte – was doch aber bald genug der Fall war.“

„Und bis Du richtig Dein Diplom in der Tasche hattest,“ sagte hier halblaut Ludwig.

„Was murmelst Du da von Diplom?“ fiel stehen bleibend mit seinem zornigen Discant der Vater ein. „ Glaubst Du etwa, ich hätte zu unserer Standeserhöhung Lanken’s bedurft? Wahrhaftig nicht. Meine Verbindungen in B… – –“

„Konnten Dir doch nicht den guten Willen unseres dirigirenden Ministers überflüssig machen,“ fiel der junge Mann ein.

„Ludwig,“ rief dieser jetzt wie drohend – „Du willst mir doch nicht vorwerfen, ich hätte Lanken mit der Hoffnung auf die Hand Regina’s gekirrt und gelockt, um durch ihn zu erreichen, was ich erreichen wollte?“

„Ich will Dir nichts vorwerfen, Vater – bin weit davon entfernt, Dich richten zu wollen – nur finde ich es stark, Regina jetzt ihren Wunsch abzuschlagen“

„Und mich so Dir gegenüber zu einer offenen Erklärung zu zwingen, Vater,“ sagte jetzt Regina, indem sie einen Schritt in’s Zimmer hinein machte und mit einem leisen, wie zornigen Erröthen sich groß und stolz aufrichtete.

„Zu einer Erklärung? Ich bin neugierig, zu welcher?“ antwortete mit mitleidigem Gleichmuthe Graf Gollheim.

„Zu der, daß mir Aurel Lanken näher steht, als Du denkst. Du hast seine Bewerbungen um meine Neigung, wie Du selbst gestehst, begünstigt, so lange Du glaubtest, ihn Deinen Absichten dienstbar machen zu können. Die Anschauungen und die politische Richtung des Ministers waren Dir und Deinen Freunden unbequem. Da zeigte sich nun durch Lanken’s Neigung für mich ein schönster Ausweg. Du gewannst durch meine Hand den in der Gunst des Herzogs nun einmal nicht zu erschütternden Minister, und dann war er gebunden, Dir und Deinen Parteigenossen in die Hände geliefert. Das war Deine Berechnung in der Zeit, in welcher Lanken täglich hier im Hause verkehrte und Du keinen theureren Freund kanntest als ihn. Aber nicht lange, und Du begannest zu ahnen, einzusehen, Dir endlich widerwillig zu gestehen, daß Deine Hoffnung auf Sand gebaut sei, daß Lanken ein Mann von ebenso festem Willen wie von klarem Blicke sei, den keine Hofpartei zu sich herumbringen, der nie die Creatur einer Camarilla, wie Ihr sie bilden wolltet, sein werde. Das war’s. Von dem Augenblicke an wurde Lanken in Deinen Augen doch ‚nur ein Bürgerlicher‘ – man mußte doch Bedacht darauf nehmen, daß die eingerissene Intimität mit ihm nicht gar zu weit gehe –“

„Du hältst mir da eine merkwürdige Strafrede, Regina – als ob ich der Mann wäre, mir Vorwürfe von meinen Kindern gefallen zu lassen –“

„Verzeihe, Vater! Ich beabsichtige nicht im Entferntesten Dir eine Strafrede zu halten, sondern nur eine Vertheidigungsrede für mich selber, um Dir zu erklären, weshalb ich mich nicht willenlos in Deine Anordnungen füge.“

„Ah, Du weigerst mir den Gehorsam, Du lehnst Dich wider meine entschiedensten Befehle auf?“

„Ich lehne mich dawider auf, daß Du mich wie einen Preis, wie den Einsatz bei einer Speculation betrachtest, den Du einfach zurückziehst, sobald die Speculation Dir verfehlt scheint. Ich bin zu alt, mich als solchen behandeln zu lassen.“

„Aber zum Henker,“ murmelte Gollheim zwischen den Zähnen, „ich möchte wissen, worüber Du Dich denn beschwerst; wenn Du nicht wie der Einsatz einer Speculation behandelt sein willst – was kann ich denn weiter thun, als diesen Einsatz zurückziehen?“

„Dazu ist es eben zu spät. Ich habe unterdeß etwas, an das Du nicht gedacht hast, eingesetzt – mein Herz! Das gehört Lanken, und ich werde es niemals zurückziehen – nie!“

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: Levin Schücking
Titel: Bruderpflicht
aus: Die Gartenlaube 1881, Heft 16, S. 257-260
Fortsetzungsroman - Teil 3


[257] „Regina“ sagte Graf Gollheim, mühsam an sich haltend und seine Stimme zu einer erzwungenen Milde dämpfend, „Du bist ja heute bewunderungswürdig – offen gegen mich. Doch ich kann ruhig sein; Du bist meine Tochter und wirst nicht die Schwiegertochter eines Republikaners werden wollen, der …“

„Ich kenne ihn nicht – mag er sein, wie er will! Seine Eigenschaften entbinden mich nicht von dem, was ich Aurel Lanken versprochen habe,“ unterbrach ihn Regina mit Festigkeit.

„Versprochen? Du sagst: versprochen?“

„Ja, so sagte ich. Versprochen!“

„Du hast Lanken Deine Hand versprochen?“

„Nicht mit Worten – aber durch mein Benehmen.“

„Benehmen?“ rief Gollheim, den Ton möglichst großer Verachtung in das Wort legend.

„Das ist,“ fiel Regina ein, „für ein ehrliches Mädchen gerade so bindend, wie es klar ausgesprochene Worte sind.“

„Sodaß Du Dich weigerst, das Verhältniß abzubrechen, völlig und gründlich abzubrechen und morgen abzureisen?“

„Ich bin Dir als Deine Tochter Gehorsam schuldig. Wenn Du befiehlst, daß ich reisen soll, so reise ich. Das ist selbstverständlich. Aber über meine Gefühle, meine Neigung, mein Gewissen hast Du zu herrschen und zu schalten kein Recht, und ich erkläre es Dir ohne Hehl. Ich denke, es ist besser so, als wenn ich hinter Deinem Rücken heimlich ein Verhältniß fortsetzte, von dem Du nichts ahnst.“

„Ich soll Dir für Deinen unerhörten Trotz, Deinen bösen Eigensinn wohl noch dankbar sein?“ höhnte Graf Gollheim, indem er sich langsam abwandte, die Arme über die Brust verschlang und nun mit gesenktem Haupte, die Augen auf den Boden heftend, schweigend eine Weile auf und ab ging.

Dann blieb er plötzlich stehen, stampfte zornig mit dem Fuße auf den Boden und sagte laut und herrisch:

„Du reisest also. Morgen schon! Und was das Uebrige betrifft – ‚le Roi avisera‘.“

Damit wandte er seinen Kindern den Rücken und ging mit sehr festem, entschlossenem Schritte davon.

„Was mag er vorhaben?“ flüsterte nach einer Pause Ludwig, der sich mit keinem Worte in die Debatte gemischt hatte. „Er hielt mit seinem Zorne, seiner Wuth beinahe unheimlich an sich. Ich fürchte üble Dinge für Dich und Lanken.“

„Er hielt wohl am meisten an sich,“ entgegnete achselzuckend Regina, „weil das, was ich ihm sagte, ihn vermuthlich weniger unvorbereitet traf als er vorgab.“

Sie ließ sich jetzt in einem unfern der offnen Fensterthür stehenden Sessel nieder und blickte, die Hände im Schooße faltend, in die grüne Laubwelt des kleinen Parkes hinaus. Das letzte Licht des Tages fiel voll auf ihre Züge. Jetzt zeigte sich, wie fein Regina’s Antlitz geschnitten war; die Weihe des Gedankens lag auf ihrer Stirn, und groß und aufrichtig sprach der Ausdruck der Wahrhaftigkeit aus ihren Augen. Aber die volle Frische rosig blühender Jugend war nicht mehr in diesen Zügen; es lebte in ihnen ein Gedankenernst, eine geistige Reife, die, auch wenn die leise gezogenen Fältchen an den Mundwinkeln und den Schläfen nicht gewesen wären, hinreichend verrathen hätten, daß Regina Gollheim über die Mitte der Zwanziger hinaus sei.

„Für’s erste,“ fuhr Regina fort, „wird der Vater nun wohl eine Gelegenheit suchen, offen mit Lanken zu brechen, und bis dahin zu verhindern wissen, daß ich ihn sehe und spreche. Morgen schon soll ich reisen – von Dir geleitet. Da bleibt denn nichts übrig, Ludwig, als daß Du mir brüderlich beistehst. Du mußt noch heute Abend zu Lanken gehen und mit ihm reden, Du mußt ihm ganz offen Alles mittheilen, was vorgefallen ist, und ihm sagen, daß ich nur gehe, weil der Vater befiehlt, daß meine Gefühle … aber was hast Du, Ludwig?“

Ludwig war in heftigster Bewegung aufgesprungen; er machte, wie von irgend einem Gedanken gepeinigt oder geängstigt, einige rasche Schritte in das Zimmer hinein.

„Ich zu Lanken?“ rief er. „O mein Gott, wie kann ich … heute … zu ihm gehen!“

Er sagte das in einem so verzweifelten Tone, als ob er lieber in den Tod gehen wolle als zu Lanken.

„Aber ich bitte Dich – weshalb nicht?“

Ludwig antwortete nicht.

„Du mußt mir in dieser Sache nichts, gar nichts zu thun zumuthen,“ sagte er endlich, „ich – ich darf und kann nicht hinter dem Rücken meines Vaters und wider seinen Willen handeln.“

Regina sah ihn scharf und forschend an.

„Du bist nicht immer ein so gehorsamer Sohn, so gewissenhaft gewesen.“

„Mag sein!“ versetzte er. „Aber ich kann jetzt nicht anders.“

„Als mir vollständig Deine brüderliche Hülfe versagen?“

„Als Dich bitten, mich in dieser Angelegenheit nicht zu quälen.“

„Wunderlich! So bleibt mir nichts übrig als mir selbst zu helfen.“

„Ja, hilf Dir selbst! Ich kann nichts thun als Dich morgen zur Tante zu begleiten und Gott zu danken, wenn ich die Stadt [258] im Rücken habe, die,“ setzte er halblaut hinzu, „mich sobald nicht wiedersehen wird.“

Damit schritt er zum Zimmer hinaus und überließ Regina ihrem Erstaunen und ihrem Nachdenken über das sonderbare Wesen ihres Bruders, der ihr plötzlich ganz fremd geworden. Nach einer Weile erhob sie sich seufzend und begab sich in ihr Zimmer, um an Lanken zu schreiben und ihm brieflich zu sagen, was Ludwig ihm mündlich auszurichten sich so energisch geweigert hatte.




4.


Es war ein malerischer alter Bau mit Giebeln und Thürmen aus der Renaissancezeit in welchem der dirigirende Minister seine Amtswohnung hatte. Einst hatten die Fürsten des Landes dort gewohnt, aber seit diese in einem neueren hellen Rococoschloß am Westende der Stadt ihre Residenz aufgeschlagen, war das alte Schloß mit seinen theilweise noch burgartigen Räumen der Sitz der obersten Landesbehörden geworden. Ein mächtiges wappengekröntes Portal mit gewölbter Durchgangshalle führte hinein, und zunächst auf einen großen länglichen Hof, in dessen Mitte eine Gruppe alter Platanen stand, die einen gewaltigen von kunstreichem Schmiedewerk gekrönten Brunnen beschatteten. Das ganze untere Geschoß zeigte niedrige Rundbogenfenster mit schweren Eisengittern davor; in den zwei obern Stockwerken deutete die Unregelmäßigkeit, mit der die bald hohen, große Spiegelscheiben zeigenden, bald kleineren, mit Blei verglasten Fenster angebracht waren, aus wunderliche Raumvertheilungen im Innern. Thüren, von denen keine der andern glich, bald ganz schwellenlos, bald mit mannshohen Treppen davor, führten in die verschiedenen Flügel; über ihnen war auf Tafeln mit Inschriften zu lesen, welche Abtheilungen der Staatsmaschinerie sich hinter ihnen befänden: die „herzogliche Kammerverwaltung“, die „Hauptstaatscasse“, die „Militärersatzcommission“. Es war ziemlich belebt auf dem Hofe. Leute in Dienstmützen, Boten mit Acten unter dem Arme, Herren, die wie Beame, und andere, die wie Petenten aussahen, kamen und gingen.

Der alte Thierarzt aus Amerika, der am andern Morgen um acht Uhr aus dem Hofe des Schlosses stand, betrachtete dasselbe, betrachtete die Schilder, betrachtete das ganze Bauwerk mit stillem Lächeln und einem Ausdruck von spöttischem Ueberlegenheitsgefühl, das doch in eine gewisse Miene von Wehmuth überging, als sein Auge auf den dicken Eisenstangen vor den Fenstern des Erdgeschosses haften blieb.

„Die verfluchten Stangen!“ murmelte er. „Ueber diese Stangen ist mein ganzes Lebensschicksal gestolpert. Die Noth bricht Eisen, sagt man, aber dieses Eisen war damals stärker als unsere Noth. Gott verdamme es! Damals hatten sie die Waffen des Landwehrdepots dahinter untergebracht. Wir – alle die unerschrockenen Burschen, die mir folgten, wollten uns der Waffen bemächtigen und damit nach dem deutschen Süden ziehen, um die Truppen der Revolution zu verstärken. Hätten wir’s fertig gebracht, wer weiß, wie es heute in Deutschland stände! So aber waren uns diese Stangen zu stark; wir brachen und feilten daran, aber wir kamen nicht damit zu Stande, und die ‚Heulmeier‘ nahmen unterdeß ihren Muth zusammen und rückten uns als Bürgerwehr auf den Leib. So mußten wir’s aufgeben, und ich, der ich am schlimmsten compromittirt war, mußte machen, daß ich fort kam, und Gott danken, daß ich nicht auf der Flucht noch gefaßt wurde. Ja, diese Stangen!“

Der alte Lanken schüttelte über die Stangen, deren Festigkeit eine so bedeutungsvolle Rolle in seinem Leben gespielt, abermals den Kopf, und dann wandte er sich an einen der Vorübergehenden mit der Frage, wohin er sich wenden müsse, um zu dem Minister Lanken zu gelangen. Der Mann wies ihn unter einen zweiten, in einen kleineren Hof führenden Thorweg, und zeigte auf eine große Glasthür, hinter der sich eine breite teppichbelegte Treppe erhob. Der alte Herr stieg die Stufen empor und gelangte an eine Glaswand mit einer Klingel, die er ziemlich gebieterisch ertönen ließ. Ein Diener in dunkler Livrée öffnete ihm.

„Zu Haus, der Herr Minister?“ fragte der alte Herr mit einem Tone, der dieser „Sclavenseele“ klar machen mußte, daß der alte Lanken nicht der Mann sei, sich von galonnirten Bedienten imponiren zu lassen.

Die Sclavenseele faßte, ruhig prüfend, den alten Herrn in’s Auge, nickte dann mit dem Kopfe und antwortete:

„Excellenz haben mir befohlen, Sie sofort zu ihm zu führen. Haben Sie die Güte, mir zu folgen!“

Sie schien doch wenigstens höflich, diese Sclavenseele. Wäre auch schön angekommen, wenn sie dem alten Herrn den Zutritt zu seinem Sohne hätte erschweren wollen. Aber sie war weit entfernt davon. Sie glitt lautlos, wie einer richtigen Sclavenseele zukommt, durch ein paar mit einem bescheidenen Luxus eingerichtete, große, aber niedrige Empfangssäle voran, auf eine Flügelthür zu, an der sie klopfte: dann öffnete sie dieselbe, schob eine im Inneren befindliche Portiere zurück, und Lanken trat in das Arbeitszimmer seines Sohnes. Mit einem moquanten Lächeln schaute er sich darin um. Und dann nickte er, als sei hier Alles just so, wie er sich gedacht, daß es in der Wohnung eines Ministers sein müsse. Das Zimmer hatte eine kostbare alte Gobelintapete, die wohl noch aus den alten Zeiten der fürstlichen Hofhaltung herrührte. Im Uebrigen war Alles einfach; kein Gold, keine schreienden Farben, keine Löwen- und Tigerfelle, keine kostbaren Gemälde mit üppigen Darstellungen oder dergleichen.

„Bist ja ganz hübsch untergebracht, Aurel,“ sagte er, die beiden Hände, welche ihm sein Sohn bewegt entgegengestreckt hatte, nur flüchtig berührend; dann trat er an das nächste Fenster, um zu prüfen wie denn die Aussicht von da sei – sie ging auf einen leidlich hübschen, aber nicht großen Garten hinaus, der von Mauern umgeben war. „Bist ja ganz hübsch untergebracht,“ wiederholte der alte Herr, „obwohl man sieht, wie weit Ihr hier noch im guten Geschmack zurück seid; bei einem Governor drüben in Amerika oder auch nur bei einem Redacteur eines unserer großen Journale sieht es im Empfangszimmer ganz anders aus, als hier bei Dir – na, ich bin nicht der Mann, der sich um so etwas kümmert – nicht einen Pfifferling – sehe mehr auf substantiellere Dinge, zum Beispiel auf ein gutes Frühstück und wenn Du Deiner guillotinirten Levkoie befehlen willst, für eines Sorge zu tragen, so will ich ihm gern Ehre anthun; bei Schallmeyer hat man mir Gerichte aufgetischt, vor denen ich die Flucht ergriffen habe.“

Aurel drückte auf eine Klingel; der eintretende Diener erhielt einen kurzen Befehl und verschwand wieder.

„Nun,“ sagte der alte Herr, indem er auf einem Ecksopha neben dem Fenster Platz nahm, „kann denn der Bursche nicht antworten, ob er thun wird, was Du wünschest oder nicht?“

„Das wäre überflüssig, lieber Vater; zu thun, was ihm befohlen wird – dazu ist er da.“

„Scheut Ihr hier so die überflüssigen Worte? Weshalb denn nicht lieber die überflüssigen Schreibereien?“

„Wie kommst Du darauf?“

„Durch das überflüssige Schreibervolk, das ich unten in den Höfen umherlaufen sah – Eure ganze alte Burg hier ist ja wie eine Fabrik zur Erzeugung unnützen Schreibwerkes.“

„Glaubst Du?“ fragte Aurel lächelnd.

„Nun sicherlich! Eure Bureaukratie kennt man ja. Die reine Tauschlägerei zur Herstellung der Seile und Stricke, welche die freie Entwickelung der öffentlichen Wohlfahrt unterbinden. Wenn Du auf mich hören wolltest, ich würde Dir den Rath geben, alle diese Beamten und Schreiber, die Euch jahraus jahrein ein Heidengeld kosten müssen, fortzujagen und Eure ganze Staatsverwaltung in General-Entreprise zu geben.“

„In was?“

„In General-Entreprise Eure ganze Staatsverwaltung! Was die wirklich dabei nöthige Arbeit ist, setzt für zehn- oder zwanzigtausend Dollars jährlich aus – für ein Zehntel dessen, was sie Euch heute kostet, und es werden sich genug praktische Leute melden, die sie Euch dafür accordmäßig zu liefern bereit sind.“

„Ich werde diesen Vorschlag beim Herzog befürworten“ antwortete scherzend Aurel.

Im Hintergrunde des Zimmers öffnete sich eine Thür; der Diener erschien wieder, warf beide Flügel der Thür auf und trug einen mit dem Frühstück besetzten Tisch herein. Aurel ließ diesen vor das Ecksopha stellen und nahm seinen Vater gegenüber Platz, um, nachdem er den Diener wieder hinausgesandt, jenem zur serviren.

„Das vollständige Tischlein, decke dich,“ sagte der alte Herr, sich zu einem Ei verhelfend, das er mit großer Geschicklichkeit abblätterte. „Du nimmst nichts, Aurel?“

„Ich habe das bereits vor ein paar Stunden abgemacht,“ versetzte dieser, „bevor ich meine Tagesarbeit begann.“

„So früh? Ein Minister? Drängt’s denn so?“

[259] „Mich drängt’s freilich nicht. Aber ich muß die Anderen drängen, damit die Räder unserer Tauschlägerei, wie Du Dich auszudrücken beliebst, in Schwung bleiben.“

„Sodaß Du der allgemeine Bedränger bist,“ lachte der alte Lanken aus.

„Leider trifft Du da ganz das richtige Wort; für die große Menge der im alten Schlendrian halbmüßig durch ihre Tagesarbeit hinflanirenden Beamten bin ich das.“

„Also auch wohl nicht beliebt beim Volke?“

„Beim Volke? Das hoffe ich doch! Meine Widersacher sind anderswo, im Adel, in der Umgebung des Herzogs, unter den Höflingen, in den Bureaus.“

„Nun, und die hassen Dich, weil Du sie drängst, zu arbeiten, mit den Geschäften zu Ende und von der Schreiberei zur That zu kommen?“

„Die Beamten – nun ja, und die Höflinge, weil ich nicht aus ihren Kreisen aus einer der privilegirten Familien, weil ich –“

„Du endest nicht. Willst Du sagen: ‚weil ich der Sohn eines Mannes bin, der sich den Henker um Fürsten, Höflinge und Beamte scheert, sondern ein aufrichtiger Republikaner ist und nie ein Hehl daraus gemacht hat, daß, wenn er könnte, er sie alle zum Teufel jagte, um den Volksstaat statt ihrer einzuführen‘?“

„Mein lieber Papa,“ versetzte Aurel, „Du irrst, wenn Du glaubst, daß man eine solche Anschauung hier im alten Lande noch für gefährlich hält.“

„Nun, was ist es denn, das man mir – oder besser Dir, nicht verzeihen will?“

„Wenn Du es denn wissen willst: daß ich der Sohn eines Mannes bin, der hier einst eine so bescheidene Lebensstellung einnahm …“

„So, das ist’s? Daß ich ein Thierarzt gewesen – ein studirter, geprüfter Thierarzt, der meines Erachtens just so vornehm ist wie ein Doctor, der Recepte für Menschen schreibt, die wahrhaftig oft genug viel weniger werth sind, als eine gute milchgebende Kuh für einen armen Bauern?“

„Und doch ist es so; die Welt hat ihre Vorurtheile, und das, was mir nicht verziehen wird –“

„Ist, daß Du der Sohn eines bloßen Thierarztes bist,“ rief der alte Lanken. „Diese Dummköpfe ! – Aber wahrhaftig, wenn’s so ist – und ich hätt’s ja auch schon mir selber sagen können – dann, sieh, dann könnt’s mich beinah freuen, daß Du ihnen zum Trotz und Aerger Minister geworden bist, dann bleib’ meinethalb, um sie toll zu machen, Dein Lebenslang Minister, dann setz’ ihnen den Fuß auf den Nacken, dann laß Dir vom Herzog Ehren, Würden, Titel, Orden geben, bis Du nicht mehr weißt, wohin damit – Ordensketten von Gold, die drei Pfund schwer sind und wozu rothe Sammetmäntel mit Hermelinfutter gehören! Ihr habt ja dergleichen spaßhaftes Zeug von allerlei Art hier – laß Dich – sind denn nicht diverse Minister gar Cardinäle geworden? – laß Dich zum Cardinal machen mit einer langen brandrothen Schleppe! Und vielleicht etablire ich mich unterdeß hier mit einem kleinen Geschäft in Virginiakanaster und Schnupftabak, und vor die Bude stell’ ich einen großen, schön roth angestrichenen Cardnal, wie er vor die richtige Schnupftabaksbude gehört – wäre ein Capitalspaß das!“

Aurel hatte für alles das nur ein wehmüthiges Lächeln, mit dem er in die erhitzten Züge seines Vaters blickte. Er wandte sich ab, und durch das Fenster schauend, sagte er:

„Es freut mich, daß meine Stellung wenigstens eine Seite hat, von der aus Du sie versöhnt betrachtest, wenn Deine Anschauung dabei auch auf einem sehr persönlichen Gefühle beruht. Willst Du jetzt auch anhören, wie ich ganz naturgemäß, ohne mich ehrgeizig vorzudrängen, auf meinen Posten gelangt bin?“

„Hm, Schallmeyer, das Känguruh, hat mir gestern Abend die Geschichte erzählt. Bist Advocat gewesen – in die Kammer gewählt – hast Reden gehalten – bist Fractionsleiter geworden – Präsident der Kammer – nach 1870 hat der alte Ministerpräsident die Flinte in’s Korn geworfen –“

„Nun ja, so ist’s ungefähr,“ fiel Aurel ein. „Als nach den glorreichsten Schlachten, welche unsere Geschichte kennt, das größte Ereigniß dieses Jahrhunderts, die Wiedererstehung des alten Reichsgedankens, sich vollzog, da fand die große Zeit kleine Menschen, die Söhne der durch frühere Mißregierungen verkrüppelten Generationen. Kleinlicher Hader, kleinliches Treiben überall – nur ein einziger großen Willen da. Diesem großen Willen nun widersetzte sich in unserem Lande Alles, was einst bestimmendes Element gewesen, was dabei in engherzigem Particularismus gediehen und mächtig geworden war. Sagen wir die Conforteria. An ihrer Spitze stand ein hartnäckiger Mann, der frühere Ministerpräsident. Er glaubte sich der neuen Strömung entgegenstemmen, durch Hartnäckigkeit die sogenannten berechtigten Eigenthümlichkeiten unseres kleinen Staates retten zu können und brachte uns durch Widerstand gegen die neuen Einrichtungen, die ihm ein Gräuel waren, in Conflicte, die den Herzog zwangen, ihm die Entlassung, welche er nicht verlangen wollte, zu geben. Und da nun in einem Staat wie dem unsern Alles enge zusammenhängt, so war es dem Herzog unmöglich, unter des Entlassenen Standesgenossen, seiner Vetterschaft und seinem Anhang einen neunen Leiter seiner Regierung zu finden, der aufrichtig und ohne Hintergedanken ihm zur Seite getreten wäre, um das Staatsschiff in die neue Strömung hinüberzulenken. Er mußte sich an den Führer der Partei wenden, die längst zu dieser Strömung hinübergedrängt hatte, der Partei des gesunden Fortschritts und des Kampfes für die Idee der deutschen Einheit und Größe gegen die Sonderinteressen der Kleinstaaterei; er mußte dies um so mehr, als diese Partei außerdem die Majorität der Kammer besaß –“

„Und der Führer dieser Partei warst Du?“

„War ich! Also –“

„Also wurdest Du Minister! Nun ja, wenn ein Schwan keinen See hat, muß er auf einem Teiche schwimmen lernen. Aber ich hatte Dich doch für einen andern Teich aufgezogen, als für das Untertauchen in Eurem kleinen Staatstümpel hier.“

„Mein lieber Papa, wir können nicht alle gleich Dir das Weltmeer befahren – und was das Aufziehen anbetrifft, so mußt Du mir verzeihen, wenn ich Dir gestehe, daß von den Anschauungen, welche Du mir in meinen ersten Lebensjahren beigebracht haben magst, wenig in mir haften geblieben ist. Du schiedest von uns, als ich acht Jahre alt war, und ich muß gestehen, daß ich damals an einer unverzeihlichen Flüchtigkeit der Gedanken und einer beklagenswerthen Unfähigkeit litt, Deinen für die damalige Zeit ebenso berechtigten und selbstlosen, wie edlen und schönen politischen Ideen zu folgen. Ich blieb, als Du nach Amerika gingst, zurück unter dem Einflusse meiner Mutter, welche von der Politik, die ihr den Gatten und ihrem Kinde den Vater gekostet, nicht viel hören mochte. Als sie leider so früh gestorben, war es ihr Bruder, mein Vormund, der mir die politische Richtung gab – der brave Mann war Stadtbaumeister, und als solcher kein Freund des Einreißens, wo nicht ein Neubau folgen konnte. So ist es denn gekommen, daß ich mir ein Ideal gebildet habe, das von dem Deinigen weit abweicht, wie sehr ich auch Deinen politischen Standpunkt achte und schätze: Ich bin zufrieden mit meinem so glücklich erreichten Ideale eines großen, geeinten, unter dem schützendem Kaiserbanner mächtig dastehenden Deutschland, lieber Vater, und als praktischer Mann wünsche ich heute, daß keine wilde Jagd der Parteien durch die Saaten brause, die wir auf dem Felde des Erreichten säen – die wilde Jagd, weißt Du, stürmt einer Beute nach, die aussieht wie ein Edelwild, wie ein Sechszehnender – in der That aber ist dieses Edelwild nur allzuoft – ein Phantom.“

Der alte Thierarzt räusperte sich, trank das Glas Burgunder, das ihm sein Sohn eingeschenkt, aus und sagte dann:

„Ich sehe, reden kannst Du, Aurel – und ich denke, es kommt wenig dabei heraus, wenn wir streiten, wer darin von uns Zweien dem Andern überlegen ist. Laß uns zu persönlichen Dingen übergehen, die uns im Augenblicke viel näher am Herzen liegen!“

„In der That, lieber Vater,“ fiel Aurel ihm in die Rede, „sprechen wir lieber nicht mehr von Politik, sondern von der Art, wie Du nun hier Dein Leben einrichten willst!“ Er nahm einen kleinen silbernen Leuchter vom Schreibtische, zündete das Licht an und reichte es dem Vater, der eben seine Cigarrendose hervorzog.

„Nimm Dir auch eine Cigarre, Excellenz!“ sagte dieser „wenn man sich dabei gemüthlich den blauen Dampf in’s Gesicht bläst, bespricht man so etwas mit mehr Seelenruhe; jede kleine Wolke ist dann ein Dämpfer. Wie ich hier mein Leben einrichten will, fragst Du? Du fürchtest wohl, ich werde mit der Stiftung eines Bundes rother Republikaner beginnen? Müßtest mich dann mit Deinen Polizisten über die Grenze bringen lassen – abschaffen [260] – wär’ nicht übel. Aber beruhige Dich! Liegen mir zunächst andere Dinge am Herzen. Damit Du sie begreifst, muß ich Dir vorher ein wenig mehr von meinem Leben drüben erzählen, als Du davon bis jetzt vernommen hast. Das Schreiben, weißt Du, war niemals meine Sache.“

„Leider – ich hätte so gern öfter von Dir gehört.“

„Was sollt’ ich Dir lange Episteln schreiben – waren ja einander ganz fremd geworden – konntest auch trotz alles Schreibens von dem Leben drüben keine richtige Vorstellung haben; konnte es Dir eben nicht klar machen, wie ich anfangs dort Gärtnerbursche und dann Pastor einer kleinen Gemeinde in Michigan, darauf Schreiber eines Sheriffs ward. Konnte es nicht. Und als Deine Mutter gestorben – ich hatte damals in einem Eier- und Butterhandel etwas verdient – Dein Vormund sandte mir herüber, was mir aus der Erbschaft Deiner Mutter von ihrem Vermögen zukam – kaufte eine wohlgelegene Farm, sehr vortheilhaft – capitaler Handel – war ein gemachter Mann jetzt – hatte aber zur Bewirthschaftung der Farm eine Frau nöthig – Du wirst das einsehen, Aurel –“

„Ah,“ unterbrach ihn Aurel, „Du gabst mir eine Stiefmutter, und davon weiß ich nichts?“

„Hatte die Frau nöthig, aber Eure Einwilligung nicht,“ entgegnete er mit einer Barschheit, die wohl nur eine gewisse Verlegenheit dem Sohne gegenüber maskiren sollte, „braucht’s also nicht herüberzutelegraphiren und später viel Redens darüber zu machen, war ja auch nicht nöthig, kanntet meine Frau ja nicht – konnte sie Euch auch nicht abmalen. Nun ist sie leider todt – zwei Jahre schon her. War eine hübsche Person, größer, schlanker als Deine Mutter – Yankeefamilie – stammte aus Neu-England – Vater Shopkeeper – wollener Strumpfhändler – früher einmal Goldgräber, und was man denn sonst drüben versucht. War ein braves Weib, und hinterließ mir einen Ausbund von Jungen –“

„Ah, einen Sohn? Einen Bruder habe ich, von dem ich nichts ahnte?“ rief Aurel mit wachsendem Erstaunen.

„Ich kann nicht bestimmt sagen, ob Du ihn hast oder hattest – ist fortgelaufen – auf unsere ‚Navy‘ gegangen, denk’ ich, und seit zwei Jahren habe ich nicht das Mindeste von ihm gehört. Nun, wenn’s nicht mein eigen Fleisch und Blut wäre, würde ich sagen, der Schade, wenn er irgendwo den Hals bräche, wäre nicht allzu groß. War keine Zucht in dem Jungen – kein Gehorsam.“

„Kaum zu verlangen!“ sagte mit einem leisen Anfluge von Ironie Aurel. „Ihr stellt ja drüben die Knaben so früh auf ihre eigenen Füße –“

„Sag’ lieber, sie stellen die Füße auf uns, ihre Alten. Hast Recht! Wenn’s noch Füßchen wie die der Grasmücke sind, läßt man sich’s ja gefallen; die Grasmücke, weißt Du –“

„Die Grasmücke? Wer ist das nun, Vater?“

„Bin ja im Zug, Dir’s zu sagen. Die Grasmücke, das ist Lily, Deine Schwester, ein so reizender kleiner Affe, wie Du ihn Dir nur denken kannst –“

„Und nun auch noch eine Schwester!“ rief Aurel aus, halb erschrocken, halb freudig erregt, „wahrhaftig, Du schenkst mir viel an diesem einen Morgen!“

„Denke so! Wenn Du Lily sehen wirst –“

„Sehen? Ist sie denn hier?“

„Nun freilich – bin ich selber doch ganz allein ihretwegen hier –“

„Du ihretwegen? Du willst sie hier ausbilden, ein tüchtiges Institut besuchen lassen?“

„Das weniger. Sie hat, mußt Du wissen, die Kinderschuhe ausgezogen und die Jahre der Ladies’ Academy hinter sich. War dazu in Boston – hab’ mir’s Geld genug kosten lassen, obwohl’s Unsinn ist. Ist eine complete Dame jetzt – meiner Seele, viel zu gut für diesen vermaledeiten Windhund, diesen lächelnden Mars aus einer Mythologie für Töchterschulen –“

„Ich bitte Dich, von wem redest Du denn jetzt, Vater?“

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: Levin Schücking
Titel: Bruderpflicht
aus: Die Gartenlaube 1881, Heft 17, S. 273-276
Fortsetzungsroman - Teil 4


[273] „Von wem ich jetzt rede, Aurel?“ fragte der alte Lanken, „nun, eben von diesem Schwachkopfe, diesem Titelkupfer für ‚Knigge’s Umgang mit Menschen‘. – Will Dir nur erst sagen, daß ich den vorigen Winter – natürlich mit Lily – in Brooklyn zubrachte. Ward dem armen Kinde zu still da hinten auf der Farm in Michigan – wollte ein wenig in die Welt hinaus und unter Culturmenschen; konnte es ihr nicht verdenken – gingen für den Winter nach Brooklyn – so eine Art Vorstadt, Nebenstadt von New-York, weißt Du – schöne Gegend, Wasser, Inseln, Waldhügel, gesellschaftliche Excitements aller Art. Nun wohl, hatte immer ein Gefallen an Brooklyn – also wir gehen dahin. Will das Unglück, daß im Bordinghause neben uns der besagte Windhund –“

„Das Titelkupfer?“

„Das Titelkupfer für ‚Knigge’s Umgang mit Menschen‘ zu sitzen kommt, Bekanntschaft anknüpft, den Liebenswürdigen spielt, sehr angenehm plaudert und uns von den Reisen erzählt, die er gemacht hat. Ist am andern Tage wieder da, und am folgenden auch, und so weiter. Erzählt uns, daß er Officier ist, langen Urlaub hat, ein wenig leidend gewesen, brustleidend, Aerzte haben ihm eine längere Seereise empfohlen; nun wohl, ist gleich nach Hinterasien gegangen – von da nach Australien, über’s stille Meer nach San Francisco, von da herüber mit der Pacificbahn, ist frisch und gesund geworden dabei, will sich aber in Brooklyn noch etwas ausruhen, bis er ostwärts heimsegelt.“

Aurel hatte, während sein Vater diese Angaben machte, in wachsender Spannung immer größere Augen auf ihn geheftet, und jetzt erregt die Hand auf seinen Arm legend, rief er aus:

„Und der Name, Vater, der Name des jungen Mannes?“

„Der Name? Was den Namen angeht, so war nichts Besonderes daran, ein Name wie andere auch – aber das Wunderliche war, daß er just aus diesem unserem alten Neste stammte und dahin zurückkehren wollte – der Name war Ludwig von Gollheim –“

„Ich wußte es, ehe Du ihn nanntest,“ rief Aurel in höchster Erregung aus.

„Du wußtest es? Woher wußtest Du es?“ fragte Lanken, seinen Sohn scharf und forschend ansehend. „Kennst ihn, hast Dir von ihm erzählen lassen?“

„Ich kenne ihn – aber erzählen lassen hab’ ich mir nichts – ich hatte nicht die leiseste Ahnung von seiner Beziehung zu Dir, zu –“

„Zu Lily? In der That nicht?“

„Nicht die leiseste.“

„Aber seine Schwester – hat sie ebenfalls keine Ahnung davon, daß ihr Bruder Ludwig sich in Brooklyn –“

„Seine Schwester? Regina Gollheim? Wie könnt’ ich das wissen?“

„Ich denke, Du müßtest es wissen – man trägt mir ja hier zu, Du, Aurel, Du seiest verlobt mit ihr.“

Aurel schüttelte, seinen Vater groß ansehend, verneinend den Kopf.

„So hat man Dir Etwas zugetragen, was unwahr ist,“ antwortete er – „wenigstens bin ich nicht der Verlobte Regina Gollheim’s – das ist unwahr.“

„Unwahr? Desto besser dann!“

Aurel wandte das Gesicht ab. Dann, wie seiner Erregung nicht mehr Herr, sprang er auf. Er ging hastig im Zimmer auf und ab; er murmelte einige Worte für sich hin, die sein Vater nicht verstand, und endlich sich wieder zu diesem wendend, rief er aus:

„Weshalb vollendest Du nicht – was ist mit Ludwig Gollheim, mit dieser Lily?“

„Was ist mit ihnen? Eine alltägliche Geschichte. Sie haben sich mit einander verlobt, verheirathet, sind an die Seeküste gegangen, um da die Flitterwochen zuzubringen – ich unterdeß heim nach Michigan, um da meine Farm zu verkaufen – hatte keine Lust, da in der Einsamkeit mich weiter zu plagen – habe auch einen Käufer gefunden und ein gut Stück Geld dafür bekommen – wollte damit irgend ein Grundstück im alten Lande kaufen – wenn Lily hier diesseits des Wassers war, wollte auch ich – na, kannst das begreifen. Die jungen Leute haben in der Zwischenzeit abgemacht, daß Gollheim voraus hierher gehen soll, um seine Heirath seinem Alten klar zu machen – soll ein schlimmer Aristokrat sein, der Alte; Lily sollte nachkommen und in Hamburg warten, bis Gollheim hier für gut Wetter gesorgt habe und sie abhole, um sie seinen Leuten zuzuführen. Sie reisen also auch ab – er zuerst – nach drei Wochen sie – aber in Hamburg findet sie verzweifelte Briefe von ihm – der Alte hat den unsinnigen Einfall gehabt, sich in den Grafenstand erheben zu lassen – ein Majorat zu errichten – der Sohn soll Titel und Güter erben, wenn er eine Adlige heirathet, sonst nicht; der Alte hat mit der ganzen Sache, die er längst eingefädelt, erst Ernst gemacht, als er über die Gesundheit seines Sohnes beruhigt worden; wird [274] nun aus Wuth diesen todtschießen oder selber den Schlag bekommen, wenn er hört, was sein Sohn gethan – wird den Spott der Welt über sein neugebackenes Grafenthum, das so bald in die Brüche gegangen, absolut nicht ertragen; wird wüthen wie ein Berserker; ist nichts zu thun, als still sein, warten, für’s Erste sich nicht rühren. Das steht in Gollheim’s Briefen. Solche Dinge muß das arme Kind, die Grasmücke, lesen, als sie kaum in Hamburg angekommen. Soll warten! Ich bitte Dich, auf was? Soll still sein – bis sie vergessen ist etwa? Natürlich schreibt sie mir Alles, sendet mir die Briefe des jungen Herrn – ich kann ihr nicht auf der Stelle zu Hülfe kommen, muß drüben in New-York den Tag abwarten, an welchem mir contractlich der Kaufschilling für meine Farm zu bezahlen ist, aber was thut das, ich weiß ja Dich hier, bist Advocat, wirst es verstehen, dem Junker und seiner Sippe die Zähne zu zeigen – so schrieb ich der Lily – schrieb ihr: still sitzen, warten, sich’s gefallen lassen, bange werden? Nichts da! Reisest augenblicklich hinein in das alte Nest, logirst dort bei Schallmeyer, meinem alten Freund, und läßt Dir Deinen Bruder, den Aurel, holen – der wird schon das Richtige anzugeben wissen. Sobald ich kann, komm’ ich selber. Sie gehorcht mir auch, das gute Kind, reist hierher, kehrt bei Schallmeyer ein, und dann – dann befällt sie die Angst. Du, Aurel, Du bist ein großes Thier geworden, muß sie hören – ein Minister! Gehörst selbst zu der vornehmen Bande, und, was noch schlimmer, Schallmeyer will wissen, daß Du mit der Schwester des Junkers verlobt seiest – ist wie ein Wetterschlag für die arme Grasmücke. Weiß nichts zu thun, als an ihren Ludwig zu schreiben – den aber überfällt ebenfalls die Angst, wagt nicht, zu ihr zu kommen, fleht sie nur an, stille zu sitzen; wenn es sein muß, will er auf und davon gehen, irgend wohin, in die Berge, die Alpen, will sie dann nachkommen lassen – wovon sie dort leben wollen, sagt er nicht, der Windhund – so lange soll sie schweigen, warten …“

„Er ist nicht zu ihr gekommen?“ fragte Aurel dazwischen.

„Hat’s nicht gewagt, und deshalb – magst Du, Aurel, mit seiner Schwester verlobt sein oder nicht, Minister sein oder nicht – jetzt bin ich da – und der alte Lanken, weißt Du, läßt sich nicht bange machen, weder durch kleine, noch durch große Thiere. Und nun, da Du Alles weißt und ich Dich auf den Boden des Sackes habe sehen lassen, schenk mir noch einmal von Deinem Burgunder ein – mir ist von dem vielen Sprechen die Kehle trocken geworden.“

„Und mir,“ versetzte Aurel, halblaut und mehrmals tief Athem holend, während er nach seinem Tuche griff, „mir ist die Stirn davon feucht geworden.“

Dann schenkte er seinem Vater das Glas voll; seine Hand zitterte dabei nervös; er füllte so rasch, daß das Glas überfloß, setzte die Flasche hin und ging schweigend auf und ab.

Der alte Republikaner war anscheinend beschäftigt, sich zu einer neuen Cigarre zu verhelfen; darüber fort beobachtete er scharfen Auges seinen Sohn. Dieser blieb endlich stehen. Die Hände auf dem Rücken, das Haupt gesenkt, bohrte er, in Gedanken versunken, mit der Fußspitze in eine grüne Knospe in dem Teppichmuster auf dem Boden, als ob er sie zertreten wolle.

Der alte Lanken lehnte sich, als er seine Cigarre in Brand gesetzt hatte, in den Divan zurück, streckte die Beine weit aus und sagte:

„Nun, Minister – was beschließest Du? Ich habe Dir meine Karten offen gelegt. Was spielst Du jetzt aus?“

Aurel fuhr aus seinen Gedanken empor.

„Um ein Spiel handelt es sich nicht, Vater,“ sagte er, „sondern um sehr ernste Pflichterfüllungen. Ihr habt dort drüben – ich bedauere, Dir das sagen zu müssen – eine todesernste Sache viel zu sehr als Spiel behandelt, eine Sache, bei der ich nicht ganz begreife, wie Du nicht vorher festere Bürgschaften für das Glück Deines Kindes, für die Aufnahme, welche Lily hier finden würde, verlangt hast –“

„Bürgschaften! Verlangen! Hatte gut verlangen! Drüben hat das junge Volk seinen eigenen Willen …“

„Nun ja – drüben mag Manches in anderem Lichte erscheinen. Hier aber handelt es sich jetzt, wie gesagt, um strenge Pflichterfüllungen. Du hast Deine erste gethan, indem Du zum Schutze Deines Kindes über’s Meer gekommen bist – hierher. Ich werde die meine thun, als der Bruder meiner Schwester. Zuerst will ich sie sehen. Und das sogleich. Willst Du mich zu ihr führen?“

„Gewiß, in jedem Dir beliebigen Augenblick.“

„So laß uns gehen! Gleich jetzt!“

Aurel klingelte dem Bedienten und ließ sich Hut und Handschuhe bringen. Der alte Lanken leerte sein Glas, und Vater und Sohn gingen.




5.

Als sie in Schallmeyer’s Hotel garni angelangt waren und der alte Herr einem jungen Stubenmädchen, das ihnen öffnete, gesagt hatte, sie wünschten bei „Mistreß Brown“ gemeldet zu werden, versetzte das damenhafte junge Wesen mit einem ganz überflüssigen heitern Aufleuchten ihrer Miene, welches Aurel auffiel, die englische Dame gehe im Hausgärtchen lustwandeln. Dann öffnete das Mädchen eine unter dem Treppenabsatze am Eude des Hausganges befindliche Thür und deutete auf die Gestalten von zwei jungen Leuten, die im Rahmen der geöffneten Thür, weitab im Hintergrunde des Gartens ein ganz anmuthiges Tableau bildeten. Lily, die Grasmücke, oder „Mistreß Brown“, wie sie hier im Hause hieß, saß da, angethan mit einem hellen Kleide, allerlei Blumen und grünes Blätterwerk im Schooß haltend und sich damit beschäftigend, als ob sie einen Strauß daraus zu binden vorhabe, wobei sie sehr oft ihr lockig über den Nacken hinabfließendes Haar, das durch ein schmales blaues Band über der Stirn festgehalten ward, über die Schulter zurückwarf; sie that das mit einer unnachahmlich anmuthigen Bewegung ihrer kleinen Hand. Sie saß auf einer Gartenbank, die an den Sockel einer alten verstümmelten Steinfigur geschoben war, einer Figur, die eine alte griechische Göttin von jedenfalls den besten Intentionen für die sterbliche Menschheit darstellte; denn sie streckte einen Arm wie schützend, segnend oder irgend eine Gabe bringend aus, nur daß man nicht mehr sagen konnte was; denn dem Unterarme war die Hand abgeschlagen. An den Sockel mit der linken Schulter gelehnt, die Hände auf die Rücklehne der Bank stützend, beugte sich ein junger Herr über Lily, der einen kurzen blauen Morgenrock und ein hellrothes Halstuch mit flatternden Zipfeln trug, was ihm, in Verbindung mit seinem sommerlichen Strohhut, etwas Schäferliches gab.

Er redete sehr eifrig auf Lily ein – die Gruppe war jedenfalls so, daß sie in einem nichtsnutzigen Stubenmädchen Gedanken erwecken konnte, wie sie soeben der verständnißinnige Blick der die Thür öffnenden Schönen verrathen hatte. Der alte Lanken und Aurel näherten sich mit raschen Schritten dem Paare. Lily hatte die Kommenden mit einem leisen Ausruf der Ueberraschung wahrgenommen, fixirte einen Augenblick den durch ihre Anmuth ganz frappirten Aurel und erhob sich dann, mit beiden Händen die Blumen aus ihrem Schooße fortschiebend; sie ging dem Vater und dem, der Niemand anders als ihr Bruder sein konnte, entgegen – ein wenig langsam, ein wenig mit wankenden Schritten, ein wenig furchtsam vor dem viel besprochenen vornehmen Bruder.

Dieser aber streckte ihr bewegt beide Hände entgegen und sagte mit vor Rührung unterdrückter Stimme:

„Lily, theure Schwester!“

„O, Sie sind mein Bruder Aurel! O, Sie sehen so gut und lieb aus – Sie werden Ihrer armen Schwester gut sein. Bruder, werden Sie?“

„Wer würde nicht einem so lieben Wesen gut sein, Lily, wenn es außerdem noch seine Schwester ist?“ entgegnete Aurel, die schmale Hand der „Grasmücke“ zwischen seinen beiden haltend und in ihre hellen, andächtig zu ihm aufschauenden Augen blickend. Er begriff jetzt, weshalb sein Vater sie die „Grasmücke“ nannte; sie sah so hell und lustig aus den Augen und es war etwas so Duftiges, Leichtes in der ganzen Erscheinung – man mußte bei ihrem Anblick in der That an einen kleinen Vogel denken. Und wie ein leichtbeschwingter Vogel war sie ja jetzt auch dahergekommen, über’s Meer herübergeflogen, als ob das für sie gar keine Sache wäre, gar nicht der Rede werth.

„Daß wir so lange gelebt haben, ohne von einander zu wissen!“ fuhr Aurel fort.

„Was hätte Euch das ‚von einander wissen‘ genützt,“ fiel hier der alte Lanken ein, der bis jetzt mit den Augen dem jugendlichen Schäfer mit dem rosenrothen Halstuch gefolgt war, welcher bei dem Kommen der beiden Herren still und bescheiden bei Seite getreten war und eben in dem Buschwerk verschwand, welches den Hintergrund des Gartens hinter der menschenfreundlichen Statue ausfüllte – „was hätte es Euch genützt, so lange Ihr so etwas wie Antipoden [275] waret? – Nebenbei. wer ist denn der junge Herr, der Dir die Unterhaltung machte, Lily?“

„Ein junger Kaufmaun – Buchhalter hier in einem Geschäft.“

„Das seinen Buchhaltern erlaubt, die Vormittagsstunde zu einem angenehmen Verkehr mit jungen Damen zu verwenden?“

„Was weiß ich?“ sagte Lily. „Er wohnt hier im Hause – das ist Alles, was ich von ihm weiß, und daß er sagt, er sei der Sohn eines reichen Kaufmanns am Rhein, sei nur hier, weil der Brauch wolle, einmal ein Jahr lang sich auch in einem anderen Geschäft umzusehen.“

„So, er wohnt hier im Hause? Was dieses alte Känguruh von Schallmeyer nicht alles für Babies in seinem Beutel hat!“

Aurel hatte sich unterdeß auf die Bank gesetzt und Lily neben sich gezogen.

„Etwas wie Antipoden,“ sagte er, auf des alten Herrn Ausdruck zurückkommend, „dem Orte nach waren wir es, Lily, aber wir werden es gewiß nicht unserem Fühlen und Denken nach sein, jetzt, wo wir uns gefunden.“

„O ganz gewiß nicht,“ antwortete Lily, ein wenig schüchtern zu ihrem Vater aufblickend, da sie nicht recht wußte, ob dieser sie so viel werde solch einem Minister einräumen lassen. „Wir werden uns gewiß recht gut verstehen,“ fuhr sie fort, „wenn Sie Nachsicht mit einem jungen Geschöpf haben, das sich hier so fremd, so furchtbar fremd fühlt.“

„Jetzt noch, wo Sie Vater und Bruder hier haben?“

„O, nun nicht mehr – nun nicht mehr, denke ich.“

„Der Bruder wenigstens wird Alles thun, um Ihnen zu zeigen, daß Sie wirklich einen Bruder an ihm hier haben.“

Aurel empfand einen warmen Druck der kleinen Hand, die fortwährend in der seinen ruhte.

„Wie gut Sie sind, Aurel, wie gut! Und ich hatte mich doch so sehr vor Ihnen gefürchtet. So schrecklich! Ich dachte, Sie ließen sich gar nicht anders sehen, als in einer goldenen Kutsche mit sechs Pferden davor. Und Sie müßten so stolz und so böse aussehen wie ein Oger. Nun sehen Sie, welch ein Kind ich bin!“

„Ein Kind unseres Papas da, der als ein grimmiger Republikaner einem Minister, wenn auch nicht sechs Pferde, doch sicherlich wenigstens einen Pferdefuß andichtet,“ sagte Aurel lächelnd.

Der alte Herr, der sich, die Hände auf dem Rücken breit vor ihnen hingepflanzt hatte und mit einer Miene eigenthümlicher Zufriedenheit auf seine beiden Kinder blickte, nickte mit dem Kopfe:

„Einen Pferdefuß habt Ihr Leute auch sammt und sonders,“ sagte er „aber der Teufel ist nicht so schlimm, wie man ihn an die Wand malt, das ist sicher, und was Dich angeht, Aurel, so sehe ich wenigstens, daß Du ihn im Familienleben abschnallen kannst, den Pferdefuß.“

„So lassen wir hier ihn und den Minister bei Seite! Und da Sie mich nun nicht mehr fürchten, Lily – nicht wahr, Sie fürchten mich nicht mehr?“

„O, nicht im Geringsten!“

„Ist auch sonst viel weniger der Grasmücke Sache, das Fürchten, als die kleine Kokette sich stellt,“ fiel der alte Lanken ein. „Weiß, daß sie eine freie amerikanische Bürgerin ist.“

„Nun wohl, da es so ist, lassen Sie uns jetzt damit beginnen, als Geschwister uns Du zu nennen!“

„Hatte schon längst meinen Spaß an Eurem verzwickten: Sie,“ lachte der alte Lanken auf.

„Gewiß, sagen wir Du, Aurel!“ nickte, leis erröthend, Lily.

„Und dann,“ fuhr Aurel fort, „soll ich nicht für ein besseres Heim für Euch sorgen? Dem Vater verbietet seine puritanische Charakterstärke, im Hause eines Ministers zu wohnen; ich bin weit entfernt, mich gegen diese Gesinnungstüchtigkeit aufzulehnen, aber Ihr habt es hier im Hause Schallmeyer’s wenig behaglich und bequem, sehr wenig comfortable, wie Ihr es nennt.“

„Na, der Comfort ging schon an,“ sagte Lanken. „Wär’ nur die alte Beutelratze von Schallmeyer nicht ein so hirnverbrannter Lump von Socialdemokraten geworden, und schliche nicht die graue Katze so unheimlich im Hause herum.“

Lily hatte lebhaft ihren Kopf bei diesem Thema erhoben; lächelnd sagte sie jetzt:

„Die graue Katze wird mich nicht verschlingen, wenn Du mich auch immer eine Grasmücke nennst, alter Pa-, und was den Herrn Schallmeyer angeht, so ist er ja, wie Du mir schriebst, Dein einziger Freund, den Du hier noch hast.“

„Heißt das, daß Du hier zufrieden bist, Lily?“ fragte Aurel.

„Ziemlich zufrieden,“ versetzte sie mit gleichgültigem Tone; „ich habe mich eingewöhnt und möchte mich nicht umquartieren – es giebt so viel Last!“

„Und dem jungen Buchhalter wäre es vielleicht eine Störung, wenn er für seine Vormittagsstunden keine Verwendung mehr fände – durch einen kleinen Speech mit Dir,“ sagte sarkastisch der alte Thierarzt, seine Tochter fixirend.

„Ueberlassen wir die Sache ganz Lily!“ fuhr Aurel fort; „ich möchte sie in einer eleganteren Wohnung sehen – aber ganz wie es ihr behagt!“

„Wie es dem Vater behagt,“ versetzte Lily, mit offenem Blicke zu ihm aufschauend.

„Ueberlaßt es mir, Kinder!“ meinte dieser jetzt, vom Stehen ermüdet sich neben Lily setzend. „Es stände einer solchen Excellenz wie Dir, Aurel, doch verdammt schlecht an, wenn sie in der Stadt umherliefe, um Wohnungen zu besehen.“

„Und kann ich sonst was für Dich thun, Lily?“ fragte Aurel. „Ich werde Dir wenigstens Deine Wohnung zu schmücken suchen, Dir Blumen senden, Bücher. Welcher Art Bücher liebst Du?“

Oh! I like love-stories most,“ sagte Lily, als ob sie’s im Deutschen nicht so naiv offen aussprechen wolle.

Aurel wußte nicht recht, welche Art der zeitgenössischen Literatur sie damit als die von ihr bevorzugte bezeichnen wolle; sein Vater aber fiel ein:

Love-stories, Liebesgeschichten! Das ist nun wieder eine rechte Grasmücken-Antwort. ‚Fudge‘ sagt Mr. Burchill im ‚Vicar‘. Glaub’s Ihr nicht, Aurel! Sie liest weder Liebesgeschichten noch andere Bücher. Auf der Farm gab’s zu viel zu thun. Und ich bitte Dich, woher soll man die Bücher bekommen? Zuweilen ein altes Journal von der vorigen Woche ....“

„Hast Du Musik getrieben – liebst Du Musik, Lily?“

„O gewiß,“ antwortete sie „die Deutschen haben so schöne Musik – wir hatten in Brooklyn eine Bande deutscher Musikanten, die wundervolle Strauß-Walzer spielte. Und Offenbach … ich liebe Offenbach so.“

„Sie hat in Boston auch Musikstunden genommen – ein ganzes Jahr lang,“ sagte Vater Lanken stolz.

„Ja, aber es ermüdete mich so – es war so – langweilig!“

„Sodaß ich Dir keinen Flügel senden zu lassen brauche!“ meinte mit mildem Lächeln Aurel.

„Nein, das brauchst Du nicht, Aurel – aber für Blumen werde ich Dir dankbar sein.“

Aurel versprach, ihr Blumen zu senden. Er fragte dann nach ihrem früheren Leben auf der einsamen Farm, und ließ es sich mit all seinen Eigenthümlichkeiten schildern, mit seiner seltsamen Mischung von patriarchalischem Charakter und wunderlichen Hypercultur-Elementen, mit dem Firniß großer Weltstadtsitten, die über eigenthümlich damit contrastirenden Naturzuständen liegen.

So blieb er noch lange im Gespräche mit Vater und Tochter, meist dem Geplauder Lily’s lauschend und nur ein wenig überrascht, daß diese mit keinem Worte ihre eigentliche Lage, den Zweck ihres Hierseins und ihr Verhältniß zu Ludwig Gollheim berührte. Es war wohl angeborener weiblicher Tact, daß diese erste Stunde ganz dem neugefundenen Bruder gehören sollte. Es war ihm, obwohl er ihr gern, was er in der Angelegenheit zu thun entschlossen angedeutet hätte, doch auch eine Herzenserleichterung, daß er nicht davon zu sprechen gezwungen war. Nur als die Mittagsstunde nahte und er sich aufzubrechen anschickte, nahm er den Vater bei Seite und sagte, indem er sich durch den Mittelpfad des Gartens dem Hause zuwandte:

„Bevor ich etwas thue in Lily’s Interesse, muß ich doch einen Blick auf die Dokumente werfen, welche sie über ihre Trauung mit Ludwig Gollheim besitzt. Du hast doch solche Dokumente?“

„Sicherlich hab’ ich sie.“

„So laß sie mich sehen!“

„Sehen? Glaubst Du mir etwa nicht?“

„Welcher Vorwurf! Ich glaube nur, daß ein Actenmensch wie ich scharfsichtiger ist für etwaige Formfehler oder dergleichen, was uns hier Schwierigkeiten bereiten könnte, wenn wir, was ich nicht hoffe, zu gerichtlichen Schritten gedrängt würden – scharfsichtiger, als Du es sein kannst.“

[276] „Da fürchte nichts,“ versetzte Vater Lanken; „ich bin, was Rechtssachen angeht, drüben auch ein smart fellow geworden. Aber Du sollst sie sehen.“

Er ging mit Aurel in’s Haus und in sein Zimmer hinauf; hier schloß er seinen Secretär auf, aus dem er eine mit Papieren gefüllte Brieftasche nahm. Daraus holte er zwei gestempelte und halb bedruckte, halb beschriebene Papiere hervor. Das eine war eine mit dem Siegel eines „Court of common Pleas“ und der Unterschrift eines Gerichtsbeamten versehene Licenz und Erlaubniß zur Heirath, ausgestellt für Ludwig Baron Gollheim und Lily Lanken, „Spinster“; das andere war eine vom „Minister of the Gospel“ an einer der lutherischen Kirchen zu Brooklyn ausgestellte Bescheinigung über die am 11. April des Jahres 187. stattgefundene Trauung der beiden jungen Leute.

Dawider war nichts zu sagen; Aurel bemerkte nur, daß beide Documente vielleicht zurückgeschickt werden müßten, nun die Beglaubigung von Seiten der deutschen Diplomatie drüben zu erhalten – doch werde sich das später herausstellen. Er gab dem Vater die Blätter zurück und ging, sich von Lily zu verabschieden. Er versicherte ihr, daß er bald zurückkehren werde, was Lily hocherfreut, ihm ihre Stirn zum Kuß bietend, aufnahm.

Als Aurel das Haus Schallmeyer’s verlassen hatte, wandte er sich der um diese Stunde immer sehr einsamen Stadtpromenade zu, um auf ihr, welche den Ort umkreiste, wieder zu seinem „alten Schloß“ zurückzugelangen.

Er ging langsam, die Hände auf dem Rücken und trübsinnig zu Boden blickend, vorwärts. Es war eine dunkle Stunde in sein Leben getreten, trotz der heiteren, reizenden Erscheinung, welche so plötzlich seinen Lebensweg gekreuzt und den Reichthum seiner Gemüthswelt mit der Gabe einer Schwester, der Liebe einer Schwester vermehrt hatte; denn gekreuzt hatte Lily doch auch im eigentlichsten Wortverstande seinen Lebensweg; sie hatte seine eigenen persönlichsten Gefühle plötzlich wie durchschnitten, und grausam, ohne daß Lily es ahnte, bedrohte ihre Erscheinung seine schönsten Lebenshoffnungen mit Vernichtung. Eine wunderliche verwirrende Lage war es, in die er gebracht worden. Diese unvermuthete Rückkehr seines Vaters hatte ihn erst erfreut, dann auch wieder erkältet wegen der wunderlichen Marotten des alten Herrn, bei denen er mit Schrecken daran gedacht hatte, wie Graf Gollheim sie aufnehmen würde, bis am gestrigen Abend noch ein Brief Regina’s ihm gesagt hatte, wie diese Aufnahme ausgefallen – viel, viel ärger noch, als er gefürchtet! Aber Regina’s Brief hatte ihn auch getröstet; das charakterstarke, edle junge Mädchen, das er so leidenschaftlich, mit der ganzen Gluth des gereiften Mannes liebte, hatte ihm deutlich genug ausgesprochen, daß sie kein Wanken und keinen Wechsel ihrer Gefühle kenne, und so hatte er während einer schlaflosen Nacht noch mit hoffender Zuversicht in die Entwickelungen der Zukunft schauen und ihnen eine günstige Wendung in seinem und Regina’s Schicksal anheimstellen können.

Aber dann war sein Vater an diesem Morgen mit seinen furchtbar überraschenden Enthüllungen gekommen, Enthüllungen, die das ganze Gebäude seiner Glückshoffnungen über den Haufen geworfen, und ihm nichts übrig ließen, als Fassung zu suchen bei dem Gedanken, daß ihm keine Wahl übrig gelassen sei, bei dem Gedanken des Muß, des kategorischen Imperativs der Pflicht. Es war ja noch ein Glück, daß sie so klar, so unausweichbar, so verzweifelt einfach vor ihm lag, daß er sich das Hirn nicht zu zerquälen brauchte mit Suchen, mit Fragen, mit Ausklügeln von Auskunftsmitteln. Nein, er mußte seine Pflicht thun. Seine Schwester war Ludwig Gollheim’s Weib geworden. Er war ihr Bruder. Er mußte für ihre Rechte eintreten. Mochte er den Grafen Gollheim sich zum Todfeinde machen, weil er ihn zwang, geschehene Dinge als geschehen hinzunehmen, mochte er dadurch eine ewige Scheidewand aufrichten zwischen sich und Regina, denn eine gewisse aristokratische Denkungssart, ein Adelsbewußtsein, das für ihren Bruder, den Stammhalter der ganzen Gräflichkeit, eine andere Verbindung forderte, lag doch auch wohl in Regina – es war da kein Ausweichen, kein Drehen und Deuteln an dem, was Pflicht war: er mußte die Rechte der Schwester schützen, sich auf die Seite, seines Vaters stellen, auf die Seite, wohin ihn die Natur gestellt hatte. Die Natur – ja! Es ist die Natur der Liebe, daß sie treibt, Vater und Mutter zu verlassen und – dem Weibe zu folgen. Und mit seinem innersten Wesen, mit seinem Gedanken- und Gefühlsleben gehörte er Regina an, seine ganze Seele war bei ihr, folgte ihr. Er war erst so spät im Leben dem Wesen begegnet, das er lieben konnte, in dem er täglich mehr jene platonische Seetenhälfte, die ihn bisher niemals aus den Augen eines jungen Mädchens angeschaut hatte, zu finden geglaubt. Und hatte doch auch Regina mit ihren Charakterernst, ihrem scharf den Schein vom Wesen trennenden Verstande die Jahre an sich vorübergehen lassen, ohne daß eines ihr den Bewerber, dem sie ihr Schicksal hätte anvertrauen mögen, gesandt hatte. Aber nun war den beiden ernsten Menschen das Gesicht für einander desto mächtiger gekommen, nun hatte es desto mehr von ihrem ganzem Wesen an sich gerissen, und sie jener Sclaverei des Herzens unterworfen, zu der die Leidenschaft so leicht im reiferen Gemüth erstarkt.

Aber Regina war noch nicht sein Weib, nicht einmal seine erklärte Braut. Es war keine Wahl: er mußte die Natur, die ihn zum Sclaven machen und ihm sein Opfer als eine Unnmöglichkeit erscheinen lassen wollte; in sich zu besiegen wissen. Es darf für den Mann keine Unmöglichkeit einer Pflichterfüllung geben. Er war auf einen Platz im Leben, in ein Amt gehoben worden, dessen idealer Gehalt nichts anderes war, als Schutz und Wahrung des Rechts im Staate – dieser Gedanke mußte seine Kraft stählen bei dem schweren Schritt, den er zu thun im Begriff stand: noch heute, spätestens morgen, wollte er eine Unterredung mit dem Grafen Gollheim suchen.

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: Levin Schücking
Titel: Bruderpflicht
aus: Die Gartenlaube 1881, Heft 18, S. 289-292
Fortsetzungsroman - Teil 5


[289]
6.

Es war am andern Tage. Der herzogliche Oberstallmeister und neue Graf Gollheim saß in seinem großen auf den Garten hinausgehenden Arbeitszimmer im Erdgeschoß seines hübschen Hotels; die Fensterthür, die über wenige Stufen in den Garten hinabführte, stand offen und gewährte den neugierigen Buchfinken, welche draußen umherflatterten und bis auf die Schwelle gehüpft kamen, das Vergnügen, einen so vornehmen Herrn an der Arbeit zu sehen: der Herr Graf hielt mit der einen Hand einen Meerschaumkopf, aus dem sich leichte blaue Wölkchen entwickelten; mit der andern versah er Rapporte der Stallmeister oder Gesuche von Untergebenen und andern Leuten mit Rothstiftstrichen und bescheidenen Notizen. Die Buchfinken mußten nun wohl weder an ihm viel Besondres, noch an dem großen kühlen Gemach mit seiner dunkel gebohnten Täfelung und den alten Kupferstichen an den Wänden viel Einladendes finden; vielleicht mißbehagte ihnen auch der Schrank mit alten und neuen Gewehren und Jagdzeug, der hinten in der Ecke des Gemachs stand – unsympathische Dinge für einen armen schutzlosen Vogel. Oder es scheuchte sie das große über dem Sopha hängende Bild, ein Kniestück, auf welchem eine hohe und schlanke Dame in blauem Seidendamast mit perlendurchflochtenen Haaren dargestellt war, bleich, mit halb traurig, halb schläfrig dreinschauenden Zügen, welche eine große Aehnlichkeit mit denen Ludwig Gollheim’s hatten. Kurz, die Buchfinken flogen, wenn sie einen neugierigen Blick aus ihren klugen Aeuglein hereingeworfen, regelmäßig wieder davon, und nur freche Hummeln oder Wespen schwirrten zuweilen herein, um dann, wenn sie den Ausgang nicht gleich wieder fanden, mit einem Heidenlärm die Stille zu unterbrechen und vor Zorn die Wände hinaufzulaufen.

Die Ruhe und das sommerlich stille Wesen in dem Gartenzimmer wurde unterbrochen, als ein weiteres wespenartiges Wesen hereinkam, das freilich nicht flog und nicht summte, aber mit seiner schlanken Taille, seinen runden Glotzaugen und dem häßlich vortretenden Kinn einen Carricaturzeichner hätte in Versuchung bringen müssen, es mit ein Paar Beißzangen ausgestattet darzustellen. Dieses Wesen trat geräuschlos durch die offene Gartenthür ein, eine Dienstmütze in der Hand, und stellte sich nach einer tiefen Verbeugung dem Grafen gegenüber an der andern Seite des Schreibtisches auf. Der Graf erwiderte seine Verbeugung durch ein trocknes Kopfnicken und fuhr in seiner Thätigkeit fort; der Mann mit der Wespenphysiognomie stand in strammer Haltung wartend, bis er angeredet wurde.

Daß der Graf jetzt vor sich hin murmelte: „Das Volk wird immer fauler – jetzt will Hammer auch noch eine Maschine angeschafft wissen, die den Stallleuten die Mühe, den Hafer zu sieben, abnimmt – moderner Schwindel – werde ihnen mit Maschinen kommen – Prügelmaschinen thäten nöthiger“ – schien er nicht als Anrede zu betrachten.

Der Graf warf ein Paar Blätter, die durch Randbemerkungen erledigt waren, zur Seite, legte sich in seinen Sessel zurück, zog ein Paar starker Rauchwolken aus seinem Meerschaumkopf und sagte, den vor ihm Stehenden fixirend:

„Nun, Becker, was giebt’s? Mit dem Lauschner geredet? He?“

Becker nickte; seine großen grauen Augen nahmen etwas wie einen höheren Glanz an, und ein schadenfrohes Vergnügen glitt über das ganze Gesicht, von der rücktretenden Stirn bis über die Mundwinkel an dem so weit vorspringenden Kinn.

„Habe Herrn Lauschner gestern im Schwan hinter seinem Schöppchen Mosel getroffen – war äußest amüsirt von der Geschichte, äußerst, lachte und meinte, wenn er die Geschichte für Serenissimus zurecht gemacht diesem beim Auskleiden am Abend beibringe, werde er einen sonderbaren Eindruck damit machen. Meinte auch, Excellenz Lanken könne ja nun, wenn er sich in anderen Hoffnungen getäuscht sehe, die er auf des Herrn Grafen Gutmüthigkeit gebaut – dann könne er Ihre Freundschaft ja nun benützen, um ihr eine schöne Anstellung als erster Roßarzt im herzoglicher Marstall für seinen werthen Papa abzugewinnen.“

„Spaßvogel, der Lauschner,“ lachte kurz und bitter der Graf auf. „Und Schallmeyer gesprochen?“

„Ja, Schallmeyer auch getroffen – in seinem gewöhnlichen Local, wo diese Art Leute verkehrt – mich ein wenig an ihn gemacht – war anfangs etwas kopfscheu, traut unser Einem, der in herzoglichen Diensten steht, nicht recht über den Weg, aber mit einigen von ihren Redensarten macht man diese verbrannten Köpfe ja leicht kirre – stecken so voll von ihrer Weisheit, daß sie glauben, es kann gar nicht anders sein, als die ganze Welt muß sie im Grunde ihres Herzens für wahrer als das Evangelium halten – zog los bei ihm über den alten Thierarzt, der mit seiner verschimmelten Weisheit neulich dort den Störenfried gemacht, den häßlichen Skandal erregt – und siehe, der alte Fuchs wurde gesprächig und sagte dann, der alte Lanken sei nicht allein gekommen; es sei seit Wochen eine junge hübsche Person da, welche sich Mistreß Brown nenne, und die nun seltsamer Weise den ganzen Tag mit dem alten Lanken zusammenstecke – sie seien offenbar [290] gute alte Bekannte, wenn nicht mehr – Lanken habe Schallmeyer auf Befragen nur angegeben, er nehme sich in ihr einer amerikanischen Landsmännin an …“

„Was kann sie ihm denn sein? Er wird doch nicht …?“

In diesem Augenblick öffnete sich im Hintergrunde eine Thür; ein Diener trat ein und meldete:

„Der Herr Minister Excellenz wünscht dringend die Ehre zu haben.“ Der Graf fuhr unangenehm überrascht in die Höhe.

„Wer?“ rief er aus, „der Minister Lanken? Nun ja – ich werde ihm freilich nicht ausweichen, wenn … sagen Sie, es werde mir angenehm sein – Sie, Becker, gehen Sie jetzt, halten Sie den Schallmeyer warm! Man weiß nicht, wozu man den Mann noch gebrauchen kann.“

Becker ward jetzt aus einer Wespe zu einem Taschenmesser und verschwand mit einer tiefen Verbeugung durch die offene Gartenthür. Durch die Thür im Hintergrunde, deren beide Flügel der Bediente geschäftig öffnete, trat gleich darauf Aurel Lanken ein.

Graf Gollheim ging ihm, nachdem er sich langsam erhoben, entgegen und reichte ihm die Hand, wie aus alter Angewohnheit – in seinen Zügen lag neben der obligaten Freundlichkeit doch auch ein Ausdruck von hochmüthiger Herausforderung, von spöttischem Trotz, wie es Aurel vorkam, sodaß dieser die ihm gebotene Hand nur sehr flüchtig berührte.

„Lassen Sie sich nieder, lieber Lanken!“ sagte der Graf, auf den Armstuhl zur Seite des Schreibtisches deutend, „es ist hübsch, daß Sie kommen, eine arbeitsfreie Morgenstunde mit mir zu verplaudern – uns geplagten Leuten, bei denen die schlimmste Arbeit den lieben langen Tag hindurch im Audienzgeben und im Repräsentiren besteht, bleiben ja gewöhnlich nur die Morgenstunden zur Disposition.“

„Ich bin nicht so glücklich, das von mir behaupten zu können,“ versetzte Aurel, „heute habe ich mich jedoch schon am Morgen von der Geschäftslast frei machen müssen, da ich über sehr wichtige Dinge mit Ihnen zu reden habe, Graf Gollheim.“

In Gollheim’s Augen blitzte wieder etwas von jenem spöttischen Trotz auf, den Aurel bei der ersten Begrüßung darin wahrzunehmen geglaubt. Während Dieser sich setzte, seinen Hut hinlegte und langsam seine Handschuhe auszog, antwortete Jener rasch:

„Ich hoffe nicht, daß Sie damit auf Unangenehmes deuten. Man hat sich leider im Leben durch so viel Schlimmes durchzuschlagen, daß man sich zum Gesetz machen sollte, nicht durch langes Versprechen noch zu verschärfen und zu verbittern, was man besser schweigend hinnimmt. Es ist das ja, Gott Lob! auch zu etwas wie einem Gesetz des guten Anstands und der guten Erziehung geworden!“

„Ich bin ganz Ihrer Meinung, mein verehrter Graf,“ entgegnete Aurel, ihn scharf fixirend, „und verstehe, nebenbei gesagt, sehr gut die Andeutung, welche Sie mir machen wollen. Ich werde auch das Gesetz des ‚guten Anstandes‘, an das Sie mich erinnern, nicht verletzen, indem ich von Ihnen selbst und persönlich Erklärungen fordere, die ich hinreichend verständlich durch Ihr Fräulein Tochter erhalten habe, welche mir eine Mittheilung und Aufklärung über den Grund und die Bedeutung ihrer plötzlichen Abreise schuldig zu sein glaubte –“

„Regina hat Sie vor ihrer Abreise am gestrigen Morgen gesprochen, Ihnen geschrieben?“ fiel der Graf lebhaft ein.

„Sie hat mir geschrieben,“ erwiderte Aurel.

„Nun ja,“ sagte Gollheim, „so wären wir ja der Erklärungen und des weiteren Debattirens überhoben – Sie sagten eben selbst so – und können, wie bisher, gute Freunde bleiben, Jeder vom festen Boden seiner Position, seiner Lebensanschauungen aus dem Anderen die Hand zu guter Cameradschaft geben – in politicis freilich harmoniren wir nicht immer, aber Jeder achtet des Anderen Standpunkt.“

Gollheim legte sich mit einer überlegenen Grandezza in seinen Sessel zurück und warf den Kopf in den Nacken.

Aurel fixirte ihn eine Weile. Er dachte wohl mit einem gewissen gutmüthigen Mitleid, wie bald er diese hochmüthige Selbstsicherheit, mit der Gollheim ihn behandelte, niedergeschmettert und in Kummer und Verzweiflung verwandelt sehen werde. Zögernd antwortete er deshalb:

„Sie irren doch, lieber Graf. Der Erklärungen sind wir nicht überhoben; denn mit meiner schweigenden Unterwerfung unter die Autorität, welche Sie über Ihr Fräulein Tochter ausgeübt haben, hören die persönlichen Fragen zwischen uns nicht auf – leider und zu meinem aufrichtigen Bedauern nicht. Doch handelt es sich um etwas Anderes, als Sie vorauszusetzen scheinen. Ich bin nicht gekommen, um mit meinen Vorstellungen und der Sprache meines Gefühls für Regina an Ihr Herz zu appelliren –“

„Es wäre das, wie die Dinge nun einmal liegen, in der That auch unnütz,“ fiel trocken und hart Gollheim ein.

„Es wäre wohl unnütz – wahrscheinlich,“ fuhr Aurel fort, „und so führt mich eine andere Angelegenheit zu Ihnen. Es handelt sich nicht um Ihre Tochter, sondern um Ihren Sohn.“

„Um Ludwig?“ sagte der Graf aufhorchend.

„So ist es. Sie haben ihn auf weite Reisen geschickt –“

„Nun ja; ich war leider zu diesem Opfer durch sein Brustleiden gezwungen; die Aerzte wollten es ja nicht anders. Und jetzt sag’ ich. Gott Lob! Er ist als ein gesunder, kräftiger Mensch von seiner Weltreise zurückgekehrt – ich kann jetzt fest bauen auf die Zukunft meiner Familie, meines alten Hauses. Ich werde nächstens der Frage einer Vermählung für ihn näher treten, wie sie seinem jetzigen Stande angemessen ist.“

„Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern mittheilen, daß Sie einer solchen Bemühung überhoben sein dürften.“

„Wie ist das zu verstehen?“

„Ludwig hat eine Wahl bereits getroffen.“

„Ah – Ludwig – eine Wahl?“

„So ist es.“

„Ohne mein Vorwissen?“

„Ohne Ihr Vorwissen.“

„Unglaublich! Undenkbar! Mein Sohn eine Wahl ohne mich?“

„Und doch muß ich Ihnen die Versicherung geben, daß dem so ist.“

„Eine würdige Wahl dann doch hoffentlich?“

„Daran ist kein Zweifel; ich wenigstens darf keinen Zweifel daran verstatten.“

„Sie? Wie ist das nun wieder zu verstehen?“

„Sie werden es gleich verstehen. Ludwig hat sich längere Zeit in Brooklyn aufgehalten –“

„Ich denke, ich erhielt dorther ein paar Briefe von ihm.“

„Nun wohl, er hat dort eine[WS 1] junge Dame kennen gelernt –“

„In Brooklyn – eine Amerikanerin – eine Engländerin?“

„Halb eine Amerikanerin, halb eine Deutsche – und zwar meine Schwester, meine Halbschwester, aus einer zweiten Ehe meines Vaters.“

„Ah – Ihre Schwester – die Tochter dieses Ehrenmanns von Thierarzt, der uns hier …“ Gollheim’s Stimme war in ihren zornigen Discant übergegangen, aber er beherrschte sich und hielt die für Aurel beleidigenden Worte, die er ausstoßen wollte, zurück, um aufzuspringen und nur heftig fortzufahren:

„Sie werden einsehen, Excellenz, daß ich von kindischen Geschichten, welche Ludwig drüben in Amerika getrieben haben mag, keine Notiz zu nehmen Lust habe. Ist er doch selber so vernünftig gewesen, mir damit nicht zu kommen, und das berechtigt mich wohl, alles Eingehen auf solche transatlantische Abenteuer abzulehnen.“

„Vielleicht, wenn es sich um ein bloßes Abenteuer handelte. Darum handelt es sich hier aber leider nicht.“

„Bah – er mag sich zehnmal dort drüben verliebt oder gar hinter meinem Rücken verlobt haben – ich werde darin nie etwas anderes als ein Abenteuer sehen, mit dem ich bitten muß hier verschont zu werden.“

„Er hat sich nur leider – ich bedaue, Sie nicht mit dieser Erklärung verschonen zu können – er hat sich leider dort drüben mit meiner Schwester trauen lassen – verheirathet – und seine junge Frau ist ihm hierher nachgefolgt.“

Graf Gollheim sank in seinen Sessel zurück. Er sah Aurel mit immer größer werdenden Augen an; es zitterte ein eigenthümliches Flimmern über seine wie verglasenden Augensterne; Aurel fürchtete einen Augenblick, daß den Grafen der Schlag treffen werde. Aber nach kurzer Weile bewegte Gollheim sich wieder; er stemmte langsam beide Arme auf die Lehnen seines Sessels, erhob sich, murmelte etwas, das Aurel nicht verstand, und ging, die Hände auf dem Rücken, den Kopf vornübergesenkt, auf und ab. Sein Schritt wankte dabei, als sei alle körperliche Energie in ihm geknickt – nach einer Weile blieb er stehen, schüttelte den Kopf, strich mit der Hand über die Stirn, und sagte mit gedämpftem und wunderlich verändertem Ton: [291] „Sie sagen mir da etwas vor, Lanken, was – natürlich – nicht wahr ist, was mich ein wenig mürbe, sehr mürbe machen soll – nun ja, ich verdenke es Ihnen ja nicht – sind ein kluger Mann, Lanken; wären sonst nicht Minister geworden; hier im Lande nicht Minister – sicherlich nicht. Und haben nun einmal Ihren Kopf darauf gesetzt, auch die Hand der Gräfin Regina Gollheim zu bekommen; wollen’s durchsetzen, Regina zur Schwiegertochter eines hier in den Bierkneipen Skandal machenden rothen Demokraten, Socialisten, was weiß ich? zu machen. Wollen’s durchsetzen, nun ja, ein Mann wie Sie läßt ein ehrgeiziges Ziel, das er sich gesteckt hat, nicht so leicht fahren; weiß es, kann mir’s vorstellen. Und nun soll ich alter Mann erschreckt werden – soll mich entsetzen, soll glauben, mein Sohn, mein einziger Sohn, um dessen willen ich so viel gethan, für den ich mein Vermögen erworben, um dessen willen ich mich habe in den Grafenstand erheben lassen, der meinen Stamm und Namen fortsetzen soll – mein Sohn sei eine ganz unmögliche, ganz lächerliche, ganz verrückte Ehe eingegangen – eine Ehe, die … Nun kurz: ich soll mir das vorspiegeln lassen, bis ich im Schrecken darüber ausriefe: ‚Nein, nur das nicht – dann tausendmal lieber Regina an Sie fortgegeben, tausendmal lieber!‘“

Während Graf Gollheim das halb wie angstgepreßt, halb wie herausfordernd und immer schneller und schneller redend hervorstieß, sah er mit einem ganz merkwürdigen Mienenspiel Aurel an; bald lag in seinem Auge etwas wie eine Bitte, bald eine intensive Wuth, die den Mann vor ihm hätte morden mögen.

Aurel zuckte leise die Schultern; er konnte in diesem Augenblick dem schwer getroffenen Vater nichts übel nehmen, auch einen solchen, von halber Verrücktheit zeugenden Verdacht nicht; er begnügte sich, mit milder Stimme zu antworten:

„Sie irren; es ist nicht so, wie Sie voraussetzen.“

„Sie leugnen, Sie leugnen noch – aber ich sage Ihnen ja: nehmen Sie Regina! Ich willige ein in Ihre Heirath mit Regina, nur retten Sie mich von der Vorstellung, daß mein Sohn – – ja, ja, heirathen Sie Regina, aber schaffen Sie mir von der Brust den Alp …“

Aurel stand auf; er war erschüttert von der schrecklichen wie verwirrenden Wirkung seiner Mittheilung auf den Grafen.

„Nehmen Sie es auf wie ein Mann!“ sagte er milde, „uns allen werden Hoffnungen zu Wasser, scheitern schöne Zukunftspläne; je vornehmer eine Natur ist, desto würdiger muß sie sich in das Unvermeidliche zu schicken wissen -“

„Das Unvermeidliche, das Unvermeidliche,“ brach hier Graf Gollheim aus; „was ist das Unvermeidliche? Mich wie ein Narr, wie ein Idiot hinter’s Licht führen zu lassen? Nimmermehr! Ich will nichts davon hören, nichts davon wissen. Haben Sie mich denn nicht verstanden, daß ich an Ihre ganze Geschichte nicht glaube, sie für eine Unwahrheit erkläre, für eine Lüge, für ein Nichts …“

„Graf Gollheim,“ unterbrach hier Aurel den sich in immer rasendere Aufregung redenden Grafen, indem er Hut und Handschuhe nahm, „Ihre Sprache nimmt einen Ton an, dem gegenüber mir nichts anderes übrig bleibt, als zu gehen. Die Documente, welche beweisen, daß es sich um keine Lüge, sondern um eine Trauung Ihres Sohnes Ludwig mit meiner Schwester handelt, sollen Ihnen vorgelegt werden – es wird Ihnen daraus klar werden …“

„Documente, Documente – was kümmern Sie mich? Sie sind gefälscht; ich gebe keinen Schuß Pulver für Ihre Documente; ich erkenne sie nicht an; die Ehe meines Sohnes hinter meinem Rücken, wider meinen Wissen ist null und nichtig.“

Aurel Lanken fand es nicht für nöthig, dieser Sprache gegenüber länger Stand zu halten. Er hatte das Seinige gethan, um eine friedliche Verständigung mit dem alten Manne einzuleiten. Sie war unmöglich. So machte er dem Grafen eine leichte Verbeugung und ging, ohne ein Wort zu verlieren, ruhig davon.

„Falsche Wische sind Ihre Documente,“ wetterte der Graf ihm nach und rannte vollends wie ein Wüthender auf und ab.

„Es ist nicht möglich, gar nicht möglich, daß Ludwig das an meinen grauen Haaren gethan haben könnte – unmöglich, alles Lüge und Schwindel,“ schrie er ein Mal über das andere.

Gollheim war wie von Sinnen. Seine ganze leidenschaftliche Natur war aufgestürmt, wie seit den Tagen seiner Jugend nicht mehr, und in dieser Leidenschaft klammerte er sich immer von Neuem, wie an eine fixe Idee, an den Gedanken an, daß er nur Gegenstand eines Betrugs werde solle.

„Alles Lüge, Schwindel!“

Dann war das Nächste, was er sich zu thun entschloß, sofort seine Kinder zu sich zurückzuberufen. Mit hastiger Hand schrieb er ein Telegramm nieder. „Ihr sollt zurückkommen – Beide – auf der Stelle!“ adressirte es an Regina, da sich ja Ludwig vielleicht von selbst bereits auf der Rückreise von der Tante Hedwig befand, und klingelte dem Diener.

„Augenblicklich zum Telegraphenamt!“ rief er diesem entgegen, „dann schaff’ mir den Becker zur Stelle; ich will sofort den Becker sprechen; er muß herbeigeschafft werden, und –“

„Der Becker wird zum Marstall gegangen sein,“ unterbrach ihn der Diener. „Soll ich ihn erst herbeiholen oder erst das Telegramm besorgen?“

Der Graf sah ihn eine Weile an, als ob er ihn nicht verstanden; es mußte sich eine andere Gedankenreihe seiner bemächtigt haben; dann, wie daraus auffahrend, rief er:

„Was stehst Du noch da und gaffst? Fort zum Telegraphenamt! Den Becker kannst Du lassen, wo er ist. Ich will den Becker nicht!“

Der Hofstallschreiber Becker war zwar für die mannigfachsten Dinge Gollheim’s Factotum – aber diesem mochte im gegenwärtigen Augenblick durch den Kopf fahren, daß das wunderliche insectenhafte Geschöpf nicht der Mann sei, der in dem jetzigen Augenblicke angerufen werde könne. Aber irgend Jemandem anrufen, mit Jemandem seine Situation besprechen, die Meinung eines Freundes anhören, zu Rathe mit Jemandem gehen, das mußte Gollheim in seiner Erregung – still sitzen, allein bleiben, bis zum andern Tage, wo seine Kinder zurück sein konnten, unthätig warten – das war mehr, als Gollheim vermochte.

Als sein Diener gegangen war, stand er noch eine Weile in Gedanken verloren – wie nachsinnend, an welchen seiner Freunde er sich wenden solle. Und dann, mit einem raschen Entschlusse, eilte er in sein Ankleidezimmer. Als er wieder daraus hervortrat, war er in seiner Hofuniform, den Degen an der Seite, den galonnirten dreieckigen Hut auf dem Kopfe. Es lag plötzlich etwas wie eine stolze Zuversicht in seinen Zügen.

„Zum Herzog selber!“ murmelte er zwischen den Zähne. „Er wird für einen alten Diener nicht allein Rath, sondern auch die Macht haben, zu helfen. Und diesem Minister soll es – ich denke, es soll dazu beitragen, diesem Minister den Hals zu brechen.“




7.


Aurel hätte die Welt darum gegeben, jetzt Regina Gollheim sprechen zu können, um mit ihr zu berathschlagen, wie er seine nächsten Schritte zu wenden habe, um ihnen alles Verletzende, Feindselige möglichst zu nehmen; er hätte so gern alles, was er vermochte, gethan, um den Mann zu schonen, der Regina’s Vater war. Aber Gollheim’s Leidenschaft ließ zu einer friedlichen Verständigung jetzt ja nicht mehr die mindeste Aussicht übrig. Das Einzige, wovon noch ein Erfolg zu hoffen, wäre gewesen, daß Regina mit mildem Ernst, Ludwig mit männlicher Festigkeit dem Vater gegenüber getreten wären. Aber Beide waren ja fern, und auf Ludwig’s Energie durfte Aurel überdies nicht bauen. War es doch eigentlich schon empörend, daß dieser bisher seinem Vater gegenüber geschwiegen, sein junges Weib in stiller Zagheit verleugnet und verlassen und nun ihm, dem Bruder, überlassen, für die Rechte der Schwester einzutreten. Ludwig war ja sogar so feige gewesen, aus Angst vor dem Vater und dessen Zuträgern die persönliche Zusammenkunft und Besprechung mit seiner Schwester zu unterlassen. Er war eben ein Mensch, an dem sich die Folgen einer verkehrten Erziehung zeigten. Er hatte Talente, Phantasie, Witz – aber seinem Geiste waren nie ernste Aufgaben gestellt; sein Charakter war nie durch Entsagung oder Selbstüberwindung gestählt worden. Dagegen hatte die tyrannische Natur seines Vaters früh Alles gethan, um seinen Willen zu brechen. Im Uebrigen hatte man ihm in Allem nachgegeben – und er sich selber am meisten. Wer hatte dem zarten, zu schnell in die Höhe geschossenen Knaben mit der bedenklichen Röthe auf dem seinen anziehenden Gesicht etwas abgeschlagen, wer ihm irgend eine stählende Anstrengung für seine äußere und innere Kraft zugemuthet? So war er denn geworden, wie er war – gründlich brav, so lange die Bravheit nicht [292] unbequem war, voll Wohlwollen und Mitleid für Anderer Kummer, so lange man nicht von ihm verlangte, durch herzhaftes Thun diesen Kummer zu enden und im Ganzen geneigt, sich mit den Interessen und Angelegenheiten, von welchen die Leute um ihn her erregt wurden, durch eine witzige Bemerkung oder einen Einfall harmlosen Spottes abzufinden.

Im Uebrigen war er von der „besten Erziehung“, von den feinsten gesellschaftlichen Formen, und weil er unterhaltend sein konnte, beliebt und gesucht, was ihn dann wieder verführt hatte, viel in der Gesellschaft zu leben und früh alle Genüsse der Welt auszukosten. So kannte ihn Aurel, und er mußte sich auch gestehen, daß Ludwig Gollheim nicht der Mann sei, seinem Vater gegenüber und im Kampfe mit diesem eine schwere Pflicht zu erfüllen; oder die Leidenschaft für Lily, sein junges Weib, hätte ihn zu einem andern Menschen, als er bisher gewesen, machen müssen, was aus seinem bisherigen Verhalten nicht hervorging.

Also auf Aurel’s Schultern blieb Alles gebürdet. Er war es, der den Kampf ausfechten mußte – er allein, und er mußte in diesem Kampf alle seine Hoffnungen auf Lebensglück einsetzen; er mußte es seiner Pflicht, für das Recht der Schwester einzutreten, opfern, um dann – das war ja das Bitterste, das Unseligste bei diesem ganzen Schicksale – um dann mit dem Opfer am Ende nur ein elendes Leben, eine ganz traurige Zukunft für Lily zu erkaufen. War Lily geboren und aufgezogen, sich in den Lebenskreisen, in welche sie an der Seite Ludwig's gestellt sein würde, glücklich zu fühlen? Und war Ludwig der Mann, an dessen Seite ein so auf Licht, Heiterkeit und Lebenslust gestelltes Wesen dauernd das Gefühl haben konnte, vom Schicksal so viel Glück gewährt erhalten zu haben, wie ein anspruchloses Menschenkind zu verlangen sich berechtigt glaubt? Sicherlich nicht! Aurel durfte nicht davor zurückschrecken, sich zu gestehen, daß Ludwig dazu viel zu sehr ein kalter, egoistischer Mensch sei. Aber was half das Alles – jetzt, wo solche Betrachtungen so gar nichts mehr an der Thatsache änderten? Lily war nun einmal Ludwig’s Weib; ihr Recht, ihre Ehre mußten vertheidigt werden, und dann konnte Aurel aussprechen:

„Verderben, gehe deinen Gang!“

Er schritt eben, in Gedanken verloren, in seinem Arbeitszimmer in dem alten Schloßbau auf und ab. Er wollte sich jetzt zu seinem Vater und zu Lily begeben und ihnen den Erfolg seines Schrittes bei Gollheim mittheilen; dann wollte er mit dem geachtetsten Advocaten der Stadt eine Conferenz halten und diesen darauf zu seinem Vater und Lily senden, um sich von ihnen Vollmachten und von dem Vater Aufschlüsse, deren er bedürfen könnte, zu holen. Aber noch zitterten alle Erschütterungen dieser Tage, die Erregungen der furchtbaren Stunde bei Gollheim in ihm nach; er suchte in einsamem Sinnen mehr Ruhe, mehr Fassung wieder zu gewinnen. Da vernahm er von unten heraus, von der Thordurchfahrt her, aus welcher man zu seiner Wohnung hinaufstieg, Hufschläge; das Gewölbe echoete den Donner einer rasch rollenden Equipage nach – es war nichts Seltenes, daß Equipagen da unten bei ihm vorfuhren – weshalb erschreckte es ihn in diesem Augenblicke so? – sein ganzes Nervensystem, das doch das eines kräftigen Mannes war, mußte krankhaft gereizt sein.

Im nächsten Augenblick trat hastig sein Diener ein und meldete: „Comtesse Gollheim wünschen Excellenz zu sprechen.“

„Regina! O mein Gott, sie!“ rief Aurel, und ohne dem Diener zu antworten, eilte er ihr entgegen. Ehe er noch die Schwelle seines Zimmers erreicht hatte, stand sie bereits unter der Portiere. Sie stand da, groß, bleich, mit flammenden Augen ihn ansehend, und dabei heftig Athem schöpfend, nach Luft ringend, um dann – wie eine zürnende Göttin über ihn zu kommen? Nein, nur einen flüchtigsten Moment hindurch hatte Aurel diesen Eindruck, gleich darauf war sie nur das furchtbar erschütterte Weib, das, um sich aufrecht zu erhalten, nach der Lehne des nächsten Sessels griff.

„Regina! Sie!“ sagte, vor Bewegung seiner Worte kaum mächtig, Aurel. „Wie ein Engel des Himmels kommen Sie in dieser Stunde zu mir.“

„Und ich danke Gott, daß ich Sie finde in dieser Stunde. Meinen Vater“ – Regina ließ sich wie gebrochen in den Sessel nieder – „meinen Vater fand ich nicht; er ist beim Herzog – da trieb es mich zu Ihnen – o mein Gott, Lanken, wie war es möglich, daß Sie mir von diesem Allen schwiegen?! Daß Sie mir auch mit keiner Silbe darüber ein Vertrauen zeigten, auf das ich ein Recht zu haben glaubte?! Das ist entsetzlich – für mich das Entsetzlichste bei der ganzen Sache.“

„Daß ich schwieg – daß ich Ihnen davon schwieg? Noch eben kämpfte ich mit der bittersten Verzweiflung, daß ich mich mit all meinem Leid und Schmerz nicht zu Ihnen flüchten könne, und jetzt juble ich, wo ich Sie sehe, wo ich zu Ihnen sprechen kann.“

„Aber Sie schwiegen mir doch alle diese Zeit her …“

„Von dem, was ich ja nicht wußte, gar nicht ahnte.“

„Wie, auch Sie wußten nicht …“

„Ich erfuhr erst am gestrigen Morgen von meinem Vater, daß ich eine Schwester habe.“

„Unbegreiflich!“

„Und doch ist es so.“

„Sie wußten nicht …?“

„Erst gestern, nachdem Sie längst abgereist waren, wie ich nach Ihrem Briefe voraussetzen mußte, hörte ich von meiner Schwester, hörte ich, daß diese Ihres Bruders Weib sei, sah ich und sprach ich Lily.“

„Aber welche Menschen sind dies! Welche Menschen! Ihnen das zu verschweigen! Die Existenz einer Schwester!“

„Sie fürchteten mich sogar – aber jetzt sagen Sie mir, Regina: Sie sind also nicht abgereist, haben von Ihrem Vater vernommen –“

„Freilich bin ich abgereist – ich sagte es Ihnen ja schon – ich komme eben von dieser Reise zurück, fand meinen Vater nicht daheim, und eilte zu Ihnen …“

„So hat Ludwig Ihnen gesagt …“

„Er! Ludwig! Auf unserer Fahrt, im Eisenbahncoupé, wo wir uns stundenlang allein gegenübersaßen, da öffnete er endlich den Mund; er gestand mir, daß er von der Tante Hedwig, zu der er mich geleiten sollte, gar nicht hierher zurückkehren, daß er zu einem Bekannten in Steiermark gehen werde, um dort Gemsen zu schießen, der Bekannte habe ihn zur Jagd eingeladen. Ueberhaupt werde er sich hüten, dem ‚Alten‘ für die nächste Zeit wieder unter die Augen zu kommen. Er gebe keinen Schuß Pulver für das Grafenthum, das der ‚Alte‘ hinter seinem Rücken und ohne ihn um seine Ansicht über die Sache zu befragen, erwirkt – er wolle in einfachen Verhältnissen, fern von dem albernen kleinlichen Gesellschaftstreiben in unserer Residenz, ein ruhiges Leben führen. Wenn der ‚Alte‘ nicht gewollt, daß er mit größeren Ideen und erweiterten Anschauungen heimkehre, hätte er in nicht um die Welt segeln lassen sollen. Mit einem ganz einfachen bürgerlichen Weibe, das er liebe und das ihn liebe, nicht aber einem, das sich von dem ‚Alten‘ für ihn auf den Leim seines dummen Grafenthums locken lasse, wolle er leben, in den Bergen irgendwo, hinten in Tirol oder Steiermark, fern und hoch genug, daß ihn die stierköpfigen alten Leute nicht einholen, weder die Grafen noch die Thierärzte ihm nachklettern könnten. Ich hatte dem Allen staunend zugehört, bis das Wort ‚die Thierärzte‘ mich ausrufen ließ, was er nur damit sagen wolle – und nun kam das ganze Geständniß, das er halb zornig und halb doch ängstlich hervorbrachte, sorgenvoll die Wirkung desselben auf mich beobachtend.“

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: Levin Schücking
Titel: Bruderpflicht
aus: Die Gartenlaube 1881, Heft 19, S. 305-308
Fortsetzungsroman - Teil 6


[305] Regina hatte einen Augenblick gedankenvoll geschwiegen „Sein Herz hatte Ludwig drüben in Amerika verloren,“ begann sie dann wieder, „an Ihre Schwester verloren, Lanken; er war, wie er sich ausdrückte, schneller als er selber gedacht, Bräutigam geworden, hatte Lily nach praktischer Yankee-Manier geheirathet, ohne die Einwilligung seines Vaters eingeholt zu haben, und sich vorgenommen, dies später, mündlich abzumachen, wenn er wieder daheim sei … dann war er endlich von seiner Reise zurückgekehrt und hatte sich nun dem neuen Grafenthum unseres Vaters als einer höchst niederschlagenden Ueberraschung gegenübergesehen, einem Grafenthum, das mit einer Fideicommiß-Errichtung verbunden war, welche seine Fähigkeit, der Erbe unseres Vermögens zu werden, von einer standesmäßigen Ehe abhängig machte. Und so verschloß er denn für’s erste sehr niedergeschlagen, aber auch sehr energielos sein Geheimniß in seiner Brust, vermied es sogar, seine freilich wider seinen Willen hierher ihm nachgekommene arme junge Frau zu sehen – bis plötzlich Ihr Vater, Lanken, hier auftauchte. Ludwig zog nun vor, dem drohenden Ausbruch des Sturmes auszuweichen, zu fliehen und sich in einen Winkel Steiermarks zu retten, um dort Gemsen zu schießen. Ist es nicht entsetzlich? O, entsetzlich war auch die kühle Feindseligkeit gegen mich, mit der er die Thatsache, daß er auch mir, seiner einzigen Schwester, dies Alles verschwiegen, damit erklärte, er habe in mir Ihre Freundin, Aurel, gesehen und mich gefürchtet. O mein Gott, welch ein Mensch ist er – mein Bruder! Und auch Ihre Schwester, Lanken – so rasch entschlossen, dem fremden Mann zu folgen, so unbekümmert um die Verhältnisse, den Familienkreis, in welchen dieser sie führt!“

„Mein Gott, Regina, sie haben sich geliebt und sind jung,“ antwortete schwermüthig lächelnd Aurel. „Aber führt Ludwig seinen Plan aus, oder haben Sie ihn bewogen …“

„Zu nichts habe ich ihn bewogen – das ist das Bitterste. An meiner Beredsamkeit hat es nicht gefehlt. Aber seine Angst vor dem Sturm war größer. Er läßt sich jetzt, während wir davon reden, vom Dampfroß nach Steiermark fortwirbeln; dorthin will er Ihre Schwester sich nachkommen lassen, und unterdeß, bis sie bei ihm anlangt, Gemsen schießen.“

„Dann,“ sagte Aurel, schmerzlich aufathmend, „liebt er auch meine Schwester nicht mehr; dann war seine Liebe ein Strohfeuer, das verflogen ist; er würde sonst hier an ihrer Seite stehen.“

Regina schüttelte den Kopf.

„Darüber – auch mir trat ja der Gedanke nahe – bin ich mir nicht klar geworden. Ich habe bei ihm danach getastet, geforscht – sein wahres Gefühl war immer schwer zu ergründen. Jedenfalls blieb mir nichts übrig, als sofort zurückzukehren. Ich habe die Tante Hedwig gar nicht einmal gesehen. Ich bin mit dem nächsten Zuge zurückgekehrt; ich mußte meinem Vater jetzt zur Seite stehen; ich mußte Sie sprechen, Lanken. O mein Gott, in welche Lage bringen uns dieser Bruder, diese Ihre Schwester! Unsere Hoffnungen, unsere Zukunft! Lassen Sie mich in dieser Stunde offen zu Ihnen sprechen, Aurel! Ich habe bis zu diesem Augenblicke fest und ohne an unserem Stern zu zweifeln, die Ueberzeugung gehegt, daß Ihre Zukunft auch die meine und umgekehrt meine die Ihrige sein werde, aber jetzt ist meine Hoffnung, meine Kraft, mein Lebensmuth zusammengebrochen – es ist hiermit Alles zu Ende, Alles Krieg, Alles unversöhnlicher Hader. Aurel, wir sind die Opfer des grauenhaften Leichtsinns dieser zwei Menschen; wir müssen uns opfern für Andere, welche weniger werth sind als Sie, und ich darf sagen: als ich.“

„Das ist des Weltlaufs Gesetz,“ sagte trübe Aurel.

„Was? Daß die des Glückes Würdigeren es opfern müssen um der Unwürdigeren willen?“

[306] „Ja – wohin Sie blicken im Leben, ist es so. Sehen Sie in die Familien! Der Sohn studirt, vergeudet, glänzt in der Gesellschaft und wird am Ende doch nichts Tüchtiges, während die braven Schwestern in enger Häuslichkeit daheim das sich abdarben, was er verzehrt. Dem stillen, arbeitsamen verdienten Beamten nimmt der Streber die Beförderung vorweg. Dem großen, seinem Genius treu schaffenden Künstler, dem idealen, hohen Gedanken lebenden Schriftsteller wendet die Menge den Rücken, um sich dem, was die Tagesmode ihr anpreist, gefangen zu geben – unser ganzes gesellschaftliches Leben ist nach dem Principe aufgebaut, daß der Erde Güter nicht an die Würdigen kommen, weil erst so viel Unwürdige damit ausgestattet werden müssen.“

Regina schwieg eine Weile.

„Was ist nun zu thun?“ fragte sie dann. „Mein Vater wird niemals einwilligen in Ludwig’s Ehe; er wird Himmel und Erde in Bewegung setzen dagegen – und Ludwig selbst? Ich bin über die Tragweite seiner Charakterstärke, über den Umfang seiner Widerstandskraft durchaus nicht im Klaren.“

„Das heißt, Sie zweifeln an Beiden, wie ich es thue. Und darum fällt die ganze Last des Kampfes auf mich, ganz allein auf mich. Ich muß meiner Schwester Recht, meiner Schwester Frauenehre schützen – ich muß sie vertheidigen mit allen Mitteln, die mir zu Gebote stehen. Es wird ein gerichtlicher Skandal werden, eine cause célèbre; die Journale werden sich der Sache ausführlichst bemächtigen – aber –“

„Aurel,“ unterbrach ihn hier lebhaft Regina – „Sie wollen sich unmittelbar an die Gerichte wenden?“

„Muß ich das nicht? Nach der Unterredung mit Ihrem Vater bleibt mir nichts übrig, als gegen ihn auf Anerkennung der Ehe meiner Schwester klagen zu lassen“

„Hören Sie, Aurel – darin liegt eine Hoffnung; der Widerwille gegen das Aufsehen, welches weit und breit die Sache machen würde, die Furcht vor dem Skandale, die schreckliche Lage, mit dem eigenen Sohne zu processiren – das Alles hat vielleicht die Macht, den Willen meines Vaters zu brechen. Es muß ihm nur richtig vorgestellt werden –“

„Und wollten Sie das thun, Regina?“

„Das will ich thun, versuchen“ versetzte sie lebhaft. „Von dieser Seite kommt uns eine Hoffnung friedlichen Austrages. Versprechen Sie mir, keine weiteren Schritte zu thun, bevor ich Sie wieder gesehen oder Sie einen Brief von mir haben! Ich kann Sie nicht wieder aufsuchen, Aurel, wie ich es heute gewagt habe, wo die Noth und die Erschütterung mich die Schranken der Sitte durchbrechen ließ. Sie können zu mir nicht kommen; wir sind“ – fügte sie schmerzlich lächelnd hinzu – „wie die armen Königskinder: ‚das Wasser war viel zu tief‘ – aber schreiben können wir uns – das ist ein Recht, für das wir alt genug sind, um es uns nicht anfechten zu lassen; ich werde Ihnen schreibe, und Sie, Sie warten –“

„Ich warte und stelle meine Hoffnung auf Sie, Regina, auf die Magie Ihres Wortes, Ihres Willens, Ihres Gemüthes, von dem ich nicht lasse, daß ihm etwas in der Welt widerstehen könne.“

Sie hatte ihm beide Hände zum Abschied gereicht; er zog sie zu sich hinan und hauchte einen Kuß auf ihre Stirn; sie lehnte diese Stirn an seine Brust und ließ sie wie in stiller Selbstverlorenheit da ruhen – dann riß sie sich los. Aurel sah bei dem raschen Aufschlag ihrer Lider, mit dem sie ihm tief in’s Auge blickte, zwei große Perlen an ihren Wimpern hängen, und im nächsten Augenblicke war sie entschwunden. Eine Minute später fuhr ihr Wagen unter dem Thorwege mit dumpfem Rollen davon,




8.


In den Nachmittagsstunden hatte Aurel Lanken Vortrag beim Herzog. Ein wenig gespannt – Regina hatte ja gesagt, daß ihr Vater beim Herzoge gewesen – schritt er im Residenzschlosse durch die weiten, kunstgeschmückten Vorgemächer. Die Hoheit empfing ihn wie gewöhnlich – vielleicht um eine Nüance kühler, doch darin konnte er sich ja täuschen – und winkte ihm, an dem für die Ministervorträge bestimmten Tische Platz zu nehmen, indem er sich ihm gegenüber setzte. Aurel öffnete sein Portefeuille und begann mit einer kurzen Auseinandersetzung von finanzieller Natur; er suchte den trockenen Stoff so concis wie möglich zu geben, und der Herzog dabei so viel Aufmerksamkeit, wie ihm möglich war, an den Tag zu legen, wobei es ihm nicht immer gelang, seine Augen vom Umherschweifen nach den Personen, die über den Schloßhof gingen, nach den Wagen, welche vorüberfuhren, abzuhalten. Der Herzog war ein großer, aristokratisch aussehender Herr mit blondem Vollbart; ein Ansatz zum Embonpoint machte ihn ein wenig älter aussehen, als er war, konnte aber nur den Eindruck von gutmüthig-behaglichem Wesen erhöhen, den er auf Jeden, der ihn sah und sprach, machen mußte; er war in bürgerlicher Tracht, wie fast immer, wo er der einzwängenden Uniform, die ihn jedesmal um eine starke Nüance gebieterischer und souveräner machte, nicht bedurfte. Aurel, der ihm seit längerer Zeit so nahe getreten, verehrte ihn nicht blos als den Fürsten; er liebte ihn auch als eine durchaus reine und wohlwollende, wenn auch vielleicht nicht tiefgründige Natur, die man nun einmal von einem solchen Herrn nicht immer verlangen dürfte.

„Ich bin mit dem allen einverstanden, Lanken,“ unterbrach er nach einer längeren Zeit den Minister; „geben Sie nur Ihre Verordnung her! Ich unterzeichne auch, ohne das Weitere gehört zu haben. Wir überschreiten damit das Budget nicht – das ist richtig; aber freilich hatte ich gehofft, gerade hier Ersparungen gemacht zu sehen und einen Fonds für ideale Zwecke aus diesem erhofften Ueberschusse bilden zu können; ich möchte so gern für das Theater mehr thun, Lanken – doch, was ist zu machen? Ich muß genehmigen, daß das Geld für – nöthigere Dinge, wie Ihr das nennt, ausgegeben werde. ‚Kein Mensch muß müssen‘, sagt Lessing – wahrhaftig, ein armer Fürst, wie ich, hat alle Tage Gelegenheit, seine Betrachtungen über diese seltsame Behauptung anzustellen.“

Aurel Lanken legte dem Herzoge die von ihm entworfene Verordnung, auf welche sein ganzer Vortrag hinauslief, vor.

„Unser Theaterdirector,“ sagte der Herzog, während er seinen Namen langsam und mit großen klaren Zügen unter das Document schrieb – „unser Theaterdirector war bei mir …“

„Der Aermste!“ meinte Aurel. „Haben Hoheit ihn mit einem Troste entlassen können?“

„Welchen Trost hätte ich ihm zu geben! Der Mann hat wirklich das beste, achtungswertheste Streben und den schönsten Eifer für die Ehre und Würde unseres ‚Hof- und Nationaltheaters‘; er treibt die Sache wirklich mit einem respectabeln sittlichen Ernst und redet über die Bedeutung der Schaubühne für den öffentlichen Geist und das, was er ‚die ethische Stimmung der Volksseele‘ nennt, wie ein Buch –“

„Sein Repertoire ist in der That im letzte Jahre überraschend gut gewesen,“ stimmte Aurel bei.

„Aber was hilft ihm das?“ fuhr der Herzog fort. „Das Haus bleibt unbesetzt; seine Casse bleibt leer; der Zuschuß, den ihm die Hofcasse bezahlt, füllt die Lücke nicht; das Publicum läuft zu niederträchtigen Possen in das ‚Apollotheater‘, das, wie er sagt, alle Abende bis zum Brechen gefüllt ist – wir verdanken ja unserer neuen, unbedingten Gewerbefreiheit dieses angenehme Concurrenz-Institut, das ich, wenn’s nach meinem Wille gegangen wäre, niemals concessionirt hätte. Da werden jämmerliche Schwänke, unsittliche Operetten aufgeführt, und dahin wälzt sich natürlich der große Haufe. Was ist zu machen? Unser Hoftheater steht vor einem Krach. Wissen Sie Rath? Ich weiß keinen. Die Sache wird wohl damit enden, daß einmal wieder das Gute vom Schlechteren verdorben wird, das Edle dem Unedlen weichen muß und der brave Director sich dem Gemeinen geopfert sieht; in die verlassene Räume des Hoftheaters wird die Apollotruppe triumphirend einziehen …“

„Und dort blühen, bis irgend eine Akrobatenbande kommt und auch sie auf’s Trockene legt,“ sagte Aurel bitter, eigenthümlich bewegt, daß nun auch der Herzog auf eine Gedankenreihe, welche ihn und Regina am Morgen so tief ergriffen, anknüpfte.

„Das ist der Welt Lauf!“ fuhr der Herzog fort. „Er ist nicht zu ändern. Wie manchem tüchtigen, strebsamen Menschen, der mit einem offenbaren Talente der Welt etwas leisten könnte, wenn man ihm die Sorge abnähme, habe ich nicht schon helfen wollen – und ich konnte es nicht, da Hof- und Schatullencasse genug zu thun hatten, die Gehalte für Nichtsthuer, die Pensionen für Staatsschmarotzer zu zahlen. Aber lassen wir das! Was haben Sie sonst noch?“

Aurel zog den ganzen Inhalt seines Portefeuilles hervor und [307] nannte die einzelnen Gegenstände, welche von den Ausarbeitungen seiner Räthe handelten.

„Kürzen wir das Verfahren ab!“ sagte der Herzog, „lassen Sie Alles hier! Ich will es durchsehen und mit meinen Unterschriften Ihnen zusenden. Ich möchte von etwas Anderem mit Ihnen reden, Lanken. Graf Gollheim“ – der Herzog betonte das Wort Graf ein wenig ironisch – „war am heutigen Morgen bei mir. Der Mann war außer sich. Er sprudelte die heftigsten Vorwürfe wider Sie aus, Lanken – um den Unglücklichen los zu werden, habe ich ihm versprechen müssen mit Ihnen zu reden.“

„Und wessen beschuldigt er mich, Hoheit?“ fragte Aurel.

„Zuerst, daß Sie seiner Tochter den Hof gemacht – was, wie er mir dann freilich zugab, kein Verbrechen sei, wohl aber, daß Sie an dem ehrgeizigen Wunsche, eine Gräfin Gollheim heimzuführen, noch festgehalten, als er bereits seine entschiedenste Mißbilligung dieses Verhältnisses ausgesprochen, und daß Sie dann so weit gegangen, um eine gründliche Bresche in sein Familien-Allerheiligstes zu legen und durch diese sich hineinzudrängen, seinen einzigen Sohn durch Ihre Schwester verführen zu lassen.“

„Das ist eine ganz neue Deutung des Geschehenen“ bemerkte Lanken betroffen, „eine Auslegung, auf die Graf Gollheim zwischen seiner Unterredung mit mir und der darauf folgenden mit Eurer Hoheit gekommen sein muß. Mir machte er nur den Vorwurf, ich wollte ihn mit unwahren Vorspiegelungen überlisten; die Verbindung meiner Schwester und seines Sohnes sei ein Schreckschuß; sie sei von mir ersonnen und, eiferte er dann, sie sei jedenfalls nichtig; er werde sie nie und nimmermehr anerkennen.“

„Nun ja – auch mir erklärte er das,“ fiel der Herzog ein. „Im Nothfall – das schimmerte deutlich durch seine Reden durch – hätte er ja mich. Ich würde eine solche Ehe für nichtig erklären. Welche Vorstellungen sich der Mann von meiner Fürstengewalt macht! Ich habe bon gré, mal gré ihn zum Grafen machen müssen – aber ihm zu Gefallen nun auch noch eine Ehe, welche die Gerichte anerkennen, nichtig erklären? Verrückte Zumuthung das! Was ist eigentlich an der ganzen Sache, Lanken? Wußten Sie darum? Hat man mit oder ohne Ihre Einwilligung gehandelt?“

„Nicht mit meiner Einwilligung, Hoheit; die leichtsinnige Handlungsweise Ludwig Gollheim’s hat mich sehr unglücklich gemacht; ich kann mich lebhaft in den Schmerz des Vaters versetzen. Aber was geschehen, ist geschehen, und ich bin gezwungen, meiner Schwester Recht zu vertreten. Documente, welche dieses Recht beweisen, liegen mir vor.“

„Gollheim’s Eifer,“ fuhr der Herzog fort, „riß ihn hin, zu behaupten, die Documente seien unmöglich da; oder sie seien von Ihrem Vater, dem leidigen alten Händelsucher, wie er ihn nannte, gefälscht, und was derartiges Alles noch aus dem halb unzurechnungsfähig gewordenen Gollheim hervorsprudelte. Nun ja –“ er hieß mit einer abwehrenden Handbewegung Aurel, der etwas erwidern wollte, schweigen – „Sie brauchen nichts darauf zu erwidern; wenn Sie die Documente geprüft und gültig befunden haben, ist es thöricht, sie anzufechten. Aber eine höchst fatale Sache bleibt es darum dennoch, die auch für mich persönlich eine unangenehme Seite hat. Am Ende kann Ludwig Gollheim geheirathet haben, wen er will – eine Fidschi-Insulanerin oder eine Chippewäer-Squaw meinethalb; das Verdrießliche bei der Sache ist, daß seine Heirath uns hier Ihren Vater herbringt, der ein unberechenbarer Mann sein soll und schwerlich hier stille sitzen wird, ohne für seine hirnverbrannten Principien Propaganda zu machen …“

„Ich glaube doch mich verbürgen zu können, Hoheit, daß dies nicht geschieht. Mein Vater fände, wenn er auch noch so voll des alten republikanischen Feuereifers steckte, kein Terrain zur Proselytenmacherei mehr. Die Welt ist, was sie nennt, fortgeschritten, und die Menschen, in deren Charakter das Bedürfniß der Zersetzung, der feindseligen Zerstörung liegt, sind bis zu einem Punkte gekommen, auf welchem mein biederer Vater mit seiner fixen Idee sie nicht mehr versteht und sich zum Schweigen verdammt sieht.“

„Mag sein! Wenn nur auch der Sturmfluth von Geschwätz, das sich über ihn erheben wird und dessen Wellen bis an meine Füße heranspülen werden, um da allerlei giftige und häßliche Stoffe abzulagern, Schweigen aufzuerlegen wäre! Ich sage Ihnen nichts Neues, Lanken, wenn ich Ihnen sage, daß Sie Feinde haben –“

„Ich weiß, Hoheit, bis in Ihrer nächsten Nähe!“

„Nun, mein Gott, ja – welcher Mann in Ihrer Stellung hätte das nicht? – und hier kommt nun noch die Gehässigkeit der Partei, mit deren Anschauungen ich brechen mußte, um, ohne auf meine eigenen Sympathien und Antipathien Rücksicht zu nehmen, Ihnen das Ruder zum Einlenken in die Strömung der Zeit zu überlassen, hinzu. Man wird jetzt Ihre Privatverhältnisse, Ihre Familienbeziehungen, die mitleidswürdige Lage, in die Gollheim durch das Zerwürfniß mit seinem Sohne versetzt worden, ausbeuten; man wird die Erinnerungen an die früheren hirnverbrannten Tollheiten Ihres Vaters auffrischen, wird Dinge und Behauptungen aus der Luft greifen –“

„Alles Das wird man thun, Hoheit,“ sagte Aurel; „es ist mir ein tiefer Kummer, daß ich nicht die geringste Hoffnung habe, Sie damit verschont zu sehen. Und wenn Sie sich der Ansicht zuneigen sollten, daß eine solche Lage als Mittelpunkt der gehässigsten Commentare, in welche man mich versetzen wird, sich nicht mit der Würde eines ersten Rathgebers des Herzogs verträgt, so bin ich ganz bereit –“

Aurel stockte einen Augenblick. Er war sich völlig bewußt, daß er im Begriffe war, ein Wort auszusprechen, welches, wenn es seine Lippen verlassen und bejahend erwidert war, den letzten Hoffnungsschimmer seiner Liebe zu Regina auslöschte – war er nicht mehr Minister, so war er in den Augen der Leute, neben welche bisher sein Rang ihn gestellt hatte, nichts mehr. Und dennoch sprach er weiter, wenn auch nicht mit dem festen und ruhigen Tone, mit dem er bisher gesprochen:

„So bin ich ganz bereit, Hoheit, Ihnen diese Würde wieder zu Füßen zu legen.“

Ein Schatten flog über des Herzogs Gesicht.

„Wen hätte ich dann, um sie ihm zu übertragen?“

„Es giebt doch noch andere Männer, die, wenn sie mich an treuer Ergebenheit für die Person meines Fürsten auch nicht übertreffen können, doch –“

„Reden wir nicht davon, Lanken! Werfen wir nicht so rasch die Flinte in’s Korn! Lassen wir Gollheim für’s Erste noch sich austoben – die Stunden werden ihm guten Rath bringen. Und dann – morgen schon – werde ich ihn rufen lassen, um selbst ihm Vernunft zu predigen. Senden Sie mir die Documente, von denen wir geredet haben! Im Angesicht derselben wird er eher geneigt sein, sich in’s Unvermeidliche zu fügen. Gewiß! Ich werde ihm scharf zureden; es wird mir gelingen, ihn davon abzuhalten, es auf einen Rechtsstreit ankommen zu lassen. Wenn das öffentliche Aergerniß solch eines Processes vermieden wird, ist ja der ganzen Affaire die Spitze abgebrochen –“

„Wenn Ihnen das gelänge, Hoheit, würden Sie auch der Wohlthäter meiner armen Schwester werden –“

„Die freilich bei der ganzen Sache in der bedauernswerthesten Lage ist; sie ist das Opfer des Leichtsinns dieses Weltfahrers, dieses thörichten Weltumseglers; ich bin gespannt, zu hören, was mein Officierscorps zu der Sache sagen wird; er wird am Ende den Dienst quittiren müssen – doch ich muß Sie jetzt entlassen, Lanken – senden Sie mir die Documente – morgen in den ersten Vormittagsstunden! Adieu!“

Er reichte Aurel flüchtig die Hand, und dieser schied mit einer tiefen Verbeugung.

Auf dem Rückwege, den Aurel von der Residenz zu seinem „alten Schlosse“ zu machen hatte, fuhr er in der bescheidenen Equipage, deren er sich mehr dem Herzoge zu Liebe, der es wünschte, daß seine Würdenträger sich Equipage hielten, als aus Bequemlichkeit bediente, an Graf Gollheim’s Hotel vorüber. Er sah gespannt zu den Fronten desselben hinauf – wie ausgestorben lag das stattliche Gebäude da; es lugte mit seinen geschlossenen Fenstern fast sphinxhaft auf ihn herab, kalt und feindlich das Räthsel seiner Zukunft hütend. Als er sodann in seiner Wohnung angekommen, fand er zu seiner Ueberraschung dort den Vater seiner harrend.

Der alte Thierarzt war in großer Aufregung. Er lag zurückgelehnt auf einem Divan, hatte die Beine auf eine Stuhllehne gestreckt und rauchte; sobald Aurel eintrat, begann er eine zornige Rede wider die „niederträchtige Menschenbande“, auf welche er in seiner alten Heimath gestoßen, auf dieses „in Grund und Boden demoralisirte Volk“, die allgemeine Hundegesinnung, welche nichts sei, als die Frucht der monarchischen Regierung, die seit Jahrhunderten auf dem Lande gelastet und alle Würde und allen Anstand hinausregiert habe. Aurel ward es schwer, aus dem [308] zornigen Flusse der Rede seines Vaters das Thatsächliche, den eigentlichen Gegenstand, der seinen theuren „Governor“ so in Aufregung versetzte, herauszuhören. Der alte Herr hatte einen heftigen Streit mit dem „Känguruh“ Schallmeyer gehabt, und dieser Streit war ausgebrochen über einen giftgeschwollenen, empörenden, „diabolischen“ Artikel, den die „Rothe Flagge“, das Partei-Organ Schallmeyer’s, aus der Feder des unaussprechlich widrigen „kriechenden Gewürms“, genannt Dr. Milchsieber, gebracht, dieses Gesellen, bei dessen Anblick man die Schaukelnarkose, zu deutsch: Seekrankheit auf dem festen Land bekomme. In diesem in socialdemokratischer Kraftsprache abgefaßten Artikel war ein „altes Fossil von Republikaner“ abgezeichnet, das „mit verknöcherten Redensarten, die vor einem Vierteljahrhundert gegolten“, die Forderungen der unterdeß „herangewachsenen“ Generation abgespeist wissen wolle, und ein schönes Pröbchen sei, was „diese einst gefeierten Biedermänner“ für die großen Gedanken der folgerichtigen Menschheitsentwickelung geleistet haben würden, wenn sie damals an’s Ruder gelangt wären: die Geschicke der Völker wären der „engherzigsten Ochlokratenbande“ in die Hände gefallen, bis der dahinschreitende Fuß der Geschichte ihnen dann bald auf die Schädel getreten wäre. Dieser schönen socialdemokratischen Rede waren allerlei Winke hinzugefügt, die sich auf die Privatzwecke Lanken’s bei seinem Erscheinen in der alten Heimath bezogen und, natürlich in verhüllten Andeutungen, zwischen den Zeilen lese ließen, daß sich mit der antiken Römergesinnung solch eines Biedermannes recht gut die sehr moderne „Smartneß“ des „ausgepichtesten“ Yankee vertrage, wenn dieser mit aller Irokesenschlauheit auf die Jagd ausziehe, um sich irgend ein schönes Stück Wild, einen kostbaren Pelz oder auch – einen reichen Schwiegersohn zu erjagen. Solche Unternehmungen gewährten jedoch, so beliebt sie auch drüben sein möchten, hier zu Lande wenig Aussicht, auch wenn sich hochgestellte Leute von der Regierung bei dieser Jagdpartie als Treiber benutzen ließen; die Stimme der öffentlichen Empörung werde sich laut genug vernehmen lassen und durch ihre Warnungsrufe das Wild scheuchen.

Aurel las diese geschmackvolle Stilübung, die sein Vater aus der Tasche zog, betroffen durch, und während der alte Herr sich in einem zornigen Geschimpf dagegen erging, fragte er sich erstaunt, wer in aller Welt dem Verfasser die Winke habe geben können; es könne nur Einer gewesen sein, der Thatsachen kenne, die bis zur Stunde in der Stadt noch völlig unbekannt sein müßten.

„Hast Du denn keine Mittel, diesen boshaften Burschen hängen zu lassen? Bist Du Minister hier im Lande, um Dir gefallen lassen zu müssen, daß Dir solch eine Schlange ihr Gift in’s Gesicht spritzt? Sende den Menschen auf Eure Landesfestung in’s unterste Verließ, wo Molch und Unke hausen! Dahin gehört das Gewürm.“

„Das sagst Du, der Republikaner, der doch als das erste Grundrecht Deines Volksstaats die unbedingte Freiheit, alles drucken zu lassen, was Dir einfällt, verlangen wird? Der doch drüben an solche Ausübung des freien Meinungsrechtes gewöhnt sein muß – Du, Vater?“

„Nun, ja freilich – drüben!“

„Die Presse, aber Vater, ist, wie Du weißt gleich dem Speer des Achill. Was er verwundete, heilte er auch wieder. Man hat’s ja tausendmal gesagt. Du kannst nun die Probe machen, nun, wo Du selber verwundet bist, und darfst warten, bis sie kommt und Deine Wunde heilt. Ich hege freilich leise Zweifel daran. Dieser Artikel ist sehr verhängnißvoll. Wir sind darin zwar nicht genannt, aber so deutlich bezeichnet worden, als ob wir genannt wären. Es ist von vornherein die öffentliche Meinung dadurch wider uns gehetzt; sie wird uns unsere Aufgabe furchtbar erschweren – auch in einem Gerichtsstreite kann die öffentliche Meinung sich sehr unheilvoll geltend machen. Wer kann diesen Artikel inspirirt, wer dem Milchsieber die Thatsachen dazu an die Hand gegeben haben? Graf Gollheim steht im Rufe, Mittel kleinlicher Intrigue, bei denen er seine Unterbeamten benutzt, nicht zu verschmähen, aber er selbst ist ja erst am heutigen Tage von mir aufgeklärt und mit dem Schritte seines Sohnes bekannt gemacht worden. Es bleibt nichts Anderes übrig, als anzunehmen, daß Dein Freund Schallmeyer, dem Du in voreiligem Vertrauen Dein Herz erschlossen haben mußt, Indiscretionen beging.“

„Dem Känguruh – Du glaubst, ich habe dem Känguruh Eröffnungen gemacht? Bin wahrhaftig nicht thöricht genug dazu.“

„Dann muß er Dich und Lily in Euern Unterredungen umschlichen und behorcht haben.“

„Er? Eher wär’s denkbar von der alten falschen Katze, der grauen Nachteule –“

„Wer ist die Nachteule – man kommt bei Dir aus dem zoologische Garten nicht heraus.“

„Schallmeyer’s Beschließerin – sie ist immer da, wo man sie nicht vermuthet, wozu aber beide Menschen, er wie sie, die Verräther wider uns gespielt hätten, das ist völlig unerfindlich. Als unser Wirth hat Schallmeyer allen Grund, uns sich gewogen und freundlich gesinnt zu erhalten.“

„Das ist richtig,“ sagte Aurel, „es wäre sehr thöricht von ihm, wider seine Gäste zu intriguiren.“

„Das Haus verlassen werde ich jetzt jedenfalls,“ fiel Lanken ein; „ich habe es Lily bereits angekündigt, die freilich dagegen ist und sich dawider sträubt.“

„Auch nach diesem Artikel noch, der es doch nothwendig macht, daß Ihr Beide Euch Eurer bisherigen Umgebung entzieht?“

„Auch nach diesem Artikel noch – mit ihrer Grasmücken-Caprice. Was thut’s? Wir werden darauf weiter keine Rücksicht nehmen – ich habe ein anderes freundliches und weit besser gelegenes Quartier schon ermittelt, ein Hotel garni, welches unendlich anständiger und comfortabler ist; ich werde noch an diesem Abend den Umzug bewerkstelligen und dabei Lily’s Namen auch dem neuen Wirth richtig angeben – das Mistreß Brown ist ganz überflüssig geworden.“

Aurel war damit einverstanden; er ließ sich das neue Quartier seines Vaters nennen und unterrichtete diesen dann von dem Inhalte seiner Unterredungen mit Gollheim und dem Herzog. Der alte Herr fand die Versicherungen des Herzogs, daß er versuchen werde, Gollheim zu einem friedliche Nachgeben zu bestimmen sehr verheißungsvoll. Vor dem Erscheinen des Milchsieber’schen Artikels hätte er sich aus einem Rechtsstreit so viel nicht gemacht; jetzt war ihm Alles daran gelegen, nicht durch einen Monat lang dauernden Proceß in dieser kleinstädtischen Welt zurückgehalten zu werden. Er wollte dann zuerst mit dem „kriechenden Preßgewürm“, der „Giftschlange“ persönlich abrechnen und ein wenig „in’s Gericht gehen“, und darauf seinen Sohn seiner Ministerherrlichkeit, seine Tochter ihrem jungen Eheglück und das „alte Nest“ dem Fortschreiten in der „Vermoderung und Versumpfung“, von der er täglich mehr Spuren wahrnahm, überlassen, um in’s „freie Land“ zurückzukehren, wo er doch allein nur noch existiren konnte. So sagte er denn bereitwillig Aurel zu, ihm am andern Morgen die Documente, die der Herzog Gollheim vorlegen wollte, zu bringen oder zu senden, und verabschiedete sich dann, um noch diesen Abend seinen Abzug aus der Höhle des „Känguruhs“ zu bewerkstelligen.

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: Levin Schücking
Titel: Bruderpflicht
aus: Die Gartenlaube 1881, Heft 20, S. 321-326
Fortsetzungsroman - Teil 7


[321]
9.

Es war am andern Morgen. Aurel stand in seinem Arbeitszimmer an einem Fenster und blickte auf den Hausgarten hinab; dieser breitete sich auf einer ansehnlichen Fläche aus, die darauf deutete, daß das alte Schloß zu seiner Sicherung hier breite Gräben gehabt, welche, nun zugeschüttet, den üppigen Wuchs mächtiger Zierbäume beförderten. Die dunklen Pyramiden der Coniferen spreizten da unten anspruchsvoll ihre Arme aus, und die Glycinien bewarfen wie leichte, kokette Mädchenschönheiten die hochmüthigen Nachbarn mit blauem Blüthenabfall, während die Eichen mit dem eigensinnigen, capriciös gekrümmten und verdrehten Astgewirre mürrisch dazustehen schienen. Ueber den grünen Wipfeln all dieser Bäume aber lag ein mattblauer Himmel, an dem langsam vorrückende, mächtige weiße Wolken heraufzogen, die immer grauer und eisenfarbener wurden und zuletzt dem Tageslichte einen unheimlich fahlen Schimmer verliehen. Es war, als ob sie zugleich den Druck herzbeklemmender Trauer vermehrten, der auf Aurel’s Seele lag, aber er war ein zu klar blickender Mann; sein Auge war für die Erscheinungen des Lebens zu groß und unumwölkt, als daß er pessimistisch bei der Frage hätte verweilen können, ob es denn nun einmal im Schicksale der Menschenkinder liege, daß sie jede erreichte Höhe, jedes erfüllte Streben zu büßen haben mit einem Schmerze, der ihrer auf der endlich erreichten Höhe unausbleiblich harre. Er, der beneidetste Mann im Staate, hatte sich nur aufgeschwungen, um auf seiner einsamen Höhe zu erkennen, welches Glück das Leben für ihn hätte haben können. Er konnte den Gedanken, der gestern in ihm geweckt war – von dem trüben Menschheitsschicksal, daß sich das Bessere dem Unwürdigeren geopfert sehen müsse, nicht wieder los werden. Er gelangte, indem er diesen Gedanken verfolgte, zwar zu einem bitteren Selbstvorwurfe des Egoismus und der Ueberhebung; er warf sich das Unbrüderliche dieser Art zu denken vor; mußte ihm nicht in der That das Glück seiner Schwester ebenso nahe gehen, als das eigene? Konnte er nach so flüchtiger Bekanntschaft überhaupt nur über sie urtheilen? Barg ihr Herz nicht vielleicht Schätze der Empfindung, Gefühle zartester und edelster Weiblichkeit, ihr Charakter nicht vielleicht Eigenschaften, vor denen sich Alles, was in ihm war, beschämt in den Schatten stellen mußte? Aber es handelte sich ja nicht blos um Lily; es handelte sich auch um Regina’s Glück, und diese durfte er – dessen war er sich in tiefster Seele bewußt – über alle Frauen, die er kannte, stellen. Und wie himmelhoch stand sie über ihrem Bruder, der jetzt wieder zu jedem scharfen Urtheil berechtigte, jetzt, wo er feig den Kampfplatz verlassen hatte!

Aurel hatte bisher vergeblich auf die Uebersendung der Documente gewartet, welche ihm sein Vater versprochen und die er dem Herzoge vorzulegen hatte. Er begann besorgt daran zu denken, was seinen Vater abhalten möge, sie zu schicken – hoffentlich hatte der alte Herr sich nicht in irgend einen neuen Streit verwickelt beim Abzuge von Schallmeyer, oder bei einer zu lebhaften und hitzigen Erkundigung, die er nach den Einbläsern und Veranlassern der räthselhaften und bösartigen Indiscretionen der „Rothen Flagge“ angestellt. Hatte ihm das Unglück vielleicht den Doctor Milchsieber, den fleckigen Apollo, in den Weg gesandt? Dann war freilich Alles zu befürchten. Und dabei wendeten sich Aurel’s Gedanken jenem giftigen Preßerzeugniß wieder zu, dessen Ursprung in so großes Dunkel gehüllt war. Hätte er in einer größeren Welt gelebt, so hätte er sicherlich solche Ergießungen eines Winkelblattes verachtet, wie er ja längst gewohnt war, die Partei-Angriffe, die oft so hämischen und boshaften Deutungen seiner Absichten und seiner Maßnahmen zu übersehen, oder, wo sie gar zu grobe Entstellungen enthielten, in dem tonangebenden Blatte der Regierung ruhig widerlegen zu lassen. Aber in seiner kleinstädtischen Welt mußten ganz persönliche Verdächtigungen, welche zu widerlegen unter seiner Würde war, unheilvolle Wirkungen hervorbringen, seinen Feinden zu einer gar nicht abzusehenden Ausbeutung dienen, und wenn sie dem Herzoge vorgelegt wurden, auch diesen für einen Minister erkälten, den er gezwungen war, wider so niedrige Insinuationen in Schutz zu nehmen.

Aurel entschloß sich endlich, nach seinem Wagen zu verlangen und an dem neuen Quartier seines Vaters vorzufahren, um sich dort die Documente von diesem geben zu lassen.

Als er eben die Klingel gezogen und den Befehl gegeben hatte, vernahm er draußen Schritte; mit dem Diener zugleich und dessen Anmeldung zuvorkommend, stürmte der alte Thierarzt herein.

„Schöne Geschichte das,“ rief er mit bestürztem Gesicht, „da soll nun doch das Wetter dreinschlagen – die Papiere sind mir gestohlen, Aurel.“

„Unmöglich,“ sagte Aurel, „gestohlen – die Documente über Lily’s Trauung –“

„Die eben!“

„Die Du mir noch vor zwei Tagen zeigtest?“

„Zum Teufel sind sie, gestohlen, fort aus meinem Schranke – Secretär nennt Ihr das Ding wohl hier – gestohlen!“

„Du bist sicher, daß Du sie dort verwahrtest?“

„Sicher genug – ich nahm sie daraus, als ich sie Dir zeigte, und verschloß den Schrank dann wieder.“

[322] „Er ist erbrochen?“

„Nicht die Spur einer Gewalttat daran.“

„Und nichts Anderes ist genommen als jene Papiere?“

„Nichts Anderes, als die Papiere – Lily’s Taufzeugniß, die Heirathslicenz und der Trauschein … Du hast gesehen, wie ich sie in einem Taschenbuche verwahrte, das noch andere Papiere von Werth enthielt – an diese ist nicht gerührt – nur Lily’s Papiere sind verschwunden.“

„Wann entdecktest Du den Diebstahl?“

„Heute – heute in der Morgenfrühe. Kam gestern nicht mehr zu dem Umzuge, den ich vorhatte. Hatte erst mit Lily zu debattiren, die ja nicht fort wollte, wie Du weißt. Dann, als ich mit Schallmeyer die Rechnung abschließen wollte, war er nicht da. Mußte ihm nachlaufen in sein Bierhaus, in ihr Hauptquartier, wo sie die ‚menschenwürdigen Zustände des Arbeiters der Zukunft‘ bei Faullenzen, Biertrinken und Räsonniren in Scene setzen …. hatte nicht mehr den Fuß hineingesetzt seit dem ersten Mal, wo ich diese Sorte Menschen kennen gelernt. Traf ihn auch, den Schallmeyer, hatte seine Känguruhschnauze mit einem wunderlichen Insect, einem Burschen, der aussah wie ein Heuschreck, zusammengesteckt – tuschelten und mauschelten da heimlich in der Ecke, die Beiden, der Becker, und …“

„Der Becker? Das ist ein Mensch, den Gollheim, wie ich höre, zu allerlei Spionirdiensten benutzt.“

„Gollheim? Nun ja; denke, ich hörte so etwas. Und so hätten wir’s denn …“

„Du glaubst …?“

„Was ist da viel zu glauben? Es ist offenbar. Es liegt auf der Hand …“

„Ich fürchte, daß Du Recht hast, Vater,“ versetzte Aurel tief nachdenklich; „obwohl ich einem Manne von Gollheim’s Stellung schwer ein Verbrechen zutrauen kann. Ein so thörichtes obendrein! Wir können ja die Papiere neu anfertigen, uns drüben neue ausstellen lassen.“

„Bist Du dessen so sicher? Doch höre weiter! Die Beiden schweigen offenbar sehr betroffen, als ich zu ihnen trete; Schallmeyer erhebt auch wider meinen Abzug keinen Einspruch; wir gehen heim und rechnen in gutem Frieden ab; dafür bekommt das Känguruh am späten Abend noch einen ‚Raw‘, einen Streit mit dem jungen Herrn Falster, der nun auch ausziehen will …“

„Der junge Mensch, den ich neulich im Garten bei Lily fand?“

„Derselbe – will mit uns in unser neues Quartier abrücken.“

„Er beweist eine große Anhänglichkeit an Euch, Vater.“

„Weshalb sollte er nicht? Lernt von mir. Explicire ihm, wie sie’s in seinem Geschäft drüben machen – ist ein geriebener Bursche, wird gut werden, denk’ ich. Und so bleiben wir denn die Nacht noch bei Schallmeyer; heute Morgen rücken wir aus, und wie wir im neuen Quartier sind und auspacken, und ich mein Taschenbuch aus dem Koffer nehme, um es zu öffnen und die Papiere daraus hervorzuholen, welche ich zu Dir hinüberbringen sollte – da seh ich die Bescherung – fort sind sie – gone away – verschwunden – weg!“

„Du hast Dich überzeugt, daß sie nicht etwa anders wohin gerathen daß nicht vielleicht Lily sie an sich genommen.“

„Schwerlich! Haben Alles durchsucht. Aber sie sind und bleiben fort – gestohlen!“

„Ich habe Dich gleich von vornherein so ungern zu diesem ‚alten Freunde‘ ziehen sehen,“ sagte Aurel gedämpft und sinnend.

„Wie konnte ich wissen, daß aus dem alten Freunde ein Dieb geworden? Denn er – er ist es ganz ohne Zweifel, der mir die Papiere gestohlen hat, um sie dem alten Gollheim zu verkaufen; zweifelst Du daran?“

„Leider – nein“ sagte Aurel. „Wenn er mit Becker verkehrte, nicht im Mindesten.“

„Es war so leicht für ihn, der sicherlich alle Schlüssel und alle verschlissenen Schlösser an seinen alten Möbeln kannte, meinen Schrank zu öffnen.“

„Es war ohne Zweifel leicht für ihn.“

„Und nun laß den Burschen beim Kragen nehmen, ihn einstecken, ihm den Proceß machen und womöglich ihn hängen!“

„Du scheinst über die Machtbefugniß eines Ministers noch immer ziemlich im Unklaren Vater!“ versetzte Aurel, trübe lächelnd.

„Wirst doch nicht Minister sein, um Dir gefallen zu lassen …“

„Was Jeder sich gefallen lassen muß; da, wo er nicht einen Schatten von Beweis hat, um sein Recht verkürzt zu werden.“

„Sodaß sich Jeder hier sein Recht selber nehmen muß?“

„Ich bitte Dich, Vater, daran nicht zu denken. Du würdest das Uebel bedeutend ärger machen. Denke, wie triumphirend die ‚Rothe Flagge‘ wehen würde, wenn Du Dich hinreißen ließest, mit Beschuldigungen Schallmeyer’s aufzutreten, welche diesen veranlaßten, Dich als Verleumder vor Gericht zu ziehen, und dann die ganze Stadt zu dem Glauben brächten, wir hätten die Documente niemals besessen“

„So bin ich hier in eine ganz verfluchte Räuberhöhle gefallen,“ rief der alte Thierarzt, zornig aufspringend; „unter lauter Niedertracht und …“

„Laß uns lieber, statt das zu erörtern, berathen, wie wir möglichst bald den Verlust ersetzen! Doch – auch dazu fehlt mir im Augenblick die Zeit. Ich muß zum Herzog und ihm erklären, weshalb ich seinen Befehl nicht erfüllen kann; vielleicht werde ich nachher mit dem Polizeidirector wegen des Diebstahls sprechen – ich werde sehen. Unterdeß begieb Dich heim und schreibe mir alle nöthigen Adressen auf, an die wir uns drüben zu wenden haben, um die Documente neu zu beschaffen – ich werde unsere diplomatischen Vertreter in Washington alsdann auffordern, die nöthigen Schritte zu thun …“

„Ich glaube nicht,“ warf der alte Lanken ingrimmig ein, „daß sie solch eine ‚Licence‘ drüben zweimal ausstellen, und was den Pfarrer, der Lily getraut hat, angeht, so wissen wir nicht, ob er das Pfarrersein nicht längst aufgegeben hat, um Shopkeeper in Frisco oder Schafzüchter in Australien zu werden.“

„Mag sein – verzagen wir darum nicht! Schwierigkeiten lassen sich besiegen. Schreib’ mir also vorläufig alle nöthigen Notizen auf! Ich muß zum Herzog.“

Aurel warf sich rasch in die nöthige Toilette und eilte dann nach unten, wo sein Wagen auf ihn harrte. Der alte Thierarzt folgte ihm langsamer die Treppe hinab und gab durch einige Verwünschungen, die er vor sich hinmurmelte, dem grenzenlosen Mißvergnügen Ausdruck, das über die ganze Wirthschaft in dem alten Lande seine biedere Republikanerseele erfüllte.




10.


Als Aurel an der Residenz vorgefahren und dem Herzog gemeldet worden war, empfing ihn dieser mit einer noch um eine Nüance kühleren Gemessenheit, als gestern.

„Sie bringen mir Ihre Documente selber, Lanken?“ fragte er.

„Ich bringe Ihnen nichts, Hoheit,“ versetzte dieser, „nichts als den Ausdruck des Bedauerns, daß ich Ihre Befehle nicht erfüllen kann.“

„Nicht? Und weshalb nicht?“ entgegnete der Herzog, offenbar sehr befremdet aufschauend.

„Weil die Papiere nicht mehr in den Händen meines Vaters sind – sie sind ihm entwendet, gestohlen, um gleich das rechte Wort zu gebrauchen.“

„Gestohlene? Seine Documente?“

„Er hat sie bis gestern in seinem Secretär verwahrt – heute haben sie – und nur sie allein – sich nicht mehr gefunden.“

„Wie ist das zu erklären?“

Aurel zuckte die Achseln … als er zu antworten zögerte, fuhr der Herzog lebhaft, fast zornig fort.

„Erklären Sie mir das, Lanken!“

„Ich kann Hoheit nur von den näheren Umständen unterrichten. Mein Vater wohnte im Hotel garni eines gewissen Schallmeyer, eines Mannes, der bereits einmal mit den Sicherheitsbehörden in Conflict geraten ist; dieser Mann, der sicherlich eine genaue Kenntniß von den seinen Miethern in Gebrauch gegebenen Möbeln und Geräthen besitzt, steht in Verbindung mit einem Marstallbedienten Becker, der die rechte Hand seines Vorgesetzten sein soll.“

„Gollheim’s?“

Aurel verbeugte sich zur Bejahung.

Der Herzog betrachtete ihn eine Weile mit sehr ernsten, mehr und mehr sich verdüsternden Zügen. Eine Falte zog sich zwischen seinen Brauen zusammen; dann drückte er mit der Hand die Enden seines blonden Schnurrbarts in seine Mundwinkel und kaute einige Augenblicke schweigend darauf. Es war das bei ihm ein Symptom einer bedeutenden Verstimmung.

[323] „So bin ich arg in eine häßliche Geschichte verwickelt; Graf Gollheim wird sogleich in Folge meiner Aufforderung hier sein – und wenn ich ihm rathe, seinen Frieden mit Ihnen zu machen, wird er triumphirend aus das zurückkommen was er schon gestern behauptete; man wolle ihn zum Opfer eines Schwindels machen; die Documente seien nicht da, gar nicht vorhanden …“

„Er behauptete das vielleicht so bestimmt, weil er schon damals den Entschluß, sich ihrer zu bemächtigen, gefaßt hatte,“ warf Aurel ein.

Der Herzog schwieg wieder eine Weile; dann wandte er sich mit einer gewissen Heftigkeit ab.

„Hören Sie, Lanken,“ sagte er und in seiner Stimme vibrirte der tiefe Verdruß, den ihm persönlich die ganze Angelegenheit machte, „zwei mir so nahe stehende Männer, wie Sie und mein Oberstallmeister, dürfen sich nicht solche Vorwürfe einander machen. Er wirft Ihnen vor, Sie böten die Hand zu einem Schwindel – und Sie werfen ihm vor, er sei ein Dieb. Ich bitte Sie, wohin sind wir da gekommen? Ich kann nicht zwischen zwei Leuten stehen, die in einem solchen Kampfe liegen; Sie müssen selbst begreifen, daß ich den Einen fallen lassen muß, nein, daß ich eigentlich Beide entlassen müßte, wenn ich dadurch nicht jedenfalls Einem Unrecht thäte …“

„Gewiß, Hoheit, ich begreife das … und da hinzukommt, daß in meine Schale noch die Verleumdung und all die Gehässigkeit fällt, welche ein Angriff in der Presse wider mich enthält …“

Aurel fixirte bei diesen Worten den Herzog, um aus seinen Mienen zu lesen, ob er von jenem Angriffe Kunde habe, und der Herzog ließ ihn keinen Augenblick darüber im Zweifel, daß sich eine diensteifrige wohlwollende Seele gefunden, die höchsten Ortes Alles berichtet hatte.

„Es ist wahr,“ sagte der Herzog, „von etwas Derartigem bliebe mein erster Rathgeber besser unberührt …“

„So ist denn meine Schale die schwerere, Hoheit – und ich glaube deshalb nur Ihren eigenen innersten Gedanken wiederzugeben, wenn ich sage: es ist am besten, ich verzichte aus das Glück, Eurer Hoheit in einer so hohen Vertrauensstellung weiter zu dienen.“

„Thun wir nichts Unüberlegtes, Lanken!“ fiel der Herzog jetzt doch wieder zögernd ein, „aber ich muß Ihnen leider einräumen …“

„Daß auch längere Ueberlegung wohl zu keinem anderen Ergebniß führte,“ fuhr Aurel mit sehr bewegter Stimme fort. „Der Schritt wird mir bei meiner warmen Hingebung für Eurer Hoheit Person sehr schwer – aber er muß gethan werden. Ich werde noch heute mein Entlassungsgesuch einreichen“

Der Herzog wandte sich ab. Er schaute eine Weile schweigend, die Hände auf dem Rücken, zum Fenster hinaus; dann schüttelte er den Kopf, seufzte und wandte sich wieder zu Aurel:

„Ich glaube Ihnen ja, daß die Documente da waren und daß sie Ihnen genommen sind, aber ich glaube nicht, daß Gollheim eines solchen Schurkenstreichs fähig ist, sie Ihnen stehlen zu lassen. Nimmermehr! Und Niemand wird es Ihnen glauben. Niemand! Alles wird gegen Sie sein. Und ich, ich kann Sie nicht in Schutz nehmen gegen den Sturm, der sich wider Sie erheben wird. Das ist die einfache Lage der Sache. Die logische Folgerung ist allerdings …“

„Daß Sie meine Demission annehmen, Hoheit!“

„Leider. Ich bedauere es unendlich; es wird mir sehr schwer mich von Ihnen zu trennen. Sie sind ein Mann von Gemüth, Lanken. Sie brachten in unsere Conferenzen nicht allein einen Kopf für die Geschäfte, sondern auch ein Herz für mich – ich habe das recht wohl durchgefühlt; ich habe auch gehofft, Ihre Dienste blieben mir für immer gesichert, und am Ende würde ich Sie auch heute noch festhalten, wenn …“

„Wenn? Hoheit vollenden Ihre so gütigen Worte nicht.“

„Nun, offen heraus -: wenn Sie so viel Tact besessen hätten, den alten Revolutionär von Vater, diesen alten Roßarzt von hier fern zu halten – wenn ich verschont geblieben wäre mit all den Commentaren, die man in meiner Umgebung darüber gemacht hat und noch macht.“

„Hoheit,“ antwortete Aurel, „Sie haben mir eben den Schmerz, daß ich aus Ihrem Dienste scheiden muß, gemildert durch die gütige Art, mit der Sie das Gemüth betonten, und den warmen Herzschlag, womit ich Ihnen gedient – ich bin stolz auf diese Anerkennung - aber wer seinem Fürsten ein treues Gemüth zeigen kann, der wird auch vor Allem den Vater, und was er ihm schuldet, in der Seele tragen“

Der Herzog nickte gedankenvoll dazu.

„Nun ja, darin haben Sie Recht,“ sagte er, „und nun gehen Sie mit Gott, Lanken! Ich werde nun bald diesen Berserker von Gollheim hier haben – und Sie dürfen ihm nicht begegnen. Adieu, Lanken! Wir werden uns ja wiedersehen – überlegen Sie, welche Stellung Sie von nun an wünschen, und lassen Sie mir Ihre Eingabe darüber zukommen! Die Geschäfte führen Sie natürlich weiter, bis ich Ihren Nachfolger ernannt habe.“

Der entlassene Minister verbeugte sich; der Herzog drückte ihm warm die Hand, und Aurel ging.

Als er dann über den Schloßhof davonfuhr, sah er Gollheim, der den kurzen Weg von seinem Hotel zur Residenz zu Fuß machte, triumphirend und mit langen Schritten daherkommen. Gollheim begab sich zu der befohlenen Audienz bei dem Herzog. Aurel ließ wenige Augenblicke nachher seinen Wagen halten; er befahl, indem er ausstieg, seinem Kutscher heimzufahren und trat mit raschem Entschlusse in das Haus Gollheim’s; in den Empfangssalon geführt, ließ er Regina um eine kurze Unterredung bitten.

Sie kam, noch in ihrer Morgentoilette; unter dem Spitzenhäubchen, das ihrem ausdrucksvollen Kopfe eine weiche, echt weibliche Anmuth gab, erröthete sie hoch vor innerer Bewegung.

„Sie, Aurel!“ rief sie mit einer gedämpften Stimme, in welcher etwas von Schrecken zitterte, aus, „was kommen Sie mir zu verkünden? Wie bleich Sie aussehen!“

„Thu’ ich das, Regina? Dann ist’s, weil ich Ihnen etwas zu verkünden habe, was mir den letzten Hoffnungsanker zerbricht; ich habe vom Herzog eben meine Entlassung erbeten.“

„Und er hat sie Ihnen gegeben?“

„Er hat sie mir gegeben.“

Von Regina’s Wange schwand nun ebenfalls alle Farbe.

„O mein Gott – wie geschah das?“ fragte sie, erschüttert in den nächsten Sessel niedergleitend.

„Es blieb mir nichts Anderes übrig. Ich sah, wie man beim Herzog wider mich gewühlt hatte – und die Handhaben waren ja dazu in Fülle gegeben.“

„Der Vater wird triumphiren,“ fiel Regina ein. „Alles, was ich bei ihm versucht hatte, glitt wirkungslos von ihm ab. Ich mußte ihm ja gestehen, daß Ludwig die unbegreifliche Feigheit gehabt, aus Furcht vor seinem Zorn, aus Angst auch vor dem stürmischen Drängen Ihres Vaters, auf und davon zu gehen; daß er entschlossen sei, nicht zurückzukehren, sondern ruhig abzuwarten, welchen Austrag die Sache finden würde. Das schien meinem Vater eine wahre Freudenbotschaft zu sein. Wenn er bei einem Streit vor Gericht sich nicht seinem Sohn gegenübersehen würde, so war für ihn, schien es, Alles gut, Alles gewonnen; ich sah jetzt, wie sehr er gefürchtet hatte, Ludwig’s Leidenschaft für Lily, Ludwig’s Widersetzlichkeit und Auflehnung wider ihn könnten ihm das Spiel verderben. Als er gehört, daß sein Sohn nicht Stirn gegen Stirn ihm entgegentreten werde, ward Alles, was ich sprechen konnte, Schall und Rauch.“

„Ich kann mir denken,“ versetzte Aurel, „daß Ludwig’s Erklärung vor Gericht seine letzte Furcht war, nachdem er sich dessen, was er sonst zu fürchten, glücklich bemächtigt …“

„Bemächtigt? Wessen hätte er sich bemächtigt?“

„Es wird mir schwer, es Ihnen mitzutheilen; es ist bitter, einer Tochter Dinge von ihrem Vater zu gestehen …“

„Um Gotteswillen, sprechen Sie weiter, Aurel!“

„Ich muß es, und darum sei es! Ihr Vater bedient sich eines gewissen Becker zu Diensten persönlicher Art …“

„Ich weiß, ich weiß; der Mensch war mir immer so verhaßt.“

„Der Mensch ist in Intimität mit dem Wirth des Hotels, in welchem mein Vater und Lily wohnten, bemerkt worden. Dieser Wirth ist ein höchst fragwürdiger Charakter. Nun wohl, im Hause dieses Mannes sind meinem Vater Ludwig’s und Lily’s Heiraths-Documente gestohlen worden.“

„Um Gotteswillen!“ rief Regina, in unsäglichem Erschrecken die Hände zusammenschlagend, „das ist ja fürchterlich.“

„Sie wissen ja,“ fuhr Aurel fort, „Ihr Vater behauptet, diese Documente existirten nicht oder seien gefälscht. Auch dem Herzog hat er dies ausgesprochen. Der Herzog hatte deshalb die Documente von mir verlangt. Er wollte sie heute Ihrem Vater vorlegen – vielleicht wollte er sich, unter dem Eindruck der [324] Behauptungen Ihres Vaters stehend, vorher von ihrer zweifellosen Gültigkeit und Echtheit selbst überzeugen; genug, ich sollte sie ihm übergeben und konnte es nicht. Ich konnte nur sagen: sie sind uns geraubt, und damit sprach ich eine Beschuldigung gegen Ihren Vater aus, so schwer, daß dem Herzog nichts übrig blieb, als über Ihren Vater eine Criminaluntersuchung zu befehlen oder meine Entlassung anzunehmen.“

Regina sah mit starren Blicken Aurel an; sie war tief erbleicht und offenbar ganz fassungslos.

„Mein Vater ein Intrigant, ein Dieb – nein, nein, Aurel, es ist nicht möglich, meine ganze Seele bäumt sich dawider auf – es ist nicht möglich,“ rief sie jetzt aufspringend mit dem Tone einer Herzensangst, die etwas furchtbar Erschütterndes hatte.

„Es ist furchtbar, Regina, aber es ist nicht anders. In der weiten Welt ist nur ein Mensch, für den, außer uns, diese Documente einen Werth haben. Und dieser ist Ihr Vater.“

„Und mein Vater,“ murmelte Regina mit ihren bleichen Lippen „mein Vater hat Creaturen, wie diesen Becker …“

Sie rang die Hände, machte ein paar Schritte vorwärts, dann aufathmend mit etwas, was wie ein Weheschrei aus furchtbarster Herzenspein war, stieß sie hervor.

„Aurel, das ertrage ich nicht; das geht über meine Kraft. Ein Bruder, der zu feige ist, sein eigenes, ihm vertrauendes junges Weib zu schützen und zu vertheidigen. Ein Vater, der Documente stehlen läßt – und der dadurch zugleich Sie, Sie, Aurel, um seine ganze Lebensstellung bringt, Sie stürzt, das Land seines – ja, seines Retters beraubt; denn das waren Sie, Aurel, sein guter Genius – ich verstehe nicht, wie ich leben soll unter ihnen – es peitscht mich von hinnen, fort von diesen Menschen, in die Weite, in die Welt, wenn es sein muß, in den Tod hinein.“

Regina war in einer Aufregung, wie Aurel sie nie gesehen; mit flammenden Augen, mit vor Leidenschaft glühenden Zügen ergriff sie seinen Arm, und ihn beinahe krampfhaft mit den zarten Händen umspannend, fuhr sie fort:

„Aurel, wir sind beide freie, willensstarke, unabhängige Menschen – wir sind zu gut, unterzugehen in dieser Umgebung, zu sterben an denen, die unser Glück sein, an denen wir das Leben haben sollten. Lassen Sie uns Rettung und Heil suchen in der Flucht! Ich bin die Ihre, Aurel, nehmen Sie mich für immer und ewig, und fliehen wir, weit, weit von hier, in die fernste Ferne, in irgend ein Sonnenland, nach Italien, nach Indien, wenn es sein muß – auf eine stille Meeresinsel, wenn Sie es wollen!“

„Welcher Gedanke, Regina!“ rief Aurel bestürzt aus.

„Es ist das Beste, das Einzige; ich bin reich, Aurel, durch meine Mutter; auch Sie haben genug, um frei sein zu können.“

„O mein Gott, welche Aussicht schließen Sie da vor den Augen meiner Seele auf, die davon trunken vor Glück werden könnte!“ sagte Aurel, ganz überwältigt sich in einen Sessel werfend und verzweiflungsvoll die Hände vor seine Stirn pressend. „Mit Ihnen zu fliehen, Regina, an ein schönes sonniges Meeresufer, da ein Heim zu gründen, das, von immergrünen Wipfeln beschattet, zwei Menschen umschirmt, welche nur ihrer Liebe und in einer Gedankenwelt leben, die hoch ist wie die Palmen, unter denen sie wandeln, rein wie der Strand zu ihren Füßen, den die ewig plätschernde Meereswelle bespült – mein Gott, welch ein Bild, welch eine Aussicht, welch eine Lockung –“

„Können wir Gerechtfertigteres, Weiseres thun, Aurel?“

„Nein – wenn wir es dürften!“

„Ah, Sie – wollen nicht, Aurel?“

„Ich darf nicht.“

„Dürfen!? Sie find jetzt frei wie der Vogel in der Luft.“

„Ich bin frei; ich könnte ziehen, wohin es mich treibt – aber ich könnte eines nicht mit mir nehmen, ohne das ich nicht zu leben weiß, auch an Ihrer Seite, Regina, nicht zu leben weiß.“

„Und das ist?“

„Meine Selbstachtung. Ich könnte mich nicht achten, wenn ich nur an mein Glück dächte, und nicht an die Pflicht, die mich hier fesselt. Ich muß meiner Schwester geleugnetes Recht, ihre bedrohte Ehre vertheidigen, retten. Sie hat nur mich hier, der es vermag; ich darf nicht von hier gehen, bis –“

„Also Sie wollen mich dieser Schwester opfern?“

„Opfern – das ist nicht das rechte Wort, Regina; ich muß einstehen für meine Pflicht, damit neben meiner auch Ihre Achtung mir bleibt.“

Regina athmete mehrmals stürmisch auf; es war, als ob sie dem Sturm der in ihr erweckten Leidenschaft durch irgend einen heftigen Schrei, einen gewaltsamen Ausbruch Luft machen müsse, und diesen mit allem Aufgebot ihrer Selbstbeherrschung zurückdränge, und dann ließ sie sich in eine Ecke des Sophas fallen, verbarg ihr Gesicht in den Polstern und begann krampfhaft zu schluchzen. Tieferschüttert legte Aurel seine Hand an ihre Stirn, wie um ihr Gesicht zu erheben und es sich zuzuwenden.

„Regina, seien Sie stark, seien Sie ganz Sie selbst – sagen Sie mir, daß ich Recht habe –“

Sie wehrte heftig seine Hand ab.

„O, Sie lieben mich nicht, Sie lieben mich nicht, Aurel,“ schluchzte sie, erstickt fast von ihren strömenden Thränen, „um Gottes Barmherzigkeit willen, gehen Sie jetzt, lassen Sie mich!“

Aurel stand wie vernichtet. Was beginnen dieser Leidenschaft gegenüber? Reden? Es war vergeblich. Harren, bis Regina ihre Fassung wiedererlangt? Er durfte es nicht. In jedem Augenblick konnte Graf Gollheim nach Hause zurückkehren. Er durfte diesem Manne in dieser Stunde nicht begegnen; es blieb ihm nichts übrig als zu gehen. Regina machte noch einmal eine wie abwehrende Bewegung mit der Hand, und er ging.




11.

Der alte Thierarzt Lanken hatte, nachdem er seinen Sohn verlassen, sich heimbegeben und zunächst sich damit beschäftigt, den Willen des letzteren zu erfüllen und Namen von Behörden, Menschen, Orten jenseits des Oceans aufzuschreiben, deren Aurel bedürfen konnte, um sich neue Anfertigungen der die Trauung seiner Schwester mit Ludwig Gollheim bezeugenden Actenstücke zu verschaffen. Und dann hatte er geharrt auf Aurel’s Erscheinen. Das Harren machte seine unwirsche Stimmung nicht milder; es gingen ihm allerlei Phantasiebilder vor den Augen vorüber, aus denen er eine besänftigende und tröstende Wirkung auf sein verwundetes Gemüth schöpfte. Besonders malte er sich die unglückliche magere Leiblichkeit Schallmeyer’s aus, wie er diese mit genialer Verachtung aller sanctionirten Gesetze und Regeln der edlen Boxerkunst so gewaltsam durcharbeitete, daß kein Cuvier mehr feststellen konnte, ob dies so gründlich in seinem Organismus erschütterte Wesen ein wirkliches Känguruh sei oder nicht.

Während Lanken sich diesen angenehmen Vorstellungen hingab – Lily war im Nebenzimmer und beschäftigte sich mit einer zierlichen Holzmalerei, worin sie mit Hülfe guter Schablonen recht Achtungwerthes leistete – verflossen die Stunden schnell. Aber sie brachten nicht den erwarteten Aurel, endlich nur seinen Diener, der ein Billet übergab und sich, ohne Antwort zu verlangen, wieder entfernte. Lanken erbrach das Billet und las die folgenden Worte von der Hand seines Sohnes:

„Erwarte mich heute nicht! Das Ergebniß meiner Verhandlung mit dem Herzoge ist meine Entlassung gewesen – Du siehst, meine Ministerschaft steht nicht mehr zwischen Deinen väterlichen Gefühlen und Deinem Sohne. Das wird Dir zu großer Befriedigung gereichen; mir giebt es so viel zu denken und zu thun, daß ich die übrigen Stunden dieses Tages für mich bedarf. Also bis morgen!“

Der alte Herr starrte diese Zeilen sehr betroffen an. Aurel nicht mehr Minister? Nicht möglich! Er stürzte zu seiner Tochter hinüber, die eben ihre Holzmalerei gelangweilt fortgeworfen hatte und nun vor dem Spiegel stand; sie war beschäftigt, ihre kirschrothen Lippen mit einem Tuche von den kleinen Farbenstrichen zu reinigen, welche ihr Pinsel, den sie mit diesen hübschen Lippen gespitzt hatte, darauf zurückgelassen.

„Da haben wir die Bescherung, Lily! Lies einmal! Das hat diese infernalische Bande zu Wege gebracht. Gott verdamme das Hundegezücht!“

Lily hatte das Billet ruhig mit den Augen überflogen und reichte es ihrem Vater zurück.

„Aurel ist nicht mehr Minister? O!“ sagte sie sehr gefaßt, „was ist er denn jetzt? Und ist es eine Sache, daß Du so darum fluchen mußt, Governor?“

„Na, fragt die Grasmücke noch? Begreifst Du nicht, wie nachtheilig es für uns ist, wenn Dein Bruder nicht mehr die Macht hat, als Erster im Staate für uns einzustehen?“

Lily hatte sich lässig auf ihren Stuhl am Fenster niedergelassen [326] und blickte nachdenklich durch die grünen Geraniumstöcke, welche die Wirthin da aufgestellt hatte, in’s Freie.

„Hat er nicht mehr die Macht?“ fragte sie jetzt halblaut. „Und welche Macht haben wir denn, Vater? Und wenn wir alle Macht hätten und könnten erreichen, daß wir alle Menschen hier uns zu Füßen liegen sähen, wie sie jetzt alle wider uns sind – was für ein Glück wäre das?“

„Was für ein Glück? Wunderliche Frage –“

„Sie ist gar nicht wunderlich,“ fiel, aus ihrer lässigen Ruhe jetzt plötzlich zur Heftigkeit übergehend, Lily ein – „begreifst Du denn nicht, daß ich gar kein Glück mehr darin sehen kann, in dem dunklen stillen Hause dieser Grafenleute zwischen Verwandten zu leben, die mich hassen und verfolgen, gezwungen, mit ihren Freunden zu verkehren, die mich verachten, weil ich nicht so vornehm bin, wie sie zu sein glauben? Begreifst Du das nicht?“

„Nun höre Einer diese Ideen der Grasmücke an!“ rief bestürzt der alte Thierarzt aus. „Aber ich bitte Dich, das wäre vorher zu überlegen gewesen, ehe Du die Hand dieses Windhundes von …“

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: Levin Schücking
Titel: Bruderpflicht
aus: Die Gartenlaube 1881, Heft 21, S. 337-340
Fortsetzungsroman - Teil 8


[337] Der alte Herr stockte einen Augenblick. Es war, als ob er der Grasmücke, die solche Ausdrücke von Ludwig nicht hingehen ließ, Zeit lassen wolle, wider den „Windhund“ zu protestiren. Aber die Grasmücke protestirte heute nicht dawider; nicht mit dem gerigsten Zucken ihrer Wimper protestirte sie, und Lanken fuhr deshalb heftiger fort:

„Und dann, Du bist Ludwig’s Weib; er ist Dein Mann und wird genug vom Gentleman in sich haben, um sein Weib gegen Beleidigungen zu schützen; Du lebst an der Seite Deines Mannes, den Du nun einmal liebst; vornehm oder nicht vornehm geboren – Du bist nun einmal Gräfin Gollheim – Gräfin, Lily, und wenn der alte Gollheim todt ist …“

Lily machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.

„Vater,“ sagte sie dann, ihn mit dem Ausdruck rühriger Neugier anblickend, „ist Dir daran viel gelegen, daß ich eine Gräfin bin?“

„Mir?“ fragte Lanken überrascht.

Lily lachte plötzlich höchst unmotivirt laut auf. Vielleicht nur über das verwunderte Gesicht, das der alte Thierarzt bei dieser Frage machte. Gleich darauf jedoch nahmen ihre Züge wieder einen sehr trübsinnigen Ernst an. Sie blickte eine Weile zum Fenster hinaus; dann brach sie, wie zerstreut, einen kleinen Geraniumzweig ab und zerriß, wie aus Gedanken erwachend, Stengel und Blätter heftig in kleine Stücke.

„Und ich mache mir gar nichts daraus,“ sagte sie zornig, „gar nichts, gar nichts! Ich mache mir aus Allem nichts, aus den Documenten, die fort sind, nichts, aus Aurel’s Ministerschaft nichts, aus Ludwig, der mich verlassen hat, nichts. Ich wollte, ich hätte ihn nie gesehen und wüßte gar nicht, daß er auf der Welt sei, und ich wäre nie hierher gekommen, und ich wäre lieber in dem Meere ertrunken, das mich hierher gebracht hat, und am liebsten möchte ich gar nicht mehr leben, und ich möchte todt sein.“

Bei diesen Worten beugte Lily sich nieder, legte ihre Stirn auf die Fensterbank vor ihr und begann bitterlich zu weinen.

Der alte Thierarzt stand da und starrte höchst betroffen auf das wunderliche Gebahren seiner Grasmücke. So war ihm sein sonst immer heiteres, leichtherziges, übermüthiges Töchterchen noch niemals vorgekommen. Er sprach einige tröstende Worte zu ihr – vergebens! Er begann auf Ludwig, der sie allein gelassen, bis ihr in der Einsamkeit so quälende Gedanken gekommen, zu schelten. Er sprach davon, daß Aurel gerade jetzt, wo er gar keine Rücksichten mehr zu nehmen brauche, desto energischer für die Anerkennung ihrer Rechte „in’s Zeug gehen“ würde – aber das Alles hatte keine Wirkung; die Grasmücke weinte und weinte, und Lanken blieb nichts übrig, als dröhnenden Schrittes und zornkochenden Herzens im Zimmer auf und ab zu schreiten. Es hatte ja auch das nur noch gefehlt, um ihn rabiat zu machen – nur noch das, daß der schurkische Diebstahl der Documente seinem Sohne die Stellung gekostet hatte, und daß die Grasmücke in Folge von dem Allen da nun vor ihm saß und so herzbrechend weinte, als ob sie nie in ihrem ganzen Leben wieder ihre Flügel ausbreiten und sich aufschwingen werde in die sonnigen Lufthöhen ihres fröhlichen Uebermuths. Es war zum Rasendwerden; es war um sich ein Leids anzuthun, oder besser irgend einem Anderen, z. B. diesem feigen Schwiegersohn, dessen Durchgehen ja doch die Hauptschuld trug. Hätte Ludwig treu zu seinem jungen Weibe gestanden, so wäre Lily ruhig und voll glücklicher Zuversicht, das arme Kind, das nun einmal sein Herz an den Unglücksmenschen verloren hatte und mit ihrer ganzen Seeleninnigkeit an ihm hing und jetzt so unglücklich war, daß sie leben mußte, ohne von ihm zu hören, ohne ihn zu sehen. Es war ja auch natürlich, daß ihr Herz darüber zu brechen drohte. War es denn nicht schändlich, sie so zu verlassen? Und in demselben Maße, wie sie die Einsicht über sich kommen fühlte, wie schändlich es war, daß der Mann, den sie liebte, sich so pflichtvergessen gegen sie benehme – in demselben Maße mußte sie sich unglücklich und immer unglücklicher fühlen.

Einstweilen aber war nun nichts zu machen. Wenn die Grasmücke eine Erleichterung darin fand, sich einmal auszuweinen, so war es am besten, man ließ sie sich ein Genüge darin thun – gegen Frauenzimmerthränen hatte der alte Thierarzt keine irgend einen Erfolg verheißende Mittel kennen gelernt, und bei Aurel Hülfe suchen, ihn herbeiholen, daß er Lily durch seinen Zuspruch und durch Mittheilung dessen, was er jetzt thun werde, tröste – das war ihm ja für heute auch verwehrt. Darum ging er davon, suchte in seinem Zimmer nach Rohrstock und breirändigem Hut, welch letzteren er trotzig auf die wettergebräunte Stirn drückte, und eilte in’s Freie hinaus, um frische Luft zu schöpfen.

Er ging zur Stadt hinaus in die grünen Gartenanlagen, welche dieselbe, vom Residenzparke auslaufend, wie mit freundlichen Armen umfaßten, als ob der Herrschersitz sein Völklein mit blumigen Banden an sich schließen wolle – ein Vergleich, der dem alten Republikaner nun freilich nicht kam; er hatte, während er mit seinen schweren Nagelschuhen über die Kieswege dahin stapfte, anderen Gedanken nachzuhängen. Nach einer Weile wurde er in [338] diesen seinen Gedanken gestört. Einzelne Männer und kleine Arbeitergruppen schritten rasch an ihm vorüber; es waren deren so viele, die ihn überholten und weiter eilten, daß sie ihm auffallen mußten.

„Bei diesen wackeren Thebanern ist irgend etwas in den Bänken,“ sagte er sich und folgte ihnen gemächlich nach. Er kam auf diese Art in die Akazien-Allee, welche zum Bahnhof führte, und sah, daß die sämmtlichen Arbeiter, gemischt mit bürgerlich gekleideten Herren, in demselben Bürgergarten verschwanden, in welchen er bei seiner Ankunft Aurel gezogen, um von diesem das niederschmetternde Geständniß zu erhalten daß er, sein Sohn, sein eigenes Fleisch und Blut, ein herzoglicher Minister sei. In dem Garten selbst, in dem heute kein einziger Gast an den offenen Tischen verweilte, drängte sich Alles einem hinten an das Wirthschaftsgebäude angebauten Fest- oder Tanzsaal zu, dessen geöffnete Thüren weit aufklafften für Alles, was Lust hatte einzutreten. Diese Lust verspürten nicht wenige; Lanken fand im Saal mehrere Hunderte von Männern versammelt, auf Bänken, Stühlen, Tischen und Fensterbrüstungen sitzend, rauchend, die Bierseidel neben sich, wenn Platz für Seidel da war, und in Ermangelung des Platzes sie in der Hand haltend, aber Alle schweigend, um den Redner, der auf einer Art Tribüne im Hintergrunde stand, nicht zu unterbrechen – für Störung sorgte ja ohnehin schon die fortwährend vor neu Eintretenden sich öffnende und wieder zufallende Thür.

Der Redner aber war Niemand anders als der unvermeidliche Doctor Milchsieber, und unter ihm, an einem großen runden Tische, sah Lanken seinen Freund, das „Känguruh“, nebst vier oder fünf anderen Herren, welche jener ebenso zutreffend zoologisch unterzubringen gewiß bereit gewesen wäre, wenn er darum ersucht worden wäre. Für den ersten Moment begnügte er sich mit einer allgemeinen Artenclassificirung, indem er halblaut ausrief:

„Da ist ja das ganze Schlangennest bei einander.“

Doctor Milchsieber – das war offenbar – hatte seine Gläubigen zu einem „Meeting“ zusammenberufen; die wie ein Comité aussehende Gesellschaft an dem runden Tische unter ihm deutete auf etwas, wie einen Verein, auf periodische Zusammenkünfte dieser Art in dem Gartenlocal; jedenfalls war jetzt Doctor Milchsieber im besten Zuge, seinen Hörern etwas klar zu machen – etwas klar zu machen, was allerdings, wenn man ihn nur eine kurze Weile hatte mit dem tiefsten Brustton edler Ueberzeugung reden hören, ganz außerordentlich klar war und ganz merkwürdig offen auf der Hand lag, so klar wie das Licht der Sterne und der alten Sonne am Himmelszelt. Man begriff gar nicht, welche Sorte von Menschengehirnen dieser Mann vor sich sah, dieser Mann, der da mit so viel warmströmender Beredsamkeit, so hitzig, daß sein ganzer Apollo-Kopf in diesem Augenblick nur noch ein einziger blutrother Fleck war, auseinandersetzte: es sei das Recht des Arbeiters, den Staat nach seinen Bedürfnissen einzurichten und die Zukunft so zu gestalten, daß Menschenwerth und Geltung, so zu sagen der Adel, der nach den vorurtheilsvollen Begriffen einer von Fürsten und Pfaffen verdorbenen Vergangenheit im Kopfe und im Herzen gesucht sei und gewissermaßen darin gesteckt habe, nur noch in den fleißigen Armen und schwieligen Händen als seinem wahren Sitz gefunden werde und von diesen als seinem einzig richtigen Boden, auf dem er erwachsen könne, ausgehe.

„Der Adel, der früher im Kopf steckte, zieht sich in die Fäuste – und dann nach dem Gesetz des weiteren Fortschritts in den Bauch! Auch gut!“ sagte der alte Thierarzt ingrimmig vor sich hin, doch laut genug, daß die Nächststehenden ihm über die Störung unwillig ein: „Ruhig – still da!“ zuriefen.

Doctor Milchsieber arbeitete weiter. Er erhitzte und schürte seine Beredsamkeit zu einem wahren Glühofen, in dem die Gründe, die packenden Schlagworte, die Phrasen nur so prasselten, und endlich, nach Verlauf einer Viertelstunde, konnte der Ofen die Gluth gar nicht mehr fassen; die Sätze fingen an zu knattern wie petroleumbegossene Scheiter; sie zischten wie Raketen aus einander, und dann, dann gab es als Schlußeffect ein großes Feuerrad von sprühenden Invectiven, von knatternden Witzschlägen, von zu Weißglühhitze gebrachten Gemeinplätzen wider den armen alten, nur noch von Pfaffen verehrten Herrgott, wider die unglückliche, nur von betrunkenen Poeten bewunderte erbärmliche Weltschlacke Erde und die bejammernswerthe, von blödsinnigen Metaphysikern und Philosophen mißleitete Menschheit … ein wahres zischendes, sprühendes, mit seinem Funkenregen schwindligmachendes Feuerrad war es, aus dem wie aus einer Nabe der Kopf des Doctor Milchsieber gleich einer glühenden Kugel blickte.

Es war natürlich, daß solch eine oratorische Leistung die empfänglichen Zuhörer fortriß; sie wurden lauter und lauter mit ihren bewundernden Unterbrechungen und beifälligen Zurufen – Bekräftigungen aller Art schwirrten durch die Versammlung; mit den Bierseideln wurde im Ueberschwang der Begeisterung auf die Tische und Bänke gestoßen, oder ein lautes Gelächter erschütterte die Wände, bis, als Milchsieber bei seinen Endworten angekommen und noch ehe diese ganz gesprochen waren, ein tosendes Beifallgeschrei und Gelärm ausbrach.

In Lanken hatte die Rede selbst nur eine grimmige Verachtung hervorgerufen, fast ein Mitleid mit all diesen phrasenhaften Dummheiten und lahmen Witzen. Der Beifallsturm aber, der Jubel allgemeiner Zustimmung machte ihn wild; das Maß Alles dessen, was er gestern und heute nun schon erleben müssen, war voll und das Gefäß schäumte über.

„Unsinn!“ rief er sich abkehrend laut aus, „ist der miserabelste Unsinn, den ein Mensch vorbringen kann; ist, calculire ich, der ekle Schleim, worin die Narren eingeweicht werden, wie die Stockfische im Salzwasser, damit man sie nachher verpfeifen kann …“

Diese heftig ausgestoßene Gemüthserleichterung des alten Herrn hatte auf seine Nachbarn, welche sie angehört, unmittelbar eine explosionartige Wirkung, wie es bei einer der allgemeinen Strömung so kühn sich entgegenwerfenden Opposition nicht anders sein konnte. Lanken wurde angeschrieen; Fäuste streckten sich nach ihm aus; Stöße fuhren ihm in den Rücken und in die Rippen; ein allgemeines Halloh entstand, in welchem es bald nicht mehr möglich war, das, was gerufen wurde, zu verstehen, während die allgemeine Tendenz der entstandenen Bewegung in ihrer Richtung auf ein gründlich gewaltsames Hinauswerfen des alten Herrn aus dem Local nur desto deutlicher verständlich war.

Aber der alte Herr war nicht umsonst so viele Jahre lang Farmer gewesen und hatte bei der Arbeit muskulöse Arme und eisenfeste Fäuste bekommen. Auch hatte er ein unerschrockenes Herz in der Brust, und so wehrte er sich wie ein Löwe. Dadurch bekamen die Herren vom Comité Zeit, sich beschwichtigend heranzudrängen; Doctor Milchsieber, dem es gar nichts verschlug, einen glänzenden oratorischen Triumph über einen Opponenten zu erringen, rief, sich zwischen Lanken und seine Bedränger werfend:

„Laßt doch den Herrn, wenn er anderer Meinung ist, sich aussprechen! Laßt uns doch hören, was er zu sagen hat! – Jedem Mann seine freie Meinung! – Auf die Bühne, alter Herr, auf die Bühne mit Ihnen! Wir kennen uns ja – Sie sollen nicht sagen, daß wir unsere Gegner nicht zu Worte kommen lassen …“

Lanken athmete von seinem Ringkampfe auf, wischte sich die Stirn mit seinem Tuche ab, unter dem her seine Augen den Doctor mit einem verzehrenden Zorne anglühten, und rief:

„Laß die Bühne gern Leuten wie Ihnen. Bin nicht gekommen, hier Reden wider Leute wie Sie zu halten. Aber meine Meinung will ich Ihnen nicht vorenthalten. Meine Meinung kann jeder hören, der Lust hat. Ist, daß Sie lauter Unsinn vorgebracht haben – blutigen Unsinn! Was wissen Sie hier von der Zukunft, von der Sie so viel geschwatzt haben? Wird sich abspielen nicht hier, sondern in Amerika, die Zukunft – wissen Sie! Nicht hier, wie Sie’s träumen! Sind fertig, die Menschen hier, mit diesem alten Lande. Haben’s cultivirt, haben’s beackert, haben’s drainirt und halten es säuberlich gejätet aller Orten. Wege laufen die Kreuz und die Quer wie zwischen Gartenbeeten; an jeder Gabelung steht ein Wegweiser: Schoppenstedt drei, Komma, fünf Kilometer. Jeder Baum und jeder Strauch hat seinen Herrn, jedes Stück Wild, denk ich, eine Nummer hinten aufgebrannt. Jeder Bach hat seine Rinne vorgeschrieben bekommen, jeder Fluß seinen Pegel, an dem ihm vorgezeichnet ist, wie hoch er steigen darf. Was ist denn nun für den Menschen, der auf den Kampf mit der Natur angewiesen ist, hier noch zu thun? Er hat die Natur ‚klein gekriegt‘ – sehr klein! Und aus Mäßigung fängt er nun zu hadern an mit denen, die dabei die Hauptarbeit gethan und also auch das größte Stück bekommen haben. Die Arbeit des Armes soll dabei so gut wie die des Kopfes gewesen sein? Wenn ein Erfinder wie Stephenson brütend über seinem Maschinenmodell sitzt, tritt der Hanswurst zu ihm und sagt: ‚Sieh, auf meiner Stirn hängt der Schweiß, den mir meine Capriolen im Circus ausgepreßt haben, wie auf Deiner Stirn die Schweißperlen, die [339] Deine Gedankenarbeit Dir auspreßt. Müh ist Müh, Schweiß ist Schweiß – wir haben gleiche Rechte, Du und ich; wir wollen auch unsere Lebensweise ausgleichen, unsern Besitz! Wir wollen einen Staat, wo Jeder gleiches Futter bekommt. Wir wollen den großen Zukunftstrog sehen, einerlei, wenn auch Jeder seinen Ring daran bekommt, an den er gekettet wird und fest liegt.‘

„Unsinn! Dummheiten! Ich sage Ihnen, Herr, ich, der es kennt; Amerika ist der Boden der Menschheitszukunft. Da ist eine große, unbezähmte, der Menschenkräfte und der Menschenordnung spottende Natur. Und mit ihr ringen um die Existenz, mit ihr kämpfen, um sie sich zu unterwerfen, das erfordert ganze, volle Menschen mit zäher, eiserner Kraft. Und Menschen mit zäher, eiserner Kraft, von denen ein Geschlecht nach dem andern die Art oder die Karsthacke vererbt, sie wollen nichts hören von Angekettetsein, vom Staatstrog, vom Casernenleben. Sie wollen die Ellenbogen frei haben. Freiheit wollen sie, Freiheit für Jeden; die Freiheit, zu genießen, was sie errungen haben, oder es aufzusparen für die Ihrigen, ihre Kinder; Freiheit für den Reichen, seine Schätze durch’s Fenster zu werfen oder sie auf eine waghalsige Speculation zu setzen; Freiheit für den Armen, sich durchzuschlagen, so gut er’s versteht; Freiheit für jede Kraft, sich einzusetzen und sich zu bewähren oder – unterzugehen. Solch eine Welt, wie diese ist und sein wird, wird die bestimmende sein für die Zukunft der Menschheit und ihr erstes Gesetz wird sein die Heiligkeit des Eigenthums, ihr Wahrspruch aber: Zum Teufel mit Allen, die mich und meine solide Kraft in die große Solidaritätscaserne mit allen unsoliden Burschen, die mich nichts angehn, einsperren wollen!“

Es war ein wunderliches Stück Beredsamkeit, was der alte Thierarzt da hastig und überstürzt vorbrachte – übermäßig viel ruhiger Gedankenentwickelung war nicht darin; aber für einen Mann, den man eben gestoßen und geschüttelt und angeschrieen hatte und den der eigene innere Zorn noch ärger schüttelte, bewies es so viel muthiger Geistesgegenwart, als man billig von ihm in seiner Lage erwarten konnte. Leider jedoch fand es weder diese noch irgend eine andere Anerkennung bei seinen Zuhörern.

„Herr!“ schrie ihm, als er jetzt aufathmend inne hielt, Doctor Milchsieber entgegen; „Sie kramen da die Grundsätze des allererbärmlichsten Egoismus aus, mit denen vor einer gebildeten Gesellschaft zu debütiren ein reifer Mann, wie Sie, sich schämen sollte …“

„Schämen“ – Lanken’s Faust ballte sich, und er erhob sie, seiner nicht mehr mächtig, und brachte sie Milchsieber’s noch immer feuerrothem Gesichte bedenklich nahe – „schämen … das wagen Sie mir zu sagen, Sie, der …“

Lanken fühlte sich schon wieder ergriffen, gestoßen, von Flüchen umschwirrt – das gab seiner Besonnenheit den Rest und wüthend rief er aus:

„Sie, der zu einer Bande gehört von Dieben, von Spionen …“

Zu enden wurde er durch eine Faust verhindert, die in sein Halstuch fuhr. Wie rasend schlug er jetzt um sich, um sich loszuringen; ein wüstes Geschrei erhob sich; eine rohe und widerwärtige Scene folgte, die nicht zu schildern ist. Zu gutem Glücke für des wackern alten Herrn heile Gliedmaßen dauerte sie nicht gar zu lange. Denn, wie aus der Erde gewachsen, standen nach einer Weile von wenigen Minuten vier, fünf Polizeileute da, die Lanken von seinen Drängern befreiten. Mit zwei andern Männern – es waren die, mit denen er hauptsächlich zu ringen gehabt hatte und deren Kampflust bei ihrem Anblicke wunderbar schnell erstarb – nahmen sie ihn in die Mitte, während ein ebenfalls wie aus der Erde gewachsener Herr in einer Dienstmütze nahe der Eingangsthür auf einem Stuhle stand und herrisch von da herunter rief: „Die Versammlung ist aufgelöst; die Anwesenden werden aufgefordert, aus einander zu gehen – räumen Sie das Local und gehen Sie sofort aus einander!“

Ein Schreien, Grunzen, Toben folgte; Lanken war es eine Wohlthat, aus dem Tohuwabohu zu entkommen und zwischen seinen Beschützern heil und unverletzt in’s Freie zu gelangen. Leider nur begnügten sich diese nicht mit ihrer Schützerrolle. Sie hielten ihn wie die beide andern Männer, deren sie sich bemächtigt, fest und führten sie weiter, zu dem Gartenlocal hinaus, und da die beiden Andern, welche größere Erfahrung in solchen Vorgängen haben mußten, ohne viel Protest sich führen ließen und nur lebhaft mit einander flüsterten, ließ sich auch Lanken, ruhig sein Schicksal erwartend und neugierig auf die weitere Entwickelung, fortführen.

Daß diese Entwickelung sich abspielen könne in dem Gebäude der Polizeidirection der Residenz, schwante ihm so ungefähr wohl, aber keineswegs ihr letztes Ende – er hätte wohl sonst gegen seine Verhaftung laut und lebhaft protestirt. Das Ende dieser Entwickelung entsprach nicht seiner Erwartung; denn er wurde nicht, wie er vermuthete, vor einen höheren Beamten geführt, dem er über sich hätte Auskunft geben können und mit dem er wohl bald zu einer Verständigung gekommen wäre; sondern man brachte ihn einfach in eine Haftzelle, ohne für sein Protestiren eine andere Antwort zu haben, als: er werde am nächsten Morgen zum Verhör gelangen.




12.


Aurel Lanken hatte unterdeß die Stunden in einer schwer zu schildernden Aufregung und Thätigkeit zugebracht. Die Abgabe der Geschäfte erforderte eine Menge augenblicklich zu treffender Maßnahmen und Verfügungen, die er einem Nachfolger nicht überlassen konnte; Papiere mußten geordnet und gesichtet, aufgeschobene Bescheide ertheilt werden – und dabei war Aurel in einer Gemüthsverfassung, die seine Gedanken jeden Augenblick von dieser Bedrängniß ablenkte, um ihn innerlich einer ganz andern Bedrängniß anheimfallen zu lassen.

Es lag ein so großes, aber auch so bitteres, unsäglich bitteres Glück in dem, was Regina ihm gesagt – in diesem Vorschlag zur Flucht mit ihm, zu der sie ihn ja förmlich gedrängt hatte. – Es war das offene Geständniß einer unbedingten Hingabe, ja mehr noch, einer Leidenschaft, wie sie für ihn nicht beglückender, nicht berauschender sein konnte. Aber wie furchtbar, wie herzbrechend bitter, das höchste Glück so nahe vor sich zu sehen und davor zu stehen mit zitternden, von unzerreißbaren Banden gefesselten Händen, die es nicht ergreifen, sich nicht nach ihm ausstrecken können!

Doch – es war das Muß, das unerbittliche, nicht umzustoßende, nicht zu erweichende Muß, dem er sich zu beugen, dem er alle schönen Träume von Lebensglück und Zukunft zu opfern hatte, und in der eisernen Härte dieses Muß lag der einzige Trost! Ueber den Schmerz, aus seinem Wirkungskreise scheiden zu müssen, half ihm gerade dieses Versunkensein in die persönlichsten Gefühle fort. Es war so Vieles, was er angeregt und aufzubauen begonnen, so mancher Keim war von ihm gepflanzt und gepflegt worden, weil darin eine für die Landeswohlfahrt fruchtbare Entwickelung vorauszusehen war; so Manches bedurfte noch seiner festen, schützenden Hand, wenn es nicht untergehen oder unter den Einflüssen einer anderen Denkrichtung verkümmern sollte. Aber das Alles verlor den Stachel seiner Bitterkeit in dieser Stunde, wenn er sich sagte: sei es drum – du bist nicht allweise, und guten Willens können auch Andere sein. Vielleicht wird der, welcher nach dir kommt, mit weniger Idealismus, als du, dem Lande ein praktischerer Verwalter sein und bald schon Niemand mehr es bedauern, daß du gingst.

Beschäftigt, wie er war, dazu durchwühlt von allem, was in diesen Stunden in seiner Brust vorging, hatte Aurel Sorge getragen, daß nicht noch Neues, Belästgendes auf ihn eindrang; er hatte seinem Diener befohlen, Niemand zu ihm zu lassen und einlaufende Briefschaften aller Art an sich zu nehmen, bis er sie ihm abfordere.

So kam es, daß er erst am andern Morgen, als der Diener ihm das Frühstück hereinbrachte, alles was eingelaufen war, vielleicht ein Dutzend verschiedenartigster Sendungen zugleich empfing; als er zerstreut sie durch die Hände gleiten ließ und die Adressen überflog, stutzte er bei der einer dieser Adressen – sie war von der Hand seines Vaters geschrieben. Rasch riß er das Couvert auf und las zu seinem nicht geringen Erstaunen:

„Lieber Aurel – sitze hier im Polizeigewahrsam – sie haben mich hier in Numero Sicher untergebracht, weil ich den Unsinn in der Socialistenversammlung nicht ruhig anhören konnte – wunderliche Logik – sitze aber fest. Habe ein wenig gelärmt, und in Folge davon haben sie mir Papier und Schreibzeug gegeben, damit ich es Dir mittheilen könn; wirst ja im Stande sein, mich bald wieder heraus zu lootsen. Dein Vater.“

Betroffen, erschrocken hatte Aurel diese Zeilen überflogen – ein wenig gedemüthigt und empört auch über seines Vaters transatlantische Neigung, sich in „Raws“ einzulassen, die ihn so arg [340] compromittirten. Es war dies nun schon das zweite Mal. Zunächst aber mußte gehandelt werden, um ihn seiner mißlichen Lage rasch zu entziehen; deshalb ließ Aurel sofort seinen Wagen anspannen und warf sich, als dieser vorgefahren war, hinein, um sich auf die Polizeidirection bringen zu lassen.

Als er auf dieser ankam, deren Hauptgeschoß die Wohnung des Directors enthielt, wurde er diensteifrig in den Salon hinausgeführt, einen etwas düster und streng aussehenden Raum mit einer bescheidenen, altfränkischen Einrichtung, die aber heute ein heiteres Bild gewährte, da sie durch eine wohlbesetzte Frühstückstafel belebt war, an der zwei alte Herren sich niedergelassen hatten; sie waren in lebhafter Conversation begriffen: und diese beiden alten Herren waren Niemand anders, als der gestrenge Polizeichef der Residenz und der alte Thierarzt selber, der seinem Sohne bei dessen Eintreten heiter und vergnügt zunickte. Der Polizeidirector sprang auf. „Excellenz sind es selber,“ rief er, Aurel entgegengehend, „in der That, ich kann mir Glück wünschen zu diesem kleinen Ereigniß, welches mir die Ehre verschafft, die beiden Herren hier zu einem morgendlichen Symposion zu vereinigen – ich darf doch bitten, mit uns vorlieb zu nehmen.“

Es war ein gemüthlicher dicker Herr mit einem rothen Gesichte, der Polizeidirector, in seinem Wesen und Plaudern die Harmlosigkeit selber – nur die ungewöhnlich lebhaften runden, grauen Augen leuchteten von etwas wie einer energischen Intelligenz, der nicht ganz „über den Weg zu trauen“ war.

Aurel reichte ihm die Hand und nahm zwischen den beiden Grauköpfen, die sich so gut und friedlich zu unterhalten schienen, Platz, um sich nun zunächst das Vorgefallene erzählen zu lassen. Der Polizeidirector hatte erst am gestrigen Abende spät aus dem ihm überbrachten Tagesrapporte die Namen der Verhafteten ersehen, und nun Lanken schon am frühen Morgen sagen lassen, daß er ihn bei sich zu sehen wünsche und zu seinem Frühstücke heraufzukommen bitte. Beim Frühstücke hatte sich dann das Verhör in eine harmlose Conversation einkleiden lassen, deren Ende nur Entschuldigungen des gestrengen Polizeihauptes für seine Myrmidonen waren – die Commissare und Polizisten hatten eben strenge Befehle, gegen Ruhestörungen jeder Art bei den Arbeiterversammlungen unnachsichtlich und ohne Ansehen der Person einzuschreiten. Daher das Vorgefallene!

Auch Aurel mußte dies gelten lassen, und nachdem man sich darüber ausgesprochen, hörte er mit Interesse, daß der Director und sein Vater eigentlich gute alte Freunde waren; denn in dem Sturmjahre des „Völkerfrühlings“ hatte der Director, der damals noch sehr jung gewesen, auch ein wenig in die „Farbennuance“ – „Welche die Ochsen nicht vertragen können,“ fiel der alte Lanken lachend ein – hinübergeschillert, und mit dem Thierarzte auf einem gar nicht üblen Fuße gestanden. Jetzt gedachte er nur lächelnd dieser „röthlichen Ansichten“. „In der Jugend,“ sagte er, „freut sich der Mensch an Giebelbauten und denkt, es komme Alles auf die Spitze an; wenn er reifer wird, lernt er einsehen, daß die Spitze nicht so wesentlich ist, daß eine Krone da oben ein recht gutes, beruhigendes Ding, aber das Leben auch unter einer Dogenmütze oder einem Präsidentencylinder erträglich ist, und daß Alles auf das Fundament des Staatslebens ankommt, welches da ist ein richtiges und verständiges Wahlgesetz. Das Volk ist das Material des Staatsbaues,“ demonstrirte der rothe gemüthliche Herr mit den funkelnden Aeuglein eifrig weiter; „und wer ein richtiger Baumeister sein will, der sieht sich das Material an, ehe er es benutzt, verwendet das gute, tüchtige, und wirft das schlechte bei Seite. Das sollten unsere Gesetzgeber und Constitutionenmacher sich zum Muster nehmen. Das allgemeine directe Stimmrecht gewähren – das heißt als Baumeister Hausteine, Quadern, Ziegel, Brocken, Klötze, Geröll und Geschiebe unterschiedlos zum Baue verwenden! Wird feste Mauern geben, haltbare Arbeit das! Werden’s ja sehen!“

Das waren nun bureaukratische Anschauungen, gegen welche der alte Thierarzt jeder Zeit bereit gewesen wäre sehr lebhaft zu polemisiren, an denen aber längeren Antheil zu nehmen Aurel heute nicht in der Stimmung war; und so drängte dieser denn nach einer Weile, nachdem er den Chef des Sicherheitsdienstes wiederholt versichert hatte, daß er seinen Organen die stricte Ausführung ihrer Instructionen durchaus nicht verdenken könne, zum Aufbruche. Der alte Lanken würde sich eigentlich recht gern noch ein Weilchen mit dem gestrengen Manne, der ihn hatte einsperren lassen, in gemüthlichen Discussionen ergangen haben, zu innigerer gegenseitiger „Anbiederung“. Aber Aurel mahnte ihn daran, daß es die höchste Zeit sei, heim zu eilen, um Lily zu beruhigen, die wegen des nächtlichen Ausbleibens ihres Vaters in großer Unruhe sein müsse.

Von dem Gedanken an die Grasmücke ergriffen, sprang denn auch der alte Herr lebhaft von seinem Stuhle auf – es drängte ihn nun auch, sich dem Polizeidirector zu empfehlen, und nachdem dies mit einer Wärme geschehen, die nur der aufrichtigsten Versöhnlichkeit entstammen konnte, bestiegen Beide Aurel’s Wagen, um nun ohne Verzug die Wohnung Lanken’s zu erreichen und Lily’s Sorgen ein rasches Ende zu machen.

„Ich habe die ganze Nacht an sie gedacht, die arme Mücke!“ sagte, als sie im Wagen saßen, der alte Herr. „Hätte mir sonst wenig daraus gemacht, einmal das Innere solch einer menschenfreundlichen Anstalt kennen zu lernen. Habe gesehen, außer der Ehre der Einladung ist die übrige Bewirthung nicht groß und nicht viel Aufhebens davon zu machen. Aber habe die Nächte schon übler zugebracht in meinem Leben, und wenn mir nicht all das Gift, das ich hier in den letzten Tagen habe schlucken müssen, am Herzen gefressen, hätt’ ich auf dem Strohpfühl geschlafen so gut wie daheim – und dann die arme Lily, das arme Geschöpf! Wie unsäglich besorgt sie sein wird! Sie ist so gut gegen ihren ‚dear Governor‘, wie sie mich nennt; sie hängt an mir mit der vollen Innigkeit ihres Herzens –“

„Die Du doch auch voll erwiderst, Vater,“ fiel Aurel ein; „denn im Grunde war es für Dich doch kein geringes Opfer, Deine Farm, die Du geschaffen und gepflegt und an der sicherlich Dein ganzes Herz hing, zu verlassen und fremden Menschen zu übergeben, blos weil Lily’s Köpfchen nun einmal darauf gestellt war, einen jungen Blondin von Weltfahrer zu lieben –“

„Nun,“ unterbrach der alte Lanken seinen Sohn, „was das Herz angeht und was die Farm, so sind es zwei verschiedene Dinge; jenes, siehst Du, ist mir darüber nicht gebrochen, daß ich diese für ein recht gutes Stück Geld losgeworden bin. Was aber das Herüberziehen, die Rückwanderung in diese von Gott verlassenen Himmelsstriche angeht – na, hätt’s wissen können, daß ich für die Welt hier nicht mehr tauge – aber siehst Du, Aurel, mußt’ ja schon, mußt’ der Grasmücke nun einmal folgen; denn was hab’ ich sonst auf der Welt noch als das Kind? Ist nun einmal mein Herzblatt, das Kind,“ fuhr er mit einem Tone fort, in welchem eine ihn überkommende tiefe Rührung zitterte, „und was kommt es viel auf einen solchen abgenutzten und verschlissenen Invaliden der Arbeit, wie ich einer bin, an – wenn nur das Kind glücklich wird! Von meinem Kind könnt’ ich mich nicht trennen, Aurel, niemals, niemals!“

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum nächsten Teil
zum Anfang
Autor: Levin Schücking
Titel: Bruderpflicht
aus: Die Gartenlaube 1881, Heft 22, S. 353-356
Fortsetzungsroman - Teil 9


[353] Unabweislich drängte sich Aurel der Gedanke auf, wie sein Vater doch vor Jahren sich so leicht von Weib und Kind getrennt habe. War das die Wirkung der stürmischen Bewegung jener Zeit gewesen, der Aufregung des politischen Fieberzustandes, in welchem er sich befunden? Oder hatte nach und nach das Leben, der Wechsel der Schicksale und alles, was den alternden Menschen weicher und weiser macht, auch seines Vaters Gemüthsleben vertieft und ihn fähig gemacht, jetzt mit so inniger Rührung an seine Grasmücke zu denken, mit einer Rührung, die Aurel um so mehr ergriff, je mehr er sich sagte, daß ein Charakter, wie der seines Vaters, so etwas vor dem Auge der Welt zu verbergen pflegt?

Und dann kam Aurel plötzlich ein häßlicher Gedanke, den er gleich darauf sich selbst vorwarf; ein Wort eines Schriftstellers – er wußte nicht mehr welches – fuhr ihm durch den Sinn: Die größten Opfer werden zumeist solchen Frauen gebracht, welche es am wenigsten verdienen.

Opfer waren freilich Lily große gebracht worden. Ihr Vater hatte dem, worin sie ihr Glück gesehen, seine ganze, zufriedene und geordnete Existenz dort drüben zum Opfer gebracht. Und er, Aurel, hatte er nicht auch im letzten Grunde ihr seine Ministerstellung, ihr die Hand Regina’s, ihr sein eigenes Lebensglück zum Opfer gebracht? Aber dem Gedanken, den jener Schriftsteller ausgesprochen, deshalb nachhängen zu wollen – es wäre furchtbar ungerecht gewesen; es wäre übrigens auch unmöglich gewesen, weil in diesem Augenblick der Wagen vor der Hausthür des neuen Hotels, welches Lanken bezogen hatte, hielt.

Vater und Sohn verließen rasch den Wagen, traten durch die offene Hausthür ein und eilten die Treppe zu Lily’s Zimmer hinauf. Als der alte Lanken dasselbe mit einem frohbewegten Ausruf: „Da bin ich wieder, kleine Lily,“ betrat, fand er es zu seiner Ueberraschung leer. Sie mußte im Nebenzimmer sein, dem von ihm selbst bewohnten – aber auch dies war leer. Wo war die kleine Lily? War sie in der Sorge um den Vater ausgeflattert, ihn zu suchen? Das arme Kind irrte vielleicht rathlos umher.

Aurel zog die Klingel. Ein Kellner erschien und brachte auch eine Auskunft, eine doppelte: eine mündliche und eine schriftliche, letztere in Gestalt eines Billets, das er dem alten Lanken überreichte. Die mündliche lautete, die junge Dame sei am gestrigen Abende abgereist; sie habe sich zu dem letzten Abendzuge, elf Uhr fünfzig Minuten, auf den Bahnhof fahren lassen.

„Welche Idee!“ rief Aurel. „Welche unglückliche Idee! Sie hat sich entschlossen – Ludwig nachzufolgen; sie hat ohne Zweifel Nachrichten von ihm erhalten.“

Der alte Lanken hatte das Billet aufgerissen und überflogen. Schreckensbleich mit aufgerissenen Augen reichte er es Aurel.

„Da – lies!“ stammelte er mit zitternder Lippe, „und sieh, ob Du’s begreifst!“

Das Billet war in englischer Sprache abgefaßt; zu deutsch lautete es ungefähr:

„Schilt nicht auf Dein armes Vögelein, dear old Governor, das davon flattert. Franz hat Recht – es war so unwürdig für mich, in dieser Lage auszuhalten. Franz ist der Einzige, der das mit mir empfindet, der ein Herz dafür hat, wie peinvoll es für mich ist. Franz kam heim und sagte, Du würdest wegen eines ‚Raws‘ in einem Volksmeeting von der Polizei zurückgehalten und werdest nicht heimkommen, und wir sollten die Stunden benutzen. Deshalb muß ich sehr schnell meine Sachen packen und kann Dir nur dies schreiben, damit Du Dich nicht ängstigst: Ich gehe mit Franz; er bringt mich zu seinen Verwandten. Wird auch alles Nöthige besorgen, daß ich von Ludwig ganz frei werde und wir uns heirathen können. Wird Dir auch ganz ausführlich schreiben – Alles, oder ich werde es thun. Deine arme Grasmücke. In Eile.“

Aurel stand wie vom Schlage getroffen, als er diese naive Epistel gelesen hatte; er starrte seinen Vater an und sein Vater starrte ihn an. Aurel fand zuerst die Sprache wieder:

„Sie ist – wahrhaftig – wenn dies nicht die Worte einer Verrückten sind, so ist sie –“

„Durchgegangen. Sie ist mit ihm durchgegangen.“

„Mit ihm – mit Franz – wer ist Franz?“

„Franz – der geschniegelte Windhund, der Stutzer von einem Buchhalter, der sich an uns drängte, uns mit seinen Aufmerksamkeiten verfolgte, mir gute Cigarren auftrieb, Lily ‚Love-stories‘ vorlas. Hätt’ ich eine Ahnung gehabt … Höll’ und Teufel!“

„Und wie heißt dieser Mensch?“

„Devil and hell!“ wiederholte der alte Thierarzt und erhob beide Fäuste, als ob er Teufel und Hölle zum Kampfe herausfordere. Aurel stand wie versteinert. Dann lachte er bitter auf.

„Du lachst noch?“ fuhr der alte Lanken mit seinem dunkelroth gewordenen Gesicht zu ihm herum.

„Wahrhaftig – es muß doch einer sein, der am Ende der Tragikomödie lacht, in der wir Beide eine so grausam komische Rolle gespielt haben.“

„Am Ende – am Ende … ich denke, wir stehen noch lange nicht am Ende,“ rief der alte Lanken. „Diesen Menschen, diesen Herrn Falster wird man trotz seiner Windhundbeine einzuholen [354] wissen, und wenn ich ihn dann nicht mit diesen meinen Händen erwürge …“

„Ach, Vater, Du wirst nichts erwürgen – das würde Deiner Grasmücke viel zu großen Kummer bereiten und verdürbe den Charakter des Stückes! Und deshalb laß mich lachen – lachen über uns arme Thoren, die wir unsere Rollen darin so schrecklich ernst und schwer und tragisch nehmen“

Der alte Lanken antwortete nicht. Er mußte Luft schöpfen. Die Erschütterung war ihm zu stark. Er mußte sich auf das Sopha niederlassen. Er mußte wieder und wieder tief Athem holen, und bleich und bleicher werdend starrte er vor sich hin, während ihm der helle Schweiß auf die Stirn trat.

Aurel stand noch eine Weile regungslos da – dann, des Vaters verändertes Aussehen bemerkend, trat er zu ihm und legte sanft seine Hand auf seinen Scheitel.

„Es ist nun einmal nicht anders, Vater,“ sagte er. „Wir haben da Beide eine Erfahrung machen müssen, die uns, so alt wir sind, unmöglich schien. Deine Tochter Lily ist nicht das, wofür Du sie hieltest, sondern ein wenig leichtsinnig, ein wenig flatterhaft, ein wenig von der Menschensorte mit der neuen Moral von heute, einer Moral, die am Ende der Teufel auch hat, wenn er an Sonntagnachmittagen gemüthlich beim Kaffee mit seiner Großmutter plaudert. Du mußt es zu verwinden wissen – einen alten Republikaner, wie Dich, dessen erste Mannessorge der Staat, die Allgemeinheit ist, darf das, was ihn in seinem eigenen Hause trifft, nicht zerschmettern; Brutus, weißt Du, ließ seine Söhne …“

„Hol’ der Teufel Brutus und seine Söhne!“ stöhnte der alte Herr: „hol’ ihn der Teufel, zusammt dem Republikanerthum und der Moral dieser gottverlassenen Zeit! Wollte, ich hätte Lily …“

Er vollendete nicht – er schöpfte nur wieder tief Athem.

„Du wolltest, Du hättest Lily ein wenig anders, ein wenig ernster, ein wenig strenger und ein wenig nachsichtiger gegen ihre Launen erzogen. Mach’ Dir darüber keine Skrupel, alter Governor, Du warst nicht der Mann dazu. Du hättest es auch nicht durchsetzen können; denn ich fürchte, es hätte sich mit Euren Sitten, Euren Grundsätzen drüben nicht vertragen. Wär’ nicht angegangen, fürcht’ ich.“

Da sein Vater schwieg, fuhr Aurel fort:

„Also laß uns aufrecht bleiben bei diesem Schlage, der Dir eine Tochter geraubt hat – eine Tochter, an der freilich Dein Herz hing – aber Dir doch einen Sohn läßt, Vater – einen Sohn, an dem Du freilich nicht viel Freude erlebt hast, der sich sogar zu einem Fürstendiener, einem Minister, einem Tyrannenwerkzeuge entwürdigte, der aber doch weiß, was Sohnespflicht ist …“

Der alte Lanken faßte wie mit müder, schwerer Hand nach der Hand seines Sohnes, die jetzt auf seine Schulter herabgeglitten war; er hielt sie fest, aber er antwortete nicht.

So blieben Beide lange wortlos. In des alten Thierarztes Augen traten ein paar dicke Tropfen, die an seinen Wimpern hängen blieben. Aurel sah gerührt auf ihn nieder. Sein Auge blieb trocken, aber wer hätte sagen können, daß er in dieser Stunde, in der das Bewußtsein seines Verlustes sich mit doppelter Schwere ihm auf’s Herz legte, weniger litt als sein getäuschter Vater?




13.

Sie redeten lange kein Wort, die beiden Männer. Redseligere Leute als sie hätten vielleicht das dringende Bedürfniß empfunden, jetzt sich gründlichen Erörterungen und Untersuchungen hinzugeben, wie diese Flucht Lily’s, dieses Durchgehen mit einem fremden jungen Menschen möglich gewesen, auf welchem Wege es dazu gekommen und wie es ausgeführt worden; aber weder der Vater noch der Sohn empfanden ein Bedürfniß dazu. Sie konnten es sich ja vorstellen; sie konnten die allmähliche Entwickelung des Verhältnisses zwischen Lily und ihrem Verführer sich ausmalen und sich vorstellen. Der junge Mann, aus einem wohlhabenden Hause stammend, schien in seiner Thätigkeit am hiesigen Platze ganz außergewöhnlich viel Mußestunden übrig gehabt zu haben. Und Lily, die er in der Pension Schallmeyer’s kennen gelernt, hatte eben auch der Muße so viel, so sehr viel gehabt, zu viel für solch ein unbehütetes junges Ding. Und das hatte sie denn öfter und länger zusammengeführt, als Lily’s „dear governor“ wahrgenommen oder beachtet, oder es hatte nicht gegen seine amerikanischen Sittenbegriffe verstoßen. Lily hatte Franz ihr Vertrauen geschenkt, und Franz hatte mit seiner Ansicht nicht zurückgehalten, daß es ihrer sehr wenig würdig, einen Gatten, der bei ihrer Ankunft feige davongelaufen, sich durch Processe und Advocaten wieder einzufangen; vielleicht war es Franz’ aufrichtige Ansicht gewesen. Vielleicht hatte er ihr ein Bild ihrer Zukunft in dem düsteren Grafenschlosse entworfen, hatte ihr geschildert, wie sie dort zwischen einem Gatten, der nicht wagte, sie zu vertheidigen, und einem Schwiegervater, welcher gezwungen werden mußte, sie in sein Haus aufzunehmen, einen wenig beneidenswerthen Platz einnehmen werde – vielleicht war Lily vor solcher Zukunft erschrocken. Und da nichts dawider sprach, daß Franz sich wirklich in die reizende junge Dame verliebt hatte, so mochte ihr die Zukunft, welche sie an seiner Seite im Hause oder im Kreise der Seinigen finden würde, in bestem Glauben freundlich und verführerisch genug erschienen sein. Das Alles konnte man sich denken. Und da Lily schon einmal in ihrem Leben, bei dem raschen Erglühen ihrer Neigung zu Ludwig und dem schnellen Entschlusse, für immer die Seine zu werden, Proben abgelegt, daß ein großer und seltener Fonds von muthiger Thatkraft für übereilte, entscheidende Entschlüsse neben nur geringer Anlage für besonnenere Erwägungen in ihrer jungen Seele lag – so hatte sie nun den richtigen Augenblick benutzt, wo ihr „dear governor“ sich in einer eigenthümlich difficilen Situation befand, die ihr Handeln ihrer eigenen Verantwortlichkeit überließ, um mit dem jugendlichen Franz durchzugehen, der, wie sie schrieb, der Einzige war, welcher mit ihr empfand.

„Dieses Eine,“ rief endlich der alte Thierarzt auf und schlug dabei verzweifelnd mit der geballten Rechten auf sein Knie, „dieses Eine werde ich ihr nie verzeihen können: sie, für die ich Alles that, was ich ihr an den Augen absehen konnte, hat mich mit keiner Silbe ahnen lassen, was in ihrem Herzen vorging und was sich hinter meinem Rücken anspann und abspielte. Hätte sie mir doch nur offen gesagt –“

„Was, Vater?“ unterbrach ihn Aurel. „Daß sie von Ludwig nichts mehr wissen wolle?“

„Nun ja, und daß ein Anderer ihre Neigung gewonnen.“

Aurel schüttelte den Kopf.

„Seien wir darin gerecht, Vater!“ sagte er. „Es ist nicht anzunehmen, daß, wenn sie so offen gegen Dich gewesen wäre, Du etwas Anderes geantwortet hättest als ein zorniges: ‚ich bin über’s Meer gekommen, um meiner Tochter Recht zu fordern, und ich will dieses Recht. Es handelt sich um Deine und meine Ehre, und wir wollen unsere Ehre wahren, auch wenn wir darüber zu Grunde gehen sollten.‘ Und sodann – davon bin ich überzeugt – würdest Du Herrn Franz Falster zur Thür hinausgeworfen haben.“

Der alte Lanken seufzte tief auf. „Es mag so sein,“ sagte er mit einem leisen Wiegen seines Kopfes und einer Stimme voll tiefer Betrübniß, „es mag so sein, daß diesem Franz Falster ein solches Schicksal geblüht hätte. Oder hättest Du mir, wenn ich Dich erst um Rath gebeten, etwas Anderes zu thun empfohlen?“

„Schwerlich, Vater. Und dazu wird kommen, daß Lily unter dem Drucke seines Willens stand, indem sie gegen Dich über Alles schwieg. Er hat Deine Lage durchschaut und vorausgesehen, wie Du handeln würdest, wenn Lily Dir ihr Geheimniß verriethe.“

Der alte Herr nickte wieder, und dann nach einer Pause sagte er halb flüsternd:

„Es ist sehr grausam, das Alles so durchdenken zu müssen. Wenn sie, wie Du eben sagtest, es durchschauten daß unsere Ehre davon abhing, Lily’s Recht durchzusetzen, so hätten sie uns dies nicht anthun müssen. Aurel. Wer wird jetzt nicht einen Stein auf uns werfen und behaupten, ich habe eine Schwindelei wider Ludwig Gollheim versucht, ein Märchen vorgebracht, mit Documenten geprahlt, die gar nicht vorhanden gewesen, und jetzt, wo Lily sich einen anderen reichen Gelbschnabel eingefangen, die ganze Intrigue fallen lassen?“

„Man wird sehr viel behaupten, Vater; Dinge wird man wissen und verbreiten, an welche unsere Seele nicht gedacht hat. Dessen dürfen wir überzeugt sein.“

Der alte Lanken stützte seinen Ellenbogen auf’s Knie und blickte, wie unter dem Druck seiner Gefühle zusammengekauert, trübsinnig vor sich hin.

„Aurel!“ sagte er dann, sich ein wenig emporrichtend und beide Hände auf seine Kniee stemmend, um so noch immer den Boden [355] anzustarren, „Aurel, es ist eine wunderliche Welt. Da bin ich nun um mein gutes altes Leben auf der Farm gekommen. Und die Farm selber, an der mein Herz hing, ist hingegeben. Und Du, Du bist auch um Deine Stellung gekommen. Du warst hier im Lande groß und mächtig und konntest noch viel Gutes thun. Und jetzt bist Du nichts mehr. Wir Beide sind um unsere Ehre gebracht worden, wenigstens um unsern guten alten Namen in derselben alten Stadt, in der wir Beide aufgewachsen sind und als Kinder gespielt haben und … und … an der uns doch liegt, Aurel!“ endete der alte Herr rasch mit einem wahrnehmbar weicheren Klang seiner Stimme, die ihn wohl vorziehen ließ, weiter nicht viel darüber zu sagen, um nicht zu verrathen, wie es mit seiner männlichen Fassung aussah. Aurel nickte leise mit dem Kopfe.

„Es ist so, in Wahrheit,“ sagte er, „und das Alles – weshalb?“

„Ja, weshalb?“ antwortete nach einer längeren Pause der alte Herr. „Denke, hast das Richtige getroffen, Aurel, wenn Du von einer Moral redest, wie sie auch der Teufel entwickelt, wenn er mit seiner Großmutter ein gemüthliches Plauderstündchen hat. Haben heutiges Tages so etwas wie eine solche Moral, eine Moral, wonach die Weiber ihren Männern entlaufen, welche ihre Seelenbedürfnisse nicht verstehen, und die Männer den Frauen, welche ihr geistiges Leben in seiner Entwickelung hemmen – sie nehmen dann andere, weniger hemmsame Weiber. So entlaufen natürlich auch die Töchter den Eltern, welche ihre glückshungrige Seelentiefe nicht begreifen. Und so weiter und so weiter. Kommt das Alles ja tausendmal vor, heutigen Tages. Und den, der darunter leidet – wer bemitleidet, wer denkt an den?“

„So ist es. An ihn denkt man nicht, aber wie darunter gelitten werden kann, das empfinden wir Beide in dieser Stunde.“

„Ja, empfinden es – empfinden es sehr schmerzlich, Aurel. Greift mir an’s Herz das, Aurel, und weiß nicht, ob ich’s überstehe. Fürchte, es wird meinem morschen abgerackerten Leben zu viel sein. Weiß nicht, was aus mir werden soll, ohne die Grasmücke.“

In des alten Herrn Wimpern leuchteten von Neuem die Thränen auf – Thränen, welche vielleicht nicht mehr darin geglänzt hatten, seit er ein gereifter Mann geworden.

Aurel sah schweigend auf ihn nieder. Vielleicht wäre es das Natürlichste gewesen, ja seine Pflicht, den alten Mann zu trösten. Aber auch über ihn kam etwas, was er nicht gefühlt, seit er ein Mann geworden, etwas von einer Stimmung, von einem Zustande, als ob ihm die Welt zu einem Traumgebilde ohne Werth und Inhalt geworden, zu einer schattenhaft an ihm vorüberziehenden Bilderreihe. Es war wie die unbewußte Erkenntniß, die ihn als Empfindung überkam, daß, wenn der sittliche Kern aus dem, was vor unseren Augen an Geschehenem vorüberzieht, dahinschwindet, die Welt den Werth eines Traumgebildes enthält. Von dieser Empfindung fühlte er sich nun gebannt; er war wie gelähmt, nicht besiegt oder gebrochen durch eine Kampfesarbeit, nicht zerschmettert in einem männlichen Ringen, sondern betrogen, um den Lebensmuth und den Willen zum Leben bestohlen.

So stand er und blickte mit gedankenvollen Augen und unbewegten Mienen auf seinen Vater nieder; er hätte vielleicht noch lange so gestanden, wenn nicht der Diener gekommen wäre, um zu fragen, ob sein Wagen noch länger unten warten solle.

„Ich komme,“ sagte er. „Und Du, Vater, begleitest mich. Ich muß zurück; es kann da Unaufschiebliches geben, aber Dich darf ich nicht verlassen jetzt. Du bleibst in meiner Nähe.“

Dem alten Manne war es gleich, wo er sich befand. Es mochte ihm selbst wohl thun, jetzt dem Sohne nicht von der Seite zu weichen. Er war daher einverstanden und folgte ihm. Als sie Aurel’s Wohnung erreicht hatten, sorgte dieser mit stummbeflissener Zärtlichkeit für des Vaters Bequemlichkeiten, und indem er dann sich den Einläufen auf seinem Schreibtisch zuwandte und flüchtig diese zu durchmustern begann, sorgte er, daß dazwischen nie ganz ihr Gespräch versiechte, damit der alte Mann nicht seinem schmerzlichen Gedankengange ganz rückhaltlos verfalle.

So verrannen ein paar Stunden, als der Diener eine Karte hereinbrachte mit der Meldung, der betreffende Herr wünsche dringend die Ehre einer Unterredung mit der Excellenz haben zu können.

Aurel las den Namen eines ehemaligen Collegen aus der Zeit, in der er selbst ein einfacher Advocat gewesen, des Justizraths Doctor Gruber. Er ließ ihn bitten, einzutreten.

Doctor Gruber war ein ältlicher Herr mit einem langen gelben Gesicht und über den Acten hohlgewordenen Wangen, aber mit scharf gebliebenen, stechenden grauen Augen, die den richtigen Blick für das Leben, das nicht in die Acten kommt, nicht verloren zu haben schienen. Auch war er der Anwalt, den sich, wenn es verwickelte Rechtsfragen und Fälle zweifelhafter Art galt, jede Partei im Lande zu sichern suchte.

Aurel erwiderte seine Verbeugung, indem er ihm die Rechte bot und dann auf einen Stuhl deutete.

„Wir haben uns lange nicht gesehen, Doctor,“ sagte er dabei. „Hoffentlich kommen Sie nicht als Herold irgend einer juristischen Fehde-Erklärung?“

„Im Gegentheil, Excellenz, ganz als ein Friedensuchender. Ich komme als Mandatar eines ebenso verliebten wie leichtherzigen jungen Mannes, dem an dem Frieden mit Ihnen so viel gelegen ist, wie dies bei solcher liebenswürdigen Charaktereigenschaften nur immer der Fall sein kann.“

„Sie kommen – doch nicht im Auftrage des Herrn –“

„Franz Falster – Sohnes von Anton Falster, Weinhändler und Besitzer in Giersbach, Kreis Langenrath am Rhein.“

„Nun“ rief hier der alte Thierarzt aufspringend und herantretend dazwischen, „so werden wir, denk’ ich, etwas Neues hören. Sie kommen – Sie haben den Muth, Herr –“

„Still, Vater!“ sagte Aurel, beschwichtigend seine Hand auf den Arm des alten Herrn legend; „dies ist mein Vater, Doctor Gruber. Was Sie mir zu sagen haben, wird auch für ihn sein.“

„In der That – völlig so,“ versetzte Doetor Gruber, sich leicht vor dem alten Herrn verbeugend, „freut mich, beide Herren zusammen zu treffen; wir werden, hoffe ich, desto schneller zu gedeihlichem Ende kommen.“

Aurel deutete noch einmal auf einen Stuhl, auf den Doctor Gruber sich, nachdem auch Aurel seinen Arbeitssessel wieder eingenommen bequem niederließ, ohne den zornigen Blicken, mit denen der alte Herr, stehen bleibend, seine Bewegungen verfolgte, die geringste Rücksicht zu schenken.

„Sehen Sie, Excellenz,“ hob Doctor Gruber zu Aurel gewandt an, „dieser junge Mann, von dem die Rede ist, kam zu mir und klagte mir seine Lage, oder eigentlich besser gesagt, die Lage einer gewissen jungen Dame, mit deren Verhältnissen ich nicht nöthig habe, die beiden Herren näher bekannt zu machen. Diese Verhältnisse hatten an und für sich nichts, was außergewöhnlicher Art und exceptioneller Natur war; der einzige Zug darin, der ihnen ein tragisches Moment beimischte, war, daß die junge Dame eine so weite Reise gemacht, um eine Erfahrung zu gewinnen, die andere leichtgläubige Frauengemüther ohne den Aufwand so großer Reisespesen machen dürfen. Sonst waren die Verhältnisse, welche mir geschildert wurden, nicht außergewöhnlich, aber sie hatten sich in letzter Zeit ganz bedenklich complicirt durch den Umstand, daß zwischen der betreffenden jungen Dame und meinem jungen Manne ein Verhältniß von so leidenschaftlicher Natur entstanden war, wie wir kaltblütigeren Leute es uns je nach unserer respectiven Glaubensfähigkeit für solche Dinge um irgend vorzustellen vermögen. Ich kann jedoch über das, was in dieser Beziehung meiner allgemein menschlichen Theilnahme anvertraut wurde, hinweggehen und mich an das geschäftliche Resultat und die praktischen Folgerungen halten, die mich nun eben zu Ihnen führen; denn das war nun einmal das Bittere in der Lage unserer jungen Dame, daß die tiefen und poetischen Regungen ihres unschuldigen Herzens von so wunderlichen juristischen Bedenken und civilistischen Zweifeln begleitet sein mußten, und sie sich keinem Gefühle hingeben, keinen Gedanken fassen konnte, ohne daß die bürgerliche Moral und das Gewissen, oder wie wir das nennen wollen, kamen, um ein Fragezeichen dahinter zu machen. In dieser Verlegenheit wandte sich dann Herr Falster an mich um Rath und um Beihülfe zur juristischen Regulirung der Lage seiner Geliebten, und es wäre wider meine Geschäftspraxis gewesen, die Vertretung so interessanter Parteien abzulehnen. Ich hoffe, Excellenz, daß Sie mir deshalb nicht übel wollen. Ich würde untröstlich sein, wenn Sie mich nur irgendwie im Lichte eines Widersachers erblickten, wenn Sie glaubten, ich hätte irgend einen andern Wunsch und Gedanken bei der Sache, als das Glück der jungen Leute in einer Weise zu vermitteln, welche möglichst auch Ihren Anschauungen entspricht: ich komme, Excellenz, nur in der Absicht, mich über diese Anschauungen zu unterrichten, mich in meinem Procedere, so weit es irgend angeht, ihnen zu unterwerfen.“

Vater und Sohn waren dieser langen wortreichen Auseinandersetzung [356] mit großer Spannung und schweigend gefolgt, Aurel hatte zu gleicher Zeit mit seinem scharfen Auge in den Zügen des Advocaten zu lesen gesucht, aber nicht recht verstanden, weshalb dem Manne bei dem, was er sprach, eine so spöttisch aussehende Heiterkeit aus den Augen blitzte. War das Schadenfreude, der landläufige, allgemein menschliche Mangel an Wohlwollen bei des Nebenmenschen Verdruß? Nein, das war es nicht; es war etwas Anderes, das Aurel nicht errieth – es war das Bewußtsein, daß er dem Minister eigentlich einen ungeheuer großen Dienst leistete, wenn er ihn der Nothwendigkeit überhob, mit dem Grafen Gollheim, mit dem Vater Regina Gollheim’s, einen häßlichen Proceß zu führen, noch dazu um einer ihm ganz fremden, aus Amerika herübergeschneiten Schwester willen. Er war eben klug, der Doctor Gruber; er wußte, was vorging; sich mit dem dirigirenden Minister auf einen Fuß intimen Vertrauens stellen zu können, war etwas, das ihm just convenirte, und es war nur schade, daß er keine Ahnung von dem gestern bereits eingereichten Entlassungsgesuch Aurel’s hatte; er hätte sich dann vielleicht nicht so dienstbeflissen gezeigt.

„Ein ganz verfluchter Zungendrescher!“ murmelte, ihn mit zornigen Blicken anstarrend, der alte Thierarzt, als Doctor Gruber eine Pause im Sprechen machte, während Aurel erwiderte:

„Ich bin Ihnen dankbar für diese Zuvorkommenheit und freundliche Rücksicht, welche Sie uns ausdrücken, Doctor. Ich möchte aber, bevor ich Ihnen antworte, doch noch bitten, uns weitere Aufschlüsse über das zu geben, was Sie den jungen Leuten gerathen haben, und was nun weiter geschehen soll?“

„Was ich den beiden jungen Leuten oder besser dem Herrn Falster, der allein mit mir verkehrte und die ganze Sache betrieben hat, gerathen, ist einfach gewesen: wenn er die bewußte junge Dame heirathen wolle, habe er vorher ihre frühere mit einem Andern nach amerikanischen Gesetzen eingegangene und dem Anschein nach völlig gültige Ehe annulliren zu lassen und sich gründlich gegen alle etwaige Folgerungen aus derselben sicher zu stellen. Die Annullirung dieser Ehe werde sich vielleicht wegen Formfehlers, verbunden mit dem Widerspruch des Vaters des jungen Ehemannes, des Grafen Gollheim, erreichen lassen. Jedenfalls sei die Scheidung ex capite malitiosae desertionis, wegen Ludwig Gollheim’s Verschwinden unschwer zu erreichen. Nur könne der Antrag auf Annullirung oder Scheidung der Ehe nicht von mir als Mandatar der jungen Dame bei Gericht eingebracht werden, während Sie, Excellenz, einen andern Mandatar, mit den Vollmachten derselben jungen Dame ausgerüstet, bei demselben Gericht den Antrag stellen ließen, den Grafen Gollheim zur Anerkennung der Ehe seines Sohnes zu verurtheilen.“

„Wäre natürlich ein seltsamer Widerspruch gewesen,“ fiel Aurel ein. „Sie riethen also …“

„Ich riet, sofortige Fürsorge zu treffen, daß dies nicht geschehe – nur dies nicht! Und das Mittel, Ihnen, Excellenz oder Ihrem Herrn Vater jedes Vorgehen unmöglich zu machen, lag ja auch nahe zur Hand. Es brauchtem Ihnen ja nur die beweisenden Documente zu fehlen.“

„Ah … und diese Documente?“

„Gehörten weder Ihnen noch Ihrem Vater. Sie waren ausgestellt für die bewußte junge Dame. Sie bekundeten die Trauung dieser jungen Dame mit Ludwig Gollheim. Sie waren ausschließliches Eigenthum Ihrer Schwester, und diese –“

„Sie – sie nahm die Documente an sich?!“ rief Aurel aufspringend in unbeschreiblicher Erregung.

„Himmel und Hölle,“ murmelte dazu der alte Thierarzt, „Lily nahm sie – stahl sie – Lily!!“

„Stahl sie,“ fiel lächelnd Doctor Gruber ein, „ist nicht das richtige Wort, mein bester Herr. Niemand kann eine ihm gehörige Sache stehlen. Die junge Dame nahm, was ihr Eigenthum war, an sich, und zu mehrerer Sicherheit übergab sie es Falster, der mir diese Papiere vorlegte, die …“

„Ihnen!“ rief Aurel. „Sie also haben die unglücklichen Blätter?“

„Sie sind nebst der nöthigen Vollmacht in meinen Händen zurückgeblieben, allerdings,“ antwortete unberührt von der furchtbaren Wirkung, welche seine Enthüllung auf die beiden Männer hervorgebracht, der Doctor Gruber. „Es ist natürlich, daß ich sie dem Gericht einreiche, wenn ich primo loco die Annullirung der Ehe, die Invalidirung dieser Blätter beantrage – eventuell.“

Der alte Lanken war in eine furchtbar erregte Gemüthsverfassung gerathen; er hätte diesen „Zungendrescher“, der ihm mit der empörendsten Gemüthsruhe überwältigende Dinge wie ein alltäglichstes Geschäft vorbrachte, zu Boden schlagen, niederboxen, ihm einen derben Theil von dem, was er Herrn Falster gönnte, auf den Rücken bläuen mögen. Aber er schwieg, trotz aller innern Wuth, die sich nur durch ein krampfhaftes Ballen seiner Hände, ein wiederholtes Ausstoßen eines derben Fluches äußerte; er war doch besonnen genug, um sich zu sagen, daß er nach Allem, was geschehen, mit Protestiren und Widerspruch nichts erreichen werde. Hatte er doch selber oft genug Gollheim’s Protest als thöricht verhöhnt und verspottet! Heute war die Reihe an ihm, sich die Grenzen der väterlichen Gewalt zu Gemüthe zu führen.

Und schwerer noch traf Doctor Gruber’s Enthüllung Aurel, so schwer, daß er der weiteren Ausführungen dieses Mannes nur mit mühsamer Anstrengung zu folgen vermochte. Er gab dann bereitwillig die Versicherung, daß, was ihn, Aurel betreffe, er dem Doctor Gruber gern jede Vollmacht gebe, zu thun, was er im Interesse seiner Clienten für zweckmäßig erachte. Auch der alte Thierarzt nickte dazu mehrmals ingrimmig mit dem Kopfe.

„Auch meinethalb,“ rief er aus, „auch meinethalb thun Sie, was Ihnen gut scheint! Bin von Lily nicht gefragt worden, bevor sie ihre Wahl zwischen dem alten und dem neuen Liebhaber getroffen hat, und nun will ich auch weiter von andern Leuten nichts davon hören. Sollen mich in Ruh lassen damit, die Leute! Thun Sie Alles, was Sie für nöthig halten, Herr! Aber richten Sie die Sachen so ein, daß Sie meiner nicht dabei bedürfen! Es wäre möglich, daß, wenn Sie sich auf mich stützen wollten, in irgend einem Punkt, Herr, Sie mich nicht in der Stimmung fänden, um all dieser Menschen willen – mit eingeschlossen Sie und Herrn Falster und die Grasmücke selber, auch nur ein Wort zu verlieren. Wahrhaftig, auch nur ein Wort!“

Doctor Gruber zuckte leise die Achseln lächelte überlegen und deutete doch mit dem herablassenden Blick, den er auf den alten Herrn warf, sein Verständnis für die Gefühle eines beleidigten Vaters an. Zu Aurel herüberblickend sagte er dann:

„Und Sie, Excellenz, Sie hätten mir weiter auch keine Wünsche zu äußern, keine Befehle für mich?“

„Ich habe Ihnen nichts zu sagen, Doctor, als daß ich Ihnen in Ihrer Sache den besten Erfolg wünsche. Werden Sie sich auch mit dem Grafen Gollheim in Verbindung setzen?“

„Das war allerdings meine Absicht.“

„So thun Sie es bald! Ihre Nachrichten werden ihm ebenso erfreulich sein, wie sie für uns erschreckend sind.“

Aurel verbeugte sich, und Doctor Gruber, der sich in der Hoffnung auf eine längere und gründliche juristische Erörterung der Angelegenheit durch die Verschlossenheit der beiden Herren getäuscht sah, nahm denn auch seinen Abschied und ging.

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum Anfang
Autor: Levin Schücking
Titel: Bruderpflicht
aus: Die Gartenlaube 1881, Heft 23, S. 382-384
Fortsetzungsroman - Teil 10


[382] Vater und Sohn standen eine Weile einander schweigend gegenüber. In Aurel’s Mienen lag der Ausdruck einer tiefen Wehmuth; der alte Lanken sah ihm mit immer starrer und steinerner werdenden Zügen in’s Gesicht, und endlich murmelte er:

„Also sie hatten die Papiere. Lily hatte sie genommen, und wir klagten andere Menschen des Diebstahls an. Ist mehr, als ich vertragen kann, Aurel, viel mehr. Mach’, daß ich fortkomme! Geh’ in meine Wälder nach Michigan zurück. Ist keine gute Luft hier für mich, nicht gesund für unser eins! Aurel, für Dich wär’ es das Beste, Du kämst mit – mit mir hinüber.“

„Vielleicht,“ sagte Aurel gedankenvoll. „Wir werden sehen. Vielleicht! Für’s Erste habe ich hier eine heilige Pflicht zu erfüllen, eine schwere Pflicht, aber erfüllt soll sie werden.“

Er klingelte und verlangte nach seinem Wagen.

„Was willst Du, Aurel?“ fragte der alte Lanken.

„Als reuiger Mensch meine Schuld bekennen!“

„Ah – Du willst –“

„Thun, was ich dem Herzoge, dem Grafen schuldig bin!“

Der alte Thierarzt sah ihn an, schüttelte den Kopf, nickte und sagte dann mit einem herzhaften Seufzer:

„Bist doch ein ehrlicher Kerl geblieben bei aller Ministerschaft, Aurel!“

Als der Wagen vorgefahren war, eilte Aurel hinab und befahl seinem Kutscher:

„Zur Residenz des Herzogs.“ – –

Der Herzog war wenig aus Aurel’s Besuch gefaßt. Er empfing ihn mit einer ein wenig gerunzelten Stirn.

„Sie, Lanken?“ sagte er. „Ich dachte, wir hätten uns gegenseitig ausgesprochen, und es sei Alles gesagt.“

„Leider nicht Alles, Hoheit, etwas – das Sie von meinen eigenen Lippen hören müssen, noch nicht.“

„Und was kann das sein?“

„Ein Schuldbekenntniß und eine Ehrenerklärung. Ich habe Ihnen gesagt, Hoheit, daß die bewußten Documente gestohlen seien. Indem ich dies aussprach, erhob ich eine Anklage wider den Herrn Graf Gollheim. Darin liegt meine Schuld.“

„Ihre Schuld? Ich bin begierig –“

„Die Documente sind nicht gestohlen. Meine Schwester selbst hat sie, ohne mein und meines Vaters Vorwissen, an sich genommen und in die Hände des Rechtsanwalts Gruber gelegt. Gruber ist von ihr zur Annulirung ihrer Ehe mit Ludwig Gollheim bevollmächtigt.“

„Ah, ich denke, desto besser – für Euch Alle!“

„Vielleicht, Hoheit! In diesem Augenblick fühle ich nur die bittere Reue, vor meinem Fürsten eine ungerechte Anklage gegen einen seiner ersten Diener ausgesprochen zu haben. Ich werde mir das nie verzeihen.“

„Sie sind ein ehrlicher Mann, Lanken,“ sagte der Herzog, nachdem er Aurel eine Weile schweigend angeblickt hatten „ja, ein ehrlicher Mann, und ich weiß nicht,“ setzte er nachdenklich hinzu, „wer Sie mir ersetzen soll. Ihr Vater –“

„Ist auch ein ehrlicher Mann, Hoheit, und –“

„Ich will nichts wider ihn sagen, aber wäre er drüben geblieben –“

„Er wird, denk’ ich, zurückreisen.“

„Er wird zurückreisen? Dann – wissen Sie was, Lanken? Nehmen Sie einige Monate, ein Jahr meinethalben Urlaub! Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen eine diplomatische Mission in’s Ausland geben, und nachher –“

„Hoheit,“ versetzte Aurel schmerzlich lächelnd, „in’s Ausland denke ich zu gehen. Ich werde meinem Vater zur Seite bleiben.“

„In der That? Nun, so gehen Sie! Aber kehren Sie zurück, [383] Lanken! Nach Jahresfrist, wenn drüben für Ihren Vater gesorgt ist. Wollen Sie?“

Aurel verbeugte sich ein wenig unschlüssig.

Der Herzog streckte ihm die Hand entgegen.

„Da – versprechen Sie mir es mit Ihrem Handschlag!“ rief er lebhaft. „Dann weiß ich, daß Sie Ihr Wort halten.“

Aurel konnte nicht anders als seine Hand in die seines Fürsten legen. Dieser schüttelte sie warm, wie die eines Freundes, und Aurel ging.




14.


Es war mehr als vier Monate später. Am Rheine war die Weinlese bereits vorüber; die Weinblätter lagen zum Theil vergilbt neben ihren Reben, und das noch dunkelgrüne Laub der Wallnußbäume zeichnete sich in den Gärten unter den rothen und gelben Obstbaumwipfeln in scharfen Contrasten ab; auf den vorspringenden Bergwänden lag der Schein einer heitern klaren Herbstsonne; ein blauer Himmel spannte sich hoch und hell über die beiden Höhenzüge, welche den breiten Strom begleiten, unten aber zog ein ziemlich scharfer und trockener Wind über die Wasserfläche dahin und bog die Rauchsäule eines sich stromaufwärts arbeitenden Dampfers in scharfem rechtem Winkel niederwärts.

Der Dampfer wurde erwartet. Auf der Landungsbrücke, die von dem malerischen Rheinstädtchen am linken Ufer sich in das Fluthbett hinein vorschob, stand eine bunte, laute, elegant gekleidete Gesellschaft; trotz der Ueberwürfe, Plaids, Tücher und Shawls, in welche Herren und Damen sich gehüllt, war die festliche Ausstattung aller dieser den verschiedensten Lebensaltern angehörenden Erscheinungen nicht zu verkennen. Und wenn man die gerötheten, erhitzten, lebhaft erregten Gesichter hinzunahm, konnte es nicht lange verborgen bleiben, daß man es mit einer Hochzeitsgesellschaft zu thun hatte; die beiden jungen Leute, welche den Kern der Gruppe bildeten, waren augenscheinlich das junge Ehepaar. Er war ein hübscher wohlgewachsener, ebenso vergnügt als unbedeutend aussehender Blondin mit einer sehr sorgfältigen Kellnerfrisur und sie eine feine, überaus anmuthige, rosig glühende Blondine, die etwas Fremdländisches, etwas von einer zarten englischen Schönheit hatte, ganz auffallend feine, wie mit einem Silberstift auf Elfenbein gezeichnete Züge und eine transparente Klarheit der Haut, wie sie selten ist bei den jungen Mädchen, welche Anspruch darauf machen, die Vertreterinnen der landesüblichen Jugend und Schönheit an dieser Seite Deutschlands zu sein.

Sie steht, trippelt, lacht, lacht mit einem klaren, silbernen Organ, das etwas außerordentlich Wohllautendes und Herzgewinnendes hat, läßt sich bald von dieser, bald von jener der sie umringenden Freundinnen Muhmen und Tanten noch etwas an ihrem Reisehut und Schleier zurechtzupfen, noch etwas an ihren Röcken glätten und ordnen oder einen widerspenstigen vierten Handschuhknopf zur Raison bringen – zur Freude armer harrender Ehemänner, die bei zwei Handschuhknöpfen früher noch keine hinreichende Geduldprobe hatten, schreibt die Mode ja jetzt ihrer vier vor. Und so vergingen die Minuten; das Dampfschiff war da, schlug seinen Bogen und legte sich breit und majestätisch vor die Landungsbrücke, und nun begann, während die Matrosen die Planken auswarfen, ein Abschiednehmen, ein Küssen, ein Umarmen, ein Zurufen letzter Grüße, ein Hinübertragen von elegantem Handgepäck, von riesigen Blumensträußen – es war außerordentlich hübsch anzusehen das Alles; die Schiffspassagiere ließen das junge Ehepaar ein förmliches Spalier passiren, wobei es manches bewundernde „Ah!“, manches unverschämt laute: „Elle est charmante,“ und leiser gesprochene: „pretty little woman“ gab. Der Dampfschiffsconducteur, der mehreren Mitgliedern der Hochzeitsgesellschaft Grüße zugewinkt, empfing das junge Paar mit großer Beflissenheit, und während sich das Schiff nun von seiner Landungsbrücke wieder loslöste, flog hinten am Spiegel die große Festflagge in die Höhe, worauf vom Ufer her mehrere krachende Böllerschüsse salutirten.

Und dann noch lange ein fröhliches Tücherschwenken, Grüßen, Winken; das Schiff verschwand mit den jungen Leuten, die es südwärts, nach der Schweiz, nach Italien führte, und nun verschwand auch die Hochzeitsgesellschaft vom Ufer, um, in einzelne Gruppen aufgelöst, einer großen und schönen modernen „Villa“ zuzustreben, welche neben dem Städtchen lag und durch ihren Flaggenschmuck hinreichend verrieth, daß sie heute der Schauplatz der glänzenden Hochzeitsfeier gewesen.

Dabei hatten sich zwei behäbig aussehende, röthlich angeglühte ältere Herren zusammengefunden, die, sich wechselseitig zu Feuer für ihre erloschenen Cigarren verhelfend, hinter den anderen zurückgeblieben waren und nun sehr lässig hinterdrein wandelten.

„Wie die frische Luft nach der langen Sitzung wohl thut!“ sagte der Eine, der ein wenig asthmatisch zu sein schien und, von Zeit zu Zeit aufathmend, stehen blieb.

„Freilich, Papa Falster, nach solchen Leistungen wie Sie heute Ihren Gästen zugemuthet haben –“

„Ah bah – eine Hochzeit hat man nicht alle Tage –“

„Wahrhaftig nicht eine solche,“ lachte der Andere – „in Giersbach wenigstens nicht; möchte behaupten, daß eine solche da noch nie gefeiert ist –“

„Nun, man hat es ja dazu,“ fiel der asthmatische Herr ein, „und weil ich mich nun einmal mit Franzens wunderlicher Passion völlig ausgesöhnt habe, je mehr ich seine Braut kennen gelernt, hab’ ich’s dann auch der Welt, welche immer ihre boshaften Glossen zu machen liebt, zeigen wollen.“

„Worüber macht die Welt nicht ihre Glossen und absonderlich, wenn sie irgendwo ein wenig Romantik, die sich um die Sache legt, wittert.“

„Nun ja, romantisch war ja Franzens Passion ganz hinreichend. Ein so hübsches, liebes, vertrauensvolles Wesen, das ein gewissenloser Mensch in’s Unglück gestürzt hatte und dessen Lage noch dazu Vater und Bruder ausbeuten wollten, um sich in eine vornehme Verwandtschaft einzudrängen oder vielleicht auch nur um eine schöne runde Entschädigungssumme aus der Sache herauszuschlagen, was ich für das Wahrscheinlichere halte …“

„Das arme Kind! Kann mir denken, daß den gutmüthigen Franz ihre verlassene Lage rührte, daß er sich sterblich verliebte.“

Papa Falster nickte mit dem Kopfe.

„Freilich, freilich,“ sagte er, „daran ist nicht viel Verwunderliches, obwohl der Junge etwas Gescheidteres hätte thun können, als die Heirath mit Gewalt durchzusetzen. Meine Alte spie ja anfangs auch Feuer und Flammen wider die Idee; als der Franz aber seine Auserwählte zu uns brachte und wir sahen, wie hübsch und harmlos sie war, und wir sie plaudern hörten und sahen, wie sie an dem Franz hing – nun ja, da waren wir entwaffnet und ließen den Dingen ihren natürlichen Verlauf. So ist denn heute Hochzeit gewesen, und sie segeln eben in die Flitterwochen hinein. Mögen sie ihnen recht lange vorhalten, die Flitterwochen! Auf Flitterwochen scheint mir diese kleine Lily ganz wunderbar eingerichtet. Was später daraus wird, wenn der Ernst des Lebens in sein Recht tritt und Tage kommen, wo dieses reizende Frauchen mit seinem hübschen Lärvchen ihren Charakter bewähren und schwere Pflichten auf sich nehmen soll, das muß sich dann ja zeigen und geht den Franz an, der nun einmal sie und keine Andere wollte!“

„Das, ja, das geht den Franz an,“ lächelte der Geschäftsfreund von Papa Falster, „und ich denke, man darf’s ihm nicht übelnehmen, wenn er eine hübsche Frau nach seinem Herzen wählte – wenn man mit der Firma ‚Anton Falster und Sohn‘ im Handelsregister steht, kann man sich’s erlauben.“

„Und man muß seiner Kinder Vorsehung nicht spielen wollen,“ antwortete der gutmüthige Herr, der mit der Firma ‚Anton Falster und Sohn‘ im Handelsregister stand, mit einem Seufzer, den ihm wohl nur sein Asthma erpreßte; denn sie schritten jetzt einen ziemlich steilen Weg durch die Gartenanlagen empor, die sich vom Rheinufer bis zu der Villa hinaufzogen.

Das junge Volk der Gesellschaft war unterdeß längst vorauf und oben angekommen. Es füllte bereits wieder die Räume des stattlichen Landhauses – durch offenstehende Balconthüren im ersten Stock sah man die meisten der Gäste schon sich um einen großen Tisch mit einer mächtigen Bowle darauf versammeln. Unten in der Vorhalle aber standen ein halb Dutzend junger Mädchen um einen wunderlichen Herrn mit einem runden Bäuchlein und einem fettglänzenden Gesichte gedrängt; sie hatten ihm nicht Ruhe gelassen, bis er ihnen das schöne Gedicht, mit dem er bei Tisch den Toast auf das Brautpaar ausgebracht – er war so berühmt, der dicke Herr, wegen seiner Toaste, keiner in der ganzen „Pfaffengasse“, der ihm darin gleichkam –, noch einmal zum Besten gab. Hatte er sich heute doch selbst übertroffen: und so stand er jetzt da, und mit einem eigenthümlich wirksamen Auf- [384] und Niederrollen der Stirnfalten versicherte er seinen von liebenswürdiger Begeisterung erglühenden Zuhörerinnen, daß, „was die Welt auch immer vermocht, sie treue Liebe nicht unterjocht, daß über der Wellen und Stürme Wogen sich diese Seelen zugeflogen etc.“, was denn bei den Zuhörerinnen ein ekstatisches Entzücken hervorrief, das nicht eher ein Genüge fand, bis der Dichter jeder Einzelnen eine besonders für sie gefertigte Abschrift des Gedichts versprach.

Und damit verlassen wir Lily und stellen ihre weiteren Schicksale dem lieben Gott anheim. Wird er sie doch auch ferner noch ernähren, wie eine seiner Lilien auf dem Felde, obwohl sie nicht spinnen und nicht arbeiten; denn auch von Lily ist anzunehmen, daß sie in Zukunft als „höhere Natur“ nur mit dem zahlen wird, was sie ist, und sich mit dem Ruhme begnügen wird, eines jener bevorzugten Wesen dargestellt zu haben, welche veraltete Lebensprincipien gering schätzen, eines jener Wesen, die unser fortgeschrittenes Jahrhundert oben auf die schwindelnd hohe Pyramide seiner Bildung als zierendes Büschel und grünen Maienzweig gesteckt hat: das moderne Kind. –

Dieselbe Sonne, welche zur Feier von Lily’s Hochzeitstage so gefällig das Rheinthal illuminirt hatte, schien übrigens ganz um die nämliche Stunde jetzt ebenso hell in die melancholischen Räume des gräflich Gollheim’schen Hotels in unserer Residenzstadt, aber hier war die Wärme, welche sie ausstrahlte, schon um so viel geringer, daß im Wohnzimmer Regina ein tüchtiges hellflackerndes Kaminfeuer hatte entzünden lassen, vor dem jetzt ihr Bruder Ludwig in einem niederen Sessel ausgestreckt ruhte und sich müßig die Füße wärmte. Regina saß rückwärts von ihm am Fenster und benutzte das hereinscheinende abendliche Sonnenlicht für die feine Stickerei-Arbeit, mit der sie sich eifrig beschäftigte.

Ludwig war seit vielen Wochen wieder im Vaterhause. Als er durch briefliche Mittheilungen Regina’s Kunde von der Wendung erhalten, welche die Dinge daheim genommen, war er von seiner Alpenwanderung zurückgekehrt und hatte seinen Frieden mit seinem Vater gemacht: er hatte bereitwillig in Alles eingestimmt, was die Scheidung seiner Ehe mit Lily, welche Doctor Gruber vor dem Gericht betrieb, beschleunigen konnte. Was er innerlich dabei empfand, was er im Stillen dabei in sich verarbeitete, das gelang Regina erst nach und nach zu durchschauen. Erst nach und nach ließ er sie auf den Grund seines Herzens blicken, obwohl er es offenbar liebte, in ihrer Gesellschaft zu sein, und das stete Bedürfnis verrieth, in allen Tagesvorkommnissen und Angelegenheiten sich mit ihr in Uebereinstimmung zu fühlen. Er saß heute lässig vor dem Kaminfeuer ausgestreckt und rauchte langsam eine Cigarette nach der andern. Nachdem er lange nachdenklich in die Flammen geschaut, sagte er:

„Das Beste ist, daß der Mensch klüger wird durch seine Erfahrungen, Regina. Wenn ich nicht so schrecklich klug geworden wäre durch die Entdeckung, was eigentlich diese kleine Grasmücke werth war, würde ich längst auf dem Wege sein, um den Burschen, der sie entführt hat, zu fordern und ihm womöglich eine Kugel vor den albernen Kopf zu schießen.[WS 2] Wäre mir’s eigentlich selber schuldig gewesen – solch ein Beispiel von Courage, nachdem ich der Welt ein – kann mir’s ja denken, wie man darüber glossirt hat – ein Beispiel von … sagen wir: von auffallender Friedensliebe gegeben.“

„Ich bitte Dich,“ fiel Regina ein, überrascht, ihn auf diesem Gedankengange zu ertappen; „Du denkst hoffentlich nicht daran, der jungen Dame auch noch ein tragisches Lüstre zu geben?“

„Nein, ich denke in der That nicht daran; die Welt wird sich, ohne diesen obligaten Couragebeweis von mir zu erhalten, weiter helfen müssen. Ein tragisches Lüstre? Für Lily? Nein – es paßt wahrhaftig nicht für sie – wäre schade, wenn sie Schwarz tragen müßte – ist nur auf helle Stoffe, luftige Farben eingerichtet, das ganze Figürchen und das ganze Seelchen!“

Regina erhob die Augen zu ihrem Bruder, um in seinen Zügen zu lesen. Sie hörte durch seine anscheinend so ruhige Stimme doch die tiefe Bitterkeit zittern.

„Bin überhaupt nicht für’s Tragische, Regina,“ fuhr Ludwig jetzt fort. „Als die Sache tragisch wurde, rettete ich mich – wahrhaftig nicht aus Feigheit, sondern aus Abscheu vor aller Tragik. Stelle Dir vor, welche Scenen uns, wenn ich geblieben, erblüht wären: auf der einen Seite dieser brutale Mensch von einem Roßarzt und auf der andern dieser zornige, harte gräsliche Herr Vater, der Eine dreinschlagend und Sturm laufend, um seiner Tochter Recht, und der Andere wie ein Löwe kämpfend um die Zukunft seines Sohnes, um die Glorie seiner jungen Gräflichkeit! Stelle Dir das vor! Hättest Du Lust gehabt, als ihr Kampfobject zwischen ihnen in der Mitte zu stehen? Zwischen diesen harten Mühlsteinen Dich wie ein weiches Korn zu Mehl, zu Staub zerreiben zu lassen? Nein, lieber auf und davon in die Weite, in den Frieden, in die Freiheit –“

„Nun ja, die Freiheit hast Du ja auch errungen, bald und gründlich!“ sagte Regina mit einem leisen Seufzer.

„Die Freiheit – ja,“ wiederholte Ludwig mit einem trübsinnigen Lächeln. „Ich weiß nur nicht, ob das ein befriedigender Schluß für eine Herzensgeschichte ist; ich fürchte, nicht ganz, Regina! Du kannst ja darüber mitreden. Wie denkst Du – die Du Dich auch mit dieser Freiheit trösten mußt – darüber?“

„Ich?“ fragte Regina zögernd zurück. „Was soll ich Dir darauf antworten? Ich bin nicht so frei, wie Du glaubst.“

„Nicht frei? Du, Regina?“

„Nein. Aurel wird ein Jahr lang jenseits des Meeres bleiben, bis sein Vater sich dort in irgend einer neuen Lage zurecht gefunden. Dann wird Aurel zurückkehren. Er hat es dem Herzog versprochen. Und dann werde ich die Seine werden.“

„Das hast Du ihm versprochen?“

„Ja! Bevor er schied, habe ich es ihm versprochen!“[WS 3]

„Du könntest mir nichts Besseres ankündigen, Regina,“ rief Ludwig aufspringend und ihr die Hand hinstreckend aus. „Wahrhaftig, hast Du alsdann noch mit dem Vater zu kämpfen, so sollst Du sehen, daß Dein Bruder nicht – ein Feigling ist.“




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ein
  2. Vorlage: schließen
  3. Vorlage: schließendes Anführungszeichen fehlt